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Erinnerungen, Band 3

Giacomo Casanova: Erinnerungen, Band 3 - Kapitel 20
Quellenangabe
typeautobio
authorCasanova
titleErinnerungen, Band 3
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
volume3
year1911
senderwww.gaga.net
created20050330
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Neunzehntes Kapitel

Bern. – Die Matte. – Frau de la Saone. – Sarah, – Meine Abreise. – Murten.

Ich kam auf eine Anhöhe, von wo meine Blicke über eine weite Landschaft schweiften, durch die ein kleiner Fluß sich schlängelte; ich bemerkte einen Fußpfad und bekam Lust, diesem entlang zu gehen. Er führte zu einer Art von Treppe. Ich stieg etwa hundert Stufen hinunter und fand einige vierzig Kabinette, die mir eine Art von Badestübchen zu sein schienen. Sie waren es in der Tat; denn während ich die Örtlichkeit betrachtete, kam ein Mann von höflichem Wesen auf mich zu und fragte mich, ob ich ein Bad nehmen wolle. Als ich bejahte, öffnete er eine der Kammern, und zugleich eilten eine Menge junge Mädchen auf mich zu.

»Mein Herr«, sagte der Bademeister zu mir, »jedes dieser Mädchen strebt nach der Ehre, Sie im Bade zu bedienen; Sie brauchen nur zu wählen. Mit einem kleinen Taler bezahlen Sie Bad, Mädchen und Kaffee.«

Ich spielte den Großtürken, musterte mit den Augen diesen Schwarm, derber Schönheiten und warf mein Schnupftuch dem Mädchen zu, das mir am besten gefiel.

Sie ging mit mir in eine Zelle, schloß die Tür von innen und entkleidete mich mit der ernstesten Miene, ohne ein Wort zu sagen, ja ohne mir auch nur ins Gesicht zu sehen; hierauf zog sie mir eine baumwollene Mütze über die Haare. Sobald sie mich im Wasser sah, entkleidete sie sich ebenfalls mit der Gewandtheit einer Person, die daran gewöhnt ist, und legte sich ohne ein Wort zu sagen zu mir ins Bad, Hierauf begann sie mich überall zu reiben, ausgenommen an einer gewissen Stelle, die ich mit beiden Händen bedeckt hielt. Als ich fand, daß ich genug bearbeitet sei, forderte ich Kaffee von ihr, Sie stieg aus dem Bade, öffnete die Tür, bestellte, was ich wollte, und stieg ohne die geringste Verlegenheit wieder in das Bad.

Als der Kaffee gekommen war, verließ sie es abermals, um ihn in Empfang zu nehmen; hierauf verschloß sie wieder die Tür, stieg ins Wasser zurück und hielt mir das Kaffeebrett, während ich meine Tasse leerte; als ich damit fertig war, blieb sie neben mir liegen.

Obgleich ich den Formen des Mädchens keine besondere Aufmerksamkeit schenkte, hatte ich doch genug von ihr gesehen, um anzuerkennen, daß sie alles besaß, was ein Mann bei einer Frau zu finden wünschen kann: ein schönes Gesicht, lebhafte, wohlgeformte Augen, einen schönen Mund mit guten Zähnen, eine gesunde Gesichtsfarbe, einen schön gerundeten Busen, stark ausgebildete Hüften und alles übrige dementsprechend. Allerdings hatte ich das Gefühl, daß ihre Hände hätten weicher sein können, aber ich konnte ihre Rauheit der Arbeit zuschreiben. Außerdem war meine Schweizerin nur achtzehn Jahre alt; und trotzdem blieb ich völlig kalt. Woher kam dies? so fragte ich mich. Vielleicht davon, daß sie der Natur zu nahe stand, daß ihr nicht jene Anmut, jene Koketterie, jene kleinen Zierereien zu eigen waren, die die Frauen mit so vieler Kunst anzuwenden wissen, um uns zu verführen! Wir lieben also nur Künstelei und Falschheit! Vielleicht ist es auch, um unsere Sinne zu reizen, notwendig, daß wir die Schönheiten des Weibes nur hinter dem Schleier der Scham ahnen. Wir haben die Gewohnheit, uns zu bekleiden, und das Gesicht, das wir für alle Welt sichtbar lassen, hat für unsere volle Befriedigung am wenigsten Bedeutung; wie kommt es nun aber, daß das Gesicht die Hauptrolle spielt? Warum werden wir gerade durch das Gesicht verliebt? Warum beurteilen wir auf dieses einzige Anzeichen hin die Schönheit einer Frau, und warum verzeihen wir ihr, wenn die Teile, die sie uns verbirgt, mit ihrem hübschen Gesicht nicht im Einklang stehen? Wäre es nicht natürlicher und vor allen Dingen vernünftiger und vorteilhafter, das Gesicht zu bedecken und mit dem übrigen Körper nackt zu gehen? Wenn wir dann in eine Frau uns verliebten, brauchten wir, um unsere Leidenschaft völlig zu befriedigen, nur zu wünschen, daß sie Gesichtszüge hätte, die ihren übrigen verführerischen Reizen entsprächen. Ohne Zweifel wäre dieses vorzuziehen, denn wir würden dann nur durch eine vollkommene Schönheit verführt werden, und wir würden es leicht verzeihen, wenn wir bei der Demaskierung ein Gesicht häßlich fänden, das wir für schön hätten halten mögen. Eine häßliche Frau würde glücklich sein, durch die Schönheit ihrer Formen verführen zu können; nur eine solche häßliche würde niemals bereit sein, die Maske zu lüften, während die schönen sich nicht würden bitten lassen, ihr Gesicht zu zeigen. Die Häßlichen würden uns nicht lange seufzen lassen: sie würden gefällig sein, um sich nicht zeigen zu müssen, und wenn sie einwilligten, sich zu demaskieren, so würde dies nicht eher geschehen, als bis sie uns durch den Genuß überzeugt hätten, daß der Mann auch ohne ein schönes Gesicht glücklich sein kann, übrigens ist es augenscheinlich, ja sogar unbestreitbar, daß die Unbeständigkeit in der Liebe nur durch die Verschiedenheit der Gesichter verursacht wird. Wenn man sie nicht sähe, würde man immer treu sein, ja man würde sogar in die Frau, die man zuerst geliebt, immer verliebt bleiben. Ich weiß wohl, diese ganze Auseinandersetzung wird von vielen Toren als Torheit angesehen werden; aber ich werde dann nicht mehr auf der Welt sein, um ihnen antworten zu müssen.

Als ich das Bad verlassen hatte, holte sie Handtücher, trocknete mich ab und zog mir mein Hemd an; hierauf frisierte sie mich so wie sie war, das heißt nackt. Während ich mich ankleidete, zog sie sich ebenfalls an, was bald geschehen war, und schnallte mir dann die Schuhe zu. Ich gab ihr einen kleinen Taler für das Bad und sechs Franken für sie selber; sie behielt aber nur den kleinen Taler und gab mir die sechs Franken mit verächtlicher Miene zurück, ohne ein Wort zu sprechen. Dies betrübte mich; ich sah, daß ich sie beleidigt hatte und daß sie sich würdig fühlte, nicht verschmäht zu werden. Ich entfernte mich in ziemlich schlechter Laune.

Nach dem Abendessen konnte ich mich nicht enthalten, meiner lieben Dubois mein Nachmittagserlebnis zu erzählen, und sie machte natürlich ihre Bemerkungen über alle Einzelheiten.

