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Erinnerungen, Band 2

Giacomo Casanova: Erinnerungen, Band 2 - Kapitel 4
Quellenangabe
typeautobio
authorCasanova
titleErinnerungen, Band 2
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
volume2
year1911
senderwww.gaga.net
created20050213
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Drittes Kapitel

Ich reise als glücklicher Mann von Bologna ab. – Der Hauptmann trennt sich von uns in Reggio, wo ich mit Henrietten die Nacht verbringe. – Unsere Ankunft in Parma. – Henriette legt wieder weibliche Kleider an. – Unser gegenseitiges Glück. – Ich finde Verwandte von mir, gebe mich aber nicht zu erkennen.

Der Leser wird erraten, daß die Szene sich sofort änderte. Das Zauberwort: Kommen Sie nach Parma! war eine glückliche Peripetie, und ich ging sofort vom drohenden zum zärtlichen, vom strengen Ton zum sanften über. Ja, ich fiel ihr zu Füßen, umschlang liebend ihre Knie und küßte sie ihr voll Zärtlichkeit und Dankbarkeit. Keine Spur mehr von dem zornigen und drohenden Tone, der so wenig zum sanftesten aller Gefühle paßt. Zärtlich, unterwürfig, dankbar schwor ich ihr, ich würde von ihr keine einzige Gunstbezeigung, nicht einmal einen Handkuß verlangen, bevor ich ihre Liebe verdient hätte. Das göttliche Weib war angenehm überrascht, mich so schnell vom Tone der Verzweiflung zur lebhaftesten Zärtlichkeit übergehen zu sehen; und sie sagte mir mit einem Ausdruck, der noch zärtlicher war als der meine, ich möchte doch aufstehen.

»Ich bin überzeugt,« sagte sie mir, »daß Sie mich lieben, aber glauben Sie auch, daß ich alles tun werde, was von mir abhängt, um mir Ihre Beständigkeit zu sichern.«

Selbst wenn sie mir gesagt hätte, daß sie mich ebenso sehr liebte wie ich sie, so hätte sie mir doch damit nicht mehr gesagt; denn diese Worte drückten alles aus. Ich hielt meine Lippen auf ihre schöne Hand gepreßt, als der Hauptmann wieder eintrat. Er beglückwünschte uns in dem Ton der größten Aufrichtigkeit, und ich sagte ihm mit strahlendem Gesicht, ich würde die Pferde bestellen. Ich ging hinaus, ihn mit ihr allein lassend, und bald darauf machten wir uns vergnügt und zufrieden auf den Weg.

Vor unserer Ankunft in Reggio sagte der ehrenwerte Kapitän zu mir, nach seiner Meinung erfordere der Anstand, daß wir ihn allein nach Parma reisen ließen; denn wenn er mit uns zusammen ankäme, würde das Anlaß zu allerlei Bemerkungen geben, man würde Fragen an ihn richten und man würde überhaupt viel mehr über uns sprechen, als wenn wir allein ankämen. Henriette sowohl wie ich fanden diese Gründe sehr vernünftig, und wir entschlossen uns auf der Stelle, die Nacht in Reggio zu verbringen und ihn in einem Postwagen nach Parma fahren zu lassen. Nachdem dies alles besprochen war, wurde sein Koffer auf das Wägelchen geladen, das man ihm lieferte. Er sagte uns Lebewohl und fuhr ab, nachdem er uns noch versprochen hatte, am nächsten Tage mit uns zu Mittag zu essen.

Das Verhalten des biederen Ungarn mußte meiner Freundin ebenso sehr gefallen, wie mir, denn unser Zartgefühl nötigte uns, in seiner Gegenwart uns eine große Zurückhaltung aufzuerlegen.

Wie wäre uns bei der veränderten Sachlage möglich gewesen, in Reggio in demselben Gasthofe zu wohnen? Henriette hätte in Ehren nicht mehr das Bett des Hauptmanns teilen können; sie hätte sich aber auch nicht in das meinige legen können, ohne den Anstand zu verletzen. Wir hätten alle drei über eine solche Zurückhaltung gelacht; wir hätten sie lächerlich gefunden und uns dennoch ihr unterworfen.

Die Liebe ist eine Feindin der Scham, obgleich sie oft Dunkelheit und Geheimnis sucht; aber wenn die Liebe sich schämen muß, fühlt sie sich erniedrigt und verliert sofort drei Viertel ihrer Würde und einen großen Teil ihres Reizes. Man wird leicht begreifen, daß Henriette und ich nur glücklich sein konnten, wenn wir uns die Erinnerung an den braven Hauptmann fern hielten. Wir speisten unter vier Augen zu Abend; ich war berauscht von meinem Glück, das mir zu groß erschien, und war doch traurig. Aber Henriette hatte mir nichts vorzuwerfen, denn auch sie schien traurig zu sein. Es war im Grunde nur Verlegenheit; denn wir liebten uns, aber wir hatten keine Zeit gehabt, uns kennen zu lernen. Wir sprachen wenig; es fiel keine einzige pikante oder interessante Bemerkung; unsere Reden kamen uns selber abgeschmackt vor, und deshalb versenkten wir uns lieber in unsere Gedanken. Wir wußten, daß wir die Nacht zusammen verbringen würden; aber wir hätten befürchtet, indiskret zu sein, wenn wir eine Anspielung darauf gemacht hätten. Welche Nacht! Was für ein Weib war diese Henriette, die ich so sehr geliebt habe, die mich so glücklich gemacht hat!

