Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Giacomo Casanova >

Erinnerungen aus galanter Zeit

Giacomo Casanova: Erinnerungen aus galanter Zeit - Kapitel 11
Quellenangabe
typeautobiography
authorGiacomo Casanova
titleErinnerungen aus galanter Zeit
publisherWilhelm Borngräber
printrun31. bis 35. Tausend
editorChristian Kraus
year1916
illustratorF. v. Bayros
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140828
projectid2595d4a7
Schließen

Navigation:

C. C. und M. M.

Ich sah meine Heimat mit jenem köstlichen Gefühle wieder, welches alle rechtschaffenen Herzen empfinden, wenn sie an den Ort zurückkommen, wo sie die ersten dauernden Eindrücke empfangen. Ich hatte einige Erfahrung gesammelt; ich kannte die Gesetze der Ehre und die Höflichkeit, ich fühlte mich endlich über fast alle meinesgleichen erhaben und sehnte mich nach meinem alten Leben, aber ich nahm mir vor, nicht mit mehr Methode und Mäßigung aufzuführen. Herr von Bragadino wollte der Vermählungsfeier des Dogen mit dem Meere nicht beiwohnen; ich begleitete ihn deshalb nach Padua. Nachdem ich mit ihm zu Mittag gespeist und ihm die Hand geküßt, stieg ich in eine Postchaise, um nach Venedig zurückzukehren. Wäre ich zwei oder drei Minuten früher oder später von Padua abgereist, so würde sich, was mir seitdem begegnet, auf eine verschiedene Weise gestaltet haben, und mein Schicksal würde, wenn es wahr ist, daß es von Kombinationen abhängt, ein ganz andres geworden sein. Der Leser möge darüber urteilen. In einem solchen verhängnisvollen Augenblick von Padua abgereist, begegnete ich in Oriago einem Kabriolett, welches, mit zwei Postpferden bespannt, in starkem Trabe dahinfuhr. Eine sehr hübsche Frau und ein Mann in deutscher Uniform saßen darin. Einige Schritte vor mir wirft das Kabriolett nach dem Flusse zu um, und die Frau, welche auf den Kavalier fällt, ist in der größten Gefahr, in die Brenta zu stürzen. Ich springe aus dem Wagen, ohne zu warten, bis er angehalten, eile der Dame zu Hilfe und beseitige mit keuscher Hand die Unordnung, welche der Fall in ihrer Toilette angerichtet. Ihr Gefährte, welcher unverletzt aufgestanden war, eilt herbei, und die Schöne sieht sich auf ihrem Sitze ausgestreckt, ganz verdutzt und beschämt, weniger über den Fall, als über die Indiskretion ihrer Unterröcke, welche das, was eine anständige Frau nie einem Unbekannten zeigt, entblößt hatten. Während sie mir dankte, was so lange dauerte, als ihr und mein Postillon brauchten, um den Wagen wieder aufzurichten, nannte sie mich wiederholt ihren Retter und ihren Schutzengel. Als der Schaden wieder ausgebessert war, setzten sie ihre Reise nach Padua fort und ich nach Venedig. In dem Maskentrubel des Vermählungsfestes traf ich beide wieder. Sie luden mich zum Essen ein, und als ich nachher von dem Herrn eine Weile mit der Dame allein gelassen wurde, verliebte ich mich in sie, ohne aber Erhörung zu finden. Ihr zuliebe mietete ich für den Abend eine Loge in der Oper, und nachher gab ich ihnen ein Abendessen. Von diesem fuhr ich sie nach Hause in meiner Gondel, wo ich unter Begünstigung der Nacht von meiner Schönen alle Gunstbezeigungen erhielt, welche man in der Nähe eines Dritten, auf den man Rücksicht zu nehmen hat, bewilligen kann. Als wir uns trennten, sagte der Offizier zu mir: »Morgen sollen Sie mehr von uns erfahren.« Und wirklich wurde er mir am Morgen gemeldet. Ich empfing ihn, und nachdem er sich mir als Sohn eines an der Börse geachteten Mannes vorgestellt, von der Dame aber berichtete, es sei die Gattin des Wechselmaklers O., mit dem sie sich seinetwegen entzweit, weihte er mich in seine Geschäfte ein: er hatte für den venetianischen Staat die Ochsenverproviantierung zu besorgen. Mit vielen Worten machte er mir den Vorschlag, mich an dem Geschäfte zu beteiligen. An der ganzen Art merkte ich so viele Verlegenheiten und Schlingen, daß ich die Unsicherheit einsah und ihm seine Bitte rundweg abschlug. Unter Entschuldigungen entfernte er sich, ließ mir aber seine Adresse zurück, was heißen sollte, ich möchte seinen Besuch erwidern. Ich wollte zwar nichts mit dem sauberen Paare zu tun haben, da ich seine Pläne auf meine Börse zu durchschauen glaubte. Aber am folgenden Tage ließ ich mich durch meinen bösen Genius verführen, ich redete mir vor, ein Höflichkeitsbesuch habe nichts zu bedeuten, und so besuchte ich ihn. Ein Bedienter führte mich in sein Zimmer, wo er mich mit großer Zuvorkommenheit aufnahm. Sodann begann er wiederum von seinem Geschäfte zu sprechen und zeigte mir einen Stoß Papiere, was mir sehr langweilig war. Statt aller Antwort bat ich ihn, nicht mehr davon zu sprechen. Ich schickte mich an, Abschied zu nehmen, als er sagte, er wolle mich seiner Mutter und Schwester vorstellen. Er geht hinaus und zwei Minuten darauf kehrt er mit den Damen zurück. Die Mutter war eine Frau von unbefangenem und achtungswertem Aussehen, aber die Tochter war ein Muster von Schönheit. Ich war geblendet von ihr. Eine Viertelstunde darauf bat mich die zu vertrauensvolle Mutter um die Erlaubnis, sich entfernen zu dürfen, und die Tochter blieb zurück. Sie brauchte nicht eine halbe Stunde, um mich zu fesseln. Ich war bezaubert von allen ihren Vollkommenheiten, und ihr lebhafter, naiver und für mich neuer Geist, ihre Unschuld und Unbefangenheit, die Natürlichkeit und Erhabenheit ihrer Gefühle, ihre muntere und unschuldige Lebendigkeit, dieses Ensemble endlich, welches durch die Schönheit, den Geist und die Unschuld gebildet wird, was auf mich immer eine unbedingte Herrschaft ausübte, alles dies machte mich zum Sklaven des vollkommensten Weibes, welches sich denken läßt. Fräulein C. C. ging immer nur mit ihrer Mutter aus, welche fromm und dennoch nachsichtig war. Zum Lesen hatte sie nur die Bücher ihres Vaters, eines vernünftigen Mannes, welcher keine Romane hatte, und sie brannte vor Begierde, solche zu lesen. Sie hatte auch große Lust, Venedig kennen zu lernen, und da niemand das Haus besuchte, so hatte man ihr noch nicht gesagt, daß sie ein wahres Wunder war. Ihr Bruder schrieb, und ich unterhielt mich mit ihr oder vielmehr ich beantwortete die zahllosen Fragen, welche sie an mich richtete und welchen ich nur genügen konnte, wenn ich die Ideen erweiterte, welche sie schon hatte und welche sie zu ihrer großen Verwunderung bei sich entdeckte, denn ihre Seele schlummerte noch im Chaos. Ich sagte ihr aber nicht, daß sie schön wäre und daß sie im höchsten Grade mein Interesse erregte; denn da ich in dieser Beziehung so viele andere Mädchen belogen hatte, so fürchtete ich, ihr verdächtig zu werden. Traurig und träumerisch, und nur zu sehr durchdrungen von den seltenen Vorzügen dieser bezaubernden Person, verließ ich das Haus und versprach mir zunächst, sie nicht wiederzusehen, denn ich glaubte zu fühlen, daß ich nicht der Mann wäre, ihr gänzlich meine Freiheit zu opfern und um ihre Hand anzuhalten, obwohl ich der Ansicht war, daß dieses Wesen eigens für mein Glück geschaffen war. Zwei Tage waren verflossen, seitdem ich P. C. besucht, als er mir auf der Straße begegnete. Er sagte, seine Schwester spräche nur von mir, sie habe eine Menge Sachen behalten, welche ich ihr gesagt, und ihre Mutter wäre erfreut, meine Bekanntschaft gemacht zu haben. »Sie wäre eine gute Partie für Sie, denn sie bekommt zehntausend Dukaten Kurant Mitgift. Wenn Sie mich morgen besuchen wollen, so wollen wir mit meiner Mutter und Schwester Kaffee trinken.« Ich hatte mir das Versprechen gegeben, keinen Fuß mehr in sein Haus zu setzen; ich hielt nicht Wort. Übrigens wird in einem ähnlichen Falle jeder sich leicht bewegen lassen, sein Wort nicht zu halten. Ich verplauderte drei Stunden mit dieser liebenswürdigen Person und verließ sie im höchsten Grade verliebt. Ehe ich wegging, sagte ich, ich beneidete das Los desjenigen, den sie heiraten würde, und das Kompliment, das erste derartige, welches sie gehört, bedeckte ihre Wangen mit brennendem Rot. Als ich sie verlassen hatte, fing ich an, den Charakter des Gefühls, welches ich für sie hegte, zu prüfen, und ich erschrak, denn ich konnte gegen C. C. weder als ehrlicher Mann noch als Wüstling handeln. Ich konnte mir nicht schmeicheln, ihre Hand zu erhalten, und es kam mir so vor, als ob ich jeden erdolcht haben würde, der mir geraten hätte, sie zu verführen. Ich bedurfte der Zerstreuung; ich spielte. Das Spiel ist zuweilen ein ausgezeichnetes Beruhigungsmittel für die Liebe. Ich spielte glücklich, und gehe mit gefüllter Börse nach Hause. Am folgenden Tage besuchte mich P. C. und sagte sehr erfreut, seine Mutter habe seiner Schwester erlaubt, mit ihm in die Oper zu gehen; die Kleine wäre entzückt darüber, und wenn es mir Vergnügen machte, könnte ich sie irgendwo erwarten. »Weiß denn aber Ihre Schwester, daß Sie mich zu der Partie zuziehen wollen?« »Sie ist sehr erfreut darüber.« »Und weiß es Ihre Frau Mutter?« »Nein; aber wenn sie es erfährt, wird sie nicht böse sein, denn Sie haben ihr Achtung eingeflößt.« »Ich will versuchen, eine Loge zu bekommen.« »Sehr schön, und Sie erwarten uns.« Der Schelm sprach nicht mehr von Wechseln, und da er sah, daß ich seiner Dame nicht mehr nachlief, sondern in seine Schwester verliebt war, so hatte er den schönen Plan entworfen, mich in diese verliebt zu machen. Ich beklagte die Mutter und die Tochter, welche sich einem solchen Subjekte anvertrauten, aber ich war nicht tugendhaft genug, um die Partie auszuschlagen. Ich überredete mich sogar, daß ich, weil ich sie liebte, die Einladung annehmen müßte, um sie vor andern Schlingen zu bewahren; denn hätte ich abgelehnt, so hätte er einen weniger Gewissenhaften finden können, und dieser Gedanke war mir unerträglich. Wie es mir schien, hatte sie von mir nichts zu fürchten. Ich mietete eine Loge im Sankt Samuelstheater und erwartete sie am verabredeten Orte lange vor der verabredeten Zeit. Sie kamen, und ich war beim Anblick meiner jungen Freundin nicht wenig überrascht. Sie war elegant maskiert und ihr Bruder in Uniform. Um die reizende Person nicht der Gefahr auszusetzen, wegen ihres Bruders erkannt zu werden, ließ ich sie in meine Gondel steigen. Er bat mich, ihn bei der Wohnung seiner Mätresse aussteigen zu lassen, die, wie er sagte, krank war, und ersuchte uns uns in die Loge zu begeben, wo er wieder mit uns zusammentreffen wollte. Ich war erstaunt, daß C. C. kein Erstaunen und keine Abneigung, mit mir allein in der Gondel zu bleiben, zeigte; das Verschwinden ihres Bruders verwunderte mich gar nicht, denn es war augenscheinlich, daß er aus unsrem Alleinsein Nutzen ziehen wollte. Ich schlug C. C. vor, bis zur Theaterzeit herumzufahren, und da es sehr heiß war, bat ich sie, sich zu demaskieren, was sie augenblicklich tat. Die Verpflichtung, welche ich mir auferlegt, sie zu achten, die edle Sicherheit, welche in ihren schönen Zügen, wie das Vertrauen, welches in ihren heißen Blicken glänzte, die unschuldige Freude, welche sie zu erkennen gab, alles dies erhöhte noch meine Liebe. Da ich nicht wußte, was ich ihr sagen sollte, denn natürlicherweise konnte ich nur von Liebe mit ihr sprechen, und das war ein zarter Punkt, so begnügte ich mich, ihre reizende Figur zu betrachten, wagte aber nicht, aus Furcht, ihre Schamhaftigkeit aufzuscheuchen, meine Blicke auf zwei entstehende, vom Liebesgotte geformte Halbkugeln zu richten. »Sprechen Sie doch etwas,« sagte sie, »Sie sehen mich nur an und sagen nicht das geringste. Sie haben sich heute geopfert, denn mein Bruder würde Sie zu seiner Dame geführt haben, die, wie man sagt, schön wie ein Engel ist.« »Ich habe diese Dame gesehen.« »Sie soll viel Geist haben.« »Das ist möglich; aber ich habe ihn nie gewahr werden können, denn ich bin nie bei ihr gewesen, habe auch nicht die Absicht, zu ihr zu gehen; glauben Sie also nicht, schöne C., daß ich das geringste Opfer bringe.« »Ich glaubte es, denn da Sie nicht sprachen, meinte ich, Sie wären traurig.« »Wenn ich nicht spreche, so ist der Grund der, daß das Glück, welches ich über Ihr englisches Vertrauen empfinde, mich zu sehr bewegt.« »Das freut mich; wie könnte ich aber wohl kein Vertrauen zu Ihnen haben? Ich fühle mich freier und sicherer, als wenn mein Bruder bei mir wäre. Selbst meine Mutter sagt, daß man sich in Ihnen nicht täuschen kann und daß Sie ein ehrenwerter Mann sind. Übrigens sind Sie nicht verheiratet: danach habe ich meinen Bruder zuerst gefragt. Erinnern Sie sich noch, daß Sie zu mir gesagt, sie beneideten denjenigen, welcher mich heiraten würde? Ich gestand mir in demselben Augenblicke, daß diejenige, welche Sie zum Manne bekommt, die glücklichste Frau in Venedig werden wird.« Diese Worte, welche mit der unbefangensten Naivität und mit dem Tone der Aufrichtigkeit, welcher zum Herzen geht, gesprochen wurden, machten auf mich einen schwer zu beschreibenden Eindruck; es schmerzte mich, daß ich auf die rosenroten Lippen, welche so gesprochen hatten, keinen Kuß drücken durfte; aber zugleich empfand ich einen köstlichen Genuß bei dem Gedanken, von diesem Engel geliebt zu sein. »Bei dieser Übereinstimmung der Empfindungen«, sagte ich, »könnten wir also, liebenswürdige C., das vollkommene Glück erlangen, wenn wir uns auf unzertrennliche Weise verbinden könnten? Aber ich könnte Ihr Vater sein.« »Sie mein Vater? Welches Märchen! Wissen Sie, daß ich vierzehn Jahre alt bin?« »Wissen Sie, daß ich achtundzwanzig Jahre alt bin?« »Gut! Welcher Mann von Ihrem Alter könnte wohl eine Tochter von meinem haben? Ich muß lachen bei dem Gedanken: gliche mein Vater Ihnen, so hätte ich keine Furcht vor ihm, und ich könnte mir keine Zurückhaltung auflegen.« Da die Theaterzeit gekommen war, so stiegen wir ans Land, und das Schauspiel beschäftigte sie gänzlich. Ihr Bruder kam erst gegen das Ende, das gehörte zu seiner Berechnung. Ich lud sie nachher zu einem Abendessen ein, währenddessen ich fast gar nicht sprach: ich war liebeskrank und in einem Zustande der Aufregung, der unmöglich lange dauern konnte. Um mein Schweigen zu entschuldigen, schützte ich Zahnweh vor; man beklagte mich und ließ mich schweigen. Nach dem Abendessen sagte P. zu seiner Schwester, ich wäre in sie verliebt, und ich würde mich erleichtert fühlen, wenn sie mir gestattete, sie zu umarmen. Statt aller Antwort wendete sie sich mit lachenden, zum Küssen herausfordernden Lippen zu mir. Ich glühte, aber ich achtete dieses unschuldige und naive Wesen so sehr, daß ich sie nur auf die Backe, und auf eine anscheinend sehr kalte Weise küßte. »Welcher Kuß!« rief P. aus. »So geht es nicht! Einen ordentlichen Liebeskuß!« Ich rührte mich nicht: der schamlose Anstifter langweilte mich: aber seine Schwester wendete den Kopf ab und sagte mit betrübtem Tone: »Dränge ihn nicht, denn ich habe nicht das Glück, ihm zu gefallen.« Diese Äußerung reizte meine Liebe: ich war nicht mehr Herr meiner selbst. »Wie!« rief ich feurig, »schöne C., Sie schreiben meine Zurückhaltung nicht dem Gefühl zu, welches Sie mir einflößen? Sie glauben nicht, daß Sie mir gefallen? Wenn nur ein Kuß nötig ist, um Sie davon zu überzeugen, so empfangen Sie ihn mit dem Gefühl, welches ich empfinde.« Sie nun in meine Arme drückend und sie verliebt gegen meinen Busen pressend, gab ich ihr einen langen und glühenden Kuß, den ihr zu geben ich vor Lust verging! aber sie als furchtsame Taube fühlte wohl, daß sie in die Klauen eines Geiers gefallen war. Sie machte sich aus meinen Armen los, ganz erstaunt über die Entdeckung, daß ich auf diese Weise in sie verliebt sei. Ihr Bruder klatschte mir Beifall zu, während sie, um ihre Verwirrung zu verbergen, ihre Maske wieder vornahm. Ich fragte sie, ob sie noch der Meinung wäre, daß sie mir nicht gefiele. »Sie haben mich überzeugt,« sagte sie, »aber Sie dürfen mich nicht dafür strafen, daß Sie mich enttäuscht haben.« Diese Antwort fand ich sehr zart, denn sie war durch das Gefühl eingegeben; aber ihr Bruder, welchem sie nicht genügte, nannte sie dumm. Als wir unsere Maske wieder angelegt, brachen wir auf, und nachdem ich sie nach Hause geleitet, entfernte ich mich sehr verliebt, im Grunde zufrieden und dennoch sehr traurig. Am folgenden Tage kam P. C. mit triumphierender Miene zu mir und berichtete, seine Schwester habe zu seiner Mutter gesagt, wir liebten uns, und wenn sie heiraten solle, so könne sie nur mit mir glücklich werden. »Ich bete Ihre Schwester an,« sagte ich; »glauben Sie aber, daß Ihr Vater sie mir geben wird?« »Ich glaubte es nicht, aber er ist alt. Einstweilen lieben Sie. Meine Mutter erlaubt ihr, heute abend mit Ihnen in die Oper zu gehen.« Da ich meine Freude lebhaft zeige, benutzt er die Gelegenheit und bittet mich, einen Wechsel zu unterschreiben, was ich in meiner Liebesseligkeit mit Vergnügen tat. Nachdem ich mich angekleidet, ging ich aus und kaufte ein Dutzend Paar Handschuhe, ebensoviel Paar seidene Strümpfe und ein Paar gestickter Strumpfbänder mit goldenen Spangen, und weidete mich an dem Gedanken, meiner neuen Freundin damit das erste Geschenk zu machen. Ich brauche nicht erst zu sagen, daß ich mich pünktlich zum Stelldichein einfand; als ich aber kam, sah ich sie mich schon suchen. Hätte ich nicht P. C.s Absichten gemutmaßt, so würde es mir schmeichelhaft gewesen sein, daß sie mir auf diese Weise zuvorgekommen waren. Sobald ich zu ihnen gestoßen, sagte P. C., da er Geschäfte habe, lasse er mich allein mit seiner Schwester und werde uns im Theater aufsuchen. Als er sich entfernt hatte, sagte ich zu C. C., wir könnten bis zur Opernzeit eine Gondelfahrt machen. »Nein,« antwortete sie, »besuchen wir lieber einen Garten der Zuecca.« »Sehr gern.« Ich nehme eine Überfahrtsgondel und wir begeben uns nach Sankt Blasius in einen Garten, welchen ich kannte und welchen ich vermittels einer Zechine für den ganzen Tag mietete, so daß niemand hineinkommen durfte. Es fand sich, daß wir beide noch nicht zu Mittag gespeist, und nachdem ich eine gute Mahlzeit bestellt, gingen wir in ein Zimmer, wo wir unsere Masken ablegten, und begaben uns sodann wieder in den Garten. Die liebenswürdige C. C. trug nur ein Mieder von Taffet und einen kurzen Rock von demselben Stoffe; aber in dieser leichten Bekleidung war sie entzückend. Mein verliebtes Auge drang durch diese Hüllen hindurch, und mein Geist sah sie ganz nackt; ich seufzte vor Begierde, Zurückhaltung und Wollust. Sobald wir in der langen Allee waren und meine junge Gefährtin, welche nie ein solches Vergnügen genossen hatte, sich völlig frei sah, fing sie an, mit der Schnellfüßigkeit einer leichten Hirschkuh links und rechts auf dem Rasen herumzuspringen, und die Heiterkeit, welche sie empfand, unverhüllt zu zeigen. Da sie bald anhalten mußte, weil ihr der Atem ausgegangen war, lachte sie, als sie sah, wie ich sie schweigend und in einer Art Ekstase betrachtete. Bald forderte sie mich zum Wettlauf heraus; das Spiel gefällt mir, und ich gehe darauf ein; aber ich will ihr Interesse durch eine Wette erregen. »Wer verliert,« sage ich, »muß tun, was der Sieger haben will.« »Ich bin damit einverstanden.« Wir bestimmen das Ziel und rennen ab. Ich war sicher, zu gewinnen, aber ich wollte verlieren, um zu sehen, wozu sie mich verurteilen würde. Sie läuft sogleich aus allen Kräften los, während ich die meinigen schone, so daß sie vor mir an das Ziel gelangt. Während sie wieder Atem schöpft, sinnt sie nach, welche Buße sie mir auferlegen soll; sodann verbirgt sie sich hinter einem Baume und verurteilt mich dazu, ihren Ring zu suchen. Sie hatte ihn an ihrem Leibe verborgen und setzte mich dadurch in den Besitz ihrer ganzen Person. Ich fand die Sache reizend, denn der Mutwille und die Absichtlichkeit waren mir klar; doch sah ich ein, daß ich meinen Vorteil nicht mißbrauchen dürfe, da ihr naives Vertrauen der Aufmunterung bedurfte. Wir setzten uns ins Gras; ich durchsuchte ihre Taschen, die Falten ihres Mieders, ihres Rockes, sodann ihre Schuhe, endlich ihre Strumpfbänder, welche sie unterhalb des Knies zugebunden hatte. Da ich ihn hier nicht gefunden, so setzte ich die Untersuchungen fort, und da sie den Ring an sich hatte, so mußte ich ihn wohl finden. Der Leser ahnt wohl, daß ich den reizenden Versteck, in welchem meine Schöne ihn verborgen hatte, mutmaßte; aber ehe ich dahin kam, wußte ich mir eine Menge Genüsse zu verschaffen, welche mich entzückten. Der Ring wurde endlich zwischen den beiden schönsten Wächtern, welche die Natur je geschaffen, entdeckt; aber als ich ihn herausnahm, war ich so bewegt, daß meine Hand zitterte. »Weshalb zittern Sie?« fragte sie mich. »Ich zittere vor Vergnügen, den Ring gefunden zu haben, denn Sie hatten ihn so gut verborgen? Aber Sie sind mir eine Revanche schuldig, und diesmal sollen Sie mich nicht besiegen.« »Wir wollen sehen.« Wir rennen ab, und da ich sie nicht schnell laufen sehe, so glaube ich, ich werde ihr zuvorkommen, wenn ich wolle. Ich täuschte mich. Sie hatte ihre Kräfte gespart, und als wir zwei Dritteile des Laufes zurückgelegt haben, nimmt sie plötzlich einen neuen Anlauf, überholt mich, und ich sehe, daß ich verloren bin. Ich sinne nun eine List aus, welche eine unfehlbare Wirkung hat; ich tue so, als ob ich der Länge nach hinstürze, und stoße einen Schmerzensschrei aus. Das arme Mädchen hält an, kehrt ganz erschreckt zu mir zurück und ist mir beim Aufstehen behilflich. Als ich wieder stehe, fange ich an zu lachen, nehme einen Anlauf und erreiche lange vor ihr das Ziel. Die reizende Läuferin, welche ganz verdutzt war, sagte: »Sie haben sich also nicht verletzt?« »Nein, denn ich bin absichtlich gefallen.« »Absichtlich? Um mich zu täuschen! Ich hätte Ihnen das nicht zugetraut. Auf eine betrügerische Weise darf man nicht gewinnen, und ich habe nicht verloren.« »Allerdings haben Sie verloren, denn ich habe das Ziel vor Ihnen erreicht, und List gegen List müssen Sie doch gestehen, daß Sie mich zu täuschen gesucht haben, als Sie den Anlauf nahmen.« »Aber das ist erlaubt, und Ihre List, mein Freund, ist ganz anderer Art.« »Aber sie hat mir den Sieg verschafft und: mag man nun durch Glück oder List siegen, das Siegen ist immer eine löbliche Sache.« »Das habe ich oft meinen Bruder, nie aber meinen Vater sagen hören. Trotzdem gebe ich zu, ich habe verloren. Befehlen Sie, verurteilen Sie mich: ich werde gehorchen.« »Warten Sie. Setzen wir uns, denn ich muß darüber nachdenken. Ich verurteile Sie, die Strumpfbänder mit mir zu tauschen.« »Die Strumpfbänder? Sie haben sie gesehen. Sie sind häßlich und haben keinen Wert.« »Das ist gleichgültig. Ich werde zweimal täglich an den Gegenstand denken, den ich liebe, und zu derselben Zeit, wo Sie genötigt sein werden, an mich zu denken.« »Die Idee ist sehr hübsch und schmeichelt mir. Ich verzeihe Ihnen jetzt, daß Sie mich betrogen. Hier sind meine häßlichen Strumpfbänder.« »Hier sind die meinigen.« »Ach, mein lieber Betrüger, wie schön sie sind! Das hübsche Geschenk! Wie werden sie meiner Mutter gefallen! Sie sind sicherlich ein Geschenk, welches man Ihnen gemacht hat, denn sie sind ganz neu.« »Nein, sie sind kein Geschenk. Ich habe sie für Sie gekauft, und mir den Kopf zerbrochen, um ein Mittel zu finden, Sie zur Annahme zu bewegen; die Liebe selbst hat mir die Idee eingegeben, diese zum Preise eines Wettlaufs zu machen. Jetzt können Sie sich wohl denken, wie sehr es mich schmerzte, als ich sah, daß Sie nahe daran waren, zu gewinnen. Der Verdruß darüber hat mir eine Betrügerei eingegeben, welche als Grund ein Gefühl hat, das Ihnen Ehre macht; denn gestehen Sie nur, daß Sie ein zu schlechtes Herz gezeigt hätten, wenn Sie mir nicht zu Hilfe gekommen wären.« »Auch bin ich überzeugt, daß Sie dieses Mittel nicht würden angewendet haben, wenn Sie hätten ahnen können, wie wehe Sie mir dadurch getan haben.« »Sie nehmen also lebendigen Anteil an mir?« »Ich würde alles mögliche tun, um Sie davon zu überzeugen. Meine schönen Strumpfbänder sind mir außerordentlich lieb: ich werde keine andern tragen und stehe dafür, daß mein Bruder sie mir nicht stehlen soll.« »Wäre er dessen fähig?« »Oh, sehr fähig, namentlich wenn die Spangen von Gold sind.« »Sie sind von Gold; aber sagen Sie ihm, sie wären von vergoldetem Kupfer.« »Ganz gewiß.« Wir gingen zu Tisch. Nach dem Essen, welchem wir, wie ich mich erinnere, beide gleiche Ehre zuteil werden ließen, wurde sie heiterer und ich verliebter und deshalb mit Rücksicht auf das harte Gesetz, welches ich mir auferlegt, nur noch mehr zu beklagen. Da sie ihre Strumpfbänder je eher je lieber anzulegen wünschte, so bat sie mich in der aufrichtigsten Weise, ohne Böses dabei zu denken und ohne Koketterie, ihr dabei behilflich zu sein. Ein junges unschuldiges Mädchen, welches trotz seiner fünfzehn Frühlinge noch nicht geliebt und weder mit anderen jungen Mädchen umgegangen, noch in Gesellschaften gekommen ist, kennt weder die Heftigkeit der Begierden, noch die Veranlassungen, welche sie hervorrufen. Sie hat sicherlich keine Idee von den Gefahren eines Gesprächs unter vier Augen. Wenn der Instinkt sie zum erstenmale verliebt macht, so hält sie den Gegenstand ihrer Liebe ihres ganzen Vertrauens wert, und sie glaubt seine Liebe nicht anders erlangen zu können, als wenn sie ihm unbegrenztes Vertrauen zeigt. Da sie fand, daß ihre Strümpfe zu kurz waren, um das Strumpfband oberhalb des Knies zu befestigen, so sagte sie, sie würde längere Strümpfe dazu anziehen, und augenblicklich zog ich die, welche ich gekauft, auf eine geschickte Weise aus der Tasche und gab sie ihr. Froh und dankerfüllt setzt sie sich mir auf den Schoß, und in ihrer überströmenden Freude küßt sie mich, wie sie ihren Vater geküßt haben würde, wenn er ihr ein Geschenk gemacht hätte. Ich gab ihr ihre Küsse wieder, wobei ich jedoch nicht aufhörte, das Ungestüm meiner Begierden zu bändigen: ich begnügte mich, ihr zu sagen, daß ein einziger ihrer Küsse mehr als ein Königreich wert wäre. Meine reizende C. C. zog die Schuhe aus und zog ein Paar Strümpfe an, welche bis zur Hälfte der Lenden hinaufgingen. Je mehr ich mich von ihrer Unschuld überzeugte, desto weniger wagte ich es, mich der köstlichen Beute zu bemächtigen. Wir begaben uns maskiert in die Oper, wo wir auch P. C. mit seiner Dame maskiert trafen. Das war mir unangenehm, denn ich war sicher, daß er seine Schwester mit dieser Frau zu Abend speisen lassen wollte. Aber ich konnte die Sache nicht hintertreiben. Es kam aber, wie ich erwartet: unser schlecht zusammenpassendes Vierblatt war während des Essens verstimmt. Nach dem Dessert, als P. C. und seine Freundin vom Weine erhitzt waren, warfen sich beide auf das Kanapee und gaben sich rücksichtslos ihren Begierden hin. Ich hatte sofort C. C. in eine Fensternische gezogen, konnte aber nicht verhindern, daß sie die schamlose Szene durch einen Spiegel bemerkte, worüber ihr Gesicht Feuer und Flamme wurde. Aber wir blieben bei dem anständigsten Gespräche. Nachher umarmt P. C. mich und seine schamlose Mätresse C. C. mit dem Bemerken, sie sei sicher, daß diese nichts gesehen habe. C. C. antwortete bescheiden, sie wisse nicht, was sie hätte sehen können; aber ein Blick, welchen sie mir zuwarf, ließ mich ahnen, was sie empfand. Was ich ausstand, das mag sich der Leser denken, wenn er das menschliche Herz kennt. Wie sollte ich diese Szene in Gegenwart einer Unschuldigen, welche ich anbetete, ertragen, da ich meine eigenen Begierden zu bekämpfen hatte! Ich stand wie auf glühenden Kohlen. Zorn und Unwillen, welche mit dem Zwange kämpften, den ich mir antun mußte, um mir den geliebten Gegenstand zu bewahren, versetzten mich in ein krampfhaftes Zittern. Ich weiß nicht, wie ich den Mut haben konnte, ihn nicht zu erwürgen. Am folgenden Tage überhäufte ich ihn mit Vorwürfen; er suchte sich zu entschuldigen, er würde es nicht getan haben, wenn er nicht überzeugt gewesen wäre, daß ich seine Schwester unter vier Augen schon so behandelt hätte. Meine Liebe für C. C. erlangte mit jedem Tage einen neuen Grad der Stärke, und ich war entschlossen, alles zu tun, um sie gegen die Ausbeutung durch ihren Bruder zu schützen, der sie einem weniger gewissenhaften Menschen als ich war hätte überliefern können. Die Sache schien mir dringend. Welche Abscheulichkeit! Welche unerhörte Verführung! Ich hatte von seinem zuchtlosen Leben mancherlei erfahren, daß er nur von der Prostitution seiner Mätresse lebe. Fest nahm ich mir vor, ihm von jetzt ab jede Bürgschaft abzuschlagen, denn ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß C. C. die unschuldige Ursache meines Ruins würde und ihrem Bruder als Werkzeug zur Fortsetzung seiner Ausschweifungen dienen sollte. Getrieben durch ein unwiderstehliches Gefühl, durch das, was man reine Liebe nennt, besuchte ich P. C. am folgenden Tage, und nachdem ich ihm erklärt, daß ich seine Schwester mit der reinsten Absicht anbete, machte ich ihm bemerklich, wie unangenehm er mich dadurch berührt, daß er alle Rücksichten und die Scham beiseite gesetzt, welche der ausgemachteste Wüstling nicht verletzen darf, wenn er Anspruch darauf macht, der guten Gesellschaft anzugehören. »Müßte ich auch«, sagte ich, »auf das Vergnügen verzichten, Ihre englische Schwester zu sehen, so bin ich doch fest entschlossen, nie mehr mit Ihnen zusammenzukommen; und ich zeige Ihnen zugleich an, daß ich zu verhindern wissen werde, daß sie mit Ihnen ausgeht, um in Ihren Händen der Preis eines niederträchtigen Handelns zu werden.« Er entschuldigte sich mit seiner Trunkenheit sowie damit, daß er nicht geglaubt, daß ich für seine Schwester eine Liebe fühle, welche den Genuß ausschließe. Er bat mich um Verzeihung, umarmte mich weinend, und ich hätte mich vielleicht rühren lassen, wenn nicht seine Mutter und Schwester dazugekommen wären, welche mir mit überströmendem Herzen für das hübsche Geschenk dankten, das ich der letzten gemacht. Ich antwortete der Mutter, ich liebte ihre Tochter nur in der Hoffnung, daß sie mir dieselbe zur Gattin geben würde. »In dieser Hoffnung, Madame,« fuhr ich fort, »werde ich mit Ihrem Herrn Gemahl sprechen, sobald ich mir eine Stellung verschafft, welche mich in den Stand setzt, sie auf eine passende Weise und so, daß sie sich glücklich fühlen kann, zu ernähren.« Ich küßte ihr die Hand auf eine so gerührte Weise, daß mir die Tränen die Wangen herunterflossen. Diese Tränen waren sympathetisch und lockten die der guten Mutter hervor. Nachdem sie mir freundlichst gedankt, ließ sie mich mit ihrer Tochter und ihrem Sohn allein, welcher vor Staunen in eine Statue umgewandelt schien. Es gibt in der Welt eine große Anzahl Mütter dieser Art, und oft sind es diejenigen, welche immer tugendhaft gewesen; sie argwohnen keinen Betrug, weil sie selbst nur durch tugendhafte Motive geleitet werden; aber sie werden gewöhnlich das Opfer ihrer Aufrichtigkeit und des Vertrauens, welches sie in diejenigen setzen, die ihnen ehrlich zu sein scheinen. Es war das Osterfest, und da an diesem Tage keine Theatervorstellung stattfand, so sagte er zu mir, wenn ich mich am folgenden Tage an demselben Orte wie die frühern Tage einfände, so wolle er mir seine Schwester überbringen, und da ihm die Ehre nicht gestatte, Madame C. zu verlassen, so würden wir völlige Freiheit haben. »Ich werde Ihnen meine Schlüssel geben,« sagte er, »und Sie werden sie nach Hause geleiten, nachdem Sie mit ihr zu Abend gespeist, wo es Ihnen belieben wird.« Nachdem er dies gesagt, gab er mir den Schlüssel, den abzulehnen ich nicht die Kraft hatte. Ich ging einen Augenblick darauf weg, nachdem ich meiner Freundin gesagt, daß wir am folgenden Tage den Garten der Zuecca besuchen wollten. »Was mein Bruder beschlossen,« sagte sie, »ist offenbar das Beste, was er tun konnte.« Ich stellte am andern Tag mich pünktlich ein und ahnte in meiner Liebesglut, was kommen würde. Ich hatte eine Loge in der Oper gemietet; aber wir warteten in unserm Garten den Abend ab. Es war ein Festtag, und so saßen verschiedene kleine Gesellschaften an besonderen Tischen, und da wir mit niemand zusammen sein wollten, ließen wir uns ein Zimmer geben und nahmen uns vor, erst gegen das Ende in die Oper zu gehen; demgemäß bestellte ich ein gutes Abendessen. Wir hatten sieben Stunden vor uns, und meine liebenswürdige Freundin sagte, wir würden uns nicht langweilen. Sie entledigte sich ihres Maskenanzuges und setzte sich auf meinen Schoß, indem sie mir versicherte, daß ich sie durch die schonende Weise, mit welcher ich sie nach jenem schrecklichen Abendessen behandelt, vollends gewonnen habe; aber alle ihre Auseinandersetzungen waren von Küssen begleitet, welche allmählich flammend wurden. »Hast du gesehen,« sagte sie, »was mein Bruder mit seiner Dame machte, als sie sich rittlings auf ihn setzte? Ich habe alles nur im Spiegel gesehen, aber ich konnte mir die Sache wohl vorstellen.« »Hast du nicht gefürchtet, daß ich dich ebenso behandeln würde?« »Nein, das versichere ich dir. Wie hätte ich das fürchten können, da ich wußte, wie sehr du mich liebst? Du würdest mich so sehr gedemütigt haben, daß ich dich nicht hätte lieben können. Wir sparen uns für unsere Verheiratung auf, nicht wahr, mein Freund? Wir werden uns immer lieben. Aber gut, daß ich daran denke, erkläre mir doch die Verse, welche auf meine Strumpfbänder gestickt sind.« Auf meinem Schoße sitzend, bindet sie ein Strumpfband ab, während ich das andere ablöse. Folgendes sind die beiden Verse, welche ich hätte lesen sollen, ehe ich ihr das Geschenk machte:

En voyant chaque jour le bijou de ma belle,
Vous lui direz qu'Amour veut qu'il lui soit fidèle.

