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Erinnerungen, Band 2

Giacomo Casanova: Erinnerungen, Band 2 - Kapitel 8
Quellenangabe
typeautobio
authorCasanova
titleErinnerungen, Band 2
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
volume2
year1911
senderwww.gaga.net
created20050213
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Siebentes Kapitel

Komisches Erlebnis auf der Durchreise in Ferrara. – Meine Ankunft in Paris.

Punkt zwölf Uhr mittags setzte die Peote mich bei Pontelagoscuro ab; ich nahm sofort einen Wagen, um zur Essenszeit in Ferrara zu sein; dort stieg ich im Gasthof San Marco ab. Von einem Kellner geführt, stieg ich in den ersten Stock hinauf, als plötzlich ein fröhlicher Lärm, der aus einem offenen Saal herauskam, meine Neugier erregte. Ich wollte sehen, was da los wäre, steckte meinen Kopf ins Zimmer hinein und sah ein Dutzend Herren und Damen an einer reichbesetzten Tafel sitzen. Die Heiterkeit erklärte sich also ganz einfach, und ich wollte meinen Weg fortsetzen, als ich plötzlich angehalten wurde. Eine schöne Frauenstimme rief: »Ah! da ist er ja!« Und im selben Augenblick stand die Dame auf, kam mit ausgebreiteten Armen auf mich zu und umarmte mich. Dabei rief sie: »Schnell! Legt ein Gedeck neben mir auf und laßt seinen Koffer in dieses Zimmer bringen!« Zu einem jungen Mann, der inzwischen hereingetreten war, sagte sie: »Nun, ich hatte dir ja gesagt, er würde heute oder morgen eintreffen.«

Sie führte mich an den Tisch und hieß mich an ihrer Seite niedersetzen, nachdem ich von allen Gästen begrüßt worden war, die sich mir zur Ehre von ihren Plätzen erhoben hatten.

»Mein lieber Vetter,« sagte sie zu nur, »Sie müssen guten Appetit haben.« Bei diesen Worten trat sie mir auf den Fuß. »Hier stelle ich Ihnen meinen Bräutigam vor, und hier sehen Sie meinen Schwiegervater und meine Schwiegermutter, die übrigen Anwesenden sind sämtlich Freunde des Hauses. Aber, mein lieber Vetter, wie kommt es denn, daß meine Mutter nicht mit Ihnen zusammen angekommen ist?«

Der Augenblick war also da, daß ich sprechen mußte! »Ihre Mutter, meine liebe Base, wird spätestens in drei oder vier Tagen hier sein.«

Ich glaubte anfangs, das eigentümliche Geschöpf nicht zu kennen; als ich sie aber näher ansah, schien es mir, als wären ihre Gesichtszüge mir bekannt. Es war die Catinella, eine sehr bekannte Tänzerin, mit der ich aber niemals ein Wort gesprochen hatte. Ich sah sofort, daß sie mich eine Stegreifrolle in einem Stück eigener Erfindung spielen ließ und daß sie wahrscheinlich meiner bedurfte, um die Lösung herbeizuführen. Das Ungewöhnliche hat mir stets gefallen, und da meine Base hübsch war, ging ich gerne auf das Spiel ein, da ich nicht daran zweifelte, daß ich meine Belohnung dafür erhalten würde. Es galt, meine Rolle gut zu spielen und vor allen Dingen mich nicht bloßzustellen; ich schützte daher großen Hunger vor, und dadurch gewann sie die Zeit, in halben Andeutungen zu mir zu sprechen, so daß ich wußte, woran ich war, und keinen Schnitzer mehr begehen konnte. Sie begriff sofort die Gründe meiner Zurückhaltung und gab mir ein Pröbchen ihres Geistes, indem sie, bald zu diesem, bald zu jenem sich wendend, alles sagte, was ich zu wissen brauchte. Ich erfuhr, daß die Heirat erst nach Ankunft ihrer Mutter stattfinden könne, die ihr ihre Kleider und Diamanten bringen sollte. Ich erfuhr ferner, daß ich der Kapellmeister war, der nach Turin reiste, um die Musik zu der Oper zu komponieren, die bei der Hochzeitsfeier des Herzogs von Savoyen gespielt werden sollte. Diese letztere Entdeckung machte mir viel Vergnügen, denn ich sah, daß ich durchaus keine Schwierigkeit haben würde, am nächsten Tage abzureisen; infolgedesen fand ich Geschmack an meiner Rolle. Allerdings, wenn ich nicht auf einen süßen Lohn gezählt haben würde, wäre es recht wohl möglich gewesen, daß ich der Gesellschaft gesagt hätte, meine angebliche Base sei verrückt; aber die Catinella, obgleich an die dreißig, war sehr hübsch und außerdem berühmt wegen ihrer Liebesabenteuer – Gründe genug, um mich geschmeidig wie einen Handschuh zu machen. Die als Schwiegermutter bezeichnete Dame, die mir gegenüber saß, schenkte, um mir eine Ehre zu erweisen, ein Glas Wein ein und bot es mir an. Ich hatte mich bereits in meine Rolle hineingelebt und streckte die Hand aus, um ihr das Glas abzunehmen; dabei bemerkte sie, daß ich die Hand ein wenig gekrümmt hielt, und fragte mich: »Was haben Sie denn, mein Herr?«

»Ach weiter nichts, gnädige Frau; eine leichte Verstauchung, die durch ein bißchen Ruhe von selber wieder besser werden wird.«

Bei diesen Worten lachte Catinella laut auf und rief, das täte ihr leid, denn dadurch würde die Gesellschaft des Vergnügens beraubt, mich Klavier spielen zu hören.

