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Erinnerungen, Band 2

Giacomo Casanova: Erinnerungen, Band 2 - Kapitel 7
Quellenangabe
typeautobio
authorCasanova
titleErinnerungen, Band 2
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
volume2
year1911
senderwww.gaga.net
created20050213
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Sechstes Kapitel

Ich erhalte gute Nachrichten aus Venedig, kehre dorthin zurück und nehme de la Haye und Bavois mit mir. – Wir werden von meinen drei Freunden ausgezeichnet aufgenommen; ihre Überraschung, als sie mich als ein Muster von Frömmigkeit sehen. – Bavois bringt mich zu meinem früheren Lebenswandel zurück. – De la Haye als echter Heuchler. – Abenteuer mit dem Mädchen Marchetti. – Ich gewinne in der Lotterie. – Ich finde Baletti wieder. – De la Haye verläßt den Palazzo Bragadino. – Ich reise nach Paris ab.

Jeden Tag gewann de la Haye mehr Herrschaft über meinen geschwächten Geist; jeden Tag nahm ich fromm an Messe, Offizium und Predigt teil. Da erhielt ich aus Venedig einen Brief, der mir meldete, meine Angelegenheit habe den üblichen Lauf aller dieser Dinge genommen, das heißt, sie sei in Vergessenheit geraten. Durch einen zweiten Brief des Herrn von Bragadino erfuhr ich, der Minister vom Wochendienst habe dem Botschafter geschrieben, er könne dem Heiligen Vater versichern, man werde dem Baron Bavois, sobald er sich melden sollte, eine Anstellung bei den Truppen der Republik geben, mittels deren er anständig leben und bei guter Ausführung es zu den höchsten Würden bringen könne.

Durch diesen Brief erfüllte ich das Herz des Herrn de la Haye mit Freude, und ich steigerte diese auf ihren Höhepunkt, als ich ihm sagte, jetzt könnte mich nichts mehr hindern, in meine Heimat zurückzukehren.

Infolgedessen beschloß er, nach Modena zu reisen und sich mit seinem Neubekehrten über das Verhalten zu besprechen, das dieser in Venedig beobachten müßte, um sich den Weg zum Glück zu bahnen. Auf mich konnte er sich in jeder Beziehung verlassen; er sah, daß ich Fanatiker war, und er wußte, daß der Fanatismus eine unheilbare Krankheit ist, solange die Ursachen fortbestehen. Da er mit nach Venedig ging, so hoffte er bestimmt, das Feuer erhalten zu können, das er selber angezündet.

Er schrieb also an Bavois, er werde zu ihm kommen. Zwei Tage später nahm er Abschied von mir; er zerfloß in Tränen, hielt die schönsten Lobreden auf die Tugenden meiner Seele, nannte mich seinen teuren Sohn und versicherte mir, er habe sich erst dann an mich angeschlossen, nachdem er in meinen Gesichtszügen den göttlichen Charakter des Auserwählten gelesen habe. Wie man sieht, waren seine Behauptungen nicht übertrieben.

Einige Tage nach de la Hayes Abreise verließ ich Parma in meinem Wagen, den ich in Fusina ließ; von dort begab ich mich nach Venedig. Ich war ein volles Jahr fort gewesen, und meine Freunde empfingen mich wie ihren Schutzengel. Sie bekundeten die größte Ungeduld, die beiden Auserwählten ankommen zu sehen, deren Bekanntschaft ich ihnen in meinen Briefen verheißen hatte. Eine Wohnung für de la Haye war im Palazzo selbst zurecht gemacht worden, und da aus politischen Gründen mein Vater einen Fremden, der noch nicht im Dienst der Republik stand, nicht bei sich aufnehmen konnte, so hatte er für Bavois zwei hübsche Zimmer in der Nachbarschaft besorgt.

Sie waren außerordentlich überrascht, als sie die wunderbare Veränderung bemerkten, die mit mir in bezug auf meinen sittlichen Wandel vorgegangen war. Alle Tage war ich in der Messe, oft bei der Predigt; ich machte das vierzigstündige Gebet mit, Kasinos besuchte ich gar nicht, sondern nur das Kaffeehaus, wo sich fromme Leute von bekanntem gutem Lebenswandel versammelten. Stets saß ich über meinen Büchern, wenn ich nicht in Gesellschaft meiner drei Freunde war. Indem sie meinen gegenwärtigen Lebenswandel mit meinen früheren Sitten verglichen, erstaunten sie und wußten nicht, wie sie der Vorsehung danken sollten, deren unbegreifliche Wege sie bewunderten. Sie segneten die Verbrechen, die mich gezwungen hatten, ein Jahr fern von meiner Vaterstadt zu verbringen. Ihre höchste Freude erregte es, als ich alle meine Schulden bezahlte, ohne einen Heller von Herrn de Bragadino zu verlangen, der mir seit einem Jahr nichts gegeben und mit frommer Gewissenhaftigkeit Monat für Monat das mir bewilligte Taschengeld für mich auf die Seite gelegt hatte. Ich brauche nicht zu sagen, wie sehr die braven Leute sich freuten, als sie sahen, daß ich niemals zum Spiel ging.

Zu Anfang des Monats Mai erhielt ich einen Brief von de la Haye. Er teilte mir mit, er würde sich mit dem teuren Sohn seiner Seele einschiffen, um sich den Befehlen der achtungswerten Persönlichkeiten, denen ich ihn angekündigt hätte, zur Verfügung zu stellen.

Da uns die Ankunftszeit des Marktschiffs von Modena bekannt war, begaben wir uns alle zu ihrem Empfang, mit Ausnahme des Herrn de Bragadino, der an jenem Tage im Senat war. Wir traten vor ihm in seinen Palazzo ein, und als er uns alle beisammen fand, bereitete er den Neuangekommenen den schönsten Empfang. De la Haye hatte mir hunderterlei mitzuteilen, aber ich hörte ihm kaum zu, so sehr beschäftigte mich der Baron Bavois.