(Da du jeden Tag das Kleinod meiner Schönen siehst, sollst du ihr sagen: der Liebesgott will, daß es ihm treu bleibe.)

Diese allerdings sehr freien Verse schienen mir gut, komisch und geistvoll. Ich lachte laut auf, und mußte noch lauter lachen, als ich ihr den Sinn erklären mußte. Da dies eine für sie neue Idee war, so mußte ich auf Einzelheiten eingehen, welche uns ganz in Feuer setzten. »Ich wage nicht mehr,« sagte sie, »meine Strumpfbänder jemand zu zeigen, und das tut mir leid.« Da ich eine nachdenkliche Miene angenommen hatte, sagte sie: »Sage mir, was du denkst.« »Ich denke daran, daß diese glücklichen Strumpfbänder ein Vorrecht besitzen, welches ich vielleicht nie erlangen werde. Wie gerne möchte ich an ihrer Stelle sein! Ich werde vielleicht an dieser Begierde sterben, und werde unglücklich sterben.« »Nein, mein Freund; ich bin ganz in deinem Fall und bin sicher, daß ich leben werde. Übrigens können wir unsere Heirat beschleunigen. Wenn du willst, bin ich bereit, dir meine Treue morgen zu verpfänden. Wir sind frei, und mein Vater muß seine Einwilligung geben.« »Du hast recht, denn die Ehre würde ihn dazu zwingen. Aber ich will ihm ein Zeichen der Achtung geben, indem ich um dich anhalte, und unser Hausstand soll dann bald eingerichtet sein. Das soll in acht bis zehn Tagen geschehen.« »So früh? Du wirst sehen: er wird antworten, ich wäre zu jung.« »Und er wird vielleicht recht haben.« »Nein, denn ich bin zwar jung, aber nicht zu jung, und ich bin sicher, daß ich deine Frau werden kann.« Ich saß wie auf einem glühenden Ofen, und jeder Widerstand gegen das Feuer, welches mich verzehrte, fing an, unmöglich zu werden. »Du, die du mir so teuer bist, bist du sicher, daß ich dich liebe? Hältst du mich für fähig, dich zu täuschen? Bist du sicher, nie zu bereuen, daß du meine Gattin geworden?« »Ich bin dessen mehr als sicher, mein Herz; denn du kannst nicht mein Unglück wollen.« »Gut, so vermählen wir uns schon jetzt. Gott allein wird Zeuge unserer Schwüre sein, und wir können keinen besseren haben, denn er kennt die Reinheit unserer Absichten. Geben wir uns gegenseitig unser Wort, vereinigen wir unsere Geschicke und seien wir glücklich. Sobald es möglich sein wird, werden wir unser zärtliches Band durch die Einwilligung deines Vaters und die Zeremonien der Religion befestigen. Einstweilen sei mein, ganz mein.« »Verfüge über mich, mein Freund. Ich verspreche Gott und dir, von diesem Augenblicke an und für das ganze Leben deine treue Gattin zu sein; dies werde ich meinem Vater, dem Priester, welcher unsere Verbindung segnen wird, der ganzen Welt erklären.« »Ich leiste dir denselben Schwur, meine zärtliche Freundin, und ich versichere, daß wir vollkommen verheiratet sind. Komm in meine Arme; vollende das Glück!« Nachdem ich sie zärtlich umarmt, sagte ich der Wirtin des Kasinos, sie möchte uns nicht eher das Essen schicken, als bis wir sie rufen würden, und uns nicht unterbrechen. Währenddessen hatte sich meine reizende C. C. völlig angekleidet auf das Bett geworfen, aber ich sagte ihr, die lästigen Hüllen verscheuchten die Liebe, und in weniger als einer Minute verwandelte ich sie in eine neue Eva, schön und nackt, als ob sie eben erst aus den Händen des höchsten Künstlers hervorgegangen wäre. Ihre Haut, glatt wie Atlas, war von blendender Weiße, welche durch ihr herrliches Ebenholzhaar, das ich über ihre Alabasterschultern ausgebreitet hatte, noch gehoben wurde. Ihr schlanker Wuchs, ihre hervorspringenden Hüften, ihr vollkommen ausgebildeter Busen, ihre Rosenlippen, ihr belebter Teint, ihre großen Augen, welche Sanftmut und zugleich Funken der Begierde sprühten, alles an ihr war von vollendeter Schönheit und zeigte meinen gierigen Blicken die Vollkommenheit der Mutter des Liebesgottes, verschönert durch den Zauber, welchen die Scham den Reizen eines schönen Weibes verleiht. Ich war außer mir und fing an zu fürchten, daß mein Glück nicht vollkommen wäre oder daß es nicht durch einen vollkommenen Genuß vervollständigt werden möchte, als es dem schalkhaften Liebesgott einkam, mir in einem so ernsten Augenblicke Stoff zum Lachen zu geben. Endlich, wie betäubt, drückt sie mich an sich und ruft aus: »Oh, mein Freund, wie verschieden bist du doch von meinem Kopfkissen.« »Von deinem Kopfkissen, mein Herz? Aber du lachst: erkläre mir doch.« »Es ist eine Kinderei, aber du bist doch nicht ärgerlich darüber?« »Ärgerlich? Könnte ich es im süßesten Augenblicke meines Lebens gegen dich sein?« »Wohlan! Seit mehreren Tagen konnte ich nicht mehr einschlafen, ohne mein Kopfkissen in die Arme zu nehmen; ich liebkoste es, ich nannte es meinen teuren Mann; ich stellte mir vor, daß du es wärst, und wenn ein süßes Gefühl mich unbeweglich machte, schlief ich ein und fand morgens mein großes Kopfkissen in meinen Armen.« Meine teure C. C. wurde auf eine heldenmütige Weise meine Frau; denn ihre übergroße Liebe machte ihr selbst den Schmerz süß. Nach drei Stunden des schönsten Zeitvertreibs stand ich auf und rief, uns das Essen zu bringen. Das Mahl war frugal, aber köstlich. Wir blickten uns an, ohne zu sprechen, denn wie hätten wir uns sagen können, was wir fühlten? Wir fanden unser Glück über alle Begriffe groß und erfreuten uns seiner in der Überzeugung, daß wir es nach Belieben erneuern könnten. Die Wirtin kam herauf, um uns zu fragen, ob wir etwas wünschten, und fragte uns auch, ob wir in die Oper gingen, wo es so schön sein solle. »Sind Sie niemals da gewesen?« »Nie, denn für Leute wie wir ist das zu teuer. Meine Tochter ist so neugierig, daß sie sich, Gott verzeih mir, hingeben würde, um das Vergnügen zu genießen, einmal hinzugehen.« »Das würde ein zu hoher Preis sein,« sagte meine kleine Frau lachend. »Mein Freund, wir könnten sie glücklich machen, ohne daß sie einen so teuren Preis zu bezahlen brauchte.« »Ich dachte schon daran, meine Freundin. Da, hier ist der Schlüssel der Loge; du kannst ihnen ein Geschenk damit machen.« Ich gab der Frau außerdem noch zwei Zechinen. Ganz verdutzt über die Großmut ihrer Gäste lief sie zu ihrer Tochter, während wir uns Glück wünschten, daß wir nun so lange beieinander bleiben mußten, und legten uns wieder zu Bett. Als ich an diesem Abend meine Freundin nach Hause gebracht hatte, zufrieden und überzeugt, daß wir uns ordentlich verheiratet hatten, legte ich mich mit dem Entschluß zu Bett, Herrn von Bragadino durch das Orakel zu veranlassen, mir auf rechtmäßigem Wege die Hand meiner angebeteten C. C. zu verschaffen. Ich blieb bis Mittag im Bett, und während des übrigen Teils des Tages spielte ich unglücklich, gleichsam als ob das Glück mir habe andeuten wollen, daß es nicht mit meiner Liebe im Bunde stehe. Ich beschäftigte mich mit ihr am nächsten Morgen, als ihr Bruder mit freudestrahlendem Gesichte bei mir eintrat und sagte: »Ich bin sicher, daß Sie bei meiner Schwester geschlafen haben, und bin im höchsten Grade erfreut darüber. Sie gesteht es nicht ein, aber ihr Geständnis ist überflüssig. Ich werde sie Ihnen heute zuführen.« »Sie werden mir ein Vergnügen erweisen, denn ich bete sie an und bin im Begriffe, bei Ihrem Herrn Vater auf eine Weise um sie anhalten zu lassen, daß er sie mir nicht verweigern kann.« »Ich wünsche es, zweifle aber daran. Einstweilen bin ich genötigt, Sie um einen neuen Dienst zu ersuchen.« Er bat mich um eine Bürgschaft. Wie konnte ich ihm seine Bitte abschlagen? Ich sah wohl, daß ich geprellt werden würde, aber ich liebte seine Schwester so sehr. Am nächsten Tage weilte ich wieder mit meiner lieben Frau in dem Garten, und wir gaben uns ganz den Freuden der Liebe hin; wir schwelgten mit mehr Zartgefühl und brachten sie uns zum Bewußtsein. Da bat sie mich, sie doch zur Mutter zu machen, damit ihr Vater sie mir nicht verweigern könne. Es war, daß uns die Morgenröte zu früh überraschte. Und so freuten wir uns noch manchen Tag unseres Liebesglucks bis zum letzten Maskentag. Da die Maskenzeit zu Ende, mußten wir darauf sinnen, andere Gelegenheiten zu schaffen, uns zu sehen. Ich war über alle Begriffe verliebt, und so glaubte ich den letzten Schritt zu meinem Glück nicht mehr verzögern zu dürfen. Herr von Bragadino war durch meine Kabbala bald bestimmt, alles zu meiner Hochzeit zu tun. Sofort eilte ich zu meiner C. C., welche mich mit ihrer Mutter empfing, traurig, denn ihr Bruder war gerade ins Gefängnis geworfen worden, Schulden halber. Ich gab der Mutter fünfundzwanzig Zechinen zu seiner Unterstützung, sonst aber konnte ich nicht helfen. Nach dieser nicht eben erfreulichen Szene berichtete ich über den Schritt, welchen ich getan, um die Hand meiner Freundin zu erlangen. Madame dankte mir, fand diesen Schritt ehrenwert und gut ausgesonnen, sagte aber, ich dürfte nichts hoffen, denn ihr Mann, welcher einmal auf seinem Kopfe bestände, habe versprochen, C. C. erst im Alter von achtzehn Jahren und nur an einen Kaufmann zu verheiraten. Er sollte noch an diesem Tage von einer Reise zurückkommen. Als ich wegging, steckte meine Freundin mir ein Billett in die Hand, in welchem sie mir anzeigte, daß ich ohne alle Furcht vermittels des Schlüssels zur kleinen Tür, den ich hatte, um Mitternacht zu ihr gelangen könnte und sie im Zimmer ihres Bruders finden würde. Das erfüllte mich mit Freude, denn trotz der Zweifel ihrer Mutter hoffte ich den glücklichsten Ausgang. Ich ließ um Mitternacht nicht auf mich warten, und wir brachten zwei Stunden zu, weniger in Liebe als mit unserm Kummer beschäftigt, denn C. C. fürchtete alles von selten ihres Vaters, und in einem nur zu richtigen Vorgefühl schauderte sie zusammen. In den nächsten Tagen hatte ihr Vater mit Herrn von Bragadino eine Unterredung, deren Ende war, daß jener erklärte, er werde seine Tochter bis zu ihrem achtzehnten Jahre noch in einem Kloster unterbringen. Würde ich in diesen vier Jahren eine solide Stellung erlangen, so sei er einer Verbindung nicht abgeneigt. Ich fand diese Antwort zum Verzweifeln, und in der gedrückten Stimmung, in welche sie mich versetzte, fand ich es nicht auffallend, daß die kleine Tür von innen verschlossen war. Ich kehrte mehr tot als lebend nach Hause zurück und brachte vierundzwanzig Stunden in jener grausamen Unschlüssigkeit zu, in welche man gerät, wenn man einen Entschluß fassen soll und nicht weiß, welchen. Ich dachte an eine Entführung, aber ich entdeckte tausend Schwierigkeiten, welche die Sache vereiteln konnten, und da der Bruder im Gefängnisse war, so schien es mir sehr schwierig, eine Korrespondenz mit meiner Frau anzuknüpfen; denn ich betrachtete als solche C. C. weit mehr, als wenn wir nur die Weihe eines Priesters und den Kontrakt eines Notars gehabt hätten. Gepeinigt durch tausend düstere oder verzweiflungsvolle Gedanken, beschloß ich, Madame C. am nächsten Tage einen Besuch abzustatten. Eine Magd öffnete mir und sagte, Madame wäre aufs Land gegangen, und man wüßte nicht, wann sie zurückkommen würde. Diese Nachricht war ein Donnerschlag für mich; ich stand leblos wie eine Statue da; denn da mir auch diese Hilfe entrissen war, so sah ich kein Mittel mehr, mir irgendeine Nachricht zu verschaffen. Ich schraubte meinen Geist auf die Folter, um ein Mittel ausfindig zu machen, wie ich den Zustand meiner Freundin kennen lernen könnte, welchen ich mir als einen schrecklichen dachte, und da ich sie für unglücklich hielt, so machte ich mir die heftigsten Vorwürfe. Ich kam so weit, daß ich Appetit und Schlaf verlor. In diesen Tagen verreiste mein väterlicher Freund nach Padua, und ich war allein im Palast. Da ich Zerstreuung suchte, hatte ich gespielt, und da ich zerstreut spielte, so hatte ich fortwährend verloren, ich hatte alle wertvollen Sachen verkauft und war überall schuldig. Ich hatte nur von meinen drei wohltätigen Freunden Unterstützung zu hoffen, und die Furcht hinderte mich, sie mit meinem Zustande bekannt zu machen. Ich war in einer Lage, die sich sehr zum Selbstmord eignete, und während ich mich vor meinem Spiegel rasierte, dachte ich daran, als mein Bedienter eine Frau in mein Zimmer führte, welche mir einen Brief brachte. Ich erblickte den Abdruck eines Siegels, welches ich C. C. geschenkt; ich glaubte tot niederzusinken. Um mich zu beruhigen sagte ich der Frau, sie möchte warten, und glaubte mich weiter rasieren zu können, aber meine Hand verweigerte mir den Dienst. Ich legte das Rasiermesser weg, und der Überbringerin den Rücken zuwendend, lese ich folgendes: ›Ehe ich auf Einzelheiten eingehe, muß ich dieser Frau sicher sein. Ich bin in Pension in dieses Kloster gebracht, werde sehr gut behandelt und erfreue mich, trotz der Unruhe meines Geistes, vollkommener Gesundheit. Die Superiorin hat Befehl, mich niemand sehen zu lassen und mir mit niemand das Korrespondieren zu gestatten. Doch bin ich schon sicher, Dir trotz des Verbots schreiben zu können. Ich zweifle nicht an Deiner Treue, mein teurer Gatte, und bin sicher, daß Du nie an einem Herzen zweifeln wirst, in welchem Du ganz und gar herrschen wirst. Rechne auf meine Bereitwilligkeit, alles zu tun, was Du mir befehlen wirst, denn ich gehöre Dir allein an. Antworte mir wenige Worte, bis wir unsrer Botin sicher sind. Aus Murano, den zwölften Juni.‹ Diese junge Person war in weniger als drei Wochen eine Gelehrte in der Moral geworden; aber sie hatte die Liebe zur Lehrmeisterin gehabt, und die Liebe allein tut Wunder. Der Augenblick, wo dem zum Tode verurteilten Verbrecher seine Gnade verkündet wird, wo der Mensch, der vom Tode zum Leben übergeht, in eine Krisis gerät, welche oft seine Kräfte übersteigt, war dem Zustande zu vergleichen, in welchen ich geriet, als ich den Brief meiner Freundin gelesen hatte. Ich brauchte mehrere Minuten Ruhe, um meine Besinnung wiederzuerlangen und wieder in meine natürliche Lage zu kommen. Ich fragte die Frau nach ihren Geschäften; sie komme im Dienste der Nonnen von Murano jeden Mittwoch nach Venedig, wobei sie dann die Briefe der Damen befördere. Sie versicherte mich ihrer Diskretion und machte mich gleich mit allen ihren Verhältnissen und ihrer Familie bekannt. Ich begann sogleich meiner teuren Eingesperrten zu antworten und hatte die Absicht, ihr nur einige Zeilen zu schreiben, wie sie mir empfohlen; aber ich hatte nicht Zeit genug, um ihr so kurz zu schreiben. Mein Brief war ein vier Seiten langes Geschwätz und sagte vielleicht weniger als der ihrige auf einer Seite. Ich sagte ihr, daß ihr Brief mir das Leben gerettet und fragte sie, ob ich hoffen dürfe, sie zu sehen. Nachdem ich den Brief so zugesiegelt, daß niemand eine unter dem Siegellack verborgene Zechine vermuten konnte, belohnte ich die Frau und gab ihr die Versicherung, daß ich sie jedesmal, wenn sie mir einen Brief von meiner Freundin brächte, belohnen würde. Als die Frau eine Zechine in ihrer Hand erblickte, fing sie an vor Freuden zu weinen und sagte, da für sie das Kloster nie geschlossen wäre, so würde sie dem Fräulein den Brief geben, sobald sie meine C. C. allein fände. Die Liebe ist nur unbesonnen, wenn sie die Hoffnung hat, zu genießen; wenn es sich aber darum handelt, die Rückkehr eines durch einen unglücklichen Zufall gestörten Glücks zu erlangen, so sieht die Liebe alles voraus, was nur der größte Scharfsinn entdecken kann. Der Brief meines reizenden Weibes erfüllte mich mit Freude, und ich ging in einem Augenblick vom tiefsten Schmerze zum größten Vergnügen über. Ich war überzeugt, sie zu entführen, selbst wenn die Mauern des Klosters mit Artillerie besetzt wären; und mein erster Gedanke, nachdem die Botin sich entfernt, war der, wie ich die sieben Tage, welche ich auf den zweiten Brief warten mußte, gut zubringen könnte. Nur das Spiel konnte mich zerstreuen, und ich verspielte am Pharaotische alles. Mit einem noch jungen Mailänder verband ich mich bald darauf, Antonio Troce, einem seltenen Meister in der Kunst, das Glück zu korrigieren; und mit dessen Hilfe gewann ich denn einige tausend Zechinen. Am nächsten Mittwoch bekam ich statt des Briefs eine Art Tagebuch meiner lieben C. C., aus dem ich alles erfuhr, was bei ihrer Einlieferung ins Kloster vorgefallen. Interessant war eine Stelle, wo sie mir auf eine sehr belustigende Weise erzählte, daß die schönste aller Nonnen im Kloster sie bis zum Wahnsinn liebe, ihr zweimal täglich französischen Unterricht gebe und ihr freundschaftlichst verboten habe, mit den Pensionärinnen Bekanntschaft anzuknüpfen. Diese Nonne war erst zweiundzwanzig Jahr alt; sie war schön, reich und großmütig: alle andern bezeugten ihr große Rücksichten. ›Wenn wir allein sind,‹ sagte meine Freundin, ›gibt sie mir so zärtliche Küsse, daß Du eifersüchtig werden würdest, wenn sie nicht Weib wäre.‹ Sie empfahl mir Treue als Bürgschaft der Beständigkeit und bat mich zuletzt um mein Bild in einem Ringe, aber so angebracht, daß es niemand entdecken könne. Ich könnte ihr dies Kleinod durch ihre Mutter zukommen lassen, welche sich wohl befände und welche täglich zur ersten Messe ihrer Parochie ginge. Sie versicherte mir, daß ihre gute Mutter erfreut sein würde, mich zu sehen und zu tun, worum ich sie bitten würde. ›Übrigens‹, schloß sie, ›hoffe ich in einigen Monaten in einem Zustande zu sein, welcher das ganze Kloster in Empörung versetzen wird, wenn man mich durchaus in ihm sollte zurückhalten wollen.‹ Fortwährend mit meiner schönen C. C. beschäftigt, ließ ich mich am folgenden Tage von einem geschickten Piemontesen, welcher auf der Messe von Padua war und welcher später in Venedig viel Geld verdiente, in Miniatur malen. Sobald mein Porträt beendet war, malte er mir eine hübsche heilige Katharina von derselben Größe, und ein geschickter venetianischer Juwelier machte einen außerordentlich schönen Ring dazu. In dem Ringkasten war nur die Heilige zu sehen, aber ein blauer, fast unsichtbarer Punkt auf dem weißen Email stand mit der Sprungfeder in Verbindung, welche mein Porträt hervorkommen ließ, und das bewirkte man dadurch, daß man den blauen Punkt mit der Spitze einer Stecknadel berührte. Wie mir C. C. geraten, paßte ich ihre Mutter ab, und als diese mir traurig sagte, sie dürfe mir den Aufenthaltsort ihrer Tochter nicht nennen, gab ich ihr den Ring mit der Bitte, ihr diesen doch als Pfand meiner Treue zu überreichen. Sehr erbaut von meiner frommen Empfindung versprach dies die gute Mutter. Der Brief, den ich am nächsten Mittwoch empfing, war der Ausdruck des zärtlichsten Gefühls; und so war vier Wochen lang in ihren Briefen nur von der heiligen Katharina die Rede, welche sie mit Zittern erfüllte, so oft sie genötigt war, diese der geheimnisvollen Neugierde einer alte Nonne anzuvertrauen, die, um besser sehen zu können, sie ganz nahe an die Augen führte, und den Email unaufhörlich rieb. ›Ich zittere vor Furcht, daß sie zufällig den kaum wahrzunehmenden Knopf drücken könnte, und was sollte ich anfangen, wenn die aufspringende Heilige ihr eine Figur zeigte, welche zwar ein göttliche ist, aber keineswegs wie eine Heilige aussieht? Sage mir, was ich tun soll.‹ Aber eines Montags, gegen Ende des Juli, weckte mich mein Kammerdiener mit Tagesanbruch und meldete mir, Laura, die Botin, wünsche mich zu sprechen. Mir ahnte Unglück, und ich ließ sie hereinkommen. Sie übergab mir einen Brief, der mir meldete: sie habe einen schrecklichen Blutfluß, und sie bitte mich, dem allein sie sich anvertrauen könne, ihr so viel Wäsche als möglich zu schicken. ›Wenn ich sterbe, mein teurer Mann, so wird das ganze Kloster wissen, woran ich gestorben bin; aber ich denke an Dich und zittre. Was wirst Du in Deinem Schmerze tun? Oh, mein Herz, wie schade!‹ Ich kleide mich eiligst an, während ich Laura befrage. Sie sagt mit klaren Worten, es sei eine zu frühe Niederkunft, und das größte Geheimnis müsse beobachtet werden, um den Ruf meiner Freundin zu schonen; übrigens brauche sie nur viel Wäsche, und es werde alles gut werden: die gewöhnliche Sprache, welche die Angst, die ich empfand, nicht dämpfen konnte. Ich gehe mit Laura aus und begebe mich zu einem Juden, wo ich eine Menge Bettücher und zweihundert Servietten kaufe, und nachdem ich alles in einen großen Sack gesteckt, mache ich mich mit ihr nach Murano auf. Unterwegs schrieb ich für meine Freundin mit Bleistift auf, sie möchte zu Laura volles Vertrauen haben, und versicherte ihr, ich würde Murano nicht eher verlassen, bis sie aus aller Gefahr wäre. Ehe wir ans Land stiegen, sagte Laura, ich würde, um nicht bemerkt zu werden, gut daran tun, mich bei ihr zu verbergen. Zu jeder andern Zeit würde das nicht anders geheißen haben, als den Wolf in einem Schafstalle einschließen, denn sie hatte zwei hübsche Töchter. Sie ließ mich in einem armseligen Zimmer zu ebener Erde. Nachdem sie sich sodann mit Wäsche beladen, wo sie diese nur irgend verbergen konnte, begab sie sich eiligst zur Kranken, welche sie seit dem vorigen Abend nicht gesehen hatte. Ich hoffe, daß sie C. C. außer Gefahr finden würde, und ich sehnte mich danach, sie mit dieser Nachricht zurückkommen zu sehen. Laura blieb eine Stunde weg und kehrte mit trauriger Miene zurück; sie meldete, daß meine arme Freundin viel Blut in der Nacht verloren und im Bette liege und sich sehr schwach fühle; man müsse sie daher Gott empfehlen, denn wenn der Blutfluß nicht bald aufhöre, so sei es unmöglich, daß sie es noch vierundzwanzig Stunden aushalte. Als ich die Wäsche sah, welche sie unter ihren Kleidern hervorzog, fühlte ich schaudern und glaubte sterben zu müssen: sie starrte von Blut. Laura glaubte mich damit zu trösten, daß sie sagte, ich könnte überzeugt sein, das Geheimnis würde nicht verraten werden. Aber was lag mir daran: »Möge sie leben«, sagte ich, »und die ganze Welt wissen, daß sie meine Frau ist!« Ich ging traurigen Mutes in mein elendes Gemach, und eine Viertelstunde darauf überbrachte mir die Botin mit weinenden Augen folgendes Billett, welches fast unleserlich war: ›Ich habe nicht die Kraft, Dir zu schreiben, mein guter Freund, denn ich werde immer schwächer; ich verliere all mein Blut und fange an zu glauben, daß es keine Hilfe gegen mein Übel gibt. Ich überlasse mich dem Willen Gottes und danke ihm, daß meine Ehre gerettet ist. Betrübe Dich nicht zu sehr. Mein einziger Trost ist, Dich mir so nahe zu wissen. Oh, wenn ich Dich einen Augenblick sehen könnte, würde ich ruhig sterben.‹ Ich war in Verzweiflung und machte mir die heftigsten Vorwürfe, daß ich den Tod dieser unschuldigen Person veranlaßt. Ich warf mich auf ein Bett und blieb hier sechs Stunden lang, wie betrübt, liegen, bis Laura mit etwa zwanzig ganz in Blut getränkten Servietten zurückkehrte. Die Nacht gestattete ihr nicht, noch einmal hinzugehen. Ich brachte eine schreckliche Nacht zu; ich aß nichts, schlief nicht, betrachtete mich selbst mit Abscheu, und wies die Pflege zurück, welche Lauras Töchter mir angedeihen lassen wollten. Kaum war es Tag geworden, als Laura ankam und mit kläglicher Miene berichtete, daß meine arme Freundin nicht mehr blute. Ich glaubte, sie wäre tot, und ich rief laut aus: »Sie lebt nicht mehr?« »Sie lebt; aber es ist zu fürchten, daß sie diesen Tag nicht übersteht, denn sie ist erschöpft; sie hat kaum die Kraft, die Augen aufzumachen, und ihr Puls ist kaum noch zu bemerken.« Ich atmete freier; ich fühlte, daß mein Engel gerettet war. Laura sagte, der Arzt sei nun bei ihr; sie aber habe der Kranken ins Ohr gesagt, nichts von den verordneten Medikamenten zu nehmen. Da ich der Hoffnung bedurfte und mich vor Hunger ohnmächtig werden fühlte, so ließ ich mich etwas zu essen machen und fing an, meiner Freundin für den Augenblick, wo sie würde lesen können, zu schreiben. Die Augenblicke der Reue sind wirklich traurig, und ich war in der Tat zu beklagen. Ich fühlte das größte Bedürfnis, Laura wiederzusehen, um zu hören, was der Arzt gesagt. Die jungen Töchter Lauras warteten mir bei Tische auf, aber es war mir unmöglich, etwas hinunterzubringen; doch fand ich ein Vergnügen daran, zu sehen, wie die drei Schwestern auf die erste Einladung hin mein Mittagessen verschlangen. Die älteste Schwester, ein großes derbes Frauenzimmer, blickte mich nicht einmal an. Die beiden jüngeren schienen mir liebenswürdig sein zu können, aber ich beschäftigte mich mit ihnen nur, um meiner grausamen Reue neue Nahrung zu geben. Laura, welche ich mit brennender Ungeduld erwartete, kehrte endlich zurück und meldete mir, daß die teure Kranke sich noch immer in demselben Zustande der Mattigkeit befände, daß ihre Schwäche den Arzt sehr in Erstaunen gesetzt habe. »Er hat ihr zugleich eine Nachtwärterin verordnet, und sie hat die Hand nach mir ausgestreckt, um mich zu bezeichnen. Jetzt verspreche ich Ihnen, sie sowohl nachts wie am Tage nur noch zu verlassen, um Ihnen Nachricht zu bringen.