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Erinnerungen aus galanter Zeit

Giacomo Casanova: Erinnerungen aus galanter Zeit - Kapitel 17
Quellenangabe
typeautobiography
authorGiacomo Casanova
titleErinnerungen aus galanter Zeit
publisherWilhelm Borngräber
printrun31. bis 35. Tausend
editorChristian Kraus
year1916
illustratorF. v. Bayros
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140828
projectid2595d4a7
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Illustration: Bayros

Spanien

Nach einer abenteuerreichen Reise durch Europa hatte ich Lust, nun auch Madrid kennen zu lernen, das ich noch nie besucht hatte. In diesem Lande der Inquisition sollte ich nicht ohne Fährnisse meiner Göttin huldigen. Die Galanterie in diesem Lande ist düster und unruhig; weil sie Vergnügungen zum Zweck hat, die unbedingt verboten sind. In gewissem Sinne werden die Genüsse lebhafter und pikanter, weil der Schein des Geheimnisses sie umhüllt. Die Spanier sind klein, ziemlich schlecht gebaut, und ihre Züge sind nicht schön; die Frauen dagegen sind reizend, voller Anmut und Liebenswürdigkeit und von feurigem Temperament. Sie sind immer bereit, sich aus die gefährlichsten Intrigen einzulassen; all ihr Dichten und Trachten hat nur den einen Zweck, die Eifersucht ihrer Männer oder ihre Duennen zu täuschen. Unter mehreren Seufzenden werden sie immer den vorziehen, der vor den vielen Gefahren, mit denen ihr Besitz begleitet ist, nicht zurückbebt; sie kommen gern der Gelegenheit entgegen, und schon für den Wunsch, sie herbeizuführen, leben sie ganz. An einem der ersten Abende besuchte ich nach dem Schauspiel ganz allein in einem Domino den Maskenball. Als Fremder wollte ich alles sehen, alles kennen lernen, und meine Neugierde kostete mir mehr als eine Dublone. Ader dieser Maskenball war für mich weit weniger kostspielig als alle späteren, und ich hatte dies der Unterhaltung zu danken, welche ich mit einem Greise im Erfrischungssaale anknüpfte. Da er mich allein, fern von der Menge sah, sagte er: »Haben Sie Ihre Dame verloren?« »Ich habe keine Dame.« »Aber Sie scheinen sich zum Tanze zu eignen.« »In der Tat tanze ich sehr gern.« »Wenn Sie allein hierherkommen, werden Sie nie tanzen, denn die Damen, die Sie hier sehen, haben alle ihren Tänzer (parejo), der ihnen nicht gestattet, die Einladung eines anderen anzunehmen.« »Wenn es so ist, werde ich wohl auf dies verführerische Vergnügen verzichten müssen, denn ich kenne in Madrid keine Dame, welche mich auf einen Maskenball begleiten möchte.« »Sie irren sich; Sie werden sehr hübsche Tänzerinnen finden und sogar leichter als ein Madrider, da Sie Fremder sind. Seitdem unser Minister, der Graf Aranda, diese fröhlichen Gesellschaften gestattet hat, sind sie die Leidenschaft aller Frauen und Mädchen geworden. Abgesehen von den Zuschauerinnen sind hier etwa dreihundert Tänzerinnen anwesend, aber zum wenigsten gibt es viertausend junge Personen, die keinen Liebhaber haben und jetzt vor Schmerz zu Hause vergehen.« »Wie ich sehe, dürfen diese Damen nicht allein hierherkommen.« »Die Polizei verbietet es.« »Dürfte dann wohl der erste beste eine dieser Damen einladen?« »Kein Vater, keine Mutter wird Ihnen eine abschlägige Antwort geben, wenn Sie ohne Umstände um die Ehre bitten, ihre Tochter auf den Ball begleiten zu dürfen.« »Das ist ein sonderbarer Gebrauch.« »Das Wesentlichste ist, daß Sie dem Fräulein ein Kostüm, eine Maske und Handschuhe anschaffen und ihr einen Wagen zur Verfügung stellen.« »Was soll ich aber tun, Sennor, wenn man meine Einladung ausschlägt?