»Das Mädchen kann doch nicht hübsch sein, lieber Freund,« sagte sie zu mir. »Denn wenn sie es wäre, hätten Sie sicherlich der Verlockung nicht widerstanden. Ich möchte sie gerne einmal sehen.«

»Wenn du neugierig auf sie bist, werde ich dich hinführen.«

»Dies würde mir das größte Vergnügen machen.«

»Aber dann müßtest du dich als Mann anziehen.«

Sie stand auf, ging ohne ein Wort zu sagen hinaus und kam in einer Viertelstunde in einem Anzuge von Leduc zurück, aber ohne die Hosen, denn gewisse vorspringende Teile waren bei ihr zu stark ausgebildet. Ich forderte sie auf, eine von meinen Hosen zu nehmen, und die Partie wurde auf den nächsten Morgen angesetzt. Um sechs Uhr weckte sie mich. Sie war sehr gut als Mann angezogen und trug einen blauen Überrock, der ihre Formen vollkommen verhüllte. Ich stand auf, und wir gingen nach der Matte; so heißt jener Ort. Von der Aussicht auf das vorstehende Vergnügen belebt, strahlte meine liebe Dubois vor Freude. Es war unmöglich, daß jemand, der sie sah, trotz ihrer Verkleidung nicht ihr Geschlecht erriet; ihre weiblichen Formen waren zu sehr ausgebildet; sie hüllte sich daher, so gut es ging, in ihren Überrock.

In der Matte kam uns der Bademeister entgegen und fragte mich, ob wir ein Badezimmer für vier Personen wünschten. Ich sagte ja, und im Nu waren wir von allen Bademägden umringt. Ich zeigte meiner Freundin das Mädchen, das mich nicht hatte verführen können, obgleich sie wirklich sehr schön war; sie wählte sie für sich; ich aber entschied mich für ein dickes, munteres Weib mit keckem Gesicht; hierauf gingen wir alle vier in das Badezimmer. Sobald ich ausgezogen war, ging ich mit meiner drallen Schweizerin ins Wasser. Meine Freundin zauderte; die Neuheit der Umgebung erstaunte sie, und ihre Miene verriet ein wenig Reue, so weit gegangen zu sein; aber sie nahm sich zusammen und lachte, als sie sah, wie kräftig mein weiblicher Grenadier mich rieb. Es kostete ihr einige Überwindung, ihr Hemd auszuziehen; da aber nur der erste Schritt schwer ist und eine Scham die andere besiegte, so ließ sie das Hemd sinken, und ich hatte, obgleich sie ihre beiden Hände vorhielt, die ganze Schönheit ihrer Formen vor mir. Ihre Magd schickte sich an, sie ebenso zu behandeln, wie sie am Tage vorher mich behandelt hatte; aber sie bat sie, sie in Ruhe zu lassen, und da ich die meinige ebenfalls aufhören ließ, so mußte sie sich schließlich doch von mir bedienen lassen.

Die beiden Schweizerinnen, die so etwas jedenfalls schon oft mitgemacht hatten, begannen uns nun ein Schauspiel aufzuführen, das mir sehr gut bekannt, meiner lieben Dubois aber vollkommen fremd war.

Die beiden Bacchantinnen begannen die Liebkosungen nachzuahmen, die ich meiner Freundin erwies, während diese vor Erstaunen ganz außer sich war, als sie sah, mit welcher Wut meine Magd bei der ihrigen die Rolle des Mannes spielte. Ich gestehe, daß ich selber ein bißchen erstaunt darüber war, obgleich ich vor sechs Jahren in Venedig die Verzückungen meiner schönen Nonne und meiner schönen C.C. gesehen hatte.

Ich würde niemals geglaubt haben, daß ein derartiger Anblick mich zerstreuen könnte, während ich zum erstenmal eine Frau in den Armen hielt, die ich liebte und die alle Reize besaß, um die Sinne zu fesseln; aber der seltsame Kampf der beiden jungen Mädchen beschäftigte sie wie mich.

»Das Mädchen, das Sie gewählt haben, muß ein Junge sein,« sagte sie zu mir.

»Aber meine Liebe, Sie haben doch ihren Busen und ihre Formen gesehen.«

»Ja, aber trotzdem.«

Meine dicke Schweizerin hatte sie gehört, sie drehte sich um und zeigte ihr etwas, was ich nicht für möglich gehalten hätte, aber es war keine Täuschung möglich: es war zwar nur eine weibliche Klitoris, aber viel länger als mein kleiner Finger und steif genug, um eindringen zu können. Ich erklärte meiner lieben Dubois das Ding, aber um sie zu überzeugen, mußte ich sie es anrühren lassen. Die freche Person trieb die Schamlosigkeit so weit, daß sie sich erbot, es an ihr zu versuchen, und sie tat dies mit so leidenschaftlicher Beharrlichkeit, daß ich sie zurückstoßen mußte. Sie wandte sich hierauf zu ihrer Kameradin und befriedigte an dieser ihre geile Brunst. Obgleich dieser Anblick etwas Ekelhaftes hatte, regte er uns doch so stark auf, daß meine Freundin ihrer Natur nachgab und mir alles gewährte, was ich wünschen konnte.

Nachdem wir auf diese Weise zwei Stunden geschwelgt hatten, kehrten wir, sehr miteinander zufrieden, in die Stadt zurück. Beim Abschied gab ich jeder der beiden Bacchantinnen einen Louis, und wir entfernten uns mit dem Vorsatz, nicht wieder zu kommen.

Nach dem, was vorgefallen war, konnte uns natürlich nichts mehr verhindern, uns unserer Liebe hinzugeben.

Meine liebe Dubois wurde also meine Geliebte, und wir machten uns gegenseitig glücklich, solange wir noch in Bern waren. Ich war von meinem Mißgeschick mit der abscheulichen Witwe gänzlich geheilt und erkannte die Wahrheit des Wortes, daß nicht nur die Freuden flüchtig sind, sondern auch die Leiden. Ich gehe noch weiter: ich behaupte, daß die Freuden, zum mindesten in der Liebe, dauerhafter sind als die Leiden; denn sie hinterlassen Erinnerungen, an denen man sich noch im Alter erfreut, während die Erinnerung an die Leiden, wenn überhaupt vorhanden, jedenfalls so schwach ist, daß sie auf Glück oder Unglück keinen Einfluß hat.

Um zehn Uhr meldete man mir den Schultheiß von Thun. Er war französisch gekleidet in schwarzem Anzuge und hatte ein ernstes, freundliches und höfliches Benehmen, das mir gefiel. Er stand schon in reiferem Alter und gehörte zu den Mitgliedern der Regierung. Er bestand darauf, mir den Brief vorzulesen, den Herr von Chavigny ihm meinetwegen geschrieben hatte. Dieser Brief war außerordentlich schmeichelhaft, und ich sagte ihm: Wenn er unversiegelt gewesen wäre, würde ich es nicht gewagt haben, ihn abzugeben. Er lud mich für den nächsten Tag zu einem Abendessen mit Herren und für den übernächsten Tag zu einem ebensolchen mit Herren und Damen ein. Ich ging mit ihm nach der Bibliothek; dort sah ich einen früheren Mönch, Herrn Felix, der mehr Literaturkenner als Literat war, und einen vielversprechenden jungen Mann, Namens Schmidt, der in der literarischen Welt bereits vorteilhaft bekannt war. Außerdem hatte ich das Unglück, an diesem Ort einen sehr langweiligen Gelehrten zu finden; er wußte die Namen von zehntausend verschiedenen Muscheln auswendig, und ich war gezwungen, ihn zwei Stunden lang anzuhören, obgleich diese Wissenschaft mir vollständig fremd war. Er sagte mir unter anderem, daß die Aare, der berühmte Fluß des Kantons, Gold mit sich führe. Ich antwortete ihm, sie habe das mit allen großen Flüssen gemein; er schien mir jedoch, wie ich an einem Achselzucken merkte, davon nicht überzeugt zu sein.

Ich speiste bei Herrn von Muralt zu Mittag mit den vier oder fünf angesehensten Damen von Bern. Ich fand sie angenehm, besonders eine sehr liebenswürdige und sehr gebildete Frau von Saconai. Ich würde ihr den Hof gemacht haben, wenn ich mich in der Hauptstadt der Schweiz – wenn man von einer Hauptstadt der Schweiz überhaupt reden kann – länger aufgehalten hätte.

