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Erinnerungen, Band 2

Giacomo Casanova: Erinnerungen, Band 2 - Kapitel 11
Quellenangabe
typeautobio
authorCasanova
titleErinnerungen, Band 2
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
volume2
year1911
senderwww.gaga.net
created20050213
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Zehntes Kapitel

Mein Handel mit der Pariser Justiz. – Fräulein Vesian.

Die jüngere Tochter meiner Wirtin, ein Mädchen von fünfzehn bis sechzehn Jahren, kam oft zu mir, ohne gerufen zu sein. Ich bemerkte bald, daß sie mich liebte, und ich wäre mir selber lächerlich vorgekommen, wenn ich gegenüber einer pikanten, lebhaften, liebenswürdigen Brünetten mit einer entzückenden Stimme den Grausamen hätte spielen wollen.

Während der ersten vier oder fünf Monate kamen zwischen ihr und mir nur kindliche Scherze vor; eines Nachts aber kam ich sehr spät nach Hause und fand sie in tiefem Schlaf auf meinem Bett; ich glaubte sie nicht wecken zu dürfen, zog mich aus und legte mich neben sie. Sie verließ mich mit Tagesanbruch.

Es war noch keine drei Stunden her, daß Mimi mich verlassen hatte, als eine Modistin mit einer reizenden Tochter mich besuchte und sich bei mir zum Frühstück einlud. Ich fand das junge Mädchen wohl eines Frühstückes würdig, da ich jedoch Bedürfnis nach Ruhe hatte, so bat ich sie, zu gehen, nachdem ich mich eine Stunde mit ihnen unterhalten hatte. Gerade als sie hinausgingen, traten Frau Quinson und ihre Tochter ein, um mein Bett zu machen. Ich zog meinen Schlafrock an und setzte mich an den Schreibtisch.

»Oh, diese widerlichen Frauenzimmer!« rief plötzlich die Mutter.

»Auf wen schimpfen Sie denn, Frau Quinson?«

»Das Rätsel ist nicht sehr dunkel, mein Herr; sehen Sie nur, wie die Bettücher beschmutzt sind.«

»Das tut mir leid, meine liebe Dame; aber wechseln Sie sie, und der Schaden wird beseitigt sein.«

Sie ging hinaus, indem Sie Drohungen murmelte: wenn die Weiber jemals wiederkämen, würden Sie es mit ihr zu tun bekommen.

Als Mimi mit mir allein war, machte ich ihr Vorwürfe über ihre Unvorsichtigkeit. Sie antwortete mir lachend, die Liebe habe diese Frauen gesandt, um die Unschuld zu beschützen.

Von diesem Tage an tat Mimi sich keinen Zwang mehr an; sie teilte mein Bett, so oft sie Lust hatte und falls ich sie nicht etwa fortschickte. Am Morgen schlich sie sich dann unbemerkt wieder in ihr Zimmer. Nach vier Monaten aber teilte die Schöne mir mit, unser Geheimnis würde bald entdeckt werden.

»Das tut mir leid,« antwortete ich ihr, »aber ich kann nichts dabei machen.«

»Man muß an irgend eine Abhilfe denken.«

»So denke dran.«

»Woran soll ich denn denken? Ach, mag kommen, was will, ich denke überhaupt nicht mehr dran.«

Etwa im sechsten Monat wurde die Rundung ihres Leibes so stark, daß ihre Mutter nicht mehr an der Sache zweifeln konnte; sie geriet in Wut und schlug das Mädchen, um auf diese Weise den Vater zu erfahren. Mimi nannte mich, und vielleicht log sie nicht.

Im Besitze dieser Entdeckung stürzte Frau Quinson wie eine Furie zu mir ins Zimmer. Sie warf sich in einen Lehnsessel, um Atem zu schöpfen; dann überhäufte sie mich mit Schimpfworten und bedeutete mir schließlich, ich müßte ihre Tochter heiraten. Da ich wußte, worum es sich handelte, und der Sache schnell ein Ende machen wollte, so antwortete ich ihr auf ihre Aufforderung, ich sei bereits in Italien verheiratet.

»So? Warum haben Sie dann meiner Tochter ein Kind gemacht?«

»Ich versichere Ihnen, ich habe nicht die Absicht gehabt; wer hat Ihnen übrigens gesagt, daß gerade ich es gemacht habe?«

»Sie selbst, mein Herr, und sie ist ihrer Sache gewiß.«

»Ich wünsche ihr Glück dazu; aber ich, Madame, ich erkläre Ihnen, daß ich vollkommen zu schwören bereit bin, daß dies durchaus nicht sicher ist.«

»Also?«

»Also nichts. Wenn sie schwanger ist, wird sie ein Kind kriegen.«

Sie ging unter Flüchen und Drohungen hinaus, und am nächsten Tage wurde ich vor den Kommissar des Viertels zitiert. Ich kam der Aufforderung nach und fand bei ihm Dame Quinson, mit allen möglichen Beweisstücken bewaffnet. Nach den üblichen einleitenden Protokollierungen fragte der Kommissar mich, ob ich zugebe, dem Mädchen Quinson den Schimpf angetan zu haben, worüber die anwesende Mutter sich beklagte?

»Herr Kommissar, wollen Sie, bitte, Wort für Wort die Antwort niederschreiben, die ich Ihnen geben werde.«

»Sehr gern.«

»Ich habe Mimi, der Tochter der Klägerin, überhaupt keinen Schimpf angetan; zum Zeugnis berufe ich mich auf das Mädchen selbst, das für mich stets ebensoviel Freundschaft gehabt hat, wie ich für sie empfinde.«

»Sie erklärt, von Ihnen schwanger zu sein.«

»Das ist möglich, aber es ist nicht sicher.«

»Sie sagt, es sei gewiß; denn sie versichert, außer Ihnen keinen Mann gesehen zu haben.«

»Wenn das wahr ist, so ist sie unglücklich; denn in diesem Punkt kann kein Mann einer anderen Frau glauben, als seiner eigenen.«

»Was hatten Sie ihr gegeben, um sie zu verführen?«

»Nichts; denn weit entfernt, sie verführt zu haben, bin ich von ihr verführt worden; wir waren jedoch sofort einig, denn ich bin durch ein hübsches Weib leicht zu verführen.«

»War sie unberührt?«

»Dies zu wissen, bin ich weder vorher noch nachher neugierig gewesen; davon, mein Herr, weiß ich also nichts.«

»Ihre Mutter verlangt von Ihnen eine Genugtuung, und das Gesetz verurteilt Sie.«

»Ich habe der Mutter durchaus keine Genugtuung zu geben, und dem Gesetz werde ich mich nur unterwerfen, wenn man mir nachgewiesen und mich überführt hat, daß ich es verletzt habe.«

»Sie sind dessen bereits überführt; denn finden Sie nicht, daß ein Mann, der in einem Hause, wo er wohnt, einem anständigen Mädchen ein Kind macht, dadurch die Gesetze der Gesellschaft verletzt?«

»Ich gebe dies zu, wenn die Mutter hintergangen wird. Aber wenn diese selbe Mutter ihre Tochter einem jungen Mann ins Zimmer schickt, muß man da nicht annehmen, daß sie gesonnen ist, in Frieden alles hinzunehmen, was die Folge davon sein kann?«

»Sie hat sie nur zu Ihnen hineingeschickt, um Sie zu bedienen.«

»Sie hat mich ja auch genau so bedient, wie ich sie bedient habe; und wenn Frau Quinson sie heute abend zu mir schickt, und wenn es Mimi paßt, so werde ich sie bedienen, so gut es nur geht; aber niemals mit Gewalt und niemals außerhalb meines Zimmers, für das ich stets pünktlich die Miete bezahlt habe.«