« Ich dankte und versprach ihr eine großmütige Belohnung. Ich vernahm mit vielem Vergnügen, daß ihre Mutter sie besucht, dabei aber nichts bemerkt und sie aufs Zärtlichste geliebkost habe. Da ich mich ruhiger fühlte, so gab ich Laura zehn Zechinen und jeder ihrer Töchter eine und aß etwas zu Abend; sodann legte ich mich in eins der elenden Betten, welche sich in demselben Zimmer befanden. Sobald ich mich ins Bett gelegt hatte, entkleideten sich die beiden jungen Schwestern und legten sich ohne Umstände in das Bett, welches neben dem meinigen stand. Dieses unschuldige Vertrauen gefiel mir. Die Älteste, welche mehr Erfahrung hatte, legte sich in einem benachbarten Zimmer schlafen, denn sie hatte einen Liebhaber, der sie bald heiraten sollte. Diesmal war ich nicht vom Teufel der Fleischlust besessen und ließ die Unschuld ruhig schlafen, ohne sie auf die geringste Probe zu setzen. Am folgenden Morgen sehr frühe brachte mir Laura Balsam. Sie meldete mir mit heiterer Miene, die teure Kranke schlafe ruhig und sie werde ihr sogleich eine Suppe bereiten. Ich war wie trunken, als ich dies hörte, und hielt das Orakel des Äskulap für tausendmal sicherer als das des Apollo. Es war jedoch noch nicht die Zeit gekommen, Viktoria zu rufen, denn meine Freundin mußte erst wieder zu Kräften kommen, und das Blut, welches sie verloren, wiederersetzen, was nur das Werk der Zeit und guter sorgfältiger Pflege sein konnte. Ich blieb noch acht Tage bei Laura und ging nicht eher fort, als bis meine Freundin es mir in einem vier Seiten langen Briefe gewissermaßen befohlen. Als ich Laura verließ, weinte sie vor Freuden, als sie sich mit der schönen Wäsche, welche ich für meine C. C. gekauft, beschenkt sah; und ihre Töchter weinten ebenfalls, vermutlich, weil sie in den zehn Tagen, welche ich bei ihnen gewohnt, mich nicht hatten bewegen können, ihnen einen einzigen Kuß zu geben. Als ich wieder in Venedig war, nahm ich meine alte Lebensweise wieder auf; wie hätte ich aber wohl bei meiner ganzen Anlage und Neigung ohne eine positive Liebe zufrieden sein können? Ich hatte kein anderes Vergnügen als das, alle Mittwoche einen Brief von meiner teuren Nonne zu empfangen, welche mich aufforderte, auf sie zu warten, anstatt mich aufzufordern, sie zu entführen. Laura versicherte mir, C. C. wäre schöner geworden, und ich verging vor Lust, sie zu sehen. Die Gelegenheit fand sich bald und ich ließ sie nicht entschlüpfen. Es sollte eine Einkleidung stattfinden, welche Zeremonie immer viel Publikum herbeizieht. Da die Nonnen dann viele Besuche empfangen, so war es wahrscheinlich, daß die Pensionärinnen dann ebenfalls ins Sprechzimmer kommen würden. Ich lief keine Gefahr, an diesem Tage mehr als jeder andere bemerkt zu werden, denn ich verlor mich in der Menge. Ich ging also hin, ohne Laura etwas davon zu sagen und ohne meine teure Frau zu benachrichtigen, und ich glaubte umsinken zu müssen, als ich sie in einer Entfernung von vier Schritten mich unverwandt und mit einer Art Ekstase betrachten sah. Sie war größer und ausgebildeter geworden und schien mir schöner als früher. Ich hatte nur für sie Augen, wie sie nur für mich, und ich war der letzte, der diesen Ort verließ, welcher mir an diesem Tage der Tempel des Glücks schien. Drei Tage darauf erhielt ich einen Brief von ihr; sie schilderte mir in ihm mit solcher Glut das Vergnügen, welches ich ihr durch meine Gegenwart verschafft, daß ich ihr dieses so oft wie möglich zu bereiten beschloß. Ich antwortete ihr sogleich, sie würde mich nun an allen Festtagen in ihrer Kirche sehen. Das kostete mir nichts. Ich sah sie nicht, aber ich wußte, daß sie mich sah, und ihr Glück machte das meinige zu einem vollkommenen. Ich hatte nichts zu fürchten, denn es war nicht gut möglich, daß ich erkannt würde, da die Kirche nur von Bürgern und Bürgerinnen aus Murano besucht wurde. Ich urteilte so, weil ich fürchtete, nicht mehr in Korrespondenz mit meiner Freundin bleiben zu können; aber ich kannte noch nicht den Charakter und die Feinheit der dem Herrn verlobten Jungfrauen. Ich glaubte ebensowenig, daß meine Person etwas Auffallendes hätte, wenigstens nicht für ein Kloster; aber ich war in bezug auf die Neugier der Frauen, besonders die unbeschäftigter Herzen, noch unerfahren, erhielt aber bald Gelegenheit, mich zu belehren. Darüber gingen wohl fünf Wochen hin, als meine teure C. C. mir in sehr komischer Weise schrieb, daß ich für das ganze Kloster, sowohl für die Pensionärinnen wie für die Nonnen, selbst die ältesten nicht ausgenommen, ein Rätsel wäre. Der ganze Chor erwartete mich auf die Minute; man teilte es sich mit, wenn man mich eintreten und mit Weihwasser besprengen sah. Man bemerkte, daß ich nie das Gitter ansah, hinter welchem sich sämtliche Nonnen befinden mußten, noch irgendeine Frau, welche in die Kirche kam oder sie verließ. Die alten meinten, ich müßte einen großen Kummer haben, von welchem ich mich durch den Schutz der heiligen Jungfrau zu befreien hoffte, und die jungen meinten, ich müßte melancholisch oder misanthropisch sein. Mein teures Weib amüsierte sich sehr darüber und amüsierte mich, indem sie mir alles erzählte. Ich glaubte nicht mehr zu Laura gehen zu dürfen, denn es wäre möglich gewesen, daß die Frömmlerinnen dies erfahren und dadurch mehr entdeckt hätten, als für sie nötig war. Aber diese Lebensweise, welche mich aufzehrte, konnte nicht lange dauern. Überdies war ich geboren, um eine Mätresse zu haben und glücklich mit ihr zu leben. Da ich nicht wußte, was ich anfangen sollte, so spielte ich und gewann fast immer; nichtsdestoweniger magerte ich vor Langerweile ersichtlich ab. Am Allerheiligentage Siebzehnhundertdreiundfünfzig, als ich, nachdem ich die Messe gehört, in eine Gondel steigen wollte, um nach Venedig zurückzukehren, sah ich eine Frau von Lauras Art mich im Vorbeigehen anblicken und einen Brief fallen lassen. Ich hebe ihn auf und sehe, wie die Frau ruhig ihren Weg fortsetzt, nachdem sie sich überzeugt hat, daß das Schreiben in meine Hände gelangt. Der Brief war ohne Adresse und das Siegel zeigte eine Schleife. Ich trete eiligst in die Gondel, und sobald ich vom Ufer entfernt bin, breche ich das Siegel auf und lese folgendes: ›Eine Nonne, welche Sie seit zwei und einem halben Monate an allen Festtagen in ihrer Kirche sieht, wünscht Ihre Bekanntschaft zu machen. Eine Broschüre, welche Sie verloren und welche der Zufall in ihre Hände geführt hat, läßt sie glauben, daß Sie Französisch sprechen; aber wenn Sie es vorziehen, können Sie ihr Italienisch antworten, denn es ist ihr vor allen Dingen um Klarheit und Bestimmtheit zu tun. Sie fordert Sie nicht auf, sie ins Sprechzimmer rufen zu lassen, weil sie will, daß Sie sie sehen, ehe Sie in die Notwendigkeit kommen, mit ihr zu sprechen, und sie wird Ihnen deshalb eine Dame angeben, welche Sie ins Sprechzimmer geleiten können. Diese Dame wird Sie nicht kennen und wird also nicht verpflichtet sein, Sie vorzustellen, wenn Sie vielleicht nicht gekannt sein wollen. Wenn Sie diese Art, Bekanntschaft zu machen, nicht für passend halten, so wird die Nonne Ihnen ein Kasino in Murano angeben, wo Sie diese in der ersten Stunde der Nacht an jedem von Ihnen zu bestimmenden Tage allein finden werden. Sollten Sie es vorziehen, ihr in Venedig ein Abendessen zu geben? Bestimmen Sie den Tag, die nächtliche Stunde und den Ort, wohin sie sich begeben soll, und Sie werden sie maskiert aus einer Gondel steigen sehen; seien Sie nur allein am Ufer, maskiert und eine Laterne in der Hand. Ich bin überzeugt, daß Sie mir antworten und die Ungeduld erraten werden, mit welcher ich Ihre Antwort erwarte; ich bitte Sie also, diese morgen derselben Frau zu übergeben, durch welche Sie diesen Brief erhalten haben. Sie werden sie eine Stunde vor Mittag in der Sankt-Cancias-Kirche am ersten Altar rechts finden. Bedenken Sie, daß, wenn ich Ihnen nicht ein edles Herz und einen großartigen Geist zutraute, ich mich nie zu einem Schritte entschlossen haben würde, der Sie zu einem nachteiligen Urteile über meine Person veranlassen könnte.‹ Der Ton dieses Briefes, welchen ich hier wörtlich kopiere, überraschte mich mehr als die Sache selbst. Ich hatte Geschäfte; aber ich ließ alles liegen und schloß mich ein, um die Antwort zu schreiben. Der Schritt verkündete eine Tolle, aber ich fand eine Art Würde und Ungewöhnlichkeit darin, durch welche ich gewonnen wurde. Ich kam auf den Gedanken, daß es dieselbe Nonne sein könnte, welche meiner Freundin Unterricht gäbe. C. C. hatte mir diese als schön, reich, galant und hochherzig geschildert: mein teures Weib konnte geplaudert haben; tausend Gedanken gingen mir durch den Kopf; aber ich wies alle zurück, welche einem Plane, der mir zusagte, nicht günstig waren. Die Möglichkeiten machten mich etwas verlegen, aber ich glaubte, ohne mich bloßzustellen, antworten zu können; ich tat dies in einem höflichen galanten Ton, gab ihr alle Ehre, ließ doch durchscheinen, daß ich auf der Hut sein müßte, um nicht einer Mystifikation anheimzufallen, weshalb sie mir auch erlauben möchte, meinen Namen zu verschweigen. Von den Mitteln, sie zu sehen, hielte ich das erste für das beste, und ich hoffte, sie allein am Gitter zu treffen. In der Antwort, welche ich darauf erhielt, gab sie mir an, mich mit dem beigeschlossenen Billett zur Gräfin S. zu begeben, und zwar in Maske, diese würde mir die Stunde sagen, zu welcher sie nach dem Kloster ginge. Die Gräfin würde keine Frage an mich richten, am Gitter würde ich auch nicht vorgestellt werden, aber da ich ihren Namen erführe, könnte ich sie zu jeder Zeit im Auftrage der Gräfin rufen lassen. In ihrem letzten Briefe tat meine Nonne so, als ob sie gegen die nächtlichen Zusammenkünfte gleichgültig wäre; aber sie schien sicher zu sein, daß ich sie ins Sprechzimmer rufen lassen würde, sobald ich sie gesehen. Ich wußte schon, woran ich mich zu halten hatte; denn wozu anders als zu verliebten Zusammenkünften sollte wohl die Intrige führen? Indes vermehrte ihre Sicherheit oder vielmehr Zuversicht meine Neugier. Es hätte bei mir gestanden, einige Tage zu warten und mich bei C. C. zu erkundigen, wer diese Nonne war; aber abgesehen davon, daß dies eine Schlechtigkeit gewesen wäre, fürchtete ich, das Abenteuer zu verderben, was ich sehr bereut haben würde. Sie sagte, ich möchte nach meiner Bequemlichkeit zur Gräfin gehen; aber sie tat dies, weil ihre Würde erforderte, daß sie sich nicht zu eilig zeigte, und sie konnte wohl vermuten, daß ich ungeduldig sein würde. Sie schien mir zu erfahren in der Galanterie, als daß ich sie für eine Novize und für unerfahren hätte halten können, und ich fürchtete meine Zeit zu verlieren; aber meinen Entschluß fassend, gelobte ich mir, auf meine eigenen Kosten zu lachen, wenn ich es mit einer verblühten Schönheit zu tun bekäme. Es ist sicher, daß ich ohne die Neugier nicht den geringsten Schritt getan haben würde; aber ich wollte sehen, wie sich eine Nonne benehmen würde, welche mir angeboten, in Venedig zu mir zum Abendessen zu kommen. Um drei Uhr begab ich mich zur Gräfin, und nachdem ich das Billett an sie hatte gelangen lassen, kam sie und sagte, ich würde ihr ein Vergnügen machen, wenn ich am nächsten Tage um dieselbe Stunde bei ihr vorsprechen wollte. Wir machten uns gegenseitig eine schöne Verbeugung und trennten uns dann. Am Morgen des folgenden Tages, welcher ein Sonntag war, ermangelte ich nicht, elegant frisiert und angekleidet in die Messe zu gehen; in der Phantasie war ich meiner teuren C. C. schon ungetreu, denn es war mir mehr darum zu tun, von der Nonne, mochte sie nun jung oder alt sein, gesehen zu werden, als mich den Blicken meiner reizenden Frau darzubieten. Am Nachmittage nahm ich wieder die Maske vor und begab mich zur angesetzten Stunde zur Gräfin, welche auf mich wartete. Wir gehen hinunter, und eine zweirudrige Gondel bringt uns nach dem Kloster, ohne daß wir von etwas anderem als dem schönen Wetter gesprochen hätten. Als wir am Gitter angekommen sind, läßt sie M. M. rufen. Dieser Name setzt mich in Erstaunen, denn diejenige, welche ihn trug, war berühmt. Man läßt uns in ein kleines Sprechzimmer treten und einige Minuten darauf sehe ich eine Nonne kommen, welche gerade auf das Gitter losgeht, auf einen Knopf drückt und vier Fächer aufspringen läßt, welche eine weite Öffnung machen, durch die hindurch die beiden Freundinnen sich bequem umarmen können; gleich darauf wurde das sinnreich erfundene Fenster wieder sorgfältig geschlossen. Die Gräfin setzte sich der Nonne gegenüber und ich mich etwas seitwärts, aber so, daß ich mit der größten Bequemlichkeit eine der schönsten Frauen beobachten konnte. Ich zweifelte nicht, daß es diejenige wäre, von welcher meine teure C. C. gesprochen und welche ihr Unterricht im Französischen gab. Die Bewunderung versetzte mich in eine Art Bezauberung, und ich hörte nicht ein Wort von allem, was sie sagte; aber meine schöne Nonne, weit entfernt, das Wort an mich zu richten, beehrte mich nicht einmal mit einem einzigen Blicke. Sie mochte zweiundzwanzig bis dreiundzwanzig Jahre alt sein, und der Schnitt ihres Gesichts hatte die schönste Form. Ihr Wuchs ging weit über das mittlere Maß hinaus; ihr sehr weißer Teint hatte einen Anflug von Bleiche; ihr Ausdruck war edel und entschlossen, aber zugleich bescheiden und zurückhaltend; ihre gut geschlitzten Augen hatten eine schöne himmelblaue Farbe, ihre Physiognomie war sanft und lachend, die Lippen schön und feucht von süßer Wollust; ihre Zähne waren zwei Reihen glänzender Perlen. Ihre Kopfbedeckung ließ ihre Haare nicht sehen; wenn sie aber Haare hatte, so mußten sie, nach ihren Augenbrauen zu urteilen, eine schöne helle Kastanienfarbe haben. Was mich am meisten entzückte, war die Hand und der Vorderarm, welchen ich bis zum Ellbogen sehen konnte. Der Meißel des Praxiteles hat nie etwas Abgerundeteres, Weicheres, Graziöseres geformt. Trotz allem, was ich sah und ahnte, bereute ich nicht, daß ich die beiden von der Schönen mir angebotenen Stelldicheins ausgeschlagen, denn ich war sicher, binnen wenigen Tagen in ihren Besitz zu gelangen; und ich freute mich, daß ich ihr meine Begierden als Huldigung darbieten konnte. Ich sehnte mich danach, allein mit ihr am Gitter zu sein, und ich würde sie zu beleidigen geglaubt haben, wenn ich ihr nicht schon am folgenden Tage die Versicherung gebracht hätte, daß ich, ihr die verdiente Gerechtigkeit widerfahren ließe. Sie beharrte dabei, mich nicht einen einzigen Augenblick anzusehen; aber am Ende gefiel mir diese Art Zurückhaltung. Plötzlich fingen die beiden Freundinnen an, leise zu sprechen, und das Zartgefühl nötigte mich, beiseite zu gehen. Ihre geheime Unterhaltung dauerte eine Viertelstunde, worauf sie sich wie anfangs umarmten, und nachdem die Nonne das bewegliche Gitter geschlossen, drehte sie sich um und entfernte sich, ohne mich auch nur ein einziges Mal anzublicken. Als wir nach Venedig zurückgekehrt waren, entließ mich die Gräfin vor ihrer Tür mit einer Verbeugung. Meine schöne Nonne hatte nicht mit mir gesprochen, und ich war sehr zufrieden damit; denn ich war so verdutzt, so von Bewunderung ergriffen, daß die zusammenhanglosen Antworten, welche ich wahrscheinlich auf ihre Fragen erteilt haben würde, ihr leicht eine schlechte Idee von meinem Geiste hätten beibringen können. Ich sah, sie mußte fest überzeugt sein, daß sie die Erniedrigung einer Zurückweisung nicht zu fürchten habe; aber ich bewunderte in ihrer Lage den Mut, sich einer solchen Gefahr auszusetzen. Es wurde mir schwer, mir ihre Kühnheit zu erklären, und ich begriff nicht, wie sie sich die Freiheit, welche sie genoß, hatte verschaffen können. Ein Kasino in Murano! die Freiheit, allein mit einem jungen Mann in Venedig zu Abend zu speisen! Alles dies störte meine Ideen und ich kam endlich zu dem Resultat, daß sie einen hochgestellten Liebhaber haben müßte, welcher sich ein Vergnügen daraus mache, alle ihre Launen zu befriedigen. Diese Idee verletzte allerdings meinen Stolz etwas; aber das Abenteuer war zu pikant, der Gegenstand zu reizend, als daß ich nicht darüber hätte hinweggehen sollen. Ich sah mich auf gutem Wege, meiner teuren C. C. untreu zu werden, oder vielmehr ich war es schon in Gedanken; aber ich muß gestehen, daß ich trotz meiner Liebe für dieses reizende Mädchen keine Gewissensbisse fühlte. Es schien mir, als ob eine Untreue dieser Art, selbst wenn sie zu ihrer Kenntnis kommen sollte, ihr nicht mißfallen könnte; denn diese kleine Abschweifung war nur geeignet, mich in Atem zu halten und mich auch ihr zu erhalten, da ich dadurch der Langeweile entrissen wurde, welche mich verzehrte. Von einer andren Gräfin, welche im Kloster Justine als Nonne lebte, bei der sich aber doch die beste Gesellschaft zur Unterhaltung ein Stelldichein gab, erfuhr ich durch geschicktes Fragen einiges über M. M. Unter anderem sagte die Gräfin: »Was mir unbegreiflich bleibt, ist, daß sie den Schleier genommen hat, obwohl sie schön, reich, frei, geistvoll, gebildet und, wie ich weiß auch freigeistig ist. Sie nahm den Schleier ohne irgendeinen physischen oder moralischen Grund, es war wirklich eine Laune.« Da die geheimnisvolle Miene der Gräfin mich überzeugte, daß M. M. einen Liebhaber haben müsse, so beschloß ich, mich nicht darum zu bekümmern, und nachdem ich meine Maske vorgelegt, begab ich mich am Nachmittage nach Murano. Beim Kloster angekommen, klingle ich, und mit klopfendem Herzen frage ich im Namen der Gräfin von S. nach M. M. Ich trete ein, nehme meine Maske ab und setze mich, um die Göttin zu erwarten. Mein Herz schlug gewaltig. Ich wartete mit Ungeduld, und dennoch gefiel mir das Warten, denn ich fürchtete den Augenblick des Zusammentreffens. Eine Stunde verging ziemlich rasch, aber nun fing die Zeit des Wartens an mir lang zu werden, und da ich dachte, daß die Pförtnerin mich nicht verstanden haben könnte, so klingle ich noch einmal und frage, ob man die Schwester M. M. benachrichtigt hat. Eine Stimme antwortet mir mit ›Ja‹. Ich gehe wieder auf meinen Platz und einige Minuten später sehe ich ein altes zahnloses Weib eintreten, welches mir meldet: »Die Mutter M. M. ist für den ganzen Tag beschäftigt,« und ohne mir Zeit zu lassen, ein einziges Wort zu sagen, geht sie hinaus. Das war einer von den schrecklichen Momenten, welche Leute, die auf Liebesabenteuer ausgehen, zuweilen zu ertragen haben. Sie sind das Grausamste, was sich denken läßt. Sie demütigen, sie betrüben, sie töten. Ich fühlte mich düpiert, erniedrigt, und meine Verzweiflung darüber steigerte sich zur Wut: ich wollte mich rächen. Aber um ihr keinen Triumph zu gönnen, beschloß ich, keine Gereiztheit zu zeigen. Ihre Briefe mußte ich doch zurückschicken, das wollte ich aber mit einem Billett, das ihr kein Lächeln des Vergnügens entlocken sollte. Ich schrieb ein solches, ließ es aber noch einen Tag liegen. Das war vorsichtig, denn andren Tags schien es mir unwürdig, und ich zerriß es. Ebenso ging es mit einem andern. Es schien mir, als hätte ich die Fähigkeit zu schreiben verloren. Zehn Tage danach bemerkte ich, wie sehr verliebt ich war, die Gestalt von M. M. hatte einen zu starken Eindruck bei mir hinterlassen, als das dieser durch eine andere Macht als die Zeit, das mächtigste der abstrakten Wesen, hätte verwischt werden können. Endlich brachte ich einen Brief zustande, worin ich ihr in aller Höflichkeit ihre Briefe zurückgab, nicht ohne Hinweis, sie möchte später vorsichtiger sein, denn sie könnte an einen weniger zartfühlenden Mann geraten. Daß ich nicht mehr zur Kirche käme, begründete ich damit, ich wolle ihr keine Gelegenheit zum Lachen geben, würde ich doch vermuten, daß sie mit anderen über den Streich, den sie mir gespielt, gesprochen hätte Diesen Brief übergab ich einem Forlanen, wie eine Art Vertrauenskommissionäre in Venedig heißen, mit der Weisung, den Brief am Kloster abzugeben, sich aber auf keinen Fall bestimmen zu lassen, zu warten. Nach einigen Tagen erschien mir die Sache vergessen, doch da sah ich plötzlich den Forlanen wieder. Als ich fragte, ob er den Brief in Murano abgegeben, äußerte er seine Freude, mich wieder zu sehen; er habe mir wichtige Sachen mitzuteilen. Am Tage, nachdem er den Brief abgegeben, habe ihn einer seiner Kameraden, der gerade auch an der Pforte des Klosters war, geweckt: er solle sofort zu der Pförtnerin kommen. Er eilte dahin: eine Nonne wollte ihn sprechen; sie fragte ihn nach mir aus, da er mich aber nicht kannte, ich war ja maskiert, habe sie ihm einen Brief gegeben mit dem Bemerken, wenn er diesen an mich abliefern könnte und Antwort brächte, sollte er zwei Zechinen erhalten. Bis dahin aber müßte er täglich den Brief vorzeigen, wofür er stets vierzig Sous erhielt. Der Forlane hatte nun seit zehn Tagen alle Masken von meinem Wüchse genau betrachtet. Er bat mich nun, einen Augenblick zu warten, eilte nach Hause, brachte den Brief, welcher von M. M. war: sie klärte mich auf, daß durch den falschen Auftrag der Schwester, welche mir sagte, sie sei beschäftigt, dies Mißverständnis aufgekommen sei. Mit beredten Worten schilderte sie mir ihre Verzweiflung, als sie dessen gewahr wurde. Dann aber machte sie mir Vorwürfe, daß ich gleich von ihr das Schlimmste denken, sie einer unehrenwerten Handlung fähig halten konnte. Ich müßte in ihrem Gesicht den Ausdruck eines schamlosen, leichtfertigen Weibes gelesen haben; das sei sie nicht. Wenn ich nicht eilte, ihr persönlich all das Gesagte zu widerrufen, so könnte sie dies für ihr ganzes Leben unglücklich machen. Sofort antwortete ich ihr, schilderte in den gefühlvollsten Worten, was ich gelitten, und daß ich in diese Lage nur kommen konnte, weil ich von ihrer Schönheit so geblendet, daß ich mich ihrer für unwert gehalten. Diesen Brief erhielt sie beim Erwachen schon. Pünktlich stellte ich mich im Sprechzimmer ein. Sie ließ mich diesmal nicht warten. Als sie am Gitter erschien, kniete ich vor ihr nieder; aber sie bat mich aufzustehen, weil man mich sehen könnte. Ihr Gesicht stand in Flammen, und ihr Blick schien mir himmlisch. Sie setzte sich, und ich nahm einen Sessel ihr gegenüber. So betrachteten wir uns mehrere Minuten lang, ohne ein Wort zu sprechen; aber ich brach das Schweigen, indem ich sie mit zärtlicher und zitternder Stimme fragte, ob ich Verzeihung hoffen dürfte. Sie reichte mir ihre schöne Hand durch das Gitter, und ich bedeckte sie mit Tränen und Küssen. »Unsere Bekanntschaft«. sagte sie, »hat mit einem heftigen Sturme begonnen; hoffen wir, daß sie in vollkommener und dauernder Ruhe verlaufen wird. Dies ist das erstemal, daß wir miteinander sprechen; was aber zwischen uns vorgefallen, muß genügen, um uns vollkommen kennen zu lernen. Ich hoffe, daß unsre Verbindung so zärtlich wie aufrichtig sein wird und daß wir es verstehen werden, gegenseitig gegen unsre Fehler Nachsicht zu üben.« »Wann könnte ich wohl die Ehre haben, Sie ungestört und in der ganzen Freude meines Herzens von meinen Gefühlen zu überzeugen?« »Wir können in meinem Kasino, wann Sie wollen, zu Abend speisen, wenn ich es nur zwei Tage vorher weiß; oder ich kann auch mit Ihnen in Venedig speisen, wenn es Sie nicht belästigt.« »Das würde mein Glück nur erhöhen. Ich glaube, Ihnen sagen zu müssen, daß ich in sehr guten Verhältnissen lebe, daß ich, weit entfernt, das Geldausgeben zu fürchten, es vielmehr liebe; übrigens gehört alles, was ich habe, dem Gegenstande meiner Liebe.« »Diese Mitteilung, teurer Freund, ist mir sehr angenehm, und zwar um so mehr, als ich Ihnen sagen kann, daß ich reich bin und meinem Liebhaber nichts abschlagen kann.« »Aber Sie müssen wohl einen haben?« »Es wird gleich Mittag läuten, mein teurer Freund, es ist Zeit, daß wir uns trennen. Kommen Sie übermorgen zur selben Stunde und ich werde Ihnen die nötigen Instruktionen geben, damit Sie bei mir zu Abend speisen können.« »Allein?« »Das versteht sich.« »Dürfte ich Sie um ein Unterpfand bitten? denn das Glück, welches Sie mir verheißen, ist so groß!« »Welches Unterpfand wollen Sie?« »Daß Sie an das kleine Fenster treten und mir erlauben, an der Stelle der Gräfin S. zu sein.« Sie stand auf und drückte mit dem anmutigsten Lächeln die Feder, und nachdem ich einen so ausdrucksvollen Kuß erhalten, verließ ich sie. Sie geleitete mich mit den Augen bis zur Türe, und ihr verliebter Blick würde mich festgebannt haben, wenn sie nicht hinausgegangen wäre. Ich verlebte zwei Tage der Erwartung in einer Freude und einer Ungeduld, welche mich hinderten, zu essen und zu schlafen. Denn es schien mir, daß ich nie so glücklich in der Liebe gewesen, oder vielmehr schien es mir, als ob ich zum ersten Male verliebt wäre. Außer der Herkunft, der Schönheit und dem Geiste meiner neuen Eroberung mischte sich auch das Vorurteil ein, um mir mein Glück unbegreiflich erscheinen zu lassen, denn es handelte sich um eine Vestalin; sie war eine verbotene Frucht, und wer wüßte nicht, daß diese seit Eva bis auf unsre Zeiten immer am besten schmeckte! Ich war auf dem Punkte, in die Rechte eines allmächtigen Gemahls einen Eingriff zu machen; M. M. war in meinen Augen über alle Königinnen erhaben. Wäre nicht in dieser Zeit meine Vernunft von der Leidenschaft geknechtet gewesen, so würde ich bald eingesehen haben, daß diese Nonne nicht anders geartet sein konnte als alle schönen Frauen, die ich in den dreizehn Jahren, seit welchen ich das Feld der Liebe bebaute, geliebt hatte; aber welcher Verliebte verweilt wohl bei einem solchen Gedanken? Wenn er sich zudringlicherweise bei ihm einstellt, so weist er ihn mit Verachtung zurück! M. M. mußte durchaus mehr sein als die schönste Frau der Welt. Überzeugt, daß M. M. ihr Wort halten würde, begab ich mich gegen zehn Uhr morgens ins Sprechzimmer, und sobald ich angemeldet war, sah ich sie erscheinen. »Mein Gott, mein Freund, sind Sie krank?« »Nein, meine geliebte Freundin, aber ich kann es scheinen, denn die ungeduldige Erwartung des Glücks greift mich an. Ich habe den Appetit und den Schlaf verloren; wenn die Erfüllung verschoben würde, könnte ich nicht für mein Leben stehen.« »Sie soll nicht verschoben werden, teurer Freund; aber welche Ungeduld! Setzen wir uns. Hier ist der Schlüssel des Kasinos, in welches Sie kommen sollen. Es sind Leute da, denn wir müssen wohl bedient werden; aber niemand wird mit Ihnen sprechen und Sie brauchen mit niemand zu sprechen. Sie werden maskiert sein und erst abends bei Dunkelheit und nicht früher hingehen. Steigen Sie die Treppe hinauf, welche der Eingangstür gegenüber liegt, und auf dem Treppenflur werden Sie beim Schimmer einer Laterne eine grüne Tür erblicken, welche Sie öffnen müssen, um in das Zimmer zu treten, welches erleuchtet sein wird. Sie werden mich im zweiten Zimmer finden, und wenn ich noch nicht dort sein sollte, so warten Sie nur einige Minuten auf mich; Sie dürfen auf meine Pünktlichkeit rechnen. Sie können sich demaskieren und es sich bequem machen. Bücher und ein gutes Feuer werden Sie auch finden.« Da die Beschreibung durchaus klar war, so küßte ich die Hand, welche mir den Schlüssel dieses geheimnisvollen Tempels überreichte, und fragte das reizende Weib, ob ich sie als Nonne sehen würde. »Ich gehe als Nonne aus,« sagte sie, »aber ich habe eine vollständige Garderobe, um mich in eine Weltdame zu verwandeln, und sogar, um mich zu maskieren.« »Ich hoffe, daß Sie mir das Vergnügen machen werden, Nonne zu bleiben.