« »Dann empfehlen Sie sich und versuchen anderwärts Ihr Glück. Aber seien Sie unbesorgt, Sie werden überall willkommen sein.« Verführt durch die Sonderbarkeit eines solchen Abenteuers, gelobte ich mir, dem Rat des Greises zu folgen, und bat ihn um seine Adresse. Er erwiderte: »Sie werden mich alle Abende in jener Loge im ersten Range finden, und wenn es Ihnen recht ist, werde ich Sie der Dame vorstellen, welche sie innehat.« Ich nannte mich und folgte ihm. Ich wurde sehr gut in der Loge aufgenommen, in welcher sich zwei Damen und ein Greis befanden. Die eine, welche noch Spuren großer Schönheit bewahrte, fragte mich, welche tertullias (Gesellschaften) ich besuche. Ich erwiderte, ich sei Fremder und habe nirgends Zutritt. »Kommen Sie zu mir,« sagte sie französisch, »ich bin die Sennora Pichona.« Die Dame hatte viele Bekanntschaften, denn sie fügte hinzu: »Mich kennt jeder.« Gegen Ende des Balles tanzte man den Fandango, von dem ich eine Vorstellung zu haben glaubte, weil ich ihn in Italien und in Frankreich tanzen gesehen hatte; aber dies war nur eine bloße Kopie gewesen, und das Original dürfte wohl nirgends anders aufgeführt werden können. Stellungen, Bewegungen, Blicke, alles war dort kalt und tot gewesen; hier lebte alles, sprach zum Herzen und zu den Sinnen. Dieser Anblick versetzte mich in eine wahre Raserei. Jeder Kavalier tanzt seiner Dame gegenüber und begleitet seine Bewegungen mit Kastagnetten. Die Bewegungen des Tänzers drücken zunächst die Begierde aus, die der Tänzerin die Einwilligung; sodann wird der Tänzer lebendiger und sinnlicher, und die Tänzerin versinkt in süßes Schmachten oder in Verzückung, bis die Ermüdung beide trennt. Man wird sich wohl denken, daß Zuschauer und Zuschauerinnen diesen Tanz mit großer Teilnahme verfolgen, und diese Teilnahme ist so glühend, daß der Fandango wahrscheinlich in den Logen fortgesetzt werden würde, wenn der Saal nicht glänzend erleuchtet wäre. Am folgenden Tage suchte ich einen Professor des Fandango und fand ihn in der Person eines Schauspielers, der mir auch einige Lektionen im Spanischen gab. Nach drei Tagen tanzte ich den Fandango vollendet und ging nun darauf aus, mir eine Tänzerin zu verschaffen. An ein Fräulein aus den höheren Ständen konnte ich mich nicht wenden, weil ich kurz abgewiesen worden wäre; andererseits wollte ich weder eine verheiratete Frau noch eine Kurtisane. Es war gerade der Tag des heiligen Antonius, der nicht nur kanonisiert worden, sondern auch den Beinamen des Heiligen erhalten hatte, und der uns immer in Gesellschaft eines Schwans gezeigt wird. Ich trete in die Kirche de la Soledad, um die Messe zu hören, beständig darauf bedacht, mir für den folgenden Tag eine Pareja zu verschaffen. Hier bemerkte ich ein junges Mädchen, welches mit zur Erde gesenkten Augen aus einem Beichtstuhle trat. Da ich aus ihrer ganzen Haltung sah, daß sie den Fandango wie ein Engel oder wie ein Teufel tanzen müsse, beschloß ich auf den Scannos del Peral mit ihr zu debütieren. Man sah wohl, daß sie keiner Familie von hohem Stande angehörte; sie war aber schön und hatte ein anständiges Wesen und eine elegante Haltung. Nach der Beichte kniete sie in der Kirche nieder und ging dann zum Abendmahl. Ich hörte ihr zuliebe eine zweite Messe, denn die vielen Paternoster, die sie betete, brauchten Zeit. Endlich verließ sie die Kirche, ging um die Straßenecke und trat in ein einstöckiges Haus. Ich folgte ihr und klopfte an die erste Tür. »Wer ist da?« »Gente de paz.« Das ist die in Madrid gebräuchliche Antwort. Ein Gläubiger, der zu dir kommt, ein Polizist, der dich verhaften will, wird immer sagen: »Ein friedlicher Mann.