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Erinnerungen, Band 3

Giacomo Casanova: Erinnerungen, Band 3 - Kapitel 5
Quellenangabe
typeautobio
authorCasanova
titleErinnerungen, Band 3
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
volume3
year1911
senderwww.gaga.net
created20050330
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Viertes Kapitel

Abbé de la Ville. – Abbé Galiani. – Charakter der neapolitanischen Mundart. – Ich reise mit einem geheimen Auftrag nach Dünkirchen. – Ich fahre über Amiens nach Paris zurück. – Unbesonnene Streiche. – Herr de la Bretonnière. – Mein Bericht gefällt; ich erhalte fünfhundert Louis. – Betrachtungen.

Eine neue Bahn eröffnete sich mir. Wiederum war mir das Glück hold. Ich besaß alle Mittel, um der blinden Göttin zu Hilfe zu kommen; aber mir fehlte eine wesentliche Eigenschaft: Ausdauer. Mein Leichtsinn, meine maßlose Vergnügungssucht zerstörten die guten Gaben, die ich von der Natur empfangen hatte.

Herr von Bernis empfing mich wie gewöhnlich, das heißt weniger als Minister denn als Freund. Er fragte mich, ob ich nicht geneigt wäre, geheime Aufträge zu übernehmen.

»Werde ich auch das nötige Talent dazu haben?«

»Daran zweifle ich nicht.«

»Ich fühle mich zu allem geneigt, womit ich auf anständige Weise Geld verdienen kann. Was mein Talent anbetrifft, so verlasse ich mich recht gern auf das Urteil Eurer Exzellenz.«

Über diesen Schlußsatz lächelte er; das wollte ich gerade.

Nach einigen beiläufigen Worten über alte Erinnerungen, die die Zeit noch nicht ganz verwischt hatte, sagte der Minister mir, ich möchte in seinem Namen den Abbé de la Ville aufsuchen.

Dieser Abbé war sein erster Geheimrat, ein kalter, tiefer Politiker, die Seele des Ministeriums, und Seine Exzellenz hielt große Stücke auf ihn. Als Geschäftsträger im Haag hatte er dem Staat gute Dienste geleistet, und der dankbare König belohnte ihn, indem er ihm an seinem Todestage ein Bistum verlieh. Die Belohnung kam ein bißchen zu spät; aber Könige haben nicht immer Zeit, Gedächtnis zu haben. Der Erbe dieses braven Mannes war ein gewisser Garnier, ein Glückspilz. Er war früher Koch bei Herrn d'Argenson gewesen und hatte die beständige Freundschaft des Abbé de la Ville zu benutzen gewußt, um ein reicher Mann zu werden. Die beiden Freunde, die ungefähr gleichalterig waren, hatten ihre Testamente bei demselben Notare hinterlegt und sich gegenseitig zu Universalerben eingesetzt.

Der Abbé de la Ville hielt mir einen kurzen Vortrag über die Natur der geheimen Aufträge. Nachdem er mir auseinandergesetzt hatte, wie klug damit betraute Personen sich benehmen müßten, sagte er mir, er werde mir Bescheid geben, sobald sich etwas Passendes für mich böte; hierauf lud er mich zum Essen ein.

Bei Tische machte ich die Bekanntschaft des neapolitanischen Gesandtschaftssekretärs,Abbé Galiani. Er war ein Bruder des Marchese Galiani, von dem ich erzählen werde, wenn wir bei meiner Reise nach jenem schönen Lande angekommen sind. Abbé Galiani war ein sehr geistreicher Mann. Er besaß ein hervorragendes Talent, seinen ernsthaften Bemerkungen einen komischen Anstrich zu geben. Er sprach gut und stets ohne zu lachen und gab seinem Französisch den unwiderstehlichen neapolitanischen Akzent; daher war er in allen Gesellschaften, die er seiner Gegenwart würdigte und deren Zierde er war, außerordentlich beliebt. Der Abbé sagte ihm, Voltaire beklage sich, daß man seine Henriade in neapolitanische Verse so übersetzt habe, daß sie lächerlich geworden sei.

»Voltaire hat unrecht,« sagte Galiani, »denn es liegt in der Natur der neapolitanischen Sprache, daß man sie nicht in Verse bringen kann, ohne daß etwas Lächerliches herauskommt. Wozu übrigens sich ärgern, wenn man Lachen erregt? Dieses ist nicht gleichbedeutend mit Spott; wer die Menschen vor Vergnügen zum Lachen bringt, ist stets sicher, geliebt zu werden. Stellen Sie sich nur den eigentümlichen Charakter der neapolitanischen Mundart vor! Wir haben eine Übersetzung der Bibel und eine der Ilias, und beide reizen zum Lachen.«

»Von der Bibel will ich es gern glauben; aber von der Ilias überrascht es mich.«

»Es ist aber doch wahr.«

Ich kehrte erst am Tage vor der Abreise des Fräuleins de la Meure, die inzwischen Frau P. geworden war, nach Paris zurück. Ich glaubte nicht umhin zu können, Frau *** aufzusuchen, um meiner früheren Geliebten Glück und gute Reise zu wünschen. Ich fand sie fröhlich und vollkommen zufrieden; weit entfernt, mich zu ärgern, freute ich mich darüber; dies war ein sicheres Zeichen meiner völligen Heilung. Wir sprachen ganz ungezwungen miteinander, und ihr Gatte schien ein vortrefflicher Mann zu sein. Auf ihr Bitten versprach ich ihr, sie in Dünkirchen zu besuchen, obwohl ich nicht im entferntesten daran dachte, mein Wort zu halten; aber die Umstände fügten es anders.

Tiretta blieb nun also allein mit seinem Püppchen. Sie wurde von Tag zu Tag verrückter und immer mehr in ihren Lindor verliebt, der ihr so zahlreiche Beweise seiner Liebe und Treue gab.

Ich selber machte in dem ruhigen Leben, das ich nun führte, wie ein Schüler in platonischer Liebe meiner Manon Baletti den Hof, und diese gab mir täglich irgendeinen neuen Beweis der Fortschritte, die ich in ihrem Herzen machte.

