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Erinnerungen, Band 3

Giacomo Casanova: Erinnerungen, Band 3 - Kapitel 18
Quellenangabe
typeautobio
authorCasanova
titleErinnerungen, Band 3
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
volume3
year1911
senderwww.gaga.net
created20050330
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Siebzehntes Kapitel

Mein Landhaus. – Frau Dubois, – Die niederträchtige Lahme spielt mir einen bösen Streich. – Meine kummervolle Lage.

Es war Cercle und Abendessen bei Hofe; so nannte man das Haus des Herrn von Chavigny oder vielmehr des französischen Botschafters in der Schweiz. Als ich in den Saal eintrat, sah ich meine Fee in der Ecke einen Brief lesen. Ich trat auf sie zu und entschuldigte mich bei ihr, daß ich nicht zum Frühstück geblieben sei; aber sie sagte mir, ich habe sehr wohl daran getan, und fügte hinzu: wenn ich bezüglich des Landhauses meine Wahl noch nicht getroffen hätte, bäte sie mich, jenes zu nehmen, das ihr Gatte mir wahrscheinlich am selben Abend noch anbieten würde. Mehr konnte sie mir nicht sagen, weil man sie abrief, um L'hombre zu spielen. Ich selber spielte an diesem Abend nicht, sondern hielt mich abwechselnd bei allen Spieltischen auf. Bei Tische sprach alle Welt mit mir über meine Gesundheit und meinen demnächstigen Landaufenthalt. Dies gab Herrn von *** Gelegenheit, mir von einer reizenden Wohnung an der Aare zu sprechen; man wolle sie jedoch, sagte er, nur auf sechs Monate vermieten.

»Wenn sie mir nur gefällt, und wenn ich sie wieder verlassen kann, sobald ich will, so werde ich gern für die sechs Monate vorausbezahlen.«

»Es ist ein herrlicher Saal darin.«

»Um so besser! Ich werde einen Ball geben, um der guten Gesellschaft Solothurns meine Dankbarkeit für ihre wohlwollende Aufnahme zu bezeigen.«

»Ist es Ihnen recht, wenn wir sie morgen besichtigen?«

»Sehr gern.«

»Nun, wenn es Ihnen also recht ist, werde ich Sie gegen acht Uhr abholen.«

»Sie werden mich bereit finden.«

Als ich nach Hause kam, bestellte ich eine Berline mit vier Pferden. Vor acht Uhr begab ich mich zu Herrn von ***, den ich schon bereit fand. Er fühlte sich sehr geschmeichelt, daß ich ihm zuvorgekommen war, und sagte mir: »Ich habe meine Frau eingeladen, uns zu begleiten; aber sie ist eine Faulenzerin, die ihr Bett dem Vergnügen einer Spazierfahrt vorzieht.« In weniger als einer Stunde gelangten wir ans Ziel, und ich fand ein herrliches Haus, das groß genug war, um den ganzen Hof eines deutschen Reichsfürsten darin unterzubringen. Außer dem Saale, den ich prachtvoll fand, bemerkte ich mit großem Vergnügen ein als Boudoir eingerichtetes Kabinett, dessen Wände ganz mit Kupferstichen von feinstem Geschmack bedeckt waren, einen schönen Garten mit verschiedenen Springbrunnen, ein Gemach, das sich sehr gut zum Baden einrichten ließ, mehrere schöne, sehr gut möblierte Zimmer, eine schöne Küche – mit einem Wort: alles gefiel mir, und ich bat Herrn von ***, den Vertrag für mich abzuschließen, so daß ich schon am dritten Tage einziehen könnte.

Als wir wieder in Solothurn waren, sprach die gnädige Frau mir ihre große Freude aus, daß das Haus mir gefalle. Ich benutzte die Gelegenheit, ihr zu sagen, ich hoffe, Sie würden mir die Ehre erweisen, dort draußen oft bei mir zu speisen. Sie versprachen es mir. Hierauf zog ich aus der Westentasche eine Rolle von hundert Louis und übergab sie dem Herrn von ***, um die Miete für sechs Monate zu zahlen. Ich umarmte ihn, küßte seiner schönen Gemahlin ehrfurchtsvoll die Hand und begab mich zu Herrn von Chavigny. Er fand es sehr gut, daß ich das Haus gemietet hätte, weil ich damit meiner Schönen einen Gefallen täte, aber er fragte mich: »Ist es wahr, daß Sie draußen einen Ball geben wollen?«

»Sehr wahr – wenn ich alles finden kann, was nötig ist, um ihn glänzend zu machen, und wenn der Plan Ihre Zustimmung hat.«

»Das steht außer Frage, mein Lieber; alles was Sie nicht hier am Ort finden können, werden Sie von mir bekommen. Ah, ich sehe, Sie wollen Geld ausgeben! Gut so! Damit beseitigt man gar viele Hindernisse. Sie werden sofort zwei Lakaien erhalten, dazu einen vortrefflichen Koch, die Haushälterin und so viele Leute, wie Sie sonst noch brauchen. Mein Haushofmeister wird sie bezahlen; Sie rechnen dann mit ihm ab; er ist ein ehrlicher Mann. Ich werde zuweilen mal bei Ihnen einen Teller Suppe essen, und zur Belohnung für die Mühe der Fahrt werden Sie mir von Ihren Erfolgen erzählen. Ich halte die reizende Frau in hoher Achtung; sie benimmt sich so vorzüglich, wie man von ihrem jugendlichen Alter kaum erwarten sollte. Die Liebesbeweise, die sie Ihnen gibt, müssen sie Ihnen so teuer machen, daß Sie gewiß auf ihren guten Ruf Rücksicht nehmen werden. Weiß sie, daß ich in alles eingeweiht bin?«

»Sie weiß, daß ich Ihnen von unserer Liebe erzählt habe, und sie ist nicht böse darüber, denn sie ist Ihrer Verschwiegenheit gewiß.«

»Sie kann darauf rechnen. Sie ist ein köstliches Weib; vor dreißig Jahren würde ich selber versucht haben, sie zu verführen.«

Ein Apotheker, den der Doktor mir empfohlen hatte, ging noch an demselben Tage nach meinem Landhause, um die Bäder zurecht zu machen, die mich von meiner vorgeblichen Krankheit heilen sollten. Am dritten Tage fuhr ich selber hinaus, nachdem ich Leduc befohlen hatte, mir mit meinen Sachen nachzukommen.

Ich war sehr überrascht, beim Eintritt in meine neue Wohnung eine sehr hübsche Person vorzufinden, die in bescheidener Haltung auf mich zutrat, um mir die Hand zu küssen. Ich hielt sie davon ab, und sie errötete über das erstaunte Gesicht, das ich machte.

»Gehören Sie zum Hause, Fräulein?«

»Der Haushofmeister des Herrn Botschafters hat mich als Ihre Haushälterin engagiert.«

»Entschuldigen Sie meine Überraschung. Führen Sie mich bitte in mein Zimmer.«

Sie gehorchte, und als ich auf dem Sofa saß, lud ich sie ein, neben mir Platz zu nehmen; sie antwortete jedoch im sanftesten und bescheidensten Ton: »Dies ist eine Ehre, die ich mir nicht erlauben darf; ich bin nur Ihre Dienerin.«

»Wie Sie wünschen, Fräulein. Aber ich hoffe, wenn ich allein bin, werden Sie keinen Anstand nehmen, mir bei Tische Gesellschaft zu leisten; denn es ist mir unangenehm, allein essen zu müssen.«

»Ich werde Ihnen gehorchen, mein Herr.«

»Wo ist Ihr Zimmer?«

»Hier ist das Zimmer, das der Haushofmeister mir angewiesen hat, aber gnädiger Herr brauchen es mir nur zu sagen, wenn Sie wünschen, daß ich ein anderes nehme.«

»Aber nein doch! Sie werden hier sehr gut aufgehoben sein.«

Ihr Zimmer lag hinter meinem Alkoven. Ich trat mit ihr ein und war ganz verdutzt, als ich eine große Menge Kleider und in einer anstoßenden Kammer eine reiche Toiletteausrüstung, viele Wäsche, Schuhe, Stiefel und gestickte Pantoffeln erblickte. Stumm vor Erstaunen sah ich sie an und fand, daß sie eine edle und selbstbewußte, aber durchaus geziemende Haltung hatte. Trotzdem hielt ich es für angebracht, sie einer strengen Prüfung zu unterziehen, denn sie kam mir zu interessant und zu gut ausgerüstet vor, um nur eine Kammerfrau sein zu können. Ich kam auf den Gedanken, daß der Botschafter mir vielleicht einen Streich hätte spielen wollen; denn eine schöne, wohlerzogene Person von höchstens vier- bis fünfundzwanzig Jahren schien mehr zu meiner Geliebten als zu meiner Haushälterin geschaffen zu sein. Ich fragte sie daher, ob sie den Gesandten kenne und welchen Lohn man mit ihr vereinbart habe. Sie antwortete mir, sie kenne Herrn von Chavigny nur von Ansehen, und sein Haushofmeister habe ihr zwei Louis monatlich und eigenen Tisch versprochen.

»Woher sind Sie? Wie heißen Sie?«

»Mein Herr, ich bin aus Lyon, Witwe und heiße Dubois.«

»Ich bin sehr erfreut, Sie in meinem Dienst zu haben. Wir werden uns wiedersehen.«

Sie ließ mich allein, und ich fand sie unwillkürlich sehr interessant, denn ihre Sprechweise entsprach allem anderen, was ich von ihr gesehen hatte. Ich ging in die Küche hinunter, wo ich einen gut aussehenden Koch fand, der mir sagte, er heiße Rosier. Ich hatte seinen Bruder gekannt, der im Dienst des französischen Gesandten in Venedig stand. Er sagte mir, mein Abendessen würde um neun Uhr fertig sein.

»Ich esse niemals allein,« sagte ich.