Erst drei oder vier Tage darauf erkühnte ich mich, sie zu fragen, was sie ohne Geld und ohne Bekanntschaften in Parma würde angefangen haben, wenn ich mich gescheut hätte, ihr meine Liebe zu erklären. Sie antwortete mir, sie würde wahrscheinlich in die entsetzlichste Verlegenheit geraten sein; aber sie wäre überzeugt gewesen, daß ich sie liebte, und hätte vorausgesehen, daß es so kommen würde, wie es denn auch wirklich gekommen wäre. Da sie ungeduldig gewesen wäre, zu erfahren, wie ich über sie dächte, so hätte sie mich gebeten, dem Offizier ihren Entschluß zu verdolmetschen; denn sie hätte gewußt, daß er sich diesem nicht widersetzen und auch nicht weiter hätte mit ihr zusammen sein können. Da sie ferner mich nicht in die Bitte mit einbegriffen hätte, die sie durch mich an den Hauptmann richtete, so hätte sie es unmöglich gefunden, daß ich sie nicht hätte fragen sollen, ob ich ihr nicht irgendwie von Nutzen sein könnte. Auf diese Weise würde sie meine Gesinnungen kennen gelernt und danach dann ihren Entschluß gefaßt haben. Endlich sagte sie mir noch: wenn sie zugrunde gegangen wäre, so hätten daran ihr Gatte und ihr Schwiegervater schuld gehabt; das wären Ungeheuer.

In Parma angekommen, gab ich auf der Torwache wieder den Namen Farussi an, den ich auch in Cesena geführt hatte; es war der Familienname meiner Mutter. Henriette schrieb mit eigener Hand Anne d'Arci, Französin. Während wir die Fragen des Torschreibers beantworteten, bot ein gewandter und artiger junger Franzose mir seine Dienste an; er sagte mir, statt in der Post abzusteigen, würde ich gut tun, zu d'Adremont zu gehen, wo ich Wohnung und Küche nach französischer Art und die besten französischen Weine bekäme. Da ich sah, daß der Vorschlag Henrietten gefiel, ließ ich mich hinführen, und wir erhielten eine ausgezeichnete Wohnung. Ich nahm den Bedienten zu einem bestimmten Tagelohn an und traf ganz genaue Abmachungen mit dem Herrn d'Adremont. Hierauf besorgte ich selber eine Remise für meinen Wagen.

Nachdem ich noch einen Augenblick eingetreten war, um meiner Freundin zu sagen, daß wir uns zum Mittagessen wiedersehen würden, und dem Lakaien, daß er im Vorzimmer auf meine Befehle warten sollte, ging ich allein aus.

Parma stand unter der Zuchtrute einer neuen Regierung; ich konnte daher mit Fug annehmen, daß es überall von Spionen in allen möglichen Formen wimmeln würde, und wollte deshalb keinen Lakaien auf den Fersen haben, der mir vielleicht mehr geschadet als gedient hätte.

Ich war in der Heimatstadt meines Vaters, wo ich keinen Menschen kannte; aber obwohl ich allein war, war ich doch sicher, daß ich nicht lange Zeit brauchen würde, um mich zurecht zu finden.

Als ich die Straßen betrat, kam es mir vor, als wäre ich nicht mehr in Italien. Von den Vorübergehenden hörte ich nur französisch oder spanisch sprechen und die Leute, die sich nicht dieser Sprachen bedienten, flüsterten sich dem Anscheine nach ihre Bemerkungen ins Ohr. Ich ging aufs Geratewohl die Straße entlang, um ein Wäschegeschäft zu suchen; denn nach einem solchen mich erkundigen wollte ich nicht; schließlich fand ich das Gewünschte.

Ich trat ein und sagte zu einer guten dicken Matrone, die an der Kasse saß: »Madame, ich möchte einige Einkäufe machen.«

»Mein Herr, ich werde jemanden holen lassen, der französisch spricht.«

»Das ist unnötig, ich bin Italiener.«

»Gott sei gelobt! Denn nichts ist heutzutage so selten!«

»Warum selten?«

»Sie wissen also nicht, daß Don Filippo angekommen und daß seine Gemahlin, Madame de France, unterwegs ist?«

»Ich gratuliere Ihnen dazu. Das muß den Handel beleben; es bringt Geld unter die Leute, und man wird jedenfalls alles finden.«

»Allerdings; aber alles ist teuer, und wir können uns nicht an diese neuen Gebräuche gewöhnen; es ist ein schlechtes Gemisch von französischer Freiheit und spanischem Zwang, das macht uns die Köpfe ganz wirbelig. – Was für Wäsche wünschen Sie?«

»Vor allen Dingen muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß ich nicht handle, also nehmen Sie sich in acht: wenn Sie mich überteuern, komme ich nicht wieder. Ich brauche feine Leinwand für vierundzwanzig Frauenhemden, Barchent zu Unterröcken und Miedern; Mousselin; Battist zu Taschentüchern und noch andere Sachen, von denen ich hoffe, daß Sie sie haben; denn da ich Fremder bin, so weiß Gott, in was für Hände ich fallen werde.«

»Sie werden nur in gute Hände fallen, wenn Sie mir Ihr Vertrauen schenken wollen.«

»Ich denke, Sie verdienen es; ich vertraue mich also Ihnen an. Sie müssen mir auch Näherinnen besorgen, die bei der Dame, die sich in größter Eile alles Notwendige anfertigen lassen muß, auch auf dem Zimmer arbeiten können.«

»Und Kleider?«

»Kleider auch; dazu Hüte, Mäntelchen, mit einem Wort alles. Nehmen Sie an, daß sie nackt sei.«

»Wenn sie Geld hat, so bürge ich Ihnen dafür, daß sie alles bekommt, was sie wünschen kann; ist sie jung?«

