Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Giacomo Casanova >

Erinnerungen, Band 3

Giacomo Casanova: Erinnerungen, Band 3 - Kapitel 3
Quellenangabe
typeautobio
authorCasanova
titleErinnerungen, Band 3
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
volume3
year1911
senderwww.gaga.net
created20050330
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel

Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten. – Der Generalkontrolleur Herr de Boulogne. – Der Herzog von Choiseul. – Der Abbé de la Ville. – Herr du Vernay. – Einrichtung der Lotterie. – Mein Bruder kommt von Dresden nach Paris und wird in die Malerakademie aufgenommen.

So bin ich also wieder in meinem einzigen Paris, das ich von nun an als meine Heimat betrachten muß, da ich an Rückkehr in jene andere, die mir der Zufall der Geburt gegeben hat, nicht mehr denken darf – eine undankbare Heimat, die ich aber trotzdem immer noch liebe, sei es, daß das Vorurteil unsere Gedanken und unsere Liebe mit Zaubermacht an jene Orte fesselt wo unsere Kinderjahre verflossen sind und wo wir unsere erste Eindrücke empfangen haben, sei es, daß Venedig in der Tat Reiz hat, die nur ihm allein eigen sind. Aber dieses ungeheure Paris ist ein Ort des Elends oder des Glücks, je nachdem man sich zu benehmen weiß; auf mich wird es ankommen, den günstigen Wind zu benutzen.

Paris war mir nicht fremd; wie meine Leser wissen, hatte ich mich schon zwei Jahre lang dort aufgehalten. Aber ich muß gestehen, daß ich damals nichts anderes zu tun gehabt hatte, als die Zeit tot zu schlagen; ich hatte mich nur um mein Vergnügen bekümmert, und demgemäß war mein Leben verlaufen. Ich hatte die Göttin des Glücks nicht umworben, und deshalb hatte sie mir auch nicht ihr Heiligtum geöffnet. Jetzt aber fühlte ich, daß ich sie mit größerer Ehrerbietung behandeln mußte; ich mußte mich an ihre Günstlinge heranmachen, die sie mit ihren Gaben überhäufte. Je näher man der Sonne kommt, desto mehr verspürt man die wohltätigen Wirkungen ihrer Strahlen. Dies wußte ich, und ich sah, daß ich, um etwas zu erreichen, alle meine körperlichen und geistigen Kräfte aufbieten mußte. Ich durfte es nicht versäumen, Bekanntschaften mit großen und einflußreichen Persönlichkeiten anzuknüpfen. Ich mußte Selbstbeherrschung üben und mich zu der Partei derer halten, deren Wohlwollen meinen Interessen nützlich sein konnte. Um mich mit Erfolg diesen Betrachtungen entsprechend verhalten zu können, war es für mich wichtig, alles zu vermeiden, was man in Paris schlechte Gesellschaft nennt. Ich mußte auf alle meine alten Gewohnheiten verzichten und alle Ansprüche fallen lassen, wodurch ich mir hätte Feinde machen können; denn diese hätten natürlich nicht verfehlt, mich als einen wenig zuverlässigen Menschen hinzustellen, den man nicht wohl mit Aufträgen von einiger Bedeutung betrauen könnte. Diese Gedanken waren, wie ich glaube, sehr richtig, und ich hoffe, daß der Leser vollkommen meiner Meinung sein wird. »Ich werde«, sagte ich zu mir, »zurückhaltend in meinem Benehmen und in meinen Reden sein; dadurch werde ich mir einen guten Ruf erwerben, dessen Früchte nicht ausbleiben können.«

Meine augenblicklichen Bedürfnisse machten mir keine Sorgen; denn ich konnte auf ein Monatsgeld von dreihundert Franken rechnen, die mein Adoptiv-Vater, der gute und freigebige Herr von Bragadino, mir schicken wollte. Diese Summe mußte mir in Erwartung eines Bessern einstweilen genügen; denn in Paris kann man mit geringen Kosten leben und doch eine gute Figur spielen, wenn man sich etwas einzuschränken versteht. Das Wesentliche war für mich, stets gut gekleidet zu sein und eine anständige Wohnung zu haben, denn in allen großen Städten kommt es auf das äußere Auftreten an: nach diesem wird man zunächst beurteilt. In Verlegenheit brachten mich nur die dringlichen Bedürfnisse des Augenblicks; denn ich hatte, offen herausgesagt, weder Kleider noch Wäsche – mit einem Wort: nichts.

Wenn man sich meiner Beziehungen zum französischen Gesandten in Venedig erinnert, so wird man es ganz natürlich finden, daß mein erster Gedanke war, mich an ihn zu wenden. Er war damals im Glück, und ich kannte ihn gut genug, um auf ihn rechnen zu können.

Überzeugt, daß der Schweizer mir sagen würde, Seine Exzellenz sei beschäftigt, bewaffnete ich mich mit einem Brief und begab mich gleich am nächsten Morgen in das Palais Bourbon. Der Schweizer nahm meinen Brief, und ich gab ihm meine Adresse an; weiter war nichts nötig, und ich ging wieder.

Überall, wohin ich kam, mußte ich meine Flucht erzählen; das wurde für mich eine wahre Anstrengung, die beinahe ebenso ermüdend war wie die Flucht selbst; denn ich brauchte zu meiner Erzählung zwei Stunden, selbst wenn ich gar nichts ausschmückte. Meine Lage verlangte jedoch von mir, gefällig gegen die Neugierigen zu sein; denn ich mußte annehmen, daß sie alle die freundlichste Teilnahme für mich empfänden. Wenn man gefallen will, so ist es im allgemeinen gewiß das sicherste Mittel, bei allen, mit denen man zu tun hat, eine wohlwollende Gesinnung vorauszusetzen.

Ich speiste bei Sylvia zu Abend. Es ging dort ruhiger her als am Abend zuvor, und ich konnte mit den Zeichen der Freundschaft, die man mir erwies, sehr wohl zufrieden sein.

Ich ging früh nach Hause; denn ich war ungeduldig, zu sehen, was der Minister auf meinen Brief mir antworten würde. Ich brauchte nicht lange zu warten; schon um acht Uhr erhielt ich von ihm ein Briefchen, worin er mich auf zwei Uhr nachmittags zu sich bat. Wie man sich denken kann, war ich pünktlich. Ich wurde von Seiner Exzellenz auf das zuvorkommendste empfangen. Herr von Bernis sprach seine Freude darüber aus, daß ich meine Schwierigkeiten siegreich überwunden hätte und daß er in der Lage wäre, mir nützlich sein zu können. Er sagte mir, M. M. habe ihm meine Flucht mitgeteilt und er habe stets gehofft, daß mein erster Besuch in Paris, wohin ich natürlich mich hätte begeben müssen, ihm gelten würde. Er zeigte mir den Brief, worin M. M. ihm meine Verhaftung meldete, und einen andern, worin sie ihm meine glückliche Flucht mitteilte; aber alle Einzelheiten beruhten auf reiner Phantasie. M. M. war entschuldbar, denn sie hatte nur schreiben können, was man ihr gesagt hatte, und es war nicht leicht, in Venedig etwas Wahres über meine Flucht zu erfahren. Die reizende Nonne schrieb ihm: jetzt, da sie keine Hoffnung mehr habe, einen der beiden Männer wieder zu sehen, die allein sie an das Leben fesselten und auf deren Liebe sie hätte rechnen können, sei ihr das Dasein zur Last geworden, und sie fühle sich unglücklich, daß sie keine Zuflucht mehr bei der Frömmigkeit finden könnte. »C. C. besucht mich oft,« schrieb sie; »aber leider ist meine liebe Freundin mit ihrem Mann durchaus nicht glücklich.«

Ich sagte Herrn von Bernis, die Umstände meiner Flucht aus den Bleikammern, wie unsere Freundin sie ihm mitgeteilt habe, seien durchaus falsch; ich würde mir daher die Freiheit nehmen, eine ausführliche Schilderung niederzuschreiben. Er bat mich dringend, dieses Versprechen zu halten, und versicherte mir, er werde M. M. eine Abschrift schicken. Zugleich drückte er mir auf die anmutigste Art eine Rolle von hundert Louis in die Hand, indem er mir sagte, er werde an mich denken und mir sofort Bescheid geben, wenn er mir etwas mitzuteilen habe.

