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Erinnerungen aus galanter Zeit

Giacomo Casanova: Erinnerungen aus galanter Zeit - Kapitel 8
Quellenangabe
typeautobiography
authorGiacomo Casanova
titleErinnerungen aus galanter Zeit
publisherWilhelm Borngräber
printrun31. bis 35. Tausend
editorChristian Kraus
year1916
illustratorF. v. Bayros
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140828
projectid2595d4a7
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In Konstantinopel und auf Corfu

Als ich in der Uniform vor Herrn Grimani, meinem Vormund, erschien, schrie er vor Verwunderung auf, nicht weniger erstaunten meine andern Bekannten, unter denen ich besonders Madame Orio begrüßte, welche die Freundlichkeit hatte, mir ein Zimmer für die Zeit meines Aufenthalts zu vermieten; da dies neben dem ihrer Nichten lag, so kann man sich denken, welch köstliche Nächte das Trio verbrachte. Alle Zweifel, die sich an meine Existenz als Offizier doch wohl anhängen konnten, schlug ich mit eins nieder: durch ein forsches Betragen einem Herrn gegenüber, welcher meine Auskunft unwahr nannte, daß ich, ohne Quarantäne zu halten, über die Grenze gekommen sei. Ein Freund bestimmte mich, Dienste bei dem Heer der Republick zu nehmen, und so trat ich denn als Fähnrich ein ins Regiment Bala auf Corfu, wohin ich am fünften Mai eingeschifft wurde. Außerdem hatte ich mich bemüht, mit dem Bailo bei der ottomanischen Pforte, welcher in spätestens zwei Monaten abgehen sollte, die Fahrt nach Konstantinopel machen zu dürfen, was mir auch zugestanden wurde. Auf der Fahrt nach Corfu machten wir in Orsera Station, wo ich auch bei meiner Fahrt nach Ankona an Land gegangen war. Ich spazierte auch diesmal am Lande, als mich ein Mensch von gutem Aussehen ansprach: es konnte kein Gläubiger sein, so ließ ich mich in ein Gespräch mit ihm ein. Da er mich aber fragte, ob ich nicht vor einiger Zeit in geistlichem Gewand hier gewesen, wurde ich ungehalten, worauf er um Verzeihung bat, aber er sei mir zum größten Dank verpflichtet. Verwundert fragte ich, wieso? Und mußte nun erfahren, er sei Chirurgus, und hätte er früher mit Schröpfen und Schrammenverbinden gerade seinen Lebensunterhalt erworben, so sei er jetzt so weit, daß er sein Geld anlegen könne und nur dadurch sei er zur Wohlhabenheit gelangt, daß ich der Haushälterin des Don Hieronymus bei meinem Aufenthalt ein verliebtes Andenken hinterlassen, welches diese einem Freunde mitteilte, der es schleunigst seiner Frau übertrug. Diese, um nicht zurückzubleiben, gab es einem Wüstling, welcher so damit hauste, daß der Chirurgus in einem Monat fünfzig Kunden mehr zählen konnte. »Ich habe noch einige Kunden, aber in einem Monate werde ich keinen mehr haben, denn die Krankheit ist nicht mehr vorhanden. Sie können sich jetzt denken, welche Freude ich gehabt, als ich Ihnen begegnet. Diese Begegnung ist mir als eine gute Vorbedeutung erschienen. Darf ich mir schmeicheln, daß Sie wenige Tage hierbleiben werden, um die Quelle meines Glückes wieder aufzufrischen?« Ich lachte, aber ihn betrübte ich, als ich ihm sagte, ich befände mich äußerst wohl. Er gab mir zum Abschied noch einige gute Mahnungen, denn das Land, wohin ich ginge, sei voll verdorbener Ware. – Nach einer stürmischen Fahrt kamen wir nach Corfu, wo ich während der Zeit, in welcher ich den Bailo erwartete, mich nur im Kaffeehaus herumtrieb; dort saß ich so oft an der Pharaobank, daß ich all mein Geld verlor und die Ankunft des Bailo freudig begrüßte. Ich wurde als Adjutant des Bailo, eines Ritters Venier, mit einem halbjährigen Urlaub versehen und dem glänzenden Gefolge eingereiht. Gleich nach unsrer Ankunft in Konstantinopel meldete ich mich beim Pascha von Karamanien, der früher Graf Bonnival hieß, eines Abenteurers, der am Türkischen Hofe sein Glück gemacht hatte. Mit aller Zuvorkommenheit wurde ich von ihm aufgenommen. Das Bedeutungsvollste meines Aufenthaltes war aber die Bekanntschaft mit Jussuf-Ali, einem Manne von sechzig Jahren, den ich bald regelmäßig in seinem Hause besuchte, wobei wir die tiefsten philosophischen Gespräche führten, welche meist von Religion handelten, bis wir eines Tages auf die Liebe kamen. Gegen Ende dieses Gesprächs machte mir Jussuf folgenden Vorschlag: »Ich habe«, sagte er, »eine Tochter, welche nach meinem Tode alles, was ich besitze, erhalten wird, und ich bin auch imstande, das Glück desjenigen, der sie heiratet, bei meinen Lebzeiten zu begründen. Vor fünf Jahren habe ich ein junges Weib genommen, aber sie hat mir keine Nachkommenschaft gegeben, und ich bin sicher, daß sie mir keine geben wird. Zelmi, meine Tochter, ist fünfzehn Jahre alt; sie ist schön, hat schwarze und glänzende Augen, die schönsten schwarzen Haare, eine Alabasterhaut, ist groß, schön gewachsen und von sanftem Charakter; ich habe ihr eine Erziehung gegeben, welche sie würdig machen würde, das Herz unsers Herrn zu besitzen. Sie spricht geläufig Griechisch und Italienisch; sie singt entzückend und begleitet sich mit der Harfe; sie zeichnet, stickt und lebt immer in heiterster Laune. Es gibt keinen Menschen, der sich rühmen könnte, je ihre Figur gesehen zu haben, und sie liebt mich so sehr, daß sie keinen andern Willen als den meinigen hat. Dieses Mädchen ist ein Schatz, und ich biete sie dir an, wenn du ein Jahr bei einem meiner Verwandten wohnen willst, um unsre Sprache, Religion und Sitten zu lernen. Nach Verlauf eines Jahres kommst du wieder, und sobald du dich als Muselmann erklärt, wird meine Tochter deine Frau. Du wirst ein eingerichtetes Haus und Sklaven, deren Herr du sein wirst, sowie eine Rente, vermittels welcher du im Überflusse leben kannst, erhalten. So ist die Sache. Du brauchst mir nicht heute oder morgen oder an einem bestimmten Tage zu antworten. Du sollst mir antworten, wenn dein Geist dich dazu treibt, und deine Antwort wird die Annahme meines Anerbietens sein; denn wenn du es nicht annimmst, brauchen wir nicht weiter davon zu sprechen. Denk auch nicht daran, denn von dem Augenblicke an, wo ich den Samen in deine Seele gestreut, wird es nicht mehr in deiner Macht stehen, die Erfüllung zu wollen oder dich ihr zu widersetzen. Ohne dich zu übereilen, ohne zu zögern, ohne dich zu beunruhigen, wirst du nur den Willen Gottes tun, nur dem unwiderruflichen Beschlusse seiner Vorsehung folgen. Wie ich dich kenne, brauchst du nur die Gesellschaft Zelmis, um glücklich zu werden, und ich sehe voraus, daß du eine Säule des Türkischen Reiches werden wirst.« Als Jussuf geendet, drückte er mich gegen sein Herz, und um mir nicht Zeit zur Antwort zu lassen, ging er weg. Als ich mich entfernte, war mein Geist von allem, was ich gehört, so sehr eingenommen, daß ich nach Hause kam, ohne es gewahr zu werden. Die Bailis fanden mich nachdenkend und fragten mich um den Grund; aber man kann sich wohl denken, daß ich ihre Neugier nicht befriedigte. Ich fand, was Jussuf mir gesagt, nur zu wahr; die Sache war von so großer Wichtigkeit, daß ich sie nicht nur niemand mitteilen, sondern auch selbst nicht daran denken durfte, bis ich ruhig genug geworden, um sicher zu sein, daß kein fremder Einfluß sich in die Wagschale legte, in welcher mein Entschluß abgewogen werden sollte. Alle meine Leidenschaften mußten schweigen; die Befangenheiten, Vorurteile, die Liebe und selbst das persönliche Interesse mußte in der Ruhe der vollständigsten Untätigkeit bleiben. Am folgenden Tage, nachdem ich erwacht und oberflächlich an die Sache gedacht, sah ich wohl, daß nichts meinem Entschlusse mehr hinderlich werden könne als das Denken daran, und daß der Entschluß in dieser Sache mir wie durch Eingebung und ohne Nachdenken kommen müsse. Ich war in der Lage, das sequere Deum der Stoiker auf mich anzuwenden. Ich brachte vier Tage hin, ohne Jussuf zu besuchen, und als ich am fünften zu ihm kam, plauderten wir heiter, ohne von der Sache zu sprechen, obschon wir unmöglich nicht daran denken konnten. So lebten wir vierzehn Tage, ohne über das, was uns am meisten beschäftigte, eine Silbe verlauten zu lassen; aber da unser Schweigen nicht aus Verstellung oder einem der Achtung und Freundschaft entgegengesetzten Gefühle entsprang, sagte er eines Tages zu mir, er glaube, daß ich einem Weisen seinen Vorschlag mitgeteilt, um mich mit einem guten Rate auszurüsten. Ich versicherte ihm das Gegenteil, indem ich zu ihm sagte, ich glaube in einer so zarten Sache dem Rate keines Fremden folgen zu dürfen. »Ich habe mich Gott übergeben, mein teurer Jussuf, und da ich zu diesem volles Vertrauen habe, so bin ich sicher, einen guten Entschluß zu fassen, sei es, daß ich mich entschließe, dein Sohn zu werden, oder daß ich bleibe, was ich bin.« Unterdes beschäftigt der Gedanke an diese Sache meine Seele morgens und abends, in den Augenblicken, wo ich mir gegenüber ruhig bin und sie still und gesammelt ist. »Wenn ich mich entschlossen, werde ich dir, dir allein die Nachricht bringen, und von diesem Augenblicke an wirst du über mich die Gewalt eines Vaters haben.« Bei diesen Worten legte der tugendhafte Jussuf, dem die Tränen in den Augen standen, seine linke Hand auf mein Haupt und die beiden ersten Finger der rechten Hand auf meine Stirn und sprach: »Fahre so fort, mein teurer Sohn, und sei überzeugt, daß du dich nicht täuschen wirst.« »Aber«, sagte ich, »könnte es nicht der Fall sein, daß Zelmi mich nicht nach ihrem Sinn fände?« »Beruhige dich darüber. Meine Tochter liebt dich, sie hat dich gesehen; sie, sowie meine Frau und ihre Gouvernante sehen dich, so oft wir zusammen sprechen, und sie hört dir mit Vergnügen zu.« »Aber sie weiß nicht, daß du sie mir zur Frau geben willst?« »Sie weiß, daß ich wünsche, du möchtest ein Gläubiger werden, damit du dein Geschick mit dem ihrigen vereinigst.« »Ich freue mich, daß du sie mir nicht zeigen darfst, denn sie könnte mich blenden, und dann würde die Leidenschaft den Ausschlag geben; ich dürfte mir nicht mehr schmeicheln, mich aus reiner Seele entschieden zu haben.