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Erinnerungen, Band 3

Giacomo Casanova: Erinnerungen, Band 3 - Kapitel 21
Quellenangabe
typeautobio
authorCasanova
titleErinnerungen, Band 3
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
volume3
year1911
senderwww.gaga.net
created20050330
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Zwanzigstes Kapitel

Albrecht von Haller. – Mein Aufenthalt in Lausanne. – Lord Roxburgh. – Die junge Saconai. – Bemerkungen über die Schönheit. – Die junge Theologin.

Herr von Haller war sechs Fuß hoch, breit im Verhältnis und von schönem Angesicht. Er war körperlich wie geistig eine Art Riese. Er empfing mich höflich; als er aber den Brief des Herrn von Muralt gelesen hatte, zeigte er mir die größte Liebenswürdigkeit – was mir bewies, daß eine gute Empfehlung niemals von Übel ist. Der große Gelehrte öffnete mir alle Schatzkammern seiner Wissenschaft; er beantwortete alle meine Fragen mit Bestimmtheit, namentlich aber mit einer seltenen Bescheidenheit, die mir beinahe übertrieben erschien; denn während er mir die schwierigsten Fragen erklärte, gab er sich den Anschein eines Schülers, der sich zu belehren sucht; wenn er dagegen wissenschaftliche Fragen an mich richtete, geschah dies mit einer sozusagen zarten Kunst, die mich zwang, die genaueste Antwort zu finden.

Herr von Haller war ein großer Physiologe, ein großer Arzt und ein großer Anatom. Er nannte Morgagni seinen Lehrer, obgleich er ebenso zahlreiche Entdeckungen im Mikrokosmos gemacht hatte wie dieser. Während meines Aufenthaltes bei ihm zeigte er mir eine Menge Briefe von Morgagni und dem Botaniker Professor Pontedera; in der Wissenschaft der Botanik nahm Haller den größten Rang ein. Als ich von diesen großen Männern sprach, die ich gekannt hatte, als ich in Padua an den Brüsten der Wissenschaft sog, beklagte er sich über Pontevera, dessen Briefe fast unleserlich und in einem sehr dunklen Latein geschrieben wären. Er zeigte mir einen Brief von einem Berliner Akademiker, dessen Namen ich vergessen habe; dieser schrieb ihm: seitdem der König seinen Brief gelesen habe, denke er nicht mehr daran, die lateinische Sprache zu unterdrücken. Haller hatte an Friedrich den Großen geschrieben: ein Herrscher, dem der unglückselige Plan gelänge, die Sprache Ciceros und Virgils aus der Republik der Wissenschaft zu verbannen, würde seiner eigenen Unwissenheit ein unvergängliches Denkmal errichten. Und in der Tat, wenn die Gelehrten einer gemeinsamen Sprache bedürfen, um einander ihre Entdeckungen mitzuteilen, so ist von den toten Sprachen die lateinische sicherlich dazu am besten geeignet, denn die griechische und arabische passen sich nicht annähernd so gut wie sie dem Geiste der neueren Völker an.

Haller war ein guter Dichter im pindarischen Stil; seine Verse atmeten Kraft und Geist; er war auch ein ausgezeichneter Staatsmann und leistete seinem Vaterlands große Dienste. Seine Sitten waren untadelig, und ich erinnere mich, daß er mir sagte: es gebe nur ein einziges gutes Mittel, Vorschriften zu erlassen, nämlich das gute Beispiel. Da er ein guter Bürger war, so mußte er ein ausgezeichneter Hausvater sein; denn wie hätte er wohl dem Vaterland seine Liebe sicherer beweisen können, als dadurch, daß er ihm in seinen Kindern tüchtige und tapfere Untertanen gab! Dies aber läßt sich nur durch eine gute Erziehung erreichen. Seine Frau, die er in zweiter Ehe geheiratet hatte, war noch jung und trug auf ihrem schönen Antlitz den Ausdruck des Wohlwollens und der Sittsamkeit. Er hatte eine reizende Tochter von etwa achtzehn Jahren; sie war von bescheidenem Wesen und öffnete bei Tisch ihren Mund nur ein paarmal, um leise mit einem neben ihr sitzenden jungen Mann zu sprechen. Als ich nach Tisch mit Haller allein war, fragte ich ihn, wer dieser junge Mann sei. Er antwortete mir, es sei der Lehrer seiner Tochter.

»Ein solcher Lehrer und eine so hübsche Schülerin könnten leicht ein Liebespaar werden.«

»Das wolle Gott.«

Diese sokratische Antwort machte mir fühlbar, wie wenig angebracht meine Bemerkung gewesen war, und ich wurde darüber etwas verlegen. Um mich zu sammeln, öffnete ich ein Buch, das ich in meiner Nähe liegen sah. Es war ein Oktavband von seinen Werken, und ich las darin die Überschrift: Utrum memoria post, mortem dudito – Ich bezweifle, daß es nach dem Tode ein Gedächtnis gebe.

»Sie glauben also nicht,« fragte ich ihn, »daß das Gedächtnis ein wesentlicher Teil der Seele sei.«

Was war darauf zu antworten? Herr Haller wich aus; denn er hatte seine Gründe, keine Zweifel an seiner Rechtgläubigkeit aufkommen zu lassen.

Bei Tisch fragte ich ihn, ob Herr von Voltaire oft zu ihm zu Besuch komme. Als Antwort sagte er mir nur den bekannten Vers des Dichters der Vernunft her: Vetabo qui Cereris sacrum vulgaret arcanum sub iisdem sit trabibus – Der Mann, der das heilige Geheimnis der Ceres verraten hat, darf nicht unter einem Dache mit mir weilen.

Ich blieb drei Tage bei dem berühmten Mann, aber ich konnte keine Frage über religiöse Dinge an ihn richten, so große Lust ich auch dazu hatte; denn es wäre mir angenehm gewesen, zu erfahren, wie er über einen so zarten Punkt urteilte; doch glaube ich genug zu wissen, um annehmen zu dürfen, daß Herr Haller auf diesem Gebiete nur seinem Herzen folge. Als ich ihm sagte, ich sähe mit fröhlicher Erwartung dem Besuch entgegen, den ich bei Voltaire zu machen gedächte, antwortete er mir, ich hätte recht, und fügte ohne die geringste Bitterkeit hinzu: »Herr von Voltaire ist ein Mann, der verdient, daß man seine Bekanntschaft sucht, obgleich manche Leute, den Gesetzen der Physik zum Trotz, ihn von ferne größer gefunden haben als in der Nähe.«

Herrn von Hallers Tisch war gut und reichlich, obgleich er selber sehr nüchtern war, denn er trank nur Wasser. Nur beim Nachtisch erlaubte er sich ein kleines Gläschen Likör, das er in ein großes Glas Wasser schüttete. Er erzählte mir viel von Boerhave, dessen Lieblingsschüler er gewesen war, und sagte mir, nächst Hippokrates sei Boerhave der größte Arzt und überhaupt der größte Chemiker gewesen, den die Welt jemals gesehen habe.

