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Erinnerungen, Band 2

Giacomo Casanova: Erinnerungen, Band 2 - Kapitel 3
Quellenangabe
typeautobio
authorCasanova
titleErinnerungen, Band 2
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
volume2
year1911
senderwww.gaga.net
created20050213
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Zweites Kapitel

Ich kaufe einen schönen Wagen und reise mit dem alten Hauptmann und der jungen Französin nach Parma. – Ich sehe Genoveffa wieder und schenke ihr ein Paar schöne goldene Armbänder. – Ich bin ratlos wegen meines Verhältnisses zu meiner Reisegefährtin. – Selbstgespräch. – Unterhaltung mit dem Hauptmann. – Zwiesprache mit der Französin.

Die Unterhaltung war belebt, und der junge weibliche Offizier beschäftigte alle Anwesenden, selbst Signora Querini, obgleich sie sich nicht viele Mühe gab, ihren geheimen Verdruß zu verbergen.

»Ich finde es eigentümlich,« sagte sie zu ihm, »daß Sie miteinander leben können, ohne jemals ein Wort zusammen zu sprechen!«

»Warum eigentümlich, gnädige Frau? Wir verstehen uns ausgezeichnet; denn bei dem, was wir miteinander abzumachen haben, ist das Wort sehr wenig notwendig.«

Bei dieser sehr anmutig und lebhaft gegebenen Erwiderung brach die ganze Gesellschaft in Lachen aus, ausgenommen allerdings Signora Giulietta Querini, die dummerweise die Zimperliche spielte und die Antwort zu deutlich fand.

»Ich kenne«, sagte sie zum jungen Offizier, »nichts, was man ohne Hilfe des Wortes oder der Feder abmachen könnte.«

»Sie werden entschuldigen, gnädige Frau, es gibt dergleichen; das Spiel zum Beispiel.«

»Ja, spielen Sie denn miteinander?«

»Wir tun gar nichts anderes: wir spielen Pharao, und ich halte die Bank.«

Die Feinheit dieser ausweichenden Antwort wurde allgemein gewürdigt; das Gelächter begann von neuem, und Giulietta lachte wie alle anderen.

»Aber,« sagte der General, »gewinnt denn die Bank viel?«

»Ach, der Gewinn ist so unbedeutend, daß es nicht der Mühe verlohnt, davon zu sprechen.«

Natürlich dachte niemand daran, dem biederen Hauptmann diese Bemerkung zu übersetzen. Die ganze Unterhaltung bewegte sich von nun an in diesem pikanten Ton, und als die Gesellschaft auseinanderging, waren alle entzückt von der Anmut und dem Witz des reizenden Offiziers.

Gegen Abend begab ich mich unmittelbar vor der Abreise zum General, um mich von ihm zu verabschieden; ich wünschte ihm gute Reise.

»Leben Sie wohl,« antwortete er mir, »ich wünsche Ihnen ebenfalls gute Reise und viel Vergnügen in Neapel.«

»Dorthin reise ich jetzt nicht; ich habe meine Pläne geändert und gehe nach Parma, wo ich den Infanten zu sehen wünsche. Zugleich gedenke ich den beiden Offizieren als Dolmetscher zu dienen, da sie sich nicht untereinander und im Verkehr mit den Leuten verständlich machen können.«

»Ich verstehe; und wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich es ebenso machen.«

Ich verabschiedete mich auch von Frau Querini, die mich bat, ihr von Bologna aus zu schreiben. Ich versprach es ihr, mit der Absicht, es nicht zu tun.

Die junge Französin hatte mich interessiert, als sie unter der Bettdecke versteckt lag; sie hatte mir gefallen, sobald sie mich ihr Gesicht sehen ließ, und noch viel mehr, als ich sie angekleidet gesehen hatte. Sie hatte mich vollends für sich gewonnen, als sie bei Tisch eine Art von Geist entfaltete, den ich sehr liebe, den man in Italien selten findet, der aber in Frankreich ziemlich allgemein dem schönen Geschlecht eigen ist. Ihre Eroberung schien mir nicht schwierig, und ich dachte daher aus die Mittel und Wege dazu. Ohne eitel zu sein, durfte ich glauben, daß ich besser zu ihr paßte, als ihr alter Ungar, der ja für sein Alter ein reizender Herr war, aber immerhin die Sechzig streifte, während mir meine dreiundzwanzig Jahre aus allen Zügen leuchteten. Mir schien, ich brauchte von Seiten des Offiziers kein Hindernis zu besorgen, denn er gehörte allem Anscheine nach zu den Menschen, die die Liebe als reine Phantasiesache ansehen, sich daher leicht in die Umstände finden und sich gerne den Verhältnissen anpassen, wie eben der Zufall sie bietet. Das Glück konnte mir keine günstigere Gelegenheit zur Erreichung meines Zieles bieten, als daß es mich zum Reisegenossen dieses schlecht zusammenpassenden Paares machte. Ich hielt es für unmöglich, zurückgewiesen zu werden, denn mein Anerbieten, sie zu begleiten, mußte ihnen sehr angenehm sein, da sie für sich allein nicht imstande waren, sich einen einzigen Gedanken mitzuteilen.

Des Erfolges gewiß, beschloß ich, das Abenteuer zu wagen, und fragte, sobald wir uns im Gasthof sahen, den Offizier, ob er nach Parma mit der Post oder mit anderer Fahrgelegenheit zu reisen gedächte.

»Da ich keinen eigenen Wagen habe, fahre ich lieber mit der Post.«

»Ich besitze einen sehr bequemen Reisewagen und biete Ihnen die beiden Rücksitze an, wenn meine Gesellschaft Ihnen angenehm ist.«

»Das ist ja geradezu ein Glück! Tun Sie mir die Liebe und machen Sie Henrietten den Vorschlag!«

»Wollen Sie, gnädige Frau, mich die Ehre haben lassen, Sie nach Parma zu begleiten?«

»Ich würde entzückt sein, denn dann könnten wir doch wenigstens sprechen. Aber, mein Herr, nehmen Sie sich in acht, Ihre Aufgabe wird nicht leicht sein; denn Sie werden oft genötigt sein, es mit uns beiden aufzunehmen.«

»Das werde ich mit großem Vergnügen tun; es tut mir nur leid, daß die Reise so kurz ist. Wir können beim Nachtessen darüber sprechen, unterdessen gestatten Sie, daß ich Sie verlasse, um einige Geschäfte zu erledigen.«

