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Erinnerungen einer Überflüssigen

Lena Christ: Erinnerungen einer Überflüssigen - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleErinnerungen einer Überflüssigen
authorLena Christ
year1992
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-10811-8
titleErinnerungen einer Überflüssigen
pages3-233
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1912
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Nachdem der Superior in einem Armstuhl Platz genommen, wies er meiner Mutter auf dem Sofa und mir auf einem Rohrhockerl Sitze an, hierauf begann er: »Hast du dir auch wohl überlegt, mein liebes Kind, was du tun willst, indem du eine Klosterfrau zu werden gedenkst?«

Meine Mutter antwortete statt meiner: »Hochwürdiger Herr, wir haben ihr lang genug davon abgeraten;« und plötzlich in ihre gewohnte Redeweise verfallend, fuhr sie fort: »Aber a jeds Wort is umasonst g'wen.«

»Das haben halt schon viele im Sinn gehabt und nach einiger Zeit sind sie doch wieder in die Welt zurück. Und gar bei uns gehört viel dazu, um den Anforderungen, die wir an die Schwestern stellen, gerecht zu werden. Doch soll es uns große Freude bereiten, wenn das liebe Kind eine recht fromme, brave und tüchtige Schwester in unserm Orden wird. Wir haben ja so viele nötig, sowohl für die Arbeit, als auch für den Unterricht; denn unsere Anstalt besteht aus einem Blindenheim, einem Taubstummeninstitut, einer Heimstätte für alte, schwächliche Personen und einer Pflegeanstalt für Kretinen, Epileptische, Irre, Tobsüchtige und durch Ausschweifung Zerrüttete, sogenannte Besessene. Auch finden bei uns arme, kranke und mißgestaltete, sowie blöde, krüppelhafte und mißratene Kinder eine Stätte zur allseitigen Pflege und Bildung, soweit dies möglich ist.

Unser Orden hat jetzt etwa fünfhundert Profeßschwestern, von denen etliche schon seit Bestehen desselben das Kleid unseres Schutzpatrons tragen, und ungefähr zweihundert Novizinnen, die ihren weißen Schleier erst in ein bis zwei Jahren bei Ablegung der Profeß mit dem schwarzen zum Zeichen gänzlicher Entsagung der Welt vertauschen. Diese sind noch nicht durch die ewigen Gelübde gebunden und können den Orden noch verlassen; doch zeigt ein einzig dastehendes Beispiel, wie der himmlische Bräutigam diesen Verrat bestraft: die betreffende Novizin wurde nach einiger Zeit irrsinnig und befindet sich jetzt in unserer Irrenabteilung. Außer den Genannten haben wir noch etwa dreihundert Jungfrauen, die am Tag des heiligen Josef Lehr-, Pfleg- und Arbeitsschwestern werden wollen, sowie einhundertzwanzig Lehramtskandidatinnen, zehn Handarbeits- und sechs Musikkandidatinnen und etwa fünfzehn für die Hausarbeit und Küche. Wie ich sehe, hat das Kind sehr gute Schulzeugnisse; eine kurze Prüfung wird uns zeigen, wozu sich das Mädchen eignet. Sollte es dir, mein Kind, nicht gefallen, so kannst du innerhalb fünf Jahren diese Stätte noch verlassen. Nun sage mir einmal, willst du bei uns bleiben?«

Er war bei den letzteren Worten aufgestanden und hatte mir das Kinn gefaßt, indem er mich fest anblickte.

Da sagte ich leise: »Ja, ich will dableiben.«

Meine Mutter hatte dies Ja überhört und rief. »Na, kannst net antwortn, wennst g'fragt wirst!«

Doch der Priester entgegnete ihr: »Ereifern Sie sich nicht, Frau Mutter, das gute Kind hat mir sein Jawort schon gegeben.«

Darauf gab er uns seinen Segen und ließ uns durch eine Nonne nach der Kandidatur führen. Dort mußte mich meine Mutter allein lassen; doch durfte ich, nachdem ich den Kandidatinnen vorgestellt und genugsam angestaunt worden war, mit ihr in der Brauerei zu Mittag essen und hatte mein neues Leben erst am Nachmittag zu beginnen.

Wir begaben uns also in das Bräustüberl, einen behaglichen Raum mit rohen, blankgescheuerten Möbeln und Blumenstöcken an den Fenstern, deren saubere Vorhänge fest zugezogen waren. An den Wänden hingen bunte Heiligenbilder und in einer Ecke war ein kleiner Hausaltar aufgerichtet, dessen zierliche Ampel ihr mattes Licht auf die aus Gips verfertigte Statue des heiligen Josef warf.

