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Erinnerungen, Band 2

Giacomo Casanova: Erinnerungen, Band 2 - Kapitel 32
Quellenangabe
typeautobio
authorCasanova
titleErinnerungen, Band 2
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
volume2
year1911
senderwww.gaga.net
created20050213
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Einunddreißigstes Kapitel

Soradacis Verrat. – Ich mache ihn dumm. – Pater Balbi vollendet glücklich seine Arbeit. – Ich verlasse mein Gefängnis. – Unangebrachte Bedenken des Grafen Asquino. – Aufbruch zur Flucht.

Seit zwei oder drei Tagen hatte Soradaci meine Briefe, als eines Nachmittags Lorenzo ihn holte, um ihn vor den Sekretär zu führen. Da er mehrere Stunden ausblieb, hoffte ich schon, ihn nicht wieder zu sehen, aber zu meiner großen Überraschung brachte man mir ihn gegen Abend zurück. Als Lorenzo wieder fortgegangen war, sagte der Kerl zu mir, der Sekretär habe ihn im Verdacht, den Kaplan gewarnt zu haben; denn der Priester sei niemals beim Gesandten gewesen und man habe kein Schriftstück bei ihm gefunden. Nach einem sehr langen Verhör habe man ihn in einen engen Kerker gebracht und ihn mehrere Stunden dort gelassen; dann habe man ihn abermals gefesselt und in Ketten vor den Sekretär geführt, dieser habe von ihm verlangt, er solle gestehen, daß er in Isola zu jemandem gesagt habe, der Priester werde nicht wiederkommen; dies habe er jedoch nicht gestehen können, denn so etwas habe er zu keinem Menschen gesagt. Der Sekretär sei der Sache müde geworden, habe geklingelt, und er sei von den Sbirren wieder zu mir gebracht worden.

Diese Erzählung betrübte mich tief; denn ich sah klar und deutlich, daß der Unselige lange bei mir bleiben würde. Da ich Balbi von dem bösen Mißgeschick in Kenntnis setzen mußte, schrieb ich ihm während der Nacht; und da ich dies mehr als einmal tun mußte, gelang es mir schließlich durch die Übung, ziemlich richtig im Dunkeln zu schreiben.

Am anderen Tage wollte ich mich überzeugen, daß ich mich in meinem Verdacht nicht getäuscht hatte. Ich sagte dem Spion, er sollte mir den Brief herausgeben, den ich an Herrn von Bragadino geschrieben hätte; ich müßte noch etwas hinzufügen. »Ihr könnt ihn dann sofort wieder einnähen.«

»Das ist gefährlich, denn der Schließer könnte während dieser Zeit kommen, und dann wären wir verloren.«

»Das macht nichts; gebt mir meine Briefe heraus.« Plötzlich warf das Scheusal sich mir zu Füßen, und schwor mir, bei seiner zweiten Vorführung vor den gestrengen Sekretär habe ihn ein heftiges Zittern befallen und er habe auf seinem Rücken, genau an der Stelle, wo die Briefe eingenäht gewesen seien, einen unerträglichen Druck verspürt. Der Sekretär habe ihn gefragt, warum er so zittere, und er habe nicht die Kraft gehabt, ihm die Wahrheit zu verhehlen. Dann habe der Sekretär geschellt, Lorenzo sei hereingekommen, habe ihm die Fesseln abgenommen, die Jacke ausgezogen und das Futter ausgetrennt. Der Sekretär habe die beiden Briefe gelesen und in eine Schublade seines Schreibtisches gelegt. Der Herr Sekretär habe ihm gesagt, wenn er die Briefe bestellt hätte, so würde man es erfahren haben, und das hätte ihm das Leben kosten können.

Ich tat, als würde mir schlecht, bedeckte mein Gesicht mit den Händen, warf mich neben dem Bett vor dem Bilde der Jungfrau auf die Knie und verlangte von ihr in feierlichem Tone Rache an dem Schurken, der den heiligsten Eid gebrochen und mich verraten hätte. Hierauf legte ich mich auf mein Bett, drehte das Gesicht nach der Wand und besaß die Ausdauer, den ganzen Tag in dieser Stellung zu bleiben, ohne mich zu rühren, ohne auch nur ein Wort zu sprechen und ohne auf das Weinen, das Geschrei und die Unschuldsbeteuerungen des Halunken zu achten. Ich spielte ausgezeichnet meine Rolle in einer Komödie, deren Plan ich vollständig in meinem Kopf hatte. Während der Nacht schrieb ich Balbi, er solle Punkt ein Uhr mittags kommen, keine Minute früher oder später und in seiner Arbeit fortfahren, aber nur vier Stunden arbeiten, nicht eine Minute länger. »Unsere Freiheit hängt von Ihrer genauesten Pünktlichkeit ab, und Sie haben nichts zu befürchten.«

Wir hatten den fünfundzwanzigsten Oktober, und es nahte der Zeitpunkt, wo ich meinen Plan ausführen oder ihn unwiderruflich aufgeben mußte. Die Staatsinquisitoren und der Sekretär verbrachten jedes Jahr die ersten drei Tage des Novembers an irgendeinem Ort des Festlandes. Lorenzo machte sich die Abwesenheit seiner Herren zunutze, betrank sich jeden Abend, schlief länger als sonst und erschien erst spät unter den Bleidächern.

Dies wußte ich, und die Vorsicht verlangte, daß ich diesen Zeitpunkt zu meiner Flucht wählte; denn ich konnte überzeugt sein, daß meine Flucht erst spät am Morgen bemerkt wurde.

Daß ich meinen Entschluß faßte, obgleich ich an der Verruchtheit meines Mitgefangenen nicht mehr zweifeln konnte, hatte noch einen anderen Grund, der mir wichtig genug erscheint, um ihn meinen Lesern nicht vorzuenthalten.

Der größte Trost für einen Menschen, der sich in Not befindet, ist die Hoffnung, bald daraus befreit zu werden. Er sehnt das Ende seines Unglücks herbei und glaubt es durch seine Gebete zu beschleunigen; er würde alles mögliche tun, um genau die Stunde zu erfahren, die das Ende seiner Qual bedeutet. Leider kann niemand wissen, in welchem Augenblick ein Ereignis eintreten wird, das von dem Willen eines anderen abhängt, es sei denn, daß dieser andere selbst es ihm sagt. Der leidende Mensch wird ungeduldig und schwach und neigt unwillkürlich zum Aberglauben. Gott, sagt er zu sich, muß den Augenblick wissen, der meiner Not ein Ende machen wird; Gott kann erlauben, daß dieser Augenblick mir geoffenbart wird, einerlei, auf welche Weise. Wenn er erst einmal auf solche Gedanken verfallen ist, zögert er nicht mehr, das Schicksal zu befragen. Er wählt dazu ein Verfahren, das ihm seine Phantasie eingibt, und es kommt nicht darauf an, ob er mehr oder weniger fest an die Offenbarungen des von ihm gewählten Orakels glaubt. In diesem Geiste handelten die meisten von denen, die die Pythia oder die Eichen des Waldes von Dodona um Rat fragten; dieser Geist treibt auch in unsern Tagen diejenigen, die sich an die Kabbala wenden, oder die gewünschte Erleuchtung in einem Verse der Bibel oder des Virgil suchen, wodurch die Virgilianen so berühmt wurden, von denen so viele Schriftsteller uns berichten; derselbe Geist endlich beseelt auch die, welche fest überzeugt sind, durch die zufällige oder auf Berechnung beruhende Kombination eines elenden Spiels Karten Aufklärung aller ihrer Zweifel zu erhalten.