« Die Tür öffnete sich und ich erblickte die junge Person in Gesellschaft eines Mannes und einer Frau; es waren ihr Vater und ihre Mutter. Ich sagte zum ersten: »Sennor, ich bin ein Fremder und großer Freund vom Tanzen, aber ich habe keine Pareja.« Der Vater wendete sich zur Frau, die Frau zur Tochter und diese blickte mich an. Ich fuhr fort: »Ich komme also auf gut Glück zu Ihnen und bitte Sie um die Erlaubnis, Ihre Tochter auf den Ball führen zu dürfen.« »Sennor, wir haben nicht die Ehre, Sie zu kennen, und ich weiß nicht, ob meine Tochter Sie wird begleiten wollen.« Das Mädchen wurde feuerrot und erwiderte auf der Stelle: »Ich werde mich glücklich schätzen, den Herrn begleiten zu dürfen.« Hierauf fragte der Vater, der sich Don Diego nannte, nach meinem Namen und meiner Adresse und versprach, sich die Sache zu überlegen und mir vor Mittag Antwort zu bringen. Noch am Vormittag meldete mir der brave Mann, daß er die Einladung annehme; aber unter der Bedingung, daß die Mutter das Ende des Balles in meinem Wagen abwarten dürfe. Im Gespräche mit ihm erfuhr ich, daß er Schuhe mache. »Wohlan!« sagte ich zu ihm, »nehmen Sie mir zu einem Paar Schuhe Maß.« »Das kann ich nicht, Sennor; ich bin Edelmann; wenn ich Ihnen Maß nehmen wollte, würde ich mir etwas vergeben.« »Ihr Stand nötigt Sie doch dazu?« »Allerdings, wenn ich Schuhmacher wäre; aber das bin ich nicht.« »Was sind Sie denn?« »Zapatero de viejo (Altflicker). Ich nehme keinen Fuß in die Hand, außer von Adligen, wie ich selber.« »Gut, Hidalgo! So nehmen Sie mir nicht Maß, sondern flicken Sie mir meine alten Stiefeln. Wird Euer Gnaden das tun?« »Ich werde es tun, und ich werde sie Ihnen so gut ausbessern, daß Sie sie für neu halten sollen.« »Abgesehen von Ihrem Adel sind Sie ein geschickter Arbeiter.« »Wir arbeiten seit fünf Generationen zum richtigen Preise. Die Arbeit wird Ihnen einen pezzo duro kosten« (ungefähr einen Taler). Am folgenden Tage schickte ich meiner Pareja einen Domino, eine Maske und Handschuhe. Am Abend begab ich mich mit einem Mietswagen zu ihr; ich wurde mit Ungeduld erwartet. Die Mutter, in einen großen Mantel gehüllt, begleitete uns und schlief fast augenblicklich ein. Als ich mit Donna Ignazia in den Saal trat, waren die Quadrillen schon gebildet. Zwei Stunden lang versäumten wir keinen Kontertanz, worauf ich ihr ein Abendessen anbot. Alles dies erfolgte, ohne daß wir ein Wort miteinander austauschten. Ich wußte allerdings auch nicht drei spanische Worte. Um elf Uhr verkündete uns ein Paukenschlag, daß der Fandango anfange. Dieser glühende Tanz, dessen Figuren feurige Bilder der Wollust sind, entfesselte meine Zunge und gab mir die sonderbarste Liebeserklärung ein, die ich je gemacht; es war eine Mischung von französischen, italienischen und spanischen Worten. Die Kleine verstand alles; allerdings ergänzten meine Augen die Lücken meines Wörterbuchs. Sie gab mir zu verstehen, daß sie mit sich zu Rate gehen müsse, ehe sie meine Liebeserklärung beantworten könne, und daß ich durch ein in ihren Domino eingenähtes Billett von ihren Gefühlen in Kenntnis gesetzt werden solle. Ich solle ihn am folgenden Morgen abholen lassen. Als wir wieder in den Wagen stiegen, schlief oder schnarchte vielmehr die Mutter noch immer. Unsere Ankunft weckte sie und sie begrüßte uns mit einem: »Schon! Ich habe nicht Zeit zum Ausschlafen gehabt.