»Wie kommt es,« fragte ich ihn, »daß er nicht zur Reife des Alters hat gelangen können?«

»Weil es gegen den Tod kein Mittel gibt. Boerhave war ein geborener Arzt, wie Homer ein geborener Dichter war; sonst würde der große Mann schon vor seinem vierzehnten Jahre an einem giftigen Geschwür gestorben sein, das der Kunst der damaligen Ärzte widerstanden hat. Er heilte sich selber, indem er sich oft mit seinem eigenen Urin einrieb, worin er eine gewisse Menge Salz aufgelöst hatte.«

»Man hat mir gesagt, er habe den Stein der Weisen besessen.«

»Man hat es gesagt, aber ich glaube es nicht.«

»Halten Sie es für möglich?«

»Ich arbeite seit dreißig Jahren daran, die Überzeugung vom Gegenteil zu gewinnen; dies ist mir noch nicht gelungen, aber ich bin überzeugt, daß niemand ein guter Chemiker sein kann, wenn er nicht die Möglichkeit anerkennt, daß das große Werk im Bereiche der Natur liegt.«

Als ich Abschied von ihm nahm, bat er mich, ihm mein Urteil über den großen Voltaire zu schreiben, und dies war der Beginn unseres Briefwechsels in französischer Sprache. Ich besitze zweiundzwanzig Briefe von diesem mit Recht berühmten Mann, und der letzte war sechs Monate vor seinem allzu frühen Tode geschrieben. Je älter ich werde, desto mehr tut es mir um meine Papiere leid. Sie sind der wahre Schatz, der mich an das Leben fesselt und mir den Tod verhaßter macht.

Ich hatte in Bern Rousseaus Héloise gelesen und wünschte zu wissen, was Herr Haller von diesem Werke denke. Er sagte mir, das Wenige, was er von diesem Roman gelesen habe, um einem Freunde einen Gefallen zu tun, habe ihn instand gesetzt, das ganze Werk zu beurteilen: »Es ist der schlechteste aller Romane, weil er der beredtste ist. Sie werden jetzt das Waadtland sehen; erwarten Sie aber nicht, dort die Originale der glänzenden Porträts zu erblicken, die Jean-Jacques zeichnet. Er hat geglaubt, in einem Roman sei es erlaubt zu lügen, und er hat mit diesem Vorrecht Mißbrauch getrieben. Petrarca war ein Gelehrter und hat nicht gelogen, indem er von seiner Liebe zur ehrsamen Laura sprach, die er liebte, wie ein jeder Mann die Frau liebt, in die er verliebt ist; und wenn Laura ihren erlauchten Liebhaber nicht glücklich gemacht hätte, so würde er sie nicht gefeiert haben.«

So sprach Haller von Petrarca, indem er einer Erklärung über Rousseau auswich; er liebte nicht einmal dessen Beredsamkeit, weil diese nach seiner Ansicht nur durch Antithesen und Paradoxe glänzte. Haller war ein Gelehrter ersten Ranges, aber er ließ dieses niemals sehen, besonders nicht in seinem Familienkreise oder in Gesellschaft von Leuten, die keiner wissenschaftlichen Gespräche bedürfen, um sich zu unterhalten. Niemand verstand es besser als er, sich dem geistigen Verständnis eines jeden anzupassen; er war liebenswürdig gegen jeden und mißfiel keinem. Aber wodurch gefiel er denn allen? Das weiß ich nicht. Es wäre leichter zu sagen, welche Eigenschaften er nicht hatte, als welche er hatte. Er hatte keinen Hochmut, keine Selbstgefälligkeit und nicht den Ton der Überlegenheit, mit einem Wort, keinen jener Fehler, die man gemeiniglich mit Recht den sogenannten gelehrten und geistreichen Männern vorwirft.

Seine Tugenden waren von strenger Art, aber er wußte die Strenge zu verbergen, und sie verschwand unter dem Schleier wirklichen Wohlwollens, das er für alle hatte. Ohne Zweifel hielt er wenig von jenen Unwissenden, die fortwährend über alles Mögliche sprechen wollen, anstatt in der durch ihren Geisteszustand gebotenen Dürftigkeit zu verharren, und die im Grunde nur andere Leute, die wirklich etwas verstehen, lächerlich zu machen wissen; aber er drückte seine Verachtung nur durch Schweigen aus. Er wußte, daß der verachtete Ignorant ein Feind ist, und Haller wollte geliebt sein, übrigens hielt er seinen Geist nicht geheim, wenn er sich auch nicht damit brüstete; er ließ ihn frei sich ergießen, etwa wie ein Bächlein, das in der Ebene durch den Rasen dahinzieht, der es zuweilen den Blicken verbirgt, aber seinen Lauf nicht aufhält. Niemals brachte er das Gespräch auf seine Werke, und wenn man mit ihm über diese sprach, so schlug er ein anderes Thema ein, sobald er es in unauffallender Weise tun konnte. Ungern widersprach er der Überzeugung von Leuten, die sich mit ihm unterhielten.

Da ich in Lausanne zum mindesten für einen Tag inkognito bleiben durfte, so ließ ich natürlich vor allem anderen mein Herz sprechen. Ich ging stracks zu meiner Freundin, nach deren Wohnung ich mich nicht zu erkundigen brauchte, so gut hatte sie mir die Straßen beschrieben, die zu ihrem Hause führten. Ich fand sie bei ihrer Mutter, und zu meiner nicht geringen Verwunderung war auch Lebel bei ihnen. Indessen konnte man meine Verwunderung nicht bemerken; denn meine Haushälterin sprang mit einem Freudenschrei von ihrem Stuhl auf, fiel mir um den Hals, küßte mich zärtlich und stellte mich dann ihrer guten Mutter vor, die mich auf das freundschaftlichste empfing. Ich fragte Lebel, wie es dem Botschafter gehe und seit wann er selber in Lausanne sei.

Der brave Mann antwortete mir in freundschaftlichem und sehr höflichem Tone, sein Herr befinde sich sehr gut; er selber sei erst seit ein paar Stunden in Lausanne, wo er Geschäfte habe; er habe der Mutter der Frau Dubois seine Aufwartung machen wollen und zu seiner angenehmen Überraschung die Tochter bei ihr gefunden. »Sie kennen meine Absichten,« fuhr er fort; »ich muß morgen wieder abreisen, und wenn Sie Ihren Entschluß gefaßt haben und mir diesen schreiben, werde ich sie mir nach Solothurn holen und dort heiraten.«

Die Erklärung war so deutlich und ehrenwert, wie man sie nur wünschen konnte. Ich sagte ihm, ich würde mich niemals dem Willen meiner Freundin entgegenstellen; meine Dubois aber unterbrach mich und rief, sie würde mich niemals verlassen, wenn ich ihr nicht ihren Abschied gäbe.