Die Gefühle der Freundschaft und Achtung, die mich mit ihrer Familie verbanden, schlossen jeden Gedanken an Verführung aus; da ich aber immer verliebter wurde und nicht daran dachte, um ihre Hand anzuhalten, so wurde es mir schwer, mir selber Rechenschaft zu geben, was ich eigentlich bezweckte; ich ließ mich gedankenlos gehen, wie ein unbewegter Körper, der von der Strömung fortgetrieben wird.

Im Anfang des Monats Mai schrieb Abbé de Bernis mir, ich möchte ihn in Versailles aufsuchen, mich aber vorher beim Abbé de la Ville einfinden. Dieser empfing mich mit der Frage, ob ich mir wohl zutraue, acht oder zehn Kriegsschiffe, die auf der Reede von Dünkirchen lägen, zu besuchen, indem ich auf geschickte Weise mit den befehligenden Offizieren Bekanntschaft machte, so daß ich imstande wäre, ihm einen ausführlichen Bericht über die Verproviantierung jeder Art, die Anzahl der Matrosen jedes Schiffes, den Vorrat an Munition, die Verwaltung, die Polizei usw. einzureichen.

»Ich werde den Versuch machen; nach meiner Rückkehr werde ich Ihnen den Bericht einreichen, und Sie werden mir sagen, ob ich meine Sache gut gemacht habe.«

»Da es sich um eine geheime Sendung handelt, kann ich Ihnen keinen Brief geben; ich kann Ihnen nur eine glückliche Reise wünschen und Geld geben.«

»Ich will kein Geld zum voraus, Herr Abbé; wenn ich wieder zurück bin, können Sie mir geben, was ich nach Ihrer Meinung verdient habe. Bis zur Abreise brauche ich mindestens drei Tage; denn ich muß mir erst einige Empfehlungsbriefe verschaffen.«

»Nun, suchen Sie nur bis Ende des Monats wieder hier zu sein. Weiter ist nichts nötig.«

An demselben Tage hatte ich im Palais Bourbon eine Unterhaltung mit meinem Beschützer; er bewunderte mein Zartgefühl, daß ich keine Vorauszahlung hatte annehmen wollen, und benutzte sogleich den Umstand, um mich in seiner vornehmen Weise zu nötigen, eine Rolle von hundert Louis anzunehmen. Seitdem habe ich mich nicht mehr in der Notwendigkeit befunden, die Börse des freigebigen Mannes in Anspruch zu nehmen, nicht einmal in Rom, wo ich ihn vierzehn Jahre später traf.

»Da es sich um einen geheimen Auftrag handelt, mein lieber Casanova, so kann ich Ihnen keinen Paß geben; es tut mir leid, aber Sie würden sich dadurch verdächtig machen. Um diesem Übelstande abzuhelfen, werden Sie sich leicht unter irgendeinem Vorwand einen Paß vom Ersten Edelmann der Kammer verschaffen können. Am besten wird Ihnen hierbei Sylvia behilflich sein können. Sie sehen wohl ein, wie vorsichtig Sie sich benehmen müssen. Vermeiden Sie besonders, sich in irgendwelche Händel einzulassen; denn Sie wissen wohl, daß Ihnen eine Berufung auf Ihren Auftraggeber nichts nützen würde, falls Ihnen irgendetwas zustoßen sollte. Man würde gezwungen sein, Sie zu verleugnen; denn die einzigen anerkannten Spione sind die Gesandten. Vergessen Sie nicht, daß Sie mehr Zurückhaltung und Umsicht beobachten müssen als diese; daß Sie aber, wenn Sie Erfolg haben wollen, diese beiden Eigenschaften nicht merken lassen dürfen, sondern daß Sie ungezwungen und natürlich auftreten müssen, um Vertrauen zu erwecken. Wenn Sie mir nach Ihrer Rückkehr Ihren Bericht vorlegen wollen, ehe Sie ihn dem Abbé de la Ville einreichen, so werde ich Ihnen sagen, was etwa gestrichen oder hinzugefügt werden könnte.«

Ganz voll von dieser Angelegenheit, von deren Bedeutung ich mir eine um so übertriebenere Vorstellung machte, als ich ein villiger Neuling war, sagte ich zu Sylvia, ich wünschte einige mir bekannte Engländer nach Calais zu begleiten und sie würde mir ein Vergnügen machen, wenn sie mir vom Herzog von Gesvres einen Paß verschaffte. Die würdige Dame, die mir gern in allen Dingen gefällig war, schrieb sofort einen Brief an den Herzog; sie sagte mir, ich müßte diesen selbst bestellen, weil derartige Pässe nur mit einer genauen Beschreibung der empfohlenen Person ausgestellt würden. Sie galten nur für die sogenannte Isle-de-France, aber sie wurden im ganzen Norden des Reiches anerkannt.

Mit Sylvias Empfehlung versehen und von ihrem Mann begleitet, begab ich mich zum Herzog, der auf seinem Landgut St. Quen war; kaum hatte er den von mir überreichten Brief angesehen, so ließ er mir den Paß ausstellen. Nachdem dieses in Ordnung war, fuhr ich nach La Villette, um Frau *** zu fragen, ob sie mir etwas für ihre Nichte aufzutragen hätte. »Sie könnten ihr«, antwortete sie, »den Kasten mit den Porzellanfiguren bringen, wenn Herr Corneman sie noch nicht geschickt hat.« Ich suchte den Bankier auf, erhielt den Kasten und gab ihm hundert Louis gegen einen Kreditbrief auf ein Dünkirchener Haus, indem ich ihn bat, mich ganz besonders zu empfehlen, da ich zu meinem Vergnügen hinginge. Herr Corneman tat dies alles mit Vergnügen und ich reiste denselben Abend ab; drei Tage später stieg ich in Dünkirchen im Gasthof zur Conciergerie ab.

Eine Stunde nach meiner Ankunft überraschte ich die liebenswürdige Frau P. auf die angenehmste Weise, indem ich ihr den Kasten nebst Grüßen von ihrer Tante überbrachte. Während sie mir ihren Mann lobte, der sie glücklich mache, trat dieser ein. Er war hocherfreut, mich zu sehen, und bot mir ein Zimmer an, ohne mich zu fragen, ob ich mich längere oder kürzere Zeit in Dünkirchen aufhalten werde. Ich dankte ihm natürlich, versprach ihm zuweilen zum Essen zu kommen und bat ihn, mich zu dem Bankier zu führen, an welchen mich Herr Corneman empfohlen hatte.