»Sie mögen sagen, was Sie wollen, aber Sie werden die Buße bezahlen.«

»Ich zahle nur, was ich für recht halte, und ich werde nichts bezahlen; denn unmöglich kann eine Buße zu bezahlen sein, wo keine Rechtsverletzung vorliegt. Wenn man mich verurteilt, werde ich mich beschweren und werde bis zur höchsten Instanz gehen, bis mir Recht und Billigkeit zuteil wird; denn, mein Herr, ich weiß, daß ich, so wie ich nun einmal bin, niemals so ungeschickt und so jämmerlich sein werde, einem hübschen, jungen Mädchen meine Liebkosungen abzuschlagen, wenn sie mir gefällt und wenn sie darum in mein eigenes Zimmer kommt, besonders wenn ich fest überzeugt bin, daß sie mit der Einwilligung ihrer Mutter kommt.«

Ich las das Protokoll durch, unterschrieb es und entfernte mich. Am nächsten Tage ließ der Polizeistatthalter mich rufen; nachdem er mich, die Mutter und die Tochter angehört hatte, sprach er mich frei und verurteilte die Mutter zur Bezahlung der Kosten. Dies verhinderte mich jedoch nicht, Mimis Tränen nachzugeben und ihrer Mutter die Kosten der Entbindung und des Wochenbettes zu vergüten. Sie bekam einen Jungen, der zum Besten der Nation ins Hotel Dieu geschickt wurde. Bald darauf entfloh Mimi aus der mütterlichen Wohnung, um im Theater der Messe von St.Laurent die Bretter der Bühne zu betreten. Da sie nicht bekannt war, fand sie ohne Mühe einen Liebhaber, der sie für eine Jungfrau hielt. Ich fand sie sehr hübsch, als ich sie einmal wieder traf.

»Ich wußte ja gar nicht,« sagte ich zu ihr, »daß du musikalisch seiest.«

»Ich bin es, wie alle meine Kameradinnen, von denen keine einzige eine Note kennt. Die Mädchen von der Oper verstehen auch nicht mehr davon, und trotzdem singt man zum Entzücken, wenn man ein bißchen Stimme und Geschmack hat.«

Ich lud sie ein, mir und Patu ein Abendessen zu geben, und er fand sie reizend. Später wurde sie liederlich und verscholl. Um diese Zeit erhielten die Italiener die Erlaubnis, auf ihren Theatern Parodien von Tragödien und Opern zu geben. Ich lernte in diesem Theater die berühmte Chantilly kennen, die frühere Geliebte des Marschalls von Sachsen, die man Favart nannte, weil der Dichter dieses Namens sie geheiratet hatte. Sie sang unter donnerndem Beifall die Rolle des Tonton in der Oper Thetis und Peleus von Fontenelle. Sie bezauberte durch ihre Anmut und ihr Talent einen Mann von höchstem Verdienst, den Abbé de Voisenon, mit dem ich ebenso intim bekannt wurde, wie mit Crébillon. Alle Theaterstücke, die als Werke der Frau Favart gelten und deren Namen tragen, stammen von diesem berühmten Abbé, der nach meiner Abreise von Paris zum Mitglied der Akademie erwählt wurde. Ich pflegte eifrig eine Bekanntschaft, die ich zu schätzen wußte, und er beehrte mich mit seiner Freundschaft. Durch mich wurde der Abbé von Voisenon auf den Gedanken gebracht, Oratorien in Versen zu dichten; sie wurden zum erstenmal in den Tuilerien gesungen an den Tagen, wo die Theater aus religiösem Anlaß geschlossen sind. Dieser liebenswürdige Abbé, geheimer Verfasser mehrerer Komödien, hatte eine sehr zarte Gesundheit und einen sehr kleinen Körper: er war ganz Geist und Feinheit und berühmt wegen seiner treffenden scharfen Witzworte, die trotzdem niemanden beleidigten. Er konnte unmöglich Feinde haben, denn seine Kritik streifte kaum die Haut. Eines Tages kam er von Versailles zurück, und ich fragte ihn, was es neues gäbe:

»Der König gähnt,« antwortete er mir, »weil er morgen ins Parlament kommen muß, um dort ein Lit de Justice zu halten.«

»Warum nennt man das ein Lit de Justice?«

»Das weiß ich nicht; vielleicht, weil die Justiz darauf schläft.«

Ich fand das lebende Abbild des berühmten Schriftstellers in Prag wieder in der Person des Herrn Grafen Franz Hardegg, des gegenwärtigen bevollmächtigten Ministers des Kaisers am sächsischen Hofe.

Abbé de Voisenon stellte mich Fontenelle vor, der damals dreiundneunzig Jahre alt war. Fontenelle war Schöngeist, liebenswürdiger Gelehrter, tiefer Kenner der Naturwissenschaften, berühmt durch seine witzigen Bemerkungen. Er konnte kein Kompliment machen, ohne es durch Geist und Liebenswürdigkeit zu beleben. Ich sagte ihm, ich käme eigens aus Italien, um ihn zu sehen.

»Gestehen Sie, mein Herr,« antwortete er, »daß Sie recht lange haben auf sich warten lassen!« Eine höfliche und zugleich kritische Antwort, die auf geistreiche und zugleich feine Art die Lüge meines Komplimentes bloßstellte.

Er schenkte mir seine Werke und fragte mich, ob die französischen Schauspiele mir gefielen; ich antwortete, ich hätte in der Oper Thétis et Pelée gesehen. Dieses Stück ist von ihm, und als ich mich sehr lobend darüber aussprach, antwortete er mir, es wäre eine tête pelée [R1: Glatzkopf].

»Ich war gestern im Français; man gab Athalie.« »Es ist das Meisterwerk Racines, und Voltaire hat mich mit Unrecht beschuldigt, ich hätte ihn kritisieren wollen, indem er mir ein Epigramm zuschrieb, dessen Verfasser niemals bekannt geworden ist; es endet mit den beiden sehr schlechten Versen:

»Pour avoir fait pis qu'Ester,
Comment diable as-tu pu faire ?«

Ich habe erzählen hören, Herr de Fontenelle sei der zärtliche Freund von Frau de Tencin gewesen. Herr d'Alembert sei die Frucht ihres vertrauten Umganges und Le Rond sei nur sein Pflegevater gewesen. d'Alembert lernte ich bei Frau de Graffigny kennen. Der große Philosoph besaß das Geheimnis, niemals gelehrt zu erscheinen, wenn er sich in Gesellschaft liebenswürdiger Personen befand, die keine Ansprüche auf wissenschastliche Bildung machten, und er verstand die Kunst, Leute, die sich mit ihm unterhielten, geistreich zu machen.

Als ich nach meiner Flucht aus den Bleikammern zum zweitenmal nach Paris kam, bereitete ich mir einen Freudentag, indem ich den liebenswürdigen und verehrungswürdigen Fontenelle wieder aufsuchte; aber er starb vierzehn Tage nach meiner Ankunft zu Beginn des Jahres 1757.

Als ich zum drittenmal nach Paris zurückkam, mit der Absicht, dort meine Tage zu beschließen, zielte ich aus die Freundschaft des Herrn d'Alembert; aber er starb wie Fontenelle vierzehn Tage nach meiner Ankunft, gegen Ende des Jahres 1783. Heute fühle ich, daß ich Paris und Frankreich zum letztenmal gesehen habe. Die revolutionäre Bewegung des Volkes hat mich abgestoßen, und ich bin zu alt, um hoffen zu dürfen, daß ich deren Ende erleben werde.