»Sie ist vier Jahre jünger als ich und ist meine Frau.«

»Ach, Gott segne sie! Sie haben Kinder?«

»Nein, meine liebe Dame; aber das wird schon kommen, denn wir arbeiten dran.«

»Das versteht sich. Ach wie mich das freut! Mein Herr, ich werde Ihnen die Perle aller Schneiderinnen schicken. Unterdessen machen Sie sich den Spaß und suchen Sie aus, was Sie brauchen.«

Ich nahm das beste, was sie hatte, und bezahlte. Unterdessen war die Schneiderin angekommen; ich gab der Besitzerin des Ladens meine Adresse an, bat sie, mir Kleiderstoffe zuzuschicken, und sagte der Schneiderin und ihrer Tochter, die sie begleitet hatte, sie möchten mit mir kommen. Sie nahmen die Wäsche, die ich gekauft hatte, und wir gingen. Unterwegs kaufte ich seidene und leinene Strümpfe und bestellte einen Schuster, der neben dem Gasthof wohnte.

Und nun kam ein köstlicher Augenblick: Henriette, der ich vorher nichts gesagt hatte, besah sich alles mit einem Ausdruck vollkommener Befriedigung, aber ohne irgendwelche Selbstsucht zu verraten. Sie bewies mir ihre Erkenntlichkeit durch zartfühlende Lobsprüche über meine Auswahl und über die Schönheit der von mir gekauften Gegenstände. Sie war deshalb nicht fröhlicher als zuvor; aber auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck von Zärtlichkeit, der mehr wert war, als alle Dankbarkeit.

Der Lohndiener war mit den Schneiderinnen eingetreten; Henriette sagte ihm freundlich, er möchte hinausgehen und warten, bis er wieder hereingerufen würde. Die Schneiderin ging an die Arbeit, der Schuster nahm Maß, und ich sagte ihm, er möchte uns Pantoffeln holen. Eine Viertelstunde darauf kam er zurück, und mit ihm trat unberufen auch der Lohndiener ein. Der Schuster sprach französisch und erzählte Henrietten allerlei komische Geschichten; plötzlich unterbrach sie ihn und fragte den Bedienten, der sich ganz gemütlich im Zimmer aufhielt, was er denn wolle?

»Nichts, gnädige Frau; ich bin nur hier, um Ihre Befehle entgegenzunehmen.«

»Habe ich Ihnen nicht gesagt, man würde Sie rufen, sobald man Sie brauche?«

»Ich möchte wissen, wer von Ihnen beiden mein Herr ist.«

»Keiner!« rief ich lachend. »Hier haben Sie Ihren Tagelohn; gehen Sie!«

Als der Schuster bemerkte, daß die gnädige Frau nur französisch sprach, empfahl er ihr einen Sprachlehrer.

»Aus welchem Lande stammt er?« fragte Henriette.

»Er ist Vlame, gnädige Frau,« sagte Meister St. Crispin, »und er ist ein Gelehrter von ungefähr fünfzig Iahren. Er soll, wie man sagt, ein sehr tugendhafter Mann sein. Er nimmt drei Lire für eine Stunde und das doppelte für zwei Stunden, und er läßt sich nach jeder Unterrichtsstunde bezahlen.«

»Lieber Freund,« fragte Henriette mich, »möchtest du, daß ich diesen Lehrer annehme?«

»Ich bitte dich darum, liebes Herz; es wird dich unterhalten.«

Der Schuster empfahl sich mit dem Versprechen, daß er ihr am nächsten Morgen den Vlamen zuschicken werde; die Schneiderinnen arbeiteten tüchtig. Während die Mutter zuschnitt, nähte die Tochter; da aber eine einzige nicht viel schaffen konnte, sagte ich der Mutter, sie würde uns einen Gefallen tun, wenn sie uns eine zweite Nähterin besorgte, die französisch spräche.

»Sie sollen sie,« antwortete sie, »noch heute haben. Zugleich erlaube ich mir, Ihnen meinen Sohn als Bedienten anzubieten. Wenn Sie ihn nehmen, so haben Sie weder einen Dieb noch einen Spion um sich herum, und er weiß sich ganz leidlich auf französisch auszudrücken.«

»Ich glaube, lieber Freund,« sagte Henriette zu mir, »wir würden gut tun, ihn zu nehmen.«

Dies war genug, um meine sofortige Zustimmung zu veranlassen; denn für einen Mann, der liebt, ist der geringste Wunsch des geliebten Wesens allerhöchster Befehl.

Die Mutter holte ihn und kam mit ihm und der halbfranzösischen Nähterin zurück; diese war für meine Göttin eine Erleichterung und ein wahrer Zeitvertreib.

Der Sohn der Schneiderin war ein junger Mensch von achtzehn Jahren, ziemlich gut unterrichtet, sanft, bescheiden und von angenehmen Gesichtszügen. Ich fragte ihn nach seinem Namen; er antwortete mir, er heiße Caudagna.

Wie der Leser weiß, stammte mein Vater aus Parma, und er hat vielleicht nicht vergessen, daß eine seiner Schwestern einen Caudagna geheiratet hatte. – Es wäre scherzhaft, sagte ich bei mir selber, wenn diese Schneiderin meine Tante und mein Bedienter mein leiblicher Vetter wäre! Aber schweigen wir! – Henriette fragte mich, ob es mir recht wäre, wenn die Schneiderin mit uns äße. – »Ich bitte dich, angebetete Henriette, recht sehr, mich in Zukunft nicht mehr zu beschämen, indem du derartige Kleinigkeiten von meiner Einwilligung abhängig machst. Sei versichert, meine zärtliche Freundin, daß meine Einwilligung deinen geringsten Handlungen vorauseilen wird, wenn das möglich ist!« Sie dankte mir mit einem Lächeln. Ich zog hierauf eine Börse aus meiner Tasche und sagte ihr: »Da hast du fünfzig Zechinen; bezahle selber alle Kleinigkeiten, die du nötig hast, und die ich nicht erraten habe.« Sie nahm das Geld, indem sie mir versicherte, daß ich ihr ein großes Vergnügen mache.

