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Erinnerungen, Band 2

Giacomo Casanova: Erinnerungen, Band 2 - Kapitel 16
Quellenangabe
typeautobio
authorCasanova
titleErinnerungen, Band 2
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
volume2
year1911
senderwww.gaga.net
created20050213
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Fünfzehntes Kapitel

Forstsetzung meiner Liebschaft mit C. C. – Herr von Bragadino hält für mich um die Hand des jungen Mädchens an. – Ihr Vater sagt nein und schickt sie in ein Kloster. – De la Haye. – Ich verliere im Spiel. – Teilhaberschaft mit Croce, die mich wieder zu Geld bringt. – Verschiedene Erlebnisse.

Die Wonne, in die mich meine Liebe versetzte, hatte mich ziemlich unempfindlich gegen den erlittenen Verlust gemacht; mein Kopf war ganz von meiner liebenswürdigen Freundin eingenommen und schließlich gegen jeden Gedanken abgeschlossen, der nicht auf sie Bezug hatte.

Meine Gedanken waren am nächsten Morgen mit ihr beschäftigt, als mit freudestrahlendem Gesicht ihr Bruder bei mir eintrat und mir sagte: »Ich bin überzeugt, Sie haben bei meiner Schwester geschlafen, und der Gedanke entzückt mich. Sie will es nicht zugeben, aber ihr Leugnen ist nutzlos. Ich werde sie heute mitbringen.«

»Das wird mich sehr freuen, denn ich bete sie an, und ich werde bei Ihrem Herrn Vater auf eine Weise um ihre Hand anhalten lassen, daß er sie mir nicht wird abschlagen können.«

»Ich will es wünschen, aber ich zweifle daran. Inzwischen sehe ich mich genötigt, Sie um einen neuen Dienst zu bitten. Ich kann gegen einen in sechs Monaten fälligen Wechsel einen Ring bekommen, der zweihundert Zechinen wert ist, und ich bin sicher, ihn noch heute für diesen Preis wieder verkaufen zu können. Ich brauche das Geld unbedingt; aber ohne Ihre Bürgschaft wird der Juwelier, der Sie kennt, mir den Ring nicht geben. Werden Sie mir diese Gefälligkeit erweisen? Ich weiß, Sie haben gestern verloren; wenn Sie sie brauchen, werde ich Ihnen hundert Zechinen abgeben, die Sie mir zurückzahlen, wenn der Wechsel fällig wird.«

Wie hätte ich ihm den Dienst abschlagen können? Ich sah wohl, daß er mich prellen würde, aber ich liebte seine Schwester so heiß! Ich sagte daher zu ihm: »Ich bin bereit den Wechsel zu unterzeichnen; aber es ist unrecht von Ihnen, meine zärtliche Liebe zu Ihrer Schwester zu mißbrauchen.«

Wir gingen aus; der Kaufmann nahm meine Bürgschaft an, und das Geschäft war abgemacht. Der Juwelier, der mich gar nicht kannte, oder doch nur dem Namen nach, glaubte mir ein Kompliment zu machen, und sagte zu P. C., gegen meine Bürgschaft stehe ihm sein ganzer Laden zur Verfügung. Das Kompliment machte mir wenig Vergnügen, aber es erklärte mir P. C.'s Schelmentalent, das ihn unter hundert den einen Dummen entdecken ließ, der ohne jeden Grund mir sein Vertrauen schenkte; denn ich hatte ja nichts. So wurde meine engelgleiche C. C., die allem Anschein nach mich nur glücklich machen konnte, die unschuldige Ursache meines Ruins.

Mittags brachte P. C. seine Schwester zu mir. Ohne Zweifel nur um mir zu zeigen, daß er ein Ehrenmann sei – denn gerade die Spitzbuben geben sich Mühe darum – gab er mir den Wechsel für das auf meine Bürgschaft hin entnommene Faß Cyperwein zurück; zugleich versicherte er mir, bei unserem ersten Zusammentreffen werde er mir die hundert Zechinen übergeben, die er mir versprochen habe.

Ich führte wie gewöhnlich meine Freundin nach der Zuecca; den Garten ließ ich schließen, und wir aßen in einer Laube. Meine C. C. schien mir noch schöner geworden zu sein, seitdem sie mir gehörte; Gefühle der Freundschaft mischten sich in unsere Liebe und erfüllten uns mit einer süßen Befriedigung, die sich in unseren Zügen widerspiegelte. Die Wirtin, die mich freigebig gefunden hatte, setzte uns Wildbret und Fische vor, und ihr blondes Töchterlein bediente uns bei Tisch. Sie entkleidete auch meine Freundin, als wir nach oben gegangen waren, um uns den Wonnen unserer jungen Ehe zu überlassen.

Als wir allein waren, fragte meine Freundin mich, was es mit den hundert Zechinen auf sich hätte, die ihr Bruder mir bringen sollte; ich erzählte nun, was zwischen uns vorgegangen wäre.

»Ich bitte dich herzlich, Liebster,« rief sie, »schlage ihm in Zukunft rundweg alles ab; der Unglückselige ist so überschuldet, daß er schließlich auch dich mit sich in den Abgrund reißen würde, dem er unrettbar verfallen ist.«

Diesmal schienen unsere Genüsse uns von soliderer Art zu sein; wir kosteten sie inniger aus, sozusagen mit Verstand und Überlegung. »Ach, Geliebter,« rief sie aus, »tu doch dein Möglichstes, um mich zur Mutter zu machen, denn dann kann mein Vater nicht mehr den Vorwand brauchen, ich sei zu jung, um mich zu verheiraten.«

Ich konnte ihr nur mit großer Mühe begreiflich machen, daß die Erfüllung dieses Wunsches – obgleich auch ich ihn hegte – nicht nur einzig und allein von uns abhänge; doch sei es bei unseren Anlagen wahrscheinlich, daß es früher oder später dazu kommen werde.