Der Gesandte des Königs von Polen und Kurfürsten von Sachsen am Versailler Hof, Graf von Looz, lud mich im Jahre 1751 ein eine französische Oper ins Italienische zu übertragen. Es sollte ein Werk sein, worin sich reiche Verwandlungen und große Balletts anbringen ließen, die jedoch mit dem Stoff in Verbindung stehen sollten. Ich wählte den Zoroaster des Herrn Cahusac. Ich mußte die Worte der Musik der Gesänge anpassen, was eine schwierige Sache ist. Daher blieb denn auch die Musik schön, aber die italienische Poesie war nicht gerade glänzend. Trotzdem ließ der freigebige Monarch mir eine schöne goldene Tabaksdose überreichen, und ich machte mit meiner Arbeit meiner Mutter ein großes Vergnügen.

Etwa um diese Zeit kam Fräulein Vesian mit ihrem Bruder nach Paris. Sie war blutjung, gut erzogen, ganz unerfahren und im höchsten Grade schön und liebenswürdig; ihr Bruder war bei ihr; ihr Vater, früherer Offizier in französischen Diensten, war in seiner Vaterstadt Parma gestorben. Da sie als Waise ohne alle Mittel dastand, befolgte sie einen Rat, den man ihr gab, verkaufte alle Möbel und Wertsachen, die ihr Vater hinterlassen hatte, und begab sich nach Versailles, wo sie versuchen wollte, von der Gerechtigkeitsliebe und Güte des Königs ein kleines Jahrgeld für ihren Unterhalt zu erlangen. So wie sie aus dem Postwagen ausgestiegen war, nahm sie einen Fiaker und ließ sich nach einem Hotel garni in möglichster Nähe des italienischen Theaters fahren. Der Zufall fügte es, daß sie im Hotel de Bourgogne abstieg, wo ich wohnte.

Am Morgen sagte man mir, in einem Zimmer neben dem meinigen seien zwei frisch angekommene Italiener, Bruder und Schwester; beide seien sehr hübsch, aber nur spärlich mit Gepäck versehen. Italiener, jung, arm, frisch angekommen – das war mehr als genug, um meine Neugier zu erregen. Ich gehe an ihre Türe, klopfe und ein junger Mann im Hemd öffnet mir, indem er sagt: »Mein Herr, ich bitte um Entschuldigung, daß ich in diesem Zustande ihnen aufmache.«

»Im Gegenteil, ich habe mich bei Ihnen zu entschuldigen. Ich komme in meiner doppelten Eigenschaft als Nachbar und als Landsmann, um Ihnen meine Dienste anzubieten.«

Auf der Erde lag eine Matratze; sie stellte das Bett vor, worin der junge Mann geschlafen hatte; ein Bett, das hinter Vorhängen verborgen den Alkoven ausfüllte, ließ mich erraten, wo die Schwester war. Ich bat sie um Entschuldigung, daß ich sie gestört hätte, ohne mich zu erkundigen, ob sie schon aufgestanden wäre. Ohne sich sehen zu lassen, antwortete sie mir, sie hätte, ermüdet von der Reise, ein bißchen länger geschlafen als gewöhnlich; aber sie würde aufstehen, wenn ich ihr Zeit lassen wollte.

»Ich gehe auf mein Zimmer, Fräulein, und werde die Ehre haben, wiederzukommen, sobald Sie mich rufen lassen; ich wohne im Zimmer Nummer so und so viel.«

Anstatt mich rufen zu lassen, erscheint eine Viertelstunde darauf in meinem Zimmer eine schöne, junge Person, die mir voll Anmut eine bescheidene Verbeugung macht, indem sie zu mir sagt, sie wolle mir meinen Besuch erwidern, und ihr Bruder werde sofort kommen. Ich danke ihr, indem ich sie einlade Platz zu nehmen, und spreche ihr meine volle Teilnahme aus. Ihre Dankbarkeit spricht sich noch mehr im Ton ihrer Stimme, als in ihren Ausdrücken aus; ich habe bereits ihr Vertrauen gewonnen, und sie schildert mir in naiver Weise, aber nicht ohne eine gewisse Würde, ihre kurze Lebensgeschichte oder vielmehr ihre Lage und schließt mit den Worten: »Ich muß mir im Laufe des Tages eine weniger teuere Wohnung verschaffen, denn ich habe nur noch sechs Franken übrig.«

Ich frage sie, ob sie Empfehlungsbriefe habe, und sie zieht aus ihrer Tasche ein Paket von Papieren, das aus etwa sieben bis acht Leumunds- und Armutszeugnissen und einem Paß besteht.

»Das ist also alles, was Sie haben, meine schöne Landsmännin?«

»Ja, ich werde mich mit meinem Bruder dem Kriegsminister vorstellen, und ich hoffe, er wird Mitleid mit mir haben.«

»Sie kennen niemanden?«

»Niemanden, mein Herr! Sie sind in Frankreich der erste, dem ich meine Geschichte erzählt habe.«

»Ich bin Ihr Landsmann, und Sie sind mir durch Ihre Lage ebensosehr wie durch Ihre Tugend empfohlen. Ich will Ihr Berater sein, wenn es Ihnen recht ist.«

»Ach, mein Herr, wie großen Dank werde ich Ihnen schuldig sein!«

»Gar keinen. Geben Sie mir ihre Papiere; ich werde sehen, was ich tun kann. Erzählen Sie Ihre Geschichte keinem Menschen. Man darf von Ihrer Lage keine Ahnung haben; vor allen Dingen verlassen Sie das Haus nicht. Hier haben Sie zwei Louis; ich leihe sie Ihnen, und Sie werden sie mir wiedergeben, wenn Sie dazu imstande sind.«

Sie nahm das Geld in tiefer Dankbarkeit an.