Er war eine so ganz andere Persönlichkeit wie die, die ich mir nach der mir gemachten Schilderung vorgestellt hatte, daß meine Begriffe von ihm völlig in Verwirrung gerieten. Ich mußte ihn drei Tage lang studieren, bevor ich mich zu einer wirklichen freundschaftlichen Annäherung entschließen konnte. Ich muß meinen Lesern sein Bild zeichnen:

Baron Bavois war ein junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, von mittlerer Größe, hübschem Gesicht, sehr gut gewachsen, blond. Er war von stets gleichmäßigem Wesen, sprach gut und geistvoll und wußte sich mir einer gewandten Bescheidenheit auszudrücken, die ihm sehr gut stand. Seine Gesichtszüge waren angenehm und regelmäßig, seine Zähne sehr schön, seine sehr dichten Haare waren sehr gut gepflegt und dufteten nach den Wohlgerüchen, mit denen er sie behandelte. Über diesen jungen Mann, der weder in seinem Wesen noch in seiner äußeren Erscheinung dem Bilde glich, das man sich nach de la Hayes Schilderung gemacht, waren meine drei Freunde sehr erstaunt; indessen hatte darunter die gute Aufnahme, die sie ihm bereiteten, in keiner Weise zu leiden, denn ihren reinen Seelen war es unmöglich, ein ungünstiges Urteil zu fällen, da sie doch von seinen Sitten einen so schönen Begriff haben mußten.

Sobald de la Haye in seiner prachtvollen Wohnung untergebracht war, führte ich den Baron in die für ihn bestimmte, wohin ich bereits seine Sachen hatte schaffen lassen. Als er sich so gut bei sehr ehrenwerten Bürgersleuten untergebracht sah, die im voraus zu seinen Gunsten eingenommen waren und ihn mit Auszeichnung behandelten, umarmte er mich zärtlich, indem er mich seiner vollen Dankbarkeit versicherte. Er sagte mir, er fühle sich von tiefem Dank durchdrungen für alles, was ich für ihn getan hätte, ohne ihn zu kennen, und wovon de la Haye ihn genau in Kenntnis gesetzt hätte. Ich tat, als wüßte ich von nichts. Um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, fragte ich ihn, womit er in Venedig seine Zeit zu verbringen gedächte, bis seine Anstellung ihm eine geregelte, amtliche Tätigkeit gäbe.

»Ich hoffe,« antwortete er mir, »wir werden uns angenehm amüsieren, denn ich bezweifle nicht, daß unsere Neigungen überein stimmen.«

In der Verdummung, zu der Merkur und de la Haye mich gebracht hatten, wäre ich in Verlegenheit gewesen, diesen Worten auf der Stelle ihre richtige Bedeutung beizulegen, obgleich sie doch im übrigen leicht verständlich waren, aber wenn ich auch in diesem Fall an der Oberfläche blieb, so bemerkte ich doch sofort, daß er den beiden Töchtern seiner Wirtin gefallen hatte. Sie waren weder hübsch noch häßlich; aber er war liebenswürdig gegen sie wie ein Mann, der sich darauf versteht. Ich nahm es jedoch nur für übliche Höflichkeit; soweit war ich bereits durch meinen Mystizimus heruntergekommen.

Für den ersten Tag führte ich meinen Baron nur auf den Markusplatz und ins Kaffeehaus, wo wir bis zum Abendessen blieben. Er hatte sein tägliches Gedeck bei Herrn de Bragadino. Während der Mahlzeit glänzte er durch hübsche Bemerkungen, und Herr Dandolo verabredete mit ihm die Stunde, um ihn am nächsten Tage abzuholen und ihn dem Kriegsminister vorzustellen. Nach dem Abendessen brachte ich ihn wieder nach Hause; ich fand die beiden jungen Mädchen hocherfreut, daß ihr stolzer Herr keinen Bedienten hatte, denn sie hofften, ihn überzeugen zu können, daß er eines solchen entbehren könne. Am anderen Tage, kurz vor der verabredeten Zeit, begleitete ich zu ihm die Herren Dandolo und Barbaro, die ihn dem Minister vorstellen sollten. Wir fanden ihn bei der Toilette unter zarter Hand der ältesten Schwester, die ihn frisierte. Sein Zimmer duftete vom Geruch der Pomade und der Essenzen, mit denen er sich parfümieren ließ. Dies sprach nicht gerade für einen kleinen Heiligen; indessen nahmen meine beiden Freunde doch keinen Anstoß daran, obgleich ich ihre Überraschung wohl bemerkte, denn sie waren auf eine derartige Galanterie bei einem Neubekehrten nicht gefaßt gewesen. Ich hätte beinahe laut herausgelacht, als Herr Dandolo mit salbungsvoller Miene sagte, wenn wir uns nicht ein bißchen beeilten, hätten wir keine Zeit mehr, in die Messe zu gehen, und als Bavois ihn überrascht fragte, ob denn Feiertag wäre. Herr Dandolo machte keine Bemerkung dazu, sondern sagte einfach nein; und an den folgenden Tagen war von der Messe nicht mehr die Rede. Als er fertig war, ließ ich sie allein gehen und schlug selber einen anderen Weg ein. Ich sah die Herren erst beim Mittagsessen wieder, wo man sich über den Empfang unterhielt, den der Weise dem jungen Baron bereitet hatte; am Nachmittag führten meine beiden Freunde ihn zu Damen ihrer Verwandtschaft, die alle von ihm entzückt zu sein schienen. In weniger als acht Tagen hatte er so viele Bekanntschaften, daß er keine Langeweile mehr zu fürchten brauchte; während dieser acht Tage erkannte ich aber auch vollkommen seinen Charakter und seine Denkweise. Ich hätte ein so langes Studium nicht nötig gehabt, wenn ich nicht vorher die Überzeugung vom Gegenteil gehabt hätte, oder vielmehr, wenn nicht meine Verstandeskräfte durch meine Frömmelei belastet gewesen wären. Bavois liebte Weiber, Spiel und Verschwendung, und da er arm war, waren die Frauen seine hauptsächlichste Hilfsquelle; Religion hatte er überhaupt nicht, und da er kein Heuchler war, so machte er kein Hehl daraus.

