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Erinnerungen, Band 3

Giacomo Casanova: Erinnerungen, Band 3 - Kapitel 4
Quellenangabe
typeautobio
authorCasanova
titleErinnerungen, Band 3
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
volume3
year1911
senderwww.gaga.net
created20050330
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Drittes Kapitel

Graf Tiretta aus Treviso. – Abbé Ceste, – Die angebliche Nichte des Papstes, Gräfin Lambertini, – Tiretra bekommt einen Spitznamen. – Tante und Nichte. – Gespräch am Kaminfeuer. – Hinrichtung des Königsmörders Damiens, – Tiretas Irrtum, – Zorn der Frau *** – Versöhnung. – Ich bin glücklich mit Fräulein de la Meure. – Sylvias Tochter. – Fräulein de la Meure verheiratet sich, – Meine Eifersucht und verzweifelter Entschluß. – Glücklicher Umschlag.

Zu Anfang März des Jahres 1757 erhielt ich einen Brief von meiner teuren Frau Manzoni; er wurde mir von einem jungen Mann von gutem Aussehen, edlem und freundlichem Gesicht überbracht, den ich an seinem Auftreten sofort als Venetianer erkannte. Es war der junge Graf Tiretta aus Treviso, den Frau Manzoni mir empfahl, indem sie mir schrieb, er werde mir seine Geschichte erzählen, und ich könne mich darauf verlassen, daß er aufrichtig sein würde. Die verehrte Dame schickte mir durch den jungen Mann eine kleine Kiste, worin sich alle meine Papiere befanden; denn sie war überzeugt, daß sie mich nicht mehr wiedersehen könne.

Ich empfing Tiretta aufs beste und sagte ihm, er hätte mir keine bessere Empfehlung bringen können, als die einer Dame, der ich stets in Freundschaft und Dankbarkeit zugetan wäre.

»Und nun, Herr Graf, da Sie mir gegenüber vollkommen unbefangen sein können, wollen Sie mir sagen, wodurch ich ihnen nützlich sein kann.«

»Ich brauche Ihre Freundschaft und vielleicht Ihre Börse, oder zum mindesten Ihre Protektion.«

»Auf meine Freundschaft und Protektion können Sie rechnen, und meine Börse steht zu Ihrer Verfügung.«

Tiretta sprach mir seine Dankbarkeit aus und fuhr fort: »Vor einem Jahre vertraute der Magistrat meiner Vaterstadt mir ein Amt an, das für mein Alter gefährlich war. Man machte mich und zwei junge Edelleute von gleichem Alter zu Verwaltern des Leihhauses. Die Freuden des Karnevals verleiteten uns zu großen Ausgaben; wir hatten kein Geld und nahmen welches aus der Kasse, in der Hoffnung, das Geld vor der Rechnungsabnahme wieder hineinlegen zu können. Unsere Hoffnung war vergebens.

Die Väter meiner beiden Kameraden waren reicher als der meinige; sie retteten sie, indem sie sofort den von ihnen genommenen Teil bezahlten. Da ich nicht zahlen konnte, beschloß ich vor der mich erwartenden Schande und Strafe zu fliehen.

Frau Manzoni hat mir geraten, mich Ihnen in die Arme zu werfen, und hat mir eine kleine Kiste mitgegeben, die ich Ihnen noch heute zustellen werde. Ich bin erst gestern in Paris angekommen und besitze nur zwei Louis, etwas Wäsche und den Anzug, den ich auf dem Leibe trage. Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt, kerngesund und fest entschlossen, alles zu machen, um als anständiger Mensch leben zu können. Leider verstehe ich nichts; denn ich habe keine meiner Gaben in einer Weise ausgebildet, daß ich Nutzen daraus ziehen könnte. Ich spiele die Flöte, aber nur als gewöhnlicher Liebhaber. Ich kenne nur meine Muttersprache und besitze keine wissenschaftliche Bildung. Was glauben Sie unter diesen Umständen mit mir anfangen zu können? Ich muß noch hinzufügen, daß ich nicht hoffen darf, von irgend einem Menschen die geringste Hilfe zu empfangen, am allerwenigsten von meinem Vater; denn um die Ehre der Familie zu retten, wird er über mein Erbteil verfügen, und ich muß unwiderruflich auf dieses verzichten.«

Die Erzählung des Grafen hatte mich natürlich überrascht, aber seine Aufrichtigkeit hatte mir gefallen; übrigens war ich entschlossen, der Empfehlung der Frau Manzoni Folge zu geben, und ich fühlte mich außerdem geneigt, einem Landsmann nützlich zu sein, der im Grunde nur eine schwere Unbesonnenheit begangen hatte.

»Lassen Sie zunächst Ihr Gepäck in das Zimmer neben dem meinigen bringen und lassen Sie sich etwas zu essen und zu trinken geben. Ich trage alle Kosten, bis ich etwas Passendes für Sie finde, über das Geschäftliche sprechen wir morgen; denn da ich niemals zu Hause esse, komme ich gewöhnlich spät heim, und ich glaube kaum, daß ich heute noch einmal die Ehre haben werde, Sie zu sehen. Für den Augenblick bitte ich Sie, mich zu entschuldigen, denn ich muß arbeiten; sollten Sie spazieren gehen wollen, so hüten Sie sich vor schlechten Bekanntschaften; vor allen Dingen vertrauen Sie sich keinem Menschen an. Sie lieben wohl das Spiel?«

»Ich verabscheue es; denn es ist zur Hälfte an meinem Unglück schuld.«

»Und den Rest haben die Weiber gemacht, nicht wahr?«

»Oh! da haben Sie ganz recht geraten: die Weiber!«

»Tragen Sie es ihnen nicht nach, sondern lassen Sie sie für das bezahlen, was sie Ihnen zuleide getan haben.«

»Recht gern; wenn ich nur solche Frauen finde.«

»Wenn Sie in dieser Hinsicht nicht allzu zartfühlend sind, können Sie in Paris leicht Ihr Glück machen.«

»Was nennen Sie zartfühlend? Ich könnte niemals den gefälligen Freund des Fürsten machen.«

»Wer spricht denn davon? Unter einem zartfühlenden Menschen verstehe ich jemanden, der nicht ohne Liebe zärtlich sein kann, einen, der...«

»Ach so! In dieser Hinsicht ist das Zartgefühl bei mir nur Nebensache. Ich weiß, daß eine alte Schachtel mit goldenen Augen mich jederzeit zärtlich wie einen Seladon finden wird.«

»Bravo! Dann wird es sich machen.«

»Ich wünsche es.«

»Werden Sie zum Botschafter gehen?«

»Gott soll mich behüten! Was sollte ich bei ihm anfangen? Ihm meine Geschichte erzählen? Auf die kann ich nicht stolz sein. Außerdem könnte er sich's vielleicht einfallen lassen, mir Scherereien zu bereiten.«

»Das könnte er auch tun, wenn Sie nicht zu ihm gingen; aber ich glaube nicht, daß er sich um Sie bekümmern wird.«

»Das ist die einzige Gnade, die ich von ihm wünsche.«

»Alle Welt trägt jetzt in Paris Trauer, mein lieber Graf. Alle gehen Sie zu meinem Schneider hinauf, der im zweiten Stock wohnt, und lassen Sie sich einen schwarzen Anzug machen. Sagen Sie ihm, daß ich Sie schicke, und daß Sie bis morgen bedient sein wollen. Leben Sie wohl.«

Gleich darauf ging ich aus; erst gegen Mitternacht ging ich nach Hause und fand in meinem Zimmer die mir von Frau Manzoni geschickte Kiste, worin sich meine Manuskripte befanden und alle Porträts, die mir teuer waren; denn ich habe niemals eine Tabaksdose verpfändet, ohne vorher das Bild herauszunehmen.

Am andern Morgen stellt sich mein Tiretta ganz in Schwarz gekleidet mir vor und spricht mir seine Genugtuung über sein verändertes Aussehen aus.

»Sehen Sie, in Paris ist man flink.«

»In Treviso hätte ich mindestens acht Tage auf den Anzug warten müssen.«

»Treviso, mein Lieber, ist nicht Paris.«

In diesem Augenblick meldet man mir den Abbé de la Coste. Ich erinnerte mich dieses Namens nicht, befahl jedoch, ihn eintreten zu lassen, und sah jenes Priesterchen, mit dem ich in Versailles zu Mittag gegessen hatte, als ich beim Abbé de la Ville gewesen war.

Nachdem wir die üblichen Höflichkeiten ausgetauscht hatten, beglückwünschte er mich zum Erfolge meiner Lotterie. Hierauf sagte er mir, er habe gehört, daß ich im Hotel de Cologne für mehr als sechstausend Franken Lose abgegeben hätte.

»Allerdings; ich trage stets für mehrere tausend Franken Lose in meiner Brieftasche.«

»Nun, so werde ich ebenfalls für tausend Taler nehmen.«

»Sobald es Ihnen beliebt. Wenn Sie in meinem Bureau vorsprechen wollen, können Sie sich die Nummern aussuchen.«

»Daraus mache ich mir nichts; geben Sie selber mir Lose, die Sie gerade hier haben.«

»Sehr gerne; Sie können sich unter diesen hier welche aussuchen.«

Er wählte Lose für dreitausend Franken und bat mich dann um Papier, um mir eine Anweisung zu schreiben.

»Wozu eine Anweisung? Davon kann nicht die Rede sein, Herr Abbé; ich gebe meine Lose nur gegen bares Geld.«

»Aber Sie können sich darauf verlassen, daß Sie morgen den Betrag haben werden.«

»Davon bin ich vollkommen überzeugt; aber Sie müssen ebenso fest überzeugt sein, daß Sie morgen die Lose haben werden. Diese sind in meinem Bureau eingetragen, ich kann also nicht anders handeln.«

»Geben Sie mir welche, die nicht eingetragen sind.«

»Unmöglich; solche habe ich nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil ich sie, wenn sie gewännen, aus meiner eigenen Tasche bezahlen müßte, und dazu habe ich nicht die geringste Lust.«

»Ich glaube. Sie könnten es riskieren.«

»Ich glaube doch wohl nicht. Es würde auf eine Gaunerei hinauslaufen.«

Der Herr Abbé merkte, daß er bei mir nichts erreichen konnte; er wandte sich nun an Tiretta, sprach mit ihm schlechtes Italienisch und schlug ihm zuletzt vor, ihn einer Frau von Lambertini, der Witwe eines Neffen des Papstes, vorzustellen. Der Name, die Verwandtschaft und das plötzliche Anerbieten des Abbé machten mich neugierig; ich sagte ihm, mein Freund wäre einverstanden und ich würde die Ehre haben, mit von der Partie zu sein. Wir fuhren hin.

Vor der Tür der angeblichen Nichte des heiligen Vaters in der Rue Christine stiegen wir aus und gingen hinauf. Ich sah eine Frau, der ich trotz ihrer jugendlichen Haltung unbedenklich ihre vierzig Jahre gab; sie war ein bißchen mager, hatte schöne schwarze Augen eine schöne Haut, war lebhaft, übermütig, sehr lachlustig und konnte recht wohl noch einen Liebhaber neugierig auf sie machen. Ich war schnell mit ihr vertraut, brachte sie zum Schwatzen und fand, daß sie weder Witwe noch eine Nichte des Papstes war. Sie war aus Modena und eine echte Abenteuerin von Beruf und Neigung. Diese Entdeckung zeigte mir zur Genüge, wes Geistes Kind der Abbé war, der uns bei ihr eingeführt hatte.

Ich glaubte in den Augen meines Trevisaners zu lesen, daß er neugierig auf die Schöne war. Ich lehnte daher ab, als sie uns zum Essen einlud, indem ich sagte, ich sei bereits gebunden; Tiretta aber, der meine Gedanken erraten hatte, nahm die Einladung an. Kurz darauf entfernte ich mich mit dem Abbé, den ich am Quai de la Ferraille absetzte, und fuhr zu Casalbigi, bei dem ich mich zum Essen einlud.

Nach Tisch nahm Casalbigi mich auf die Seite und sagte mir, Herr du Vernay habe ihn gebeten, mich darauf aufmerksam zu machen, daß es mir nicht erlaubt wäre, Lose für meine eigene Rechnung auszugeben.

»Herr du Vernay hält mich also für einen Dummkopf oder für einen Betrüger! Da ich weder das eine noch das andere bin, werde ich mich bei Herrn de Boulogne darüber beschweren.«

»Das wäre unrecht von Ihnen; denn es ist doch keine Beleidigung, wenn man Sie auf etwas aufmerksam macht.«

»Sie selber, mein Herr, beleidigen mich, indem Sie mir eine derartige Warnung geben; aber verlassen Sie sich darauf, dies wird nicht zum zweitenmal geschehen.«

Casalbigi gab sich die größte Mühe, mich zu beruhigen, und es gelang ihm schließlich, mich zu überreden, mit ihm zu Herrn du Vernay zu gehen. Der gute alte Herr entschuldigte sich bei mir, als er meinen Zorn sah, und sagte mir, ein Abbé namens de la Coste habe ihm mitgeteilt, daß ich mir solche Eigenmächtigkeit erlaube. Ich war empört und erzählte sofort den Vorfall von demselben Morgen, wodurch Herr du Vernay sich ein Urteil über den Charakter dieses Menschen bilden konnte. Ich habe den Abbé nicht wieder gesehen, sei es, daß er von meiner Entdeckung Wind bekommen hatte, sei es, daß ein glücklicher Zufall ihn davor bewahrte, mir zu begegnen; aber ich habe erfahren, daß er drei Jahre darauf zu lebenslänglicher Galerenstrafe verurteilt wurde, weil er Lose einer Lotterie von Trévaux verkauft hatte, die niemals existiert hatte.

Am andern Morgen suchte Tiretta mich auf und sagte mir, er komme erst gerade nach Hause.

»Sie haben also die Nacht hindurch gebummelt, Herr Leichtfuß?«

»Ja, die Gesellschaft der Päpstin hat mich gefesselt, und ich habe die ganze Nacht bei ihr zugebracht.«

»Sie haben nicht befürchtet, ihr lästig zu fallen?«

»Ich glaube, sie war im Gegenteil sehr befriedigt von dem Vergnügen, das meine Unterhaltung ihr bereitet hat.«

»Ich stelle mir vor, Sie haben Ihre ganze Beredsamkeit aufbieten müssen.«

»Sie ist mit meiner Beredsamkeit so zufrieden, daß sie mich gebeten hat, eine Wohnung bei ihr anzunehmen und ihr zu erlauben, daß sie mich dem Herrn le Noir, der, wie ich glaube, ihr Liebhaber ist, als ihren Vetter vorstelle.«

»Sie werden also ein Trio bilden; werden Sie aber auch untereinander harmonieren?«

»Das ist ihre Sache. Sie behauptet, der Herr werde mir eine gute Anstellung bei der Steuerverwaltung verschaffen.«

»Haben Sie angenommen?«

»Ich habe das Anerbieten nicht abgelehnt, aber ich habe ihr gesagt, ich könne keinen Entschluß fassen, ohne vorher Sie, meinen Freund, um Rat zu fragen. Sie beschwor mich, Sie einzuladen, am Sonntag bei ihr zu speisen.«

»Ich werde mit Vergnügen kommen.«

Wirklich ging ich am Sonntag mit meinem Freunde zu ihr, und sobald die tolle Päpstin uns sah, fiel sie Tiretta um den Hals und nannte ihn ihren lieben Grafen Sixfois; diesen Spitznamen behielt er während seines ganzen Pariser Aufenthaltes.

»Was hat meinem Freunde diesen schönen Titel verschafft, meine Gnädigste?«

»Seine erotischen Heldentaten! Er ist Herr eines Lehens, wie es in Frankreich wenige gibt, und ich bin stolz darauf, dessen Herrin zu sein.«

»Ich lobe Ihren edlen Ehrgeiz.«

Sie erzählte mir nun ihre Liebestaten mit einer Offenheit, die mir zeigte, daß die angebliche Nichte des Papstes gänzlich vorurteilsfrei war. Dann sagte sie mir, sie wolle ihren Vetter bei sich wohnen lassen und habe bereits die Einwilligung des Herrn le Noir, der ihr gesagt habe, daß er über diese Anordnung sehr erfreut sei.

»Herr le Noir,« so schloß die schöne Lambertini, »wird uns heute nach dem Essen besuchen, und ich brenne vor Ungeduld, ihn dem Herrn Grafen Sixfois vorzustellen.«

Nach dem Essen sprach sie immerzu von der Rüstigkeit meines Landsmanns, und es kam so weit, daß er, ohne sich zu genieren und vielleicht sogar recht zufrieden, mich zum Zeugen seiner Tapferkeit zu machen, sie zum Schweigen brachte. Ich gestehe, daß ich bei diesem Anblick nicht das geringste verspürte; da ich jedoch nicht umhin konnte, die athletische Körperbildung des Grafen zu sehen, so erkannte ich, daß er sicher sein konnte, überall sein Glück zu machen, wo er Frauen von unabhängigem Vermögen finden würde.