« Jussufs Freude, als er mich so reden hörte, war außerordentlich, und ich war wirklich aufrichtig. Die bloße Idee, Zelmi zu sehen, erfüllte mich mit Schauer. Ich fühlte, daß wenn ich mich in sie verliebte, ich Muselmann werden würde, um sie zu besitzen, und ich würde das gewiß bereut haben. Ich gab etwas auf die Achtung der angesehenen Personen, welchen ich bekannt war, und ich wollte mich ihrer nicht unwürdig machen. Übrigens war ich auch von dem Wunsche beseelt, mich unter den gebildeten Nationen berühmt zu machen, entweder in den schönen Künsten oder in der Literatur, oder in jeder andern ehrenvollen Laufbahn, und ich konnte mich nicht entschließen, andern die Triumphe zu überlassen, welche mir vorbehalten sein konnten. Was mich vorzüglich zurückschreckte, war die Idee, ein Jahr in Adrianopel leben zu müssen, um eine barbarische Sprache zu lernen, gegen welche ich eine Abneigung fühlte, und welche ich also schlecht gelernt haben würde. Wie sollte ich in meinem Alter auf das der Eigenliebe so schmeichelhafte Vorrecht, ein guter Redner zu sein, verzichten! Und überall, wo man mich kannte, hatte ich diesen Ruf. Wenige Tage nachher frühstückte ich mit Bonneval bei Ismail, zu dem ich nicht mehr allein ging, da er mir einmal allzu zärtliche Beweise seiner Freundschaft geben wollte, welche dem Türken nicht schändlich, mir aber wider den Geschmack gehen. Wir sahen eine Pantomime von neapolitanischen Sklaven aufgeführt, wodurch das Gespräch auf die Forlana, einen venetianischen Tanz, kam, den Ismail brennend gern sehen wollte. Ich spielte auf einer Violine die Melodie, aber ich konnte nicht zugleich tanzen. Ismail stand plötzlich auf, sprach mit einem Eunuchen, welcher hinausging, zu mir aber sagte er, eine Tänzerin sei gefunden, worauf ich erwiderte, man könne einen Violinspieler sicher aus dem venetianischen Palast erhalten. Es wurde hingeschickt, und bald darauf kam ein tüchtiger Violinspieler. Kaum hatte der mit dem Tanz begonnen, öffnet sich eine Tür und eine schöne Frau, deren Gesicht mit einer schwarzen Maske, in Venedig moretta geheißen, bedeckt war, erscheint. Die ganzen Gesellschaft war entzückt, denn es war unmöglich, sich vollkommenere Formen vorzustellen, sowohl an Schönheit dessen, was man von ihrer Figur sehen konnte, wie an Eleganz der Formen, an Liebreiz ihres Wuchses, an wollüstiger Weichheit der Umrisse und an ausgezeichnetem Geschmack des Anzugs. Die Nymphe stellt sich auf, ich folge ihr, und wir tanzen sechs Tänze hintereinander. Ich war ganz Feuer und völlig außer Atem, denn es gibt keinen ungestümeren Nationaltanz; aber die Schöne hielt stand, sie kein Zeichen der Ermüdung sehen und schien mich herauszufordern. Bei der Balletronde, welche das Schwierigste ist, schien sie zu schweben. Ich war außer mir vor Erstaunen, denn ich erinnerte mich nicht, diesen Tanz selbst in Venedig so gut tanzen gesehen zu haben. Nach einigen Minuten der Ruhe trat ich einigermaßen beschämt über meine Ermattung an sie heran und sagte: Ancora sei, e poi basta, se non volete vedermi a morir. (Noch sechs und dann genug, wenn Sie mich nicht sterben sehen wollen.) Sie würde geantwortet haben, aber sie trug eine jener grausamen Masken, mit welcher man kein einziges Wort sprechen kann. In Ermangelung des Worts ließ mich ein Händedruck, den niemand gewahr werden konnte, alles erraten. Sobald die sechs Forlanen zu Ende waren, öffnete ein Eunuche die Tür, und meine schöne Partnerin verschwand. Ismail erschöpfte sich in Danksagungen, und doch war ich ihm Dank schuldig, denn dies war das einzige wahre Vergnügen, welches ich in Konstantinopel hatte. Ich fragte ihn, ob die Dame Venetianerin wäre, er aber antwortete mir mit einem bedeutungsvollen Lächeln. Wir trennten uns gegen Abend. »Dieser brave Mann«, sagte Bonneval als wir uns entfernten, »ist das Opfer seiner Prachtliebe geworden, und ich bin sicher, daß er das, was er getan, schon bereut: seine schöne Sklavin mit Ihnen tanzen zu lassen. Nach dem Vorurteile des Landes schadet er dadurch seinem Rufe; denn es ist unmöglich, daß Sie dies arme Mädchen nicht entflammt haben sollten. Ich rate Ihnen, mißtrauisch und auf Ihrer Hut zu sein; denn sie wird eine Intrige mit Ihnen anzuknüpfen suchen, und infolge der Sitten dieses Landes sind diese Intrigen immer gefährlich.« Ich versprach ihm, keinen unbesonnenen Schritt zu tun, aber ich hielt nicht Wort; denn drei oder vier Tage später bot mir eine alte Sklavin einen mit Gold gestickten Tabaksbeutel für einen Piaster zum Kaufe an, und als sie ihn in meine Hände legte, ließ sie mich fühlen, daß er einen Brief enthielt. Ich bemerkte, daß sie sich den Augen des mir folgenden Janitscharen zu entziehen suchte. Ich gab ihr einen Piaster, sie entfernte sich und ich setzte meinen Weg nach Jussufs Hause fort. Ich fand den guten Türken nicht zu Hause und ging in seinem Garten spazieren, um den Brief in Muße lesen zu können. Er war zugesiegelt und ohne Adresse; die Sklavin konnte sich getäuscht haben; das vermehrte meine Neugierde; ich breche das Siegel auf und lese in ziemlich korrektem Italienisch: ›Wenn Sie neugierig sind, die Person zu sehen, welche die Forlana mit Ihnen getanzt hat, so gehen Sie gegen Abend im Garten jenseits des Bassins spazieren und machen Sie sich mit der Magd des Gärtners bekannt, indem Sie von ihr eine Limonade erbitten. Vielleicht werden Sie mich sehen können, ohne sich einer Gefahr auszusetzen. Ich bin Venetianerin. Sie dürfen diese Einladung niemand mitteilen.‹ »Meine schöne Landsmännin,« rief ich aus, als ob sie zugegen gewesen wäre, »ich bin nicht so einfältig!« stecke den Brief nichtsdestoweniger in die Tasche, und siehe da, es kommt eine schöne alte Frau hinter einem Gebüsche hervor, nennt meinen Namen, fragt, was ich wolle und wie ich sie gesehen. Ich antworte ihr lächelnd, ich hätte in die Luft gesprochen und nicht geglaubt, daß mich jemand höre; ohne weiteres sagt sie nun, sie freue sich, mich zu sehen, sie sei Römerin, habe Zelmi erzogen und sie singen und Harfe spielen gelehrt. Darauf fängt sie an, die Schönheit und guten Eigenschaften ihrer Schülerin zu loben, sagt, ich würde mich gewiß in sie verlieben, wenn ich sie sähe, und wie sehr sie bedaure, daß dies nicht gestattet sei. »Hinter dieser grünen Jalousie steht sie und sieht uns, und wir lieben Sie, seitdem Jussuf uns gesagt, daß Sie der Gemahl Zelmis werden könnten.« »Darf ich Jussuf von unserer Unterhaltung erzählen?« fragte ich. Ihr »Nein« belehrte mich, daß sie mir ihren reizenden Zögling gezeigt haben würde, wenn ich mir die geringste Mühe gegeben, und daß sie vielleicht in dieser Hoffnung mit mir zu sprechen gesucht; aber die Furcht, einen Schritt zu tun, welcher meinem teuren Freunde mißfallen könnte, hielt mich zurück. Ohne dies und sicher mehr noch als dies fürchtete ich ein Labyrinth zu betreten, in welchem der Anblick eines Türken mich mit Schaudern erfüllt haben würde. Jussuf kam hinzu und war keineswegs ärgerlich, mich in Gesellschaft dieser Frau zu finden, sondern wünschte mir Glück zu dem Vergnügen, welches ich in dem Gespräche mit einer Römerin finden müßte. Er gratulierte mir hierauf zu meinem Tanze mit einer der Haremschönheiten des wollüstigen Ismail. »Das ist also etwas sehr Seltenes, da man davon spricht?« »Etwas sehr Seltenes, da wir das Vorurteil haben, die Schönen nicht den Blicken der Neidischen auszusetzen; aber jeder kann in seinem Hause tun, was ihm beliebt. Übrigens ist Ismail ein galanter Mann und ein Mann von Geist.« Wir verlebten einen heiteren Tag, und als ich ihn verlassen, begab ich mich zu Ismail. Als der Eunuch mich bemerkte, sagte er, sein Herr wäre ausgegangen, aber er würde mit Vergnügen hören, daß ich einen Spaziergang gemacht. Ich sagte, ich würde gern ein Glas Limonade trinken, und er führte mich zum Kiosk, wo wir die alte Botin fanden. Wir gingen hierauf jenseits des Bassins spazieren, aber der Eunuch bemerkte plötzlich, wir müßten umkehren, weil er drei Damen kommen sähe, denen wir nach dem Anstand aus dem Wege gehen müßten. Bald darauf entfernte ich mich, nicht unzufrieden mit meinem Spaziergange und voller Hoffnung, ein andermal glücklich zu sein. Morgens bekam ich ein Billett von Ismail, in welchem er mich bat, am nächsten Tage mit ihm auf die Fischerei zu gehen; wir würden, bemerkte er, im Mondscheine fischen bis tief in die Nacht hinein. Zur festgesetzten Stunde stellte ich mich ein und Ismail empfing mich mit den Zeichen der herzlichsten Freundschaft; aber als ich in das Boot stieg, sah ich mich zu meiner Verwunderung allein mit ihm. Er hatte zwei Ruderer und einen Steuermann, und wir fingen einige Fische, welche wir, nachdem sie in Öl gebraten worden waren, in einem Kiosk verspeisten. Es war Mondschein und eine jener köstlichen Nächte, von welchen man sich keine Vorstellung machen kann, wenn man sie nicht gesehen. Da ich allein mit Ismail war und seine unnatürlichen Gelüste kannte, fühlte ich mich nicht sehr behaglich, aber plötzlich sagte er: »Gehen wir leise weg, ich höre ein Geräusch, das mich etwas sehr Unterhaltendes ahnen läßt.« Er schickt seine Leute fort, nimmt mich bei der Hand und führt mich leise in ein Kabinett, welches ein nach dem Bassin hinausgehendes Fenster hatte. Er versprach mir ein hübsches Schauspiel, da sicher einige seiner Damen soeben badeten. Der Mond warf seinen vollen Schein auf den Wasserspiegel, und so erblickten wir drei Nymphen, welche bald schwimmend, bald auf den Marmorstufen stehend oder sitzend, sich uns unter allen erdenkbaren Gesichtspunkten und Stellungen der Grazie und der Wollust zeigten. Leser, ich muß dir die Einzelheiten dieses Gemäldes vorenthalten, wenn dir aber die Natur ein glühendes Herz und empfängliche Sinne gegeben, so wirst du dir denken können, welchen fürchterlichen Eindruck dies einzige und hinreißende Schauspiel auf meinen armen Körper machte. Als ich nach einigen Tagen früh morgens zu Jussuf ging und ein gelinder Regen mich abhielt, spazieren zu gehen, trat ich in den Saal, wo wir sonst zu Mittag speisten und wo ich früher nie jemand gefunden hatte. Sobald ich eintrete, steht eine reizende Frauengestalt auf und bedeckt das Gesicht mit einem bis zur Erde niederwallenden Schleier. Am Fenster saß eine Sklavin, welche stickte. Ich entschuldige mich und mache Miene, hinauszugehen; aber sie hält mich zurück und sagt mit einem bezaubernden Tone, Jussuf, welcher ausgegangen, habe ihr befohlen, mich zu unterhalten. Sie fordert mich auf, mich zu setzen, indem sie mir ein reiches auf zwei andern größeren liegendes Kissen zeigt, und ich gehorche, während sie, ihre Beine kreuzend, sich auf ein anderes setzt. Ich glaubte Zelmi vor mir zu haben und dachte, Jussuf habe mir zeigen wollen, daß er nicht weniger tapfer sei als Ismail. Sollte er aber, entgegen seinen Grundsätzen, meine Entscheidung trüben wollen, so hätte er mir das Gesicht zeigen müssen. »Du weißt wohl nicht, wer ich bin?