Der Bankier hatte kaum meinen Brief gelesen, so zählte er mir hundert Louis auf und bat mich, ihn gegen Abend in meinem Gasthof zu erwarten; er werde mich mit dem Kommandanten abholen. Dieser, ein Herr de Barail, war sehr höflich, wie es die Franzosen im allgemeinen sind, und bat mich, nachdem er die üblichen Fragen an mich gerichtet hatte, mit ihm und seiner Gemahlin, die noch im Theater war, zu Abend zu speisen. Die Dame nahm mich ebenso freundlich auf wie ihr Mann. Nach dem ausgezeichneten Abendessen erschienen noch mehrere Personen, und man begann zu spielen; ich nahm jedoch nicht daran teil, da ich zuerst die Anwesenden studieren wollte, besonders mehrere Land- und Seeoffiziere, die sich unter der Gesellschaft befanden. Indem ich mit Vorliebe von allen europäischen Flotten sprach und mich für einen Kenner ausgab, da ich im Seeheere meiner kleinen Republik gedient hätte, so brauchte ich nur drei Tage, um nicht nur alle Linienschiffskapitäne persönlich kennen zu lernen, sondern sogar mit ihnen befreundet zu werden. Ich sprach ins Blaue hinein über den Bau von Kriegsschiffen und über die venetianische Art des Manövrierens und ich bemerkte, daß die braven Seeleute mir mit noch größerer Teilnahme zuhörten, wenn ich Dummheiten sagte, als wenn ich etwas Gutes vorbrachte.

Am vierten Tage lud einer von diesen Kapitänen mich zum Essen an Bord seines Schiffes ein, und dies genügte für mich, um von allen anderen ebenfalls eingeladen zu werden. Der Kapitän, der mir die Ehre erwies, behielt mich den ganzen Tag bei sich. Ich zeigte mich neugierig nach allem, und Seeleute sind so vertrauensselig! Ich stieg in den Schiffsraum hinunter, stellte hundert Fragen und fand so viele junge Offiziere, die gerne wichtig taten, daß es mir keine Mühe machte, sie zum Plaudern zu bringen. Ich ließ mir im Vertrauen alles sagen, was ich für meinen Bericht nötig hatte; sobald ich am Abend zu Hause war, brachte ich sehr sorgfältig alle meine Beobachtungen, gute wie schlechte, zu Papier. Ich schlief nur vier oder fünf Stunden, und in vierzehn Tagen glaubte ich genügend Bescheid zu wissen.

Von Liebeleien, Spiel und den Leichtfertigkeiten, denen ich mich für gewöhnlich hingab, war auf dieser Reise gar nicht die Rede; meine Sendung beschäftigte mich ganz und gar und lenkte alle meine Schritte. Ich dinierte nur ein einziges Mal bei Cornemans Bankier, einmal bei Frau P. in der Stadt und ein anderes Mal in einem hübschen Landhause eine Stunde von Dünkirchen, das ihr Gatte besaß. Sie fuhr mit mir hinaus, und bei meinem Zusammensein mit dieser Frau, die ich so sehr geliebt hatte, entzückte ich sie durch mein zartfühlendes Benehmen; denn ich bezeigte ihr nur meine ehrfurchtvolle Freundschaft. Da ich sie reizend fand und meine Verbindung mit ihr erst seit sechs Wochen zu Ende war, so war ich erstaunt über die Ruhe meiner Sinne, denn ich kannte mich selber zu gut, um meine Zurückhaltung meiner Tugend zuzuschreiben. Woher kam das? Ein italienisches Sprichwort, das die Natur erklärt, gibt den richtigen Grund an: La monna non vuol pensiere – Die Frau verträgt keinen anderen Gedanken, und mein Kopf war voll von solchen.

Da ich mit meinem Auftrage fertig war, verabschiedete ich mich von allen Bekannten und setzte mich in meinen Postwagen, um nach Paris zurückzufahren. Zu meinem Vergnügen wählte ich einen anderen Weg als den, auf welchem ich gekommen war. Gegen Mitternacht verlangte ich auf irgendeiner Poststation Pferde, aber man machte mich darauf aufmerksam, daß die nächste Poststelle die Festung Aire sei, und daß man dort bei Nacht nicht Einlaß finde. »Pferde her!« rief ich; »ich werde mir öffnen lassen.« Man gehorchte mir, und bald waren wir vor dem Tor der Festung. Der Kutscher knallte mit der Peitsche.

»Wer da?«

»Kurier!«

Nachdem man mich eine Stunde hatte warten lassen, öffnete man das Tor und sagte, ich müßte mit dem Kommandanten sprechen. Fluchend, wie wenn ich eine Person von Bedeutung wäre, gehorchte ich. Man führte mich vor den Alkoven eines Mannes, der mit einer eleganten Nachtmütze auf dem Kopf an der Seite einer sehr hübschen Frau im Bett lag.

»Für wen sind Sie Kurier?«

»Für niemanden; aber da ich es eilig habe...«

»Genug. Wir werden morgen darüber sprechen; einstweilen bleiben Sie in der Wachtstube. Lassen Sie mich schlafen!«

»Aber, Herr Kommandant...«

»Bitte, jetzt kein aber; gehen Sie.«

Man führte mich in die Wachtstube, wo ich die Nacht sitzend auf der Erde verbrachte. Sobald der Tag erscheint, mache ich Lärm. Ich schreie, ich fluche: ich will abreisen. Kein Mensch antwortet mir.

Es schlägt zehn Uhr. Über alle Maßen ungeduldig, schreie ich den Offizier an und sage ihm: der Kommandant habe es allerdings in der Macht, mich ermorden zu lassen; aber man könne mir nicht Schreibzeug verweigern und müsse mir die Freiheit lassen, einen Kurier nach Paris zu schicken.

»Bitte, wie ist Ihr Name, mein Herr?«

»Hier ist mein Paß.«

Er sagt mir, er werde ihn dem Kommandanten bringen; ich reiße ihm das Papier aus der Hand.

»Wünschen Sie, daß ich Sie zu ihm führe?«

»Gern.«

Wir gehen. Der Offizier tritt zuerst ein und holt mich zwei Minuten darauf, um mich vorzustellen. Ich überreiche mit stolzer Miene und schweigend meinen Paß. Der Kommandant liest ihn, sieht mich prüfend an, um sich zu überzeugen, daß die Beschreibung stimmt, gibt mir den Paß zurück, sagt mir, ich sei frei, und befiehlt dem Offizier, mir Postpferde verabfolgen zu lassen.