Lebel fand meine Antworten zu unbestimmt und sagte mir mit dem edelsten Freimut, wir müßten ihm notwendigerweise eine endgültige Antwort geben; denn in solchen Dingen wäre Ungewißheit das Schlimmste von allem. Ich war in jenem Augenblicke fest entschlossen, seine Vorschläge durchaus abzulehnen, aber ich sagte ihm, ich würde ihm in etwa zehn Tagen unsere günstige oder ungünstige Entscheidung mitteilen.

Hiermit war er zufrieden.

Als er fort war, machte die Mutter meiner Freundin, die zwar keinen Geist, dafür aber viel gesunden Menschenverstand hatte, uns vernünftige Vorstellungen in einem Ton, der unserem Herzenszustand angemessen war; denn, verliebt wie wir waren, schien es uns unmöglich zu sein, an Trennung überhaupt nur zu denken. Vorläufig machte ich mit meiner Freundin ab, daß sie mich jeden Tag bis Mitternacht erwarten sollte, und daß wir mit ruhigem Blut beschließen wollten, was dem Bewerber zu antworten wäre.

Meine Dubois hatte ein Zimmer für sich, mit gutem Bett und sehr hübschen Möbeln. Sie gab mir ein ausgezeichnetes Abendessen, und wir verbrachten eine köstliche Nacht. Am Morgen waren wir verliebter denn je und befanden uns durchaus nicht in der Stimmung, Lebels Wunsch zu entsprechen. Ein Zwischenfall führte jedoch zu einer ernsten Unterhaltung.

Der Leser wird sich erinnern, daß meine Freundin mir versprochen hatte, mir jede Untreue zu erlauben unter der Bedingung, daß ich sie ihr eingestände. Ich hatte keine zu beichten, aber ich erzählte ihr bei unserem Geplauder die Geschichte von Raton.

»Wir müssen uns recht glücklich schätzen, lieber Freund,« sagte sie; »denn wenn nicht eine Reihe von Zufällen eingetreten wäre, so befänden wir uns jetzt in einem schönen Zustand.«

»Ja, und ich wäre in Verzweiflung darüber.«

»Daran zweifle ich nicht, und du würdest um so unglücklicher darüber sein, da ich mich nicht beklagen würde.«

»Ich sehe nur ein Mittel, um uns gegen solches Unglück zu schützen. Wenn ich eine Untreue gegen dich begangen habe, werde ich mich selber dafür bestrafen, indem ich mich des Vergnügens, dir meine Zärtlichkeit zu bekunden, so lange beraube, bis ich sicher bin, es ohne Gefahr tun zu können.«

»Und so, lieber Freund, wirst du mich für deine Schuld bestrafen! Wenn du mich liebtest, wie ich dich liebe – glaube mir, du würdest ein besseres Mittel kennen.«

»Nun? und dieses wäre?«

»Du würdest keine Untreue mehr gegen mich begehen.«

»Du hast vollkommen recht. Ich schäme mich, nicht zuerst an dieses Mittel gedacht zu haben, und ich verspreche dir, es in Zukunft anzuwenden.«

»Versprich nichts!« sagte sie mit einem Seufzer, »es würde dir zu schwer fallen, Wort zu halten.«

Nur die Liebe kann solche Gespräche eingeben, aber leider gewinnt sie nichts dabei.

Als ich am nächsten Morgen gerade ausgehen wollte, um meine Briefe abzugeben, sah ich den Baron de Verci, den Oheim meines Freundes Bavois, bei mir eintreten.

»Ich weiß,« sagte er, »daß mein Neffe Ihnen sein Glück verdankt.

Er steht vor der Ernennung zum General, und die ganze Familie wird gleich mir hoch erfreut sein über die Ehre, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich bin gekommen, mein Herr, um Ihnen meine Dienste anzubieten und Sie zu bitten, mir die Ehre zu erweisen und gleich heute bei mir zu speisen; später kommen Sie, bitte, so oft Sie wollen, wenn Sie sonst nichts Besseres zu tun haben, und betrachten Sie sich ganz als ein Mitglied unserer Familie. Zugleich bitte ich Sie: Fügen Sie zu den großen Diensten, die wir Ihnen verdanken, noch die Güte hinzu, niemanden zu sagen, daß mein Neffe katholisch geworden ist; denn nach den Vorurteilen unseres Landes ist dies ein entehrendes Vergehen, das auf die ganze Familie zurückfallen würde.«

Ich versprach ihm, niemals darüber zu sprechen, und nahm seine Einladung an.

Hierauf gab ich meine Empfehlungsbriefe ab und hatte das Vergnügen, überall mit der größten Auszeichnung empfangen zu werden. Frau von Gentil-Langalerie schien mir die liebenswürdigste von allen Damen zu sein, aber ich hatte keine Zeit, einer von ihnen besonders den Hof zu machen. Alle Tage Diners, Soupers, Bälle, Gesellschaftsabende, die ich aus Höflichkeit mitmachen mußte; dies fiel mir über alle Maßen lästig, und ich war in der Lage, sagen zu müssen, wie langweilig es doch ist, so gut aufgenommen zu werden! Ich verbrachte vierzehn Tage in dieser kleinen Stadt, wo man sich etwas darauf zugute tut, einer vollen Freiheit zu genießen, und ich habe niemals in meinem Leben einen solchen Frondienst durchgemacht, denn ich hatte keinen Augenblick für mich. Ich konnte nur eine einzige Nacht bei meiner Freundin zubringen, und es drängte mich, mit ihr nach Genf abreisen zu können. Jeder wollte mir Briefe an Herrn von Voltaire mitgeben, und aus dieser Beeiferung hätte man schließen können, daß der große Mann von allen geliebt werde, während er in Wirklichkeit wegen seines satirischen Witzes von allen verabscheut wurde.