»Ich weiß es, mein Herr, und der Tisch wird dementsprechend besetzt sein.«

»Wieviel erhalten Sie?«

»Vier Louis monatlich.«

Hierauf sah ich mir auch meine anderen Leute an. Ich fand zwei intelligent aussehende Lakaien, von denen der eine mir sagte, er würde mir alle von mir gewünschten Weine besorgen. Ich besichtigte auch mein Bad, das ich aufs bequemste eingerichtet fand, und sah einen Apothekergehilfen, der damit beschäftigt war, verschiedene für meine sogenannte Heilung notwendige Sachen zurecht zu machen. Hierauf machte ich einen Spaziergang im Garten und trat auf dem Rückweg beim Pförtner ein; ich fand da eine zahlreiche Familie und darunter einige Mädchen, die nicht zu verachten waren. Da zu meiner Freude alle französisch sprachen, machte es mir Vergnügen, mich ziemlich lange mit ihnen zu unterhalten.

In meiner Wohnung fand ich Leduc damit beschäftigt, meine Koffer auszupacken. Ich sagte ihm, er solle Frau Dubois meine Wäsche geben, und ging in ein anstoßendes hübsches Kabinett, worin ich ein Schreibpult und alles Nötige zum Schreiben fand. Dieses Kabinett hatte nur ein einziges Fenster nach Norden hinaus, aber man hatte eine Aussicht, die einem die glücklichsten Gedanken einflößen konnte. Ich erheiterte mich an dem herrlichen Anblick, als ich an meine Tür klopfen hörte. Es war meine schöne Haushälterin mit bescheidener und lachender Miene, die durchaus nicht darauf schließen ließ, daß sie sich beschweren wollte.

»Was wünschen Sie, Madame?«

»Mein Herr, ich bitte Sie, gütigst Ihrem Bedienten zu befehlen, daß er sich höflich gegen mich benimmt.«

»Dies können Sie verlangen; inwiefern hat er sich gegen Sie verfehlt?

»Seiner Ansicht nach vielleicht überhaupt nicht. Er wollte mich küssen, und da ich mich zur Wehre setzte, glaubte er sich herausnehmer zu dürfen, ein bißchen unverschämt zu sein.«

»Inwiefern?«

»Indem er sich über mich lustig machte. Sie werden entschuldigen mein Herr, aber ich liebe spöttische Menschen nicht.«

»Sie haben ganz recht, meine Gute, denn die sind entweder dumm oder boshaft. Seien Sie ruhig, Leduc soll hören, daß er gegen Sie ehrerbietig zu sein hat. Sie werden mit mir zu Abend speisen.«

Als einige Augenblicke darauf Leduc eintrat, befahl ich ihm, Frau Dubois mit Achtung zu behandeln.

»Sie ist eine Zimperliese,« sagte der Bursche; »sie wollte sich nicht von mir küssen lassen.«

»Du bist ein Flegel.«

«Ist sie Ihre Kammerfrau oder Ihre Geliebte?«

»Vielleicht ist sie meine Frau.«

»Das ändert die Sache, gnädiger Herr. Das genügt. Ich werde Frau Dubois in Ruhe lassen und mein Heil anderwärts versuchen.«

Mein Abendessen war köstlich. Ich war zufrieden mit meinem Koch, mit meinem Kellermeister, mit meiner Haushälterin und sogar mit meinem Spanier, der sie bei Tisch als vernünftiger Junge ohne alle Ziererei bediente.

Nach dem Essen ließ ich den Lakaien und Leduc hinausgehen; als ich mit meiner allzu schönen Haushälterin allein war, die sich bei Tisch wie eine Frau von Welt benommen hatte, bat ich sie, mir ihre Geschichte zu erzählen.

»Meine Geschichte, mein Herr, ist ebenso kurz wie wenig interessant. Ich bin in Lyon geboren, aber meine Eltern brachten mich nach Lausanne, wie sie mir selbst erzählt haben, denn ich war zu jung, als daß ich mich dessen erinnern könnte. Mein Vater, der in Diensten der Frau von Ermance stand, ließ mich im Alter von vierzehn Jahren als Waise zurück. Die Dame hatte mich gern, und da sie wußte, daß meine Mutter kein Vermögen hatte, so nahm sie mich zu sich. Als ich eben siebzehn Jahre alt geworden war, trat ich als Kammerzofe in den Dienst der Lady Montagu; einige Zeit darauf wurde ich die Frau ihres alten Kammerdieners Dubois. Wir reisten nach England, und drei Jahre nach meiner Heirat verlor ich in Windsor meinen Mann. Die englische Luft bedrohte mich mit der Schwindsucht; ich mußte Mylady bitten, sie verlassen zu dürfen. Da die Dame sah, wie schwach ich war, bezahlte sie mir die Reise und gab mir reiche Geschenke. Ich ging nach Lausanne zu meiner Mutter zurück und wurde bald wieder gesund. Dann trat ich in den Dienst einer englischen Dame, die mich sehr gern hatte und mich nach Italien mitgenommen haben würde, wenn sie nicht einen gewissen Verdacht auf den jungen Herzog von Rosbury geworfen hätte. Sie liebte ihn und glaubte, er sei in mich verliebt. Sie hielt mich auch für ihre geheime Nebenbuhlerin; aber sie täuschte sich. Sie entließ mich, indem sie mir sehr schöne Geschenke machte und mir ihr großes Bedauern aussprach, daß sie mich nicht behalten könnte. Ich ging zu meiner Mutter zurück, bei der ich zwei Jahre lang von meiner Hände Arbeit gelebt habe. Vor vier Tagen kam Herr Lebel, der Haushofmeister des Botschafters, zu mir und fragte mich, ob ich unter den Ihnen bekannten Bedingungen bei einem italienischen Herrn als Haushälterin eintreten wolle. Ich nahm dies an, weil ich hoffte, auf diese Weise Italien kennen zu lernen, und dieser Hoffnung muß ich meinen unbesonnenen Streich zuschreiben. Aber – ich bin nun einmal hier.«

»Von welchem unbesonnenen Streich sprechen Sie, Madame?«

»Daß ich in Ihren Dienst getreten bin, ohne Sie zu kennen.«

»Ihre Offenheit gefällt mir. Sie wären also nicht gekommen, wenn Sie mich gekannt hätten?«

»Nein, ganz gewiß nicht; denn ich werde keine Stelle mehr bei einer Dame finden, nachdem ich bei Ihnen gedient habe.«

»Und warum denn nicht, bitte?«

»Aber, mein Herr, glauben Sie denn, Sie können eine Haushälterin wie mich haben, ohne daß das Publikum glaubt, ich sei Ihnen etwas anderes?«

»Nein, dazu sind Sie zu hübsch, und ich sehe nicht wie ein Polyp aus. Aber ich mache mir nichts daraus.«

»Sie machen sich nichts daraus – das ist ganz schön und gut; an Ihrer Stelle würde ich mir auch nichts daraus machen. Aber ich bin eine Frau und bin abhängig; glauben Sie, daß ich mich ohne Schaden über gewisse Vorurteile hinwegsetzen kann?«

»Das heißt, Frau Dubois, es wäre Ihnen lieb, nach Lausanne zurückzukehren.«

»Nein, jetzt nicht; denn das würde Ihnen schaden.«

»Wieso?«

»Man würde natürlich sagen, Sie hätten mir durch Bemerkungen oder durch ein zu freies Benehmen mißfallen; und Sie selber würden vielleicht über mein Benehmen nicht sehr günstig urteilen.«

»Aber ich bitte Sie, was könnte ich denn von Ihnen glauben?«

»Vielleicht, daß ich mich Ihnen gegenüber aufspielen wolle.«

»Dies wäre wohl möglich; denn wenn Sie ohne vernünftigen Grund plötzlich fortgingen, so würde mich das allerdings sehr ärgern. Trotzdem tun Sie mir leid; denn wenn Sie so denken, können Sie weder gerne gehen noch gerne bleiben. Sie müssen aber doch irgendeinen Entschluß fassen.«

»Der ist schon gefaßt. Ich bleibe, und ich fühle mich beinahe schon sicher, daß mir dies nicht leid tun wird.«

»Ihre Hoffnung freut mich; aber es ist eine Schwierigkeit dabei.«

»Wollen Sie mir wohl sagen, welche?«

»Ich muß es sogar, meine liebe Dubois. Seien Sie nicht mehr traurig, und vor allen Dingen geben Sie gewisse Skrupel auf.«

»Sie werden mich niemals traurig sehen, das kann ich Ihnen versprechen. Aber wollen Sie mir wohl erklären, was Sie unter dem Wort Skrupel verstehen?«

»Sehr gern. Nach der gewöhnlichen Annahme bedeutet das Wort Skrupel eine abergläubische Bosheit, die eine Handlung, welche nur unschuldig sein kann, für lasterhaft hält.«

»Wenn eine Handlung mir zweifelhaft erscheint, bin ich niemals geneigt, sie übel auszulegen. Übrigens gebietet meine Pflicht mir nur, über mich zu wachen.«

»Ich sehe, Sie haben viel gelesen.«

»Lesen ist mein Hauptbedürfnis; ohne Lesen würde das Leben mir zur Last sein.«

»Sie besitzen also Bücher?«

»Viele. Verstehen Sie englisch?«

»Kein Wort.«

»Das tut mir leid, denn die englischen Bücher würden Ihnen Vergnügen machen.«

»Ich liebe die Romane nicht.«

»Ich auch nicht. Aber glauben Sie denn, es gebe in der englischen Literatur nur Romane? Da muß ich lachen! Warum halten Sie mich denn ohne weiteres für romanhaft?«

»Da muß ich ebenfalls lachen! Ein solcher Einfall einer hübschen Frau gefällt mir sehr, und es freut mich, daß ich Sie zuerst zum Lachen gebracht habe.«

»Entschuldigen Sie, wenn ich lache; ich ...«

»Aber bitte, meine Liebe! Lachen Sie nur nach Herzenslust! Sie werden niemals ein besseres Mittel finden, um mich zu allem zu bringen, was Sie wünschen. Ich finde wirklich, Sie haben sich zu billig verdungen.«

»Oh, mein Herr, auch darüber muß ich lachen, denn es steht ja bei Ihnen, meinen Lohn zu erhöhen.«

»Ich fühle wohl, ich werde ihn erhöhen.«

Ich stand vom Tisch auf. Ich war nicht verliebt, aber überrascht über diese junge Frau, die allem Anschein nach mich bei meiner schwachen Seite zu fassen verstand. Sie verstand zu sprechen und hatte mich gleich bei diesem ersten Gespräch so ziemlich in den Grund gebohrt. Da sie jung, schön, elegant, geistreich und von sehr vornehmem Wesen war, so konnte ich nicht ahnen, was sie noch mit mir anstellen würde. Es drängte mich, mit diesem Herrn Lebel zu sprechen, um ihm dafür zu danken, daß er mir ein solches Wunder verschafft hatte, noch mehr aber, um ihn über die Frau auszufragen.