« »Weshalb, wenn es Ihnen beliebt?« »Ich sehe Sie in dieser Tracht so gern!« »Ha! Ha! Ich verstehe. Sie denken sich meinen Kopf geschoren, und ich flöße Ihnen Furcht ein. Aber beruhigen Sie sich, mein Freund, ich habe eine Perücke, welche der Natur den Sieg streitig machen kann.« »Gott! Was sagen Sie? Der bloße Name Perücke tötet mich. Aber nein, zweifeln Sie nicht daran, ich werde Sie in jeder Gestalt reizend finden. Tun Sie mir nur den Gefallen, diese grausame Perücke nicht in meiner Gegenwart aufzusetzen. Ich beleidige Sie: entschuldigen Sie; denn ich bin in Verzweiflung daß ich mit Ihnen davon gesprochen habe. Sind Sie überzeugt, daß Sie niemand das Kloster verlassen sieht?« »Sie können sich selbst davon überzeugen, wenn Sie die Insel umfahren und die kleine Tür, welche nach dem kleinen Ufer hinausgeht, beobachten. Ich habe den Schlüssel zu einem Zimmer, welches nach dem kleinen Ufer hinaus liegt, und kann auf die Laienschwester rechnen, welche mich bedient.« »Und die Gondel?« »Mein Liebhaber bürgt mir für die Treue der Gondelführer.« »Welch ein Mann ist Ihr Liebhaber! Ich denke mir, daß er alt ist.« »Sie irren sich, und ich würde mich schämen, wenn dies der Fall wäre. Er ist noch nicht vierzig Jahre alt und besitzt alles, was erforderlich ist, um geliebt zu werden, Schönheit, Geist, sanften Charakter, edles Benehmen.« »Und er verzeiht Ihnen solche Launen?« »Was nennen Sie Launen? Es ist ein Jahr, seitdem er sich meiner bemächtigt hat, und vor ihm habe ich keinen anderen Mann gekannt, wie Sie der erste sind, welcher meine Phantasie erregt hat. Als ich ihm dies mitteilte, war er etwas erstaunt; dann fing er an zu lachen und machte mir eine kurze Vorstellung über die Gefahr, die ich liefe, mich einem Schwätzer preiszugeben. Er wünschte, daß ich wenigstens erführe, wer Sie wären, ehe ich die Sache weitertriebe; aber es war zu spät. Ich verbürgte mich für Sie und brachte ihn natürlich zum Lachen, weil ich für jemand, den ich gar nicht kannte, so bestimmt einstand.« »Wann haben Sie ihm alles anvertraut?« »Vorgestern, und ich habe ihm nichts verborgen. Ich habe ihm meine und Ihre Briefe gezeigt, und er hält Sie für einen Franzosen, obwohl Sie sich für einen Venetianer ausgeben. Er möchte sehr gern wissen, wer Sie sind, aber fürchten Sie nichts; ich verspreche Ihnen, daß er nie den geringsten Schritt tun soll, um es zu erfahren.« »Auch ich werde nichts tun, um zu erfahren, wer dieser so seltene Mann ist. Ich bin in Verzweiflung, wenn ich an den Schmerz denke, welchen ich Ihnen bereitet habe.« »Sprechen wir nicht mehr davon; denn wenn ich daran denke, so sehe ich ein, daß nur ein Geck anders hätte handeln können.« Am Abend begab ich mich zur verabredeten Stunde zum Stelldichein, und ihren Instruktionen genau folgend, gelangte ich in einen Saal, wo ich meine neue Eroberung im elegantesten Anzuge einer Weltdame fand. Der Saal war durch Kronleuchter erhellt, deren Licht in den Spiegeln widerstrahlte, und durch vier herrliche Armleuchter, welche auf einem Tische mit Büchern standen. Sie schien mir jetzt eine ganz andere Schönheit, als damals, wo ich sie als Nonne gesehen. Sie hatte eine Haarfrisur mit einem herrlichen Chignon; ich ging darüber weg, so unangenehm war mir die Idee einer Perücke, und ich würde mich wohl gehütet haben, ihr ein Kompliment darüber zu machen. Ich warf mich ihr zu Füßen, um ihr meine tiefe Dankbarkeit auszudrücken, und küßte entzückt ihre schönen Hände in Erwartung des Liebeskampfes, der sich daraus entspinnen mußte; aber M. M. glaubte mir Widerstand entgegenstellen zu müssen. Wie reizend ist die Weigerung einer Liebenden, welche den Augenblick des Glücks nur verzögert, um seine Wonne besser zu kosten! Als zärtlicher, achtungsvoller, aber auch kühner und unternehmender Liebhaber, der seines Sieges gewiß war, vereinigte ich auf eine zarte Weise milde Rücksichtnahme mit dem Feuer, welches mich durchglühte, ich entriß dem schönsten Munde brennende Küsse und war nahe daran, mein Leben zu verhauchen. Dieser vorbereitende Kampf beschäftigte uns zwei Stunden lang, und als er zu Ende war, wünschten wir uns beide Glück, sie, daß sie mir widerstanden, und ich, daß ich meine Ungeduld gemäßigt. Ich bedurfte einen Augenblick Ruhe, und da wir uns instinktmäßig verstanden, so sagte sie: »Mein Freund, ich habe einen Appetit, welcher mir verheißt, daß ich dem Abendessen Ehre machen werde; versprichst du mir standzuhalten?« Da ich wußte, daß ich der Mann dazu war, so sagte ich: »Ja, ich verspreche es, und du wirst sodann beurteilen können, ob ich mich gegen Amor ebensogut wie gegen Comus benehme.« Sie klingelte nun, und eine Frau von mittlerem Alter, welche gut angezogen war und ein anständiges Äußere hatte, deckte den Tisch für zwei Personen, und nachdem sie auf einen andern, in derselben Stube befindlichen, alles gestellt, was nötig war, um die Bedienung entbehren zu können, trug sie nacheinander acht Gerichte in Schüsseln von Porzellan von Sèvres auf, welche auf silbernen Rösten standen, welche die Speisen warm hielten. An den ersten Schüsseln, welche wir kosteten, erkannte ich die französische Küche, und sie bestritt dies nicht. Wir tranken nur Burgunder und Champagner. Sie bereitete den Salat auf eine feine und geschickte Weise, und an allem, was sie tat, hatte ich ihre Anmut und Leichtigkeit zu bewundern Es war augenscheinlich, daß sie zum Lehrmeister einen Liebhaber gehabt haben mußte, welcher Kenner war. Ich wünschte sehr, ihn kennen zu lernen, und während wir Punsch tranken, sagte ich, ich wäre bereit, ihr meinen Namen zu nennen, falls sie meine Neugierde befriedigen wolle. »Überlassen wir«, sagte sie, »der Zeit die Sorge, unsere beiderseitige Neugierde zu befriedigen.« M. M. hatte an ihrem Uhrgehänge ein kleines Fläschchen von Bergkristall, welches dem, das ich an meiner Kette trug, durchaus ähnlich war. Ich machte ihr dies bemerklich, und da in dem meinigen in Rosenessenz getränkte Baumwolle war, so ließ ich sie daran riechen. »Ich habe ganz gleiche,« sagte sie und ließ mich daran riechen. »Das ist ein sehr seltenes und sehr teures Wasser,« sagte ich. »Auch verkauft man es nicht.« »Das ist wahr. Der Fabrikant dieser Essenz ist ein gekröntes Haupt; es ist der König von Frankreich, welcher davon ein Pfund angefertigt hat, das dreißigtausend Livres kostet.« »Es ist ein Geschenk, welches man meinem Liebhaber gemacht hat, der es mir gegeben.« »Frau von Pompadour hat davon ein kleines Fläschchen an Herrn von Moncenigo, den venetianischen Gesandten, durch Vermittlung Herrn von Bernis, jetzigem Gesandten hierselbst, geschickt.« »Kennen Sie ihn?« »Ich habe die Ehre gehabt, in seiner Gesellschaft gerade an dem Tage zu Mittag zu speisen, wo er von dem Gesandten, bei welchem ich eingeladen war, Abschied nahm. Herr von Bernis ist ein Mann, welchen das Glück begünstigt hat, welcher aber verstanden hat, es auch durch sein Verdienst zu fesseln; er ist nicht weniger ausgezeichnet durch seinen Geist wie durch seine Geburt; er ist, wenn ich nicht irre, Graf von Lyon. Ich erinnere mich, daß er wegen seiner hübschen Figur den Spitznamen Belle-Babet erhalten hatte. Wir besitzen von ihm eine kleine Sammlung Gedichte, welche ihm Ehre macht.« Es war fast Mitternacht: wir hatten ausgezeichnet gegessen und saßen an einem guten Feuer. Da ich außerdem in ein herrliches Weib verliebt war und bedachte, daß die Zeit kostbar wäre, so wurde ich dringend. Sie widersteht auch jetzt. »Grausame Freundin, hatten Sie mir die Glückseligkeit nur versprochen, um mich Tantalusqualen erdulden zu lassen? Wenn Sie nicht der Liebe nachgeben wollen, so geben Sie wenigstens der Natur nach: legen Sie sich zu Bett, nachdem wir so köstlich gespeist.« »Sind Sie denn schläfrig?« »Nein, gewiß nicht; aber zur jetzigen Zeit legt man sich zu Bett. Erlauben Sie, daß ich Sie hineintrage: ich werde mich an ihr Kopfkissen setzen, oder wenn Sie es wünschen, ziehe ich mich zurück.« »Wenn Sie mich verließen, würden Sie mir einen großen Schmerz bereiten.« »Der meinige würde nicht geringer sein. Wenn ich aber bleibe, was werden wir dann machen?« »Wir können uns völlig angekleidet auf dieses Sofa legen.« »Völlig angekleidet? Meinethalben. Ich kann Sie dann schlafen lassen, wenn Sie zu schlafen wünschen; aber Sie werden verzeihen, wenn ich nicht schlafe; denn bei Ihnen zu schlafen, heißt das Unmögliche verlangen.« Sie steht auf, klappt mit Leichtigkeit das Sofa über, holt Kissen, Bettücher, eine Decke hervor, und in einem Augenblick ist ein prächtiges, breites und bequemes Bett hergestellt. Sie nimmt ein großes Tuch, womit sie meinen Kopf umwindet, und gibt mir sodann ein anderes mit der Bitte, ihr denselben Dienst zu leisten. Ich mache mich an die Arbeit, meinen Abscheu gegen die Perücke verhehlend, als eine kostbare Entdeckung mich auf die angenehmste Weise überraschte, denn anstatt der Perücke finde ich das schönste Haar. Ich stieß einen Schrei der Freude und der Bewunderung aus, über welchen sie sehr lachte, sodann sagte sie, eine Nonne sei nur verpflichtet, ihre Haare dem profanen Haufen zu verbergen; nachdem sie dies gesagt, gab sie mir geschickt einen Stoß, so daß ich der ganzen Länge nach auf das Kanapee hinfiel. Ich richte mich auf, und in einer Minute meine Kleider abwerfend, stürze ich mich mehr auf als neben sie. Sie war stark, und mich mit ihren Armen umschlingend, glaubt sie, ich müsse ihr alle Leiden verzeihen, welche sie mir verursacht. Ich hatte nichts Wesentliches erhalten; ich brannte; aber ich drängte meine Ungeduld zurück; ich hielt mich noch nicht für berechtigt, Forderungen zu erheben. Ich fing an, fünf bis sechs Bandschleifen aufzubinden, und in der Freude, daß sie mich gewähren ließ, klopfte nur das Herz vor Behagen, und ich gelangte in den Besitz eines der schönsten Busen, welchen ich mit meinen Küssen bedeckte. Aber hierauf beschränkten sich alle ihre Gunstbewilligungen; und da mein Feuer in dem Maße zunahm, wie ich sie vollkommen fand, so verdoppelte ich meine Anstrengungen, aber vergeblich! Vor Ermüdung mußte ich endlich ablassen und schlief, in ihren Armen und an ihrem Busen ruhend, ein. Ein lautes Geläute weckte uns. »Was ist das?« rief ich auffahrend aus. »Stehen wir auf, mein Freund, es ist Zeit, daß ich nach dem Kloster zurückkehre.« »Kleiden Sie sich an und gestatten Sie mir, Sie im Kleide einer Heiligen zu betrachten, da Sie als Jungfrau hinweggehen.« »Sei für diesmal zufrieden, mein süßer Freund, und lerne von mir Enthaltsamkeit ertragen; ein andermal werden wir glücklicher sein. Wenn ich weg bin, kannst du, falls du nichts versäumst, dich hier ausruhen.« Sie klingelte, und dieselbe Frau, welche am Abend gekommen war und welche ohne Zweifel ihre geheime Dienerin und die Vertraute ihrer Liebesmysterien war, erschien. Nachdem sie sich die Haare hatte machen lassen, zog sie ihr Kleid aus, legte ihre Kleinodien in einen Sekretär, zog ein Nonnenkorsett an, unter welchem sich die beiden Halbkugeln verbargen, welche in dieser Nacht die vorzüglichste Ursache meines Glücks gewesen waren; sodann zog sie ihr Nonnengewand an. Da die Vertraute hinausgegangen war, um den Gondelführer zu benachrichtigen, so umarmte sie mich mit Zärtlichkeit und Feuer und sagte: ich erwarte dich übermorgen, damit du mir die Nacht anzeigest, welche ich mit dir in Venedig verleben soll, und dann, teurer Freund, wirst du und ich glücklich sein. Lebewohl.« Zufrieden, aber nicht befriedigt, legte ich mich zu Bett und schlief ruhig bis Mittag. Ich ging weg, ohne jemand zu erblicken, und ging maskiert zu Laura, welche mir einen Brief meiner teuren C. C. überbrachte, der mir zu meiner Überraschung mitteilte, daß C. C. mich bei meinem Besuche im Sprechzimmer mit M. M. gesehen hätte, zufällig durch eine Spalte. Und weiterhin, daß M. M. eben die angebetete Freundin meiner lieben Frau sei, von der sie mir schon so oft geschrieben. M. M. habe erkannt, aus welchem Grunde sie damals krank gewesen und somit auch, daß sie einen Liebhaber hätte, doch hätten beide darüber Schweigen beobachtet. ›Die Mutter M. M. ist eine einzige Frau,‹ fuhr sie fort. ›Ich bin sicher, mein teurer Freund, daß ihr euch liebt; das kann nicht anders sein, da ihr euch kennt; aber da ich nicht eifersüchtig bin, so verdiene ich, daß Du mir alles sagst. Aber ich beklage euch beide, denn alles, was ihr tun mögt, kann wohl nur dazu beitragen, eure Leidenschaft zu stacheln. Das ganze Kloster hält Dich für krank, und ich sterbe vor Sehnsucht, Dich zu sehen. Komme doch wenigstens einmal. Lebewohl.‹ Trotz der Achtung, welche dieser Brief mir einflößte, war ich nicht ohne Unruhe, denn obwohl ich meiner teuren C. C. vollkommen sicher war, so konnte doch die Spalte uns auch anderen Blicken aussetzen. Ich sah mich außerdem genötigt, dieser liebenswürdigen und vertrauensvollen Freundin etwas aufzubinden, denn die Ehre und das Zartgefühl gestatteten mir nicht, ihr die Wahrheit zu sagen. Ich antwortete sogleich, ihre Freundschaft für M. M. erfordere, diese davon in Kenntnis zu setzen, daß sie sie mit einer Maske im Sprechzimmer habe sprechen sehen. Ich hätte M. M. auf das Gerücht von ihren Verdiensten, um sie kennen zu lernen, unter einem angenommenen Namen ins Sprechzimmer rufen lassen, und sie möchte daher nicht sagen, wer ich wäre, sondern nur, daß sie mich als den Mann erkannt, der die Messe in ihrer Kirche höre. Ich versicherte ihr auf die unverschämteste Weise, daß zwischen uns keine Liebe bestände, verhehlte ihr jedoch nicht, ich hielte M. M. für ein vollendetes Weib. Am heiligen Katharinentage, dem Feste meiner teuren C. C., glaubte ich der liebenswürdigen Eingesperrten, welche nur meinetwegen litt, das Vergnügen, mich zu sehen, verschaffen zu müssen. Beim Ausgehen, als ich in eine Gondel steigen wollte, bemerkte ich ein Individuum, welches mir folgte. Ich faßte Argwohn und beschloß, der Sache auf die Spur zu kommen. Das Individuum nahm ebenfalls eine Gondel und folgte mir. Das konnte bloße Wirkung des Zufalls sein, aber da ich gegen Überraschungen auf meiner Hut war, so landete ich in Venedig im Garten des Palastes Morosini; der Mann steigt ebenfalls ans Land: also kein Zweifel mehr. Ich verlasse den Palast, und die Richtung nach dem flandrischen Tore zu nehmend, bleibe ich in einer engen Straße stehen; hier erwarte ich mit dem Messer in der Hand den Spion, hinter einer Straßenecke, und als er umbiegt, dränge ich ihn gegen die Mauer, setze ihm das Messer auf die Brust und forderte ihn auf, zu sagen, was er wolle. Er zitterte und schickte sich an, alles zu beichten, als unglücklicherweise jemand in die Straße kam. Der Spion entfloh mir, und ich erfuhr nichts. Ich entnahm hieraus, daß es einem hartnäckigen Neugierigen leicht werden würde, zu erfahren, wer ich wäre, und ich beschloß, nur noch maskiert oder nachts nach Murano zu gehen. Da ich am folgenden Tage meine schöne Nonne besuchen sollte, um zu erfahren, wann sie bei mir in Venedig zu speisen wünsche, so begab ich mich frühzeitig ins Sprechzimmer. Sie ließ nicht auf sich warten, und auf ihren Zügen war Freude zu lesen. Sie bekomplimentierte mich wegen meines neuen Erscheinens in ihrer Kirche. Alle Nonnen waren erfreut gewesen, mich nach einer dreiwöchentlichen Abwesenheit wiederzusehen. »Die Äbtissin«, fuhr sie fort, »äußerte, als sie ihre Freude, dich wiederzusehen, ausdrückte, sie wäre sicher, zu erfahren, wer du wärst.« Nun erzählte ich ihr die Geschichte vom Spione, und wir stellten mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit die Vermutung auf, daß dies der Mittelsmann der heiligen Frau wäre. Dadurch kamen wir überein, daß ich die Messe nicht mehr besuchte. Nun erzählte sie mir die Geschichte von der verräterischen Spalte. »Aber sie ist«, fügte sie hinzu, »schon verstopft, und wir haben von dieser Seite her weiter nichts zu fürchten. Eine junge Pensionärin, welche ich sehr liebe und welche mir sehr ergeben ist, hat mir alles mitgeteilt.« Ich bin nicht neugierig, ihren Namen zu erfahren, und sie sagt ihn mir nicht. »Aber sage mir, Geliebter, wo willst du mich morgen zwei Stunden nach Sonnenuntergang erwarten?« »Könnte ich dich nicht hier in deinem Kasino erwarten?« »Nein, denn mein Geliebter selbst wird mich nach Venedig führen.« »Er selbst?« »Ja, er selbst.« »Und dennoch ist es wahr?« Wir verabredeten uns an der Statue des heiligen Bartholomäus. Ich hatte keine Zeit zu verlieren, denn ich hatte kein Kasino. Ich nahm einen zweiten Ruderer, um in weniger als einer Viertelstunde den Sankt-Marcus-Platz zu erreichen, und ich setzte mich sogleich in Bewegung, um alles, was ich brauchte, anzuschaffen. Wenn ein Sterblicher das Glück hat, beim Gotte Plutus in Gunst zu stehen, und sich des Vorteils erfreut, nicht geradezu auf den Kopf gefallen zu sein, so kann er so ziemlich sicher sein, alles zu erreichen; ich brauchte daher auch nicht lange zu suchen, um ein Kasino nach Wunsch zu finden. Es war das schönste, das sich in der Umgegend Venedigs finden ließ, aber natürlich auch das teuerste. Es hatte dem englischen Gesandten gehört, welcher es bei seiner Abreise von Venedig seinem Koch für einen billigen Preis überlassen hatte. Der neue Besitzer vermietete es nun für hundert Zechinen, welche ich ihm vorausbezahlte, bis Ostern, unter der Bedingung, daß er die Mittags- und Abendessen, welche ich bestellen würde, selbst bereite. Ich hatte fünf im besten Geschmacke möblierte Räume und alles schien für die Liebe, den Genuß und die Tafelfreuden berechnet zu sein. Die Bedienung geschah durch ein blindes, in der Mauer befindliches Fenster, in welchem ein drehbarer Tisch angebracht war, der die Öffnung genau ausfüllte, so daß die Herren und die Bedienten sich nicht sehen konnten. Der Saal war mit herrlichen Spiegeln, mit Kronleuchtern von Bergkristall, mit Armleuchtern von vergoldeter Bronze und einem Trumeau, welcher über einem Kamin von weißem Marmor hing, verziert und tapeziert mit Platten von chinesischem Porzellan, welche nackte Liebespaare in allen Stellungen darstellten, die geeignet waren, die Phantasie zu entflammen, elegante Sofas und Kommoden standen rechts und links. Zur Seite befand sich ein achteckiges Zimmer, dessen Wände, Fußboden und Decke aus herrlichen venetianischen Spiegeln bestanden, die so angebracht waren, daß sie das Liebespaar, welches dies Zimmer wählte, in allen Stellungen vervielfältigten. Dicht daneben war ein Alkoven mit zwei geheimen Ausgängen; rechts befand sich ein elegantes Toilettenkabinett, links ein Boudoir, welches von der Mutter des Liebesgottes eingerichtet zu sein schien, und eine Badewanne von karrarischem Marmor. Das Getäfel war von ziseliertem Gold und mit Blumen und Arabesken bemalt. Nachdem ich befohlen, alle Leuchter zu bestecken und das schönste Leinenzeug überall, wo es notwendig war, aufzulegen, bestellte ich ein üppiges und feines Abendessen, ohne Rücksicht auf die Kosten, und besonders die allerfeinsten Weine. Hierauf den Schlüssel zur Eingangstür nehmend, sagte ich dem Besitzer, daß ich weder beim Kommen noch beim Gehen von jemand gesehen zu werden wünschte. Nachdem alles meinen Wünschen entsprechend hergestellt war, kaufte ich als sorgsamer und feinfühlender Liebhaber ein paar der schönsten Pantoffeln, welche ich auftreiben konnte, und eine Nachtmütze von Alenconschen Spitzen. Der Leser wird hoffentlich nicht finden, daß ich bei dieser Gelegenheit zu kleinlich verfuhr: er möge bedenken, daß ich der vollkommensten Sultanin des Herrn der Erde zu essen zu geben hatte, und daß ich dieser vierten Grazie gesagt, ich hätte ein Kasino. Sollte ich ihr gleich anfangs eine schlechte Idee von meiner Wahrhaftigkeit geben? Den andern Tag spielte ich, um die Zeit zu verkürzen, und ich sah: das Glück behandelte mich nicht weniger gut als die Liebe, was ich natürlich auf Rechnung des Schutzgeistes meiner Geliebten setzte. Ich fand mich eine Stunde vor der angesetzten Zeit zum Stelldichein ein, und obwohl die Nacht kalt war, fühlte ich doch keine Kälte. Zur angegebenen Stunde sah ich eine zweirudrige Barke kommen und eine Maske aussteigen und die Richtung nach der Statue hin nehmen. Je näher sie kam, desto lauter schlug mein Herz. Da ich bemerkte, daß es ein Mann, wich ich aus und machte mir Vorwürfe, daß ich meine Pistolen nicht mitgenommen. Ader die Maske geht um die Statue herum und redet mich an, indem sie mir zugleich die Hand reicht; ich erkenne meinen Engel. Sie lacht über meine Verwunderung, hängt sich an meinen Arm, und ohne miteinander zu sprechen, schlagen wir die Richtung nach dem Sankt-Marcus-Platze ein; wir begeben uns nach meinem Kasino. Ich fand alles nach Wunsch angeordnet; wir gehen die Treppe hinauf, und schnell entledige ich mich meines Maskenanzuges. Aber M. M. belustigt sich damit, hin und her zu gehen und alle Winkel des köstlichen Orts, in welchen sie sich aufgenommen sieht, zu durchsuchen. Sie war erstaunt über den Zauber, welcher ihr ihre reizende Person tausendfach zeigte. Ihre vielfachen Porträts, welche die Spiegel vermittelst der zu diesem Zwecke aufgestellten Kerzen widerstrahlten, waren für sie ein ganz neues Schauspiel, von welchem sie ihre Blicke nicht losmachen konnte. Auf einem Taburett sitzend, beobachtete ich mit Entzücken die ganze Eleganz ihrer Person. Sie trug einen Rock von rosa Samt, welcher mit silbernen Flittern verziert war, eine Weste à l'avenant, gestickt und außerordentlich reich, Hosen von schwarzem Atlas, Schuhschnallen von Brillanten, am kleinen Finger einen sehr wertvollen Solitair und an der andern Hand einen Ring, der auswendig nur weißen Atlas mit Kristall bedeckt zeigte. Damit ich sie besser sehen könne, stellte sie sich aufrecht vor mich hin. Ich durchsuchte ihre Taschen und fand eine goldene Dose, eine mit Perlen verzierte Bonbonniere, ein goldenes Etui, eine prachtvolle Lorgnette, sehr feine Batisttaschentücher, welche mit den kostbarsten Essenzen mehr getränkt als parfümiert waren. Ich betrachtete aufmerksam den Reichtum und die Arbeit ihrer beiden Uhren, ihrer Ketten, ihrer mit kleinen Diamanten besetzten Berlocken. Endlich finde ich eine Pistole, es war eine englische von schönstem Stahl und von herrlicher Arbeit. »Alles, was ich sehe, teure Freundin, ist deiner wert; aber ich kann mich nicht enthalten, meine Bewunderung für das außerordentliche, ich möchte fast sagen, anbetungswürdige Wesen auszusprechen, welches dich überzeugen will, daß du wirklich seine Gebieterin bist. Es ist ein erstaunlicher Mann, ich wiederhole es, und nach einem Muster zugeschnitten, welches nur für ihn benutzt worden ist. Ein Liebhaber von diesem Schlage ist einzig, und ich sehe wohl, daß ich ihm nicht gleichkommen kann, wie ich auch fürchte, ein so blendendes Glück nicht zu verdienen.« »Erlaube mir, mich allein zu demaskieren.« »Du bist Herrin deines Willens.« Eine Viertelstunde darauf kehrte meine Geliebte zurück. Sie war als Mann frisiert: ihre Scheitel mit langen Locken hingen ihr bis auf die Wangen herunter; ihr Haupthaar, welches mit einer Schleife schwarzen Bandes befestigt war, fiel bis über die Kniekehle herab, und ihre Formen gaben ein Bild des Antinous. Ich unterlag einem Zauber, und mein Glück schien mir völlig unbegreiflich. Sie fror; wir setzten uns an das Feuer, und da ich es vor Ungeduld nicht mehr aushalten konnte, so machte ich eine Brillanten-Agraffe los, welche ihr Jabot zusammenhielt. Leser, es gibt so lebhafte und süße Empfindungen, daß die Jahre kaum die Erinnerung daran schwächen und die Zeit sie nie zerstören kann! Mein Mund hatte schon diesen bezaubernden Busen mit Küssen bedeckt, aber das lästige Korsett hatte mir nicht gestattet, seine ganze Vollkommenheit zu bewundern. Jetzt fühlte ich ihn frei von jedem Zwange und jeder unnützen Unterstützung: ich habe nie etwas schöneres gesehen und gefühlt, und die beiden bewunderungswerten Halbkugeln der Mediceischen Venus, wären sie auch durch den Prometheusfunken belebt worden, würden vor denen meiner göttlichen Nonne erblaßt sein. Ich brannte vor Begierde und schickte mich an, diese zu befriedigen, als das bezaubernde Weib mich mit einem einzigen Worte beruhigte: »Warten wir bis nach dem Abendessen.« Ich klingle; sie fährt zusammen. »Beruhige dich, Freundin.« Ich zeige ihr nun das Geheimnis. »Du kannst deinem Freunde sagen, daß dich niemand gesehen hat.« »Er wird deine Aufmerksamkeit bewundern und erraten, daß du in der Kunst zu gefallen nicht Neuling bist. Aber es ist offenbar, daß ich nicht allein die Herrlichkeiten dieses reizenden Ortes mit dir genieße.« »Du hast unrecht; glaube mir aufs Wort: du bist die erste Frau, die ich hier gesehen. Du bist nicht meine erste Leidenschaft, angebetetes Weib, aber du wirst meine letzte sein.« »Ich werde glücklich sein, wenn du beständig bist. Mein Liebhaber ist es: er ist sanft, gut, liebenswürdig; aber mein Herz ist bei ihm immer leer geblieben.« »Das seinige muß es ebenfalls sein; denn wenn seine Liebe von der Art der meinigen wäre, würde ich nie durch dich glücklich geworden sein.« »Er liebt mich wie ich dich liebe, und glaubst du nicht, daß ich dich wahrhaft liebe?« »Ich glaube es gern, aber du würdest mir nicht gestatten – –« »Sei still, denn ich fühle daß ich dir alles würde verzeihen können, vorausgesetzt, daß du mir nichts verbirgst. Die Freude, welche ich in diesem Augenblicke empfinde, entspringt mehr aus der Hoffnung, daß dir nichts mehr zu wünschen übrig bleiben wird, als aus der Idee, eine köstliche Nacht mit dir zuzubringen. Es wird die erste meines Lebens sein.« »Wie! Du hast noch keine mit deinem Liebhaber zugebracht?« »Mehrere; aber die Freundschaft, die Gefälligkeit und vielleicht die Dankbarkeit bestritten alle Kosten: das Wesentliche, die Liebe fehlte. Nichtsdestoweniger gleicht dir mein Liebhaber; er hat einen geweckten Geist nach Art des deinigen, und hinsichtlich der Figur ist er auch gut bestellt; aber er ist nicht du. Ich halte ihn auch für reicher, obwohl dieses Kasino mich das Gegenteil glauben lassen könnte; aber was hat der Reichtum mit der Liebe zu schaffen! Und glaube nur nicht, daß ich dich weniger hoch stelle als ihn, weil du dich des Heroismus, mir eine Abschweifung zu gestatten, für unfähig erklärst; im Gegenteil weiß ich, daß du mich nicht so lieben würdest, wie du mich zu meiner Freude liebst, wenn du mir sagen wolltest, daß du für meine Phantasie dieselbe Nachsicht wie er hättest.