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Erinnerungen einer Überflüssigen

Lena Christ: Erinnerungen einer Überflüssigen - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleErinnerungen einer Überflüssigen
authorLena Christ
year1992
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-10811-8
titleErinnerungen einer Überflüssigen
pages3-233
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1912
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Nach dem Bade führte meine Hüterin mich in die Garderobe, wo ich meine klösterliche Uniform erhielt. Danach gingen wir zu Tisch, und jetzt war ich eigentlich erst als Kandidatin anerkannt. Ich trug ein blaugestreiftes Kattunkleid, eine schwarze Schürze, ein schwarzes Schulterkräglein und um den Hals eine gestärkte Batistschleife.

Vor dem Essen befahlen wir unsere Sinne dem göttlichen Meister, indem wir beteten: »Barmherzigster Herr Jesu Christe, gestatte, daß ich jetzt diese Mahlzeit einnehme, aus Gehorsam, um meine Gesundheit zu stärken und mir neue Kräfte zu sammeln. Bewahre mich vor aller Sinnlichkeit und gib mir die Gnade, daß ich nicht ohne Überwindung von dieser Mahlzeit aufstehe.«

Doch hätte es eigentlich dieses Gebetes kaum bedurft, da der Speisezettel nicht danach angetan war, den Gaumen zu reizen, so daß es schon großer Überwindung bedurfte, gehorsam zu sein und zu essen. Die älteren Kandidatinnen freilich fügten dieser Überwindung noch andere hinzu, indem sie kein Salz nahmen, kein Wasser tranken, kein Brot aßen und anderes mehr.

Ich selbst konnte mich nur sehr schwer an die Kost gewöhnen; denn erstlich wurden alle Gerichte mit Dampf gekocht, und dann kamen wir in bezug auf die Qualität erst an dritter oder vierter Stelle: das Fleisch und frische Gemüse erhielten die Schwestern, was davon übrig blieb, die Jungfrauen; wir bekamen das Fett mit Kraut, Kartoffelbrei oder Salat. Was wir übrig ließen, wurde dann den Pfleglingen mit einer Brennsuppe verabreicht. Zwar gab es in der Küche auch Geflügel und Fische; doch das war für die Oberen, die Geistlichkeit und bessere Gäste bestimmt. Am übelsten aber bekamen mir die sogenannten Kässpatzen, eine zähe Wasserteigmasse, in der eine Menge Zwiebeln staken. Doch ging es allen Neulingen so, so daß sich nicht selten die eine oder andere erbrechen mußte, was hingegen kein Grund war, mit dem Essen aufzuhören.

Während der Mahlzeit hielt stets eine ältere Kandidatin eine erbauliche Tischlesung, meist Legenden aus dem Leben heiliger Personen, die durch Fasten und Abtöten eine hohe Stufe der Heiligkeit erklommen hatten.

Nach Tisch ordnete man sich in Paaren und begab sich in die Kapelle, damit, nachdem der Leib seine Nahrung erhalten, auch die Seele ihr Teil bekäme durch den Akt der geistlichen Kommunion.

Ich war nach dieser Andachtsübung, die mit dem Abbeten des Rosenkranzes mit ausgebreiteten Armen beschlossen wurde, so müde, daß ich beinahe im Gehen einschlief. Da traten wir plötzlich in einen großen Saal. Darinnen saß eine junge Nonne mit gewinnendem, freundlichem Blick in den kindlichen Zügen am Flügel, während neben ihr ein junges Mädchen einen Stoß Liederbüchlein im Arm hielt und am Tisch verstreut mehrere Oratorien und Messen lagen.

Die Nonne stand auf, und nachdem ein kurzes Stundengebet verrichtet worden, begann die Gesangstunde, wobei ich sah, daß hier die Musik sehr gepflegt wurde; denn die Stimmen waren gut geschult und das Spiel der Schwester meisterlich. Sie präludierte erst ein wenig und spielte dann etliche Variationen des zu behandelnden Liedes. Endlich gab sie das Zeichen zum Einsatz, und nun hallte der Saal wieder von den Tönen einer herrlichen altitalienischen Messe.