»Jetzt, Herr Kommandant, habe ich es nicht mehr so eilig. Ich werde einen Kurier nach Paris schicken und dessen Rückkehr abwarten. Indem Sie meine Reise verzögerten, haben Sie das Völkerrecht verletzt.«

»Im Gegenteil, Sie haben es verletzt, indem Sie sich für einen Kurier ausgaben.«

»Ich habe Ihnen im Gegenteil gesagt, ich sei es nicht.«

»Ja, aber Sie haben es dem Postillon gesagt, und das genügt.«

»Der Postillon hat gelogen; denn ich habe ihm nichts weiteres gesagt, als daß ich mir würde öffnen lassen.«

»Warum haben Sie mir nicht Ihren Paß gezeigt?«

»Warum haben Sie mir nicht die Zeit dazu gelassen? Übrigens werden wir ja in drei oder vier Tagen sehen, wer von uns beiden recht hat.«

»Tun Sie, was Ihnen beliebt.«

Ich ging; der Offizier führte mich nach der Post, und gleich darauf sah ich meinen Wagen kommen. Die Post war zugleich Gasthof; ich wandte mich an den Posthalter und sagte ihm, er solle mir einen Boten bereit halten, mir ein gutes Zimmer mit einem guten Bett geben und mir eine gute Fleischbrühe auftragen lassen. Später würde ich zu Mittag essen, und ich machte ihn darauf aufmerksam, daß ich gewohnt sei, gut zu leben. Ich ließ meinen Koffer und alle Sachen, die ich in meinem Wagen hatte, auf mein Zimmer bringen. Nachdem ich mich ausgezogen und gewaschen hatte, setzte ich mich zum Schreiben hin; nur wußte ich nicht, an wen ich schreiben sollte, denn im Grunde hatte ich unrecht. Aber ich hatte mich nun einmal darauf eingelassen, den Wichtigen zu spielen, und ich glaubte es meiner Ehre schuldig zu sein, die Rolle durchzuführen; zurückweichen konnte ich ja immer noch. Nur ärgerte ich mich, daß ich mich verpflichtet hatte, in Aire zu bleiben, bis der Kurier zurückkehrte, den ich in den Mond schicken wollte. Indessen, da ich die ganze Nacht kein Auge hatte schließen können, so hatte ich immerhin die Aussicht, zu Bett zu gehen und mich auszuruhen. Ich war im Hemde und trank gerade die Fleischbrühe, die man mir gebracht hatte, als ich den Kommandanten ganz allein eintreten sah. Sein Erscheinen überraschte mich und machte mir Vergnügen.

»Das Vorgefallene tut mir leid, mein Herr, besonders deshalb, weil Sie Grund zur Klage zu haben glauben, während ich doch nur meine Pflicht getan habe; denn wie in aller Welt konnte ich annehmen, daß Ihr Postkutscher Sie ohne Ihren Befehl als Kurier ausgegeben hätte?«

»Dies ist alles sehr schön, Herr Kommandant; aber Ihre Pflicht ging nicht so weit, mich aus Ihrem Zimmer zu weisen.«

»Ich hatte Schlaf nötig.«

»Ich befinde mich jetzt in dem gleichen Fall, aber die Höflichkeit verhindert mich, es ebenso zu machen wie Sie.«

»Darf ich mir erlauben, Sie zu fragen, ob Sie jemals gedient haben?«

»Ich habe zu Lande und zu Wasser gedient, und ich verließ den Dienst in einem Alter, wo viele erst anfangen.«

»Dann müssen Sie wissen, daß man bei Nacht die Tore einer Festung nur königlichen Kurieren oder höheren militärischen Befehlshabern öffnet.«

»Allerdings; aber sobald man das Tor einmal geöffnet hatte, war es geschehen; und wenn etwas nicht mehr zu ändern ist, kann man höflich sein.«

»Sind Sie der Mann, sich anzukleiden und einen Spaziergangs, mit mir zu machen?«

Sein Vorschlag gefiel mir um so mehr, als der Gedanke mich geärgert hatte, daß er mich mit hochmütigem Stolz behandelte. Schnell einen Degenstoß auszuteilen oder zu empfangen, hatte für mich großen Reiz, zumal da hierdurch alle Schwierigkeiten beseitigt wurden und ich aus aller Verlegenheit herauskam. Ich antwortete ihm ruhig und ehrerbietig, die Ehre mit ihm einen Spaziergang zu machen veranlasse mich, jedes andere Geschäft aufzuschieben. Ich bat ihn höflich, solange Platz nehmen zu wollen, bis ich mich schnell angezogen hätte.

Ich zog meine Hosen an und warf die prachtvollen Pistolen, die ich in den Taschen hatte, auf das Bett; ich ließ den Friseur heraufkommen, und in zehn Minuten war ich mit dem Anziehen fertig. Ich schnallte meinen Degen um, und wir gingen.

Ziemlich schweigsam durchschritten wir zwei oder drei Straßen, traten durch einen Torweg in einen Hof, den ich für einen Durchgang hielt, und hielten in der Ecke vor einer Türe still. Mein Führer lud mich ein, einzutreten, und ich sah mich plötzlich in einem schönen Saal mit zahlreicher Gesellschaft. Ich dachte gar nicht daran, mich zurückzuziehen, sondern fühlte mich sofort wie zu Hause.

»Dies, mein Herr, ist meine Frau; und dies«, fuhr er ohne Unterbrechung fort, »ist Herr von Casanova, der mit uns speisen wird.«

»Es freut mich außerordentlich, mein Herr; denn sonst würde ich Ihnen nie verziehen haben, daß Sie mich heute Nacht haben wecken lassen.«

»Mein Vergehen habe ich allerdings grausam gebüßt, gnädige Frau; aber nachdem ich ein solches Fegefeuer überstanden habe, erlauben Sie mir nun, mich in diesem Paradiese glücklich zu fühlen.«

Sie sah mich mit einem reizenden Lächeln an und lud mich ein, neben ihr Platz zu nehmen. Sie setzte ihre Spielpartie fort, zugleich aber auch die Unterhaltung mit mir, soweit eben die Aufmerksamkeit auf die Karten es erlaubte.

