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Erinnerungen aus galanter Zeit

Giacomo Casanova: Erinnerungen aus galanter Zeit - Kapitel 10
Quellenangabe
typeautobiography
authorGiacomo Casanova
titleErinnerungen aus galanter Zeit
publisherWilhelm Borngräber
printrun31. bis 35. Tausend
editorChristian Kraus
year1916
illustratorF. v. Bayros
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140828
projectid2595d4a7
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Fräulein Vesian

Verschiedene lose Streiche brachten mich in üblen Leumund und veranlaßten sogar das Gericht, sich mit mir zu beschäftigen, worunter eine Sache, die nur lächerlich, aber dadurch, daß die Geistlichkeit sich ihrer angenommen, zu einem religiösen Verbrechen wurde. Ich hatte nämlich in einer Gesellschaft, wo man sich gegenseitig allerhand Possen spielte, mich für einen Sturz in eine Schlammgrube dadurch gerächt, daß ich dem, der mir mitgespielt hatte, nachts die Decke mehrere Male abzog. Als er einmal meine Hand greifen wollte, hielt ich ihm den Arm einer Leiche hin, den ich ausgegraben hatte. Er faßte ihn und wurde vor Schreck krank, und die Sache kam in Umlauf. Es häufte sich noch anderes dazu, und obwohl ich in den Prozessen straflos ausging, mußte ich mich doch auf einige Zeit entfernen. Ich benutzte die Gelegenheit, um Paris kennen zu lernen. Auf der Reise sowohl als in Paris hatte ich die wunderlichsten Abenteuer. Besonders die Kurtisanen der Weltstadt spielten mir manchmal übel mit. Doch werde ich mich eines glücklichen Zusammenseins stets in Liebe erinnern. Es war Fräulein Vesian, die mit ihrem Bruder nach Paris gekommen war. Sie war ganz jung, gut erzogen, unerfahren, und sehr schön und liebenswürdig. Ihr Vater, früher Offizier in französischen Diensten, war in Parma, seiner Vaterstadt, gestorben. Als Waise und ohne Existenzmittel zurückgeblieben, folgte sie dem ihr gegebenen Rate, alles, was ihr Vater an Möbeln und Effekten hinterlassen, zu verkaufen und sich nach Versailles zu begeben, um hier von der Gerechtigkeit und Güte des Monarchen eine kleine Pension zu erlangen. Als sie aus dem Postwagen stieg, nahm sie einen Fiaker und ließ sich nach dem dem Théatre Italien nächstgelegenen Hotel fahren. Der Zufall wollte, daß sie im Hotel de Bourgogne abstieg, wo ich wohnte. Am folgenden Tage wurde mir gesagt, daß sich in dem Zimmer, welches an das meinige stieß, zwei junge, eben angekommene Italiener befänden, Bruder und Schwester, beide hübsch, aber mit wenig Sachen versehen. Da sie Italiener, jung, arm und neu angekommen waren, so waren Gründe genug vorhandene meine Neugier zu erregen. Ich gehe an ihre Türe, klopfe an und sehe einen jungen Menschen im Hemd mir aufmachen. »Mein Herr,« sagte er, »entschuldigen Sie, daß ich Ihnen in diesem Zustande öffne.« »Ich muß mich entschuldigen. Ich komme als Nachbar und Landsmann, Ihnen meine Dienste anzubieten.« Eine auf der Erde liegende Matratze belehrte mich, daß dies das Bett wäre, in welchem der junge Mann geschlafen; ein Bett im Alkoven mit einem Vorhang ließ mich erraten, daß hier die Schwester schlief. »Ich bitte Sie, mich zu entschuldigen, daß ich Sie gestört, ohne mich zu erkundigen, ob Sie aufgestanden wären.