In dieser Geistesverfassung befand ich mich. Da ich jedoch nicht wußte, durch welche Methode ich das Schicksal zwingen könnte, durch die Bibel das mir bestimmte Los, das heißt, den Augenblick der Wiedererlangung des unvergleichlichen Gutes der Freiheit, zu erfahren, so entschloß ich mich, das göttliche Gedicht des Meisters Lodovico Ariosto zu befragen: Ich hatte den »Rasenden Roland« hundertmal gelesen. Ich wußte ihn auswendig und selbst unter den Bleidächern entzückte er mich. Abgöttisch verehrte ich den Genius des großen Dichters, und er war nach meiner Meinung viel mehr als Virgil geeignet, mir mein Glück zu prophezeien.

In diesem Sinne schrieb ich eine Frage auf, die an die vermeinliche Allwissenheit gerichtet war. Ich fragte sie, in welchem Gesange des Ariosto ich den Tag meiner Befreiung prophezeit finden würde. Ich bildete aus den Zahlen, die sich aus den Worten der Frage ergaben, eine umgekehrte Pyramide. Indem ich von jedem Zahlenpaar die Zahl neun abzog, fand ich die Endzahl Neun. Dies bedeutete also, daß die von mir gesuchte Prophezeiung sich im neunten Gesange befinden sollte. Dieselbe Methode befolgte ich, um Stanze und Vers festzustehen, und erhielt die Zahl Sieben für die Stanze und die Zahl Eins für den Vers.

Ich nahm das Gedicht zur Hand, und das Herz klopfte mir so, wie wenn ich völlig an das Orakel geglaubt hätte. Ich öffnete das Buch, suchte und fand die Stelle: Fra il fin d'ottobre è il capo di novembre. Das genaue Zutreffen dieses Verses erschien mir wunderbar. Ich will nicht sagen, daß ich ganz fest daran glaubte, aber der Leser wird begreifen, daß ich alles aufbot, um das Orakel wahr zu machen. Das Eigentümliche an der Sache ist, daß zwischen dem Ende des Oktobers und dem Anfang des Novembers nur der Augenblick der Mitternacht liegt. Und genau mit dem Glockenschlage der Mitternacht vom einunddreißigsten Oktober auf den ersten November verließ ich mein Gefängnis, wie der Leser bald sehen wird.

Übrigens bitte ich den Leser, mich trotz dieser Auseinandersetzung nicht für abergläubischer halten zu wollen als irgend einen anderen; er würde sich täuschen. Ich erzähle die Sache, weil sie wahr und weil sie außerordentlich ist und weil mir meine Flucht vielleicht nicht gelungen sein würde, wenn ich ihr keinen Wert beigemessen hätte. Der Fall lehrt jeden, der es noch nicht weiß, daß ohne die vorangegangenen Prophezeiungen mehrere wichtige Ereignisse niemals stattgefunden haben würden. Das Ereignis leistet der Prophezeiung den Dienst, die Prophezeiung wahr zu machen; tritt das Ereignis nicht ein, so wird die Weissagung hinfällig. Ich verweise den Leser auf die Weltgeschichte, wo er viele Ereignisse finden wird, die niemals eingetreten wären, wenn sie nicht vorhergesagt gewesen wären. Ich bitte, mir diese Abschweifung freundlichst zu verzeihen.

Den ganzen Morgen bis zum Mittag verbrachte ich damit, auf den Geist des boshaften dummen Viehs einzuwirken, um seine schwache Vernunft in Verwirrung zu bringen, ihn durch wunderbare Vorstellungen zu verblüffen und ihn unschädlich für mich zu machen.

Sobald Lorenzo uns allein gelassen hatte, sagte ich Soradaci, er solle seine Suppe essen. Der Schuft lag auf seinem Strohsack und hatte zu Lorenzo gesagt, er sei krank. Er hätte es nicht gewagt, zu mir zu kommen, wenn ich ihn nicht gerufen hätte. Er stand auf, warf sich der Länge nach vor meine Füße, küßte diese und sagte unter heißen Tränen, wenn ich ihm nicht verziehe, würde er an demselben Tage sterben müssen, denn er spürte schon die Rache der heiligen Jungfrau, die ich auf ihn herabbeschworen hätte. Er hätte schneidende Schmerzen in den Eingeweiden und sein Mund wäre voll von Geschwüren. Er zeigte mir diese, und ich sah, daß es Mundschwämmchen waren; ob er sie schon am Tage vorher gehabt hatte, weiß ich nicht. Ich gab mir keine große Mühe zu untersuchen, ob er mir die Wahrheit sagte; es lag in meinem Interesse, mich so zu stellen, als ob ich ihm glaubte, und ihn auf Gnade hoffen zu lassen. Der Verräter hatte vielleicht die Absicht, mich zu betrügen; und da ich selbst entschlossen war, ihn zu betrügen, so kam es darauf an, wer von uns beiden der geschicktere sei. Ich hatte einen Angriff gegen ihn vorbereitet, gegen den er sich schwerlich verteidigen konnte.

Eine verzückte Miene annehmend, sagte ich zu ihm: ›Setze dich und iß deine Suppe. Nachher werde ich dir dein Glück verkünden. Denn wisse, heute bei Tagesanbruch ist mir die heilige Jungfrau des Rosenkranzes erschienen und hat mir befohlen, dir zu verzeihen. Du wirst nicht sterben, sondern wirst mit mir das Gefängnis verlassen.‹

Ganz verblüfft aß er knieend – denn er hatte keinen Stuhl – seine Suppe. Dann setzte er sich auf seinen Strohsack, um mich anzuhören. Ich sagte ihn ungefähr folgendes:

»Der Kummer über deinen entsetzlichen Verrat bereitete mir eine schlaflose Nacht; denn meine Briefe müssen mich dazu verdammen, bis an mein Lebensende im Kerker zu bleiben. Erfüllt von diesem Gefühl, das eines Christen unwürdig ist – denn Gott befiehlt uns, zu vergeben – lag ich in meinem Bett; endlich versank ich vor Müdigkeit in Schlaf, und während dieses glücklichen Schlummers habe ich eine wirkliche Vision gehabt. Ich habe die heilige Jungfrau gesehen, diese Mutter Gottes, deren Bild du dort an der Wand siehst. Ich sah sie lebend vor mir stehen, und sie öffnete den Mund und sprach folgendermaßen zu mir:

