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Erinnerungen der Kaiserin Katharina II.

Katharina II. von Rußland: Erinnerungen der Kaiserin Katharina II. - Kapitel 1
Quellenangabe
typeautobio
authorKatharina II. von Rußland
titleErinnerungen der Kaiserin Katharina II.
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesMemoirenbibliothek II.
volumeSerie Bd. 13.
editorG. Kuntze
translatorAlexander von Herzen
year1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid342205ec
created20070512
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Vorwort.

Während rings in Europa Throne zu versinken drohten, erhob sich hoch im Norden an den Ufern der Newa einer zu ungeahnter Größe, zu unermeßlicher Pracht, und eine Frau, eine Deutsche, führte mit geschickter Hand die Staatszügel des mächtigen Zarenreichs. Stolz legte sich ihr der Purpur um die weißen Schultern, der seit Generationen durch Ströme von Blut gefärbt zu sein schien.

Mehr als ein Jahrhundert ist verflossen, seitdem sich das Grab Katharinas II., der »nordischen Semiramis«, geschlossen, doch weder Zeit noch Ereignisse haben das Interesse verwischen können, das ganz Europa an dieser bewunderungswürdigen, außergewöhnlichen Frau mit dem Doppelwesen von Mann und Weib genommen. Ja, mit der Zahl der Schriften über sie stieg auch die Bewunderung für ihre selbsterworbene Größe. Denn nichts hatte sie ererbt, sondern ganz aus eigener Kraft ist sie zu jener Höhe gelangt, von der sie vierunddreißig Jahre lang auf ihr Volk, ihre Russen, herabblickte.

Vor ihr, seit dem Zerreißen der Traditionen, seit der vollkommenen Trennung des Volkes vom Staate, dieses armen, halbwilden russischen Volkes, das sich ängstlich und scheu in seinen elenden Dörfern verbarg, seit der Reform Peters I., waren Staatsstreiche und Palastrevolutionen an der Tagesordnung gewesen, und nach ihrem Tode schien es, als sollte es wieder so werden. Welch seltsame Epoche! Abends vor dem Schlafengehen wußten die Einwohner von St. Petersburg nicht, unter wessen Regierung sie am nächsten Morgen erwachen würden. Allerdings kümmerte dies die Bevölkerung wenig, oder gar nicht; das Drama spielte sich nur in den engeren Hofkreisen ab, und allein die Staatsbeamten hatten bei einer solchen Thronumwälzung für ihr Wohl und Wehe zu hoffen, oder zu fürchten. Das Volk, der Pöbel, jauchzte, wenn es ihm befohlen wurde, dem neuen Herrscher zu und spie dem alten ins Gesicht, den es noch am vorhergehenden Tage »Väterchen« genannt, für den es in seinen Kirchen den Segen des Himmels erfleht hatte. Was war das russische Volk? Nichts als eine große, leicht lenkbare, in tiefster Unwissenheit verharrende Menschenmasse, die zum ersten Male im Jahre 1812 aus ihrer fast tierischen Niedrigkeit erwachte, um sich einem Feinde, der das Land zu verwüsten drohte, entgegenzuwerfen.

Seit dieser Zeit aber haben Ereignisse, Kultur und Intelligenz das russische Volk erstarken lassen und aufgeklärt. Der Moment, wo es mit energischem Willen auch noch die letzten Spuren einer harten, langen Knechtschaft abschütteln wird, ist nicht mehr fern. Das ganze große russische Reich ist in seinen Grundfesten erschüttert, es bedarf nur eines letzten kräftigen Stoßes, um es völlig zu stürzen. Dann wird auf seinen Trümmern ein neues erstehen, wo die Sonne der Freiheit dem russischen Volke zum ersten Male leuchtet.

Und während unsere Nachbarn diesen Kampf um ihre Freiheit kämpfen, wird es von nicht geringem Interesse sein, das Leben an einem russischen Kaiserhofe vor mehr als hundert Jahren zu verfolgen, das freilich in unserer Zeit einen wesentlich andern Aspekt hat.

