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Erinnerungen, Band 3

Giacomo Casanova: Erinnerungen, Band 3 - Kapitel 22
Quellenangabe
typeautobio
authorCasanova
titleErinnerungen, Band 3
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
volume3
year1911
senderwww.gaga.net
created20050330
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Einundzwanzigstes Kapitel

Herr von Voltaire; meine Unterhaltungen mit dem großen Mann. – Ein Auftritt gelegentlich einiger Verse des Ariosto. – Der Herzog von Villars. – Der Syndikus und die drei Schönen. – Wortgefecht bei Voltaire. – Aix in Savoyen. – Der Marquis Desarmoises.

»Dies, Herr von Voltaire, sagte ich zu ihm, ist der schönste Augenblick meines Lebens. Seit zwanzig Jahren bin ich Ihr Schüler, und mein Herz ist voller Freude über das Glück, meinen Lehrer zu sehen.«

»Mein Herr, erweisen Sie mir diese Ehre noch zwanzig Jahre lang und versprechen Sie mir nach Ablauf dieser Zeit mein Honorar zu bringen.«

»Sehr gern – vorausgesetzt, daß Sie so lange warten wollen.«

Voltaires Witz brachte alle Zuhörer zum Lachen; dies war ganz in der Ordnung, denn die Lacher sind dazu da, um die eine Partei auf Kosten der anderen in Atem zu halten, und die Partei, die die Lacher auf ihrer Seite hat, ist stets sicher zu gewinnen: so will es nun einmal die gute Gesellschaft.

Übrigens hatte ich mich nicht überrumpeln lassen; ich war auf etwas Derartiges gefaßt und hoffte es ihm heimzahlen zu können.

Unterdessen stellte man ihm zwei neu angekommene Engländer vor. »Die Herren sind Engländer,« sagte Voltaire; »ich möchte es auch wohl sein.« Ich fand das Kompliment falsch und unangebracht, denn er zwang dadurch die Engländer, aus Höflichkeit ihm zu antworten, sie möchten wohl Franzosen sein; wenn sie aber nicht Lust hatten, zu lügen, so mußte es sie in Verlegenheit bringen, die Wahrheit zu sagen. Ich glaube, es ist einem Ehrenmann erlaubt, seiner eigenen Nation den höchsten Rang anzuweisen, wenn es sich um eine Wahl handelt.

Einen Augenblick darauf richtete Voltaire abermals das Wort an mich und sagte, als Venetianer müsse ich den Grafen Algarotti kennen.

»Ich kenne ihn; freilich nicht als Venetianer, denn sieben Achtel meiner Landsleute wissen nicht, daß er auf der Welt ist.«

Ich hätte sagen sollen: »als wissenschaftlich gebildeten Mann.«

»Ich kenne ihn, weil ich vor sieben Jahren in Padua zwei Monate bei ihm verbracht habe; und was meine besondere Aufmerksamkeit auf ihn lenkte, war seine Bewunderung für Herrn von Voltaire.«

»Das ist schmeichelhaft für mich, aber er braucht nicht der Bewunderer eines anderen Menschen zu sein, um die Achtung aller zu verdienen.«

»Wenn er nicht als Bewunderer begonnen hätte, würde Algarotti sich niemals einen Namen gemacht haben. Als Bewunderer Newtons wußte er die Damen instand zu setzen, vom Licht zu sprechen.«

»Ist es ihm gelungen?«

»Nicht so gut wie Herrn de Fontenelle in seiner Mehrheit der Welten; trotzdem kann man sagen, es sei ihm gelungen.«

»Sie haben recht! Wenn Sie ihn in Bologna sehen, bitte ich Sie, ihm zu sagen, daß ich seine Briefe über Rußland erwarte. Er kann sie nach Mailand an meinen Bankier Bianchi schicken; dieser wird sie mir zukommen lassen.«

»Wenn ich ihn sehe, werde ich es ihm gewiß sagen.«

»Man hat mir gesagt, die Italiener seien nicht mit seiner Sprache zufrieden.«

»Ich glaube es; alle seine Schriften wimmeln von Gallicismen. Sein Stil ist kläglich.«

»Aber machen denn nicht französische Wendungen Ihre Sprache noch schöner?«

»Sie machen sie unerträglich, gerade wie ein mit Italienisch oder Deutsch gespicktes Französisch unerträglich sein würde, selbst wenn ein Herr von Voltaire es geschrieben hätte.«

»Sie haben recht; jede Sprache muß rein geschrieben werden. Man hat Titus Livius beanstandet und gesagt, sein Latein habe einen patavinischen Beigeschmack.«

»Als ich begann, mir diese Sprache anzueignen, hat der Abbé Lazzarini mir gesagt, er ziehe Titus Livius dem Sallust vor.«

»Abbé Lazzarini – Verfasser der Tragödie Ulisse il giovine. Sie müssen damals sehr jung gewesen sein. – Ich möchte ihn wohl gekannt haben. Aber ich habe den Abbé Conti sehr gut gekannt, der Newtons Freund gewesen war und dessen vier Tragödien die ganze römische Geschichte umfassen.«

»Ich habe ihn ebenfalls gekannt und bewundert. Ich war jung, aber ich wünschte mir Glück, als ich mich zum Umgang mit diesen großen Männern zugelassen sah. Mir ist, als wäre es gestern gewesen, obgleich seither viele Jahre vergangen sind; auch jetzt, in Ihrer Gegenwart, demütigt meine geringe Bedeutung mich nicht; ich möchte der Jüngste des ganzen Menschengeschlechtes sein.«

»Sie wären als solcher ohne Zweifel glücklicher, als wenn Sie der Älteste wären. Darf ich es wagen, Sie zu fragen, welchem Gebiet der Literatur Sie sich gewidmet haben?«

»Keinem; aber vielleicht kommt dies noch. Einstweilen lese ich, soviel ich kann, und studiere zu meinem Vergnügen den Menschen, indem ich reise.«

»Dies ist das beste Mittel, ihn kennen zu lernen; aber das Buch ist zu groß. Es gelingt einem leichter, indem man die Weltgeschichte liest.«

»Ja, wenn sie nicht löge! Man ist der Tatsache nicht sicher, und darum langweilt sie; dagegen ergötzt es mich, die Welt zu studieren, indem ich sie durchwandere. Horaz, den ich auswendig weiß, ist mein Reisebegleiter, und ich finde, daß er überall Bescheid weiß.«

»Algarotti hat ebenfalls den ganzen Horaz in seinem Kopf. Gewiß lieben Sie die Poesie.«

»Sie ist meine Leidenschaft.«

»Haben Sie viele Sonette gemacht?«

»Zehn oder zwölf, die ich liebe, und zwei- bis dreitausend, die ich vielleicht niemals wieder gelesen habe.«

»Italien ist auf Sonette versessen.«

»Allerdings, wenn man es ›versessen‹ nennen kann, daß man die Neigung hat, einem Gedanken ein harmonisches Maß zu geben, das ihn zur Geltung bringt. Das Sonett ist schwierig, weil man den Gedanken weder in die Länge ziehen noch abkürzen darf, um die einzelnen Verse auszufüllen.«

»Es ist ein Prokrustesbett, und darum habt ihr so wenig gute Sonette. Wir Franzosen haben nicht ein einziges gutes, aber daran ist unsere Sprache schuld.«

»Und der französische Geist; man bildet sich ein, ein künstlich verlängerter Gedanke müsse alle Kraft und allen Glanz verlieren.«

»Und Sie sind nicht dieser Meinung?«

»Ich bitte um Verzeihung, es handelt sich nur um die Prüfung des Gedankens. Ein Witz zum Beispiel genügt nicht für ein Sonett; ein solcher gehört im Italienischen wie im Französischen in das Gebiet des Epigramms.«

»Welchen italienischen Dichter lieben Sie am meisten?«

»Ariosto; aber ich kann nicht sagen, daß ich ihn mehr liebe als die anderen, denn er ist der einzige, den ich liebe.«

»Sie kennen aber doch die anderen?«

»Ich glaube sie alle gelesen zu haben; aber alle erbleichen vor Ariosto. Als ich vor fünfzehn Jahren Ihr abfälliges Urteil über ihn las, sagte ich, Sie würden es zurücknehmen, wenn Sie ihn gelesen hätten.«

»Ich danke Ihnen, daß Sie geglaubt haben, ich hätte ihn nicht gelesen. Ich hatte ihn gelesen, aber ich war jung, besaß nur eine oberflächliche Kenntnis Ihrer Sprache, und war von italienischen Gelehrten voreingenommen, die den Tasso verehrten. So hatte ich das Unglück, ein Urteil zu veröffentlichen, das ich für das meinige hielt, während es nur das Echo der unüberlegten Voreingenommenheit jener anderen war, die mich beeinflußt hatten. Ich bete euren Ariosto an.«

»Ach, Herr von Voltaire, ich atme wieder auf! Aber lassen Sie doch, bitte, das Werk exkommunizieren, worin Sie den großen Mann lächerlich gemacht haben.«

»Wozu? meine Bücher sind alle exkommuniziert, aber ich werde Ihnen einen schönen Beweis meiner Urteilsänderung geben.«

Ich war starr vor Erstaunen; der große Mann begann die beiden langen Abschnitte des vierunddreißigsten und fünfunddreißigsten Gesanges auswendig herzusagen, in denen der göttliche Dichter Astolphs Gespräch mit dem Apostel St. Johannes besingt, und er tat es, ohne einen einzigen Vers auszulassen und ohne den geringsten Verstoß gegen die Prosodie zu begehen. Hierauf hob er mit seinem ganzen natürlichen Scharfsinn und mit der genialen Auffassung eines großen Mannes die Schönheiten hervor. Von den gelehrtesten Erklärern Italiens hätte man keine bessere Auslegung erwarten dürfen. Ich hörte ihm mit der größten Aufmerksamkeit zu und wagte kaum zu atmen; ich wünschte, ihn ein einziges Mal auf einer falschen Fährte zu ertappen – aber vergeblich. Ich wandte mich zur Gesellschaft und rief, ich sei außer mir vor Überraschung und würde ganz Italien von meiner gerechten Bewunderung in Kenntnis setzen.

