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Erinnerungen einer Überflüssigen

Lena Christ: Erinnerungen einer Überflüssigen - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleErinnerungen einer Überflüssigen
authorLena Christ
year1992
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-10811-8
titleErinnerungen einer Überflüssigen
pages3-233
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1912
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Währenddessen hatte ich in der Küche einen schweren Stand mit drei Bäckerburschen, die alle leidenschaftlich in mich verliebt waren. Der eine brachte uns täglich vier Markwecken und mir ein Blumensträußlein; der zweite hatte Bretzen und Salzstangeln in seinem Korb und unter seiner aufgerollten Bäckerschürze einen extra für mich gebackenen Zopf oder eine riesige Zuckerbretzl. Der dritte aber, der uns die Semmeln und das übrige Weißbrot brachte, schrieb mir jeden Abend eine Ansichtskarte und wartete am Morgen bei mir in der Küche stets so lange, bis der Postbote mit der Karte kam. Mit beredten Worten schilderte er mir währenddessen die Schönheit derselben: »Freiln Leni, heut werdn S' schaugn! Heut kriagn S' a Prachtstück von a ra Künstlerkartn! Sehgn S', für Eahna tu i alles; da reut mi koa Geld! Dö heutige Kartn kost fufzehn Pfenning; aba wenn s' a Zwanzgerl kost hätt, hätt i s' aa kaaft!«

»Je, eahm schaugt's o!« rief da der Bursche, welcher die Markwecken brachte. »Dös kannt aa no was sei! Meine Veigerl ham a Zwanzgerl kost und dö Rosen, wo i da Freiln Leni gestern verehrt hab, fünfazwanzg Pfenning!«

»So und i nacha, bin i da Garneamand?« schrie jetzt der Bretzlbeck. »Denk i net vielleicht sogar bei der Nacht ans Freiln Lenerl, indem i ihr die feinsten Bretzn bach?«

»Zu dene wo'st an Toag z'erscht stehln muaßt!« riefen da die andern, und im Nu entspann sich ein heißer Kampf um den Vorrang bei mir, der sich bis auf die Straße fortsetzte. Ich aber sah ihnen lachend zu und verzehrte gemächlich die Bretzl zu meinem Kaffee, steckte das Veigerl an die Brust und legte die Künstlerkarte in eine alte Zigarrenkiste zu den andern. Doch versäumte ich nicht, meine Erfolge dem Milchmädchen, das uns täglich den Kaffeerahm und die Knödlmilch brachte, zu weisen: »Da schaug her, Rosl, die Präsenter, die i heut scho wieder kriagt hab von dö Becka!« worauf sie ingrimmig und bissig erwiderte: »Dös is koa Kunststückl, wenn ma si so herrichtn ko wie du! I muß mit meine Millikübel rumlaafa und du stehst im Spitznschürzerl vor dein Herd!«

Und tiefgekränkt ging sie; denn nicht mit Unrecht hatte sie über mich zu klagen: während der Zeit, die ich im Kloster zugebracht, hatte sie fest über die drei Bäckerherzen regiert, und nun, da ich wieder daheim war, wollte keiner mehr von ihr was wissen, obgleich sie ein sehr hübsches, dunkelhaariges Mädchen von einnehmender Figur und recht munter war.

Mittlerweile war es fast acht Uhr geworden, und ich richtete nun die Schenke, zählte die Bierzeichen für die Kellnerin und zapfte an. Währenddessen kam die Mutter aus der Wohnung und der Vater aus dem Schlachthaus und bald füllte sich das Lokal mit Gästen. Es waren fast lauter Arbeiter: Maurer, Steinmetzen, Schlosser, Schreiner, Drechsler und zuweilen auch Pflasterer oder Kanalarbeiter. In der Küche aber standen die, welche für die in der Nähe liegenden Fabriken die Brotzeit holten; denn zu unserer Kundschaft gehörte auch eine Bleistift-, eine Möbel-, eine Sarg-, eine Bettfedern- und eine Schuhfabrik. Nun hieß es flink die Lungen- und Voressenhaferln füllen, Kreuzerwürstl abzählen, Weißwürste brühen und Hausbrot schneiden; zuweilen auch die Schenkkellnerin machen, indes der Vater im Schlachthaus noch Milzwürste oder, wie man sie bei uns nannte, umgekehrte Bauernschwänze, sowie Leber- und Blutwürste, Leberkäs und Schwartenmagen machte. Hie und da kam es auch vor, daß wir ohne Kellnerin waren; wenn nämlich die Mutter gar zu heftig und eindringlich auf Pflichterfüllung gedrungen hatte, worauf dann das Mädchen davonlief. Da mußte ich denn wieder wie früher die Gäste bedienen und auch die übrigen Arbeiten der Kellnerin verrichten.