Als ich sah, daß auch hier nur Klosterfrauen tätig waren, verwunderte ich mich sehr und wagte an die Schwester, die uns bediente, die Frage, ob hier die Nonnen auch das Bier selber brauten. Da erzählte sie uns, daß alles, was nur immer zu tun sei, von ihnen selbst gemacht werde; auch die Ökonomie und Metzgerei, sowie alle Handwerke, deren das Kloster bedürfe. Zur Hilfe würden allerdings die Pfleglinge, welche sich dazu eigneten, verwendet. Dies setzte mich in großes Erstaunen, und ich sah meinem Leben in diesem Kloster mit viel Neugier entgegen. Meine Mutter aber hatte mit wachsendem Entsetzen zugehört und konnte dies auch kaum vor mir verbergen, und als sie um drei Uhr wieder in den Stellwagen stieg, sagte sie ganz unvermittelt: »Also, wann's dir gar z'schwer wird, kannst d' es ja schreibn; bet viel und sei recht fleißig und aufmerksam und laß dir nix z' Schulden kommen.«

Ich gab ihr noch Grüße auf an alle, die mir lieb waren; dann schlang ich plötzlich meinen Arm um ihre Knie, drückte laut aufweinend meinen Kopf in ihre Kleider und lief danach, so rasch ich konnte, an die Pforte und läutete fest, ohne noch einmal umzuschauen.

Man wies mich wieder in das kleine Zimmer, und dann führte mich die blasse Schwester ins Refektorium, wo die Kandidatinnen bei der Vesper saßen. Liebenswürdig nahmen sich sofort einige von ihnen meiner an und erklärten mir alles, was ich wissen mußte oder wollte. Ich war ihnen dankbar dafür; denn ich hielt es für natürliche, herzliche Kameradschaft. Später freilich erkannte ich meinen Irrtum: es war alles nur Drill und von wahrer Güte wenig zu finden: Bigotterie paarte sich mit Stolz, Selbstsucht mit dem Ehrgeiz, vor den Oberen schön dazustehen und als angehende Heilige bewundert zu werden.

Besonders unter den älteren Mädchen hatte dies Streben nach Vollkommenheit einen wahren Wettlauf um die Tugend hervorgerufen, und die Präfektin der Kandidatur, die solches mit großer Befriedigung wahrnahm, übergab nun jede Neuangekommene der Obhut einer dieser Würdigen, welche zugleich mit diesem ehrenvollen Amt den Namen Schutzengel erhielt.

Also ward auch mir gleich am ersten Abend ein solcher Schutzengel zugeteilt und waltete mit Eifer seines Amtes. Bald machte er mich auf das Weltliche meiner Heiterkeit aufmerksam, obschon ich mir recht traurig vorkam. Und als ich später meinen Arm in den meiner Beschützerin legen wollte, wies sie mich mit den Worten zurecht: »Pfui! Das schickt sich doch nicht! Das gefährdet doch die heilige Reinheit! Es ist uns verboten, uns bei den Händen zu fassen oder einzuhängen. Das Betasten des Körpers nährt die Sinnlichkeit, und zum Körper gehören auch die Hände.«

Da die Abendandacht stets in der Kapelle verrichtet wurde, führte meine Hüterin mich daselbst an den mir zugeteilten Platz, von dem aus ich weder den Altar noch sonst etwas von der Kirche sehen konnte; denn wir befanden uns auf einer Art Galerie, die mit einem dichten Gitter abgeschlossen war. Rings um uns vernahm ich lautes Beten und sah mich neugierig um, zu sehen, woher es käme. Da flüsterte mein Schutzengel mit strenger Miene: »Sieh für dich, arme Seele, Gott ist hier!«

Nach dem Abendgebet gingen wir paarweise in den großen Schlafsaal, und meine Führerin steckte mir auf dem Weg dahin einen Zettel zwischen die Finger, auf dem geschrieben stand: »Von neun Uhr abends bis sieben Uhr morgens strengstes Stillschweigen!«

Im Schlafsaal angelangt, wies sie mir mein Lager an, und ich wollte nun beginnen, mich auszuziehen. Da ich noch städtische Kleidung trug und auch kein Nachthemd bei mir hatte, brachte sie mir eine weiß- und rotkarierte Bettjacke. Ich hatte bereits meine Bluse aufgeknöpft und entblößte eben meine Schultern, als mein Schutzgeist ganz entsetzt herzusprang und mir die Bluse rasch wieder über die Achseln schob. Hierauf warf sie mir die Bettjacke über die rechte Schulter, und indem ich sie am Hals festhalten mußte, entblößte sie unter dieser schützenden Hülle meinen rechten Arm und schob ihn rasch in den Ärmel des Nachtgewandes. Ebenso verfuhr sie auf der linken Seite und dann knöpfte sie mir den Kittel bis an den Hals zu.