»Ich finde es eigentümlich, liebe Base, daß Sie darüber lachen.«

»Ich lachte, weil es mich an eine vorgeschützte Verstauchung erinnerte, die ich mir vor zwei Jahren zulegte, um nicht tanzen zu müssen.«

Nach dem Kaffee sagte die Schwiegermutter, als eine Frau, die ganz genau wußte, was sich gehört: Fräulein Catinella hätte ohne Zweifel mit mir über ihre Familienangelegenheiten zu sprechen; man müßte uns also miteinander allein lassen. Alle empfahlen sich.

Als ich mit Catinella in dem Zimmer allein war, das sie mir neben dem ihren hatte zurecht machen lassen, warf sie sich auf ein Kanapee und überließ sich einer unmäßigen Heiterkeit. Dann sagte sie: »Obgleich ich Sie nur dem Namen nach kenne, bin ich doch sicher, daß ich mich auf Sie verlassen kann; aber Sie werden sehr gut daran tun, morgen wieder abzureisen. Ich bin hier seit zwei Monaten ohne einen Pfennig Geld. Ich habe nur ein paar Kleider und etwas Wäsche bei mir, und diese Sachen hätte ich verkaufen müssen, um zu leben, wenn ich nicht zum Glück den Sohn des Hauses in mich verliebt gemacht hätte. Ich habe ihm mit der Hoffnung geschmeichelt, seine Frau zu werden und ihm eine Mitgift im Werte von zwanzigtausend Talern in Diamanten ins Haus zu bringen, die ich angeblich in Venedig habe und die meine Mutter mir bringen soll. Meine Mutter hat nichts und weiß nichts von der ganzen Geschichte; sie wird sich also nicht von der Stelle rühren.«

»Aber sage mir, schöne Unbesonnene, ich bitte dich, wie wird der Ausgang dieser Posse sein? Ich sehe einen tragischen voraus.«

»Du irrst dich, der Ausgang wird komisch und sehr lächerlich sein. Ich erwarte jeden Augenblick den Grafen von Ostein, den Bruder des Kurfürsten von Mainz. Er hat mir von Frankfurt aus geschrieben; von dort ist er abgereist, und er muß jetzt in Venedig sein. Er wird mich abholen, um mich mit sich nach der Messe von Reggio zu nehmen, und wenn mein Bräutigam sich einfallen lassen sollte, unangenehm zu werden, so würde er ihn verprügeln und ihm meine Zeche zahlen; aber ich will, daß er weder Prügel noch Geld bekommt. Im Augenblick meiner Abreise werde ich ihm leise ins Ohr sagen, ich würde wiederkommen, und damit wird alles in Ordnung sein; denn um ihn glücklich zu machen, brauche ich ihm nur zu versprechen, ihn nach meiner Rückkehr heiraten zu wollen.«

»Ausgezeichnet! Du bist geistvoll, wie ein Engel; ich aber werde nicht deine Rückkehr abwarten, um dich zu heiraten; unsere Hochzeit muß sofort stattfinden.«

»Welche Torheit! Warte doch wenigstens bis zur Nacht!«

»Auf keinen Fall! Ich glaube schon den Wagen des Grafen zu hören. Wenn er nicht kommt, so verlieren wir dadurch nichts für die Nacht.«

»Du liebst mich also?«

»Rasend! Und wenn auch nicht; aber deine Komödie ist wahrhaftig wert, daß man dich anbetet. Laß uns keine Zeit verlieren!«

»Du hast recht; es ist eine Episode, und eine um so hübschere, da sie improvisiert ist.«

Ich erinnere mich noch, daß ich sie reizend fand. Gegen Abend bekamen wir Besuch von der ganzen Gesellschaft, und man sprach davon, einen Spaziergang in der frischen Luft zu machen. Während wir mit den Vorbereitungen hiezu beschäftigt waren, rasselte plötzlich ein sechsspänniger Wagen heran. Catinella sah aus dem Fenster und sagte allen Anwesenden, sie möchten sich zurückziehen; der Ankömmling wäre ein Fremder, der ihretwegen käme; das wisse sie bestimmt. Alle gingen; mich aber schob sie in mein Zimmer und schloß mich ein. Die Berline hielt tatsächlich vor dem Gasthof, und ich sah einen Herrn aussteigen, der viermal so dick war wie ich und von vier Bedienten unterstützt wurde. Er kam herauf und trat bei der zukünftigen Gattin ein; mir blieb zu meiner Belustigung nichts weiter als die Genugtuung, das Glück beim Schopf gepackt zu haben, das Vergnügen, ihre ganze Unterhaltung mit anzuhören, und die Annehmlichkeit, durch eine Spalte alles anzusehen, was Catinella mit der schwerfälligen Fleischmasse anzustellen wußte. Schließlich begann diese dumme Unterhaltung mich doch zu langweilen, denn sie dauerte fünf Stunden hintereinander. Diese wurden zunächst mit Liebesszenen ausgefüllt. Hierauf wurden Catinellas Kleider zusammengepackt und auf die Berline geladen; endlich speisten die beiden zu Abend und leerten in großen Zügen zahlreiche Flaschen Rheinwein. Um Mitternacht reiste der Graf von Ostein ab, wie er gekommen war, und entführte dem Sohn des Wirtes den Gegenstand seiner Liebe. Während dieser ganzen langen Zeit kam niemand in mein Zimmer, und ich hütete mich wohl zu rufen. Ich fürchtete, entdeckt zu werden, und ich wußte nicht, wie der deutsche Prinz die Sache würde aufgenommen haben, wenn er erfahren hätte, daß er während der schwerfälligen Bezeigungen seiner Zärtlichkeit einen verborgenen Zeugen gehabt hatte; denn diese machten keinem der beiden Beteiligten Ehre und lieferten mir reichen Stoff zu Betrachtungen über die Armseligkeiten des Menschengeschlechts.