Fräulein Vesian war eine Brünette von sechzehn Jahren; interessant in der vollen Bedeutung des Wortes; sie sprach gut französisch und italienisch, hatte Formen, sehr anmutige Manieren und einen edlen Ton, der ihr viel Würde verlieh. Sie schilderte mir ihre Verhältnisse, ohne sich wegzuwerfen, aber auch ohne jenen Ausdruck von Schüchternheit, der von der Befürchtung hervorgerufen zu werden scheint, der Zuhörer möchte sich die ihm anvertraute Not zunutze machen. Sie trat weder zu demütig noch zu zuversichtlich auf; sie hatte Hoffnung und prahlte nicht mit ihrem Mut. In ihrer Haltung lag nichts, was darauf schließen ließ, daß sie mit ihrer Tugend paradieren wollte, obgleich sie eine Art Schamhaftigkeit an sich hatte, die auf jeden Eindruck machen mußte, der sich ungebührlich gegen sie hätte benehmen wollen. Ich verspürte diese Wirkung an mir selber; denn trotz ihrer schönen Augen, ihrem schönen Wuchs, der Frische ihrer Gesichtsfarbe, ihrer schönen Haut, trotz ihrem nachlässigen Hauskleid, mit einem Wort: trotz allem, was einen Mann in Versuchung führen kann und was in mir die glühendsten Begierden erregte, fühlte ich mich doch nicht einen Augenblick schwach werden: sie hatte mir ein Gefühl von Achtung eingeflößt, das mir Selbstbeherrschung verlieh, und ich nahm mir fest vor, nicht nur nichts gegen ihre Tugend zu unternehmen, sondern auf keinen Fall der erste zu sein, der sie auf einen schlechten Weg führte. Ich hielt es sogar für richtig, ein Gespräch dieser Art zurzeit zu vermeiden, weil ich dadurch vielleicht zu einem anderen Verfahren würde gebracht werden können. Ich sagte zu ihr nur folgendes: »Sie sind in eine Stadt gekommen, wo Ihr Geschick sich erfüllen muß, wo alle Vorzüge, mit denen die Natur Sie so reich ausgestattet hat, und die dazu bestimmt zu sein scheinen, Ihr Glück zu machen, im Gegenteil Anlaß zu Ihrem Untergang sein können; denn hier, meine liebe Landsmännin, verachten die Reichen alle Frauen von leichtfertigem Lebenswandel, mit Ausnahme derjenigen, die ihnen ihre Tugend geopfert haben. Wenn Sie tugendhaft sind und es bleiben wollen, so machen Sie sich darauf gefaßt, viel Elend zu erleiden, es sei denn, daß ein ganz besonders glücklicher Zufall Ihnen zu Hilfe käme. Wenn Sie aber über den sogenannten Vorurteilen zu stehen glauben, ich meine, wenn Sie zu allem bereit sind, um ein bequemes Leben führen zu können, so seien Sie wohl auf der Hut, daß Sie nicht betrogen werden. Mißtrauen Sie den goldenen, feurigen Worten, die ein Mann Ihnen sagen wird, um Ihre Huld zu gewinnen: glauben Sie seinen Worten nicht eher, als bis Sie Taten gesehen haben; denn nach dem Genuß erlischt das Feuer, und Sie werden sich betrogen sehen. Hüten Sie sich auch, an uneigennützige Gefühle bei den Männern zu glauben, die der Anblick Ihrer Reize überrascht: sie werden Ihnen falsche Münze in Überfluß geben, aber lassen Sie sich nicht so leicht verführen! Ich für meine eigene Person bin sicher, daß ich Ihnen nichts Böses tun werde, und ich hege die Hoffnung, Ihnen Gutes tun zu können. Damit Sie meinetwegen beruhigt sein können, werde ich Sie behandeln, wie wenn Sie meine Schwester wären; denn ich bin zu jung, um mich Ihnen gegenüber wie ein Vater zu verhalten, und ich würde nicht so zu Ihnen sprechen, wenn ich Sie nicht reizend fände.«

Während ich noch sprach, trat ihr Bruder ein. Er war ein hübscher und wohlgewachsener Junge von achtzehn Iahren, aber er wußte sich nicht zu benehmen, sprach wenig, und sein Gesicht war ausdrucklos. Wir frühstückten zusammen, und auf meine Frage, zu welchem Beruf er die größte Neigung fühle, antwortete er mir, er sei zu allem bereit, um auf anständige Weise seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

»Haben Sie irgend ein Talent?«

»Ich schreibe ziemlich gut.«

»Das ist schon etwas. Wenn Sie ausgehen, so hüten Sie sich vor jedem Verkehr: gehen Sie in kein Kaffeehaus und sprechen Sie auf den öffentlichen Promenaden mit keinem Menschen. Essen Sie zu Hause mit Ihrer Schwester zusammen und lassen Sie sich eine kleine Kammer für sich geben. Schreiben Sie heute irgend etwas auf französisch; geben Sie es mir morgen früh, und wir werden dann sehen. Für Sie, Fräulein, sind hier Bücher, die ich Ihnen zur Verfügung stelle. Ich habe Ihre Papiere; morgen werde ich Ihnen irgend etwas berichten können, denn heute werden wir uns nicht mehr sehen, da ich für gewöhnlich sehr spät nach Hause komme.«

Sie nahm einige Bücher, machte mir eine bescheidene Verbeugung und sagte in einem bezaubernden Ton, sie habe völlig Vertrauen zu mir.

Ich hatte den besten Willen, ihr nützlich zu sein, und sprach daher überall, wohin ich an diesem Abend kam, nur von ihr und ihrem Anliegen, und überall sagten Herren und Damen mir: wenn sie hübsch wäre, würde sie unfehlbar ihren Zweck erreichen, indessen würde sie gut tun, sich recht eifrig zu bemühen. Den Bruder würde man wohl in irgend einem Bureau unterbringen, versicherte man mir. Ich bemühte mich eine Dame der großen Welt ausfindig zu machen, die bereit wäre, sie Herrn d'Argenson vorzustellen. Dies war der richtige Weg für sie, und ich fühlte mich imstande, während der notwendigen Wartezeit für sie zu sorgen. Ich bat Sylvia, sie möchte darüber mit Frau de Montconseil sprechen, die großen Einfluß auf den Kriegsminister hatte. Sie versprach es mir, wünschte aber zuvor das junge Mädchen kennen zu lernen.

Ich kam gegen elf Uhr nach Hause, und da ich in dem Zimmer des jungen Mädchens noch Licht sah, so klopfte ich bei ihr an. Sie öffnete mir, indem sie mir sagte, sie sei in der Hoffnung, mich noch einmal zu sehen, nicht zu Bett gegangen; ich erzählte ihr alles, was ich getan hatte, und fand sie zu allem bereit und voller Dankbarkeit. Sie sprach über ihre Lage mit dem Ausdruck einer edlen Gleichgültigkeit, aber sie hatte diesen nur angenommen, um nicht in Tränen auszubrechen. Sie hielt die Tränen zurück, aber ihre feuchten Augen verrieten, welche Mühe ihr dies kostete. Wir plauderten zwei volle Stunden, und im Laufe des Gesprächs erfuhr ich, daß sie noch niemals geliebt hatte und daher eines Liebhabers würdig war, der sie angemessen entschädigte, falls sie in die Lage geraten sollte, ihm ihre Tugend zum Opfer bringen zu müssen. Es wäre lächerlich gewesen, den Anspruch zu erheben, daß diese Entschädigung in einer Heirat bestände: die junge Vesian hatte noch nicht ihren sogenannten Fehltritt begangen, aber sie war weit entfernt von der Tugendheuchelei gewisser Mädchen, welche sagen, sie würden es um alles Gold der Welt nicht tun, dabei aber gewöhnlich dem ersten Angriff bereits erliegen. Die Vesian wollte weiter nichts, als sich auf eine anständige und vorteilhafte Art ergeben.

Ich stieß einen Seufzer aus, als ich sie ihre Bemerkungen machen hörte, die bei der Lage, worin ein strenges Schicksal sie gestürzt hatte, im Grunde doch sehr vernünftig waren. Ihre Aufrichtigkeit entzückte mich: ich glühte. Lucia von Paseano kam mir wieder ins Gedächtnis; ich erinnerte mich meiner Reue darüber, daß ich mir eine zarte Blume hatte entgehen lassen, die ein anderer, der ihrer weniger würdig war als ich, schleunigst gepflückt hatte. Sie stand vor meinen Augen wie ein Lamm, das vielleicht die Beute eines reißenden Wolfes werden würde. Sie war ihrer ganzen Erziehung nach nicht dazu bestimmt, in Schande zu versinken; sie hatte edle Gefühle, eine feine Bildung, aber trotz alledem konnte vielleicht ihre Unschuld durch einen unreinen Hauch unwiederbringlich vernichtet werden. Ich beklagte mich, nicht imstande zu sein, ihr Glück machen zu können, ohne daß sie Ehre und Tugend zu opfern brauchte. Ich fühlte, daß ich nicht imstande war, sie durch Verführung in meinen Besitz zu bringen, daß ich aber auch nicht ihr Tugendwächter sein konnte, und daß ich, wenn ich als ihr Beschützer auftrat, ihr mehr Schaden als Nutzen bringen mußte – mit einem Wort, daß ich vielleicht nur dazu beitragen würde, sie ganz und gar zugrunde zu richten, anstatt ihr helfen zu können, der peinlichen Lage zu entrinnen, in der sie sich befand. So saß sie denn nun neben mir, und ich sprach mit innigem Gefühl auf sie ein, sagte aber kein Wort von Liebe; doch küßte ich ihr zu oft die Hand und den Arm, ohne aber zu einem Entschluß kommen zu können; denn der erste Anfang hätte zu schnell zum Ende geführt und mich gezwungen, sie für mich zu behalten. Dann aber konnte sie nicht mehr hoffen ihr Glück zu machen, und für mich gab es kein Mittel mehr, mich ihrer wieder zu entledigen. Ich habe die Frauen rasend geliebt, aber ich habe ihnen stets die Freiheit vorgezogen; und wenn ich in Gefahr war, diese zu verlieren, bin ich immer wie durch einen Zufall gerettet worden.