Als die Sängerinnen eine längere Pause machten, bat ich die Schwester, sie möge mich mitsingen lassen, was sie ziemlich verwundert gestattete. Nun war mit einem Male meine ganze Müdigkeit dahin, und ich sang so zu ihrer Zufriedenheit, daß sie mich erstaunt fragte, wo ich Unterricht gehabt hätte. Ich antwortete ihr, daß ich am Kirchenchor gesungen hätte und auch schon längere Zeit im Klavierspiel unterwiesen worden sei. Hocherfreut rief sie, als sie dies vernommen: »Liebs Jesusle, hab Dank! Jetzt bekomm ich eine Musikkandidatin!« Und sofort eilte sie zum Superior, ihn zu bitten, daß er mich ihr überweise.

Dies geschah noch am nämlichen Tage, und nun begann für mich eine glückliche Zeit. Ich machte rasch Fortschritte im Klavierspiel, und als ich dann auch im Violinspiel über die ersten Anfänge hinaus war, taten sich vor mir immer wieder neue Wunder auf, und ich schien mir in eine andere Welt versetzt. Meine Freude über diese gute Wendung der Dinge zeigte ich meiner Lehrerin durch großen Eifer und möglichste Genauigkeit im Arbeiten.

Hatte ich schon vorher unter den Lehramtsjüngerinnen einige heftige Widersacherinnen gefunden, so mehrte sich jetzt ihre Zahl; um so mehr, als Schwester Cäcilia mich sehr lieb gewann und wir bald gute Freunde wurden.

So kam es, daß ich in kurzer Zeit einer der sogenannten Sündenböcke der Kandidatur war; denn je öfter meine Lehrerin mir sagte, daß ich brauchbar und ihr fast unentbehrlich sei, desto öfter suchte man mich auf der anderen Seite durch Wort und Tat zu überzeugen, daß ich ein eingebildetes, dummes Mädel sei, das leicht zu ersetzen wäre.

Es dauerte nicht lange und die Obern des Klosters erfuhren diese Dinge.

Also ward ich von der Präfektin der Kandidatur, Schwester Archangela, einer alten, strengen Nonne mit harten Zügen, tiefliegenden grauen Augen und einer großen Hakennase, auf der eine goldene Brille saß, zu der Oberin geführt, damit man mir zeige, was einem so eitlen, schlimmen Mädchen gebühre.

Als ich vor der vornehmen, gütigen Frau, die einem alten, französischen Adelsgeschlecht entstammte, stand, fragte sie mich, was ich verbrochen habe; denn man hielt viel auf ein freimütiges Bekenntnis seiner Vergehen.

Ich antwortete: »Würdigste Mutter, man beschuldigt mich, daß ich mich in bezug auf meine Leistungen überhebe und gegen meine Vorgesetzten und Mitschwestern unhöflich und herausfordernd sei; doch fühle ich mich nicht schuldig und bitte Sie, würdigste Mutter, meine Lehrerin und Mitschwestern darüber vernehmen zu wollen.«

Ohne ein Wort der Erwiderung, nur einige Male mit dem Kopf nickend, faßte mich die Oberin an der Schulter und führte mich in das Vorzimmer des Herrn Superiors, wo ich warten mußte, bis sie mit ihm die Sache besprochen hatte.

Als sie wieder heraustrat, blickte ich ihr fest und mit großen Augen ins Gesicht; doch konnte ich aus ihren Zügen nicht entnehmen, ob man mir Glauben geschenkt hatte. Sie sagte nur ernst zu mir: »Sprich ehrlich mit unserm Vater, Magdalena; er will nur dein Bestes!«

Ich trat also vor ihn hin und auf seine Frage: »Was hast du vorzubringen?« trug ich ihm den Hergang der Sache so vor, wie ich ihn der Oberin geschildert hatte.

Da ließ er meine Lehrerin, Schwester Cäcilia, zu sich kommen, und sie mußte nun über mich berichten.

Als der Superior nur Gutes hörte, meinte er: »Seltsam, höchst seltsam! Kind, wenn du wirklich brav warst, so bleib's, wenn nicht, so werd's!«

Damit waren wir entlassen, und erleichtert trat ich mit der Schwester wieder auf den dunklen Gang hinaus.