Nachdem der Tisch abgeräumt worden war, kam sie herein und fragte mich, ob ich Papierwickel trüge.

»Das hat Leduc zu besorgen,« antwortete ich; »aber wenn Sie es wünschen, will ich Ihnen gern den Vorzug geben.«

Sie legte mir die Haarwickel sehr geschickt, und ich sagte zu ihr: »Ich sehe voraus. Sie werden mich bedienen, wie Sie früher Lady Montagu bedienten.«

»Nicht ganz. Aber da Sie Traurigkeit nicht lieben, muß ich Sie um eine Gnade bitten.«

»Bitten Sie, meine Liebe!«

»Ich bitte Sie, nicht zu verlangen, daß ich Sie im Bade bediene.«

»Auf Ehre, daran habe ich wirklich nicht gedacht, meine Liebe. Das wäre ja ein Skandal! Leduc hat das zu besorgen.«

»Verzeihen Sie mir, und gewähren Sie mir eine zweite Bitte!«

»Sagen Sie nur frei heraus, was Sie wünschen!«

»Gestatten Sie, daß ich eine von den Töchtern des Pförtners bei mir schlafen lasse.«

»Wenn ich daran gedacht hätte, würde ich selber es Ihnen vorgeschlagen haben. Ist sie in Ihrem Zimmer?«

»Nein.«

»Rufen Sie sie!«

»Lassen wir es bis morgen; denn wenn ich jetzt hinginge, könnte man darüber schwatzen.«

»Ich sehe, Sie sind tugendhaft, meine reizende Dubois; seien Sie versichert, ich werde Sie nicht daran hindern, es auch fernerhin zu bleiben.«

Sie half mir beim Auskleiden und mußte mich sehr bescheiden finden; aber ich konnte nicht umhin, mir zu gestehen, daß ich es nicht aus Tugend war. Mein Herz war von einer anderen eingenommen, und Frau Dubois hatte mir imponiert; vielleicht machte sie sich über mich lustig, aber hierüber dachte ich nicht weiter nach.

Als ich am Morgen nach Leduc schellte, trat er mit den Worten ein, er hätte nicht gehofft, daß er die Ehre haben würde.

»Du bist ein Flegel; halte sofort nach meinem Bade zwei Tassen Schokolade bereit.«

Nachdem ich mein erstes kaltes Bad genommen hatte, das ich köstlich fand, legte ich mich wieder zu Bett. Frau Dubois trat in einem eleganten Morgenkleide und lächelnden Mundes bei mir ein.

»Sie sehen ja so fröhlich aus, meine schöne Haushälterin!«

»Ich bin es auch; denn ich fühle mich glücklich, zu Ihnen gekommen zu sein. Ich habe gut geschlafen, und in meinem Zimmer habe ich ein engelschönes Mädchen, das von nun an bei mir schlafen wird.«

»Lassen Sie sie hereinkommen.«

Sie rief, und ich sah ein scheues, häßliches Ding, von dem ich schnell den Blick abwandte.

»Sie haben keine Nebenbuhlerin haben wollen, meine Liebe; aber wenn sie Ihnen recht ist, so bin ich ganz einverstanden. Sie werden mit mir frühstücken, und ich lade Sie ein, jeden Morgen eine Tasse ausgezeichneter Schokolade mit mir zu trinken.«

»Das tue ich außerordentlich gern, denn ich liebe die Schokolade sehr.«

Der Nachmittag verging sehr angenehm. Herr von Chavigny verbrachte mehrere Stunden bei mir. Er war mit allem zufrieden, besonders mit der schönen Haushälterin, von welcher Lebel ihm gar nichts gesagt hatte. »Sie ist«, sagte er, »ein ausgezeichnetes Mittel, Sie von der Liebe zu heilen, die Frau von *** Ihnen eingeflößt hat.«

»Sie irren sich. Sie könnte mir wohl Liebe einflößen, aber ohne mich von jener zu heilen, die ich für meine Zauberin empfinde.«

Am nächsten Tage sah ich im Augenblick, da ich mich mit meiner Haushälterin zu Tisch setzen wollte, einen Wagen auf den Hof fahren und meine greuliche Hinkende aussteigen. Mir war dies sehr unangenehm, indessen zwang mich die Höflichkeit, ihr entgegenzugehen und sie zu begrüßen.

»Die Ehre, die Sie mir erweisen, gnädige Frau, ist mir gänzlich unerwartet.«

»Dies wundert mich nicht. Ich möchte Sie um einen Dienst und um ein Mittagessen bitten.«

»Bitte, treten Sie ein; es wird grade eben aufgetragen. Ich stelle Ihnen Frau Dubois vor.«

Hiermit wandte ich mich zu meiner reizenden Haushälterin und sagte ihr, die Dame werde mit uns speisen.

Frau Dubois spielte die Hausfrau und machte ganz ausgezeichnet die Honneurs; die Hinkende betrug sich trotz ihrem Adelstolz sehr gut gegen sie. Ich sprach während der Mahlzeit keine zwanzig Worte und behandelte die abscheuliche Person ohne alle Rücksicht; indessen war ich ungeduldig, zu erfahren, was für einen Dienst sie wohl von mir erwarten könnte. Sobald Frau Dubois hinausgegangen war, sagte sie mir ohne Umschweife, sie bäte mich, ihr für drei Wochen oder höchstens einen Monat zwei Zimmer abzutreten.

Überrascht ob einer solchen Frechheit sagte ich ihr, dies wäre ein Dienst, den ich ihr unmöglich leisten könnte.

»Sie können ihn mir nicht verweigern, denn die ganze Stadt weiß, daß ich eigens hinausgefahren bin, um Sie darum zu bitten.«

»Nun, potzblitz, so wird die ganze Stadt erfahren, daß ich Ihnen die Bitte abgeschlagen habe. Ich will allein sein, völlig allein, und will meine volle Freiheit haben. Jede Art von Gesellschaft würde mich belästigen.«

»Ich werde Sie in keiner Weise belästigen, und es steht nur bei Ihnen, meinen Aufenthalt unter Ihrem Dach völlig unbeachtet zu lassen. Ich werde es Ihnen durchaus nicht übel nehmen, wenn Sie sich nicht nach meinem Befinden erkundigen, und werde mich nicht nach dem Ihrigen erkundigen, selbst wenn Sie wirklich krank sein sollten. Ich werde mir von meiner Magd in der kleinen Küche mein Essen bereiten lassen, und werde mich nur dann in den Garten begeben, wenn ich sicher bin, daß Sie nicht dort sind. Sagen Sie mir jetzt, ob die einfachste Höflichkeit Ihnen gestattet, mir meine Bitte abzuschlagen.«

»Wenn die einfachsten Gebote des Anstandes Ihnen vertraut wären, Madame, so würden Sie nicht darauf bestehen, von mir einen Dienst zu verlangen, den ich Ihnen in aller Form verweigert habe, was ich hiermit wiederhole.«

Sie schwieg, aber meine Worte hatten offenbar keinen Eindruck gemacht. Mir war zumute, wie wenn ich ersticken sollte. Ich ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab und dachte daran, sie als eine Verrückte hinauswerfen zu lassen. Dann dachte ich jedoch daran, daß sie Verwandte hatte, die in der Gesellschaft einen hohen Rang einnahmen, und daß ich durch schonungslose Behandlung sie zu einer Feindin machen konnte, die imstande wäre, eine schreckliche Rache auszuüben; und daß endlich Frau von *** vielleicht alle gewaltsamen Entschlüsse gegen die Megäre mißbilligen könnte. Ich sagte daher zu ihr: »Nun gut, gnädige Frau, Sie sollen die Wohnung haben, die Sie auf so zudringliche Weise verlangen, und eine Stunde, nachdem Sie hier eingetroffen sind, werde ich nach Solothurn zurückkehren.«

»Ich nehme die Wohnung an und werde übermorgen einziehen. Ihre Drohung, nach Solothurn zurückzukehren, macht auf mich keinen Eindruck; denn die ganze Stadt würde Sie auslachen.«

Nach dieser unverschämten Bemerkung stand sie auf und verließ das Zimmer, ohne mich zu grüßen. Ich ließ sie hinausgehen, ohne mich vom Fleck zu rühren. Ich war wie betäubt. Einen Augenblick nachher bereute ich, nachgegeben zu haben, denn ihre freche Zumutung war beispiellos. Ich fand mich dumm und lächerlich. Ich hätte die Sache scherzhaft nehmen sollen; ich konnte ihr auf feine Art die Tür weisen, ihr sagen, sie sei toll, und sie zum Verlassen meines Hauses nötigen, indem ich alle meine Leute zu Zeugen anrief.

Meine liebe Dubois kam herein; ich erzählte ihr die Geschichte, über die sie ganz starr war. Sie sagte: »Ein Verlangen solcher Art ist unwahrscheinlich, und Ihre Einwilligung in eine derartige Erpressung ist ebenso unwahrscheinlich, es sei denn, daß Sie ganz bestimmte Gründe hätten.«

Sie hatte vollkommen recht; da ich sie jedoch nicht in die Verhältnisse einweihen wollte, so beschloß ich zu schweigen und ging aus, um meiner Galle Luft zu machen. Ermüdet kam ich nach Hause; denn ich hatte einen starken Spaziergang gemacht. Ich aß mit der Dubois zu Abend, und wir blieben bis nach Mitternacht bei Tisch. Ihre Unterhaltung gefiel mir immer mehr; sie war sehr fein gebildet, sprach gewandt und erzahlte mit reizender Anmut eine Menge Anekdoten und Witze. Sie hatte keine Vorurteile, wohl aber Grundsätze. Ihre Sittsamkeit beruhte mehr auf Grundsätzen, als auf Tugend; aber wenn sie nicht ein starkes Ehrgefühl gehabt hätte, würden ihre Grundsätze sie nicht gegen die Verirrungen der Leidenschaft und gegen die Verführung des Lasters geschützt haben.