Ich hatte mit Fräulein Vesian etwa vier Stunden verbracht; heiße Flammen der Begier verzehrten mich, aber ich besaß die Kraft, mich zu beherrschen. Sie konnte meine Zurückhaltung nicht der Tugend zuschreiben, und sie wußte nicht, was mich verhindern konnte, auf das Endziel loszugehen; sie mußte mich daher entweder für impotent oder für krank halten. Als ich sie endlich verließ, lud ich sie für den nächsten Tag zum Mittagessen ein.

Unsere Mahlzeit war sehr fröhlich, und als nach dem Essen ihr Bruder ausgegangen war, um einen Spaziergang zu machen, setzten wir uns ans Fenster und sahen die zahlreichen Equipagen, die nach dem italienischen Theater fuhren. Ich fragte sie, ob es ihr Spaß machen würde, ebenfalls hinzugehen; sie lächelte vor Glück, und wir machten uns auf den Weg.

Ich besorgte ihr einen Platz im Amphitheater, wo ich sie allein ließ, indem ich ihr sagte, wir würden uns um elf Uhr zu Hause wieder sehen. Ich wollte nicht bei ihr bleiben, weil ich Fragen zu vermeiden wünschte, die man vielleicht an mich hätte stellen können; denn sie war zwar sehr einfach angezogen, aber gerade dadurch doppelt interessant.

Nach der Vorstellung aß ich bei Sylvia zu Abend und ging dann nach Hause. Zu meiner Überraschung sah ich vor der Tür einen sehr eleganten Wagen halten. Ich fragte, was das für ein Wagen sei, und man antwortete mir, er gehöre einem jungen Kavalier, der mit Fräulein Vesian soupiert habe. So war sie also auf gutem Wege.

Als ich am nächsten Morgen gleich nach dem Aufstehen aus dem Fenster sah, erblickte ich einen Fiaker, der im gleichen Augenblick vor dem Hotel anhielt; ein gut gekleideter junger Herr im Morgenanzug stieg aus, und unmittelbar darauf hörte ich ihn bei meiner Nachbarin eintreten.

Nur Fassung! Mein Entschluß stand fest: ich spielte den Gleichgültigen, um mich selber zu täuschen. Ich kleidete mich zum Ausgehen an, und während ich mit meiner Toilette beschäftigt war, trat Vesian bei mir ein und sagte mir, er wage nicht, in das Zimmer seiner Schwester zu gehen, weil der junge Herr, der mit ihr gespeist habe, soeben eingetreten sei.

»Das ist ganz in der Ordnung,« antwortete ich ihm.

»Er ist reich und sehr hübsch, er will uns persönlich nach Versailles bringen und mir eine Anstellung verschaffen.«

»Dazu wünsch' ich Ihnen Glück; wer ist er?«

»Das weiß ich nicht.«

Ich legte alle ihre Papiere in einen Umschlag und gab ihm diesen, um ihn an seine Schwester weiter zu befördern; hierauf ging ich aus. Als ich um drei Uhr nach Hause kam, übergab die Wirtin mir ein Briefchen von Fräulein Vesian, welche ausgezogen war.

Ich ging auf mein Zimmer, öffnete den Brief und las folgende Worte: »Ich gebe Ihnen das Geld zurück, das Sie mir geliehen haben und danke Ihnen. Graf Narbonne interessiert sich für mich und will ganz gewiß mir wie auch meinem Bruder nur Gutes tun. Ich werde Sie von allem unterrichten und Ihnen die Adresse des Hauses angeben, wo ich auf seinen Wunsch wohnen soll und wo es mir, nach seiner Versicherung, an nichts fehlen wird. Ich lege den größten Wert auf Ihre Freundschaft und bitte Sie, mir diese zu bewahren. Mein Bruder bleibt hier, und mein Zimmer gehört mir noch für den ganzen Monat, denn ich habe alles bezahlt.«

Aha! sagte ich bei mir selber, eine zweite Lucia von Paseano! Da bin ich also zum zweitenmal von meinem dummen Zartgefühl angeführt; denn ich sehe voraus, dieser Graf wird nicht ihr Glück machen. Nun, ich wasche meine Hände in Unschuld!

Ich kleidete mich an und ging ins Französische Theater, um mich nach diesem Narbonne zu erkundigen. Gleich der erste, an den ich mich wandte, sagte mir, er sei der Sohn eines reichen Mannes, ein großer Wüstling und stecke bis über die Ohren in Schulden. Das waren ja schöne Auskünfte! Acht Tage lang besuchte ich alle Theater und öffentlichen Vergnügungsorte, in der Hoffnung, diesen Grafen Narbonne kennen zu lernen. Da mir dies jedoch nicht gelang, begann ich bereits, die Geschichte zu vergessen, als eines Morgens gegen acht Uhr Vesian bei mir eintrat und mir sagte, seine Schwester sei in ihrem Zimmer und wünschte mich zu sprechen. Ich ging sofort hinüber und fand sie traurig und mit rotgeweinten Augen. Sie sagte ihrem Bruder, er möchte spazieren gehen, und erzählte mir darauf folgendes:

»Herr von Narbonne, den ich für einen Ehrenmann gehalten habe, weil ich darauf angewiesen war, einen solchen zu finden, setzte sich neben mich; ich saß noch auf dem Platz, wo Sie mich verlassen hatten. Er sagte mir, mein Gesicht interessiere ihn, und fragte mich, wer ich sei. Ich sagte ihm dasselbe, was ich Ihnen gesagt hatte. Sie versprachen mir, an mich zu denken, aber Narbonne sagte mir, er habe nicht nötig, daran zu denken, sondern könne gleich handeln. Ich glaubte ihm, und meine Vertrauensseligkeit hat mich betrogen: er hat mich hintergangen, er ist ein Schurke.«

Tränen erstickten ihre Stimme; ich trat ans Fenster, um sie ungestört sich ausweinen zu lassen. Nach einigen Minuten setzte ich mich wieder neben sie: »Sagen Sie mir alles, meine liebe Vesian! Erleichtern Sie Ihr Herz durch eine freie Aussprache und quälen Sie sich nicht mit dem Gedanken, daß Sie mir gegenüber schuldig seien; denn im Grunde habe ich mehr Unrecht als Sie. Den Kummer, der Ihnen die Seele zerreißt, würden Sie nicht haben, wenn ich nicht die Unvorsichtigkeit begangen hätte, Sie ins Theater zu führen.«