Auf dem Weg zum Musiksaal faßte ich ganz plötzlich in einer Aufwallung warmen Dankgefühls ihre Hand und küßte sie wiederholt. Lächelnd entzog sie mir dieselbe, indem sie sagte: »Laß doch die dumme Hand! Sie gehört ja gar nimmer mir, sondern dem heiligen Josef!«

Da meinte ich: »Aber der Mund g'hört schon noch Ihnen, gelt, Schwester?«

»Ja, zum Beten und Singen und...«

»Und daß ich schnell ein andächtige Busserl draufgib, Schwester!« rief ich dazwischen, und ehe sie sich dessen versah, hatte ich sie geküßt.

Ganz erschrocken schob sie sich den Schleier zurecht und zupfte an ihrem Habit herum; doch sagte sie nichts und schalt mich auch nicht, wie ich befürchtet.

Als wir in den Saal traten, sah ich unter ihrem Schleier über dem rechten Ohr einen Wusch goldroten Haars hervorlugen; ich sagte es ihr, und da rief sie mit komischem Entsetzen: »Was sagst, die Welt guckt raus? Ob ihr gleich z'rück wollt, ihr fuchsigen Locken!« Und eiligst strich sie sie einige Male unter dem Häubchen zurück.

Seit diesem Tag waren wir die besten Freunde, und sie sagte mir im Vertrauen, daß eben unser herzliches Verhältnis zu einander den eigentlichen Anlaß zu dem Zwist gegeben hätte, daß sie mich aber, solange es den Obern recht sei, sehr lieb haben wolle. Ich solle nur mit allen freundlich und besonders gegen eine alte, von der Präfektin wegen ihres Reichtums, den sie dem Kloster geschenkt hatte, sehr begünstigte Musikkandidatin recht höflich und zuvorkommend sein.

Erst war ich über diesen Rat sehr verwundert; bald aber erkannte ich selbst, daß meines Bleibens in diesem Hause nur dann sein könne, wenn ich, wie man sagt, mit den Wölfen heulte, obschon mir jede Art von Scheinheiligkeit zuwider war.

Schwester Cäcilia mochte wohl auch erst nach langem Kampf zu dieser Anschauung gekommen sein; denn sie war im übrigen so freimütig und offen, daß sie einen absoluten Gegensatz zu den andern Nonnen bildete.

Dieser offene Charakter war übrigens auch ihren Familienangehörigen eigen. Ihr Vater, der Schullehrer in dem Ort war und im Kloster den Kandidatinnen und Lehrschwestern Unterricht im Geigen- und Cellospiel gab, darin er selbst ein Meister war, hatte wegen seiner geraden Art viele Feinde. Er hielt sehr auf ein furchtloses, freies Wesen und haßte die kriechende Unterwürfigkeit, die sich unter den Nonnen so gern breit macht und meistens der Deckmantel für Ränke und Heimtücke wird. Kam er zu uns, so begrüßte er erst seine Tochter mit den Worten: »Guta Tag, Cilli! Magscht's Tagblättla lesa?« Und damit zog er das Blatt aus der Tasche, obwohl es eigentlich verboten war, Zeitungen zu lesen. Dann sagte er, zu uns gewendet: »So, meine Damen, ka' i afanga? Ischt's g'fällig?«

Während des Unterrichts trieb er viel Kurzweil mit uns, so daß es mir oft schien, als sei ich nicht in einem Kloster, sondern bei einem alten Bekannten zu Besuch.

So war denn mein Leben ein ganz angenehmes geworden, und ich ertrug die Bosheiten der Mißgünstigen um so leichter, als ich nicht die einzige Gehaßte und Verfolgte war. Es waren vielmehr eine Reihe jüngerer Mädchen von den Günstlingen der Präfektin dieser als bösartige, ränkesüchtige Personen geschildert worden, weshalb es täglich bei der morgendlichen Betrachtung Strafen und Bußen regnete.