Nachdem wir nach besten Kräften an der Vollbringung dieses großen Werkes gearbeitet hatten, verbrachten wir einige Stunden in einem köstlichen, tiefen Schlaf. Gleich nach unserem Erwachen ließ ich Kerzen und Kaffee bringen; hierauf gingen wir wieder ans Werk, in der Hoffnung, den gleichzeitigen Erguß herbeizuführen, der uns unser Glück sichern sollte. Mitten in den süßesten Liebesspielen überraschte uns die allzufrühe Morgenröte, und wir beeilten uns, nach Venedig noch früh genug zurückzukommen, um den Blicken der Neugier zu entgehen.

Am Freitag wiederholten wir den Ausflug. Doch so viel Vergnügen ich auch heute daran finde, mich so glücklicher Augenblicke zu erinnern, so werde ich doch den Leser mit einer Ausmalung unserer neuen Genüsse verschonen. Ich will nur noch erwähnen, daß beim Abschied meine Freundin und ich unser letztes Gartenfest auf den folgenden Montag, den letzten Tag der Maskenfreiheit, festsetzten. Nur der Tod hätte mich abhalten können, mich pünktlich einzufinden, denn es konnte möglicherweise der letzte Tag unserer Liebesgenüsse sein.

Nachdem am Montag morgen P. C. mir noch einmal Zeit und Ort bestätigt hatte, fand ich mich pünktlich ein. Schnell verging, trotz meiner Ungeduld, die erste Stunde, die zweite aber war von niederdrückender Langsamkeit. Trotzdem erwartete ich noch eine dritte, eine vierte Stunde, aber das ersehnte Paar kam nicht. Ich war in einer Gemütsverfassung, daß ich mir nur noch das gräßlichste Unglück ausmalte. Wenn C. C. nicht hatte ausgehen können, so hätte doch ihr Bruder kommen müssen, es mir zu sagen. Freilich war ja möglich, daß irgend ein unüberwindliches Hindernis ihn abgehalten hatte. Sie selber in ihrem Hause aufzusuchen war mir unmöglich; ich konnte es schon deshalb nicht, weil ich ja befürchten mußte, sie vielleicht unterwegs zu verfehlen. Endlich, im Augenblick wo die Kirchenglocken den Englischen Gruß läuteten, trat C. C. allein und maskiert auf mich zu.

»Ich wußte bestimmt,« sagte sie, »daß du hier sein würdest. Darum ließ ich meine Mutter reden. Hier bin ich also. Du mußt ja halb tot vor Hunger sein. Mein Bruder hat sich den ganzen Tag nicht sehen lassen. Schnell jetzt nach unserm Garten, denn auch ich habe Bedürfnis etwas zu essen. Nachher wird uns die Liebe trösten für alles, was wir heute erduldet haben!«

Dies alles hatte sie gesagt, ohne mir Zeit zu lassen, auch nur ein einziges Wörtchen dazwischen zu werfen. Ubrigens hatte ich nichts zu fragen; wir gingen und nahmen eine Gondel, um nach unserm Garten zu fahren. Es wehte ein schrecklicher Wind, eine Art Wirbelsturm, und da die Gondel nur einen einzigen Ruderer hatte, so schwebten wir tatsächlich in Gefahr. C. C. hatte keine Ahnung davon und trieb ihre Späße, wie wenn sie sich für den Zwang entschädigen wollte, den sie sich tagsüber hatte auferlegen müssen. Aber die Bewegungen, die sie machte, brachten den Bootsführer in Gefahr; wäre er ins Wasser gefallen, so hätte nichts uns retten können, und wir hätten den Tod gefunden statt der Wonne, die wir suchten. Ich sagte ihr, sie möchte sich ruhig verhalten; aber aus Furcht sie zu erschrecken, wagte ich ihr nichts von der Gefahr zu sagen, die uns bedrohte. Der Barkarole brauchte nicht dieselben Rücksichten zu nehmen und schrie uns mit Stentorstimme zu, wenn wir nicht ganz unbeweglich still säßen, wären wir alle drei verloren. Diese Drohung wirkte, und wir kamen unversehrt ans Ziel. Ich bezahlte den Schiffer überreichlich, und er lachte vor Freude, als er das Geld sah, das die Gefahr ihm eingebracht hatte.

Wir verbrachten in unserm Kasino sechs glückselige Stunden, in denen wir zahlreiche Heldentaten der Liebe verrichteten; von Schlafen war diesmal keine Rede. Nur ein Gedanke störte unsere Freude: die Maskenzeit war vorüber, und wir wußten nicht, wie wir späterhin neue Liebeszusammenkünfte ermöglichen sollten. Wir verabredeten, daß ich am Mittwoch Vormittag ihrem Bruder einen Besuch machen sollte und daß sie dann wie gewöhnlich erscheinen würde.

Wir verabschiedeten uns von der guten Gärtnersfrau, die uns ihr größtes Bedauern darüber aussprach, daß sie nun keine Hoffnung hätte, uns wieder bei sich zu sehen, und uns viel Glück und Segen wünschte. Hierauf brachte ich meine Freundin glücklich bis an ihre Tür und ging nach Hause.

Nachdem ich mittags aufgestanden war, sah ich zu meiner großen Überraschung de la Haye mit seinem Schüler Calvi, der ein hübscher Junge, aber im vollsten Sinne des Wortes der Affe seines Hofmeisters war. Er ging, sprach, lachte genau so wie dieser; seine Sprache war genau wie die des Jesuiten: ein korrektes aber steifes Französisch. Eine derartige übertriebene Nachahmung fand ich skandalös, und ich hielt es für angebracht, dem Herrn de la Haye zu sagen, er müsse unbedingt seinem Zöglinge diese Manieren abgewöhnen, denn eine derartige unterwürfige Nachäfferei werde dem jungen Mann unfehlbar bitteren Spott zuziehen. Während ich meine Ansichten über diesen Punkt zum besten gab, erschien Baron Bavois; auch dieser war vollkommen meiner Meinung, nachdem er eine Stunde in der Gesellschaft des Jünglings verbracht hatte. Der junge Calvi starb zwei oder drei Jahre später. De la Haye, der von der Sucht besessen war, junge Leute zu erziehen, wurde ein paar Monate nach Calvis Tode Hofmeister des jungen Ritters Morosini, dessen Oheim Bavois sein Glück zu verdanken hatte. Dieser Oheim war damals Kommissär der Republik bei der Grenzregulierung mit Österreich, das bei dieser Gelegenheit vom Grafen Christiani vertreten wurde.