Die andern Kandidatinnen hatten sich inzwischen unter lautem Beten auf die gleiche Art entkleidet, und ich sah nun eine nach der andern ins Bett steigen; doch behielten alle ihren Unterrock und die Strümpfe an. Ich machte meine Hüterin durch Zeichen auf dies aufmerksam; da zog sie einen Bleistift und einen Notizblock aus der Tasche und schrieb darauf. »Ein sittsames Kind entblößt die Füße erst im Bett und auch den Unterrock darf man nicht vorher abstreifen.«

Also legte ich mich zu Bett und entledigte mich, nachdem sie mir die Decke über den Kopf gezogen, meiner übrigen Kleidung, worauf eine Nachtschwester von Bett zu Bett ging und einer jeden die Zudecke glatt strich. Und nachdem man sich noch der Fürbitte des heiligen Joseph und der heiligen Barbara durch besondere Gebete versichert und den Psalm »Aus der Tiefe rufe ich zu dir, o Herr« samt den dazugehörigen Paternostern gebetet hatte, legte man die Arme auf der Bettdecke kreuzweise über die Brust und schlief dann ein.

Traumlos schlief ich die ganze Nacht; denn ich war den Tag über müde geworden, und als am frühen Morgen plötzlich ein lautes »Gelobt sei Jesus Christus« ertönte, dem die Kandidatinnen sich aufsetzend »in Ewigkeit, Amen«, antworteten, blickte ich verwirrt um mich und konnte mich erst, als von der Pfarrkirche das Fünfuhrläuten erscholl, besinnen, wo ich war. Rasch sprang ich aus dem Bett; in diesem Moment aber sah ich ringsum aller Augen entsetzt auf mich gerichtet, und nun merkte ich erst, daß ich im Hemd und ohne Strümpfe war. Schnell schlüpfte ich wieder ins Bett und zog mit vieler Mühe unter der Decke meine Unterkleider an.

Derweilen waren die anderen Mädchen schon an den langen Waschtisch getreten, wo eine Waschschüssel neben der anderen stand, und wuschen sich, als mein Schutzengel kam und auch mich dahin führte. Während des Ankleidens wurde wie am Abend laut gebetet; man empfahl sich zu allen Stunden in Mariens Herzen und Jesu Wunden.

Nachdem wir unsern Schlafsaal geordnet und zuletzt die leichten Filzschuhe mit Stiefeln vertauscht hatten, begaben wir uns paarweise nach der Kandidatur. Diese befand sich in dem sogenannten Mutterhaus, einem alten Bau, der noch aus dem sechzehnten Jahrhundert stammte und damals den Prämonstratensermönchen gehört hatte, die später daraus vertrieben wurden, worauf das Kloster erst als Kaserne und dann als Speicher diente. In diesem Zustand erwarb es unser Orden und richtete es wieder wohnlich her; doch wurde das Haus bald zu klein und man fügte einen Anbau um den andern an. So kam es, daß wir unsern Schlafsaal in einem dieser neuen Gebäude hatten.

Wir schritten also über den verschneiten Platz vor dem Kloster; denn einen geschlossenen Verbindungsgang nach dem Mutterhaus hatte man gerade erst zu bauen begonnen. Da läutete es in der Pfarrkirche zur heiligen Wandlung. Sofort warfen sich alle auf die Knie in den Schnee und beteten den menschgewordenen Gott an.

Als wir im großen Lehrsaal der Kandidatur angekommen waren, knieten alle vor einer reich mit Blumen geschmückten Statue des heiligsten Herzen Jesu nieder, vor der die Präfektin bereits in andächtigem Gebete lag. Sie schlug jetzt ein Andachtsbuch auf und las daraus die Legende einer Heiligen, worauf eine lange Betrachtung ihrer Tugenden und Leiden folgte. Zum Schluß wurde vieles auf uns angewandt und etliche Kandidatinnen, die sich Verfehlungen gegen eine der Tugenden dieser Heiligen hatten zu Schulden kommen lassen, bekamen nun eine eindringliche Strafpredigt und es wurden ihnen schwere Bußübungen, wie Rosenkränze, viel hundert Paternoster und Ave-Maria, stundenlanges Knien vor dem Altar und dergleichen auferlegt.

Starr vor Erstaunen hörte ich dem Ganzen zu und bereute es schon bitter, jemals den Vorsatz gefaßt zu haben, Nonne zu werden.