« Dank der in unserm rollenden Hause herrschenden Dunkelheit behielt ich die weißen Pätschchen Donna Ignazias in meinen Händen, und in dieser Lage, die mich von noch viel Angenehmerem träumen ließ, erzählte sie ihrer Mutter, welches Vergnügen sie auf dem Balle gehabt. In einiger Entfernung vom Hause ihres adligen Gatten bat Ignazias Mutter den Kutscher, zu halten, um den bösen Zungen keinen Stoff zum Klatschen zu geben. Am folgenden Tage sah ich ungeduldig dem Domino Ignazias entgegen. In der Tat war das versprochene Billett im Futter eingenäht; es enthielt nur die beiden Zeilen: »Don Francisco de Ramos, mein Liebhaber, wird zu Ihnen kommen und Ihnen sagen, was Sie zu tun haben, um mich glücklich zu machen.« Der Liebhaber ließ nicht lange auf sich warten und war weniger lakonisch als die Braut. Er erzählte mir die Geschichte seiner langen Liebschaft voll zwecklosen Harrens und wollte von mir zweihundert Dukaten zur Gründung eines Geschäfts haben. Die bekam er freilich nicht, und so ging er enttäuscht. Eines Tages fand ich Donna Ignazias Vater vor meiner Tür. Der Hidalgo brachte mir meine Stiefel zurück. Er tat mir die ganz besondere Ehre an, mir um den Hals zu fallen: »Sie haben meine Tochter bezaubert. Sie spricht vom Morgen bis zum Abend von Ihnen.« Ich würde, dachte ich bei mir, mich lieber vom Abend bis zum Morgen mit ihr beschäftigen. Laut sagte ich: »Meiner Treu, ehrenwerter Sennor, Ihre Tochter ist eine sehr liebenswürdige, sehr hübsche und sehr anständige junge Person.« »Ein edles Geschlecht,« fiel er ein. »So anständig,« fuhr ich fort, »daß ich nicht gewagt habe, sie zu besuchen, weil ich sie bloßzustellen fürchtete.« »Mein Herr, ihr Ruf als tugendhaftes Mädchen erhebt sie über jeden Angriff, und Ihr Besuch soll mir sehr angenehm sein.« Das war gerade so gut, als ob der brave Mann gesagt hätte: Machen Sie ihr den Hof! Noch an demselben Tage begab ich mich zu Donna Ignazia. Ich fand sie neben ihrer Mutter sitzen; sie hielt einen Kranz von Rosen in der Hand, während ihre Mutter das Geschirr abwusch und der Hidalgo seinen edlen Beschäftigungen als zapatero de viejo nachging. Ich machte der Schönen ein Kompliment wegen des Balles; sie nahm es sehr gut auf und erbot sich von selbst, mich zu begleiten. Nun zog ich eine Dublone aus der Tasche und gab sie den adligen Eltern, um einen Domino und Handschuhe zu kaufen; ich blieb allein mit Ignazia. Meine bestimmte Absicht war, eine schnelle Lösung herbeizuführen, aber Ignazia hatte Grundsätze und stellte allen meinen Unternehmungen einen jungfräulichen Widerstand entgegen. Doch entriß ich ihr das halbe Geständnis: »Es ist meine Pflicht, Ihren Begierden zu widerstehen, selbst wenn es mir schwer werden sollte.« Sobald ich nur ihre Pflicht zu bekämpfen hatte, war es wahrscheinlich, daß ich mit diesem schwachen Feinde fertig werden würde. Am Abend gebrauchte ich die Vorsicht, zwei Flaschen Ratafia in meinen Wagen zu stellen, und füllte die Taschen meiner Tänzerin mit bonbons diaboligues. Als ich ihr eine goldene Dublone anbot, sagte sie: »Geben Sie diese lieber Francisco.« »Aber er ist Edelmann, er wird sie nicht nehmen.« »Doch. Sagen Sie ihm, dies sei eine Abschlagszahlung auf die zweihundert, um welche er Sie gebeten. Der arme Junge kann sie sehr gut brauchen, denn er ist so arm!« »Und so verliebt!« setzte ich lachend hinzu. »Ein erfrorener Liebhaber, der nachts auf der Straße auf mich wartet, wenn ich mit Ihnen auf den Ball gehe.« »Wenn ich dies glaubte, würde ich ihm vorschlagen, Ihrer Mutter im Wagen Gesellschaft zu leisten.