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Erinnerungen, Band 3

Giacomo Casanova: Erinnerungen, Band 3 - Kapitel 15
Quellenangabe
typeautobio
authorCasanova
titleErinnerungen, Band 3
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
volume3
year1911
senderwww.gaga.net
created20050330
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Vierzehntes Kapitel

Das Jahr 1760. – Die Maitresse Gardella. –Porträt des Herzogs von Württemberg. – Mein Diner bei der Gardella und dessen Folgen. – Unglückliche Begegnung. – Ich spiele und verliere viertausend Louis. – Prozeß. – Glückliche Flucht. – Meine Ankunft in Zürich. – Eine Kirche, die von Jesus Christus selbst geweiht worden ist.

Der Hof des Herzogs von Württemberg war zu jener Zeit der glänzendste von ganz Europa. Die reichlichen Hilfsgelder, welche Frankreich dem Fürsten dafür bezahlte, daß er ein Heer von zehntausend Mann zur Verfügung dieser Macht unterhielt, setzten ihn instand, diese Ausgaben zu bestreiten, die sein Luxus und seine Ausschweifungen erforderten. Sein Hilfskorps war sehr schön, aber während des ganzen Krieges zeichnete es sich nur durch Fehler aus.

Der Herzog war seiner Anlage nach prachtliebend: herrliche Gebäude, ein großartiger Malstall, eine glänzende Jägerei, Launen aller Art, kosteten ihm viel Geld; ungeheure Summen aber gab er für hohe Besoldungen aus und noch größere für sein Theater und seine Maitressen. Er unterhielt französische Komödie, ernste und komische italienische Oper und zwanzig italienische Tänzer, von denen jeder an einem der großen Theater Italiens erster Tänzer gewesen war. Noverre war sein Choreograph und Ballettdirektor; er verwendete zuweilen hundert Figuranten und mehr. Ein geschickter Maschinenmeister und die besten Dekorationsmaler arbeiteten um die Wette und mit großen Kosten, um die Zuschauer zum Glauben an Zauberei zu zwingen. Alle Tänzerinnen waren hübsch und alle rühmten sich, den gnädigen Herrn zum mindesten einmal glücklich gemacht zu haben. Die erste Tänzerin war eine Venetianerin, die Tochter eines Gondeliere, namens Gardello. Der Senator Malipiero, von dem meine Leser wissen, daß er mir zuerst eine gute Erziehung geben ließ, hatte sie für das Theater ausbilden lassen, indem er einen Tanzlehrer für sie bezahlte. Nach meiner Flucht aus den Bleidächern hatte ich sie in München als Frau Michele Agata gefunden. Der Herzog fand sie nach seinem Geschmack und bat ihren Mann um sie; dieser schätzte sich glücklich, sie ihm abtreten zu können. Aber schon ein Jahr darauf war der Herzog ihrer Reize müde und pensionierte sie mit dem Titel Madame.

Diese Ehre hatte alle Tänzerinnen eifersüchtig gemacht, denn eine jede glaubte die Eigenschaften zu besitzen, um anerkannte Maitresse zu werden, um so mehr, als die Gardella nur den Rang hatte und das Gehalt bezog. Alle intrigierten, um sie zu verdrängen, aber die Venetianerin besaß im höchsten Grade die Kunst zu fesseln und wußte sich trotz allen Ränken zu behaupten. Weit entfernt, dem Herzog seine fortwährenden Treulosigkeiten vorzuwerfen, ermutigte sie ihn sogar dazu, und da sie ihn nicht liebte, so fühlte sie sich glücklich, in bezug auf den Zeitvertreib sich von ihm vernachlässigt zu sehen. Es bereitete ihr den größten Genuß, wenn die Tänzerinnen, die nach der Ehre des Schnupftuchs strebten, zu ihr kamen und sich ihr empfahlen. Sie nahm sie freundlich auf, gab ihnen Ratschläge und ermutigte sie, sich dem Fürsten angenehm zu machen. Dieser seinerseits fand die Duldsamkeit der Favoritin bewundernswürdig und sehr bequem und hielt sich für verpflichtet, ihr dafür seine Dankbarkeit zu bezeigen. Er erwies ihr in der Öffentlichkeit alle Ehren wie einer Prinzessin.

Ich bemerkte bald, daß die Hauptleidenschaft dieses Fürsten war, von sich sprechen zu machen. Er hätte gern Herostrates nachgeahmt, wenn er dies für ein passendes Mittel gehalten hätte, eine der hunderttausend Stimmen des Nachruhms zu beschäftigen. Er wünschte, daß die Welt von ihm sage, kein Fürst habe mehr Geist, mehr Geschmack, mehr Anlage zum Erfinden der Vergnügungen, mehr Fähigkeit zum Herrschen; außerdem sollte man glauben, er sei ein zweiter Herkules in den Arbeiten des Bacchus und des Amor, ohne daß jedoch die Augenblicke, die er der Sinnenlust widmete, die Sorgfalt beeinträchtigten, womit er alle Pflichten seines Herrscheramtes erfüllte. Unbarmherzig jagte er den Diener fort, dem es nicht gelang, ihn aufzuwecken, nachdem er drei oder vier Stunden im Schlaf gelegen hatte, dem, wie alle anderen Menschen, auch er sich überlassen mußte; aber er erlaubte dem Diener, alle Mittel anzuwenden, um ihn aus dem Bett zu bringen.

Es kam vor, daß der Bediente, nachdem er ihm Kaffee eingeflößt hatte, ihn aus dem Bett in ein kaltes Bad werfen mußte, wo dann Seine Hoheit wohl erwachen mußten, wenn sie nicht ertrinken wollten. Sobald er angekleidet war, versammelte der Herzog seine Minister und erledigte die laufenden Angelegenheiten; hierauf erteilte er Audienz jedem, der sie wünschte. Übrigens war nichts komischer, als diese Audienzen, die er seinen armen Untertanen gewährte. Oft waren es plumpe Bauern, Handarbeiter der niedrigsten Klassen; da mühte sich denn nun der arme Mann schwitzend und fluchend ab, sie zur Vernunft zu bringen, was ihm nicht immer gelang; denn oft liefen sie ihm verängstigt, verzweifelnd und wütend davon. Die Beschwerden der hübschen Bäuerinnen prüfte er unter vier Augen, und obgleich er ihnen gewöhnlich nichts bewilligte, gingen sie doch getröstet von dannen.

Die Hilfsgelder, die der König von Frankreich ihm törichterweise für zwecklose Dienste zahlte, reichten nicht aus für seine Verschwendung. Er überlastete seine Untertanen mit Steuern und Fronden so sehr, daß dieses geduldige Volk seine Forderungen nicht mehr erfüllen konnte und sich einige Jahre später an das Reichskammergericht in Wetzlar wandte, das ihn zwang, sein System zu ändern. Er war von der närrischen Sucht besessen, nach dem Vorbilde des Königs von Preußen herrschen zu wollen, während dieser sich über den Herzog nur lustig machte und ihn seinen Affen nannte. Er hatte die Tochter des Markgrafen von Bayreuth geheiratet, die schönste und liebenswürdigste deutsche Prinzessin. Sie war nicht in Stuttgart, als ich dort war, sondern hatte sich wegen eines blutigen Schimpfes, den ihr unwürdiger Gemahl ihr angetan hatte, zu ihrem Vater geflüchtet. Es ist nicht richtig, wenn man behauptet, die Fürstin habe ihren Gemahl verlassen, weil sie seine Treulosigkeiten nicht mehr habe ertragen können.

Nachdem ich allein auf meinem Zimmer gespeist hatte, machte ich Toilette und ging in die Oper, die der Herzog in dem von ihm erbauten schönen Theater dem Publikum gratis geben ließ; der Fürst saß vor dem Orchester, umgeben von seinem glänzenden Hofe. Ich nahm in einer Loge des ersten Ranges Platz, allein und sehr zufrieden, ohne die geringste Ablenkung ein Musikstück des berühmten Jumella hören zu können, der im Dienst des Herzogs stand. Unbekannt mit den Gebräuchen gewisser kleiner deutscher Höfe, applaudierte ich bei einem Solo, das von einem Kastraten, dessen Namen ich vergessen habe, entzückend schön gesungen wurde; einen Augenblick darauf trat ein Mensch in meine Loge und sagte in unhöflichem Tone etwas zu mir, worauf ich nur erwidern konnte: nicht verstanden.

Er ging hinaus, und bald nachher sah ich einen Offizier erscheinen, der mir in gutem Französisch sagte, da der Herrscher sich im Theater befinde, so sei es nicht erlaubt, zu applaudieren.

»Sehr wohl, mein Herr; ich werde wiederkommen, wenn der Herrscher nicht hier ist; denn wenn eine Arie mir gefällt, ist es mir unmöglich, meinen Beifall nicht auszudrücken.«

Nach dieser Antwort ließ ich meinen Wagen rufen, aber in dem Augenblick, wo ich einsteigen wollte, kam wieder derselbe Offizier und sagte mir, der Herzog wünsche mit mir zu sprechen. Ich folgte ihm in den Cercle.