Die Berner Damen kleiden sich gut, obgleich ohne Luxus, denn diesen verbieten die Gesetze. Sie haben ein gewandtes Benehmen und sprechen sehr fließend französisch. Sie erfreuen sich der größten Freiheit, aber sie mißbrauchen sie nicht, obgleich in ihren Kreisen Galanterie herrscht; denn der Anstand steht hier in Ehren. Die Männer sind hier nicht eifersüchtig, aber sie verlangen, daß ihre Frauen um neun Uhr abends zu Hause sind, um in der Familie zu speisen.

Ich verbrachte in Bern drei Wochen und beschäftigte mich während dieser Zeit nur mit meiner Dubois und mit einer alten Dame von fünfundachtzig Jahren, die mich durch ihre chemischen Kenntnisse sehr interessierte. Sie war mit dem berühmten Boerhave in vertrautem Verkehr gestanden und zeigte mir ein Stück Gold, das er in ihrer Gegenwart gemacht hatte und das vor der Umwandlung Kupfer gewesen war. Ich hatte darüber meine eigenen Gedanken, aber sie versicherte mir, der Gelehrte habe den Stein der Weisen besessen; doch habe er allerdings das menschliche Leben nur auf wenig mehr als hundert Jahre verlängern können. Für sich selber hatte Boerhave von dieser Kenntnis keinen Gebrauch zu machen gewußt, denn er starb an einem Herzpruben, bevor er noch das Alter vollkommener Reife erlangt hatte, das nach dem Hippokrates zwischen dem sechzigsten und siebzigsten Lebensjahre liegt. Die vier Millionen, die er seiner Tochter hinterließ, beweisen zwar nicht, daß er das Geheimnis des Goldmachens besaß, zeigen aber zum mindesten sehr deutlich, daß er das Talent besaß, Gold zusammen zu scharren. Die gute Alte sagte mir, er habe ihr ein Manuskript geschenkt, worin das ganze Verfahren erklärt sei, aber sie finde es dunkel.

»Sie müssen es veröffentlichen.«

»Gott soll mich bewahren.«

»So verbrennen Sie es.«

»Dazu habe ich nicht den Mut.«

Herr von Muralt holte mich ab, um mir die Exerzierübungen der Berner Bürger zu zeigen, welche sämtlich Soldaten sind; ich fragte ihn bei dieser Gelegenheit, was der Bär bedeute, den man über dem Stadttor sah. Er sagte mir, Bern komme von dem deutschen Wort Bär. Nach diesem Tier heißen die Stadt und der Kanton, der dem Range nach der zweite der Eidgenossenschaft, an Ausdehnung und Reichtum aber der erste ist. Die Stadt liegt auf einer von der ganz in der Nähe der Rheinquelle entspringenden Aare gebildeten Halbinsel; er erzählte mir von der Macht seines Kantons, von dessen Herrschaften und Landvogteien und erklärte mir die Bedeutung eines Schultheißen; hierauf sprach er von Politik und beschrieb mir die verschiedenen Regierungssysteme der Kantone, die die schweizerische Eidgenossenschaft bilden.

»Ich begreife sehr wohl,« sagte ich zu ihm, »daß ein jeder der dreizehn Kantone, aus denen die Eidgenossenschaft besteht, seine Regierung für sich hat ...«

»Das glaube ich wohl,« versetzte er, mich unterbrechend; »aber Sie werden wohl so wenig wie ich begreifen, daß einige Kantone vier Regierungen haben.«

Ich hatte ein köstliches Abendessen mit vierzehn oder fünfzehn Senatoren. Anfangs fehlte die Heiterkeit, es wurden keine frivolen oder literarischen Gespräche geführt, sondern man sprach von öffentlichem Recht, von Staatsinteressen, von Handel, Gewerbe und Spekulation, von Vaterlandsliebe und von der Pflicht, die Freiheit dem Leben vorzuziehen. Ich fühlte mich gleichsam in einem neuen, aber doch wesensverwandten Element; es war mir ein hoher Genuß, inmitten eines Kreises, wo alles die Menschheit adelte, Mensch zu sein. Aber gegen das Ende des Mahles begannen allen diesen starren Republikanern die Herzen aufzugehen; die Reden wurden weniger abgemessen, es wurde sogar zuweilen gelacht. Dies war die unausbleibliche Wirkung des Weines auf ihre ernsten Köpfe. Ich tat ihnen leid; denn obwohl sie die Mäßigkeit priesen, erschien die meinige ihnen doch übertrieben. Indessen achteten sie meine Freiheit und zwangen mich nicht zum Trinken, wie es sehr unpassenderweise die Russen, Schweden, Polen und im allgemeinen alle nordischen Völker tun.

Um Mitternacht, für die Schweiz eine sehr späte Stunde, trennten wir uns, und als wir uns gute Nacht wünschten, bat ein jeder von ihnen mich aufrichtig, auf seine Freundschaft zu rechnen. Einer hatte während des Abendessens, bevor ihn der Wein begeistert hatte, die Republik Venedig wegen der Ausweisung der Graubündner getadelt; aber als der Geist des Bacchus ihn erleuchtet hatte, entschuldigte er sich deswegen. »Jede Regierung«, sagte er zu mir, »muß ihre Interessen besser verstehen als die Fremden, die ihre Handlungen kritisieren; jede muß in ihrem Hause tun dürfen, was sie gut dünkt.«

Als ich nach Hause kam, hatte ich das Vergnügen, meine Freundin in meinem Bett zu finden. Ich bezeigte ihr meine Freude darüber durch hundert Liebkosungen, so daß sie weder an meiner Zärtlichkeit, noch an meiner Dankbarkeit zweifeln konnte. Ich betrachtete sie als meine Frau; wir liebten uns und konnten uns nicht vorstellen, daß wir uns eines Tages trennen würden. Wenn zwei Liebende sich mit voller Hingebung lieben, wird der Gedanke an Trennung ins Reich der Einbildung verwiesen.

Den Tag darauf empfing ich einen Brief von meiner guten Frau d'Urfé, die mich bat, einer Frau de la Saone, der Gattin eines ihr befreundeten Generalleutnants, meine Aufwartung zu machen. Diese Dame war nach Bern gekommen in der Hoffnung, dort von einer schrecklichen Krankheit geheilt zu werden, die sie auf eine unglaubliche Art entstellte. Sie hatte vorzügliche Empfehlungen an die besten Kreise der Stadt. Sie hielt jeden Abend Tafel, hatte einen ausgezeichneten Koch und lud nur Herren ein. Sie hatte erklärt, daß sie keinen Besuch erwidern würde, und daran tat sie recht. Ich beeilte mich, ihr meinen Besuch zu machen; aber, großer Gott, welch trauriger, entsetzlicher Anblick bot sich mir!

Ich sah eine mit größter Eleganz gekleidete Dame in üppiger Haltung auf einer Ottomane ausgestreckt. Sobald sie mich erblickte, stand sie auf und machte mir die anmutigste Verbeugung; dann setzte sie sich wieder auf die Ottomane und bat mich, neben ihr Platz zu nehmen. Ohne Zweifel mußte sie meine Überraschung bemerken, aber sie war wahrscheinlich an die Wirkung gewöhnt, die sie beim ersten Anblick hervorbrachte, und unterhielt sich mit mir auf die liebenswürdigste Weise, so daß das Abstoßende ihrer Erscheinung gemildert wurde.