Einen Augenblick, bevor wir uns zu Tische setzten, kam unser guter, ungarischer Hauptmann. Henriette lief ihm entgegen, um ihn zu umarmen, indem sie ihn ihren lieben Papa nannte, und ich folgte ihrem Beispiel, indem ich ihn meinen Freund nannte. Meine liebe Gattin bat ihn, alle Tage zu uns zum Essen zu kommen. Als der brave Soldat alle die weiblichen Wesen sah, die für Henrietten zu arbeiten hatten, empfand er eine außerordentliche Befriedigung die sich deutlich auf allen seinen Zügen ausdrückte. Er wünschte sich Glück, daß er seine Abenteuerin so gut untergebracht hatte, und seine Freude erreichte ihren Höhepunkt, als ich ihm sagte, daß ich ihm mein Glück verdankte.

Wir hatten eine ausgezeichnete und fröhliche Mahlzeit. Ich bemerkte, daß Henriette lecker und mein alter Offizier ein Feinschmecker war. Auch ich war beides in nicht geringem Maße, und ich fühlte mich imstande, ihnen die Spitze zu bieten. Wir genossen verschiedene ausgezeichnete Weine, die Herr d'Adremont mir mit Recht gerühmt hatte, und hatten auf diese Weise eine ganz reizende Mahlzeit.

An meinem jungen Bedienten gefiel mir die Ehrerbietung, womit er uns alle bediente, und seine Mutter ebensowohl, wie die Herrschaft. Seine Schwester und die anderen Nähterinnen hatten für sich allein gegessen.

Beim Nachtisch meldete man uns die Wäschehändlerin mit einer anderen Frau und eine Modistin, die französisch sprach. Die andere hatte Muster für alle möglichen Arten von Kleidern bei sich. Ich ließ Henriette Hüte, Mützen, Besätze und so weiter nach ihrem Belieben bestellen, aber ich bestand darauf, bei der Auswahl der Kleider ein Wort mitsprechen zu dürfen; indessen bequemte ich mich dabei dem Geschmack meiner anbetungswürdigen Freundin an.

Ich nötigte sie, Stoff zu vier Kleidern auszuwählen, und ich fühle noch jetzt, daß ich ihr Dank schuldete für ihre Gefälligkeit, sie anzunehmen; denn je mehr ich mir das Herz des reizenden Weibes errang, desto mehr fühlte ich mein Glück sich steigern. So verbrachten wir den ersten Tag, an welchem wir unmöglich mehr hätten tun können, als wir taten.

Als wir am Abend allein miteinander aßen, kam es mir vor, als entdeckte ich eine Wolke von Traurigkeit auf ihrem hübschen Gesicht; ich sagte es ihr.

»Mein Freund,« antwortete sie mir mit einem Ton in ihrer Stimme, der mir ins Herz drang: »du gibst viel Geld für mich aus; und wenn du es tust, damit ich dich noch mehr lieben soll, so sage ich dir zum voraus: dieses Geld ist verloren; denn ich liebe dich nicht mehr, als vorgestern, aber ich liebe dich von ganzer Seele. Alles, was du über die einfache Notwendigkeit hinaus tust, kann mir nur dadurch Vergnügen machen, daß ich immer mehr sehe, wie sehr du meiner würdig bist; aber, um dich zu lieben, wie du es verdienst, bedarf ich solcher Beweise nicht.«

»Ich glaube es, geliebte Freundin, und wünsche mir Glück zu meinem Glück, wenn du fühlst, daß deine Zärtlichkeit einer Steigerung nicht fähig ist. Aber laß auch du, angebetetes Weib, dir sagen, daß ich nur deshalb so handle, um dich immer noch mehr zu lieben, wenn mir dies möglich ist. Ich wünsche dich in dem ganzen Staat deines Geschlechts glänzen zu sehen, und wenn mich etwas bekümmert, so ist es nur das Gefühl, daß ich nicht imstande bin, dich so glänzen zu lassen, wie du es verdienst. Wenn es dir Vergnügen macht, liebe Freundin, muß ich da nicht entzückt darüber sein?«

»Du darfst nicht daran zweifeln, daß es mir großes Vergnügen macht; und in gewisser Weise hast du recht, da du gesagt hast, daß ich deine Frau bin. Aber wenn du nicht sehr reich bist, so wirst du fühlen, welche Vorwürfe ich mir machen muß.«

»Ach, mein Engel, laß mich doch, ich bitte dich, mich für reich zu halten, und glaube selber, daß du unmöglich die Ursache meines Ruins sein kannst; du bist nur zu meinem Glück geboren. Denke an weiter nichts, als daß du mich niemals verläßt, und sage mir, ob ich darauf hoffen kann.«

»Ich wünsche es, mein zärtlicher Freund, aber wer kann auf die Zukunft zählen! Bist du frei? Hängst du von irgend jemandem ab?«

»Ich bin frei im vollen Sinne des Wortes, und ich hänge von niemandem ab, als einzig und allein von dir, meine köstliche Herrin.«