Der Auftritt mit der schamlosen Hinkenden hatte mich dermaßen aufgeregt, daß ich mich nicht enthalten konnte, am nächsten Morgen in aller Frühe zu Herrn von Chavigny zu fahren und ihm die Geschichte zu erzählen. Ich sagte Frau Dubois, sie möchte nicht auf mich warten, wenn ich zum Mittagessen nicht zurück wäre.

Herr von Chavigny hatte bereits von der Hinkenden erfahren, daß sie mich aufsuchen wollte; aber er lachte laut auf, als er hörte, wie sie es angefangen hatte, um ihren Zweck zu erreichen.

»Eure Exzellenz finden dies komisch; aber ich nicht.«

»Ich sehe es; aber folgen Sie meinem Rat und tun Sie, wie wenn Sie zuerst darüber lachten. Benehmen Sie sich in allem, wie wenn Sie gar nicht wüßten, daß sie Ihre Nachbarin ist, und sie wird genügend bestraft sein. Man wird natürlich sagen, daß sie in Sie verliebt sei und daß Sie sie verschmäht haben. Erzählen Sie diese scherzhafte Geschichte Herrn von *** und bleiben Sie ohne Umstände zum Essen bei ihm. Ich habe mit Lebel über Ihre schöne Haushälterin gesprochen. Der gute Mann hat sich nichts Böses dabei gedacht. Als er nach Lausanne reiste, hatte ich ihm gerade eine Stunde vorher den Auftrag gegeben, Ihnen eine gute Haushälterin zu besorgen; unterwegs fiel ihm dies ein, er dachte an die ihm bekannte Frau Dubois, und die Sache kam ohne irgendeine Absichtlichteit zustande. Sie ist für Sie ein Glücksfund, ein wahres Kleinod; denn wenn Sie neugierig auf sie wären, so wird sie, denke ich, Sie nicht schmachten lassen.«

»Das ist nicht sicher; sie scheint Grundsätze zu haben.«

»Nun, ich denke, Sie werden sich dadurch nicht anführen lassen. Ich lade mich zu morgen ein, bei Ihnen selbdritt zu speisen, und werde sie mit Vergnügen plaudern hören.«

Herr von *** empfing mich auf das freundschaftlichste und wünschte mir Glück zu der schönen Eroberung, die meinen Landaufenthalt zu einer Zeit der Wonne machen müsse. Ich ging natürlich auf den Scherz ein, und tat dies um so lieber, da auch die Frau mir die gleichen Komplimente machte, obgleich sie die Wahrheit ahnte. Aber ihre liebenswürdigen Scherze nahmen bald eine andere Richtung, als ich ihnen die Geschichte ausführlich erzählte. Sie erbleichten vor Entrüstung, und Herr von *** sagte mir: wenn sie mir wirklich lästig wäre, so läge es nur an mir, ihr durch die Regierung den Befehl zustellen zu lassen, mein Haus nicht mehr zu betreten.

Ich antwortete hierauf: »Dieses Mittels will ich mich nicht bedienen; denn abgesehen davon, daß ich sie entehren würde, so wäre es auch ein Zeichen meiner Schwäche; denn schließlich muß doch jeder wissen, daß ich in meinem Hause Herr bin, und daß es ohne meine Einwilligung ihr unmöglich sein würde, sich an einem Ort festzusetzen, wo ich allein zu befehlen habe.«

»Dies ist auch meine Meinung,« sagte Frau von ***; »ich gebe Ihnen recht, daß Sie ihrem zudringlichen Verlangen nachgegeben haben. Dies beweist Ihre Höflichkeit. Ich werde ihr einen Besuch machen und ihr zu der guten Aufnahme Glück wünschen; denn sie hat mich von dem Erfolg ihres Schrittes in Kenntnis gesetzt.«

Ich sprach nicht mehr davon und nahm ihre Einladung zum Mittagessen an. Ich benahm mich freundschaftlich, aber mit jener auserlesenen Höflichkeit, die dem Verdacht keinen Raum läßt; der Gatte schöpfte denn auch keinen.

Die liebenswürdige Fee fand eine Gelegenheit, mir unbemerkt zu sagen, ich hätte wohl daran getan, dem frechen Verlangen der greulichen Hexe nachzugeben; wenn Herr von Chauvelin wieder abgereist wäre, könnte ich ihren Gatten einladen, einige Tage bei mir zu verbringen, und ohne Zweifel werde sie auch dabei sein. »Die Frau ihres Pförtners ist meine Amme; ich erweise ihr Wohltaten und kann nötigenfalls durch sie ohne Gefahr Ihnen schreiben.«

Nachdem ich zwei italienischen Jesuiten, die auf der Durchreise in Solothurn waren, einen Besuch gemacht und sie für den nächsten Tag zum Essen eingeladen hatte, fuhr ich nach Hause, wo die reizende Dubois mich bis Mitternacht durch philosophische Gespräche unterhielt. Sie liebte Locke. Sie sagte, die Fähigkeit des Denkens sei kein Beweis für das geistige Wesen unserer Seele, denn es stehe in Gottes Macht, unserer körperlichen Organisation die Fähigkeit des Denkens zu verleihen, und ich konnte ihr nicht widersprechen. Ich mußte herzlich lachen, als sie mir sagte, zwischen denken und richtig urteilen sei ein großer Unterschied, und erkühnte mich ihr zu sagen: »Ich denke, Sie würden richtig urteilen, wenn Sie sich überreden würden, bei mir zu schlafen; und Sie glauben richtig zu urteilen, wenn Sie sich nicht darauf einlassen.«

»Glauben Sie mir, mein Herr,« antwortete sie, »zwischen der Vernunft des Mannes und der des Weibes ist ein ebenso großer Unterschied, wie zwischen der körperlichen Beschaffenheit der beiden Geschlechter.«

Am nächsten Morgen um neun Uhr tranken wir gerade unsere Schokolade, als die Hinkende ankam. Ich hörte ihren Wagen, aber ich rührte mich nicht von der Stelle. Das häßliche Geschöpf schickte den Wagen wieder fort und richtete sich mit einer Kammerfrau in der Wohnung ein.

Ich hatte Leduc nach Solothurn geschickt, um meine Briefe von der Post abzuholen, und mußte daher meine Haushälterin bitten, mich zu frisieren; sie machte dies ausgezeichnet, als ich ihr gesagt hatte, daß wir den Herrn Botschafter und die beiden Jesuiten zu Tisch haben würden. Ich dankte ihr, indem ich sie zum erstenmal auf die Wange küßte, denn sie erlaubte mir nicht, ihre schönen Lippen zu berühren. Ich fühlte, daß die Liebe durch alle Poren in uns eindrang; aber wir blieben vernünftig, was ihr wegen der dem schönen Geschlecht angeborenen Koketterie weniger schwer wurde als mir; denn diese Koketterie ist oft mächtiger als die Liebe.

Herr von Chavigny kam um zwei Uhr. Ich hatte die Jesuiten nur mit seiner Einwilligung eingeladen und hatte ihnen meinen Wagen geschickt. Bis die Herren kamen, gingen wir spazieren, und Herr von Chavigny bat meine hübsche Haushälterin, uns nachzukommen, sobald sie einige kleine Haushaltungsgeschäfte erledigt hätte, die sie in dem Augenblicke verhinderten, das Haus zu verlassen.

Herr von Chavigny war einer von den Männern, die Frankreich aufsparte, um sie in geeignetem Augenblick zu solchen Mächten zu schicken, die es verführen und in sein Interesse ziehen wollte. Ein solcher Mann war Herr de l'Hôpital, der das Herz der Kaiserin Elisabeth Petrowna zu gewinnen wußte; ein solcher Mann war auch der Herzog von Nivernois, der im Jahre 1762 das Kabinett von St.-James nach seinem Gefallen lenkte.

Frau Dubois, die uns inzwischen eingeholt hatte, unterhielt uns sehr angenehm, und Herr von Chavigny sagte, er finde an ihr alle Eigenschaften, um einen Mann glücklich zu machen. Sie bezauberte ihn vollends, als sie bei Tisch die beiden Jesuiten durch die feinsten und geistreichsten Scherze ins Gedränge brachte. Am Abend sagte der wundervolle alte Herr zu mir, er habe einen glücklichen Tag verbracht; nachdem er mich noch eingeladen hatte, während des Aufenthaltes des Herrn von Chauvelin bei ihm zu speisen, und mich herzlich umarmt hatte, fuhr er ab.

Herr von Chauvelin, den ich in Versailles beim Herrn Herzog von Choiseul kennen zu lernen die Ehre gehabt hatte, war ein sehr liebenswürdiger Mann. Er kam zwei Tage darauf in Solothurn an, und da der Botschafter mir Bescheid sagen ließ, beeilte ich mich, ihm meine Aufwartung zu machen. Er erkannte mich wieder und stellte mich seiner Gemahlin vor, die ich noch nicht die Ehre hatte zu kennen. Da ich bei Tisch zufällig neben meiner Schönen saß, geriet ich in fröhliche Stimmung und erzählte eine Menge scherzhafter Sachen, die alle Anwesenden in heitere Laune versetzten. Als Herr von Chauvelin bemerkte, er wisse mehrere hübsche Geschichtchen über mich, sagte Herr von Chavigny ihm, die schönste kenne er noch nicht, und erzählte mein Züricher Abenteuer. Herr von Chauvelin sagte zu Frau von ***: um sie zu bedienen, würde er sogar zum Lakaien werden, worauf Herr von *** das Wort ergriff und ihm sagte, ich hätte einen viel feineren Geschmack, denn die Dame, um derenwillen ich den Kellner gespielt hätte, wohne in meinem Landhause unter einem Dache mit mir.

»Nun, Herr Casanova,« rief Herr de Chauvelin, »da kommen wir alle hinaus und machen Ihnen einen Besuch.« Ich wollte ihm antworten, Herr von Chavigny kam mir jedoch zuvor und sagte: »Ei, gewiß! Ich hoffe, er wird mir seinen schönen Saal leihen, um dort Sonntag einen Ball zu geben.«

Auf diese Weise verhinderte mich der liebenswürdige Hofkavalier, mich zu verpflichten, selber einen Ball zu geben, und entband mich von meinem prahlerischen Versprechen, das man mir übel ausgelegt haben würde, denn ich hätte damit in die Rechte des Botschafters eingegriffen, der allein seine erlauchten Gäste während der fünf oder sechs Tage des Solothurner Aufenthaltes bewirten durfte. Außerdem hätte meine Prahlsucht mich zu einer beträchtlichen Ausgabe verleitet, die für mich ganz zwecklos gewesen wäre.