« Ich glaubte zu bemerken, daß die Schöne dank den Bonbons und dem Fandango menschlicher gestimmt wurde. Die verliebten Blicke, die wollüstigen Berührungen hatten ihren Fortgang; aber wir waren noch nicht zum Küssen gekommen, und ich hatte also meine Rechnung noch nicht gefunden. Als wir uns mit Tagesanbruch verließen, gab sie mir ein Stelldichein für den folgenden Tag in der Kirche de la Soledad. Aber da sie mit einer, übrigens recht häßlichen Freundin erschien, hielt ich mich versteckt und suchte sie dann am Abend auf. Sie lud sich von selbst zum nächsten Balle ein und fragte mich, ob ich zwei ihrer Cousinen mitnehmen wolle. »Sind sie ebenso schön wie Sie?« »Schön oder nicht, tun Sie es mir zuliebe.« »Ich werde es tun. Wo wohnen diese Damen?« »Nehmen Sie diese Spitzen und gehen Sie nach der neuen Straße. In der Mitte werden Sie einen kleinen Laden mit der Aufschrift ›Zur heiligen Therese‹ finden. Dort ist es. Sagen Sie nur, Sie kommen von mir; das übrige werde ich besorgen.« »Die Damen sind Wäscherinnen?« »Und adlig.« »Wie Ihr Vater, ich weiß es.« Ich folgte Ignazias Anweisungen und begab mich mit den Spitzen zu den Cousinen. Ihr Gesicht und ihr Wesen hatte eben nichts Gewinnendes; die älteste glich dem Porträt, welches uns Cervantes von der berühmten Dulcinea von Toboso entworfen hat; die andere mag man sich als einen Dragoner in Weiberkleidern vorstellen. Trotzdem war es mir nicht unangenehm, daß Ignazia diese beiden häßlichen Frauenzimmer ausersehen hatte; meine Eigenliebe erblickte darin ein Vorzeichen meines Sieges. Eine Frau, sagte ich zu mir selbst, kann einen ihr gleichgültigen Mann mit einer schönen Person zusammenbringen, aber demjenigen, den sie zu lieben geneigt ist, wird sie immer nur eine häßliche zeigen. Nachdem wir unsere Verabredungen getroffen, speisten die beiden Cousinen und Donna Ignazia bei mir zu Mittag. Beim Trinken fuhr mir eine zum mindesten burleske Idee durch den Kopf. Ich sagte zu den Damen: »Ich sehe mit Bedauern, daß jede von Ihnen nur im Verhältnisse von einer zu dreien am Kontertanze wird teilnehmen können; aber ich weiß ein Mittel dagegen.« »Sagen Sie es.« »Die größte der jungen Damen müßte sich entschließen, Männerkleider anzulegen.« Die jüngste schrie über diesen Vorschlag laut auf und sagte: »Ich werde nie eine solche Todsünde begehen.« Ignazia, welche alle Legenden auswendig wußte, beruhigte sie, indem sie ihr das Beispiel der heiligen Marina anführte, die ihr ganzes Leben lang in Männerkleidern gegangen. »Aber«, versetzte das arme Mädchen, »wer soll mich denn anziehen?« »Ich bin der einzige, Fräulein, der Ihnen diesen Dienst leisten kann.« »Das wage ich nicht.« »Oh, tue es nur,« sagte Ignazia, »Don Jaíme ist der anständigste Kavalier von ganz Spanien.« Nachdem ihre Bedenken beseitigt waren, verkleidete ich sie so gut von Kopf bis zu den Füßen, daß ihr Geschlecht gar nicht zu erkennen war. Als die andere Cousine mich fragte, ob ich mich auf Frauentoilette verstehe, ergriff ich diese Gelegenheit und sagte, wenn Donna Ignazia damit zufrieden sei, wolle ich ihr eine Probe meiner Geschicklichkeit geben. Sie erklärte sich bereit, und wir gingen in ein benachbartes Zimmer, welches ich verriegelte. Die Toilette dauerte lange, man errät wohl, weshalb; aber mir wurde die Zeit sehr kurz; ich entkleidete die Schöne sehr schnell, aber das Ankleiden dauerte lange. Die Cousinen wurden ungeduldig; Donna Ignazia glaubte sich, als sie wieder in das Zimmer kam, wegen der Zögerung entschuldigen zu müssen; der Domino, sagte sie, sei zerrissen und hätte erst wieder genäht werden müssen. Die Cousinen lachten; ich war freudestrahlend. Am Abend gingen wir also auf den Ball. Aber wegen der großen Menschenmenge war es nicht möglich, zu tanzen. Ich bot den Damen ein Abendessen an, und dieses dauerte bis gegen Mitternacht; wir hatten doch wenigstens den Anblick des Tanzes, wenn wir auch selbst nicht tanzen konnten. Ich hoffte, mich im Fandango mit den Damen auszeichnen zu können; plötzlich hört das Orchester zu spielen auf, die Quadrillen lösen sich auf und die Tanzenden ziehen ab. Ich fragte nach dem Grunde dieses schnellen Aufbruchs, und man antwortete mir: »Es ist Aschermittwoch, und in der Fastenzeit tanzt man nicht.