Ich war über alle Maßen verliebt und glaubte daher einen Schritt nicht länger aufschieben zu dürfen, von dem, wie ich damals glaubte, mein Glück abhing. Ich bat daher nach dem Essen, sobald die Gesellschaft sich verabschiedet hatte, Herrn von Bragadino und seine Freunde, sich mit mir für zwei Stunden in einem Kabinett einzuschließen, zu welchem niemand Zutritt hatte. Ohne weitere Umschweife sagte ich ihnen dann, ich sei in C. C. verliebt und sei entschlossen, sie zu entführen, wenn sie nicht Mittel und Wege fänden, ihren Vater dahin zu bringen, daß er sie mir zur ehelichen Gattin gäbe. »Es handelt sich darum,« sagte ich zu Herrn von Bragadino, »mir eine Anstellung zu verschaffen, von der wir leben können, und für eine Summe von zehntausend Dukaten kurant, die das junge Mädchen als Mitgift erhalten würde, Bürgschaft zu leisten.« Sie antworteten mir, sie würden mit Vergnügen meinem Wunsche nachkommen, wenn Paralis ihnen die nötigen Weisungen gäbe. Mehr verlangte ich nicht. Zwei Stunden brachte ich damit hin, alle von ihnen gewünschten Zahlenpyramiden zu bauen, und schließlich kam dabei heraus, daß Herr von Bragadino in eigener Person den Vater für mich um die Hand seiner Tochter bitten sollte. Das Orakel erklärte diese Wahl damit, daß der Brautwerber derselbe sein müsse, der mit seinem ganzen augenblicklichen und künftigen Vermögen für die Mitgift zu bürgen habe. Da der Vater meiner Freundin zurzeit auf dem Lande war, so sagte ich ihnen, sie würden von seiner Rückkehr pünktlich benachrichtigt werden; sie müßten alle drei beisammen sein, wenn Herr von Bragadino seinen Antrag vorbrächte.

Sehr zufrieden mit dem Ergebnis meiner Bemühungen begab ich mich am nächsten Morgen zu P. C. Die alte Frau, die mich einließ, sagte mir, der Herr sei nicht zu Hause, aber seine Frau Mutter werde kommen und mit mir sprechen. Sie kam gleich darauf mit ihrer Tochter, und beide schienen mir sehr traurig zu sein. Dies erfüllte mich mit bösen Vorahnungen. C. C. sagte mir, ihr Bruder sei im Schuldgefängnis, und es sei schwer, ihn freizumachen, weil die Summen, die er schulde, zu beträchtlich seien. Die Mutter sagte mir weinend, sie sei in Verzweiflung, daß sie für ihn im Gefängnis nicht den Unterhalt bestreiten könne. Sie zeigte mir einen Brief, den er ihr geschrieben hatte und in dem er sie bat, einen anderen beigeschlossenen seiner Schwester zu geben. Ich fragte meine Freundin, ob ich diesen lesen dürfe; sie gab ihn mir, und ich sah, daß er sie bat, bei mir für ihn zu bitten. Ich gab ihr den Brief zurück, indem ich ihr sagte, sie möchte ihm schreiben, daß es mir ganz unmöglich sei, etwas für ihn zu tun. Zugleich drang ich in die Mutter, sie möchte zu seiner Unterstützung von mir fünfundzwanzig Zechinen annehmen, von denen sie ihm eine oder zwei zurzeit zukommen lassen könnte. Sie nahm das Geld erst an, nachdem ihre Tochter sie sehr darum gebeten hatte.

Nachdem diese wenig erquickliche Sache vorläufig erledigt war, berichtete ich ihnen über die Schritte, die ich getan hatte, um die Hand meiner Geliebten zu erhalten. Die alte Dame dankte mir; sie fand mein Vorgehen ehrenhaft und in der Ordnung; aber sie sagte mir, ich sollte mir keine Hoffnung machen, denn ihr Mann, der an seinen Plänen sehr fest hielte, hätte versprochen, sie erst im Alter von achtzehn Jahren zu verheiraten und zudem nur an einen Kaufmann. Wie sie mir sagte, sollte er noch am gleichen Tage nach Hause kommen. Als ich ging, steckte mir meine Liebste einen Zettel zu; sie schrieb darin, ich könnte ohne jede Besorgnis mittels des Schlüssels zur kleinen Tür, den ich schon hätte, um Mitternacht zu ihr kommen; ich würde sie im Zimmer ihres Bruders finden. Diese Botschaft machte mich überglücklich, denn trotz den Zweifeln der Mutter hoffte ich auf einen vollständigen Erfolg.

Ich ging nach Hause und teilte Herrn von Bragadino mit, daß der Vater meiner angebeteten C. C. baldigst zurückkehren werde; sofort setzte der ehrwürdige alte Herr sich hin und schrieb in meiner Gegenwart einen Brief an ihn. Er bat ihn, ihm die Stunde anzugeben, wo er ihn aufsuchen könnte, um mit ihm über eine wichtige Angelegenheit zu sprechen. Ich bat ihn, diesen Brief erst am nächsten Tage abzuschicken.

Wie der Leser sich denken kann, ließ ich um Mitternacht nicht auf mich warten. Ich gelangte ohne Hindernis ins Haus und fand meinen Engel, der mich mit offenen Armen empfing.

»Du hast nichts zu befürchten,« sagte sie; »mein Vater ist wohl und munter angekommen, und im Hause schläft alles.«

»Nur die Liebe nicht, die uns zur Freude ladet!« rief ich aus. »Sie wird uns beschützen, Geliebte, und morgen wird dein Vater von meinem würdigen Beschützer einen Brief bekommen.«

Bei diesen Worten erschauderte C. C., sie hatte eine nur zu richtige Vorahnung.