Von Voltaire kam das Gespräch auf die Schottin, und man rühmte meine Nachbarin, die darüber errötete und schön wie ein Stern wurde, was zu neuen Lobpreisungen Anlaß gab.

Nach dem Essen lud der Gesandte uns alle für den nächsten Tag zum Ball ein. Ich fuhr nach meinem Landhause zurück, verliebter denn je in meine wunderbare Amazone, die der Himmel erschaffen hatte, um mir das schwerste Leid meines ganzen Lebens zu bereiten, wie der Leser bald sehen wird.

Ich fand meine Haushälterin schon zu Bett, und dies war mir lieb, denn die Nähe meiner schönen *** hatte mich dermaßen entflammt, daß meine Vernunft wahrscheinlich nicht imstande gewesen wäre, mich innerhalb der Schranken des Respekts zu halten. Am anderen Morgen fand sie mich traurig; aber sie eröffnete gegen mich eine Plänkelei, die meine Seele wieder heiter machte. Während wir die Schokolade tranken, ließ die Kammerfrau der Hinkenden sich melden und übergab mir einen Brief; ich schickte sie fort, indem ich ihr sagte, mein Bedienter würde ihrer Herrin die Antwort überbringen. Das eigentümliche Billet lautete folgendermaßen: »Der Herr Botschafter hat mich für Sonntag zum Ball einladen lassen. Ich habe antworten lassen, ich befände mich nicht wohl; sollte es mir jedoch gegen Abend besser gehen, so würde ich teilnehmen. Mir scheint, da ich bei Ihnen wohne, so muß ich von Ihnen selber eingeführt werden, oder darf überhaupt nicht erscheinen. Wenn Sie also keine Lust haben, mir dieses Vergnügen zu erweisen und mich auf den Ball zu führen, so bitte ich Sie, tun Sie mir den Gefallen und sagen Sie, daß ich krank sei. Entschuldigen Sie, daß ich geglaubt habe, in diesem ganz besonderen Falle gegen unsere Abmachungen verstoßen zu dürfen, denn es gilt doch, dem Publikum gegenüber zum mindesten den äußeren Schein zu wahren.«

»Nein!« rief ich, außer mir vor Entrüstung. Ich ergriff eine Feder und schrieb folgende Zeilen:

»Ich finde Ihre Ausrede köstlich, gnädige Frau. Man wird sagen, daß Sie krank seien, denn ich bleibe den Bedingungen getreu, die Sie selber aufgestellt haben, und da ich meiner vollen Freiheit genießen will, so werde ich nicht die Ehre haben, Sie auf den Ball zu führen, den der Herr Botschafter so freundlich ist, in meinem Saale geben zu wollen.«

Ich gab meiner Haushälterin den unverschämten Brief und meine Antwort zu lesen; sie fand, diese sei so, wie die freche Person sie verdiene. Hierauf schickte ich meinen Brief an die Adresse.

In köstlicher Ruhe verbrachte ich die beiden nächsten Tage zu Hause. Ich sah keinen Menschen; aber die Gesellschaft meiner lieben Dubois war vollkommen ausreichend. Am Sonntag kamen in aller Frühe die Leute des Gesandten, um die nötigen Vorbereitungen für den Ball und das Abendessen zu treffen. Als ich bei Tisch saß, kam Lebel, um mir seine Aufwartung zu machen. Ich ließ ihn Platz nehmen und dankte ihm für das schöne Geschenk, das er mir gemacht, indem er mir eine so vollkommene Haushälterin besorgt hätte. Lebel war ein schöner Mann, mittleren Alters, von heiterem, seinem Stande angemessenem Wesen, und ein vollkommener Ehrenmann.

»Wer von Ihnen beiden ist mehr eingegangen?« fragte er mich.

»Da ist von einem mehr oder weniger nicht die Rede,« sagte meine liebenswürdige Hausdame, »denn wir sind beide gleich sehr miteinander zufrieden.«

Zu meiner Freude waren Herr und Frau *** das erste Paar, das am Abend erschien. Sie war sehr nett gegen Frau Dubois und ließ nicht die geringste Überraschung merken, als ich ihr diese als meine Haushälterin vorstellte. Sie sagte mir, ich könnte nicht umhin, Sie zu der Hinkenden zu führen, und trotz meinem Widerstreben mußte ich ihr wohl gehorchen. Wir wurden mit dem Anschein herzlichster Freundschaft empfangen; die Hinkende ging mit uns in den Garten, um einen Spaziergang zu machen. Herr von *** reichte ihr seinen Arm, während meine Zauberin sich verliebt auf den meinigen stützte.

Nachdem wir ein paarmal um den Garten herumgegangen waren, bat Frau von *** mich, sie zu ihrer Amme zu führen. Da ihr Gemahl in der Nähe war, fragte ich sie: »Wer ist denn Ihre Amme, gnädige Frau?«

»Die Frau Ihres Pförtners,« beeilt der Gatte sich zu antworten; »wir werden bei der gnädigen Frau auf Sie warten.«

»Sagen Sie mir, lieber Freund,« fragte sie mich unterwegs, »ob Ihre hübsche Haushälterin nicht bei Ihnen schläft?«

»Nein! Ich schwöre es Ihnen! Ich kann nur Sie lieben.«

»Ich will es gerne glauben, obgleich es mir schwierig erscheint. Aber wenn Sie die Wahrheit sagen, tun Sie unrecht, sie zu behalten, denn kein Mensch wird es glauben.«

»Es genügt mir, wenn Sie überzeugt sind, daß ich Ihnen nichts vorlüge. Ich lasse der jungen Frau volle Gerechtigkeit widerfahren, und ich begreife, daß wir zu keiner anderen Zeit unter einem Dache schlafen könnten, ohne dasselbe Bett zu teilen; aber in dem Zustande, in den Sie mein Herz versetzt haben, kann ich nicht in sie verliebt werden.«

»Ich glaube es Ihnen herzlich gern, aber ich finde sie sehr hübsch!«

Wir traten bei der Amme ein, die sie ihr Töchterchen nannte und mit Liebkosungen überhäufte; hierauf ließ sie uns allein, um eine Limonade zu bereiten. Kaum waren wir allein, so preßte Mund sich auf Mund, und meine Hände betasteten tausend Schönheiten, die nur durch ein leichtes Tafftkleid verhüllt waren. Leider konnte ich sie nur durch diese Hülle hindurch genießen, die um so verräterischer war, da sie keinen von den Reizen des wonnigen Weibes verbarg. Ich bin überzeugt, die treffliche Amme hätte länger auf sich warten lassen, wenn sie geahnt hätte, wie sehr wir es nötig hatten, noch einige Augenblicke länger miteinander allein zu sein. Aber ach! niemals wurden zwei Limonaden schneller zubereitet!

»Sie war also schon fertig!« rief ich, als ich die Frau erscheinen sah.

»O nein, gnädiger Herr! Aber ich bin flink!«

»Ja – sehr!«

Über diese doppelte Naivität lachte meine reizende Freundin hell auf, indem sie mich zugleich mit einem sehr bedeutungsvollen Blick ansah. Auf dem Rückwege sagte sie mir: da das Schicksal immer noch gegen uns wäre, so müßten wir, um glücklicher zu werden, warten, bis ihr Gemahl sich entschlösse, einige Tage bei mir zu verbringen.

Die greuliche Hinkende bot uns eingemachte Früchte an, die sie sehr lobte, besonders ein Quittenmus, das sie uns dringend aufnötigte. Wir lehnten ab, und Frau von *** trat mir dabei auf den Fuß. Als wir draußen waren, sagte sie mir, ich hätte gut daran getan, nichts anzurühren, denn man habe die Hinkende im Verdacht, ihren Mann vergiftet zu haben.

Ball, Abendessen, Erfrischungen und Gäste waren köstlich und glänzend. Ich tanzte mit Frau von Chauvelin nur ein einziges Menuett, da ich fast die ganze Nacht hindurch mit ihrem Gemahl plauderte. Ich schenkte ihm meine Übersetzung seines kleinen Gedichtes über die sieben Todsünden; er nahm sie mit großem Vergnügen an.

»Ich werde«, sagte ich zu ihm, »Ihnen in Turin einen Besuch machen.«

»Werden Sie Ihre Haushälterin mitbringen?«

»Nein.«

»Da tun Sie aber sehr unrecht, denn sie ist eine reizende Person.«

Alle Welt sprach von meiner lieben Dubois wie Herr de Chauvelin. Sie hatte ein sehr feines Schicklichkeitsgefühl und wußte sich Achtung zu verschaffen, ohne jemals über die Grenzen ihrer Stellung hinauszugehen. Vergeblich nötigte man sie zu tanzen; sie sagte mir später, wenn sie den Bitten nachgegeben hätte, würde sie sich den Haß aller Damen zugezogen haben. Sie wußte sehr wohl, daß sie zum Entzücken tanzte.

Am zweiten Tage darauf reiste Herr von Chauvelin ab, und am Ende der Woche erhielt ich einen Brief von Frau d'Urfé; sie schrieb mir, sie habe zwei Tage in Versailles verbracht, um meine Angelegenheit zum guten Ende zu führen. Sie schickte mir eine Abschrift des vom König unterzeichneten Begnadigungsbriefes zugunsten des Verwandten des Herrn von *** und versicherte mir, das Original sei an den Obersten des Regimentes geschickt worden, in das der junge Mann mit seinem früheren Range wieder eintreten würde. Ich ließ anspannen, um in aller Eile diese gute Nachricht Herrn von Chavigny zu überbringen. Ich war wonnetrunken und verhehlte meine Freude nicht vor dem Gesandten, der mir viele Komplimente machte: Herr von *** habe durch meine Vermittelung, ohne einen Heller auszugeben, erlangt, was er sehr teuer hätte bezahlen müssen, wenn er es überhaupt um Geld hätte erhalten können; er müsse sich daher glücklich schätzen, mir sein volles Vertrauen zu bezeigen.

Um der Sache einen möglichst wichtigen Anstrich zu verleihen, bat ich den alten Herrn, sich die Mühe zu machen und selber dem Herrn von *** diese Begnadigung mitzuteilen. Er schrieb ihm sofort einige Zeilen und bat ihn bei ihm vorzusprechen.