Gewöhnlich aber blieb ich am Vormittag in der Küche, während die Mutter sich im Lokal mit den Gästen unterhielt, ihre drei bis vier Weißwürste aß und etliche Krügl Bier trank; denn der Vater war häufig vormittags am Schlacht- oder Viehhof oder in der Stadt. Von Zeit zu Zeit kam dann die Mutter zu mir in die Küche und kostete die Speisen, befahl dies oder tadelte jenes und gab mir auch manche Ohrfeige, wenn ich etwas versäumt oder nicht recht gemacht hatte. So kam sie auch einmal dazu, als ich eben den Teig zu den Leberknödeln, deren wir jeden Mittwoch an die zweihundert bereiteten, fertig hatte und nun daraus die Knödel formte und auf ein langes Brett reihte.

»Halt, laß mi z'erscht schaugn, ob er recht is, der Toag!« rief die Mutter und tippte mit dem Finger in die Teigmulde. »Was hast denn jatz da für a Zeug z'sammgmacht! Sigst net, daß der Toag no net fest gnua is, du Hackstock, du damischer!«

Und kaum hatte sie dies gesagt, flogen mir auch schon ein paar von den Leberknödeln an den Kopf, daß mir der Teig im Gesicht und an den Haaren klebte.

»So, vielleicht lernst es jatz eher, du G'stell, du saudumms!«

Darauf ging sie wieder, laut schimpfend, in die Stube und erzählte den Gästen von meiner Unbrauchbarkeit: »Hintreschlagn kannt'st es, dös himmellange Frauenzimmer! Zu nix kannst es brauchn wie zum Fressn!«

Solche Auftritte verleideten mir freilich bald die Freude am Küchenwesen und ich war froh, wenn der Vater einmal daheim blieb. Da kochte dann die Mutter selbst und ich mußte in die Schenke und zu den Gästen, sie zu unterhalten.

So ungern ich mich anfänglich wieder unter den Leuten bewegt hatte, denn im Kloster war ich ganz leutscheu geworden, so gewöhnte ich mich doch bald wieder an sie, und es währte nicht lange, da war ich das lustigste Mädel, machte jeden anständigen Scherz mit und unterhielt ganze Tische voll Gäste.

Die besseren unter ihnen hatten sich, ebenso wie die Stammgäste, zu Tischgesellschaften vereinigt; die eine hieß Eichenlaub, die andere die Arbeitsscheuen. Zur Gesellschaft Eichenlaub hatten sich die Postler und Eisenbahner zusammengetan und erkoren mich zur Vereinsjungfrau; die Arbeitsscheuen aber, deren Mitglieder lauter gute Bürger und Geschäftsleute waren, wollten nicht hinter ihnen zurückbleiben, und so ernannten sie mich zu ihrer Ehrendame, und ich empfing das Ehrenzeichen des Vereins. Es war dies ein wappenartig geschnitztes Holztäfelchen, darauf ein Bursch gemalt war mit dem Verslein darunter: »Auweh, mei Fuaß, wenn i arbatn muaß!«

Bei der Überreichung desselben hielt der Vorstand, ein Flecklschuhfabrikant, eine Rede, worin er viel von der Ehre sprach und von einer schönen Vertreterin des zarten Geschlechts und daß man sich glücklich schätze.

Während dieser Rede hatten die Arbeitsscheuen einen Kreis um mich gebildet, und nun wurde ich von etlichen samt meinem Stuhl, auf dem ich saß, emporgehoben und unter lautem Hoch und Juhu und dem Klang der Zither und Gitarre durchs Zimmer getragen. Danach begann ein großes Saufen, und die fidelen Zecher vergaßen darüber ihre Hausfrauen samt dem Mittagessen, bis einer nach dem andern von der gestrengen Ehehälfte geholt wurde. Da war mit einemmal die ganze Lustbarkeit und aller Scherz vorbei und geknickt und ängstlich schlich ein jeder heim, gefolgt von der erzürnten Gattin, die hintendrein keifte: »Lump miserabliger, ko'st net hoamgeh, wenn's Zeit is! Dö ganzn Griasnockerl san z'sammgsessn! Guate Lust hab i, i schmeiß dir s' alle an Kopf, du bsuffas Wagscheitl!«

Doch am nächsten Tag war wieder alles vergessen und gemütlich saß die Gesellschaft am Stammtisch und unterhielt sich aufs beste, bis von der nahen Kirche das Mittagläuten ertönte. Da gedachte ein jeder seines Eheweibs und ging heim.