»Sie sind also Herr Casanova?«

»Ja, gnädiger Herr.«

»Woher kommen Sie?«

»Aus Köln.«

»Sie sind zum erstenmal in Stuttgart?«

»Ja, gnädiger Herr.«

»Gedenken Sie sich hier lange aufzuhalten?«

»Fünf oder sechs Tage, wenn Eure Hoheit mir es erlauben wollen.«

»Recht gern; bleiben Sie solange, wie es Ihnen gefällt, und es soll Ihnen erlaubt sein, in die Hände zu klatschen, soviel Sie wollen.«

»Ich werde von dieser Erlaubnis Gebrauch machen, gnädiger Herr.«

»Gut.«

Ich setzte mich auf eine Bank, und alle Anwesenden folgten aufmerksam dem Spiel der Schauspieler. Als bald darauf ein Sänger eine Arie gesungen hatte, applaudierte der Herzog, und alle langohrigen Hofleute machten es dem gnädigen Herrn nach; ich aber blieb ganz still, denn ich fand den Gesang sehr mittelmäßig; jeder nach seinem Geschmack. Nach dem Ballett ging der Herzog in die Loge der Favoritin, küßte ihr die Hand und entfernte sich. Ein neben mir stehender Offizier, der nicht wußte, daß ich die Gardella kannte, sagte mir, es sei Madame, und da ich die Ehre gehabt habe, mit dem Fürsten zu sprechen, so könne ich mir auch die Ehre verschaffen, in ihre Loge zu gehen und ihr die Hand zu küssen.

Ich hatte Lust, laut aufzulachen, aber ich beherrschte mich und infolge einer unbegreiflichen und sehr unbesonnenen Laune hatte ich den Einfall, ihm zu antworten, ich glaubte mir dies ersparen zu können, weil sie meine Verwandte wäre. Kaum war dieses Wort heraus, so biß ich mich auf die Lippen, denn diese ungeschickte Lüge konnte mir nur schaden; aber es stand geschrieben, daß ich in Stuttgart nur schwere Dummheiten begehen sollte. Der Offizier, den meine Antwort anscheinend überrascht hatte, grüßte mich und ging in die Loge der Favoritin, um sie von meiner Anwesenheit in Kenntnis zu setzen.

Die Gardella wandte den Kopf nach mir und winkte mir mit dem Fächer; ich beeilte mich, ihrem Rufe zu folgen, obwohl ich innerlich selber über die dumme Rolle lachte, die ich spielen würde. Als ich eingetreten war, reichte sie mir liebenswürdig die Hand, die ich küßte, indem ich sie als Cousine anredete.

»Haben Sie sich dem Herzog als meinen Vetter vorgestellt?«

»Nein.«

»Nun, so werde ich es tun. Ich lade Sie für morgen zum Mittagessen ein.«

Nachdem sie sich entfernt hatte, suchte ich die Tänzerinnen auf, die beim Auskleiden waren. Die Binetti, eine meiner ältesten Bekanntschaften, war ganz außer sich vor Freude über das Wiedersehen mit mir und lud mich ein, jeden Tag mit ihr zu speisen. Der treffliche Violinspieler Curtz, der im Orchester von San Samuele mein Kamerad gewesen war, stellte mir seine sehr schöne Tochter vor, indem er in selbstbewußtem Tone mir sagte: »Die ist nicht für die schönen Augen des Herzogs geschaffen; er wird sie niemals bekommen.« Der brave Mann war kein Prophet; denn der Herzog bekam sie bald darauf und wurde von ihr geliebt. Sie schenkte ihm zwei Püppchen, doch auch diese Pfänder der Liebe konnten den unbeständigen Fürsten nicht fesseln. Und doch war sie eine entzückende Person, die alle Eigenschaften besaß, um einen Mann zu fesseln; denn sie verband mit der vollkommensten Schönheit eine pikante Anmut, einen natürlichen Geist, den sie aufs schönste ausgebildet hatte, und eine Güte, eine Liebenswürdigkeit, die sie zum Liebling aller Menschen machten. Aber der Herzog war abgestumpft, und das Vergnügen konnte für ihn nur in der Unbeständigkeit bestehen. Nach der jungen Curtz sah ich die kleine Vulcani, die ich in Dresden gekannt hatte; sie überraschte mich sehr, indem sie mir ihren Mann vorstellte, der mir um den Hals fiel. Es war Baletti, der Bruder meiner Ungetreuen, ein talentvoller Jüngling, den ich unendlich lieb hatte.

Ich war von allen diesen alten Freunden umgeben, als der Offizier eintrat, dem gegenüber ich mich törichterweise für einen Verwandten der Gardella ausgegeben hatte. Er erzählte die Geschichte. Die Binetti sagte ihm sofort: »Mein Herr, das ist eine Lüge.«

»Aber meine Liebe,« sagte ich zu ihr, »darüber können Sie nicht mehr wissen, als ich selber.«

Sie antwortete nur mit einem lauten Gelächter; Curtz aber nahm das Wort und sagte scherzhaft: »Da die Gardella auch nur eine Barkarolentochter ist, wie die Binetti, so findet diese mit Recht, sie hätte ihr in punkto Cousinenschaft den Vorzug geben wollen.«

Am nächsten Tage speiste ich bei der Favoritin; das Mahl war sehr heiter, obgleich sie mir sagte, sie habe den Herzog noch nicht gesehen und wisse daher nicht, wie er den Scherz aufnehmen werde, den ihre Mutter sehr unpassend finde. Diese Mutter, die aus den armseligsten Verhältnissen stammte, war ungeheuer stolz auf die Ehre, daß ihre Tochter die Geliebte eines Fürsten wäre, und meine Verwandtschaft erschien ihr als ein Makel. Sie besaß die Unverschämtheit, mir zu sagen, ihre Verwandten seien niemals Komödianten gewesen. Sie bedachte nicht, daß es eine viel größere Schande wäre, zu diesem Stande, wenn sie ihn für entehrend hielt, herabzusteigen, als zu ihm emporzusteigen. Ich hätte für ihren Hochmut nur Mitleid haben sollen; aber da ich nicht eben sanftmütigen Charakters bin, so bestand meine Erwiderung in der Frage, ob ihre Schwester noch lebe. Sie schnitt ein Gesicht und antwortete mir nicht. Diese Schwester war ein dickes, blindes Weib, das auf einer der Brücken von Venedig als Bettlerin saß.

Nachdem ich den ganzen Tag sehr fröhlich bei der Favoritin zugebracht hatte, die die älteste meiner Bekanntschaften dieser Art war, verließ ich sie mit dem Versprechen, am nächsten Tage zum Frühstück zu kommen. Als ich aber hinausging, bedeutete der Türvorsteher mir, ich dürfe das Haus nicht wieder betreten. In wessen Auftrag er mir diesen freundlichen Befehl mitteilte, wollte er mir nicht sagen. Ich fühlte nun, daß ich besser getan hätte, meine Zunge im Zaum zu halten, denn der Streich konnte nur von der Mutter ausgehen. Vielleicht war aber auch die Tochter beteiligt, deren Eitelkeit ich möglicherweise verletzt hatte; sie war eine so gute Schauspielerin, daß sie ihre Empfindlichkeit wohl hatte verbergen können.

Ich war unzufrieden mit mir selber und ging in schlechter Laune nach Hause. Ich fühlte mich gedemütigt, daß eine jämmerliche, schamlose Schauspielerin mich demütigen durfte, während ich bei einem anständigeren Betragen mit Auszeichnung in der besten Gesellschaft hätte verkehren können. Hätte ich nicht der Binetti versprochen gehabt, am nächsten Tage bei ihr zu speisen, so würde ich mich sofort in den Postwagen gesetzt haben. Hierdurch hätte ich alle die Unannehmlichkeiten vermieden, die mich noch in dieser unglückseligen Stadt erwarteten.

Die Binetti wohnte bei dem österreichischen Gesandten, der ihr Liebhaber war, und der von ihr bewohnte Teil des Hauses stieß an die Stadtmauer an. Diesen Umstand muß der Leser kennen, wie er gleich sehen wird. Ich speiste unter vier Augen mit dieser liebenswürdigen Landsmännin, und wenn ich in diesem Augenblick imstande gewesen wäre, mich zu verlieben, so würde sich meine ganze frühere Zärtlichkeit für sie wieder eingestellt haben; denn sie hatte sich ausgezeichnet erhalten und eine große Anmut und Weltkenntnis hinzuerworben.

Der Wiener Gesandte war liebenswürdig, freigebig und duldsam; ihr Mann dagegen war ein verkommener Mensch, der ihrer nicht würdig war und niemals mit ihr zusammenkam. Ich verbrachte einen köstlichen Tag mit ihr, indem wir von unseren alten Erinnerungen sprachen.