« Sie antwortete, ohne mich zu sehen, daß sie ermüdet von der Reise wäre und deshalb etwas länger als gewöhnlich geschlafen, daß sie aber aufstehen würde, wenn ich ihr Zeit dazu lassen wollte. »Ich gehe in mein Zimmer, Fräulein, und werde die Ehre haben, wiederzukommen, wenn Sie mich rufen lassen werden. Ich wohne in jenem Zimmer.« Eine Viertelstunde darauf tritt, anstatt mich rufen zu lassen, eine junge und schöne Person in mein Zimmer, welche mir mit Grazie eine Verbeugung macht und sagt, sie wolle meinen Besuch erwidern und ihr Bruder werde auch sogleich kommen. Ich danke ihr, fordere sie zum Sitzen auf und bezeige ihr die ganze Teilnahme, welche sie mir einflößt. Ihre Dankbarkeit zeigte sich noch mehr im Ausdruck ihrer Stimme als in den Worten; und da ich schon ihr Vertrauen gewonnen hatte, so erzählte sie mir auf eine sehr naive Weise, aber nicht ohne eine gewisse Würde, ihre kurze Geschichte, oder vielmehr ihren jetzigen Zustand, und endete mit den Worten: »Ich muß mir im Laufe des Tages eine weniger teure Wohnung verschaffen, denn ich habe nur noch sechs Franken.« Ich fragte sie, ob sie ein Empfehlungsschreiben habe, und sie zieht aus ihrer Tasche ein Paket Papiere, sieben bis acht Bescheinigungen ihrer Sittlichkeit und Armut und einen Paß. »Das ist also alles, was Sie haben, teure Landsmännin?« »Ja; ich werde mich mit meinem Bruder dem Kriegsminister vorstellen, und ich hoffe, daß er Mitleid mit mir haben wird.« »Sie kennen niemand?« »Niemand, mein Herr; Sie sind der erste Mann in Frankreich, welchem ich meine Geschichte erzähle.« »Ich bin Ihr Landsmann, und Sie werden mir ebenso sehr durch Ihre Lage, wie durch Ihr Alter empfohlen. Ich will Ihr Ratgeber werden, wenn Sie es wollen.« »Ach, mein Herr, wie soll ich Ihnen danken?« »Gar nicht. Geben Sie mir Ihre Papiere, und ich werde sehen, was ich tun kann. Erzählen Sie niemand Ihre Geschichte. Niemand darf Ihren Zustand erfahren. Sie verlassen dies Hotel nicht. Hier sind zwei Louis, welche ich Ihnen leihe, bis Sie imstande sind, sie wieder zu bezahlen.« Sie nahm sie dankerfüllt an. Fräulein Vesian war eine Brünette von sechzehn Jahren, interessant in der ganzen Bedeutung des Wortes, sprach gut Italienisch und Französisch, hatte Formen, anmutiges Benehmen und einen adligen Ton, welcher ihr viel Würde verlieh. Sie erzählte mir ihre Geschichte, ohne sich zu erniedrigen und ohne jenen Anstrich von Furchtsamkeit, welcher aus Furcht hervorgeht, daß der Hörer die Not des Erzählenden mißbrauchen könne. Sie hatte weder ein demütiges noch ein kühnes Ansehen, sie hatte Hoffnung und rühmte ihren Mut nicht. Ihre Haltung zeigte nichts, woraus man hätte schließen können, daß sie mit ihrer Tugend paradieren wolle, obwohl sie ein gewisses schamhaftes Aussehen hatte, das jedem, der ihr zu nahe treten wollte, imponieren mußte. Ich verspürte die Wirkung an mir selbst; denn trotz ihrer schönen Augen, ihres schönen Wuchses, ihrer frischen Farbe, ihrer schönen Haut, ihres Negligés, überhaupt alles dessen, was einen Menschen in Versuchung bringen kann und was sonst die glühendsten Begierden bei mir entflammte, fühlte ich keine Anwandlung: sie hatte mir ein Gefühl der Achtung eingeflößt, welches mich zum Herrn über mich selbst machte, und ich legte mir selbst das Versprechen ab, nichts gegen sie zu unternehmen und um keinen Preis der erste zu sein, welcher sie auf einen schlechten Weg brächte. Ich glaubte sogar den Versuch, sie auszuholen, um dadurch vielleicht zu einem andern System zu