Gegen drei Uhr sah ich zwei Damen in reiferen Jahren erscheinen, denen die Lambertini mit Eifer ihren Grafen Sixfois vorstellte. Erstaunt über diese Benennung erkundigten sie sich nach der Bedeutung derselben, und nachdem die Heldin ihnen etwas abseits die Sache erklärt hatte, wurde mein Freund in ihren Augen eine sehr interessante Erscheinung.

»Unglaublich«, sagten die Matronen, den Grafen beäugelnd, und Tiretta schien ihnen mit seinen Blicken zu antworten: »Versuchen Sie's nur, meine Damen.«

Bald darauf hielt ein Fiaker vor der Tür und eine ältere dicke Dame mit einem außerordentlich hübschen jungen Mädchen trat ein. Ein blasser Herr in schwarzem Anzug und runder Perücke folgte. Nach zärtlichem Umarmen stellte die Nichte des Papstes ihren Vetter, den Grafen Sixfois, vor. Der Name schien die alte Frau zu verwundern, aber die Lambertini ersparte sich diesmal eine Erklärung. Nur fand man es merkwürdig, daß ein Mann, der kein Wort französisch konnte, sich in Paris aufzuhalten wagte, und noch mehr, daß er trotz seiner Unkenntnis der Sprache mit der größten Zuversicht unaufhörlich kauderwelschte, worüber man sich um so mehr belustigte, da ihn kein Mensch verstand.

Nach einer kurzen gleichgültigen Unterhaltung schlug die angebliche Nichte des Papstes eine Partie Brelan vor. Sie bot mir an, mich zu beteiligen; da ich mich jedoch entschuldigte, bestand sie nicht weiter darauf, und verlangte nur, daß ihr lieber Vetter neben ihr säße und mit ihr Halbpart spielte. »Er kennt zwar die Karten nicht,« sagte sie, »aber das macht nichts; er wird es lernen, ich übernehme seine Erziehung.«

Da die junge Dame, deren Schönheit mir aufgefallen war, vom Spiel nichts verstand, bot ich ihr einen Stuhl vor dem Kaminfeuer an, indem ich um die Ehre bat, ihr Gesellschaft leisten zu dürfen. Sie nahm den Stuhl an, und die alte Dame, mit der sie gekommen war, sagte mir lachend, ich würde schwerlich einen geeigneten Gesprächsstoff für ihre Nichte finden. Dann setzte sie sehr höflich hinzu: »Ich zähle auf Ihre Liebenswürdigkeit und hoffe, daß Sie sie entschuldigen werden. Sie ist erst vor einem Monat aus dem Kloster gekommen.«

Ich versicherte ihr, es würde nach meiner Meinung wohl nicht schwierig sein, sich mit einer so liebenswürdigen Dame zu unterhalten; inzwischen begann das Spiel, und ich nahm neben der hübschen Nichte Platz.

Seit einigen Minuten saß ich neben ihr, ohne zu sprechen und nur ihre Schönheit bewundernd, als sie mich fragte, wer der schöne Herr wäre, der so komisch spräche,

»Es ist ein Kavalier aus meiner Heimat, der wegen eines Ehrenhandels seine Vaterstadt verlassen hat.«

»Er spricht eine schnurrige Sprache.«

»Das ist wahr; aber in Italien wird die französische Sprache wenig gepflegt. Hier wird er sie bald lernen, und dann wird man sich nicht mehr über ihn lustig machen. Es tut mir leid, ihn in dieses Haus geführt zu haben, denn in weniger als vierundzwanzig Stunden hat man ihn mir verdorben.«

»Wieso denn verdorben?«

»Das wage ich Ihnen nicht zu sagen; denn vielleicht möchte es Ihrer Tante nicht recht sein.«

»Ich glaube kaum, daß ich meiner Tante etwas wiedersagen werde; aber vielleicht finden Sie meine Frage indiskret.«

»O nein, mein gnädiges Fräulein, durchaus nicht! Da Sie es wünschen, so werde ich Ihnen aus der Sache kein Geheimnis mehr machen. Frau Lambertini hat ihn nach ihrem Geschmack gefunden; sie hat die Nacht mit ihm verbracht und hat ihm zum Zeichen der Befriedigung, die er ihr bereitet hat, den lächerlichen Spitznamen Graf Sixfois verliehen. Das ist die Geschichte. Ich ärgere mich darüber, denn mein Freund war bisher kein Wüstling.«

Man wird mit Recht erstaunt sein, daß ich es wagte, in solcher Weise mit einem jungen Mädchen zu sprechen, das kaum das Kloster verlassen hatte; aber ich selber wäre noch mehr erstaunt gewesen, ^) auch nur an die Möglichkeit zu denken, daß ich bei einer Lambertini ein anständiges Mädchen finden könnte. Ich heftete meine Augen auf die meiner schönen Gesprächspartnerin und sah ihr hübsches Gesicht sich mit der Röte der Scham überziehen; aber auch dieses Anzeichen erschien mir noch zweifelhaft. Man denke sich meine Überraschung, als ich zwei Minuten darauf sie fragen hörte: »Aber mein Herr, was hat denn der Name Graf Sixfois damit zu tun, daß er bei der gnädigen Frau geschlafen hat?«

»Gnädiges Fräulein, die Sache ist ganz einfach. Mein Freund hat in einer einzigen Nacht eine Leistung vollbracht, wozu ein Ehemann bei seiner Frau oft sechs Wochen nötig hat.«

»Und Sie halten mich für dumm genug, daß ich unser Gespräch meiner Tante hinterbringen würde; glauben Sie nur das nicht!«

»Aber ich habe mich noch über etwas anderes geärgert.«

»Sagen Sie es mir; aber warten Sie einen Augenblick.«

Man kann sich wohl denken, was die reizende Nichte nötigte, sich zu entfernen. Als sie wieder hereinkam, stellte sie sich hinter den Stuhl ihrer Tante und sah Tiretta scharf an. Mit flammenden Augen kam sie wieder zu mir, setzte sich auf ihren Stuhl und sagte: »Nun, was ist das andere, worüber Sie sich geärgert haben?«

»Darf ich es wagen, Ihnen alles zu sagen?«

»Sie haben mir soviel gesagt, daß Sie, wie mir scheint, keine Bedenken mehr zu haben brauchen.«

»Nun, so will ich Ihnen denn sagen: er hat heute gleich nach dem Essen in meiner Gegenwart sie...«

»Wenn Ihnen das mißfallen hat, so sind Sie offenbar eifersüchtig auf ihn.«

»Ganz und gar nicht! Aber ich habe mich beschämt gefühlt und zwar wegen eines Umstandes, den ich Ihnen nicht zu erklären wage.«

»Ich glaube, Sie machen sich mit Ihren ,»ich wage nicht« über mich lustig.«

»Gott soll mich behüten, nein, mein Fräulein! So will ich Ihnen also sagen: es hat mich beschämt, daß Frau Lambertini mich nötigte, mit eigenen Augen zu bemerken, daß mein Freund um zwei Zoll größer ist als ich.«

»Oh, da hat man Ihnen aber etwas weisgemacht, denn Sie sind größer als Ihr Freund.«

»Es handelt sich nicht um diese Größe, mein gnädiges Fräulein, sondern eine andere, die Sie sich wohl denken können; und in dieser Beziehung ist mein Freund wahrhaft ungeheuerlich.«

»Ungeheuerlich! Aber was tut denn das Ihnen? Ist es nicht besser, wenn man nicht ungeheuerlich ist?«

»Da haben Sie gewiß recht; aber gewisse Frauen, denen Sie nicht ähneln, lieben in dieser Hinsicht das Ungeheuerliche.«

»Dies finde ich lächerlich, sogar verrückt; oder ich müßte denn keine klare Vorstellung von der Sache haben, um mir eine Größe denken zu können, die man ungeheuerlich nennen kann. Ich finde es eigentümlich, daß so etwas Sie hat beschämen können.«

»Sie hätten es nicht geglaubt, als Sie mich sahen?«

»Als ich bei meinem Eintritt Sie sah, dachte ich natürlich nicht an dergleichen; übrigens sehen Sie so aus, als ob Sie sehr regelmäßig gebildet wären; wenn Sie jedoch wissen, daß Sie es nicht sind, so beklage ich Sie.«

»Es wäre für mich eine Demütigung, Sie hierüber im Zweifel zu belassen: bitte sehen Sie und urteilen Sie selber!«

»Aber jetzt sind Sie selber das Ungeheuer! Sie machen mir Angst!«

Bei diesen Worten schoß ihr das Feuer glühend ins Gesicht; sie stand auf und trat hinter den Stuhl ihrer Tante. Ich rührte mich niht, denn ich war sicher, daß sie bald wiederkommen würde. Für dumm oder auch nur unschuldig konnte ich sie durchaus nicht halten. Ich nahm an, daß sie sich nur als unverdorben aufspielen wollte, übrigens war ich entzückt, den Augenblick so geschickt benutzt zu haben. Ich hatte sie dafür bestraft, daß sie mich hatte hinters Licht führen wollen; und da ich sie reizend fand, so freute ich mich, daß die Strafe ihr unmöglich hatte unangenehm sein können. An ihrem Geist konnte ich nicht wohl zweifeln, denn unser ganzes Gespräch war von ihr gelenkt worden, und meine Worte und Handlungen waren nur eine Folge ihrer beharrlichen Fragen gewesen.

Sie stand noch keine fünf Minuten hinter dem Stuhl der dicken Tante, da verlor diese ein Brelan. Da sie doch irgend jemand dafür verantwortlich machen mußte, so sagte sie: »Geh' doch, kleines Dummchen, du bringst nur Unglück; außerdem ist es unartig von dir, den Herrn, der so freundlich ist, dir Gesellschaft zu leisten, allein zu lassen.«

Die liebenswürdige Nichte antwortete nichts; aber sie kam lächelnd zu mir zurück und sagte: »Wenn meine Tante wüßte was Sie getan haben, hätte sie mich nicht der Unhöflichkeit beschuldigt.«

»Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid es mir tut. Ich möchte Ihnen meine Reue darüber beweisen; aber ich könnte es nur dadurch tun, daß ich mich entfernte. Wenn ich nun dies täte, würden Sie es mir übelnehmen?«

»Wenn Sie gehen, wird meine Tante sagen, ich sei ein ganz dummes Ding, ich langweile Sie.«

»Wünschen Sie also, daß ich bleibe?«

»Gehen können Sie nicht.«

»Sie hatten also bis zu diesem Augenblick keine klare Vorstellung von dem, was ich Ihnen gezeigt habe?«

»Ich hatte nur einen verworrenen Begriff davon. Erst vor einem Monat hat meine Tante mich aus dem Kloster genommen wo ich seit meinem siebenten Jahre war.«

»Und wie alt sind Sie jetzt?«

»Siebzehn. Man wollte mich überreden, den Schleier zu nehmen aber ich fühlte durchaus keine Lust zur Klostermuckerei und widersetzte mich.«

»Sind Sie mir böse?«

»Ich sollte es sein, aber ich erkenne an, daß es meine eigene Schuld ist, und bitte Sie nur, verschwiegen zu sein.«

»Darauf können Sie sich verlassen; wenn ich es nicht wäre würde ich selber zuerst darunter leiden.«

»Sie haben mir eine Lehre gegeben, die ich mir für die Zutunft merken werde. Aber so hören Sie doch auf oder ich gehe.«

»Nein, bleiben Sie; es ist schon zu Ende.«

Ich hatte ihre hübsche Hand ergriffen und sie hatte sie mir überlassen, ohne sich etwas dabei zu denken. Als sie sie zurückzog, war sie ganz erstaunt, daß sie ihr Taschentuch gebrauchen mußte.

»Was ist denn das?«

»Es ist das kostbarste Gut beider Geschlechter. Es ist das, was ewig die Welt erneut.«

»Ich verstehe. Sie sind ein ausgezeichneter Lehrer; bei Ihnen machen die Schüler schnelle Fortschritte, und Sie geben Ihnen Unterricht mit einem wahren Schulmelstergesicht. Muß ich Ihnen für Ihren Eifer danken?«

»Nein, aber Sie müssen mir nicht böse sein wegen allem Vorgefallenen. Ich würde es niemals gewagt haben, so weit zu gehen, sofern mich nicht schon bei Ihrem ersten Anblick das Gefühl überwältigt hätte.«

»Soll ich hierin eine Liebeserklärung sehen?«

»Ja, göttliche Freundin; sie ist kühn, aber aufrichtig. Wenn sie nicht gleichzeitig dem Herzen und einem unüberwindlichen Gefühl entspränge, wäre ich Ihrer und meiner selbst unwürdig.«

»Kann ich glauben, was Sie sagen?«

»Ja, mit vollem Vertrauen, aber sagen Sie mir, ob ich hoffen kann, daß Sie mich lieben werden?«

»Ich weiß es nicht. Nur soviel weiß ich jetzt, daß ich Sie verabscheuen sollte; denn durch Sie habe ich in weniger als einer Stunde einen Weg zurückgelegt, den ich erst nach meiner Heirat begehen zu dürfen glaubte.«

»Sind Sie böse darum?«

»Ich muß es wohl sein, obgleich ich fühle, daß ich über eine Sache, an die ich bis jetzt gar nicht zu denken gewagt hatte, nunmehr ganz genau Bescheid weiß. Aber wie kommt es, daß Sie jetzt ruhig und anständig geworden sind?«

»Weil wir jetzt vernünftig sprechen, und weil die Liebe nach dem Übermaß der Lust Ruhe verlangt. Aber sehen Sie mal!«

»Wie? Noch einmal? Ist das der Schluß des Unterrichts?«

»Es ist die natürliche Fortsetzung desselben.«

»Aber wie kommt es, daß Sie mir jetzt keine Angst mehr machen?«

»Der Soldat gewöhnt sich ans Feuer.«

»Ich sehe, das unserige wird erlöschen.«

Mit diesen Worten nahm sie ein Holzscheit, um das Feuer zu schüren, und da sie dabei in einer außerordentlich günstigen Stellung gebückt stand, wagte ich mit kühner Hand den Vorhof des Tempels zu berühren; ich fand die Tür so dicht verschlossen, daß ich sie hätte erbrechen müssen, um in das Heiligtum einzutreten. Meine Schöne stand voll Würde auf, setzte sich wieder hin und sagte sanft und mit tiefem Gefühl, sie sei ein Mädchen von Stande und glaube Achtung beanspruchen zu dürfen. Ich tat, als sei ich verwirrt, und entschuldigte mich tausendmal. Bald nahm denn auch ihr reizendes Gesicht wieder den Ausdruck von Ruhe und Heiterkeit an, der ihr so gut stand. Ich sagte ihr, trotz der Reue, die ich über meine Verfehlung empfände, wäre ich glücklich, die Gewißheit erlangt zu haben, daß sie bisher noch keinen Sterblichen glücklich gemacht hätte.

»Glauben Sie mir,« sagte sie, »wenn einmal ein Mann durch mich glücklich wird, so wird es nur der Gatte sein, dem ich mein Herz und meine Hand schenke.« Ich ergriff ihre Hand, die sie mir überließ, und bedeckte sie mit Küssen. Während dieser so angenehmen Beschäftigung meldete man Herrn le Noir, der sich erkundigen wollte, was die Nichte des Papstes ihm zu sagen hätte.

Herr le Noir war ein Mann in mittleren Jahren, von einfachem und bescheidenem Äußern. Er bat die Anwesenden höflich, sich nicht stören zu lassen. Als die Lambertini mich ihm vorstellte, fragte er mich, ob ich der Künstler sei; als er jedoch erfuhr, daß ich der ältere Bruder wäre, machte er mir ein Kompliment über die Lotterie und über die hohe Meinung, die Herr du Vernay von mir hätte. Am meisten interessierte ihn jedoch der Vetter, den die schöne Nichte des Papstes ihm unter seinem wahren Namen als Graf Tiretta vorstellte; denn seine neue Würde hätte ohne Zweifel auf Herrn le Noir keinen sehr günstigen Eindruck gemacht. Ich nahm das Wort und sagte ihm, der Graf sei mir ganz besonders von einer von mir hochverehrten Person empfohlen worden, und er sei genötigt gewesen, wegen eines Ehrenhandels seine Vaterstadt vorübergehend zu verlassen. Die Lambertini setzte hinzu, sie wünsche ihn in ihrem Hause wohnen zu lassen, habe es jedoch nicht tun wollen, bevor sie wisse, ob Herr le Noir damit einverstanden sei.