Da mich nichts in Württemberg zurückhielt, so beschloß ich am übernächsten Tag abzureisen; für den folgenden Tag hatte ich der Toscani und ihrer Tochter versprochen, mit ihnen nach Ludwigsburg zu fahren. Wir sollten um fünf Uhr in der Frühe abfahren; aber vorher begegnete mir folgendes:

Als ich von der Binetti fortging, wurde ich sehr höflich von drei Offizieren angesprochen, die ich im Kaffeehause kennen gelernt hatte, und ich machte mit ihnen einen Spaziergang. »Wir haben,« sagten sie zu mir, »eine Vergnügungspartie mit einigen gefälligen Schönen vor, und es wird uns freuen, wenn Sie daran teilnehmen wollen.«

»Ich spreche keine vier Worte deutsch, meine Herren, und wenn ich ihrem Wunsche nachgäbe, so würde ich mich langweilen.«

»Aber die Damen sind Italienerinnen; es könnte sich also gar nicht besser treffen.«

Ich fühlte einen ganz besonderen Widerwillen, ihrer Einladung zu folgen; aber mein böser Geist trieb mich, an diesem unglückseligen Orte nur Dummheit über Dummheit zu begehen, und ich folgte gleichsam willenlos.

Wir kehrten nach der Stadt zurück, und ich ließ mich in das dritte Stockwerk eines Hauses von üblem Aussehen führen, wo ich in einem mehr als armseligen Zimmer die beiden angeblichen Nichten Poccinis fand. Gleich daraus trat Poccini selbst ein, fiel mir schamlos um den Hals und umarmte mich, indem er mich seinen besten Freund nannte. Seine Nichten überschütteten mich mit Liebkosungen, wie wenn sie dadurch zeigen wollten, daß wir alte Bekannte wären. Ich ließ alles mit mir geschehen und schwieg.

Die Offiziere begannen die Orgie; ich ahmte ihnen nicht nach, aber meine Zurückhaltung veranlaßte sie nicht, sich Zwang anzutun. Ich sah, an was für einen schlechten Ort ich mich hatte locken lassen, und fühlte meinen ganzen Fehler; aber eine falsche Scham hielt mich ab, einfach fortzugehen. Dies war unrecht von mir, aber ich nahm mir vor, in Zukunft klüger zu sein.

Nach kurzer Zeit wurde ein Abendessen aus einer Sudelküche aufgetragen. Ich aß nicht; um aber nicht unhöflich zu erscheinen, trank ich zwei oder drei Gläschen Ungarwein. Nach dem Essen, das nur sehr kurze Zeit dauerte, brachte man Karten. Ein Offizier legte eine Pharaobank; ich setzte und verlor fünfzig oder sechzig Louis, die ich bei mir hatte. Ich fühlte, daß ich betrunken war; mein Kopf schwindelte mir. Ich wollte aufhören und nach Hause gehen. Aber ich bin niemals so unbegreiflich schwach gewesen, wie an jenem Tage, sei es nun infolge einer falschen Scham, sei es infolge des vergifteten Getränkes, das man mir vorgesetzt hatte. Die edlen Offiziere taten, wie wenn mein Verlust ihnen furchtbar leid täte; sie wollten mir durchaus Gelegenheit geben, mein Geld wieder zurückzugewinnen, und nötigten mich, mit hundert Louis in Marken, die sie mir auszahlten, eine Bank aufzulegen. Ich gab nach und verlor. Ich legte eine neue Bank und verlor abermals. Nun erhitzte sich mein Kopf, meine Trunkenheit wurde immer größer, und der Ärger machte mich blind. Ich verstärkte die Bank fortwährend und verlor immerzu. Um Mitternacht hatten meine ehrenwerten Gauner keine Angst mehr vor meinem Zorn und erklärten, sie wollten nicht weiter spielen. Sie zählten die Marken, und es fand sich, daß ich gegen hunderttausend Franken verloren hatte. Obwohl ich keinen Tropfen Wein mehr getrunken hatte, war ich dermaßen bezecht, daß man einen Tragstuhl mußte kommen lassen, um mich nach meinem Gasthof zu bringen. Beim Auskleiden sagte mein Bedienter mir, ich hätte weder meine Uhren, noch meine goldenen Tabaksdosen.

»Vergiß nicht,« sagte ich zu ihm, »mich morgen früh um vier Uhr zu wecken.«

Hierauf ging ich zu Bett und schlief sehr ruhig.

Als ich am Morgen mich anzog, fand ich in meiner Tasche etwa hundert Louis, über die ich mich sehr verwunderte, denn meine Betäubung war vergangen, und ich erinnerte mich sehr wohl, daß ich sie am Tage vorher nicht bei mir gehabt hatte. Aber ich war ganz und gar mit meiner Lustpartie beschäftigt, und verschob das Nachdenken über dieses Abenteuer und meinen ungeheuren Verlust auf später. Ich ging zur Toscani, und wir fuhren nach Ludwigsburg, wo ich bei einem ausgezeichneten Mittagessen in so heiterer Stimmung war, daß meine Gäste niemals hätten erraten können, welches Unglück mich betroffen hatte. Am Abend kehrten wir nach Stuttgart zurück.

Als ich wieder in meinem Gasthof war, sagte mein Spanier mir, in dem Hause, wo ich am Abend vorher gewesen sei, wisse man weder von meinen Uhren noch von der Tabaksdose das Geringste. Es seien drei Offiziere dagewesen, um mir einen Besuch zu machen. Da sie mich nicht getroffen, hätten sie ihn beauftragt, mir zu sagen, daß sie am nächsten Tage bei mir frühstücken würden.

Sie erschienen denn auch pünktlich.

»Meine Herren,« sagte ich zu ihnen, sobald sie bei mir eingetreten waren, »ich habe eine Summe verloren, die ich nicht bezahlen kann, und die ich sicherlich nicht verloren haben würde, wenn nicht das Gift, das Sie mir in dem Ungarwein vorgesetzt haben, mich betrunken gemacht hätte. Sie haben mich an einen niederträchtigen Ort geführt, wo man mir auf schändliche Weise kostbare Gegenstände im Werte von mehr als dreihundert Louis gestohlen hat. Ich werde mich darüber gegen keinen Menschen beklagen, denn ich muß die Strafe für mein törichtes Vertrauen tragen. Wenn ich klug gewesen wäre, hätte mir nichts geschehen können.«

Sie erhoben ein lautes Geschrei und sprachen davon, daß sie ihrer Ehre wegen gegen mich vorgehen müßten. Aber all ihr Reden war vergeblich; denn ich hatte schon den Entschluß gefaßt, nichts zu bezahlen.

Während wir so miteinander stritten, kamen gerade in dem Augenblicke, wo wir anfingen zornig zu werden, Baletti, die ältere Toscani und die Binetti. Sie hörten den ganzen Streit mit an. Ich ließ für alle ein Frühstück auftragen, und nach dem Essen entfernten meine Freunde sich. Als wir wieder allein waren, machte einer von den drei Spitzbuben mir folgenden Vorschlag: »Wir sind zu anständig mein Herr, um den Nachteil Ihrer Lage gegen Sie auszunützen. Sie haben Unglück gehabt. Aber das kann jedem passieren, und wir wünschen uns nichts Besseres als einen gütlichen Ausgleich. Wir werden uns mit allen Ihren Kleidern, Juwelen, Diamanten, Waffen und mit Ihrem Wagen begnügen. Wir werden dies alles abschätzen lassen, und wenn die Summe, die Sie uns schuldig sind, dadurch nicht gedeckt wird, so werden wir für den Rest Schuldscheine auf einen bestimmten Termin annehmen, und so bleiben wir gute Freunde.«

»Mein Herr, ich wünsche in keiner Form die Freundschaft von Leuten, die mich ausplündern, und ich kann Ihnen durchaus nichts zahlen.«

Hierauf antworteten sie mir mit Drohungen; ich sagte ihnen aber mit der größten Kaltblütigkeit: »Meine Herren, Ihre Drohungen können mich nicht schrecken. Ich sehe nur zwei Möglichkeiten, wie Sie sich bezahlt machen können: entweder beschreiten Sie den Weg der Gerechtigkeit – ich denke, da werde ich leicht einen Advokaten finden, der meine Sache vertritt – oder Sie machen sich an meiner Person bezahlt: mit dem Degen in der Hand in allen Ehren, unter größter Verschwiegenheit und einer nach dem anderen.«

Wie ich erwartet hatte, antworteten sie mir, sie würden mir auf meinen Wunsch die Ehre erweisen, mich zu töten, aber erst nachdem ich sie bezahlt hätte. Fluchend entfernten sie sich, mit der Versicherung, ich würde es zu bereuen haben.

Einige Augenblicke darauf ging ich hinaus, um die Toscani zu besuchen, bei der ich den ganzen Tag in einer Heiterkeit verbrachte, die in meiner Lage nahe an Wahnsinn grenzte. Ich schrieb jedoch diese frohe Stimmung dem Einfluß zu, den die Reize ihrer Tochter auf mich ausübten, und dem Bedürfnis meiner Seele, durch Aufheiterung ihre Spannkraft zurückzugewinnen.