Diese Geschäfte betrafen einen Wagen, den ich bis dahin nur in der Einbildung besaß. Ich begab mich ins adlige Kaffeehaus; wie wenn der Zufall selbst sich in meinen Dienst gestellt hätte, teilte man mir mit, es stehe ein Wagen zum Verkauf, aber niemand wolle ihn haben, weil er zu teuer sei. Man verlange zweihundert Zechinen dafür, und er hatte nur zwei Sitze mit einem Strapontin. Es war gerade das, was ich suchte. Ich ließ mich nach der Remise führen und sah dort einen prachtvollen englischen Wagen, der zweihundert Guineen gekostet haben mußte. Der Graf, dem der Wagen gehörte, war beim Abendessen; ich ließ ihn bitten, er möchte auf keinen Fall den Wagen vor dem nächsten Morgen verkaufen, und kehrte sehr befriedigt in meinen Gasthof zurück. Beim Essen sprach ich mit dem Hauptmann nur so viel, wie nötig war, um mit ihm abzumachen, daß wir am nächsten Tage nach dem Mittagessen abreisen wollten; die ganze übrige Unterhaltung war nur ein Zwiegespräch zwischen Henrietten und mir. Ein reizendes Zwiegespräch: Es lehrte mich einen anmutigen Witz kennen, der mir bis dahin unbekannt gewesen war, denn ich hatte niemals Gelegenheit gehabt, mich mit einer Französin zu unterhalten. Ich fand die junge Frau mit jedem Augenblick entzückender, und da ich trotzdem in ihr doch immer nur eine Abenteuerin erblicken konnte, so war ich ganz erstaunt, edle und zarte Gefühle an ihr zu entdecken, die nur die Frucht einer guten Erziehung sein konnten. Ich verwarf jedoch diesen Gedanken sofort, als er in mir aufstieg; denn er paßte nicht zu den Absichten, die ich auf sie hatte. So oft ich das Gespräch auf den Offizier zu bringen versuchte, wich sie meinen Andeutungen mit einem feinen Takt aus, der mich in Erstaunen setzte und trotzdem mir sehr gefiel, weil sie es so anmutig machte. Immerhin wich sie nicht aus, als ich folgende Frage stellte: »Sagen Sie mir wenigstens, gnädige Frau, ob der Hauptmann Ihr Gemahl oder Ihr Vater ist?« – »Keins von beiden!« antwortete sie mir lächelnd. – Hiermit gab ich mich zufrieden, denn im Grunde brauchte ich ja nicht mehr zu wissen. Der brave alte Herr war eingeschlafen; als er aufwachte, wünschte ich ihnen gute Nacht und ging zu Bett, das Herz voller Liebe und den Kopf voller Pläne. Ich sah, daß alles die denkbar günstigste Wendung nahm, und ich war überzeugt, daß ich Erfolg haben würde; denn ich war dreiundzwanzig Jahre alt, besaß Gold, die glänzendste Gesundheit und viel Mut. Das Abenteuer erschien mir um so köstlicher, da ich in drei oder vier Tagen die Entscheidung sehen mußte.

Am nächsten Morgen ging ich in aller Frühe zum Besitzer des Wagens, dem Grafen Dandini; unterwegs kam ich am Laden eines Goldschmieds vorbei und kaufte ein paar Armbänder aus venetianischer Goldkette, jedes fünf Ellen lang und von seltener Feinheit. Sie sollten zu einem Geschenk dienen, das ich für Genoveffa bestimmte.

Graf Dandini erkannte mich sofort, als er mich sah. Er hatte mich in Parma bei seinem Vater gesehen, der damals während meiner Studienzeit Pandekten vortrug. Ich kaufte von ihm den Wagen unter der Bedingung, daß er ihn mir um ein Uhr nachmittags durch seinen Sattler in gutem Zustande schicken sollte.

Nachdem ich diesen Handel abgeschlossen hatte, begab ich mich zu Franzia; Genoveffa war außer sich vor Freude, als ich ihr die Armbänder gab: in ganz Cesena gab es kein Mädchen, das schönere hatte.

Mittels dieses Geschenkes brachte ich mein Gewissen zur Ruhe; denn ich bezahlte damit vierfach die Ausgaben, die ich vielleicht durch meinen zehn-, zwölftägigen Aufenthalt ihrem Vater verursacht. Indessen waren diese Armbänder nicht das wichtigste Geschenk, das ich ihrer Familie machte. Ich ließ den Vater schwören, daß er auf mich warten und sich nicht mit angeblichen Magiern einlassen wolle, um den Schatz zu heben, selbst wenn zehn Jahre vergehen sollten, ohne daß er mich sähe, oder von mir hörte. »Denn«, sagte ich ihm, »nach der Vereinbarung, die ich mit den Erdgeistern, die den Schatz bewachen, getroffen habe, wird bei dem ersten von anderen, als von mir unternommenen Versuch die Kiste mit dem Schatz in die doppelte Tiefe versinken: das heißt in eine Tiefe von fünfunddreißig Klaftern, und dann würde ich selber, um sie wieder an die Oberfläche zu befördern, zehnmal so viel Arbeit haben als jetzt. Jch kann Ihnen nicht genau den Zeitpunkt angeben, zu dem ich wiederkehren werde, denn er hängt von mehreren Kombinationen ab, über die ich nicht Herr bin. Aber erinnern Sie sich unserer festen Abmachung, daß Ihr Schatz nur von mir gehoben werden darf!« Ich begleitete diese Ratschläge mit Verwünschungen, die ihn mit dem Untergang seiner ganzen Familie bedrohten, wenn er seinen Eid nicht hielte. Ans diese Art machte ich alles wieder gut: anstatt den wackeren Mann zu betrügen, wurde ich sein Wohltäter, indem ich ihn gegen Schwindler schützte, die es weniger auf seine Tochter, als auf seine Taler würden abgesehen haben. Ich habe ihn niemals wiedergesehen, und er muß längst gestorben sein; aber nach dem Eindruck, den ich auf seinen Geist gemacht zu haben glaube, müssen seine Nachkommen noch jetzt auf mich warten; denn der Name Farussi muß in diesem Hause unsterblich geblieben sein.