So schüttete die Präfektin eines Morgens ihren heiligen Zorn über einige unglückliche Mädchen aus, die ihre Waschtoilette nicht rein gehalten und die Schuhe im Schlafsaal nicht aufgeräumt hatten. Sie wurden damit bestraft, daß die eine die Schuhe an einer Schnur über die Schulter gehängt bekam, während der andern ein Zettel an die Brust geheftet wurde, des Inhalts: »So wird die Schlamperei bestraft.«

Einem andern Mädchen, das eine Notlüge gebraucht hatte, wurde ein roter Flanellappen in Form einer Zunge an den Rücken gesteckt, und eine dritte, die mit einem Pflegling gesprochen hatte, wurde, da dies streng verboten war, in Acht und Bann erklärt, das heißt, es wurde ihr das schwarze Schulterkräglein, das Abzeichen der Kandidatur, auf die Dauer eines Monats entzogen und allen übrigen aufs strengste verboten, mit der Unglücklichen während dieser Zeit zu sprechen.

Solchen Befehlen wurde von allen blindlings Folge geleistet; denn die Präfektin stand im Geruche großer Heiligkeit, und man erzählte sich im geheimen, daß sie sich oft des Nachts geißle und kasteie: man habe manchmal, wenn man zur nächtlichen Betstunde in die Kapelle ging, deutlich aus ihrer Zelle das Klatschen der Geißelhiebe und inbrünstiges Seufzen und Rufen vernommen. Auch sei sie wiederholt mit der Erscheinung ihres himmlischen Bräutigams beglückt worden.

An manchen Tagen schien sie auch wirklich zu leuchten und rief während der geistlichen Lesung wiederholt aus: »Kinder, lernet Jesum lieben! Wie süß ist die Liebe zu ihm!« Zugleich mit dem Amte einer Präfektin war ihr auch das einer Novizenmeisterin zuteil geworden, und so lernten die jungen Nonnen gar bald diese Liebesbezeigungen gegen ihren göttlichen Meister und übten solche mit heroischem Eifer. Stundenlang konnte man oft Novizinnen vor dem Tabernakel knien sehen, die Arme ausgebreitet und die Augen unverwandt auf das Altarbild geheftet, das Christum in ganzer Figur darstellte.

Doch nicht bloß am Tage wurde der Heiland von seinen Bräuten aufgesucht, nein, auch während der Nacht waren Betstunden festgesetzt, auf daß der Herrgott auch zu der Zeit, in der die Kreaturen ruhen und schlafen, gebührend verherrlicht werde durch die ewige Anbetung.

In der Kandidatur setzte man nun auch seinen Stolz darein, an diesen Stunden teilzunehmen, und das traf immer je vier für die Kapelle des Mutterhauses, je vier für die Pfarrkirche und vier für die Kapelle des Neubaues.

So war auch ich einmal nachts um die zweite Stunde mit drei anderen Beterinnen in der Kapelle des Neubaues und unterdrückte krampfhaft und gähnend den Schlaf. Da öffnete sich plötzlich die Tür und herein lief eine nur mit dem Nachthemd bekleidete Nonne, warf sich vor dem Altar auf die Knie und begann mit dem Ruf: »Jesus, brennende Liebe!« sich furchtbar zu geißeln.

Wir waren starr vor Schreck und Staunen, und mich packte das Grauen und Entsetzen. Die älteste von uns vieren aber meldete den Vorfall andern Tags der Präfektin, die uns strengstes Schweigen gegen jedermann gebot.

Solche und ähnliche Vorfälle flößten mir einen großen Abscheu gegen das Ordensleben ein, und ich äußerte dies auch des öftern gegen Schwester Cäcilia, sie fragend, ob sie sich auch so mißhandle. Da meinte sie lächelnd: »Ich komme nicht dazu; denn ich muß mich den ganzen Tag mit euren Stimmen ärgern und plagen und brauche deshalb die Nacht zum Schlafen. Ich kann kaum meine Tagzeiten beten vor Arbeit.«

Da erbot ich mich, diese Pflicht mit ihr zu teilen, und benützte von nun an jede freie Stunde dazu, ihr einige Dutzend Psalmen und Paternoster abzunehmen oder die Vesper, Sext und Non gemeinsam mit ihr zu beten, wofür sie mir viel Dank wußte und mich nicht selten vor Strafe bewahrte, wo ich sie verdient hatte.

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