Die Memoiren der Kaiserin Katharina II., eins der interessantesten Dokumente, die wir über die russische Geschichte besitzen, wurden ihrem Sohne, dem Kaiser Paul I., einige Stunden nach dem Tode seiner Mutter in einem versiegelten Kuvert überreicht. Dieses Kuvert enthielt auch einen Brief Alexis Orloffs, des Hauptbeteiligten an der Thronbesteigung Katharinas, in welchem er der neuen Kaiserin mit zynischen Worten, trunken vom Wein, die Ermordung ihres Gemahls, Peters III., meldete. Paul I. sprach zu keinem Menschen von dem Manuskript seiner Mutter, außer zu seinem intimen Freund, dem Fürsten Alexander Kurakin, der heimlicherweise eine Abschrift davon nahm. Später, zwanzig Jahre nach dem Tode Kaiser Pauls, verschafften sich auch Alexander Turgenjeff und Fürst Michael Woronzow Abschriften von dem Exemplar Kurakins. Unter der Regierung des Zaren Nikolaus indes wurden alle vorhandenen Abschriften polizeilich eingezogen, worunter sich auch eine von der Hand des berühmten russischen Dichters Puschkin befand. Das Original selbst ließ Nikolaus, nachdem er es gelesen, mit dem großen Staatssiegel versehen und in den kaiserlichen Archiven sorgfältig verwahren.

Alexander Herzen, der diese Memoiren herausgegeben, berichtet, daß er zum ersten Male von den Aufzeichnungen Katharinas durch den Lehrer Alexanders II., Konstantin Arsenjeff, erfahren habe, der 1840 die Erlaubnis erhalten hatte, viele geheime Dokumente aus der Zeit Katharinas II. zu lesen.

Als dann während des Krimkrieges die kaiserlichen Archive nach Moskau gebracht wurden, verlangte Alexander II. ebenfalls das Manuskript zu lesen, und seitdem kursierten wieder einige Abschriften in Rußland. Nach einer derselben hat Herzen, der berühmte russische Publizist und Freidenker, die Erinnerungen der Kaiserin Katharina veröffentlicht, über deren Echtheit kein Zweifel herrschen kann. Sollte aber dennoch ein solcher bestehen, so wird er bald verschwinden, wenn man nur einige Seiten darin gelesen hat. Das Werk trägt unverkennbar den Stempel der Wahrheit und ist voll von interessanten Einzelheiten aus dem Privat- und Eheleben Katharinas, die nur sie und niemand anders wissen konnte; sie läßt den Leser bis in die geheimsten Winkel ihres Schlafzimmers blicken.

Die Zeit hat der Frische dieser kaiserlichen Bekenntnisse nichts von ihrem Reize genommen, und die Welt der Abenteurer, Intriganten und Glücksritter eines Hofes, der äußerlich glänzend, im Innern faul war, kann nicht drastischer veranschaulicht werden.

Man sieht Katharina hier entstehen, man sieht, wie sie Stufe für Stufe auf dem steilen Wege zu einem glänzenden, mit fast orientalischer Pracht umgebenen Thron emporklimmt, um einst als Katharina die Große oben anzulangen.

Jung, unerfahren, von Haus aus einfach erzogen, kam die kleine Prinzessin Sophie von Anhalt-Zerbst 1744 auf Befehl der Kaiserin Elisabeth mit ihrer Mutter nach Moskau. Wie ein armseliges Aschenbrödel, mit einem Dutzend Hemden, einigen dürftigen Kleidern und einer Aussteuer, der das Bettzeug fehlte, langte sie dort an. Des tieferen Grundes dieser Reise war sie sich noch nicht bewußt, und erst allmählich, durch die glänzenden Empfänge in den russischen Städten, begriff sie, warum sie hier war. Sie sollte einst als Gemahlin Peters III. die russische Kaiserkrone tragen! Und schon regte sich in der Fünfzehnjährigen das Herrscherfieber des Winterpalastes.

Ihr zwei Jahre älterer prinzlicher Bräutigam, ein blöder, kindischer Junge, der schon von seinem zehnten Jahre an dem Trunke ergeben ist, läßt sie vollkommen kalt, aber die Krone von Rußland nicht. Ehrgeizig trachtet sie nach ihrem Besitz und ist entschlossen, komme was da wolle, sich dieselbe nicht entgehen zu lassen. Mit feinem weiblichen Instinkt ist sie sich bald bewußt, daß sie, um ihren Platz zu behaupten, nicht die Zuneigung des Großfürsten, nicht das Wohlwollen der regierenden Kaiserin, wohl aber die Liebe und das Interesse des russischen Volkes gewinnen müsse. Dazu gehört aber vor allem die Kenntnis des Idioms der Russen und die Annahme des orthodoxen griechischen Glaubens.