Genoveffa begleitete mich bis an das Stadttor; dort küßte ich sie herzlich und fühlte dabei, daß das Gewitter nur einen vorübergehenden Einfluß auf mich geübt hatte, aber ich war vernünftig, und ich wünsche mir noch jetzt Glück dazu. Beim Abschied glaubte ich ihr sagen zu müssen: wenn ich binnen drei Monaten nicht zurückkäme, wäre ihre Jungfernschaft zu meinem Zauberwerk nicht mehr notwendig, und ich riete ihr, sich zu verheiraten, sobald sie Gelegenheit dazu hätte. Sie vergoß etliche Tränen, versprach mir aber, meine Ratschläge zu befolgen.

Der Leser wird, wie ich hoffe, finden, daß ich meine Zaubergeschichte auf eine vornehme Art zu Ende brachte. Ich wünsche mir selber Glück dazu, wenn ich auch nicht wage, mich meines Verhaltens allzusehr zu rühmen; denn ich denke, wenn ich nicht zufällig Besitzer einer reich gespickten Börse gewesen wäre, so wäre ich recht wohl imstande gewesen, den armen Franzia lachenden Mundes zugrunde zu richten. Ich will nicht die Frage aufwerfen, ob nicht jeder andere kluge und lebenslustige junge Mann an meiner Stelle ebenso gehandelt haben würde; aber ich bitte meine Leser, diese Frage sich selber vorzulegen. Daß ich Capitani die Schwertscheide des heiligen Petrus ein wenig teuerer verkaufte, als sie eigentlich wert war, das tut mir – ich muß es gestehen – bis zur Stunde noch nicht leid; denn erstens glaubte Capitani, mich hineinzulegen, indem er die Scheide als Pfand annahm, zweitens hat sein Vater, der Herr Pfalzgraf, bis an sein Lebensende diese Scheide für kostbarer gehalten als den schönsten Diamanten der ganzen Welt. In diesem Glauben ist er gestorben, und so ist er als reicher Mann gestorben; ich aber werde arm sterben. Möge der Leser entscheiden, wer von uns beiden das bessere Geschäft gemacht hat. – Doch nun zurück zu meinen künftigen Reisegefährten!

In den Gasthof zurückgekehrt, betrieb ich mit einer Eile, die meinen Wünschen entsprach, alle Vorbereitungen zu unserer Abreise.

Henriette brauchte nur den Mund zu öffnen, so entdeckte ich eine neue Vollkommenheit an ihr; denn ihr Geist bezauberte mich noch weit mehr als ihre Schönheit. Mir schien, als sähe der alte Hauptmann mit Vergnügen, daß ich mich mit ihr beschäftigte, und alles deutete darauf hin, daß Henrietten die ihr von mir erwiesenen Aufmerksamkeiten angenehm waren; mit einem Wort, mir schien es klar und deutlich zu sein, daß sie durchaus nichts dagegen haben würde, ihren alten Liebhaber mit mir zu vertauschen. Mit dieser Hoffnung durfte ich mir um so eher schmeicheln, da ich in physischer Beziehung alle Eigenschaften besaß, die einen Musterliebhaber zieren können, und da ich den Eindruck eines sehr reichen Mannes machte, obgleich ich keinen Bedienten hatte. Ich sagte ihr, ich gäbe das doppelte aus, um das Vergnügen zu haben, keinen solchen Menschen mit mir herumschleppen zu müssen; indem ich mich selber bediente, hätte ich stets die Genugtuung, stets nach meinem Gefallen bedient zu werden, und hätte dabei den Vorteil, keinen Spion und keinen Privilegierten auf dem Halse zu haben. Henriette zeigte volles Verständnis für diese Gründe, und dies machte mich noch verliebter als zuvor.

Der brave ungarische Kapitän bestand darauf, mir den Betrag des Postgeldes bis Parma vorauszuzahlen. Nach dem Mittagessen reisten wir ab, doch gab es zuvor einen Wettstreit der Höflichkeit um die Plätze: er verlangte, daß ich neben Henrietten einen Rücksitz einnehmen sollte. Der Leser wird jedoch begreifen, wieviel angenehmer mir der Platz ihr gegenüber sein mußte; und da ich meine Rechnung dabei fand, bestand ich um so eifriger darauf, daß der Klappsitz mir zuteil würde. So hatte ich den doppelten Vorteil, einen Sieg der Höflichkeit davonzutragen und das reizende von mir angebetete Wesen beständig vor Augen zu haben.

Mein Glück wäre zu groß gewesen, hätte ich gar keine Unannehmlichkeiten zu erdulden gehabt; aber wo gäbe es Rosen ohne Dornen? Wenn die reizende Französin einen jener Scherze machte, die aus dem Munde ihrer Landsmänninnen so natürlich klingen, und wenn ich dann über den Witz lachen mußte, da tat das trübselige Gesicht des armen Ungarn mir leid, und um ihn an meinem Vergnügen teilnehmen zu lassen, versuchte ich, ihm die hübschen Bemerkungen der geistvollen Henriette ins lateinische zu übersetzen. Meine gute Absicht gelang mir jedoch nicht, ich sah vielmehr sein Gesicht immer länger werden, wie wenn das von mir Erzählte ihm geschmacklos vorkäme. Dies zwang mich, mir selber einzugestehen, daß ich nicht so gut lateinisch spräche wie sie französisch; und das war richtig. Wenn man fremde Sprachen lernt, ist das letzte, was man begreift, ihr Geist; und dieser Geist ist immer am wesentlichsten bei scherzhaften Bemerkungen. Ich habe beim Lesen von Terenz, Martial und Plautus erst zu lachen begonnen, als ich dreißig Jahre alt war.

Da etwas an dem Wagen entzwei gegangen war, machten wir in Forli halt, um ihn ausbessern zu lassen.

Nachdem wir sehr heiter zu Abend gespeist hatten, ging ich in ein besonderes Zimmer, um mich zu Bett zu legen. Ich war ganz erfüllt von dem Bilde des reizenden Weibes, das mich immer mehr fesselte.

Henriette war mir während der ganzen Fahrt so sonderbar vorgekommen, daß ich es nicht wagte, in einem zweiten Bett zu schlafen, das in ihrem Zimmer stand. Ich fürchtete, das Mädchen könnte auf den Einfall kommen, seinen alten Freund zu verlassen und sich zu mir zu legen, und ich wußte nicht, wie der brave Hauptmann den Scherz würde aufgenommen haben. Ich wollte allerdings das reizende Geschöpf in meinen Besitz bringen, aber ich wollte auch, daß alles in freundschaftlicher Weise abgemacht würde, denn ich empfand eine gewisse Achtung vor dem Offizier.