›Soradaci ist Anhänger meines heiligen Rosenkranzes – er steht unter meinem Schutz, ich will, daß du ihm vergibst; dann wird der Fluch, den er auf sich gelenkt hat, seine Wirkung verlieren. Zur Belohnung für deine Großmut werde ich einem meiner Engel befehlen, menschliche Gestalt anzunehmen und vom Himmel herabzusteigen, um die Decke deines Gefängnisses zu durchbrechen und dich in fünf oder sechs Tagen frei zu machen. Dieser Engel wird heute mittag Punkt ein Uhr seine Arbeit beginnen und wird eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang aufhören, denn er muß noch bei hellem Tage in den Himmel zurückkehren. Wenn du, begleitet von meinem Engel, das Gefängnis verläßt, wirst du Soradaci mitnehmen und wirst für ihn sorgen, doch unter der Bedingung, daß er sein Spionengewerbe aufgibt. Du wirst ihm alles sagen.‹

Mit diesen Worten verschwand die heilige Jungfrau, und ich erwachte.«

Während ich im Tone eines Verzückten und mit dem ernstesten Gesicht diese Worte sprach, beobachtete ich die Züge des Verräters. Er saß da wie versteinert. Ich nahm nun mein Gebetbuch, besprengte das ganze Gefängnis mit Weihwasser und stellte mich, wie wenn ich zu Gott betete, wobei ich von Zeit zu Zeit das Bild der Jungfrau küßte. Eine Stunde darauf fragte mich der Kerl, der bis dahin nicht den Mund aufgetan hatte, ganz plötzlich, wann der Engel vom Himmel herunter kommen würde und ob wir das Geräusch hören würden, das er beim Durchbrechen unseres Kerkers machen müßte.

»Ich bin sicher, er wird um ein Uhr kommen; wir werden ihn arbeiten hören, und er wird zu der von der heiligen Jungfrau gesagten Zeit sich entfernen.«

»Sie haben vielleicht nur geträumt.«

»Ganz gewiß nicht. Fühlst du dich imstande, mir zu schwören, daß du das Spionieren aufgeben wirst?«

Statt mir zu antworten, drehte er sich um und schlief ein. Er erwachte erst nach zwei Stunden und fragte mich sofort, ob er den von mir verlangten Eid noch aufschieben könnte.

»Du kannst ihn aufschieben, bis der Engel kommt, um mich zu befreien; aber wenn du dann nicht unter deinem Eide deinem niederträchtigen Gewerbe entsagst, das dich hierher gebracht und dich noch an den Galgen bringen wird, so werde ich dich hier lassen. So lautet der Befehl der Mutter Gottes, die dir ihren Schutz entzogen hat.«

Ich las auf seinem häßlichen Gesicht die Befriedigung, die er empfand; denn er war überzeugt, daß der Engel nicht kommen würde. Er schien mich zu bedauern. Mit Ungeduld erwartete ich den Glockenschlag; denn diese Komödie machte mir ungeheuren Spaß und ich war überzeugt, daß die Ankunft des Engels seine kümmerliche Vernunft gänzlich über den Haufen werfen würde. Mein Plan konnte nicht fehlschlagen, Lorenzo hätte denn vergessen müssen, das abzuliefern, und das war nicht möglich.

Eine Stunde vor dem verabredeten Zeitpunkt sagte ich ihm, wir wollten zusammen essen. Ich trank nur Wasser, Soradaci aber trank allen Wein und aß zum Nachtisch den ganzen Knoblauch, den ich hatte, für ihn die größte Leckerei. Dadurch wurde seine Aufregung nicht wenig vermehrt. Im Augenblick, wo ich die Uhr schlagen hörte, warf ich mich auf die Knie und befahl ihm mit schrecklicher Stimme, es ebenso zu machen. Er sah mich mit einem irren Blick an, aber er gehorchte. Als ich das leise Geräusch hörte, das der Mönch beim Durchkriechen durch das Mauerloch machte, rief ich: »Der Engel kommt!« Ich warf mich platt auf den Bauch und gab ihm einen kräftigen Faustschlag, so daß er dieselbe Stellung einnahm. Das Zersplittern des Brettes machte ein starkes Geräusch. Eine Viertelstunde lang besaß ich die Geduld, in meiner unbequemen Stellung liegen zu bleiben. Unter anderen Umständen würde ich herzlich gelacht haben, wie das Vieh so unbeweglich da lag. Aber ich lachte nicht, denn ich vergaß keinen Augenblick meine löbliche Absicht, den Menschen ganz und gar verrückt oder wenigstens verdreht zu machen. Seine verworfene Seele konnte nur dadurch zur Menschlichkeit zurückgeführt werden, daß ich sie mit Schrecken überströmte. Endlich stand ich auf, doch kniete ich sofort wieder hin, indem ich ihm erlaubte, dieselbe Stellung einzunehmen. Dann ließ ich ihn dreiundeinehalbe Stunde lang den Rosenkranz herunterbeten. Von Zeit zu Zeit schlief er dabei ein, mehr durch die unbequeme Stellung als durch das eintönige Murmeln der Gebete ermüdet. Nicht ein einziges Mal wagte er es, mich zu stören. Zuweilen erkühnte er sich, einen verstohlenen Blick nach der Decke zu werfen oder mit verblüfftem Besicht dem Bilde der Jungfrau zuzuwinken. Dies alles war überwältigend komisch. Als ich die Uhr die fünfte Stunde schlagen hörte, sagte ich in halb feierlichem, halb frommem Ton zu ihm: »Wirf dich nieder; der Engel wird jetzt gehen.« Balbi kehrte in sein Gefängnis zurück, und wir hörten nichts mehr.

Ich stand auf, sah den Elenden fest an und bemerkte auf seinen. Gesicht Verwirrung und Schrecken; darüber war ich entzückt. Ich sprach ein paar Worte mit ihm, um zu sehen, wie es mit seiner Vernunft bestellt wäre. Er vergoß strömende Tränen, und was er sagte, war so verworren und unzusammenhängend, daß es sich nicht beschreiben läßt. Er sprach von seinen Sünden, von seiner großen Frömmigkeit, von seinem Eifer für den heiligen Markus, von seinen Pflichten gegen die Republik, und diesen Verdiensten schrieb er die Gnade zu, die ihm von Maria widerfahren war. Mit salbungsvoller Miene mußte ich eine lange Geschichte von Wundern des Rosenkranzes anhören, welche seine Frau, deren Beichtvater ein Dominikaner war, ihm erzählt hatte. Schließlich sagte er mir, er sehe nur nicht ein, was ein unwissender Mensch, wie er, mir nützen könnte.