« sagte die schöne Verschleierte. »Ich kann es in der Tat nicht raten.« »Ich bin seit fünf Jahren die Gattin deines Freundes und auf der Insel Scio geboren. Ich war dreizehn Jahre alt, als ich seine Frau wurde.« Sehr verwundert, daß mein philosophischer Muselmann sich so sehr emanzipiert, um mir eine Unterhaltung mit seiner Frau zu gestatten, fühlte ich mich weit freier und dachte das Abenteuer weiterzuführen; dazu mußte ich aber ihr Gesicht sehen, denn ein schöner bekleideter Körper kann nur leicht zu befriedigende Begierden erregen. Das Feuer der Begierden gleicht dem Strohfeuer; sobald es brennt, hat es auch den höchsten Punkt erreicht. Ich sah ein herrliches Bild, aber ich sah nicht die Seele, denn die dichte Gaze entzog sie meinen Blicken. Ich sah alabasterne, von den Grazien gerundete Arme und Hände, und meine tätige Phantasie dichtete alles übrige in Übereinstimmung mit diesen schönen Proben hinzu; denn die anmutigen Musselinfalten, welche den Umrissen ihre ganze Vollkommenheit ließen, verbargen mir den lebenden Atlas der Haut. Alles an ihr mußte schön sein; aber ich mußte in ihren Augen lesen, daß alles, was meine Phantasie sah, voller Leben und Empfindung war. Jussufs Frau war nicht wie eine Sultanin gekleidet; sie trug das Kostüm von Scio mit einem Unterrocke, welcher nicht hinderte, die Vollkommenheit ihres Beines, die Rundung ihrer Lenden oder die wollüstige und kräftige Abdachung ihrer Hüften zu sehen, auf welchen sich ein schlanker und wohlgewachsener Körper erhob, den ein prachtvoller, silbern gestickter und mit Arabesken bedeckter Gürtel umgab. Weiter hinauf erblickte ich zwei Halbkugeln, welche Apelles für seine schöne Venus zum Muster genommen haben würde, und ihre starke aber ungleiche Bewegung belehrte mich, daß dieser Zauberhügel belebt war. Die geringe Entfernung zwischen den beiden Halbkugeln, welche ich mit meinen Blicken verschlang, schien mir ein Nektarstrom, aus welchem meine brennenden Lippen lieber als aus der Schale der Götter Erfrischung getrunken hätten. Entzückt und außer mir strecke ich mit einer von meinem Willen fast unabhängigen Bewegung den Arm aus, und meine kühne Hand schickt sich an, ihr den Schleier aufzuheben; aber sie verhindert es, indem sie sich leicht auf der Spitze ihrer hübschen Füße erhebt und mir mit einer Stimme, die mir ebenso imponierend wie ihre Stellung meine treulose Kühnheit vorwirft. »Verdienst du«, sagt sie, »die Freundschaft Jussufs, da du die Gastfreundschaft verletzest, indem du seine Frau beleidigst?« »Madame, Sie müssen mir verzeihen, da ich nicht die Absicht gehabt, Sie zu beleidigen, denn nach unsern Sitten kann der gewöhnlichste Mensch seine Blicke auf das Antlitz einer Königin richten.« »Aber auch ihr den Schleier entreißen, wenn sie mit einem solchen bedeckt ist? Jussuf wird mich rächen.« Diese Drohung und der Ton, mit welchem sie vorgebracht wurde, erschreckte mich. Ich warf mich ihr zu Füßen und brachte es dahin, daß sie sich beruhigte. »Setze dich,« sagte sie, und sie setzte sich selbst, die Beine übereinander kreuzend, aber so unordentlich, daß ich einen flüchtigen Blick auf ihre Reize werfen konnte, welche mich um meinen Verstand gebracht haben würden, wenn der Anblick nur einen Augenblick länger gedauert hätte. Ich sah nun, daß ich unklug gehandelt, und bedauerte es, aber zu spät. »Du bist entflammt?« sagte sie. »Wie sollte ich es nicht sein, wenn du mich mit dem glühendsten Feuer verbrennst?« Klüger geworden, fasse ich ihre Hand und lasse ihr Gesicht sein. »Da kommt mein Gemahl,« sagt sie, und Jussuf tritt ein. Wir stehen auf, Jussuf umarmt mich; ich bekomplimentiere ihn, die stickende Sklavin entfernt sich. Er dankt seiner Frau, daß sie mir Gesellschaft geleistet, und reicht ihr den Arm, um sie nach ihrem Zimmer zu geleiten. Sie geht; aber an der Tür hebt sie ihren Schleier auf, umarmt ihren Gemahl und läßt mich so ihr schönes Profil sehen, wobei sie tut, als ob sie es nicht merke. Ich folgte ihr mit den Augen bis in das letzte Zimmer, wo Jussuf sie verließ. Als er wieder zu mir zurückgekehrt war, sagte er lachend, seine Frau habe sich erboten, mit uns zu Mittag zu speisen. »Ich glaube, deine Gattin ist schön; ist sie es mehr als Zelmi?« »Meine Tochter ist eine freundliche und sanfte Schönheit, während Sophie eine stolze Schönheit ist. Sie wird nach meinem Tode glücklich sein. Wer sie heiratet, bekommt eine Jungfrau.« Ich erzählte das Abenteuer Herrn von Bonneval, indem ich die Gefahr, der ich mich dadurch ausgesetzt, daß ich den Schleier der schönen Sciotin aufgehoben, übertrieb. »Diese Griechin«, antwortete er, »hat sich über Sie lustig machen wollen, und Sie sind in keiner Gefahr gewesen. Glauben Sie mir, sie war erzürnt, daß sie es mit einem Neuling zu tun gehabt. Sie haben mit ihr eine Posse nach französischer Art aufgeführt, anstatt gerade auf das Ziel loszugehen. Was brauchten Sie ihre Nase zu sehen? Sie hätten sich ans Wesentliche halten sollen. Sie haben dieser Schönen einen sehr traurigen Beweis von der italienischen Tapferkeit gegeben. Auch die züchtigste türkische Frau hat die Scham nur auf dem Gesicht, und wenn sie in ihren Schleier eingehüllt ist, ist sie sicher nicht zu erröten.« »Sie ist Jungfrau,« sagte ich. »Das ist schwer zu glauben, denn ich kenne die Sciotinnen, aber diese haben das Talent, sich für Jungfrauen auszugeben.« Jussuf kam nicht mehr auf die Idee, mir eine solche Höflichkeit zu erweisen, und er tat recht daran. Als ich einige Tage später bei einem armenischen Kaufmann verschiedene schöne Waren besichtigte, kam Jussuf dazu und lobte meinen Geschmack wegen all der Sachen, die ich schön gefunden, die ich aber nicht kaufte, weil sie zu teuer waren. Jussuf sagte dagegen, die Waren wären nicht teuer, kaufte sie und wir trennten uns. Am folgenden Morgen fand ich alle bei mir; es war eine Artigkeit Jussufs, und um mir keine Gelegenheit zu geben, das Geschenk abzulehnen, fügte er einen hübschen Brief bei, in welchem er sagte, ich würde bei meiner Ankunft in Corfu erfahren, an wen ich die Sachen abzugeben hätte. Es waren mit Silber und Gold durchwirkte Damaste, Börsen, Portefeuilles, Gürtel, Schärpen, Taschentücher und Pfeifen, im Werte von vierhundert bis fünfhundert Piaster. Als ich ihm danken wollte, zwang ich ihn zu gestehen, daß er mir ein Freundschaftsgeschenk habe machen wollen. Am Tage vor meiner Abreise, als ich Abschied von ihm nahm, zerfloß dieser brave Mann in Tränen; aber die meinigen flossen ebenso aufrichtig und ebenso reichlich. Er sagte zu mir, dadurch, daß ich sein Anerbieten nicht angenommen, habe ich seine Achtung in so hohem Grade gewonnen, daß er sich nicht denken könne, daß er mich mehr geschätzt haben würde, wenn ich sein Sohn geworden wäre. Als ich auf das Schiff kam, auf welchem ich mit dem Bailo Dona abfuhr, fand ich einen Kasten, welchen er mir ebenfalls zum Geschenk gemacht und welcher zwei Zentner Mokkakaffee bester Qualität, hundert Pfund feinen Tabaks in Blättern und zwei große Flaschen, die eine mit Zapandi-, die andre mit Camussatabak gefüllt, und außerdem noch ein herrliches Pfeifenrohr von Jasminholz enthielt, das ich in Corfu für hundert Zechinen verkaufte. Als ich, in Corfu angekommen, dem Galeassen-Gouverneur meinen Besuch abstattete, fragte mich dieser, ob ich sein Adjutant werden wolle. Ich antwortete ohne Zögern, sein Antrag ehre mich. Ohne weitere Zeremonien ließ er mich in das für mich bestimmte Zimmer führen, und schon am folgenden Tage war ich bei ihm installiert. Ich erhielt von meinem Kapitän einen französischen Soldaten zu meiner Bedienung, der als Friseur mein schönes Haar pflegen konnte, und da er ein Schwätzer, konnte ich mich im Französischen üben; sonst war er ein Taugenichts, ein Trunkenbold und Wüstling, ein aus der Pikardie gebürtiger Bauer, welcher kaum ein paar Buchstaben kritzeln konnte. Es war ein komischer Narr; er wußte eine Menge Vaudevilles und schmutziger Geschichten, welche er auf eine Art erzählte, daß man sich zu Tode lachen mußte. Corfu war ein rechtes Soldatennest ohne eine bessere Unterhaltungsstätte. Die Hazardspiele waren überall erlaubt, und diese Leidenschaft mußte den Herzensempfindungen viel Eintrag tun. Die Dame welche sich am meisten durch ihre Schönheit und Galanterie auszeichnete, war Madame F. Ihr Mann, der Gouverneur einer Galeere, war mit ihr im vorigen Jahre nach Corfu gekommen, und Madame hatte die Bewunderung aller Meeranführer erregt. Da sie glaubte, es stände ihr frei, zu wählen, so hatte sie Herrn D. R. mit Ausschluß aller Galane, welche sich ihr anboten, den Vorzug gegeben. Am Tage meiner Installation sah ich sie zum erstenmal bei Tisch, und ich wurde geblendet. Ich glaubte etwas so Übernatürliches und über alle Frauen, welche ich bis dahin kennen gelernt, Erhabenes zu sehen, daß ich nicht fürchtete, mich in sie zu verlieben. Sie schien mir von andrer Natur als ich und mir so sehr überlegen zu sein, daß es mir unmöglich schien mich bis zu ihr zu erheben. Ich überredete mich sogar, daß zwischen ihr und Herrn D. R. nur eine platonische Freundschaft bestände, und fand, daß Herr F. recht hätte, nicht eifersüchtig zu sein. Übrigens war dieser F. ein vollkommener Dummkopf und für eine solche Frau gewiß nicht gemacht. Dieser Eindruck war zu einfältig, um lange anhalten zu können; er änderte sich daher bald, aber auf eine mir völlig neue Weise. Meine Stellung als Adjutant verschaffte mir die Ehre, an demselben Tische zu speisen, aber das war auch alles; der andre