Das junge Mädchen besaß nur den Männeranzug, den es auf dem Leibe trug, außerdem nicht den geringsten Toilettengegenstand, den eine Frau nötig hat, nicht einmal ein Hemd! Sie trug die Hemden des Hauptmanns. Eine solche Lage war so neu für mich, daß sie mir rätselhaft vorkam.

Wir kamen nach Bologna. Von dem guten Essen, das wir am Abend zu uns nahmen, und von dem Feuer, das immer heißer in meinem Herzen brannte, in eine angeregte Stimmung versetzt, fragte ich sie, durch welches sonderbare Abenteuer sie die Freundin des prächtigen alten Herrn geworden sei, der mehr danach angetan scheine, ihr Vater, als ihr Liebhaber zu sein. »Wenn Sie das zu wissen wünschen«, antwortete sie mir lachend, »so lassen Sie sich die ganze Geschichte von ihm selbst erzählen; aber sagen Sie ihm, er solle nichts auslassen.« Natürlich folgte ich ihrer Aufforderung; und nachdem sich der gute Hauptmann durch Zeichensprache vergewissert hatte, daß seine Erzählung der liebenswürdigen Französin nicht mißfallen würde, begann er folgendermaßen:

»Ein mir befreundeter Offizier wurde nach Rom geschickt, um einen Auftrag auszurichten; ich nahm einen sechsmonatlichen Urlaub und begleitete ihn.

Mit großem Vergnügen ergriff ich die Gelegenheit, eine Stadt zu sehen, deren Name durch die großen Erinnerungen, die er erweckt, einen machtvollen Klang bewahrt hat. Ich zweifelte nicht, daß dort von der guten Gesellschaft ganz allgemein Latein gesprochen würde und daß diese Sprache dort zum mindesten ebenso verbreitet wäre, wie in Ungarn. Hierin habe ich mich sehr unangenehm getäuscht, denn kein Mensch spricht Latein, nicht einmal die Geistlichen, die nur darauf Wert legen, daß sie es schreiben können, was in der Tat mehrere mit großer Reinheit zu tun verstehen. Ich befand mich also in Rom in großer Verlegenheit, und mit Ausnahme meiner Augen fanden meine Sinne dort nur sehr geringe Beschäftigung.

Seit einem Monat langweilte ich mich in der alten Stadt, die einstmals die Königin der Welt war, da gab Kardinal Albani meinem Freunde Depeschen für Neapel. Vor seiner Abreise empfahl er mich Seiner Eminenz so eindringlich, daß der Kardinal mir versprach, ich solle binnen wenigen Tagen Briefschaften zur Beförderung an den Infanten Herzog von Parma, Piacenza und Guastalla erhalten; zugleich sagte er mir, meine Reise würde mir bezahlt werden. Da ich den Hafen zu sehen wünschte, der im Altertum Centum Cellae und jetzt Civita vecchia heißt, machte ich mir die freie Zeit, die mir noch blieb, zunutze und begab mich mit einem Führer, der Latein sprach, dorthin.

Als ich am Hafen spazieren ging, sah ich aus einer Tartane einen alten Offizier aussteigen und in seiner Begleitung dieses junge Mädchen in derselben Kleidung, in der Sie sie hier vor sich sehen. Sie machte großen Eindruck auf mich; aber ich würde nicht mehr an sie gedacht haben, wäre nicht der Offizier in demselben Gasthof abgestiegen, wo auch ich eingekehrt war, und hätte er nicht eine Wohnung erhalten, in die ich unwillkürlich hineinsehen mußte, sobald ich einen Blick aus meinem Fenster warf. Am Abend sah ich sie an demselben Tisch einander gegenübersitzen und zu Nacht essen, wobei der Offizier nicht ein einziges Mal ein Wort an sie richtete. Nach dem Essen stand das Mädchen auf und ging hinaus, ohne daß ihr Begleiter seine Augen von einem Brief erhob, den er, wie es mir vorkam, mit großer Aufmerksamkeit las. Eine Viertelstunde darauf schloß der Offizier die Fenster, das Licht wurde ausgelöscht, und ohne Zweifel gingen die Herrschaften zu Bett. Als ich am anderen Morgen nach meiner Gewohnheit in aller Frühe aufgestanden war, sah ich den Offizier ausgehen, und das Mädchen blieb allein im Zimmer.

Ich sagte meinem Cicerone, den ich zu gleicher Zeit als Bedienten benutzte, er möchte dem als Offizier gekleideten Mädchen sagen, wenn sie mit mir eine Stunde zusammen sein wollte, würde ich ihr zehn Zechinen geben. Er richtete den Auftrag aus und überbrachte mir den Bescheid, sie habe ihm in französischer Sprache geantwortet, sie würde gleich nach dem Frühstück nach Rom abreisen, und dort würde ich leicht Mittel und Wege finden, mit ihr zu sprechen. »Ganz gewiß werde ich«, fuhr mein Führer fort, »vom Vetturino erfahren, wo sie absteigt, und ich werde nicht vergessen, mich danach zu erkundigen.«

Wirklich reiste sie mit dem Offizier ab; ich selber kehrte am gleichen Morgen nach Rom zurück.

Am zweiten Tage nach meiner Rückkunft übergab der Kardinal mir meine an den herzoglichen Minister Dutillot adressierten Depeschen mit einem Paß und dem nötigen Reisegeld, indem er mir sehr liebenswürdig sagte, ich brauchte mich nicht zu beeilen.

Ich dachte schon gar nicht mehr an die schöne Abenteuerin, da sagte mir zwei Tage vor meiner Abreise mein Cicerone, er habe ihre Wohnung entdeckt, und sie sei immer noch in der Gesellschaft desselben Offiziers. Ich sagte ihm, er möchte versuchen, sie zu sehen, und ihr sagen, daß ich am zweitnächsten Tage abreisen müßte. Sie ließ mir antworten: wenn ich ihr die Stunde meiner Abreise mitteilen wolle, würde sie dicht vor der Stadt auf mich warten und zu mir in den Wagen steigen, um mit mir weiterzufahren. Ich fand diese Anordnung sehr sinnreich und ließ ihr im Laufe des Tages mitteilen, wann ich abreisen und wo ich sie vor der Porta del popolo erwarten würde.