Hier ihr Porträt:

Frau de la Saonc war sehr gut angezogen, sie hatte die weißeste und weichste Hand, Arme von der wundervollsten Rundung, ihr sehr tief ausgeschnittenes Kleid ließ einen herrlichen Busen von blendender Weiße sehen, die durch zwei reizende Rosenknöspchen noch mehr gehoben wurde; ihr Wuchs war tadellos, und sie hatte das kleinste Füßchen, das sich denken läßt. Alles an ihr würde Liebe eingeflößt haben; aber wenn das Auge einen Augenblick auf ihrem Gesicht haften mußte, wichen alle anderen Gefühle dem Mitleid und Entsetzen. Sie war abschreckend! Was ein Gesicht hätte sein sollen, war nur eine ekelhafte schwärzliche Kruste. Es war unmöglich, einen Zug, eine Form zu erkennen, und diese Häßlichkeit wurde noch hervorgehoben und schrecklicher gemacht durch zwei schöne schwarze Augen voller Feuer und durch einen lippenlosen Mund, den sie halb offen hielt, wie wenn sie zwei Reihen Zähne von blendender Weiße hätte sehen lassen wollen. Sie konnte nicht lachen, denn der Schmerz durch die Zusammenziehung der Muskeln hätte ihr ohne Zweifel Tränen entrissen. Trotzdem schien sie zufrieden zu sein; ihre Unterhaltung war entzückend, ihre scherzhaften Bemerkungen waren fein, taktvoll, geistreich, witzig und im besten Tone guter Gesellschaft. Sie konnte höchstens dreißig Jahre alt sein und hatte in Paris drei wunderhübsche Kinder in zartem Alter zurückgelassen. Ihr Gatte war ein sehr schöner Mann, der sie zärtlich liebte und niemals allein schlief. Wahrscheinlich hätten wenig Soldaten solchen Mut gehabt, wahrscheinlich aber auch trieb er trotz seiner ehelichen Unerschrockenheit die Tapferkeit nicht so weit, ihr süße Küsse zu geben, denn der bloße Gedanke daran machte einen schaudern. In ihrem ersten Wochenbett war ihr die Milch ins Blut getreten und hatte die arme Frau in diesen traurigen Zustand versetzt, den sie seit zehn Jahren ertrug. Alle berühmten Ärzte Frankreichs hatten sich vergeblich bemüht, sie von ihrem Aussatz zu befreien; sie war nach Bern gekommen, um sich bei zwei berühmten Doktoren, die ihr Heilung versprochen hatten, in Behandlung zu geben. Versprechungen dieser Art machen alle Quacksalber; sie heilen oder sie heilen nicht, und wenn man sie nur tüchtig bezahlt, so fehlt es ihnen niemals an Gründen, um die Schuld ihrer Unwissenheit den armen Kranken aufzubürden, die sie betrügen.

Der Arzt kam, während ich bei ihr war und über ihrer geistreichen Unterhaltung ihr Gesicht vergaß. Sie hatte bereits begonnen, ihre Heilmittel einzunehmen; es waren Tropfen, zu deren Bestandteilen auch Quecksilber gehörte.

»Mir scheint,« sagte sie zu dem Doktor, »das Jucken ist stärker geworden, seitdem ich Ihre Medizin nehme.«

»Das Jucken, Madame«, antwortete ihr der Äskulap, »wird bis zu Ende der Kur anhalten, und diese muß drei Monate dauern.«

»Solange ich mich kratzen werde,« erwiderte sie, »werde ich in demselben Zustande sein, und die Kur wird niemals ein Ende nehmen.«

Der Doktor antwortete ausweichend. Ich stand auf, um Abschied zu nehmen; sie gab mir die Hand und lud mich ein für allemal zum Abendessen ein. Ich ging noch am gleichen Abend hin. Ich sah die arme Frau von allen Speisen essen und Wein trinken; denn der Arzt hatte ihr nichts verboten. Ich sah voraus, daß sie niemals gesund werden würde. Ihre gute Laune, ihre reizenden Bemerkungen erheiterten die ganze Gesellschaft. Ich begriff, daß man sich an ihr Gesicht gewöhnen und mit ihr zusammen leben konnte. Am Abend unterhielt ich mich über sie mit meiner Freundin, die mir sagte, vielleicht genügten trotz der Häßlichkeit ihres Gesichts die Schönheit ihres Körpers und die Vorzüge ihres Geistes, um sie Liebhaber finden zu lassen. Ich gab dies zu, obgleich ich die Möglichkeit durchaus nicht begreifen konnte, soweit ich selber in Betracht kam.

Als ich drei oder vier Tage später bei einem Buchhändler war, um die Zeitung zu lesen, redete ein junger hübscher Mann von etwa zwanzig Jahren mich höflich an und sagte mir, es tue der Frau de la Saone recht leid, daß sie nicht mehr das Vergnügen gehabt habe, mich abends bei ihr zu sehen.

»Sie kennen die Dame?«

»Ich habe die Ehre gehabt, mit Ihnen bei ihr zu speisen.«

»Richtig! ich erinnerte mich Ihrer nicht gleich!«

»Ich besorge ihr Bücher nach ihrem Geschmack, denn ich bin Buchhändler, und ich speise nicht nur jeden Abend bei ihr, sondern wir frühstücken auch jeden Morgen allein miteinander, bevor sie aufsteht.«

»Ich mache Ihnen mein Kompliment dazu. Ich wette, Sie sind in sie verliebt!«

»Sie scherzen; indessen ist sie liebenswürdiger, als Sie denken.«

»Ich scherze durchaus nicht, aber ich wette, Sie würden nicht den Mut haben, den Scherz bis zum Ende zu führen.«

»Sie könnten verlieren.«

»Wirklich? Ich würde gern verlieren.«

»Also wetten wir!«

»Aber wie werden Sie es anfangen, um mich zu überzeugen?«

»Wetten wir einen Louis, und versprechen Sie mir, verschwiegen zu sein.«

»Also gut, um einen Louis.«

»Kommen Sie heute Abend zum Abendessen zu der Dame, und ich werde Ihnen etwas sagen.«

»Sie werden mich dort sehen.«

Als ich nach Hause kam, teilte ich meiner Freundin diese Unterredung mit. Sie sagte: »Ich bin neugierig, wie er es anfangen wird, dich zu überzeugen.« Ich versprach, ihr alles zu erzählen, und sie freute sich sehr darüber.

Ich erschien pünktlich nach der Verabredung. Frau de la Saone machte mir liebenswürdige Vorwürfe und gab mir ein köstliches Abendessen. Mein junger Buchhändler war anwesend; da aber seine Schöne kein Wort mit ihm sprach, so sagte er auch nichts und blieb unbeachtet.

Nach dem Abendessen gingen wir zusammen fort, und unterwegs sagte er mir: »Wenn es Ihnen recht ist, werde ich morgen früh um acht Uhr Ihren Wunsch erfüllen. Sie treten ein; die Kammerfrau wird Ihnen sagen, ihre Herrin sei nicht sichtbar; aber Sie brauchen ja nur zu sagen, daß Sie warten wollen, und gehen ins Vorzimmer. Dieses Vorzimmer hat eine Glastür, die sich dem Bett der Dame gegenüber befindet. Ich werde den Vorhang, der die Scheiben verdeckt, soweit zur Seite schieben, daß Sie bequem sehen können, was zwischen ihr und mir vorgeht. Wenn die Geschichte fertig ist, werde ich durch eine andere Tür hinausgehen; sie wird ihre Zofe rufen, und Sie können sich melden lassen. Gegen Mittag werde ich Ihnen, wenn Sie es mir erlauben, einige Bücher in den »Falken« bringen, und wenn Sie finden, daß ich meinen Louis ehrlich verdient habe, so werden Sie ihn mir bezahlen.«

Ich versprach es ihm, und wir trennten uns.

Obwohl ich ja die Sache nicht für unmöglich hielt, so war ich doch neugierig; um acht Uhr stellte ich mich ein, und die Kammerfrau ließ mich eintreten, als ich ihr sagte, daß ich warten wollte. Ich fand den Vorhang des Türfensters an der einen Ecke zurückgeschoben; guckte hindurch und bemerkte meinen jungen Prahlhans, der am Kopfende des Bettes saß und seine Eroberung in den Armen hielt. Eine sehr große Mütze verbarg gänzlich ihr Gesicht; dies war eine sehr weise Vorsicht, die dem indiskreten Buchhändler ausgezeichnet zustatten kam.