»Und ich, mein Herr,« versetzte der große Mann, »ich werde ganz Europa davon in Kenntnis setzen, daß ich dem größten Geiste, den es hervorgebracht hat, eine Ehrenerklärung schulde.«

Unersättlich nach Lobsprüchen, die er in so vieler Hinsicht verdiente, gab Voltaire mir am nächsten Tage seine Übersetzung von der ariostoschen Stanze, die mit dem Verse beginnt:

Quindi avvien che tra principi e signori ...

Die Übersetzung lautet: –

Les papes, les césars, apaisant leur querelle,
Jurent sur l'Evangile une paix éternelle:
Vous les voyez l'un de l'autre ennemis:
C'était pur se tromper qu'ils s'étaient réunis.
Nul serment n'est gardé, nul accord n'est sincère.
Quand la bouche a parlé, le coeur dit le contraire.
Du ciel qu'ils attestaeint, ils bravaient le courroux:
L'intérêt est le Dieu qui les gouverne tous.

Als Voltaire mit seiner Deklamation fertig war, klatschten alle Anwesenden Beifall, obgleich keiner von ihnen italienisch verstand, und seine Nichte, Madame Denis, fragte mich, ob ich das von ihrem Oheim rezitierte Stück für eines der schönsten des großen Dichters hielte.

»Ja, Madame, aber es ist nicht das schönste – bei weitem nicht; denn sonst würde man den Signor Lodovico nicht in den Himmel versetzt haben.«

»Man hat ihn also heilig gesprochen? Das wußte ich nicht.«

Bei diesen Worten waren die Lacher, und Voltaire an ihrer Spitze, auf Seiten der Frau Denis; alle lachten; nur ich bewahrte meinen vollen Ernst. Es schien Voltaire zu ärgern, daß ich nicht wie die anderen lachte, und er fragte mich nach dem Grunde. »Sie meinen,« sagte er, »er sei wegen einer übermenschlich schönen Stelle der Göttliche genannt worden?«

»Ganz gewiß.«

»Und was ist das für eine Stelle?«

»Es sind die letzten sechsunddreißig Stanzen des dreiunddreißigsten Gesanges, in denen der Dichter den mechanischen Hergang beschreibt, wie Roland wahnsinnig wurde. Solange wie die Welt besteht, hat niemals ein Mensch gewußt, wie man wahnsinnig wird – außer Ariosto, der es gegen Ende seines Lebens selber wurde. Diese Stanzen sind entsetzlich schön, Herr von Voltaire, und ich bin überzeugt, Sie haben gezittert, als Sie sie lasen.«

»Ja, ich erinnere mich ihrer; sie erregen Entsetzen vor der Liebe. Ich werde sie sofort wieder lesen.«

»Der Herr wird vielleicht die Gefälligkeit haben, sie uns herzusagen«, sagte Frau Denis mit einem Seitenblick auf ihren Oheim.

»Sehr gern, gnädige Frau, wenn Sie die Güte haben wollen, sie anzuhören.«

»Sie haben sich also die Mühe genommen, sie auswendig zu lernen?« fragte Voltaire mich.

»Sagen Sie: das Vergnügen – denn es hat mir keine Mühe gekostet. Seit meinem sechzehnten ist kein Jahr vergangen, daß ich nicht den Ariosto zwei- oder dreimal gelesen habe; er ist meine Leidenschaft und hat sich ganz natürlich meinem Gedächtnis eingeprägt, ohne daß ich mir die geringste Mühe zu geben brauchte. Ich weiß ihn ganz und gar auswendig, mit Ausnahme seiner langen Geschlechtsregister und seiner geschichtlichen Auseinandersetzungen, die den Geist ermüden, ohne das Herz zu erwärmen. Außer ihm gibt es für mich nur noch Horaz, dessen Verse sich alle meiner Seele eingegraben haben, obwohl seine Episteln oftmals zu prosaisch sind und sich mit den Boileauschen bei weitem nicht vergleichen lassen.«

»Boileau ist oftmals zu sehr Lobredner, Herr von Casanova. Horaz will ich gelten lassen, auch mich entzückt er; aber Ariosto! vierzig lange Gesänge – das ist zu viel!«

»Einundfünfzig, Herr von Voltaire.«

Der große Mann verstummte, aber Frau Denis sprang für ihn ein und rief: »Lassen Sie uns doch die sechsunddreißig Stanzen hören, die einen zum Zittern bringen und denen der Dichter den Namen des Göttlichen verdankt!«

Sofort begann ich in sicherem Tone, aber nicht in jener eintönigen deklamatorischen Weise der Italiener, die die Franzosen uns mit Recht zum Vorwurf machen. Die Franzosen würden die besten Deklamatoren sein, wenn sie nicht durch den Zwang des Reimes gehindert würden; denn von allen Völkern fühlen sie am tiefsten, was sie sagen. Sie haben weder den leidenschaftlichen und einförmigen Ton meiner Landsleute, noch den sentimentalen und übertriebenen der Deutschen, noch die ermüdende Manieriertheit der Engländer. Sie sprechen jeden Satz in dem Ton, mit dem Klang der Stimme, die am besten der Natur des auszudrückenden Gefühls entsprechen; aber durch die gezwungene Wiederholung derselben Klänge gehen ihnen diese Vorzüge zum Teil wieder verloren. Ich sprach die schönen Verse Ariostos wie eine schöne rhythmische Prosa, die ich durch den Klang meiner Stimme und durch die Sprache meiner Augen belebte, und ich modulierte den Tonfall je nach dem Gefühl, das ich meinen Hörern einflößen wollte. Man sah, man fühlte, wie ich mir Gewalt antun mußte, um meine Tränen zurückzuhalten, und Tränen standen in allen Augen. Aber als ich zu der Stanze kam:

Poiche allargare il freno al dolor puote
Che resta solo senza altrui rispetto
Giù dagli occhi rigando per le gote
Sparge un fiume de lacrime sul petto

da entströmten mir die Tränen so reichlich, daß alle meine Zuhörer zu schluchzen begannen. Voltaire und Madame Denis fielen mir um den Hals, aber ihre Umarmungen konnten mich nicht unterbrechen. Denn, um rasend zu werden, mußte Roland erst noch bemerken, daß er in demselben Bett lag, worin vor kurzem Angelica in den Armen des überglücklichen Medor geruht hatte. Und so mußte ich die folgende Stanze beginnen. Statt Klage und Trauer malte sich jetzt in meiner Stimme Schrecken ob der Wut, in der er vermöge seiner ungeheueren Kraft Verwüstungen anrichtete wie ein schrecklicher Sturm oder wie ein von Erdbeben begleiteter vulkanischer Ausbruch.

Als ich geendet hatte, empfing ich mit traurigem Gesicht die Glückwünsche der ganzen Gesellschaft. Voltaire rief: »Ich habe es immer gesagt: das Geheimnis, zum Weinen zu bringen, besteht darin, daß man selber weint; aber es sind echte Tränen nötig, und um solche vergießen zu können, muß die Seele tief gerührt sein. – Ich danke Ihnen, mein Herr,« fuhr er fort, indem er mich umarmte, »und ich verspreche Ihnen, morgen die gleichen Stanzen zu rezitieren und dabei zu weinen wie Sie.«

Er hielt Wort.

»Es ist erstaunlich,« sagte Frau Denis, »daß das unduldsame Rom niemals den Sänger des Orlando auf den Index gesetzt hat.«

»Ganz im Gegenteil,« rief Voltaire, »Leo der Zehnte ist dem zuvorgekommen, indem er jeden in den Kirchenbann tat, der es wagen sollte, ihn zu verdammen. Die beiden großen Familien Este und Medici hatten ein Interesse daran, ihn zu stützen. Ohne diesen Schutz hätte wahrscheinlich ein einziger Vers hingereicht, um das ganze Gedicht verbieten zu lassen, nämlich der Vers über Konstantins Schenkung des römischen Gebietes an Silvester, worin der Dichter sagte: puzza forte – sie stinkt gewaltig.«

»Ich glaube,« sagte ich, »der Vers, der den meisten Lärm gemacht hat, war jener, worin Ariosto die Auferstehung des Menschengeschlechtes und das Ende der Welt in Zweifel zieht. Ariosto spricht von dem Einsiedler, der den Rodomont davon abhalten wollte, sich der Witwe des Zerbino, Isabella, zu bemächtigen, und schildert, wie der Afrikaner, gelangweilt durch diese Predigt, ihn packt und so weit fortschleudert, daß er an einem Felsen zerschellt; an diesem Felsen liegt er nun tot, wie eingeschlafen – so daß al [?]vissimo di forse fia desto – daß er am jüngsten Tag vielleicht erstände.

über dieses forse, das der Dichter vielleicht nur als eine Redeblume oder zur Ausfüllung des Verses brauchte, erhob sich viel Geschrei, worüber der Dichter ohne Zweifel herzlich gelacht hätte, wenn er es erlebt hätte.«

»Es ist schade,« sagte Frau Denis, »daß Ariosto nicht etwas nüchterner in solchen bildlichen Ausdrücken war.«

»Still, liebe Nichte; sie sind voller Geist und Witz. Es sind wunderschöne Perlen, die der beste Geschmack über das ganze Werk verstreut hat.«

Wir sprachen hierauf von allen möglichen literarischen Dingen, und schließlich kam die Unterhaltung auf die Schottin, die wir in Solothurn gespielt hatten.

Man wußte alles.

Herr von Voltaire sagte mir: wenn ich bei ihm spielen wolle, werde er an Herrn von Chavigny schreiben, er möge meine Lindane überreden, die Rolle meiner Partnerin zu spielen, er selber werde den Montrose übernehmen. Ich entschuldigte mich und sagte ihm, Frau von *** sei in Basel, und ich selber müsse am nächsten Tage abreisen. Bei diesen Worten erhob er ein lautes Geschrei, hetzte die ganze Gesellschaft auf mich und sagte mir schließlich, mein Besuch sei eine Beleidigung für ihn, wenn ich nicht mindestens eine volle Woche ihm opfere.

»Herr von Voltaire,« antwortete ich ihm, »ich bin nur nach Genf gekommen, um die Ehre zu haben, Sie zu sehen; jetzt, da mir diese Huld zuteil geworden ist, habe ich hier nichts mehr zu tun.«

»Sind Sie hierher gekommen, um mit mir zu sprechen, oder damit ich mit Ihnen spreche?«

»Natürlich, auch um mit Ihnen zu sprechen, aber noch weit mehr, um Sie sprechen zu hören.«

»So bleiben Sie mindestens drei Tage hier; seien Sie alle drei Tage bei mir zu Tisch, und wir werden miteinander sprechen.«

Die Einladung war so dringend und so schmeichelhaft, daß es mir übel angestanden wäre, sie abzulehnen. Ich nahm sie also an und entfernte mich hierauf, weil ich zu schreiben hatte.