kommen, auf eine andre Zeit verschieben zu müssen. »Sie sind«, sagte ich zu ihr, »in eine Stadt gekommen, wo Ihr Schicksal sich entwickeln muß und wo alle schönen Eigenschaften, mit denen die Natur Sie geschmückt und welche geeignet scheinen, Ihnen den Weg zum Glück zu bahnen, die Veranlassung zu Ihrem Verderben werden können; denn hier, teure Landsmännin, verachten die Reichen alle ausschweifenden Mädchen, ausgenommen diejenigen, welche ihnen ihre Tugend geopfert haben. Wenn Sie Tugend haben und sie bewahren wollen, so bereiten Sie sich darauf vor, großes Elend zu erdulden, falls Ihnen nicht ein außerordentlicher Zufall zu Hilfe kommt; und wenn Sie sich über das, was man Vorurteil nennt, völlig erhaben fühlen, wenn Sie endlich geneigt sind, alles einzugehen, um sich eine behagliche Stellung zu verschaffen, so sehen Sie sich wohl vor, daß Sie nicht betrogen werden. Seien Sie mißtrauisch gegen die Worte, welche ein feuriger Mann Ihnen sagt, um Ihre Gunst zu erlangen; denn nach dem Genusse erlischt das Feuer, und Sie würden betrogen sein. Hüten Sie sich auch wohl, uneigennützige Empfindungen bei denen vorauszusetzen, welche Sie beim Anblicke Ihrer Reize in Erstaunen geraten sehen; diese werden Ihnen falsche Münze in Fülle geben. Was mich betrifft, so bin ich überzeugt, daß ich Ihnen nichts übles zufügen werde und hoffe Ihnen einiges Gute erweisen zu können. Um Sie wegen meiner zu beruhigen, werde ich Sie behandeln, als ob Sie meine Schwester wären, denn um Ihr Vater zu sein, bin ich zu jung, und ich würde nicht so mit Ihnen sprechen, wenn ich Sie nicht reizend fände.« Unterdes kam auch ihr Bruder. Es war ein hübscher, gutgewachsener Junge von achtzehn Jahren, aber ohne Ausdruck; er sprach wenig und seine Physiognomie ließ nicht viel von ihm erwarten. Wir frühstückten zusammen, und als ich ihn fragte, wozu er die meiste Neigung fühle, antwortete er, er wäre bereit, alles zu tun, womit er auf eine anständige Weise seinen Lebensunterhalt verdienen könne. »Haben Sie irgendein Talent?« »Ich schreibe ziemlich gut.« »Das ist etwas. Wenn Sie ausgehen, nehmen Sie sich sehr in acht; betreten Sie kein Kaffeehaus und sprechen Sie auf den öffentlichen Promenaden mit niemand. Essen Sie zu Hause mit Ihrer Schwester und lassen Sie sich ein kleines besonderes Kabinett geben. Schreiben Sie heute etwas in französischer Sprache, das geben Sie mir morgen, und wir wollen dann sehen. Was Sie betrifft, Fräulein, so sind hier Bücher für Sie. Ich habe Ihre Papiere; morgen werde ich Ihnen etwas sagen können; denn wir werden uns heute nicht mehr sehen; ich komme gewöhnlich spät nach Hause.« Sie nahm einige Bücher, grüßte mich auf eine bescheidene Weise und sagte mit einem bezaubernden Tone zu mir, daß sie unbedingtes Vertrauen zu mir habe. Da ich sehr geneigt war, ihr nützlich zu werden, so sprach ich an diesem Tage überall von ihr und ihren Angelegenheiten; und überall sagten Männer wie Frauen, daß es ihr nicht fehlen könnte, wenn sie hübsch wäre, daß sie aber wohl daran tun würde, Schritte zu tun. Was den Bruder betraf, so versicherte man mir, daß er in irgendeinem Bureau würde untergebracht werden können. Ich war bemüht, eine Frau comme il faut zu finden, welche sie Herrn d'Argenson vorstellen könnte. Das war der richtige Weg, und ich fühlte mich stark genug, um sie einstweilen zu schützen. Ich bat die Mutter meines