« »Sollte er die einzelnen Umstände dieser Nacht kennen zu lernen wünschen?« »Er wird mir ein Vergnügen zu erweisen glauben, wenn er mich um Auskunft darüber bittet, und ich werde ihm alles sagen, ausgenommen die Umstände, welche ihn demütigen könnten.« Nach dem Abendessen, welches sie köstlich fand, machte sie Punsch, und sie verstand sich darauf; aber da ich fühlte, wie meine Ungeduld zunahm, so sagte ich: »Bedenke, daß wir nur sieben Stunden vor uns haben, und daß wir um sie betrogen werden würden, wenn wir sie so zubringen wollten.« »Du sprichst besser als Sokrates«, sagte sie, »und deine Beredsamkeit überzeugt mich, komme.« Sie führte mich in das reizende Toilettenkabinett, wo ich ihr die schöne Nachtmütze schenkte und die Bitte hinzufügte, sich als Frau zu coiffieren. Sie empfing sie mit Freuden und bat mich, mich im Salon zu entkleiden; sobald sie sich niedergelegt haben würde, versprach sie mich zu rufen. Ich wartete nicht lange; denn wenn das Vergnügen im Spiele ist, so macht die Sache sich rasch. Trunken vor Liebe und Glück sank ich in die Arme, und sieben Stunden hindurch gab ich ihr Beweise meiner Glut. Endlich ertönte das verhängnisvolle Geklingel; wir mußten unsern Entzückungen Einhalt tun; aber ehe sie sich meinen Armen entwand, erhob sie die Augen zum Firmament, wie um dem göttlichen Meister zu danken, daß sie gewagt, mir ihre Leidenschaft zu erklären. Wir kleideten uns an, und als sie sah, daß ich die schöne Spitzennachtmütze in ihre Tasche steckte, versicherte sie mir, er würde diese ihr Leben lang als Zeugin des Glücks, mit welchem sie überschüttet worden, behalten. Nachdem wir eine Tasse Kaffee getrunken, machten wir uns auf, und ich verließ sie mit dem Versprechen, sie am zweitfolgenden Tage zu besuchen; und nachdem ich sie in ihre Gondel hatte steigen sehen, legte ich mich schlafen, und zehn Stunden eines ununterbrochenen Schlafes brachten mich wieder in meine gewöhnliche Verfassung. Wie ich ihr versprochen, besuchte ich sie am zweitfolgenden Tage; aber als sie im Sprechzimmer erschien, sagte sie, ihr Liebhaber habe sich anmelden lassen, sie erwarte ihn jeden Augenblick und hoffe, mich am folgenden Tage wiederzusehen. Ich verabschiede mich. Bei der Brücke sehe ich eine schlecht maskierte Maske aus einer Gondel steigen. Ich betrachte den Gondelführer und sehe, daß er im Dienste des französischen Gesandten steht. Er ist es, sage ich zu mir, und ohne ihn merken zu lassen, daß ich ihn beobachte, sehe ich ihn ins Kloster gehen: kein Zweifel mehr, und ich begebe mich nach Venedig, erfreut über diese Entdeckung; aber ich beschließe, meiner Geliebten nichts davon zu sagen. Ich sah sie am folgenden Tage; sie teilte mir mit, daß ihr Liebhaber bis Weihnachten Abschied genommen habe, da er nach Padua müsse. In dieser Zeit könnten wir uns in seinem Kasino treffen, was sicherer sei als in Venedig Ich fragte, ob sie ihm alles mitgeteilt. »Alles,« sagte sie. Wir plauderten dann noch einige Zeit, und ich erkannte in meiner M. M. einen Freigeist sondergleichen, und ihre bewundernswerten Aussprüche veranlaßten mich, zu fragen, wie sie zu solchen Anschauungen im Kloster habe kommen können. Sie hatte von ihrem Freunde die besten Bücher erhalten, welche ihr die Finsternis der priesterlichen Faseleien zerstreute. Bei ihrem Beichtvater hatte sie es durchgesetzt, daß er sie, trotz ihrer verbotenen Lektüre, besonders der Schriften Mylord Bolingbrokes absolvierte. Ich scherzte: »Hinsichtlich des übrigen absolvierst du dich selbst?« »Ich beichte Gott, welcher allein das Innerste meiner Seele kennt und beurteilen kann, ob meine Handlungen gut oder schlecht sind.« Wir trafen uns noch einmal im Kasino, dann erst wieder am ersten Tage des neuntägigen Gebets. Zu ihrer Freude blieb ich während der zehn Tage, bis zur Rückkehr ihres Freundes, in dem Kasino wohnen; wir sahen uns währenddessen viermal, und ich überzeugte sie jedesmal, daß ich nur für sie lebe. Es war natürlich, daß meine Zärtlichkeit für C. C. ruhiger geworden war. Was in ihren Briefen mich am meisten anzog, war das, was sie von ihrer Freundin erzählte. Sie tadelte mich, daß ich die Bekanntschaft mit M. M. nicht fortgesetzt, und ich antwortete, ich hätte es nicht getan, weil ich nicht erkannt sein wollte, und forderte sie auf, unverbrüchliches Geheimnis zu bewahren. Ich glaube nicht, daß es möglich ist, zwei Gegenstände in gleichem Maße zu lieben oder die Liebe kräftig zu erhalten, wenn man ihr entweder zu viel oder gar keine Nahrung gibt. Was meine Liebe zu M. M. in solcher Stärke erhielt, war der Umstand, daß ich sie immer nur mit Gefahr, sie zu verlieren, besitzen konnte. »Es ist unmöglich,« sagte ich zu ihr, »daß nicht das eine oder andere Mal, wo du abwesend bist, eine Nonne mit dir sprechen sollte.« »Nein,« sagte sie, »dieser Fall kann nicht eintreten, denn in den Klöstern wird nichts höher geachtet, als die Freiheit jeder Nonne, sich selbst für die Äbtissin unzugänglich zu machen. Nur eine Feuersbrunst wäre zu fürchten, denn in diesem Falle würde eine schreckliche Verwirrung eintreten, und es würde nicht natürlich erscheinen, daß bei einer so großen Gefahr eine Nonne ruhig in ihrer Zelle bliebe: dann würde allerdings die Entweichung bekannt werden. Ich habe die Laienschwester und den Gärtner sowie eine andre Nonne gewonnen, und es ist die Geschicklichkeit sowie das Gold meines Liebhabers, welche das Wunder bewirkt haben. Er steht mir auch für die Treue des Kochs und seiner Frau, welcher die Aufsicht über das Kasino übergeben ist. Er ist auch der Treue der beiden Gondelführer sicher, obwohl der eine unfehlbar ein Spion der Staatsinquisitoren ist.« Am Weihnachtsheiligabend mußte ich ausziehen, da der Liebhaber sich angemeldet hatte. M. M. gab mir einen Brief mit, den ich aber erst zu Hause lesen sollte. Er enthielt ein Geständnis, das mich aufs höchste überraschte. Ihr Liebhaber hatte das Verlangen geäußert, mich kennen zu lernen, als meine teure M. M. ihm ihre wachsende Neigung für mich mitteilte und er in großmütiger Weise ihr kein Hindernis in den Weg legte, dieser zu folgen. Er hatte nun die erste Nacht von einem geheimen Kabinett aus unser ganzes Spiel beobachtet, und wie mir M. M. versicherte, war er von meinen Reden und meinem Benehmen entzückt. Und nun fragte sie mich, ob ich mich ebenso natürlich und liebenswürdig im Genusse der Liebe betragen könnte, wenn ich wüßte, daß ihr Liebhaber uns beim nächsten Zusammensein belausche, was er vorhabe. Sie bat mich, ihr schnell zu antworten, mit Ja oder Nein, und versicherte mir, sie könne kein Auge zutun, bis sie meine Antwort erhalten habe. Ich lachte über diese Sonderbarkeit, die mir ja die bessere Rolle zu spielen gab, und schrieb sofort der Geliebten, da ich den Charakter ihres Liebhabers nun zur Genüge kenne, so daß ich ihn überaus schätzte, so sei ich bereit, ihm ein Schauspiel aufzuführen, das würdig Paphos und Amathunts; an nichts aber sollte er merken, daß ich von seinem Geheimnis etwas wüßte. Die sechs Tage bis zu dem neuen Stelldichein verbrachte ich auf Redouten, spielte und verlor vier- bis fünftausend Zechinen, was aber meine Liebe nicht erkaltete. In der festgesetzten Nacht kam ich in das Kasino meiner Geliebten, die ich mit ausgesuchter Eleganz gekleidet fand, ohne daß dadurch ihre Einfachheit und Ungezwungenheit Abbruch erlitten hätte. Ich fand es nur ungewöhnlich, daß sie Schminke gebraucht hatte, aber das gefiel mir, weil sie diese nach Art der Damen in Versailles aufgelegt hatte. Der Reiz dieser Bemalung besteht in der Nachlässigkeit, mit welcher sie gemacht wird. Das Rot soll nicht natürlich scheinen; man legt es auf, um den Augen ein Vergnügen zu machen, welche die Zeichen einer Trunkenheit sehen, die ihnen bezaubernde Ausschweifungen und Wutausbrüche verheißt. Sie sagte, sie habe es aufgelegt, um dem Neugierigen, welcher es sehr liebe, ein Vergnügen zu bereiten. »Dieser Geschmack«, versetzte ich, »sagt mir, daß er Franzose ist.« Sie bedeutete mir, ihr Liebhaber sei noch nicht auf dem Posten, und zeigte mir ein kleines Guckloch in der Verzierung des Kanapees, wodurch er, wie ich mich überzeugen konnte, das ganze Zimmer zu überblicken vermochte. Als sie mir nach einiger Zeit das Zeichen gab, daß es nun besetzt, konnte die Komödie beginnen. Wir aßen gut, scherzten und gaben uns dann auf dem Sofa unsrer Liebe hin, und in solchem Maße, daß ich am Morgen plötzlich ihre Brust mit Blut bespritzte. Sie erbleichte, ich aber verscheuchte ihre Furcht durch Torheiten, über welche sie aus vollem Herzen lachte. Als sie sich dann wieder als Nonne angekleidet hatte, verließ sie mich mit der Bitte, noch liegen zu bleiben und ihr gleich zu schreiben, wie ich mich befände, was ich auch gewissenhaft tat. Meine M. M. hatte einmal den Wunsch geäußert, mein Porträt zu besitzen, aber als Medaillon, das durch eine verborgene Feder zu öffnen sei. Ich ließ sofort ein solches herstellen, und zwar stellte das verdeckende Bild die Verkündigung Mariä dar, wobei die Jungfrau blond, der Erzengel brünett gemalt war, gemäß unserer Haarfarben. Als ich ihr dies anzeigte, schrieb mir M. M. einen überschwenglichen Brief, worin sie mich bat, auch von ihr ein Geschenk anzunehmen. Sie legte einen kleinen Schlüssel bei, mit dem ich einen kleinen Schrank im Boudoir ihres Kasinos öffnen sollte. Ich tat dies und fand dort einen Brief und ein Maroquinetui. Der Brief lautete: ›Was Dir dieses Geschenk wert machen wird, wie ich hoffe, ist das Porträt einer Frau, welche Dich anbetet. Unser Freund hatte deren zwei; aber die Freundschaft, welche er für Dich hegt, hat ihm die glückliche Idee eingegeben, sich des einen zu Deinen Gunsten zu entäußern. Die Dose enthält mein Porträt zweimal in zwei verborgenen Fächern: wenn Du den Boden der Dose der Länge nach aufmachst, wirst Du mich als Nonne erblicken; wenn Du sodann an der Seite drückst, wird sich ein Scharnierdeckel öffnen, und ich werde im Naturzustande vor Dir erscheinen. Es ist unmöglich, mein süßer Freund, daß Dich je eine Frau so geliebt hat, wie ich Dich liebe. Unser Freund schürt meine Leidenschaft durch die schmeichelhafte Art, wie er sich über Dich ausdrückt. Ich kann nicht entscheiden, ob ich mehr Glück mit meinem Freunde oder meinem Liebhaber habe; denn ich kann mir nicht denken, daß der eine oder der andere übertroffen werden könnte.‹ Das Etui enthielt eine goldene Tabatière, und einige Stäubchen Spaniol bewiesen, daß sie gebraucht worden war. Ich folgte den Andeutungen des Briefes und sah meine Freundin zunächst als Nonne, stehend im Halbprofil. Der zweite Boden zeigte sie mir ganz nackt, auf einer schwarzen Atlasmatratze, in der Stellung von Correggios Magdalena ausgestreckt. Sie betrachtete einen Liebesgott, dem der Köcher zu Füßen lag und der graziös auf den Kleidern der Nonne saß. Es war ein so schönes Geschenk, daß ich mich seiner nicht für wert hielt. Ich schrieb ihr einen Brief, in welchem die lebhafteste Dankbarkeit sich mit dem Ausdruck der glühendsten Liebe verband. Der Schrank enthielt in den Schubfächern ihre Diamanten und eine Börse voll Zechinen. Ich bewunderte ihr Vertrauen und ihr edles Benehmen: ich verschloß den Schrank wieder, ließ gewissenhaft alles an seinem Platze und kehrte nach Venedig zurück. Hätte ich mich der Herrschaft des Glücks entziehen können, indem ich aufgehört hätte zu spielen, so wäre ich in allen Beziehungen glücklich gewesen. M. M. hatte mir auch geschrieben, sie möchte mit mir am Dreikönigstage die Oper besuchen, gleichzeitig berichtete sie mir von dem Entzücken ihres Freundes über unsere Liebeskämpfe, trotz der Furcht für mein Leben. ›Er behauptet,‹ fuhr sie fort, ›daß du den Tod herausforderst, und fand auch, daß ich die unserm Geschlecht durch das Zartgefühl gezogene Linie überschritten habe. Das ist möglich, mein lieber Schwarzer, aber es freut mich doch, daß ich mich selbst übertroffen und eine so süße Erfahrung meiner Kraft gemacht habe. Ohne dich, mein Herz, würde ich mich nicht kennen gelernt haben, und ich frage, ob die Natur wohl eine Frau hervorgebracht hat, welche in deinen Armen unempfindlich bleiben oder vielmehr an deinem Busen nicht zu neuem Leben erwachen kann? Ich liebe dich nicht nur, ich bete dich abgöttisch an, und mein Mund, welcher dem deinigen wieder zu begegnen hofft, schleudert tausend Küsse, welche sich in der Luft verlieren. Ich brenne vor Sehnsucht nach deinem teuren Porträt, um durch einen süßen Irrtum das Feuer zu löschen, welches meine verliebten Lippen verbrennt.‹ Am heiligen Dreikönigsabend steckte ich mein Medaillon in die Tasche und legte mich an der Statue des Colleoni auf die Lauer. Sie kam, wir besuchen die Oper und gehen nachher in den Spielsaal. Auf ihre Frage, ob ich spielen wolle, mußte ich Nein antworten, und ich sagte ihr auch weshalb, worauf sie mir anbietet, zur Hälfte mitzugehen, und in wenigen Abzügen sprengen wir eine Bank. Ich hatte für meinen Teil tausend Zechinen gewonnen. Mit diesem Gelde fand ich während des Karnevals fast täglich das Glück mir günstig. Drei Tage danach brachte ich ihren Anteil in das Kasino von Murano. Ich erhielt von C. C. und M. M. an diesem Tage Briefe. M. M. bat mich in ihrem, ich möchte mich doch bei meinem Goldschmied erkundigen, ob er nicht einen Ring mit der heiligen Katharina gefaßt habe, unter welcher ohne Zweifel ein Porträt verborgen sei: sie wünsche zu erfahren, wie der Ring zu öffnen. Eine junge und schöne Pensionärin besitze ihn, ihre Freundin. Diese aber wüßte selbst nicht, wo die Feder verborgen. Diesem Brief gegenüber war der meiner C. C. recht komisch; sie schrieb: ›Ach, wie zufrieden bin ich, mein kleiner Mann! Du liebst die Mutter M. M., meine teure Freundin. Sie trägt ein Medaillon von der Größe eines Ringes, kann dieses aber nur von Dir bekommen haben; ich bin sicher, daß sich unter der Verkündigung Mariä Dein teures Bild befindet. Ich habe den Pinsel des Malers erkannt; denn es ist offenbar derselbe, welcher meine Patronin gemalt hat, und derselbe Goldschmied, welcher meinen Ring gefaßt, hat auch das Medaillon gemacht. Ich bin fest überzeugt, daß die Mutter M. M. dies Geschenk von Dir erhalten hat.‹ Sie habe die Freundin nicht betrüben wollen durch neugierige Fragen, M. M. aber habe gesagt: sicher sei in dem Ring ein Porträt verborgen, und da sie geantwortet, das wüßte sie nicht, habe jene versucht, den Ring zu öffnen, was aber nicht gelang. Und meine kleine Frau schloß: ›Sie wird mich in diesem Punkte nie gefällig finden; denn wenn sie Dich sähe, würde ich ihr sagen müssen, wer Du bist. Ich bedaure, zu dieser Zurückhaltung gegen sie genötigt zu sein, aber ich bedaure durchaus nicht, daß ihr beide euch liebt. Ich beklage euch aber von ganzem Herzen, daß ihr gezwungen seid, euch durch ein schreckliches Gitter zu lieben; wie gern, mein Freund, möchte ich Dir meinen Platz abtreten! Ich würde in diesem Falle zwei Glückliche machen. Lebe wohl!‹ Ich antwortete ihr, sie habe richtig geraten; aber sie solle das Geheimnis bewahren und überzeugt sein, daß meine Freundschaft für M. M. dem Gefühle, welches mich an sie knüpfe, keinen Eintrag tue. Ich verhehlte mir nicht, daß mein Benehmen nicht offen war; aber ich suchte mich selbst zu täuschen. Ich hatte die Schwäche, eine Intrige fortführen zu wollen, welche durch die Vertraulichkeit, die sich zwischen den beiden befreundeten Nebenbuhlerinnen entsponnen hatte, ihrem unvermeidlichen Ende entgegenging. Laura hatte mir angezeigt, daß an einem bestimmten Tage ein Ball im Sprechzimmer des Klosters stattfinden solle, und nachdem ich beschlossen, so verkleidet, daß meine beiden Freundinnen mich nicht erkennen könnten, dorthin zu gehen, maskierte ich mich als Pierrot, welche Verkleidung die Formen und den Gang am besten verbirgt. Ich war sicher, daß meine beiden Freundinnen am Gitter sein würden und daß ich das Vergnügen haben würde sie zu sehen und in der Nähe miteinander zu vergleichen. In Venedig gestattet man während des Karnevals dieses unschuldige Vergnügen den Nonnen in den Klöstern. Das Publikum tanzt im Sprechzimmer und die Schwestern schauen hinter den Gittern dem Feste zu. Mit dem Ende des Tages endet der Ball, alle gehen weg, und die armen Nonnen schwelgen noch lange in dem Vergnügen, welches ihre Augen gehabt haben. Dieser Ball sollte an demselben Tage stattfinden, wo ich mit M. M. im Kasino von Murano zu Abend speisen wollte; aber das hinderte mich nicht, auf den Ball zu gehen; es war mir ein Bedürfnis, C. C. zu sehen. Das Pierrotkostüm hat den Vorteil, durch eine große Mütze die Haare zu verbergen, und die weiße Gaze, welche das Gesicht bedeckt, hindert die Farbe der Augen und Augenbrauer zu erkennen; aber wenn der Anzug die Bewegungen der Maske nicht hindern soll, so darf man nichts darunter tragen, und in der Winterzeit hat ein bloßer Leinwandüberzug viel Unangenehmes. Ich nahm keine Rücksicht darauf, und nachdem ich eine Suppe gegessen, steige ich in eine Gondel und begebe mich nach Murano. Ich hatte keinen Mantel und in meinen Taschen nur mein Taschentuch, meine Börse und den Schlüssel des Kasino. Ich trete ein: das Sprechzimmer war voll; aber meinem Anzuge verdankte ich es, daß jeder sich beeilte, mir Platz zu machen, denn in Venedig sieht man äußerst selten einen Pierrot. Dem durch das Kostüm geforderten Charakter gemäß schreite ich wie ein Einfaltspinsel näher und trete in den Kreis der Tanzenden. Nachdem ich die Polichinells, die Pantalons, die Arlechins und die Skaramuze betrachtet, trat ich an das Gitter und sah alle Nonnen und Pensionärinnen, die einen sitzend, die andern stehend, und ohne bei einer zu verweilen, sehe ich meine beiden Freundinnen nebeneinander dem Feste sehr aufmerksam zuschauen. Ich ging sodann im Saale umher, jeden, der mir in den Weg kam, vom Kopf bis zu den Füßen ansehend, und wurde von allen sehr aufmerksam betrachtet. Ich folgte einer niedlichen Arlechine und ergriff sie auf täppische Art, um mit ihr ein Menuett zu tanzen. Alle fingen an zu lachen und machten uns Platz. Meine Tänzerin tanzte ausgezeichnet, gemäß der Maske, die sie trug, und ich gemäß der meinigen; ich brachte die ganze Gesellschaft zum Lachen. Nach dem Menuett tanzte ich zwölf Forlanen mit der größten Kraftanstrengung. Außer Atem ließ ich mich auf einen Stuhl hinsinken und tat so, als ob ich schlief, und als ich anfing zu schnarchen, unterfing sich keiner, den Schlaf Pierrots zu stören. Man tanzte einen Kontertanz, welcher eine Stunde dauerte, und an welchem ich keinen Teil nahm; als dieser aber beendet war, fiel ein Arlechin mit der seinem Kostüme gestatteten Freiheit über mich her und schlug mich mit seiner Pritsche, der Waffe Arlechins, auf den Hintern. Da ich als Pierrot keine Waffe hatte, so faßte ich ihn am Gürtel und trug ihn im Laufe um das ganze Sprechzimmer herum, während er mich fortwährend mit seiner Pritsche schlug. Ich setzte ihn sodann wieder auf die Erde, und nachdem ich ihm seine Pritsche entrissen, schwinge ich seine Arlechine auf meine Schultern und jage ihn unter fortwährenden Schlägen vor mir her, während die Zuschauer lachten, und Arlechine, welche fürchtet, daß ich fallen und dabei der Versammlung ihren Taufschein zeigen könnte, lautes Geschrei erhebt. Sie hatte recht, denn ein dummer Polichinell stellte mir von hinten ein Bein, und ich mußte fallen. Er wurde allgemein ausgezischt. Ich stehe auf, und im höchsten Grade gereizt begann ich mit diesem Unverschämten einen regelmäßigen Kampf. Er war von meiner Größe, aber ungeschickt und wußte seine Kraft nicht zu gebrauchen; ich warf ihn zu Boden, und indem ich ihn heftig hin und her schüttelte, verlor er seinen Buckel und seinen falschen Bauch. Während die Nonnen, die nie ein solches Schauspiel gesehen, laut lachten und mit den Händen klatschten, drängte ich mich durch die Menge und machte mich aus dem Staube. Ich war in Schweiß gebadet und es war kaltes Wetter; ich stürze in eine Gondel, und um mich nicht zu erkälten, lasse ich mich nach der Redoute fahren. Ich hatte noch zwei Stunden vor mir, ehe ich mich nach dem Kasino von Murano zu begeben hatte, und ich sehnte mich danach, mich an dem Erstaunen meiner schönen Nonne zu werden, wenn sie Pierrot vor sich sehen würde. Während dieser Zeit spielte ich an allen kleinen Banken, gewann, verlor und trieb ungestört tausend Tollheiten, da ich sicher war, von niemand erkannt zu werden; ich genoß die Gegenwart, trotzte der Zukunft und spottete aller derjenigen, welche ihre ganze Vernunft anwenden, um das gefürchtete Unglück zu verhüten, und, um dies zu tun, das gegenwärtige Vergnügen, welches sie genießen könnten, zerstören. Endlich schlägt die Uhr zwei und zeigt mir an, daß Amor und Comus mich zu neuen Genüssen rufen. Die Taschen voll Gold und Silber breche ich auf, fliege nach Murano, trete in das Heiligtum und erblicke meine Göttin, welche sich an den Kamin lehnt. Sie war im Nonnenanzuge; ich nähere mich ihr unbemerkt, um mich an ihrem Erstaunen zu werden; ich sehe sie an und bleibe versteinert stehen. Es ist C. C., als Nonne gekleidet, und noch mehr erstaunt als ich, läßt sie keinen Seufzer vernehmen, spricht keine Silbe, macht keine Bewegung. Ich werfe mich in einen Lehnstuhl, um Zeit zu gewinnen, mich von meinem Erstaunen zu erholen. Der Anblick von C. C. hatte mich vernichtet, und meine Seele war erstarrt wie mein Körper; ich fühlte, daß ich in ein Labyrinth geraten war, welches keinen Ausgang hatte. M. M. ist es, sagte ich zu mir, welche mir diesen Streich gespielt hat; wie hat sie aber erfahren, daß ich der Liebhaber ihrer Freundin bin? Hat C. C. mein Geheimnis verraten? Wenn sie aber es verraten hat, wie kann sie dann wohl die Stirne haben, mir vor Augen zu treten? Wenn M. M. mich liebt, wie hat sie sich dann wohl das Vergnügen versagen können, mich zu sehen, und wie hat sie sich dann durch ihre Nebenbuhlerin vertreten lassen können? Ich sehe darin nur einen Beweis der Verachtung, eine zwecklose Beleidigung. Meine Eigenliebe gab sich alle Mühe, Gründe aufzufinden, welche die Möglichkeit einer solchen Verachtung hätten widerlegen können; aber vergeblich. Düster in meiner Unzufriedenheit vertieft, blieb ich eine halbe Stunde finster und schweigend, die Augen auf C. C. gerichtet, welche kein Wort zu sagen wagte und verlegen und bestürzt dastand, da sie nicht wußte, mit wem sie zusammen war; denn sie konnte in mir höchstens den Pierrot erkennen, welchen sie auf dem Balle gesehen. Da ich in M. M. verliebt und nur ihretwegen gekommen war, so war ich durchaus nicht geneigt, mich auf eine andere Fährte fahren zu lassen, obwohl ich weit entfernt war, C. C. zu verachten. Ich liebte sie zärtlich, ich betete sie an; aber in diesem Augenblicke wollte ich sie nicht, weil ihre Anwesenheit mir von vornherein als eine Mystifikation erschienen war. Ich glaubte, C. C. nicht zärtlich begegnen zu können, ohne mich selbst zu entwürdigen. Überdies war ich, ohne mir selbst Rechenschaft davon zu geben, froh, M. M. eine der Liebe fremde Gleichgültigkeit vorwerfen zu können, und ich wollte so handeln, daß sie nie sollte glauben, mir ein Vergnügen verschafft zu haben. Hierzu kam noch, daß ich glaubte, M. M. wäre in dem geheimen Kabinett und vielleicht auch der Freund. Ich mußte einen Entschluß fassen, denn ich konnte nicht die ganze Nacht im Pierrotkostüme und unter fortwährendem Schweigen zubringen. Ich beabsichtigte zuerst wegzugehen, und zwar um so mehr, als weder C. C. noch ihre Freundin wissen konnten, daß Pierrot ich gewesen; aber bald verwarf ich diese Idee mit Abscheu, denn ich dachte an den tödlichen Schmerz, welchen C. C. empfinden würde, wenn sie es erführe. Endlich kam ich auf den Gedanken, daß sie dies schon vermute, und ich teilte den Schmerz, den sie dann empfinden mußte. Ich hatte sie verführt; ich hatte ihr das Recht gegeben, mich ihren Mann zu nennen. Diese Betrachtungen zerrissen mir das Herz. Wenn M. M. im Kabinett ist, sagte ich zu mir, so wird sie sich zeigen, wenn es Zeit ist. In dieser Voraussetzung nehme ich das Tuch ab, welches die Gaze befestigte, und zeige mein Gesicht. Meine reizende C. C. stößt einen Seufzer aus und sagt: »Ich atme freier! Nur du konntest es sein; mein Herz sagte es mir. Du schienst erstaunt, mein Freund, als du mich sahst; wußtest du denn nicht, daß ich dich erwartete?« »Nein, ich wußte nichts davon.« »Wenn es dir unangenehm ist, so bin ich in Verzweiflung; aber ich bin unschuldig.« »Angebetete Freundin, komm in meine Arme und glaube nicht, daß ich dir zürnen könnte. Ich bin erfreut, dich zu sehen; du bist immer meine teuerste Hälfte; aber ich bitte dich, mich einer grausamen Ungewißheit zu entreißen, denn du kannst nicht hier sein, ohne ein Geheimnis verraten zu haben.« Und da sie abschwur, auch nur das geringste verraten zu haben, bat ich sie, alles zu erzählen. »Das ist mir lieb und ich werde dir alles erzählen. Du weißt, wie sehr M. M. und ich uns lieben. Als wir heute, kurz nachdem wir über dich als Pierrot gelacht, allein waren, sagte sie, ich solle ihr einen Dienst leisten, von welchem ihr ganzes Glück abhinge. Du kannst dir wohl denken, daß ich ihr antwortete, sie brauche bloß zu sagen, worin dieser bestände. Nun öffnete sie zu meiner großen Verwunderung ihren Schrank und kleidete mich so an, wie du mich hier siehst. Sie lachte und ich lachte ebenfalls, ohne zu wissen, wozu dieser Spaß führen sollte. Als sie mich vollständig als Nonne angekleidet sagte sie, sie wolle mir ein großes Geheimnis anvertrauen: sie habe die Nacht über das Kloster verlassen wollen, nun aber beschlossen, mich dafür ausgehen zu lassen. Dann gab sie mir die Anweisung, der Laienschwester zu folgen, die mich zu einer Gondel bringen würde; dem Gondelführer solle ich nur sagen: zum Kasino. In fünf Minuten würde ich dort sein, ein kleines Gemach finden, wo ich allein sei und warten sollte. Ich fragte: ›Auf wen?