»Ich wünsche dir Glück dazu, und meine Seele freut sich dessen; niemand kann dich mir entreißen, aber leider kann ich, wie du weißt, von mir nicht dasselbe sagen. Ich bin überzeugt, daß man mich sucht, denn ich weiß, daß man sich leicht meiner bemächtigen wird, sobald man mich entdeckt. Ach, wie unglücklich werde ich sein, wenn es ihnen gelingt, mich deinen Armen zu entreißen!«

»Du machst mich zittern! Kannst du dieses Unglück hier befürchten?«

»Nein – ich müßte denn von irgend jemandem gesehen werden, der mich kennt.«

»Ist es wahrscheinlich, daß dieser Irgendjemand hier in Parma ist?«

»Das scheint mir schwer möglich zu sein.«

»Dann laß uns doch nicht unsere Zärtlichkeit durch eine Furcht beunruhigen, die, wie ich hoffe, sich nicht bewahrheiten wird. Vor allem, liebenswürdige Freundin, sei fröhlich, wie du es in Cesena warst!«

»Ich will es mit aufrichtigerem Herzen sein, lieber Freund; denn in Cesena war ich unglücklich, und jetzt bin ich glücklich. Fürchte nicht, daß du mich traurig finden wirst; denn Fröhlichkeit ist der Grundzug meines Charakters.«

»Ich glaube, in Cesena mußtest du jeden Augenblick befürchten, von dem Offizier eingeholt zu werden, dem du in Rom durchgegangen warst.«

»Durchaus nicht, es war mein Schwiegervater, der, davon bin ich sicher überzeugt, nicht die geringsten Schritte getan hat, um zu erfahren, wohin ich gegangen sei. Er kann nur sehr froh gewesen sein, daß er mich los wurde. Nein, ich war unglücklich, weil ich einem Mann zur Last fiel, den ich nicht lieben konnte, mit dem ich nicht einmal einen Gedanken austauschen konnte. Obendrein konnte ich mir nicht einmal einbilden, daß ich ihn glücklich machte; denn ich hatte ihm nur eine Phantasie eingeflößt, die er auf zehn Zechinen bewertet hatte. Ich mußte fühlen, daß diese Phantasie nach ihrer Befriedigung bei seinem Alter nicht wieder erwacht war und daß ich ihm nur lästig sein konnte, denn offenbar war er nicht reich. Mein geheimer Kummer wurde noch durch eine klägliche Denkweise vermehrt: ich hielt mich für verpflichtet, ihm Liebkosungen zu erweisen, er seinerseits hielt es vielleicht für seine Pflicht, mir diese zu vergelten, und nun hatte ich Angst, er könnte seine Gesundheit opfern, und dieser Gedanke war für mich eine wahre Qual. Wir empfanden gegenseitig keine Liebe zueinander und legten uns aus Höflichkeit einen dummen Zwang auf. Wir vergeudeten an ein vermeintliches Gebot des Anstandes, was man nur der Liebe geben soll. Sehr peinlich war mir auch ein Gedanke, der mir oft die Schamröte ins Gesicht trieb: ich fürchtete, man könnte annehmen, daß der Mann mich seines Vorteils wegen mit sich führte; denn wenn ich darüber nachdachte, so mußte ich mir sagen, daß ein solches Urteil, so falsch es war, nicht einer gewissen Wahrscheinlichkeit entbehrte. Diesem Gefühl hast du ohne Zweifel meine Zurückhaltung zuzuschreiben; denn ich befürchtete, du möchtest diese beschimpfende Meinung von mir bekommen, wenn du in meinen Blicken den Eindruck lesen könntest, den du auf mich gemacht hattest.«

»Diese Zurückhaltung war also nicht von Stolz veranlaßt?«

»Nein, ich muß dir gestehn, dies war nicht der Fall; denn du konntest über mich nur das Urteil fällen, das ich verdiente. Ich beging die dir bekannte Torheit, weil mein Schwiegervater mich in ein Kloster stecken wollte, was durchaus nicht nach meinem Geschmack war. Übrigens, mein Freund, erlaube mir, dir meine Geschichte zu verschweigen.«

»Ich achte dein Geheimnis, mein Engel; fürchte nicht, daß ich dir in dieser Hinsicht lästig fallen werde; laß uns uns lieben und laß uns nicht durch Furcht vor der Zukunft unser gegenwärtiges Glück stören!«

Am anderen Morgen war ich nach der glücklichsten Nacht verliebter als am Tage vorher. Und so verbrachten wir drei Monate in einem Freudentaumel des Glücks.

Um neun Uhr ließ der italienische Sprachlehrer sich melden. Ich sah einen Mann von achtbarem Aussehen, höflich, bescheiden, wenig, aber gut sprechend, zurückhaltend in seinen Antworten und wohlunterrichtet nach der altmodischen Art. Wir plauderten, und ich mußte darüber lachen, daß er mir mit ganz überzeugter Miene sagte, ein Christ könne das Kopernikussche Weltsystem nur als eine gelehrte Hypothese zulassen. Ich antwortete ihm, dieses System könne nur das System Gottes sein, da es das der Natur sei, und die heilige Schrift sei nicht das Buch, woraus die Christen Physik lernen könnten.

Er verzog sein Gesicht zu einem Lächeln, woran ich Tartüff erkannte, und wenn es sich nur um mich gehandelt hätte, so hätte ich den armen Menschen fortgeschickt; aber wenn er Henrietten unterhalten und ihr die italienische Sprache beibringen konnte, so war das alles, was ich von ihm verlangen konnte. Meine teuere Gattin sagte ihm, Sie würde ihm jeden Tag Sechs Lire für zwei Unterrichtsstunden geben: die Lira von Parma hat einen Wert von fünf französischen Sous; seine Lektionen waren also nicht teuer. Sie nahm am selben Tage ihren ersten Unterricht und gab ihm nach Beendigung desselben zwei Zechinen, um ihr einige Romane zu kaufen, deren Wert bereits anerkannt sei.