Adjutant, ein Fähnrich wie ich, und dumm zum Erbarmen, teilte diese Ehre mit mir; aber wir wurden nicht als Gäste betrachtet, denn niemand richtete das Wort an uns, nicht einmal mit einem Blick wurden wir beehrt. Ich ertrug das nicht. Ich wußte wohl, daß nicht überlegte Verachtung der Grund war, aber mochte der Grund sein, welcher er wollte, ich fand die Sache zu hart. Als nach acht oder zehn Tagen Madame F. meine Person noch mit keinem Blicke beehrt hatte, fing sie an, mir zu mißfallen. Ich war voller Ärger, Verdruß und Ungeduld, und um so mehr, als ich nicht im entferntesten daran dachte, daß dies ein überlegter Plan sein könnte, denn in diesem Falle würde es mir nicht unangenehm gewesen sein. Ich überredete mich, daß ich in ihren Augen nichts wäre, und da ich wußte, daß ich etwas war, so wollte ich, daß sie es erführe. Als sie mich nach vierzehn Tagen, da sie einmal meinen Namen nennen mußte, fragte, wie ich hieße, stieg mein Ärger aufs höchste. Mein Glück hatte mich in Corfu schon so bekannt gemacht, daß sie mich kennen mußte. Derselbe Bankhalter Maroli, der mir vorher mein ganzes Geld abgenommen hatte, weihte mich, als er merkte, daß ich mich nicht mehr übers Ohr hauen lassen wollte, in die Geheimnisse des Spiels ein; ich ging mit ihm zur Hälfte, und so hatte ich im Spiele günstiges Glück. Mit meinen Kameraden stand ich sehr gut, und alles wäre nach Wunsch gewesen, wenn mich jene Dame nur nicht so schmählich behandelt hätte; sie brauchte mich ja nicht zu lieben, aber sie machte mich nun gar zur Zielscheibe ihres Spottes, was mich allen Qualen preisgab. Alle Pläne wälzte ich, mich zu rächen. Aber da ich ein verzogenes Kind des Glücks, änderte der Zufall plötzlich meine ganze Lage. Eines Morgens meldete mir der Kammerdiener, Madame F. wünsche mich zu sprechen. Ich fliege zu ihr, sehr neugierig, was sie von mir wollen könne. Sie ließ mich nicht warten, und ich war sehr erstaunt, sie, in ihrem Bette sitzend, mit belegtem Teint und mit offenbar von Tränen geröteten Augen zu finden. Mein Herz schlug heftig, und ich konnte mir den Grund davon nicht erklären. »Nehmen Sie einen Sessel,« sagte sie, »denn ich habe mit Ihnen zu sprechen.« »Madame,« sagte ich, »ich halte mich dieser Begünstigung, die ich noch durch nichts verdient habe, nicht für würdig: ich werde die Ehre haben, Sie stehend anzuhören.« Da sie sich wohl erinnern mochte, nie so höflich gegen mich gewesen zu sein, so wagte sie nicht weiter in mich zu dringen. »Mein Mann«, sagte sie, nachdem sie sich etwas gesammelt, »hat gestern zweihundert Zechinen auf Ehrenwort an Ihrer Bank verloren; er glaubte diese in meinen Händen, und daher muß ich sie anschaffen, denn er muß sie heute bezahlen. Unglücklicherweise habe ich schon darüber verfügt und bin in großer Verlegenheit. Es wäre mir sehr lieb, mein Herr, wenn Sie Maroli sagen könnten, Sie hätten das verlorene Geld von mir empfangen. Hier ist ein kostbarer Ring, behalten Sie den und stellen Sie ihn mir am Neujahrstage zurück, dann werde ich Ihnen die zweihundert Dukaten, über welche ich Ihnen einen Schein ausstellen will, zurückbezahlen.« »Den Schein lasse ich mir gefallen, aber des Ringes will ich Sie, Madame, nicht berauben. Ich muß Ihnen überdies bemerken, daß Herr F. die Summe bei der Bank einzahlen oder jemand an seiner Stelle dorthin schicken muß; in zehn Minuten sollen Sie die Summe, deren Sie bedürfen, hier haben.« Ich entfernte mich, ohne ihre Antwort abzuwarten, und kehre darauf mit zwei Rollen von hundert Dukaten zurück; ich übergebe sie ihr, und nachdem ich den Schein, welchen sie mir ausgestellt, in meine Tasche gesteckt, schicke ich mich zum Weggehen an. Da richtet sie die folgenden köstlichen Worte an mich: »Wenn ich gewußt hätte, mein Herr, daß Sie so geneigt wären, mir zu dienen, so würde ich, glaube ich, nicht den Mut gehabt haben, Sie um dieses Vergnügen zu bitten.« »Wohlan, Madame, glauben Sie in Zukunft, daß kein Mann auf der Welt fähig sein wird, Ihnen einen so unbedeutenden Dienst zu verweigern, sobald Sie sich herablassen, ihn in Person darum zu bitten.« »Was Sie mir da sagen, ist sehr schmeichelhaft; aber ich hoffe, ich werde nicht mehr in die traurige Lage kommen, eine solche Erfahrung zu machen.« Als ich mich entfernt, dachte ich über die Feinheit dieser Antwort nach. Ich bemerkte an allem, daß sie auf Ehre hielt; das durchschauerte mich freudig, und ich fand sie anbetungswürdig. Ich sah deutlich, daß sie D. R. nicht lieben konnte und daß sie von ihm auch nicht geliebt wurde, und diese Entdeckung war Balsam für mein Herz. Von diesem Augenblicke an fühlte ich mich daher auch für sie entflammt und ich hielt es für möglich, sie für meine Liebe empfänglich zu machen. Das erste, was ich tat, als ich nach Hause kam, war, daß ich mit Ausnahme ihres Namens alle Worte des Scheins mit Tinte auslöschte; hierauf kuvertierte ich ihn und deponierte ihn bei einem Notar, indem ich auf der Quittung bemerken ließ, daß der Schein nur Madame F. zu eignen Händen übergeben werden dürfe, sobald sie ihn verlange. Seit diesem Tage änderte sie den Ton gegen mich; sie saß mir am Tische nicht mehr gegenüber, ohne häufig das Wort an mich zu richten, was mich oft in die Notwendigkeit versetzte oder mir doch Gelegenheit gab, hervorzutreten. Bald danach leistete sich mein Bedienter, der auf den Tod im Krankenhause lag, den Streich, daß er sich mit Taufschein und Wappen als Sohn Franz des Fünften, Karl Philipp Louis Foucaud, Prinz von La Rochefoucauld ausgab. Er fädelte die Sache so geschickt ein, übergab die angeblichen Aktenstücke seinem Beichtvater mit der Bestimmung, sie erst nach seinem Tode der Behörde auszuliefern, daß jedermann, als der Priester sie im Glauben, der Soldat sei tot, gleich an Seine Exzellenz den Proveditor übergab, fest von der Wahrheit überzeugt war. Nur ich kannte meinen Gauner und hielt nicht zurück, auch Seiner Exzellenz meine Meinung zu sagen. Alle Fuchsschwänzer und Kriecher bestärkten den Proveditor in seiner Meinung, während ich durch meine offene Schilderung des Possenreißers in Ungnade fiel. An diesem Abend behielt mich Madame F. und Herr D. R., welche mir versicherten, daß sie ganz meiner Meinung, in ihrer Gesellschaft; wir hatten zu dritt eine angenehme Unterhaltung. Madame F. sagte, sie hätte nie so viel gelacht und hätte nicht geglaubt, daß so einfache Äußerungen eine so große Heiterkeit erregen. Ich für meinen Teil entdeckte in ihr so viel Geist und so viel Grazie, daß ich mich vollends in sie verliebte, und ich legte mich mit der Überzeugung schlafen, daß es mir fortan unmöglich sein würde, ihr gegenüber eine gleichgültige Rolle zu spielen. Am andern Morgen war die Komödie in vollem Gange. Der Kerl war nicht gestorben, sondern lebte noch; der Gouverneur ließ ihn sofort in eine passende Wohnung bringen, und es entwickelte sich eine wahre Wut, den Prinzen zu sehen, den man sofort mit Hoheit titulierte. Nach acht Tagen konnte der Schlingel wieder ausgehen und erhielt nun von allen Seiten Einladungen zu Mahlzeiten, bei denen er sich auf das wüsteste aufführte. Weil er so ruhig die Antwort aus Venedig abwartete, glaubte ihm jeder. Ich ließ mich nicht beirren, und da ich ihn eines Tages bei Madame Segredo, welche sich von ihm sofort den Hof machen ließ, bloßstellte, gab er mir eine Ohrfeige. Ich lauerte ihm danach vor dem Hause auf und versetzte ihm mit meinem Stock eine tüchtige Tracht Prügel, und ich hätte ihn getötet, wenn der Kerl nicht zu feig gewesen wäre, seinen Degen zu ziehen. Für mich hatte das zur Folge, daß ich beauftragt wurde, mich auf der Strafgaleere zu melden, wo alle Arrestanten eine Kette an den Füßen tragen müssen. Das war zu stark. Ich entfloh auf einem kleinen Boote und kam nach der Insel Casopo, wo ich mir die Einwohner durch meine Freigebigkeit so ergeben machte, daß sie eine Leibgarde um mich bildeten und Tod und Hölle schworen, mich zu verteidigen. Ich hauste, ein wahrer Operettenkönig, auf diesem Eiland, wobei ich noch die Annehmlichkeit hatte, als Sultan die schönsten Mädchen genießen zu dürfen. Nach einigen Tagen kam ein Adjutant von Corfu nach meinem Sitze, der sich über mein Königtum amüsierte, nicht zum wenigsten, als Hunderte von Bauern anrückten, um mich zu verteidigen. Ich hörte nun, daß der Gauner endlich nach Ankunft der Depeschen aus Venedig entlarvt und sofort nach Corfu entfernt wurde. Darum war zu erwarten, daß bei dieser Lage der Dinge meine Insubordination, welche nun einmal strafbar, nicht allzu streng würde geahndet werden. Ich überließ meinen Leuten alle Vorräte und reiste mitternachts nach Corfu, wo wir am Morgen ankamen. Wohl mußte ich auf die Strafgaleere, aber als mir gerade die Fessel angelegt werden sollte, kam der Befehl, mir den Degen zurückzugeben: ich war frei. Bei D. R. wurde ich mit Jubel aufgenommen, und er schickte mich sofort zu Madame F. Trotz meiner unordentlichen Toilette eilte ich zu ihr: es war noch nicht Tag bei der Göttin; aber ihre Kammerfrau ließ mich eintreten, da sie mir versicherte, daß ihre Gebieterin bald klingeln würde und daß diese sehr bedauern würde, mich nicht zu sehen. Sobald Madame ihre Kammerfrau gesprochen, läßt sie mich eintreten. Man öffnet die Vorhänge, und ich glaube, Aurora geschmückt mit Rosen und Morgentau zu sehen. Ich sage, daß ich ohne den Befehl des Herrn D. R. nie gewagt haben würde, mich ihr in diesem Zustande vorzustellen, und sie antwortet mit der süßesten Stimme, daß Herr D. R., welcher den Anteil kenne, den sie an mir nehme, sehr wohl daran getan, mich zu ihr zu schicken, und versicherte mir zugleich, D. R. schätze mich ebenso hoch wie sie. Wir plauderten eine Weile, ich erzählte ihr meine Erlebnisse, ohne jedoch der Liebesabenteuer Erwähnung zu tun. Sie fragte mich, ob ich dies auch bei dem Generalproveditor zu erzählen wagte, und als ich ›Gewiß!