»Du wirst in meinem Dienst stehen und wirst alles erhalten, was du nötig hast, ohne daß du das gefährliche Gewerbe eines Spions zu betreiben brauchst.«

»Aber dann werden wir nicht mehr in Venedig bleiben können?«

»Nein, natürlich nicht, der Engel wird uns in ein Land führen, das nicht dem heiligen Markus gehört. Bist du bereit, mir zu schwören, daß du dein schändliches Gewerbe aufgeben wirst? Und, wenn du schwörst, wirst du nicht etwa zum zweiten Mal meineidig werden?«

»Wenn ich schwöre, werde ich sicherlich meinem Schwur treu sein, das ist ganz gewiß. Aber geben Sie zu, daß ohne meinen Eidbruch die heilige Jungfrau Ihnen nicht die hohe Gnade erwiesen hätte. Meine Untreue ist Ursache Ihres Glücks, Sie müssen mich also lieben und sich meines Verrates freuen.«

»Liebst du Judas, der Jesum Christum verraten hat?«

»Nein.«

»Du siehst also: man verabscheut den Verräter und betet zugleich die Vorsehung an, die aus Bösem Gutes zu schaffen weiß. Bis jetzt bist du nur em Schurke gewesen; du hast Gott und seine jungfräuliche Mutter beleidigt, und ich werde deinen Eid nur annehmen, wenn du deine Sünden büßen willst.«

»Welche Sünde habe ich begangen?«

»Du hast durch Stolz gesündigt, Soradaci, indem du dachtest, ich sei dir Dank schuldig dafür, daß du mich verraten hast, indem du meine Briefe dem Sekretär abliefertest.«

»Wie werde ich diese Sünde büßen können?«

»Das werde ich dir sagen: Wenn morgen Lorenzo kommt, bleibst du auf deinem Strohsack liegen, das Gesicht nach der Wand gedreht, ohne auch nur die kleinste Bewegung zu machen und ohne Lorenzo einen Blick zuzuwerfen. Wenn er zu dir spricht, antwortest du ihm, ohne ihn anzusehen, du habest nicht schlafen können und müssest dich ausruhen. Versprichst du mir dies ohne Vorbehalt?«

»Ich verspreche Ihnen, alles was Sie mir sagen, genau auszuführen.«

»Schwöre es mir vor diesem heiligen Bilde! Schnell!«

»Ich verspreche dir, allerheiligste Mutter Gottes, daß ich Lorenzo nicht ansehen und daß ich mich nicht auf meinem Strohsack rühren werde.«

»Und ich, allerheiligste Jungfrau, ich schwöre dir bei dem Herzen deines göttlichen Sohnes: wenn ich Soradaci die kleinste Bewegung machen und Lorenzo anblicken sehe, werde ich mich sofort auf ihn werfen und ihn erbarmungslos zu deiner Ehre und zu deinem Ruhm erdrosseln.«

Ich rechnete mindestens ebensosehr auf die Wirkung dieser Drohung als auf seinen Eid. Um mir jedoch eine möglichst große Gewißheit zu verschaffen, fragte ich ihn, ob er gegen diesen Schwur etwas einzuwenden hätte. Nachdem er einen Augenblick überlegt hatte, antwortete er mir: nein, er sei vollkommen damit einverstanden. Hiermit war ich sehr zufrieden. Ich gab ihm nun zu essen und befahl ihm hierauf, sich niederzulegen, weil ich Schlaf nötig hätte.

Sobald er eingeschlafen war, schrieb ich zwei Stunden lang an Balbi. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte und sagte ihm, wenn die Arbeit weit genug vorgeschritten sei, so brauche er nur noch einmal zu kommen, um die Decke durchzubrechen. Ich teilte ihm mit, daß wir in der Nacht vom einunddreißigsten Oktober auf den ersten November entfliehen müßten und daß wir im ganzen vier sein würden. Diesen Brief schrieb ich am achtundzwanzigsten Oktober.

Am nächsten Tage schrieb der Mönch mir, der kleine Verbindungsweg sei fertig und er brauche nur noch die letzte Schicht über meinem Gefängnis einzuschlagen; dies sei in vier Minuten geschehen. Soradaci hielt seinen Schwur; er tat, als ob er schliefe, und Lorenzo sprach ihn nicht einmal an. Ich verlor ihn nicht einen Augenblick aus dem Auge, und ich glaube, ich würde ihn erdrosselt haben, wenn er die geringste Bewegung mit dem Kopf gemacht hätte; denn um mich zu verraten, brauchte er nur Lorenzo zuzublinzeln. Der ganze Rest des Tages wurde Gesprächen über die erhabensten Gegenstände geweiht. Ich sprach so feierlich wie ich nur konnte, und in den übertriebensten Ausdrücken, und es war für mich ein Genuß, zu sehen, wie er immer fanatischer wurde. Außer diesen mystischen Reden rief ich auch noch die Dünste des Weines zu Hilfe. Von Zeit zu Zeit ließ ich ihn große Mengen trinken, bis ihn endlich der Rausch und die Müdigkeit übermannten und er in Schlaf sank.

Obgleich seinem Kopf jedes metaphysische Denken fremd war und er seine Denkfähigkeit stets nur dazu gebraucht hatte, um Listen eines Spions zu ersinnen, brachte er mich doch einen Augenblick in Verlegenheit, als er mir sagte, er begreife nicht, warum ein Engel so viele Arbeit nötig habe, um uns unseren Kerker zu öffnen. Ich erhob meine Blicke zum Himmel oder vielmehr zur Decke meines traurigen Gefängnisses und sagte ihm: »Gottes Wege sind den Sterblichen unbekannt; außerdem arbeitet der Abgesandte des Himmels nicht als Engel, denn alsdann würde ein Hauch seines Mundes ihm genügen; er arbeitet als Mensch, dessen Gestalt er ohne Zweifel deshalb angenommen hat, weil wir nicht würdig sind, seine Gegenwart in seiner himmlischen Gestalt zu ertragen. Übrigens sehe ich voraus,« sagte ich als echter Jesuit, der sich jeden Umstand zunutze zu machen weiß, »daß der Engel, um uns für deinen boshaften Gedanken, der die heilige Jungfrau beleidigt hat, zu bestrafen, heute nicht kommen wird. Unglückseliger! Du denkst niemals wie ein frommer und gottesfürchtiger Ehrenmann, sondern stets wie ein verruchter Sünder, der es mit Messer-Grande und seinen Sbirren zu tun hat.«

Ich hatte ihn zur Verzweiflung bringen wollen, und dies war mir gelungen. Er weinte heiße Tränen und sein Schluchzen erstickte ihn, als er ein Uhr schlagen hörte und der Engel nicht kam. Statt ihn zu beruhigen, suchte ich seine Verzweiflung noch zu vermehren, indem ich bittere Klagen ausstieß. Am nächsten Tage war er seinem Schwur gehorsam; denn als Lorenzo ihn nach seinem Befinden fragte, antwortete er, ohne den Kopf herumzudrehen. Am nächsten Tage betrug er sich ebenso, und auch am Morgen des einunddreißigsten Oktober, wo ich Lorenzo zum letzten Male sah. Ich gab ihm das Buch für Balbi, und ich hatte dem Mönch geschrieben, er solle um elf Uhr kommen und die Decke durchbrechen. Ich fürchtete jetzt nicht mehr, daß noch etwas dazwischen kommen könnte; denn wie ich von Lorenzo gehört hatte, waren die Inquisitoren und der Sekretär bereits aufs Land gefahren. Ich hatte nicht mehr die Ankunft eines neuen Gefangenen zu befürchten, und ich brauchte meinen niederträchtigen Halunken nicht mehr zu schonen.