Während meine teuere Henriette ihre Stunde nahm, machte ich mir den Spaß, mit der Schneiderin zu plaudern, um mich zu vergewissern, ob wir miteinander verwandt wären.

»Welchen Beruf hat Ihr Mann?«

»Er ist Haushofmeister beim Marchese Lissa.«

»Lebt Ihr Vater noch?«

»Nein, mein Herr, er ist tot.«

»Wie lautete sein Familienname?«

»Scotti.«

»Und hat Ihr Mann noch Vater und Mutter?«

»Sein Vater ist tot, aber Seine Mutter lebt noch bei ihrem Oheim, dem Domherrn Casanova.«

Mehr brauchte ich nicht zu wissen. Die gute Frau war meine Base im zweiten Grade, und ihre Kinder waren meine Neffen und Nichten. Meine Nichte Gianettina war nicht hübsch, aber sie sah aus wie ein braves Mädchen. Ich setze mein Gespräch mit der redseligen Mutter fort.

»Sind die Parmesaner zufrieden, daß sie Untertanen eines spanischen Prinzen geworden sind?«

»Zufrieden? Da müßte man leicht zufriedenzustellen sein, denn wir befinden uns in einem wahren Labyrinth. Alles ist auf den Kopf gestellt: wir wissen nicht mehr, woran wir sind. Glückliche Zeit, da das Haus Farnese regierte, du bist nicht mehr! Ich war vorgestern in der Komödie, und das ganze Haus lachte aus vollem Halse über Harlekin. Nun denken Sie sich: Don Filippo, unser neuer Herzog, der ganz gut in seinem Spanien hätte bleiben können, machte alle möglichen Anstrengungen, um sich das Lachen zu verhalten, und wenn er durchaus einmal herausplatzen mußte, steckte er das Gesicht in seinen Hut, damit man es nicht sehe; denn man sagt, das Lachen mache die Haltung eines spanischen Infanten von Spanien zuschanden, und wenn er seine Freude nicht verberge, wäre er für immer entehrt. Was sagen Sie dazu? Können solche Sitten uns passen – uns, die wir so gerne lachen? Oh! Der gute Herzog Antonio, Gott habe ihn selig, war ganz gewiß ein großer Fürst, wie dieser, und er verbarg es seinen Untertanen nicht, wenn er lustig war; denn er lachte zuweilen so herzlich, daß man ihn auf der Straße hörte. Jetzt sind wir in einen unglaublichen Wirrwarr hineingeraten, und seit drei Monaten weiß in Parma kein Mensch mehr, wieviel Uhr es ist.«

»Hat man denn die Uhren zerstört?«

»Das nicht; aber seitdem Gott die Welt erschaffen hat, ist die Sonne stets um dreiundzwanzigeinhalb untergegangen, und um vierundzwanzig Uhr hat man das Angelus geläutet: alle braven Leute wußten, daß dann die Kerze angezündet wurde. Jetzt aber ist es ganz unbegreiflich. Die Sonne ist verrückt geworden, denn sie geht jeden Tag zu verschiedener Zeit unter. Unsere Bauern wissen nicht mehr, zu welcher Stunde sie zu Markt gehen müssen. Man nennt das eine Regulierung; aber wissen Sie, warum? Weil jetzt jedermann weiß, daß man um 12 Uhr zu Mittag ißt. Eine schöne Regulierung, meiner Seel! Zur Zeit der Farnese aß man, wenn man Appetit hatte, und so war es viel besser.«

Ich fand dies Gerede freilich etwas sonderbar, aber doch vernünftig im Munde einer Frau aus dem Volke; denn ich bin in der Tat der Meinung, daß eine Regierung niemals mit Gewalt Gebräuche zerstören sollte, die durch jahrelange Gewohnheit eingewurzelt sind, und daß unschuldige Irrtümer nur Schritt um Schritt zerstört werden dürfen.

Henriette hatte keine Uhr; ich wollte mir den Genuß bereiten, ihr eine zu schenken, und ging in dieser Absicht aus; aber nachdem ich eine sehr schöne Uhr gekauft hatte, dachte ich auch an Ohrringe, einen Fächer und eine Menge hübscher Kinkerlitzchen, und kaufte diese ebenfalls. Sie empfing alle diese Gaben der Liebe mit einer feinfühlenden Zärtlichkeit, die mir eine große Wonne war. Ihr Lehrer war noch bei ihr, als ich zurückkam. »Ich hätte«, sagte er zu mir, »Madame in Heraldik, Geographie, Geschichte und sphärischer Geometrie unterrichten können, aber sie weiß das alles schon. Madame hat eine sehr sorgfältige Erziehung erhalten.«

Der Lehrer hieß Valentin de la Haye. Er sagte mir, er sei Ingenieur und Professor der Mathematik. Ich werde in diesen Memoiren viel von ihm zu sprechen haben, und mein Leser wird ihn besser durch seine Handlungen kennen lernen, als durch ein Porträt, das ich von ihm entwerfen könnte. Ich will nur soviel beiläufig sagen, daß er ein würdiger Schüler Escobars, ein wahrer Tartüff war.

Wir speisten heiter mit unserem Ungarn. Henriette war immer noch als Offizier gekleidet, und ich brannte vor Verlangen, sie als Frau zu sehen. Am nächsten Tage sollte ihr ein Kleid gebracht werden; Unterröcke und Hemden hatte sie schon.