‹ ›Auf niemand,‹ sagte sie; ich würde von niemand belästigt werden. Dann bat sie mich, nichts mehr zu fragen. Dies, teurer Freund, ist die reine Wahrheit. Sage mir nun, was ich tun konnte, nachdem ich ihr versprochen, alles zu tun, was sie verlangen würde. Kein gemeines Mißtrauen, denn aus meinem Munde kommt nur die Wahrheit. Ich tat, wie sie geheißen, und hier bin ich nun. Sei überzeugt, daß in dem Augenblicke, wo ich dich erscheinen sah, mein Herz mir sagte, daß du es wärst: aber als ich dich zurückweichen sah, war ich wie vom Blitze getroffen, denn ich sah wohl, daß du mich nicht erwartet hattest. Dein düsteres Schweigen erschreckte mich, und ich hatte nicht gewagt, es zuerst zu brechen, um so weniger, als ich trotz der Stimme meines Herzens mich täuschen konnte; aber sicherlich hätte ich jeden andern als dich an diesem Orte nur mit Abscheu betrachten können. Bedenke, daß seit acht Monaten die Gewalt mich des Vergnügens, dich zu umarmen, beraubt; und jetzt, wo du von meiner Unschuld überzeugt sein mußt, wirst zu erlauben, daß ich dir zu deiner Kenntnis dieses Kasinos Glück wünsche. Du bist glücklich, und ich bezeige dir meine Freude darüber. M. M. ist nach mir das einzige Weib, welches deine Zärtlichkeit verdient, die einzige, mit welcher ich diese teilen möchte. Ich beklage dich nicht mehr, und dein Glück macht mich glücklich. Umarme mich.« Ich würde zu undankbar, ich würde ein Barbar gewesen sein, wenn ich nicht diesen Engel von Güte und Schönheit, welcher nur durch die Bemühungen einer seltenen Freundschaft vor mir stand, mit dem Ausdrucke der wahrhaftesten Zärtlichkeit umarmt hätte. Nachdem ich ihr versichert, daß ich über ihre Unschuld keinen Zweifel mehr habe, sagte ich ihr, daß ich den Schritt ihrer Freundin sehr zweideutig und sehr wenig geeignet zu einer günstigen Auslegung fände. Ich sagte, daß das Vergnügen, sie zu sehen, abgerechnet, ihre Freundin mir einen sehr unangenehmen Streich gespielt, der mir mißfallen müßte, da ich die darin enthaltene Beleidigung fühlte. C. C. bat mich, zu glauben, daß M. M. sicher von unserer Liebe erfahren habe und uns Gelegenheit geben wollte, uns zu sehen. Ich aber antwortete: »Du hast recht, aber meine Lage ist eine ganz andre als die deinige. Du hast keinen andern Liebhaber und kannst keinen andern haben; aber ich, der ich frei bin und dich nicht sehen konnte, ich konnte den Reizen der M. M. nicht widerstehen. Ich bin sterblich in sie verliebt. Wenn sie mich liebte, wie ich sie liebe, so hätte sie nie die traurige Höflichkeit haben können, dich an ihrer Stelle hierher zu schicken.« Meine liebe Frau verteidigte ihre Freundin weiter: »Ohne Zweifel hat sie dir begreiflich machen wollen, daß sie dich deiner selbst wegen liebt, daß deine Vergnügungen die ihrigen sind, und daß sie nichts dagegen hat, wenn ihre beste Freundin ihre Nebenbuhlerin ist.« Und so brachte sie noch einige Argumente geschickt vor. »Du verteidigst die Sache deiner Freundin wie ein Engel!« sagte ich: »aber du faßt die Sache nicht unter ihrem wahren Gesichtspunkte auf. Du hast Geist und ein reines Herz; aber nicht meine Erfahrung. M. M. hat mich nur aus Laune geliebt, und sie weiß, daß ich nicht einfältig genug bin, um mich betrügen zu lassen, ich fühle mich unglücklich, und das ist ihr Werk.« Dem antwortete sie: »Dann könnte ich ja auch M. M. böse sein, und sie auf mich, da wir beide uns einander sehr lieben. Aber wir sind nicht böse darüber, daß du uns beide liebst. Habe ich dir nicht geschrieben, daß ich dir gern meinen Platz abtreten würde? Du mußt also glauben, daß auch ich dich verachte.« »Meine teure Freundin, dein Wunsch, mir deinen Platz abzutreten, als du noch nicht wußtest, daß ich glücklich war, entsprang mehr aus deiner Freundschaft als aus deiner Liebe, aber ich habe allen Grund böse zu sein, daß auch M. M. so denkt. Ich liebe sie ohne sie heiraten zu können: verstehst du mich nun, mein Engel? Bei dir bin ich sicher, daß du meine Frau wirst, und ich kann daher unserer Liebe vertrauen, welche der eheliche Umgang wieder auffrischen wird. Nicht so ist es mit der Liebe von M. M., für welche keine Wiedergeburt möglich ist. Ist es nicht demütigend für mich, daß ich ihr nur eine vorübergehende Empfindung habe einflößen können? Was dich betrifft, so mußt du sie anbeten. Sie hat dich in alle ihre Geheimnisse eingeweiht, und du schuldest ihr ewige Dankbarkeit und Freundschaft.« Es war Mitternacht, und wir verloren unnützerweise unsere Zeit mit derartigen Reden, als die vorsichtige Hausverwalterin uns aus eigenem Antriebe ein vortreffliches Abendessen brachte. Ich rührte nichts an: das Herz war mir zu schwer; aber mein teures Weibchen speiste mit gutem Appetit. Ich konnte mich des Lachens nicht enthalten, als ich einen Salat von Eiweiß erblickte, und C. C. fand es komisch, daß man das Gelbe herausgenommen. In ihrer Unschuld erriet sie nicht die Absicht derjenigen, welche diese Anordnung getroffen hatte. Während sie aß, konnte ich bemerken, daß sie schöner und ausgebildeter geworden war. C. C. war eine vollkommene Schönheit, aber ich blieb kalt. Ich habe immer geglaubt, daß es kein Verdienst wäre, dem wahrhaft geliebten Gegenstande treu zu bleiben. Zwei Stunden vor Tagesanbruch setzten wir uns wieder ans Feuer, und da C. C. mich traurig sah, so nahm sie die zarteste Rücksicht auf meine Lage. Keine Koketterie, keine Stellung, welche nicht den Charakter des Anstandes gehabt hätte, und ihre zärtlichen und mit einem gewissen Gehenlassen verbundenen Gespräche enthielten nie die Schatten eines Vorwurfs, welchen ich durch meine Kälte wohl verdient hatte. Gegen das Ende unserer langen Unterhaltung fragte sie mich, was sie bei ihrer Rückkehr ins Kloster ihrer Freundin sagen solle, die sie doch fröhlich erwarte. Ich sagte, sie möchte die ganze Wahrheit sagen, worauf sie antwortete, sie werde alles tun, diese Mißstimmung zu zerstreuen. »Du wirst sehen,« sagte ich, »daß M. M. keine Erklärung wünscht. Sie wird dir in allem glauben, außer in einem Punkte.« »Ich kann ihn mir wohl denken; es ist unsere Ausdauer, eine Nacht so unschuldig wie Bruder und Schwester miteinander zuzubringen. Wenn sie dich so gut wie ich kennt, wird sie das für unmöglich halten.« »In diesem Falle sage ihr, wenn du willst, das Gegenteil.« »Rechne nicht darauf. Ich lüge nicht gern, und werde es in diesem Falle gewiß nicht tun; das wäre zu unpassend. Ich liebe dich darum nicht weniger, mein Freund, obwohl du in dieser Nacht nicht die Gewogenheit gehabt hast, mir eine einzige Probe deiner Liebe zu geben.« »Glaube, süße Freundin, daß ich krank vor Traurigkeit bin. Ich liebe dich von ganzem Herzen: aber ich bin in einer Lage–« »Du weinst, mein Freund, du? Oh, ich bitte dich, schone mein Herz. Ich bin in Verzweiflung, daß ich das gesagt habe; aber sei überzeugt, ich hatte nicht die Absicht, dir wehe zu tun. Ich bin sicher, daß in einer Viertelstunde M. M. ebenfalls weinen wird.« Da sich das Schlagen der Uhr hören ließ und ich nicht mehr hoffen konnte, daß M. M. erscheinen würde, um sich zu rechtfertigen, so umarmte ich C. C., und nachdem ich ihr den Schlüssel zum Kasino gegeben, um ihn in meinem Namen M. M. zurückzustellen, maskierte ich mich und ging weg, da meine Freundin ins Kloster zurückkehren mußte. – Es war ein schreckliches Wetter. Der Wind wehte ungestüm, und die Kälte war durchdringend. Ich gelange an den Strand und suche eine Gondel und rufe nach den Schiffern; aber den Polizeigesetzen zuwider war weder Barke noch Schiffer vorhanden. Was sollte ich tun? Da ich mit einem leinenen Anzuge bekleidet war, so war ich nicht in der Verfassung, bei diesem Wetter eine Stunde lang auf dem Kai auf und ab zu spazieren. Wahrscheinlich würde ich ins Kasino zurückgekehrt sein, wenn ich den Schlüssel gehabt hätte; aber ich mußte nun dafür büßen, daß ich ihn aus Ärger weggegeben hatte. Der Wind trieb mich fort, und ich konnte in kein Haus treten, um Schutz zu suchen. In meiner Tasche hatte ich dreihundert Philippen, welche ich am vorigen Abend gewonnen, und eine Börse voll Gold. In diesem Zustande hatte ich die Diebe von Murano zu fürchten, sehr gefährliche Halsabschneider, entschlossene Meuchelmörder. Endlich entdecke ich doch in einem Hause Licht, ich klopfe, und als mir ein Mann öffnet, bestimme ich ihn, mich in einer Gondel überzufahren, wobei ich in dem Sturme, der uns ins Meer hinauszutreiben drohte, oft in Gefahr war, das Leben zu verlieren. Und es gelang uns überhaupt nur dadurch, glücklich nach Venedig zu kommen, daß ich eine Handvoll Gold ins Schiff warf und die Schiffer aufforderte, dafür den Teppich ins Meer zu werfen, in welchem sich der entgegenwehende Wind immer fing. Kaum lag ich im Bett, als mich ein starkes Fieber überfiel, das sich mehrere Tage in verstärktem Maße wiederholte. Am Mittwoch früh morgens kam Laura, die treue Botin, an mein Bett. Ich sagte ihr, ich könnte weder lesen noch schreiben, und bat sie, am folgenden Tage wiederzukommen. Auf einen Leuchterstuhl neben meinem Bette legte sie, was sie mir zu überbringen hatte, und entfernte sich, hinlänglich unterrichtet, um C. C. über meinen Zustand Auskunft geben zu können. Da ich mich gegen Abend etwas besser fühlte, so befahl ich meinem Bedienten, die Tür zu schließen, und öffnete nun den Brief von C. C. Was ich zuerst erblickte und was mir großes Vergnügen machte, das war der Schlüssel zum Kasino, welchen sie mir zuschickte. Er wirkte wie Balsam, der mein Blut kühlte. Der zweite, mir ebenso werte Gegenstand war der Brief von M. M., den ich eiligst erbrach. Sie schrieb: ›Die Einzelheiten, welche Sie im Briefe meiner Freundin gelesen haben oder lesen werden, werden Sie hoffentlich den Fehler, den ich unschuldigerweise begangen, vergessen lassen, denn ich hoffte im Gegenteil, Ihnen ein großes Vergnügen zu bereiten. Ich habe alles gesehen, alles gehört, und Sie würden nicht den Schlüssel abgegeben haben, wenn ich nicht unglücklicherweise eine Stunde vor meinem Aufbruche eingeschlafen wäre. Nehmen Sie den Schlüssel wieder und kommen Sie, da der Himmel Sie aus dem Sturme gerettet hat, morgen abend ins Kasino. Ihre Liebe gibt Ihnen vielleicht ein Recht, sich zu beklagen, nicht aber eine Frau zu mißhandeln, welche Ihnen sicherlich keinen Beweis von Verachtung gegeben hat.‹ Hierauf las ich den Brief meiner teuren C. C., welcher mir alles bestätigte: daß M. M. in dem geheimen Kabinett uns belauscht hatte und nur durch ein unseliges Einschlafen daran verhindert wurde, uns zu versöhnen. Erst als ich weggegangen, wachte sie auf und eilte mit C. C. nach dem Kloster. Als sie sich zu Bett gelegt hatten, gestand ihr M. M. ein, daß es ihr gelungen war, den Ring meiner Frau zu öffnen, um mit Erstaunen zu erfahren, daß sie beide denselben Mann liebten. Nach dem ersten Schmerz, daß sie sich in die Rechte einer andern gedrängt hatte, fand sie Vergnügen an dieser Entdeckung, und sofort entwarf sie den Plan, C. C. und mich glücklich zu machen. Aber welche Furcht und Verwirrung überfiel sie, als sie statt der gehofften Freude eine grausame Enttäuschung bei mir erkennen mußte: sie wollte drei Glückliche machen und mußte das Gegenteil erfahren. Und C. C. berichtete mir die Worte, mit welchen M. M. ihr Geständnis schloß, nachdem sie heilig gebeten, sie möchte mir doch die ganze Wahrheit schreiben. ›Ich bete ihn an, hatte sie gesagt, ich habe seine Tränen gesehen, ich habe gesehen, wie seine Seele zu lieben versteht: ich kenne ihn jetzt. Ich wußte nicht, daß es Männer gäbe, welche so lieben. Ich habe eine schreckliche Nacht verbracht. Glaube nicht, teure Freundin, ich sei böse darüber, daß Du ihm anvertraut, daß wir uns wie zwei Liebende lieben; das mißfällt mir nicht, und es ist gegen ihn keine Plauderhaftigkeit, denn sein Geist ist ebenso frei wie sein Herz gut ist.‹ Und sie schilderte mir dann den Schrecken, als morgens im Kloster erzählt wurde, eine Gondel sei untergegangen, und zu einer Zeit, gerade als ich Murano verließ. M. M. fiel, als sie kaum allein auf dem Zimmer, in Ohnmacht. Erst die Tante meiner C. C. berichtete ihnen, der Pierrot, der sie so belustigt, sei fast umgekommen, und sie hatte wirklich alle Einzelheiten genau erzählt, vor allem, daß ich den Schiffern eine Handvoll Gold in die Gondel streute, um sie zu veranlassen, den Teppich herauszuwerfen. Auch hatte die Tante meinen Namen genannt und so erfuhr M. M., wer ich bin. Komisch fanden beide, daß überall erzählt wurde, ich hätte die Nacht auf dem Ball in Briati zugebracht. Und zum Schluß hieß es, M. M. habe den Brief drei-, viermal gelesen und ihre Freundin mit Küssen bedeckt. Es bedurfte dessen nicht, um mich wieder zur Vernunft zu bringen. Als ich den Brief gelesen, war ich Bewunderer von C. C. und inbrünstiger Anbeter von M. M. Aber leider war ich gelähmt, obwohl ohne Fieber. Ich schrieb aber trotzdem ein wenig und beruhigte meine C. C. vollkommen, auch möchte sie überzeugt sein, daß ich mein Unrecht einsehe, und M. M. die überzeugendsten Beweise davon geben werde, sobald ich wieder imstande sein würde, ins Kasino zu kommen. An M. M. aber schrieb ich einen Brief voll zärtlicher Reue und Zerknirschung, in dem ich mich ihrer unwert nannte. Nach sechs Tagen aber konnte ich erst wieder das Kasino in Murano besuchen. Ich fand dort einen Brief von M. M. Sie sagte, sie sterbe vor Ungeduld, zu erfahren, ob ich wiederhergestellt und im Besitze ihres Kasinos und aller damit verbundenen Rechte, die mir für immer verbleiben sollten, wäre. ›Melde es mir, ich bitte dich,‹ sagte sie, ›wenn du glaubst, daß wir uns in Murano oder Venedig, ganz nach deinem Belieben, wiedersehen können. Rechne darauf,‹ fügte sie hinzu, ›daß wir an beiden Orten ohne Zeugen sein werden.‹ Ich antwortete sogleich, daß wir uns übermorgen an dem Orte, wo ich mich befände, wiedersehen würden; denn an demselben Orte, wo ich sie beleidigt, müßte ich hier Liebesabsolution empfangen. Ich brannte vor Begier, sie wiederzusehen, denn ich schämte mich, daß ich ungerecht gegen sie hatte sein können, und ich sehnte mich, mein Unrecht wieder gutzumachen. Da ich ihren Charakter kannte, so fand ich es bei ruhigem Nachdenken augenscheinlich, daß das, was sie getan, kein Zeichen der Verachtung, sondern die fein berechnete Tat einer Liebe war, welche nur mich selbst zum Gegenstande hatte. Konnte sie wohl, seitdem sie entdeckt, daß ich der Liebhaber ihrer jungen Freundin war, denken, daß ich sie allein liebte! Wie die Liebe, welche sie für mich hatte, sie nicht hinderte, gegen den Gesandten gefällig zu sein, so setzte sie auch voraus, daß ich es gegen C. C. sein könnte. Sie dachte nicht an die verschiedene Beschaffenheit der beiden Geschlechter und an das Vorrecht, dessen sich die Frauen erfreuen. Jetzt, wo die Jahre mein Haar weiß gefärbt und das Feuer meiner Sinne gedämpft haben, läßt mich meine ruhigere Phantasie anders denken; und ich sehe wohl ein, daß meine schöne Nonne gegen die Scham und die Bescheidenheit, die beiden schönsten Erbstücke der schöneren Hälfte des Menschengeschlechts, fehlte; aber wenn dieses wahrhaft einzige oder doch seltene Weib diese schiefe Ansicht hatte, welche ich damals für eine Tugend hielt, so war sie wenigstens frei von dem schrecklichen Gifte, welches man Eifersucht nennt: eine unselige Leidenschaft, welche das unglückliche Wesen, das von ihr befallen wird, aufzehrt, und den Gegenstand, der sie erzeugt und an dem sie sich ausläßt, austrocknet. Zwei Tage darauf, am vierten Februar Siebzehnhundertvierundfünfzig, hatte ich das Glück, mit meinem Engel wieder zusammenzukommen. Sie war als Nonne gekleidet. Da wir uns gegenseitig für schuldig hielten, so fielen wir, sobald wir uns erblickten, unwillkürlich einander zu Füßen. Wir beide hatten den Liebesgott schlecht behandelt, sie, indem sie wie ein Kind mit ihm umgegangen, ich, indem ich ihn wie ein Jansenist angebetet. Welche Sprache könnte aber wohl die Entschuldigungen, die wir einander zu machen hatten, die Vergebungen, die wir zu erlangen hatten, ausdrücken? Der Kuß, diese stumme und ausdrucksvolle Sprache, diese feine und wollüstige Berührung, welche das Gefühl durch alle Adern rollen läßt, welche ausdrückt, was das Herz empfindet und was der Geist sinnt, diese Sprache war die einzige, welche wir brauchten, und wie bald, o Leser, waren wir eins, ohne eine Silbe gesprochen zu haben. In der höchsten Rühmung standen wir, da wir uns sehnten, uns Beweise von der Aufrichtigkeit unserer Versöhnung, von dem uns verzehrenden Feuer zu geben, ohne uns loszulassen, auf und sanken auf das nahe Sofa, wo wir blieben, bis ein langer Seufzer sich uns entwandt, den wir nicht hätten zurückhalten mögen, und wenn es auch der letzte gewesen wäre. So kam die glückliche Versöhnung zustande, und da die Ruhe, welche eine beglückende Überzeugung in der Seele zurückläßt, unser Glück verdoppelt hatte, so brachen wir in ein gemeinsames Gelächter aus, als wir bemerkten, daß ich noch Mantel und Maske anhatte. Nachdem wir herzlich gelacht, demaskierte ich mich und fragte, ob unsere Versöhnung auch wirklich keinen Zeugen gehabt. Statt aller Antwort ergriff sie ein Licht und nahm mich bei der Hand. »Komm,« sagte sie. Sie führte mich in das Zimmer, wo ein großer Schrank stand von welchem ich mir schon früher gedacht, daß er das große Geheimnis berge. Sie öffnete ihn, und nachdem sie ein Schiebbrett zurückgeschoben, sah ich eine Tür, durch welche wir in ein kleines Kabinett traten, welches alles enthielt, was jemand, der mehrere Stunden hier verweilen wollte, bedürfen konnte. Neben dem Sofa war ein bewegliches Brett. M. M. zog es weg und durch zwanzig in einiger Entfernung voneinander angebrachte Löcher sah ich alle Teile des Zimmers, wo der neugierige Freund meiner Schönen die sechs Akte des Stückes hatte aufführen sehen, welches die Natur und die Liebe in Szene gesetzt hatten, und ich denke wohl, daß er mit den Schauspielern nicht unzufrieden gewesen war. »Jetzt«, sagte M. M., »will ich die Neugier befriedigen, welche du vorsichtigerweise nicht dem Papiere anvertraut hast.« »Aber du kannst nicht wissen – –« »Schweige, mein Herz; die Liebe wäre nicht göttlich, wenn sie nicht prophetisch wäre; sie weiß alles, und zum Beweise frage ich dich, ob du nicht zu wissen wünschest, ob der Freund in jener verhängnisvollen Nacht, die mir soviel Tränen gekostet hat, nicht bei mir war?« »Eben das.« »Wohlan, ja! Er war da, und du brauchst es nicht zu bedauern, denn du hast ihn vollends bezaubert. Er hat deinen Charakter, deine Liebe, dein Gefühl und deine Redlichkeit bewundert: er konnte sein Erstaunen über die Richtigkeit meines Instinkts nicht zurückhalten, und die Leidenschaft, welche du mir eingeflößt, nicht genug billigen. Er tröstete mich, indem er mir versicherte, es wäre unmöglich, daß du nicht zu mir zurückkämst, sobald ich dich mit meinen Gefühlen, der Reinheit meiner Absicht und meiner Aufrichtigkeit bekannt gemacht hätte.« »Aber ihr müßt oft eingeschlafen sein, denn ohne ein lebhaftes Interesse ist es nicht möglich, acht Stunden in der Dunkelheit und im Schwingen zuzubringen.« »Wir waren vom lebhaftesten Interesse bewegt; übrigens waren wir doch nicht im Dunkeln, wenn diese Löcher geöffnet waren. Während wir zu Abend speisten, war das Brett weggezogen, und wir hörten schweigend alles, was ihr spracht. Das Interesse, welches meinen Freund wachhielt, übertraf unmöglich noch das, welches du mir einflößtest. Er sagte, er sei nie mehr als bei dieser Gelegenheit in der Lage gewesen, das menschliche Herz zu studieren, und du hättest wohl noch nie eine so schmerzliche Nacht zugebracht. Du flößtest ihm Mitleid ein. C. C. entzückte uns, denn es ist unbegreiflich, wie ein junges fünfzehnjähriges Mädchen ohne andere Mittel als die Natur und die Wahrheit, mich so hat rechtfertigen können, wenn sie nicht die Seele eines Engels hat. Wenn du sie heiratest, bekommst du ein himmlisches Weib. Ich werde unglücklich werden, wenn ich sie verliere, aber dein Glück wird mich entschädigen. Weißt du wohl, mein Freund, daß ich nicht begreife, wie du dich hast in mich verlieben können, nachdem du sie kanntest, und daß ich ebensowenig begreife, wie sie mich nicht verabscheut, nachdem sie erfahren, daß ich ihr dein Herz entrissen? Meine teure C. C. hat in ihren Empfindungen wirklich etwas Großartiges. Und weißt du, weshalb sie dir ihre unfruchtbare Liebschaft mit mir anvertraut hat? Um ihr Gewissen wegen der Art Untreue, die sie gegen dich begangen hat, zu entlasten.« Währenddessen hatte die vorsorgliche Hausverwalterin das Abendessen aufgetragen und wir setzten uns zu Tische; M. M. machte die Bemerkung, daß ich magerer geworden. »Die physischen Leiden«, erwiderte ich, »machen nicht fett, und die moralischen Leiden zehren ab. Aber wir haben beide genug gelitten, und wir werden vernünftig genug sein, keine schmerzlichen Erinnerungen wieder aufzufrischen.« »Ja, mein Freund, ich denke wie du: die Augenblicke, welche der Mensch dem Unglück oder dem Leiden abtreten muß, sind für das Leben verloren; aber man verdoppelt die Existenz, wenn man das Talent hat, das Vergnügen zu vervielfältigen, welcher Art es auch sein mag.« An diesem Abend erfuhr ich auch von ihr selbst, daß ihr Liebhaber der französische Gesandte, Herr von Bernis, ist, und daß dieser brennend gern wünsche, mich kennen zu lernen. Dazu wußte mich meine teure M. M. zu bestimmen, ihm in meinem Kasino ein Abendessen zu geben, was unter Wahrung der Schicklichkeitsmaske geschehen sollte, wie M. M. und ich uns verabredeten. Wir brachten dann Amor unsre Huldigungen, schliefen gegen Mitternacht ein, Mund gegen Mund gedrückt, und am Morgen, als die Zeit der Trennung gekommen, fanden wir uns in derselben Lage. Die Partie, welche ich mit meiner teuren M. M. angeordnet, erfüllte mich mit Freuden, und ich mußte allem Anscheine nach glücklich sein. Ich war es nicht; woraus entstand aber die Unruhe, welche mich quälte? Aus meiner traurigen Gewohnheit, zu spielen. Diese Leidenschaft war eingewurzelt bei mir: Leben und Spielen waren für mich zwei identische Sachen; da ich nun nicht Bank halten konnte, so pointierte ich in der Redoute und verspielte hier morgens und abends, was mich unglücklich machte. Man wird mich ohne Zweifel fragen, warum spieltest du, da dir nichts fehlte und da du so viel Geld, wie Du nur wünschen konntest, zur Befriedigung deiner Launen hattest? Diese Frage würde mich in Verlegenheit setzen, wenn ich es mir nicht zum Gesetz gemacht hätte, nur die Wahrheit zu sagen. Wohlan! meine Herren Neugierigen, wenn ich, während ich doch fast gewiß war, zu verlieren, spielte, obwohl vielleicht niemand mehr als ich für Verluste im Spiel empfindlich war, so ist der Grund der, daß ich den Dämon des Geizes in mir hatte, daß ich das Geldausgeben, sogar die Verschwendung liebte, und doch das Herz mir blutete, wenn ich anderes Geld, als was ich im Spiele gewonnen, ausgeben mußte. Es war dies ein häßlicher Fehler, teurer Leser, und ich will mich deswegen nicht entschuldigen. Wie dem aber auch sein mag, in den vier Tagen, welche bis zu unserm verabredeten Zusammentreffen verflossen, verlor ich alles Geld, was M. M. mich hatte gewinnen lassen. An dem glühend herbeigewünschten Tage begab ich mich in mein Kasino, wo ich zur verabredeten Zeit M. M. und ihren Freund fand, welchen sie mir in aller Form vorstellte, sobald er seine Maske abgenommen. Mein Abendessen war fein, reichlich und mannigfaltig, und mein Benehmen gegen das schöne Paar war das eines Privatmannes, welcher an seiner Tafel seinen Herrscher und dessen Geliebte bewirtet. Ich bemerkte, daß M. M. über mein ehrfurchtsvolles Betragen gegen sie, sowie über die Reden, durch welche ich den Gesandten zu bewegen wußte, mir aufmerksam zuzuhören, außerordentlich erfreut war. Der Ernst einer ersten Zusammenkunft verhinderte nicht den feinen Scherz, denn in dieser Beziehung war Herr von Bernis Franzose in der ganzen Bedeutung des Worts. Die ganze Unterhaltung während des Abendessens war mit witzigen Einfällen gewürzt, und die liebenswürdige M. M. wußte die Unterhaltung geschickt auf die romantische Kombination zu lenken, durch welche sie meine Bekanntschaft gemacht. Dadurch kam das Gespräch ganz natürlich auf meine Leidenschaft für C. C., und sie entwarf von dieser reizenden Person eine so interessante Schilderung, daß der Gesandte ihr so aufmerksam zuhörte, als ob er sie nie gesehen. Er mußte diese Rolle spielen, denn er konnte nicht wissen, daß mir seine Anwesenheit in dem Verstecke während meiner törichten Zusammenkunft mit ihr bekannt war. Er sagte, sie würde ihm das größte Vergnügen bereitet haben, wenn sie ihre Freundin zum Abendessen mitgebracht hätte. »Ich hätte«, antwortete die feine Nonne, »mich zu vielen Gefahren aussetzen müssen; aber«, fügte sie hinzu, indem sie sich mit ebenso edler wie gefälliger Miene zu mir wendete, »wenn es Ihnen Vergnügen macht, so könnten Sie bei mir mit ihr zu Abend speisen, denn wir schlafen in demselben Zimmer.« Dieses Anerbieten setzte mich in großes Erstaunen; aber es war nicht der Augenblick, meine Verwunderung zu zeigen. »Das Vergnügen, mit Ihnen, Madame, zusammen zu sein,« versetzte ich, »ist keiner Steigerung fähig; jedoch gestehe ich, daß eine solche Gunst mir nicht gleichgültig sein würde.