»Wie haben Sie,« fragte ich ihn eines Tages, »so wie Sie sind, einen de la Haye hintergehen können?«

»Gott soll mich davor bewahren, irgend einen Menschen zu hintergehen! De la Haye kennt vollkommen meine Weltanschauung und Denkweise; aber als frommer Mann, der er ist, hat er eine schöne Liebe zu meiner Seele gefaßt, und ich habe ihn gewähren lassen. Er hat mir Wohltaten erzeigt, ich bin ihm dankbar dafür. Ich liebe ihn um so mehr, da er mich niemals mit Unterhaltungen über Glaubenssätze und über mein Seelenheil langweilt, für das Gott, unser guter Vater, auch ohnehin schon gesorgt haben wird. Dies ist ein Übereinkommen zwischen uns, und so leben wir als gute Freunde miteinander.«

Das Spaßhafte an der Sache war, daß Bavois, während ich seinen Charakter zu erkennen suchte, mir, ohne sich etwas dabei zu denken, den Kopf wieder zurecht setzte. Ich errötete darüber, daß ich mich von einem Jesuiten hatte betölpeln lassen, der trotz seiner ausgezeichnet gespielten Rolle des vollkommenen Christen nur ein abgefeimter Heuchler war. Ich nahm sofort meine früheren Gewohnheiten wieder auf. Doch kommen wir noch einmal auf de la Haye zurück!

Der Ex-Jesuit, dem im Grunde nur an seinem eigenen Wohlleben etwas lag, der aber schon alt war und infolgedessen für das weibliche Geschlecht keine Neigung mehr hatte, war gerade der Mann dazu, meine drei einfachen und gutmütigen Freunde zu bezaubern.

Da er mit ihnen nur von Gott, Engeln und ewigem Ruhm sprach und mit großer Ausdauer sie in die Kirche begleitete, so erschien er ihnen bewunderungswürdig. Sie konnten kaum den Augenblick erwarten, wo er sich entdecken würde; denn sie bildeten sich ein, er wäre zum mindesten ein Rosenkreuzer oder der Eremit von Carpegna, der mich die Kabbala gelehrt und mir den unsterblichen Paralis bescherte. Sie waren bedrückt, da ich ihnen durch deutliche Worte des Orakels verboten hatte, jemals in Gegenwart des alten Herrn von meiner Wissenschaft zu sprechen.

Dies verschaffte mir, wie ich vorausgesehen hatte, viele freie Zeit, die ich sonst ihrer frommen Leichtgläubigkeit hätte widmen müssen; übrigens hätte ich fürchten müssen, daß de la Haye, so wie ich ihn beurteilte, sich niemals herbeigelassen hätte, an derartigen Albereien teilzunehmen, und daß er, um sich in ihren Augen ein Verdienst zu erwerben, hätte versuchen können, ihnen die Täuschung zu benehmen, um mich zu verdrängen.

Ich bemerkte bald, daß ich vorsichtig gehandelt hatte; denn in weniger als drei Wochen hatte der schlaue Fuchs sich dermaßen zum geistigen Leiter meiner drei Freunde gemacht, daß er nicht nur glaubte, er hätte mich nicht mehr nötig, um seinen Einfluß auf sie zu behaupten, sondern er wäre sogar imstande, mich über den Haufen zu stoßen, sobald er Lust hätte. Dies war eine Schwäche von ihm; ich erkannte es klar und deutlich, sowohl an dem Stil, worin er mit mir sprach, wie auch an seinem veränderten Benehmen gegen mich.

Er fing schon an, mit meinen drei Freunden häufig Unterredungen zu haben, bei denen ich nicht zugegen war, und er hatte sich bei mehreren Familien vorstellen lassen, die ich nicht besuchte. Er spielte sich bereits als Jesuiten auf und erlaubte sich, wenn auch mit honigsüßen Worten, Bemerkungen zu machen, daß ich zuweilen die Nacht an Orten verbrächte, von denen die Freunde nichts wußten.

Dies begann mich zu ärgern; besonders daß er mir seine salbungsvollen Predigten bei Tisch in Gegenwart meiner Freunde und seines Neubekehrten machte. Er tat, als wollte er mich beschuldigen, daß ich diesen verführte. Er suchte einen scheinbar scherzhaften Ton anzuschlagen; aber ich ließ mich nicht mehr von ihm an der Nase führen. Ich glaubte, diesem Spiel ein Ende machen zu müssen, und machte ihm in dieser Absicht einen Besuch auf seinem Zimmer. Ich trat mit den Worten ein:

»Ich komme, um als aufrichtiger Anbeter des Evangeliums, unter vier Augen und ohne jemanden etwas hören zu lassen, Ihnen zu sagen, was ich Ihnen später vor den anderen sagen werde: Hüten Sie sich wohl, in Gegenwart meiner drei Freunde die geringste Bemerkung über den Lebenswandel zu machen, den ich mit Bavois führe. Unter vier Augen werde ich Ihnen stets mit Vergnügen zuhören.«