Im Besitze genügender Mittel, dachte ich nunmehr zunächst an meine Ausstattung. Sobald ich die nötigen Einkäufe gemacht hatte, ging ich an die Arbeit. Acht Tage darauf schickte ich meinem großmütigen Beschützer meine Geschichte zu. Ich schrieb ihm, er möchte davon so viele Abschriften machen lassen, wie er wünschte, und von diesen nach seinem Gutdünken Gebrauch machen, um die Persönlichkeiten, die mir nützlich sein könnten, zu meinen Gunsten zu interessieren.

Drei Wochen später ließ der Minister mich rufen und sagte mir, er habe mit dem venetianischen Gesandten, Herrn Erizzo, über mich gesprochen. Dieser habe ihm gesagt, er werde mir keine Unannehmlichkeiten bereiten; aber er habe keine Lust, sich mit den Staatsinquisitoren zu überwerfen, und werde mich deshalb nicht empfangen. Da ich ihn nicht brauchte, war diese Zurückhaltung mir keineswegs unangenehm. Herr von Bernis teilte mir hierauf mit, er habe meine Geschichte der Frau Marquise de Pompadour gegeben, die sich meiner noch erinnere; er versprach mir, die erste Gelegenheit zu benützen, um mich der einflußreichen Dame vorzustellen. »Sie können, mein lieber Casanova, sich Herrn de Choiseul und dem Generalkontrolleur de Boulogne vorstellen; Sie werden gut aufgenommen werden, und wenn Sie ein bißchen Kopf haben, können Sie von dem letzteren große Vorteile erwarten. Er selber wird Ihnen die nötigen Hinweise geben, und Sie werden die Wahrheit des Sprichwortes erkennen: Wer angehört wird, erreicht seinen Zweck.

Trachten Sie irgend etwas zu erfinden, was den königlichen Finanzen günstig ist, aber vermeiden Sie verwickelte und chimärische Sachen; schreiben Sie es auf, und wenn es nicht allzu lang ist, werde ich Ihnen meine Meinung darüber sagen.«

Ich verließ den Minister zufrieden und dankbar, aber ich war in großer Verlegenheit, wie ich passende Mittel ausfindig machen sollte, um die Einkünfte des Königs zu vermehren.

Ich verstand von den Finanzen gar nichts. Soviel ich auch meine Einbildungskraft abquälte, alles, was mir einfiel, lief auf neue Steuern hinaus, also auf verhaßte oder törichte Mittel, die ich nach gründlicher Überlegung selber wieder verwarf.

Mein erster Besuch galt Herrn von Choiseul, sobald ich erfuhr, daß er in Paris war. Er empfing mich an seinem Putztisch, an dem er schrieb, während sein Kammerdiener ihn frisierte. Er trieb die Höflichkeit so weit, seine Arbeit mehrere Male zu unterbrechen, um Fragen an mich zu richten. Aber während ich diese beantwortete, schrieb Seine Exzellenz ruhig weiter, wie wenn ich gar nicht vorhanden wäre, und ich bezweifle sehr, daß er den Sinn meiner Auseinandersetzungen erfaßte, obgleich er zuweilen so tat, als ob er mich ansähe. Offenbar waren seine Augen und seine Gedanken nicht mit dem gleichen Gegenstand beschäftigt. Trotz dieser sonderbaren Art, Leute oder wenigstens mich zu empfangen, war Herr von Choiseul ein sehr geistvoller Mann.

Als sein Brief fertig war, sagte er mir italienisch: »Herr von Bernis hat mir einen Teil der Geschichte Ihrer Flucht erzählt; sagen Sie mir doch, wie Sie es angefangen haben, um glücklich herauszukommen?«

»Gnädiger Herr, die Geschichte ist ein bißchen lang; ich brauche mindestens zwei Stunden dazu, und Eure Exzellenz scheinen mir sehr beschäftigt zu sein.«

»Erzählen Sie sie mir abgekürzt.«

»Wenn ich es auch noch so kurz mache, brauche ich trotzdem zwei Stunden.«

»Sparen Sie die Einzelheiten für ein anderes Mal auf.«

»Das einzige Interessante bei der Geschichte sind gerade die Einzelheiten.«

»Oho, man kann alles abkürzen, soviel man will, und eine Geschichte braucht deshalb fast gar nicht an Interesse zu verlieren.«

»Sehr wohl. Es würde mir übel anstehen, hiergegen den geringsten Einwand zu erheben. Ich werde also dem gnädigen Herrn erzählen, daß die Staatsinquisitoren mich in die Bleikammern einsperren ließen; daß es mir nach fünfzehn Monaten und fünf Tagen gelang, das Dach zu durchbrechen; daß ich unter tausend Schwierigkeiten durch eine Dachluke in die Kanzlei geriet, deren Tür ich erbrach; daß ich hierauf auf den Markusplatz ging, mich nach der Anlegestelle begab und eine Gondel nahm, die mich nach dem Festland brachte, von wo ich nach Paris kam, wo ich die Ehre habe, Ihnen meine Verbeugung zu machen.«

»Aber was sind die Bleikammern?«

»Gnädiger Herr, um dies zu erklären, brauche ich mindestens eine Viertelstunde.«

»Wie haben Sie es gemacht, um nach dem Dach durchzubrechen?«

»Das kann ich Ihnen in weniger als einer halben Stunde nicht sagen.«

»Warum ließ man Sie gefangen setzen?«

»Die Erzählung dieses Umstandes würde lang sein, gnädiger Herr.«

»Ich glaube. Sie haben recht. Das Interessanteste der Geschichte kann nur auf den Einzelheiten beruhen.«

»Wie ich mir die Freiheit nahm, Eurer Exzellenz zu bemerken.«

»Ich muß nach Versailles; aber Sie werden mir ein Vergnügen machen, wenn Sie mich zuweilen besuchen. Unterdessen, Herr Casanova, überlegen Sie sich, worin ich Ihnen gefällig sein kann.«

Die Art, wie Herr von Choiseul mich empfing, hatte mich gekränkt, und ich war sehr ärgerlich darüber gewesen; aber das Ende unseres Gesprächs und besonders der herzliche Ton seiner letzten Worte beruhigten mich, und als ich ihn verließ, war ich, wenn auch nicht ganz zufrieden, so doch wenigstens nicht mehr ärgerlich.

Ich begab mich von dem hohen Herrn unmittelbar zum Herrn von Boulogne und fand in ihm einen ganz anderen Mann als den Herzog, sowohl in seinen Manieren wie in seiner Haltung. Er empfing mich sehr höflich und machte mir sofort ein Kompliment über die hohe Meinung, die Herr von Bernis von mir und von meinen Kenntnissen auf dem Gebiete der Finanzen habe. Ich fühlte, daß niemals ein Kompliment weniger begründet gewesen war, und es fehlte nicht viel, so hätte ich laut aufgelacht. Mein guter Geist ließ mich ernst bleiben.