Aber die Mutter, die die Wut der drei Banditen gesehen hatte, stellte mir vor, daß ich mich unbedingt gegen ihre hinterlistigen Anschläge waffnen müßte, indem ich sie gerichtlich belangte. »Wenn Sie sich von den anderen zuvorkommen lassen,« sagte sie, »können diese sich trotz Ihrem guten Recht in eine vorteilhafte Stellung bringen.«

Während ich mich mit ihrer reizenden Tochter tausend süßen Wonnen hingab, ließ sie einen Advokaten holen. Nachdem dieser gehört hatte, worum es sich handelte, sagte er mir, es sei das einfachste, wenn ich sobald wie möglich dem Herzog alles erzählte.

»Jene haben Sie an diesen schlechten Ort geführt; jene haben Ihnen einen vergifteten Wein eingeschenkt, der sie um die Vernunft gebracht. Jene haben Sie trotz dem Verbot des Fürsten zum Spielen verleitet, denn das Spiel ist streng verboten; in der Gesellschaft jener Offiziere hat man Sie Ihrer Kostbarkeiten beraubt, nachdem man Ihnen eine ungeheure Summe abgewonnen hat. Das Verbrechen verdient den Galgen, und es liegt im Interesse des Herzogs, Ihnen Genugtuung zu gewähren, denn ein Hinterhalt dieser Art, woran Offiziere seiner Armee beteiligt sind, muß ihn in den Augen von ganz Europa entehren.«

Ich empfand ein gewisses Widerstreben gegen einen solchen Schritt, denn obgleich der Herzog selber ein schamloser Wüstling war, fühlte ich mich nicht geneigt, ihm so schimpfliche Sachen zu erzählen. Aber der Fall war ernst, und nachdem ich reiflich nachgedacht hatte, entschloß ich mich, am nächsten Tage den Fürsten aufzusuchen.

Der Herzog, sagte ich zu mir, gibt dem ersten besten seiner Untertanen Audienz; warum sollte er mich nicht ebensogut empfangen wie irgendeinen Handwerker?

Ich hielt es daher für überflüssig, an ihn zu schreiben, und machte mich auf den Weg nach dem Schlosse; aber zwanzig Schritte vor dem Tore desselben begegnete ich den drei Herren, die mir unhöflich zuriefen, ich möchte daran denken, sie zu bezahlen, sonst würde es mir schlecht gehen.

Als ich, ohne ihnen zu antworten, meinen Weg fortsetzen wollte, fühlte ich mich heftig am linken Arm gepackt. Eine natürliche Bewegung der Selbstverteidigung führte meine rechte Hand an den Degengriff, und mit wütendem Gesicht zog ich blank. Der Offizier der Schloßwache eilte herzu; ich beklagte mich, daß die Herren mich mit Gewalt verhindern wollten, mit dem Fürsten zu sprechen. Der Wachtposten wurde befragt und erklärte ebenso wie eine Menge von anwesenden Personen, daß ich nur zu meiner Verteidigung den Degen gezogen hätte; der Offizier entschied daher, daß niemand mich verhindern dürfte, in das Schloß zu gehen.

Man ließ mich ohne Hindernis bis ins letzte Vorzimmer gelangen. Ich wandte mich an den Kammerherren und bat um Audienz; er versicherte mir, ich würde vorgelassen werden. Aber einen Augenblick darauf erschien der Unverschämte, der mich beim Arm gepackt hatte, und sprach auf deutsch mit dem Offizier, der die Dienste des Kammerherrn versah. Er sagte ihm, was er wollte, ohne daß ich ihm widersprechen konnte, und natürlich lautete seine Aussage nicht zu meinen Gunsten, übrigens war es nicht unmöglich, daß auch der Kammerherr-Offizier zur Clique gehörte, und so war ich von Kaiphas an Pilatus geraten. Eine Stunde verging, ohne daß ich zum Fürsten vordringen konnte, und als der Offizier sich einen Augenblick entfernt hatte, sagte der Herr, der mir versichert hatte, der Herrscher werde mich anhören: ich könne wieder nach Hause gehen. Der Herzog sei von allem unterrichtet und mir werde ohne Zweifel Gerechtigkeit widerfahren.

Ich sah sofort, daß ich nichts erreichen würde, und dachte daher auf dem Heimwege darüber nach, wie ich mich aus der Klemme ziehen könnte. Ich begegnete Binetti, der meine Lage kannte; er lud mich ein, bei ihm zu speisen, und versicherte mir, der Wiener Gesandte würde mich in seinen Schutz nehmen; dadurch würde ich vor den Gewalttätigkeiten sicher sein, die die Gauner ohne Zweifel gegen mich zu üben versuchen würden, trotz allen Versicherungen, die ich von dem Offizier im Vorzimmer erhalten hätte. Ich nahm die Einladung an, und seine reizende Frau, der meine Lage wirklich zu Herzen ging, verlor keinen Augenblick, den Gesandten, ihren Liebhaber, von allem zu unterrichten.

Der Diplomat kam mit ihr, ließ sich von mir die Geschichte ausführlich erzählen und sagte mir: »Der Herzog weiß wahrscheinlich nichts davon; schreiben Sie einen kurzen Bericht über den hinterlistigen Überfall nieder. Ich werde Ihre Schrift dem Fürsten übergeben und bezweifle nicht, daß Ihnen Gerechtigkeit zuteil werden wird.«

Ich setzte mich an den Schreibtisch der Binetti und verfaßte einen wahrheitsgetreuen Bericht; diesen übergab ich unversiegelt dem Gesandten, der mir versicherte, meine Angelegenheit werde innerhalb einer Stunde dem Herzog bekannt sein.

Bei Tisch wiederholte meine Landsmännin mir ihre feste Versicherung, daß ihr Liebhaber mich beschützen würde. Wir verbrachten den Tag ziemlich heiter; aber gegen Abend kam mein Spanier und meldete mir: »Wenn Sie in Ihren Gasthof zurückkehren, werden Sie verhaftet werden; denn ein Offizier ist in Ihr Zimmer gekommen; da er Sie nicht gefunden hat, hat er sich vor die Haustür gestellt, und unten an der Treppe warten zwei Soldaten, die er bei sich hat.«

Die Vinetti sagte zu mir: »Gehen Sie nicht nach Hause, sondern schlafen Sie hier, wo Sie keine Belästigung zu befürchten haben. Lassen Sie sich die Sachen holen, die Sie brauchen, und warten wir ab.«

Ich gab meine Befehle, und mein Spanier holte mir meine Sachen.

Um Mitternacht kam der Gesandte; wir waren noch nicht zu Bett gegangen, und er war damit einverstanden, daß seine Schöne mir Zuflucht gewährt hatte. Er versicherte mir, meine Eingabe sei dem Fürsten übergeben worden; aber während der drei Tage, die ich in diesem Hause verbrachte, hörte ich kein Wort vom Erfolg derselben.

Am vierten Tage, während ich alle möglichen Leute um Rat fragte, was ich tun sollte, erhielt der Gesandte einen Brief vom Staatsminister. Dieser bat ihn im Auftrage seines Herrn, mich aus seinem Hause zu weisen, da ich einen Prozeß mit Offizieren Seiner Hoheit auszumachen habe; solange er mich aber in seinem Hause behalte, könne die Gerechtigkeit nicht ihren Lauf nehmen.

Der Gesandte gab mir diesen Brief, worin der Minister außerdem versprach, daß den Beteiligten volle Gerechtigkeit widerfahren solle. Ich mußte mich also wohl entschließen, wieder in meinen Gasthof zu gehen, aber die Binetti war darüber so wütend, daß sie den Gesandten beschimpfte. Dieser lachte aber nur darüber und sagte, er könne mich gegen den Willen des Fürsten nicht bei sich behalten. Da ich kein Untertan des Kaisers war, so hatte er recht.

Ich ging also in meinen Gasthof, ohne einen Menschen zu sehen; aber nachdem ich gespeist hatte, brachte gerade in dem Augenblicke, wo ich mich mit meinem Anwalt besprechen wollte, ein Gerichtsbote mir eine Vorladung, die mir von meinem Wirt übersetzt wurde. Ich wurde darin aufgefordert, auf der Stelle bei einem Notar Soundso zu erscheinen, der den Auftrag hätte, meine Aussage zu Protokoll zu nehmen. Ich ging mit dem Gerichtsboten zu ihm und verbrachte zwei Stunden bei diesem Mann, der alles, was ich ihm auf Latein sagte, deutsch niederschrieb. Als er fertig war, forderte er mich auf, das Protokoll zu unterschreiben. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß ich nicht ein Schriftstück unterzeichnen würde, welches ich weder lesen noch verstehen könnte. Er bestand auf seinem Verlangen, aber ich blieb unerschütterlich. Er geriet in Zorn und erklärte es für unpassend, daß ich die Rechtlichkeit eines Notars anzweifeln könnte. Ich antwortete ihm ruhig: ich zweifele durchaus nicht an seiner Rechtlichkeit, aber ich handele nach einem Gebot der Vorsicht; da ich nicht verstände, was er geschrieben habe, so erscheine es mir ganz natürlich, daß er auf meine Unterschrift verzichtet. Vom Hause des Notars ließ ich mich zu meinem Anwalt führen, der mein Verhalten lobte und mir versprach, am nächsten Tage zu mir zu kommen und sich von mir Vollmacht geben zu lassen.