»Oh, sagen Sie doch das nicht; darf ich es Ihnen übel nehmen, daß Sie mich für eine vernünftige Person gehalten haben? Kurz und gut, das Ungeheuer versprach mir, in der liebevollsten Weise für mich sorgen zu wollen, unter der Bedingung, daß ich ihm einen unbestreitbaren Beweis meiner Zärtlichkeit und meines Vertrauens zu ihm geben wollte; dieses Zeichen des Vertrauens sollte darin bestehen, daß ich ohne meinen Bruder bei einer durchaus anständigen Frau in einem von ihm gemieteten Hause Wohnung nähme. Er bestand darauf, daß mein Bruder nicht mit mir käme, weil die böse Welt ihn für meinen Liebhaber hätte halten können. Ich ließ mich beschwatzen. Ich Unglückliche! Wie habe ich mich ihm hingeben können, ohne Sie um Rat zu fragen ! Er sagte mir, die ehrenwerte Frau, bei der er mich unterbrächte, würde mich nach Versailles bringen ; er selber aber würde dafür sorgen, daß auch mein Bruder dorthin käme, und er würde uns zusammen dem Minister vorstellen. Nach dem Abendessen ging er fort, indem er mir sagte, er würde am nächsten Morgen wiederkommen und mich mit einem Fiaker abholen. Er gab mir zwei Louis und eine goldene Uhr, und ich glaubte, von einem jungen Kavalier, der mir so viele Teilnahme bezeigte, ein solches Geschenk wohl annehmen zu dürfen. Die Frau, der er mich vorstellte, kam mir nicht so respektabel vor, wie sie nach seiner Behauptung sein sollte. Ich habe diese acht Tage bei ihr verbracht, ohne daß er etwas Entscheidendes für mich getan hätte. Er ging frei bei mir aus und ein, und sagte fortwährend: Morgen! Morgen aber hatte er immer irgend eine Abhaltung. Heute früh um sieben Uhr kam nun die Frau zu mir und sagte mir, der Herr sei gezwungen, aufs Land zu gehen; ein Fiaker würde mich nach dem Hotel zurückbringen, von wo er mich abgeholt hätte, und nach seiner Rückkehr würde er mich dort aufsuchen. Hierauf sagte sie mir mit verstellter trauriger Miene, ich müßte ihr die Uhr zurückgeben, weil der Herr Graf vergessen hätte, sie dem Uhrmacher zu bezahlen. Ich gab sie ihr augenblicklich wieder, ohne ein einziges Wort zu antworten, packte meine paar Habseligkeiten in mein Taschentuch, und bin vor einer halben Stunde wieder hier im Hause angelangt.«

»Hoffen Sie ihn nach seiner Rückkehr vom Lande zu sehen?«

»Ich ihn wiedersehen ! O mein Gott, warum habe ich ihn überhaupt jemals gesehen!«

Sie weinte heiße Tränen, und ich gestehe, daß mich niemals ein junges Mädchen so wie sie im Ausdruck ihres Schmerzes gerührt hat. Mitleid trat an die Stelle der zärtlichen Gefühle, die sie mir vor acht Tagen eingeflößt hatte. Das niederträchtige Verhalten Narbonnes empörte mich dermaßen, daß ich ihn auf der Stelle zur Rechenschaft gezogen haben würde, wenn ich nur gewußt hätte, wo ich ihn allein antreffen könnte. Ich hütete mich wohl, das arme Mädchen nach der ausführlichen Geschichte ihres Aufenthalts bei der ehrenwerten Helfershelferin des Herrn von Narbonne zu befragen; ich erriet mehr, als ich zu wissen wünschte, und ich würde Fräulein Vesian gedemütigt haben, wenn ich eine solche Schilderung von ihr verlangt hätte. Übrigens erkannte ich die ganze Gemeinheit dieses Herrn Grafen in der Niedrigkeit, ihr die Uhr wieder abzunehmen, die ihr als Geschenk rechtmäßig gehörte, und die das unglückliche Mädchen nur zu wohl verdient hatte. Ich tat mein Möglichstes, um ihre Tränen zu stillen, und sie hat mich schließlich, ich möchte doch für sie ein Vaterherz haben, sie würde ganz gewiß nichts mehr tun, was sie meiner Freundschaft unwert machen könnte, denn sie wolle sich nur noch durch meine Ratschläge lenken lassen.

»Ei was, meine Liebe! Jetzt müssen Sie nicht nur den unwürdigen Grafen und sein schurkisches Benehmen gegen Sie, sondern überhaupt den ganzen von Ihnen begangenen Fehltritt vergessen! Was geschehen ist, ist geschehen, denn gegen das Vergangene gibt es kein Mittel; aber beruhigen Sie sich und lassen Sie jenen schönen Ausdruck zurückkehren, der vor acht Tagen auf Ihren Zügen glänzte. Damals las man darauf Ehrenhaftigkeit, Unschuld, Aufrichtigkeit und jene edle Zuversicht, die in denen, die ihren Reiz kennen, das Gefühl erweckt. Dies alles muß sich wieder auf Ihrem Gesicht zeigen, denn nur dies erweckt die Teilnahme wackerer Menschen, und Sie haben es mehr denn je nötig, solche Teilnahme zu erregen. Auf meine Freundschaft kommt es wenig an; aber Sie können um so mehr auf diese zählen, da Sie, wie ich glaube, jetzt ein Recht darauf besitzen, das Sie vor acht Tagen noch nicht hatten. Ich bitte Sie, überzeugt zu sein, daß ich Sie nicht verlassen werde, bevor für Sie in angemessener Weise gesorgt ist. Für den Augenblick kann ich Ihnen nichts mehr sagen; aber seien Sie fest überzeugt, daß ich an Sie denken werde.«

»Ach, lieber Freund, wenn Sie mir versprechen, an mich denken zu wollen, so verlange ich nichts mehr. Ich Unglückliche! Kein Mensch auf der Welt denkt sonst an mich!«

Sie war so gerührt, daß sie in Ohnmacht fiel. Ich sprang ihr bei, ohne andere Menschen zur Hilfe zu rufen, und sobald sie wieder zur Besinnung gekommen und ein wenig ruhiger geworden war, erzählte ich ihr tausend wahre oder erdichtete Geschichtchen von den Schelmenstreichen der Leute, die in Paris nur darauf ausgehen, Mädchen zu betrügen. Um sie aufzuheitern, erzählte ich ihr auch scherzhafte Geschichten dieser Art, und zum Schluß sagte ich ihr, sie müsse dem Himmel dafür danken, daß ihr dies mit dem Grafen Narbonne zugestoßen sei, denn dieses Unglück würde dazu dienen, sie in Zukunft vorsichtiger zu machen.

Während dieser langen Unterhaltung unter vier Augen kostete es mir nicht die geringste Mühe, mich aller Liebkosungen zu enthalten; ich berührte nicht einmal ihre Hand, denn ich empfand für sie kein anderes Gefühl als das eines zärtlichen Mitleids, und es war für mich eine wahre Freude, als ich nach zwei Stunden sie ruhig und entschlossen sah, ihr Unglück als Heldin zu ertragen.