Ich war kaum eine Viertelstunde zu Hause, da kam ein Syndikus der Stadt, ein liebenswürdiger Mensch, den ich nicht nennen will, zu mir und bat mich, mit mir zu Abend speisen zu dürfen. Er sagte zu mir: »Ich habe Ihrem Gefecht mit dem großen Manne beigewohnt und die ganze Zeit über nicht ein einziges Mal den Mund aufgetan; aber ich habe den lebhaften Wunsch, eine Stunde mit Ihnen allein zu verbringen.«

Ich umarmte ihn, bat ihn um Verzeihung, daß er mich im Schlafrock fände, und sagte ihm, es würde mir ein Vergnügen machen, wenn er den ganzen Abend mit mir verbrächte.

Der liebenswürdige Mensch war zwei Stunden lang bei mir, ohne einen einzigen Augenblick von Literatur zu sprechen; aber er brauchte dies auch nicht, denn er war ein Jünger des Epikur und Sokrates, und der Abend verging mit hübschen Geschichtchen, mit lautem Gelächter und mit Erzählungen von all den Vergnügungen, die man sich in Genf verschaffen konnte. Beim Abschied lud er mich für den nächsten Tag zum Abendessen ein, indem er mir versprach, daß ich mich nicht langweilen würde.

»Ich werde Sie erwarten«, sagte ich.

»Gut, aber sagen Sie keinem Menschen etwas von unserer Partie.«

Ich versprach es ihm.

Am nächsten Morgen besuchte der junge Fox mich mit den beiden Engländern, die ich bei Herrn von Voltaire gesehen hatte. Sie schlugen mir eine Partie Quinze vor; ich nahm sie an; nachdem ich etwa fünfzig Louis verloren hatte, hörte ich auf, und wir trieben uns bis zum Mittagessen in der Stadt herum.

In den Délices fanden wir den Herzog von Villars; er war soeben angekommen, um den Doktor Tronchin zu befragen, der ihn seit zehn Jahren künstlich am Leben erhielt.

Während des Essens schwieg ich; aber beim Nachtisch brachte Herr von Voltaire das Gespräch auf die venetianische Regierung, da er wußte, daß ich keinen Anlaß hatte, mit ihr zufrieden zu sein; aber ich täuschte seine Erwartung, denn ich suchte nachzuweisen, daß es auf der ganzen Erde kein Land gebe, wo man eine vollständigere Freiheit genieße.

»Ja,« fagte er, »wenn man sich damit bescheidet, die Rolle des Stummen zu spielen.« Da er sah, daß das Thema mir nicht behagte, nahm er meinen Arm und führte mich in seinen Garten, dessen Schöpfer er war, wie er mir sagte. Die Hauptallee führte zu einem schönen fließenden Wasser. »Dies«, sagte er, »ist der Rhône, den ich nach Frankreich schicke.«

»Eine Sendung, die Ihnen wenig Kosten verursacht.«

Er lächelte freundlich und zeigte mir hierauf die schöne Genfer Straße und die Dent-blanche, die höchste Spitze der Alpen.

Hierauf brachte er das Gespräch wieder auf die italienische Literatur und begann mit Geist und viel Gelehrsamkeit Unsinn darüber zu reden, indem er stets mit einem falschen Urteil schloß. Ich ließ ihn reden. Er sprach über Homer, Dante und Petrarca, und man weiß ja, wie er über diese großen Geister dachte; er hat sich selber geschadet, indem er veröffentlichte, was er dachte. Ich begnügte mich damit, ihm zu sagen, daß diese großen Männer schon längst von dem hohen Platz, den die Bewunderung der Jahrhunderte ihnen angewiesen hat, herabgestiegen wären, wenn sie nicht der allgemeinen Verehrung würdig wären.

Der Herzog von Villars und der berühmte Arzt Tronchin traten zu uns. Der Doktor war groß, stattlich, schön von Gesicht, höflich, beredt, ohne Schwätzer zu sein. Ein gelehrter Physiker und ein geistreicher Mann. Er war ein Schüler Boerhaves, der ihn geliebt hatte, und da er weder das Kauderwelsch, noch den Scharlatanismus, noch die selbstgefällige Eitelkeit der medizinischen Größen an sich hatte, so gefiel er mir außerordentlich. Seine Heilkunst beruhte auf der Ernährungsweise, und um diese richtig zu verordnen, mußte er Philosoph sein. Man hat mir versichert – was ich aber doch kaum glauben kann – er habe einen Lungenkranken durch die Milch einer Eselin geheilt, der er von vier kräftigen Packträgern dreißig starke Quecksilbereinreibungen machen ließ.

Auch Villars erregte meine volle Aufmerksamkeit, jedoch ganz anders als Tronchin. Indem ich sein Gesicht und seine Haltung betrachtete, glaubte ich eine siebzigjährige Frau in Männerkleidern zu sehen – ein mageres, dürres Weib, das noch Ansprüche machte und in seiner Jugend wohl schön gewesen sein konnte. Seine kupferroten Wangen waren mit Schminke bekleistert, die Lippen mit Karmin bedeckt, die Augenbrauen schwarz gefärbt. Er hatte falsche Zähne, trug eine ungeheure Perücke, die einen starken Ambraduft ausströmte, und im Knopfloch einen Blumenstrauß, der ihm bis ans Kinn reichte. Seinen Bewegungen gab er etwas übertrieben Anmutiges und sprach dazu mit so sanfter Stimme, daß man oftmals nicht hören konnte, was er sagte, übrigens war er sehr höflich, liebenswürdig und geziert im Geschmack der Zeiten der Regentschaft. Alles in allem ein überaus lächerliches Wesen. Man hat mir erzählt, in seiner Jugend und in den Zeiten seiner Manneskraft habe er das schöne Geschlecht geliebt; als er aber zu nichts mehr getaugt, habe er den bescheidenen Entschluß gefaßt, Weib zu werden, und halte daher vier schöne Mignons in seinem Dienst, welche abwechselnd das ekelhafte Glück hätten, nachts sein altes Gerippe zu wärmen. Villars war Gouverneur der Provence und hatte einen Krebs am Rücken. Nach der natürlichen Ordnung hätte er schon seit zehn Jahren begraben sein sollen, aber Tronchin erhielt ihn am Leben, indem er die wunden Stellen mit Schnitten von Kalbfleisch nährte. Ohne diese Ernährung wäre der Krebs gestorben und hätte ihn mitgerissen. Dies kann man wohl ein künstliches Leben nennen.

Ich begleitete Herrn von Voltaire in sein Schlafzimmer, wo er die Perücke wechselte und eine andere Mütze aufsetzte; denn er trug stets Mützen, um sich gegen Erkältungen zu schützen, an denen er oftmals litt. Ich sah auf einem Tisch die Summa des heiligen Thomas und unter mehreren italienischen Gedichten auch die Secchia rapita von Tassoni. Voltaire sagte zu mir: »Dies ist das einzige tragikomische Gedicht, das Italien besitzt. Tassoni war Mönch, Schöngeist und ein ebenso großer Gelehrter wie Dichter.«

»Als Dichter mag er groß sein, aber als Gelehrter ist er es nicht; denn er hat sich über das System des Kopernikus lustig gemacht und behauptet, man könne danach nicht den Mondwechsel und die Mondfinsternisse bestimmen.«

»Wo hat er diese Dummheit gesagt?«

»In seinen akademischen Reden.«

»Ich habe sie nicht, aber ich werde sie mir verschaffen.«

Er ergriff eine Feder, um eine Notiz darüber zu machen, und sagte dann: »Aber Tassoni hat mit sehr viel Geist den Petrarca kritisiert.«

»Ja, aber dadurch hat er seinen Geschmack und seine Literaturkenntnisse entehrt; dasselbe gilt von Muratori.«

»Den habe ich hier. Geben Sie zu, daß seine Gelehrsamkeit unermeßlich ist.«

»Est ubi peccat – dies ist gerade sein Fehler.«

Voltaire öffnete eine Tür, und ich sah etwa hundert dicke Papierbündel. Er sagte: »Dies ist mein Briefwechsel. Sie sehen hier etwa fünfzigtausend Briefe, die ich beantwortet habe.«

»Besitzen Sie die Abschriften Ihrer Antworten?«

»Zum guten Teil. Ein Bedienter hat dies zu besorgen und hat nichts anderes zu tun.«

»Ich kenne eine Menge Buchhändler, die viel Geld dafür geben würden, diesen Schatz zu erwerben.«

»Allerdings; aber hüten Sie sich vor den Buchhändlern, wenn Sie etwas veröffentlichen wollen – falls Sie es nicht schon getan haben; es sind gefährlichere Seeräuber als die marokkanischen.«

»Mit diesen Herren werde ich erst zu tun haben, wenn ich alt bin.«

»Dann werden Sie die Plage Ihres Alters sein.«

Bei dieser Gelegenheit zitierte ich einen maccaronischen Vers von Merlino Cocci.

»Was ist das?«

»Ein Vers aus einem berühmten Gedicht von vierundzwanzig Gesängen.«

»Berühmt!«

»Ja, und sogar mit Recht berühmt; aber um seinen Wert zu schützen, muß man die Mundart von Mantua kennen.«

»Ich werde es verstehen, wenn Sie es mir beschaffen können.«

»Ich werde die Ehre haben, es Ihnen morgen zu bringen.«

»Sie werden mich über alle Maßen verbinden.«

Wir wurden geholt und verbrachten dann zwei Stunden in der Gesellschaft mit allen möglichen Gesprächen. Voltaire entfaltete den ganzen Reichtum seines glänzenden und fruchtbaren Geistes und entzückte alle, obgleich seine scharfen Pfeile selbst die Anwesenden nicht verschonten; aber er besaß eine unnachahmliche Kunst, seine Witze so zu schleudern, daß niemand sich verletzt fühlte. Wenn der große Mann seine Ausfälle mit einem anmutigen Lächeln begleitete, fehlte es ihm niemals an Lachern.

