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Erinnerungen aus galanter Zeit

Giacomo Casanova: Erinnerungen aus galanter Zeit - Kapitel 13
Quellenangabe
typeautobiography
authorGiacomo Casanova
titleErinnerungen aus galanter Zeit
publisherWilhelm Borngräber
printrun31. bis 35. Tausend
editorChristian Kraus
year1916
illustratorF. v. Bayros
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140828
projectid2595d4a7
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Intermezzo

Ich begab mich nach Paris. In dieser Stadt hoffte ich mich mit Hilfe meiner Talente, meiner Rednergabe und Geschicklichkeit emporzuarbeiten. Ich täuschte mich nicht. Es sollten damals Wege gefunden werden, Geld aufzubringen, das die Regierung sehr notwendig hatte. Infolge meiner Empfehlungen kam ich bis zu den Kabinetten der Ministerien, wo ich durch nicht andres als durch geschickte Aneignung des Plans eines andern mich den Finanzmännern empfahl. Es handelte sich um eine Staatslotterie, deren technisch-rechnerische Grundlage ein anderer ausgearbeitet hatte, aber er konnte niemand dafür interessieren. Mir gelang dies, wie gesagt, mit Hilfe meiner Redegabe und meiner Fähigkeit, die Menschen im rechten Augenblick zu fassen. Der Plan wurde ausgeführt; der andre, welcher mir seinen Gedanken übermittelt, erhielt seinen Anteil, den größten sicherte ich allerdings mir. Ich war plötzlich ein Mann geworden, mit dem der Staat rechnete. Meine Einkünfte steigerten sich dermaßen, daß ich das Leben eines großen Herrn führen konnte, und in der höchsten Gesellschaft hatte ich meinen Verkehr. Allen Launen konnte ich genügen, und meine Liebe fand unter den schönsten Frauen und jungen Mädchen ihr Glück. Im Auftrage des Staates führte ich in Holland Finanzgeschäfte zum besten aus, und so hätte sich mir wohl allenthalben Gelegenheit genug geboten, meine Stellung bei der Regierung zu befestigen. Aber meine Neigung zur Muse, meine Liebe zur Freiheit ließen mich nicht Boden fassen. Ich gab meine Geschäfte aus den Händen, zehrte lieber von meinem Kapital, welches sich natürlich bei meiner Lebensweise stark verminderte. Zuletzt wollte ich mir wieder durch eine Tuchfabrik, welche ich ins Leben rief, aufhelfen, aber sie brachte nicht den erhofften Erfolg, gab mir nichts als eine Anzahl Mädchen in die Hand, meine Arbeiterinnen, welche ich nach und nach alle genoß, so daß ich mich als Besitzer eines Harems fühlen konnte. In jener Zeit wurde ich mit der Marquise d'Urfé, einer alten, vornehmen Dame bekannt, welche sich ganz den abstrakten Wissenschaften ergeben hatte, eine Menge mystischer Schriften besaß, in einem großen Laboratorium sich mit chemischen Untersuchungen beschäftigte, die alle darauf hinausliefen, Gold zu machen. Ich wußte mich ihr gegenüber so zu geben, daß sie mich ebenfalls für einen Adepten halten mußte und mir ihre Geheimnisse anvertraute, aus welchen ich die besten Vorteile für mich ziehen wollte. Geschickt wandte ich wieder meine Kabbala an, und sie hatte auch hier, dank meiner Unerschrockenheit, alles zu wagen, alle gewünschten Erfolge. Die große Chimäre der guten Marquise bestand darin, daß sie an die Möglichkeit glaubte, zum Umgang mit Genien, welche die Elementargeister genannt werden, zu gelangen. Sie hätte ihr ganzes Vermögen dafür hingegeben, und es hatten sich Betrüger genug an sie herangemacht, welche ihren Wünschen schmeichelten und sie zuletzt nasführten. Als sie eines Tages ganz aufrichtig mit mir sprach, äußerte sie, ihr Genius habe sie überzeugt, daß ich ihr den Umgang mit Geistern nicht verschaffen könne, weil sie Frau sei: denn die Genien gingen nur mit den Männern um, deren Natur weniger unvollkommen sei: aber ich könnte sie vermittels einer mir bekannten Operation in die Seele eines Knaben übergehen lassen, der durch die philosophische Paarung eines Unsterblichen mit einer Sterblichen oder eines gewöhnlichen Menschen mit einer Frau von göttlicher Natur entstanden sei. Hätte ich geglaubt, Madame d'Urfé enttäuschen und zu einem vernünftigen Gebrauche ihrer Kenntnisse und ihres Verstandes zurückführen zu können, so würde ich es, glaube ich, versucht haben, und das wäre ein verdienstliches Werk gewesen; aber ich war überzeugt, daß ihre Betörung unheilbar war, und glaubte nichts besseres tun zu können, als auf ihre Narrheit einzugehen und diese zu benutzen. Ich ließ sie hoffen, daß sie Mann werden könnte und stellte dafür Bedingungen und Operationen in Aussicht, die sich nie erfüllen konnten. Mir aber gaben sie bis zu ihrem Tode die Gelegenheit, ihre Börse in Anspruch zu nehmen, und das mit Beträgen, so hoch ich sie wollte. Ich habe diese Dame auf jede Art und Weise getäuscht, ihr die undenkbarsten Komödien vorgespielt, um ihr Geld abzulocken, wie ich es brauchte, immer durch Vorspiegelung, sie sterben und dann als Mann erstehen zu lassen. Doch brauche ich mir keinen Vorwurf zu machen. Madame d'Urfé war reich, hatte ein ungeheures Vermögen und war doch geizig; ihre Einnahmen verdoppelten sich jährlich durch Börsengeschäfte. Die Summen, die ich benutzte, um mir Vergnügungen zu verschaffen, waren zu Zwecken bestimmt, welche von Natur unmöglich. Ich würde mich schuldig fühlen, wenn ich mir selbst dadurch ein Vermögen verschafft hätte. Aber ich behielt nichts, ich habe alles verschwendet; dies tröstet und rechtfertigt mich. Es war Geld, das für Torheiten bestimmt war; ich habe es seiner Bestimmung nicht entzogen, wenn ich es für meine Torheiten verwandte. Wie gesagt: als auch meine Tuchfabrik zusammenbrach und ich nun wieder in die Welt hineinreiste, erlangte ich stets von ihr jeden Betrag, und ich kam oft in die Gelegenheit, sie zu mystifizieren, denn die folgenden Jahre hatte ich keine anderen Einnahmen, als die aus dem Spiel und den Börsen meiner Freunde.

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