Bei Herrn von Boulogne war ein alter Herr, dessen Züge den Stempel des Genies trugen und der mir Ehrfurcht einflößte.

»Teilen Sie mir Ihre Ansichten schriftlich oder mündlich mit,« sagte der Generalkontrolleur zu mir. »Sie werden mich sehr geneigt finden, auf Ihre Ideen einzugehen. Herr Paris du Vernay hier braucht zwanzig Millionen für seine Militärschulen. Es handelt sich darum, diese Summe zu finden, ohne den Staat zu belasten und ohne den königlichen Schatz zu leeren.«

»Nur ein Gott, mein Herr, hat schöpferische Gewalt.«

»Ich bin kein Gott,« fiel Herr du Vernay ein; »trotzdem habe ich zuweilen etwas geschaffen; aber alles ist ganz anders geworden.«

»Alles ist schwieriger geworden, das weiß ich; aber trotz den Schwierigkeiten habe ich eine Operation im Kopf, die dem König jährlich hundert Millionen einbringen würde.«

»Und wieviel würde diese Einnahme dem Könige kosten?«

»Nichts als die Kosten des Einziehens.«

»So würde also die Nation diese Einnahme liefern?«

»Gewiß, natürlich; aber freiwillig.«

»Ich weiß, woran Sie denken.«

»Das würde mich sehr wundern, mein Herr; denn ich habe über meinen Gedanken mit keinem Menschen gesprochen.«

»Wenn Sie sich nicht anderweitig verpflichtet haben, so erweisen Sie mir die Ehre, morgen bei mir zu dinieren. Ich werde Ihnen Ihren Plan zeigen, den ich schön finde, der aber nach meiner Meinung auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen wird. Trotzdem können wir ja einmal darüber plaudern, und wir werden dann sehen. Werden Sie kommen?«

»Ich werde die Ehre haben.«

»Schön; ich werde Sie in Plaisance erwarten.«

Als er fort war, pries Herr von Boulogne mir das Talent und die Rechtschaffenheit des alten Herrn. Er war der Bruder des Herrn de Montmartel, der nach einer geheimen Chronik der Vater der Frau von Pompadour war, denn er liebte Frau Poisson zu gleicher Zeit wie Herr le Normand.

Vom Hause des Generalkontrolleurs begab ich mich nach den Tuilerien, um im Park spazieren zu gehen und über die letzte Schicksalsfügung nachzudenken. Man sagt mir, man brauche zwanzig Millionen; ich rühme mich, hundert geben zu können, ohne die geringste Ahnung zu haben, wie dies möglich sein werde – und ein berühmter Finanzkünstler ladet mich zum Diner ein, um mir zu beweisen, daß er meinen Plan kennt: es war etwas scherzhaft Seltsames dabei; aber das Ganze entsprach meiner Denk- und Handlungsweise. »Wenn er mir die Würmer aus der Nase ziehen will, so kann ich es mit ihm aufnehmen. Wenn er mir seinen Plan mitteilt, so steht es völlig bei mir, zu sagen, daß er sich geirrt, oder daß er richtig geraten habe, je nach dem, was mir der Augenblick eingeben wird. Wenn ich von dem Gegenstand etwas zu verstehen glaube, werde ich vielleicht irgend etwas Neues vorbringen; wenn ich nichts davon verstehe, werde ich mich in ein geheimnisvolles Schweigen hüllen, und zuweilen tut auch dieses seine Wirkung. Auf jeden Fall darf ich das Glück nicht von mir stoßen, wenn es mir günstig sein will.«

Abbé Bernis hatte mich Herrn von Boulogne gegenüber nur deshalb als Kenner des Finanzwesens bezeichnet, um ihn leichter zugänglich zu machen; denn sonst würde er mich vielleicht nicht empfangen haben. Es tat mir leid, daß ich nicht wenigstens die Fachausdrucke beherrschte; denn damit kann man sich oft aus der Verlegenheit ziehen, und gar mancher hat seinen Weg gemacht, der anfangs auch nicht mehr wußte. Aber gleichviel, ich hatte mich einmal darauf eingelassen: es galt gute Miene zum bösen Spiel zu machen, und im übrigen war ich der Mann dazu, zuversichtlich aufzutreten. Immerhin war ich etwas traurig und nachdenklich, als ich am nächsten Tage in einen Lohnwagen stieg und dem Kutscher sagte, er solle mich nach Plaisance zu Herrn du Vernay fahren. Plaisance liegt eine kurze Strecke jenseits von Vincennes.

Bald hielt ich vor der Tür des berühmten Mannes, der vor vierzig Jahren Frankreich vor dem Abgrund gerettet hatte, in den das Lawsche System es hinabzustürzen drohte. Ich trat ein und fand ihn vor einem großen Feuer, umgeben von sieben oder acht Personen, denen er mich vorstellte, indem er ihnen meinen Namen nannte und mich als Freund des Ministers der auswärtigen Angelegenheiten und des Generalkontrolleurs bezeichnete. Hierauf stellte er mir die Herren einzeln vor, indem er mir eines jeden Namen und Titel sagte; ich bemerkte, daß vier Finanzintendanten unter ihnen waren. Nachdem ich jedem meine Verbeugung gemacht hatte, weihte ich mich dem Kultus des Harpokrates und war ganz Auge und Ohr, ohne mir jedoch meine Aufmerksamkeit allzu sehr merken zu lassen.

Die Unterhaltung war allerdings nicht besonders interessant; denn man sprach zuerst von der Seine, die damals zugefroren war und fußdickes Eis hatte. Dann kam der Tod des Herrn von Fontenelle an die Reihe; hierauf wurde davon gesprochen, daß Tamins nicht gestehen wolle und daß der Prozeß dem Könige fünf Millionen kosten werde. Endlich sprach man vom Kriege und rühmte Herrn von Soubise, den der König zum Oberbefehlshaber seiner Heere ausersehen hatte. Ein natürlicher Übergang führte auf die Kosten, die der Krieg verursachen würde, und auf die Mittel, wie diese Kosten gedeckt werden könnten.

Ich hörte zu und langweilte mich; denn alle ihre Reden waren dermaßen mit Fachausdrücken gespickt, daß ich niemals recht ihren Sinn erfassen konnte. Wenn jemals Schweigen einem Menschen Nichtigkeit hat verleihen können, so mußte meine anderthalbstündige Ausdauer mich in den Augen der Herren als eine sehr bedeutende Persönlichkeit erscheinen lassen. Gerade in dem Augenblick, wo ich das Gähnen nicht mehr zurückhalten konnte, wurde zur Tafel gerufen; wieder saß ich anderthalb Stunden bei Tisch, ohne den Mund zu einem anderen Zweck zu öffnen, als um einer ausgezeichneten Mahlzeit reichliche Ehre anzutun. Einen Augenblick, nachdem der Nachtisch aufgetragen war, lud Herr du Vernay mich ein, mit ihm in ein Nebenzimmer zu kommen, während die anderen Gäste bei Tische blieben. Ich folgte ihm, und wir gingen durch einen Saal, wo wir einen gut aussehenden Mann von etwa fünfzig Jahren fanden, der uns in ein Kabinett begleitete, wo Herr du Vernay ihn mir unter dem Namen Casalbigi vorstellte. Nachdem unmittelbar darauf noch zwei Finanzintendanten eingetreten waren, überreichte Herr du Vernay mir lächelnd und mit der liebenswürdigsten Miene ein Folioheft mit den Worten: »Hier, Herr Casanova, ist Ihr Plan.«

Ich nahm das Heft und las die Aufschrift: Lotterie von neunzig Zahlen, deren Gewinne bei monatlicher Ziehung nur auf fünf Zahlen fallen können usw.