Plötzlich stand sie auf, sah mich mit einem Ausdruck bescheidener Zuversicht an und fragte. »Haben Sie heute nichts Dringendes vor?«

»Nein, meine Teuere.«

»Nun, dann haben Sie die Güte, mich irgendwohin außerhalb der Stadt zu führen, wo ich in Freiheit frische Luft atmen kann: dort wird mein Gesicht wieder den Ausdruck bekommen, den es nach Ihrer Meinung haben muß, um ein günstiges Vorurteil für mich zu erwecken, und wenn ich mir dann diese Nacht einen sanften Schlaf verschaffen kann, so werde ich – das fühle ich – doch wieder glücklich werden können.«

»Ich bin Ihnen dankbar für dieses Zutrauen: ich will mich anziehen, und wir werden miteinander ausgehen. In der Zwischenzeit wird Ihr Bruder zurückkommen.«

»Ach, was kommt es denn auf meinen Bruder an!«

»Sehr viel. Bedenken Sie, meine liebe Vesian, Sie müssen Narbonne zwingen, sich seines Betragens zu schämen. Wenn er nun erführe, daß Sie an demselben Tage, wo er Sie fortgeschickt hat, mit mir allein aufs Land gegangen sind, so würde er triumphieren und würde selbstverständlich sagen, er hätte Sie nur so behandelt, wie Sie es verdienten. Wenn Sie aber mit Ihrem Bruder und mit mir, Ihrem Landsmann, zusammen sind, so geben Sie dadurch der üblen Nachrede und der Verleumdung keine Handhabe.«

»Ich schäme mich, nicht selber so vernünftig gedacht zu haben. Wir werden warten, bis mein Bruder zurückkommt.«

Dieser ließ nicht lange auf sich warten, ich ließ einen Fiaker kommen, und wir wollten eben abfahren, als Baletti kam, der mich besuchen wollte. Ich stellte ihn den jungen Leuten vor und lud ihn ein, den Ausflug mitzumachen. Er willigte ein, und wir fuhren ab. Da ich weiter keine Absicht hatte, als das junge Mädchen aufzuheitern, so sagte ich dem Kutscher, er solle nach Gros-Caillou fahren; dort bekamen wir ein ausgezeichnetes improvisiertes Mittagessen, bei dem es um so lustiger herging, je primitiver die Bedienung war.

Da der junge Vesian einen etwas schweren Kopf bekommen hatte, machte er nach dem Essen einen kleinen Spaziergang, und ich blieb mit seiner Schwester und meinem Freunde allein. Ich bemerkte mit Vergnügen, daß Baletti das junge Mädchen liebenswürdig fand, und ich beschloß, ihm vorzuschlagen, er solle sie tanzen lehren. Ich erzählte ihm von ihrer Lage und von dem Anlaß, der sie nach Paris geführt hätte; ich schilderte ihm, wie sie nur geringe Hoffnung hatte, vom König eine Pension zu erhalten, und daß sie sich in der Notwendigkeit befände, irgend einen Beruf zu ergreifen, um leben zu können. Baletti sagte, er sei bereit, alles für sie zu tun, und nachdem er ihren Wuchs und ihre Anlagen geprüft hatte, erklärte er: »Ich werde es möglich machen, Sie bei Lani als Figurantin im Opernballett unterzubringen.«

»Dann müssen wir also«, sagte ich zu ihm, »gleich morgen anfangen, ihr Stunden geben zu lassen. Fräulein Vesian ist meine Nachbarin.«

Die junge Vesian war ganz verblüfft über diesen Plan; sie lachte darüber sehr herzlich und rief aus: »Aber improvisiert man denn eine Operntänzerin wie einen Premierminister? Ich kann Menuett tanzen und habe so viel Gehör, daß ich einen Contre tanzen kann; im übrigen aber kann ich keinen Schritt machen.«

»Die meisten Figurantinnen«, sagte Baletti, »können nicht mehr als Sie.«

»Und wieviel soll ich von Herrn Lani verlangen? Mir scheint, sehr viel kann ich nicht beanspruchen.«

»Nichts. Figurantinnen bei der Oper werden nicht bezahlt.«

»Da bin ich ja dann freilich sehr viel weiter!« sagte sie mit einem Seufzer; »wie soll ich es denn anfangen, um zu leben?«

»Machen Sie sich darum keine Sorgen. So wie Sie sind, werden Sie bald zehn reiche Herren finden, die sich um die Ehre bewerben werden, für das fehlende Gehalt Ersatz schaffen zu dürfen. Ihre Sache wird es sein, eine gute Wahl zu treffen, und ich bin überzeugt, es wird nicht lange dauern, so sehen wir Sie mit Diamanten bedeckt.«

»Jetzt verstehe ich. Sie glauben, irgend ein großer Herr werde mich unterhalten.«

»Ganz recht; und das wird viel besser sein, als ein Jahrgeld von vierhundert Franken, das Sie vielleicht nur um den Preis ebenso großer Opfer erhalten würden.«

Ganz erstaunt sah sie mich an, ob das auch alles ernst gemeint oder etwa nur ein schlechter Witz sei.

Als Baletti einmal auf einen Augenblick hinausging, sagte ich ihr, sie könnte gar keinen besseren Entschluß fassen, falls sie nicht etwa die traurige Ehre vorzöge, Kammerzofe bei irgend einer großen Dame zu werden.

»Ich möchte es nicht einmal bei der Königin sein.«

»Und Figurantin bei der Oper?«

»Viel eher.«

»Sie lachen?«

»Es ist aber auch zum Totlachen. Geliebte eines großen Herrn, der mich mit Diamanten bedecken wird! Ich werde mir den ältesten aussuchen.«

»Vortrefflich, meine Liebe; aber geben Sie ihm keinen Anlaß zur Eifersucht!«

»Ich verspreche Ihnen, ich werde ihm treu sein. Aber wird er auch eine Anstellung für meinen Bruder finden?«

»Zweifeln Sie nicht daran!«

»Aber wer wird mir meinen Unterhalt geben, bis ich bei der Oper eintrete und bis mein alter Liebhaber sich einstellt?«

»Ich, meine Liebe; ich, mein Freund Baletti und alle meine Freunde; und wir verfolgen dabei kein anderes Interesse, als daß wir Ihnen dienen möchten, in der Hoffnung, daß Sie sich vernünftig aufführen werden, und daß wir zu Ihrem Glück beitragen. Sind Sie davon überzeugt?«

»Vollkommen. Ich habe mir vorgenommen, mich nur von Ihren Ratschlägen lenken zu lassen, und ich bitte Sie recht herzlich, stets mein bester Freund zu sein.«

Mit Einbruch der Nacht kamen wir nach Paris zurück. Ich brachte meine Vesian nach Hause und begleitete Baletti zu seiner Mutter. Beim Abendessen nahm mein Freund Sylvia das Versprechen ab, zugunsten unseres Schützlings mit Herrn Lani zu sprechen. Sylvia sagte, dieser Plan wäre besser als die Bewerbung um ein elendes Jahrgeld, das man vielleicht doch nicht erhalten würde. Hierauf wurde von einem Projekt gesprochen, womit man sich damals trug und das darin bestand, sämtliche Plätze der Opernfigurantinnen und Chorsängerinnen zu verkaufen. Man ging sogar mit dem Gedanken um, hohe Preise dafür festzusetzen; denn man sagte, je teurer diese Plätze wären, in desto höherer Schätzung würden die Mädchen stehen, die sie kauften. In Anbetracht der skandalösen Sitten jener Zeit trug dieser Plan einen Anstrich von Weisheit; denn er hätte in gewisser Art eine Kaste emporgehoben, deren Mitglieder mit wenigen Ausnahmen sich mit ihrer Verächtlichkeit zu brüsten scheinen.

Damals waren bei der Oper mehrere kaum noch leidlich zu nennende, sondern eher häßliche Figurantinnen, Sängerinnen sowohl wie Tänzerinnen, die nicht das geringste Talent hatten und trotzdem in behaglichem Wohlstand lebten; denn es ist nun einmal die allgemeine Meinung, daß ein Opernmädchen von Berufswegen auf Tugend und Anstand verzichten muß, wenn sie nicht vor Hunger sterben will. Wenn aber eine Neueintretende so geschickt ist, auch nur einen Monat anständig zu bleiben, so ist unzweifelhaft ihr Glück gemacht; denn alsdann suchen gerade die im Rufe eines ehrbaren Lebenswandels stehenden reichen Herren sich dieses Ausbundes von Tugendhaftigkeit zu bemächtigen. Diese Art Leute sind entzückt, wenn beim Erscheinen ihrer Schönen das Publikum ihre Namen nennt; sie lassen ihnen sogar einige Abweichungen vom Wege der Tugend durchgehen, wenn die Untreue nicht gar zu auffallend ist; übrigens gehört es zum guten Ton, niemals ohne Anmeldung zum Abendessen bei seiner Schönen zu gehen; man wird begreifen, wie vernünftig dieser Brauch ist.