»Mein Vater,« sagte sie, »nach dessen Meinung ich jetzt noch ein bloßes Kind bin, wird seine Augen öffnen, und Gott weiß, was er tun wird, um über meine Aufführung sich Klarheit zu verschaffen. Jetzt sind wir glücklich – viel glücklicher noch, als damals bei unseren Besuchen auf der Zuecca, denn wir können uns ganz zwanglos jede Nacht sehen; aber was wird mein Vater tun, wenn er erfährt, daß ich einen Geliebten habe!«

»Was kann er machen? Wenn er mich abweist, entführe ich dich, und der Patriarch kann uns den Hochzeitssegen nicht verweigern. Wir werden einander fürs ganze Leben angehören!«

»Das ist mein glühendster Wunsch, und ich bin zu allem bereit um dies zu erreichen; aber, Geliebter, ich kenne meinen Vater!«

Wir verbrachten zwei Stunden miteinander, aber diese vergingen mehr in Schmerzen als in Wonnen. Als ich ging, versprach ich ihr, die nächste Nacht wiederzukommen. Traurig verbrachte ich den übrigen Teil der Nacht; gegen Mittag sagte Herr von Bragadino mir, er habe dem Vater den Brief geschickt, und dieser habe ihm antworten lassen, er werde am anderen Tage persönlich in seinem Palazzo erscheinen, um seine Befehle entgegenzunehmen. Etwa um Mitternacht war ich wieder bei meiner Geliebten und berichtete ihr über alles Vorgefallene. C. C. sagte mir, die Zuschrift des Senators habe ihn sehr beschäftigt; denn da er niemals etwas mit Herrn von Bragadino zu tun gehabt hatte, so konnte er sich nicht denken, was wohl der hohe Herr von ihm wollte. Die Ungewißheit, eine Art Furcht und eine wirre Hoffnung raubten unseren Liebesfreuden während der zwei Stunden, die wir beisammen waren, viel von ihrer Lebhaftigkeit. Ich war überzeugt, daß der Vater meiner Freundin, Herr Ch. C., nach seiner Unterredung mit Herrn von Bragadino sofort nach Hause gehen würde; jedenfalls würde er seine Tochter scharf ausfragen und in ihrer Verlegenheit könnte C. C. sich verraten. Sie fühlte dies selber und war offenbar sehr bekümmert darüber. Dies beunruhigte mich über alle Maßen, und es war mir furchtbar, ihr keinen Rat geben zu können, denn ich konnte nicht voraussehen, wie der Vater die Sache aufnehmen würde. Selbstverständlich mußte sie gewisse Umstände, die ihm eine schlechte Meinung von uns beibringen konnten, ihm verschweigen; im großen und ganzen aber müsse sie ihm die Wahrheit sagen und sich ihm sehr gefügig zeigen. Ich war in einer eigentümlichen Lage; vor allen Dingen tat es mir leid, den entscheidenden Schritt getan zu haben, eben weil dieser ein unwiderrufliches Ergebnis herbeiführen mußte. Ich sehnte mich, vor allem aus der fürchterlichen Ungewißheit herauszukommen, und war erstaunt darüber, daß meine junge Freundin viel weniger unruhig war als ich. Wir trennten uns mit angstvollem Herzen, aber doch in der Hoffnung, daß wir in der nächsten Nacht uns wiedersehen würden. Das Gegenteil erschien mir als etwas Unmögliches.

Am nächsten Nachmittag kam Herr Ch. C. zu Herrn von Bragadino. Ich ließ mich nicht sehen. Er verbrachte zwei Stunden mit meinen drei Freunden, und sobald er fort war, erfuhr ich, daß er geantwortet hatte, was die Mutter mir vorausgesagt, aber obendrein mit einem für mich sehr betrübenden Umstand: er wollte seine Tochter die vier Jahre, bis sie an eine Heirat denken könnte, in einem Kloster zubringen lassen. Gleichsam als eine Abschwächung seiner Weigerung hatte er ihnen gesagt, er könnte wohl unserer Verbindung zustimmen, wenn ich dann eine gesicherte Existenz hätte. Ich fand diese Antwort vernichtend; in der Verzweiflung, in der ich mich befand, wunderte ich mich denn auch nicht weiter, als ich in derselben Nacht die kleine Tür verschlossen fand.

Mehr tot als lebendig ging ich nach Hause; dort verbrachte ich vierundzwanzig Stunden in der entsetzlichen Ratlosigkeit, in der man sich befindet, wenn man einen Entschluß fassen muß, aber nicht weiß welchen. Ich dachte an eine Entführung, aber ich entdeckte tausend Schwierigkeiten, durch die sie mißlingen konnte; da der Bruder im Gefängnis war, so war es sehr schwer, einen Briefwechsel mit meiner Frau einzurichten; denn dies war C. C. in meinen Augen in höherem Maße, als wenn wir den Segen eines Priesters erhalten und einen Vertrag vor dem Notar abgeschlossen hätten.

Von tausend düsteren und verzweiflungsvollen Gedanken gequält, entschloß ich mich, am dritten Tag einen Besuch bei Frau C. zu machen. Eine Magd öffnete mir und sagte, die gnädige Frau sei aufs Land gegangen und man wisse nicht, wann sie zurück sein werde. Diese Nachricht traf mich wie ein Donnerschlag; bewegungslos wie eine Bildsäule stand ich da. Denn ich sah jetzt gar kein Mittel mehr, mir auch nur die geringste Auskunft zu verschaffen. Ich gab mir Mühe, in Gegenwart meiner drei Freunde ruhig zu erscheinen; aber ich befand mich in einem bejammernswerten Zustand, von dem der Leser sich vielleicht einen Begriff machen wird, wenn ich ihm sage, daß ich mich entschloß, P. C. in seinem Gefängnis aufzusuchen, weil ich hoffte, durch seine Vermittlung irgend etwas erfahren zu können.