Henriette sprühte von Geist und feinem Witz. Die Modistin, eine Lyonerin, trat eines Morgens ein und sagte: »Madame und Monsieur, ich habe die Ehre, Ihnen guten Tag zu wünschen.«

»Warum«, fragte meine Freundin sie, »sagen Sie nicht Monsieur und Madame?«

»Ich habe stets gesehen, daß man in der Welt den Damen die erste Ehre erweist.«

»Aber von wem erstreben wir diese Ehren?«

»Von den Männern natürlich.«

»Und Sie sehen nicht, daß die Frauen sich lächerlich machen, wenn sie nicht den Männern dieselben Ehren erweisen, die sie von ihnen verlangen? Damit sie es uns gegenüber niemals an Höflichkeit fehlen lassen, müssen wir darauf halten, ihnen mit gutem Beispiel voranzugehen.«

»Gnädige Frau,« sagte die feine Lyonerin, »ich halte Ihre Lektion für ausgezeichnet und werde sie mir zunutze machen; Monsieur und Madame, ich bin Ihre ergebene Dienerin.«

Dieser weibliche Zungenkampf versetzte mich in heitere Stimmung. Diejenigen, die da glauben, eine Frau genüge nicht, um einen Mann durch alle vierundzwanzig Stunden des Tages glücklich zu machen, haben niemals eine Henriette besessen. Das Glück, das mich ganz und gar erfüllte – der Ausdruck ist nicht übertrieben – war viel vollkommener, wenn ich mich mit ihr unterhielt, als wenn ich sie in meinen Armen hielt. Sie hatte viel gelesen, sie besaß viel Takt und natürlichen Geschmack; ihr Urteil war sicher, und ohne gelehrt zu sein, sprach sie logisch wie ein Mathematiker, aber leichthin und anspruchslos, und in alles mischte sie jene natürliche Anmut, die jedem Dinge Reiz verleiht. Da sie niemals die Absicht hatte, mit ihrem Geist zu prunken, so begleitete sie, wenn sie einmal eine bedeutende Bemerkung machte, diese mit einem Lächeln, das ihren Worten einen Anstrich von Frivolität gab und sie zugleich für jedermann verständlich machte. Hierdurch machte sie sogar solche Leute geistreich, die gar keinen Geist besaßen, und gewann dadurch alle Herzen. Eine Schönheit ohne Geist bietet der Liebe nur den materiellen Genuß ihrer Reize; eine geistreiche Häßliche dagegen fesselt durch die Reize ihres Geistes und läßt schließlich dem Manne, den sie für sich einnimmt, nichts mehr zu wünschen übrig. Wie mußte ich mich also fühlen, der ich eine Henriette besaß? Glücklich, dermaßen glücklich, daß ich mein Glück nicht mehr ermessen konnte!

Man frage eine Schönheit ohne Geist, ob sie gerne einen kleinen Teil ihrer Reize gegen eine hinreichende Menge Geist vertauschen wolle. Wenn sie nicht heuchelt, wird sie sagen: Nein, ich bin zufrieden mit dem, was ich habe, – aber warum ist sie zufrieden? Weil sie ihr Bedürfnis nicht empfindet. Man frage eine geistreiche Häßliche, ob sie ihren Geist gegen Schönheit vertauschen wolle. Sie wird ohne Zögern nein sagen. Warum? Weil sie ihren Geist kennt und weiß, daß dieser ihr alles andere ersetzt.

Eine geistreiche Frau, die nicht dazu geschaffen ist, einen Mann glücklich zu machen, ist die gelehrte Frau. Gelehrsamkeit ist für eine Frau nicht angebracht, denn sie beeinträchtigt die Sanftheit ihres Charakters, ihre Lieblichkeit, jene zarte Schüchternheit, die dem weiblichen Geschlecht so viele Reize verleiht; übrigens hat noch niemals eine Frau es im Wissen über gewisse Grenzen hinausgebracht, und der Wortschwall gelehrter Frauen imponiert nur Dummköpfen. Keine einzige große Entdeckung ist von einer Frau gemacht worden. Das weibliche Geschlecht entbehrt jener geistigen Kraft, die ein Ausfluß der körperlichen Kraft ist; aber im Ziehen einfacher Vernunftschlüsse, an Zartheit des Gefühls und an vielen Verdiensten, die mehr dem Herzen als dem Geist zuzuschreiben sind, da sind die Frauen uns weit überlegen.

Wirf einer geistvollen Frau einen Sophismus an den Kopf, sie wird ihn nicht zu erklären wissen, aber sie wird trotzdem sich nicht davon betrügen lassen; und wenn sie es dir auch nicht sagt, so wird sie dich doch fühlen lassen, daß sie etwas derartiges von sich weist. Der Mann dagegen, der diesen Sophismus unlösbar findet, nimmt ihn schließlich wörtlich, und in dieser Hinsicht ist die gelehrte Frau vollständig Mann. Welch eine schwer zu ertragende Bürde wäre eine Dacier! Gott behüte jeden braven Mann davor.

Als die Kleidermacherin kam, sagte Henriette mir, ich dürfte ihrer Umwandlung nicht beiwohnen; sie forderte mich auf, spazieren zu gehen, bis sie wieder sie selbst geworden wäre.

Ich gehorchte; denn wenn man liebt, ist es eine wahre Verdoppelung des Glückes, den geringsten Wunsch des angebeteten Wesens zu erfüllen.