Nach der Abreise der Heldin bemerkte ich durch meine Türritze den armen geprellten Liebhaber und rief ihn herbei, um mir zu öffnen. Der arme Tölpel antwortete mir mit kläglicher Stimme, das Schloß müsse erbrochen werden, denn das Fräulein habe den Schlüssel mitgenommen.

Ich bat ihn, dies unverzüglich tun zu lassen, denn ich hätte Hunger. Sobald ich frei war, brachte man mir etwas zu essen, und der arme Junge leistete mir Gesellschaft. Er sagte mir, das Fräulein habe einen freien Augenblick gefunden, um ihm zu versichern, sie werde in sechs Wochen zurück sein; sie habe dabei geweint und ihn zärtlich geküßt.

»Der Prinz wird ihre Rechnung bezahlt haben?«

»Durchaus nicht; wir hätten auch das Geld gar nicht angenommen, wenn er es uns angeboten hätte; meine Braut hätte sich beleidigt gefühlt; denn Sie können sich gar nicht vorstellen, wie nobel sie denkt.«

»Was sagt ihr Vater zu ihrer Abreise?«

»Mein Vater denkt immer schlecht; er sagt, sie wird nicht wiederkommen, und meine Mutter hält es mehr mit seiner Ansicht als mit der meinigen. Aber Sie, Herr Kapellmeister, was sagen Sie dazu?«

»Wenn sie es Ihnen gesagt hat, so wird sie ohne Zweifel wiederkommen.«

»Ja, wenn sie nicht die Absicht hätte, wiederzukommen, hätte sie es mir nicht versichert.«

»Ganz recht! Das nenne ich vernünftig sprechen!«

Mein Abendessen bestand aus dem Reste der Mahlzeit, die der Koch des Grafen für seinen Herrn zubereitet hatte, und ich trank eine Flasche ausgezeichneten Rheinweins, den Catinella auf die Seite geschmuggelt hatte, um ihren künftigen Gatten damit zu bewirten; dieser aber glaubte sie nicht besser verwenden zu können, als indem er seinen zukünftigen Vetter damit bewirtete. Nach dem Abendessen nahm ich die Post und reiste ab, nachdem ich dem unglücklichen Verlassenen die Versicherung gegeben, ich würde alles tun, was mir nur irgend möglich wäre, um meine Base zu überreden, daß sie so bald wie möglich zurückkäme. Ich wollte bezahlen, aber er weigerte sich durchaus, irgend etwas anzunehmen. In Bologna kam ich eine Viertelstunde nach Catinella an; ich stieg im selben Gasthof ab wie sie und fand eine Gelegenheit, ihr zu berichten, was ihr Bräutigam mir gesagt hatte. In Reggio kam ich vor ihr an; aber es war mir unmöglich, mit ihr zu sprechen, denn sie verließ keinen Augenblick ihren mächtigen und ohnmächtigen Gebieter.

Nach Schluß der Messe, bei der mir nichts Bemerkenswertes begegnete, verließ ich Reggio mit meinem Freunde Baletti, und wir gingen nach Turin, das ich gerne kennen lernen wollte; denn als ich das erstemal mit Henrietten dort durchgereist war, hatte ich mich nur so lange aufgehalten, um die Pferde zu wechseln.

In Turin fand ich alles gleichermaßen schön: Stadt, Hof, Theater und Frauen, in erster Linie die Herzogin von Savoyen. Aber ich mußte unwillkürlich lachen, als man mir sagte, die Polizei sei ausgezeichnet; denn ich sah die Straßen voll von Bettlern. Dieser Polizei galt jedoch die Hauptsorge des Königs, der sehr klug war, wie uns die Weltgeschichte lehrt. Hier muß ich gestehen, daß ich so einfältig war, über die lächerliche Figur des Monarchen in Erstaunen zu geraten.

Da ich niemals in meinem Leben einen König gesehen hatte, hatte ich mir die verschrobene Idee in den Kopf gesetzt, ein König müsse in seinen Gesichtszügen einen sehr seltenen Ausdruck an Schönheit oder an Majestät tragen, mit einem Wort etwas, was ihn den übrigen Menschen überlegen erscheinen ließe. Für einen denkenden, jungen Republikaner war meine Auffassung nicht ganz und gar dumm; aber ich kam sehr schnell von ihr zurück, als ich diesen König von Sardinien sah: denn er war häßlich, bucklig, mürrisch und unvornehm in seinen geringsten Bewegungen. Ich erkannte wohl, daß man König sein könne, ohne ein ganzer Mensch zu sein.