Ich sah, daß ich nach allen Regeln der Kunst angefühlt worden war, aber die Mystifikation war so anmutig, daß ich nicht daran denken konnte, mich darüber zu ärgern. Mir blieb nichts anderes übrig, als gute Miene zu machen, und dies fiel mir um so leichter, da ich mich auch mit aufrichtigem Vergnügen von der törichterweise auf mich genommenen Verpflichtung befreit sah, einen Kurier ins Blaue hineinzuschicken.

Der Kommandant, seines Sieges froh und im geheimen stolz darauf, war plötzlich heiter geworden; er sprach von Kriegs-, Hof- und Staatsangelegenheiten und richtete oft das Wort an mich, mit jener Liebenswürdigkeit und Ungezwungenheit, die die gute Gesellschaft Frankreichs so trefflich mit der Beobachtung der Formen zu vereinigen weiß; man hätte schwerlich erraten können, daß jemals ein Streit zwischen uns vorgefallen war. Er hatte diese angenehme Lage herbeizuführen gewußt und war dadurch zum Helden des Stückes geworden; aber wenn ich auch nur in zweiter Reihe stand, so glänzte ich darum doch nicht weniger; denn aus allem ging hervor, daß ich einen alten höheren Offizier zu nötigen gewußt hatte, mir eine Genugtuung zu geben, die um so schmeichelhafter war, da sie bewies, daß ich ihm trotz meiner jugendlichen Unbesonnenheit Achtung eingeflößt hatte.

Das Essen wurde aufgetragen. Da der Erfolg meiner Rolle nur davon abhing, wie ich sie spielte, so bin ich selten besser aufgelegt gewesen als bei diesem Essen, wo nur angenehme Gespräche geführt wurden; besonders ließ ich es mir angelegen sein, die Frau Kommandantin glänzen zu lassen. Sie war eine reizende Frau, sehr hübsch und noch jung, denn sie war mindestens dreißig Jahre jünger als ihr teurer Gatte. Von dem Mißverständnis, dem ich einen sechsstündigen Aufenthalt in der Wachtstube verdankte, wurde kein Wort gesprochen; aber beim Nachtisch hätte der Kommandant durch eine überflüssige Frozzelei beinahe etwas Böses angerichtet.

»Es war sehr gütig von Ihnen, zu glauben, daß ich mich mit Ihnen schlagen würde. Ich habe Sie auf einen Leim gelockt.«

»Wer sagt Ihnen, daß ich an ein Duell geglaubt habe?«

»Gestehen Sie, Sie haben daran geglaubt.«

»Ich bestreite es; denn zwischen glauben und vermuten ist ein großer Unterschied. Das eine ist positiv, das andere rechnet nur mit einer gewissen Möglichkeit, übrigens gebe ich zu, daß Ihre Einladung zu einem Spaziergang mich neugierig gemacht hatte, zu erfahren, worauf Sie hinauswollten, und ich bewundere Ihren Geist. Indessen werden Sie mir wohl glauben, wenn ich Ihnen versichere, daß ich mich durchaus nicht für angeführt halte; ich fühle mich ganz im Gegenteil so befriedigt, daß ich Ihnen dankbar bin.«

»Und wenn mir, mein Herr, nach dem Vorgefallenen noch ein Bedauern bleibt, so ist es das, Sie nicht noch länger besitzen zu können.«

Das Kompliment war schmeichelhaft und ich würde darauf erwidert haben, wenn man nicht im selben Moment von Tische aufgestanden wäre. Am Nachmittag gingen wir spazieren; ich reichte der gnädigen Frau den Arm, und sie war entzückend; am Abend aber verabschiedete ich mich, und am nächsten Tage reiste ich in der Frühe ab, nachdem ich vorher noch meinen Bericht ins Reine geschrieben hatte.

Um fünf Uhr morgens schlief ich in meinem Wagen, als ich geweckt wurde. Wir waren am Tore von Amiens. Der Lästige, der an meinem Wagenschlage stand, war ein Zollbeamter, gehörte also zu einer überall und nicht ohne Grund verabscheuten Menschenklasse; denn abgesehen davon, daß diese Leute im allgemeinen unhöflich und schikanös sind, so macht nichts die Sklaverei so fühlbar, wie ihr zudringliches Nachspüren, das sich sogar auf das Handgepäck und auf die geheimsten Kleidungsstücke erstreckt. Der Beamte fragte mich, ob ich nichts Verbotenes bei mir habe. Ich war schlechter Laune, wie jeder Mensch, der aus süßem Schlaf gerissen wird, um eine lästige Frage beantworten zu müssen; ich antwortete ihm fluchend: »Nein! Sie hätten mich wohl auch schlafen lassen können.«

»Da Sie grob sind,« versetzte der Kerl, »so wollen wir doch mal sehen.«

Er befahl dem Postillon, mit meinem Wagen hineinzufahren, und ließ meine Koffer abschnallen. Ich konnte ihn daran nicht hindern, ballte die Fäuste im Sack und schwieg.

Ich merkte, welchen Fehler ich gemacht hatte, aber daran war nichts mehr zu ändern, übrigens hatte ich nichts Steuerpflichtiges und brauchte deshalb auch nichts zu befürchten; aber mein Ungestüm sollte mir zwei langweilige Stunden kosten. Das Vergnügen der Rache stand auf ihren unverschämten Gesichtern geschrieben. Zu jener Zeit waren die Steuerbeamten in Frankreich der Abschaum des gemeinsten Gesindels; aber wenn sie sich von vornehmen Leuten höflich behandelt sahen, setzten sie eine Ehre darein, umgänglich zu sein. Ein Vierundzwanzigsousstück freundlich ihnen in die Hand gedrückt, machte sie geschmeidig wie einen Handschuh. Sie machten den Reisenden ihre Verbeugung und wünschten ihnen gute Reise, ohne sie zu belästigen. Ich wußte das; aber es gibt Augenblicke, wo der Mensch ohne Überlegung handelt, und dies war mir passiert; dafür mußte ich nun leiden.

Die Henkersknechte packten meine Koffer aus und breiteten sogar meine Hemden aus, weil ich nach ihrer Behauptung zwischen diesen englische Spitzen versteckt haben könnte.