»Sie sind, Madame,« sagte der ehrenwerte Mann zu ihr, »unumschränkte Herrin in Ihrem Hause, und ich werde sehr erfreut sein, den Herrn Grafen in Ihrer Gesellschaft zu sehen.«

Da Herr le Noir sehr gut italienisch sprach, gab Tiretta die Spielpartie auf, und wir setzten uns zu vieren an das Kaminfeuer, wo meine neue Eroberung Gelegenheit erhielt, ihren Geist leuchten zu lassen. Herr le Noir besaß viel gesunden Menschenverstand und besonders eine große Welterfahrung. Er ließ sie von ihrem Kloster erzählen, und als sie ihren Namen genannt hatte, sprach er viel von ihrem Vater, den er sehr gut gekannt hatte. Er war Rat im Parlament zu Rouen gewesen und war sein ganzes Leben lang in sehr gutem Ruf gestanden. Das junge Mädchen war mehr als mittelgroß; ihre Haare waren von einem schönen Blond, und auf ihrem sehr regelmäßigen Gesicht malten sich, trotz der Lebhaftigkeit ihrer Augen, Unschuld und Bescheidenheit. Ihr Anzug gestattete alle Linien ihres schönen Körpers zu verfolgen und man bemerkte mit gleichem Vergnügen die Eleganz ihres Wuchses wie die vollkommene Schönheit zweier Halbkugeln, die über die Enge ihres Gefängnisses zu seufzen schienen.

Obgleich Herr le Noir kein Wort über alle diese Vollkommenheiten sagte, konnte ich doch leicht sehen, daß er sie auf seine Art nicht weniger lebhaft bewunderte als ich. Er verabschiedete sich Punkt acht Uhr, und eine halbe Stunde darauf entfernte sich die dicke Tante mit ihrer liebenswürdigen Nichte und dem blassen Herrn, der mit ihnen gekommen war. Ich blieb nun auch nicht länger und nahm Tiretta mit, der der Nichte des Papstes versprach, schon am nächsten Morgen zu ihr zu ziehen. Er hielt Wort.

Drei oder vier Tage darauf erhielt ich von Fräulein de la Meure – so hieß die schöne Nichte – einen Brief, den sie nach meinem Bureau adressiert hatte. Er lautete folgendermaßen: »Meine Tante, Frau ***, eine Schwester meiner verstorbenen Mutter, ist fromm, spielsüchtig, reich, geizig und ungerecht. Sie liebt mich nicht, und da es ihr nicht gelungen ist, mich zur Nonne zu machen, will sie mich an einen reichen Kaufmann in Dünkirchen verheiraten, den ich nicht kenne und den sie nebenbei bemerkt ebensowenig kennt wie ich. Der Heiratsvermittler hält große Lobreden über ihn; aber das ist ja nicht zu verwundern, denn ein Händler muß ja natürlich seine Ware loben. Der Herr in Dünkirchen begnügt sich mit einer Jahresrente von zwölfhundert Franken als Mitgift; dafür bietet er die Gewißheit, daß er mir bei seinem Tode ein Erbteil von hundertfünfzigtausend Franken hinterlassen wird. Sie müssen wissen, daß nach dem Testament meiner verstorbenen Mutter meine Tante verpflichtet ist, mir an meinem Hochzeitstage fünfundsiebzigtausend Franken auszuzahlen.

Wenn das, was zwischen uns vorgefallen ist, mich nicht in Ihren Augen verächtlich gemacht hat, so biete ich Ihnen meine Hand und mein Herz mit fünfundsiebzigtausend Franken und einer gleichen Summe beim Tode meiner Tante.

Antworten Sie mir nicht; denn ich wüßte nicht, wie oder durch wen ich Ihren Brief erhalten könnte. Sie können mir am Sonntag bei Frau Lambertini mündlich antworten. Dadurch erhalten Sie vier Tage Zeit, um sich diese wichtige Sache zu überlegen. Ich weiß zwar von mir nicht genau, ob ich Sie liebe; aber soviel weiß ich, daß ich um meiner selbst willen Sie jedem andern Manne vorziehen muß. Ich fühle, daß es mir ein Bedürfnis ist, Ihre Achtung zu gewinnen, wie Sie das Bedürfnis haben müssen, die meinige zu erlangen; aber ich bin sicher, daß Sie mir das Leben angenehm machen werden und daß ich stets meine Pflichten getreu werde zu erfüllen wissen.

Wenn Sie der Meinung sind, daß das Glück, wonach ich mich sehne, zu Ihrem Glück wird beitragen können, so mache ich Sie darauf aufmerksam, daß Sie einen Advokaten nötig haben werden; denn meine Tante ist geizig und prozeßsüchtig.

Wenn Sie sich für die Annahme meines Vorschlages entscheiden, werden Sie mir, bevor Sie das geringste unternehmen, eine Zuflucht in einem Kloster beschaffen müssen, denn sonst würde ich mich schlechter Behandlung ausgesetzt sehen, und dies will ich vermeiden. Sollte mein Vorschlag Ihnen nicht passen, so bitte ich Sie um eine Gnade, die Sie mir nicht abschlagen werden und wofür ich Ihnen herzlich dankbar sein werde: Sie werden versuchen, mir nicht wieder zu begegnen, indem Sie sorgfältig alle Orte vermeiden, wo Sie annehmen können, mich zu treffen. So werden Sie mir helfen, Sie zu vergessen, und dies ist das mindeste, was Sie mir schuldig sind. Sie müssen fühlen, daß ich nur glücklich sein kann, wenn ich Ihre Gattin werde oder Sie vergesse. Leben Sie wohl! Ich bin sicher, Sie Sonntag zu sehen.«

Dieser Brief rührte mich. Ich fühlte, daß er von einem Gefühl von Tugend, Ehre und Klugheit eingegeben war. Ich entdeckte, daß das reizende Mädchen noch mehr Klugheit als Schönheit besaß. Ich errötete, daß ich sie verführt hatte, und hätte mich des Todes schuldig gefühlt, wenn ich ihre Hand ausgeschlagen hätte, die sie mir auf so vornehme Weise anbot. Übrigens ließ auch die Geldgier, obgleich erst in zweiter Linie, mich einen wohlgefälligen Blick auf eine Mitgift werfen, die größer war, als ich sie vernünftigerweise beanspruchen konnte. Trotz alledem schauderte ich bei dem Gedanken an die Ehe, für die ich mich nicht berufen fühlte.

Ich kannte mich zu gut, um nicht zu wissen, daß ich in einer regelrechten Ehe unglücklich werden müßte und daß es mir folglich trotz dem besten Willen von der Welt unmöglich sein würde, eine Frau glücklich zu machen, die vertrauensvoll die ganze Sorge um ihr Lebensglück in meine Hände gelegt hätte. Daß ich während der vier Tage, die sie mir verständigerweise als Bedenkzeit gelassen hatte, nicht zu einem Entschluß kommen konnte, gab mir die Gewißheit, daß ich nicht in sie verliebt war. Trotzdem war ich so schwach, daß es mir unmöglich war, mich zur Ablehnung ihres Anerbietens zu entschließen, wie ich es doch hätte tun sollen, und daß es mir noch weniger möglich war, ihr dies mit einem Freimut zu sagen, der mir in ihren Augen nur hätte Ehre machen können.

Während dieser vier Tage waren meine Gedanken ganz und gar von einem einzigen Umstand in Anspruch genommen; ich empfand bittere Reue, sie beschimpft zu haben, denn ich fühlte für sie Achtung und Ehrerbietung. Trotz alledem aber war es mir nicht möglich, zu dem Entschluß zu kommen, den ihr von mir angetanen Schimpf wieder gut zu machen. Der Gedanke, daß sie mich hassen würde, war mir unerträglich; aber der Gedanke, mich zu fesseln, war mir verhaßt. So befand ich mich denn in der Lage eines Menschen, der sich gezwungen sieht, einen Entschluß zu fassen, und sich doch nicht dazu überwinden kann.

Ich fürchtete, mein böser Geist könnte mich vielleicht verlocken, das Stelldichein zu versäumen, indem ich in meiner gedankenlosen Weise in die Oper oder anderswohin ginge. Ich beschloß daher, schon zum Mittagessen zu der Lambertini zu gehen, und behielt mir im übrigen meine Entscheidung vor.

Die fromme Nichte des Papstes war in der Messe, als ich in ihre Wohnung kam. Ich fand Tiretta, der zu seinem Vergnügen die Flöte blies. Sobald er mich sah, legte er das Instrument hin und eilte auf mich zu, um mich zu umarmen. Hierauf gab er mir das Geld wieder, das ich für seinen Anzug bezahlt hatte.

»Du hast also Geld in der Tasche, lieber Freund; ich spreche dir dazu meinen Glückwunsch aus.«

»Sprich mir lieber dein Beileid aus, mein Lieber; denn es ist gestohlenes Geld, und ich bereue, es angenommen zu haben, obgleich ich am Diebstahl nicht mitbeteiligt bin.«

»Wie? gestohlenes Geld?«

»Ja, hier wird betrogen, und ich bin abgerichtet worden, an dem Betrieb teilzunehmen; aus falscher Scham nehme ich meinen Anteil von dem traurigen Gewinn. Meine Wirtin und drei oder vier Weiber derselben Art nehmen den Freiern das Geld ab. Dieses Gewerbe ist mir widerwärtig, und ich fühle, daß ich es nicht lange mehr mitmachen werde. Eines oder des andern Tages wird man mich totschlagen oder ich werde irgend einen totschlagen, und in beiden Fällen wird es mir das Leben kosten; ich gedenke daher dieses Halsabschneiderhaus sobald wie möglich zu verlassen.«

»Dazu kann ich dir nur raten, lieber Freund; ja noch mehr, ich fordere dich dringend auf es zu tun. Gehe lieber heute als morgen.«

»Ich will nichts überstürzen; denn Herr le Noir ist ein Ehrenmann; er ist mein Freund und hält mich für den Vetter des unglückseligen Weibes. Er hat von ihrem niederträchtigen Gewerbe keine Ahnung; wenn er aber den Grund meines Fortgehens hörte, würde er natürlich etwas merken, vielleicht würde er sie sogar verlassen. In fünf oder sechs Tagen werde ich einen Vorwand finden; dann werde ich sofort zu dir zurückkehren.«

Die Lambertini dankte mir, daß ich mich so freundschaftlich ohne Umstände bei ihr zum Essen eingeladen hätte; sie sagte mir, Fräulein de la Meure und ihre Tante würden ebenfalls kommen. Ich fragte sie, ob sie noch immer mit meinem Freunde Sixfois zufrieden sei, und sie antwortete mir: »Er wohnt zwar nicht immer in seinem Lehen, aber trotzdem bin ich immer noch entzückt von ihm; übrigens verlange ich als gute Lehnsherrin nicht zu viel von meinen Vasallen.«

Ich lobte ihre Weisheit, und so fuhren wir fort zu scherzen, bis die beiden Gäste kamen.

Fräulein de la Meure konnte kaum das Vergnügen verhehlen, das mein Anblick ihr machte. Sie war in Halbtrauer und war in ihrem Kleide, das die Weiße ihrer Haut zur Geltung brachte, so schön, daß ich mich jetzt noch wundere, daß dieser Augenblick nicht über mein Schicksal entschieden hat.

Tiretta, der uns verlassen hatte, um sich umzuziehen, kam wieder zu uns. Da mich nichts hindern konnte, den liebenswürdigen Mädchen meine Neigung zu bezeigen, hatte ich für sie alle möglichen Aufmerksamkeiten. Ich sagte der Tante, ich fände ihre Nichte so hübsch, daß ich auf den Junggesellenstand verzichten würde, wenn ich eine Lebensgefährtin wie sie finden könnte.

»Meine Nichte ist höflich und freundlich, mein Herr, aber sie hat weder Geist noch Religion.«

»Vom Geist will ich nichts sagen,« rief die Nichte; »aber daß ich keine Religion haben soll, das, liebe Tante, ist ein Vorwurf, den man mir im Kloster niemals gemacht hat.«

»Das will ich gerne glauben; denn die Klosterdamen sind Jesuitinnen.«

»Aber was tut denn das, Tante?«

»Viel, liebe Nichte; man kennt die Jesuiten und ihre Anhänger; das sind lauter Leute ohne Religion, und es handelt sich um die göttliche Gnade. Aber sprechen wir lieber von etwas anderem. Ich wünsche nur, daß du deinem künftigen Gatten gefallen mögest.«

»Aber gnädige Frau, wird denn Fräulein de la Meure sich in nächster Zeit verheiraten?«

»Ihr Zukünftiger soll Anfang des nächsten Monats eintreffen.«

»Ist es ein Herr vom Parlament?«

»Nein, aber ein sehr wohlhabender Kaufmann.«

»Herr le Noir hat mir erzählt, das gnädige Fräulein sei die Tochter eines Parlamentsrats, und ich dachte nicht, daß Sie eine Mißheirat zulassen würden.«

»Es wird keine Mißheirat sein, mein Herr. Was heißt überhaupt Mißheirat? Der Zukünftige meiner Nichte ist adelig, denn er ist ein Ehrenmann. Ich bin überzeugt, es wird nur an ihr liegen, wenn sie nicht vollkommen glücklich mit ihm wird.«

»Gewiß; wenn das Fräulein ihn liebt.«

»Oh, die Liebe kommt mit der Zeit von selbst.«

Da diese Unterhaltung dem jungen Mädchen, das schweigend zuhörte, nur peinlich sein konnte, brachte ich das Gespräch darauf, daß eine außerordentlich große Menschenmenge der Hinrichtung des Königsmörders Damiens auf dein Grèveplatz beiwohnen würde. Da ich sie alle sehr neugierig fand, dieses entsetzliche Schauspiel anzusehen, so bot ich ihnen ein großes Fenster an, von wo wir alles beobachten könnten. Die Damen nahmen mein Anerbieten eifrig an, und ich versprach ihnen, sie rechtzeitig abzuholen.

Ich hatte kein Fenster, aber ich wußte, daß in Paris, wie überall, für Geld alles zu haben ist. Nach dem Essen schützte ich ein Geschäft vor und entfernte mich. Ich warf mich in den ersten Fiaker, der mir begegnete, und war eine Viertelstunde später Besitzer eines schönen Fensters im Zwischenstock, das ich für drei Louis mietete. Ich bezahlte voraus und ließ mir eine Quittung geben, worin ein Abstandsgeld von sechshundert Franken festgesetzt war.

Nachdem ich das Geschäft besorgt hatte, beeilte ich mich, zur Gesellschaft zurückzukehren, und fand sie beschäftigt, eine Partie Piquet zu spielen. Fräulein de la Meure, die nichts vom Spiel verstand, langweilte sich beim Zusehen. Und da ich mit ihr zu sprechen wünschte, trat ich zu ihr heran, und wir zogen uns nach dem andern Ende des Saales zurück.

»Ihr Brief, meine reizende Freundin, hat mich zum Glücklichsten der Sterblichen gemacht. Sie zeigen darin einen Geist und einen Charakter, die Ihnen die Verehrung jedes verständigen Menschen gewinnen müssen.«

»Mir liegt nur an der Liebe eines Einzigen; von den anderen genügt mir die Achtung.«

»Sie werden meine Frau werden, Engelsfreundin! Bis zu meinem letzten Atemzug werde ich die glückliche Kühnheit segnen, der ich es verdanke, daß Sie mir den Vorzug vor so vielen anderen geben, von denen Sie keine Zurückweisung zu befürchten brauchten, selbst wenn Sie nicht eine Mitgift von fünfzigtausend Talern hätten; denn diese sind nichts im Vergleich mit Ihren persönlichen Eigenschaften und mit Ihrer verständigen Denkweise.«

»Es ist mir recht lieb, daß Sie eine so gute Meinung von mir haben.«

»Könnte es wohl anders sein? Jetzt, da Sie meine Gefühle kennen, brauchen wir nichts zu überstürzen. Vertrauen Sie sich mir nur an.«

»Sie werden meiner Lage eingedenk sein.«

»Wie könnte ich sie vergessen! Geben Sie mir Zeit, ein Haus zu mieten, es einzurichten und eine Stellung zu erlangen, die mich würdig erscheinen läßt, Ihnen meinen Namen zu geben. Bedenken Sie, daß ich jetzt nur bei anderen Leuten in einem Zimmer zur Miete wohne, daß Sie Verwandte haben und daß ich mich schämen müßte, bei einem so wichtigen Schritt als Abenteurer zu erscheinen.«

»Sie haben gehört, daß mein sogenannter Zukünftiger sehr bald kommen wird.«

»Gewiß, dies ist mir nicht entgangen.«

»Sie können sich darauf verlassen, daß man das Geschäft sehr beschleunigen wird, sobald er hier ist.«

»Aber doch nicht so sehr, daß ich nicht in weniger als vierundzwanzig Stunden Sie von jeder Tyrannei befreien könnte, ohne daß Ihre Tante erführe, daß der Streich von mir ausginge. Ich kann Ihnen versichern, reizende Freundin, daß der Minister der auswärtigen Angelegenheiten Ihnen eine unverletzliche Zufluchtsstätte in einem der besten Klöster von Paris verschaffen wird, sobald er sicher ist, daß Sie nur mich zum Gatten haben wollen. Er wird Ihnen ebenfalls einen Anwalt besorgen, und wenn das Testament in richtiger Form abgefaßt ist, so wird Ihre Tante sehr bald Ihnen Ihre Mitgift auszahlen und den Rest der Erbschaft hypothekarisch sicherstellen müssen. Seien Sie ruhig und lassen Sie den Kaufmann aus Dünkirchcn nur kommen. Unter allen Umständen können Sie darauf zählen, daß ich Sie nicht in der Verlegenheit lassen werde, und daß Sie an dem Tage, den man für die Unterzeichnung des Vertrages ansetzen wird, nicht mehr im Hause Ihrer Tante sein werden.«

»Ich ergebe mich und vertraue mich Ihnen völlig an; aber führen Sie bitte nicht einen Umstand an, der mein Zartgefühl zu sehr verletzt. Sie haben gesagt, ich würde Ihnen den Vorschlag, mich entweder zu heiraten oder niemals wiederzusehen, nicht gemacht haben, wenn Sie sich nicht vorigen Sonntag jene Freiheit genommen hätten.«

»Hatte ich unrecht?«

»Ja, wenigstens in gewisser Hinsicht. Sie müssen fühlen, daß es von mir sehr unbesonnen gewesen wäre, Ihnen so geradezu meine Hand anzubieten, wenn ich nicht einen zwingenden Grund gehabt hätte. Aber unsere Heirat hätte auch auf einem ganz anderen Wege zustande kommen können; denn, jetzt darf ich es Ihnen sagen, ich würde Ihnen unter allen Umständen den Vorzug vor jedem anderen gegeben haben.«

Ihre Worte beschämten mich, ich ergriff ihre Hand und küßte sie mehrere Male zärtlich und achtungsvoll. Ich bin überzeugt, wenn in diesem Augenblick ein Notar und ein Priester dagewesen wären, um uns den ehelichen Segen zu erteilen, so hätte ich sie augenblicklich geheiratet.