Ich hörte auf der Bühne die Astrua und Gaffarello, diese beiden herrlichen Stimmen, und ich sah die Geoffroy tanzen, die ein sehr ehrenwerter Tänzer, namens Bodin gerade um dieselbe Zeit heiratete.

Während meines Turiner Aufenthaltes störte keine verliebte Neigung den Frieden meiner Seele; doch hatte ich mit der Tochter meiner Wäscherin ein Erlebnis, das ich nur deshalb hier erwähne, weil es auf eine sonderbare Art meine physikalischen Kenntnisse vermehrte.

Das Mädchen war sehr hübsch, und wenn ich auch nicht gerade in sie verliebt war, so wünschte ich doch, mit ihrer Huld beglückt zu werden. Meine Bemühungen, ein Stelldichein von ihr zu bekommen, waren vergeblich; dies ärgerte mich ein wenig, und ich erkühnte mich eines Tages zu einem Versuch, mich mit ein bißchen Gewalt in ihren Besitz zu setzen. Zu diesem Zweck verbarg ich mich am Fuße einer Hintertreppe, die sie hinaufsteigen mußte, um zu mir zu gelangen, in einem Augenblick, wo ich wußte, daß sie bald erscheinen mußte. Es gelang mir, sie zu überraschen, und halb meinem Zureden, halb meinem Angriff nachgebend, befand sie sich im Nu in der günstigsten Lage, und ich war am Werk. Aber im ersten Augenblick der Vereinigung ertönte eine starke Explosion, die meinen Eifer bedeutend herabsetzte, besonders da das junge Mädchen mit der Hand das Gesicht verdeckte, wie wenn sie ihre Schamröte verbergen wollte. Ich glaubte sie durch einen zärtlichen Kuß beruhigen zu müssen und fing von neuem an. Aber großer Gort, ein noch stärkerer Knall, mit Geruch verbunden, traf im selben Augenblick mein Ohr und meine Nase. Ich fuhr fort – ein drittesmal, ein viertesmal genau dasselbe! Und so ging es bei jeder Bewegung mit der Regelmäßigkeit eines Chronometers, der bei einem Musikstück den Takt bezeichnet. Dieses seltsame Phänomen, die Verwirrung des armen Mädchens, unsere Stellung, alles dies erschien mir so komisch, und ich mußte dermaßen lachen, daß ich gezwungen war, jeglichen Versuch aufzugeben. Beschämt und verwirrt lief das junge Mädchen davon, und ich suchte sie nicht zurückzuhalten. Seit diesem Tage wagte sie sich nicht mehr vor mir sehen zu lassen. Ich blieb, nachdem sie fort war, länger als eine Viertelstunde auf der Treppe sitzen und dachte über das Komische eines Auftritts nach, der noch jetzt in der Erinnerung meine Heiterkeit erregt. Ich glaube, das Mädchen hatte seine Keuschheit diesem eigentümlichen Gebrechen zu verdanken, und wenn dieses dem ganzen weiblichen Geschlecht gemeinsam wäre, so würde es viel weniger galante Frauen geben – wir müßten dann eben andere Organe haben; denn einen Augenblick des Genusses auf Kosten des Hör- und Riechsinnes kaufen zu müssen, das wäre zu teuer bezahlt.

Baletti hatte es eilig, nach Paris zu kommen, wo in Erwartung der Geburt eines Herzogs von Burgund prachtvolle Feste in Vorbereitung waren; denn die Frau Dauphine sah ihrer Niederkunft entgegen. Er überredete mich mit leichter Mühe, meinen Aufenthalt in Turin abzukürzen. Wir reisten ab und gelangten in fünf Tagen nach Lyon, wo ich eine Woche blieb. Lyon ist eine sehr schöne Stadt, wo zu meiner Zeit keine drei oder vier adligen Häuser den Fremden offen standen, dafür fand man aber bei den Kaufleuten, Fabrikanten und Großhändlern, die viel reicher waren als die Adligen die beste Aufnahme, und die Gesellschaft lebt dort auf einem ausgezeichneten Fuß. Man findet dort Zuvorkommenheit, Höflichkeit, offenes Wesen und guten Ton, ohne die Steifheit und den dummen Hochmut, der, abgesehen von einigen ehrenvollen Ausnahmen, in den adligen Häusern der Provinz herrscht. Allerdings steht der Ton nicht auf der Höhe des Pariser; aber man gewöhnt sich an ihn. Der Reichtum Lyons beruht auf dem guten Geschmack und der Wohlfeilheit, und die Gottheit, der die Stadt ihr Gedeihen verdankt, ist die Mode. Sie wechselt jedes Jahr, und ein Stoff, dem der Tagesgeschmack einen Wert von dreißig verleiht, gilt im nächsten Iahr nur noch zwanzig oder fünfzehn. Dann schickt man ihn ins Ausland, wo er als neueste Mode gerne gekauft wird. Die Lyoner bezahlen ihren Zeichnern, die Geschmack haben, große Gehälter; das ist das Geheimnis. Die Billigkeit beruht auf der Konkurrenz, die eine befruchtende Quelle von Reichtümern und eine Tochter der Freiheit ist. Daher muß ein Staat, der einen blühenden Handel haben will, diesem volle Handlungsfreiheit lassen; er muß nur darauf achten, Hinterziehungen zu verhindern, die vielleicht von dem privaten Interesse, das oft in falscher Auffassung befangen ist, erfunden werden können, um das allgemeine Interesse zu schädigen. Die Regierungen müssen das Maß aichen, dessen sich die Bürger dann nach Belieben bedienen mögen.