Es könnte wohl sein, daß meine Erinnerungen einem jener Prinzipienreiter in die Hände fallen, die sich mit kaltem Blut über alles mögliche erhitzen. Ein solcher könnte mich wohl wegen des Mißbrauchs verdammen, den ich mit den heiligen Mysterien trieb, und besonders deshalb, weil ich dem boshaften Dummkopf weis machte, die heilige Jungfrau sei mir erschienen. Ich möchte nicht gerne für schlechter gelten als andere, wenigstens nicht in der Meinung anständiger Leute, deren Intelligenz nicht durch ein überempfindliches Gewissen beschränkt ist: darum muß ich hier eine Art Verteidigungsrede halten, die meine Leser mir freundlichst wollen hingehen lassen.

Da ich den Zweck verfolge, die Geschichte meiner Flucht mit allen Nebenumständen zu berichten, so habe ich mich für verpflichtet gehalten, nichts von dem auszulassen, was zum Gelingen meines Planes beigetragen hat. Ich will nicht sagen, daß diese Erzählung eine Beichte vorstellen soll, denn ich fühle mich durchaus von keiner Reue belastet; aber ich bin auch ebensoweit entfernt, mich mit meinem Vorgehen zu berühmen, denn nur widerwillig bediente ich mich des Betruges, und wenn ich zwischen diesen Mitteln und einem anderen edleren hätte wählen können, so würde ich nicht einen Augenblick geschwankt haben; das wird man mir wohl glauben. Übrigens würde ich, um meine Freiheit wieder zu erlangen, noch heutigen Tages das gleiche tun, und vielleicht noch viel mehr.

Die Natur trieb mich, mir meine Freiheit wieder zu verschaffen, und die Religion konnte mir nicht befehlen, Sklave zu bleiben. Ich hatte keine Zeit zu verlieren, und es galt, einem Spion die Fähigkeit zu benehmen, mir zu schaden, indem er Lorenzo verriet, daß die Decke meines Gefängnisses durchbrochen wurde. Ich mußte ihn um so mehr fürchten, da er mich bereits einmal verraten hatte. Was mußte ich zu diesem Ende tun? Ich hatte nur zwei Mittel: entweder mußte ich handeln, wie ich es tat, indem ich die Seele dieses Halunken durch Schrecken lähmte; oder ich mußte ihn erdrosseln, wie jeder vernünftige und mutige, aber grausamere Mann es getan haben würde. Dies wäre für mich viel leichter und vollkommen gefahrlos gewesen; denn ich würde gesagt haben, er sei eines natürlichen Todes gestorben, und ganz gewiß machte man sich unter den Bleidächern zu wenig aus dem Leben eines solchen Menschen, um erst lange zu untersuchen, ob ich die Wahrheit gesagt hätte oder nicht. Wird unter meinen Lesern irgendeiner sein, der der Meinung ist, ich hätte besser daran getan, ihn zu erdrosseln? Wenn auch nur ein einziger unter ihnen dieser Meinung ist, wäre er auch ein Jesuit und sogar ein aufrichtig glaubender Jesuit, was nicht leicht vorkommen könnte, – so bitte ich Gott, ihn zu erleuchten. Seine Religion wird niemals die meinige sein. Ich glaube meine Pflicht getan zu haben, und der Sieg, der meine Mühe krönte, kann wohl als ein Beweis angesehen werden, daß die Vorsehung die von mir angewandten Mittel nicht mißbilligte. Der Eid, den ich mir von dem Schurken schwören ließ, war ohne Bedeutung, denn der Mann hatte sich nichts dabei gedacht; mein Schwur dagegen, daß ich immer für ihn sorgen wolle, wurde mir von ihm selber abgenommen, und so brauche ich nicht zu untersuchen, ob ich ihn gehalten haben würde, was ich allerdings nicht glaube. Er hatte nicht den Mut, mir zu folgen und mit mir zu fliehen. Ein Schuft wie Soradaci ist selten mutig. Übrigens konnte ich natürlich gewiß sein, daß seine Erregung nur bis zum Erscheinen des Paters Balbi dauern würde, der durchaus nicht wie ein Engel aussah. Dies mußte ihm beweisen, daß ich ihn betrogen hatte, und er mußte alles Vertrauen zu mir verlieren. Zum Schluß will ich nur noch meine Uberzeugung aussprechen, daß der Einzelne viel mehr recht hat, wenn er alles seiner Erhaltung aufopfert als die Fürsten, wenn sie auch nur den kleinsten Teil ihrer Staaten für ihre eigene Erhaltung opfern.

Als Lorenzo fort war, sagte ich Soradaci, der Engel würde um elf Uhr eine Öffnung in die Decke unseres Kerkers machen. »Er wird eine Schere mitbringen, und du wirst mir und dem Engel den Bart abschneiden.«

»Hat denn der Engel einen Bart?«

»Ja, du wirst es sehen. Hierauf werden wir hinausgehen und durch das Dach des Palastes brechen; von da steigen wir auf den Markusplatz hinunter und von da gehen wir nach Deutschland.«

Er antwortete nicht. Zu Mittag aß er allein, denn mir war Geist und Herz zu voll, um essen zu können. Ich hatte nicht einmal schlafen können.

Die Stunde schlug – der Engel kam. Soradaci wollte sich auf den Boden werfen, aber ich sagte ihm, dies sei nicht nötig. In drei Minuten war das Loch fertig, das letzte Stück des Brettes fiel mir vor die Füße und Pater Balbi warf sich mir in die Arme. »Jetzt ist Ihre Arbeit fertig,« rief ich, »und die meinige beginnt.«

Wir umarmten uns, und er gab mir den Spieß und eine Schere. Ich sagte Soradaci, er solle uns den Bart schneiden, und ich konnte das Lachen nicht zurückhalten, als ich sah, wie das Vieh mit offenem Munde dastand und den seltsamen Engel betrachtete, der wie ein Teufel aussah.