Sie war pünktlich zur Stelle, und wir haben uns seitdem nicht mehr verlassen. Sobald sie im Wagen neben mir saß, gab sie mir zu verstehen, daß sie mit mir zu speisen wünschte. Sie können sich denken, wie mühsam wir uns verständigten; aber wir errieten gegenseitig unsere Gedanken mit Hilfe von Gebärden, und ich nahm ihren Vorschlag mit Vergnügen an.

Wir speisten sehr heiter miteinander, wobei wir manchmal sprachen, ohne uns zu verstehen; nach dem Dessert aber verstanden wir uns ausgezeichnet. Ich glaubte, damit sei die Sache zu Ende; aber stellen Sie sich meine Überraschung vor, als ich ihr die zehn Zechinen geben wollte und sie diese entschieden zurückwies und mir vollkommen verständlich bedeutete, sie wollte lieber mit mir nach Parma gehen, wo sie etwas zu erledigen hätte, und nach Rom wollte sie nicht zurückkehren.

Da das Abenteuer mir nicht mißfiel, so willigte ich ein; es tat mir nur leid, ihr nicht begreiflich machen zu können, daß ich nicht imstande wäre, sie gegen Gewalt zu beschützen, falls man sie etwa verfolgen könnte, um sie nach Rom zurückbringen zu lassen. Leid tat es mir auch, daß ich infolge unserer gegenseitigen Unkenntnis der Sprache des anderen Teiles auf keine Gesprächsunterhaltung hoffen durfte; auch hätte es mir viel Vergnügen gemacht, mir ihre Erlebnisse erzählen zu lassen, die, wie ich vermute, interessant sind. Wie Sie sich denken können, habe ich keine Ahnung, wer sie ist. Ich weiß nur, daß sie angeblich Henriette heißt, daß sie nur Französin sein kann, daß sie sanft ist wie ein Lamm, daß sie allem Anscheine nach eine gute Erziehung genossen hat und daß sie vollkommen gesund ist. Sie muß Geist und Mut haben, denn das haben wir beide bemerken können – ich in Rom und Sie in Cesena an der TafeL des Generals. Wenn sie Ihnen ihre Geschichte erzählen und Ihnen erlauben würde, mir diese ins Lateinische zu übersetzen, so sagen Sie ihr, würde sie mir damit viel Vergnügen machen; denn ich bin ihr aufrichtiger Freund, und ich kann Ihnen versichern, daß es mir großen Kummer machen wird, wenn wir in Parma uns werden trennen müssen. Sagen Sie ihr, bitte, auch, ich würde ihr die dreißig Zechinen geben, die ich vom Bischof von Cesena erhalten habe, und wenn ich reich wäre, so würden sich die Zeugnisse meiner Zärtlichkeit und innigen Zuneigung nicht hierauf beschränken. Und nun, mein Herr, bitte ich Sie, ihr dies alles auf französisch recht deutlich auseinander zu setzen.«

Ich fragte sie, ob nicht etwa eine große Genauigkeit meiner Ubertragung ihr peinlich sei, und nachdem ich die Versicherung bekommen hatte, daß sie im Gegenteil eine solche wünschte, erzählte ich ihr Wort für Wort alles wieder, was der Hauptmann mir gesagt hatte. Mit dem edelsten Freimut, dem ein leichter Anflug von Scham einen erhöhten Reiz verlieh, bestätigte mir Henriette die Wahrheit der Erzählung ihres Freundes; sie bat mich jedoch, ihm zu sagen, daß sie seine Wißbegierde in bezug auf ihre Erlebnisse nicht befriedigen könnte. »Sagen Sie ihm, bitte, daß derselbe Grundsatz, der mir nicht erlaubt, zu lügen, mir verbietet, die Wahrheit zu sagen. Versichern Sie ihm ferner, daß ich von den dreißig Zechinen, die er mir zu geben gedenkt, nicht eine einzige annehmen werde, und daß er mich betrüben würde, wenn er auf seinem Anerbieten bestände. Ich wünsche, daß er nach unserer Ankunft in Parma mich für mich allein wohnen läßt, wo mir's gut dünkt, daß er sich nicht danach erkundigt, was aus mir geworden sein mag, und daß er, sollte er zufällig mir begegnen, seiner Güte die Krone aufsetzt, indem er tut, als kenne er mich nicht.«

Zum Schluß dieser kleinen Ansprache, die sie mit großem Ernst und in einem bescheidenen und fest entschlossenen Ton vorgebracht harte, umarmte sie ihren alten Freund auf eine Art, die mehr von Gefühl als von Zärtlichkeit sprach. Der Offizier, der nicht wußte, aus welchem Anlaß sie ihn plötzlich küßte, war sehr betroffen, als ich ihm den Inhalt von Henriettens Rede wiedergegeben hatte. Er bat mich, ihr zu sagen, daß er nur dann ihr ohne Widerstreben gehorchen könne, wenn er wüßte, daß sie nach ihrer Ankunft in Parma unbedingt über alles für ihre Bedürfnisse Notwendige verfügen zu können sicher wäre.

»Sie können ihm versichern,« sagte sie mir, »daß er sich über mein Schicksal durchaus nicht zu beunruhigen braucht.«

Dieses Gespräch machte uns alle drei traurig; lange Zeit saßen wir mit niedergeschlagenen Augen da, ohne ein einziges Wort zu sprechen; als ich endlich, der peinlichen Situation müde, aufstand und ihnen gute Nacht wünschte, sah ich, daß Henriettens Gesicht ganz glühend rot war.

Sobald ich in meinem Zimmer war, begann ich, von dem lebhaftesten Gefühl der Liebe, Uberraschung und Unruhe bewegt, laut mit mir selber zu sprechen, wie ich es stets tue, wenn ich von irgend einem Gedanken ganz und gar durchdrungen bin. Der stumme Gedanke genügt mir dann nicht: ich muß sprechen. Ich halte diese Selbstgespräche mit der größten Lebhaftigkeit und vergesse schließlich ganz, daß ich allein bin. Ich war Henrietten gegenüber vollständig mit meinem Latein zu Ende.