Ich fand in Lyon die berühmteste Kurtisane von Venedig. Man war allgemein der Ansicht, niemals ihresgleichen gesehen zu haben; ihr Name war Ancilla. Wer sie sah, begehrte ihrer, und sie hatte ein so gutes Herz, daß sie sich keinem versagen konnte; denn wenn alle Männer sie einzeln liebten, so vergalt sie ihnen dies, indem sie sie alle zusammen liebte, und dabei war der Eigennutz bei ihr ein Beweggrund, der durchaus in zweiter Linie kam.

Venedig hat stets Kurtisanen gehabt, die mehr durch ihre Schönheit berühmt waren, als durch ihren Geist; die hervorragendsten waren zu meiner Zeit diese Ancilla, und eine andere, namens Spina; beide waren Töchter von Barkarolen, beide starben in jungen Jahren an ihrer übermäßigen Hingabe an einen Beruf, der in ihren Augen ihnen einen Adelstitel verlieh. Ancilla wurde mit zweiundzwanzig Jahren Tänzerin, und Spina wollte Sängerin sein. Ein berühmter Tänzer aus Venedig, namens Campioni, bildete die schöne Ancilla zu der ganzen Anmut aus, wozu ihre vollkommenen körperlichen Schönheiten sie veranlagten, und heiratete sie. Spina hatte als Lehrer einen Kastraten, der aus ihr nur eine mittelmäßige Sängerin machen konnte; in Ermangelung von Talent sah sie sich gezwungen, sich die Hilfsmittel ihres Körpers zunutze zu machen, um leben zu können.

Ich werde noch Gelegenheit haben, über Ancilla vor ihrem Tode zu sprechen. In Lyon war sie damals mit ihrem Mann; sie kamen aus England zurück, wo sie auf dem Hay-Market-Theater großen Beifall gefunden hatten. Sie hatte in Lyon nur zu ihrem Vergnügen Halt gemacht, und sobald sie sich gezeigt hatte, sah sie zu ihren Füßen die ganze glänzende Jugend, die ihr jeden Wunsch erfüllte, um ihr zu gefallen. Am Tage gab es Vergnügungsausflüge, abends glänzende Gastmähler, nachts große Pharaobank. Der Bankhalter war ein gewisser Don Giuseppe Maratti, derselbe, den ich bei der spanischen Armee unter dem Namen Don Bepe il Cadetto gekannt hatte, der einige Iahre darauf sich den Namen Afflissio beilegte und später ein sehr schlechtes Ende nahm. Diese Bank gewann in wenigen Tagen 300 000 Franken. In einer Stadt mit einem Hof würde eine derartige Summe durchaus kein Aufsehen erregt haben, aber in einer Stadt, die durchaus nur Handels- und Industriestadt war, beunruhigte sie alle Familienväter und Geschäftsinhaber. Die schwarze Bande von jenseits der Alpen mußte daher bald an ihre Abreise denken.

In Lyon verschaffte ein ehrenwerter Herr, dessen Bekanntschaft ich bei Herrn de Rochebaron machte, mir die Huld, zur Teilnahme an dem erhabenen Krimskrams der Freimaurerei zugelassen zu werden. Ich kam als Lehrling nach Paris und wurde dort einige Monate später Geselle und Meister. Die Meisterschaft ist sicherlich der höchste Grad der Freimaurerei, denn alle anderen, die man mich in der Folge hat erlangen lassen, sind nur angenehme Erfindungen, die wohl einen symbolischen Wert haben, aber zur Würde des Meisters nichts hinzufügen.