»Sie haben unrecht, daß Sie einfache Scherze ernst nehmen.«

»Ob ich unrecht oder recht habe, darum handelt es sich nicht. Warum richten Ihre Anspielungen sich niemals gegen Ihren neuen Glaubensgenossen? Seien Sie in Zukunft vorsichtig oder gewärtigen Sie von meiner Seite, im Scherz, eine Antwort, die ich Ihnen gestern erspart habe, die Sie aber bei der nächsten Gelegenheit mit Zinseszinsen mitten ins Gesicht bekommen sollen.«

Hiermit grüßte ich ihn und ging. Wenige Tage darauf verbrachte ich mehrere Stunden mit meinen Freunden und Paralis, und mein Orakel schrieb ihnen vor, alle Vorschläge, die Valentin ihnen etwa machen würde, stets nur nach Anhörung meiner Meinung auszuführen. Valentin war der kabbalistische Name des Escobarschülers. An ihrem Gehorsam meinen Befehlen gegenüber brauchte ich nicht zu zweifeln. De la Haye bemerkte bald eine gewisse Veränderung und wurde zurückhaltender. Bavois, dem ich meinen Schritt erzählte, war erfreut und lobte mein Vorgehen. Er war ebenso wie ich überzeugt, daß ihm de la Haye nur aus Schwachheit oder aus Selbstsucht nützlich gewesen wäre, das heißt, daß er für seine Seele nichts getan haben würde, wenn der Jüngling nicht ein hübsches Gesicht gehabt hätte oder wenn der Alte sich nicht aus seiner angeblichen Bekehrung ein Verdienst hätte machen wollen.

Da Bavois sah, daß man seine Anstellung von Tag zu Tag hinauf schob, trat er in den Dienst des französischen Botschafters. Infolgedessen konnte er nicht mehr zu Herrn Bragadino gehen, durfte nicht einmal mehr mit de la Haye verkehren, weil dieser im Hause des Senators wohnte.

Es ist eins der strengsten Gesetze der höchsten Polizei der Republik, daß die Patrizier und ihre Familien durchaus keine Verbindung mit den Häusern der fremden Gesandten unterhalten dürfen.

Der Entschluß, den Bavois hatte fassen müssen, verhinderte jedoch meine Freunde nicht, sich für ihn zu verwenden; und es gelang ihnen auch, ihm eine Anstellung zu verschaffen, wie man später sehen wird.

Der Gatte Cristinas, die ich niemals aufsuchte, lud mich ein, mit ihm in ein Kasino zu gehen, wo seine Tante und seine Frau verkehrten; diese hatte ihm schon ein Pfand ihrer gegenseitigen Zuneigung geschenkt. Ich folgte seiner Einladung und fand Cristina reizend. Sie sprach schon so gut venetianisch wie ihr Mann. Ich machte in diesem Kasino die Bekanntschaft eines Chemikers, der in mir den Wunsch erregte, Unterricht in der Chemie zu nehmen. Ich ging in sein Haus und traf dort ein junges Mädchen, das mir gefiel. Sie war seine Nachbarin und kam ganz einfach, um seiner alten Frau Gesellschaft zu leisten, bis sie zu einer bestimmten Stunde von einer Magd nach Hause geholt wurde. Ich hatte ihr nur ein einziges Mal Komplimente gemacht, noch dazu im Beisein der alten Frau des Chemikers. Zu meiner Überraschung sah ich sie mehrere Tage lang nicht und sprach darüber auch mein Erstaunen aus; da erzählte mir die gute Frau, augenscheinlich habe ihr Vetter, ein Abbate, bei dem sie wohnte, erfahren, daß ich sie jeden Abend bei ihnen treffe, sei darauf eifersüchtig geworden und erlaube ihr nicht mehr, zu kommen.

»Ein Vetter, der Abbate und eifersüchtig ist?«

»Er läßt sie nur an Feiertagen ausgehen, um die erste Messe zu hören, und zwar in der Kirche Sancta Maria Mater Domini, die keine zwanzig Schritte von seinem Hause liegt. Er ließ sie zu uns gehen, weil kein Mensch uns besuchte; ohne Zweifel wird die Magd ihm gesagt haben, daß Sie in unser Haus kommen.«

Als Feind der Eifersüchtigen und als sehr eifriger Freund meiner eigenen verliebten Launen, schrieb ich an diese Base: wenn sie um meinetwillen ihren Vetter verlassen wollte, würde ich ihr ein Haus geben, worin sie ihre eigene Herrin wäre. Ich würde ihr Gesellschaft und alle Annehmlichkeiten besorgen, die Venedig bieten könnte. Ich übergab ihr diesen Brief während der Messe und bedeutete ihr, sie würde mich am nächsten Feiertage wiedersehen, um mir Antwort geben zu können.

Ich war pünktlich am vereinbarten Ort, und ihre Antwort lautete dahin: da der Abbate ihr Tyrann wäre, so würde sie sich glücklich schätzen, seinen Händen entrinnen zu können; sie könnte sich jedoch nur entschließen, mir zu folgen, wenn ich sie heiraten wollte. Zum Schluß sagte sie mir: wenn ich diese ehrenhafte Absicht hätte, so brauchte ich nur mit ihrer Mutter Giovanna Marchetti zu sprechen, die in der Stadt Lusia, dreißig Miglien von Venedig, wohnte.

Dieser Brief reizte meine Eitelkeit, und ich ging sogar so weit, mir einzubilden, daß sie mir dies im Einverständnis mit dem Abbate geschrieben hätte. Ich glaubte also, man wollte mir eine Falle stellen. Im übrigen fand ich diesen Heiratsantrag lächerlich und faßte den Entschluß, mich zu rächen. Da ich jedoch zuvor alles wissen mußte, beschloß ich, mich zur Mutter des Mädchens zu begeben. Sie war sehr geschmeichelt durch meinen Besuch, besonders, als ich ihr den Brief ihrer Tochter mitgeteilt hatte und ihr sagte, ich wollte sie heiraten, könnte mich aber dazu nicht entschließen, solange sie beim Abbate wohnte.