Als der Schelm bemerkte, daß ich auf dem Posten war, ließ er mich nicht länger warten; er stand auf und bot meinen Blicken nicht nur alle geheimen Schätze seiner Schönen, sondern auch seine eigenen dar. Er war klein von Gestalt, aber gerade in bezug auf das, was der Dame von Interesse sein mußte, wie ein Herkules gebaut, und der Bursche schien sich damit zu brüsten, wie wenn er mich hätte eifersüchtig machen wollen. Er drehte sein Opfer hin und her, so daß ich die Schöne von allen Seiten zu sehen bekam; er behandelte sie als kräftiger Athlet, und sie schien seine Glut mit allen Kräften zu erwidern. Phidias hätte keinen schöneren Körper als Modell für seine Venus nehmen können. Die rundesten Formen und die sanftesten Wellenlinien vereinigten sich mit der Weiße des schönsten parischen Marmors. Ich wurde dadurch im höchsten Grade aufgeregt und entfernte mich vor dem Ende des Kampfes; ich kam in solcher Glut nach Hause, daß ich sie im Mattenbad hätte löschen müssen, wenn meine liebe Dubois nicht dagewesen wäre.

Als ich ihr die Geschichte erzählt hatte, bekam sie Lust, den Helden kennen zu lernen, und dieser Wunsch wurde ihr mittags erfüllt. Der junge Buchhändler brachte mir einige Werke, die ich bei ihm bestellt hatte; ich bezahlte sie ihm und gab ihm zugleich den Betrag unserer Wette und noch einen Louis obendrein, als Zeichen meiner Zufriedenheit. Er nahm das Geld mit einem Lächeln, das mir sagen zu wollen schien, ich müsse froh sein, verloren zu haben. Meine Haushälterin sah ihn ziemlich lange an und fragte ihn dann, ob er sie kenne; er sagte nein.

»Ich habe Sie als Kind gesehen; Sie sind der Sohn des evangelischen Pfarrers Mignard; Sie mochten damals etwa zehn Jahre alt sein.«

»Das kann wohl sein, gnädige Frau.«

»Sie haben also nicht den Beruf Ihres Vaters ergreifen wollen?«

»Nein, Madame, ich fühlte vielmehr Neigung für den Kultus des Geschöpfes als für den des Schöpfers und hielt daher diesen Beruf nicht für angemessen.«

»Sie haben recht; denn ein Diener der Religion muß verschwiegen sein, und Verschwiegenheit ist lästig.«

Über diesen kleinen Ausfall errötete der Hasenfuß; aber wir ließen ihm keine Zeit, in Verlegenheit zu geraten. Ich lud ihn zum Essen ein, und ohne von Frau de la Saone zu reden, erzählte er uns seine Liebesabenteuer und eine Menge galanter Geschichten von den hübschesten Berner Damen.

Als er sich entfernte, sagte meine Freundin zu mir, einen jungen Mann dieser Art möge man nur einmal sehen. Da ich derselben Meinung war, so empfing ich ihn nicht mehr bei mir; später habe ich erfahren, daß Frau de la Saone ihn mit nach Paris genommen und daß er dort sein Glück gemacht habe. Der Reichtum vieler Menschen hat keinen anderen Ursprung und oft vielmals einen noch unedleren. Ich ging zu Frau de la Saone nur noch einmal, um mich von ihr zu verabschieden, wie ich bald erzählen werde.

Ich lebte glücklich mit meiner reizenden Freundin, die mir tausendmal wiederholte, daß ich sie glücklich mache. Keine Furcht, kein Zweifel wegen der Zukunft beunruhigten ihre schöne Seele; sie war, ebenso wie ich, fest überzeugt, daß wir uns niemals verlassen würden, und sie sagte mir, sie würde mir alle Treulosigkeiten, zu denen ich mich etwa hinreißen ließe, verzeihen, wenn ich nur niemals unterließe, sie ihr zu beichten. Ich bekenne, eine Frau mit solchem Charakter brauchte ich, um ruhig und zufrieden zu leben; aber ein so großes Glück sollte mir nicht beschieden sein.

Als wir zwei oder drei Wochen in Bern gewesen waren, empfing meine Haushälterin einen Brief aus Solothurn. Er war von Lebel. Ich sah sie ihn sehr aufmerksam lesen und fragte sie, was denn darin stände.

»Da lies ihn!« sagte sie und setzte sich vor mich hin, um mir am Gesicht abzulesen, welchen Eindruck der Brief auf meine Seele machen würde.

Lebel fragte sie kurz und bündig, ob sie seine Frau werden wolle. »Ich habe«, schrieb er, »meinen Antrag nur verschoben, um meine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen und mich zu vergewissern, ob ich Sie heiraten könnte, wenn auch der Herr Botschafter nicht damit einverstanden wäre. Ich habe gefunden, daß ich reich genug bin, um in Bern oder anderswo gut leben zu können, ohne einen Dienst annehmen zu müssen. Indessen hätte ich dieser Vorsicht gar nicht bedurft, denn Herr von Chavigny hat mir sofort auf das liebenswürdigste seine Einwilligung gegeben, als ich ihm meinen Plan mitteilte.«

Ferner bat er sie, ihn nicht zu lange auf eine Antwort warten zu lassen, sondern ihm zu schreiben, erstens, ob sie seinen Antrag annehme, zweitens, ob sie in Bern zu bleiben wünsche, wo sie in jeder Beziehung ihre eigene Herrin sein werde, oder ob sie lieber nach Solothurn zurückkommen wolle; dann könnten sie bei dem Gesandten bleiben und würden dadurch ihr Vermögen vermehren. Zum Schluß sagte er, was sie mitbrächte, würde ihr Eigentum bleiben und er würde ihr ein Witwengeld bis zu hunderttausend Franken aussetzen. Von mir erwähnte er kein Wort.

»Meine liebe Freundin,« sagte ich zu ihr, »du bist vollkommen freie Herrin deiner Entschlüsse; aber ich kann mir nicht vorstellen, daß du mich verlassen könntest, ohne zugleich zu denken, daß ich alsdann der unglücklichste aller Menschen sein werde.«

»Ich wäre die unglücklichste aller Frauen, wenn ich dich verlieren sollte, lieber Freund; denn wenn du mich nur liebst, mache ich mir gar nichts daraus, ob ich mit dir ehelich verbunden bin oder nicht.«

»Sehr gut. Aber was wirst du ihm antworten?«

»Morgen wirst du meinen Brief sehen. Ich werde ihm höflich, aber ohne Umschweife, sagen, daß ich dich liebe, daß ich dir gehöre, daß ich glücklich bin, daß es mir unmöglich ist, seine vorteilhaften Anerbietungen anzunehmen. Ich werde ihm sogar sagen, daß ich seine Großmut zu schätzen wisse und daß ich seinen Antrag annehmen müßte, wenn ich der Stimme der Vernunft folgte, daß ich aber, von meiner Liebe zu dir beherrscht, nur meiner Neigung folgen könnte.«

»Ich finde den Ton deines Briefes ausgezeichnet; um einen derartigen Antrag zurückzuweisen, kannst du keine anderen triftigen Gründe anführen, als die von dir genannten. Außerdem wäre es lächerlich, den Glauben erwecken zu wollen, wie wenn wir nicht als glücklich Liebende miteinander lebten, denn dies liegt auf der Hand. Trotzdem, liebes Herz, muß ich dir gestehen, daß dieser Brief mich betrübt.«

»Warum denn, lieber Freund?«

»Weil ich nicht über hunderttausend Franken verfüge, um sie dir sofort anbieten zu können.«

»Ich will sie nicht, lieber Freund; und wenn du sie mir gäbest, würde ich sie nur annehmen, um sie dir in demselben Augenblick wiederzugeben. Du bist sicherlich nicht der Mann, jemals arm zu werden, aber sollte dir dies zustoßen, so würde ich mich sehr glücklich schätzen, deine Armut teilen zu dürfen.«

Wir sanken einander in die Arme, und die Liebe schenkte uns alle Wonnen; aber inmitten dieses Glückes bemächtigte eine gewisse Traurigkeit sich unserer Seelen. Schmachtende Liebe scheint doppelte Gewalt zu gewinnen; aber dies ist nur eine Täuschung: die Traurigkeit erschöpft sie viel mehr als der Genuß. Liebe ist ein übermütiges junges Ding, das mit Lachen und Spielen genährt sein will; jede andere Nahrung macht sie schwindsüchtig.