Ich war ungeduldig, die Örtlichkeit zu untersuchen, und sagte dem Mönch, er möchte bei Soradaci bleiben; denn ich wollte diesen nicht allein lassen. Dann ging ich. Ich fand das Loch in der Mauer eng, aber ich zwängte mich hindurch. Nun war ich über dem Gefängnis des Grafen; ich ließ mich hinunter und umarmte herzlich den ehrwürdigen Greis. Ich sah, daß er seiner Gestalt wegen nicht imstande war, eine Flucht über ein abschüssiges und ganz mit Bleiplatten gedecktes Dach mitzumachen. Er fragte mich nach meinem Plan und sagte mir, nach seiner Meinung wäre ich wohl etwas leichtsinnig vorgegangen.

»Ich will nur vorwärts, bis ich die Freiheit oder den Tod finde.«

Er schüttelte mir die Hand und sagte: »Wenn Sie daran denken, nach dem Dach durchzubrechen, sich einen Weg über die Bleiplatten zu suchen und von dort aus herabzusteigen, so sehe ich keine Möglichkeit des Gelingens, wenn Sie nicht Flügel haben, und ich habe nicht den Mut, Sie zu begleiten; ich werde hier bleiben und für Sie zu Gott beten.«

Ich ging wieder hinaus, um das große Dach zu untersuchen. Indem ich soweit wie möglich in den äußersten seitlichen Winkel hineinkroch, setzte ich mich schließlich auf das Dachgebälk, womit die Böden aller großen Paläste angefüllt find. Ich prüfte die Bretter mit der Spitze meines Spießes und hatte das Glück, sie halb vermodert zu finden. Bei jedem Stoß meines Spießes zerfiel in Staub, was ich berührte. Als ich sah, daß ich in weniger als einer Stunde ein hinreichend großes Loch machen konnte, begab ich mich in mein Gefängnis zurück und verbrachte dort vier Stunden damit, Tücher, Decken, Matratzen und Strohsack zu zerschneiden, um Stricke daraus zu machen. Alle Knoten machte ich selber und vergewisserte mich ihrer Festigkeit, denn ein einziger schlecht zugezogener Knoten hätte uns das Leben kosten können. Schließlich sah ich mich im Besitz von Stricken, deren Gesamtlänge hundert Faden betrug.

Bei großen Unternehmungen gibt es gewisse Umstände, von denen alles abhängt und bezüglich deren der Anführer, der Erfolg haben will, sich auf keinen anderen Menschen verläßt. Als die Stricke fertig waren, packte ich meinen Rock, meinen seidenen Mantel, einige Hemden, Strümpfe und Taschentücher zusammen, und wir begaben uns alle drei in den Kerker des Grafen. Der gute alte Herr wünschte Soradaci Glück dazu, daß er in mein Gefängnis gesetzt worden wäre und nun so bald seine Freiheit zurückerlangen würde. Soradacis verdutztes Gesicht machte mich lachen. Ich tat mir keinen Zwang mehr an, denn ich hatte die Maske des Tartüff abgeworfen, die mir entsetzlich unbequem gewesen war, die ich aber doch des Halunken wegen hatte anlegen müssen. Er war sichtlich überzeugt, daß ich ihn betrogen hätte; aber er begriff von der ganzen Sache nichts, denn er konnte nicht erraten, wie ich mit dem angeblichen Engel verkehrt hatte, so daß ich ihn zur bestimmten Stunde kommen und gehen lassen konnte. Er hörte aufmerksam dem Grafen zu, der uns sagte, wir würden alle ins Verderben rennen, und als echter Feigling wälzte er schon in seinem Kopf den Plan, sich von der gefährlichen Reise loszusagen. Ich sagte dem Mönch, er möchte sein Paket machen; inzwischen würde ich das Loch nach dem Dach zu beendigen.

Um acht Uhr abends hatte ich mein Loch fertig, ohne einer anderen Hilfe bedurft zu haben. Ich hatte die Bretter zu Staub zerstoßen, und die Öffnung war doppelt so groß, als nötig gewesen wäre. Die ganze Bleiplatte lag vor mir. Diese konnte ich nicht allein hochheben, weil sie vernietet war. Der Mönch half mir; indem ich den Spieß zwischen die Dachrinne und die Platte stieß, gelang es mir, die letztere loszumachen. Dann stemmten wir unsere Schultern gegen sie und bogen sie soweit um, daß wir hinauskriechen konnten. Ich steckte den Kopf durch das Loch und sah voll Schmerz, daß der Mond, der im ersten Viertel stand, eine große Helligkeit verbreitete. Dieses Mißgeschick mußte mit Geduld ertragen werden; wir mußten bis Mitternacht warten, bis der Mond verschwunden wäre, um unseren Antipoden zu leuchten, denn in einer so herrlichen Nacht mußte die ganze gute Gesellschaft auf dem Markusplatz sein, und darum konnten wir uns nicht auf dem Dache dem Mondschein aussetzen. Unsere Schatten wären auf den Markusplatz gefallen. Alle Augen hätten sich auf uns gerichtet, und das seltsame Schauspiel hätte unfehlbar die allgemeine Neugier erregt, besonders aber die des Messer-Grande und seiner Sbirren, die die einzigen Wächter über Venedig sind. Unser schöner Plan wäre gar bald durch ihren unangenehmen Eifer gestört worden. Ich entschied mich also, daß wir erst nach dem Untergang des Mondes das Dach betreten würden. Ich rief Gottes Hilfe an, aber ich verlangte keine Wunder. Den Launen des Glückes preisgegeben, mußte ich ihm möglichst wenig Angriffspunkte darbieten; wenn mein Plan scheitern sollte, so mußte ich wenigstens vor dem Vorwurf sicher sein, Fehler begangen zu haben. Der Mond mußte nach elf Uhr untergehen und die Sonne erhob sich erst um halb acht; so blieben uns bis zur Morgendämmerung sieben Stunden vollständiger Dunkelheit, während welcher wir handeln konnten. Wir hatten zwar eine harte Arbeit vor uns, aber in sieben Stunden mußten wir unser Ziel erreichen können.