Ich gab ihm das Heft zurück und sagte mit der größten Sicherheit: »Mein Herr, ich gestehe, dies ist allerdings mein Plan.«

»Mein Herr, man ist Ihnen zuvorgekommen; der Plan ist von Herrn Casalbigi, den Sie hier sehen.«

»Ich bin entzückt – nicht, daß man mir zuvorgekommen ist, sondern daß ich, wie ich sehe, ebenso denke wie Herr von Casalbigi. Aber wenn Sie den Plan nicht angenommen haben, darf ich es wagen, Sie nach Ihren Gründen zu fragen?«

»Man führt gegen den Plan mehrere sehr triftige Gründe an, auf die uns nur sehr unbestimmte Antworten gegeben worden sind.«

»Ich sehe,« sagte ich kühl, »in der ganzen Welt nur einen einzigen Grund, der dagegen sprechen könnte: daß nämlich der König seinen Untertanen das Spielen nicht erlauben wollte.«

»Dieser Grund kommt, wie Sie begreifen werden, nicht in Betracht; der König wird seinen Untertanen erlauben zu spielen, soviel sie wollen. Aber werden sie spielen?«

»Ich wundere mich, daß man daran zweifeln kann – vorausgesetzt natürlich, daß die Gewinner sicher sind, ihr Geld zu erhalten.«

»Nehmen wir also an, daß sie spielen werden, sobald sie sicher sind, daß eine Kasse zur Auszahlung vorhanden ist – aber wie wollen Sie die Mittel beschaffen?«

»Die Mittel? Nichts einfacher als dies: königlicher Schatz; Verfügung des Ministerrats. Mir genügt es, wenn die Nation annimmt, daß der König imstande sei, hundert Millionen zu zahlen.«

»Hundert Millionen?«

»Jawohl! man muß blenden.«

»Aber damit Frankreich glaubt, oder damit wir Frankreich zu dem Glauben bringen, daß der König hundert Millionen bezahlen könne, muß man die Möglichkeit annehmen, daß er sie verlieren kann. Nehmen Sie diese Möglichkeit an?«

»Ja, gewiß nehme ich sie an; aber dieser Fall könnte erst dann eintreten, nachdem man mindestens hundertfünfzig Millionen eingenommen hätte, und dann wäre die Verlegenheit nicht groß. Als Kenner politischer Berechnungen, mein Herr, können Sie dies nicht leugnen.«

»Ich stehe nicht allein. Geben Sie zu, daß schon bei der ersten Ziehung der König eine ungeheure Summe verlieren kann?«

»Ich gebe es zu, mein Herr; aber zwischen der Möglichkeit und der Tatsache liegt ein unendlicher Spielraum; und ich wage zu behaupten, daß es für einen völligen Erfolg der Lotterie keinen größeren Glücksfall geben könnte, als wenn der König bei der ersten Ziehung eine erhebliche Summe verlöre.«

»Wie, mein Herr? Aber dies wäre ja ein großes Unglück!«

»Ein wünschenswertes Unglück. Man rechnet mit moralischen Einflüssen wie mit anderen Möglichkeiten. Wie Sie wissen, sind alle Versicherungsgesellschaften reich. Ich werde Ihnen vor allen Mathematikern Europas beweisen, daß, da Gott sich neutral verhält, der König unbedingt bei dieser Lotterie eins auf fünf gewinnen muß. Dies ist das Geheimnis. Geben Sie zu, daß gegen einen mathematischen Beweis die Vernunft nichts einwenden kann?«

»Das gebe ich zu. Aber sagen Sie mir, warum das Castelletto nicht für einen sicheren Gewinn des Königs garantieren kann.«

»Das Castelletto so wenig wie irgend ein Mensch auf der Welt kann eine offenkundige und vollkommene Sicherheit dafür geben, daß der König stets gewinnen wird. Übrigens ist das Castelletto nur dazu da, eine, zwei oder drei Nummern vorläufig in einem gewissen Gleichgewicht zu halten, wenn sie übermäßig besetzt sind, so daß ihr Herauskommen dem Lotteriehalter einen beträchtlichen Verlust verursachen könnte. Das Castelletto erklärt dann die Nummern für gesperrt; für einen sicheren Gewinn könnte es Ihnen nur dann garantieren, wenn die Ziehung solange hinausgeschoben würde, bis alle Chancen gleichmäßig besetzt wären. Aber dann würde die Lotterie nicht gehen; denn man müßte vielleicht ganze Jahre warten. Außerdem muß man bekennen, daß in diesem Fall die Lotterie zu einer Halsabschneidern, zum offenbaren Diebstahl würde. Was sie davor schützt, daß ein ehrenrühriger Vorwurf gegen sie erhoben werden kann, ist die Bestimmung, daß jeden Monat unbedingt eine Ziehung stattfindet; denn dadurch ist das Publikum sicher, daß der Lotteriehalter verlieren kann.«

»Werden Sie die Güte haben, in voller Versammlung ebenso zu sprechen und Ihre Gründe geltend zu machen?«

»Mit großem Vergnügen werde ich dies tun.«

»Werden Sie auf alle Einwendungen antworten?«

»Ich glaube, es versprechen zu können.«

»Wollen Sie mir Ihren Plan einreichen?«

»Ich werde diesen erst hergeben, wenn man sich entschlossen hat, ihn anzunehmen, und wenn man mir die angemessenen Vorteile zugesichert hat, um die ich bitten werde.«

»Aber Ihr Plan kann doch nur derselbe sein wie dieser hier.«

»Das bezweifle ich. Ich sehe Herrn Casalbigi zum ersten Male, und da er mir seinen Plan nicht mitgeteilt hat und von dem meinigen keine Kenntnis hat haben können, so ist es gewiß schwierig, wenn nicht gar unmöglich, daß wir in allen Punkten übereinstimmen sollten. Übrigens gebe ich in meinem Plan an, wieviel der König ungefähr jährlich gewinnen muß, und weise dies unwiderleglich nach.«

»Man könnte also die Unternehmung an eine Gesellschaft abgeben, die dem König eine bestimmte Summe bezahlen würde?«

»Ich bitte um Verzeihung.«

»Warum nicht?«

»Aus folgendem Grunde: Die Lotterie kann nur gedeihen, wenn das Publikum zu ihren Gunsten eingenommen ist. Dies wird unfehlbar der Fall sein. Ich möchte mit der ganzen Sache nichts zu tun haben, wenn sie von einer Gesellschaft ausginge, die, um ihren Gewinn zu vermehren, vielleicht daran denken könnte, alle möglichen Operationen vorzunehmen; dadurch würde der Zuspruch des Publikums vermindert werden.«

»Ich sehe nicht ein, inwiefern.«

»Auf tausend verschiedene Arten, die ich Ihnen ein anderes Mal auseinandersetzen werde und worüber Sie, dessen bin ich sicher, dasselbe Urteil fällen werden wie ich. Kurz und gut, wenn ich mich mit der Sache befassen soll, muß es eine königliche Lotterie sein oder gar keine.«