Nachdem sie alles durchsucht hatten, gaben sie mir meine Schlüssel wieder; aber damit war die Sache noch nicht zu Ende: mein Wagen mußte auch noch durchsucht werden. Der Halunke, der dies zu besorgen hatte, rief plötzlich Viktoria! Er hatte den Rest von einem Pfund Tabak gefunden, das ich nach der Hinreise nach Dünkirchen in St. Omer gekauft hatte.

Sofort befahl der Cartouche der Bande mit triumphierender Stimme, meinen Wagen mit Beschlag zu belegen, und sagte mir, ich hätte außerdem zwölfhundert Franken Buße zu bezahlen.

Nun war aber meine Geduld zu Ende. Ich überlasse es dem Leser, die Namen zu erraten, mit denen ich die Spitzbubengesellschaft belegte; aber gegen Worte waren sie gepanzert. Ich befahl ihnen, mich zum Intendanten zu führen.

»Gehen Sie hin, wenn Sie Lust haben,« antworteten Sie mir; »hier haben Sie keinem was zu befehlen.«

Umgeben von einer großen Anzahl von Neugierigen, die der Lärm angelockt hatte, lief ich mit langen Schritten wie ein Rasender in die Stadt. Ich trat in den ersten Laden ein, den ich offen fand, und bat den Besitzer, mich zum Intendanten führen zu lassen. Ich erzählte, was mir zugestoßen war, und ein anständig aussehender Mann, der sich in dem Laden befand, sagte mir, er werde das Vergnügen haben, mich selber zu ihm zu begleiten, indessen würde ich ihn wahrscheinlich nicht finden, weil man ihn ohne Zweifel schon benachrichtigt hätte.

»Wenn Sie nicht bezahlen oder Bürgschaft stellen, werden Sie schwerlich aus dieser üblen Lage herauskommen.«

Ich bat ihn, mich nur in die Stadt zu führen und im übrigen mich machen zu lassen. Er riet mir, nur das Gesindel, das mich begleitete, vom Halse zu schaffen, indem ich den Leuten einen Louis zum Vertrinken gäbe. Ich bat ihn, dies zu besorgen, gab ihm den Louis, und die Sache war bald in Ordnung. Der Herr war ein ehrenwerter Sachwalter, der seine Leute kannte.

Wir kamen zum Intendanten; aber der Herr war nicht da, wie mein Führer richtig vorausgesehen hatte. Der Hausmeister sagte uns, der Intendant sei allein ausgegangen und würde erst nachts nach Hause kommen; wo der Herr speise, wisse er nicht.

»Nun, so ist der Tag verloren,« sagte der Sachwalter.

»Lassen Sie uns überall suchen, wo er sein kann; er muß doch bestimmte Gewohnheiten, er muß Freunde halben; wir werden ihn entdecken. Ich gebe Ihnen einen Louis für Ihren Tag; wollen Sie mir das Vergnügen machen, ihn mir zu opfern?«

»Sie haben über mich zu verfügen.«

Vier oder fünf Stunden lang suchten wir ihn vergeblich in zehn oder zwölf Häusern. Überall sprach ich mit den Herren und schilderte in übertriebenen Ausdrücken die Geschichte, die man mir auf den Hals geladen hatte. Man hörte mich an, man bedauerte mich; aber man konnte mir zum Troste nichts anderes sagen, als daß er ganz gewiß zum Schlafen nach Hause kommen würde und daß er mich dann wohl anhören müsse. Das konnte mir natürlich nichts nützen, und so setzte ich denn mein Suchen fort.

Um ein Uhr führte mein Sachwalter mich zu einer alten Dame, die in der Stadt ein großes Ansehen genoß. Sie saß ganz allein bei Tisch. Nachdem sie mich aufmerksam angehört hatte, sagte sie mir sehr ruhig, sie glaube keine Indiskretion zu begehen, wenn sie einem Fremden den Aufenthaltsort eines Mannes verrate, der von Berufs wegen niemals unzugänglich sein dürfe.

»Ich kann Ihnen also enthüllen, was kein Geheimnis ist. Meine Tochter sagte mir gestern Abend, sie sei bei Frau N. zum Mittagessen eingeladen, und der Intendant werde ebenfalls dort sein. Gehen Sie also sofort dorthin; Sie werden ihn bei Tische in der allerbesten Gesellschaft von Amiens finden; aber«, fügte sie lächelnd hinzu, »ich rate Ihnen unangemeldet einzutreten. Die Bedienten, die zur Aufwartung bei Tische aus- und eingehen, werden Ihnen den Weg zeigen, ohne daß Sie zu fragen brauchen. Sie werden einfach gegen seinen Willen mit ihm sprechen, und obgleich er Sie nicht kennt, wird er doch von Ihnen die ganz entsetzliche Geschichte hören, die Sie mir in Ihrem gerechten Zorn erzählt haben. Es tut mir nur leid, daß ich bei diesem hübschen Knalleffekt nicht zugegen sein kann.«

Ich empfahl mich der ehrenwerten Dame, indem ich ihr meinen besten Dank aussprach, und begab mich in aller Eile mit meinem Sachwalter, der vor Müdigkeit kaum noch weiter konnte, nach dem mir bezeichneten Ort. Ohne die geringste Schwierigkeit trat ich mit der Dienerschaft und meinem Führer in den Saal, wo mehr als zwanzig Personen an einer reich besetzten Tafel saßen.

»Entschuldigen Sie, meine Damen und Herren, wenn ich in dem schrecklichen Zustand, worin Sie mich sehen, mich gezwungen sehe, Ihre Ruhe und die Freude Ihres Festes zu stören!«

Bei dieser Ansprache, die ich mit der Stimme eines Jupiters Tonans vorbrachte, sprangen alle Anwesenden auf. Meine Haare hingen mir um den Kopf; ich war schweißüberströmt; meine Blicke mußten denen einer Tisiphone gleichen. Man stelle sich die Überraschung vor, die mein Erscheinen in dieser zahlreichen Gesellschaft reizender Frauen und eleganter Kavaliere hervorbringen mußte.