« Ich brachte Ignazias Cousinen nach Hause und lieferte sie rein, wie ich sie erhalten hatte, ab. Ignazia erklärte sich bereit, noch einige Erfrischungen einzunehmen, und ich führe sie nach meiner Wohnung, in der Hoffnung auf eine süße Zusammenkunft unter vier Augen. Als ich aber in das Kaffeehaus trete, wo ich die Erfrischungen bestellen will, bemerke ich Don Francisco, der mir entgegenkommt und ohne Umstände sagte: »Ich habe Sie mit Ignazia kommen sehen; erlauben Sie, daß ich ihr einen guten Morgen wünsche?« »Meinethalben,« sage ich, meinen Verdruß verhehlend, »Sie werden ihr ein Vergnügen erweisen.« Donna Ignazia wurde bleich, als sie ihren Liebhaber erblickte. »Es ist unanständig,« sagte sie, »die Leute zur jetzigen Zeit zu belästigen.« Ich übernahm seine Verteidigung und machte Ignazia bemerklich, daß sie wenig Nachsicht für einen Mann zeige, der ihr diesen Beweis seiner Liebe gebe. Sie begriff meine Zurückhaltung und lud den armen Francisco zum Sitzen ein; er setzte sich einen Augenblick, goß sich zu trinken ein und ging dann wieder. Darauf sagte Ignazia mit traurigem Tone: »Die Gegenwart Franciscos hat mir alles Vergnügen geraubt, was ich mir mit Ihnen versprach; ich bin überzeugt, daß er in der Nähe geblieben ist, um mir aufzulauern, und daß er wohl imstande ist, sich wegen meiner Verachtung zu rächen. Ich werde mich auch wegen des Streichs, den er mir gespielt hat, rächen, und bin entschlossen, ihm ganz den Abschied zu geben; denn in Wahrheit dulde ich seine Liebe nur durch das Fenster, um einen Mann zu bekommen. Ich liebe nur Sie, Don Jaime.« »Ich bin davon überzeugt, Ignazia, und ich achte Sie zu sehr, um etwas anderes zu glauben.« Sodann brachte ich Ignazia zu ihrem Vater zurück, nachdem ich ihr geschworen, sie, solange ich in Madrid bleiben würde, zu lieben. Man weiß, daß ich den Grundsatz habe, nie die Zukunft zu verpfänden. Bald darauf mußte ich nach Aranjuez verreisen, und von dort schrieb ich meinem adligen Schuhflicker, daß ich eines möblierten Zimmers nebst Kabinett, eines Bedienten und eines Mietsfuhrwerks bedürfe. Schon nach zwei Tagen erhielt ich die Adresse der neuen Wohnung, und als ich einzog, stellte sich heraus, daß mein braver Hidalgo selbst mein Wirt war; er hatte das ganze Haus für mich gemietet und mit seinen adligen Händen alles selbst vorbereitet. Ich bot ihm meinen Tisch an, da ich nicht gern allein aß; nach vielen Einwendungen gab er meiner Bitte nach, aber mit dem Vorbehalt, daß er sich durch seine Tochter ersetzen lassen dürfe, wenn seine Beschäftigungen ihn hindern sollten, mir Gesellschaft zu leisten, eine Bedingung, die ich sehr gern einging. Am folgenden Tage war ich mit Ignazia allein und wir hatten eine Unterhaltung, die von zu charakteristischen Umständen begleitet war, als daß ich sie hätte vergessen können. In zarten und diskreten Ausdrücken hatte ich ihre Reize gelobt. »Sehen Sie, es gibt Augenblicke, wo ich häßlich sein möchte, und erst in der vergangenen Woche habe ich eine meiner Freundinnen besucht, welche die Pocken hatte, um mich von ihr anstecken zu lassen.