Sein Haushalt war aufs vornehmste eingerichtet, und man speiste sehr gut bei dem Dichter, was bei seinen Mitbrüdern in Apoll sehr selten vorkommt, da sie für gewöhnlich nicht wie er Günstlinge des Plutus sind. Er war damals sechsundsechzig Jahre alt und hatte Hundertzwanzigtausend Franken Rente. Man hat boshafterweise gesagt, der große Mann habe sich bereichert, indem er seine Verleger betrogen; tatsächlich ist es ihm aber in dieser Hinsicht nicht besser gegangen als dem geringsten Schriftsteller; weit entfernt, seine Buchhändler betrogen zu haben, ist er vielmehr häufig von ihnen betrogen worden. Hiervon auszunehmen sind die Cramer, die durch ihn reich geworden sind. Voltaire hatte sich durch andere Mittel als durch seine Feder zu bereichern gewußt, und da er ruhmbegierig war, verschenkte er oft seine Werke unter der einzigen Bedingung, daß sie gedruckt und verbreitet würden. Während der kurzen Zeit, die ich bei ihm verbrachte, wurde ich Zeuge einer solchen Großmut: er verschenkte die Prinzessin von Babylon, eine reizende Erzählung, die er in drei Tagen schrieb.

Mein epikuräischer Syndikus holte mich seinem Versprechen getreu pünktlich in der »Wage« ab und führte mich in ein nahegelegenes Haus, wo er mich drei jungen Damen vorstellte, die zwar nicht gerade Schönheiten im strengen Sinne des Wortes, aber entzückende Geschöpfe waren. Zwei von ihnen waren Schwestern. Sie empfingen uns auf ungezwungene und übermütige Weise, und da sie geistreiche Gesichter hatten und im Tone echter Fröhlichkeit sprachen, so erkannte ich sofort, daß wir einen köstlichen Abend verleben würden; ich hatte mich nicht getäuscht. Die halbe Stunde bis zum Essen verfloß in anständiger, aber zwangloser Unterhaltung; während der Mahlzeit gab der Syndikus den Ton an, und ich sah voraus, was sich nach dem Dessert ereignen würde.

Es war heiß und unter dem anständigen Vorwande, uns Kühlung zu verschaffen, versetzten wir uns beinahe in den Naturzustand, da wir sicher waren, durch keinen Besuch gestört zu werden. Welche Orgie! Ich bedaure, das Interessanteste verschleiern zu müssen. Als wir, in die ausgelassenste Heiterkeit versetzt, von Liebe, Champagner und wollüstigen Reden erhitzt waren, rezitierte ich Grécourts Y grec. Als ich dieses wollüstige Gedicht, das der Feder eines Abbés würdig ist, beendigt hatte und die Augen der drei Schönen Flammen sprühen sah, sagte ich zu ihnen: »Meine Damen, ich erbiete mich, Ihnen allen dreien, einer nach der anderen, zu zeigen, welchen Sinn der Satz hatte: gaudeant bene nati

Ohne ihre Antwort abzuwarten, nahm ich sie, eine nach der anderen, vor und machte sie glücklich, ohne jedoch das Spiel auf die Spitze zu treiben. Mein Syndikus strahlte vor Freude; er freute sich, mir ein Geschenk nach meinem Geschmack gemacht zu haben, und ich konnte bemerken, daß das Extravergnügen den drei Grazien nicht mißfiel; denn der Sybarit hielt sie bei magerer Kost, da er nur noch in seinen Begierden kräftig war. Die jungen Mädchen überschütteten mich mit endlosen Danksagungen, die ich meinerseits in gleichem Umfang erwiderte. Sie jauchzten vor Entzücken, als sie den Syndikus mich für den nächsten Abend einladen hörten. Als er mich nach meinem Gasthof zurückbrachte, dankte ich ihm für das Vergnügen, das er mir verschafft hatte, und er sagte mir, er habe das Verdienst, diese drei reizenden Geschöpfe ganz allein erzogen zu haben. »Sie sind, nebst mir, der einzige Mann, den sie kennen. Sie werden sie wiedersehen; aber ich bitte Sie recht sehr, hüten Sie sich, ihnen ein Andenken zu hinterlassen; denn das wäre in dieser Stadt voller Vorurteile für sie wie für mich ein Unglück, das nicht wieder gut zu machen wäre.«

»Sie halten also immer Maß?«

»Leider ist das kein Verdienst von meiner Seite. Ich bin für die Liebe geboren, aber Venus hat mich schon frühzeitig dafür bestraft, daß ich ihr zu früh gehuldigt habe.«

Nachdem ich eine köstliche Nacht verbracht hatte, erwachte ich frisch gestärkt und schrieb an Voltaire einen Brief in Blankversen, die mir viermal mehr Mühe kosteten, als wenn ich sie gereimt hätte. Ich schickte ihm diesen Brief mit dem Gedicht des Theophilo Folengo, aber ich tat übel daran; ich hätte voraus sehen können, daß er keinen Geschmack daran finden würde, denn man kann nur schätzen, was man wirklich versteht. Ich ging hierauf zu Herrn Fox hinunter und traf bei ihm die beiden Engländer, die mir Revanche anboten. Ich verlor hundert Louis und sah sie mit Vergnügen nach Lausanne abreisen.

Der Syndikus hatte mir gesagt, die drei jungen Damen seien aus anständigen Familien, aber nicht reich; ich zerbrach mir den Kopf, auf welche Weise ich ihnen ein nützliches Geschenk machen könnte, ohne sie zu demütigen. Schließlich verfiel ich auf etwas ganz Tolles, das ich dem Leser später erklären werde. Ich ging zu einem Goldschmied, gab ihm sechs Quadrupel und beauftragte ihn, mir sofort drei goldene Kugeln von je zwei Unzen zu machen.

Mittags ging ich zu Herrn von Voltaire; er war nicht sichtbar, aber Madame Denis entschädigte mich. Sie hatte viel Geist, Vernunft und Geschmack, ein reiches Wissen ohne Anmaßung und hegte einen grimmigen Haß gegen den König von Preußen, den sie einen Schurken nannte. Sie erkundigte sich nach meiner schönen Haushälterin und wünschte mir Glück, daß ich sie an einen ehrenwerten Mann verheiratet hätte. Obgleich ich heute anerkenne, daß sie vollkommen recht hatte, war ich damals doch keineswegs ihrer Meinung, denn der Eindruck war noch zu lebhaft. Frau Denis bat mich, ihr meine Flucht aus den Bleigefängnissen zu erzählen; da aber die Erzählung ein wenig lang gewesen wäre, so versprach ich ihr, den Wunsch ein anderes Mal zu erfüllen.

Herr von Voltaire speiste nicht mit uns; er erschien erst um fünf Uhr mit einem Brief in der Hand und fragte mich: »Kennen Sie den bolognesischen Senator Marchese Albergati Capracelli und den Grafen Paradisi?«

»Paradisi kenne ich nicht; Herrn Albergati aber kenne ich von Ansehen und habe von ihm gehört. Er ist nicht Senator, sondern einer von den Vierzig, und in Bologna sind die Vierzig fünfzig.«

»Barmherzigkeit! Das ist ein schwer zu lösendes Rätsel.«

»Kennen Sie ihn?«

»Nein, aber er schickt mir Goldonis Theater, Bologneser Würste und die Übersetzung des Tankred, und er wird mich besuchen.«

»Er wird nicht kommen; so dumm ist er nicht.«

»Wieso dumm? Ist es denn eine Dummheit, mich zu besuchen?«

»Nein, sonst ganz gewiß nicht, aber von ihm wäre es eine Dummheit.«

»Warum, bitte?«

»Er weiß, daß er zuviel dabei verlieren würde; denn er ist stolz auf die Meinung, die Sie anscheinend von ihm haben, und wenn er käme, würden Sie sehen, daß er eine Null ist, und mit der Illusion wäre es aus. Übrigens ist er ein braver Edelmann mit einem Einkommen von sechstausend Zechinen, dazu ein Theaternarr. Er ist ein ziemlich guter Schauspieler und hat einige Komödien in Prosa geschrieben; aber man kann sie weder lesen noch auf der Bühne sehen.«

»Sie geben ihm da wahrhaftig ein Kleid, das ihn nicht vergrößert.«

»Ich kann Ihnen versichern, es macht ihn noch nicht so klein, wie er in Wirklichkeit ist.«

»Aber sagen Sie mir, inwiefern die Vierzig fünfzig sein können?«

»Wie in Basel um elf Uhr Mittag ist.«

»Ich verstehe: wie Ihr Rat der Zehn aus siebzehn Mitgliedern besteht.«

»Ganz recht; aber die verdammten Vierzig von Bologna sind etwas anderes.«

»Warum verdammt?«

»Weil sie dem Fiskus nicht unterworfen sind; infolge dieser Freiheit begehen sie vollkommen straflos jedes beliebige Verbrechen; sie brauchen nur ihren Wohnsitz außerhalb des Staates zu nehmen und verzehren dort behaglich ihre Einkünfte.«

»Das ist etwas Gutes und nicht etwas Böses. Aber weiter; der Marchese Albergati ist ohne Zweifel Schriftsteller?«

»Er schreibt gut italienisch; aber er hört sich gerne reden, ist weitschweifig und hat nicht viel im Kopf.«

»Er ist Schauspieler, sagten Sie?«

»Sogar ein sehr guter, besonders in seinen eigenen Stücken, in Liebhaberrollen.«

»Ist er schön?«

»Ja, auf der Bühne, aber sonst nicht; denn sein Gesicht ist ausdruckslos.«

»Seine Stücke gefallen aber doch.«

»Den Kennern nicht; denn man würde sie auspfeifen, wenn man sie verstände.«

»Und was sagen Sie von Goldoni?«

»Was man von ihm sagen kann: Goldoni ist der italienische Molière.«

»Warum nennt er sich Hofdichter des Herzogs von Parma?«

»Ohne Zweifel, um zu beweisen, daß ein geistvoller Mann seine schwache Seite hat, so gut wie ein Dummkopf; der Herzog weiß wahrscheinlich nichts davon. Er nennt sich auch Advokat, obgleich er es auch nur in seiner Einbildung ist. Goldoni ist ein guter Lustspieldichter und weiter nichts. Ganz Venedig kennt mich als seinen Freund; ich kann also mit Sachkenntnis über ihn sprechen: in Gesellschaften glänzt er nicht, und obwohl er in allen seinen Schriften so fein sarkastisch ist, ist er doch von außerordentlich sanftem Charakter.«

»So hat man mir gesagt. Er ist arm, und man hat mir versichert, er wolle Venedig verlassen. Das wird den Theaterdirektoren, die seine Stücke spielen, recht unlieb sein.«

»Man hat davon gesprochen, ihm ein Jahrgeld auszusetzen; aber der Plan ist ins Wasser gefallen, denn man hat gedacht, wenn er ein Jahrgeld hätte, würde er nicht mehr schreiben.