»Alsdann,« sagte er zu mir, »wird Ihre Sache ganz die meinige sein.«

Dies tröstete mich, denn der Mann flößte mir Vertrauen ein. Ich ging nach Hause, aß gut zu Abend, legte mich zu Bett und schlief in der allergrößten Ruhe. Aber beim Erwachen meldete mein Spanier mir einen Offizier, der ihm auf dem Fuße folgte und mir in gutem Französisch sagte, ich dürfe mich nicht wundern, Stubengefangener zu sein; denn da ich Ausländer sei und einen Prozeß habe, so sei es nur in der Ordnung, wenn meine Gegenpartei sich dagegen sichere, daß ich mich vor der Entscheidung des Prozesses entferne. Er verlangte mir höflich meinen Degen ab, den ich ihm zu meinem größten Bedauern geben mußte. Er hatte einen Stahlgriff von wunderschöner Arbeit und war ein Geschenk der Marquise d'Urfé; er war mindestens fünfzig Louis wert.

Ich schrieb an meinen Anwalt und teilte ihm den Vorfall mit; er suchte mich auf und versicherte mir, mein Arrest werde nur wenige Tage dauern. Da ich zu Hause bleiben mußte, ließ ich meinen Freunden Bescheid sagen. Ich empfing die Besuche der Tänzer und Tänzerinnen, die in diesem unglückseligen Stuttgart, das mein Fuß niemals hätte betreten sollen, die einzigen mir bekannten anständigen Leute waren. Meine Lage war nicht eben erfreulich: durch ein Glas Wein vergiftet, betrogen, bestohlen, beschimpft, sah ich mich meiner Freiheit beraubt und von der Notwendigkeit bedroht, hunderttausend Franken zu bezahlen, zu deren Deckung ich mich bis aufs Hemd hätte ausplündern lassen müssen, da niemand wußte, welche Summen ich in meiner Brieftasche hatte. Ich war wie betäubt. Ich hatte an Madame, die Gardella, geschrieben; aber ohne Erfolg, denn ich erhielt nicht einmal eine Antwort. Die Binetti, die Toscani und Baletti, die bei mir zu Mittag oder zu Abend speisten, waren mein ganzer Trost. Meine drei Gauner waren einzeln zu mir gekommen, und jeder hatte mich zu überreden gesucht, ihm ohne Vorwissen der anderen Geld zu geben; dafür versprach mir ein jeder von ihnen, mich aus meiner Verlegenheit zu erlösen. Jeder von ihnen würde sich mit drei- oder vierhundert Louis begnügt haben, aber selbst wenn ich diese Summe dem einen gegeben, so wäre ich nicht sicher gewesen, daß die beiden anderen ihre Ansprüche aufgegeben hätten. Ich hätte dadurch diese Ansprüche gewissermaßen gerechtfertigt und meine Lage nur verschlimmert. Ich sagte ihnen daher, sie langweilten mich und ich wäre ihnen dankbar, wenn sie mich nicht mehr mit ihrer Gegenwart belästigen wollten.

Am fünften Tage nach meiner Verhaftung reiste der Herzog nach Frankfurt, und an demselben Tage sagte die Binetti mir im Auftrage ihres Liebhabers, der Herzog habe den Offizieren versprochen, sich nicht in diese Angelegenheit einzumischen; infolgedessen sei ich in Gefahr, das Opfer eines ungerechten Urteils zu werden. Er rate mir daher, alle meine Kleider, Kleinodien und Diamanten zu opfern, um die Ansprüche meiner Gegner zu befriedigen und meiner Angelegenheit ein Ende zu machen. Die Binetti billigte als vernünftige Frau diesen Rat durchaus nicht, und mir gefiel er noch weniger als ihr; aber sie hatte versprochen, diesen Auftrag auszurichten.

Ich besaß Juwelen und Spitzen für mehr als hunderttausend Franken, aber ich konnte mich nicht entschließen, diese zu opfern. Ich schwamm in einem Meer von Ungewißheit, als mein Anwalt eintrat und mir folgendes sagte:

»Mein Herr, alles, was ich zu tun vermochte, war zwecklos. Es besteht eine Clique gegen Sie – eine Clique, die von hoher Stelle unterstützt zu werden scheint und alle Gerechtigkeit zum Schweigen bringt. Es ist meine Pflicht, Ihnen zu sagen, daß Sie verloren sind, wenn es Ihnen nicht gelingt, sich mit den Spitzbuben zu einigen. Der Urteilsspruch des Polizeirichters, der genau so ein Schelm ist wie die anderen, wird einfach summarisch sein; denn als Ausländer dürfen Sie nicht erwarten, daß Ihre Angelegenheit auf dem Wege des gewöhnlichen Gerichtsverfahrens erledigt wird. Um dies zu erreichen, müßten Sie eine Bürgschaft stellen können. Man hat sich Zeugen zu verschaffen gewußt, welche aussagen, daß Sie ein gewerbsmäßiger Spieler sind, daß Sie die drei Offiziere zu ihrem Landsmann Poccini verschleppt haben, daß Ihre Behauptung, man habe Sie betrunken gemacht, nicht wahr ist, und daß Sie weder Ihre Uhren noch Ihre Dosen verloren haben, denn man behauptet, diese würden sich in Ihren Koffern finden, wenn man ein Verzeichnis Ihrer Sachen aufnähme. Machen Sie sich darauf gefaßt, daß dies morgen oder übermorgen geschehen wird, und zweifeln Sie vor allen Dingen nicht an der Wahrheit alles dessen, was ich Ihnen sage; Sie würden es zu spät bereuen. Man wird hierher kommen und Ihren Koffer, Ihren Schmuckkasten und Ihre Taschen leeren; man wird ein Verzeichnis von allem aufnehmen und noch am selben Tage alles versteigern. Wenn der Erlös die Schuld übersteigt, wird der Rest dazu verwandt werden, die Kosten zu decken, und was Sie wieder herausbekommen, wird sehr wenig sein; wenn die Summe nicht genügt, um Schuld und Kosten des Verfahrens, des Arrestes, der Versteigerung usw. zu bezahlen, wird man Sie, mein Herr, als gemeinen Soldaten in die Truppen Seiner allerdurchlauchtigsten Hoheit einreihen. Ich habe den Offizier, der Ihr Hauptgläubiger ist, sagen hören: man werde die vier Louis, die Sie als Handgeld zu bekommen haben, mit verrechnen, und der Herzog werde sehr erfreut sein, einen so schönen Rekruten zu bekommen.«

Der Advokat ging fort, ohne daß ich es merkte, denn seine Rede hatte mich völlig versteinert. Ich war in einer solchen Aufregung, daß es in Verlauf von weniger als einer Stunde mir so vorkam, wie wenn alle Flüssigkeiten meines Körpers einen Ausgang suchten. Ich Soldat eines kleinen Fürsten wie der Herzog, der nur von dem entsetzlichen Handel mit Menschenfleisch lebte, den er wie der Kurfürst von Hessen betrieb! Ich von Gaunern ausgeplündert! Ich von einem ungerechten Urteilsspruch bedroht! Dies darf nicht sein! Suchen wir auf irgendeine Weise Zeit zu gewinnen!

Zunächst schrieb ich meinen Hauptgläubigern, ich hätte mich entschlossen, mit ihnen einen vernünftigen Vergleich abzuschließen, aber ich wünschte, daß alle drei mit Zeugen beim Notar anwesend wären, um ihren Beitritt zu dem Übereinkommen rechtskräftig zu machen, damit ich abreisen könnte.

Ich berechnete, daß auf alle Fälle einer von den dreien am nächsten Tage auf Wache sein müßte, so daß ich zum mindesten einen Tag gewinnen würde. Inzwischen würde, so hoffte ich, mir irgendein Mittel einfallen, um aus der Klemme herauszukommen.

Hierauf schrieb ich einen Brief an den Polizeipräsidenten, den ich mit Exzellenz und Gnädiger Herr anredete und um seinen mächtigen Schutz bat. Ich schrieb ihm, ich hätte mich entschlossen, meine Sachen zu verkaufen, um dem Gerichtsverfahren, womit man mich bedrohte, ein Ende zu machen; ich bat ihn, das Verfahren aufzuschieben, da die Kosten desselben nur meine Verlegenheit vergrößern würden. Außerdem bat ich ihn, mir einen rechtlichen Mann zu schicken, der meine Sachen nach ihrem wahren Werte abschätzen würde, sobald ich mich mit meinen Gläubigern geeinigt hätte; ferner bat ich ihn, bei den Offizieren sich zu meinen Gunsten ins Mittel zu legen. Als ich mit meinen Briefen fertig war, ließ ich sie durch meinen Spanier bestellen.