Ich ging vergeblich; er wußte nichts, und ich wollte ihn auch nicht aufklären. Er erzählte mir eine Menge Lügen, die ich für bare Münze zu nehmen mich stellte. Nachdem ich ihm zwei Zechinen geschenkt hatte, verließ ich ihn mit dem Wunsch baldiger Befreiung.

Ich zermarterte mir das Hirn, wie ich von dem Zustand meiner Geliebten Kenntnis erhalten könnte. Ich vermutete, daß sie sich entsetzlich unglücklich fühlen müßte, und machte mir die bittersten Vorwürfe, die Ursache davon zu sein. Ich hatte fast völlig Appetit und Schlaf verloren.

Zwei Tage nach der Ablehnung meines Antrages waren Herr von Bragadino und seine beiden Freunde nach Padua gegangen, wo sie einen Monat verbringen wollten. Ich war allein im Palast geblieben, denn der traurige Zustand meiner Seele hatte es mir unmöglich gemacht, sie zu begleiten. Eine Ablenkung suchend, hatte ich gespielt und, da ich zerstreut war, beständig verloren; ich hatte alles verkauft, was nur irgend welchen Wert hatte, und war überall Geld schuldig. Hilfe hatte ich nur von meinen drei Wohltätern zu erwarten, aber ich schämte mich, ihnen meine Lage zu entdecken. Ich befand mich in einer Stimmung, wo man leicht zum Selbstmord kommt, und ich dachte grade daran, als ich mich vor einem Spiegel rasierte. In demselben Augenblick kam ein Bedienter und führte eine Frau ins Zimmer, die einen Brief für mich hatte. Die Frau kam näher und gab mir den Brief, indem sie fragte:

»Sind Sie der Herr, an den der Brief überschrieben ist?«

Ich sah den Abdruck eines Petschaftes, das ich C. C. gegeben hatte, und mir war, als sollte ich tot zur Erde sinken. Um mich zu beruhigen, sagte ich der Frau, sie möchte warten; ich wollte mich erst fertig rasieren; aber meine Hand versagte mir den Dienst. Ich legte das Schermesser hin, drehte der Botin den Rücken zu und las folgendes:

»Bevor ich Dir ausführlich schreibe, muß ich erst mich vergewissern, ob die Frau sicher ist. Ich bin in diesem Kloster als Pensionärin, werde sehr gut behandelt und bin ganz gesund trotz der seelischen Erregung, worin ich mich befinde. Die Oberin hat Befehl, mich keinen Menschen sehen zu lassen und mir durchaus keine Korrespondenz irgend welcher Art zu erlauben. Indessen bin ich schon gewiß, daß ich trotz dem Verbot Dir werde schreiben können. Ich zweifle nicht an Deiner Treue, mein geliebter Gatte, und ich bin überzeugt, Du wirst niemals an einem Herzen zweifeln, worin Du ganz allein herrschest. Rechne darauf, daß ich mit dem größten Eifer alles tun werde, was Du befiehlst; denn ich gehöre Dir, und nur Dir allein. Antworte mir nur wenige Worte, bis wir unserer Botin sicher sind. Murano, den 12. Juni.«

Das junge Mädchen hatte in kaum drei Wochen Weltweisheit gelernt; aber freilich war die Liebe ihre Lehrmeisterin gewesen, und nur die Liebe wirkt Wunder. Als ich den Brief meiner Freundin las, war mir zumute wie dem Verbrecher, der im Augenblick der Hinrichtung begnadigt wird, oder wie einem, der vom Tode wieder aufersteht. Ich brauchte mehrere Minuten Ruhe, um meine Besinnung und gewöhnliche Kaltblütigkeit wiederzugewinnen.

Ich fragte die Frau, ob sie lesen könnte.

»Ach ja, wenn ich das nicht könnte, Herr, da würde es mir ja sehr schlecht gehen. Wir sind unserer sieben Frauen im Dienst der frommen Nonnen von Murano. Jede von uns kommt einmal in der Woche an ihrem bestimmten Tage nach Venedig. Ich komme jeden Mittwoch und kann Ihnen in acht Tagen eine Antwort bringen, wenn Sie jetzt gleich einen Brief schreiben wollen.«

»Sie können also Briefe besorgen, die die Nonnen Ihnen anvertrauen?«

»Es gehört nicht zu meinem eigentlichen Dienst; da aber der wichtigste von allen unseren Aufträgen die getreue Briefbestellung ist, so könnte man uns nicht gebrauchen, wenn wir nicht imstande wären, die Adressen der uns anvertrauten Briefe zu lesen. Die Nonnen wollen sicher sein, daß wir nicht dem Peter einen Brief geben, der an Paul geschrieben ist. Unsere frommen Damen haben immer Angst, wir könnten einmal solch eine Tölpelei begehen. Sie werden mich also heute in acht Tagen zur selben Stunde sehen, aber geben Sie Befehl, daß Sie geweckt werden, wenn Sie schlafen sollten, denn die Minuten werden uns mit der Goldwage zugemessen. Vor allen Dingen verlassen Sie sich auf meine Verschwiegenheit, solange Sie mit mir zu tun haben; denn wenn ich nicht schweigen könnte, käme ich um Brot und Lohn, und was sollte ich dann anfangen als Witwe mit vier Kindern, einem achtjährigen Knaben und drei hübschen Mädchen, von denen das älteste erst sechzehn Jahre ist. Sie können sie sehen, wenn Sie mal nach Murano kommen. Ich wohne neben der Kirche nach dem Garten zu, und ich bin immer zu Hause oder sonst für das Kloster beschäftigt; denn da gibt es fortwährend was zu tun. Das Fräulein – ich weiß ihren Namen noch nicht, denn sie ist erst seit acht Tagen bei uns – hat mir das Briefchen zugesteckt. Aber wie geschickt hat sie das gemacht! Oh, sie muß wohl ebenso klug sein, wie sie schön ist; denn drei Nonnen, die dabei waren, haben nichts gemerkt. Sie gab mir zugleich mit dem Brief diesen Zettel für mich. Ich lasse Ihnen den ebenfalls hier. Das arme Kind! Sie bittet mich um Verschwiegenheit; aber darauf kann sie sich auch verlassen. Schreiben Sie ihr, bitte, daß sie ganz ruhig sein könne; verbürgen Sie sich nur ganz unbesorgt für mich! Von den anderen möchte ich das nicht so gewiß sagen. Ich halte sie ja alle für ehrlich – denn Gott soll mich davor behüten, von meinem Nächsten Schlechtes zu denken –, aber sehen Sie, sie sind alle unwissend, und ganz gewiß schwatzen sie zum mindesten in der Beichte. Ich aber weiß, Gott sei Dank, recht gut, daß ich meinem Beichtiger nur meine Sünden gestehen muß; und einen Brief einer Christin an einen Christenmenschen zu bestellen, das ist keine Sünde. Ubrigens ist mein Beichtvater ein guter, alter Mönch, und ich glaube, er ist taub, denn der gute Mann antwortet mir niemals; aber wenn er taub ist, so ist das seine Sache und nicht meine!«