»Cumae hat Homer ein Jahrgeld verweigert, weil man befürchtete, daß alsdann alle Blinden eines verlangen würden.«

Wir verbrachten den Tag sehr angenehm, und er dankte mir in überschwenglicher Weise für das Maccaronicon, das er mir zu lesen versprach. Er stellte mir einen Jesuiten vor, der in seinen Diensten stand und Adam hieß; nachdem er den Namen genannt hatte, setzte er hinzu: Er ist aber nicht Adam, der erste der Menschen.«

Wie man mir später erzählt hat, spielte er gerne Tricktrack mit ihm, und wenn er verlor, warf er ihm Würfel und Würfelbecher an den Kopf. Wenn man die Jesuiten überall mit so geringer Achtung behandelte, so würden wir zuletzt nur ungefährliche Jesuiten haben; aber von diesen glücklichen Zeiten sind wir noch weit entfernt.

Am Abend erhielt ich gleich nach meiner Rückkehr in den Gasthof meine drei goldenen Kugeln; sobald mein Syndikus gekommen war, brachen wir auf, um unsere wollüstige Orgie zu erneuern. Unterwegs plauderten wir über die Scham, und er sagte mir: »Dieses Gefühl, das uns abhält, Körperteile zu zeigen, die man von Kindesbeinen an bedeckt zu halten uns gelehrt hat, kann oft von einer Neigung zur Tugend herrühren; aber es ist schwächer als die Macht der Erziehung; denn es vermag einem Angriff nicht zu widerstehen, wenn der Angreifer sich richtig zu benehmen weiß. Am leichtesten besiegt man, glaube ich, die Scham, wenn man sie bei dem Gegenstande, den man angreifen will, nicht voraussetzt, wenn man sie lächerlich macht, besonders aber, wenn man ihr rücksichtslos zu Leibe geht, indem man sich über ein dummes Vorurteil einfach hinwegsetzt. Der Sieg ist gewiß. Die Schamlosigkeit des Angreifers besiegt den Angegriffenen, der für gewöhnlich nur besiegt werden will und fast immer zuletzt dem Sieger noch dankt. Der gelehrte Philosoph Clemens von Alexandrien hat gesagt, die Tugend, die anscheinend so tief im Geiste der Frauen wurzle, habe ihren Sitz eigentlich nur in dem Linnen, das sie bedecke, und verschwinde spurlos, wenn man dieses von ihnen wegziehe.«

Wir fanden unsere drei Fräuleins, in leichten Gewändern von feiner Leinwand, auf einem großen Sofa sitzend; wir setzten uns ihnen ganz dicht gegenüber auf Stühle. Unter hübschen Bemerkungen und tausend Küssen verstrich die halbe Stunde bis zum Souper, und unsere Liebeskämpfe begannen erst nach einem köstlichen Mahle, als uns der Champagner bereits etwas umnebelt hatte.

Als wir sicher waren, durch das Dienstmädchen nicht mehr gestört zu werden, machten wir es uns bequem, und unsere Liebkosungen wurden lebhafter und glühender. Der Syndikus zog als vorsichtiger Mann ein Päckchen feiner englischer Überzieher aus der Tasche und hielt eine lange Lobrede auf dies bewunderungswürdige Schutzmittel gegen einen Unfall, der eine schreckliche, aber unnütze Reue zur Folge haben könnte. Die Schönen kannten es und schienen mit der Vorsichtsmaßregel sehr zufrieden zu sein; sie brachen in ein schallendes Gelächter aus, als sie sahen, welche Form die Futterale annahmen, wenn man hineinblies. Nachdem ich sie einige Zeit mit diesem harmlosen Spiel sich hatte belustigen lassen, sagte ich zu ihnen: »Meine liebenswürdigen jungen Damen, ich schätze Ihre Ehre höher als Ihre Schönheit; aber erwarten Sie nicht von mir, daß ich mich in ein Stück toter Haut einzwängen werde, um Ihnen zu beweisen, daß ich völlig lebendig bin.« Ich zog die drei goldenen Kugeln aus der Tasche und fuhr fort: »Hier habe ich ein zuverlässigeres und weniger unangenehmes Mittel, um Sie gegen jeden verdrießlichen Zufall zu schützen. Nach einer fünfzehnjährigen Erfahrung kann ich Ihnen versichern, daß Sie mit Hilfe dieser goldenen Kugeln das Glück geben und empfangen können, ohne die geringste Gefahr zu laufen. Wenn Sie diese goldenen Kugeln probiert haben, werden Sie in Zukunft nicht mehr dieser demütigenden Futterale bedürfen. Schenken Sie mir volles Vertrauen und nehmen Sie dieses kleine Geschenk von einem Venetianer an, der Sie anbetet.«

»Wir sind Ihnen recht dankbar,« sagte die Älteste der beiden Schwestern, »aber wie wendet man denn diese hübsche Kugel an, um sich gegen das verhängnisvolle Dickwerden zu schützen?«

»Es genügt, daß die Kugel im Hintergrunde des Liebestempels ist, während das liebende Paar das Opfer vollzieht. Dem Metall ist durch eine alkalische Lösung, worin es eine gewisse Zeit gelegen hat, eine antipathische Kraft mitgeteilt worden, die jede Befruchtung verhindert.«

»Aber,« sagte die Base, »es kann doch vorkommen, daß vor dem Ende des Opfers die Kugel durch die Bewegung herausgetrieben wird?«

»Dieser Zufall ist nicht zu befürchten, wenn man nur die richtige Stellung einnimmt.«

»Zeigen Sie es uns doch mal!« sagte der Syndikus; zugleich ergriff er eine Kerze, um mir beim Einstecken der Kugel zu leuchten.

Die reizende Base hatte zuviel gesagt, um noch zurücktreten zu können; sie mußte ihren Freundinnen gestatten, sich zu überzeugen. Ich ließ sie eine solche Stellung einnehmen, daß die Kugel unmöglich herausfallen konnte, bevor ich mich mit dem Mädchen verbunden hatte. Zum Schluß fiel jedoch die Kugel heraus, das heißt, als ich die Bahn verließ. Das hübsche Opfer merkte wohl, daß ich sie getäuscht hatte; da sie jedoch für ihre eigene Rechnung nichts dabei verlor, so verstellte sie sich, hob die Kugel auf und forderte die beiden Schwestern auf, sich dem angenehmen Versuch ebenfalls zu unterziehen, was diese mit einer Miene höchster Neugier taten. Der Syndikus, der kein Vertrauen zur Kraft des Metalls hatte, beschränkte sich auf die Rolle des Zuschauers; er hatte übrigens keinen Anlaß, sich zu beklagen. Nachdem ich mich nach einer halben Stunde erholt hatte, begann ich das Fest von neuem, aber ohne Kugeln, indem ich ihnen versicherte, ich würde jeden Unfall vermeiden; ich hielt ihnen Wort, ohne sie um den geringsten Teil des Vergnügens zu bringen, das sie hätten haben können, wenn ich in voller Freiheit gehandelt hätte.

Als wir scheiden mußten, warfen die jungen Mädchen, die bis dahin nur Entbehrungen gehabt hatten, sich auf mich und überhäuften mich mit Liebkosungen; sie glaubten mir großen Dank schuldig zu sein. Der Syndikus sagte ihnen, ich wolle am übernächsten Tag abreisen, und forderte sie auf, mich einzuladen, ich möchte doch noch einen Tag länger in Genf bleiben. Ich brachte ihnen dieses Opfer mit Freuden. Der gute Syndikus war für den nächsten Tag eingeladen, und auch ich hatte einen Ruhetag sehr nötig. Er dankte mir fast ebenso lebhaft wie seine reizenden Nymphen und begleitete mich nach meinem Gasthof zurück.

Nachdem ein zehnstündiger sanfter Schlaf mich erquickt hatte, nahm ich ein stärkendes Bad; als ich mich angekleidet hatte, fühlte ich mich imstande, die angenehme Gesellschaft des Herrn von Voltaire zu genießen. Ich begab mich zu ihm, aber ich wurde in meiner Erwartung getäuscht, denn es beliebte dem großen Manne an diesem Tage streitsüchtig, spottlustig und boshaft zu sein. Er wußte, daß ich am nächsten Tage abreisen würde.

Bei Tisch dankte er mir zunächst für den Merlino Cocci, den ich ihm geschenkt hatte. »Sie haben ihn mir gewiß in guter Absicht angeboten; aber für Ihr Lob dieses Gedichtes danke ich Ihnen nicht, denn Sie sind schuld, daß ich vier Stunden mit dem Lesen von Dummheiten verbracht habe.«

Ich fühlte, wie sich mir die Haare auf dem Kopfe sträubten, aber ich beherrschte mich und antwortete ihm in ziemlich ruhigem Tone, er würde sich vielleicht einstmals selber genötigt sehen, das Gedicht noch höher zu preisen als ich. Ich führte mehrere Beispiele an, daß ein einmaliges Lesen ungenügend sei.

»Das ist wahr; aber Ihren Merlino gebe ich auf. Ich habe ihn neben Chapelains Pucelle gestellt.«

»Die allen Kennern gefällt, obgleich ihre Verse schlecht sind; denn es ist ein gutes Gedicht, und Chapelain war ein Dichter, obgleich er schlechte Verse machte. Ich habe seinen Genius wohl erkannt.«

Mein Freimut mußte ihn verletzen, und ich hätte dies ahnen können, da er mir gesagt hatte, er würde das Maccaronicon neben die Pucelle stellen. Ich wußte auch, daß ein schmutziges Gedicht desselben Titels Voltaire zugeschrieben wurde; doch wußte ich zugleich, daß er es verleugnete, und infolgedessen rechnete ich darauf, daß er den Ärger über meine Erklärung verbergen würde. Dem war jedoch nicht so; er widersprach mir in scharfem Ton, und ich erwiderte ihm in derselben Weise.