Keinem Menschen auf der Welt kann es gelingen, alles zu wissen, aber jeder, der sich begabt fühlt und der sich einigermaßen über seine geistige Kraft Rechenschaft abzulegen weiß, muß so viel wie möglich kennen zu lernen suchen. Ein junger Mensch von guter Herkunft, der auf Reisen die Welt und die sogenannte große Gesellschaft kennen lernen will und der sich nicht in gewissen Fällen hinter seinesgleichen zurückgesetzt und von der Teilnahme an allen ihren Vergnügungen ausgeschlossen sein will, muß sich in die sogenannte Freimaurerei einweihen lassen, wäre es auch nur, um, wenn auch bloß oberflächlich, zu erfahren, was sie ist. Die Freimaurerei ist eine Wohlfahrtseinrichtung, die zu gewissen Zeiten und an gewissen Orten wohl auch als Deckmantel für verbrecherische und umstürzlerische Umtriebe hat dienen können. Aber, du lieber Gott! was ist denn nicht mißbraucht worden! Hat man nicht gesehen, wie die Jesuiten unter der geheiligten Agide der Religion den vatermörderischen Arm blinder Fanatiker bewaffneten, um Könige zu treffen? Jeder Mensch von einiger Bedeutung, ich will sagen: jeder, dessen gesellschaftliche Stellung sich durch Verdienst, Wissen oder Vermögen auszeichnet, kann Maurer werden, und viele sind es! Wie kann man nun annehmen, daß derartige Vereinigungen, deren Mitglieder sich selber das Gesetz auferlegen, intra muros niemals über Politik, Religion und Regierung zu sprechen, die in ihren Reden sich nur moralischer oder kindlicher Symbole bedienen – wie kann man, sage ich, annehmen, daß solche Vereinigungen, worin ja die Regierungen ihre Geschöpfe haben können, in einem Maße gefährlich erscheinen können, daß Herrscher und Päpste sie in Acht und Bann tun? übrigens verfehlt dies vollständig seinen Zweck, und der Papst wird mit all seiner Unfehlbarkeit nicht verhindern, daß durch die Verfolgungen die Freimaurerei eine Bedeutung erlangt, die sie ohne dieselben vielleicht niemals errungen haben würde. Die Geheimtuerei liegt in der Natur des Menschen; alles was sich der Menge in einer geheimnisvollen Form darstellt, wird stets die Neugier stacheln und wird umworben werden, mag man auch im übrigen völlig überzeugt sein, daß hinter dem Schleier oft nur ein Nichts sich birgt. Also: ich rate jedem jungen Mann von guter Herkunft, der die Welt sehen will, sich als Freimaurer aufnehmen zu lassen; aber ich fordere ihn zugleich auf, in der Wahl der Loge sorgfältig zu sein; denn obgleich in der Loge schlechte Gesellschaft keinen wirksamen Einfluß üben kann, so kann sie doch dort anzutreffen sein, und der Kandidat muß sich vor gefährlichen Verbindungen hüten. Wer sich nur unter die Freimaurer aufnehmen läßt, um das Geheimnis des Ordens kennen zu lernen, der hat sehr zu befürchten, daß er unter der Kelle alt werden wird, ohne jemals seinen Zweck zu erreichen. Es gibt allerdings ein Geheimnis; aber dieses ist dermaßen unverletzlich, daß es niemals ausgesprochen oder einem Menschen anvertraut wurde. Wer an der Oberfläche der Dinge haftet, der glaubt, das Geheimnis bestehe in Worten, Zeichen und Berührungen; oder endlich, das große Wort werde erst beim höchsten Grad offenbar: Irrtum. Wer das Geheimnis der Freimaurerei errät – denn man erfährt es stets nur, indem man es errät – der gelangt zu dieser Kenntnis nur durch häufigen Besuch der Logen, durch Nachdenken, Urteilen, Vergleichen und Schlüsseziehen. Er vertraut das Geheimnis selbst seinem besten Freund in der Freimaurerei nicht an; denn er weiß, daß es keinen Zweck haben würde, es ihm ins Ohr zu flüstern, weil jener doch nicht das Talent haben würde, Vorteil daraus zu ziehen, wenn er es nicht erraten hätte, wie er selber. Er schweigt, und das Geheimnis bleibt stets Geheimnis.

Alles, was in der Loge geschieht, muß geheim sein; diejenigen aber, die mit einer unehrenhaften Indiskretion sich kein Gewissen daraus gemacht haben, die Vorgänge in den Logen zu enthüllen – die haben das Wesentliche nicht enthüllt: sie kannten es nicht; denn wenn sie es gekannt hätten, so würden sie sicherlich das Zeremoniell nicht verraten haben.

Die Neugier, die heutzutage die Laien bewegt, ich meine diejenigen, die nicht Maurer sind, ist von derselben Art, wie einst die Neugier der Griechen, die nicht zu den in Eleusis zu Ehren der Ceres gefeierten Mysterien zugelassen wurden. Aber die eleusinischen Mysterien interessierten ganz Griechenland, und alle hervorragenden Männer der damaligen Gesellschaft bestrebten sich, zugelassen zu werden; die Freimaurerei dagegen umfaßt außer einer großen Zahl hochverdienter Männer eine Menge Lumpen, die keine Gesellschaft anerkennen dürfte, weil sie in sittlicher Beziehung der Abschaum des Menschengeschlechtes sind.

Über den Geheimdienst der Ceres wurde lange Zeit ein undurchdringliches Schweigen bewahrt, weil er in solcher Verehrung stand. Was konnte man übrigens enthüllen? Die drei Worte, die der Oberpriester zu den Eingeweihten sagte. Aber welchen Zweck hätte das gehabt? Dadurch wäre nur der Indiskrete entehrt worden; denn er enthüllte nur barbarische Worte, die von der großen Masse nicht verstanden werden konnten. Ich habe irgendwo gelesen, die heiligen und geheimen drei Worte der eleusinischen Mysterien hätten bedeutet: Wachet und tut nichts Böses. Die geheiligten und geheimen Worte der verschiedenen Freimaurergrade sind ungefähr gerade ebenso verbrecherisch.

Die Einweihung dauerte neun Tage; die Zeremonien waren sehr eindrucksvoll, und die Gesellschaft war sehr ehrenwert. Wie Plutarch uns berichtet, wurde Alkibiades zum Tode verurteilt und sein ganzes Vermögen eingezogen, weil er mit Politian und Theodor gegen die Eumolpiden in seiner Wohnung die großen Mysterien lächerlich zu machen gewagt hätte. Man verlangte sogar, er sollte von den Priestern und Priesterinnen verflucht werden. Aber der Fluch wurde nicht ausgesprochen, weil eine Priesterin sich weigerte, indem sie erklärte: Ich bin Priesterin um zu segnen, nicht um zu fluchen. Erhabene Worte! Sie enthalten eine Lehre der Moral und der Weisheit, die der Papst mißachtet, die aber das Evangelium lehrt und der Heiland der Welt vorschreibt.