Fast spielend lernt sie die russische Sprache und ist so eifrig dabei, daß sie sogar in den kalten Winternächten aufsteht, um die von ihrem Lehrer aufgegebenen Vokabeln auswendig zu lernen. Ueberhaupt hat sie in dieser Zeit einen bewunderungswürdigen Studiendrang. Sie verschlingt alle Bücher, ohne Wahl allerdings, gute und schlechte, wie sie ihr gerade unter die Hände kommen. Ihre Lage aber ist keineswegs glücklich. Auf der einen Seite ihre neidische, zänkische Mutter, die sie wie ein kleines Schulmädchen behandelt, sie ohrfeigt und ihr die Kleider, die man ihr geschenkt, wegnimmt, um sie für sich zu gebrauchen; auf der andern die Kaiserin Elisabeth, ein rohes, eifersüchtiges, ränkesüchtiges Weib, das jeden ihrer Schritte bewacht, jedes ihrer Worte anders auslegt und ihre Umgebung nach Belieben, ohne sie zu fragen, verabschiedet. Und zwischen diesen beiden wenig sympathischen Charakteren der fast idiotische, betrunkene Großfürst, ihr Gemahl, der ihr ohne Scham alle seine Liebesabenteuer erzählt.

Als Großfürstin und Gemahlin Peters war die Lage Katharinas in jeder Beziehung erniedrigend. Neben dem gemeinsamen Schlafzimmer, und nur durch eine Bretterwand getrennt, hält er einen stinkenden Hundestall und dressiert seine Meute; in seinem Wohnzimmer hängt er eine Ratte auf und bezeichnet dies als eine kriegsgesetzliche Handlung, denn die Ratte habe es gewagt, eine Schildwache aus Zunder, womit der Großfürst täglich spielte, aufzufressen. Als drastisches Exempel sollte die Rattenleiche drei Tage im Zimmer hängen bleiben. Ein anderesmal, als er wie gewöhnlich unmenschlich betrunken ins Schlafzimmer kommt, wo seine Frau schon im Bett liegt, stellt sich Katharina, als ob sie fest schliefe, weil sie es satt ist, fortwährend seine Maitressengeschichten mit anzuhören. Er schreit und tobt, aber sie hört nicht. Da weckt er sie mit Faustschlägen und geht dann fluchend weg. Und die arme junge Frau weint die ganze Nacht.

Peter spielte leidenschaftlich gern mit Puppen und anderm Tand und benutzte, da man ihm tagsüber aufpaßte, die Nächte dazu. Wohl oder übel mußte auch Katharina, die zu jener Zeit noch mit ihrem Gemahl das Bett teilte, sich an diesen kindischen Vergnügungen beteiligen. Und geduldig ließ sie alles über sich ergehen.

Aber es sollte noch schlimmer kommen! Man fängt an, sie systematisch zu verderben. Man macht ihr den Vorwurf, daß sie keine Kinder bekommt; und als es sich herausstellt, daß die Schuld nicht an ihr liegt, läßt man ihr durchblicken, eine Großfürstin habe, wenn es sich um das Wohl des Landes handele, nicht die Tugend als erstes in die Wagschale zu werfen. Man geht weiter! Ihre Oberhofmeisterin, die als sittenstreng bekannte Madame Tschoglokoff, läßt ihr die Wahl zwischen zwei Kammerherrn: Leon Narischkin und Sergius Soltikoff, weil sie gemerkt hat, daß Katharina besonders einen von ihnen – welchen weiß sie nicht bestimmt – nicht ungern sieht. Und als die Großfürstin auf die Frage ihrer Anstandsdame: »Wenn ich nicht irre, so ist es Narischkin?« lebhaft mit »Nein, nein« antwortet, da ruft diese zynisch aus: »Nun, so ist es eben der andere!« Und er war es! Katharina macht nun kein Hehl mehr aus ihrem Verhältnis zu dem schönen Sergius. Sie liebt ihn ja auch wirklich, liebt wohl zum ersten Male. Sie läßt sogar in ihren Erinnerungen durchblicken, daß Soltikoff der Vater ihres Sohnes Paul ist.Diese Tatsache war schon zu ihren Lebzeiten, also lange vor Bekanntwerden Ihrer Erinnerungen in Hofkreisen bekannt.

Nachdem aber die Grenzen des Wohlanständigen einmal überschritten sind, wirft sie sich neuen Leidenschaften in die Arme. »Wenn man gefällt,« sagt sie mit einem fatalistischen Anflug in ihren Memoiren, »so ist der erste Teil der Verführung schon vollzogen, und der zweite kommt leicht dazu.« Sergius Soltikoff bekommt einen Nachfolger: Graf Poniatowski, der später von ihr zum König von Polen gemacht wird. Seine äußere Erscheinung, obwohl ebenfalls edel, konnte zwar nicht mit der glänzenden Schönheit Sergius' konkurrieren, aber er besaß mehr innern Gehalt, war ganz Weltmann und außerordentlich unterrichtet. Dieser Verbindung schreibt man die Geburt ihrer Tochter Anna zu. Und nun fliegt Katharina aus einem Arm in den andern, bis sie sich schließlich, nur ihrer maßlosen Sinnlichkeit folgend, ohne Wahl einem jeden, der ihr gerade gutdünkt, hingibt.