»Chapelain«, sagte ich, »hat das Verdienst gehabt, sein Thema auf angenehme Weise zu behandeln, ohne durch Mittel, die die Scham oder die Frömmigkeit verletzen, nach dem Beifall seiner Leser zu haschen. Dies ist die Ansicht meines Lehrers Crébillon.«

»Crébillon! Da nennen Sie mir einen großen Richter. Aber ich bitte Sie, sagen Sie mir, inwiefern ist denn mein Kollege Crébillon Ihr Lehrer?«

»Er hat mich in weniger als zwei Jahren französisch sprechen gelehrt, und ich habe, um ihm ein Zeichen meiner Dankbarkeit zu geben, seinen Rhadamiste in italienische Alexandriner übersetzt. Ich bin der erste Italiener, der dieses Metrum unserer Sprache anzupassen gewagt hat.«

»Der Erste? Ich bitte um Vergebung, diese Ehre gebührt meinem Freunde Pietro Giacomo Martelli.«

»Ich bedaure Ihnen sagen zu müssen, daß Sie sich irren.«

»Alle Wetter, ich habe in meinem Zimmer seine in Bologna gedruckten Werke.«

»Dies bestreite ich Ihnen keineswegs; ich bestreite Ihnen nur, daß Martelli Alexandriner angewandt hat. Sie können von ihm nur Verse von vierzehn Silben gelesen haben ohne Abwechselung von männlichen und weiblichen Reimen. Indessen gebe ich zu, daß er dummerweise geglaubt hat, eure Alexandriner nachgeahmt zu haben; ich habe über seine Vorrede laut aufgelacht. Vielleicht haben Sie sie nicht gelesen.«

»Nicht gelesen? Ich bin auf Vorreden erpicht. Martelli erweist in der seinigen, daß seine Verse auf italienische Ohren genau so wirken, wie unsere Alexandriner auf die unsrigen.«

»Ja, das ist gerade das Lächerliche dabei! Der gute Mann hat sich gröblich geirrt; ich bitte, urteilen Sie selber über meine Behauptung: Ihr männlicher Vers hat nur zwölf poetische Silben, und ihr weiblicher dreizehn. Alle Verse Martellis haben vierzehn, mit Ausnahme derjenigen, die mit einem langen Vokal endigen, der am Schluß eines Verses stets für zwei Silben gilt. Wollen Sie bemerken, daß der erste Halbvers bei Martelli stets sieben Silben hat, während der französische immer nur sechs hat. Ihr Freund Pietro Giacomo war entweder taub oder hatte ein falsches Gehör.«

»Sie befolgen also streng die Theorie unseres Versbaues?«

»Ganz streng, obgleich es sehr schwer ist; denn fast alle unsere Wörter endigen mit einer kurzen Silbe.«

»Und welche Wirkung hat Ihre Neuerung hervorgebracht?«

»Sie hat nicht gefallen, weil kein Mensch meine Verse deklamieren konnte; aber ich hoffe doch zu triumphieren, wenn ich selber sie in unseren literarischen Kreisen vortrage.«

»Haben Sie ein Bruchstück Ihres Rhadamiste im Gedächtnis?«

»Den ganzen.«

»Wunderbares Gedächtnis! Ich werde Ihnen gern zuhören.«

Ich deklamierte nun dieselbe Szene, die ich zehn Jahre vorher dem alten Crébillon vorgetragen hatte, und es kam mir vor, als ob Herr von Voltaire mir mit Vergnügen zuhörte. Er sagte: »Man bemerkt nicht die geringste Schwierigkeit.« Etwas Angenehmeres konnte er mir nicht sagen. Hierauf rezitierte der große Mann mir ein Stück aus seinem Tankred, den er damals, wie ich glaube, noch nicht veröffentlicht hatte und den man später mit Recht für ein Meisterwerk hielt.

Alles hätte ein gutes Ende genommen, wenn wir dabei stehen geblieben wären. Aber als ich ihm einen horazischen Vers anführte, um eines seiner Stücke zu loben, sagte er mir, Horaz sei an Bühnenkenntnis ein großer Meister gewesen und habe Vorschriften gegeben, die niemals veralten würden. Ich antwortete ihm, er selber habe nur eine einzige Regel verletzt, aber als großer Mann.

»Welche?«

»Sie schreiben nicht contentus paucis lectoribus

»Hätte Horaz die Hydra des Aberglaubens zu bekämpfen gehabt, er würde, wie ich, für die ganze Welt geschrieben haben.«

»Mir scheint. Sie könnten sich die Mühe ersparen, zu bekämpfen, was Sie doch niemals vernichten werden.«

»Was mir nicht gelingt, werden andere zu Ende führen, und ich werde stets den Ruhm haben, den Anfang gemacht zu haben.«

»Alles sehr schön – aber angenommen: es gelänge Ihnen, den Aberglauben zu zerstören – was würden Sie an dessen Stelle setzen?«

»Das höre ich gern! Wenn ich das Menschengeschlecht von einem wilden Tiere befreien will, das es verschlingt – kann man mich fragen, was ich an dessen Stelle setzen werde?«

»Er verschlingt es nicht; er ist im Gegenteil zum Bestehen des Menschengeschlechtes notwendig.«

»Zu seinem Bestehen notwendig! Das ist eine furchtbare Lästerung, die die Zukunft bestrafen wird! Ich liebe das ganze Menschengeschlecht; ich möchte es frei und glücklich sehen, wie ich es bin; doch Aberglaube und Freiheit lassen sich nicht vereinigen. Wo könnte denn wohl die Knechtschaft das Volk glücklich machen?!«

»Sie verlangen also die Souveränität des Volkes?«

»Gott bewahre! ein Herrscher ist notwendig, um die Massen zu lenken.«

»Dann ist also auch der Aberglaube notwendig, denn sonst wird das Volk niemals einem Menschen gehorchen, der den Namen eines Monarchen führt.«

»Nichts von Monarchen! Dies Wort drückt den Despotismus aus, den ich ebenso hasse wie die Knechtschaft.«

»Was wollen Sie denn also? Wenn nur ein einziger herrschen soll, kann ich diesen nur als einen Monarchen ansehen.«

»Ich will, daß der Herrscher einem freien Volk gebiete, daß er dessen Führer sei auf Grund eines Vertrages, der sie gegenseitig bindet und der ihn verhindert, jemals Willkür anzuwenden.«

»Addisson sagt Ihnen, daß dieser Herrscher, dieser Führer ein Ding der Unmöglichkeit ist. Ich bin für Hobbes. Von zwei Übeln muß man das kleinere wählen. Ein Volk ohne Aberglaube wäre ein Volk von Philosophen, und die Philosophen wollen nicht gehorchen. Das Volk kann nur glücklich sein, wenn es niedergedrückt, zu Boden getreten und an der Kette gehalten wird.«

»Das ist entsetzlich! Und Sie gehören zum Volk! Wenn Sie mich gelesen haben, müssen Sie gesehen haben, wie ich nachweise, daß der Aberglaube der Feind der Könige ist.«

»Ob ich Sie gelesen habe? Gelesen und wieder gelesen, besonders dann, wenn ich nicht Ihrer Meinung bin. Ihre Sie beherrschende Leidenschaft ist die Liebe zur Menschheit. Est ubi peccas. Diese Liebe macht blind. Lieben Sie die Menschheit, aber lieben Sie sie so, wie sie ist. Sie verträgt nicht die Wohltaten, die Sie an sie verschwenden wollen; Sie würden sie nur noch unglücklicher und verderbter machen. Lassen Sie ihr das Tier, das sie verschlingt: sie liebt dieses Tier. Ich habe nie so sehr gelacht, als wie ich Don Quijote genötigt sah, sich mühsam gegen die Galerensträflinge zu verteidigen, die er aus Großherzigkeit befreit hatte.«

»Es tut mir leid, daß Sie einen so schlechten Begriff von Ihresgleichen haben. Aber, da fällt mir ein – sagen Sie mir doch, sind Sie denn in Venedig sehr frei?«

»So frei, wie man unter einer aristokratischen Regierung überhaupt sein kann. Wir haben nicht so viel Freiheit wie die Engländer; aber wir sind zufrieden.«

»Selbst unter den Bleidächern?«

»Meine Gefangenhaltung war ein Willkürakt des Despotismus; aber da ich überzeugt war, mit vollem Bewußtsein meine Freiheit mißbraucht zu haben, so fand ich zuweilen, daß die Regierung recht gehabt hätte, mich ohne die gewöhnlichen Formalitäten einsperren zu lassen.«

»Aber Sie sind doch entflohen.«

»Ich machte von meinem Recht Gebrauch, wie sie von dem ihren.«

»Herrlich! Aber auf diese Art kann ja kein Mensch in Venedig sich frei nennen.«

»Das kann wohl sein; aber geben Sie zu, daß es, um frei zu sein, genügt, sich für frei zu halten.«

»Das werde ich durchaus nicht so leicht zugeben. Sie und ich betrachten die Freiheit von einem ganz verschiedenen Standpunkt aus. Die Aristokraten, sogar die Mitglieder der Regierung sind bei Ihnen nicht frei; denn sie können z. B. nicht einmal ohne Erlaubnis reisen.«

»Allerdings nicht; aber dies ist ein Gesetz, das sie sich freiwillig auferlegt haben, um ihre Herrschaft zu bewahren. Sie werden doch nicht sagen, ein Redner sei nicht frei, weil er den Luxusgesetzen unterworfen sei. Er hat sich ja selber seine Gesetze gegeben.«

»Nun, so mögen überall die Völker sich selber ihre Gesetze geben!«

Nach diesem lebhaften Ausruf fragte er mich ohne jeden Übergang, woher ich käme.

»Von Roche. Ich wäre in Verzweiflung gewesen, wenn ich die Schweiz hätte verlassen sollen, ohne den berühmten Haller gesehen zu haben. Auf meinen Wanderungen bringe ich meinen großen Zeitgenossen meine Huldigungen dar. Das schönste Andenken, das ich mitnehme, ist das an Sie!«

»Herr Haller wird Ihnen gefallen haben.«

»Ich habe drei meiner schönsten Tage bei ihm verlebt.«

»Mein Kompliment! Vor diesem großen Manne muß man niederknien.«

»Dies ist auch meine Meinung, und es freut mich, daß Sie ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen; ich bedaure ihn, daß er nicht ebenso gerecht gegen Sie ist.«

»Haha! Es ist möglich, daß wir uns beide geirrt haben.«

Diese Antwort, deren ganzes Verdienst nur in ihrer Schlagfertigkeit bestand, begrüßten alle Anwesenden mit lautem Lachen und Händeklatschen.