« »Wissen Sie aber auch, daß Sie ein Verbrechen begangen haben, um sich einer scheinbaren Sünde zu entziehen?« »Das sagt mein Beichtvater auch, und er hat mir eine Buße auferlegt, die ich nicht erwartet hatte.« »Ein Rat genügte, die Buße war überflüssig. Worin besteht aber die Buße?« »Zunächst hat er mir erklärt, warum man sein Gesicht vor jeder Schändung bewahren muß; ›ein schönes Gesicht‹, sagt er, ›ist der Spiegel einer schönen Seele und ein Geschenk des Himmels, für welches man Gott täglich danken muß, denn die Schönheit ist ein Empfehlungsbrief.‹ Nach seiner Ansicht habe ich mich einer Undankbarkeit gegen den Schöpfer schuldig gemacht, und zur Buße für meine Sünden hat er mir befohlen, Rot aufzulegen, weil er mich zu bleich findet. »Ist Ihr Beichtvater jung?« »Er ist siebzig Jahre alt.« »Erzählen Sie ihm Ihre reizenden Schwächen mit allen Einzelheiten?« »Ich habe kein Geheimnis vor ihm.« »Wann denken Sie wieder hinzugehen?« »Heute abend.« »Haben Sie eine Todsünde auf dem Gewissen?« »Keine.« »Sie werden also Ihrem Beichtvater heute nichts zu sagen haben? Wenn Sie aber wollen –« Sie legte ihren hübschen Finger auf den Mund. Ich drücke sie verliebt an meinen Mund, und vermöge des Gesetzes der Anziehung war sie bald auf meinem Schoß. »Was wird mein Beichtvater sagen!« rief sie erschrocken. »Ich bin überzeugt, daß Sie nie zur Beichte gehen.« »Vor acht Tagen habe ich die Absolution bekommen.« »Sie erfreuen mich mit dieser Mitteilung.« Ich benutzte ihre Freude, und wiederum infolge des Gesetzes der Anziehung änderten wir unsere Stellung; es war nicht mehr Ignazia, die auf mir saß. Aber im entscheidenden Augenblick erhebt sich Ignazia mit einer gewaltigen Anstrengung und kniet vor einem Bilde der heiligen Jungfrau in einer Ecke des Zimmers nieder. Man muß wissen, daß jedes spanische Zimmer seine Madonna hat; diese Madonna steht gewöhnlich in einem kleinen Behälter von Gaze, über welchen ein Vorhang von braunem Zeuge niederfällt. Nachdem sie ihr Gebet vor dem Bilde der heiligen Jungfrau verrichtet, welche während unserer Unterhaltung unbedeckt gewesen war, zog sie den Vorhang vor und setzte sich wieder neben mich; sie war sehr aufgeregt. »Warum so verstört, liebes Kind?« »Ich bin nicht nur im Zustande einer Todsünde, sondern habe auch eine Heiligtumsschändung begangen. Ich wage nicht, meinem Beichtvater zu gestehen, was ich vor diesem Bilde mit Ihnen getan.« Diese naiven Worte wurden von Tränen und Schluchzen unterbrochen, und alles, was ich tun mochte, um sie wieder zur Vernunft zu bringen, war vergeblich. Am folgenden Abend sagte sie mir, sie habe ihrem Beichtvater alles gestanden, der ihr die Absolution nicht verweigert, aber nur unter der Bedingung, daß sie sich eine andere Madonna anschaffe, da die ihrige entweiht sei. Ich versprach ihr dies kleine Geschenk, und sie beteuerte mir unter Tränen, daß sie nie mehr vergessen würde, das Bild der Mutter des Erlösers zu verhüllen, wenn ich sie besuchte. Als sie dies gesagt, verschwanden ihre Tränen bis auf die letzte Spur. Leider hatte mein Glück keine lange Dauer mehr. Mein Unstern führte den Baron von Fraiture, einen Spieler und Gauner von Gewerbe, nach Madrid, den ich in Spaa kennen gelernt hatte. Dieser Fraiture brachte mich in die größte Verlegenheit durch seine Spielergeschichten, so daß mir plötzlich alle Gesellschaften gesperrt waren. Trotz der Gefälligkeiten Ignazias wurde mir meine Nachbarschaft bald unerträglich. Ein ehrlicher genuesischer Buchhändler schoß mir hundert Pistolen vor, und so gelang es mir, Spanien zu verlassen.

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