»Der Abbate«, erzählte mir die Mutter, »ist ein weitläufiger Verwandter von mir. Er lebte ganz allein in seinem Hause in Venedig und sagte mir vor zwei Iahren, er brauche unbedingt eine Haushälterin. Er bat mich um meine Tochter, indem er mir versicherte, in Venedig könnte sie leicht eine Gelegenheit finden, sich zu verheiraten. Er bot mir eine schriftliche Verpflichtung an, worin genau festgesetzt ist, daß er ihr bei ihrer Heirat alle seine Möbel geben werde, die auf tausend Dukaten geschätzt worden sind. Zugleich setzte er sie zur Erbin eines kleinen Gutes ein, das er hier hat und das ihm jährlich hundert Dukaten einbringt. Da der Handel mir vorteilhaft schien und meine Tochter damit zufrieden war, so übergab er mir die notariell abgeschlossene Urkunde, und meine Tochter reiste mit ihm nach Venedig. Ich weiß, daß er sie wie eine Sklavin hält; aber sie hat es selber so gewollt. Übrigens können Sie sich vorstellen, daß ich den sehnlichsten Wunsch habe, sie verheiratet zu sehen; denn solange ein Mädchen keinen Mann hat, ist sie so vielen Nachstellungen ausgesetzt, daß eine arme Mutter niemals ruhig sein kann.«

»Kommen Sie also mit mir nach Venedig; befreien Sie sie aus den Händen des Abbate, und ich werde sie heiraten. Sonst kann ich es nicht machen; denn wenn ich sie aus seinen Händen empfinge, würde ich mich entehren.«

»Oh, durchaus nicht, denn er ist mein Vetter, wenngleich nur im vierten Grade. Außerdem ist er Priester, der täglich die Messe liest.«

»Sie machen mich lachen, gute Mutter! Man weiß wohl, daß ein Abbate die Messe liest, ohne sich darum gewisse Kleinigkeiten zu versagen. Nehmen Sie sie mit sich, sonst verzichten Sie darauf, sie jemals verheiratet zu sehen.«

»Wenn ich sie mit mir nehme, wird er ihr niemals seine Möbel geben und wird vielleicht sein Gut verkaufen.«

»Das ist meine Sache. Ich werde sie so aus seinen Händen befreien, daß Sie mit allen Seinen Möbeln zu mir übergeht. Und zu allem werde ich Sein Landgut bekommen; wenn Sie mich kennten, würden Sie nicht daran zweifeln. Kommen Sie mit! Ich versichere Ihnen, Sie werden in vier bis fünf Tagen wieder hier sein.«

Sie las noch einmal den Brief, den ihre Tochter ihr geschrieben hatte, dann sagte sie mir, sie sei eine arme Witwe und habe kein Geld für die Reise nach Venedig, viel weniger für die Rückreise.

»In Venedig wird es Ihnen an nichts fehlen; für alle Fälle nehmen Sie hier die zehn Zechinen.«

»Zehn Zechinen; da kann ich also mit meiner Schwägerin reisen!«

»Reisen Sie mit wem Sie wollen! Aber lassen Sie uns abfahren, damit wir in Chiozza zu Abend essen können. Morgen essen wir in Venedig, und ich werde alles bezahlen.«

Am nächsten Morgen um zehn Uhr kamen wir in Venedig an, und ich brachte die beiden Frauen im Castello in einem Hause unter, dessen erster Stock gänzlich unmöbliert war. Hier ließ ich sie allein, nachdem ich mich mit der notariellen Urkunde des Herrn Vetters und Abbaten bewaffnet hatte.

Ich ging zum Mittagessen bei meinen Freunden, denen ich sagte, ich hätte wegen einer wichtigen Angelegenheit die Nacht in Chiozza verbracht. Nach dem Essen ging ich zu einem Sachwalter, Marco de Lesse; dieser sagte mir: Wenn die Mutter eine Eingabe an den Vorsitzenden des Rates der Zehn machte, würde sie sofort polizeilichen Beistand erhalten, um ihre Tochter mit allen Möbeln, die im Hause wären, der Gewalt des Priesters zu entreißen; sie könnte diese hinschaffen lassen, wohin sie wollte. Ich trug ihm auf, das Schriftstück zurecht zu machen; am andern Morgen in der Frühe würde ich mit der Mutter wiederkommen, die es in meiner Gegenwart unterzeichnen und mit sich nehmen würde.

Am Morgen in aller Frühe ging ich mit der Mutter hin; von dort begaben wir uns in den Ratssaal, wo sie dem Oberhaupt des Rates ihre Eingabe überreichte. Eine Viertelstunde darauf erhielt ein Gerichtsbote Befehl, sich mit der Mutter in das Haus des Priesters zu begeben und sie in Besitz ihrer Tochter zu setzen ; zugleich könnte sie alle Möbel aus dem Hause entfernen.