»Wer ist denn dieses Mädchen«, rief ich aus, »das die erhabensten Gefühle mit allen Anzeichen zynischer Sittenlosigkeit vereinigt? In Parma, sagt sie, will sie unbeachtet bleiben, ihre eigene Herrin sein, und ich habe nicht das Recht mir zu schmeicheln, daß sie mir nicht dasselbe Gebot auferlegen wird, das sie dem Offizier auferlegt hat. Fahrt also wohl, meine Hoffnung, mein Geld und meine Zukunftsträume! Aber wer kann sie sein? Sie muß entweder in Parma einen Geliebten oder Gatten haben, oder sie muß einer achtbaren Familie angehören, oder sie will in grenzenlosem Leichtsinn auf ihre Reize vertrauend das Schicksal herausfordern, sie in den tiefsten Abgrund der Verworfenheit zu stürzen, oder sie irgend einen vornehmen Herrn finden zu lassen, den sie vor ihren Triumphwagen spannen kann. Einen solchen Plan könnte nur eine Wahnsinnige oder eine Verzweifelte haben, und in solchem Fall scheint Henriette mir nicht zu sein. Andererseits freilich besitzt sie gar nichts; aber wie wenn sie mit allem reichlich versehen wäre, will sie nichts von einem ehrenwerten Mann annehmen, der das Recht hat, ihr eine Hilfe anzubieten, die sie mit Fug ohne Erröten annehmen könnte, da sie ohne Erröten Gefälligkeiten für ihn gehabt hat, die ihr nicht von der Liebe geboten waren. Glaubt sie vielleicht gar, daß es eine geringere Schande sei, sich den Wünschen eines Mannes zu ergeben, den man nicht kennt und der kein zärtliches Gefühl einflößen kann, als wenn man ein Geschenk von einem Freunde empfängt, dem man selber hohe Achtung zollt, und besonders in einem Augenblick, wo man ohne alle Hilfsmittel sozusagen sich auf der Straße befindet und noch dazu mitten in einer fremden Stadt, deren Sprache man nicht einmal kennt?

Möchte sie vielleicht dadurch den Fehltritt rechtfertigen, den sie mit dem Hauptmann begangen hat, etwa ihm zu verstehen geben, daß sie sich ihm nur hingegeben hat, um dem Offizier zu entrinnen, der sie zu Rom in seinem Besitz hatte? Aber sie muß doch ganz sicher sein, daß der Hauptmann keine andere Meinung haben kann; denn er ist doch offenbar zu vernünftig, als daß man ihm die Einbildung zutrauen kann, einem solchen Mädchen eine lebhafte Leidenschaft eingeflößt zu haben, das ihn in Civita vecchia ein einziges Mal am Fenster gesehen hatte. Sie konnte aber wohl recht haben und durfte sich ihm gegenüber für gerechtfertigt halten – nicht aber mir gegenüber; denn, klug wie sie war, mußte sie recht gut wissen, daß ich nicht mit ihnen gereist sein würde, wenn sie mir keine Gefühle eingeflößt hätte; und sie mußte unbedingt wissen, daß es für sie nur ein einziges Mittel gab, Verzeihung zu erlangen. Sie mag wohl Tugenden gehabt haben, aber sie besitzt nicht jene Tugend, die mich verhindern müßte, nach der einzigen Belohnung zu streben, die ein Mann von der Frau erwarten kann, in die er verliebt ist.

Wenn sie glaubt, mir gegenüber die erhabene Tugend spielen und mich zum besten haben zu können, so glaube ich, erfordert von mir meine Ehre, ihr zu beweisen, daß sie sich täuscht.«

Nach diesem Selbstgespräch, das meine Erregung noch gesteigert hatte, entschloß ich mich, am nächsten Morgen vor der Abreise eine Erklärung herbeizuführen. »Ich werde sie um dieselben Gefälligkeiten bitten, die ihr alter Hauptmann so leicht von ihr erhalten hat, und wenn sie mir diese abschlagen sollte, werde ich mich dafür rächen, indem ich noch vor unserer Ankunft in Parma ihr eine kalte und schneidende Verachtung bezeige.«

Es schien mir handgreiflich zu sein, daß sie mir wahre oder falsche Zärtlichkeitsbeweise nur verweigern könnte, wenn sie eine Tugend zur Schau trug, die sie nicht besaß; da nun diese Tugend nur erheuchelt war, so dachte ich, ich dürfte mich von ihr nicht zum Narren halten lassen. Was den Offizier anbetraf, so war ich nach dem, was er mir gesagt hatte, sicher, daß er's nicht übel auffassen würde, wenn ich mich erklärte; denn als Mann von gesundem Menschenverstand konnte er sich nur neutral verhalten. Zufrieden mit den vor mir selber vorgebrachten Gründen und fest in meinem Entschluß, schlief ich ein. Henriette beschäftigte meine Gedanken zu sehr, als daß ihr Bild mich nicht auch im Traum hätte beschäftigen sollen ; aber dieser Traum, der die ganze Nacht dauerte, trug so stark das Gepräge der Wahrheit, daß ich bei meinem Erwachen sie noch an meiner Seite suchte; und meine Phantasie war derart von den Wonnen dieser Nacht erfüllt, daß ich, wäre nicht meine Tür verriegelt gewesen, überzeugt gewesen wäre, sie hätte mich während meines Schlafs verlassen, um wieder ihren Platz an der Seite des Ungarn einzunehmen. Bei meinem Erwachen fand ich, daß der fortgesetzte Traum dieser glücklichen Nacht mich rasend in das schöne Weib verliebt gemacht hatte. Es konnte auch nicht anders sein. Der Leser stelle sich einen armen Teufel vor, der todmüde und sterbenshungrig sich hinlegt: er unterliegt dem Schlaf, dem gebieterischsten aller Bedürfnisse, aber er glaubt im Traum vor einer reich besetzten Tafel zu sitzen. Nun, was geschieht? Was geschehen muß. Sein Magen ist noch lebhafter angeregt als am Tage vorher und läßt ihm keine Ruhe mehr: er muß seinen Hunger befriedigen, oder er wird vor Erschöpfung sterben.

Ich zog mich an mit dem festen Entschluß, mich des Besitzes der Schönen, die mich entflammte, zu versichern, bevor wir noch in den Wagen stiegen. »Wenn es mir nicht glückt,« sagte ich zu mir, »so fahre ich nicht weiter.« – Um aber nicht den guten Ton zu verletzen, und um mir einem ehrenwerten Mann gegenüber keine Vorwürfe machen zu müssen, war es – das fühlte ich – meine Pflicht, mich vor allen Dingen mit meinem Reisekameraden auseinanderzusetzen.