Am nächsten Tage schrieb meine Freundin in dem tags vorher kundgegebenen Sinne, und ich hielt mich für verpflichtet, an Herrn von Chavigny einen Brief zu schreiben, der ein Gewebe von Liebe, Gefühl und Philosophie war. Ich verhehlte ihm nicht, daß ich in die von Lebel begehrte Frau rasend verliebt sei, aber ich erklärte zugleich, daß ich als ehrlicher Mann lieber sterben, als meine reizende Freundin eines gesicherten Glückes berauben wolle.

Über diesen Brief freute meine Freundin sich sehr, denn sie wollte gerne wissen, wie der Botschafter über diese Angelegenheit dächte, die allerdings danach angetan war, reiflich überlegt zu werden.

Da ich an demselben Tage meine von Frau d'Urfé erbetenen Empfehlungsbriefe erhielt, entschloß ich mich, nach Lausanne abzureisen, zum Entzücken meiner lieben Dubois. Doch hier muß ich ein wenig weiter ausholen.

Ein Herr von F., Mitglied des Großen Rates, den ich bei Frau de la Saone kennen gelernt hatte, war mein Freund geworden, Er besuchte mich, ich stellte ihm meine Freundin vor, und er behandelte sie mit der gleichen Auszeichnung, wie wenn sie meine Frau gewesen wäre. Er hatte uns bei einem Spaziergang seiner Frau vorgestellt und hatte uns mit ihr und seiner Tochter Sarah mehrere Male besucht. Sarah war erst dreizehn Jahre alt, aber für ihr Alter sehr weit entwickelt; sie war eine schöne, kluge Brünette, der es viel Spaß machte, allerlei hübsche Naivitäten zu sagen, deren Bedeutung sie vollkommen fühlte, obwohl sie auf den ersten Anblick ganz unschuldig zu sein schien. Sie verstand es meisterhaft, in den Augen ihrer Eltern unwissend zu erscheinen und erlangte dadurch große Freiheit.

Sarah hatte erklärt, sie sei in meine Haushälterin verliebt, und da ihre Eltern hierüber lachten, so überschüttete sie sie mit allen möglichen Lieblosungen. Sie kam oft zu uns zum Frühstück, und wenn sie uns noch im Bett fand, so umarmte sie meine Freundin, nannte sie ihre Frau, steckte die Hand unter die Bettdecke, um sie zu kitzeln, und sagte zu ihr, sie sei ihr kleiner Mann und wolle ihr ein Kind machen. Meine Freundin lachte und ließ sie gewähren.

Eines Tages, als wir wieder über die Schäkereien lachten, sagte ich ihr, sie mache mich eifersüchtig; ich glaube, sie sei wirklich ein kleiner Mann und wolle mich davon überzeugen. Mit diesen Worten packte ich sie und tat, wie wenn ich sie untersuchen wollte. Die kleine Schelmin sagte lachend, ich irre mich, aber ihre Hand schien eher die meinige zu leiten als Widerstand entgegenzusetzen. Dies machte mich neugierig, und ich konnte mich bald überzeugen, daß sie ihr Geschlecht nicht verbarg. Ich merkte, daß sie mich zum besten hielt, indem diese Untersuchung gerade das war, was sie wünschte; ich zog daher meine Hand zurück und teilte meiner Haushälterin meinen Verdacht mit, worauf sie antwortete, daß ich mich nicht täuschte. Da die Kleine mir aber weiter keine Gefühle einflößte, so ließ ich es dabei bewenden.

Zwei oder drei Tage später trat das junge Mädchen gerade im Augenblicke meines Aufstehens bei uns ein und sagte mit ihrer gewöhnlichen Naivität zu mir: »Da Sie jetzt wissen, daß ich kein Mann bin, so können Sie nicht eifersüchtig sein und es nicht übelnehmen, wenn ich Ihren Platz bei meiner kleinen Frau einnehme – falls diese es erlaubt.«

Meine Freundin hatte Lust zu scherzen und sagte zu ihr: »Komm!«

Im Nu war sie ausgezogen und lag in den Armen ihrer kleinen Frau, die sie wie ein verliebter Gatte zu behandeln begann. Meine Freundin lachte; Sarah hatte während dieses Kampfes ihr Hemd abgestreift und die Bettdecke abgeworfen und zeigte sich meinen Augen ohne jeden Schleier, während sie zugleich alle Schönheiten meiner Freundin enthüllte. Dieses Schauspiel entflammte mich; ich schloß die Tür und machte die junge Spitzbübin zur Zeugin meiner Glut. Sarah blieb bis ans Ende ganz ruhig und aufmerksam und spielte vorzüglich die Erstaunte; als ich fertig war, sagte sie mit dem unschuldigsten Gesicht: »Machen Sie's ihr noch einmal!«

»Ich kann nicht, meine Liebe; denn ich bin tot, wie du wohl siehst.«

»Das ist aber komisch!« rief sie; zugleich begann sie mit der Miene vollkommenster Unschuld sich selbst um meine Wiederauferstehung zu bemühen.

Als es ihr gelungen war, mich in den gewünschten Zustand zu versetzen, rief sie: »Nun! Also jetzt!« – und ich würde ihr ohne Zweifel gehorcht haben, aber meine Haushälterin sagte zu ihr: »Nein, meine Liebe! Da du ihn wieder auferweckt hast, so ist es deine Sache, ihn abermals tot zu machen.«

»Ich täte es gern,« sagte sie; »aber ich werde nicht Platz genug haben!« Mit diesen Worten nahm sie eine Stellung ein, die mir zeigen sollte, daß sie die Wahrheit spräche, und daß es nicht ihre Schuld wäre, wenn sie mich nicht tot machte.

Ich stellte mich ebenso einfältig wie sie und näherte mich ihr, wie wenn ich ihr nur einen Gefallen erweisen und durchaus nicht weiter gehen wollte. Da ich aber gar keinen Widerstand fand, so vollzog ich den Akt auf das vollständigste, ohne daß sie das geringste Zeichen von Schmerz sehen ließ, und ohne daß einer der Zwischenfälle eintrat, die sonst beim erstenmal üblich sind. Vielmehr empfand sie offenbar den höchsten Genuß dabei.

Obgleich ich vom Gegenteil überzeugt war, hatte ich mich doch genügend in der Gewalt, um meiner Freundin zu sagen, Sarah habe mir gegeben, was man nur einmal geben kann, und sie tat, als glaubte sie es.

Als die Operation zu Ende war, hatten wir eine andere Szene, über die wir laut lachen mußten. Sarah bat uns, wir möchten doch im Gottes willen ihrem Papa und ihrer Mama nichts sagen, denn diese würden sie wieder ausschelten wie damals, als sie sich ohne Erlaubnis ihre Ohrläppchen hätte durchstechen lassen.

Sarah wußte recht wohl, daß wir uns von ihrer erkünstelten Einfalt nicht betrügen ließen; aber sie tat, als wüßte sie es nicht, um sich dies zunutze zu machen. Wer konnte sie diese Kunst gelehrt haben? Niemand. Es war natürliche Begabung, die sich bei Kindern häufiger findet als bei heranwachsenden jungen Leuten, aber immer etwas Seltenes und Erstaunliches ist. Ihre Mutter erblickte in ihren Naivitäten Vorläufer des Geistes, und ihr Vater sah darin ein Zeichen ihrer Dummheit. Aber wenn Sarah dumm gewesen wäre, so hätte unser lautes Gelächter sie außer Fassung gebracht und sie würde geschwiegen haben; sie war jedoch niemals zufriedener, als wenn ihr Vater über ihre Dummheit klagte; dann spielte sie die Erstaunte, tat, als ob sie ihre Dummheit wieder gut machen wollte, und verstärkte sie durch eine neue noch größere. Fortwährend stellte sie uns Fragen, auf die wir unmöglich antworten konnten; also lachten wir darüber, obgleich wir mit etwas Nachdenken leicht entdecken konnten, daß sie selber sehr richtig denken mußte, um solche Fragen stellen zu können. Sie hätte sogar den Spieß umdrehen und uns beweisen können, daß die Dummheit auf unserer Seite war; damit aber wäre sie aus ihrer Rolle gefallen.