»Herr von Casalbigi ist derselben Meinung wie Sie.«

»Dies freut mich außerordentlich, aber es wundert mich durchaus nicht; denn indem er wie ich darüber nachgedacht, hat er zu dem gleichen Ergebnis kommen müssen.«

»Haben Sie das Personal für das Castelletto zur Hand?«

»Dazu brauche ich nur intelligente Maschinen, und an diesen fehlt es in Frankreich nicht.«

»Wie hoch nehmen Sie den Gewinn an?«

»Auf zwanzig vom Hundert. Wer dem König einen Taler von sechs Franken bringt, bekommt fünf zurück, und ich verspreche Ihnen, daß ceteris paribus der Zulauf ein derartiger sein wird, daß die ganze Nation dem König zum mindesten 500 000 Franken zahlen wird. Ich werde dies vor einem Komitee nachweisen, vorausgesetzt, daß dieses aus Mitgliedern besteht, die keine Umschweife machen, sondern gerade aufs Ziel losgehen, sobald ich die Richtigkeit meiner Berechnungen greifbar nachgewiesen habe.«

Ich fühlte mich imstande, Wort halten zu können, und diese innere Gewißheit beglückte mich. Ich ging einen Augenblick hinaus und fand, als ich wieder eintrat, alle Herren in Gruppen beieinander stehen und sehr ernsthaft über den Plan sprechen. Casalbigi trat auf mich zu und fragte mich freundschaftlich, ob ich in meinen Plan auch den Quaterno vorgesehen habe.

»Das Publikum,« antwortete ich ihm, »muß sogar das Recht haben, den Quino zu spielen; ich mache jedoch in meinem Plan die Einsätze stärker, denn man wird auf den Viertreffer und Fünftreffer nur spielen können, wenn man gleichzeitig auch die Ternos besetzt.«

»In meinem Plan lasse ich den einfachen Quaterno zu, mit einem Gewinn von fünfzigtausend auf eins.«

»Es gibt in Frankreich gute Rechner, mein Herr, und wenn sie nicht den Gewinn für alle Chancen gleich finden, werden sie sich diesen Umstand zunutze machen.«

Casalbigi schüttelte mir herzlich die Hand und sagte mir, er wünschte, wir könnten einmal miteinander sprechen. Ich erwiderte seinen Händedruck und sagte, ich würde es mir zur Ehre anrechnen, seine nähere Bekanntschaft zu machen. Nachdem ich Herrn du Vernay meine Adresse gegeben hatte, verabschiedete ich mich von der Gesellschaft; ich sah mit Befriedigung auf allen Gesichtern, daß ich den Anwesenden einen vorteilhaften Begriff von meiner Intelligenz beigebracht hatte.

Drei Tage später ließ Herr von Casalbigi sich bei mir melden; ich empfing ihn auf das liebenswürdigste und versicherte ihm, ich hätte mich nur deshalb noch nicht bei ihm eingefunden, weil ich befürchtet hätte, ihm lästig zu fallen. Er erwiderte meine höflichen Komplimente und sagte mir, die freie Art, wie ich gesprochen, hätte auf die Herren Eindruck gemacht. Er wäre überzeugt, daß wir die Lotterie unter sehr vorteilhaften Bedingungen durchsetzen könnten, wenn ich mich beim Generalkontrolleur darum bemühen wollte.

»Dies glaube ich; aber der Vorteil, den sie selber davon haben würden, wäre noch viel größer, und trotzdem haben die Herren es gar nicht eilig damit, denn sie haben mich noch nicht rufen lassen. Die Sache steht bei ihnen; denn für mich ist sie nur von untergeordneter Bedeutung.«

»Sie werden unzweifelhaft heute etwas Neues hören; denn ich weiß, daß Herr de Boulogne mit Herrn de Courteuil über Sie gesprochen hat.«

»Schön; aber ich versichere Ihnen, ich habe ihn nicht darum gebeten.«

Nachdem wir noch einige Augenblicke geplaudert hatten, bat er mich in freundschaftlichster Weise, bei ihm zu speisen. Ich nahm die Einladung an, denn sie war mir im Grunde sehr angenehm. Im Augenblick, wo wir fortgehen wollten, überbrachte man mir einen Brief von Herrn de Bernis. Der liebenswürdige Abbé schrieb mir: wenn ich am nächsten Tage nach Versailles kommen könnte, würde er mich der Frau Marquis de Pompadour vorstellen, und ich würde auch Herrn de Boulogne sehen.

Dieser Zufall war mir außerordentlich angenehm. Weniger aus Eitelkeit als aus Berechnung zeigte ich diesen Brief Herrn von Casalbigi, und ich sah mit Vergnügen, daß er große Augen machte, als er ihn las. »Sie haben«, sagte er, »alles was Sie brauchen, um Herrn du Vernay sogar zwingen zu können, Ihre Lotterie zu genehmigen, und Ihr Glück ist gemacht, falls Sie nicht etwa so reich sind, daß es für Sie nicht darauf ankommt.«

»Man ist niemals reich genug, um einen großen Vorteil von sich zu weisen, besonders wenn man sich schmeicheln kann, ihn nicht der Protektion zu verdanken.«

»Das ist vernünftig gedacht. Wir geben uns schon seit zwei Jahren eine unmenschliche Mühe, um unser Projekt durchzusetzen; aber man kommt uns immer nur mit dummen Einwänden, die Sie im Nu zu Staub zerrieben haben. Ihr Plan kann aber doch unmöglich von dem unsrigen abweichen. Folgen Sie meinem Rat und vereinigen Sie sich mit uns, denn allein werden Sie auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen. Seien Sie überzeugt, die intelligenten Maschinen, die Sie brauchen, werden Sie in Paris nicht finden. Mein Bruder wird die ganze Last der Arbeit auf sich nehmen, und Sie können alle Vorteile der Direktion genießen und dabei ein lustiges Leben führen.«

»Ich bin nicht habsüchtig, und die Teilung des Gewinns würde keine Schwierigkeiten machen. Aber sind denn Sie nicht der Urheber des Plans, den ich gesehen habe?«

»Er ist von meinem Bruder.«

»Werde ich die Ehre haben, ihn zu sehen?«

»Selbstverständlich. Er ist körperlich krank, aber sein Geist ist vollkommen frisch. Wir wollen sofort zu ihm gehen.«

Ich fand einen Mann von wenig appetitlichem Aussehen, denn er war von einer Art Aussatz bedeckt; aber dieser verhinderte ihn nicht, gut zu essen, zu schreiben und alle körperlichen und geistigen Geschäfte vollkommen zu verrichten; er sprach gut und war von sehr heiterer Laune. Er ließ sich vor keinem Menschen sehen, nicht nur deshalb, weil seine Krankheit ihn entstellte, sondern auch, weil er sehr häufig ein unwiderstehliches Bedürfnis hatte, sich bald hier, bald da zu kratzen. Und da es in Paris für etwas Entsetzliches gilt, sich zu kratzen, einerlei ob dies aus Bedürfnis oder aus Gewohnheit geschieht, so zog er den Annehmlichkeiten eines geselligen Verkehrs das Glück vor, nach Herzenslust seine Nägel zu gebrauchen. Er sagte gerne, er glaube an Gott und dessen Werke, und er sei überzeugt, Gott habe ihm die Nägel nur gegeben, um sich durch sie die einzige mögliche Erleichterung zu verschaffen, wenn ihn das Jucken beinahe rasend mache.