Ich hatte nicht die Absicht, die Frau auszufragen; aber hätte ich das auch gewollt, so würde sie mir keine Zeit dazu gelassen haben; denn ohne daß ich eine Frage tat, erzählte sie mir alles, was zu erfahren ich nur wünschen konnte; sie verfolgte damit weiter keine Absicht, als daß sie mich dazu bewegen wollte, mich ausschließlich ihrer zu bedienen.

Ich setzte mich sofort hin, um meiner lieben Eingesperrten zu antworten; ich hatte die Absicht, ihr, ihrem Wunsch gemäß, nur wenige Zeilen zu schreiben. Aber ich hatte nicht genug Zeit, um ihr so wenig zu schreiben. Mein Brief war ein Worterguß von vier Seiten, und es stand vielleicht weniger darin als auf der einen Seite ihres Briefes. Ich sagte ihr, ihr Brief habe mir das Leben gerettet, und fragte, ob ich hoffen dürfte, sie sehen zu können. Ich schrieb ihr, ich hätte der Botin eine Zechine gegeben, und eine zweite würde sie unter dem Siegel des Briefes finden; ich würde ihr so viel Geld schicken, wie sie nötig hätte. Ich bat sie, mir pünktlich jeden Mittwoch zu schreiben; sie könnte überzeugt sein, daß ihre Briefe niemals lang genug sein würden; sie müßte mir alles ganz ausführlich schildern, nicht allein wie es ihr ginge und was sie dort machen müßte, sondern auch wie sie darüber dächte, ihre Ketten zu sprengen und alle Hindernisse zu zerstören, die sich unserem beiderseitigen Glück entgegenstellen könnten; denn ich wäre ganz der Ihre, wie sie sagte, daß sie ganz und gar die Meine wäre. Ich riet ihr alle ihre Klugheit aufzubieten, um sich bei den Nonnen und Zöglingen beliebt zu machen, doch dürfte sie sich keiner anvertrauen, auch müßte sie niemals Unzufriedenheit darüber verraten, daß sie ins Kloster geschickt worden wäre. Ich lobte sie, daß sie so geschickt gewesen wäre, Mittel und Wege zu finden, um mir trotz dem Verbot zu schreiben, und machte sie darauf aufmerksam, daß sie sich ja niemals beim Schreiben ihrer Briefe überraschen lassen dürfte; denn wenn dies vorkäme, so würde man unfehlbar ihr Zimmer durchsuchen und alles Geschriebene, das man dort fände, ihr fortnehmen. »Verbrenne alle meine Briefe, Geliebte, und finde Dich mit der Notwendigkeit ab, oft zur Beichte zu gehen, aber uns niemals bloßzustellen. Schreib mir all Deinen Kummer; er geht mir noch mehr zu Herzen als Deine Freuden.«

Ich versiegelte den Brief so, daß das Geldstück unter dem Siegel ganz unbemerkbar war; dann gab ich der Frau Geld, wobei ich ihr sagte, die gleiche Belohnung würde sie jedesmal erhalten, wenn sie mir einen Brief von meiner Freundin brächte. Als sie eine Zechine in ihrer Hand erblickte, fing die gute Frau vor Freuden zu weinen an; sie sagte mir, für sie gäbe es keine Klausur und sie könnte daher den Brief dem Fräulein geben, sobald sie mit ihr allein wäre.

Der Zettel, den C. C. der Frau zugleich mit dem Brief übergeben hatte, lautete folgendermaßen: »Der liebe Gott hat mir den Gedanken eingegeben, mich an Euch, gute Frau, zu wenden und nicht an eine andere. Bestellt diesen Brief an seine Adresse und wenn die betreffende Person nicht in Venedig ist, so bringt ihn mir wieder. Ihr müßt der Person den Brief zu eigenen Händen übergeben und wenn Ihr sie findet, so werdet Ihr sofort eine Antwort erhalten, die Ihr mir erst dann übergeben dürft, wenn Ihr sicher seid, nicht beobachtet zu werden.«

Die Liebe ist nur in der Hoffnung auf Genuß unvorsichtig; aber wenn es sich darum handelt, die Wiederkehr eines durch einen Unfall zerstörten Glückes herbeizuführen, so ist die Liebe so scharfsinnig, daß sie die kleinsten Umstände voraussieht. Der Brief meiner reizenden Frau bereitete mir die größte Freude; im Nu wandelte sich der tiefste Kummer zur höchsten Wonne. Ich war nun sicher, sie entführen zu können, und wären selbst die Mauern ihres Klosters mit Kanonen bestückt. Als die Botin fort war, dachte ich vor allem daran, wie ich die sieben Tage, die bis zum Empfang des zweiten Briefes vergehen mußten, am besten verbringen könnte. Nur das Spiel konnte mir Zerstreuung bringen, und alle meine Bekannten waren in Padua. Ich ließ meinen Koffer packen und sofort zum Burchiello bringen, der eben abfahren sollte. Ich selber fuhr nach Fusine und ritt von dort mit verhängten Zügeln nach Padua, wo ich in kaum drei Stunden vor dem Palazzo Bragadino eintraf. Mein teurer Beschützer kam im nämlichen Augenblick zum Mittagessen nach Hause. Er umarmte mich zärtlich und sagte, als er sah, daß ich ganz naß von Schweiß war: »Ich bin überzeugt, du hast es gar nicht so eilig.« – »Nein,« antwortete ich, »aber ich habe einen Bärenhunger.« Das brüderliche Dreiblatt freute sich von ganzem Herzen mich wiederzusehen, besonders als ich ihnen sagte, daß ich sechs Tage bei ihnen bleiben würde. De la Haye speiste mit uns; unmittelbar nach Tisch schloß er sich mit Herrn Dandolo ein, und sie waren zwei Stunden lang beisammen. Ich hatte mich während dieser Zeit schlafen gelegt, und Herr Dandolo kam an mein Bett, um mir zu sagen, ich sei gerade zur rechten Zeit angekommen, um wegen einer Angelegenheit, die ihn ganz persönlich betreffe, unser Orakel zu befragen. Er gab mir die Fragen und bat die Antworten darauf herauszubringen. Er wollte wissen, ob er gut daran tue, auf den Plan einzugehen, den de la Haye ihm vorgeschlagen habe.