Lebel antwortete meiner Freundin nicht; aber Herr von Chavigny schrieb mir einen vier Seiten langen Brief. Er sprach zu mir als weiser Philosoph und als Weltmann, der durch eine lange Erfahrung gereift war. Wenn ich alt wäre wie er und imstande, nach meinem Tode meiner Freundin ein glückliches und unabhängiges Leben zu sichern, so dürfte ich sie um keinen Preis abtreten, besonders da wir beide in Wünschen und Neigungen vollkommen übereinstimmten; da ich aber jung wäre und nicht die Absicht hätte, mich durch ein unlösbares Band zu fesseln, so müßte ich nicht nur einer Verbindung zustimmen, die sie glücklich zu machen verspräche, sondern ich müßte auch als Ehrenmann meinen ganzen Einfluß auf sie aufbieten, um sie zur Einwilligung zu bestimmen. »Sie, mit Ihrer Erfahrung,« fuhr der liebenswürdige Greis fort, »Sie müssen einsehen, daß unfehlbar die Zeit kommen muß, wo Sie beide bereuen werden, die Gelegenheit nicht benutzt zu haben; denn wenn Ihre Liebe gesättigt ist, muß sie zur Freundschaft werden; dann wird eine andere Liebe an die Stelle derjenigen treten, die Ihnen jetzt festzustehen scheint wie der Gott Terminus; denn wenn Ihre reizende Dubois Ihre Freundin geworden ist, so muß sie Ihnen noch mehr Freiheit lassen, und Ihre Reue wird Sie unglücklich machen. Lebel hat mir seine Absicht mitgeteilt, und ich habe ihm nicht nur nicht abgeraten, sondern ihn ermutigt; denn Ihre reizende Freundin hat bei den fünf oder sechs Malen, da ich das Vergnügen hatte, sie bei Ihnen zu sehen, meine ganze Freundschaft gewonnen. Ich wäre daher recht glücklich, sie bei mir zu haben, um mich an ihrer liebenswürdigen Unterhaltung erfreuen zu können, ohne im geringsten den Anstand zu verletzen. Sie werden einsehen, daß ich in meinem Alter nicht mehr so töricht sein kann, um irgendwelche Hoffnung zu hegen, die ich übrigens ja doch nicht verwirklichen könnte, selbst wenn ich den Gegenstand meiner Begehrlichkeit gefällig finden würde.«

Zum Schluß schrieb er mir, Lebel habe sich nicht wie ein Jüngling verliebt; er habe vielmehr seinen Entschluß reiflich erwogen und werde sie daher nicht drängen, wie sie aus der Antwort ersehen werde, mit deren Abfassung er noch beschäftigt sei. Eine Ehe dürfe immer nur mit kaltem Blute geschlossen werden.

Ich übergab diesen Brief meiner Freundin, die ihn aufmerksam las und ihn mir mit dem gleichgültigsten Gesicht zurückgab.

»Was sagst du dazu, liebe Freundin?«

»Ich gedenke die Ratschläge des Botschafters zu befolgen. Er schreibt, wir brauchten uns nicht zu beeilen; weiter wollen wir ja auch nichts. Wir wollen uns lieben und nur an unsere Liebe denken. Der Brief ist mit großer Weisheit geschrieben; aber ich kann mir nicht vorstellen, daß wir je einander gleichgültig sein können, obgleich ich sehr gut weiß, daß dies möglich ist.«

»Gleichgültig, niemals! Du irrst dich.«

»Nun – oder Freunde; denn dies ist auch nicht viel besser, nachdem man sich geliebt hat.«

»Aber die Freundschaft, liebes Herz, ist niemals gleichgültig. Allerdings kann die Liebe sich ins Spiel mischen; dies wissen wir, denn es ist so gewesen, solange wie die Welt besteht.«

»Also hat der Botschafter recht: die Reue kann unsere Seelen quälen und uns unglücklich machen, wenn die Liebe der allzu friedfertigen Freundschaft gewichen ist.«

»Wenn du dies für möglich hältst, angebetetes Weib, so wollen wir morgen uns heiraten und so die Fehler der menschlichen Natur bestrafen.«

»Ja, wir werden uns heiraten, mein guter Freund, aber wir wollen uns nicht übereilen; Hymen könnte Amor in die Flucht jagen – laß uns deshalb unseres Glückes genießen, so wie es ist.«

»Du bist bewunderungswürdig, mein Engel, und des glücklichsten Loses wert.«

»Ich wünsche kein größeres Glück als dasjenige, das du mir verschaffst.«

Wir gingen zu Bett und setzten unser Gespräch fort; als wir einander in den Armen lagen, trafen wir eine Verabredung, die wir sehr schön und sehr weise fanden.

»Lausanne«, sagte sie zu mir, »ist eine kleine Stadt, wo du wahrscheinlich sehr gefeiert werden wirst; mindestens vierzehn Tage lang wirst du kaum Zeit haben, deine Besuche zu machen und an den Soupers und Abendgesellschaften teilzunehmen, zu denen man dich von allen Seiten einladen wird. Mich kennt dort der ganze Adel, und der Herzog von Norburgh, der mich mit seiner Liebe belästigte, hält sich noch dort auf. Wenn ich mit dir erscheine, so wird man in allen Gesellschaften darüber reden, und das wird für dich ebenso langweilig sein wie für mich. – Meine gute Mutter lebt dort; sie wird nichts sagen, aber im Grunde wird es ihr nicht sehr lieb sein, mich bei einem Manne wie du als Haushälterin zu sehen; denn der gesunde Menschenverstand muß jedem sagen, daß ich nur deine Geliebte sein kann.«

Ich fand, daß sie recht hatte, und daß wir auf die Schicklichkeit gebührende Rücksicht nehmen mußten. Wir bestimmten also, daß sie allein nach Lausanne reisen und dort bei ihrer Mutter wohnen solle; zwei oder drei Tage später würde ich ihr folgen und in Lausanne, solange ich wollte, für mich allein wohnen, da ich sie ohne jeden Zwang bei ihrer Mutter sehen konnte, so oft es mir beliebte.

»Wenn du Lausanne verlässest,« sagte sie zu mir, »werde ich in Genf wieder mit dir zusammentreffen; von dort reisen wir, wohin du willst, und solange wir uns lieben.«

Am zweiten Tage reiste sie in aller Frühe ab; sie war meiner Treue gewiß und wünschte sich Glück zu der Ausführung unseres so vernünftigen Planes. Ich war sehr traurig über ihre Abreise, aber die Abschiedsbesuche zerstreuten meinen Schmerz ein wenig. Da ich den berühmten Haller kennen zu lernen wünschte, ehe ich die Schweiz verließ, so gab der Schultheiß von Muralt mir für ihn einen Brief, über den ich mich sehr freute. Herr von Haller war Landvogt in Roche.

Als ich der Frau de la Saone meinen Abschiedsbesuch machte, fand ich sie im Bett und mußte eine Viertelstunde mit ihr allein bleiben. Natürlich sprachen wir nur von ihrer Krankheit, und sie wußte das Gespräch so zu wenden, daß sie in allen Ehren mich sehen lassen konnte, daß die Krankheit, die ihr Gesicht entstellte, ihren ganzen Körper verschont habe. Dieser Anblick überzeugte mich, daß Mignard nicht so tapfer zu sein brauchte, wie ich geglaubt hatte; denn ich war nahe daran, ihr denselben Dienst zu erweisen. Man brauchte schließlich nur ihren Körper anzusehen, und es ließ sich allerdings kaum etwas Hübscheres finden.