Es wurde nicht mehr von Literatur gesprochen, und ich spielte den stummen Zuhörer, bis Voltaire sich zurückzog. Nachdem ich noch Frau Denis gefragt hatte, ob sie mir etwas für Rom aufzutragen hätte, entfernte ich mich, recht zufrieden, an diesem letzten Tage, wie ich damals törichterweise glaubte, den Geistesriesen zur Vernunft gebracht zu haben; leider blieb eine verdrießliche Stimmung gegen den großen Mann zurück, die mich veranlaßte, zehn Jahre lang alles, was aus seiner unsterblichen Feder hervorgegangen war, zu kritisieren.

Heute bereue ich es, obwohl ich beim Wiederlesen meiner Kritiken finde, daß ich oft recht gehabt habe. Ich hätte schweigen, ihn verehren und an meinem eigenen Urteil zweifeln sollen. Ich hätte bedenken sollen, daß ich ihn ohne seine Spöttereien, die ihn mir an diesem dritten Tage verhaßt machten, in jeder Beziehung erhaben gefunden hätte. Schon dieser Gedanke hätte mir Schweigen gebieten sollen; aber im Zorn glaubt man immer recht zu haben. Die Nachwelt, die mich liest, wird mich für einen Zoilos halten, und die Ehrenerklärung, die ich heute, in aller Demut dem großen Manne gebe, wird vielleicht nicht gelesen werden. Wenn wir uns bei Pluto wiedersehen, befreit vielleicht von dem allzu Bissigen unserer irdischen Natur, so werden wir uns freundschaftlich einigen; er wird meine aufrichtigen Entschuldigungen annehmen; er wird mein Freund, ich werde sein aufrichtiger Bewunderer sein.

Ich verbrachte einen Teil der Nacht und fast den ganzen folgenden Tag damit, meine Gespräche mit Voltaire niederzuschreiben; es wurde beinahe ein Band, von dem ich hier nur einen schwachen Abriß gebe. Gegen Abend holte der epikuräische Syndikus mich ab; wir gingen zum Souper zu den drei Nymphen und trieben fünf Stunden lang alle tollen Scherze, die ich erfinden konnte; und auf diesem Gebiete war meine Phantasie damals außerordentlich fruchtbar. Beim Abschied versprach ich ihnen, auf meiner Rückreise von Rom sie wieder aufzusuchen, und ich habe ihnen Wort gehalten.

Am nächsten Tage speiste ich mit meinem lieben Syndikus zu Mittag und reiste dann ab. Er begleitete mich bis Annecy, wo ich über Nacht blieb. Am nächsten Tage aß ich in Aix in Savoyen zu Mittag mit der Absicht, in Chambéry zu übernachten; aber das Schicksal hatte es anders im Sinn.

Aix in Savoyen ist ein häßliches Nest; aber die Mineralquellen ziehen gegen Ende des Sommers die vornehme Welt dorthin. Das wußte ich damals nicht. Ich saß ruhig bei Tisch, um in aller Eile zu essen, da ich sofort nach Chambéry weiterreisen wollte, als plötzlich eine Menge Leute in sehr heiterer Laune in den Speisesaal eindrangen. Ich sah sie an, ohne mich zu rühren, und beantwortete mit einer Neigung des Kopfes die Verbeugungen, die einige von ihnen mir machten. Aus ihren Bemerkungen entnahm ich bald, daß sie Brunnengäste waren. Ein Herr von edlem und würdevollem Wesen trat sehr höflich zu mir heran und fragte mich, ob ich nach Turin ginge; ich antwortete ihm, ich ginge nach Marseille.

Das Essen kam; alle setzten sich zur Tafel. Ich sah mehrere sehr liebenswürdige Damen mit Kavalieren, die dem Anschein nach ihre Liebhaber oder Gatten waren. Ich bemerkte, daß man sich gut würde unterhalten können, denn alle sprachen französisch mit jener Leichtigkeit der guten Gesellschaft, die etwas so Anziehendes hat, und ich fühlte, daß ich gerne einwilligen würde, zum mindesten noch diesen einen Tag dazubleiben, wenn man mich nur bitten würde.

Da ich mit dem Essen fertig war, als die Gesellschaft noch beim ersten Gange war, und da mein Kutscher erst in einer Stunde weiterfahren konnte, so näherte ich mich einer hübschen Dame und machte ihr ein Kompliment, daß der Brunnen von Aix ihr augenscheinlich gut bekomme, denn ihr Appetit erwecke den Appetit aller ihr Zuschauenden.

»Ich fordere Sie heraus, mein Herr, mir zu beweisen, daß Sie die Wahrheit sprechen!« sagte sie in mutwilligem Ton und mit dem anmutigsten Lächeln.

Ich setzte mich neben sie, und sie reichte mir ein schönes Stück von dem Braten, den man eben aufgetragen hatte. Ich aß, wie wenn ich völlig nüchtern gewesen wäre.

Während ich mit der Schönen plauderte und dabei die Bissen vertilgte, die sie mir reichte, hörte ich eine Stimme sagen, ich säße auf dem Platze des Abbés, und eine andere Stimme antworten, der sei vor einer halben Stunde abgereist.

»Warum denn abgereist?« fragte eine dritte Stimme; »er hatte doch gesagt, er würde noch acht Tage bleiben.«

Hierauf wurde geflüstert und leise gesprochen; aber in der Abreise eines Abbés lag nichts, was mich hätte interessieren können, und ich fuhr daher fort zu essen und zu plaudern.

Ich befahl Leduc, der hinter meinem Stuhle stand, mir Champagner bringen zu lassen. Ich bot der Dame davon an; sie ging darauf ein, und nun verlangten alle Champagner. Da ich sah, daß meine Dame lustig wurde, tat ich schön mit ihr und fragte sie, ob sie immer bereit sei, ihre gewiß sehr zahlreichen Kurmacher herauszufordern.

»Ach, unter denen«, antwortete sie mir, »sind so viele, bei welchen es sich nicht der Mühe lohnt.«

Da sie hübsch und geistreich war, so fand ich Geschmack an ihr und suchte nur noch einen annehmbaren Vorwand, um meine Abreise zu verschieben; der Zufall kam mir zu Hilfe.

»Nun, da ist ja ein Platz grade zur rechten Zeit frei geworden!« sagte eine Dame zu meiner Schönen, als diese mit mir anstieß.

»Sehr zur rechten Zeit, denn mein Nachbar langweilte mich.«

»Hatte er keinen Appetit?« fragte ich.

»Bah! Spieler haben nur auf Geld Appetit!«

»Für gewöhnlich, ja, aber Sie besitzen eine außerordentliche Macht, denn ich habe bis heute noch nie zweimal an einem Tage zu Mittag gegessen.«

»Nun, Sie wollten sich eben zeigen; ich bin überzeugt, Sie werden nicht zu Abend essen.«

»Wetten wir!«

»Gern; wetten wir um das Abendessen.«

»Topp!«

Alle Gäste klatschten in die Hände, und meine Schöne errötete vor Freude. Ich befahl Leduc, dem Fuhrmanne zu sagen, daß ich erst am nächsten Tage weiterreisen würde.

»Meine Sache ist es, das Abendessen zu bestellen«, sagte die Dame.

»Ganz in der Ordnung: wer zahlt, bestellt. Meine Aufgabe ist es, Ihnen standzuhalten, und wenn ich ebenso viel esse wie Sie, habe ich gewonnen.«

»Ganz recht.«

Nach dem Essen verlangte der Herr, der mich zuerst angeredet hatte, Karten und legte eine kleine Pharaobank auf. Ich hatte dies erwartet. Er legte fünfundzwanzig Piemonteser Pistolen und etwas Silbergeld, um die Damen zu unterhalten, vor sich hin. Im ganzen war die Bank etwa vierzig Louis stark. Ich blieb während der ersten Taille Zuschauer und überzeugte mich, daß der Bankhalter sehr anständig spielte.

Wählend er zur zweiten Taille mischte, fragte mich die Schöne, warum ich nicht spiele. Ich flüsterte ihr ins Ohr, sie habe mir den Appetit auf Geld genommen. Sie belohnte dieses Kompliment mit einem anmutvollen Lächeln.

Nach dieser Erklärung glaubte ich spielen zu dürfen, zog vierzig Louis aus der Tasche und verlor sie in zwei Taillen. Ich stand auf, und als der Bankhalter mir sehr höflich sagte, er bedaure mein Unglück, sagte ich ihm, es habe nichts zu bedeuten, aber es sei mein Grundsatz niemals mehr als den Betrag der Bank zu riskieren. Irgend jemand fragte mich, ob ich einen gewissen Abbé Gilbert kenne.

»Ich habe einen Abbé dieses Namens in Paris gekannt,« antwortete ich; »er war ein Lyoner; er ist mir seine Ohren schuldig, und ich werde sie ihm abschneiden, wo ich ihn treffe!«

Der Frager antwortete nichts darauf, und alle schwiegen, wie wenn ich nichts gesagt hätte. Ich schloß daraus, daß der Abbé derselbe sein müsse, dessen Platz ich bei Tisch gehabt hatte. Ohne Zweifel hatte er mich ankommen sehen und sich aus dem Staube gemacht. Dieser Abbé war ein Gauner, der bei mir in der Petite-Pologne verkehrt hatte; ich hatte ihm einen Ring anvertraut, der mir fünftausend holländische Gulden gekostet hatte; am nächsten Tage war der Bursche verschwunden.

Als alle vom Tisch aufgestanden waren, fragte ich Leduc, ob ich eine gute Wohnung hätte.

»Nein,« sagte er, »wollen Sie Ihre Zimmer sehen?«

Er führte mich hundert Schritt vom Gasthof in ein großes Zimmer, dessen einziger Schmuck seine vier alten Wände waren. Alle anderen Zimmer waren besetzt. Ich beklagte mich lebhaft bei dem Wirt, der mir antwortete: »Das ist alles, was ich habe; aber ich werde ein gutes Bett, einen Tisch und Stühle hineinstellen lassen.« In Ermangelung eines besseren mußte ich mich wohl damit zufrieden geben.