‹ antwortete, sagte sie, sie wolle mich beim Wort nehmen, denn dieser brave Mann müsse mein Beschützer werden. Entzückt verlasse ich sie, um meine andern Besuche zu erledigen. Als ich aber wieder nach Hause kam, fand ich Madame F. allein. Sie forderte mich auf mich neben sie zu setzen und ihr zu erzählen, was mir in Konstantinopel begegnet. Mein Zusammentreffen mit Jussufs Frau gefiel ihr sehr, aber das Bad der drei Nymphen Ismails brachte sie ganz ins Feuer. Ich verschleierte soviel ich konnte; wenn sie mich aber dunkel fand, nötigte sie mich, deutlicher zu werden, und sobald ich mich verständlicher machte und meinen Schilderungen einen Firnis der Wollust gab, welchen ich mehr aus ihren Blicken als aus meinen Erinnerungen schöpfte, schalt sie mich und forderte mich auf, weniger klar zu sein. Ich sah wohl, daß der Weg, auf welchen sie mich geführt, sie günstig für mich stimmen mußte, und ich war überzeugt, daß derjenige, welcher Begierden entflammt, leicht berufen werden kann, den Brand zu löschen; nach diesem Lohne strebte ich, ich wagte ihn zu hoffen, obwohl mir erst die Aussicht vorschwebte. Aber Madame spielte noch eine Weile mit mir, was meinen Sieg nur reizender machen konnte. Ich fühlte, daß ich langsam vorwärts gehen müsse. Da sie jung war, konnte ich mir denken, daß sie nie eine unangemessene Verbindung eingegangen war, und was ich beabsichtigte, mußte ihr als eine höchst unangemessene Verbindung erscheinen. Das Glück, welches mich beständig in den verzweifeltsten Lagen begünstigt hatte, behandelte mich auch diesmal nicht als Stiefmutter, sondern verschaffte mir bald eine Gunst ganz besonderer Art. Meine schöne Dame, welche sich in den Finger gestochen hatte, stieß einen lauten Schrei aus und reichte mir den Finger hin, um ihr das Blut auszusaugen. Man kann sich leicht denken, ob ich mich beeilte, eine so schöne Hand zu ergreifen. Was ist ein Kuß? Ist es nicht der glühende Wunsch, einen Teil des Wesens, welches man liebt, einzuatmen? Und das Blut, das ich aus der reizenden Wunde schlürfte, was war es anders als ein Teil des Wesens, welches ich anbetete? Als ich geendet, dankte sie mir freundlichst und forderte mich auf, das Blut, welches ich getrunken, auszuspeien. »Hier ist es,« sagte ich, meine Hand aufs Herz legend, »und Gott weiß, welches Vergnügen es mir gemacht hat.« »Sie haben mein Blut mit Vergnügen getrunken? Sind Sie denn Menschenfresser?« »Ich glaube nicht, Madame, aber ich würde Sie zu entweihen gefürchtet haben, wenn ich einen Tropfen hätte verloren gehen lassen.« Während des nun folgenden Karnevals hatte ich es übernommen, eine Schauspielertruppe zu engagieren, welcher Spaß mich neunhundert Zechinen kostete. Dadurch war ich so beschäftigt, daß ich gar nicht an Liebe denken konnte. Eines Morgens ließ mich Madame F. rufen, und als ich kam, bat sie mich um ihren Schuldschein, da sie mir die zweihundert Zechinen bezahlen wolle. Ich sagte ihr, der Schein sei beim Notar deponiert und würde nur ihr allein ausgeliefert. Sie ließ den Notar rufen, welcher ihr das Depositum bringt. Nachdem sie den Umschlag aufgerissen, findet sie alles ausradiert, nur ihren Namen nicht, den ich verschont hatte. »Das«, sagte sie, »zeugt von Ihrem Edelmut und Zartgefühl; aber gestehen Sie; ich kann nicht sicher sein, daß dieses Stück Papier wirklich mein Schein ist, obwohl mein Name darauf steht.« »Das ist wahr, Madame, und wenn Sie dessen nicht sicher sind, habe ich das größte Unrecht.« »Ich bin dessen sicher, weil ich es weiß; aber Sie werden zugeben, daß ich keinen Eid darauf ablegen könnte.« Ich gebe es zu. In der folgenden Zeit war sie wie umgewandelt. Wenn ich etwas erzählte, stellte sie sich, als verstehe sie nichts; wenn andere lachten, fragte sie, was denn so lächerlich. Das ärgerte mich so sehr, daß ich schrecklich abmagerte. Ich ließ sie meine furchtbare Stimmung einmal merken, als ich D. R. auf eine Frage, ob ich stets glücklich verliebt gewesen, antwortete: »Immer unglücklich, besonders das dritte- und letztemal, weil das Mitleiden, welches ich der Dame, die mich entflammt, einflößte, sie auf den Gedanken brachte, mich von meiner Leidenschaft zu heilen, anstatt mich glücklich zu machen.« »Und welches Heilmittel hat sie dazu angewendet?« »Sie hat aufgehört, liebenswürdig zu sein.« »Ich verstehe; sie hat Sie mißhandelt; und das nennen Sie Mitleiden? Sie irren sich.« »Gewiß,« sagte Madame. »hat man Mitleiden mit jemand, den man liebt, und man will ihn nicht heilen, indem man ihn unglücklich macht. Diese Frau hat Sie nie geliebt.« »Ich mag das nicht glauben, Madame.« »Aber sind Sie denn geheilt?« »Vollkommen, denn wenn ich noch an sie denke, so finde ich mich kalt und gleichgültig; aber meine Genesung hat lange gedauert.« »Sie hat wohl so lange gedauert, bis Sie sich in eine andere verliebt haben?« »In eine andere, Madame? Ich glaubte Ihnen gesagt zu haben, daß das drittemal das letztemal gewesen.« Wenige Tage darauf sagte mir D. R., Madame F. wäre unwohl, und er könne ihr nicht Gesellschaft leisten, deshalb sollte ich zu ihr gehen und könne sicher sein, ihr angenehm zu sein. Ich gehe zu ihr und richte Wort für Wort das Kompliment D. R.s aus. Madame F. lag auf ihrem Sofa; sie antwortete mir, ohne mich anzusehen, sie glaube das Fieber zu haben und fordere mich nicht auf, zu bleiben, da ich mich langweilen würde. Ich gab eine konventionelle Antwort, und sie forderte mich sehr trocken auf, zu bleiben. Dies verletzte mich, aber ich liebte sie und hatte sie nie so schön gefunden, da ihr Unwohlsein ihren Teint auf eine Weise belebte, welche ihn blendend machte. Ich blieb eine Viertelstunde lang stumm und unbeweglich wie eine Statue stehen. Endlich fragte sie mich, was aus meiner Heiterkeit geworden wäre. »Wenn meine Heiterkeit verschwunden ist, so kann dies nur nach Ihrem Befehl, Madame, geschehen sein. Ein Wort von Ihnen, und Sie werden sie in Ihrer Gegenwart wieder in ihrer ganzen Stärke erscheinen sehen.« »Was soll ich tun?« »Sich gegen mich benehmen wie nach meiner Rückkehr von Cusopo« Sie wollte von nichts wissen, sie nehme doch Anteil an meinen Abenteuern, und zwar mit Vergnügen, und zum Beweise bäte sie mich, ihr meine drei Liebschaften zu erzählen. Ich erfinde sogleich drei Geschichten zu diesem Zwecke, in welchen viel Empfindung und vollkommene Liebe vorkam, ohne je den Genuß zu berühren, und am allerwenigsten, wenn ich sah, daß sie dies erwartete. Bald trat das Zartgefühl, bald die Achtung, zuweilen die Pflicht in den Weg. Ich sah leicht, daß ihre Einbildung über meine Erzählung hinausging, und ich bemerkte auch, daß meine Zurückhaltung ihr gefiel. Ich glaubte sie hinlänglich zu kennen, um dies für den besten Weg zu halten, sie zum gewünschten Ziele zu führen. Sie äußerte einen Gedanken, der mich tief rührte, wovon ich jedoch nichts sehen ließ. Es handelte sich um diejenigen der drei Frauen, welche mich aus Mitleid hatte heilen wollen. »Wenn diese Sie wirklich geliebt hat,« sagte sie, »so hat sie vielleicht nicht Sie, sondern sich selbst heilen wollen.« In den nächsten Tagen teilte mir D. R. mit, Herr F. wünsche mich als Adjutanten. Das war mir peinlich, denn ich wollte keinen der Herren verletzen, und durch geschickte Antworten hielt ich die Entscheidung von mir fern, so daß ich bei Herrn D. R. blieb. Als ich bei einer Prozession die Ehre hatte, Madame F. zu führen, erwartete ich, sie spräche von meiner Weigerung, aber sie blieb stumm, so daß ich glauben mußte, sie sei beleidigt. Dies durchbohrte mir das Herz; ich wurde krank und mußte mich fiebernd zu Bett legen. Nach einiger Zeit kam ein Diener der Madame F., welcher mich zu ihr beschied. Ich verbiete ihm zu sagen, daß er mich im Bett gefunden. Bleich und abgezehrt trete ich bei ihr ein. Sie macht, als besinne sie sich, weshalb sie mich habe rufen lassen. Endlich begann sie, ihr Mann wünsche mich als Adjutanten; dabei deutete sie auf ein Zimmer neben dem ihrigen, das ich bei ihnen erhalten solle. Zögernd sagte ich, wenn ich überzeugt wäre, D. R. nicht zu verletzen, dann ... »Ich bin vom Gegenteil überzeugt,« sagte sie. »So veranlassen Sie ihn, es mir zu sagen.« »Und dann werden Sie kommen?« »O mein Gott, augenblicklich.« Bei diesem Ausrufe, der vielleicht zuviel sagte, wendete ich die Augen ab, um sie nicht in Verlegenheit zu setzen. Währenddessen ließ sie sich ihre Mantille bringen, um in die Messe zu gehen, und wir gingen aus. Als wir die Treppe hinabstiegen, legte sie ihre nackte Hand auf die meinige. Es war das erstemal, daß ich eine solche Gunst erhielt; man wird sich leicht denken können, daß ich sie als ein gutes Vorzeichen betrachtete. Als sie meine Hand losließ, fragte sie, ob ich das Fieber habe, »denn«, sagte sie, »Ihre Hand brennt«. Was ist denn die Liebe? Ich habe viel Geschwätz der Alten darüber gelesen, und habe auch gelesen, was die Neueren darüber sagen; aber alles, was man darüber gesagt hat, und was ich selbst gesagt habe, als ich jung war, so gut wie jetzt, wo ich es nicht mehr bin, wird mich nicht zu dem Geständnisse bringen, daß die Liebe eine Eitelkeit oder eine Kinderei sei. Sie ist allerdings eine Art Wahnsinn, aber die Philosophie hat keine Macht über ihn; sie ist eine Krankheit, welche der Mensch in jedem Alter unterworfen ist, und welche unheilbar, wenn sie ihn im Greisenalter überfällt. Liebe, Wesen, unerklärliche Empfindung! Gott der Natur! Süße Bitterkeit, grausame Bitterkeit! Liebe! Liebenswürdiges Ungeheuer, welches man nicht erklären kann, und welches unter tausend Leiden, die es über das Leben ausschüttet, so viele Freuden aussät, daß ohne dich das Wesen und das Nichts eins und ununterscheidbar sein würden. Zwei Tage danach war ich Adjutant des Herrn F. Ich war also wie ein Salamander in dem Feuer, in welchem ich zu sein wünschte. Den ganzen Tag war ich nun um sie, ohne daß dadurch eine Änderung eingetreten wäre, aber ich war fest entschlossen, die Gelegenheit beim Schopfe zu fassen. Einzig mißfiel mir, daß sie mich öffentlich mit Auszeichnungen überhäufte, während sie im geheimen damit geizte. In den Augen der Welt schien ich daher glücklich, aber ich hätte es weniger scheinen und mehr sein mögen. Als eines Tages ihre Kammerfrau in meiner Gegenwart die Spitzen ihrer langen schönen Haare beschnitt, hob ich all diese kleinen Schnitzel auf und legte sie auf ihre Toilette, mit Ausnahme eines kleinen Bündels, welches ich in die Tasche steckte, unbemerkt von ihr, wie ich glaubte; sobald wir aber allein waren, sagte sie mit sanftem, aber zu ernstem Tone, ich möchte die Haare, welche ich in die Tasche gesteckt, hervorholen. Da ich dies zu stark fand und eine solche Härte mir ebenso grausam wie unangemessen schien, so gehorchte ich, warf aber die Haare mit der geringschätzigsten Miene auf die Toilette. »Mein Herr, Sie vergessen sich.