Aber merkwürdig, diese Frau, die so wenig ihre menschlichen Schwächen beherrschen konnte, die tiefer als die geringste ihrer Untertaninnen sank, wenn sie mit ihren Günstlingen wüste Gelage feierte, blieb in der Oeffentlichkeit immer die stolze, achtunggebietende Herrscherin, eine kluge, geistreiche Frau, die ihrem Lande, wie keine andere, eine Zukunft sicherte. Neben den Orgien, die sie zu feiern liebte, vergaß sie doch nie die Pflege ihres Geistes. Bis an ihr Lebensende hat sie unermüdlich gelernt. Dicke Bände hat sie durchgewälzt, mit den bedeutendsten Gelehrten, Dichtern, Schriftstellern und Philosophen ihrer Zeit ist sie in Beziehungen und Briefwechsel gestanden, Voltaire, Diderot und Grimm waren ihre vertrauten Ratgeber. Sie hat Paläste gebaut, Schulen, Kirchen, öffentliche Anstalten errichtet, und das heutige Rußland verdankt viele seiner Gebäude und Einrichtungen allein ihr, der großen Katharina, der einstigen kleinen deutschen Prinzessin von Anhalt-Zerbst.

Leider brechen die Aufzeichnungen der Kaiserin gegen Ende des Jahres 1759, also zwei Jahre vor ihrer Thronbesteigung, plötzlich ab. Verschiedene Leute behaupten, es seien noch Notizen vorhanden gewesen, die zu einer Weiterbearbeitung und Fortsetzung des Manuskriptes gute Dienste hätten leisten können, aber Paul habe dieselben verbrannt. Wieviel daran Wahres ist, hat bis jetzt noch nicht ermittelt werden können, da jeder Beweis dafür fehlt. Um indes den Leser auch mit den späteren Ereignissen, die nach dem Tode Elisabeths das Land erschütterten, einigermaßen bekannt zu machen, haben wir uns entschlossen, Bruchstücke aus den Memoiren der Fürstin Daschkoff, der über die damaligen russischen Verhältnisse best unterrichteten Frau, am Schlusse des Werkes anzufügen. Ihre Berichte über das Leben am Hofe Katharinas und Peters, der freilich nur kurze Zeit den Titel eines Kaisers trug, sind nicht weniger interessant, als die Aufzeichnungen der Kaiserin selbst, denn sie lebte längere Zeit in engster Intimität mit Katharina.

Man wird sich zwar wundern, daß ihre Erzählung der Ereignisse, besonders was den Tod Peters, die Thronbesteigung Katharinas und den Charakter des Großfürsten betrifft, nicht immer mit den Berichten der Kaiserin von Rußland übereinstimmen. Aber die Ursache davon ist nicht schwer zu erraten. Katharina leugnet direkt in einem Briefe an Poniatowski, was sie bei ihrer Thronbesteigung der Fürstin Daschkoff verdankte. Warum? Weil sie das ganze Verdienst an diesem Ereignis Alexis Orloff, ihrem Geliebten, zukommen lassen wollte. Die Fürstin Daschkoff hingegen hebt sich allzusehr empor, und ihre weibliche Eitelkeit reißt sie zu Behauptungen hin, die nicht ganz der Wahrheit entsprechen. Gewiß aber ist, daß sie großen Anteil an der Thronumwälzung des Jahres 1763 gehabt hat, wenn auch die Orloffs die Leiter des Ganzen waren. Ueber den Tod Peters sind heute so ziemlich alle Zweifel gehoben, und in dieser Beziehung kommt der Bericht der Fürstin Daschkoff der Wahrheit näher, als das, was Katharina in ihrem Brief an Poniatowski darüber schreibt.


Die Mémoires de Catherine II., écrites par elle-même sind mitunter in einem ziemlich ungelenken, abgerissenen Stil geschrieben, für den zum Teil die verschiedenen Abschreiber des Originalmanuskriptes verantwortlich sein mögen. Soweit es mir angebracht erschien, habe ich diese Stilhärten in der Uebersetzung beibehalten.

G. Kuntze.

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