Da mein Spaziergang kein bestimmtes Ziel hatte, trat ich bei einem französischen Buchhändler ein und machte dort die Bekanntschaft eines geistreichen Buckligen; und bei dieser Gelegenheit muß ich sagen, daß nichts so selten ist, wie ein Buckliger ohne Geist. Diese Erfahrung habe ich in allen Ländern gemacht. Nicht, daß der Geist bucklig machte – denn es sind, Gott sei Dank, nicht alle geistreichen Leute bucklig. Aber man kann als einen im allgemeinen gültigen Satz aufstellen, daß der Buckel Geist verleiht; denn die kleine Zahl von Buckligen, die wenig oder gar keinen Geist haben, macht die Regel nicht zu schanden. Der Bucklige, um den es sich hier handelt, hieß Dubois-Châteleraux. Er war ein geschickter Kupferstecher und zugleich Münzdirektor des Infanten-Herzogs von Parma, obgleich dieser kleine Fürst eine eigene Münze nicht besaß.

Ich verbrachte eine Stunde mit diesem geistreichen Buckligen, der mir mehrere von ihm selbst gestochene Kupfer zeigte; hierauf ging ich ins Hotel zurück, wo ich unsern Ungarn traf, der darauf wartete, daß Henriette sichtbar sein würde. Er wußte nicht, daß sie uns in Frauenkleidern empfangen würde. Die Tür öffnet sich, und eine reizende Frau begrüßt uns mit einer Verbeugung voller Anmut, die ebenso weit entfernt ist von der Steifheit wie von der Freiheit, die mit der militärischen Tracht verbunden sind. Ihr Anblick brachte uns außer Fassung: wir verloren wirklich die Haltung. Sie lud uns ein, uns an ihre Seiten zu setzen, warf dem Hauptmann einen Blick voller Freundschaft zu und drückte mir die Hand mit einer Zärtlichkeit voll innigen Gefühles, aber ohne jene äußerliche Vertraulichkeit, die ein junger Offizier sich erlauben kann, ohne der Liebe Abbruch zu tun, die sich aber für eine wohlerzogene Frau nicht schickt. Ihre edle und züchtige Haltung nötigte mich zu einem gleichen Benehmen, ohne mir darum einen Zwang anzutun; denn sie spielte keine Komödie, und da sie nur ihr natürliches Temperament wieder annahm, war es mir nicht schwierig, mich ihrem Benehmen anzupassen.

Ich betrachtete sie mit einer Art von Bewunderung. Hingerissen von einem Gefühl, über das ich mir nicht Rechenschaft abzulegen versuchte, ergriff ich ihre Hand, um sie ihr zu küssen; aber bevor ich diese an meine Lippen führen konnte, reichte sie mir ihren schönen Mund, und niemals hat ein Kuß mir so köstlich gedünkt.

»Bin ich denn nicht immer noch dieselbe?« fragte sie mich in einem Ton voll innigen Gefühles.

»Nein, meine göttliche Freundin! Sie sind es nicht mehr, in meinen Augen nicht mehr, denn es ist mir unmöglich, Sie zu duzen. Sie sind nicht mehr jener geistreiche, aber freie Offizier, der der Signora Querini antwortete, Sie spielten Pharao, Sie hielten die Bank, aber der Gewinn wäre so klein, daß es nicht der Mühe verlohne, davon zu sprechen.«

»Ganz gewiß würde ich in meinen Frauenkleidern solche Worte nicht noch einmal zu sagen wagen. Indessen, mein Freund, ich bin deswegen nicht weniger deine Henriette – Henriette, die in ihrem Leben drei tolle Streiche begangen hat, von denen ohne dich der letzte mich zugrunde gerichtet haben würde; nun aber nenne ich ihn einen reizenden tollen Streich, weil er Ursache ist, daß ich dich kennen gelernt habe.«

Diese Worte machten auf mich einen so starken Eindruck, daß ich nahe daran war, mich ihr zu Füßen zu werfen und sie dafür um Verzeihung zu bitten, daß ich sie nicht mehr respektiert hätte. Aber Henriette bemerkte meinen Zustand und begann, um diesem pathetischen Auftritt ein Ende zu machen, unseren guten Hauptmann zu schütteln, der wie ein versteinertes Bild dasaß. Er schämte sich, eine Frau dieser Art wie eine Abenteuerin behandelt zu haben, denn an eine Täuschung seiner Sinne konnte er nicht glauben. Er sah sie ganz verwirrt an und machte unaufhörlich ehrfurchtsvolle Verbeugungen, wie wenn er dadurch sein Unrecht wieder gut machen wollte. Sie aber schien ihm zu sagen, jedoch ohne den allergeringsten Vorwurf: »Es ist mir recht lieb, daß ich nach deiner jetzigen Meinung doch mehr als zehn Zechinen wert bin.«

Wir setzten uns zu Tisch, und sie spielte die Dame des Hauses mit einer Leichtigkeit des Benehmens, die von langer Gewohnheit zeugte. Sie behandelte den Hauptmann als geehrten Freund und mich als geliebten Gatten.

Der Hauptmann bat mich, ihr zu sagen, wenn er sie so in Civita vecchia gesehen hätte, als sie aus der Tartane ausstieg, wäre es ihm niemals eingefallen, seinen Cicerone zu ihr zu schicken.

»Oh! Sage ihm, davon sei ich fest überzeugt; aber es ist doch recht eigentümlich, daß ein Weiberfähnchen mehr Achtung einflößt als eine Uniform.«

»Bitte, schmähe nicht auf diese Uniform, denn ihr verdanke ich mein Glück!«

»Ja,« sagte sie zu mir mit einem liebenswürdigen Lächeln, »wie ich den Sbirren von Cesena.«

Lange blieben wir bei Tisch mit reizenden Bemerkungen, die sich alle auf unser gegenseitiges Glück bezogen; und nur die Verlegenheit, in der sich der biedere Ungar zu befinden schien, machte schließlich unserer artigen Unterhaltung und unserem Mahle ein Ende.

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