« »Nein, Madame, denn Sie hätten so tun können, als ob sie den unschuldigen Diebstahl nicht bemerkt hätten.« »Man legt sich Zwang an, wenn man so tut.« »Wie konnte Ihnen ein so unschuldiger Diebstahl Veranlassung geben, verbrecherische Empfindungen bei mir vorauszusetzen?« »Keine verbrecherischen Empfindungen, aber Empfindungen, die für mich zu hegen Ihnen nicht gestattet ist.« »Empfindungen, welche Sie, Madame, nicht zu erwidern brauchen, die mir aber nur durch den Haß oder Stolz verboten werden können. Hätten Sie ein Herz, so würden Sie weder diesem noch jenem zum Opfer fallen; aber Sie haben nur Geist, und dieser muß boshaft sein, da er sich so viele Mühe gibt, mich zu demütigen. Sie haben mein Geheimnis entdeckt; mögen Sie nun welchen Gebrauch Sie wollen davon machen; dafür habe ich aber auch Sie kennen gelernt. Diese Erkenntnis wird mir mehr nützen, als Ihnen Ihre Entdeckung, denn ich werde vielleicht vernünftig werden.« Nach dieser heftigen Rede gehe ich hinaus, und da ich mich nicht zurückrufen höre, schließe ich mich in meinem Zimmer ein, und in der Hoffnung, mich durch den Schlaf zu beruhigen, entkleide ich mich und lege mich zu Bett. In solchen Augenblicken findet ein Liebhaber den Gegenstand, welchen er liebt, abscheulich; seine Liebe verwandelt sich in Ekel und erzeugt nur noch Haß und Verachtung. Es war mir unmöglich, einzuschlafen, und als man mich zum Abendessen rufen ließ, sagte ich, ich wäre krank. Die Nacht verfloß, ohne daß ich die Augen schloß, und da ich mich angegriffen fühlte, so beschloß ich zu sehen, was daraus werden würde und ging nicht zum Mittagessen, weil ich immer noch krank wäre. Am Abend hüpfte mein Herz vor Freude, als ich meine schöne Dame in mein Zimmer treten sah. Ich entledigte mich bald ihres Besuches, indem ich mit gleichgültiger Miene zu ihr sagte, ich hätte nur heftige Kopfschmerzen, von denen Diät und Ruhe mich bald befreien würden. Gegen elf Uhr kommt wiederum Madame und ihr Freund D. R. zu mir. Sie nähert sich freundlich meinem Bette und sagt: »Was fehlt Ihnen, armer Casanova? Ich habe Bouillon und zwei frische Eier für Sie bestellt.« »Madame, nur die Diät kann mich heilen.« »Er hat recht,« sagte D. R., »ich kenne diese Krankheit.« Ich schüttelte mit dem Kopfe. Während D. R. einen Kupferstich betrachtete, faßte sie meine Hand und sagte, sie würde sich freuen, wenn ich eine Tasse Bouillon tränke: und als sie die Hand zurückzog, fühlte ich, daß sie ein kleines Paket in meiner zurückließ; sie ging hierauf zu D. R. und betrachtete den Kupferstich. Ich öffne das Paket und fühle Haare, ich verberge sie unter der Decke, fühle aber zugleich, wie mir das Blut auf eine schreckliche Weise zu Kopf steigt. Ich fordere Wasser; sie und D. R. treten zu mir und sind erschrocken, mich plötzlich so rot zu sehen, während ich soeben noch so bleich und abgezehrt gewesen. Sie reichte mir ein Glas Wasser, in welches sie Karmeliterwasser mischte, was augenblicklich ein heftiges Erbrechen bewirkte. Einen Augenblick darauf fühle ich mich besser und fordere zu essen. Sie lächelt. Die Kammerfrau kommt mit Bouillon und Eiern, und während ich diese Erfrischung nehme, erzähle ich ihnen die Geschichte Pandolfins. D. R. glaubte ein Wunder zu sehen, und auf dem Gesichte dieses liebenswürdigen Weibes las ich Liebe, Freundschaft und Reue. Wäre D. R. nicht zugegen gewesen, dies wäre der Augenblick meines Glücks gewesen; aber ich war nun sicher, daß er nur verschoben. Am folgenden Morgen machte ich ihr einen Besuch, sie ließ mich eintreten. Nicht nur in den Augen eines Liebhabers ist eine schöne Frau, welche aus den Armen des Schlafes hervorgeht, unendlich reizender, als wenn sie Toilette gemacht hat, sondern auch in den Augen jedes Mannes, welcher sie in diesem Zustande sieht. Madame F. erschien mir in diesem Augenblicke strahlender als die aufgehende Sonne. Nichtsdestoweniger hängt die schönste Frau ebenso an der Toilette, wie die, die sie nicht entbehren kann, denn je mehr man hat, desto mehr will man haben. Im Besitz ihrer Haare, fragte ich meine Liebe, was ich damit zu tun hätte, denn um den sentimentalen Geiz wieder gutzumachen, welchen sie bewiesen, indem sie mich genötigt, ihr die Abschnitzel wieder zu geben, hatte sie mir ein Bündel gegeben, welches hinreichend zu einem Geflechte war. Die Haare waren nur eine halbe Elle lang. Ich ging zu einem jüdischen Konfitürenhändler, dessen Tochter eine gute Stickerin war, und ließ sie in meiner Gegenwart auf einem Armbande von weißem Atlas die vier Anfangsbuchstaben ihrer Namen sticken; von den übrigen Haaren machte sie mir eine sehr dünne Schnur. An einem der Enden ließ ich ein Band anheften, welches eine Schleife bildete, so daß ich mich sehr gut damit hätte aufhängen können, wenn die Liebe mich zur Verzweiflung gebracht hätte. Ich machte mir daraus ein Halsband. Da ich von einem so kostbaren Geschenke nichts verlieren wollte, so zerschnitt ich mit einer Schere, was mir von Haaren übrig blieb, machte daraus ein sehr feines Pulver und ließ dies in meiner Gegenwart in einen Teig von Ambra, Zucker, Vanille, Angelika, Kersmeslatwerge und Storax mischen, und ging nicht eher weg, als bis das daraus gemachte Zuckerwerk fertig war. Ich ließ es dann noch einmal aus diesen Ingredienzien, mit Ausnahme jedoch der Haare, machen, und steckte das erste in eine schöne Bonbonniere von Bergkristall und das andere in eine Schildpattdose. Seitdem sie mich durch das Geschenk ihrer Haare in das Geheimnis ihres Herzens eingeweiht hatte, hielt ich mich nicht mehr damit auf, ihr Geschichten zu erzählen, sondern sprach nur noch von meiner Leidenschaft und meinen Wünschen; ich sagte zu ihr, sie solle mich entweder aus ihrer Gegenwart verbannen oder mich glücklich machen, aber die Grausame gab dies nicht zu. Sie sagte, wir könnten nur glücklich sein, wenn wir unsere Pflichten nicht verletzen. Wenn ich mich ihr zu Füßen warf, um zum voraus ihre Verzeihung für die Gewalt, die ich ihr antun wollte, zu erflehen, so stieß sie mich mit einer Kraft zurück, welche der eines weiblichen Alciden überlegen war, denn sie sagte dann mit einer liebe- und gefühlvollen Stimme: »Mein Freund, ich bitte Sie nicht, meine Schwäche zu schonen, aber schonen Sie mich mit Rücksicht auf die Liebe, welche ich für Sie habe.« »Lassen Sie mich einen Augenblick meine Lippen auf die Ihrigen pressen.« »Nein, mein Freund, nein, das würde Ihre Begierden entflammen, meine Entschlüsse erschüttern, und wir würden noch unglücklicher werden.« So brachte sie mich jeden Tag zur Verzweiflung und beklagte sich dann, daß ich in Gesellschaft nicht mehr den Geist, die Liebenswürdigkeit zeige, welche ihr bei meiner Rückkehr aus Konstantinopel so sehr gefallen hatten, und D. R., der oft zum Spaße Krieg gegen mich führte, sagte, ich magerte sichtlich ab. Mein Zuckerwerk fing an Aufsehen zu machen. D. R., Madame F. und ich waren die einzigen, deren Bonbonniere damit gefüllt war. Ich geizte damit, und niemand wagte es, mich darum zu bitten, weil ich gesagt, es wäre teuer, und es gäbe in Korfu weder einen Konditor, der es nachmachen, noch einen Physiker, der es analysieren könne. Namentlich aus meiner Kristalldose gab ich niemand, und Madame F. hatte dies bemerkt. Ein verliebter Aberglaube machte es mir teuer, und ich erfreute mich an dem Gedanken, mich mit einigen Parzellen des angebeteten Wesens identifizieren zu können. Einmal fragte mich Madame F., warum ich nur aus der Schildpattdose austeilte, selbst aber aus der Kristalldose nähme. Ohne nachzudenken, antwortete ich, in dem Zuckerwerk, das ich äße, wäre etwas enthalten, was zur Liebe zwinge. »Sagen Sie mir, was für ein Ingrediens das ist.« »Das ist ein Geheimnis, welches ich Ihnen nicht offenbaren kann.« »Und ich werde Ihr Zuckerwerk nicht mehr essen.« Damit steht sie auf, schüttet ihre Bonbonniere aus und füllt sie mit Schokoladeplätzchen; sodann schmollt sie. Ich aber öffnete die Kristallbonbonniere und schüttete den ganzen Inhalt in meinen Mund. »Noch zweimal und ich sterbe an wahnsinniger Liebe für Sie. Dann werden Sie wegen meiner Zurückhaltung gerächt sein. Leben Sie wohl, Madame.« Sie ruft mich zurück, läßt mich neben sich sitzen und sagt, ich möchte keine Torheiten begehen, die ihr Kummer machten, denn ich wüßte ja, daß sie mich liebte, und ich müßte überzeugt sein, daß sie dies nicht der Kraft eines Geheimmittels zuschriebe. »Um Ihnen die Überzeugung zu geben, daß Sie eines solchen nicht bedürfen, um von mir geliebt zu werden, nehmen Sie dies Unterpfand meiner Zärtlichkeit.« Sie nähert ihren schönen Mund und ich presse den meinigen darauf, bis ich genötigt bin, Atem zu holen. Ich werfe mich ihr nun zu Füßen, die Augen benetzt mit Tränen der Zärtlichkeit aus Dankbarkeit und sage, ich wolle ihr mein Verbrechen entdecken, wenn sie mir Verzeihung verhieße. »Ein Verbrechen? Sie erschrecken mich. Ich verzeihe Ihnen, sagen Sie schnell alles.« »Alles. Mein Zuckerwerk enthält Ihre in Zucker verwandelten Haare. Hier an meinem Arme trage ich ein Armband, auf welches Ihr Name mit Ihren Haaren gestickt ist, und an meinem Halse trage ich ein Band, mit welchem ich meinem Leben ein Ende machen werde, wenn Sie mich nicht mehr lieben. Das sind meine Verbrechen, und ich würde keines davon begangen haben, wenn ich Sie nicht anbetete.« Sie lacht, hebt mich auf und sagt, ich wäre wirklich ein großer Verbrecher. Sie trocknete meine Tränen, indem sie mir die Versicherung gab, daß ich mich nie würde töten müssen. Nach dieser Unterhaltung, die mich den Nektar des ersten Kusses meiner Göttin kosten ließ, war ich stark genug, um mein Benehmen gegen sie gänzlich zu ändern. Sie sah, wie ich glühte, brannte, und dennoch hatte ich die Kraft, mich jeden Angriffs zu enthalten. »Woher«, fragte sie eines Tages, »haben Sie die Kraft, sich zu beherrschen, genommen?