Der Befehl wurde buchstäblich ausgeführt. Ich befand mich mit der Mutter in einer Gondel am Ufer des dicht am Hause liegenden Platzes. Wir hatten einen großen Kahn bei uns, den die Sbirren mit allen Möbeln des Hauses beluden. Als dies alles gemacht war, sah ich die Tochter kommen, die sehr überrascht war, mich in der Gondel zu finden. Ihre Mutter umarmte sie und sagte ihr, ich würde schon am nächsten Tage ihr Gatte werden. Sie antwortete ihr: dies freue sie sehr und sie habe ihrem Tyrannen nur sein Bett und seine Kleider gelassen. Wir kamen in Castello an, wo ich alle Möbel abladen ließ; hierauf aßen wir zu mittag, und ich sagte den Damen, sie müßten nach Lufia gehen und mich dort erwarten; ich würde kommen, sobald ich meine Angelegenheiten in Ordnung gebracht hätte. Ich verbrachte den Nachmittag in fröhlicher Unterhaltung mit meiner Zukünftigen. Sie sagte uns, der Abbate wäre gerade beim Ankleiden gewesen, als man ihm den Befehl des Rates vorgelegt und ihn aufgefordert hätte, bei Todesstrafe die Ausführung desselben zuzulassen; nachdem der Abbate mit dem Anziehen fertig gewesen wäre, wäre er ausgegangen, um seine Messe zu lesen, und alles hätte sich ohne den geringsten Widerstand vollzogen. »Meine Tante«, fügte sie hinzu, »hat mir gesagt, daß meine Mutter mich in der Gondel erwartete. Aber sie hat nichts davon erwähnt, daß auch Sie dort wären; ich hatte keine Ahnung, daß der Streich von Ihnen ausginge.«

»Hiermit, meine Schöne, gab ich Ihnen den ersten Beweis meiner Zärtlichkeit.«

Bei diesen Worten lächelte sie vor Vergnügen.

Ich sorgte dafür, daß wir ein gutes Abendessen und ausgezeichnete Weine erhielten; und nachdem wir zwei Stunden bei Tisch im Schoße der Freude verbrachten, die Bacchus erregt, verbrachte ich vier andere Stunden damit, unter vier Augen mit meiner Zukünftigen zu scherzen. Am Morgen frühstückten wir, und nachdem ich das ganze Gepäck auf eine Peote hatte laden lassen, die ich zu diesem Zweck gemietet und vorausbezahlt hatte, übergab ich der Mutter noch zehn Zechinen, und sie reisten alle drei sehr fröhlich ab. Nachdem ich so diese Angelegenheit zu meinem Ruhm und zu meiner völligen Befriedigung erledigt sah, ging ich nach Hause.

Die Sache war mit zu viel Lärm in Szene gesetzt worden, als daß sie meinen Freunden hätte unbekannt bleiben können; sie bezeigten mir daher, als sie mich sahen, ihre Traurigkeit und Überraschung. De la Haye umarmte mich mit einer Miene voll tiefer Betrübnis, aber solches Gefühl kostet ihm nichts; es war für ihn wie ein Harlekinskleid, das er mit der größten Leichtigkeit anlegte. Nur Herr de Bragadino lachte von ganzem Herzen und sagte den anderen, sie verständen nichts davon; dieses ganze Abenteuer lasse auf irgend etwas Großes schließen, das nur den höheren Intelligenzen bekannt sei. Da ich selber nicht wußte, welchen Begriff sie eigentlich von dieser Geschichte sich machten, und überzeugt war, daß sie die näheren Umstände nicht kannten, so lachte ich mit Herrn Bragadino, sagte aber nichts. Ich befürchtete nichts und hatte Spaß an dem ganzen Gerede; in dieser Stimmung setzten wir uns zu Tisch, und Herr Barbaro war der erste, der in freundschaftlichem Tone sagte, er wolle doch hoffen, daß ich mich nicht den Tag vorher verheiratet hätte.

»Man sagt also, daß ich mich verheiratet habe?«

»Jedermann sagt es und überall. Sogar die Mitglieder des Rats glauben es, und sie haben recht, es zu glauben.«

»Um ein Recht zu solchem Glauben zu haben, müßte man dessen gewiß sein; und das sind die Herren nicht; sie sind nicht unfehlbar, so wenig wie irgend ein Wesen auf der Welt, mit Ausnahme Gottes; und ich sage Ihnen, sie befinden sich im Irrtum. Ich liebe es, ein gutes Werk zu tun und mich für mein Geld zu amüsieren, aber nicht um den Preis meiner Freiheit; wenn Sie etwas über meine Angelegenheiten wissen wollen, so können Sie es allein von mir erfahren; auf die Stimmen der öffentlichen Meinung gebe ich nichts.«

»Aber,« sagte Herr Dandolo, »du hast die Nacht mit deiner sogenannten Frau zugebracht?«

»Ohne Zweifel; aber über das, was ich während dieser Nacht gemacht habe, bin ich keinem Menschen Rechenschaft schuldig. Sind Sie nicht auch meiner Meinung, Herr de la Haye?«

»Ich bitte Sie, mich nicht nach meiner Meinung zu fragen, denn ich weiß nichts davon. Ich will Ihnen jedoch sagen, daß man die Stimme der öffentlichen Meinung nicht so sehr verachten darf. Die zärtliche Liebe, die ich für Sie empfinde, ist schuld, daß das Gerede mir Kummer macht.«

»Woher kommt es denn, daß das Gerede Herrn von Bragadino, der ganz gewiß mich zärtlicher liebt als Sie, keinen Kummer macht?«

»Ich achte Sie; aber ich habe auf meine Kosten gelernt, die Verleumdung zu fürchten. Man sagt, um sich eines Mädchens zu bemächtigen, das bei seinem Oheim, einem würdigen Priester, lebt, hätten Sie eine Frau zu dem Zweck bezahlt, daß sie sich als ihre Mutter ausgäbe und die gewaltsame Hilfe des Rates in Anspruch nähme, damit Sie das Mädchen bekämen. Der Gerichtsbote des Rates schwört darauf, Sie wären mit der angeblichen Mutter in der Gondel gewesen, als das Mädchen sie betreten hätte. Man sagt, die Urkunde, auf Grund deren Sie dem guten Pater, dem würdigen Geistlichen, seine Möbel haben fortnehmen lassen, sei gefälscht, und man tadelt Sie, daß Sie die erste Behörde des Staates als Werkzeug zu diesem Verbrechen benutzt haben. Endlich fagt man: selbst wenn Sie das Mädchen geheiratet haben werden – was unfehlbar der Fall sein muß – so werden die Mitglieder des Rats sich doch nicht beruhigen, weil Sie verwerfliche Mittel gebraucht haben, um zu Ihrem Ziele zu gelangen.«