Die Antwort des Orakels lautete verneinend.

Uberrascht stellte Herr Dandolo eine zweite Frage. Er fragte, welche Gründe den Geist Paralis zu seinem abschlägigen Bescheid bewögen.

Ich baute die kabbalistische Zahlenpyramide und ließ daraus folgende Antwort hervorgehen: »Ich wollte Casanovas Meinung wissen, und da diese gegen de la Hayes Vorschlag war, so will ich von der Sache nichts mehr wissen.«

Wie mächtig sind doch die Einbildungen! Der gute Mann freute sich, daß er die Schuld der Weigerung auf mich abwälzen konnte, und entfernte sich ganz befriedigt. Ich wußte nicht, worum es sich handeln mochte, und war nicht neugierig darauf; es widerstand mir nur, daß ein Jünger Loyolas sich einfallen ließ, bei meinen Freunden etwas ohne meine Vermittlung erreichen zu wollen, und ich wollte dem Intriganten bemerkbar machen, daß mein Einfluß größer war als der seinige.

Hierauf zog ich mich an und ging in die Oper, wo ich mich an einen Pharaotisch setzte und all mein Geld verlor. Das Glück wollte mich immer noch fühlen lassen, daß es nicht immer mit der Liebe im Einklang ist. Meine Lage machte mir das Herz schwer; kummervoll ging ich zu Bett. Beim Erwachen sah ich de la Haye mit strahlender Miene vor mir stehen; mit dem Ausdruck der ergebensten Freundschaft versicherte er mir in übertriebener Weise, daß er die innigsten Gefühle für mich hege. Ich wußte, woran ich war, und wartete ruhig ab, wie sich die Sache weiter entwickeln würde.

»Mein lieber Freund,« sagte er endlich, »aus welchem Grunde haben Sie Herrn Dandolo überredet, nicht auf meinen Vorschlag einzugehen?«

»Was haben Sie ihm denn vorgeschlagen?«

»Das wissen Sie ja.«

»Wenn ich's wüßte, würde ich Sie nicht danach fragen.«

»Er hat mir selber gesagt, Sie hätten ihm abgeraten.«

»Daß ich ihm abgeraten habe, will ich zugeben; aber ich habe ihn keineswegs von seinem Entschluß abgebracht; denn wenn er entschlossen gewesen wäre, hätte er nicht nötig gehabt, mich um Rat zu fragen.«

»Wie Sie wollen. Aber darf ich Sie bitten, mir Ihre Gründe anzugeben?«

»Sagen Sie mir erst, worum es sich handelt.«

»Hat er es Ihnen nicht selber gesagt.«

»Das kann wohl sein. Aber wenn Sie wünschen, daß ich Ihnen meine Gründe sage, muß ich alles aus Ihrem Munde erfahren, denn er hat mit mir unter dem Siegel der Verschwiegen^ ge^ sprachen.«

»Was soll diese Zurückhaltung?«

»Jeder hat seine Grundsätze und seine Anschauungsweise. Ich habe von Ihnen eine zu gute Meinung, um nicht zu glauben, daß Sie es genau so machen würden wie ich; denn mir dünkt, ich habe Sie sagen hören, in geheimen Angelegenheiten müsse man sich vor Überrumpelungen sicherstellen.«

»Ich bin nicht der Mann, einen Freund zu überrumpeln; aber im allgemeinen betrachtet, gebe ich zu, ist Ihr Grundsatz gut. Ich liebe Vorsicht. Nun also, es handelt sich um folgendes. Wie Sie wissen, ist Frau Tripolo Witwe geblieben und Herr Dandolo macht ihr angelegentlich den Hof, wie es schon zu Lebzeiten ihres Gatten zehn Jahre lang geschah. Die noch junge, schöne und frische Dame, die übrigens sehr anständig lebt, wünscht nun seine Frau zu werden. Sie hat sich mir anvertraut, und da ich diese Vereinigung nur für sehr lobenswert halten kann, sowohl vom weltlichen wie vom religiösen Standpunkt – denn wir sind ja alle Menschen, wie Sie wissen – so habe ich mich mit aufrichtigem Vergnügen der Sache angenommen. Ich glaube sogar bemerkt zu haben, daß Herr Dandolo diesem Heiratsplan geneigt war, als er mir sagte, er würde mir heute seine Antwort mitteilen. Ich wundere mich durchaus nicht, daß er Sie wegen der Angelegenheit um Rat gefragt hat, denn ein vorsichtiger Mann tut gut daran, einen verständigen Freund zu befragen, bevor er sich zu einem entscheidenden Schritt von solcher Wichtigkeit entschließt. Ich will Ihnen jedoch offen sagen, daß es mich erstaunt hat, wie eine solche Heirat nicht Ihre Billigung findet. Entschuldigen Sie, wenn ich zu meiner Aufklärung den Wunsch äußere, zu erfahren, warum Sie anderer Ansicht sind als ich.«