»Sie glauben also an einen Zweck der Schöpfung, und ich wünsche Ihnen Glück dazu; aber ich glaube, Sie würden sich auch dann kratzen, wenn Gott vergessen hätte, Ihnen Nägel zu geben.« Über meine Bemerkung lachte er und sprach dann von unserer Angelegenheit. Ich sah bald, daß er ein sehr kluger Mann war. Er war der ältere der beiden Brüder und unverheiratet. Er war ein großer Rechner, gewandt in allen Finanzoperationen, kannte den Handel aller Nationen, war Gelehrter, Historiter, Schöngeist, Dichter und großer Freund der Weiber. Er war gebürtig aus Livorno, war bei der Gesandtschaft in Neapel Attaché gewesen und mit Herrn de l'Hôpital nach Paris gekommen. Sein Bruder war ebenfalls talentvoll und kenntnisreich; aber er erkannte mit Recht die Überlegenheit des älteren an.

Er zeigte mir einen Haufen Schriften, worin er alle Probleme seiner Lotterie gelöst hatte, und sagte zu mir: »Wenn Sie glauben, alles machen zu können, ohne meiner zu bedürfen, so mache ich Ihnen mein Kompliment, aber ich denke, Sie werden sich da einer trügerischen Hoffnung hingeben. Denn wenn Sie keine praktische Erfahrung haben, und nicht über Leute verfügen, die bereits eingearbeitet sind, so wird Ihre Theorie nicht hinreichend sein. Was werden Sie machen, wenn Sie die Bewilligung durchgesetzt haben? Ich erlaube mir, Ihnen einen Rat zu geben: Wenn Sie vor dem Komitee sprechen, so setzen Sie einen bestimmten Termin fest, über welchen hinaus Sie alle Verantwortlichkeit ablehnen; mit andern Worten, drohen Sie sofort damit, sich von der Sache gänzlich zurückzuziehen; sonst bekommen Sie es sicherlich mit kleinlichen und widerhaarigen Geistern zu tun, und die Sache wird von einem Termin zum anderen, bis zu den griechischen Kalenden verschoben werden. Anderseits kann ich Ihnen versichern, daß es Herrn du Vernay sehr angenehm sein wird, wenn wir zusammenhalten. Was Ihre Theorie anbetrifft, daß die Gewinne bei allen Chancen verhältnismäßig gleich sein müssen, so hoffe ich Sie zu überzeugen, daß dies beim Quaterno nicht der Fall sein darf.«

Ich war sehr gerne bereit, mich mit den Herren zu einigen, schon aus dem sehr triftigen Grunde, weil ich sie gar nicht entbehren konnte; aber ich hütete mich wohl, sie dies merken zu lassen. Ich ging mit dem jüngeren Bruder nach dessen Privatwohnung hinunter, und er hatte die Freundlichkeit, mich vor dem Essen seiner Frau vorzustellen. Ich fand bei ihr eine in Paris sehr bekannte alte Dame, die Generalin La Mothe, berühmt durch ihre frühere Schönheit und ihre Gicht; und eine andere bejahrte Dame, die man in Paris Baronin Blanche nannte und die noch die Geliebte des Herrn de Vaux war; eine andere, die als Frau Präsidentin angeredet wurde, und eine vierte, schön wie der Tag, eine Piemontesin Frau Razzetti, die Gattin eines Geigers von der Oper; man sagte von ihr, daß der Intendant der Oper, Herr de Fondpertuis, ihr den Hof mache.

Wir setzten uns zu Tisch, aber ich spielte eine traurige Figur, weil der Lotterieplan alle meine Gedanken beherrschte. Am Abend bei Sylvia fand man mich zerstreut und unaufmerksam, und ich war es auch, trotz dem zärtlichen Gefühl, das mir die junge Baleti einflößte, und das mit jedem Tage neue Kraft gewann.

Am nächsten Morgen fuhr ich zwei Stunden vor Sonnenaufgang nach Versailles. Herr de Bernis empfing mich lachend mit den Worten, er möchte wetten, daß ich ohne ihn von meinen hohen Kenntnissen auf dem Gebiete der Finanzen niemals eine Ahnung gehabt haben würde. »Wie mir Herr de Boulogne sagte, haben Sie Herrn du Vernay in Erstaunen gesetzt, und dieser gilt im allgemeinen für einen der besten Köpfe in ganz Frankreich. Ich rate Ihnen, mein lieber Casanova, diese Bekanntschaft nicht zu vernachlässigen, sondern ihm in Paris fleißig den Hof zu machen. Übrigens kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß die Lotterie genehmigt weiden wird; dies wird auf Ihre Anregung geschehen, und Sie müssen darauf bedacht sein, für sich Vorteil daraus zu ziehen.

Sobald der König auf die Jagd gegangen ist, finden Sie sich in den kleinen Gemächern ein; ich werde Sie der berühmten Marquise vorstellen, sobald mir der Augenblick günstig erscheint. Hierauf dürfen Sie nicht versäumen, sich in das Ministerium des Auswärtigen zu begeben und sich in meinem Auftrage dem Herrn Abbé de la Ville vorzustellen. Er ist der erste Geheimrat, und Sie werden von ihm gut aufgenommen werden.«

Herr von Boulogne versprach mir, er werde das Dekret wegen Einrichtung der Lotterie erscheinen lassen, sobald Herr du Vernay ihm mitgeteilt hätte, daß das Komitee der Militärschule einverstanden wäre. Er forderte mich auf, ihm auch etwaige andere Vorschläge auf dem Gebiete der Finanzen mitzuteilen.

Um zwölf Uhr begab Frau von Pompadour sich mit dem Prinzen Soubise nach den kleinen Gemächern, und mein Beschützer beeilte sich, die große Dame auf mich aufmerksam zu machen. Sie machte mir eine tiefe Verbeugung, trat auf mich zu und sagte mir, die Geschichte meiner Flucht hätte sie sehr interessiert.

»Die Herren da oben,« sagte sie lächelnd zu mir, »sind sehr zu fürchten. Gehen Sie zuweilen zum venetianischen Gesandten?«

»Ich kann ihm meine Ehrerbietung nicht deutlicher bezeugen, Madame, als indem ich ihn nicht brauche.«

»Ich hoffe. Sie werden jetzt daran denken, sich dauernd bei uns niederzulassen.«

»Es wäre mein sehnlichster Wunsch, Madame; aber ich habe Protektion nötig, und ich weiß, daß man solche in diesem Lande nur dem Talent gewährt. Dies entmutigt mich.«

»Ich glaube im Gegenteil, Sie können alles hoffen; Sie haben gute Freunde. Ich werde mit Vergnügen die Gelegenheit ergreifen, Ihnen nützlich zu sein.«

Da mit diesen Worten die schöne Marquise sich zum Gehen wandte, hatte ich kaum noch Zeit, meinen Dank zu stammeln.

Ich begab mich dann zum Abbé de la Ville, der mich außerordentlich freundlich empfing und mir versicherte, er würde an mich denken, sobald sich die Gelegenheit böte.