»Das war eine sehr lange Ansprache, mein Herr,« sagte ich kalt zu ihm; »aber lassen Sie sich sagen, daß ein vernünftiger Mensch, der eine Kriminalgeschichte mit so viel abgeschmackten Umständen gehört hat, nicht mehr vernünftig ist, wenn er das wiederholt, was er gehört hat; denn, wenn die Geschichte verleumderisch ist, wird er dadurch zum Mitschuldigen des Verleumders.«

Nach dieser Art Abfertigung, über die der Jesuit errötete und deren Mäßigung meine Freunde bewunderten, bat ich ihn mit bezeichnender Miene, er möchte doch meinetwegen ganz ruhig sein; er könnte überzeugt sein, daß ich die Gesetze der Ehre kennte, und daß ich soviel Vernunft hätte, um mich richtig benehmen zu können. Er sollte nur die Leute über mich reden lassen, genau so, wie ich es machte, wenn ich böse Zungen schlecht von ihm sprechen hörte.

Das Geschichtchen amüsierte die Stadt fünf oder sechs Tage lang; dann wurde der Vorfall vergessen.

Da ich jedoch niemals nach Lusia ging und auf keinen der Briefe antwortete, die das Fräulein Marchetti mir schrieb, auch ihrem Boten das Geld nicht übergab, um das sie mich bat, so entschloß sie sich zu einem Schritt, der vielleicht nicht ohne Folgen hätte bleiben können, indessen glücklicherweise doch keine Folgen hatte.

Eines Tages erschien Ignazio, der Gerichtsbote des gestrengen Tribunals der Staatsinquisitoren, bei mir, als ich noch mit meinen drei Freunden, de la Haye und drei anderen Gästen bei Tisch saß; er sagte mir höflich, der Ritter Contarini dal Zoffo wünschte mich zu sprechen und würde am nächsten Tage um die und die Stunde in seinem Hause in Madonna dell' Orto anwesend sein. Ich stand auf und sagte ihm mit einer Verbeugung, ich würde nicht verfehlen, mich nach den Befehlen Seiner Exzellenz zu erkundigen; er ging.

Ich hatte keine Ahnung, was der hohe Herr von meiner kleinen Perfon wollen mochte; jedenfalls war die Botschaft danach angetan, um uns in eine gewisse Bestürzung zu versetzen; denn der Herr, der mich zu sehen wünschte, war Staatsinquisitor, und das sind Vögel, die selten etwas Gutes bedeuten. Herr von Bragadino, der als Mitglied des Rates der Zehn ebenfalls Staatsinquisitor gewesen war und die Gewohnheiten dieser Herren kannte, sagte mir, ich hätte nichts zu befürchten.

»Da Ignazio in Straßenkleidern war, so ist er nicht als Bote des gestrengen Tribunals gekommen, und Herr Contarini will nur als Privatmann mit dir sprechen, da er dir sagen läßt, daß du dich in seinem Palazzo einzufinden hast, und dich nicht nach seinem Amtszimmer bestellt. Er ist ein strenger Greis, aber gerecht. Du mußt offen mit ihm sprechen und vor allen Dingen die Wahrheit einräumen; denn wenn du sie leugnetest, so würdest du Gefahr laufen, deine Sache zu verschlechtern.« Diese Belehrung gefiel mir und war mir notwendig. Pünktlich zur bestimmten Zeit begab ich mich zum Staatsinquisitor; sobald ich erschien, meldete man mich, und er ließ mich nicht warten. Ich trat ein. Seine Exzellenz saß auf einem Stuhl und musterte mich eine Minute lang von oben bis unten, ohne ein Wort zu sagen. Hierauf klingelte er und befahl seinem Kammerdiener, die beiden Frauen eintreten zu lassen, die im Nebenzimmer wären. Ich wußte sofort, worum es sich handelte, und sah ohne die geringste Überraschung Mutter Marchetti und ihre Tochter eintreten. Seine Exzellenz fragte mich nun, ob ich die beiden Personen kennte.

»Ich muß sie wohl kennen, gnädiger Herr; denn die eine wird meine Frau sein, sobald sie mich durch ihre Aufführung überzeugt hat, daß sie dieser Ehre würdig ist.«

»Ihre Aufführung ist gut, sie wohnt bei ihrer Mutter in Lusia. Sie haben sie getäuscht. Warum schieben Sie die Heirat mit ihr hinaus? Warum besuchen Sie sie nicht? Sie antworten nicht auf ihre Briefe und lassen sie in bedrängten Umständen.«

»Ich kann sie, gnädiger Herr, erst heiraten, wenn ich meinen Unterhalt verdiene; und dies wird in drei oder vier Iahren der Fall sein, wo ich durch die Protektion des Herrn von Bragadino, meiner einzigen Stütze, eine Anstellung erhalten werde. In der Zwischenzeit muß sie als anständiges Mädchen von ihrer Arbeit leben. Ich werde sie nicht eher heiraten, als bis ich hiervon überzeugt bin; vor allen Dingen muß ich die Gewißheit haben, daß sie nicht mehr mit dem Abbate, ihrem Vetter im vierten Grade, zusammenkommt. Ich gehe nicht zu ihr, weil mein Berichterstatter und mein Gewissen mir dies verbieten.«

»Sie verlangt, daß Sie ihr ein Heiratsversprechen in aller Form geben und daß Sie für ihren Unterhalt sorgen.«