« »Nach dem zärtlichen Kusse, welchen Sie mir freiwillig gegeben, fühlte ich, daß ich nicht mehr fordern dürfe, als mir Ihr Herz ebenso bewilligen würde, als Produkt der Liebe.« »Ja, mein Freund, der Liebe, deren Schätze unerschöpflich sind.« Sie hatte noch nicht geendet, als unsere Lippen sich schon verbanden. Sie drückte mich so stark gegen ihren Busen, daß ich meine Hände nicht in Bewegung setzen konnte, um mir andere Genüsse zu verschaffen, aber ich fühlte mich glücklich. Am Ende dieses schönen Wettkampfes fragte ich sie, ob sie glaube, daß wir immer dabei stehen bleiben würden. »Immer, mein Freund, und nie mehr. Erhalten wir uns unser jetziges Glück und verstehen wir, zufrieden zu sein, ohne mehr zu begehren.« Ihren Gesetzen unterworfen, aber jeden Tag verliebter, hoffte ich, daß die Natur, welche auf die Dauer mächtiger ist als die Vorurteile, eine glückliche Krise herbeiführen werde. Aber außer der Natur half mir auch das Glück. Ich wurde dafür einem Unglück verpflichtet. Als sie eines Tages auf D. R.s Arm gelehnt im Garten spazieren ging, blieb sie an einem Strauche wilder Rosen hangen und verwundete sich am untern Teile des Beines. D. R. verband ihr sogleich mit seinem Taschentuche das Bein, um das strömende Blut aufzuhalten, und man mußte sie auf einem Palankin ins Haus tragen. Wunden an den Beinen sind auf Corfu gefährlich. Da sie das Bett hüten mußte, so legte mir meine glückliche Stellung die Pflicht auf, immer zu ihrem Befehl zu sein. Ich sah sie jeden Augenblick, aber in den drei ersten Tagen folgten ohne Unterbrechung so viel Besuche aufeinander, daß ich nie mit ihr allein war. Vor diesem unglücklichen Zufalle war ich weit besser daran und sagte es ihr mir halb heiterem, halb traurigem Tone; am folgenden Tage verschaffte sie mir einen glücklichen Augenblick, um mich zu entschädigen. Mit Tagesanbruch kam ein alter Äskulap, um sie zu verbinden, und es war niemand zugegen. An diesem Tage ließ mich das Mädchen in dem Augenblicke eintreten, wo der Chirurgus sie verband. Da der Chirurgus gerade am Fenster ein Pflaster schmierte und das Mädchen hinausgegangen war, fragte ich sie, ob sie an der Wade eine Verhärtung fühle, und ob die Röte weiter hinaufgehe; und es war natürlich, daß ich dieser Frage mit meinen Händen und Augen nachhalf. Ich sah weder Röte noch Verhärtung, sondern – – –, und die zärtliche Kranke beeilte sich, mit lachender Miene den Vorhang fallen zu lassen, wobei sie sich jedoch einen zärtlichen Kuß rauben ließ, dessen Süße ich seit vier Tagen nicht mehr gekostet hatte. Liebeswut, reizender Wahnsinn! Von ihren Lippen stieg ich zu ihrem Beine hernieder, und überzeugt, daß meine Küsse das beste Heilmittel sein müßten, würde ich fortgefahren haben, wenn nicht das Geräusch, welches die zurückkehrende Kammerfrau machte, mich aufzuhören gezwungen hätte. Allein mit ihr und vor Begierde brennend beschwor ich sie, wenigstens meine Augen zu beglücken. »Ich fühle mich gedemütigt,« sagte ich, »wenn ich denke, daß das Glück, welches ich genossen, nur ein Diebstahl gewesen.« »Wenn du dich aber täuschest?« Sobald der Chirurgus sich entfernt hatte, bat sie mich, ihr Kissen in Ordnung zu bringen, was ich augenblicklich tat. Gleichsam wie um mir dieses angenehme Geschäft zu erleichtern und um sich zu stützen, hob sie die Decke auf und erleichterte mir dadurch den Anblick einer Menge von Schönheiten, in welchen meine Augen trunken schwelgten, und ich verlängerte diese Beschäftigung, ohne daß sie sich über meine Langsamkeit beklagte. Als ich geendet, war ich außer mir und warf mich in einen Lehnstuhl ihr gegenüber, aufgehend in einer Art stillen Genusses. Ich betrachtete dieses entzückende Wesen, welches scheinbar ohne Kunst mir nie ein Vergnügen verschaffte, ohne mir zugleich ein größeres zu bewilligen, und mich doch nie zum Ziele gelangen ließ. »Woran denken Sie?« fragte sie. »An das höchste Glück, welches ich genossen.« »Sie sind ein grausamer Mensch.« »Nein, ich bin nicht grausam. Wenn das nur ein Zufall war, so müßte ich annehmen, ein jeder anderer an meiner Stelle hätte dasselbe Glück gehabt, dies könnte mich unglücklich machen. Können Sie meinen Augen zürnen?« »Ja.« »Es sind Ihre; reißen Sie sie mir aus.« Am folgenden Tage, als der Arzt sich entfernt hatte, schickte sie ihr Kammermädchen weg, um einige Einkäufe zu machen. »Ah,« sagte sie nach einigen Augenblicken, »sie hat vergessen, mir ein Hemd anzuziehen.« »Erlaube, daß ich sie ersetze.« »Aber bedenke, daß ich nur deinen Augen erlaube, bei der Sache zu sein. »Ich bin damit zufrieden.« Sie schnürt sich auf, zieht ihre Schnürbrust und ihr Hemde aus und sagt, ich möchte ihr rasch das reine anziehen, aber ich war zu beschäftigt mit allem, was ich sah, um rasch vorwärts zu kommen. »Gib mir doch mein Hemde, sagte sie, es liegt auf dem kleinen Tisch.« »Wo?« »Dort am Fuße des Bettes. Ich werde es selbst holen.« Sie beugt sich gegen den Tisch, wobei sie fast alles enthüllt, was ich zu sehen wünschte, und sich langsam aufrichtend, gibt sie mir das Hemd, welches ich nicht festhalten konnte, so sehr schauerte ich vor Wonne. Sie hat Mitleid mit mir; meine Hände teilen das Glück meiner Augen; ich sinke in ihre Arme, unsere Lippen verschmelzen sich, und in einem wollüstigen Drucke empfinden wir beide eine verliebte Ohnmacht, welche zwar unzureichend für unsere Wünsche, aber doch süß genug ist, um sie einen Augenblick zu täuschen. Sie beherrschte sich mehr, als es sonst unter diesen Umständen der Fall ist. – Da der Galeerengeneral eine allgemeine Musterung im Guyn angeordnet, begab sich F. dahin und hinterließ mir den Befehl, am folgenden Tage mit der Felucke zu ihm zu stoßen. Ich speiste allein zu Abend mit Madame F. und als ich mich beklagte, daß ich sie am folgenden Tage nicht sehen würde, sagte sie: »Halten wir uns für diese Entbehrung schadlos, verplaudern wir doch die Nacht zusammen. Hier sind die Schlüssel.« Fünf Stunden sind uns geschenkt. Es war Juni und eine glühende Hitze. Sie lag im Bette: ich drücke sie in meine Arme, sie preßt mich gegen ihren Busen; aber da sie gegen sich selbst die grausamste Tyrannei ausübt, so glaubt sie, daß ich mich nicht beklagen darf, wenn ich denselben Entbehrungen, die sie sich auferlegt, unterworfen werde. Meine Vorstellungen, meine Bitten, mein Flehen helfen nichts. »Man muß«, sagt sie, »die Liebe kurz halten und über sie lachen, da es uns trotz des harten Gesetzes, welches wir ihr auferlegen, gelingt, unsere Wünsche zu befriedigen.« Nach der Ekstase öffnen wir beide Augen und den Mund zu gleicher Zeit und betrachten in einiger Entfernung von einander die gegenseitige Zufriedenheit, welche auf unsern Zügen glänzt. Unsere Begierden erwachen von neuem. Plötzlich erwacht ein Zorn in ihr, und alles, was die Hitze unerträglicher und den Genuß unvollkommener machte, wirft sie von sich und stürzt auf mich zu. Ich glaubte mehr als verliebte Wut zu sehen; es war wie Erbitterung. Ich teilte ihre Wut; ich drücke sie heftig an mich, ich genieße ein Glück, welches mich zu vernichten droht – – aber als ich vollenden will, entzieht sie sich mir, flieht und kommt zurück, wirft sich in meine Arme, und während ich ihr mein Leid um ihrer Grausamkeit willen klage, haucht sie in den zärtlichsten Ausdrücken ihre Seele aus. Ja, sie war grausam. All meine Beteurungen konnten sie mir nicht ganz gewinnen. »Ich will dir glauben,« sagte sie einmal, »aber warten wir noch. Genießen wir alle Kleinigkeiten, alle Präliminarien, welche in unserer Macht stehen. Verzehre deine Geliebte, aber lasse mich Herrin deines ganzen Wesens sein. Wenn uns diese Nacht zu kurz vorkommt, so wollen wir uns morgen trösten, indem wir uns eine andere zu verschaffen suchen.« Aber Trost empfand ich, als sie mir ihr Herz öffnete in reizendem Geplauder: »Ich sehnte mich nach der Heirat. Es war das unbestimmte Bedürfnis des Herzens, welches ein junges Mädchen, das seinem fünfzehnten Frühlinge entgegengeht, ausschließlich beschäftigt. Du kannst dir daher meine Überraschung denken, als mein Mann, indem er mich zur Frau machte, mir nur den Schmerz schenkte, ohne mich das Vergnügen empfinden zu lassen! Meine Klosterphantasie leistete mehr als die Wirklichkeit! Die natürliche Folge davon war: wir wurden sehr gute Freunde, aber sehr kühle Gatten, und keiner verlangt nach dem andern. Sobald ich bemerkte, du liebtest mich, wurde ich froh, und ich bot dir alle Gelegenheit, mit jedem Tage verliebter zu werden, ich war überzeugt, daß ich dich nicht lieben würde; aber als ich fühlte, daß auch ich verliebt war, mißhandelte ich dich, um dich zu strafen, weil du mein Gefühl erregt. Deine Geduld, deine Ausdauer haben mich in Erstaunen gesetzt und mich ins Unrecht gebracht; aber nach dem ersten Kusse war ich nicht mehr Herrin meiner selbst, Die ungeheure Wirkung eines einfachen Kusses warf meine Entschlüsse über den Haufen, und ich fühlte, daß ich nur glücklich sein könne, wenn ich dich glücklich mache. Das hat mir geschmeichelt, mich entzückt, und besonders in dieser Nacht habe ich erkannt, daß ich nur glücklich sein kann, wenn du es bist.« Die Nacht verging unter zärtlichem Klagen und wollüstigem Entzücken, und nicht ohne Schmerz entriß ich mich beim ersten Schimmer der Morgenröte ihren Armen, um mich nach Guyn zu begeben. Sie weinte vor Freuden, als ich sie als Eroberer verließ, da sie dies nicht für möglich gehalten hatte. Nach dieser so genußreichen Nacht vergingen etwa zwölf Tage, ohne daß wir einen Funken des Feuers, welches uns verzehrte, löschen konnten, und gerade damals begegnete mir ein schreckliches Unglück. Als eines Abends nach dem Essen D. R. sich entfernt hatte, nahm F. keinen Anstand, seiner Frau in meiner Gegenwart zu sagen, er beabsichtige, ihr einen Besuch abzustatten, sobald er zwei kleine Briefe geschrieben haben werde. Kaum hatte er sich entfernt, als wir uns ansahen und wie mit einer Bewegung uns in die Arme stürzten: ein Strom der Wonne glühte ohne Zwang und Zurückhaltung durch unsere Adern; sobald aber das erste Feuer gedämpft, stößt sie mich weg, und wirft sich mit zerstörtem Gesicht auf einen neben ihrem Bette stehenden Lehnstuhl, ohne mir Zeit zu lassen zur Besinnung zu kommen und mich des Zaubers meines schönstes Sieges zu erfreuen. Unbeweglich, erstaunt, beinahe verwirrt, betrachte ich sie zitternd, um womöglich die Ursache dieser sonderbaren Bewegung zu erraten. Auch sie sieht mich an und sagt mit liebeglühenden Augen: »Mein zärtlich geliebter Freund, wir waren im Begriffe, uns unglücklich zu machen.