Versailles war ein wundervoller Ort, aber ich konnte dort nur Komplimente und keine Einladung erwarten; daher ging ich denn von Herrn de la Ville sogleich in einen Gasthof, um dort zu essen. Als ich mich zu Tisch setzen wollte, redete ein sehr gut aussehender Abbé, wie man in Frankreich sie zu Dutzenden findet, mich an und fragte mich, ob es mir recht wäre, wenn wir zusammen speisten. Die Gesellschaft eines liebenswürdigen Menschen ist mir niemals unangenehm gewesen. Ich nahm daher seinen Vorschlag höflich an. Sobald wir einander gegenüber saßen, machte er mir ein Kompliment über die zuvorkommende Art, womit Herr de la Ville mich behandelt hätte. »Ich war zugegen und schrieb gerade einen Brief; so konnte ich alle verbindlichen Worte hören, die der Herr Abbé Ihnen sagte. Dürfte ich mir erlauben, Sie zu fragen, mein Herr, wer Ihnen Zutritt bei dem liebenswürdigen Herrn verschafft hat?«

»Wenn Herr Abbé großen Wert darauf legen, dies zu erfahren, so kann ich es Ihnen wohl sagen.«

»Einfache Neugier.«

»Und von meiner Seite einfache Diskretion, wenn ich schweige.«

»Ich bitte Sie, mich zu entschuldigen.«

»Recht gern.«

Ich hatte dem indiskreten Neugierigen den Mund gestopft; er sprach nur noch von gleichgültigen und unangenehmen Dingen. Da ich in Versailles nichts mehr zu tun hatte, traf ich gleich nach dem Essen meine Vorbereitungen zur Rückfahrt, als der Abbé mich um Erlaubnis bat, mit mir fahren zu dürfen. Obgleich die Gesellschaft von Abbés kaum besser als die von Dirnen ist, sagte ich ihm: ich beabsichtige nach Paris in einem öffentlichen Wagen zu fahren und hätte ihm daher durchaus keine Erlaubnis zu geben; ich würde im Gegenteil mit Vergnügen sehen, wenn er mein Reisegefährte wäre. In Paris angekommen, trennten wir uns, nachdem wir uns gegenseitig einen Besuch versprochen hatten, und ich ging zu Sylvia, bei der ich zu Abend speiste. Die ebenso gute wie interessante Dame wünschte mir Glück zu meinen Bekanntschaften und forderte mich dringend auf, mir diese warm zu halten. In meiner Wohnung fand ich einen Brief von Herrn du Vernay, der mich bat, am nächsten Tage um elf Uhr in die Militärrschule zu kommen. Schon um neun Uhr erschien Casalbigi, um mir guten Morgen zu sagen und mir im Auftrag seines Bruders ein großes Blatt zu überbringen, woraus die ganze Berechnung der Lotterie in einer Form stand, daß ich sie ohne weiteres dem Komitee vorlegen konnte. Es war eine Wahrscheinlichkeitsrechnung, die auf bekannte Zahlen angewendet war, so daß durch sie bewiesen wurde, was ich bisher nur behauptet hatte. Die Sache lief darauf hinaus, daß das Lotteriespiel in Verlust und Gewinn vollkommen im Gleichgewicht gewesen wäre, wenn man statt fünf Zahlen ihrer sechs gezogen hätte. Indem man nur fünf zog, hatte man die mathematische Gewißheit, zwanzig auf hunder zu gewinnen. Hieraus folgte natürlich, daß die Lotterie nicht hätte bestehen können, wenn man sechs Nummern gezogen hätte; denn vom Gewinn mußten vor allen Dingen die Regiekosten bestritten werden, die sich damals auf hunderttausend Taler belaufen mußten.

Das Glück schien es sich zur Aufgabe zu machen, mich auf den richtigen Weg zu bringen; denn diese Tabelle war für mich ein wahres Geschenk vom Himmel. Ich war also fest entschlossen, mir dieses willkommene Hilfsmittel zunutze zu machen. Nachdem ich noch von Casalbigi einige Auskünfte erhalten hatte, die ich mit einer Miene anhörte, wie wenn mir alles längst bekannt sei, begab ich mich nach der Militärschule, wo sofort nach meiner Ankunft die Konferenz eröffnet wurde. Herr d'Alembert war in seiner Eigenschaft als großer Arithmetiker gebeten worden, der Sitzung beizuwohnen. Dies wäre nicht für notwendig gehalten worden, wenn Herr du Vernay allein gewesen wäre; aber es waren im Komitee eigensinnige Köpfe, die das Ergebnis einer politischen Berechnung nicht anerkennen wollten, und daher den offenbaren Augenschein leugneten.

Die Konferenz dauerte drei Stunden. Nachdem ich in kaum einer halben Stunde mit meinem Vortrag fertig geworden war, faßte Herr von Courteuil alles von mir Gesagte zusammen; hierauf machte man mir eine halbe Stunde lang alle möglichen Einwendungen, die ich mit der größten Leichtigkeit widerlegte. Ich sagte: die Kunst des Rechnens sei im allgemeinen nichts anderes als die Kunst, aus mehreren bekannten Größen eine andere bis dahin unbekannte Größe zu bestimmen. Dieselbe Erklärung treffe auch für eine moralische Berechnung genau so zu wie für eine mathematische. Ich wies nach, daß ohne diese Gewißheit niemals Versicherungsgesellschaften auf der Welt hätten sein können; diese seien alle reich und blühend und lachten über das Glück und über die Schwachköpfe, die dessen Einwirkung fürchteten.

Zum Schluß sagte ich den Herren, deren Mehrzahl noch zu schwanken schien: kein Gelehrter und ehrenwerter Mann könne die Leitung einer solchen Lotterie übernehmen, wenn er dafür garantieren sollte, daß sie bei jeder Ziehung gewinnen würde. Sollte jemand so kühn sein, mit solcher Versicherung vor sie hinzutreten, so müßten sie ihn hinauswerfen. Denn entweder würde er sein Wort nicht halten, oder, wenn er es hielte, so wäre er ein Schelm.

Dies wirkte. Niemand erwiderte etwas, und Herr du Vernay stand auf und sagte, man könne ja auf alle Fälle die Lotterie jederzeit wieder eingehen lassen. Als ich diese Worte hörte, fühlte ich, daß die Sache gewonnen war. Alle Anwesenden unterzeichneten das Protokoll, das Herr du Vernay ihnen vorlegte, und entfernten sich. Ich selber machte einen Augenblick später Herrn du Vernay meine Verbeugung; er schüttelte mir freundschaftlich die Hand, und ich ging.

Am nächsten Tage kam Casalbigi zu mir und brachte mir die angenehme Nachricht, die Sache sei beschlossen und man warte nur noch auf die Ausfertigung des Dekrets.

»Ich bin entzückt über den Erfolg,« sagte ich zu ihm, »und verspreche Ihnen alle Tage zu Herrn von Boulogne zu gehen, um die Übertragung der Regie an Sie zu betreiben, sobald ich von Herrn du Vernay erfahren habe, was man mir bewilligen wird.«

Wie man sich denken kann, ließ ich mich keine Mühe verdrießen; denn ich wußte wohl, daß bei großen Herren Versprechen und Halten zweierlei ist. Man bot mir sechs Lotteriebureaus an, die ich natürlich gerne annahm, dazu ein Jahrgeld von viertausend Franken, die auf den Ertrag der Lotterie angewiesen wurden. Diese Summe entsprach den Zinsen eines Kapitals von hunderttausend Franken, das ich mir auszahlen lassen konnte, sobald ich auf meine Bureaus verzichtete; denn dieses Kapital diente als Bürgschaft für mich.

Acht Tage darauf erschien die Verordnung. Die Regie erhielt Casalbigi mit einem Gehalt von dreitausend Franken für jede Ziehung, einem Jahrgeld von viertausend Franken wie ich, und dem Hauptbureau der Unternehmung im Gebäude der Lotterie selbst in der Rue Montmartre.