Ganz in unsere Zärtlichkeit versunken und nur mit uns selber beschäftigt, wie Liebende es immer sind, hatten wir gar nicht auf einen entsetzlichen Lärm geachtet, der sich am anderen Ende des Saales erhoben hatte. Endlich glaubte ich jedoch, mich einmischen zu müssen, verließ meine Braut und trat zu der anderen Gesellschaft, um Tiretta zu beruhigen.

Ich sah auf dem Tisch einen offenen Kasten, der Kleinodien von verschiedenem Wert enthielt. Zwei Männer stritten sich mit Tiretta, der ein Buch in der Hand hielt. Ich sah sofort, daß es sich um eine Lotterie handelte; aber warum stritt man sich? Tiretta sagte mir, die beiden Herren seien Gauner, die ihm mit Hilfe dieses Buches, das er mir gab, dreißig oder vierzig Louis abgewonnen hätten.

»Mein Herr,« sagte einer der beiden Spieler zu mir, »dieses Buch enthält eine Lotterie, bei welcher alles auf das ehrlichste berechnet ist. Es besteht aus zwölfhundert Blättern, von denen zweihundert gewinnen; tausend sind leer. Auf jedes Gewinnblatt folgen fünf verlierende Blätter. Wer spielen will, muß einen Taler setzen und mit der Spitze einer Nadel auf gut Glück zwischen die Blätter des Buches stechen. Man öffnet das Buch an der Stelle, die die Nadel getroffen hat, und wenn es ein weißes Blatt ist, so hat der Spieler verloren; wenn dagegen das Blatt eine Nummer trägt, so gibt man ihm den entsprechenden Gegenstand oder zahlt ihm den Wert, der daneben vermerkt ist. Bedenken Sie mein Herr, daß der geringste Gewinn zwölf Franken kostet und daß Gewinne bis zu sechshundert Franken dabei sind und sogar ein Hauptgewinn von zwölfhundert Franken. Seit einer Stunde spielt die Gesellschaft, und wir haben mehrere wertvolle Gegenstände verloren. Die gnädige Frau – hierbei zeigte er auf die Tante meiner schönen Freundin – hat einen Ring im Werte von sechs Louis gewonnen; da sie aber bares Geld vorzog und weiterspielte, hat sie sie wieder verloren.«

»Jawohl,« rief die Tante, »ich habe sie verloren, und die Herren mit ihrem vermaledeiten Spiel haben von uns allen gewonnen. Das ist ein Beweis, daß ihr Spiel der reine Betrug ist.«

»Es ist ein Beweis,« sagte Tiretta, »daß die Herren Gauner sind.«

»Aber, meine Herren,« sagte einer von den Spielern, »in diesem Fall sind die Lotterieeinnehmer der Militärschule es ebenfalls.«

Auf diese Worte hin gab Tiretta ihm eine Ohrfeige. Ich warf mich zwischen die beiden Streiter und gebot ihnen Ruhe, um der Sache ein Ende zu machen.

»Alle Lotterien«, sagte ich, »sind vorteilhaft für die Spielhalter; aber an der Spitze der Lotterie der Militärschule steht der König, und ich bin ihr Haupteinnehmer. Kraft dieser Eigenschaft nehme ich den Kasten in Beschlag und lasse Ihnen die Wahl: entweder geben Sie der ganzen Gesellschaft das unrechtmäßig gewonnene Geld zurück und ich lasse Sie mit Ihrem Kasten ziehen; oder ich lasse einen Polizeigefreiten holen, der Sie auf mein Verlangen in das Gefängnis bringen wird. Morgen wird Herr Berryer über den Fall aburteilen; denn ihm selber werde ich morgen früh das Buch überbringen. Wir werden sehen, ob wir nötig haben, uns als Gauner zu betrachten, weil Sie welche sind.«

Da sie sahen, daß sie es mit einem Stärkeren zu tun hatten und bei längerem Widerstande nur verlieren könnten, so entschlossen sie sich mit ziemlich guter Miene, das ganze gewonnene Geld zurückzuzahlen und vielleicht sogar das doppelte; denn sie mußten vierzig Louis zurückerstatten, obgleich sie schworen, nur zwanzig gewonnen zu haben. Die Gesellschaft bestand aus so trefflichen Personen, daß ich mir kein Urteil erlauben will. Tatsächlich war ich ziemlich geneigt, der Behauptung der beiden Schwindler Glauben zu schenken. Aber ich war ärgerlich und wollte sie dafür bezahlen lassen, daß sie die Kühnheit gehabt hatten, einen Vergleich zu ziehen, der im Grunde sehr richtig war, mir aber im höchsten Grade mißfiel. Diese Gereiztheit war es ohne Zweifel, die mich veranlaßte, ihr Buch zurückzubehalten, obgleich ich durchaus kein Recht hatte, es zu behalten. Vergebens baten sie mich inständig, es ihnen zurückzugeben. Der Ton, den ich gegen sie anschlug, mein zuversichtliches Wesen, meine Drohungen, und vielleicht auch Furcht vor einer Einmischung der Polizei in unseren Streit – dies alles bewirkte, daß sie sich schließlich glücklich schätzten, wenigstens ihren Kasten wieder zu erhalten. Als sie fort waren, fingen die Damen, diese zarten Wesen, sie zu bemitleiden an.

»Sie hätten ihnen wohl auch ihre Fibel wieder geben können«, sagten sie zu mir.

»Gewiß, meine Damen, und Sie ihr Geld.«

»Aber sie hatten es uns unrechtmäßig abgenommen.«

»Alles? Außerdem war der Gebrauch ihres Buches ebenso unrechtmäßig. Indem ich es ihnen abnahm, habe ich ihnen einen Dienst geleistet.«

Sie verstanden die Ironie, und das Gespräch wandte sich anderen Gegenständen zu.

Am anderen Morgen in aller Frühe suchten meine beiden Lotteriespieler mich auf. Um mich zu erweichen, schenkten sie mir ein schönes Kästchen mit vierundzwanzig herrlichen Figuren von Meißner Porzellan. Eine solche Beredsamkeit war unwiderstehlich, und ich glaubte, ihnen ihr Buch wieder geben zu müssen. Doch tat ich es nicht ohne die Drohung, sie ins Gefängnis bringen zu lassen, wenn sie noch weiterhin ihr Gewerbe in Paris trieben. Sie versprachen mir, es künftighin unterlassen zu wollen, obgleich sie dabei ohne Zweifel die Absicht hatten, ihr Wort nicht zu halten; aber daraus machte ich mir wenig. Im Besitz eines für einen Liebhaber wertvollen Geschenkes beschloß ich nun, es dem Fräulein de la Meure anzubieten, und brachte es ihr noch an demselben Tage. Ich wurde ausgezeichnet empfangen, und die Tante überhäufte mich mit Danksagungen.

Der achtundzwanzigste März war der Tag, an welchem Damiens seine Todesqual erleiden sollte. Ich holte die Damen in der Frühe bei der Lambertini ab, und da mein Wagen uns kaum alle faßte, so nahm ich ohne Schwierigkeit meine reizende Freundin auf den Schoß, und so fuhren wir auf den Grèveplatz. Die drei Damen drängten sich in dem von mir gemieteten Fenster so gut zusammen, wie es ging, und nahmen die Vorderreihe ein; sie standen gebückt und stützten sich mit ihren Armen auf, damit wir über ihre Köpfe hinweg sehen könnten. Das Fenster hatte zwei Tritte oder Stufen und die Damen waren auf die zweite geklettert. Um über sie hinwegsehen zu können, waren wir genötigt, auf derselben Stufe zu stehen, denn die erste Stufe war nicht hoch genug. Ich führe meinen Lesern diese Einzelheiten nicht ohne Grund an; denn sonst könnten sie kaum die Einzelheiten erraten, die ich verschweigen muß. Wir besaßen die Standhaftigkeit, vier Stunden lang dem entsetzlichen Schauspiel zuzusehen. Damiens Hinrichtung ist so bekannt, daß ich davon nicht zu sprechen brauche; die Erzählung würde zu lang sein, und außerdem gehen mir derartige Greuel gegen die Natur. Damiens war ein Fanatiker, der ein gutes Werk zu vollbringen und den Himmel zu verdienen glaubte. Deshalb hatte er Ludwig den Fünfzehnten zu ermorden versucht; obwohl er ihm nur eine leichte Hautwunde beigebracht hatte, wurde er mit glühenden Zangen zerrissen, wie wenn er das Verbrechen wirklich ausgeführt hätte.

Ich mußte von der Todesqual dieses Opfers der Jesuiten den Blick abwenden und mußte mir die Ohren zuhalten vor dem gellenden Geschrei des Unglücklichen, der nur noch seinen halben Leib hatte. Aber die Lambertini und die dicke Tante waren nicht im geringsten bewegt; rührte dies von der Grausamkeit ihrer Herzen her? Ich mußte mich stellen, wie wenn ich ihnen glaubte, als sie mir sagten, der Mordversuch des Ungeheuers hätte sie mit solchem Abscheu erfüllt, daß sie nicht das Mitleid verspürt hätten, womit der Anblick der unerhörten Qualen, die man ihn leiden ließ, sie sonst natürlich erfüllt haben würde. Tatsache ist es, daß Tiretta die fromme Tante während der ganzen Dauer der Hinrichtung auf eine sonderbare Art beschäftigt hielt, und vielleicht war er die Veranlassung, daß die tugendhafte Dame keine Bewegung zu machen, ja nicht einmal den Kopf umzuwenden wagte.

Da er unmittelbar hinter ihr stand, hatte er die Vorsicht gebraucht, ihren Rock hochzuheben, um nicht darauf zu treten. Dies war natürlich ganz in der Ordnung. Als ich aber bald darauf einmal zufällig zu ihnen hinüber sah, bemerkte ich, daß Tiretta die Vorsicht zu weit getrieben hatte. Ich wollte weder meinen Freund stören, noch die Dame in Verlegenheit bringen; daher wandte ich den Kopf zur Seite und stellte mich in unauffälliger 6g Weise so hin, daß meine schöne Freundin nichts bemerken konnte; so hatte es die gute Dame recht bequem. Ich hörte zwei Stunden hintereinander ein Rascheln, und da ich die Sache sehr spaßhaft fand, so besaß ich die Ausdauer, mich während dieser ganzen Zeit nicht zu rühren. Ich bewunderte innerlich Tirettas guten Appetit und seine Frechheit; aber noch mehr bewunderte ich die schöne Ergebung der frommen Tante.

Als zum Schluß dieser langen Sitzung Frau *** sich umdrehte, sah ich mich ebenfalls um und blickte Tiretta an; er war frisch, munter und ruhig, wie wenn gar nichts gewesen wäre; die liebe Tante aber schien mir nachdenklicher und ernsthafter zu sein als gewöhnlich. Sie hatte sich in der unangenehmen Zwangslage befunden, ihre Gefühle zu verbergen und alles mit sich geschehen zu lassen, um nicht der Lambertini Anlaß zum Lachen und ihrer jungen Nichte, die solche Mysterien noch nicht kennen durfte, Anlaß zum Ärgernis zu geben.

Wir brachen auf. Nachdem ich die Nichte des Papstes vor ihrem Hause abgesetzt hatte, bat ich sie, mir Tiretta für ein paar Stunden zu überlassen, und fuhr mit Frau *** nach ihrer Wohnung in der Rue St.-André-des-Arts. Sie bat mich, sie am nächsten Morgen zu besuchen, da sie mir etwas mitzuteilen habe, und ich bemerkte, daß sie beim Abschied meinen Freund nicht grüßte. Wir gingen zum Essen zu Laudel ins Hotel de Russie, wo man für sechs Franken ausgezeichnet speiste. Ich dachte mir, mein Tollkopf müßte es sehr nötig haben, seine Kräfte wieder herzustellen.

»Was hast du hinter der Frau *** gemacht?«

»Ich bin überzeugt, weder du noch sonst jemand hat etwas gesehen.«

»Daß sonst niemand etwas gesehen hat, ist möglich; ich aber bemerkte den Anfang deiner Manöver, und da ich die Fortsetzung voraussah, stellte ich mich so, daß ihr weder von der Lambertini noch von der hübschen Nichte gesehen werden konntet. Ich errate, womit du dich beschäftigt hast, und gestehe, daß ich deinen derben Appetit bewundere. Aber mir scheint, das arme Opfer ist ärgerlich.«

»Oh, das ist nur Zimperlichkeit einer älteren Dame. Sie kann sich ja stellen, als sei sie ärgerlich, aber da sie sich während der zwei Stunden, die die Sitzung dauerte, vollständig ruhig verhalten hat, so bin ich überzeugt, daß sie bereit sein würde, sofort wieder anzufangen.«

»Im Grunde glaube ich das auch; aber vielleicht glaubt sie aus Eitelkeit, du habest die Achtung vor ihr aus den Augen gelassen; und allerdings...«

»Die Achtung, lieber Freund? Aber muß man, denn nicht stets die Achtung gegen die Frauen verletzen, wenn man etwas bei ihnen erreichen will?«

»Das weiß ich wohl; aber es ist doch ein großer Unterschied, ob man es allein unter vier Augen tut oder ganz offen vor anderen Leuten.«

»Gewiß; aber da die Tat viermal wiederholt wurde, ohne daß sie den geringsten Widerstand leistete, so darf ich doch wohl ihr völliges Einverständnis annehmen?«

»Deine Logik ist sehr gut; aber du siehst doch, daß sie mit dir schmollt, Übrigens will sie morgen mit mir sprechen, und da wird das Gespräch sicherlich auf dich kommen.«

»Das ist möglich; aber ich glaube nicht, daß sie von diesem kleinen Scherz mit dir sprechen wird; da wäre sie ja verrückt.«

»Warum nicht? Kennst du denn die Frommen nicht? Sie sind in der Schule der Jesuiten erzogen, die ihnen oft guten Unterricht auf diesem Gebiete erteilen, und da ergreifen sie mit großer Freude die Gelegenheit, einem dritten derartige Bekenntnisse zu machen. Diese Bekenntnisse, die reichlich mit verstellten Tränen gewürzt sind, besonders wenn die frommen Damen häßlich sind, geben ihnen in ihren eigenen Augen einen Firnis von Heiligkeit.«

»Nun, mein Lieber, so mag sie doch mit dir sprechen. Wir werden ja sehen.«

»Es könnte wohl sein, daß sie eine Genugtuung verlangen wird; da werde ich mit Vergnügen die Vermittlung übernehmen.«

»Wahrhaftig, du machst mich lachen! Ich sehe nicht ein, auf welche Art von Genugtuung sie Anspruch machen könnte, wenn sie nicht etwa nach dem Recht der Wiedervergeltung mich bestrafen will; dies aber ist kaum anders möglich, als durch einen Rückfall in denselben Fehler. Wenn das Spiel nicht nach ihrem Geschmack gewesen wäre, brauchte sie mir nur einen Fußtritt zu geben, der mich auf den Rücken geworfen hätte.«

»Damit hätte sie aber auch deinen Angriff auf sie bekannt gegeben.«

»Nun, genügte denn nicht die geringste Bewegung, um diesen zu vereiteln? Aber sie war sanft wie ein Lamm und hielt ganz still – es war die leichteste Sache von der Welt.«

»Die Geschichte ist im höchsten Grade komisch. Aber hast du auch beachtet, daß die Lambertini ebenfalls mit dir schmollt? Vielleicht hat sie die Geschichte mit angesehen und ist darob gekränkt.«

»Die Lambertini schmollt mit mir aus einem anderen Grunde: ich habe mich offen von ihr losgesagt und werde noch heute Abend ausziehen.«

»Allen Ernstes?«

»Auf mein Wort. Es kam so: gestern abend brachte eine alte Spitzbübin aus Genua einen jungen Mann, der bei der Steuer angestellt ist, zu uns zum Essen mit. Nachdem er im Häufeln vierzig Louis verloren hatte, warf er meiner Wirtin die Karten ins Gesicht und nannte sie eine Diebin. In der Aufwallung nahm ich den Leuchter und löschte ihm die Kerze im Gesicht aus, wobei ich ihm beinahe ein Auge ausgestoßen hätte; glücklicherweise aber traf ich nur die Wange. Er lief nach seinem Degen; ich hatte den meinigen schon gezogen, und hätte die Genueserin sich nicht zwischen uns geworfen, so hätte es zu Mord und Totschlag kommen können. Als der arme junge Mann seine Wange im Spiegel sah, wurde er so wütend, daß man ihn nur durch die Rückgabe seines Geldes besänftigen konnte. Sie zahlten es ihm zurück, obgleich ich mich widersetzte; denn in der Rückerstattung lag zum mindesten ein stillschweigendes Eingeständnis, daß sie ihm das Geld auf betrügerische Weise abgenommen hatten. Dies führte, nachdem der junge Mann fortgegangen war, zu einem sehr hitzigen Streit zwischen der Lambertini und mir. Sie sagte mir, wenn ich mich nicht eingemischt hätte, wäre nichts geschehen und wir hätten unsere vierzig Louis noch; der junge Mann hätte ja sie und nicht mich beleidigt. Die Genueserin sagte: wenn wir kaltblütig gewesen wären, hätten wir ihn noch für lange Zeit behalten; jetzt aber wisse der liebe Gott allein, was er mit dem Brandfleck im Gesicht noch alles anfangen werde. Die gemeinen Reden der beiden Prostituierten langweilten mich, und ich sagte ihnen, sie sollten sich zum Kuckuck scheren. Da setzte sich aber meine Wirtin aufs hohe Pferd, und erlaubte sich mir zu sagen, ich sei nur ein Bettler.

