Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Lena Christ >

Erinnerungen einer Überflüssigen

Lena Christ: Erinnerungen einer Überflüssigen - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleErinnerungen einer Überflüssigen
authorLena Christ
year1992
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-10811-8
titleErinnerungen einer Überflüssigen
pages3-233
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1912
Schließen

Navigation:

Spät abends fand mich ein Bauer, der Milch nach der Stadt gefahren hatte und jetzt auf dem Heimweg war. Der hob mich auf und brachte mich mit seinem Fuhrwerk nach Großhadern und lud mich bei einem großen Wirtshaus ab. Die Wirtin brachte mich freundlich zu Bett und befahl einer alten Frau, daß sie die Nacht über bei mir bleibe. Sie selbst kam am andern Tag und fragte mich mitleidig, wo ich in diesem Zustand denn herkomme oder hinwolle. Da erzählte ich ihr mein ganzes Unglück und bat sie, sie solle mich doch bei sich behalten, ich sei eine Wirtstochter und könne ihr viel helfen.

»Ja, mei liabs Kind«, meinte die gute Frau, »deine Leut wer'n halt recht Sorg um di habn und di wieder z'rückverlanga; denn dös kann do net sei, daß a Muatter so schlecht is.«

Weinend wiederholte ich meine Bitte und beruhigte mich erst, als sie mir versprach, mich in ihren Dienst zu nehmen: »Aba z'erscht muaßt wieder g'sund wer'n. Drum bleibst heut lieber no liegn. Vielleicht kann ma morgn mehra sagn.«

Gegen Abend hielt ich es nicht mehr im Bett aus und ging zu der Wirtin in die Küche und fragte sie, ob ich ihr was helfen könnte.

»Ja mei, Kind, in dem Zuastand! Sitz di liaber ins Nebenzimmer und iß was G'scheits. Du schaust ja aus wie inser liaber Herr am Kreuz!« Damit nahm sie mich bei der Hand und führte mich ins Nebenzimmer, wo an einem Tisch fünf oder sechs Herren beisammen saßen und mich verwundert ansahen.

»Wen bringen S' denn da, Frau Obermeier? Dös is g'wiß a Basl«, fragte einer, während ein anderer hinzufügte: »Jess Maria, is dös Madl kasi! Is 'leicht krank?«

»Ja mei, Herr Oberförster«, sagte die Wirtin, »dös is a g'spaßige G'schicht!« und sie erzählte die Sache den Herren, von denen einer der Bürgermeister, ein anderer der Arzt und ein dritter der Herr Benefiziat war.

Nachdem die Wirtin meine Geschichte erzählt hatte, bestürmten sie mich mit allen möglichen Fragen; doch der Arzt sagte: »Laßt's dem armen Kind sei Ruh, meine Herrn! Ma sieht's ja auf den ersten Blick, daß 's schwerkrank ist... Geh amal her, Fräulein, und laß dir in'n Hals neischaun!... Ach, herrjesses«, schrie er da, »wie schaut's da drin aus, und so ham s' di rumlaufa und arbat'n lassen. A so a Bagasch g'hört do scho glei o'zoagt!«

»Und sie möcht zu mir in Dienst gehn!« rief die Wirtin dazwischen.

»Sonst nix mehr«, schrie der Bürgermeister, »ins Krankenhaus g'hörst! Net wahr, Herr Doktor?«

»Allerdings wär's das beste, denn es ist nicht ausgeschlossen, daß das Mädel a starke Lungenentzündung kriagt auf dö Strapazen.«

Da sagte der Herr Benefiziat: »Wie heißt du denn eigentlich und woher bist du?«

Als ich es ihm gesagt, fragte er weiter: »Moanst wirkli, daß di dei Muatter totschlagt?«

»Ja, i glaab scho; denn halbert umbracht hat s' mi a so scho.«

Da lachten sie alle, bis der Herr Benefiziat wieder ganz ernst fortfuhr: »Es ist doch a Sünd und a Schand, wie heutzutag mit den armen, ledigen Kindern umgegangen wird. Z'erscht setzt ma's her, dann gehn s'oan im Weg um. So ein Weibsbild g'hörat doch schon an die Zehen aufg'hängt und mit Brennesseln g'haut!«

»Ganz recht, Herr Benefiziat, früher hat ma aufgramt mit solchene Leut, aber heutzutag baun s' eahna ja extrige Häuser, daß sie s' leichter auf d' Welt bringa eahna armen G'schöpferln!« rief der Tierarzt, und der Bürgermeister fragte: »Jetzt ham's mir da! Was tean jetzt mir damit? Uns geht's eigentlich nix o, schiabt's es nur der Münchner G'meinde zua!«