»Wie, meine Damen?« sagte ich zu ihnen, »Herr von Voltaire ist nicht liebenswürdig, freundlich, galant und zuvorkommend gegen Sie, die Sie die Gefälligkeit haben, seine Stücke mit ihm aufzuführen?«

»Nein, nicht im geringsten. Wenn er uns unsere Rollen einüben ließ, schimpfte er unaufhörlich. Niemals sagten wir etwas so, wie er es wünschte. Hier war ein Wort schlecht ausgesprochen, dort gab eine Betonung nicht den Geist der Leidenschaft wieder; bald sprachen wir zu leise, bald zu laut. Und wenn wir erst spielten, dann war es noch schlimmer! Welchen Lärm machte er, wenn eine Silbe hinzugefügt oder ausgelassen und dadurch einer seiner Verse verdorben wurde! Er machte uns angst. Da hatte eine ungeschickt gelacht, da hatte eine andere in der Alziere nur so getan, als ob sie weine.«

»Verlangte er, daß Sie allen Ernstes weinen sollten?«

»Ganz gewiß. Er verlangte wirkliche Tränen. Er behauptete, ein Schauspieler, der zu Tränen rühren solle, müsse selber Tränen vergießen.«

»Ich glaube, mit diesem Verlangen hatte er nicht unrecht; aber er hätte gegen Dilettanten und besonders gegen so liebenswürdige Gelegenheitsschauspielerinnen wie Sie nicht so streng sein sollen. Man kann solche Vollkommenheit nur von Leuten verlangen, die berufsmäßig der Bühne angehören; aber dies ist eine Schwäche, woran alle Theaterdichter leiden. Sie finden stets, der Schauspieler habe ihren Worten nicht die notwendige Kraft verliehen, um den Sinn wiederzugeben, den sie hineingelegt haben.«

»Eines Tages sagte ich ihm, es sei nicht meine Schuld, wenn seine Worte nicht die Kraft hätten, die sie haben sollten.«

»Ich bin überzeugt, er hat darüber nur gelacht.«

»Gelacht? Nein, verhöhnt hat er mich, denn er ist grob und sogar unverschämt.«

»Aber Sie haben ihm gewiß alle diese Fehler hingehen lassen.«

»Durchaus nicht; wir haben ihn fortgejagt.«

»Fortgejagt?«

»Ja, das ist der richtige Ausdruck. Er verließ plötzlich die von ihm gemieteten Häuser und zog sich an den Ort zurück, wo Sie ihn finden werden. Er besucht uns nicht mehr, selbst wenn wir ihn einladen.«

»Sie laden ihn also ein, obgleich Sie ihn fortgejagt haben?«

»Wir können uns nicht des Vergnügens berauben, sein Talent zu bewundern, und wenn wir ihn geärgert haben, so geschah es nur, um uns zu rächen und ihm Lebensart beizubringen.«

»Sie haben einem großen Meister eine Lehre gegeben.«

»Allerdings; aber wenn Sie ihn sehen, so sprechen Sie nur von Lausanne, und Sie werden hören, was er über uns sagt! Aber er wird es lachend sagen, das ist so seine Art.«

Während meines Aufenthaltes war ich oft mit einem Lord Roxburgh zusammen, der sich vergebens um meine, reizende Dubois beworben hatte. Ich habe niemals einen schweigsameren jungen Mann gekannt. Man hat mir gesagt, er habe Geist und sei sehr gut unterrichtet, ja sogar fröhlichen Sinnes; aber er konnte seine Schüchternheit nicht überwinden, und diese gab ihm das Ansehen unbeschreiblicher Dummheit. Auf dem Ball, in Gesellschaft, kurz überall, bestand seine Höflichkeit in einer Menge von Verbeugungen. Wenn man ihn anredete, erwiderte er in gutem Französisch, aber mit so wenig Worten wie möglich, und seine verlegene Haltung zeigte deutlich, daß alle Fragen ihm lästig waren. Als ich eines Tages bei ihm speiste, stellte ich an ihn eine Frage in betreff seines Vaterlandes, worauf eine Antwort von fünf oder sechs kleinen Sätzen nötig war. Er antwortete mir sehr gut, errötete aber dabei wie ein junges Mädchen, das zum erstenmal in der Gesellschaft erscheint. Der berühmte Fox, der damals etwa zwanzig Jahre alt war und an diesem Essen teilnahm, brachte ihn zum Lachen, aber mit einer englischen Bemerkung, von der ich kein Wort verstand. Acht Monate später fand ich den Herzog in Turin wieder; da war er in die Frau eines Bankiers verliebt, und diese verstand es, ihm die Zunge zu lösen.

Ich sah in Lausanne ein elf- oder zwölfjähriges Mädchen, dessen Schönheit einen tiefen Eindruck auf mich machte. Sie war die Tochter einer Frau von Saconai, die ich in Bern kennen gelernt hatte. Ich weiß nicht, welches Schicksal sie gehabt hat; aber der Eindruck, den sie auf mich machte, hat sich nie verwischt. In der ganzen Natur hat nichts je auf mich solchen Einfluß ausgeübt wie ein schönes Frauen- oder auch nur Kindergesicht. Das Schöne, hat man mir gesagt, ist mit dieser Macht begabt; ich will es wohl glauben, denn was mich anzieht, muß notwendigerweise in meinen Augen schön sein; aber ist es auch in Wirklichkeit schön? Ich zweifle daran; denn das, was mich anzieht, hat nicht immer die allgemeine Beistimmung. Die allgemeine Schönheit, oder besser gesagt: die vollkommene Schönheit, gibt es nicht, oder sie ist jedenfalls nicht mit dieser Kraft ausgestattet. Alle, die sich mit dem Begriff Schönheit beschäftigt haben, drücken sich zweideutig aus; dies aber hätten sie nicht getan, wenn sie sich an das Wort Form gehalten hätten, das unsere Lehrer, die Griechen und Römer, statt der Bezeichnung Schönheit anwandten. Schönheit ist nach meiner Meinung und kann nichts anderes sein als Form in der eigentlichen Bedeutung; denn was nicht schön ist, hat eigentlich keine Form, und das Mißgeformte oder Ungeformte ist das Gegenteil von pulchrum oder formosum. Wir haben recht, wenn wir die Definition aller Dinge suchen; aber wenn wir sie schon in den Wörtern haben, wozu brauchen wir sie noch anderswo zu suchen? Wenn das Wort Form, forma, lateinisch ist, so brauchen wir nur die lateinische Bedeutung zu betrachten, nicht die französische, obwohl man auch im Französischen oft déforme oder difforme für häßlich sagt; man bemerkt dabei nicht, daß das Gegenteil ein Wort sein muß, das das Vorhandensein der Form ausdrückt, die nichts anderes sein kann als Schönheit. Informe bedeutet im Französischen gestaltlos; es bezeichnet einen Körper, der nach nichts aussieht.