»Seit sieben Uhr früh suche ich von Tür zu Tür in allen Straßen dieser Stadt den Herrn Intendanten, den ich glücklicherweise endlich hier finde, denn ich weiß bestimmt, daß er hier ist, und wenn er Ohren hat, so weiß ich, daß er in diesem Augenblick mich hört. Daher sage ich ihm: er befehle sofort seinen niederträchtigen Trabanten, die meinen Wagen mit Beschlag belegt haben, daß sie mich freilassen, damit ich meine Reise fortsetzen kann. Wenn die Steuergesetze befehlen, daß ich für sieben Unzen Tabak, den ich zu meinem eigenen Gebrauch bei mir habe, zwölfhundert Franken bezahlen soll, so erkenne ich diese Gesetze nicht an und erkläre dem Herrn, daß ich keinen Heller bezahlen will. Ich werde hier bleiben und werde einen Kurier an meinen Gesandten schicken, der sich darüber beschweren wird, daß man an meiner Person in der Isle de France das Völkerrecht verletzt hat. Ich werde Genugtuung erhalten. Ludwig der Fünfzehnte ist so groß, daß er sich nicht zum Mitschuldigen eines so ungeheuerlichen Meuchelmordes wird machen wollen. Wenn man mir nicht die Genugtuung gewährt, die ich mit vollem Recht verlange, so wird hieraus eine Staatsangelegenheit entstehen; denn meine Republik wird Vergeltung üben, nicht, indem sie Franzosen wegen einiger Prisen Tabak ermorden läßt, sondern indem sie sie ohne Ausnahme ausweist. Hier steht geschrieben, wer ich bin; lesen Sie!«

Schäumend vor Wut werfe ich meinen Paß auf den Tisch. Ein Herr ergreift ihn und liest ihn; ich weiß also, daß dies der Intendant ist. Mein Dokument ging von Hand zu Hand, und ich bemerkte Überraschung und Unwillen auf allen Gesichtern. Der Herr Intendant jedoch sagte mir hochfahrend: er sei in Amiens, um die Verordnungen ausfühlen zu lassen; ich könnte daher nur abreisen, wenn ich bezahlte oder Bürgschaft stellte.

»Wenn dies Ihres Amtes ist, so müssen Sie meinen Paß als eine Verordnung betrachten, und ich fordere Sie auf, selber für mich Bürgschaft zu leisten, wenn Sie ein Edelmann sind.«

»Leistet bei Ihnen der Adel Bürgschaft für Gesetzesübertreter?«

»Bei uns erniedrigt der Adel sich nicht so weit, entehrende Ämter auszuüben.«

»Im Dienste des Königs gibt es kein entehrendes Amt.«

»Wenn ich zum Henker spräche, würde er mir dasselbe antworten.«

»Mäßigen Sie Ihre Ausdrücke.«

»Mäßigen Sie Ihre Handlungen! Erfahren Sie, mein Herr, daß ich ein freier Mann bin, daß ich Gefühl habe, daß man mich beschimpft hat, und vor allem, daß ich keine Furcht habe. Ich fordere Sie heraus, mich zum Fenster hinauswerfen zu lassen!«

»Mein Herr,« sagt jetzt eine Dame in bestimmtem Ton zu mir, »in meinem Hause wirft man niemanden zum Fenster hinaus.«

»Gnädige Frau, in seinem Zorn braucht der Mensch Ausdrücke, die sein Herz und sein Geist verleugnen; ich leide unter der Aufregung, in die eine schreiende Ungerechtigkeit mich versetzt hat, und ich bitte Sie fußfällig um Verzeihung, daß ich Sie beleidigt habe. Bedenken Sie gütigst, daß ich zum erstenmal in meinem Leben mich unterdrückt und beschimpft sehe, und zwar in einem Reiche, wo ich nur gegen gewalttätige Angriffe der Straßenräuber auf der Hut sein zu müssen glaubte. Für diese habe ich Pistolen, für die Herren da habe ich einen Paß; aber ich finde, daß er wertlos ist. Übrigens habe ich gegen Unverschämte stets meinen Degen. Wegen sieben Unzen Tabak, die ich vor drei Wochen in St. Omer gekauft habe, plündert dieser Herr mich aus und unterbricht meine Reise, während der König mir verbürgt, daß kein Mensch sie zu unterbrechen wagen darf; man verlangt von mir fünzig Louis; man liefert mich der Wut unverschämter Beamter aus, dem Gelächter einer frechen Volksmenge, von der der brave Mann, den Sie hier sehen, mich nur durch Geld befreit hat; ich sehe mich wie einen Verbrecher behandelt, und der Mann, der mich verteidigen, ja mich beschützen soll, verbirgt sich, versteckt sich vor mir, und fügt den von mir erlittenen Beschimpfungen noch neue hinzu! Seine Sbirren, die am Tor dieser Stadt Wache halten, haben meine Kleider durchwühlt, meine Wäsche und meine Spitzen zerknittert, um sich zu rächen und mich dafür zu bestrafen, daß ich ihnen nicht ein Vierundzwanzigsousstück gegeben habe. Was mir widerfahren ist, wird morgen die große Neuigkeit für das diplomatische Korps in Versailles, für ganz Paris sein, und in einigen Tagen wird man es in allen Zeitungen lesen. Ich will nichts bezahlen, weil ich nichts schuldig bin. Sprechen Sie, Herr Intendant: Soll ich einen Kurier an den Herzog von Gesvres schicken?«

»Bezahlen Sie! Und wenn Sie das nicht wollen, so machen Sie, wozu Sie Lust haben.«

»Leben Sie wohl, meine Damen und Herren, und Ihnen, Herr Intendant, sage ich: Auf Wiedersehen!«

Im Augenblick, wo ich wie ein Rasender hinausstürzen wollte, hörte ich eine Stimme, die mir in gutem Italienisch zurief, ich möchte noch einen Augenblick warten. Ich kehrte um und erblickte einen Herrn in reiferen Jahren, der zum Intendanten sagte: »Befehlen Sie, den Herrn abreisen zu lassen; ich bürge für ihn. Verstehen Sie mich, Herr Intendant? Ich bürge für den Herrn. Sie kennen den Hitzkopf eines Italieners nicht. Ich habe in Italien den ganzen letzten Krieg mitgemacht, und da habe ich Gelegenheit gehabt, den Charakter des Volkes kennen zu lernen; übrigens finde ich, daß der Herr recht hat.«