Als Herr von *** erschien, gab der Botschafter ihm die Abschrift und sagte ihm, er verdanke nur mir allein diesen glücklichen Ausgang. Der wackere Mann war außer sich vor Freude und fragte mich, wieviel er mir schuldig sei.

»Nichts, mein Herr, als Ihre Freundschaft, die ich höher schätze als alles Gold der Welt; und wenn Sie mir einen recht großen Beweis derselben geben wollen, so tun Sie mir die Ehre an, einige Tage bei mir zu verbringen, denn ich sterbe vor Langeweile. Die Angelegenheit, womit Sie mich beauftragt hatten, muß von geringer Bedeutung sein, denn Sie sehen, mit welcher Schnelligkeit man Ihren Wunsch erfüllt hat.«

»Von geringer Bedeutung? Mein werter Herr, seit einem Jahre habe ich alle meine Mittel aufgeboten; ich habe Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, ohne etwas zu erreichen, und Sie setzen es in vierzehn Tagen durch. Verfügen Sie über mein Leben!«

»Umarmen Sie mich und kommen Sie zu mir zu Besuch. Ich fühle mich überglücklich, wenn ich einem Mann wie Ihnen gefällig sein kann.«

»Ich will die gute Nachricht sofort meiner Frau mitteilen; sie wird Ihnen dafür ebenso dankbar sein wie ich.«

»Ja, gehen Sie!« sagte der Botschafter zu ihm, »und lassen Sie uns morgen selbviert miteinander speisen.«

Als wir allein waren, machte der Marquis von Chavigny als alter Höfling und geistvoller Mann sehr philosophische Bemerkungen über den Hof eines Herrschers, wo an und für sich nichts leicht oder schwer sei, weil in jedem Augenblick das Leichte schwer und das Schwere leicht werde, und wo man oft der Gerechtigkeit versage, was man der Gunst oder gar der Zudringlichkeit bewillige. Er hatte Frau von Urfé gekannt; er hatte ihr sogar zu einer Zeit den Hof gemacht, als der Regent ein geheimes Liebesverhältnis mit ihr hatte. Er hatte ihr den Spitznamen Egeria gegeben, weil sie sagte, sie hätte einen Genius, der sie begeistere und jede Nacht zu ihr komme, wenn sie allein schlafe. Hierauf sprach er mit mir über Herrn von ***, der für mich die größte Freundschaft fühlen müßte. »Das richtige Mittel, einem eifersüchtigen Gatten Hörner aufzusetzen besteht darin, seine Zuneigung zu gewinnen, denn unter Freunden ist Eifersucht fast unmöglich.«

Als wir am nächsten Tage alle vier miteinander speisten, sprach Frau von ***, durch die Dankbarkeit dazu ermächtigt, auf tausendfache Art mir ihre Freundschaft aus, und mein Herz deutete ihre Worte als Beweise der Liebe. Beide versprachen mir, im Laufe der folgenden Woche drei Tage in meinem Landhaus zuzubringen.

Sie hielten Wort, ohne mir ihre Ankunft vorher zu melden; aber ich wurde dadurch nicht überrascht, denn ich hatte alles vorbereitet, um sie gut zu empfangen.

Mein Herz bebte vor Freude, als ich meine Zauberin aus dem Wagen steigen sah; aber diese Freude war nicht ungemischt, denn Herr von *** kündigte mir an, sie müßten unbedingt am vierten Tage nach Solothurn zurückkehren, und seine Frau sagte mir, es sei unerläßlich, die abscheuliche Witwe stets zu unseren Unterhaltungen zuzuziehen.

Ich führte meine Gäste in die Zimmer, die ich für sie hatte zurecht machen lassen, da sie mir für meine Absichten am passendsten schienen. Sie lagen im Erdgeschoß, den meinigen gegenüber. Das Schlafzimmer hatte einen Alkoven mit zwei Betten, die durch eine Scheidewand mit einer Verbindungstür voneinander getrennt waren. Man gelangte dorthin durch zwei Vorzimmer, von denen das erste eine Tür nach dem Garten hatte. Zu allen diesen Türen besaß ich die Schlüssel; die Kammerfrau schlief in einer Kammer jenseits des Vorzimmers. Dem Wunsche meiner Göttin gehorsam, gingen wir zu der Hinkenden, die uns sehr gut aufnahm; sie weigerte sich jedoch, während der drei Tage sich unserer Gesellschaft anzuschließen, indem sie sagte, sie wolle uns unsere Freiheit lassen. Doch gab sie nach, als ich erklärte, daß unsere Bedingungen nur Gültigkeit hätten, wenn wir allein wären.

Meine liebe Dubois hatte ein zu feines Schicklichleitsgefühl, um nicht, ohne daß ich ihr ein Wort zu sagen brauchte, sich das Essen auf ihr Zimmer bringen zu lassen. Wir hielten zu vieren eine köstliche Mahlzeit, denn ich hatte Befehle gegeben, die Tafel besonders reich zu besetzen. Nach dem Abendessen führte ich meine Gäste in ihre Zimmer. Hierauf konnte ich nicht umhin, auch die Witwe in ihre Wohnung zu begleiten. Sie lud mich ein, ihrer Nachttoilette beizuwohnen; aber ich ersparte mir dies, indem ich ihr meine Verbeugung machte. Sie sagte mir spöttisch, nachdem ich mich so gut aufgeführt hätte, verdiente ich es, das Ziel meiner Wünsche zu erreichen. Ich antwortete ihr kein Wort.

Am nächsten Morgen sagte ich meiner Schönen bei einem Spaziergang in meinem Garten, ich hätte alle Schlüssel und könnte jederzeit zu ihr gelangen.

»Ich erwarte«, sagte sie, »einen Besuch meines Mannes; denn er hat diesen durch die bei ihm in solchen Fällen üblichen Liebkosungen bereits angedeutet; Sie müssen also Ihren Ausflug auf die nächste Nacht verschieben. Dann wird er keine Schwierigkeiten bieten, denn es ist noch niemals vorgekommen, daß er zwei Nächte hintereinander der Liebe gehuldigt hat.«

Gegen Mittag erhielten wir den Besuch des Herrn von Chavigny, der sich bei mir zum Essen einlud; als er aber sah, daß meine Haushälterin in ihrem Zimmer speiste, schlug er Lärm. Die Damen gaben ihm recht, und wir gingen alle zusammen zu ihr und nötigten sie, sich mit uns zu Tisch zu setzen. Ohne Zweifel schmeichelte ihr dieses und kam ihrer guten Laune zu statten; denn sie ergötzte uns durch eine Menge witziger Bemerkungen und durch die pikantesten Anekdoten über Lady Montagu. Nach Tisch sagte Frau von *** zu mir: »Es ist unmöglich, daß Sie nicht in die junge Frau verliebt sind, denn sie ist entzückend.«

»Ich werde Ihnen beweisen, daß ich nur in Sie verliebt bin, wenn ich heute Nacht ein paar Stunden in Ihren Armen verbringen kann.«

»Leider ist es mir unmöglich; denn mein Gatte hat bemerkt, daß heute Mondwechsel ist.«

»Er braucht also die Erlaubnis des Mondes, um eine so süße Pflicht bei Ihnen zu erfüllen?«

»Ganz recht. Dies ist, nach seiner Astrologie, das Mittel, seine Gesundheit zu erhalten und einen Sohn zu bekommen, den der Himmel ihm gewähren möge; denn ohne dessen Beihilfe ist es kaum wahrscheinlich, daß seine Wünsche in Erfüllung gehen.«

»Ich hoffe das Werkzeug des Himmels zu sein!« rief ich lachend.

»Möchten Sie recht haben!«

Ich mußte also warten. Am anderen Morgen beim Spaziergang sagte sie zu mir: »Das Mondopfer ist vollbracht, und um jeder Furcht überhoben zu sein, werde ich ihn heute Abend vor dem Zubettgehen zu einer Wiederholung nötigen; hierauf wird er zweifellos in einen tiefen Schlaf versinken. Sie können also um ein Uhr kommen; die Liebe wird Sie erwarten!«

Meines Glückes gewiß überließ ich mich der Freude, womit eine so süße Verheißung ein glühendes Herz erfüllen mußte. Es war die einzige Nacht, auf die ich hoffen konnte, denn Herr von *** hatte erklärt, daß sie am folgenden Tage nach Solothurn zurückkehren würden.

Nach dem Abendessen begleitete ich die Damen in ihre Zimmer; hierauf ging ich in das meinige und sagte meiner Haushälterin, ich hätte viel zu schreiben und sie könnte zu Bett gehen.

Kurz vor ein Uhr ging ich hinaus, und da die Nacht finster war, so schlich ich auf den Zehen um das halbe Haus herum. Gegen meine Erwartung fand ich die Tür offen, doch achtete ich nicht auf diesen Umstand. Ich öffnete die Tür zum zweiten Vorzimmer und im Augenblick, wo ich sie wieder schloß, fühlte ich mich von einer Hand erfaßt, während eine andere sich auf meinen Mund legte.

Ich hörte nur ein sehr leises Pst!, das mir Schweigen gebot. Ein Sofa stand neben uns; wir machten einen Altar daraus, und im selben Augenblick befand ich mich im Innern des Tempels.

Es war die Zeit der Sommersonnenwende; ich hatte nur zwei Stunden vor mir und verlor keine Minute davon, und da ich in meinen Armen das herrliche Weib zu halten glaubte, nach dem ich so lange geschmachtet hatte, erneuerte ich unaufhörlich die Beweise meiner glühenden Liebe. In der Fülle meines Glückes fand ich es wundervoll, daß sie beschlossen hatte, mich nicht in ihrem Bett zu erwarten, denn das Geräusch unserer Küsse und unserer lebhaften Bewegungen hätte den lästigen Gatten aufwecken können. Ihre zärtliche Glut kam der meinigen gleich und verdoppelte mein Glück, indem sie mir, zu meinem unseligen Irrtum, bewies, daß dieses Weib von allen meinen Eroberungen die rühmlichste war.

Die Stutzuhr verkündete mir zu meinem höchsten Bedauern, daß es für mich Zeit war, den Platz zu räumen. Ich bedeckte sie noch einmal mit den zärtlichsten Küssen; dann ging ich in mein Zimmer zurück und überließ mich mit freudevollem Herzen dem Schlaf.