Einer gewissen Klasse von Kosmopoliten gilt heutzutage nichts für wichtig, wie ihr nichts heilig ist.

Bottarelli veröffentlicht in einer Druckschrift alle Bräuche der Freimaurer, und man begnügt sich, zu sagen, der Kerl ist ein Lump. Man wußte es zum voraus. In Neapel machen ein Fürst und Herr Hamilton im Hause des letzteren das Wunder des heiligen Januarius; ohne Zweifel lachen sie darüber, und viele andere lachen mit ihnen. Aber der König tut so, als wisse er nicht, daß er auf seiner königlichen Brust einen Ordensstern trägt, der um die Figur des heiligen Januarius herum die Inschrift hat: In sanuine toedus. Heutzutage ist alles unlogisch, und nichts hat mehr Bedeutung; trotzdem wird man gut tun, immer weiter vorwärts zu gehen; denn wenn man auf halbem Wege einhalten wollte, so wäre das noch schlimmer.

Wir reisten von Lyon aus mit der Schnellpost und brauchten fünf Tage, um nach Paris zu gelangen. Baletti hatte seiner Familie mitgeteilt, wann er abreisen würde; sie kannte also den Augenblick unserer Ankunft.

Wir waren unserer acht im Postwagen und saßen sehr unbequem; denn es war ein großer Rumpelkasten von ovaler Gestalt, so daß niemand einen Eckplatz hatte, denn den gab es nicht. Wäre dieser Wagen in einem Lande erfunden worden, wo von Gesetzes wegen Gleichheit herrschte, so wäre dieses Mittel sehr spaßhaft gewesen. Ich fand ganz einfach die Gründe für die Einführung eines solchen Wagens sehr schlecht angebracht; aber ich war in fremdem Lande, und so schwieg ich. Würde es übrigens mir als Italiener gut angestanden haben, nicht alles Französische zu bewundern, besonders in Frankreich selbst? Ovaler Wagen: ich beugte mich ehrfürchtig vor der Mode, während ich sie zugleich verfluchte, denn die eigentümliche Bewegung des Wagens übte auf mich dieselbe Wirkung aus, wie das Rollen eines Schiffes auf bewegter See. Übrigens hing der Wagen in sehr guten Federn; aber selbst ein starkes Rütteln würde mir viel weniger lästig gewesen sein. Da der Wagen bei schneller Fahrt sich auf und ab wiegte, hatte man ihn Gondel genannt; aber ich war Kenner, und ich fand nicht die geringste Ähnlichkeit mit jenen von zwei kräftigen Ruderern vorwärts bewegten venetianischen Gondeln, die so schnell und so sanft dahingleiten.

Die Bewegung wirkte aus mich so stark, daß ich alles, was ich im Magen hatte, wieder von mir geben mußte. Infolgedessen erblickte man in mir schlechte Gesellschaft, aber man sagte es mir nicht: ich war in Frankreich und unter Franzosen, die die Gebote der Höflichkeit kannten. Man begnügte sich damit, mir zu sagen, ich hätte zuviel zu Abend gegessen; und ein Pariser Abbé sagte zu meiner Verteidigung, ich hätte einen schwachen Magen. Hierüber wurde nun disputiert. Schließlich riß mir die Geduld, und ich sagte: »Meine Herren, Sie haben sämtlich unrecht: ich habe einen ausgezeichneten Magen, und ich habe überhaupt nicht zu Abend gegessen.« Auf diese Bemerkung hin sagte mir ein älterer Herr in honigsüßem Ton: ich dürfte den Herren nicht sagen, sie hätten unrecht; wohl aber hätte ich ihnen sagen können, sie hätten nicht recht, ähnlich wie Cicero, der den Römern nicht sagte, daß Catilina und seine Mitverschworenen tot wären, sondern daß sie gelebt hätten.

»Ist das nicht dasselbe?«

»Ich bitte um Verzeihung, mein Herr, das eine ist höflich, das andere nicht.«

Hierauf begann er nur einen langen Vortrag über die Höflichkeit zu halten, den er damit schloß, daß er mit lachender Miene mich fragte: »Ich denke mir, der Herr ist Italiener?«

»Ja, das bin ich; aber würden Sie mir das Vergnügen machen, mir zu sagen, woran Sie das erkannt haben?«

»Oh! an der Aufmerksamkeit, womit Sie mein langes Geschwätz angehört haben.«

Alle lachten. Entzückt von seiner Originalität begann ich, ihm Schmeicheleien zu sagen. Er war Erzieher eines Knaben von zwölf oder dreizehn Jahren, der neben ihm saß. Ich machte ihn mir während der ganzen Reise zunutze, um mir von ihm Unterricht in französischer Höflichkeit geben zu lassen, und als wir uns trennen mußten, nahm er mich freundschaftlich beiseite und sagte mir, er wolle mir ein kleines Geschenk machen.