Der Offizier, an den ich geschrieben hatte, und der nach seiner Behauptung zweitausend Louis bekommen sollte, besuchte mich nach dem Mittagessen. Ich lag im Bett und sagte ihm, ich glaube, ich hätte Fieber. Er sprach mit mir in gefühlvollem Ton, und, mochte nun dieser aufrichtig oder erheuchelt sein, jedenfalls freute er mich. Er sagte mir, er habe mit dem Polizeipräsidenten gesprochen, und dieser habe ihm meinen Brief zu lesen gegeben. »Es ist das beste, was Sie tun können, wenn Sie einem Vergleich zustimmen; aber wir brauchen nicht alle drei anwesend zu sein. Ich werde von den beiden anderen Vollmacht erhalten, und dies wird dem Notar genügen.«

Ich antwortete ihm hierauf: »Mein Herr, ich bin so unglücklich, daß Sie mir nicht die Genugtuung versagen dürfen, Sie alle drei beisammen zu sehen; ich glaube nicht, daß Sie mir diesen Wunsch abschlagen können.«

»Nun, so geschehe es denn nach Ihrem Wunsch; aber, wenn Sie es eilig haben, so mache ich Sie darauf aufmerksam, daß dieser Wunsch erst am Montag erfüllt werden kann; denn an jedem der nächsten vier Tage ist einer von uns auf Wache.«

»Dies tut mir leid, aber ich werde bis Montag warten. Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß bis dahin jedes gerichtliche Verfahren unterbleibt.«

»Ich gebe es Ihnen, hier meine Hand darauf; Sie können sich darauf verlassen, aber dafür möchte auch ich Sie um eine Gefälligkeit bitten. Ihr Reisewagen gefällt mir; überlassen Sie ihn mir für den Preis, den er Ihnen gekostet hat.«

»Gern.«

»Wollen Sie, bitte, den Wirt rufen und ihm in meiner Gegenwart sagen, daß der Wagen mir gehört.«

Ich ließ den Wirt hereinkommen und sagte ihm, was der Kerl wünschte; aber der Wirt sagte ihm, er könnte über den Wagen verfügen, sobald seine Rechnung bezahlt wäre. Hierauf wandte er ihm den Rücken und ging hinaus.

»Ich bin vollkommen sicher, daß ich den Wagen bekommen werde!« sagte der Offizier lachend; hierauf umarmte er mich und ging.

Dieses Gespräch hatte mir so wohl getan, daß ich mich schon halb wieder gesund fühlte. Vier Tage vor mir! Es war ein Glücksfall!

Einige Stunden später kam ein anständig aussehender Mann, der gut italienisch sprach, im Auftrage des Polizeipräsidenten zu mir und sagte mir, meine Gläubiger würden am nächsten Montag beisammen sein und er selber würde beauftragt sein, meine Sachen abzuschätzen. Er riet mir, in den Vergleich die Bedingung aufnehmen zu lassen, daß meine Sachen nicht versteigert werden dürften, sondern daß meine Gläubiger sich an die Preise seiner Schätzung zu halten hätten. Er versprach mir, ich würde mir zu diesem Rate Glück wünschen dürfen, wenn ich ihn befolgte.

Nachdem ich ihm gesagt hatte, er werde seinerseits mit mir zufrieden sein, stand ich auf und bat ihn, den Inhalt meines Koffers und meines Schmuckkastens prüfen zu wollen. Er tat dies und sagte mir, meine Spitzen allein seien zwanzigtausend Franken wert. »Sie haben Sachen im Werte von mehr als hunderttausend Franken, mein Herr, aber ich verspreche Ihnen auf mein Wort, daß ich den Offizieren im geheimen gerade das Gegenteil sagen werde. Versuchen Sie Ihre Gegner dahin zu bringen, daß sie sich mit der Hälfte ihrer Forderung begnügen, und Sie können mit der Hälfte Ihrer Sachen abreisen.«

»Für diesen Fall, mein Herr, verspreche ich Ihnen fünfzig Louis; einstweilen nehmen Sie, bitte, diese sechs auf Abschlag.«

»Ich nehme sie dankbar an. Zählen Sie auf meine Ergebenheit! Die ganze Stadt weiß, daß Ihre Gläubiger Spitzbuben sind, und der Herzog weiß es ebensogut wie alle anderen; aber er hat seine Gründe, um ihre Räubereien scheinbar nicht zu bemerken.«

Ich atmete auf und dachte nur noch daran, meine Zeit auszunützen, um mit meinem ganzen Gepäck, leider mit Ausnahme meines schönen Wagens, die Flucht zu ergreifen. Ich hatte eine schwierige Aufgabe vor mir, aber ich war nicht unter den Bleidächern und die Erinnerung an meine große Flucht erhöhte meinen Mut.

Zunächst lud ich die Toscani, Baletti und den Tänzer Binetti zum Abendessen ein, denn ich mußte mich mit Leuten in Verbindung setzen, die von dem Zorne meiner drei Gauner nichts zu fürchten hatten und auf deren Freundschaft ich rechnen konnte.

Nachdem wir gut gespeist hatten, schilderte ich meinen Gästen alle Umstände meiner Lage und sagte ihnen, daß ich entschlossen sei, zu entfliehen, ohne etwas von meinen Sachen herzugeben. »Und nun, meine Freunde, sagen Sie mir Ihre Meinung!«

Nach einem kurzen Schweigen sagte Binetti mir: wenn ich meinen Gasthof verlassen und mich zu ihm begeben konnte, so würde es mir wohl möglich sein, aus einem der Fenster seines Hauses zu steigen. Wäre ich nur einmal auf fester Erde, so befände ich mich auch außerhalb der Stadt, hundert Schritte von der Landstraße entfernt; ich könnte von dort mit der Post abreisen und würde vor Tagesanbruch jenseits der Grenze des Herzogtums sein.

Baletti stand auf, öffnete das Fenster und fand, daß ich es nicht wagen konnte, auf diesem Wege den Gasthof zu verlassen; denn unterhalb des Fensters befinde sich das Dach einer Bretterbude. Ich überzeugte mich mit meinen eigenen Augen, daß er recht hatte, und sagte, ich würde wohl irgendeinen anderen Weg finden, um den Gasthof zu verlassen; aber was mich in Verlegenheit setzte, wäre mein Gepäck.

Hierauf sagte die Toscani: »Sie müssen Ihre Koffer im Stich lassen; denn es ist nicht möglich, diese unvermerkt fortzuschaffen, und müssen alle Ihre Sachen zu mir schicken. Ich verpflichte mich, Ihnen alles, was Sie mir anvertrauen, sicher nach dem Ort zu schicken, wo Sie zuerst Halt machen werden. Ich werde in verschiedenen Gängen alles unter meinen Kleidern fortbringen und kann damit schon heute Abend beginnen.«

Baletti fand diese Idee gut und sagte mir, seine Frau werde ebenfalls kommen, um die Ausführung zu beschleunigen. Wir entschieden uns also dafür, und ich versprach der Binetti, in der Nacht vom Sonntag zum Montag pünktlich um zwölf Uhr zu ihr zu kommen, und wenn ich auch den Wachtposten erdolchen müßte, den ich tagsüber stets vor meiner Zimmertür hatte, der aber während der Nacht sich entfernte und erst am Morgen wieder kam; bevor er ging, schloß er die Tür ab. Baletti versprach mir, einen treuen Diener mir zur Verfügung zu stellen, und sagte, ich würde auf der Landstraße eine vierspännige Postkutsche finden und auf dieser mein ganzes Gepäck in anderen Koffern. Um die Zeit nicht unbenutzt zu lassen, begann die Toscani sofort sich zu beladen, indem sie zwei Anzüge unter ihrem Rock befestigte. Während der nächsten Tage arbeiteten die drei Damen und meine beiden Freunde so fleißig, daß am Samstag um Mitternacht meine Koffer, meine Schatulle und mein Necessaire leer waren; alle Juwelen behielt ich zurück, um sie in meinen Taschen fortzutragen. Am Sonntag brachte die Toscani mir die Schlüssel von zwei Koffern, worin sie sorgsam alle meine Sachen verpackt hatte; Baletti kam ebenfalls und teilte mir mit, daß alle Maßnahmen getroffen seien, und daß ein guter Reisewagen mit seinem Bedienten von Mitternacht an auf der Landstraße auf mich warten würden.