Um neun Uhr weckte Herr von *** mich; er zeigte mir mit glückstrahlendem Gesicht einen eben erhaltenen Brief, worin sein Verwandter mir für seine Wiedereinstellung in das Regiment dankte. Dieser Brief, den die Dankbarkeit diktiert hatte, stellte mich als einen Gott hin.

»Ich bin glücklich, mein Freund«, sagte ich zu ihm, »daß ich Ihnen habe dienen können.«

»Und ich werde glücklich sein, wenn ich Ihnen meine Dankbarkeit beweisen kann. Kommen Sie und frühstücken Sie mit uns; meine Frau ist noch beim Ankleiden. Kommen Sie!«

Ich stand in aller Eile auf. Im Augenblick, wo ich ausgehen wollte, sah ich die abscheuliche Witwe, die mit strahlendem Gesicht mir sagte: »Ich danke Ihnen, mein Herr; ich danke Ihnen von ganzem Herzen. Ich gebe Ihnen Ihre Freiheit wieder, und fahre nach Solothurn zurück.«

»Warten Sie eine Viertelstunde, gnädige Frau, wir werden mit Frau von *** frühstücken.«

»Keinen Augenblick länger! Ich habe ihr soeben guten Morgen gesagt und reise nun! Leben Sie wohl, denken Sie an mich!«

»Leben Sie wohl, Madame.«

Kaum war sie hinaus, so fragte Herr von *** mich, ob das Weib verrückt sei.

»Man könnte es glauben,« antwortete ich ihm; »denn da sie hier nur mit Höflichkeit behandelt worden ist, so hätte sie wohl bis zum Abend warten können, um mit Ihnen zurückzufahren.«

Wir setzten uns zum Frühstück nieder und sprachen allerlei über diese plötzliche Abreise. Hierauf gingen wir in den Garten, um einen Spaziergang zu machen. Wir trafen dort Frau Dubois, mit welcher Herr von *** sich sofort beschäftigte. Seine Frau sah ein wenig niedergeschlagen aus, und ich fragte sie, ob sie gut geschlafen hätte.

»Ich bin erst um vier Uhr eingeschlafen, nachdem ich, in meinem Bette sitzend, so lange auf Sie gewartet hatte. Welcher Zwischenfall hat Sie nur abhalten können, zu mir zu kommen.«

Auf eine solche Frage war ich nicht gefaßt. Ich war wie versteinert. Ohne ihr zu antworten, sah ich sie starr an; ich konnte mich von meiner Überraschung nicht erholen. Endlich sagte eine schreckliche Ahnung mir, daß ich das Unglück gehabt hätte, zwei Stunden in den Armen der greulichen Hexe zu verbringen, die ich aus Feigheit in mein Haus aufgenommen. Ein entsetzlicher Schauer durchrann mich, und ich mußte hinter eine Hecke treten, um mich von einem Schreck zu erholen, den kein Mensch ahnen konnte. Ich fühlte mich dem Tode nahe und würde unfehlbar gefallen sein, wenn ich nicht meinen Kopf gegen einen Baum gelehnt hätte.

Der erste Gedanke, der in mir aufstieg, war ein schrecklicher Gedanke, den ich sofort zurückwies: daß nämlich Frau von *** den Genuß gerne hingenommen hätte, nun aber ihn leugnen wollte; denn dieses Recht hat jede Frau, die sich an einem dunklen Ort hingibt, weil es immerhin unmöglich sein kann, sie zu überführen. Aber ich kannte zu gut das göttliche Weib, das ich zu besitzen geglaubt hatte, und konnte daher nicht lange sie einer so gemeinen Hinterlist für fähig halten. Ich fühlte, daß es unzart von ihr gewesen wäre, zum Scherz mir zu sagen, daß sie vergeblich auf mich gewartet hätte; denn in solchen Dingen genügt der leiseste Zweifel, um das edelste Gefühl zu entwürdigen. Ich konnte also den entsetzlichen Gedanken nicht abweisen, daß die elende Witwe ihre Stelle eingenommen hätte. Wie hatte sie dies gemacht? Woher hatte sie etwas gewußt? Dies vermochte ich nicht zu ergründen, und so quälte ich mich nutzlos mit allen möglichen Vermutungen. Wenn ein Gedanke den Geist bedrückt, so tritt vernünftiges Nachdenken erst dann ein, wenn dieser Druck fast seine ganze Kraft verloren hat.

Ich sah also ein, daß ich zwei Stunden mit einem scheußlichen Ungeheuer verbracht hatte. Es vermehrte meinen Schmerz, ja, es erfüllt mich noch jetzt mit Abscheu und Ekel vor mir selber, daß ich mir gestehen mußte, vollkommen glücklich gewesen zu sein. Dieser Irrtum war unverzeihlich; denn zwischen den beiden Frauen bestand ein Unterschied wie zwischen schwarz und weiß, und obgleich ich wegen der Dunkelheit nicht hatte sehen und wegen der Notwendigkeit des Schweigens nicht hatte hören können, so hätte das Gefühl allein mich aufklären müssen, wenigstens nach dem ersten Sturmangriff. Aber meine Phantasie war im Taumel. Ich fluchte auf die Liebe, auf die Natur und besonders auf meine unbegreifliche Schwachheit, eine Schlange bei mir aufzunehmen, die mich des Besitzes meines Engels beraubt hatte. Der Gedanke, daß ihre Berührung mich besudelt hatte, erregte mir Ekel vor mir selber. Ich beschloß zu sterben, vorher aber mit eigenen Händen die abscheuliche Megäre zu erwürgen, die mich so unglücklich machte.

Während ich in diesem Beschluß mich immer mehr bestärkte, trat Herr von *** teilnehmend zu mir und fragte mich, ob ich krank sei; er erschrak, als er mich totenbleich und von Schweiß überströmt sah. »Meine Frau«, sagte der wackere Mann zu mir, »ist unruhig und hat mich zu Ihnen geschickt.«

Ich antwortete ihm: »Ich mußte sie verlassen, weil mich plötzlich ein Schwindel befiel, aber ich fühle mich bereits etwas besser. Gehen wir zu ihr!«

Frau Dubois brachte mir ein Fläschchen Karmeliterwasser und sagte mir scherzend: sie sei überzeugt, daß die Abreise der Witwe an meiner Erregung schuld sei.

Wir setzten unsern Spaziergang fort, und als wir weit genug von dem Gemahl entfernt waren, der mit meiner Haushälterin ging, sagte ich ihr, ihre Worte, die sie ohne Zweifel nur im Scherz gesagt, hätten mich so außer Fassung gebracht.

»Ich habe durchaus nicht gescherzt, lieber Freund,« sagte sie zu mir mit einem Seufzer; »sagen Sie mir also: Was hat Sie abgehalten, zu mir zu kommen.«

Ich war starr. Ich konnte mich nicht entschließen, ihr etwas zu gestehen, was mich tief beschämte, und ich wußte keine Ausrede zu ersinnen, um mich zu rechtfertigen. Ganz verwirrt schwieg ich, als die kleine Schlafgenossin meiner Haushälterin ihr einen Brief übergab, den die unwürdige Hinkende durch besonderen Boten gesandt hatte. Sie öffnete ihn und übergab mir einen Einschluß, der an mich überschrieben war. Ich steckte ihn in die Tasche und sagte, ich würde ihn bei Muße lesen. Man drang nicht in mich, aber Herr von *** sagte scherzend, ich sei liebeskrank.

Ich war nicht zum Lachen aufgelegt und antwortete nicht. Wir wurden zum Essen gerufen, aber es war mir unmöglich, etwas anzurühren. Man schrieb meine Enthaltsamkeit meinem Unwohlsein zu.

Ich war ungeduldig, den Brief zu lesen; aber dazu hätte ich allein sein müssen, und dies war schwer zu machen.

Um mich der Partie Pikett zu entziehen, die wir für gewöhnlich jeden Nachmittag machten, trank ich nur eine Tasse Kaffee und sagte, ich glaubte, die frische Luft würde mir wohltun. Frau von *** erriet meine Absicht und kam mir zu Hilfe, indem sie vorschlug, wir wollten alle in einem geschlossenen Baumgange des Gartens spazieren gehen. Ich bot ihr meinen Arm, ihr Gemahl bot meiner Haushälterin den seinen, und wir gingen hinaus.

Sobald Frau von *** sah, daß man uns nicht mehr bemerken konnte, sagte sie mir folgendes: »Ich bin überzeugt, mein lieber Freund, Sie haben die Nacht mit jenem boshaften Weibe verbracht, und ich habe große Furcht, bloßgestellt zu werden. Sagen Sie mir alles, lieber Freund, vertrauen Sie mir alles ohne Rückhalt an; es ist mein erster Liebeshandel, und wenn dieser mir als Schule dienen soll, so müssen Sie mich alles wissen lassen. Ich bin überzeugt, Sie haben mich geliebt; lassen Sie mich, ich bitte Sie, nicht glauben, daß Sie mein Feind geworden sind!«

»Gerechter Himmel, was sagen Sie da? Ich Ihr Feind?«

»Sagen Sie mir also die ganze Wahrheit, und vor allen Dingen sagen Sie sie mir, bevor Sie den Brief der boshaften Person gelesen haben. Ich beschwöre Sie im Namen meiner Liebe. Bemänteln Sie nichts!«

»Nun denn, göttliches Weib, Ihr Wunsch sei erfüllt! Ich bin um ein Uhr bei Ihnen eingetreten; in dem Augenblick, wo ich das zweite Vorzimmer betrat, ergriff eine Frau meinen Arm und legte mir die Hand auf den Mund, um mir Schweigen zu gebieten. Ich glaubte Sie in meinen Armen zu halten und legte Sie sanft auf das Sofa. Begreifen Sie: ich mußte mich sicher glauben, mit Ihnen zusammen zu sein, und es ist mir noch jetzt unmöglich, daran zu zweifeln. Ich habe also mit Ihnen die beiden köstlichsten Stunden meines Lebens verbracht, ohne daß wir ein einziges Wort gesprochen haben. Verfluchte zwei Stunden, deren Erinnerung die Qual meines ganzen Lebens sein wird! Um viertel nach drei Uhr habe ich Sie verlassen, alles übrige wissen Sie.«