»Sehr wohl,« sagte der Intendant zu mir, »bezahlen Sie nur dreißig oder vierzig Franken im Bureau; denn es sind bereits Schreibgebühren aufgelaufen.«

»Ich glaube Ihnen gesagt zu haben, daß ich keinen Heller bezahlen will, und ich wiederhole es Ihnen. Aber wer sind denn Sie,« wandte ich mich an den freundlichen alten Herrn, »daß Sie für mich Bürgschaft leisten wollen, ohne mich zu kennen?«

»Ich bin Kriegskommissär, mein Herr, und heiße de la Bretonnière. Ich wohne in Paris im Hotel de Saxe, in der Rue du Colombier; übermorgen werde ich dort sein und Sie alsdann mit Vergnügen sehen. Wir werden zusammen zu Herrn Britard gehen, der mich, sobald ihm Ihre Angelegenheit auseinandergesetzt wird, von der Bürgschaft entbinden wird, die ich mit großem Vergnügen für Sie angeboten habe.«

Nachdem ich ihm meine herzliche Dankbarkeit ausgesprochen und ihm versichert hatte, daß ich mich bestimmt bei ihm einfinden würde, richtete ich einige Worte der Entschuldigung an die Herrin des Hauses und an die übrigen Gäste und ging.

Ich nahm meinen ehrenwerten Sachwalter mit mir zum Essen in den besten Gasthof der Stadt und gab ihm aus Dankbarkeit einen Doppellouisdor für seine Mühe. Ohne diesen Mann und den braven Kriegskommissär wäre ich in großer Verlegenheit gewesen: ich hätte den Krieg des irdenen Topfes gegen den eisernen geführt; denn gegen hohe Beamte bekommt man niemals recht, sobald die Willkür sich hineinmischt. Obgleich es mir nicht an Geld fehlte, hätte ich mich niemals dazu entschließen können, mir vor meinen offenen Augen von den elenden Spitzbuben fünfzig Louis stehlen zu lassen.

Mein Wagen stand fertig eingespannt vor der Tür des Gasthofes; im Augenblick, wo ich einstieg, erschien einer von den Beamten, die mich visitiert hatten, und sagte mir, ich würde in meinem Wagen alles vorfinden, was darin gewesen wäre.

»Das würde mich von Leuten Eures Schlages überraschen: werde ich auch meinen Tabak finden?«

»Der Tabak, mein Prinz, ist konfisziert worden.«

»Das tut mir Euretwegen leid; denn ich hätte Euch einen Louis gegeben.«

»Ich werde den Tabak augenblicklich holen.«

»Ich habe keine Zeit mehr zu warten. Los, Kutscher!«

Am nächsten Tage kam ich in Paris an, und am vierten Tage ging ich zu Herrn de la Bretonnière, der mich aufs beste aufnahm. Er führte mich zum Generalpächter Britard, der ihn von seiner Bürgschaft entband. Herr Billard war ein sehr liebenswürdiger junger Mann; er errötete über die Behandlung, die ich erduldet hatte. Ich brachte meinen Bericht dem Minister ins Hotel Bourbon, und Seine Exzellenz widmete mir zwei Stunden und ließ mich alles Überflüssige streichen. Die ganze Nacht hindurch schrieb ich den Bericht ins Reine, und am nächsten Morgen brachte ich ihn nach Versailles zum Abbé de la Ville, der ihn mit kalter Miene durchlas und mir dann sagte, er werde mir das Ergebnis mitteilen. Einen Monat später erhielt ich fünfhundert Louis und hatte das Vergnügen, zu erfahren, daß der Marineminister, Herr de Crémille, meinen Bericht nicht nur vollkommen genau, sondern sogar sehr belehrend gefunden habe. Mehrere begründete Bedenken hielten mich ab, mich als Verfasser zu nennen, obwohl Herr von Bernis mir diese Ehre verschaffen wollte.

Als ich ihm die beiden Abenteuer erzählte, die mir unterwegs zugestoßen waren, lachte er darüber; aber er sagte mir, die Tüchtigkeit eines Menschen, der mit einem geheimen Auftrag betraut sei, bestehe darin, sich niemals in Händel einzulassen; denn selbst wenn er das Talent habe, sich herauszuziehen, mache er doch von sich reden; und gerade dies müsse er sorgfältig vermeiden.

Dieser Auftrag kostete der Marine zwölftausend Franken, und der Minister hätte alle Auskünfte, die ich ihm lieferte, sich leicht verschaffen können, ohne einen Heller dafür auszugeben. Der erste beste Offizier hätte ihn ebenso gut bedienen können wie ich und würde allen Eifer und alle Vorsicht aufgeboten haben, um sich sein Lob zu erwerben. Aber so waren damals in Frankreich alle Minister. Sie verschwendeten das Geld, das ihnen nichts kostete, um ihre Kreaturen zu bereichern. Sie waren Despoten; das Volk wurde mit Füßen getreten und kam für sie nicht in Betracht; der Staat war überschuldet, und die Finanzen befanden sich in dem schlechten Zustande, der unter diesen Umständen unvermeidlich war. Eine Revolution war notwendig, das glaube ich wohl; aber es brauchte keine blutige Revolution zu sein, es mußte eine moralische und patriotische sein. Doch der Adel und die Geistlichkeit fühlten nicht hochherzig genug, um einige für den König, den Staat und sie selber notwendige Opfer zu bringen.

Sylvia fand meine Abenteuer in Aire und Amiens sehr scherzhaft, und ihre reizende Tochter zeigte sich sehr teilnehmend wegen der schlechten Nacht, die ich in der Wachtstube verbracht hatte. Ich sagte ihr, ich würde sie viel schmerzhafter gefunden haben, wenn ich eine Frau bei mir gehabt hätte. Sie antwortete mir, wenn diese Frau gut gewesen wäre, würde sie sich beeilt haben, meine Leiden mit mir zu teilen und dadurch zu lindern. Ihre Mutter machte sie jedoch darauf aufmerksam, daß eine ordentliche und kluge Frau zunächst meinen Wagen und meine Sachen in Sicherheit gebracht und dann sofort die nötigen Schritte getan hätte, um mir meine Freiheit zu verschaffen. Ich pflichtete ihr bei und machte der Tochter begreiflich, daß auf diese Art eine Frau am besten ihre Pflicht erfüllt.

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