Wäre nicht Herr le Noir dazu gekommen, so wäre es ihr schlecht gegangen; denn ich hatte schon meinen Stock in der Hand; als sie Herrn le Noir sahen, baten sie mich zu schweigen; aber ich war zu wütend und sagte dem Ehrenmann: seine Geliebte hätte mich einen Bettler genannt; sie wäre weiter nichts als eine Prostituierte; ich wäre nicht ihr Vetter und überhaupt nicht mit ihr verwandt, und ich würde noch am gleichen Tage ausziehen. Nachdem ich diese Rede hervorgesprudelt hatte, lief ich hinaus und schloß mich in mein Zimmer ein. In ein paar Stunden werde ich meine Sachen abholen, und morgen früh werde ich mit dir frühstücken.«

Tiretta hatte recht; er hatte eine edle Seele und einige jugendliche Unbesonnenheiten durften ihn nicht dahinbringen, sich in den Schlamm des Lasters zu stürzen. Solange ein Mann keine entehrende Handlung begangen hat, solange sein Herz an den Verirrungen seines Kopfes nicht mitschuldig ist, kann er mit Ehren auf den Weg der Pflicht zurückkehren. Ich würde von der Frau dasselbe sagen, wenn das Vorurteil nicht zu laut gegen sie spräche, und wenn die Frau nicht sich mehr durch ihr Herz als durch ihren Kopf bestimmen ließe.

Nachdem wir gut gegessen und köstlichen Sillery geschlürft hatten, trennten wir uns, und ich brachte den Abend mit Schreiben zu. Am anderen Morgen machte ich einige Besorgungen und ging dann gegen Mittag zu der betrübten Frommen, die ich in Gesellschaft ihrer entzückenden Nichte fand. Wir sprachen einen Augenblick von Regen und schönem Wetter; hierauf sagte sie meiner Freundin, sie möge uns allein lassen, da sie mit mir zu sprechen habe. Ich war auf den Auftritt vorbereitet und wartete ohne ein Wort zu sagen, bis sie das Schweigen brechen würde, das jede Frau in ihrer Lage einige Augenblicke beobachtet. Endlich begann sie:

»Sie werden überrascht sein, mein Herr, über das, was ich Ihnen sagen und anvertrauen werde; denn es ist eine Klage unerhörter Art, die ich Ihnen vorzutragen mich entschlossen habe. Der Fall ist gewiß im höchsten Grade heikel, und ich habe mich nur entschlossen, weil ich schon beim ersten Anblick eine hohe Meinung von Ihnen gefaßt habe. Ich halte Sie für verständig und verschwiegen und vor allen Dingen für einen Mann von Ehre und guten Sitten; endlich glaube ich, daß Sie von echter Religion durchdrungen sind. Wenn ich mich täusche, so wird es ein Unglück geben. Ich fühle mich zu tief getränkt, und da es mir nicht an Mitteln fehlt, so werde ich mich an ihm zu rächen wissen. Dies wird Ihnen leid tun, da Sie sein Freund sind.«

»Beklagen Sie sich über Tiretta, gnädige Frau?«

»Ja über keinen anderen.«

»Und was hat er sich gegen Sie zuschulden kommen lassen?«

»Er ist ein Schurke, der mir einen beispiellosen Schimpf angetan hat.«

»Dessen hätte ich ihn nicht für fähig gehalten.«

»Ich glaube es Ihnen; denn Sie sind ein Mann von guten Sitten.«

»Aber welcher Art ist denn die Beschimpfung, über die Sie sich beklagen? Sie können sich auf mich verlassen, gnädige Frau.«

»Mein Herr, ich werde es Ihnen nicht sagen; denn das ist unmöglich; aber ich hoffe, Sie werden es erraten. Gestern bei der Hinrichtung des vermaledeiten Damiens hat er zwei Stunden lang seine Stellung hinter mir auf unerhörte Weise mißbraucht.«

»Ich verstehe; ich errate, was er gemacht hat, und Sie brauchen mir nichts weiter darüber zu sagen. Sie sind mit Recht erzürnt, und ich verurteile ihn, denn es war hinterlistig von ihm; aber gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, daß der Fall doch nicht ohne Beispiele dasteht, ja daß er nicht einmal selten ist. Ich glaube sogar, man kann ihn der Liebe oder dem Zufall der Lage oder der allzugroßen Nähe des verführerischen Feindes zugute halten, besonders wenn der Sünder jung und heißblütig ist. Übrigens ist es ein Verbrechen, das sich auf gar manche Art wieder gut machen läßt, wenn die Parteien sich nur einigen. Tiretta ist Junggeselle, Edelmann, schön und im Grunde ein sehr anständiger Mann; eine Heirat wäre also sehr wohl möglich.«

Ich wartete einen Augenblick auf eine Antwort; als ich aber sah, daß die Beleidigte schwieg, was mir ein gutes Zeichen zu sein schien, so fuhr ich fort.

»Wenn eine Heirat nicht Ihrer Denkweise entspricht, kann er sein Vergehen durch eine beständige Freundschaft sühnen, die Ihnen seine Reue beweisen und ihn Ihrer Verzeihung würdig machen wird. Bedenken Sie, gnädige Frau: Tiretta ist ein Mensch und daher allen Schwächen der Menschheit unterworfen. Bedenken Sie ferner, daß auch Sie schuldig sind.«

»Ich, mein Herr?«

»Ja, gnädige Frau, aber ohne Ihre Absicht; denn Sie sind nur mittelbar die Veranlassung, daß Ihre Reize seine Sinne verführt haben. Indessen ist es mir durchaus nicht zweifelhaft, daß ohne den Einfluß Ihrer Reize der Vorfall nicht eingetreten sein würde, und ich glaube, daß dieser Umstand dazu beitragen kann, ihm Ihre Verzeihung zu erwirken.«

»Meine Verzeihung. Sie sind ein geschickter Anwalt, mein Herr; aber ich will Ihnen gerne Gerechtigkeit widerfahren lassen und anerkennen, daß alles, was Sie mir soeben gesagt haben, einer christlichen Seele entspringt. Indessen Ihre ganze Beweisführung stützt sich auf eine falsche Voraussetzung. Sie kennen die Tatsache nicht; aber wie könnte man sie auch erraten?«

Frau *** brach in Tränen aus. Ich war ganz ratlos und wußte nicht mehr, was ich denken sollte. Sollte er ihr die Börse gestohlen haben? dachte ich bei mir selber, dazu ist er doch nicht imstande, oder ich würde ihm eine Kugel durch den Kopf schießen. Warten wir ab!

Bald trocknete die trauernde Fromme ihre Tränen und fuhr fort:

»Sie denken an ein Verbrechen, das man, wenn auch schwer, immerhin noch mit der Vernunft in Einklang bringen kann und für das sich, wie ich zugeben will, eine angemessene Buße finden ließe; was aber der rohe Mensch mir angetan hat, ist eine Niederträchtigkeit. Ich möchte am liebsten gar nicht mehr daran denken können, denn es ist in der Tat, um wahnsinnig darüber zu werden.«

»Großer Gott! was höre ich! Ich schaudere! Sagen Sie mir, bitte, ob ich auf der richtigen Spur bin?«

»Ich glaube, ja; denn etwas Schlimmeres läßt sich wohl nicht denken. Ich sehe, Sie sind entsetzt; aber es ist so. Verzeihen Sie mir meine Tränen und suchen Sie deren Quelle nur in meinem Kummer und in der Schande, die ich auf mich gehäuft sehe!«

»Und in der Religion.«

»Gewiß, auch in dieser. Sie ist sogar die Hauptquelle, und ich ließ sie nur deshalb unerwähnt, weil ich fürchtete, Sie wären der Religion nicht ebenso zugetan wie ich.«

»Ich hinge an ihr, so sehr ich nur kann, Gott sei gelobt; und nichts kann mich von ihr abwendig machen.«

»So machen Sie sich darauf gefaßt, daß ich in Verdammnis verfalle! Denn ich will mich rächen.«

»Nein, verzichten Sie darauf, gnädige Frau! Darin könnte ich Ihnen niemals beistehen; wenn Sie jedoch Ihren Plan nicht aufgeben wollen, so lassen Sie mich wenigstens nichts davon wissen. Ich verspreche Ihnen, meinem Freunde nichts zu sagen, obwohl er bei mir wohnt und daher die heiligen Gesetze der Gastfreundschaft mich verpflichten, ihm alles mitzuteilen.«

»Ich glaubte, er wohne bei der Lambertini.«

»Er ist gestern ausgezogen. Es war eine verbrecherische, höchst anstößige Verbindung. Ich habe ihn vor dem Sturz in den Abgrund bewahrt.«

»Was sagen Sie mir da?«

»Die volle Wahrheit.«

»Ich bin erstaunt und ich bin zugleich erbaut! Ich will nicht seinen Tod, mein Herr, aber geben Sie zu, daß mir eine Genugtuung gebührt.«

»Dies gebe ich zu. Man behandelt eine liebenswürdige Französin nicht auf italienische Art, ohne für sein Vergehen eine glänzende Genugtuung zu geben; aber ich finde keine, die der Beleidigung entspräche. Doch halt! eine kenne ich, und ich mache mich anheischig, sie Ihnen zu verschaffen, wenn Sie sich damit begnügen wollen.«

»Und was ist dies für eine Genugtuung?«

»Ich werde den Schuldigen durch Überraschung in Ihre Hände liefern und ihn unter vier Augen Ihnen und Ihrem ganzen Zorn preisgeben; aber nur unter der Bedingung, daß ich ohne sein Wissen mich im Nebenzimmer befinde; denn ich bin vor mir selber dafür verantwortlich, daß sein Leben nicht in Gefahr ist.«

»Damit bin ich einverstanden. Sie werden sich in diesem Zimmer aufhalten und werden ihn in dem anderen Zimmer, worin ich ihn zu empfangen gedenke, mit mir allein lassen. Aber er darf von Ihrer Anwesenheit keine Ahnung haben.«

»Auf keinen Fall. Er wird nicht einmal wissen, daß ich ihn zu Ihnen führe; denn er darf nicht erfahren, daß ich in seinen hinterlistigen Streich eingeweiht bin. Sobald er hier ist und das Gespräch auf irgend ein Thema gebracht worden ist, werde ich mich unter einem beliebigen Vorwande entfernen.«

»Wann gedenken Sie ihn mir zuzuführen? Ich kann es gar nicht erwarten, ihn aufs tiefste zu beschämen. Er soll mir zittern! Ich bin neugierig, die Gründe zu hören, die er in seinem Kauderwelsch vorbringen wird, um eine derartige Ausschweifung zu entschuldigen.«

»Ich weiß es zwar nicht, aber es ist wohl möglich, daß Ihre Gegenwart ihn beredt macht, und das wünsche ich; denn es wäre mir eine Wonne, wenn Sie beide miteinander zufrieden wären.«

Sie nötigte mich, mit ihr und dem Abbé des Forges, der um ein Uhr kam, zu Mittag zu essen. Der Abbé war ein Schüler des berühmten Bischofs von Auxerre, der noch lebte. Ich sprach bei Tisch so trefflich von der Gnade, ich zitierte so oft den heiligen Augustin, daß der Abbé und die Fromme mich für einen eifrigen Jansenisten hielten, obgleich ich doch ganz und gar nicht so aussah. Meine liebe Freundin, die liebenswürdige Nichte, sah mich während der ganzen Mahlzeit nicht ein einziges Mal an, und da ich annahm, daß sie ihre Gründe dafür haben würde, sprach ich meinerseits kein einziges Wort zu ihr.

Nach dem Essen, das, nebenbei bemerkt, ausgezeichnet war, versprach ich der Beleidigten, ihr am nächsten Tage nach dem Schauspiel, das ich mit ihm besuchen würde, den Schuldigen mit gebundenen Händen und Füßen auszuliefern. Ich sagte ihr ferner, um sie völlig sicher zu machen, ich würde zu Fuß kommen und wäre überzeugt, daß er bei Abend das Haus nicht wieder erkennen würde.

Als ich Tiretta wieder sah, nahm ich eine komisch ernste Miene an und warf ihm die entsetzliche Handlung vor, die er gegen eine fromme und in jeder Hinsicht ehrenwerte Frau verübt hätte. Aber der tolle Mensch fing an zu lachen, und ich würde mein Latein verloren haben, wenn ich ihn hätte Mores lehren wollen.

»Wie? sie hat es über sich gebracht, dir die Sache zu entdecken?«

»Du leugnest sie also nicht?«

»Wenn sie es sagt, halte ich mich nicht für berechtigt, sie Lügen zu strafen. Aber ich schwöre dir bei meiner Ehre, ich bin der Sache nicht gewiß. In der Stellung, die ich einnahm, konnte ich unmöglich wissen, in welcher Wohnung ich Unterkunft fand. Übrigens werde ich sie beruhigen, denn ich werde mich bemühen recht kurz zu sein, um sie nicht warten zu lassen.«

»Kurz! nur ja nicht! Damit würdest du alles verderben. Sei so lang wie möglich; das wird ihr angenehm sein; übrigens liegt es in deinem Interesse. Beeile dich nicht; auch ich werde dabei gewinnen; denn ich bin sicher, daß ich mich nicht langweilen werde, während du ihren Zorn in ein sanfteres Gefühl verwandelst. Denke daran, daß du von meiner Anwesenheit in ihrem Hause nichts wissen darfst; solltest du zufällig nur kurze Zeit bei ihr bleiben – was ich nicht glaube – so nimm einen Fiaker und fahre nach Hause. Du begreifst wohl, daß die fromme Dame gegen mich zum mindesten so höflich sein muß, mich nicht ohne Feuer und ohne Gesellschaft zu lassen. Vergiß nicht, daß sie wie du von guter Herkunft ist. Diese Damen von Stande haben zwar keine besseren Sitten als andere Frauen, denn sie sind wie jene von Fleisch und Blut, aber sie verlangen Rücksichten, die ihrem Stolz schmeicheln. Sie ist reich, sie ist fromm und außerdem wollüstig; suche ihre Freundschaft zu gewinnen, aber nicht hinterrücks, sondern vielmehr de faciem ad faciem, wie der König von Preußen sagtD'Alembert hat den großen König zu verbessern gewagt; fast hätte auch ich es getan. Aber dies wäre unüberlegt gewesen; denn wozu braucht ein König Latein zu können? Casanova.. Du machst vielleicht mit einem Schlage dein Glück. Wenn sie dich fragt, warum du die Nichte des Papstes verlassen hast, so hüte dich, ihr den Grund zu sagen oder auch nur anzudeuten. Deine Verschwiegenheit wird ihr gefallen. Endlich gib dir recht eifrig Mühe, deine schwarze Tat zu büßen.«

»Ich brauche ihr nur die Wahrheit zu sagen; ich bin blindlings eingedrungen.«

»Dieser Grund ist sehr originell, und es ist wohl möglich, daß eine Französin ihn gut findet.«

Ich brauche dem Leser nicht zu sagen, daß ich Tiretta meine Unterhaltung mit der Matrone getreulich berichtete. Sollten einige zarte Seelen sich über den Vertrauensbruch entrüsten, so antworte ich ihnen, daß ich meine Versprechungen mit innerem Vorbehalt gegeben hatte; und wer nur ein bißchen von der Moral der Kinder des heiligen Ignatius kennt, der wird wohl wissen, daß mich dies vollkommen entlastet.