Sagen wir also, daß das, was auf mich stets eine unwiderstehliche Herrschaft ausgeübt hat, die beseelte Schönheit einer Frau ist, und zwar jene Schönheit, die ihren Sitz im Gesicht hat. Hierin liegt der wahre Zauber, und darum machen die Sphinxe, die wir in Rom und Paris sehen, uns beinahe verliebt, obgleich sie in der vollen Bedeutung des Wortes mißgeformt sind. Indem wir die schönen Verhältnisse ihres Gesichtes betrachten, vergessen wir die Mißbildung ihres Körpers. Was ist also die Schönheit? Wir wissen es nicht, und wenn wir uns einfallen lassen, sie Gesetzen unterwerfen oder ihre Verhältnisse bestimmen zu wollen, so machen wir es wie Sokrates: wir machen Winkelzüge. Das einzige, was unser Geist erfassen kann, ist die Wirkung des Zaubers; dieser hat nur in der Oberfläche seinen Sitz, und was mich bezaubert, mich entzückt, mich verliebt macht – das eben nenne ich Schönheit. Sie wird mit dem Auge wahrgenommen, und was dieses wahrnimmt, das spreche ich aus. Wenn mein Auge sprechen könnte, würde es besser sprechen als ich, aber wahrscheinlich in demselben Sinne.

Kein Maler hat Raffael in der Schönheit der Gesichter übertroffen, die sein göttlicher Pinsel hervorgebracht hat; aber wenn man den großen Maler gefragt hätte, was Schönheit sei, so würde er ohne Zweifel geantwortet haben, er wisse es nicht; er habe sie inne, er glaube sie so wiedergegeben zu haben, wie er sie gesehen, aber er wisse nicht, worin sie bestehe. »Dieses Gesicht gefällt mir,« wird er gesagt haben; »also ist es schön.« Er wird Gott dafür gedankt haben, daß er ihn mit einem ausgezeichneten Schönheitssinn ließ geboren werden, aber omne pulchrum difficile – alles Schöne ist schwer.

Alle mit Recht geschätzten Maler, alle jene, deren Werke den Stempel des Genies tragen, haben sich im Schönen ausgezeichnet; aber ihre Zahl ist so klein im Vergleich mit jenem Haufen von Malern, die sich bemüht haben, Schönes zu schaffen, und sich kaum bis zur Mittelmäßigkeit haben emporschwingen können!

Wenn man die Maler der Verpflichtung entheben wollte, ihren Werken den Charakter der Schönheit zu verleihen, so könnte jedermann Maler werden; denn nichts ist leichter, als etwas Häßliches zu machen; man kann ja den Pinsel über die Leinwand hingleiten lassen, wie die Maurerkelle über den Mörtel.

Obgleich die Bildnismalerei der materiellste Teil der Kunst ist, so ist es doch bemerkenswert, wie gering die Zahl der Maler ist, die sich auf diesem Gebiet ausgezeichnet haben. Es gibt drei Arten von Porträts: solche, die ähnlich sind, aber häßlicher machen; solche, die vollkommen ähnlich sind, ohne der Natur etwas hinzuzufügen oder wegzunehmen, und solche, die zur vollkommenen Ähnlichkeit noch ein kaum merkbares Kennzeichen von Schönheit hinzufügen. Die ersten verdienen nur Verachtung, und ihre Verfertiger sollten gesteinigt werden, denn sie sind nicht nur talent- und geschmacklos, sondern auch unverschämt, da sie niemals ihr Unrecht eingestehen. Den zweiten kann man, ohne ungerecht zu sein, ein wahres Verdienst nicht absprechen; die Palme aber gebührt den letztgenannten, die leider außerordentlich selten sind. Ihre Schöpfer verdienen mit Recht das glänzende Vermögen, das ihnen zuteil wird. Solcher Art war der berühmte Notier, den ich im Jahre 1750 in Paris kennen lernte. Der große Künstler war damals achtzig Jahre alt, aber trotz seinem hohen Alter schien sein schönes Talent noch die erste Jugendfrische bewahrt zu haben. Er malte das Bildnis einer häßlichen Frau, er malte sie sprechend ähnlich, und trotzdem fanden Leute, die nur dieses Porträt sahen, sie schön. Dabei konnte die gewissenhafteste Prüfung keine Ungenauigkeit an dem Bildnis nachweisen; aber irgend etwas nicht zu Bezeichnendes gab dem Ganzen eine wirkliche, unerklärliche Schönheit. Woher hatte er diese Zauberkunst? Ich fragte ihn hiernach eines Tages, als er die häßlichen Mesdames de France gemalt hatte, die auf der Leinwand wie zwei Aspasien aussahen. Er antwortete mir: »Es ist etwas Zauberhaftes, das der Gott des Geschmacks aus meinem Geist in meine Pinsel hinüberleitet. Es ist die Göttlichkeit der Schönheit, die jedermann anbetet und die niemand erklären kann, weil kein Mensch weiß, worin sie besteht. Dies zeigt, wie unmerklich der Übergang zwischen Häßlichkeit und Schönheit ist, und doch erscheint denen, die nichts von unserer Kunst verstehen, dieser Unterschied so groß.«

Die griechischen Maler gefielen sich darin, Venus, die Göttin der Schönheit, schielend zu malen, und dieser seltsame Einfall hat sogar Lobredner gefunden; aber mögen die Kunstschreiber sagen, was sie wollen – die Künstler hatten unrecht. Zwei schielende Augen können schön sein, aber sie sind gewiß weniger schön, als wenn sie nicht schielten; denn die Schönheit, die ihnen vielleicht eigen ist, kann nicht die Wirkung eines Fehlers sein.

Nach dieser langen Abschweifung, für die der Leser mir vielleicht nicht dankbar ist, wird es Zeit, zu meiner Freundin zurückzukehren.

Am zehnten Tage meines Aufenthalts in Lausanne soupierte und schlief ich bei ihr, und diese Nacht war die glücklichste, deren ich mich erinnern kann. Als ich am Morgen mit ihr und ihrer Mutter Kaffee trank, sagte ich ihr, wir würden bald abreisen. Da nahm die Mutter, die sonst nicht viel sprach, das Wort und sagte mir freundlich und würdevoll, ich müsse aus Zartgefühl vor meiner Abreise Herrn Lebel jede Täuschung benehmen. Zugleich gab sie mir einen Brief, den sie tags zuvor von ihm erhalten hatte. Der wackere Mann bat sie, mich darauf aufmerksam zu machen, daß, wenn ich mich nicht entschließen könnte, mich vor meiner Abreise von Lausanne von ihrer Tochter zu trennen, mir dies in weiter Entfernung noch viel schwerer fallen würde, besonders wenn sie, wie es ja wahrscheinlich wäre, mir ein lebendes Unterpfand ihrer Liebe geben würde. Er dächte keineswegs daran, sein Wort zurückzunehmen, aber er würde sich glücklich schätzen, sagen zu können, er habe seine Frau aus den Händen ihrer Mutter empfangen.

Als ich diesen Brief laut vorgelesen hatte, stand die Mutter weinend auf und ließ uns allein. Wir schwiegen beide einen Augenblick, dann stieß meine liebe Dubois einen Seufzer aus, der mir sagte, welche Gewalt sie sich antun mußte, und fand den Mut, mir zu sagen, wir müßten sofort an Lebel schreiben, entweder daß er nicht mehr an sie denken dürfe oder daß er sie sofort abholen solle.