Freundes Baletti, die berühmte Schauspielerin Sylvia, bei der ich sehr viel verkehrte, mit Frau von Montconseil, welche viel Einfluß auf den Kriegsminister hatte, davon zu sprechen. Sie versprach es, wollte aber vorher die junge Dame kennen lernen. Ich kam um elf Uhr nach Hause, und da ich im Zimmer der jungen Person noch Licht sah, so klopfte ich an. Sie öffnete mir mit dem Bemerken, daß sie sich nicht zu Bette gelegt, weil sie gehofft, mich noch zu sehen, und ich berichtete ihr, was ich getan: ich fand sie bereit zu allem und durchdrungen von Dankbarkeit. Sie sprach von ihrer Lage mit dem Anstriche edler Gleichgültigkeit, welchen sie annahm, um nicht zu weinen. Sie bezwang ihr Weinen aber ihre feuchten Augen zeigten, welche Anstrengung es ihr kostete, die Tränen zurückzuhalten. Wir plauderten zwei Stunden lang, und ich erfuhr, daß sie noch nie geliebt, daß sie also eines Liebhabers würdig wäre, der sie für das Opfer ihrer Tugend angemessen belohnen könnte. Es war lächerlich, zu glauben, daß diese Belohnung eine Heirat sein müßte. Die junge Vesian hatte den Fehltritt noch nicht getan, aber sie war weit entfernt von der Ziererei der Mädchen, welche sagen, sie würden ihn um alles Geld in der Welt nicht tun, und welche sich beim ersten Sturme ergeben: sie wollte sich nur auf eine angemessene und vorteilhafte Weise hingeben. Ich seufzte, als ich ihre Reden hörte, welche in Betracht der Lage, in welche ein hartes Schicksal sie gebracht hatte, im Grunde sehr verständig waren. Ihre Aufrichtigkeit entzückte mich: ich brannte. Lucia von Pasean kam mir wieder ins Gedächtnis; ich erinnerte mich meiner Reue, daß ich eine zarte Blume vernachlässigt, welche ein anderer, weniger Würdiger, sich zu pflücken beeilt: ich fühlte, daß mir ein Lamm übergeben war, welches die Beute eines reißenden Wolfs werden konnte, sie, die nicht für ein verworfenes Leben erzogen war, die edle Empfindungen, eine gute Erziehung und eine Kindlichkeit hatte, welche der erste unreine Hauch unwiederbringlich zerstören konnte. Ich bedauerte es, daß ich sie nicht auf dem Wege der Ehre und Tugend zum Glücke führen konnte. Ich sah wohl ein, daß ich sie mir weder auf eine unrechtmäßige Weise aneignen noch sie beschirmen konnte; denn wenn ich mich zu ihrem Beschützer aufwarf, so schadete ich ihr mehr als ich ihr nützte; mit einem Worte, daß ich, anstatt ihr zum Herauskommen aus der unangenehmen Lage, in welcher sie sich befand, behilflich zu sein, vielmehr dazu beitragen würde, sie völlig zugrunde zu richten. Unterdessen saß sie neben mir und ich sprach mit ihr auf eine gefühlvolle Weise, aber nicht von Liebe; ich küßte ihr zu oft die Hand und den Arm, ohne zu einem Entschluß oder zu einem Anfange zu kommen, der sehr bald zu seinem Ende gelangt sein und mich genötigt haben würde, sie für mich zu behalten; dann war für sie kein Glück mehr zu hoffen, und ich hatte kein Mittel mehr, mich von ihr zu befreien. Ich habe die Frauen bis zum Wahnsinn geliebt, aber ich habe ihnen immer die Freiheit vorgezogen; und wenn ich in Gefahr war, diese zu verlieren, wurde ich immer nur durch einen Zufall gerettet. Ich war vier Stunden bei Fräulein Vesian geblieben, verzehrt von allen Flammen der Begierde; aber ich hatte Kraft genug, mich zu besiegen. Sie, welche meine Mäßigung nicht der Tugend zuschreiben konnte und welche nicht wußte, was mich