Nachdem ich mit meinem Freunde alles genau verabredet hatte, gingen wir am nächsten Tage in die Oper und begaben uns von dort zu Fuß zu der tugendhaften Beleidigten, die uns voll hoher Würde, aber doch mit einer gewissen Liebenswürdigkeit empfing, in der ich ein sehr gutes Vorzeichen sah.

»Ich speise niemals zu Abend,« sagte sie zu uns, »aber wenn Sie mich von Ihrem Besuch vorher benachrichtigt hätten, meine Herren, so würde ich für etwas gesorgt haben.«

Nachdem ich ihr alle Neuigkeiten erzählt hatte, die ich im Foyer gehört, schützte ich ein Geschäft vor und bat sie, sie einige Augenblicke mit meinem Freunde allein lassen zu dürfen. »Wenn ich länger als eine Viertelstunde ausbliebe, mein lieber Graf, so warte nicht länger auf mich. Nimm einen Fiaker und fahre nach Hause; morgen werden wir uns wiedersehen.«

Statt hinunterzugehen, trat ich in das Nebenzimmer, das einen Eingang vom Flur hatte. Zwei Minuten später sah ich meine reizende Freundin eintreten. Sie trug einen Armleuchter und war angenehm überrascht, mich zu sehen.

»Ich weiß nicht, ob ich träume; aber meine Tante hat mir gesagt, ich möchte Sie nicht allein lassen und der Kammerjungfer sagen, daß sie erst hereinkommen sollte, wenn geklingelt werde. Ihr Freund ist bei ihr, und sie hat mir befohlen, leise zu sprechen, weil er nicht wissen solle, daß Sie hier seien. Darf ich erfahren, was diese sonderbare Geschichte bedeutet?«

»Sie sind also neugierig?«

»In diesem Falle allerdings; denn alle diese Geheimtuerei ist sehr danach angetan, die Neugier zu erregen.«

»Sie sollen alles erfahren, mein Engel; aber es ist kalt hier.«

»Meine Tante hat mir befohlen, ein gutes Feuer zu machen; sie ist plötzlich freigebig, ja sogar verschwenderisch geworden; denn sehen Sie doch nur: Wachskerzen!«

»Das ist also etwas Neues?«

»O, etwas sehr Neues, allerdings!«

Als wir behaglich vor dem Feuer saßen, erzählte ich ihr die ganze Geschichte, die sie mit einer Aufmerksamkeit anhörte, wie nur ein junges Mädchen sie einer solchen Sache entgegenbringen kann; da ich aber gewisse Dinge ein wenig verschleiern zu müssen glaubte, begriff sie nicht recht, was für eines Verbrechens Tiretta sich schuldig gemacht hatte. Es war mir nicht unangenehm, ihr die Sache in klaren Ausdrücken verdeutlichen zu müssen, und um die Schilderung noch anschaulicher zu machen, begleitete ich sie mit einer Gebärdensprache, worüber sie lachte und zugleich errötete. Hierauf sagte ich ihr: da ich ihrer Tante eine Genugtuung für den erlittenen Schimpf hätte verschaffen müssen, so hätte ich es so eingerichtet, daß ich sicher wäre, mich mit ihr allein zu befinden, während mein Freund die alte Dame beschäftigte. Ich bedeckte ihr hübsches Gesicht mit verliebten Küssen, und da ich mir sonst keine Freiheiten herausnahm, empfing sie meine Umarmungen als Beweise für meine Zärtlichkeiten und für die Reinheit meiner Gefühle.

»Lieber Freund,« sagte sie zu mir, »was Sie mir da sagen, macht mich ganz verwirrt; zweierlei kann ich dabei gar nicht verstehen. Wie hat Tiretta es angefangen, an meiner Tante ein Verbrechen zu begehen, dessen Möglichkeit ich wohl einsehe, wenn der angegriffene Teil damit einverstanden ist, das mir aber ohne dessen Einwilligung ganz unmöglich erscheint? Ich möchte daher glauben, daß sie vollkommen damit einverstanden war, wenn das Verbrechen wirklich verübt worden war.«

»Sehr richtig; denn um den Angriff zu vereiteln, brauchte sie nur die Stellung zu verändern.«

»Selbst dies war wohl nicht einmal nötig; denn es stand, wie mir scheint, vollkommen bei ihr, die Türe verschlossen zu halten.«

»Hierin, liebe Freundin, täuschen Sie sich; denn ein rechter Mann verlangt weiter nichts, als die Beibehaltung derselben Stellung; dann ist der Eingang bald erzwungen. Außerdem, meine Liebe, glaube ich doch nicht, daß bei Ihrer Tante die Pforte so dicht verschlossen ist, wie ohne Zweifel bei Ihnen.«

»Ich glaube, ich könnte alle Tirettas der ganzen Welt herausfordern. – Zweitens begreife ich nicht, wie meine fromme Tante Ihnen von diesem Schimpf hat erzählen können, denn wenn sie klug wäre, hätte sie voraussehen müssen, daß Sie darüber nur lachen können. Ferner, was für eine Genugtuung kann sie wohl von einem rohen, übermütigen Menschen erwarten, dem die ganze Sache vielleicht höchst gleichgültig ist? Ich glaube, er würde jeder Frau, die sich an der Stelle meiner Tante befunden hätte, den gleichen Schimpf anzutun versucht haben.«

»Da haben Sie sehr recht; denn er hat mir gesagt, er sei blindlings hineingefahren und habe gar nicht gewußt, wohin er komme.«

»Ihr Freund ist ein drolliger Mensch, und wenn alle Männer ihm gleichen, so bin ich vollkommen überzeugt, daß ich für sie nur Verachtung empfinden könnte.«

»Über die Genugtuung, die Ihre Tante erwarten darf und vielleicht zu erlangen hofft, hat sie mir nichts gesagt; aber es ließe sich leicht erraten; wenn ich mich nicht täusche, wird sie darin bestehen, daß mein Freund ihr eine Liebeserklärung in aller Form machen wird, er wird sein Verbrechen mit Unwissenheit entschuldigen und wird es sühnen, indem er ihr richtiger Liebhaber wird, und ohne Zweifel wird die Hochzeit heute Nacht stattfinden.«

»Oh, jetzt wird es aber wirklich komisch. Doch ich glaube nicht daran. Meine liebe Tante hält viel zu viel auf ihr Seelenheil. Und wie sollte denn der junge Mann auch in sie verliebt sein, oder auch nur eine solche Rolle spielen, wenn er ein Gesicht wie das ihrige vor Augen hat? Als er den tollen Streich beging, sah er es nicht. Haben Sie jemals ein so abstoßendes Gesicht gesehen, wie das meiner Tante? Eine kupferige Haut; Augen, aus denen geschmolzenes Wachs trieft; Zähne und ein Atem, vor denen jeder Mann den Mut verlieren muß. Sie ist wirklich ekelhaft.«

»Dies, mein Herz, sind Kleinigkeiten für einen Burschen von fünfundzwanzig Jahren. In jenem Alter ist man stets zum Sturm bereit. Bei mir ist es anders, ich kann mich nur als Mann betätigen, wenn ich Reize finde wie die Ihrigen, die ich bald rechtmäßig zu besitzen hoffe.«

»Sie werden in mir die zärtlichste Gattin finden, und ich bin überzeugt, daß es mir gelingen wird, Ihr Herz so zu fesseln, daß ich nicht mehr zu fürchten brauche es zu verlieren.«

Eine Stunde war schon mit dieser angenehmen Unterhaltung verstrichen, und Tiretta war immer noch bei der Tante. Ich sah darin ein gutes Anzeichen für die Versöhnung; der Handel schien mir ernst geworden zu sein. Ich sagte es meiner reizenden Gesellschafterin und bat sie, mir etwas zu essen zu geben.

»Ich kann Ihnen nichts weiter geben als Brot, Käse, Schinken und einen Wein, der, wie meine Tante behauptet, köstlich ist.«

»Bringen Sie schnell dies alles herbei, denn ich bin zum Umfallen hungrig.«

Leichtfüßig wie ein junges Reh deckte sie ein Tischchen für zwei Personen und trug alles auf, was sie hatte. Es war köstlicher Roquefortkäse und ein ausgezeichneter gekochter Schinken. Es war genug da für zehn Personen mit gutem Appetit; trotzdem, ich weiß nicht, wie wir's anfingen, aber es ist Tatsache: das ganze verschwand nebst zwei Flaschen eines Chambertin, den ich noch heute zu schmecken glaube. Die Augen meiner schönen Geliebten funkelten vor Vergnügen. Oh, was für ausgezeichnete Speisen sind doch Chambertin und Roquefort, um die Liebe zu kräftigen und eine knospende Liebe schnell zur Reife zu bringen!

»Sind Sie nicht neugierig, zu wissen, was Ihre Tante seit zweieinhalb Stunden allein mit dem Herrn Sixfois macht?«

»Vielleicht spielen sie; aber da ist ein kleines Loch, ich will einmal sehen. – Ich sehe nur die Kerzen mit zoll-langen Schnuppen.«

»Habe ich es Ihnen nicht gesagt? Geben Sie mir eine Decke, ich werde mich auf dieses Kanapee legen, und Sie, liebe Freundin, gehen zu Bett. Aber zeigen Sie mir doch ihr Bett!«

Sie ließ mich in ihr Kämmerchen eintreten, und ich sah ein hübsches Bett, einen Betschemel und ein großes Kruzifix.

»Ihr Bett ist zu klein für Sie, mein Herz.«

»Oh mein Gott, nein, ich liege ganz bequem darin.«

Mit diesen Worten streckte sie sich der Länge nach aus.

»Was für eine reizende Frau werde ich haben! Ach, rühren Sie sich doch nicht, lassen Sie sich von mir ansehen.«

Und meine Hand berührte ein niedriges Mieder, ein wahres Gefängnis für zwei Halbkugeln, die über ihre Gefangenschaft zu seufzen schienen. Ich ging noch weiter; ich schnürte sie auf... denn wo hielt wohl die Begierde inne!

»Mein Freund, ich kann mich nicht wehren; aber hinterher werden Sie mich nicht mehr lieben.«

»Mein ganzes Leben lang.«

Bald war der schönste Busen meinen glühenden Küssen preisgegeben. Meine Flamme entzündete die ihre; sie verlor alle Selbstbeherrschung und öffnete mir ihre Arme, indem sie mich versprechen ließ, sie zu schonen, und was verspricht man nicht! Hat man denn wohl die Zeit, sich zu überlegen, was man in solchen Augenblicken des Taumels verspricht? Die dem weiblichen Geschlecht anhaftende Scham, Furcht vor den Folgen, vielleicht auch ein gewisser Instinkt, der ihnen die natürliche Unbeständigkeit des Mannes enthüllt, können die Frauen wohl dazu veranlassen, solche Versprechungen zu formen; aber welches liebende Weib, wenn es wirklich liebt, vermöchte es, den Geliebten zur Schonung aufzufordern, wenn die Liebe jede Fähigkeit zum Denken gelähmt hat, wenn die ganze Lebenskraft nur in der Erfüllung der höchsten Begierde aufgeht? Es gibt keins.

Nachdem wir eine Stunde mit verliebten Scherzen verbracht hatten, die sie um so mehr entflammten, da ihre Reize zum erstenmal der Berührung heißer Männerlippen und dem Gekose einer kecken Hand ausgesetzt waren, sagte ich zu ihr: »Ich bin in Verzweiflung, von dir scheiden zu müssen, ohne deinen Reizen die höchste Huldigung dargebracht zu haben, die sie verdienen.«

Ein Seufzer war ihre Antwort.

Es war kalt, das Feuer war erloschen, und ich sollte die Nacht auf dem Kanapee zubringen.

»Gib mir eine Decke, mein Engel, und laß mich gehen; denn hier würde ich vor Frost und Liebe sterben, wenn du mich zur Enthaltsamkeit zwängest.«

»Lege dich statt meiner ins Bett, Geliebter; ich werde das Feuer wieder anzünden.«

Entzückend in ihrer nackten Schönheit stand sie auf. Sie legt ein Scheit ins Feuer, die Flamme knistert. Ich springe aus dem Bett und finde sie in einer Stellung, die ihre Formen wundervoll hervortreten läßt. Ich halte es nicht mehr aus. Ich schließe sie in meine Arme, sie vergilt Liebkosungen mit Liebkosungen, und wir versinken in Wollust bis der Tag heraufdämmert.

Wir hatten vier oder fünf Stunden auf dem Kanapee verbracht. Endlich verließ sie mich, machte ein helles Feuer an und legte sich in ihrem Zimmer zu Bett. Ich blieb auf dem Kanapee und schlief fest bis zu Mittag. Ich wurde von Frau *** geweckt, die in einem galanten Morgenkleide erschien.

»Sie schlafen noch, Herr Casanova?«

»Ah guten Morgen, gnädige Frau. Was ist denn aus meinem Freunde geworden?«

»Er ist jetzt auch der meinige.«

»Ist das wirklich wahr?«

»Ganz wahr; ich habe ihm verziehen.«

»Und wie hat er es angefangen, sich eine so großmütige Verzeihung zu verdienen?«

»Er hat mir augenscheinliche Beweise geliefert, daß er sich nur geirrt hatte.«

»Das freut mich wirklich außerordentlich. Wo ist er?«

»Er ist gegangen; Sie werden ihn in seiner Wohnung finden; aber sagen Sie ihm nicht, daß Sie die Nacht hier verbracht haben; denn er würde glauben, Sie hätten sie mit meiner Nichte zugebracht. Ich bin Ihnen unendlich verbunden und rechne auf Ihre Nachsicht, namentlich aber auf Ihre Verschwiegenheit.«

»Darauf können Sie sich durchaus verlassen, denn ich glaube Ihnen dafür dankbar sein zu müssen, daß Sie meinem Freunde verziehen haben.«

»Warum denn auch nicht? Der liebe junge Mann steht weit über allen anderen Menschen. Wenn Sie wüßten, wie er mich liebt! Ich bin ihm dankbar und habe ihn auf ein Jahr in Pension genommen; er bekommt gute Wohnung, gutes Essen und alles übrige.«

»Eine reizende Anordnung! Sie haben jedenfalls den Preis der Pension abgemacht?«

»Oh, dies wird auf freundschaftliche Art geregelt, wir werden dazu keiner Schiedsrichter bedürfen. Noch heute fahren wir nach La Villette, wo ich ein hübsches Häuschen besitze. Sie begreifen, im Anfang müssen wir uns so verhalten, daß wir den bösen Zungen möglichst wenig Anlaß zum Gerede geben. Mein Freund wird dort alle Annehmlichkeiten haben, und Sie, mein Herr, werden ein hübsches Zimmer und ein gutes Bett finden, so oft Sie uns mit Ihrem Besuch beehren und erfreuen. Nur eins tut mir leid: Sie werden sich dort langweilen; denn meine arme Nichte ist so mürrisch.«

»Ihre Nichte, gnädige Frau, ist sehr liebenswürdig, sie hat mir gestern abend ein listliches Nachtmahl gegeben und mir bis drei Uhr früh gute Gesellschaft geleistet.«

»Wirklich? Ich bewundere sie, denn wo hat sie etwas gefunden? Es war ja nichts da.«

»Davon weiß ich nicht«, gnädige Frau, aber sie hat mir ein köstliches Abendessen gegeben, von dem nichts übrig geblieben ist, und nachdem sie mir gute Gesellschaft geleistet hat, ist sie zu Bett gegangen, und ich habe auf diesem ausgezeichneten Kanapee vorzüglich geschlafen.«

»Ich bin herzlich erfreut, daß alles zu Ihrer wie zu meiner Zufriedenheit verlaufen ist; aber ich hätte niemals gedacht, daß meine Nichte so viel Geist hätte.«

»Sie hat sehr viel Geist, gnädige Frau, wenigstens in meinen Augen.«

»Sie sind Kenner. Wir wollen doch einmal nach ihr sehen. Sie hat sich eingeschlossen. – Mach doch auf! Warum riegelst du dich denn ein, Zimperliese? Was hast du denn zu befürchten? Herr Casanova ist ein Ehrenmann.«

Die liebenswürdige Nichte öffnete die Tür und bat um Verzeihung, daß sie sich in so nachlässigem Anzug zeige. Aber in welchem Schmuck hätte sie so schön aussehen können! Sie war blendend.