« Darauf bat der Gesandte höflich, wenn er mit von der Gesellschaft sein sollte, doch C. C. davon in Kenntnis zu setzen. Nach mancherlei Gesprächen nahmen meine Gäste Abschied. Als ich andern Tags in das Kasino von Murano kam, fand ich dort einen Brief, worin mich M. M. aufs zärtlichste bat, ihr mitzuteilen, ob ich die Partie zu vieren nicht nur aus Höflichkeit gebilligt. In diesem Falle werde sie die Sache in blauen Dunst aufgehen lassen. Ihre Furcht war natürlich, aber falsche Scham hinderte mich, mein Wort zurückzunehmen. M. M. kannte mich sehr gut, und als geschickte Taktikerin griff sie mich an meiner schwachen Stelle an. Ich schrieb ihr sofort, bat sie, meine Empfindlichkeit, die ich gezeigt, zu vergessen und führte als Grund des Abendessens an: dadurch könnte C. C. ein vornehmes Auftreten in der Gesellschaft lernen, wozu sie nirgends besser Gelegenheit fände, als in ihrer Schule. So war es mir also unmöglich zurückzutreten; aber es muß mir gestattet sein, alle Betrachtungen anzustellen, zu denen meine Kenntnis des menschlichen Herzens mich in den Stand setzte. Es war mir aufs unzweifelhafteste klar, daß sich der Gesandte in C. C. verliebt und daß er sich gegen M. M. erklärt hatte. Diese war nicht in der Lage, seiner Liebe entgegenzutreten, und hatte sich ohne Zweifel zu allem bequemen müssen, was seiner Leidenschaft förderlich sein konnte. Offenbar konnte sie nichts ohne meine Zustimmung tun, und die Sache war ihr zu zart erschienen, als daß sie gewagt hätte, mir die Partie ohne weiteres vorzuschlagen. Sie hatten also die Verabredung getroffen, das Gespräch auf diesen Gegenstand zu bringen, so daß ich aus Höflichkeit, vielleicht sogar fortgerissen durch mein Gefühl, meine Zustimmung geben und in die Schlinge gehen mußte. Der Gesandte, der die Kunst besaß, eine Intrige gut zu leiten, hatte seinen Zweck erreicht, und ich hatte ganz nach Wunsch angebissen. Es blieb mir nur übrig; gute Miene zum bösen Spiel zu machen, sowohl um nicht eine sehr einfältige Figur zu spielen, als auch, um mich nicht undankbar gegen einen Mann zu bezeigen, welcher mir unerhörte Vorrechte eingeräumt hatte. Aber die Folge dieser Intrige konnte von meiner Seite eine Erkältung gegen die eine oder die andere meiner Geliebten sein. M. M. hatte dies sehr wohl gefühlt, als sie nach Hause gekommen war, und da sie allem aufs beste vorbeugen wollte, so hatte sie sich beeilt, mir zu schreiben, daß sie, ohne mich bloßzustellen, den Plan zum Scheitern bringen werde, falls ich ihr Anerbieten nicht annähme. Die Eigenliebe ist eine stärkere Leidenschaft als die Eifersucht. Sie gestattet einem Manne, welcher auf Geist Anspruch macht, nicht, sich eifersüchtig zu zeigen, namentlich einem andern gegenüber, welcher sich frei von dieser gemeinen Leidenschaft gezeigt. An dem verabredeten Tage traf ich den Gesandten schon im Kasino; während wir plauderten, kamen unsere Freundinnen. C. C. machte eine Bewegung des Erstaunens, als sie mich in Gesellschaft eines andern Mannes erblickte; aber ich ermutigte sie, als ich sie aufs zärtlichste empfing, und sie sammelte sich bald wieder, als sie sah, daß der Fremde entzückt war, sie ein an sie gerichtetes Kompliment in gutem Französisch beantworten zu hören. C. C. war entzückend. Ihr zugleich lebhafter und bescheidener Blick schien zu sagen: du mußt mir gehören. Hierzu kam mein Wunsch, sie glänzen zu sehen, und diese doppelte Empfindung war mir behilflich, die gemeine Eifersucht zu verscheuchen, welche mich wider meinen Willen beschlichen hatte. Ich bemühte mich, sie über Sachen sprechen zu lassen, von denen ich wußte, daß sie ihr bekannt, so konnte sie ihren natürlichen Verstand aufs beste entfalten. Da sie mit Beifall aufgenommen, da ihr geschmeichelt wurde, und sie durch die Zufriedenheit, welche sie in meinen Blicken las, angefeuert wurde, so schien meine C. C. dem Herrn von Bernis fast ein Wunder, und sonderbarer Widerspruch des menschlichen Herzens: ich freute mich darüber und zitterte dennoch, daß er sich in sie verlieben könnte. Welches Rätsel! Ich arbeitete selbst an einem Werke, welches mich hätte bewegen können, jeden andern, der es unternommen haben würde, zu ermorden. Während des Abendessens, welches eines Königs würdig war, hatte der Gesandte für C. C. alle nur möglichen Aufmerksamkeiten. Der Geist, die Heiterkeit, der Anstand und der gute Ton führten den Vorsitz bei unsrer hübschen Partie und schlossen die belustigenden Reden nicht aus, welche der französische Geist in jede Unterhaltung zu mischen versteht. Wir hatten fünf köstliche Stunden verbracht; aber am meisten schien der Gesandte befriedigt zu sein. M. M. hatte das Aussehen eines Menschen, der mit ihrem Werke zufrieden war, und ich spielte den Beistimmenden. C. C. schien sehr erfreut, uns allen gefallen zu haben, und man konnte glauben, daß sie etwas eitel sei, weil der Gesandte sich ganz besonders mit ihr beschäftigte. Sie betrachtete mich lächelnd, und ich verstand sehr gut die Sprache ihrer Seele; sie wollte sagen, sie fühle wohl den Unterschied zwischen dieser Gesellschaft und derjenigen, in welcher ihr Bruder uns einen so ekelhaften Beweis seiner Roheit gegeben. Nach Mitternacht wurde der Vorschlag gemacht, uns zu trennen, und Herr von Bernis mußte die Kosten der Komplimente bestreiten. Als ich am nächsten Tage über dieses exemplarische Abendessen nachdachte, wurde es mir nicht schwer, einzusehen, wo die Sache hinaus sollte. Der Gesandte verdankte sein Glück allein dem schönen Geschlechte, weil er im höchsten Grade die Kunst besaß, die Liebe zu überzuckern; und da er von Natur sehr wollüstig war, so fand er seine Rechnung dabei; denn er verstand die Begierde rege zu machen und verschaffte sich dadurch Genüsse, die seines feinen Gefühls würdig waren. Ich sah, daß er in C. C. sterblich verliebt war, und ich war weit entfernt, ihn für einen Menschen zu halten, der sich begnügen würde, ihre schönen Augen anzusehen. Gewiß hat er seinen Plan, und M. M. leitet, trotz ihrer Rechtschaffenheit, dessen Ausführung; sie wird dabei so geschickt und fein zu Werke gehen, daß ich nichts bemerken werde. Obgleich ich mich nicht geneigt fühlte, meine Gefälligkeit über das richtige Maß hinaus auszudehnen, so sah ich doch, daß ich betrogen worden und meine arme C. C. das Opfer eines Taschenspielerstreichs werden würde. Ich konnte mich weder entschließen, mit guter Manier einzuwilligen, noch die Sache zu hindern, und da ich meine kleine Frau keiner Verirrung für fähig hielt, so wiegte ich mich im Vertrauen auf die Schwierigkeit, sie zu verführen, in den Schlaf. Törichte Berechnung! Die Eigenliebe und eine falsche Scham hinderten mich, von meinem gesunden Menschenverstande Gebrauch zu machen. Diese Intrige versetzte mich in einen fieberhaften Zustand, denn ich fürchtete ihre Folgen; und dennoch stachelte mich die Neugier so sehr, daß ich den Zeitpunkt beschleunigte. Ich wußte wohl, daß dieses Seitenstück zum ersten Abendessen nicht bedingte, daß dasselbe Stück von neuem aufgeführt würde, und ich sah sehr bedeutenden Varianten entgegen. Endlich glaubte ich auch, meine Ehre sei dabei beteiligt, daß ich mein Benehmen nicht ändere, da ich aber den Ton angeben konnte, so gelobte ich mir, fein genug zu sein, um ihre Berechnung zuschanden zu machen. Trotz aller dieser Betrachtungen, welche mir die Zuversicht eines Feigen gaben, welcher den Entschluß gefaßt hat, tapfer zu sein, ließ mich die Unerfahrenheit von C. C., welche trotz aller erlangten Kenntnisse unerfahren war, das schlimmste fürchten. Man konnte ihr Bestreben, höflich zu sein, mißbrauchen; indes wurde diese Furcht wieder durch das Vertrauen, welches mir M. M.s Zartgefühl einflößte, gehoben, da sie wußte, daß ich die Absicht hatte, sie zu heiraten, so konnte ich sie eines gemeinen Verrats nicht für fähig halten. Alle diese Betrachtungen eines schwachen und verschämten Eifersüchtigen bewiesen nichts; ich mußte mich meinem Schicksale überlassen und sehen, was herauskommen würde. Zur bestimmten Zeit begab ich mich ins Kasino und fand meine schönen Freundinnen am Feuer. »Guten Abend, meine Göttinnen: wo ist unser liebenswürdiger Franzose?« »Er ist noch nicht gekommen,« sagte M. M., »aber er wird ohne Zweifel kommen.« Ich demaskiere mich und setze mich zwischen sie und gebe ihnen tausend Küsse, sorgfältig darauf bedacht, keiner einen Vorzug zu zeigen; und obwohl mir bekannt war, daß sie wußten, daß ich auf die eine wie auf die andere ein unbestreitbares Recht hatte, blieb ich dennoch in den Grenzen anständiger Zurückhaltung; ich machte ihnen Komplimente über ihre gegenseitige Zuneigung und sah: sie waren erfreut, daß sie darüber nicht zu erröten brauchten. Mehr als eine Stunde verging uns unter galanten und freundschaftlichen Reden, ohne daß ich mir, trotz meiner Glut, irgendeine Befriedigung zu verschaffen erlaubte; denn M. M. zog mich mehr an als C. C., aber um alles in der Welt hätte ich dieses reizende Mädchen nicht beleidigen mögen. Plötzlich meldet uns ein Billett des Gesandten, daß es ihm unmöglich zu kommen, daß er aber hoffe, sich am Freitag in der gleichen Gesellschaft zu finden. M. M. fragte mich, ob ich dann kommen wolle. »Ja, und mit Vergnügen,« antwortete ich. »Aber was fehlt dir denn, teure C. C.? Du siehst so traurig aus.« »Wenn ich traurig bin, so bin ich es nur meiner Freundin wegen, denn ich habe nie einen so höflichen und verbindlichen Mann gesehen.« »Sehr gut, meine Teure, ich bin entzückt, daß er dich empfänglich gestimmt hat.« »Empfänglich! Kann man denn für sein Verdienst unempfänglich sein?« »Noch besser! Aber ich bin ganz deiner Ansicht. Sage mir nur, ob du ihn liebst.« »Wenn ich ihn liebte, so würde ich es ihm doch nicht sagen. Auch bin ich überzeugt, daß er meine Freundin liebt.« Nach diesen Worten stand sie auf und setzte sich M. M. auf den Schoß, welche sie ihre Frau nennt, und nun beginnen die beiden Schönen sich zu liebkosen, daß man vor Lachen sterben möchte. Weit entfernt, sie in ihrem Spiele zu stören, feure ich sie an, um ein Schauspiel zu genießen, welches mir längst bekannt war. M. M. nahm ein Kupferstichheft, in welchem die wollüstigsten Stellungen abgebildet waren, und mir einen bedeutungsvollen Wink gebend sagte sie: »Willst du, daß ich in dem Zimmer und dem Alkoven Feuer machen lasse?« Auf ihren Gedanken eingehend, antwortete ich: »Du wirst mir einen Gefallen tun, denn zu dritt wird das Glück, welches wir ersehnen, unermeßlich sein.« Ich erriet, daß sie fürchtete, ich könnte argwöhnen, ihr Freund wolle den Anblick unsres Trios genießen, und durch ihren Vorschlag wollte sie diesen Verdacht entfernen, ohne sich darüber auszusprechen. Es war natürlich, daß wir uns bald umarmten. Zuerst war ich nur Zuschauer des unfruchtbaren Kampfes, welchen sich meine beiden Schönen lieferten, und ich erfreute mich des Gegensatzes der Farben, denn die eine war blond, die andere braun; bald aber fühlte ich mich selbst von allem Feuer der Wollust durchglühe, stürze mich auf sie und ließ bald die eine, bald die andre vor Liebe und Glück vergehen. Wir verließen uns mit Tagesanbruch erschöpft und gedemütigt, daß wir unsre Erschöpfung eingestehen mußten, aber gegenseitig beglückt und vom Wunsche erfüllt, die Freuden bald zu erneuern. Als ich am nächsten Tage über diese zu lebhafte Nacht nachdachte, in welcher die Liebe nach ihrer Gewohnheit die Vernunft über den Haufen geworfen hatte, fühlte ich Gewissensbisse. M. M. wollte mich überzeugen, daß sie mich liebe und deshalb vereinigte sie mit ihrer Liebe alle Tugenden, welch mit der meinigen verbunden waren, Ehre, Zartgefühl und Redlichkeit; aber ihr Temperament, welchem ihr Geist unterworfen war, riß sie zu Ausschweifungen hin, und sie traf alle Vorbereitungen, sich ihnen zu überlassen, und wartete nur den Augenblick ab, wo sie mich zu ihrem Mitschuldigen gemacht haben würde. Sie schmeichelte der Liebe, um sie schmiegsam zu machen und um sie sich zu unterwerfen, weil ihr Herz, welches von ihren Sinnen beherrscht wurde, ihr keinen Vorwurf machte. Sie suchte sich zu täuschen, indem sie bemüht war zu ignorieren, daß ich mich über eine Überraschung beklagen könne. Sie wußte, daß ich, um dahin zu kommen, mich für schwächer oder weniger tapfer als sie bekennen mußte, und sie rechnete auf meine Scham. Ich bezweifelte keinen Augenblick, daß die Abwesenheit des Gesandten eine freiwillige und verabredete gewesen. Ich sah noch weiter denn es schien mir erwiesen, daß die Verschwörerin vorausgesehen, daß ich ihre Feinheit erraten, und so bei der Ehre gefaßt, mich nicht weniger großmütig zeigen würde, als sie, wie leid es mir auch tun möchte. Da mir der Gesandte eine köstliche Nacht verschaffte, so konnte ich wohl nicht umhin, ihm in gleicher Weise zu dienen. Meine Freunde hatten richtig gefolgert, denn trotz der geistigen Kämpfe, welche ich zu bestehen hatte, war es mir doch klar, daß ich mich ihrem Siege nicht widersetzen dürfe. C. C. konnte sie nicht in Verlegenheit setzen, denn sie waren sicher, diese zu besiegen, wenn meine Anwesenheit sie nicht hemmte. Das war M. M.s Sache, denn sie hatte C. C.s Geist unterjocht. Arme junge Person! Ich sah sie auf dem Wege zum Laster, und das war mein Werk! Ich seufzte vor Schmerz, wenn ich bedachte, daß ich sie während unserer letzten Orgie nicht geschont; und was sollte aus mir werden, wenn beide zu gleicher Zeit in die Lage kamen, aus dem Kloster zu fliehen? Dann lagen sie mir beide auf dem Halse, und die Aussicht auf eine solche Fruchtbarkeit war nicht sehr verlockend. Es war ein sehr unangenehmer embarras de richesse. In dem unglückseligen Kampfe zwischen Vernunft und Vorurteil, Natur und Gefühl konnte ich mich weder dazu entschließen, zum Abendessen zu gehen, noch dazu, nicht hinzugehen. Gehe ich hin, so wird die Nacht sehr anständig verfließen; aber ich mache mich lächerlich, zeige mich eifersüchtig, undankbar und sogar unhöflich; gehe ich nicht hin, so ist C. C. verloren, wenigstens für mich, denn ich fühle, daß ich sie dann nicht mehr lieben werde, und ich muß dann der Idee, sie zu heiraten, Lebewohl sagen. In der ängstlichen Verlegenheit, in welcher ich mich befand, erkannte ich wohl, daß ich mich auf etwas mehr als bloße Wahrscheinlichkeiten stützen müsse. Ich maskiere mich und gehe nach dem Palaste des französischen Gesandten. Ich wende mich an den Schweizer, welchem ich sage, ich habe einen Brief nach Versailles, und er werde mir einen Gefallen tun, wenn er ihn dem Kurier übergeben wolle, der mit den Depeschen Seiner Exzellenz dorthin zurückkehren werde. »Aber, mein Herr,« sagte der Schweizer, »wir haben seit zwei Monaten keinen außerordentlichen Kurier bekommen.« »Aber der Herr Gesandte hat doch die ganze Nacht gearbeitet.« »Das ist möglich, mein Herr, aber nicht hier, denn Seine Exzellenz hat bei dem spanischen Gesandten zu Abend gespeist und ist erst sehr spät nach Hause gekommen.« Ich hatte richtig geraten: kein Zweifel mehr. Der Schritt ist getan: ich kann nur noch auf eine schmachvolle Weise zurücktreten; es ist C. C.s Sache, zurückzutreten, wenn die Partie nicht nach ihrem Geschmacke ist: Gewalt wird man ihr nicht antun. Die Würfel sind geworfen. Gegen Abend gehe ich ausdrücklich ins Kasino nach Murano und schreibe an C. C. ein Billett, worin ich sie bitte, mich zu entschuldigen, wenn ich durch eine wichtige Angelegenheit, welche Herrn von Bragadino zugestoßen wäre, verhindert würde, die Nacht mit ihr und meinen beiden Freunden zuzubringen, und bat sie, diese von mir zu grüßen und mich bei ihnen zu entschuldigen. Nach dieser herrlichen Tat kehre ich in sehr übler Laune nach Venedig zurück, und um mich zu zerstreuen, spielte ich und verlor während der ganzen Nacht. Am zweitfolgenden Tage ging ich nach Murano, da ich sicher war, einen Brief von M. M. zu finden, und wirklich übergab mir der Hausverwalter ein Paket, welches einen Brief von meiner Nonne und einen von C. C. enthielt, denn zwischen beiden war jetzt alles gemeinsam. Der Brief der letzten lautete folgendermaßen: ›Es war uns sehr unangenehm, teurer Freund, zu erfahren, daß wir nicht das Glück haben würden. Dich zu sehen. Der Freund meiner teuren M. M. kam eine Viertelstunde hernach und war ebenfalls sehr mißvergnügt darüber. Wir machten uns auf ein sehr trauriges Abendessen gefaßt, aber die hübschen Reden dieses Herrn erheiterten uns, und Du kannst Dir nicht denken, wie ausgelassen lustig wir wurden, als wir Punsch von Champagner getrunken hatten. Unser Freund war ebenso ausgelassen wie wir, und wir haben die Nacht nicht in einem langweiligen Trio, sondern sehr munter verlebt. Ich kann Dir versichern, daß er ein liebenswürdiger Mann und wie gemacht ist, um geliebt zu werden; aber er bleibt in allem weit unter Dir. Sei überzeugt, daß ich Dich immer lieben werde und Du immer der Herr meines Herzens bleiben wirst.‹ Trotz meines Ärgers mußte ich über diesen Brief lachen; aber der von M. M. war noch weit sonderbarer. ›Ich bin überzeugt mein Herz, daß Du aus reiner Höflichkeit gelogen hast; aber Du hast erraten, daß ich dies erwartete. Du hast unserm Freunde ein prachtvolles Geschenk machen wollen in Erwiderung dessen, welches er Dir gemacht hatte, indem er es nicht hinderte, daß seine M. M. Dir sein Herz schenkte. Dies besitzt ganz und gar mein Freund, und es würde in jedem Falle Dein geblieben sein; aber es ist süß, die Freuden der Liebe mit jedem Reize würzen zu können. Was C. C. betrifft, so denkt sie jetzt so frei wie wir, und ich wünsche mir Glück, daß sie mir dafür verpflichtet ist; Du mußt mir Dank dafür wissen, daß ich sie ausgebildet und ganz Deiner würdig gemacht habe. Ich hätte wohl gewünscht, daß Du im Kabinett verborgen gewesen wärst, wo Du, wie ich überzeugt bin, köstliche Stunden verlebt haben würdest. Mittwoch werde ich allein sein, und Dir in Deinem Kasino in Venedig ganz angehören; laß es mich wissen, ob Du Dich zur gewöhnlichen Stunde bei der Statue des Helden Colleoni einfinden willst, und wenn Du nicht kommen kannst, so bestimme mir einen anderen beliebigen Tag.‹ Ich mußte diese beiden Briefe in demselben Tone beantworten, und trotz der Bitterkeit, welche sich durch alle meine Adern schlich, mußten meine Antworten doch in Honig getaucht sein. Ich mußte eine Kraftanstrengung machen; aber ich sagte zu sehr gelegener Zeit zu mir: Georges Dandin, du hast es gewollt. Ich konnte nicht anders, als die Strafe meiner Werke tragen, und ich habe nie erkennen können, ob die Scham, welche ich empfand, sogenannte falsche Scham war. Es ist dies eine Frage, welche ich unbeantwortet lassen will. Beiden Geliebten mußte ich über ihr Tun Komplimente machen; bei der Antwort an M. M. setzte ich jedoch hinzu: ich hätte mir Glück gewünscht, nicht zur Tortur des Zusehens verurteilt gewesen zu sein. Am Mittwoch stellte ich mich pünktlich ein und wartete nicht lange auf M. M., welche in Männerkleidung kam. »Heute gehen wir in kein Theater,« sagte sie, »laß uns lieber die Redoute besuchen und unser Geld verspielen oder es verdoppeln.« Sie hatte sechshundert Zechinen, ich etwa achthundert. Das Glück drehte uns den Rücken, und wir verloren alles. Ich dachte, wir würden nun diese Mördergrube verlassen, aber sie ging einen Augenblick weg und kehrte dann mit einer Börse voll Dreihundert-Zechinen zurück, welche ihr ihr Freund, von dem sie wußte, wo er zu finden war, gegeben hatte. Dieses Geld der Liebe oder Freundschaft brachte ihr einen Augenblick Glück; denn sie gewann alles wieder, was wir verloren hatten; aber entweder aus Habgier oder aus Unbesonnenheit fuhren wir fort zu spielen, und bald hatten wir keinen Pfennig mehr. Diese Frau, Nonne, Freidenkerin und Spielerin, war in allem, was sie tat, bewundernswert. Sie hatte soeben zwölftausend Franken verloren, aber ihr Geist blieb ebenso frei, als ob sie eine bedeutende Summe gewonnen hätte. Allerdings war ihr das Geld, welches sie verloren, nicht schwer zu verdienen geworden. Sie glaubte mich aufzuheitern, indem sie mir nun eine umständliche Erzählung der Nacht gab, welche sie mit C. C. und ihrem Freunde verlebt. Ich stand wie auf Dornen und wendete mich hin und her, um diesem Kapitel auszuweichen und das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu lenken, denn die wollüstigen Einzelheiten, welche sie mir schilderte, waren mir zuwider, und da der Widerwille Kälte erzeugte, so fürchtete ich in den uns bevorstehenden Kämpfen eine traurige Rolle zu spielen; und wenn ein Liebender an seiner Kraft zweifelt, so kann er fast immer darauf rechnen, daß er nichts leisten wird. Wir verbrachten aber doch zwei köstliche Stunden in meinem Kasino. Ehe wir uns verließen, bat mich M. M., Geld aus ihrem Kasino zu nehmen, und indem ich mit ihr zur Hälfte ginge, zu spielen. Ich tat dies; ich nahm alles Gold, das ich fand; ich spielte Martingale, immer den Einsatz verdoppelnd, und gewann immerfort während des ganzen Karnevals. Ich wünschte mir Glück, daß ich den Schatz meiner teuren Geliebten vermehrt, welche mir schrieb, der Anstand erfordere, daß wir zu vieren am Fastenmontage speisten: ich willigte ein. Dies Abendessen war das letzte, welchem ich in C. C.s Gesellschaft beiwohnte. Sie war sehr heiter; da ich aber meinen Entschluß gefaßt hatte und mich nur mit M. M. beschäftigte, so ahmte sie mir ohne den geringsten Zwang nach und beschäftigte sich nur mit ihrem neuen Liebhaber. Da ich voraussah, daß wir uns später unfehlbar gegenseitig lästig werden würden, so bat ich M. M., dafür zu sorgen, daß wir uns gegenseitig absondern könnten, und sie wußte die Anordnungen so zu treffen. Nach dem Abendessen schlug der Gesandte eine Partie Pharao vor, welches unsere Schönen nicht kannten, denn auf den Redouten wurde nur Basset gespielt; nachdem er Karten hatte kommen lassen und hundert Louisdors auf den Tisch gelegt, zog er ab und stellte es so an, daß C. C. diese ganze Summe gewann. So bezahlte er ihr das Nadelgeld, welches er ihr schuldig zu sein glaubte. Das junge Mädchen, welches geblendet war und nicht wußte, was sie mit so vielem Gelde anfangen solle, bat ihre Freundin, es an sich zu nehmen, bis sie das Kloster verlassen würde, um sich zu verheiraten. Als das Spiel beendet war, sagte M. M., sie habe Kopfweh und werde sich im Alkoven schlafen legen; sie bat mich, sie einzuschläfern. So gaben wir dem neuen Liebespaare die Freiheit, sich zu vergnügen. Als uns sechs Stunden darauf der Wecker ankündigte, daß es Zeit wäre, sich zu trennen, sahen wir sie Arm in Arm liegen. Was mich betraf, so hatte ich eine glückliche und ruhige Nacht verbracht, vollkommen befriedigt von M. M., und ohne nur ein einziges Mal an C. C. zu denken. Obwohl ich C. C. seit ihrer Untreue mit andern Augen als früher betrachtete und für mich keine Rede mehr davon sein konnte, sie zu meiner Gattin zu machen, so konnte ich doch nicht umhin, zu erwägen, daß es nur von mir abgehangen, sie am Rande des Abgrundes aufzuhalten, und ich mußte es daher als meine Pflicht betrachten, ihr ein ergebener Freund zu bleiben. Hätte ich richtig geurteilt, so würde ich offenbar zu ganz andern Entschlüssen über dieses junge Mädchen gekommen sein. Ich würde mir dann gesagt haben: ich habe ihr das Beispiel der Untreue gegeben, nachdem ich sie vorher verführt; ich habe ihr befohlen, blindlings den Ratschlägen ihrer Freundin zu folgen, während ich doch wußte, daß M. M.s Ratschläge und Beispiel zu ihrem Verderben ausschlagen mußten; ich habe ihr in ihrer Gegenwart den stärksten Schimpf angetan, den man einer feinfühlenden Geliebten antun kann; und wie soll ich nach dem allem die Ungerechtigkeit des großen Haufens teilen, der vom schwachen Weibe mehr fordert, als der Mann, der stolz auf seine Stärke ist, leisten kann? Ich hätte mich selbst verurteilen können und würde doch über sie nicht anders gedacht haben; aber ich glaubte alle Vorurteile mit Füßen zu treten, und war doch der Sklave eines, das am tiefsten erniedrigt, desjenigen, welches die Stärke nur gebraucht, um die Schwäche zu unterdrücken. Bald danach meldete mir ein Brief M. M.s, daß C. C. ihre Mutter verloren habe, und C. C. wäre nun nicht mehr mit ihr in einem Zimmer allein, wie in den letzten Tagen. Dadurch würde es unmöglich, daß C. C. unsern Abenden weiterhin beiwohne. Der Leidtragende war hier Herr von Bernis. Auch dieser hatte uns bald eine üble Mitteilung zu machen, daß er nämlich in nächster Zeit abgerufen würde. Sollte das eintreten, so bestimme er schon jetzt, daß wir das Kasino behalten könnten, aber wir müßten dann verzichten, uns von den Gondelführern herbringen zu lassen, da wir nicht mehr auf deren Verschwiegenheit rechnen könnten. Mir empfahl er die beiden Damen, und besonders M. M., machte mich darauf aufmerksam, was ihr geschehen könnte, wenn die Liebe Folgen bei ihr zeigte. Nicht lange danach wurde das Abschiedsessen angesetzt; an dem bestimmten Abend traf ich aber M. M. allein, totenbleich: ihr Freund war schon abgereist. Die ganze Nacht verbrachten wir damit, daß ich ihren Schmerz durch zarte Aufmerksamkeiten zu lindern suchte, ohne daß meine Bemühungen Erfolg zeigten. Die nächsten vierzehn Tage sahen wir uns nur im Sprechzimmer des Klosters. Wir waren aber immer noch so verliebt, daß wir unsern Geist zermarterten, wie wir uns wieder im Kasino treffen könnten. Als sie mir dann eines Tages sagte, sie könnte der Gärtnerin fest vertrauen und mit ihrer Hilfe durch das Pförtchen ans kleine Ufer gelangen, schien uns schon ein Weg offen. Es mußte doch möglich sein, für Bezahlung einen treuen Gondelführer zu finden. Sofort sagte ich: der Gondelführer wollte ich selbst sein. Wir verabredeten einen Tag, ich kaufte ein kleines, einrudriges Boot, mit dem ich sofort um die Insel herumruderte, so daß ich das Pförtchen ausfindig machen konnte. Und so geschah es denn bald, daß ich meine teure geliebte M. M. wieder in unserm Kasino umarmen konnte. Aber gleich am ersten Abend sollten wir die Gefahr kennen lernen, der wir uns aussetzten. Zum größten Unglücke brach nämlich während des Abendessens ein Sturm aus. Unsere Haare sträubten sich! Wir konnten unsere Hoffnung nur auf die Natur dieser Sturme setzen, welche selten länger als eine Stunde dauern. Wir hofften auch, daß dieser keinen starken Wind in seinem Gefolge haben würde, was zuweilen der Fall ist; denn obwohl ich entschlossen und kräftig war, so hatte ich doch bei weitem nicht die Geschicklichkeit und Übung eines Schiffers von Handwerk. In noch nicht einer halben Stunde kam das Ungewitter zum Ausbruch, Blitze folgten schnell auf Blitze, der Donner rollte und der Wind wehte mit ungewöhnlicher Heftigkeit. Nach einem starken Regen klärte sich aber der Himmel in Verlauf von noch nicht einer Stunde wieder auf, aber der Mond trat nicht hervor. Es schlägt fünf Uhr; ich stecke den Kopf aus dem Fenster und fühle einen sehr starken und ungünstigen Wind, den Libecchio, welchen Ariost mit Recht den Tyrannen des Meeres nennt. Ich sagte nichts, aber ich erschrak. Ich sagte meiner Freundin, es wäre durchaus nötig, daß wir unserer Sicherheit eine Stunde des Vergnügens opferten, die Klugheit erforderte dies. »Brechen wir den Augenblick auf, denn wenn der Wind zunimmt, wird es mir unmöglich, um die Insel herumzukommen.