Dies alles war für mich sehr befriedigend. Um meinen Gasthof zu verlassen, machte ich folgendes:

Der Soldat, der mich bewachte, hielt sich in einem kleinen Vorzimmer auf, in welchem er auf und ab ging; mein Zimmer betrat er niemals, außer wenn ich ihn rief. Sobald er wußte, daß ich im Bett lag, schloß er meine Tür zu und entfernte sich bis zum nächsten Morgen. Außerdem pflegte er an einem Tischchen in einer Ecke des Vorzimmers zu Abend zu essen, was ich ihm von meinen Speisen zukommen ließ. Ich hatte diese Gewohnheiten genau beobachtet, und gab daraufhin meinem Spanier folgende Anweisungen:

»Nach dem Abendessen werde ich nicht zu Bett gehen, sondern mich bereit halten, mein Zimmer zu verlassen; ich werde hinausgehen, sobald ich draußen kein Licht mehr sehe. Doch werde ich mein Licht so stellen, daß man meinen Schatten nicht bemerken kann, und daß kein heller Schein durch die Tür fällt. Bin ich erst einmal aus meinem Zimmer heraus, so werde ich ohne Schwierigkeit die Treppe erreichen, und alles ist in Ordnung. Ich werde zu Binetti gehen; von seinem Hause aus werde ich die Stadt verlassen, und in Fürstenberg werde ich auf dich warten. Kein Mensch wird dich verhindern können, morgen oder übermorgen abzureisen. Sobald du mich in meinem Zimmer bereit siehst – und dies wird sein, während der Soldat zu Abend ißt – wirst du die Kerze auslöschen, die auf seinem Tische steht; dies kannst du leicht tun, indem du den Docht putzest. Du nimmst sofort das Licht, um es wieder anzuzünden, und den Augenblick, wo du in mein Zimmer trittst, werde ich benützen, um im Schutze der Dunkelheit mich zu entfernen. Sobald du denkst, daß ich das Vorzimmer verlassen haben müßte, kommst du mit der angezündeten Kerze zum Soldaten zurück; hierauf hilfst du ihm langsam seine Flasche austrinken. Inzwischen werde ich in Sicherheit sein. Du wirst ihm sagen, daß ich zu Bett gegangen sei; er wird eintreten, mir gute Nacht wünschen, die Tür verschließen, den Schlüssel in die Tasche stecken und mit dir fortgehen. Es ist nicht anzunehmen, daß er mit dir wird sprechen wollen, wenn du ihm sagst, daß ich schon zu Bett gegangen sei.«

Da es jedoch immerhin möglich war, daß der Soldat mich zu sehen wünschte, so legte ich auf das Kopfkissen einen Perückenkopf, über welchen ich eine Nachtmütze gezogen hatte und zog die Decke so zurecht, daß der Soldat bei einem flüchtigen Blick getäuscht werden mußte.

Alles ging ausgezeichnet, wie ich später von meinem Spanier erfuhr. Während dieser mit meinem Wächter trank, zog ich meinen Pelz an, schnallte meinen Hirschfänger um – denn ich hatte keinen Degen mehr – und steckte zwei geladene Pistolen in meine Taschen. Sobald ich an der Dunkelheit erkannte, daß Leduc das Licht ausgelöscht hatte, ging ich leise hinaus und kam ohne das geringste Geräusch an die Treppe. Als ich einmal dort war, war das übrige leicht; denn die Treppe führte auf den Flur und die Haustür stand stets bis nach Mitternacht offen.

Mit großen Schritten eilte ich die Straße entlang und kam um dreiviertel Zwölf bei Binetti an, dessen Frau mich am Fenster erwartete. Als ich in ihrem Zimmer war, von wo aus ich meine Flucht bewerkstelligen sollte, verloren wir keine Zeit; ich warf durch das Fenster meinen Pelz Baletti zu, der unten im Graben bis an die Waden im Schlamm stand; nachdem ich einen starken Strick fest um meinen Leib gebunden hatte, umarmte ich die Binetti und die kleine Baletti, die mich an dem Strick, der um ein Stück Holz gewickelt war, ganz sanft hinuntergleiten ließen. Baletti fing mich mit seinen Armen auf; ich schnitt den Strick durch, zog meinen Pelz wieder an und folgte meinem lieben Baletti.

Wir durchwateten den Schlamm, indem wir bis an die Knie einsanken, brachen uns mit vieler Mühe einen Weg durch die Hecken und gelangten endlich auf die Landstraße. Wir waren sehr ermüdet, obwohl die Straße in gerader Richtung nicht mehr als vierhundert Schritte von dem Hause entfernt war. In geringer Entfernung fanden wir vor der Tür einer kleinen Schenke den Wagen, worin Balettis Bedienter saß. Er stieg aus und sagte uns, der Postillon sei in die Schenke gegangen, um ein Glas Bier zu trinken und seine Pfeife anzuzünden. Ich belohnte den treuen Diener, setzte mich an dessen Stelle in den Wagen, umarmte seinen Herrn, und bat sie, zu gehen und das Weitere mir zu überlassen.

Es war der 2. April 1760, mein Geburtstag und ein bemerkenswerter Tag in der Geschichte meines Lebens, da fast keiner vergangen ist, ohne daß mir etwas Glückliches oder Unglückliches zugestoßen wäre.

Ich saß seit zwei oder drei Minuten im Wagen, als der Postillon herauskam und mich fragte, ob wir noch lange zu warten hätten. Er glaubte mit derselben Person zu sprechen, die vorher im Wagen gewesen war, und ich hütete mich natürlich, ihm seinen Irrtum zu benehmen, sondern sagte zu ihm: »Vorwärts und fahre in einem zu bis Tübingen, ohne in Waldenbuch die Pferde zu wechseln.« Er gehorchte, und wir fuhren mit großer Schnelligkeit; aber das Gesicht, das er machte, als er in Tübingen mich zu sehen bekam, war so komisch, daß ich beinahe laut aufgelacht hätte. Balettis Diener war jung und klein. Ich war groß und vollkommen ausgewachsen. Er riß die Augen weit auf und sagte, ich sei nicht derselbe Herr, mit dem er abgefahren sei. »Du warst betrunken«, sagte ich zu ihm. Zugleich drückte ich ihm ein viermal so großes Trinkgeld in die Hand, als er sonst zu erhalten pflegte, und der arme Teufel erwiderte kein Wort mehr. Wer hätte nicht die Erfahrung gemacht, daß es fast immer, um Recht zu behalten, das beste Mittel ist, nicht aufs Geld zu sehen! Ich reiste sofort weiter und machte erst Halt, als ich auf Fürstenbergischem Gebiet war; hier war ich in voller Sicherheit. Ich hatte unterwegs nichts gegessen und hatte bei meiner Ankunft in dem Gasthof einen Riesenhunger. Ich ließ mir ein gutes Nachtessen auftragen; hierauf ging ich zu Bett und hatte einen friedlichen Schlaf. Nach meinem Erwachen ließ ich mir Papier bringen und schrieb an jeden meiner drei Spitzbuben einen gleichlautenden Brief. Ich versprach ihnen, drei Tage in Fürstenberg auf sie zu warten und forderte sie in den stärksten Ausdrücken zum Zweikampf heraus, indem ich ihnen bei meiner Ehre schwor, daß ich ihre Feigheit öffentlich bekannt machen würde, wenn sie sich weigern sollten, sich mit mir zu messen. Hierauf schrieb ich an die Toscani, an Baletti und an die liebenswürdige Geliebte des österreichischen Gesandten, empfahl ihnen Leduc und dankte ihnen für ihre freundschaftliche Hilfe.

Die drei Spitzbuben kamen nicht, aber die beiden sehr schönen Töchter des Wirtes ließen mich meine drei Wartetage auf die angenehmste Weise verbringen. Am vierten Tage gegen Mittag hatte ich das Vergnügen, meinen treuen Spanier, mit seinem Mantelsack auf dem Sattel, angesprengt kommen zu sehen. Er sagte zu mir: »Gnädiger Herr, in Stuttgart weiß jedermann, daß Sie hier sind, und es steht zu befürchten, daß die drei Offiziere, die zu feige sind, um einen Zweikampf anzunehmen, Sie ermorden lassen. Wenn Sie vernünftig sind, reisen Sie sofort nach der Schweiz ab.«

»Du bist also selber ein rechter Feigling, mein armer Junge«, sagte ich zu ihm; »sei meinetwegen unbesorgt und erzähle mir alles, was nach meiner Abreise vorgefallen ist.«

»Gnädiger Herr, sobald Sie hinaus waren, machte ich alles, wie Sie es mir gesagt hatten; ich half dem armen Teufel seine Flasche austrinken – was er ganz gut auch alleine hätte fertig bringen können – und sagte ihm hierauf, Sie seien zu Bett gegangen; er schloß wie gewöhnlich die Tür zu und ging, nachdem er mir die Hand geschüttelt hatte. Als er fort war, legte ich mich zu Bett. Am anderen Morgen war der biedere Soldat um neun Uhr auf seinem Posten, und um zehn Uhr kamen die drei Offiziere. Ich sagte ihnen, Sie schliefen noch, worauf sie fortgingen, indem sie mir befahlen, ihnen im Kaffeehause nebenan Bescheid zu sagen, sobald Sie aufgestanden wären. Nachdem sie lange gewartet hatten, ohne mich kommen zu sehen, erschienen sie um zwölf Uhr wieder und befahlen dem Soldaten die Tür zu öffnen. Da hatte ich denn einen sehr netten Anblick, obgleich ich mich inmitten der drei Spitzbuben in großer Gefahr befand.