»Du wirst in meinem Zimmer schlafen,« sagte ich zu Leduc; »versieh dich mit einem Bett und lasse mein Gepäck hineinschaffen.«

»Was sagen Sie zu Gilbert, gnädiger Herr?« fragte mein Spanier; »ich erkannte ihn erst im Augenblick, als er abfuhr, und hatte gute Lust, ihn am Kragen zu packen.«

»Das hättest du nur tun sollen.«

»Ein anderes Mal.«

Als ich mein großes Zimmer verließ, wurde ich von einem Herrn angesprochen, der mich sehr höflich grüßte und mir sagte, er wünsche sich Glück, mein Nachbar zu sein, und wolle mich gern begleiten, wenn ich den Brunnen zu sehen wünsche.

Ich nahm sein Anerbieten an. Er war lang wie eine Hopfenstange, etwa fünfzig Jahre alt, blond und mußte einmal schön gewesen sein. Seine übereifrige Höflichkeit hätte mir verdächtig sein müssen, aber ich brauchte jemanden zum Plaudern und um mir in unauffälliger Weise einige Auskünfte zu beschaffen, die ich für notwendig hielt. Unterwegs schilderte er mir die Herrschaften, die ich gesehen hatte, und ich erfuhr, daß niemand von ihnen der Bäder wegen in Aix sei.

»Ich bin«, sagte er, »der einzige, der sie zur Kur gebraucht, denn ich bin brustkrank; ich werde von Tag zu Tag magerer, und wenn ich kein Heilmittel gegen meine Leiden finde, so fühle ich, daß ich's nicht lange mehr machen werde.«

»Die Herren sind also alle nur hier, um sich zu amüsieren?«

»Und um zu spielen; denn es sind lauter gewerbsmäßige Spieler.«

»Sind es Franzosen?«

»Es sind lauter Piemontesen oder Savoyarden; ich bin der einzige Franzose hier.«

»Aus welcher Gegend Frankreichs sind Sie?«

»Ich bin Lothringer; mein Vater, der schon achtzig Jahre alt ist, ist der Marquis Desarmoises. Sein langes Leben bringt mich zur Verzweiflung, denn da ich mich gegen seinen Willen verheiratete, hat er mich enterbt. Da ich jedoch sein einziger Sohn bin, so werde ich, ihm zum Trotz, sein Erbe sein, wenn ich ihn überlebe. Ich habe mein Haus in Lyon, aber ich bin niemals dort, meiner ältesten Tochter wegen, in die ich unglücklicherweise verliebt bin; meine Frau überwacht uns auf eine Weise, die mir jede Hoffnung benimmt.«

»Das ist ja sehr scherzhaft; Sie glauben also, daß sie ohne diese Überwachung Mitleid mit ihrem verliebten Vater haben würde.«

»Das könnte wohl sein, denn sie liebt mich sehr und hat ein ausgezeichnetes Herz.«

Dieser Mensch, der, ohne mich zu kennen, so aufrichtig zu mir sprach, dachte nicht im entferntesten, daß seine Verruchtheit mir Abscheu einflößen könnte, sondern glaubte mir wahrscheinlich eine große Ehre anzutun. Ich hörte ihm zu und bedachte, daß vielleicht seine Verderbtheit mit Gutmütigkeit verbunden sein könnte und daß seine Schwäche ihn, wenn auch nicht entschuldigen, so doch einiger Nachsicht wert machen könnte. Da ich ihn jedoch besser kennen zu lernen wünschte, so sagte ich zu ihm: »Aber trotz der Strenge Ihres Vaters leben Sie doch ganz behaglich?«

»Im Gegenteil, ich lebe sehr schlecht. Ich beziehe vom Ministerium des Auswärtigen eine Pension als früherer Kurier; diese überlasse ich ganz und gar meiner Frau. Ich selber schlage mich durch, indem ich stets auf Reisen bin. Ich spiele ausgezeichnet Tricktrack und alle Gesellschaftsspiele; ich gewinne öfter, als ich verliere, und davon lebe ich.«

»Aber ist denn das, was Sie mir erzählen, nicht allen hier Anwesenden bekannt?«

»Jedermann weiß es; warum sollte ich denn auch ein Geheimnis daraus machen? Ich bin ein Mann von Ehre; ich tue keinem Menschen was zu Leide, und außerdem führe ich eine gefährliche Klinge.«

»Das alles glaube ich wohl, aber gestatten Sie mir die Frage, ob Sie es erlauben würden, daß Ihr Fräulein Tochter einen Liebhaber hätte?«

»Ich würde mich dem nicht widersetzen, aber meine Frau ist fromm.«

»Ist Ihre Tochter hübsch?«

»Sehr hübsch; wenn Sie nach Lyon gehen, können Sie sie sehen; ich werde Ihnen einen Brief für sie mitgeben.«

»Ich danke Ihnen; ich gehe nach Italien. Könnten Sie mir sagen, wer der Herr ist, der die Bank gehalten hat?«

»Das ist der berühmte Parcalier, Marquis de Prié seit dem Tode seines Vaters, den Sie in Venedig, wo er Gesandter war, kennen gelernt haben können. Der Herr, der Sie fragte, ob Sie den Abbé Gilbert kennen, ist der Chevalier Zeroli, der Gatte der Dame, die Sie zum Abendessen eingeladen hat. Die anderen sind Grafen, Marquis, Barone, wie man sie überall findet, teils Piemontesen, teils Savoyarden, zwei oder drei sind Kaufmannssöhne und die Damen sind alle entweder Verwandte oder Freundinnen von diesem oder jenem, übrigens sind sie alle Spieler von Beruf und sehr gewandte Leute. Wenn ein Fremder hier durchkommt, wissen sie ihm Honig um den Mund zu schmieren, und wenn er spielt, wird er ihnen schwerlich entrinnen, denn sie stecken alle unter einer Decke wie Spitzbuben auf dem Jahrmarkt. Sie glauben Sie schon in der Schlinge zu haben; sehen Sie sich vor!«

Gegen Abend kehrten wir in den Gasthof zurück und fanden alle Spieler bei Gesellschaftsspielen. Mein Begleiter machte eine Partie Puff mit einem Grafen Skarnafisch. Da ich keine Partie hatte, bot der Chevalier Zeroli mir eine Partie Pharao zu zweien an, für jeden eine Taille, und um vierzig Zechinen, bis sie alle wären. Ich nahm an und hatte diese Summe gerade eben verloren, als man zu Tische rief. Mein Verlust ärgerte mich nicht, und da die Dame meinen Appetit ebenso vortrefflich fand wie meine Laune, so bezahlte sie sehr gerne die Wette. Während des Essens erhaschte ich einige verstohlene Blicke von ihr, die mich erraten ließen, daß sie mich anführen wollte. Gegen die Liebe glaubte ich gewappnet zu sein, aber ich mußte das Glück fürchten, das dem Pharaobankhalter ohnehin hold ist, und mußte es um so mehr fürchten, als es mir bereits ungünstig gewesen war. Ich hätte abreisen sollen; aber dazu besaß ich nicht die Kraft. So konnte ich denn nichts weiter tun, als mir große Vorsicht und Selbstbeherrschung vorzunehmen. Da ich große Summen in Papier und genug bares Geld besaß, so war ein vorsichtiges System nicht schwierig einzuhalten.

Gleich nach dem Abendessen legte der Marquis de Prié eine Bank von ungefähr dreihundert Zechinen auf. An der Armseligkeit des Betrages erkannte ich, daß ich viel verlieren und wenig verdienen konnte; denn offenbar hätte er eine Bank von tausend Zechinen aufgelegt, wenn er sie gehabt hätte. Ich legte fünfzig Lisbonninen vor mich hin und machte die bescheidene Anzeige, daß ich zu Bett gehen würde, wenn ich diese verloren hätte. In der Mitte der dritten Taille sprengte ich die Bank. »Ich komme noch für zweihundert Louis auf«, sagte der Marquis zu mir.

»Ich würde gerne annehmen,« antwortete ich, »wenn ich nicht morgen mit Tagesanbruch abzureisen gedächte.« Mit diesen Worten ging ich hinaus.

Im Augenblick, wo ich zu Bett gehen wollte, kam Desarmoise und bat mich, ihm zwölf Louis zu leihen. Ich war auf etwas Ähnliches gefaßt gewesen und zählte sie ihm auf. Er umarmte mich voller Dankbarkeit und sagte mir, Madame Zeroli habe sich verpflichtet, mich mindestens noch für einen Tag festzuhalten. Ich lächelte, rief Leduc und fragte ihn, ob er dem Kutscher Bescheid gesagt hätte. Er antwortete mir, um fünf werde er vor der Tür sein.

»Gut,« sagte Desarmoises; »aber ich möchte wetten, Sie werden nicht abreisen.«

Er ging; ich legte mich zu Bett und lachte über seine Prophezeiung.

Am anderen Morgen um fünf kam der Fuhrmann und sagte mir, eines seiner Pferde sei krank, und es sei ihm unmöglich weiterzufahren. Ich sah, daß Desarmoises ganz richtig eine Machenschaft geahnt hatte, aber ich lachte nur darüber.

Ich warf den Fuhrmann mit groben Worten hinaus und schickte Leduc nach dem Gasthof, um Postpferde zu verlangen. Der Wirt kam und sagte mir, er habe keine Pferde mehr und brauche den ganzen Vormittag, um welche aufzutreiben, denn der Marquis de Prié habe um ein Uhr nachts abreisen wollen und ihm den ganzen Stall leer gemacht. Ich sagte ihm, ich würde also in Aix noch zu Mittag speisen, rechnete aber auf sein Wort, daß ich um zwei Uhr abreisen könnte. Von meinem Zimmer ging ich in den Stall und sah den Fuhrmann weinend neben einem von seinen Pferden stehen, das auf der Streu ausgestreckt lag. Ich glaubte, er hätte wirklich einen Unfall gehabt, tröstete den armen Teufel und gab ihm Geld, wie wenn er die ganze Fahrt gemacht hätte, indem ich ihm sagte, ich brauchte ihn nicht mehr.

Dann ging ich nach dem Brunnen und da hatte ich eine ganz romanhafte Begegnung, die den Leser in Erstaunen setzen wird; aber was ich erzähle, ist der strengsten Wahrheit gemäß.

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