Casalbigis Bezüge waren viel höher als die meinigen, aber ich war nicht neidisch darauf, denn ich wußte recht wohl, daß er ein Anrecht darauf hatte.

Von meinen sechs Bureaus verkaufte ich sofort fünf für je zweitausend Franken. Das sechste eröffnete ich mit großem Luxus in der Rue St. Denis und übergab es meinem Kammerdiener als Geschäftsführer. Er war ein sehr intelligenter junger Italiener, der beim Gesandten in Neapel, dem Fürsten de la Catolica, Kammerdiener gewesen war.

Der Tag der ersten Ziehung wurde festgesetzt, und man zeigte an, daß die Gewinne acht Tage nach der Ziehung im Hauptbureau der Lotterie ausbezahlt würden.

Um die Kundschaft anzulocken und mein Bureau vor den anderen auszuzeichnen, ließ ich Plakate anschlagen, daß die Gewinne der von mir unterzeichneten Lose schon vierundzwanzig Stunden nach der Ziehung in meinem Bureau erhoben werden könnten. Dadurch vermehrte ich den Zuspruch der Spieler und zugleich in sehr beträchtlicher Weise meine Einkünfte; denn ich hatte sechs Prozent von der Einnahme. Etwa fünfzig Vorsteher der anderen Bureaus waren dumm genug, sich bei Casalbigi zu beschweren, daß ich durch mein Verfahren ihre Einnahmen schmälere; aber der Regisseur wies sie ab, indem er ihnen sagte, sie brauchten es ja nur ebenso zu machen wie ich, wenn sie die Mittel dazu hätten.

Meine erste Einnahme betrug vierzigtausend Franken. Eine Stunde nach der Ziehung brachte mein Geschäftsführer mir die Liste und zeigte mir, daß wir siebzehn bis achtzehntausend Franken zu bezahlen hatten. Alle Gewinne waren Auszüge oder Amben, und ich übergab ihm das erforderliche Geld, um sie auszuzahlen.

Durch meine Maßregel machte, ohne daß ich daran gedacht hatte, mein Geschäftsführer sein Glück; denn jeder Gewinner gab ihm ein Trinkgeld, und ich verlangte von ihm natürlich nicht, daß er dieses mit mir teilte.

Die Gesamteinnahme betrug zwei Millionen, und die Regie gewann sechshunderttausend Franken. Paris allein hatte vierhunderttausend Franken zur Einnahme beigetragen. Für das erstemal ein recht schöner Erfolg.

Am Tage nach der Ziehung speisten Casalbigi und ich bei Herrn du Vernay, und ich hatte das Vergnügen, ihn sich darüber beklagen zu hören, daß wir zuviel gewonnen hätten. Paris hatte nur achtzehn oder zwanzig Ternen, aber diese brachten der Lotterie einen glänzenden Ruf ein, obgleich sie nur klein waren. Schon begann die Spielwut zu wirken, und es war leicht vorauszusehen, daß bei der nächsten Ziehung die Einnahme doppelt so groß sein würde. Der scherzhafte Krieg, den man bei Tisch gegen mich führte, versetzte mich in gute Laune; Casalbigi sagte, ich hätte durch einen kühnen Gedanken mir ein Jahreseinkommen von hunderttausend Franken verschafft; aber die anderen Lotterieeinnehmer würden den Schaden davon haben.

»Solche Schläge habe ich oft gemacht,« sagte Herr du Vernay, »und habe mich für gewöhnlich gut dabei gefunden; übrigens steht es jedem Einnehmer frei, es ebenso zu machen wie Herr Casanova, und dadurch kann der Ruf an einer Einrichtung, die wir ihm ebensowohl wie Ihnen verdanken, nur gewinnen.«

Bei der zweiten Ziehung nötigte ein Terno von vierzigtausend Franken mich, Geld zu leihen; meine Einnahme hatte sechstausend betragen; da ich aber am Tage vor der Ziehung meine Kasse abliefern mußte, konnte ich nur aus meinen eigenen Mitteln zahlen, und ich erhielt das Geld erst acht Tage darauf zurück.

In allen großen Häusern, die ich besuchte, und in den Theatern gaben alle möglichen Leute mir Geld und baten mich, nach meinem Gutdünken für sie zu spielen und ihnen Lose zu geben; denn kein Mensch verstand noch etwas von dem Spiel. Infolgedessen nahm ich die Gewohnheit an, Lose von allen Arten oder vielmehr zu allen Preisen bei mir zu tragen und davon jedem nach seiner Wahl abzugeben. Jeden Abend kam ich mit goldgefüllten Taschen nach Hause.

Dies war ein ungeheurer Vorteil, eine Art Vorrecht, das ich allein genoß; denn die anderen Lotterieeinnehmer waren keine Angehörigen der guten Gesellschaft und fuhren nicht im eigenen Wagen wie ich. In großen Städten beurteilt man im allgemeinen den Wert eines Menschen nach dem Glanz, der ihn umgibt. Mein Luxus verschaffte mir überall Eintritt, und ich hatte überall offenen Kredit.

Die Lotterie ist für den Privatmann eine beschwerliche Last; denn die Lockmittel, die sie bietet, entbehren fast jeden tatsächlichen Inhaltes; aber sie ist sehr gewinnbringend für die Regierungen, die in aller Bequemlichkeit die Habsucht oder Begehrlichkeit des Publikums ausbeuten. Ich habe jetzt meinen Lesern von meinem Erfolg auf diesem Gebiete genug gesagt und werde von der Lotterie erst wieder sprechen, wenn ich etwas zu berichten habe, was für meinen Lebenslauf von Wichtigkeit ist. Ich muß jetzt einmal für einen Augenblick umkehren.

Ich hielt mich kaum seit einem Monat in Paris auf, als mein Bruder Francesco, mit dem ich im Jahre 1752 von dort abgereist war, bei mir anlangte. Er kam mit Frau Silvestre aus Dresden, wo er vier Jahre lang nur seiner Kunst gelebt und alle schönen Schlachtenbilder der berühmten kurfürstlichen Galerie kopiert hatte. Wir sahen uns beide mit gleicher Freude wieder. Als ich ihm aber anbot, durch den Einfluß meiner vornehmen Bekannten seine Aufnahme in die Akademie zu erleichtern, sagte er mir mit dem Stolz eines Künstlers, der sich seines Wertes bewußt ist: er danke mir, aber er wolle seinen Erfolg nur seinem Talent verdanken. »Die Franzosen haben mich einmal zurückgewiesen, und ich bin weit entfernt, ihnen dies übel zu nehmen, denn heute würde ich mich selber ablehnen, wenn ich nicht mehr könnte als damals; aber ich weiß, wie sehr sie das Talent lieben, und ich rechne daher heute auf eine bessere Aufnahme.«

Seine Zuversicht gefiel mir, und ich wünschte ihm Glück dazu; denn ich bin stets der Meinung gewesen, daß das wahre Verdienst zuerst sich selber Gerechtigkeit widerfahren lassen muß.

Francesco malte wirklich ein schönes Bild, das er im Louvre ausstellte; er wurde daraufhin einstimmig in die Akademie aufgenommen. Sie erwarb das Gemälde für zwölftausend Franken. Mein Bruder wurde berühmt und verdiente in sechsundzwanzig Jahren beinahe eine Million; trotzdem richteten unvernünftige Ausgaben, ein übertriebener Luxus und zwei unglückliche Heiraten ihn zugrunde.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.