Nach dieser geistlichen Lesung und Betrachtung gingen wir in den Speisesaal zum Frühstück, das in einer Tasse dünnen Kaffees und einem Brötchen bestand. Meine Hüterin legte wieder einen Zettel vor mich hin, des Inhalts, daß es Jesus recht wohlgefällig sei, wenn man freiwillig auf das Brot verzichte, weshalb ich nur die Hälfte davon aß.

Nun hatten wir der Frühmesse in der Klosterkapelle beizuwohnen und danach versammelten wir uns wieder im Saal der Kandidatur, und jedes holte sich ein Buch, um zu lernen.

Inzwischen schlug es acht Uhr, und herein traten drei Schwestern, die Lehrerinnen der Kandidatur, gefolgt von der Präfektin, die mich, nachdem wir beim Glockenschlag um eine gute Sterbstunde gefleht, setzen hieß und nun begann, mich in allem zu prüfen, was ich als Lehramtsschülerin wissen oder lernen mußte. Sie gesellte mich danach dem zweiten Kurs zu und wies mir meinen Platz an, worauf der Unterricht begann. Der erste Kurs schrieb an einem Aufsatz, wir rechneten schriftlich, und der dritte Kurs hatte Unterricht in Grammatik. Die höheren Klassen hatten ihre eigenen kleinen Studierzimmer und diese waren nur durch Glastüren von unserm Saal getrennt.

Um neun Uhr versammelten sich von neuem alle vor dem Altar, knieten nieder und beteten laut ein Stundengebet. Kaum hatten wir uns wieder erhoben, als abermals von der Pfarrkirche die Glocke zur Wandlung läutete und wir uns wiederum auf die Knie warfen und anbeteten.

Nach einer kurzen Weile rief man uns zur Vesper, und jede bekam ein Krüglein Bier und ein Stück schwarzes Brot, wobei ich sah, daß wieder viele die Hälfte des Brotes zurück in den Korb wandern ließen; doch weiß ich nicht, ob dies zur Abtötung oder aus Abneigung gegen das rauhe Gebäck geschah.

Bald, nachdem der Unterricht wieder begonnen hatte, kam die Präfektin und befahl meinem Schutzengel, mich ins Bad zu führen.

Durch lange Gänge, vorüber an Männer- und Frauenabteilungen, aus denen wüster Lärm drang, hinab über alte, morsche Stiegen ging es, dann traten wir in einen moderigen Kellerraum, wo etwa zehn Männer Körbe flochten. Wir eilten an ihnen vorüber und kamen durch die mit ekelhaftem Gestank erfüllte Waschküche, in der etliche Kretinen aus einer übelriechenden Lauge graue Wäschestücke zogen, endlich in ein düsteres Kämmerlein, das man Bad nannte, und in dem zwei alte Badewannen, durch einen Vorhang getrennt, an der Wand standen.

Wir mußten uns erst das heiße Wasser aus der Waschküche holen, und nachdem wir unsere Wannen gefüllt und unsere Tücher und Wäsche auf einen neben der Wanne stehenden Stuhl gelegt hatten, begann mein Schutzgeist mir zu zeigen, wie man sich baden müsse, ohne die Unschuld zu verletzen.

Ich durfte mich nicht ganz entkleiden, sondern mußte in Hemd und Strümpfen in die Wanne steigen. Hier konnte ich mich meiner Strümpfe entledigen, während das Hemd meiner Blöße als Bedeckung blieb und tüchtig eingeseift wurde. Darauf strich man einige Male mit den Händen darüber hin; denn unter dem Hemd durfte der Leib nicht berührt werden. Nur Gesicht und Hals wurde gründlich gewaschen.

Währenddem beteten wir laut den schmerzhaften Rosenkranz, auf daß der, der für uns Blut geschwitzt hat und für uns gegeißelt ist worden, unser Herz vor jedem sinnlichen Gedanken bewahre.

Auf dem Rückweg erzählte mir meine Beschützerin, daß man während des Sommers in einer Hütte zu Sankt Jakob bade, einer Einsiedelei, nahe dem Kloster in einem kleinen Tal gelegen. Und sie erklärte mir genau, wie man es dabei zu machen habe, damit die Seele nicht Schaden leide. Als ich dann später im Sommer wirklich dieses Badehüttlein besuchte, mußte ich über mein Hemd einen Anzug mit langen Ärmeln anziehen, so daß ich am Ende nicht das Gefühl der Erfrischung hatte, sondern es mir war, als sei ich durch ein Unglück ins Wasser geraten. Zum Glück durfte ich während meines eineinhalbjährigen Aufenthalts im Kloster nur dreimal baden.

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