Ich war hocherfreut, alles entdeckt zu haben, und gerade noch zur rechten Zeit gekommen zu sein, um meinen Freund, der die Güte selber war, von einer höchst lächerlichen Heirat zurückzuhalten. Ich antwortete meinem Tartüff, ich hätte Herrn Dandolo lieb und wäre, da ich dessen Temperament kennte, überzeugt, daß eine Heirat mit einer Frau wie Signora Tripolo sein Leben verkürzen würde. »Und darum werden Sie zugeben, daß ich als aufrichtiger Freund ihm abraten mußte. Erinnern Sie sich nicht, mir gesagt zu haben, daß derselbe Grund Sie davon abgehalten habe, sich zu verheiraten? Erinnern Sie sich nicht, daß Sie mir gegenüber in Parma sehr lebhaft zugunsten des Zölibats eintraten. Beachten Sie auch, bitte, daß jeder Mensch ein bißchen eigennützig ist, und daß auch ich dies ein bißchen sein und daher wohl daran denken darf, daß Herrn Dandolos Frau einen gewissen Einfluß auf ihn ausüben würde, und daß alles, was sie in dieser Hinsicht gewinnen würde, für mich einen Verlust zu bedeuten hätte. Sie sehen also wohl, daß es nicht natürlich wäre, wenn ich ihm zu einem Schritt raten würde, der ganz und gar zu meinem Nachteil wäre. Wenn Sie mir nachweisen können, daß die von mir angeführten Gründe nichtig oder sophistisch sind, so sprechen Sie. Dann werde ich Herrn Dandolo gegenüber alles zurücknehmen, was ich gesagt habe; Signora Tripolo wird nach unserer Rückkehr nach Venedig seine Frau werden; aber ich sage Ihnen vorher, ich ergebe mich nur, wenn Sie schlagende Beweise anführen können.«

»Ich halte mich nicht für stark genug, Sie überzeugen zu können. Ich werde an Frau Tripolo schreiben, daß sie sich an Sie wenden muß.«

»Schreiben Sie ihr das lieber nicht, denn sie würde glauben, Sie wollten sich über sie lustig machen. Glauben Sie denn, sie sei so dumm, um sich einbilden zu können, daß ich auf ihre Wünsche eingehen würde? Sie weiß, daß ich sie nicht liebe.«

»Woher sollte sie denn wissen, daß Sie sie nicht lieben?«

»Sie muß bemerkt haben, daß ich niemals den Wunsch hatte, mich von Herrn Dandolo bei ihr einführen zu lassen. Merken Sie sich: solange ich mit den drei Freunden zusammenlebe, werden sie keine Frau haben. Sie selber mögen sich verheiraten, soviel Sie Lust haben; ich verspreche Ihnen, Ihre Pläne nicht zu durchkreuzen; aber wenn Sie wünschen, daß wir Freunde bleiben, so geben Sie den Plan auf, mir meine Freunde zu verführen.«

»Sie sind heute morgen sehr bissig!«

»Ich hahe diese Nacht all mein Geld verloren.«

»Da habe ich also einen ungünstigen Zeitpunkt erwischt. Adieu!«

Von diesem Tage an wurde de la Haye mein geheimer Feind, und er hat nicht wenig dazu beigetragen, mich zwei Jahre später unter die Bleidächer zu bringen, nicht etwa durch Verleumdungen – (denn ich glaube nicht, daß er, obgleich Jesuit, dessen fähig war; auch bei diesen Leuten findet man zuweilen Charakter) –, wohl aber durch mystische Bemerkungen frommen Leuten gegenüber. Ich glaube meine Leser darauf aufmerksam machen zu müssen, daß sie meine Erinnerungen lieber nicht lesen sollen, wenn sie derartige Leute gern haben; denn auf solches Gezücht Rücksichten zu nehmen, bin ich nicht der Mann. Von der schönen Heirat war nicht mehr die Rede. Herr Dandolo ging nach wie vor alle Tage zu seiner schönen Witwe, und ich ließ mir durch mein Orakel verbieten, jemals ihr Haus zu betreten.

Im Augenblick, wo de la Haye mich verließ, kam ein junger Mailänder, Don Antonio Croce, zu mir zum Besuch. Ich hatte ihn in Reggio kennen gelernt; er war ein großer Spieler und abgefeimter Verbesserer widrigen Glücks. Er sagte mir, er habe mich mein Geld verlieren sehen und wolle mir einen Vorschlag machen, wie ich meinen Verlust wieder einbringen könne. Ich solle mich zur Hälfte an einer Bank beteiligen, die er in seiner Wohnung halten wolle; als Spieler habe er sieben oder acht reiche Ausländer zur Hand, die seiner Frau den Hof machten. »Du gibst mir dreihundert Zechinen in meine Bank und hilfst mir als Croupier. Ich habe ebenfalls dreihundert Zechinen, aber die genügen nicht, denn wir haben mit starken Spielern zu tun. Komm zu mir zum Essen; da wirst du ihre Bekanntschaft machen. Morgen ist Freitag, da können wir spielen, weil die Oper geschlossen ist. Verlaß dich darauf, wir werden Geld gewinnen, denn einem Schweden, namens Gilenspetz, können wir allein zwanzig tausend Zechinen abnehmen.

Ich hatte keine Hilfe zu erwarten oder konnte sie wenigstens nur von Herrn von Bragadino erhoffen, und an diesen mich zu wenden, schämte ich mich. Ich fühlte wohl, daß Croces Vorschlag im strengeren Sinne nicht moralisch war und daß ich mich wohl in besserer Gesellschaft hätte befinden können. Aber wenn ich seinen Antrag abgelehnt hätte, so wären darum die Börsen von Signora Croces Anbetern nicht weniger schlecht behandelt worden: ein anderer hätte sich die Konjunktur zunutze gemacht. Meine sittlichen Begriffe waren nicht streng genug, um mich zu veranlassen, ihm meine Beihilfe als Adjutant zu verweigern und meinen Anteil am Kuchen auszuschlagen. Ich nahm also seine Einladung zum Essen an.

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