»Ganz recht, Herr Bürgermeister«, sagte der Oberförster, »für dös arme Deanderl is am besten, wenn's z'Münka ins Krankenhaus geht, bis g'sund is. D' G'meinde soll's nur zahln. Die ham mehra wie mir.«

Ich hatte heftig zu weinen begonnen, so daß die Wirtin rief. »Aber meine Herren, dös is scho net recht, daß d's ma dem arma Deanderl an solchen Schrecken einjagt's. Laßt 's es do wenigstens mit Ruah essen!« Damit führte sie mich an den Tisch und gab mir den Löffel in die Hand, und ich mußte von dem Kalbslüngerl, das die Kellnerin hingestellt hatte, essen. Ich brachte aber vor Weinen und Halsweh nichts hinunter. Die Wirtin kehrte wieder in ihre Küche zurück, während die Herren sich lebhaft über mich unterhielten.

Nach einer Weile stand der Herr Benefiziat auf, setzte sich zu mir und gab mir folgenden Rat: »Liabs Kind, i moan, 's wär's G'scheitste, du tätst morgen früh von Pasing nach der Stadt fahren, dort auf die Polizei gehen, die ganze G'schicht anzeigen und dich in ein Krankenhaus schaffen lassen. Nachher bist gut aufg'hoben und deiner Mutter schiab'n s' hoffentlich an Riegel vor ihre Brutalitäten.«

Ich gab ihm keine Antwort und weinte nur. Die Wirtin aber brachte mich darauf wieder ins Bett und erwiderte mir auf meine Frage, was ich schuldig sei: »An Vergelt's Gott und an B'suach, wann's dir amal guat geht.«

Am andern Morgen stand ich sehr früh auf und ein Milchfuhrwerk nahm mich wieder mit nach Pasing. Von da fuhr ich mit der Bahn nach München.

Als ich ratlos vor dem Sterngarten am Bahnhofplatz stand und nicht wußte, wohin ich mich wenden sollte, begegnete mir der Sohn einer im Haus meiner Eltern wohnenden Familie und sagte mir: »Geh fei net hoam, Leni! Dei Muatter is in der größten Wut. Die ganze Nachbarschaft hetzt s' über di auf und sagt dir alles Schlechte nach. Durch d' Gendarmerie laßt s' di scho überall suacha.«

Da begann ich zu weinen und fragte ihn um Rat; denn wir hatten uns sehr gern. Er meinte auch, ins Krankenhaus gehen, wäre das Gescheiteste; doch zuvor solle ich auf die Polizei, daß man nicht weiter nach mir suche. Er begleitete mich dann auch dorthin und ging darauf in sein Geschäft. Ich aber trat in die Einfahrt des Polizeigebäudes und fragte den Gendarm, der dort auf Posten stand: »Sie, entschuldigen S', bitt schön, wo is denn da dös Zimmer, wo verlorengegangane Personen o'g'meldt wer'n?«

Er lachte herzlich und gab mir zur Antwort: »San vielleicht Sie verloren ganga, schön's Fräulein? Dann melden S' Eahna parterre, ganz hinten auf Zimmer Nummro sieben.«

Dort fragte man mich nach meinem Begehr.

»Entschuldigen S', is bei Ihnen ein junges Mädchen angemeldet, dös wo verlorenganga is, oder vielmehr, dös wo davog'laafa is? Wissen S', i bin davo von dahoam, weil mi mei Muatter sunst derworfa hätt, weil i d'Waschschüssel derschlagn hab und Diphtherie hab.«

Lächelnd führte mich der Beamte in das Zimmer des Polizeiarztes und als ich dem meine ganze Geschichte erzählt hatte, untersuchte er mich und sagte darauf. »Herr Rat, ich bitte Sie, lassen Sie die Ärmste nach dem Krankenhaus schaffen. Benachrichtigen Sie jedoch die Angehörigen nicht davon. Recherchieren Sie vielmehr, ob solche Sachen bei dieser Frau öfter vorkommen; denn so etwas gehört exemplarisch bestraft.«

Hierauf mußte ich mich ausziehen und ihnen die Beulen und Striemen an meinem Körper zeigen. Als der Arzt einen großen, grünlichen Fleck an meiner linken Brust bemerkte, rief er: »Unverantwortlich! Ein weibliches Wesen so zu mißhandeln! Die Megäre denkt gar nicht, welche Folgen das haben kann!«

Danach wurde ich in das Krankenhaus an der Nußbaumstraße geschafft, wo ich alsbald in ein heftiges Fieber verfiel und an einer schweren Lungenentzündung erkrankte.