Hier glaube ich, von meinen Lesern einen jener vernünftigen, ruhigen und kaltblütigen Leute, die den sogenannten Vorteil gehabt haben, eine Jugend ohne starke Leidenschaften zu verbringen, oder auch einen von jenen, die im Alter gezwungenerweise vernünftig geworden find, ausrufen zu hören: »Kann man denn einer Kleinigkeit soviel Wichtigkeit beimessen?«

Das Alter hat meine Leidenschaften beruhigt, indem es sie unvermögend gemacht hat, aber mein Herz ist nicht gealtert und mein Gedächtnis besitzt die ganze Frische der jungen Iahre. Ich bin, lieber Leser, weit davon entfernt, Dinge dieser Art als reine Kleinigkeiten anzusehen, und es ist mein ganzer Kummer, daß ich nicht bis zu meinem Tode aus ihnen die Hauptangelegenheit meines Lebens machen kann.

Als ich angezogen war, ging ich in das Zimmer meiner beiden Reisegenossen. Nachdem ich ihnen ein Kompliment über ihr gutes Aussehen gemacht hatte, sagte ich dem Offizier, ich wäre in Henrietten stark verliebt und wollte ihn fragen, ob er es mir übelnehmen würde, wenn ich sie zu überreden versuchte, meine Geliebte zu werden. Ich sagte: »Was sie nötigt, Sie zu bitten, daß Sie sie in Parma für sich allein gehen lassen, wie wenn Sie sie gar nicht kennten, kann nur ein Liebhaber sein, den sie wahrscheinlich dort zu finden hofft; wenn Sie nun mich eine halbe Stunde mit ihr unter vier Augen lassen wollen, so schmeichle ich mir, sie überreden zu können, daß sie mir diesen Geliebten aufopfert. Gibt sie mir einen abschlägigen Bescheid, so bleibe ich hier; Sie gehen mit ihr nach Parma, lassen meinen Wagen auf der Post und schicken mir eine Bestätigung, damit ich jederzeit darüber verfügen kann.«

»Gleich nach dem Frühstück«, antwortete der wackere Hauptmann mir, »werde ich ausgehen, um mir das Institut anzusehen, und Sie bleiben mit ihr allein. Versuchen Sie mit ihr Ihr Ziel zu erreichen; ich würde mich außerordentlich freuen, wenn sie in Ihre Hände überginge. Beharrt sie bei dem Entschluß, den sie kundgegeben hat, so werde ich hier leicht einen Fuhrmann finden, und Sie können Ihren Wagen behalten. Ich danke Ihnen für Ihr Anerbieten, und ich werde mich mit Bedauern von Ihnen trennen.« Entzückt, daß ich bereits den halben Weg zurückgelegt hatte und daß die Lösung der Frage nicht mehr fern war, fragte ich meine schöne Französin, ob sie nicht Lust hätte, die Sehenswürdigkeiten von Bologna zu besichtigen.

»Ich möchte es gern, wenn ich Kleider hätte, wie sie sich für mein Geschlecht schicken. Aber so wie ich bin, habe ich kein Vergnügen daran, mich vor der ganzen Stadt sehen zu lassen.«

»Sie werden also nicht ausgehen?«

»Nein!«

»Ich werde Ihnen Gesellschaft leisten.«

»Das wird mich sehr freuen.«

Wir frühstückten in fröhlicher Laune selbdritt; dann ging der Hauptmann aus. Sobald er fort war, sagte ich zu Henriette, ihr Freund ginge aus, um mich mit ihr allein zu lassen, weil ich ihm gesagt hätte, daß ich unter vier Augen mit ihr sprechen müßte.

»Sie haben ihm gestern den Befehl gegeben, sofort nach unserer Ankunft in Parma Sie zu vergessen, sich nicht nach Ihnen zu erkundigen und so zu tun, als ob er Sie nicht kennte, falls er zufällig Ihnen begegnen sollte; betrifft dieser Befehl auch mich?«

»Einen Befehl habe ich ihm nicht gegeben; dazu habe ich nicht das Recht, und ich würde mich niemals so weit vergessen; ich habe nur eine Bitte an ihn gerichtet, nur einen Dienst zu erweisen, den ich meiner Verhältnisse wegen von ihm erwarten muß. Da er durchaus kein Recht hat, mir diese Bitte abzuschlagen, so habe ich nicht einen Augenblick daran gezweifelt, daß er sie mir erfüllen würde. Was nun Sie anbetrifft, so hätte ich ganz gewiß nicht versäumt, die gleiche Bitte auch an Sie zu richten, wenn ich hätte denken können, daß Sie irgendwelche Absichten auf mich hätten. Sie haben Freundschaft für mich an den Tag gelegt; aber Sie müssen fühlen, daß, wenn in meiner Lage die Fürsorge, die der Hauptmann mir angedeihen lassen wollte, mir schaden konnte, die Ihrige nur noch mehr würde schaden können. Da Sie Freundschaft für mich hegen, so hätten Sie dies alles wohl ahnen können.«

»Da Sie wissen, daß ich Freundschaft für Sie empfinde, so müssen Sie auch erraten, daß es mir nicht möglich ist, Sie ohne Geld, ohne Hilfsmittel in einer Stadt allein zu lassen, wo Sie sich nicht einmal verständlich machen können. Glauben Sie wirklich, daß ein Mann, dem Sie die innigste Freundschaft eingeflößt haben, Sie im Stich lassen könne, nachdem er Sie kennen gelernt und aus Ihrem eigenen Munde erfahren hat, in welcher Lage Sie sich befinden? Wenn Sie dies glauben, so haben Sie keinen rechten Begriff von der Freundschaft, und wenn ein solcher Mann Ihrer Bitte nachgibt, so ist er nicht Ihr Freund.«

»Ich bin überzeugt, daß der Hauptmann mein Freund ist, und Sie haben es ja selber gehört: er wird mich vergessen.«