»Ei,« sagte die Tante zu mir, »sehen Sie sie? Sie ist nicht übel. Schade, daß sie so dumm ist! – Es war recht von dir, daß du dem Herrn etwas zu essen gabst, ich danke dir für diese Aufmerksamkeit. Ich habe die ganze Nacht gespielt, und wenn man spielt, denkt man nur an sein Spiel. Man vergißt alles, was nicht zur Partie gehört. Ich hatte es ganz vergessen, daß Sie hier waren; ich wußte nicht, daß Graf Tiretta zu Abend speist, und deshalb hatte ich nichts bestellt; aber in Zukunft werden wir soupieren. Ich habe den jungen Mann in Pension genommen. Er hat einen ausgezeichneten Charakter und viel Geist, und ich bin überzeugt, es dauert nicht lange, so spricht er gut französisch. Zieh dich an, Nichte; wir müssen packen. Wir werden heute nachmittag nach La Vilette fahren und dort das ganze Frühjahr verbringen. Noch eins, Nichte: es ist nicht nötig, daß du diese Geschichte meiner Schwester erzählst.«

»Ich, Tante? Oh, gewiß nicht. Habe ich ihr übrigens die anderen Male etwas gesagt?«

»Die anderen Male! Aber sehen Sie doch, wie dumm das Mädchen ist. Die anderen Male – klingt das nicht gerade, wie wenn so etwas nicht zum erstenmal passierte?«

»So war es nicht gemeint; ich wollte sagen, ich erzähle ihr niemals von dem, was Sie machen.«

»Schon gut, Nichte; aber du solltest doch lernen, dich richtig auszudrücken. Um zwei Uhr essen wir. Herr Casanova wird uns hoffentlich das Vergnügen machen, mit uns zu speisen, und gleich nach Tisch fahren wir ab. Tiretta hat mir versprochen, rechtzeitig mit seinem Köfferchen hier zu sein, und dieses wird mit unserem Gepäck zusammengehen.«

Nachdem ich ihr versprochen hatte, pünktlich zu kommen, grüßte ich die Damen und begab mich schnell nach Hause, denn ich verspürte eine fast weibliche Neugier, zu erfahren, wie das große Einigungswerk sich vollzogen hatte.

»Nun, mein lieber Tiretta, da hast du ja eine schöne Stelle. Sage mir schnell, wie es gegangen ist.«

»Mein Lieber, ich habe mich auf ein Jahr verkauft: Monatlich fünfundzwanzig Louis, guten Tisch, gute Wohnung usw.«

»Meinen besten Glückwunsch.«

»Wenn du glaubst, daß es der Mühe wert ist...«

»Keine Rosen ohne Dornen. Übrigens hat sie mir gesagt, du seiest ein übermenschliches Wesen.«

»Um ihr dies zu beweisen, habe ich mich die ganze Nacht sehr angestrengt; aber ich bin fest überzeugt, daß du die Zeit besser angewandt hast als ich.«

»Ich habe geschlafen wie ein König. Zieh dich an. Ich bin zum Mittagessen eingeladen und will dich nach La Villette abfahren sehen. Dort werde ich dich zuweilen besuchen; denn dein Liebchen hat mir gesagt, ich werde dort stets ein Zimmer haben.«

Um zwei Uhr kamen wir an. Frau *** war als junges Mädchen gekleidet und spielte eine sonderbare Figur; aber Fräulein de la Meure war schön wie ein Stern. Die Liebe hatte ihr Wesen entwickelt und der Genuß ihr neues Leben eingehaucht. Wir aßen ausgezeichnet; denn die gute Dame kokettierte mit ihrem Essen wie mit ihrem Anzug. Aber an ihren Speisen war wenigstens nichts Lächerliches, während an ihrer Person alles überwältigend komisch war. Um vier Uhr fuhren sie mit Tiretta ab; ich aber verbrachte den Abend in der italienischen Komödie.

Ich war in Fräulein de la Meure verliebt, aber Sylvias Tochter, deren Schönheit ich nur bei den Familienmahlzeiten genoß, schwächte diese Liebe ab, die mir nichts mehr zu wünschen übrig ließ.

Wir beklagen uns über die Frauen, die uns ihre Gunst verweigern, obgleich sie verliebt und unserer Gegenliebe sicher sind. Aber wir haben unrecht; denn wenn sie uns lieben, müssen sie befürchten uns zu verlieren, indem sie uns zufriedenstellen; sie müssen also natürlicherweise alles, was in ihren Kräften steht, tun, um uns festzuhalten, und dies kann nur geschehen, indem sie unsere Begierden nach ihrem Besitz nähren. Begierden aber werden nur durch Entbehrungen genährt; der Genuß erstickt sie, denn man begehrt nicht, was man schon besitzt. Hieraus folgere ich, daß die Frauen recht haben, wenn sie sich unseren Wünschen versagen. Wenn aber bei beiden Geschlechtern die Begierden gleich sind, wie kommt es dann, daß niemals ein Mann sich einer Frau versagt, die er liebt und die ihn begehrt?

Die Furcht vor den Folgen können wir nicht als Erklärung gelten lassen; denn diese Voraussetzung ist nicht allgemein gültig. Nach meiner Meinung ist der einzige Grund der, daß der Mann, der sich geliebt weiß, das Vergnügen, das er bereitet, höher schätzt als das, welches er empfängt; darum ist er stets bereit, Genuß mitzuteilen. Der Mann weiß auch, daß im allgemeinen die Frau, die der belebende Funke der Liebeslust getroffen hat, ihre Zärtlichkeit, Fürsorge und Anhänglichkeit verdoppelt. Die Frau dagegen, die nur an ihre eigenen Interessen denkt, legt mehr Wert auf die Wonne, die sie empfängt, als auf die, die sie bereitet. Aus diesem Grunde schiebt sie sie hinaus, so lange sie kann; denn wenn sie sich hingibt, fürchtet sie gerade das zu verlieren, woran ihr etwas liegt: ihr eigenes Vergnügen. Dieses Gefühl ist dem weiblichen Geschlecht eigentümlich; es ist die einzige Ursache der Koketterie, die die Vernunft den Frauen verzeiht, an Männern aber nur verdammen kann. Denn beim Mann ist Koketterie eine lächerliche Geckenhaftigkeit.

Sylvias Tochter liebte mich und wußte, daß ich sie liebte, obgleich ich es ihr nie gesagt hatte; aber das Weib hat ein so feines Gefühl. Übrigens hütete sie sich wohl, mich dies merken zu lassen; denn sie hätte fürchten müssen, mich dadurch zu ermutigen, Gunstbezeigungen von ihr zu verlangen; sie fühlte sich nicht sicher, daß sie stark genug sein werde, mir solche abzuschlagen, und fürchtete meine Unbeständigkeit. Ihre Eltern hatten sie dem Musiker Clement bestimmt, der sie seit drei Jahren im Klavierspielen unterrichtete. Sie wußte es, und nichts hinderte sie, dieser Heirat zuzustimmen; denn wenn sie ihn gleich nicht liebte, sah sie ihn doch gern. Die meisten jungen Mädchen unterwerfen sich Hymens Joch, ohne daß Amor etwas damit zu tun hat, und sie finden dies nicht unangenehm. Sie fühlen, daß sie erst durch die Ehe etwas in der Welt bedeuten; sie verheiraten sich, um selbständig zu werden, um ein Hauswesen zu haben. Sie scheinen zu fühlen, daß ein Gatte kein Liebhaber zu sein braucht. In Paris herrscht diese Auffassung auch bei den Männern, und darum sind die meisten Ehen Konvenienzehen. Der Franzose ist eifersüchtig auf seine Geliebte, niemals auf seine Frau.

Herr Clément war augenscheinlich verliebt in die junge Baletti, und diese war sehr erfreut, daß ich es bemerkte; denn sie zweifelte nicht daran, daß diese Gewißheit mich zu einer Erklärung veranlassen würde, und sie täuschte sich nicht. Die Abreise des Fräuleins de la Meure trug viel dazu bei, mich zu diesem Entschluß zu bringen, den ich bald bereute, denn nach meiner Erklärung wurde Clément verabschiedet, und nun war ich schlimmer daran als je zuvor. Der Mann, der einer Frau anders als pantominisch seine Liebe erklärt, muß noch zur Schule gehen.

Drei Tage nach Tirettas Abreise brachte ich ihm seine Siebensachen nach la Vilette, und Frau *** sah mich mit Vergnügen. Der Abbé des Forges kam in dem Augenblick, wo wir uns zu Tische setzen wollten. Dieser Tugendbold, der sich in Paris sehr freundschaftlich gegen mich benommen hatte, beehrte mich bei Tische mit keinem einzigen Blick; ebenso benahm er sich gegen Tiretta. Ich machte mir sehr wenig aus dem guten Mann, aber mein Freund war weniger langmütig als ich und verlor schließlich die Geduld: beim Nachtisch stand er auf und bat Frau ***, sie möchte ihn freundlichst vorher benachrichtigen, wenn sie den Menschen zu Tisch haben würde. Alles stand auf, ohne ein Wort zu sagen, und der schweigsame Abbé ging mit der Hausfrau in ein Nebenzimmer.

Tiretta zeigte mir sein Zimmer, das ich sehr hübsch fand, und das natürlich an das seiner Schönen anstieß. Während er seine Sachen ordnete, nahm Fräulein de la Meure mich mit, um mir meine Unterkunft zu zeigen. Es war ein sehr hübsches Kabinett im Erdgeschoß, und ihr Zimmer lag gegenüber. Natürlich machte ich sie darauf aufmerksam, daß ich sie leicht besuchen könnte, wenn alles im Bett läge; aber sie sagte mir, ich würde bei ihr schlecht aufgehoben sein und sie würde mir deshalb die Mühe ersparen, mein Zimmer zu verlassen. Ich fand diesen Vorschlag sehr bequem und hatte, wie man sich denken kann, gegen diese Anordnung nichts einzuwenden.

Sie erzählte mir von den Torheiten, die ihre fromme Tante Tirettas wegen beging. »Sie glaubt, wir wüßten nicht, daß er bei ihr schläft.«

»Sie glaubt es oder stellt sich, als ob sie es glaube.«

»Das ist möglich. Heute früh klingelte sie um elf Uhr und befahl mir, ihn zu fragen, ob er eine gute Nacht gehabt habe. Ich gehorchte; da ich jedoch sein Bett unberührt sah, fragte ich ihn, ob er nicht zu Bett gegangen sei. ›Nein,‹ antwortete er mir, ›ich habe die ganze Nacht geschrieben; aber sagen Sie bitte Ihrer Tante nichts davon.‹ Das habe ich ihm natürlich versprochen.«

»Liebäugelt er mit dir?«

»Nein. Aber wenn auch? Wenn er nicht ganz dumm ist, muß er doch wissen, wie wenig ich mir aus ihm mache.«

»Warum?«

»Pfui! meine Tante bezahlt ihn! Sich verkaufen! Das ist ja gräßlich.«

»Aber du bezahlst mich ja auch.«

»Ja, aber in derselben Münze, die ich von dir empfange.«

Die alte Tante glaubte, ihre Nichte hätte keinen Geist, und nannte sie immer dumm. Ich fand sie im Gegenteil sehr geistvoll; aber ich fand sie auch ebenso tugendhaft, und ich würde sie niemals verführt haben, wenn sie nicht in einem Kloster von Betschwestern erzogen worden wäre.

Ich begab mich wieder zu Tiretta und verbrachte eine volle Stunde mit ihm. Ich fragte ihn, ob er mit seiner Stelle zufrieden wäre.

»Die Sache macht mir kein Vergnügen; aber da sie mir keine Mühe kostet, so fühle ich mich nicht unglücklich.«

»Aber ihr Gesicht.«

»Ich sehe nicht hin, und was mir an ihr gefällt, ist die große Reinlichkeit.«

»Schont sie dich?«

»Sie fließt von Gefühl über. Heute früh hat sie den Morgengruß nicht angenommen, den ich ihr bringen wollte. Ich bin sicher, sagte sie zu mir, daß meine Weigerung dich schmerzen wird, aber deine Gesundheit ist mir teuer, und du mußt sie schonen.«

Da der mürrische Abbé des Forges fortgegangen und Frau *** daher allein war, so gingen wir in ihr Zimmer. Sie behandelte mich wie einen Gevatter, war liebenswürdig gegen Tiretta und spielte das Kind auf eine Weise, daß einem bange werden konnte, Tiretta hielt ihr tapfer stand, und ich konnte nicht umhin, ihn zu bewundern.

»Ich werde diesen dummen Abbé nicht mehr empfangen,« sagte sie zu ihm; »er sagte mir, ich wäre in dieser und in jener Welt verloren, und drohte mir, sich von mir loszusagen. Ich habe ihn beim Wort genommen.«

Eine Schauspielerin namens Quinault, die die Bühne verlassen hatte und in der Nachbarschaft wohnte, kam zu Frau *** zu Besuch. Eine Viertelstunde später erschienen Frau Favart und der Abbé de Voisenon und ein bißchen später Fräulein Amelin mit einem sehr hübschen Knaben, den sie für ihren Neffen ausgab und Calabre nannte. Der junge Mensch sah ihr so ähnlich, wie ein Tropfen Wasser dem anderen; darin sah sie jedoch keinen hinreichenden Grund, um sich als seine Mutter zu bekennen. Ein Piemontese, Herr Paton, der mit ihr gekommen war, legte eine Pharaobank, nachdem er sich lange hatte bitten lassen. In weniger als zwei Stunden gewann er allen Anwesenden ihr Geld ab, nur mir nicht, denn ich war so vernünftig, nicht zu spielen. Ich verbrachte meine Zeit viel besser mit meiner hübschen Geliebten. Ich hatte den Piemontesen durchschaut: er war offenbar ein Gauner. Tiretta aber war weniger klug als ich; denn er verlor all sein Geld und noch hundert Louis auf Wort. Als der Bankhalter eine gute Ernte gemacht hatte, legte er die Karten hin, und Tiretta sagte ihm in gutem Italienisch, er sei ein abgefeimter Spitzbube. Der Piemontese antwortete ihm mit der größten Kaltblütigkeit, er habe gelogen. Ich sah, daß das Ding ein böses Ende nehmen würde, und sagte ihm, Tiretta habe nur gescherzt. Ich nötigte meinen Freund, dies zuzugeben. Er tat es, doch lachte er dabei und ging hierauf in sein Zimmer.

Acht Jahre später sah ich diesen Paton in St. Petersburg, und 1767 wurde er in Polen ermordet.

An demselben Abend suchte ich Tiretta auf und gab ihm eine freundschaftliche aber ernste Ermahnung. Ich wies ihn darauf hin, daß er als Spieler stets von der Geschicklichkeit des Bankhalters abhängig sei; dieser könne ein Betrüger, aber zugleich ein tapferer Mann sein. Folglich setze er sein Leben aufs Spiel, wenn er ihn einen Betrüger zu nennen wage.

»Soll ich mich also bestehlen lassen?«

»Ja; denn du hast die freie Wahl. Es steht in deiner Macht, nicht zu spielen.«

»Jedenfalls werde ich die hundert Louis nicht bezahlen.«

»Ich rate dir, sie zu bezahlen, und sogar, ehe er sie von dir fordert.«

»Du hast eine Gabe, einen zu allem, was du willst, zu überreden, selbst wenn man den besten Willen hat, sich um deine Ratschläge nicht zu bekümmern.«

»Ja, mein Lieber, ich spreche eben die Sprache des Herzens und stütze mich dabei auf die Vernunft und, was noch besser ist, auf die Erfahrung.«

Drei Viertelstunden darauf ging ich zu Bett, und es dauerte nicht lange, so erschien meine Geliebte. Diese Nacht war viel süßer als die erste; denn es ist oft schwierig, die erste Blüte zu pflücken, und wenn die Menschen im allgemeinen auf diese Wert legen, so geschieht es mehr aus Egoismus, als weil sie Genuß davon haben.

Am nächsten Morgen frühstückte ich im Familienkreise und freute mich des rosigen Hauches, der die Wangen meiner schönen Freundin färbte. Hierauf kehrte ich nach Paris zurück. Drei oder vier Tage später kam Tiretta zu mir und sagte mir, der Kaufmann aus Dünkirchen sei angekommen. Frau *** habe ihn zum Essen eingeladen und wünsche, daß ich ebenfalls daran teilnehme. Ich war auf diese Nachricht vorbereitet, trotzdem stieg mir das Feuer ins Gesicht. Tiretta bemerkte es, erriet mich zum Teil und sagte: »Du bist in meine Nichte verliebt.«

»Woran merkst du das?«

»An deiner Überraschung, meln Lieber, und daran, daß du mir ein Geheimnis daraus zu machen suchst; aber Amor ist ein Indiskreter, der sich gerade durch sein Schweigen verrät.«

»Du bist ein Weltweiser, mein lieber Tiretta. Ich werde mit euch speisen; aber denke an Harpokrates!«

Er ging.

Mir blutete das Herz. Einen Monat später wäre die Ankunft des Kaufmanns mir vielleicht erwünscht gewesen. Aber kaum den Rand der Lippen mit dem Nektar genetzt zu haben, und dann das kostbare Gefäß aus den Händen gleiten sehen! Noch jetzt denke ich daran, und diese Erinnerung ist nicht ohne Bitterkeit.