Als es mir besser ging, wollten alle meine Geschichte hören; denn durch den Polizeiarzt war an unsern Arzt, Doktor Kerschensteiner, schon ein aufklärendes Schreiben gelangt, und der freundliche Herr hatte in seiner Entrüstung ganz laut im Saal geschrien: »Die Bestie! Das Schandweib! Und so was nennt sich Mutter!«

Nach drei Wochen aber meinte er: »Jetzt müssen wir es doch der Mutter schreiben, wo Sie sind. Es handelt sich nämlich um die Zahlung, ob das Ihre Mutter übernimmt oder die Gemeinde.«

Als ich darauf zu weinen begann, beruhigte er mich mit den Worten: »Sie müssen nicht Angst haben. Die Frau tut Ihnen nichts. Dafür bin ich auch noch da.«

Man schrieb ihr also, und an einem Dienstag nachmittag zur allgemeinen Besuchsstunde kam sie. Ich lag im ersten Bett, gleich neben der Tür. Sie blickte im ganzen Saal herum und sah mich lange nicht, nachdem sie mich aber bemerkt hatte, schrie sie, daß es alle hörten: »So, da bist! Was du deinen armen Eltern angetan hast, übersteigt alle Grenzen. Da heraußen muß ma di finden und hätt'st es so schön g'habt dahoam. Hätt dir koa Mensch was tan!« Dabei brach sie in Tränen aus, ging durch den Saal an das Fenster und sagte ganz laut und mit schluchzender Stimme: »So ein ungeratenes Kind! Oan so vui Verdruß z'macha!«

Die andern Patientinnen, die den wahren Sachverhalt wußten, begannen bei diesen Worten zu kichern und zu lachen und eine sagte mit komischem Ernst vor sich hin: »Tja, tja, solchtene Kinder!« worauf im ganzen Saal lautes Gelächter erscholl.

Da mußte auch ich lachen, und die Mutter entfernte sich wütend mit den Worten: »Daß d' di z'ammrichst morgen. Morgen nachmittag hol i di!«

Am Abend machte der Herr Doktor wie gewöhnlich die Runde, und es wurde ihm das Vorgefallene berichtet. Da trat er an mein Bett und sagte lachend: »Ah, Sie leben ja noch! Also ist sie doch nicht so schlimm.« Als er aber erfuhr, daß ich am andern Tag wieder nach Haus müsse, rief er: »Unter keinen Umständen! Sie sind noch nicht gesund, und jede Aufregung, sowie Luftwechsel schadet Ihnen. Ich werde niemals meine Einwilligung dazu geben.«

Er mußte sie aber doch geben, als die Mutter am andern Tag unter vielen Tränen versicherte, ich solle kein unrechtes Wort mehr hören, noch viel weniger eine Mißhandlung erdulden.

Nachdem ich ziemlich bedrückt von den Krankenschwestern und den übrigen Patientinnen Abschied genommen hatte, trat ich mit der Mutter den Heimweg an.

Vorerst aber hatte die Mutter an der Kasse noch sechsundneunzig Mark für meine Verpflegung zu bezahlen, doch ließ sie mich den Ärger darüber nicht merken.

Unterwegs in der Trambahn sagte ich ihr, ich wolle nicht mehr heim, sondern eine Stellung als Dienstmädchen annehmen. Sie schien anfangs entsetzt darüber, ging aber dann doch mit mir in die Marienanstalt, wo bessere Stellen für Dienstboten vermittelt wurden.

Während sie mit der Oberin verhandelte, mußte ich auf dem Korridor warten. Nach längerer Zeit trat die Mutter heraus und sagte, spöttisch lächelnd: »So, geh nur nei! Frau Oberin woaß allerhand für di.«

Mit den besten Hoffnungen trat ich ins Zimmer, gefolgt von der Mutter. Aber es kam anders, als ich erwartet hatte.

»Weißt du«, begann die sehr beleibte Oberin, indem sie mit hochrotem, erzürntem Gesicht vor mich hintrat, »was einem Kind gebührt, das seine Eltern mit Füßen tritt und das Elternhaus mißachtet und nicht mehr dahin zurückkehren will?... Einem solchen Kind gehört nichts anderes, als daß man es an einen Haken anhänge und mit einem Stock oder Strick so lang schlage, bis es lernt, das Elternhaus zu schätzen und Vater und Mutter zu lieben!«

Als ich dies vernommen, verlangte ich nicht mehr zu wissen und eilte nach der Tür, riß sie auf und lief davon, heim zum Vater.

Nachdem dieser mich freundlich empfangen und mir seine Hilfe versprochen hatte, erzählte ich ihm auch dies mein letztes Erlebnis. Da gab er mir recht, und als die Mutter heimkam und über mich klagte, sagte er: »Dös is aa koa G'redats an a krank's Madl hin. Da kann 's freili koa Liab und koa Achtung lerna bei dera Behandlung. Sei du mit 'n Madl, wie es si g'hört, na werd si bei ihr aa nix fehln!«

Darauf brachte mich die Mutter zu Bett und behandelte mich von nun an gut und freundlich.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.