»Ich weiß nicht, von welcher Art die Freundschaft ist, die dieser brave Mann für Sie vielleicht empfindet, und ich weiß auch nicht, wie weit die Macht geht, die er über sich selber ausübt; aber so viel weiß ich: wenn er Ihnen den Gefallen erweisen kann, worum Sie ihn gebeten haben, so ist seine Freundschaft von einer ganz anderen Art, als die meinige; denn ich glaube Ihnen sagen zu müssen, daß es mir nicht nur nicht möglich ist, Ihnen leichten Herzens den eigentümlichen Gefallen zu tun, in der Lage, in der ich Sie erblicke, Sie Ihrem Schicksal zu überlassen, sondern daß es mir, wenn ich nach Parma gehe, überhaupt unmöglich ist, zu tun, was Sie von mir wünschen; denn ich liebe Sie auf eine solche Art, daß Sie mir entweder versprechen müssen, die meinige werden zu wollen, oder daß ich hier bleiben muß. Sie werden also mit dem Hauptmann allein nach Parma reisen; denn ich fühle, daß ich der unglücklichste Mensch werden würde, wenn ich Sie noch weiter begleitete. Ich könnte es nicht ertragen, Sie mit einem anderen Liebhaber, mit einem Gatten, oder im Kreise Ihrer Familie zu sehen; mit einem Wort, es wäre mir unerträglich, wenn ich Sie nicht beständig sehen und mit Ihnen zusammen leben könnte. Vergessen Sie mich–das sind drei Worte, die man leichthin ausspricht; aber, schöne Henriette, wenn Vergessen einem Franzosen möglich ist, so besitzt ein Italiener–wenn ich nach mir urteilen darf–nicht ein solches eigentümliches Talent. Mit einem Wort, Madame, mein Entschluß steht fest: Sie müssen die Güte haben, sich jetzt zu erklären und mir zu sagen, ob ich Sie nach Parma begleiten oder ob ich hier bleiben soll. Antworten Sie mit ja oder nein. Wenn ich hier bleibe, so ist alles in Ordnung. Ich reise morgen nach Neapel ab, und ich bin sicher, daß ich von der Leidenschaft genesen werde, die Sie mir eingeflößt haben; aber wenn Sie mir sagen, daß ich Sie nach Parma begleiten kann, dann müssen Sie mir die Versicherung geben, daß ich Ihr Herz ganz und gar besitzen werde. Ich will alleiniger Besitzer Ihrer Reize sein; doch mögen Sie immerhin die Bedingung stellen, daß Sie erst dann mich vollkommen glücklich machen, wenn Sie finden, daß ich durch meine Aufmerksamkeiten für Sie mich dessen würdig gemacht habe. Treffen Sie Ihre Wahl, bevor der allzu glückliche, brave Hauptmann zurückkommt; er weiß alles; ich habe ihm alles gesagt.«

»Was hat er geantwortet?«

»Daß er entzückt sein würde, Sie meiner Obhut zu überlassen. Doch was bedeutet dieses Lächeln?«

»Ich bitte Sie, lassen Sie mich lachen; niemals in meinem Leben habe ich etwas von einer derartigen rasenden Liebeserklärung gehört. Eine Liebeserklärung sollte wohl lebhaft, aber sie muß auch zärtlich und sanft sein; begreifen Sie wohl, was es heißt, in einer solchen Erklärung einer Frau zu sagen: Madame, eins von beiden! Wählen Sie auf der Stelle! – Hahaha!«

»Ich begreife es vollkommen. Es ist nicht sanft, es ist nicht galant, es ist nicht pathetisch. Aber es ist leidenschaftlich. Bedenken Sie, daß es sich um eine ernste Sache handelt und daß ich mich niemals in einer derartigen Lage befanden habe. Fühlen auch Sie, in welcher peinlichen Lage ein Verliebter sich befindet, der im Nu einen Entschluß fassen muß, der sogar über Leben und Tod entscheiden kann! Beachten Sie, daß ich trotz der Glut meiner Leidenschaft in keiner Weise einen Verstoß gegen Sie begehe; daß der Entschluß, den ich fassen werde, wenn Sie bei Ihrer Meinung verharren, keine Drohung ist, sondern eine heldenmütige Selbstüberwindung, die mich Ihrer vollen Achtung würdig machen muß. Endlich bitte ich Sie, zu bedenken, daß wir keine Zeit zu verlieren haben. Das Wort »wählen Sie!« darf Ihnen nicht schroff erscheinen; im Gegenteil, es legt ja in Ihre Hände die Entscheidung über mein Schicksal wie über das Ihrige. Um sich zu überzeugen, daß ich Sie liebe, möchten Sie doch nicht etwa, daß ich wie ein Tölpel mich Ihnen zu Füßen werfe und Sie weinend bitte, Mitleid mit mir zu haben; nein, Madame, es würde Ihnen ohne Zweifel mißfallen und würde mich nicht zum Ziel führen. Ich bin gewiß, daß ich den Besitz Ihres Herzens verdiene; drum bitte ich Sie um Liebe und nicht um Mitleid. Wenn ich Ihnen nicht gefalle, so trennen Sie sich von mir! Aber lassen Sie mich abreisen; denn wenn Sie noch Mitgefühl haben und wünschen, daß ich Sie vergesse, so erlauben Sie, daß ich fern von Ihnen diesen Kampf leichter bestehe. Wenn ich mit Ihnen nach Parma gehe, kann ich nicht für mich einstehen, denn dort würde ich in einer Art von Verzweiflung sein. Ich bitte Sie um die Gnade: Überlegen Sie sich dies! Sie werden sehen, daß Sie mir ein unverzeihliches Unrecht antun würden, wenn Sie mir sagten: ›Kommen Sie nach Parma; aber ich bitte Sie, versuchen Sie nicht, mich dort zu sehen.‹ Geben Sie zu, daß Sie billigerweise mir so etwas nicht sagen können.«

»Ich gebe es zu, wenn es wahr ist, daß Sie mich lieben.«

»Gott sei gelobt! Ja, seien Sie überzeugt, daß ich Sie ganz aufrichtigen Herzens liebe; also wählen Sie und sprechen Sie das Urteil!«

»Also immer noch in demselben Ton?«

»Ja.«

»Aber wissen Sie auch, daß Sie aussehen, wie wenn Sie zornig wären?«

»Nein; denn dies ist nicht der Fall; ich befinde mich nur in einer Art von Paroxysmus. Dies ist für mich ein entscheidender Augenblick, und ich schwebe in einer entsetzlichen Ungewißheit. Ich muß meinem eigentümlichen Schicksal und den verfluchten Sbirren von Cesena fluchen; denn ohne diese hätte ich Sie niemals gesehen.«

»Es tut Ihnen also leid, mich kennen gelernt zu haben?«

»Ja – Habe ich denn da nicht sehr recht?«

»Ganz und gar nicht; denn ich habe noch nichts entschieden.«

»Ich beginne aufzuatmen; denn ich wette, Sie werden mir sagen, daß ich mit Ihnen nach Parma kommen soll.«

»Ja, kommen Sie nach Parma!«

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