»Wer kann diesem Scheusal gesagt haben, daß Sie um ein Uhr zu mir kommen sollten?«

»Ich weiß es nicht, und dieser Gedanke peinigt mich.«

»Geben Sie zu, daß von uns dreien ich am meisten zu beklagen und ach! vielleicht die einzige Unglückliche bin!«

»Oh, wenn Sie mich lieben, so glauben Sie um des Himmels willen dies nicht! Ich bin entschlossen, sie zu erdolchen und dann mich zu töten, nachdem sie ihre gerechte Strafe erhalten hat.«

»Haben Sie auch bedacht, daß ich die unglücklichste aller Frauen bin, wenn diese Geschichte in die Öffentlichkeit kommt? Mäßigen wir uns, mein lieber Freund! Sie tragen keine Schuld, und ich liebe Sie nur noch um so mehr, wenn dies überhaupt möglich ist. Geben Sie mir den Brief, den jene Ihnen geschrieben hat. Ich werde auf die Seite gehen, um ihn zu lesen, und Sie werden ihn nachher lesen; denn wenn mein Mann uns den Brief zusammen lesen sähe, müßten wir ihm den Inhalt mitteilen.«

»Da ist der Brief.«

Ich holte den Gatten ein, der sich über die Bemerkungen der Haushälterin zu Tode lachen wollte. Die Unterhaltung mit Frau von *** hatte mich ein wenig beruhigt. Das Vertrauen, womit sie mich um den Brief gebeten hatte, tat mir wohl. Ich brannte vor Begierde, den Inhalt zu kennen, und trotzdem empfand ich einen unüberwindlichen Widerwillen, ihn zu lesen; denn er konnte nur meinen Zorn reizen, und ich befürchtete dessen Wirkungen.

Frau von *** kam zu uns heran, und nachdem wir uns von neuem von den beiden anderen getrennt hatten, gab sie mir den verhängnisvollen Brief zurück, indem sie mir sagte, ich möchte ihn erst lesen, wenn ich allein wäre und den Kopf klar hätte. Sie nahm mir mein Ehrenwort ab, in dieser Angelegenheit nichts zu tun, ohne mich mit ihr beraten zu haben, und ihr von allen meinen Absichten durch ihre zuverlässige Amme Kenntnis zu geben. »Wir haben nicht zu befürchten«, schloß sie, »daß die unwürdige Vettel die Sache veröffentlicht, denn sie würde sich selber zu allererst bloßstellen; für uns beide aber ist es das sicherste, unsere Gefühle zu verbergen. Übrigens, lieber Freund, gibt das abscheuliche Weib Ihnen einen Rat, den Sie nicht verachten dürfen.«

Es zerriß mir das Herz, zu sehen, wie während dieser Worte dicke Tränen der Liebe und des Kummers ihren schönen Augen entrollten, obgleich sie, um meinen Schmerz zu lindern, sich zu lächeln bemühte. Ich wußte nur zu gut, welch einen hohen Wert sie auf ihren guten Ruf legte; ich wußte, es peinigte sie die Gewißheit, daß die abscheuliche Witwe unser Verhältnis kenne, und dies verdoppelte meine Qual.

Die liebenswürdige Familie verließ mich um sieben Uhr, und ich dankte dem Gatten mit Worten einer so aufrichtigen Freundschaft, daß er unbedingt daran glauben mußte; ich drückte in der Tat nur meine wirklichen Gefühle aus. Gewiß ist die Liebe zu einer Frau kein Grund, für ihren Mann, wenn sie einen solchen hat, nicht die aufrichtigste Freundschaft zu empfinden. Das entgegengesetzte Gefühl ist ein hassenswertes Vorurteil, gegen das sowohl die Philosophie wie die Natur streitet. Nachdem ich ihn umarmt hatte, wollte ich seiner reizenden Gemahlin die Hand küssen; aber er bat mich, sie ebenfalls zu umarmen, und ich tat dies ebenso ehrerbietig wie gefühlvoll.

Sobald sie fort waren, ging ich in meiner Ungeduld, den schändlichen Brief zu lesen, schnell in mein Zimmer, wo ich mich einschloß, um von niemandem gestört zu werden. Der Brief lautete folgendermaßen:

»Ich habe Ihr Haus, mein Herr, recht befriedigt verlassen – befriedigt ganz gewiß nicht deshalb, weil ich zwei Stunden mit Ihnen verbracht habe, denn Sie sind nicht anders als andere Männer, sondern weil ich mich für die Geringschätzung gerächt habe, die Sie häufig mir öffentlich bezeigten. Für die Verachtung, die Sie mir unter vier Augen aussprachen, bin ich wenig empfindlich und verzeihe sie Ihnen daher. Ich habe mich gerächt, indem ich Ihre Absichten und die Heuchelei Ihrer schönen Tugendstolzen entlarvte, die mich nun nicht mehr mit jener beleidigenden Überlegenheit wird ansehen können, die sie unter dem Deckmantel einer falschen Tugend zur Schau trug. Ich habe mich gerächt, indem sie die ganze Nacht auf Sie gewartet haben muß, und ich würde alles in der Welt darum geben, wenn ich das komische Gespräch anhören könnte, das unzweifelhaft heute früh zwischen Ihnen beiden stattfinden wird, wenn sie erfährt, daß ich mir, aus Rache und nicht aus Liebe, einen Genuß angeeignet habe, der für sie bestimmt war. Ich habe mich gerächt, indem Sie sie nicht mehr für ein Wunder halten können; denn da Sie mich für sie genommen haben, muß der Unterschied zwischen ihr und mir gleich Null sein; aber ich habe Ihnen einen wichtigen Dienst erwiesen, denn diese Gewißheit muß Sie von Ihrer törichten Leidenschaft heilen. Sie werden sie nicht mehr vor allen andern Frauen anbeten, die nicht mehr noch weniger wert sind als diese Schöne. Wenn ich Sie also aus Ihrer Täuschung gerissen habe, so verdanken Sie mir eine Wohltat; aber ich entbinde Sie von jeder Pflicht der Dankbarkeit und erlaube Ihnen sogar, mich zu hassen, vorausgesetzt, daß Ihr Haß mich in Frieden läßt; denn wenn in Zukunft Ihr Verhalten mir beleidigend erscheinen sollte, so erkläre ich Ihnen, daß ich imstande bin, die Geschichte zu veröffentlichen. Für mich habe ich ja nichts zu befürchten, denn ich bin Witwe, unabhängig und meine eigene Herrin. Ich brauche keinen Menschen und kann mich daher über alle Welt lustig machen. Ihre Schöne dagegen muß notwendigerweise den Schein wahren. – Übrigens mache ich Ihnen noch eine Mitteilung, die Sie von meiner Großmut überzeugen muß. Seit zehn Jahren leide ich an einem kleinen Übel, das jeder Behandlung widerstanden hat. Sie haben sich recht viele Mühe gegeben, um mir Ihre Liebe zu beweisen, und es ist unmöglich, daß Sie sich nicht angesteckt haben sollten. Ich rate Ihnen daher, sofort Arzneien zu nehmen, um die Schärfe des Giftes zu mildern; vor allen Dingen aber warne ich Sie aus dem Grunde, damit Sie nicht etwa Ihrer Schönen ein Geschenk damit machen; diese würde es unwissentlich ihrem Gemahl und vielleicht noch anderen mitteilen. Dadurch würde sie unglücklich werden, und dies würde mir leid tun, denn sie hat mir niemals etwas zuleide getan. Ich hielt es für unmöglich, daß Sie beide nicht den guten Trottel von Mann betrögen, und ich wollte mich davon überzeugen. Zu diesem Zweck habe ich Sie genötigt, mich in Ihr Haus aufzunehmen. Schon die Lage der Wohnung, die Sie dem Ehepaar anwiesen, würde genügt haben, um mir jeden Zweifel zu benehmen; aber ich wünschte einen vollen Beweis, ich hatte keinen Menschen nötig, um meine Absichten zu erreichen, und es erschien mir pikant, Sie anzuführen, wie ich es getan habe. Nachdem ich auf dem Kanapee zwei Nächte ganz ohne Erfolg verbracht hatte, entschloß ich mich, auch noch die dritte Nacht zu opfern, und meine Ausdauer ist von Erfolg gekrönt gewesen. Kein Mensch hat mich gesehen, und selbst meine Kammerfrau weiß nichts von dem Zweck meiner nächtlichen Ausflüge; übrigens ist sie zu schweigen gewöhnt. Es steht also vollkommen in Ihrer Macht, diese Geschichte in Stillschweigen zu begraben, und ich rate Ihnen dies.

Wenn Sie einen Arzt nötig haben sollten, so empfehlen Sie ihm Verschwiegenheit, denn man weiß in Solothurn, daß ich an dieser kleinen Unbequemlichkeit leide, und man könnte sagen, Sie hätten es von mir entlehnt. Dies würde mir schaden und Ihnen auch.«

Ich fand die Schamlosigkeit des unseligen Weibes so ungeheuerlich, daß ich beinahe Lust hatte, darüber zu lachen. Ich wußte wohl, daß sie nach meinem Benehmen gegen sie mich nur hassen konnte; aber niemals hätte ich gedacht, daß eine Frau die Verruchtheit so weit treiben könnte. Sie hatte mir eine Krankheit eingeimpft, deren Anzeichen ich noch nicht bemerken konnte; aber ich zweifelte nicht, daß sie zutage treten würden, und spürte bereits Traurigkeit darüber, daß ich an einem andern Ort Heilung suchen mußte, um mich dem Geschwätz der Spötter zu entziehen. Ich versank in tiefes Nachdenken, und nachdem ich zwei Stunden lang alles hin und her erwogen hatte, faßte ich den vernünftigen Entschluß zu schweigen; zugleich aber bestärkte sich meine Absicht, mich zu rächen, sobald die Gelegenheit dazu sich bieten würde.

Da ich nicht zu Mittag gegessen hatte, mußte ich mich durch das Abendessen stärken, um mir einen gesunden Schlaf zu verschaffen. Ich setzte mich mit meiner Haushälterin zu Tisch; aber wie wenn ich mich meiner selbst geschämt hätte, so wagte ich nicht ein einzigesmal meine Blicke auf ihrem entzückenden Gesicht ruhen zu lassen.

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