« »Wie? uns unglücklich zu machen! Ah, grausame Freundin, du hast mich getötet! Ich fühle, daß ich sterbe, und vielleicht siehst du mich nie wieder.« Ich verlasse sie in einer Art Wahnsinn und schreite nach der Esplanade, um frische Lust zu schöpfen, denn ich fühle mich dem Ersticken nahe. In der schrecklichen Stimmung, in welcher ich mich befand, höre ich mich aus einem Fenster rufen, und ich habe die traurige Gefälligkeit, zu antworten. Ich trete heran und sehe die berühmte Melulla auf ihrem Balkon, welche seit vier Monaten alle Wüstlinge auf Corfu entzückte und närrisch machte. Alle, welche sie gesehen, feierten ihre Reize; es war nur von ihr die Rede. Ich hatte sie nie gesehen, aber obgleich sie schön war, so schien sie mir doch nicht mit Madame F. zu vergleichen. Maschinenartig gehe ich die Treppe hinaus, sie führt mich in ein wollüstiges Boudoir, und nachdem sie mir vorgeworfen, daß ich allein ihr noch keinen Besuch abgestattet, beging ich die Schändlichkeit, alles mit mir machen zu lassen; – ich wurde der verbrecherischste Mensch. Weder die Begierde noch die Phantasie führten meinen Fall herbei, sondern die Trägheit, die Schwäche, die Aufregung, in welcher ich mich noch befand, endlich eine Art Verdruß über das Wesen, welches ich anbetete und welches mich durch eine Laune reizte, die, wenn ich ihrer nicht unwürdig gewesen wäre, mich nur noch verliebter hätte machen dürfen. Kaum war ich wieder zu mir selbst gekommen, als mich das Gefühl des Abscheus über mich befiel. Verzehrt von Gewissensbissen kehre ich nach Hause zurück, und während dieser ganzen grausamen Nacht ließ sich der Schlummer nicht einen Augenblick auf meinen entzündeten Augenlidern nieder. Am Morgen stehe ich, gebeugt von Schlaflosigkeit und Schmerz, auf und gehe zu Madame F. Da ich sie an ihrer Toilette finde, wünsche ich ihr über den Spiegel hinweg einen guten Morgen und erfreue mich der Heiterkeit und der Ruhe des Glücks, welche auf ihrem schönen Gesichte glänzen; aber als ihre schönen Augen den meinigen begegnen, sehe ich, wie ihre schönen Züge verstört werden und der Ausdruck der Traurigkeit den der Zufriedenheit verdrängt. Wie versunken in Betrachtungen neigt sie ihr Auge, hebt es einen Augenblick darauf wieder in die Höhe, wie um in meiner Seele zu lesen und bricht das peinliche Schweigen erst, nachdem sich ihre Kammerjungfer entfernt. »Mein Freund,« sagte sie mit dem zärtlichsten Tone, »keine Täuschung von deiner Seite oder meiner. – Traurigkeit drückte mich gestern abend nieder, als ich dich weggehen sah, da mich das Nachdenken belehrte, welche üblen Folgen mein Benehmen gegen dich haben könnte; daher bin ich entschlossen, nichts mehr halb zu tun. Ich dachte, du würdest frische Lust schöpfen, und das war mir lieb, weil ich hoffte, daß diese dir gut bekommen würde. Um mich davon zu überzeugen, bin ich ans Fenster getreten und dort wohl länger als eine Stunde stehengeblieben, ohne Licht in deinem Zimmer zu erblicken. Da mein Mann kam, habe ich mich mit der traurigen Gewißheit, daß du nicht zu Hause wärst, zu Bett legen müssen. Vor Leid und Liebe habe ich fast kein Auge geschlossen. Ich mußte nun heute den Unteroffizier melden hören, daß du noch schläfst, weil du spät nach Hause gekommen seist. Mein Herz ist traurig. Ich bin nicht eifersüchtig, mein Freund, denn ich weiß, daß du nur mich lieben kannst; aber ich fürchte ein Unglück. Als ich dich endlich diesen Morgen in mein Zimmer treten hörte, schlug mir das Herz vor Freuden: als ich dich aber anblickte, glaubte ich einen andern Mann zu sehen. Ich prüfe dich noch, und wider meinen Willen liest meine Seele auf deinem Gesichte, daß du mich beschimpft hast. Sag es mir ohne Furcht, teurer Freund, ob ich mich täusche, ob du mich verraten hast. Da ich mich als die Ursache deines Fehltritts betrachte, so werde ich ihn mir nie verzeihen; aber deine Entschuldigung ist in meinem Herzen wie in meinem Wesen.« Im Laufe meines Lebens bin ich oft in der harten Notwendigkeit gewesen, Frauen, welche ich liebte, etwas vorzulügen; aber wie konnte ich wohl in diesem Falle nach einer so wahren und so rührenden Rede lügen? In diesem Augenblicke fühlte ich mein Herz so sehr von Reue und Gewissensbissen geschwellt, daß ich kein einziges Wort hervorbringen konnte, ehe ich meinen Tränen freien Lauf gelassen. Ich gestand ihr meinen Fehltritt, der sie aufs tiefste erschütterte; sie verzieh mir, da sie mich so weit getrieben. Den Rest des Tages verbrachten wir anscheinend in Ruhe, da wir unsere Traurigkeit in unsre Herzen zurückscheuchten. Wir waren entschlossen, den ersten günstigen Augenblick zu ergreifen, um uns neue Beweise unsrer gegenseitigen glühenden Zärtlichkeit zu geben, sie, um meine Verzeihung zu besiegeln, ich, um meinen Schimpf wieder gutzumachen; aber der gerechte Himmel ordnete es anders, und ich wurde für meine abscheuliche Ausschweifung grausam bestraft. Am dritten Tage, als ich aufstand, verkündete mir ein furchtbares Prickeln den schrecklichen Zustand, in welchen mich die unselige Melulla versetzt. Ich war niedergeschmettert! Und wenn ich bedachte, welches Unglück ich hätte anrichten können, wenn mir meine göttliche Freundin in den letzten Tagen eine Gunstbezeigung bewilligt hätte, so war ich nahe daran, den Verstand zu verlieren. Ich hätte mich getötet. Zur Verzweiflung brachte mich die Erkenntnis, daß mich die Dirne mit allen Giften infiziert, aber ein alter erfahrener Arzt versprach mir, mich in zwei Monaten wiederherzustellen. Ich habe oft die Bemerkung gemacht, daß ich den größten Teil meines Lebens angewendet habe, um mich krank zu machen, und wenn ich dieses Ziel erreicht hatte, mich wiederherzustellen. Mir ist sowohl das eine wie das andere sehr gut gelungen, und jetzt, im Alter von zweiundsiebzig Jahren, da ich dies schreibe, wo ich mich in dieser Beziehung einer ausgezeichneten Gesundheit erfreue, schmerzt es mich, daß ich mich nicht mehr krank machen kann. Das erste, wozu ich mich entschloß, nachdem ich meinen grausamen Zustand erkannt, war, daß ich Madame F. damit bekannt machte. Ich wollte nicht bis zu dem Augenblicke warten, wo eine abgezwungene Erklärung sie genötigt hätte, über eine Schwäche zu erröten, noch wollte ich sie den Betrachtungen über die schrecklichen Folgen, welche sie sich durch ihre Leidenschaft hätte zuziehen können, aussetzen. Da ich ihren Geist, die Reinheit ihres Gemüts und ihre Großmut kannte, welche sie mich nur beklagenswert hatte finden lassen, so glaubte ich, ihr durch meine Aufrichtigkeit beweisen zu müssen, daß ich ihre Achtung verdiente. Ich erzählte ihr ganz naiv meinen Zustand und schilderte ihr gleichzeitig denjenigen, in welchen mich der Gedanke an die schrecklichen Folgen, die für sie daraus hätten hervorgehen können, stürzte. Ich sah, wie sie bei diesem Gedanken schauderte und zusammenfuhr, und sie erbleichte, als ich sagte, daß ich sie durch einen Selbstmord gerächt haben würde. Meine Krankheit war nicht der einzige Kummer, welcher mich verzehrte. Ich wurde nicht befördert, und so beschloß ich, den Militärstand aufzugeben. Acht Tage vor dem Aufbruche der Armee nahm mich D. R. wieder in seine Dienste. Bei dieser Gelegenheit sagte Madame F., daß wir uns in Venedig aus mehreren Gründen nicht würden sehen können. Ich bat sie, mir diese nicht zu nennen, da ich vermutete, sie könnten nur demütigend für mich sein. Ich wurde gewahr, daß diese vermeintliche Gottheit nur eine arme Sterbliche wie alle andern Frauen war, und ich fing an, dem Gedanken Raum zu geben, daß ich sehr unrecht tun würde, ihretwegen dem Leben zu entsagen. Der Grund ihrer Seele wurde mir klar, denn, ich weiß nicht mehr bei welcher Gelegenheit, sagte sie zu mir, ich flöße ihr Mitleid ein. Ich sah klar, daß sie mich nicht mehr liebte, denn das Mitleid, dieses erniedrigende Gefühl, findet keinen Raum in einem liebenden Herzen, da die Verachtung diesem traurigen Gefühl zu sehr verwandt ist. Von diesem Augenblicke an bin ich nicht mehr allein mit ihr gewesen. Ich liebte sie noch, es würde mir leicht gewesen sein, sie zum Erröten zu bringen; ich tat es nicht. Sobald wir in Venedig angelangt waren, hängte sie sich an D. R. und liebte ihn, bis er starb. Zwanzig Jahre später erblindete sie. Die beiden letzten Monate meines Aufenthalts in Corfu gehörten zu den lehrreichsten meines Lebens, ich habe mich sehr oft daran erinnert, um nützlichen Rat daraus zu schöpfen. Vor meinem nächtlichen Abenteuer mit der elenden Melulla war ich gesund, reich, glücklich im Spiele, geliebt von allen, angebetet von der schönsten Frau der Stadt. Wenn ich sprach, liehen mir alle ein aufmerksames Ohr, rühmten meinen Geist. Nach jenem verhängnisvollen Abenteuer verlor ich schnell Gesundheit, Geld, Kredit; gute Laune, Achtung, Geist, alles, bis auf die Fähigkeit, mich auszudrücken, verflog mit dem Glücke. Ich sprach; aber man wußte, daß ich unglücklich war, und ich überzeugte nicht mehr. Ich reiste ohne Geld ab, nachdem ich alle Sachen von Wert verkauft oder verpfändet. Zweimal war ich reich hierher gekommen und zweimal reiste ich arm ab; aber diesmal hatte ich Schulden gemacht, welche ich nie bezahlt habe, nicht aus Böswilligkeit, sondern aus Leichtsinn. Als ich reich und wohl war, feierten mich alle; als ich arm und mager war, gab mir niemand mehr ein Zeichen der Achtung. Als ich eine volle Börse und einen zuversichtlichen Ton hatte, fand man mich geistreich, unterhaltend; als meine Börse leicht und mein Ton bescheiden wurde, erschien alles, was ich sagte, platt und geistlos. O Menschen! O Glück! Man mied mich, als ob das Unglück, welches mich verfolgte, ansteckend gewesen wäre.

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