Ich sagte dem Pater Balbi, wir könnten drei Stunden mit dem Grafen Asquino verplaudern. Er möchte ihm vorher mitteilen, daß ich dreißig Zechinen nötig hätte, die ich ihn mir zu leihen bäte, da sie für mich vielleicht ebenso wichtig werden könnten, wie es für das bisher Vollbrachte mein Spieß gewesen wäre. Er richtete meinen Auftrag aus und kam in vier Minuten mit dem Bescheid zurück, ich möchte selber gehen, der Graf wünsche mit mir ohne Zeugen zu sprechen. Der arme alte Herr sagte mir sehr freundlich: um zu fliehen, brauchte ich kein Geld; er hätte keins; er hätte eine zahlreiche Familie, und wenn ich umkäme, wäre das Geld, das er mir gegeben hätte, verloren. Kurz und gut, er sagte noch eine Menge überflüssige Dinge gleicher Art, um damit seinen Geiz oder seine Abneigung gegen das Verleihen des Geldes zu bemänteln. Meine Antwort dauerte eine halbe Stunde. Ich führte ausgezeichnete Gründe an; aber diese sind stets machtlos gewesen, solange die Welt besteht; denn die schönsten rhetorischen Wendungen prallen von dem Stahlpanzer der zähesten aller Leidenschaften ab. Hier war nun der Fall des Nolenti baculus – wer nicht will, muß Prügel haben; aber ich war nicht grausam genug, gegen einen unglücklichen Greis Gewalt anzuwenden. Schließlich sagte ich ihm: wenn er mit mir fliehen wollte, würde ich ihn auf meinen Schultern tragen, wie Aneas seinen Vater Anchises; wenn er aber zurückbleiben wollte, um Gott um sein Geleit für uns zu bitten, so wäre sein Gebet inkonsequent; denn er würde zu Gott beten, eine Sache gelingen zu lassen, zu der er selber nicht einmal durch die einfachsten Mittel hätte beitragen wollen.

Er antwortete mir, indem er Tränen vergoß. Ich wurde gerührt. Er fragte mich, ob zwei Zechinen mir genügen könnten; ich erwiderte ihm, mir müsse alles genügen. Er gab mir die zwei Zechinen, indem er mich bat, sie ihm zurückzugeben, wenn ich eine Runde über das Dach gemacht und gesehen hätte, daß es das vernünftigste für mich wäre, in mein Gefängnis zurückzukehren. Ich versprach es ihm, ein wenig überrascht, daß er von mir annehmen konnte, ich würde mich zur Umkehr entschließen. Er kannte mich nicht; ich war fest entschlossen, lieber zu sterben als an einen Ort zurückzukehren, den ich alsdann lebend nicht mehr verlassen hätte.

Ich rief meine Kameraden, und wir legten unser ganzes Gepäck neben das Loch, nachdem ich die hundert Faden Stricke auf zwei Pakete verteilt hatte. Dann plauderten wir zwei Stunden lang und erinnerten uns nicht ohne Vergnügen an die verschiedenen Wechselfälle unseres Unternehmens. Die erste Probe, welche Vater Balbi mir von seinem edlen Charakter gab, bestand darin, daß er mir zehnmal wiederholte, ich hätte ihm mein Wort gebrochen; denn ich hätte ihm versichert, mein Plan wäre fertig und wäre sicher; dies wäre aber durchaus nicht der Fall: er sagte mir sehr frech, wenn er das vorausgesehen hätte, würde er mich nicht aus meinem Kerker befreit haben. Der Graf sagte mir ebenfalls mit dem ganzen Ernst seiner siebenzig Jahre: es sei das klügste von mir, von meiner waghalsigen Unternehmung zurückzutreten, denn gelingen könne es mir unmöglich; dagegen sei augenscheinlich größere Gefahr vorhanden, daß wir dabei unser Leben verlieren würden. Was er mir sagte, war eine richtige Advokatenrede; ich erriet gleich, daß die wahre Ursache seines Eifers die zwei Zechinen waren, die ich ihm hätte zurückgeben müssen, wenn es ihm gelungen wäre, mich zum Bleiben zu überreden.

»Das mit Bleiplatten bedeckte Dach«, sagte er, »ist so abschüssig, daß Sie nicht darauf werden gehen können, denn Sie werden kaum imstande sein, sich aufrecht zu halten; das Dach ist allerdings mit sieben oder acht Dachluken versehen, aber diese sind sämtlich mit eisernen Stäben vergittert, und sie sind unzugänglich, weil sie alle weit vom Rande entfernt sind und weil man vor ihnen nicht festen Fuß fassen kann. Die Stricke, die Sie besitzen, werden Ihnen nichts nützen, weil Sie keine Stelle finden werden, um sie zu befestigen. Und selbst, wenn Sie eine solche Stelle finden sollten, so wäre Ihnen damit nicht geholfen; denn aus einer solchen Höhe kann ein Mensch nicht herabsteigen, weil er sich nicht festhalten kann, bis er unten ist. Sie müßten sich also den Strick um den Leib binden und einer von Ihnen dreien müßte seine beiden Kameraden, einen nach dem andern herunterlassen, wie einen Eimer oder ein Bündel Holz. Derjenige aber, der dies täte, müßte bleiben und in seinen Kerker zurückkehren. Wer von euch dreien fühlt sich wohl zu solchem barmherzigen, aber gefährlichen Werk bereit? Und selbst angenommen, einer von Ihnen wäre ein solcher Held, so sagen Sie mir doch, auf welcher Seite wollen Sie sich herunter lassen? Jedenfalls nicht nach dem Platz zu, denn da würde man Sie sehen; nach der Kirche zu ist es unmöglich, denn da würden Sie eingeschlossen sein; an die Seite nach dem Hof zu ist gar nicht zu denken, denn da würden Sie den Arsenalotti, die beständig die Runde machen, in die Hände fallen. Sie können also nur nach der Kanalseite hinuntersteigen, und haben Sie dort eine Gondel, die auf Sie wartet, oder ein Schiff? Nein. Sie werden also genötigt sein, ins Wasser zu springen und bis Santa Apollonia zu schwimmen; dort werden Sie in kläglichem Zustande ankommen und werden nicht wissen, wohin Sie weiter fliehen sollen. Bedenken Sie, daß Sie auf den Bleiplatten leicht ausrutschen können; und wenn Sie in den Kanal fallen, so sind Sie verloren, selbst wenn Sie schwimmen können wie die Haifische; denn infolge der Höhe des Gebäudes und der geringen Tiefe des Wassers kann der Sturz nur tödlich ablaufen. Sie werden zerschmettert werden, denn drei oder vier Fuß Wasser sind keine genügende Menge Flüssigkeit, um die Wirkung der Schwere aufzuheben, wenn Ihre Körper aus so großer Höhe herabfallen. Sie würden sich noch glücklich schätzen können, wenn Sie mit zerbrochenen Armen und Beinen unten ankämen.«

Diese Rede, die unter den Umständen jedenfalls sehr unvorsichtig war, brachte mein Blut in heiße Wallung; indessen hatte ich Mut, ihn mit einer Geduld anzuhören, die sonst nicht meine Sache war. Die rücksichtslosen Vorwürfe des Mönches empörten mich, und ich hatte große Lust, sie schroff zurückzuweisen; aber ich fühlte, daß ich in einer knifflichen Lage war und leicht mein eigenes Werk zerstören konnte; denn ich hatte es mit einem Feigling zu tun, der imstande war, mir zu antworten: er sei nicht so verzweifelt, um es auf Leben und Tod ankommen zu lassen; ich möge also nur allein gehen. Wenn ich aber allein war, konnte ich mir keine Hoffnung auf Gelingen machen. So tat ich mir denn Gewalt an, und sagte ihnen in freundlichem Ton, ich sei des Erfolges meiner Unternehmung sicher, obgleich ich ihnen die Einzelheiten nicht mitteilen könne. »Ihre weisen Bedenken«, sagte ich zum Grafen Asquino, »werden mich zu vorsichtigem Handeln veranlassen. Ich habe Vertrauen zu Gott und meinen eigenen Kräften, und dadurch werde ich alle Schwierigkeiten überwinden.«