« Sie fühlte die Notwendigkeit, meinem Rate zu folgen. In dem Boote legte sie sich der Länge nach hin, um meine Bewegungen nicht zu hemmen. Ich stellte mich ins Hinterteil, voll Mut und Furcht, und in fünf Minuten kam ich glücklich um die Insel herum. Aber hier erwartete mich der Tyrann! Ich wurde bald gewahr, daß die anhaltende Gewalt des Windes meine Kraft erschöpfen müsse. Ich ruderte mit der möglichsten Anstrengung; aber ich erreichte nichts weiter, als daß mein kleines Boot nicht zurückwich. In diesem Zustande der Not war ich seit einer halben Stunde, und ich fühlte meine Kräfte schwinden, ohne daß ich gewagt hätte, ein einziges Wort zu sagen. Ich war außer Atem; aber wie konnte ich wohl daran denken, auszuruhen! Das geringste Anhalten würde mich weit zurückgetrieben haben, und das wäre ein nicht wieder gutzumachendes Unglück gewesen. M. M. blieb unbewegend und schweigend, denn sie sah wohl, daß ich nicht fähig war, ihr zu antworten. Ich fing an, uns verloren zu geben. Da bemerkte ich von weitem eine Barke, welche schnell auf uns zukam. Welches Glück! Ich warte, bis sie bei mir vorübergefahren, denn sonst hätte ich meine Stimme nicht vernehmlich machen können, sobald ich sie aber links in einer Entfernung von zwei Klaftern sehe, schrie ich mit starker Stimme: »Zu Hilfe für zwei Zechinen!« Das Segel wird eingezogen, man rudert mit vier Rudern auf mich zu, entert mein Boot und ich fordere einen Mann, der mich an die entgegengesetzte Seite der Insel bringen könne. In weniger als zehn Minuten war ich am kleinen Ufer des Klosters; aber das Geheimnis war mir zu teuer, um es aufs Spiel zu setzen. Sobald wir an der Spitze angelangt waren, bezahle ich meinen Retter und entlasse ihn. Da mir nun der Wind günstig war, so kehre ich wieder um und gelange leicht an die kleine Pforte, wo M. M. mit den Worten aussteigt: »Schlafe im Kasino.« Ich fand ihren Rat sehr vernünftig und befolgte ihn; der Wind wehte mir im Rücken; ich langte daher ohne Anstrengung an und schlief bis in den hellen Tag hinein. Sobald ich mein Boot sodann nach San Francesco zurückgefahren, maskierte ich mich und ging aus. Nicht absehbare Folgen konnte dies Abenteuer haben, wenn uns die Barke nicht begegnet wäre, aber diese Gedanken hielten uns nicht ab, uns wöchentlich einmal zu treffen, wenn uns auch Herr von Bernis, den wir über alles unterrichteten, ein schlimmes Ende voraussagte. Ein andermal wache ich aus süßem Entzücken auf durch ein Geräusch vom Kanal her. Ich fasse Verdacht, springe ans Fenster und muß sehen, daß Diebe mein Boot entführten. Die Liebe war nun beiseite gesetzt; ich dachte nur daran, wie ich in zwei Stunden, die mir noch übrig blieben, ein Boot finden konnte. Auch das gelang mir und ich konnte M. M. noch zur Zeit ins Kloster zurückbringen. Während dieser Zeit begünstigte mich das Glück ständig im Spiele. Ich führte also ein fröhliches Leben, aber ich sah voraus, daß, sobald sich Herr von Bernis entschlösse, M. M. die Mitteilung zu machen, er käme nicht mehr nach Venedig zurück, er auch die in seinem Dienste befindlichen Leute abberufen würde, und daß wir dann kein Kasino mehr haben würden. Ich wußte außerdem, daß es mir mit Eintritt der schlechten Jahreszeit unmöglich werden würde, die Fahrten in einem gebrechlichen Boote allein fortzusetzen. Meine Vermutung erfüllte sich, Herr von Bernis teilte uns seine Abberufung von Venedig mit, sein Kasino sollte verkauft werden. Der Erlös daraus aber sollte M. M. zukommen. Nur die Bücher und Kupferstiche sollten ihm nach Paris gesandt werden. Es war ein recht hübsches Gebetbuch für einen Kardinal, wie Herrn von Bernis. Während M. M. sich dem Schmerze überließ, vollführte ich die Befehle ihres Liebhabers, und um die Mitte Januar Siebzehnhundertfünfundfünfzig hatten wir kein Kasino mehr. Sie behielt zweitausend Zechinen bei sich und ihre Kleinodien, deren Verkauf sie sich vorbehielt, um sich eine lebenslängliche Rente zu sichern; mir ließ sie die Spielkasse, da ich fortfahren sollte, für uns beide zu spielen. Ich hatte damals dreitausend Zechinen und wir konnten uns nur noch am Gitter sehen. Da sie von Kummer verzehrt wurde, erkrankte sie bald ernstlich, und als ich sie am zweiten Februar sah, trug sie schon die Symptome eines baldigen Todes auf ihrem Gesicht. Sie übergab mir ihre Schmuckkästchen mit allen Diamanten und allem Golde, eine kleine Summe ausgenommen, alle ihre anstößigen Bücher und ihre Briefe, mit dem Bemerken, wenn sie nicht stürbe, sollte ich ihr alles wiedergeben, wenn sie aber der ihr bevorstehenden Krankheit erläge, wie sie glaube, sollte ich alles behalten. Sie sagte mir noch, daß C. C. mich von ihrem Zustande benachrichtigen würde, und bat mich, Mitleiden mit ihr zu haben und ihr zu schreiben, da sie nur aus meinen Briefen, welche sie bis zu ihrem letzten Atemzuge lesen zu können hoffte, einigen Trost schöpfen könne. Ich zerschmolz in Tränen, denn ich liebte sie abgöttisch, und versprach ihr, bis zu ihrer Wiederherstellung meine Wohnung in Murano zu nehmen. Nachdem ich alles in eine Gondel hatte tragen lassen, brachte ich den Schatz in den Palast Bragadinos in Sicherheit; sodann kehrte ich nach Murano zurück, um Laura zu bitten, mir ein möbliertes Zimmer zu suchen, wo ich ungestört wohnen könne. Denn ich wollte in der Nähe meiner kranken Geliebten sein. Laura besorgte mir ein hübsches Kasino, und da ich sie auch um eine Haushälterin gebeten, fand ich, als ich einzog, als solche ihre fünfzehnjährige Tochter Toni. Ich fand zunächst nichts darin, da der Schmerz meine ganze Seele erfüllte. Aber nach zwei Tagen konnte ich nicht umhin, mir zu gestehen, daß das junge Mädchen sehr hübsch sei, und ich fühlte mich traurig und beschämt, als ich mich überzeugte, wie leicht es ihr werden würde, mich zu trösten. Mein Schmerz war mir teuer, und ich beschloß, einen Gegenstand, welcher mich heilen konnte, von mir zu entfernen. Morgen, sagte ich, werde ich mit Laura sprechen, damit sie mir im Laufe des Tages einen weniger verführerischen Gegenstand suche; aber die Nacht bringt Rat, und am folgenden Tage wappnete ich mich mit Sophismen, indem ich mir sagte, das junge Mädchen sei unschuldig an meiner Schwäche und ich dürfe sie nicht dafür bestrafen und ihr ein so empfindliches Mißvergnügen bereiten. Nach einigen Tagen bekam ich die Nachricht, M. M. liege auf den Tod. Der Schmerz brachte mich fast um den Verstand, ich weinte den ganzen Tag und beschloß, die Wohnung nicht mehr zu verlassen. Ich schrieb sofort an C. C., sie möchte unsrer Freundin mitteilen: wenn sie wünsche, daß ich auf mein Leben Bedacht nehme, so müsse sie mir versprechen, sich von mir entführen zu lassen, sobald sie wieder gesund. ›Ich habe‹, sagte ich, ›viertausend Zechinen und ihre Diamanten, welche sechstausend wert, das ist ein ausreichendes Kapital, um uns in ganz Europa eine anständige Subsistenz zu sichern.‹ C. C. schrieb mir am folgenden Tage, meine Geliebte sei, nachdem sie meinen Brief gelesen, in eine Art konvulsivischen Wahnsinn verfallen, sie habe den Verstand verloren und drei Stunden lang in französischer Sprache phantasiert und dabei Reden vorgebracht, welche alle Nonnen in die Flucht gejagt haben würden, wenn sie sie verstanden hätten. Ich war in Verzweiflung, und es fehlte nicht viel daran, daß ich ebenfalls überschnappte. Das Phantasieren dauerte drei Tage, und sobald sie den Verstand wiedererlangt hatte, bat sie ihre Freundin, mir zu schreiben, sie wäre sicher, wieder gesund zu werden, wenn ich das Versprechen hielte, sie zu entführen, sobald ihr Gesundheitszustand derart wäre, daß sie die Anstrengungen der Reise ertragen könne. Ich antwortete, sie könne um so sicherer darauf rechnen, als mein Leben von der Ausführung dieses Planes abhinge. So täuschten wir uns auf die ehrlichste Weise, und darüber wurden wir beide gesund. Da fing ich bald an, Vergnügen an Tonis Naivität zu finden, welche sich in dem einen meiner beiden Zimmer nicht eher schlafen legte, als bis ich zu Bette war. Sieben Wochen hatte ich so neben dem Mädchen gelebt, welches in jedem Lande Europas als Schönheit gegolten hätte. Sie bediente mich aufmerksam, trotzdem hatte ich ihren jungen Reizen widerstanden und glaubte bald, sie nicht mehr fürchten zu müssen; besonders da ich fühlte, wie mehr Dankbarkeit mich für dieses Mädchen einnahm, denn ich mußte bekennen, daß dieses reizende junge Mädchen mir die zarteste und emsigste Pflege hatte angedeihen lassen. Sie hatte ganze Nächte auf einem Lehnstuhle an meinem Bette zugebracht und mich wie eine Mutter gepflegt, ohne mir je einen Grund zur Beschwerde zu geben. Ich hatte ihr nie einen Kuß gegeben, ich hatte mir nie erlaubt, mich in ihrer Gegenwart zu entkleiden, und sie war nie anders als in anständiger Kleidung in mein Zimmer gekommen. Nichtsdestoweniger war ich mir bewußt, gekämpft zu haben, und ich war stolz darauf, den Sieg davongetragen zu haben. Eins allein mißfiel mir bei dem allen; ich war nämlich ziemlich sicher, daß weder M. M. noch C. C. die Sache für möglich halten wurden, wenn sie Kenntnis davon bekämen. Da reiste ich eines Tages nach Venedig zu meinem väterlichen Freund. Auf meiner Rückfahrt fiel ein Regen, und da die Gondel schlecht bedeckt, wurde ich bis auf die Haut durchnäßt. Das Unglück war nicht groß, denn ich war in der Nähe meiner Wohnung. Ich steige im Dunkeln die Treppe hinauf und klopfe an das Vorzimmer, wo Toni, welche mich nicht mehr erwartete, sich schon zu Bett gelegt hatte. Da ich sie aus dem Schlafe aufschreckte, so öffnete sie mir im Hemd und ohne Licht. Ich brauchte Licht, deshalb sagte ich ihr, sie möchte das Feuerzeug holen, was sie augenblicklich tat, nachdem sie mir mit bescheidener und sanfter Stimme angezeigt, daß sie nicht angezogen wäre. »Wenn du nur bedeckt bist,« sagte ich, »so hat das nichts zu sagen.« Sie antwortete nicht und hatte bald ein Licht angezündet; als sie mich aber ganz durchnäßt sah, konnte sie sich des Lachens nicht enthalten. »Ich bedarf deiner nur, liebes Kind,« sagte ich, »um mir die Haare zu trocknen.« Sie holte schnell Puder, und die Puderquaste in der Hand, begann sie ihre Arbeit; aber ihr Hemd war unten zu kurz und oben zu weit. Ich bereute etwas zu spät, daß ich ihr nicht Zeit gelassen, sich anzukleiden. Ich fühlte, daß ich verloren war, um so mehr, als sie mit ihren beiden beschäftigten Händen nicht das Hemde festhalten und zwei entstehende Halbkugeln verbergen konnte, welche verlockender waren, als die Äpfel der Hesperiden. Wie sollte ich es anfangen, um nicht zu sehen? Die Augen zumachen? Pfui! Ich gebe der Natur nach und lasse meine Blicke so gierig umherschweifen, daß die arme Toni rot wird. »So nimm doch dein Hemde in den Mund,« sagte ich, »ich werde dann nichts mehr sehen.« Aber nun war es noch schlimmer als vorher, und ich hatte nur Öl ins Feuer gegossen; denn da der Vorhang sehr kurz war, so sah ich die Basis zweier umgekehrter Säulen und beinahe auch den Fries; ich stieß unwillkürlich einen Schrei des Erstaunens und der Wollust aus. Da Toni nicht wußte, wie sie es anfangen sollte, um alles meinen Blicken zu entziehen, so ließ sie sich aufs Sofa sinken, und ich stand vor Begierde brennend vor ihr, ohne mich zu etwas entschließen zu können. »Ich werde mich ankleiden,« sagte sie, »um Sie dann fertig zu frisieren.« »Nein, setze dich auf meinen Schoß und verbinde mir die Augen.« Sie gehorchte und kam; aber der Funke hatte schon gezündet, und da ich es nicht mehr aushalten konnte, drücke ich sie an mich, und ohne weiter an das Blindekuhspiel zu denken, werfe ich sie auf mein Bett, bedecke sie mit Küssen, und nachdem ich geschworen, sie ewig zu lieben, öffnete sie die Arme auf eine Weise, welche mir zeigte, daß sie diesen Augenblick längst herbeigesehnt. Ich pflückte die Rose, und wie immer fand ich sie schöner als alle Rosen, welche ich gepflückt, seitdem ich die Ernte auf den fruchtbaren Gefilden der Liebe begonnen. Als ich am Morgen aufwachte, war ich in Toni verliebt, wie ich nie in eine Frau verliebt gewesen zu sein glaubte. Sie war aufgestanden, ohne mich zu wecken, und sobald sie mich hörte, kam sie: ich machte ihr zärtliche Vorwürfe, daß sie nicht gewartet, bis ich ihr einen guten Morgen gebracht. Ohne mir zu antworten, gab sie mir den Brief von M. M. Ich nehme ihn dankend entgegen, aber lege ihn beiseite, erfasse sie und lege sie an meine Seite. »Wie! welches Wunder!« rief Toni aus, »wie! Sie haben nicht Eile, diesen Brief zu lesen? Unbeständiger Mann! warum hast du dich nicht schon vor sechs Wochen von mir heilen lassen! Wie glücklich ich bin! Glück bringender Regent Geliebter Mann, ich mache dir keinen Vorwurf; aber liebe mich, wie du die liebst, der du täglich schreibst, und ich werde zufrieden sein.« »Weißt du, wer sie ist?« »Es ist eine Pensionärin, schön wie ein Engel; aber sie ist dort drinnen, und ich bin hier: du bist mein Herr und wirst es bleiben, so lange du willst.« Erfreut, sie im Irrtum lassen zu können, schwor ich ihr, sie ewig zu lieben; da sie aber während unsers Zwiegesprächs aus dem Bett geschlüpft war, bat ich sie, sich wieder zu legen; aber sie sagte, lieber sollte ich aufstehen, um gut zu Mittag essen zu können, denn sie wollte mir ein feines Mahl nach venetianischer Weise auftischen. Dieses interessante Mädchen setzte mich in Erstaunen. Es war nicht mehr mein furchtsames Tonchen vom vorigen Tage; sie hatte die triumphierende Miene, welche das Glück verleiht, und den Ausdruck der Zufriedenheit, welchen die glückliche Liebe den Zügen eines jungen Mädchens aufdrückt. Ich begriff nicht, wie ich nicht schon das erstemal, als ich sie bei ihrer Mutter sah, ihren Reizen hatte huldigen können. Aber damals war ich zu sehr in C. C. verliebt, war zu betrübt, und Toni war noch nicht ausgebildet. Ich fand M. M.s Brief zärtlich, aber weniger interessant als am vorigen Tage. Ich begann ihr zu antworten und war gewissermaßen beschämt, daß diese Arbeit mir zum ersten Male schwer vorkam. Ich verlebte mit dem reizenden Mädchen zweiundzwanzig Tage, welche ich noch zu den glücklichsten meines Lebens rechne, und was mir mein Alter so widerlich macht, ist, daß ich, ein feuriges Herz, aber nicht mehr die Kraft habe, um mir noch einen einzigen so glücklichen Tag zu verschaffen wie die, welche ich dieser reizenden Person verdankte. Als ich gegen Ende des April M. M. mager sehr verändert, aber außer Gefahr am Gitter erblickte, kehrte ich nach Venedig zurück. Bei dieser Zusammenkunft gelang es mir mit Hilfe der Zuneigung und der zärtlichen Teilnahme, welche ich für sie fühlte, mich so zu benehmen, daß sie die Veränderung, welche eine neue Liebe bei mir bewirkt hatte, nicht gewahr werden konnte. Man wird sich hoffentlich denken, daß ich nicht so unklug war, sie argwöhnen zu lassen, daß ich den Plan der Entführung, auf welchen sie mehr als jemals rechnete, aufgegeben habe. Ich fürchtete zu sehr, daß sie wieder krank würde, wenn ich ihr diese Hoffnung raubte. Ich behielt mein Kasino, welches mir wenig kostete, und da M. M. mich zweimal wöchentlich dort besuchte, so schlief ich an diesen Tagen dort und setzte dort meine Liebschaft mit meiner lieben Toni fort. Es konnte nun nicht ausbleiben, daß meine M. M. doch von der Anwesenheit einer solch hübschen Magd erfuhr, und da ich sah, sie wußte zuviel, als daß ich ihr etwas hätte aufbinden können, faßte ich augenblicklich meinen Entschluß und erzählte ihr die Geschichte meiner neuen Liebschaft mit allen Einzelheiten. Die Freude, welche sie zeigte, war zu offen, um nicht aufrichtig zu sein. So blieb alles beim alten. Es gibt in der Existenz des Menschen entgegengesetzte Perioden, welche man die Glückszeit und die Unglückszeit des Lebens nennen könnte: ich habe das oft auf meiner langen Lebensbahn erfahren; und vermöge der Stöße, der Reibung und des Widerstandes, an denen es so reich gewesen ist, bin ich vielleicht so sehr wie irgend jemand in den Stand gesetzt worden, die Wahrheit dieser Bemerkung zu beobachten. Ich hatte eine ziemlich lange Periode des Glücks gehabt: das Glück hatte mich lange im Spiel begünstigt; ich war glücklich in meinen Beziehungen zu den Menschen, und in der Liebe blieb mir nichts zu wünschen übrig; nun fing aber die Kehrseite an, sich zu zeigen. Die Liebe war mir noch günstig, aber das Glück hatte mich völlig verlassen, und bald wirst du sehen, Leser, daß die Menschen mich nicht besser behandelten als diese blinde Gottheit. Das Schicksal hat seine Wechsel wie der Mond, so folgt das Gute auf das Böse wie das Unglück auf das Glück. Ich spielte die Martingale weiter, aber mit so entschiedenem Unglück, daß ich bald keine Zechine mehr hatte. Da ich mit M. M. zur Hälfte ging, so war ich genötigt, ihr vom Zustande meiner Finanzen Rechenschaft zu geben, und auf ihr Ansuchen verkaufte ich allmählich ihre Diamanten und verspielte den Ertrag: sie behielt für sich nur fünfhundert Zechinen. Vom Entfliehen war keine Rede mehr, denn wie hätten wir uns in der Welt durchbringen sollen? Ich spielte noch, aber sehr niedrig; ich zog an den Banken kleiner Spieler ab und wartete in so bescheidenen Verhältnissen die Rückkehr des Glücks ab. Eines Tages hatte mich der englische Minister Murray in seinem Kasino mit der berühmten Fanny Murray zu Abend speisen lassen und lud sich bei dieser Gelegenheit bei mir in meinem Kasino zu Murano ein, welches ich nur noch Tonis wegen behielt. Ich hatte diese Gefälligkeit, ahmte aber seine Großmut nicht nach. Er fand meine Geliebte lachend und höflich, aber sie blieb in den Grenzen des Anstandes, was er mir gern erlassen haben würde. Am nächsten Tage schrieb er mir folgendes Billett: ›Ich bin sterblich in Ihre Toni verliebt. Wenn Sie sie mir abtreten wollen, so bin ich bereit, folgendes für sie zu tun. Ich werde sie in eine passende Wohnung bringen, welche ich vollständig möblieren lassen werde und werde ihr diese mit allem, was sich darin befindet, schenken, unter der Bedingung, daß sie mir die Rechte eines glücklichen Liebhabers einräumt. Ich werde ihr eine Kammerfrau, eine Köchin und dreißig Zechinen monatlich für einen Tisch von zwei Personen geben, die Weine ungerechnet, welche ich selbst liefern werde. Ich werde ihr außerdem eine lebenslängliche Rente von zweihundert Talern aussetzen, in deren Besitz sie treten soll, nachdem sie ein Jahr mit mir gelebt. Ich bewillige Ihnen acht Tage, mein Freund, um mir zu antworten.‹ Ich antwortete sogleich, ich würde ihm in drei Tage wissen lassen, ob sein Vorschlag angenommen werden könne, denn Toni hatte eine Mutter, welche sie achtete, und vielleicht mochte sie nichts ohne deren Einwilligung tun. ›Übrigens‹, sagte ich, ›kommt es mir so vor, als ob die junge Person schwanger ist.‹ Die Sache war wichtig für Toni: ich liebte sie, aber ich wußte wohl, daß wir nicht beständig zusammen leben konnten, und ich sah ein, daß ich ihr nicht ein Geschick wie das angebotene bereiten konnte. Ich war daher nicht im geringsten ungewiß, sondern ging noch am selben Tage nach Murano und teilte es ihr mit. »Du willst mich also verlassen?« sagte sie weinend. »Ich liebe dich, teure Freundin, und mein Vorschlag muß dich davon überzeugen.« »Nein, denn ich kann nicht zweien angehören.« »Du sollst nur deinem neuen Geliebten angehören. Ich bitte dich, zu bedenken, daß du eine gute Mitgift erhältst, mit welcher du eine gute Heirat machen kannst, und daß ich bei aller Liebe dir nicht ein solches Geschick bereiten kann.« »Laß mich heute weinen und nachdenken und komm morgen zum Abendessen zu mir.« Ich ermangelte nicht, mich einzustellen. »Dein Engländer«, sagte sie, »ist ein sehr hübscher Mann, und wenn er Venetianisch spricht, reizt er mich unwiderstehlich zum Lachen. Wenn meine Mutter einwilligt, kann ich ihn vielleicht lieben. Wenn unsere Gemütsart nicht übereinstimmt, können wir uns nach einem Jahre wieder trennen, und ich bin im Besitze einer Rente von zweihundert Talern.« »Ich bin entzückt über die Richtigkeit deiner Betrachtungen. Sprich mit deiner Mutter davon.« »Ich wage es nicht, mein Freund; diese Sachen sind zu zart, um zwischen Mutter und Tochter besprochen zu werden; sprich du mit ihr.« Laura, welche ich nicht gesehen, seitdem sie mir ihre Tochter gegeben, brauchte keine Zeit zum Nachdenken, sie war sehr zufrieden und sagte, durch dieses Abkommen würde ihre Tochter in den Stand gesetzt, sie in ihrem Alter zu unterstützen, und sie würde Murano verlassen, wo sie nicht mehr Lust zu dienen hatte. Sie zeigte mir hundertunddreißig Zechinen, welche Toni bei mir verdient und ihr gegeben. Barbarina, Tonis jüngste Schwester, küßte mir die Hand. Ich fand sie reizend und gab ihr alles Silbergeld, was ich bei mir hatte. Ich ging sodann weg, nachdem ich Laura gesagt, daß ich sie bei mir erwarte. Sie kam bald nach, und nachdem sie ihre Tochter gesegnet und sie der heiligen Katharina empfohlen, sagte sie, sie verlange nur drei Lire täglich, um mit ihrer Familie in Venedig leben zu können! Toni versprach sie ihr und umarmte sie. Nachdem diese wichtige Angelegenheit zur allgemeinen Zufriedenheit erledigt war, besuchte ich M. M., welche mir den Gefallen tat, mit C. C. ins Sprechzimmer zu kommen. Ich fand sie traurig, aber schön. Sie ging in Trauer, was sie nicht hinderte, zärtlich zu sein. Sie konnte nur eine Viertelstunde im Sprechzimmer bleiben, weil sie beobachtet zu werden fürchtete, denn es war ihr verboten, sich dort zu zeigen. Ich erzählte ihr, daß Toni nach Venedig zu Murray ziehen wolle; sie bedauerte es. »Denn jetzt,« sagte sie, »wo sie dich nicht mehr nach Murano zieht, werde ich dich noch weniger als früher sehen.« Ich versprach ihr, sie immer fleißig zu besuchen; aber o Eitelkeit der Versprechungen! Es nahte die Zeit, wo wir für immer getrennt werden sollten! So war Toni denn bald untergebracht. Mich aber tröstete nicht lange danach an ihrer Stelle ihre Schwester Barbarina, bis ich auch diese verließ. Nach einiger Zeit, als ich schon wieder in die Liebe einer andren Schönen verstrickt war, besuchte ich M. M., welche mir mitteilte, der Vater C. C.s sei gestorben, daher wäre diese aus dem Kloster geholt worden, um sie mit einem Advokaten zu verheiraten. Ehe C. C. sie verließ, hatte sie ihr einen Brief für mich gegeben, in welchem sie mir anzeigte, daß, wenn ich verspräche, sie zu heiraten, sobald es mir angemessen schien, sie auf mich warten und jede andre Heirat ausschlagen würde. Ich antwortete ihr ohne Umschweife, ich wäre ohne Stand und ohne Aussicht; ich ließ ihr völlige Freiheit und riet ihr sogar, jemand, den sie geeignet glaubte, sie glücklich zu machen, nicht auszuschlagen. Trotz dieser Art von Abschied heiratete C. C. Herrn N. erst nach meiner Flucht aus den Bleidächern, als niemand mehr hoffte, mich in Venedig wiederzusehen. Ich habe sie erst neunzehn Jahre später wiedergesehen, hatte aber den Schmerz, sie verwitwet und unglücklich zu finden. Wäre ich jetzt in Venedig, so würde ich sie nicht heiraten, denn in meinem Alter ist das Heiraten eine Schamlosigkeit; aber ich würde das Wenige, was ich habe, mit ihr teilen, und mit ihr wie mit einer zärtlich geliebten Schwester leben. Wenn gewisse Frauen die Männer, welche sie der Unbeständigkeit beschuldigen, treulos nennen und zugleich versichern, diese Männer wären schon, als sie ihnen das Versprechen ewiger Treue geben, darauf bedacht gewesen, sie zu betrügen, so würde ich ihnen gern recht geben und gern meine Klagen mit den ihrigen vereinigen; aber keine Frau ist dazu berechtigt, weil man im allgemeinen in dem Augenblick, wo man liebt, nur das verspricht, was uns das Herz eingibt, und ihre Klagen erregen daher bei mir nur Lachen. Leider lieben wir, ohne die Vernunft zu Rate zu ziehen, und hören auf zu lieben, ohne daß sie etwas damit zu schaffen hätten. Nicht lange danach zeigte mir ein anonymer Brief an, daß ich in einer großen Gefahr schwebe. Ich war nicht so klug, daraus eine Vorsicht für mich zu gewinnen. Ein Spion der Staatsinquisition suchte sich an mich heranzumachen, er fand bei mir ein Buch über Magie; eine Madame Memmo beklagte sich, ich verführe ihre Söhne zum Atheismus, nun fehlte nur noch ein bezahlter Denunziant, welcher mit zwei Zeugen mich beschuldigte, ich glaube nur an den Teufel, und der Erste Staatsinquisitor, ein persönlicher Feind von mir, hatte die Gelegenheit, mich als Störer der öffentlichen Ordnung in Verhaft zu nehmen. Die drei ehrenwerten Leute versicherten endlich, daß, wenn ich im Spiel verlöre, in welchem Augenblicke doch alle Gläubigen fluchten, ich nie Verwünschungen gegen den Teufel ausstieße. Ich war überdies beschuldigt, nur Fleischspeisen zu essen, nur die eleganten Messen zu besuchen, und man hatte mich in starkem Verdacht, der Freimaurerei ergeben zu sein. Hinzu fugte man noch, daß ich die auswärtigen Minister besuchte, und da ich bei drei Patriziern wohnte, so war es sicher, daß ich alle Staatsgeheimnisse, welche ich ihnen entlockte, für schweres Geld verkaufte. Ich wurde in das furchtbarste Gefängnis der Welt gebracht, in die Bleidächer. Unter unsäglichen Leiden und Qualen wurde ich dort monatelang ohne Verhör festgehalten, und ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wenn ich nicht die Unerschrockenheit gehabt hätte, diesem Gefängnis zu trotzen. Mühselig, stets von Todesgefahren bedroht, bahnte ich mir einen Weg in die Freiheit. Ich floh meine Heimat, und seit dieser Zeit irrte ich durch die Welt von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, oft ging mein Leben in Glanz und Pracht, ich gab das Geld wie ein Krösus hin, immer mußte ich es mir mit List, oft gar durch Betrug verschaffen.

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.