Sie treten ein, sehen den Perückenkopf, den sie für Ihren Kopf halten, gehen an das Bett heran und sagen Ihnen höflich guten Tag. Da Sie nicht antworten, schüttelt der eine von ihnen Sie, und plumps! rollt der Perückenkopf auf den Fußboden; ich stoße ein lautes Lachen aus, das ich nicht zurückhalten kann, da ich ihre Verblüffung sehe.

›Du lachst, Lümmel, du wirst uns sagen, wo dein Herr ist.‹ Diese wütenden Worte waren von einigen Stockschlägen begleitet.

Ich bin nicht der Mann, mir eine solche Behandlung gefallen zu lassen, und sagte ihnen mit einem kräftigen Fluch: wenn sie das nochmals täten, würde ich mich verteidigen, ich wäre nicht der Hüter meines Herrn und sie brauchten nur den Wachtposten zu befragen. Sie taten dies und der Soldat schwor bei allen Heiligen, Sie könnten nur durch das Fenster entflohen sein. Trotz seiner Versicherung rief man einen Korporal, und der arme Kerl wurde ins Gefängnis geschickt, so unschuldig er auch war.

Der Wirt hatte den Lärm im Zimmer gehört; er kam herauf, öffnete ihre Koffer und sagte, als er diese leer sah, Ihr Reisewagen wäre ihm eine genügende Bezahlung; er lächelte nur, als der eine Offizier behauptete, Sie hätten ihm den Wagen abgetreten. Ein höherer Offizier kam dazu; er erklärte, Sie könnten nur durch das Fenster entflohen sein, und befahl infolgedessen die Schildwache sofort in Freiheit zu setzen. Gegen mich aber nahm man sich die fürchterlichsten Ungerechtigkeiten heraus; denn da ich mich des Lachens nicht enthalten konnte und auf alle Fragen nur mit einem Ich weiß es nicht antwortete, so erlaubten die Herren sich, mich ins Gefängnis zu schicken, indem sie mir sagten, man würde mich so lange festhalten, bis ich erklärte, wo Sie oder doch wenigstens Ihre Sachen wären.

Am nächsten Tage kam einer von ihnen ins Gefängnis und sagte mir, wenn ich bei meinem Schweigen bliebe, so würde ich unfehlbar zum Zuchthaus verurteilt. Ich antwortete ihm: ›Auf Spanierwort, ich weiß es nicht. Aber selbst wenn ich es wüßte, würden Sie niemals ein solches Geständnis von mir erpressen, denn niemand kann einem ehrlichen Diener vorschreiben, seinen Herrn anzugeben‹. Auf diese Worte hin befahl der Spitzbube dem Kerkermeister mir eine Tracht Prügel zu geben; hierauf ließ man mich frei.

Mir tat der Buckel ein bißchen weh, aber ich war stolz, meine Pflicht getan zu haben, und froh, so billig davon gekommen zu sein. Zum Schlafen ging ich in den Gasthof, wo ich gut aufgenommen wurde. Am nächsten Morgen wußte ganz Stuttgart, daß Sie hier wären und den drei Gaunern eine Herausforderung geschickt hätten; aber ein jeder sagte, sie würden nicht so verrückt sein, mit Ihrer eigenen Person einzustehen. Frau Valetti bittet Sie jedoch, von hier abzureisen, weil jene Leute imstande wären, Sie ermorden zu lassen. Der Wirt hat Ihren Reisewagen und Ihre Koffer an den Wiener Gesandten verkauft, der, wie man sagt, Sie aus der Wohnung seiner Geliebten durch ein Fenster hat entwischen lassen. Was mich anbetrifft, so bin ich ohne Hindernis hier angekommen.«

Drei Stunden nach Leducs Ankunft nahm ich die Post und fuhr nach Schaffhausen und von dort mit einem Mietfuhrwerk nach Zürich, weil es in der Schweiz keine Post gibt. Ich stieg in dem ausgezeichneten Gasthof zum Schwert ab.

Als ich nach dem Abendessen allein in dem glänzendsten Speisesaal der ganzen Schweiz saß, wohin ich gleichsam wie aus den Wolken gefallen war – denn ich hatte vorher nicht die geringste Absicht gehabt, nach Zürich zu gehen – überließ ich mich tausend Betrachtungen über meine augenblickliche Lage und mein vergangenes Leben. Ich rief mir meine Unglücksfälle ins Gedächtnis zurück und prüfte mein Verhalten. Ich erkannte gar bald, daß alle Unannehmlichkeiten mir durch meine eigene Schuld zugestoßen waren, und daß ich fast immer mit meinem Glück Scherz getrieben hatte, wenn es mich mit seinen Gaben überschüttete. Ich hatte mich soeben aus einer Schlinge gezogen, in der ich trotz meiner Unschuld Tod oder Schande finden konnte, und ich erzitterte bei diesem Gedanken. Ich faßte den Entschluß, in Zukunft nicht mehr ein Spielball des Glücks zu sein und mich vom Zufall gänzlich unabhängig zu machen. Ich stellte ein Verzeichnis meines Vermögens auf und fand, daß ich dreihunderttausend Franken besaß. Dies genügt, sagte ich zu mir selber, um vor allen Wechselfällen geschützt eine sichere Existenz zu führen, und ich werde in einem vollkommenen Frieden das wahre Glück finden! Voll von diesen Gedanken ging ich zu Bett und verbrachte eine köstliche Nacht in wundervollen Träumen. Ich sah mich in einer friedlichen Einsamkeit in Überfluß und Ruhe; mir war's, wie wenn ich mich inmitten einer schönen Landschaft befände, deren Herr ich wäre und wo ich einer Freiheit genösse, die der Mensch vergeblich in der Welt sucht. Natürlich träumte ich; aber in meinem Traum kam es mir vor, als ob ich nicht träumte. Es war für mich eine schmerzliche Enttäuschung, als ich bei Tagesanbruch plötzlich erwachte. Ich war von meinem eingebildeten Glück zu angenehm geweckt, als daß ich nicht hätte suchen sollen, es zu verwirklichen. Ich stand auf, zog mich in aller Eile an, und ging ohne Frühstück aus dem Hause, ohne zu wissen wohin.

Nachdem ich in Gedanken über meinen Traum versunken eine Stunde langsam marschiert war, wachte ich sozusagen plötzlich auf und befand mich in einer Schlucht zwischen zwei hohen Bergen. Ich ging weiter, kam in eine von Bergen umschlossene Ebene und sah zur Linken in der Ferne in prachtvoller Lage eine große Kirche neben einem großen regelmäßigen Gebäude. Ich erriet, daß es ein Kloster wäre, und lenkte meine Schritte dorthin. Ich fand die Kirchentüre offen, trat ein und war verwundert ob dem reichen Marmorschmuck und der Schönheit der Altäre. Nachdem ich die letzte Messe gehört hatte, ging ich in die Sakristei, wo ich eine Menge Benediktiner fand.

Der Abt, den ich inmitten dieser Mönche an dem um seinen Hals hängenden Kreuz erkannte, trat auf mich zu und fragte, ob ich die Sehenswürdigkeiten des Klosters und der Kirche in Augenschein zu nehmen wünsche. Ich antwortete ihm, dies werde mir viel Vergnügen machen, und er erbot sich, nebst zwei anderen Brüdern selber mein Führer zu sein. Ich sah sehr reiche Gewänder, die mit Gold und echten Perlen überladen waren, Monstranzen, die mit Diamanten und anderen Edelsteinen geschmückt waren, eine reiche Ballustrade und anderes mehr.

Ich verstand sehr wenig deutsch und kein Wort von der Schweizer Mundart, die mir sehr schwer verständlich zu sein scheint und in der deutschen Sprache etwa die Stellung einnehmen dürfte, wie die genuesische Mundart in der italienischen. Ich begann daher lateinisch zu sprechen und fragte den Abt, ob die Kirche schon vor langer Zeit erbaut worden sei. Hierauf begann der Hochwürdigste eine lange Geschichte, die mich beinahe dahin gebracht hätte, meine Neugierde zu bereuen, wenn er mir nicht zum Schluß gesagt hätte, es sei die einzige Kirche auf der ganzen Welt, die Jesus Christus in eigener Person geweiht habe. Demnach mußte die Gründung schon recht weit zurückliegen, und ohne Zweifel machte ich ein etwas überraschtes Gesicht dazu; denn der Abt lud mich ein, ihm in die Kirche zu folgen, um mich von der Wahrheit jener Worte zu überzeugen. Dort zeigte er mir auf einer Marmorfliese des Fußbodens die Fußtapfe, die Jesus im Augenblick der Einweihung hinterlassen hätte, um die Zweifler zu überzeugen und dem Superior die Mühe zu ersparen, den Bischof des Sprengels zur Weihe der Kirche herbeirufen zu lassen. Der Superior hatte dieses Wunder durch eine göttliche Offenbarung im Traum erfahren. Er ging in die Kirche, um nachzusehen, sah die Höhlung, die der göttliche Fuß hinterlassen hatte, und dankte dem Herrn.

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