»Was denn?«

»Sie müssen das Wörtchen non, von dem Sie bei allen möglichen Gelegenheiten häufigen Gebrauch machen, aufgeben und sozusagen vergessen. Non ist kein französisches Wort; statt dieser unhöflichen Sitte sagen Sie lieber: pardon. Non ist ein ein Dementi; unterlassen Sie, es zu gebrauchen, mein Herr, oder halten Sie sich bereit, alle Augenblicke Degenstöße auszuteilen und zu bekommen.«

»Ich danke Ihnen, mein Herr; Ihr Geschenk ist kostbar, und ich verspreche Ihnen, in meinem ganzen Leben nicht mehr non zu sagen.«

Während der ersten zwei Wochen meines Pariser Aufenthalts kam es mir vor, als machte ich die größten Fehler, denn ich hörte gar nicht mehr auf, um Verzeihung zu bitten. Eines Abends im Theater glaubte ich sogar, es wolle jemand Händel mit mir anfangen, weil ich ihn in unangebrachter Weise um Verzeihung gebeten hätte. Im Parkett trat mir ein junger Stutzer auf den Fuß, und ich beeilte mich, ihm zu sagen: »Verzeihung, mein Herr!«

»Mein Herr, verzeihen Sie selber!«

»Nein, Sie!«

»Nein, Sie!«

»Ei, mein Herr, verzeihen wir uns alle beide und umarmen wir uns!«

Mit dieser Umarmung war der Streit beigelegt.

Während der Reise war ich eines Abends in der Gondel vor Ermüdung eingeschlafen; plötzlich wurde ich stark am Arme geschüttelt, und mein Nachbar sagte mir:

»Ach, mein Herr, sehen Sie doch dieses Schloß!«

»Ich sehe es. Nun?«

»Ach, ich bitte Sie, finden Sie es nicht ...?«

»Ich finde nichts daran; und was finden denn Sie selber daran?«

»Es wäre weiter nicht erstaunlich, wenn es nicht vierzig Wegstunden von Paris läge. Aber hier! Ah, werden meine Maulaffen von Landsleuten mir glauben, daß es vierzig Meilen von der Hauptstadt ein so schönes Schloß gibt? Wie unwissend ist man doch, wenn man nicht gereist ist!«

»Da haben Sie recht.«

Der Mann war selber Pariser und Maulaffe im Grunde seiner Seele, wie nur ein Gallier zu Caesars Zeit.

Indessen, wenn die Pariser vom Morgen bis zum Abend Maulaffen feil halten und sich über alles amüsieren, so mußte ein Fremder wie ich es ihnen darin weit zuvortun. Der Unterschied zwischen ihnen und mir bestand darin, daß ich gewöhnt war, die Dinge zu sehen, wie sie sind, und daß ich daher überrascht war, sie oft unter einer Maske zu sehen, die sie ihrem Wesen nach veränderte; ihre Überraschung dagegen rührt oft davon her, daß man sie ahnen läßt, was unter der Maske verborgen ist.

Was mir bei dieser Reise nach Paris sehr gefiel, waren die prachtvollen Straßen, das unsterbliche Werk Ludwigs des Fünfzehnten; die Sauberkeit der Gasthöfe, das gute Essen, das man in ihnen bekommt, die Schnelligkeit, womit man bedient wird, die ausgezeichneten Betten, die bescheidene Miene der Person, die bei Tisch aufwartet. Meistens ist dies die tüchtigste von den Töchtern des Hauses, und ihre anstellige Miene, bescheidene Haltung, Sauberkeit und guten Manieren flößen dem schamlosesten Wüstling Achtung ein. Welcher Italiener sieht wohl mit Vergnügen unsere Kellner in Italien mit ihren frechen Gesichtern und ihrer Unverschämtheit? Zu meiner Zeit wußte man in Frankreich gar nicht, was Überfordern ist: es war wirklich das Vaterland der Fremden. Allerdigs mußte man leider oft Handlungen eines abscheulichen Despotismus sehen: lettres de cachet usw.; es war der Despotismus eines Königs. Seither haben die Franzosen den Despotismus des Volkes. Ist dieser weniger abscheulich?

Wir aßen in Fontainebleau zu Mittag, und zwei Meilen vor Paris bemerkten wir eine Berline, die uns entgegenfuhr. Als sie dicht bei uns war, rief Baletti dem Kutscher zu, er solle halten. In dem Wagen saß seine Mutter; sie empfing mich wie einen Freund, den sie erwartete. Es war die berühmte Schauspielerin Sylvia.

Als ich ihr vorgestellt wurde, sagte sie zu mir: »Ich hoffe, mein Herr, der Freund meines Sohnes wird die Güte haben, heute abend bei uns zu speisen.«

Ich nahm die Einladung an, machte ihr eine Verbeugung und stieg wieder in die Gondel, während Baletti bei seiner Mutter in der Berline blieb. So setzten wir die Reise fort.

Bei meiner Ankunft in Paris fand ich einen Bedienten Sylvias mit einem Mietswagen, der mich nach meiner Wohnung brachte, um dort meine Sachen abzulegen; hierauf gingen wir zu Baletti, der ganz in der Nähe wohnte.

Baletti stellte mich seinem Vater vor, der sich Mario nannte; Mario und Sylvia waren die Namen, die Herr und Frau Baletti in den von ihnen gespielten Stegreifkomödien führten; die Franzosen hatten damals die Gewohnheit, die italienischen Schauspieler nur mit den Namen zu bezeichnen, die sie auf der Bühne trugen. »Guten Tag, Herr Harlekin; guten Tag, Herr Pantalon!« so grüßte man die Herren, die diese Rollen spielten.

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