Auch ich mußte wieder in die Küche und Teller und Schüsseln für die Gäste zurichten. Dann kam die Kellnerin und fragte: »Was gibt's heut z'essn für d'Leut?« worauf die Mutter mit ihrer metallenen Stimme erwiderte: »An Nierenbra'n, Brustbra'n, Schlegl in da Rahmsoß, an Schweinsbra'n und a unterwachsens Ochsenfleisch mit Koirabi (Kohlrabi), an Kartoffisalat, an grean und rote Ruabn; heut trifft d'Andivisuppn!« Als die Kellnerin sich schon zum Gehen anschickte, rief die Mutter noch rasch: »A Biflamott (boeuf a la mode) mit Knödl ham mar aa!«

Um dreiviertel zwölf Uhr kamen die Gäste, und nun begann ein Bestellen vom Zimmer aus, ein Schreien, Geschirrklappern und ein Geklopfe mit dem Fleischschlegel, daß einem die Ohren surrten.

»Frau Zirngibi, zwoa Schweinsbratn san no aus!«schallte es aus der Gaststube und im Nu echoten drei Stimmen in der Küche: »Zwoa Schweinsbra'n kriagt s'no!«

»Dö werds dawartn könna! Darenna wer' i mi net z'braucha!«

»Kathi, Koirabi san gar!« rief das Küchenmädchen jetzt in die Stube.

»Kriag i dö zu dem Fleisch aa nimma?«

»Sakrament, wenns amal hoaßt, gar sans, na sans gar!« schrie da die Mutter und fuhr in einem Atem, jedoch in ganz anderem Ton fort: »Geh, Kathi, schaugn S', daß S' a Biflamott weiterbringen; dös verkocht ma sonst zu lauter Soß!«

War dann das größte Geschäft vorbei, dann wischte sich die Mutter mit der Leinenschürze den Schweiß von der Stirn und sagte: »Dös war dir a Rumpel gwen! Leni, hol ma nur glei a Halbe Bier!« Und schnell trank sie wieder ein paar Krügl.

Nun mußte ich dem Vater in der Schenke helfen. Der hatte inzwischen einen Hektoliter Bier ausgeschenkt und, damit er schneller fertig würde, mit der Kreide Strichlein an die Rückwand des großen Schenkbüfetts gemacht, statt Zeichen zu nehmen. Nun mußte ich diese Strichlein zusammenzählen und dann die Bierzeichen ordnen. Danach rechnete ich mit der Kellnerin ab, half ihr das Geschirr von den Tischen räumen und brachte dann dem Vater und den Stiefbrüdern, die jetzt in die Lateinschule gingen, das Essen, nachdem ich den sogenannten Ofentisch gedeckt hatte. Nun kam auch die Mutter in die Stube, und es machte mir täglich aufs neue Eindruck, wenn die große, massige Frau unter die Gäste trat, die schmutzige Leinenschürze zurückschlagend und mit leichtem, fast automatenhaftem Kopfnicken grüßend: »'s Got! 'n Tag! Hab die Ehre, meine Herrn!«

Dann setzte sie sich zum Vater und unterhielt sich mit ihm, wenn sie gut gelaunt war. Einmal aber kam sie nicht in die Stube. Da hatte der Vater auf dem Markt ein Schwein gekauft, dessen Fleisch fischig schmeckte, und verschiedene Gäste hatten das Essen zurückgeschickt. An diesem Tage rief die Mutter nur dem Vater in die Schenke: »Josef, da geh rrauß!«

Als der Vater in der Küche war, begann sie laut zu schreien und zu schimpfen: »Bist du aa r a Wirt! A Schand is, so a Fleisch herz'gebn! Friß's nur selber die ganze Sau, du Depp!«

Da hörte ich zum erstenmal, seit ich den Vater kannte, ihn zornig mit der Mutter streiten, und dumpf grollend erscholl seine Rede: »Red ma net so saudumm daher, du narrischs Weibsbild! Dös ko passiern, daß ma r a fischige Sau derwischt. Du brauchst es ja net z'essn, also haltst dei Maul, sonst...«

Das letzte brummte er für sich und trat darauf wieder in das Gastzimmer und tat, als sei nichts geschehen. Am Nachmittag aber ging er fort und kam erst abends mit einem großen Weinrausch nach Haus; doch die Mutter sagte kein Wort mehr zu ihm.