Ich befand mich in einem Zustand schmerzlicher und wirklich peinvoller Ratlosigkeit. Dieser Zustand befiel mich regelmäßig, wenn ich mich in der Zwangslage befand, einen Entschluß fassen zu müssen, und es doch unmöglich tun konnte. Wenn sich der Leser schon in diesem Fall befunden hat, wird er erraten können, wie schmerzhaft meine Lage war. Ich konnte dieser Heirat nicht zustimmen, mich aber auch nicht entschließen, sie zu vereiteln, indem ich mich in den Besitz eines Weibes setzte, das ich dazu geschaffen glaubte, mich glücklich zu machen.

Ich fuhr nach la Villette hinaus und war ein wenig überrascht, Fräulein de la Meure in einem ungewöhnlich eleganten Anzuge zu finden.

»Ihr Bewerber«, sagte ich zu ihr, »wird aller dieser Pracht nicht bedürfen, um Sie reizend zu finden.«

»Meine Tante denkt anders als Sie.«

»Sie haben ihn noch nicht gesehen?«

»Nein, ich bin neugierig auf ihn, obwohl ich auf Sie rechne und daher sicher bin, niemals seine Frau zu werden.«

Einige Augenblicke darauf kam der Bräutigam mit dem Bankier Corneman, der bei diesem Handelsgeschäft den Makler gespielt hatte. Ich sah einen etwa vierzigjährigen schönen Mann von offenen Zügen, sehr gut, aber nicht gesucht gekleidet. Er stellte sich der Frau *** auf eine einfache, aber ungezwungene und höfliche Art vor, und sah seine Zukünftige erst an, als die Tante sie ihm vorstellte. Bei ihrem Anblick wurde seine Miene noch freundlicher, und er sagte ihr, ohne schöne Redensarten zu suchen, sondern voll Gefühl, er wünsche, daß der Eindruck, den er auf sie hervorbringen werde, ein wenig jenem gleichen möge, den sie in ihm erwecke. Sie antwortete auf diese Worte nur mit einer schönen Verbeugung, aber sie beobachtete ihn sehr aufmerksam.

Das Essen wurde aufgetragen; man speiste, man sprach von tausend Dingen – aber von der Heirat kein Wort. Die beiden Brautleute sahen sich nur selten einmal zufällig an, aber sie wechselten kein Wort. Nach dem Essen zog das Fräulein sich auf sein Zimmer zurück, und die Tante ging mit dem Bankier und mit dem Zukünftigen in ihr Kabinett, wo sie eine zweistündige Unterredung hatten. Da die Herren an demselben Tage nach Paris zurückfahren mußten, ließ Frau *** ihre Nichte rufen und sagte in ihrer Gegenwart dem Bewerber, sie erwarte ihn am nächsten Tage zum Essen und sei sicher, daß ihre Nichte ihn mit Vergnügen sehen werde.

»Nicht wahr, Nichte?«

»Gewiß, liebe Tante, ich werde den Herrn mit Vergnügen wieder sehen.«

Ohne diese Antwort würde der Herr Kaufmann abgefahren sein, ohne die Stimme seiner Zukünftigen gehört zu haben.

»Nun, was sagst du zu deinem Gatten?« fragte die alte Dame.

»Erlauben Sie mir, liebe Tante, Ihnen dies erst morgen zu sagen. Aber bei Tisch haben Sie die Güte, mich sprechen zu lassen; denn es kann wohl sein, daß mein Äußeres ihn nicht abgestoßen hat, aber er weiß noch nicht, ob ich richtig denke, und es wäre wohl möglich, daß mein Geist den geringen Eindruck zerstört, den vielleicht mein Gesicht gemacht hat.«

»Ja, ich fürchte, daß du Dummheiten sagst und dadurch den guten Begriff zerstörst, den er von dir bekommen zu haben scheint.«

»Man darf keinen Menschen täuschen, Tante; um so besser für ihn, Tante, wenn die Wahrheit ihm die Täuschung benimmt, und um so schlimmer für ihn und für mich, wenn wir uns zum Ehebunde entschließen, ohne uns zu kennen und ohne über unsere Denkweise das geringste Urteil haben zu können.«

»Wie findest du ihn?«

»Er scheint mir nicht übel, vielmehr liebenswürdig und recht stattlich; aber warten wir bis morgen. Vielleicht wird er dann nichts mehr von mir wissen wollen, denn ich bin ja so dumm!«

»Ich weiß wohl, du glaubst, klug zu sein; aber das ist gerade das Schlimme; gerade die gute Meinung, die du von dir selber hast, ist an deiner Dummheit schuld; Herr Casanova ist allerdings der Meinung, daß du viel Geist habest.«

»Vielleicht versteht er etwas davon.«

»Nein, er macht sich über dich lustig, mein armes Kind.«

»Ich glaube, das Gegenteil annehmen zu dürfen, liebe Tante.«

»Sieh, das ist eben grade eine Dummheit in aller Form.«

»Nehmen Sie es mir nicht übel, gnädige Frau, da bin ich anderer Meinung. Fräulein de la Meure hat recht, wenn sie glaubt, daß ich weit entfernt bin, mich über sie lustig zu machen, und ich wage Ihnen zu versprechen, daß sie morgen glänzen wird; die Gelegenheit dazu werden wir ihr bieten.«

»Sie bleiben also; das freut mich. Wir werden eine Partie Piquet machen, und ich werde gegen Sie beide spielen. Meine Nichte muß mit Ihnen spielen, denn sie muß es lernen.«

Tiretta bat sein Püppchen um Erlaubnis, ins Theater gehen zu dürfen. Wir waren also allein und spielten bis zum Abendessen. Als Tiretta wieder da war, lachten wir uns halb tot über die Art, wie er in seinem Kauderwelsch die Handlung des von ihm gesehenen Stückes erzählte. Hierauf trennten wir uns.

Seit einer Viertelstunde wartete ich in meinem Zimmer in der süßen Hoffnung, meine Geliebte in ihrem hübschen Nachtkleide zu sehen; plötzlich sah ich sie ganz angekleidet bei mir eintreten. Dies überraschte mich und schien mir von übler Vorbedeutung zu sein.

»Du bist erstaunt, mich angekleidet zu sehen,« sagte sie zu mir, »aber ich muß einen Augenblick mit dir sprechen; erst dann werde ich mich ausziehen. Sage mir ohne Umschweife, ob ich in diese Heirat einwilligen soll?«

»Wie findest du den Herrn?«

»Er mißfällt mir nicht.«

»So nimm ihn doch.«

»Das genügt. Lebe wohl! In diesem Augenblick hört unsere Liebe auf und unsere Freundschaft beginnt. Geh zu Bett; ich werde dasselbe tun. Lebe wohl!«

»Nein, bleibe! Unsere Freundschaft wird morgen beginnen.«

»Nein! Und wenn wir beide sterben müßten! Mein Entschluß wird mir schwer, aber er ist unwiderruflich. Wenn ich die Frau eines anderen werden soll, so muß ich mich vor allen Dingen vergewissern, daß ich seiner würdig sein werde. Vielleicht werde ich auch glücklich sein. Halte mich nicht zurück; laß mich gehen. Du weißt, wie sehr ich dich liebe.«

»Einen Kuß wenigstens.«

»Ach! Nein.«

»Du weinst.«

»Nein. Um Gottes willen laß mich gehen!«

»Mein Herz, du wirst in deinem Zimmer weinen. Ich bin in Verzweiflung. Bleib! Ich werde dich heiraten.«

»Nein, dazu kann ich mich nicht mehr bereit erklären.«

Mit diesen Worten riß sie sich von mir los und lief hinaus. Ich war wie betäubt vor Scham und Schmerz. Die ganze Nacht konnte ich kein Auge schließen. Ich verabscheute mich selber; denn ich wußte nicht, ob meine Schuld größer war, weil ich sie verführt, oder weil ich sie einem anderen überlassen hatte.

Ich blieb am nächsten Tage zum Essen da, trotz meinem Herzenskummer und obwohl ich mir selber eine traurige Figur zu spielen schien. Fräulein de la Meure glänzte im Gespräch. Sie unterhielt sich mit ihrem Zukünftigen so vernünftig und geistvoll, daß er sichtlich von ihr entzückt war. Überzeugt, daß ich doch nichts Gescheites zu sagen wüßte, schützte ich nach meiner Gewohnheit Zahnschmerzen vor, damit ich nicht zu sprechen brauchte. Ich war traurig, träumerisch und krank infolge der schlaflosen Nacht, und ich gestand mir selber ein, daß ich verliebt, eifersüchtig und in Verzweiflung war. Das Fräulein sprach nicht ein einziges Wort mit mir, gönnte mir keinen einzigen Blick. Sie hatte recht; aber damals war ich weit entfernt, die Richtigkeit ihrer Handungsweise anzuerkennen. Das Mittagessen kam mir trostlos lang vor; ich glaube nicht, jemals ein peinlicheres mitgemacht zu haben.

Sofort nach der Mahlzeit ging Frau *** mit ihrer Nichte und dem zukünftigen Neffen in ihr Kabinett. Eine Stunde darauf kam das Fräulein heraus und sagte uns, wir könnten ihr gratulieren; denn in acht Tagen würde sie verheiratet sein und sofort nach der Hochzeit würde sie ihrem Gatten nach Dünkirchen folgen. »Für morgen sind wir alle bei Herrn Corneman eingeladen; dort wird der Heiratsvertrag unterschrieben werden.«

Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich nicht auf der Stelle tot niedersank. Es wäre mir unmöglich, genau zu schildern, welche Qualen ich litt.

Bald nach dem Essen machte man den Vorschlag, in die Comédie Française zu gehen; aber ich entschuldigte mich mit dem Vorwand von Geschäften und fuhr nach Paris zurück. Als ich nach Hause kam, glaubte ich Fieber zu haben und ging zu Bett; anstatt jedoch die Ruhe zu finden, deren ich bedurfte, litt ich durch Reue und Gewissensbisse alle Höllenqualen. Der Gedanke wollte mich nicht loslassen, daß ich diese Heirat verhindern oder sterben müßte, überzeugt, daß Fräulein de la Meure mich liebte, glaubte ich, sie würde mir nicht widerstehen, wenn ich ihr nachwiese, daß ihre Weigerung mir das Leben kosten würde. Von diesen Gedanken erfüllt, stand ich auf und schrieb ihr den stärksten Brief, den eine heiße und empörte Leidenschaft nur eingeben kann. Nachdem ich hierdurch meinen Schmerz erleichtert hatte, ging ich wieder zu Bett und schlief bis zum Morgen. Gleich nach dem Erwachen ließ ich einen Dienstmann kommen und versprach ihm zwölf Franken, wenn er meinen Brief übergäbe und mir in anderthalb Stunden die Empfangsbescheinigung brächte. Mein Schreiben war einem Brief an Tiretta beigeschlossen, worin ich ihm mitteilte, daß ich nicht ausgehen würde, bevor ich eine Antwort erhalten hätte. Ich empfing diese vier Stunden später; sie lautete: »Es ist zu spät, lieber Freund; Sie haben mein Schicksal entschieden, ich kann nicht mehr zurück. Gehen Sie ruhig aus. Kommen Sie zum Essen zu Herrn Corneman und seien Sie überzeugt, in einigen Wochen werden wir beide uns glücklich fühlen, einen großen Sieg errungen zu haben. Unsere Liebe ist zu früh glücklich gewesen; sie wird nur noch in unserer Erinnerung fortleben. Ich flehe Sie an, mir nicht mehr zu schreiben.«

Ich fühlte mich dem Tode nahe. Diese Weigerung und der noch grausamere Befehl, ihr nicht mehr zu schreiben, brachten mich in Wut. Ich sah in ihrem Verhalten nur Unbeständigkeit; ich glaubte, sie hätte sich plötzlich in den Kaufmann verliebt. Man stelle sich meinen Zustand vor: ich faßte den schrecklichen Entschluß, meiner Nebenbuhler zu töten. In meiner erhitzten Phantasie folgte ein gräßlicher Plan dem anderen; mein Geist, durch eine aufgeregte und nicht befriedigte Leidenschaft verblendet, ersann die wildesten Mittel, um mich zu rächen. Ich war eifersüchtig, aufgeregt und durch Zorn und vielleicht ebensosehr durch verletzte Eitelkeit halb von Sinnen; Scham und Verdruß hatten meine Vernunft zerstört. Das reizende Mädchen, das ich nur bewundern konnte, das ich nur höher hätte schätzen müssen, das ich angebetet hatte wie einen Engel, es erschien mir als ein Ungeheuer, das ich hassen mußte, als eine Treulose, die ich bestrafen mußte. Endlich verfiel ich auf ein sicheres Mittel, und obwohl ich mir nicht verhehlen konnte, daß es ein niederträchtiges Mittel war, ergriff ich es doch in meiner blinden Leidenschaft ohne Zögern. Ich beschloß, den Bräutigam bei Corneman, wo er wohnte, aufzusuchen, ihm alles zu erzählen, was zwischen dem Fräulein und mir vorgefallen wäre, und wenn diese Enthüllung nicht genügte, um ihn zum Verzicht auf seinen Heiratsplan zu bewegen, ihm zu sagen, daß einer von uns beiden sterben müßte; endlich aber ihn zu ermorden, wenn er meine Herausforderung nicht annähme.

Als dieser entsetzliche Plan bei mir feststand, an den ich heute nur noch mit einem Schaudern des Abscheus denken kann, aß ich mit einem wahren Wolfshunger zu Abend, ging zu Bett und schlief ohne Unterbrechung bis zum Morgen. Beim Erwachen befand ich mich in derselben Stimmung und wurde dadurch in meinem Entschluß noch bestärkt. Schnell, aber sorgfältig kleidete ich mich an, steckte zwei wohlgeladene Pistolen in die Taschen und begab mich zu Herrn Corneman. Mein Nebenbuhler schlief noch. Ich wartete eine Viertelstunde, und während dieser Zeit bestärkten alle meine Gedanken mich in meinem Entschluß. Plötzlich erscheint mein Nebenbuhler im Schlafrock, kommt mit offenen Armen auf mich zu, umarmt mich und sagt zu mir in wohlwollendstem Ton: er habe meinen Besuch erwartet, denn da ich ein Freund seiner Braut sei, so glaube er, daß auch er mir freundschaftliche Gefühle eingeflößt habe; er werde stets die Gefühle meiner Braut für mich teilen.

Das schöne Gesicht des wackeren Mannes, sein freies und offenes Wesen, die Wahrheit des Gefühls, das in seinen Worten lag – dies alles drückte mich nieder. Ich schwieg einige Augenblicke; ich wußte wirklich nicht, was ich ihm sagen sollte. Zum Glück ließ er mir völlig genügende Zeit, um wieder zu nur zu kommen; denn er sprach eine Viertelstunde lang, ohne zu bemerken, daß ich noch keine einzige Silbe gesagt hatte.

Herr Corneman kam; es wurde Kaffee gebracht, und ich fand die Sprache wieder; aber ich konnte ihm jetzt nur noch einige höfliche Worte sagen, und ich wünsche mir noch heute Glück dazu. Die Krisis war vorüber.

Wenn man aufmerksam darauf achtet, so wird man bemerken, daß die hitzigsten Charaktere einem zu stark angespannten Strick gleichen, der entweder zerreißt oder seine Spannkraft verliert. Ich habe mehrere Personen von diesem Schlage gekannt, unter anderen den Chevalier L., der so lebhaft war, daß er sich in Augenblicken der Aufregung dem Tode nahe fühlte. Wenn er in dem Augenblick, wo seine Wut losbrechen wollte, irgendeinen Gegenstand zertrümmern konnte, wurde er sofort wieder ruhig. Die Vernunft gewann wieder die Oberhand, und der wütende Löwe wurde ein Lamm, ein wahres Muster von Sanftmut.

Nachdem wir eine Tasse Kaffee getrunken hatten, fühlte ich mich erleichtert und zugleich erstaunt; wir umarmten uns, und ich ging. Ich beobachte mich selbst mit der größten Verwunderung, aber ich war entzückt, meinen abscheulichen Vorsatz nicht ausgeführt zu haben. Mich demütigte nur die nicht zu leugnende Tatsache, daß ich es nur dem Zufall verdankte, wenn ich nicht eine ganz niederträchtige Handlung begonnen hatte und zum Verbrecher geworden war.

Während ich planlos durch die Straßen ging, begegnete ich meinen Bruder; dieses Zusammentreffen beruhigte mich vollends. Ich ging mit ihm zu Sylvia zum Mittagessen und blieb dort bis Mitternacht Ich sah, daß die junge Baletti die Treulose in Vergessenheit bringen würde, wenn ich so vernünftig war, ein Wiedersehen vor ihrer Hochzeit zu vermeiden. Um mir dies leichter zu machen, fuhr ich am nächsten Tage nach Versailles, um den Ministern meine Aufwartung zu machen.

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