»Wenn ich ihm schreibe, er dürfe nicht mehr an dich denken, so muß ich dich heiraten.«

»Nein.«

Mit diesem Nein stand sie auf und ließ mich allein. Ich dachte eine Viertelstunde lang nach und erwog das Für und Wider; immer sträubte sich die Liebe gegen dieses Opfer. Endlich aber bedachte ich, daß meine Haushälterin niemals wieder eine solche glückliche Gelegenheit finden würde, und daß ich nicht sicher wäre, sie beständig glücklich machen zu können. Und so entschloß ich mich in einer edlen Aufwallung, an Lebel zu schreiben, daß die Witwe Dubois, die ihre eigene Herrin sei, sich entschlossen habe, seine Frau zu werden, daß ich kein Recht habe, mich ihrer Entschließung zu widersetzen, und daß ich mich darauf beschränken müsse, ihm zu einem Glück zu gratulieren, um das ich ihn beneide. Ich bat ihn sofort von Solothurn abzureisen, um sie in meiner Gegenwart aus den Händen ihrer achtbaren Mutter zu empfangen.

Nachdem ich meinen Brief unterzeichnet hatte, brachte ich ihn meiner Freundin, die in dem Zimmer ihrer Mutter war. »Hier, meine Liebe, lies diesen Brief, und wenn du mit ihm einverstanden bist, so setze deine Unterschrift neben die meinige.«

Sie las ihn mehrere Male, während ihre gute Mutter in Tränen zerfloß. Hierauf sah sie mich zärtlich und schmerzbewegt an, ergriff die Feder und unterschrieb. Ich bat die Mutter, sofort einen sicheren Boten zu besorgen, um den Brief an seine Adresse zu bestellen, bevor mein Entschluß durch Reue erschüttert würde.

Der Bote kam; sobald er fort war, umarmte ich meine Freundin mit Tränen in den Augen und sagte zu ihr: »Leb wohl! wir werden uns wiedersehen, sobald Lebel da ist.«

Von Kummer verzehrt, ging ich in meinen Gasthof. Das Opfer hatte meiner Liebe zu dem entzückenden Geschöpf einen neuen Antrieb gegeben, und ich fühlte eine Art Krampf, der so stark war, daß ich krank zu werden befürchtete. Ich schloß mich in meinem Zimmer ein und befahl meinem Diener, allen Besuchern zu sagen, ich sei krank und könne niemand empfangen.

Am Abend des vierten Tages ließ Lebel sich melden. Ich empfing ihn; er umarmte mich und sagte mir, er werde mir sein Glück verdanken; hierauf verließ er mich mit den Worten, er werde mich bei seiner Zukünftigen erwarten.

»Erlassen Sie mir dies für heute, mein Lieber,« antwortete ich ihm; »aber morgen werde ich mit Ihnen beiden zu Mittag essen.«

Sobald er fortgegangen war, befahl ich Leduc, alle Vorbereitungen zu treffen, um am nächsten Tage gleich nach dem Essen abreisen zu können.

Am anderen Morgen ging ich in aller Frühe aus, um bei allen Bekannten Abschiedsbesuche zu machen, und gegen Mittag holte mich Lebel zu der grausamen Mahlzeit ab, die jedoch, wenn auch nicht gerade heiter, immerhin weniger traurig war, als ich gefürchtet hatte.

Im Augenblick des Abschieds bat ich die zukünftige Frau Lebel, mir den Ring zurückzugeben, den ich ihr gegeben hatte, und überreichte ihr unserer Abrede gemäß dafür eine Rolle von hundert Louis, die sie mit sehr traurigem Gesicht annahm.

»Ich würde den Ring niemals verkauft haben,« sagte sie zu mir, »denn ich habe kein Geld nötig.«

»In diesem Falle gebe ich ihn Ihnen wieder; aber versprechen Sie mir, sich nie von ihm zu trennen, und behalten Sie die hundert Louis als eine schwache Belohnung für die Dienste, die Sie mir geleistet haben.«

Sie drückte mir zärtlich die Hand, steckte mir den Trauring ihres ersten Gatten an den Finger und ging hinaus, um mir den Anblick ihres Schmerzes zu entziehen. Nachdem ich meine Tränen getrocknet hatte, sagte ich zu Lebel: »Sie bekommen einen Schatz, den ich Ihnen nicht warm genug empfehlen kann. Sie sind ein Ehrenmann; Sie werden ihre ausgezeichneten Eigenschaften zu schätzen und sie glücklich zu machen wissen. Sie wird nur Sie allein lieben, wird Ihrem Haushalt sorgsam vorstehen und kein Geheimnis vor Ihnen haben. Sie ist voll von Geist und reizender Heiterkeit; sie wird Ihnen leicht den leisesten Schatten schlechter Laune verscheuchen.«

Nachdem ich mit ihm in das Zimmer ihrer Mutter gegangen war, bat Frau Dubois mich, meine Abreise zu verschieben, damit sie das Glück haben könnte, noch einmal mit mir zu Abend zu speisen. Ich machte sie darauf aufmerksam, daß mein Wagen bereits angespannt vor meiner Tür hielte und daß daher dieser Aufschub Anlaß zu böser Nachrede geben würde; aber wenn sie es wünschte, würde ich sie mit ihrem Bräutigam und ihrer Mutter in einem Gasthof zwei Meilen von Lausanne, an der Genfer Landstraße, erwarten, wo wir bleiben könnten, so lange wir Lust hätten. Da Lebel mit diesem Ausflug einverstanden war, so wurde mein Vorschlag angenommen.

Ich ging nach meinem Gasthof, fand meinen Wagen bereit, stieg ein und fuhr nach dem verabredeten Ort. Ich bestellte ein gutes Abendessen für vier, und eine Stunde darauf kamen meine Gäste an. Das freie, fröhliche, ja sogar glückliche Wesen der Braut fiel mir auf; aufs höchste aber erstaunte mich die Ungezwungenheit, womit sie sich in meine Arme warf, sobald sie mich erblickte. Dies brachte mich ganzlich außer Fassung; aber sie hatte mehr Geist als ich. Ich besaß freilich Kraft genug, mich zu beherrschen und mich ihrer Stimmung anzugewöhnen; doch schien mir, sie hätte unmöglich so plötzlich von Liebe zu einfacher Freundschaft übergehen können, wenn sie mich wirklich geliebt hätte. Indessen folgte ich ihrem Beispiel und ließ mir die Äußerungen gefallen, die man der Freundschaft gestattet und die nach der Behauptung der Leute ihre Grenzlinien nicht überschreiten.