Ich sehe voraus, daß mehr als eine Frömmlerin und mehr als ein Tugendbold eines Tages, wenn diese Erinnerungen jemals Leser finden, über diese arme Dame Zeter schreien werden; aber indem sie sich mit solcher Bereitwilligkeit zeigte, rächte sie sich für das Leid, das die Natur ihr angetan hatte, indem sie sie so fürchterlich entstellte. Vielleicht wollte sie auch aus Herzensgüte, und weil sie wußte, was die Höflichkeit durch den Anblick ihres Gesichtes zu leiden hatte, den Mann, der seinen Widerwillen überwand, entschädigen, indem sie ihm die Schönheiten zeigte, mit denen die Natur sie verschwenderisch begabt hatte. Ich bin überzeugt, meine Damen, daß selbst die Prüdeste und Tugendhafteste von Ihnen, wenn Sie alle das Unglück hätten, scheußliche Gesichter zu haben, sich ohne weiteres der Mode fügen würde, wenn diese geböte, die Häßlichkeit zu verbergen und die Schönheiten zur Schau zu tragen, die Sie jetzt unseren Blicken entziehen, weil der Brauch es so will. Ohne Zweifel wäre Frau de la Saone geiziger mit der Schönheit ihres Körpers gewesen, wenn sie wie Sie durch ihr Gesicht hätte verführen können.

Am Tage meiner Abreise speiste ich bei Herrn von F., und die niedliche Sarah machte mir viele Vorwürfe, daß ich ihre kleine Frau vor mir habe abreisen lassen. Man wird sehen, wie ich sie drei Jahre später in London wiederfand. Leduc war noch in ärztlicher Behandlung und sehr schwach; trotzdem ließ ich ihn mit mir reisen, denn ich hatte viele Sachen und konnte nur ihm vertrauen.

Ich verließ Bern in einer sehr natürlichen Trauer. Ich war in dieser Stadt glücklich gewesen und denke noch jetzt niemals ohne Vergnügen an sie.

Ich hatte von Frau von Urfé den Auftrag erhalten, den Doktor Heilenschwand um Rat zu fragen; infolgedessen hielt ich in seinem Wohnort Murten an, das nur vier Meilen von Bern entfernt ist. Der Doktor lud mich zum Essen ein, um den ausgezeichneten Fisch des Murtener Sees kennen zu lernen; ich fand ihn in der Tat köstlich. Ich hatte die Absicht, gleich nach dem Essen weiter zu fahren; aber als ich in meinen Gasthof zurückkam, wandelte mich eine Neugier an, über die ich dem Leser noch berichten werde, und ich entschloß mich, die Nacht über dort zu bleiben.

Nachdem Dr. Herrenschwand für einen schriftlichen ärztlichen Rat über den Bandwurm zwei Louis erhalten hatte, lud er mich ein, einen Spaziergang auf der Straße nach Avenches zu machen, und wir gingen bis zum berühmten Beinhause von Murten.

»Dieses Beinhaus«, sagte der Doktor, »ist aus einem Teil von den Knochen der Burgunder erbaut, die bei der berühmten Niederlage Karls des Kühnen hier den Tod fanden.«

Über die lateinische Inschrift mußte ich lachen.

»Diese Inschrift«, sagte ich zum Doktor, »enthält einen beleidigenden Scherz, durch den sie possenhaft wird; denn eine Inschrift muß ernst sein, und es ist einer Nation nicht erlaubt, die Lesenden zum Lachen zu bringen.«

Als guter Schweizer wollte dies der Doktor nicht zugeben; aber dies war wohl nur falsche Scham von ihm. Ich teile die Inschrift hier mit; so kann der unparteiische Leser selber urteilen.

Deo Opt. Max. Caroli inclyti et fortissimi Burgundiae ducis exercitus Muratum obsidens ab Helvetiis caesus hoc sui monumentum reliquit anno MCDLXXVI.

Mit Gottes Hilfe wurde das Heer des erlauchten und tapferen Burgunderherzogs Karl bei der Belagerung Murtens von den Schweizern erschlagen und ließ dieses Denkmal zurück im Jahre 1476.

Ich hatte mir bis dahin von Murten eine großartige Vorstellung gemacht. Der siebenhundertjährige Ruhm der Stadt, drei große Belagerungen, die sie ausgehalten und abgeschlagen hatte, dies alles hatte mir eine hohe Meinung von ihr beigebracht; ich erwartete etwas Besonderes zu finden, und ich sah nichts.

»So ist also Murten zerstört, dem Erdboden gleichgemacht worden?« fragte ich den Doktor.

»Durchaus nicht; Murten ist so, wie es immer gewesen ist, oder doch ungefähr so.«

Ich merkte, daß jemand, der sich belehren will, erst lesen, dann aber reisen muß, um das Gelernte zu berichtigen. Schlecht wissen ist schlimmer als nichts wissen, und Montaigne hat recht, wenn er sagt, man müsse gut wissen.

Folgendes war das komische Abenteuer, das mir über Nacht in Murten zustieß.

Ich fand im Gasthof ein junges Dienstmädchen, das romanisch sprach. Sie fiel mir auf, weil sie meiner schönen Strumpfhändlerin von Paris außerordentlich ähnlich sah. Sie hieß Raton, und zum Glück blieb dieser Name mir im Gedächtnis. Ich bot ihr sechs Franken für eine Gefälligkeit, aber sie wies mit einer Art von Stolz das Geld zurück und sagte mir, ich hätte mich an die Falsche gewandt, und sie wäre ein anständiges Mädchen.

»Das kann wohl sein,« antwortete ich ihr. Zugleich befahl ich, die Pferde anzuspannen. Als die ehrsame Raton sah, daß ich abreisen wollte, sagte sie mir lachend und zugleich schüchtern, sie brauche zwei Louis, und wenn ich ihr diese geben und die Nacht bleiben wolle, so werde ich zufrieden sein.

»Ich bleibe; aber denk daran, daß du ganz artig sein mußt.«

»Ich werde es sein.«

Als alles zu Bett war, kam sie mit einer furchtsamen Miene, die gerade dazu angetan war, meine Begierde noch zu verdoppeln, in mein Zimmer. Durch einen außerordentlichen Glücksfall fühlte ich ein Bedürfnis, nahm das Licht und eilte nach dem Ort, wo ich es befriedigen konnte. Während ich dort beschäftigt war, zerstreute ich mich damit, die tausend Dummheiten zu lesen, die man gewöhnlich an solchen Orten geschrieben findet. Plötzlich fielen meine Blicke auf die Worte: »Am 10. August 1760 hab ich von der verdammten Raton Quint und Vierzehner gekriegt; der Leser sei gewarnt.«

Ich war beinahe in Versuchung, an ein Wunder zu glauben; denn ich konnte mir nicht vorstellen, daß es noch eine Raton in dem Hause gebe. Ich trat mit einem sehr fröhlichen Gesicht wieder in mein Zimmer ein und fand die Schöne bereits im Bett und ohne Hemd. Sie hatte dieses in die Bettgasse geworfen; ich bückte mich danach, und als sie sah, daß ich es aufhob, bat sie mich erschrocken, es nicht anzurühren, denn es sei nicht sauber. Sie hatte recht, denn es trug zahlreiche Spuren ihrer Krankheit. Wie man sich denken kann, war meine Glut sofort abgekühlt, und ich jagte sie augenblicklich hinaus; zugleich aber fühlte ich eine tiefe Dankbarkeit gegen den sogenannten Zufall, denn niemals hätte ich daran gedacht, ein junges Mädchen, das eine Haut von Lilien und Rosen hatte und höchstens achtzehn Lenze zählte, näher zu untersuchen.

Am folgenden Tage fuhr ich nach Noche, um den berühmten Haller zu besuchen.

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