Von Zeit zu Zeit streckte ich die Hand aus, um mich zu versichern, ob Soradaci noch da wäre, denn er sprach während der ganzen Zeit kein Wort. Ich lachte bei dem Gedanken, was wohl in seinem Kopf herumgehen mochte, nachdem er jetzt ganz sicher war, daß ich ihn getäuscht hatte. Etwa um halb elf Uhr sagte ich ihm, er möchte nachsehen, in welcher Himmelsgegend der Mond jetzt stände. Er gehorchte, kam sofort zurück und sagte mir, in anderthalb Stunden würde man den Mond nicht mehr sehen, und ein sehr dichter Nebel müßte die Bleidächer höchst gefährlich machen.

»Es genügt mir,« antwortete ich ihm, »daß der Nebel kein Öl ist. Packe deinen Mantel mit einem Teil unserer Stricke zusammen. Wir müssen diese in gleiche Pakete verteilen.« Zu meiner größten Überraschung fühlte ich plötzlich, wie er meine Knie umfaßte, dann meine Hände ergriff und sie küßte. Weinend sagte er zu mir: »Ich flehe Sie an, verlangen Sie nicht meinen Tod! Ich weiß gewiß, daß ich in den Kanal fallen werde. Ich kann Ihnen nicht den geringsten Nutzen bringen. Ach! lassen Sie mich hier, und ich werde die ganze Nacht zum heiligen Franziskus für Sie beten. Es steht in Ihrer Macht, mich zu töten; aber niemals werde ich mich entschließen, Ihnen zu folgen.«

Wie sehr er meinen eigenen Wünschen entgegenkam, das wußte der Dummkopf natürlich nicht!

»Du hast recht, bleibe hier; aber ich erlaube es dir nur unter der Bedingung, daß du zum heiligen Franziskus betest. Vorher aber schaffe alle meine Bücher hierher, ich will sie dem Herrn Grafen hinterlassen.«

Er gehorchte ohne Widerrede, und ohne Zweifel mit großer Freude. Meine Bücher waren mindestens hundert Taler wert. Der Graf sagte mir, er würde sie mir bei meiner Rückkehr wiedergeben.

»Sie werden mich hier nicht wieder sehen, darauf können Sie sich verlassen. Die Bücher werden Sie für Ihre zwei Zechinen entschädigen. Daß der Halunke Soradaci nicht den Mut hat, mir zu folgen, ist mir höchst angenehm; er würde mich in Verlegenheit setzen. Außerdem ist der elende Mensch nicht würdig, mit dem Vater Balbi und mir die Ehre einer so schönen Flucht zu teilen.«

»Das ist wahr,« sagte der Graf; »nur wäre es möglich, daß er morgen Anlaß hätte, sich dazu Glück zu wünschen.«

Ich bat den Grafen um Feder, Tinte und Papier, die er trotz dem Verbot besaß; denn die Verbote bedeuteten nichts für Lorenzo, der für einen Taler den heiligen Markus selber verkauft haben würde. Ich schrieb hierauf nachstehenden Brief, den ich Soradaci übergab und den ich nicht wieder durchlesen konnte, weil wir uns im Dunkeln befanden. Ich begann mit dem Ausspruch eines schwärmerischen Kopfes, den ich in lateinischer Sprache niederschrieb:

»Ich werde nicht sterben, sondern ich werde leben und werde das Lob des Herrn singen.

Die Herren Staatsinquisitoren müssen alles tun, um einen Schuldigen mit Gewalt unter den Bleidächern festzuhalten. Der Schuldige, der so glücklich ist, nicht Gefangener auf Wort zu sein, muß ebenfalls sein Mögliches tun, um sich die Freiheit zu verschaffen. Ihr Recht hat zur Grundlage die Justiz; das Recht des Schuldigen ist die Natur. Und so wenig, wie Sie seiner Einwilligung bedürfen, um ihn einzusperren, kann er der Ihrigen bedürfen, um seine Freiheit wieder zu erlangen.

Giacomo Casanova, der dieses in der Bitterkeit seines Herzens schreibt, weiß, daß er das Unglück haben kann, wieder eingefangen zu werden, bevor er den Staat verlassen und sich in ein gastliches Land in Sicherheit bringen kann. Dann wäre er wieder unter dem Richtschwert derer, denen er jetzt zu entfliehen sich anschickt. Aber wenn ihm dieses Unglück zustoßen sollte, so wendet er sich an die Menschlichkeit seiner Richter und bittet sie, ihm das gransame Los, dem er zu entfliehen sucht, nicht dadurch härter zu machen, daß sie ihn dafür bestrafen, der Stimme der Natur gefolgt zu sein. Wenn er wieder eingefangen wird, so bittet er, ihm alles zurückzugeben, was ihm gehört und was er in dem Kerker läßt. Wenn er aber das Glück hat, sein Ziel zu erreichen, so schenkt er alles dem Francesco Soradaci, der hier als Gefangener bleibt, weil er nicht den Mut hat, sich der Gefahr auszusetzen. Er zieht nicht wie ich die Freiheit dem Leben vor. Casanova bittet Ihre Exzellenzen, dem Unglücklichen dies Geschenk, das er ihm macht, nicht vorenthalten zu wollen. Geschrieben eine Stunde vor Mitternacht, ohne Licht, im Kerker des Grafen Asquino, am 31. Oktober 1756.«

Ich sagte Soradaci, er solle diesen Brief nicht Lorenzo geben, sondern nur dem Sekretär in Person; denn er würde ihn ohne Zweifel rufen lassen, wenn er nicht gar selber hinaufkäme, wie es noch wahrscheinlicher wäre. Der Graf sagte zu ihm, die Wirkung meines Briefes wäre unzweifelhaft; aber er müßte mir alles wiedergeben, wenn ich zurückkäme. Der Dummkopf antwortete ihm, er wünsche mich wiederzusehen, um mir zu beweisen, daß er mir alles von Herzen gern zurückgeben werde.

Aber es war Zeit, uns auf den Weg zu machen. Der Mond war nicht mehr zu sehen. Ich hängte dem Vater Balbi den auf ihn entfallenden Teil unseres Gepäcks um den Hals, so daß er auf der einen Seite die Hälfte unserer Stricke, auf der anderen seine eigenen Sachen trug. Ich machte es ebenso bei mir. Dann traten wir beide in Hemdärmeln, den Hut auf dem Kopf an die Offnung im Dache:

e quindi uscimmo a rimirar le stelle
und stiegen auf zum Wiedersehen der Sterne.
(Dante)

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