»Gnädiger Herr! Nichts verpflichtet mich, ihr ein solches Versprechen zu geben; und da ich selber nichts habe, so kann ich ihr auch nichts zum Leben geben; sie muß sich ihren Unterhalt verschaffen, in dem sie mit ihrer Mutter arbeitet.«

»Als sie bei ihrem Vetter war,« sagte die Mutter, »fehlte es ihr an nichts; sie wird zu ihm zurückkehren.«

»Wenn sie wieder zu ihm geht, werde ich mir keine Mühe mehr um sie geben; Eure Exzellenz werden dann einsehen, daß ich recht gehabt habe, sie nicht heiraten zu wollen, bevor ich sicher wäre, daß sie einen keuschen Lebenswandel führte.«

Der Richter sagte mir, ich könnte gehen, und damit war die Sache erledigt. Ich habe von der Sache nicht mehr sprechen hören; mein Bericht über das Gespräch mit dem Inquisitor erheiterte Herrn von Bragadino und seine Tischgenossen.

Zu Beginn des Karnevals 1750 gewann ich in der Lotterie einen Terno von dreitausend Dukaten kurant; das Glück machte mir dies Geschenk in einem Augenblick, wo ich es nicht nötig hatte; denn ich hatte den Herbst über Bank gehalten und gewonnen. Wir spielten in einem Kasino, das kein venetianischer Nobile zu besuchen wagte, weil einer der Bankhalter zum Hause des spanischen Gesandten, des Herzogs von Montalegro, gehörte. Die Adligen belästigten die Bürgerlichen; und dies wird stets der Fall sein unter einer aristokratischen Regierung, wo die Gleichheit tatsächlich nur unter den Regierenden selber vorhanden ist.

Da ich die Absicht hatte, eine Reise nach Frankreich zu machen, übergab ich Herrn von Bragadino tausend Zechinen. Ich besaß die Standhaftigkeit, den ganzen Karneval zu verbringen, ohne mein Geld im Pharao zu riskieren. Ein sehr ehrenwerter Patrizier hatte mich mit einem Viertel an seiner Bank beteiligt und übergab mir in den ersten Tagen der Fastenzeit eine ziemlich bedeutende Summe.

Etwa um Mittfasten kam mein Freund Baletti von Mantua nach Venedig zurück. Er war am Theater St. Moses engagiert, um dort während des Himmelfahrt-Iahrmarktes das Ballett zu leiten. Er hatte noch sein Verhältnis zu Marina, aber sie wohnten nicht zusammen. Sie machte die Eroberung eines englischen Iuden, namens Mender, der viel Geld für sie ausgab. Dieser Iude erzählte mir Neuigkeiten von Teresa, die er in Neapel gekannt hatte und bei der er in gutem Andenken stand. Seine Nachrichten interessierten mich, und ich wünschte mir Glück, daß Henriette mich verhindert hatte, sie aufzusuchen, als ich dies beabsichtigte; denn ich hätte mich leicht wieder in sie verlieben können, und Gott weiß, wie es dann geworden wäre.

Um jene Zeit wurde Bavois als Hauptmann im Dienst der Republik angestellt; er machte sein Glück, wie ich gehörigen Orts berichten werde.

De la Haye übernahm die Erziehung eines jungen Nobile, namens Felice Calvi, mit dem er einige Zeit darauf nach Polen ging. Drei Jahre später sah ich ihn in Wien wieder.

Ich gedachte auf meiner Reise zunächst den Jahrmarkt zu Reggio zu besuchen, dann nach Turin zu gehen, wo aus Anlaß der Heirat des Herzogs von Savoyen mit einer spanischen Infantin, einer Tochter Philipps des Fünften, ganz Italien versammelt war; von dort wollte ich nach Paris reisen, wo in der Erwartung eines Prinzen, den die Frau Dauphine gebären sollte, prachtvolle Feste in Vorbereitung waren. Baletti hatte die Absicht, dieselbe Reise zu machen, da er von seinen Eltern nach Hause berufen wurde; seine Mutter war die berühmte Sylvia.

Er sollte im Italienischen Theater tanzen und dort die ersten Rollen als jugendlicher Liebhaber spielen. Ich konnte mir keine angenehmere Gesellschaft denken, da er imstande war, in Paris mir tausend Vorteile und zahlreiche Bekanntschaften zu verschaffen.

Ich verabschiedete mich von meinen drei tugendhaften Freunden, indem ich ihnen versprach, in zwei Jahren zurückzukommen. Ich ließ meinen Bruder Francesco als Schüler des Schlachtenmalers Simonetti aus Parma zurück, ich versprach ihm, an ihn zu denken, wenn ich in Paris wäre, wo das Genie stets sicher ist, sein Glück zu machen, und es besonders damals war. Der Leser wird sehen, wie ich ihm Wort hielt.

Ich ließ in Venedig auch meinen Bruder Giovanni zurück, der dorthin zurückgekehrt war, nachdem er mit Guarienti ganz Italien bereist hatte. Er stand im Begriff, nach Rom abzureisen, wo er vierzehn Jahre lang als Schüler von Raphael Mengs blieb. Er ging 1764 nach Dresden zurück und starb dort 1795.

Baletti reiste vor mir ab, und ich verließ Venedig am 1. Juli 1750, um in Reggio mit ihm zusammenzutreffen. Ich war sehr gut ausgerüstet, reichlich mit Geld versehen und sicher, daß es mir daran niemals fehlen würde, wenn ich mich gut aufführte. Wir werden bald sehen, mein lieber Leser, wie du hierüber urteilen wirst; oder vielmehr ich werde es nicht sehen, denn ich weiß, daß du darüber erst wirst urteilen können, wenn dein Urteil für mich keine Bedeutung mehr hat.

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