Während des Essens glaubte ich zu bemerken, daß Lebel mehr über den Besitz einer solchen Frau glücklich war, als über das Recht, ihrer Schönheit zu genießen und dabei eine heftige Leidenschaft zu befriedigen. Dies beruhigte mich. Auf einen Mann, der so dachte, konnte ich nicht eifersüchtig sein. Ich bemerkte auch, daß die fröhliche Stimmung meiner Freundin mehr erkünstelt als echt war; sie versuchte sie mir mitzuteilen, um uns unsere Trennung weniger bitter zu machen und um ihren künftigen Gatten über die Natur unserer Gefühle zu beruhigen, übrigens mußte ich, als Vernunft und Zeit mein Herz wieder beruhigt hatten, es sehr natürlich finden, daß die Sicherheit, in Zukunft unabhängig und im Besitz eines schönen Vermögens zu sein, ihr angenehm war.

Wir hatten ein ausgezeichnetes Abendessen, das wir reichlich mit Wein befeuchteten, so daß gegen das Ende die erheuchelte Fröhlichkeit einigermaßen echt wurde. Ich blickte mit Wohlgefallen auf die entzückende Dubois, ich betrachtete sie als einen Schatz, der mir angehört hatte und nun, nachdem er mich glücklich gemacht hatte, mit meinem vollen Einverständnis einen anderen glücklich machen sollte. Mir schien, daß ich sie großmütig nach ihrem Verdienst belohne, wie ein hochherziger Muselmann einem Lieblingssklaven als Lohn für seine Treue die Freiheit schenkt. Ihre Witze brachten mich zum Lachen und riefen die glücklichen Äugenblicke zurück, die ich an ihrer Seite verbracht hatte; aber der Gedanke an ihr sicheres Glück ließ es mich nicht bedauern, daß ich meine Rechte einem anderen abgetreten hatte.

Da Lebel durchaus nach Lausanne zurückfahren mußte, um am zweitnächsten Tage in Solothurn zu sein, so mußten wir uns trennen. Ich umarmte ihn und bat ihn um seine fortdauernde Freundschaft, die er mir mit aufrichtig gerührtem Herzen bis zum Tode versprach. Als wir die Treppe hinuntergingen, sagte meine reizende Freundin mit ihrer bezaubernden Aufrichtigkeit zu mir: »Ich bin nicht heiter, lieber Freund, aber ich bemühe mich, so auszusehen. Ich werde erst wieder glücklich sein, wenn die Wunde meines Herzens vernarbt ist. Lebel kann nur auf meine Achtung Anspruch machen, aber ich werde ganz und gar ihm allein angehören, obgleich meine Liebe ganz und gar nur dein ist. Wenn wir uns wiedersehen, wie du mich hoffen lassest, werden wir imstande sein, uns als wirkliche Freunde zu sehen, und dann werden wir uns vielleicht zu unserem vernünftigen Entschluß Glück wünschen. Du wirst meiner nie vergessen, aber ich bin überzeugt, daß binnen kurzem eine andere mehr oder weniger würdige Frau meine Stelle einnehmen und deinen Kummer verscheuchen wird. Ich wünsche es. Sei glücklich! Vielleicht bin ich schwanger, und wenn dies der Fall ist, so wirst du mit der Pflege, die ich deinem Kinde widmen werde, zufrieden sein, und du kannst es herausbekommen, sobald du es verlangst. Wir haben gestern eine Vereinbarung hierüber getroffen. Wir haben beschlossen, die Ehe erst in zwei Monaten zu vollziehen; auf diese Art werden wir sicher sein, ob das Kind dir gehört, und die Welt wird glauben, daß es die rechtmäßige Frucht unseres Ehebundes sei. Dieser weise Plan stammt von Lebel; wir werden auf diese Weise über die angebliche Macht des Blutes beruhigt sein, an die er nach seiner Versicherung ebensowenig glaubt wie ich. Übrigens hat er mir versprochen, dein Kind zu lieben, wie wenn er selber der Vater wäre. Wenn du mir schreiben willst, werde ich dich über alles auf dem Laufenden erhalten, und wenn ich das Glück habe, dir ein Kind zu schenken, so wird es mir weit teurer sein als dein Ring. Aber wir weinen, und Lebel sieht uns an und lacht.«

Ich konnte ihr nur dadurch antworten, daß ich sie in meine Arme schloß, und ich hielt sie noch umschlungen, als ich sie ihrem künftigen Gatten übergab, der mir beim Einsteigen in den Wagen sagte, unser langes Zwiegespräch habe ihm die größte Freude gemacht.

Ziemlich traurig ging ich zu Bett. Als ich am anderen Morgen aufgestanden war, bat ein Pastor der Genfer Kirche mich, ihm einen Platz im Wagen einzuräumen. Ich erklärte mich einverstanden und hatte es nicht zu bereuen.

Der Priester war ein Mann von großer Beredsamkeit und wußte als Theologe von Fach die schwierigsten religiösen Fragen zu beantworten, die ich ihm vorlegte. Für ihn gab es kein Mysterium, alles war Vernunft. Ich habe niemals einen Priester gefunden mit einem bequemeren Christentum als diesen braven Mann, dessen Sitten, wie ich später in Genf erfuhr, vollkommen rein waren. Aber ich hatte Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß seine Auffassung des Christentums nicht ihm allein eigentümlich war, denn alle seine Glaubensgenossen hatten die gleiche Lehre.

Als ich ihn überzeugen wollte, daß er nur dem Namen nach Calvinist wäre, da er nicht glaubte, daß Jesus Christus dem Gott Vater wesensgleich wäre, antwortete er mir: Calvin hat sich nur dann für unfehlbar erklärt, wenn er ex cathedra gesprochen. Ich brachte ihn aber zum Verstummen, indem ich die Worte des Evangeliums anführte. Er errötete, als ich ihm vorwarf, Calvin habe geglaubt, daß der Papst der Antichrist der Offenbarung sei. »Es ist unmöglich,« antwortete er mir, »in Genf dieses Vorurteil zu zerstören, solange die Regierung nicht eine Inschrift entfernen läßt, die ein jeder über einer Kirchentür liest und worin das Oberhaupt der römischen Kirche so bezeichnet wird. Das Volk ist überall unwissend; aber ich habe eine zwanzigjährige Nichte, die in dieser Hinsicht nicht zum Volk gehört. Ich werde die Ehre haben, Sie mit ihr bekannt zu machen; sie ist Theologin und hübsch.«

»Ich werde sie mit Vergnügen sehen, mein Herr, aber Gott soll mich davor bewahren, mit ihr zu disputieren.«

»Sie wird Sie zum Disputieren zwingen, aber ich glaube Ihnen zum voraus versichern zu können, daß es Ihnen nicht leid tun wird.«

»Wir werden sehen; haben Sie die Güte, mir Ihre Adresse zu geben.«

»Nein, mein Herr, aber ich werde die Ehre haben, Sie in Ihrem Gasthof abzuholen, und werde Ihnen als Führer dienen.«