Gegen elf Uhr kam ich nach Hause, und da ich Fräulein Vesians Zimmertür offen sah, so trat ich bei ihr ein. Sie lag im Bett, aber sie sagte mir: »Ich werde aufstehen, denn ich wünsche mit Ihnen zu sprechen.«

»Machen Sie keine Umstände; wir können auch so miteinander sprechen. Außerdem finde ich Sie schöner, so wie Sie sind.«

»Das freut mich.«

»Was haben Sie mir also zu sagen?«

»Nichts; ich wollte nur gerne mit Ihnen über meinen künftigen Beruf sprechen. Ich werde also die Tugend hochhalten, um jemanden zu finden, der sie nur deshalb liebt, um sie zu zerstören.«

»Das ist allerdings wahr; aber auf dieser Welt geht es ja mit allem so ähnlich. Der Mensch bezieht alles auf sich, und jeder ist ein Tyrann in seiner Art. Ich sehe mit Freuden, daß Sie auf dem Wege sind, Philosophin zu werden.«

»Wie macht man es, um das zu werden?«

»Man denkt.«

»Muß man lange denken?«

»Sein ganzes Leben lang.«

»Man wird also niemals fertig?«

»Niemals; aber man gewinnt dabei, soviel man überhaupt gewinnen kann, und man verschafft sich den ganzen Anteil von Glück, der einem überhaupt beschieden ist.«

»Und wie wird dieses Glück empfunden?«

»Es wird empfunden in allen Freuden, die der Philosoph sich verschafft, wenn er das Bewußtsein hat, sie sich durch eigene Mühe verschafft zu haben, besonders dadurch, daß er den Haufen von Vorurteilen abgestreift hat, die aus den meisten Menschen eine Schar großer Kinder machen.«

»Was heißt Freude? Und was versteht man unter Vorurteilen?«

»Freude nenne ich den wirklichen Sinnengenuß: eine vollständige Befriedigung alles dessen, was sie begehren, und wenn die erschöpften Sinne Ruhe verlangen, um entweder frischen Atem zu schöpfen, oder um neue Kräfte zu sammeln, dann verschafft die Phantasie neue Freuden. Ein Philosoph ist darum derjenige, der sich keine Freude versagt, es sei denn, daß sie noch größere Schmerzen hervorruft, und der sich neue Freuden zu schaffen weiß.«

»Und Sie sagen, dies geschehe dadurch, daß man Vorurteile von sich abstreift? Sagen Sie mir doch, was Vorurteile sind, und wie es einem gelingt, sich von ihnen frei zu machen.«

»Sie richten da eine Frage an mich, meine Liebe, auf die man nicht leicht antworten kann, denn die Moralphilosophie kennt keine größere Frage; das will sagen: keine Frage, die schwieriger zu lösen wäre. Daher dauert denn auch diese Lektion das ganze Menschenleben hindurch. Ich will Ihnen in aller Kürze nur so viel sagen, daß man Vorurteil jede sogenannte Pflicht nennt, die man nicht in der Natur begründet findet.«

»Der Philosoph muß also vor allen Dingen die Natur studieren?«

»Weiter hat er überhaupt nichts zu tun, und der Weiseste ist derjenige, der sich am wenigsten täuscht.«

»Welcher Philosoph hat sich nach Ihrer Meinung am wenigsten getäuscht?«

»Sokrates.«

»Aber er hat sich geirrt?«

»Ja, in der Metaphysik.«

»Nun, daraus mache ich mir nichts, denn ich glaube wohl, er hätte dieses Studium entbehren können.«

»Da irren Sie sich; denn die Moral selbst ist nur die Metaphysik der Physik. Alles ist Natur, und Sie können meinetwegen jeden Menschen einen Narren nennen, der Ihnen erzählen will, er habe eine neue Entdeckung auf dem Gebiete der Metaphysik gemacht. Aber wenn ich dieses Thema noch weiter behandeln wollte, meine Liebe, so würde ich vielleicht bald Ihnen dunkel erscheinen. Überstürzen Sie nichts! Denken Sie! Bringen Sie Ihre Grundsätze in Einklang mit einer gesunden Vernunft und behalten Sie stets Ihr Glück im Auge; so werden Sie schließlich glücklich sein.«

»Der Unterricht, den Sie mir in diesem Augenblick gegeben haben, ist mir viel lieber als der, den ich morgen von Herrn Baletti erhalten soll; denn ich sehe voraus, daß ich mich dabei langweilen werde, und jetzt, in Ihrer Gesellschaft, langweile ich mich nicht.«

»Woran bemerken Sie, daß Sie sich nicht langweilen?«

»An meinem Wunsch, daß Sie nicht von mir gehen mögen.«

»Wahrhaftig, meine liebe Vesian, niemals hat ein Philosoph besser die Langeweile definiert, als Sie vorhin. Welches Vergnügen! Wie kommt es, daß ich Lust habe, es Ihnen durch eine Umarmung zu bezeigen?«

»Weil ohne Zweifel unsere Seele nur dann glücklich sein kann, wenn sie sich mit unseren Sinnen im Einklang befindet.«

»Wie, göttliche Vesian! Ihr Geist entzückt mich.«

»Sie, mein lieber Freund, haben ihn zur Entfaltung gebracht, und ich bin Ihnen dafür so dankbar, daß ich Ihren Wunsch teile.«

»Was hindert uns, einen so natürlichen Wunsch zu befriedigen? In meine Arme!«

Was für eine philosophische Lektion! Sie erschien uns so süß, und unser Glück war so vollkommen, daß wir bei Tagesanbruch uns noch immer umarmt hielten und daß wir erst beim Schein der Sonne bemerkten, daß die Tür die ganze Nacht offen geblieben war.

Baletti gab ihr einige Unterrichtsstunden, und sie wurde bei der Oper angenommen; aber sie war nur zwei oder drei Monate lang Figurantin, da sie sich sorgfältig nach den Vorschriften richtete, die ich ihr gegeben hatte und die sie mit ihrem überlegenen Geist für einzig richtig erkannt hatte. Mit einem Narbonne gab sie sich nicht mehr ab; sie erhörte schließlich die Bewerbungen eines Kavaliers, der von allen anderen verschieden war, denn er begann damit, sie von der Bühne wegzunehmen. Dies hätte kein anderer getan, denn es war damals nicht guter Ton. Der Glückliche war der Herr Graf de Tressan oder Tréan — ich erinnere mich seines Namens nicht mehr genau. Sie führte sich sehr gut auf und blieb bei ihm bis zu seinem Tode.

Jetzt spricht kein Mensch mehr von ihr, obwohl sie in sehr behaglichen Verhältnissen lebt; aber sie ist sechsundfünfzig Iahre alt, und in diesem Alter ist eine Frau in Paris so gut wie nicht mehr vorhanden.

Von dem Augenblick an, wo sie das Hotel de Bourgogne verließ, sah ich sie nicht mehr. Als ich sie, mit Diamanten bedeckt, wieder sah, grüßten unsere Seelen sich vor Freude, aber ihr Glück lag mir zu sehr am Herzen, als daß ich es hätte wagen mögen, ihr nachzustellen. Ihr Bruder bekam eine Anstellung, aber ich verlor ihn aus den Augen.

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