Sonst gingen die Eltern nachmittags entweder beide ins Kaffeehaus oder legten sich schlafen. Da mußte ich dann ganz allein das Geschäft und die Schenke versorgen, was mir stets eine große Freude bereitete, da ich sehr ehrgeizig war. Ich setzte mich in die Ofenecke und hielt nun erst meine Mittagsmahlzeit; denn zuvor hatte ich nicht Lust noch Zeit gehabt zum Essen und schenkte es, wenn die Mutter wirklich schon etwas für mich hergerichtet hatte, immer einem armen Burschen, der sich nichts kaufen konnte, dem Schusterhans.

Da saß ich nun bei meinem Bierkrüglein und aß dazu meine fünf bis sechs Kaisersemmeln und eine kalte Wurst und las die Zeitungen; denn zwischen zwei und drei Uhr war das Geschäft ganz ruhig und auch das Zimmer von Gästen leer. Höchstens kamen etliche, die Waren brachten und dabei rasch eine Halbe tranken. Um drei Uhr zur Brotzeit aber war es wieder so lebhaft wie am Morgen, doch ich wurde leicht fertig und konnte mich bald wieder zu den Gästen setzen. Nun wurde Karten gespielt oder gesungen und es war recht fidel. Um vier Uhr aber war wieder alles still im Lokal; nur einige fremde Gäste kehrten im Vorbeigehen ein.

Doch gab es für mich noch mancherlei zu tun bis um fünf Uhr, wo der Vater wiederkam. Ich schnitt Knödlbrot oder Voressen und Lunge, rieb Semmelbrösel oder putzte Spielkarten mit Benzin. Auch kam um diese Zeit gewöhnlich der Häute- und Fellhändler, ein alter, schmieriger Jude, der einen fürchterlichen Geruch um sich verbreitete. Mit dem mußte ich in das Schlachthaus hinuntergehen, wo in einer Kiste die Kalbfelle lagen. Diese wog er, und ich mußte genau acht haben, daß er nicht schwindelte; auch beim Ausrechnen des Preises, den er dafür bezahlte, hatte ich recht aufzupassen. Einmal gelang es ihm aber doch, mich zu prellen. Er zahlte mit einem Hundertmarkschein und ich gab ihm heraus, und als er das Geld nachgezählt hatte, behauptete er, zehn Mark zu wenig bekommen zu haben; und obwohl ich gewiß wußte, was ich ihm gegeben hatte, bestand er doch auf seinem Recht. Als die Mutter dies hörte, glaubte sie mir nicht, daß ich von dem Juden geprellt worden sei, sondern sagte: »Dös hast höchstens auf d'Seitn g'räumt und denkst, der Vater büßt's scho; aber da brennst di! Dös kannst scho selber draufzahln von deine Trinkgelder!« Und ich mußte wirklich die zehn Mark nachmals, als ich im Dienst bei fremden Leuten war, von meinem Lohn ersetzen.

Brachte jemand Wein oder Most, so mußte ich auch mitgehen in den Weinkeller; denn die Eltern vertrauten den Dienstboten den Schlüssel dazu nicht an, weil ein sehr großer Wert in den Weinvorräten steckte. So brachte uns auch einmal ein Bursch aus einer Kelterei etwa fünfzig Flaschen Apfelwein. Als ich mit ihm in dem vermauerten, dunklen Keller war und beim Schein einer Kerze den Apfelwein in eine Stellage zählte, löschte der Unhold mir plötzlich das Licht, packte mich rücklings, riß mir den Rock in die Höhe und wollte mich vergewaltigen. Trotz meines Schrecks kehrte ich mich rasch um und fuhr ihm mit allen Fingernägeln über das Gesicht, ergriff die nächstbeste volle Flasche und schlug sie ihm so um den Kopf, daß sie in Scherben ging. Alles das tat ich in einem Augenblick und ohne einen Laut von mir zu geben. Scheinbar ruhig trat ich nun aus dem Keller und rief ihm zu: »So, jetz machst, daß d'verschwindst, du Hund! Sonst sperr i di da rei, bis i d'Schandarm g'holt hab; na konnst schaugn, wie's dir geht, du Haderlump, du elendiger! Und jetz druckst di und laßt di ja nimma blicka! Dei Herr werd sei Geld scho kriagn!«

Ich hatte zwar schon Angst, er könnte mich in der Wut noch einmal anpacken; doch ging er ohne einen Laut, nahm auf der Straße seinen Karren und fuhr mit dem übel zugerichteten Gesicht davon. Gesehen habe ich ihn nie mehr.

Überhaupt hatte ich manchmal meine Fäuste nötig; teils, mich der eigenen Haut zu wehren, teils, Streitende auseinanderzutreiben.

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