Ich stieg in der »Wage« ab und erhielt dort eine sehr schöne Wohnung. Es war der 20. August 1760. Ich trat an das Fenster, und meine Blicke fielen auf eine Scheibe, auf welcher ich mit einem Diamanten eingeritzt die Worte las: »Du wirst Henrietten vergessen.« Sofort fiel mir der Augenblick ein, wo Henriette vor dreizehn Jahren diese Worte geschrieben hatte, und ich fühlte die Haare sich mir auf dem Kopfe sträuben. Wir hatten in diesem Zimmer gewohnt, als sie sich von mir trennte, um nach Frankreich zurückzukehren. Wie zerschmettert warf ich mich auf einen Lehnstuhl und überließ mich tausend Gedanken. Die edle und zärtliche Henriette, die ich so sehr geliebt hatte! Wo war sie jetzt? Ich hatte niemals etwas von ihr gehört und hatte mich niemals nach ihr erkundigt. Wenn ich mich mit mir selber verglich, so mußte ich mir gestehen, daß ich jetzt ihres Besitzes weniger würdig war als damals. Wohl vermochte ich noch zu lieben, aber ich fand in mir nicht mehr das Zartgefühl, das ich damals besaß, nicht die Gefühle, die die Verirrungen der Sinne entschuldbar machen, nicht mehr die Sanftmut des Charakters und endlich nicht mehr eine gewisse Redlichkeit, die sogar die Schwächen adelt. Am meisten aber erschreckte es mich, daß ich mich nicht mehr so kräftig fand wie früher. Doch schien es mir, als ob die bloße Erinnerung an Henriette mir die alte Kraft zurückgäbe. Da ich meine Dubois nicht mehr hatte, empfand ich eine große Leere, und es ergriff mich eine solche Begeisterung, daß ich augenblicklich mich aufgemacht hätte, um Henriette zu finden, wenn ich nur gewußt hätte, wo ich sie suchen sollte; und doch hatte ich ihr Verbot nicht vergessen.

Am nächsten Morgen ging ich in aller Frühe zum Bankier Tronchin, der all mein Geld hatte. Nachdem er mit mir abgerechnet hatte, gab er mir einen Kreditbrief auf Marseille, Genua, Florenz und Rom; an barem Gelds nahm ich nur zwölftausend Franken. Ich hatte kaum noch fünfzigtausend römische Taler, etwa dreihunderttausend Franken; aber damit konnte ich weit kommen. Sobald ich meine Briefe abgegeben hatte, ging ich nach der »Wage« zurück; ich war ungeduldig, Herrn von Voltaire zu sehen. Ich fand meinen Reisegefährten in meinem Zimmer. Er lud mich zum Mittagessen ein und sagte mir, ich würde mit Herrn Villars-Chaudieu zusammenspeisen, der mich nach Tisch zu Herrn von Voltaire führen würde, wo man mich schon seit einigen Tagen erwarte. Ich ging mit dem wackeren Pastor und fand bei ihm eine auserlesene Gesellschaft, darunter auch die junge Theologin, die ihr Oheim erst beim Nachtisch zum Sprechen brachte. Ich werde die Äußerungen dieses jungen Mädchens so getreu wie möglich berichten.

»Womit, liebe Nichte, hast du dich heute vormittag beschäftigt?«

»Ich habe den heiligen Augustin gelesen und habe ihn abgeschmackt gefunden; ich glaube ihn mit wenigen Worten widerlegt zu haben.«

»Worum handelt es sich?«

»Um die Mutter des Heilands.«

»Was sagt der heilige Augustin von ihr?«

»Etwas, das Sie vielleicht nicht bemerkt haben. Er sagt, die Jungfrau Maria habe Jesus Christus durch die Ohren empfangen.«

»Und du hast dies nicht geglaubt?«

»Ganz gewiß nicht, und zwar aus drei guten Gründen. Erstens ist Gott nicht materiell und braucht daher kein Loch, um an irgendeinen Ort zu gelangen oder ihn zu verlassen; zweitens haben die Gehörorgane keine Verbindung mit dem Platz eines Kindes im Schöße seiner Mutter; drittens endlich hätte Maria, wenn sie durch das Ohr empfangen hätte, auf demselben Wege auch gebären müssen. Dies wäre sehr gut für die Katholiken,« sagte sie mit einem Blick auf mich, »denn dann könnten sie sie mit Recht als Jungfrau vor, während und nach ihrer Schwangerschaft betrachten.«

Ich war aufs höchste überrascht, aber mein Erstaunen wurde von allen Gästen geteilt. Der göttliche Geist der Theologie weiß sich über jede fleischliche Sinnlichkeit zu erheben, und nach den eben gehörten Worten mußten wir entweder der jungen Theologin dieses Vorrecht zubilligen oder sie für eine schamlose Dirne halten. Die gelehrte Nichte hatte keine Furcht, dieses Vorrecht zu mißbrauchen, denn sie fragte mich, was ich davon hielte.

»Wenn ich Theologe wäre und mir erlaubte, die Wunder durch Vernunft erklären zu wollen, so würde ich vielleicht Ihrer Meinung sein, mein Fräulein. Da aber dieses durchaus nicht der Fall ist, so beschränke ich mich darauf, Sie zu bewundern und den heiligen Augustin zu verurteilen, weil er das Mysterium der Verkündigung hat erklären wollen. Soviel finde ich sicher; daß der heilige Augustin einen greifbaren Unsinn gesagt haben würde, wenn die junge Frau taub gewesen wäre; denn dann wäre die Fleischwerdung unmöglich gewesen, da die drei Nervenpaare, die das Gehör vermitteln, alsdann keine Verbindung mit der Gebärmutter hätten haben können; es wäre demnach unbegreiflich, wie die Sache hätte vor sich gehen können. Aber die Fleischwerdung, mein Fräulein, ist ein Wunder.«

Sie antwortete mir sehr artig, ich hätte mich in meiner Antwort als einen viel größeren Theologen denn sie erwiesen, und ihr Oheim dankte mir dafür, daß ich seiner Nichte eine Lehre gegeben hätte. Man ließ sie über verschiedene Gegenstände sprechen, aber was sie sagte, war nicht eben glänzend. Ihre Stärke war das Neue Testament. Ich werde gelegentlich meiner Rückkehr nach Genf von dem jungen Mädchen mehr zu erzählen haben.

Nach dem Essen gingen wir zu Voltaire, der gerade vom Tisch aufstand, als wir eintraten. Er war sozusagen von einem Hofe von Kavalieren und Damen umgeben, und dadurch erhielt meine Vorstellung etwas Feierliches; aber diese Feierlichkeit konnte mir bei dem großen Manne keineswegs günstig sein.

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