hinderte, weiter zu gehen, mußte mich für unvermögend oder krank halten. Ich verließ sie, indem ich sie für den folgenden Tag zum Essen einlud. Wir speisten sehr heiter, und da ihr Bruder nach dem Essen spazieren ging, legten wir uns in das Fenster und betrachteten die Wagen, welche nach dem italienischen Theater fuhren. Ich fragte sie, ob es ihr Vergnügen machen würde, das Theater zu besuchen; sie lächelte vor Freuden, und wir gingen hin. Ich brachte sie ins Amphitheater, wo ich sie ließ, nachdem ich ihr gesagt, wir würden uns um elf Uhr zu Hause wiedersehen. Ich wollte nicht bei ihr bleiben, um die Fragen, welche man ihretwegen an mich hätte richten können, zu vermeiden. Je einfacher ihr Anzug war, desto interessanter war sie. Als ich aus dem Theater kam, speiste ich bei Sylvia und ging sodann nach Hause. Ich wurde durch den Anblick einer sehr eleganten Equipage überrascht. Ich fragte, wem sie gehöre; man antwortete mir, sie gehöre einem jungen Herrn, welcher mit Fräulein Vesian gespeist. So war sie also auf gutem Wege. Als ich am folgenden Morgen aufstehe und ans Fenster trete, sehe ich einen elegant gekleideten jungen Mann im Morgenkostüm aussteigen und höre ihn einen Augenblick darauf bei meiner Nachbarin eintreten. Mut! Mein Entschluß ist gefaßt. Ich affektierte Gleichgültigkeit, um mich selbst zu täuschen. Ich kleide mich an, und während ich meine Toilette mache, kommt Vesian zu mir und sagt, er wage nicht zu seiner Schwester zu gehen, weil der Herr, welcher mit ihr zu Abend gespeist, bei ihr sei. »Das ist in der Ordnung,« sagte ich. »Er ist reich und sehr hübsch. Er selbst will uns nach Versailles führen und mir eine Stelle verschaffen.« »Ich wünsche Ihnen Glück dazu. Wer ist es?« »Ich weiß es nicht.« Ich lege die Papiere in einen Umschlag und gebe sie ihm, um sie seiner Schwester zu überbringen, sodann gehe ich aus. Als ich um drei Uhr nach Hause komme, übergibt mir die Wirtin ein Billett von Fräulein Vesian, welche ausgezogen war. Ich gehe hinauf, öffne das Billett und lese folgendes: »Ich gebe Ihnen das Geld wieder, welches Sie mir gegeben, und danke Ihnen. Der Graf von Narbonne interessiert sich für mich und hat gewiß nur Gutes gegen mich und meinen Bruder im Sinn. Ich werde Sie von allem benachrichtigen, von dem Hause, wo ich wohnen soll, und wo, seiner Versicherung nach, es mir an nichts fehlen wird. Ich lege den größten Wert auf Ihre Freundschaft, und bitte Sie, mir sie zu bewahren. Mein Bruder bleibt hier, und das Zimmer gehört mir für einen ganzen Monat, denn ich habe alles bezahlt.« Das ist also, sage ich zu mir, eine zweite Lucia von Pasean, und ich bin zum zweiten Male das Opfer meines albernen Zartgefühls, denn ich sehe voraus, daß der Graf sie nicht glücklich machen wird. Ich wasche meine Hände in Unschuld. Ich kleide mich an, um ins Théatre Francais zu gehen, und erkundige mich nach Narbonne. Er ist, sagte der erste, den ich fragte, der Sohn eines reichen Mannes, ein großer Wüstling und hat ungeheure Schulden. Das sind schöne Nachrichten! Acht Tage lang besuchte ich alle Theater und öffentlichen Orte, um den Grafen von Narbonne kennen zu lernen; da mir dies aber nicht gelang, so fing ich an, das Abenteuer zu vergessen, als gegen acht Uhr morgens Vesian in mein Zimmer kommt und mir sagt, daß seine Schwester in seinem Zimmer wäre und mich zu sprechen wünsche. Ich eile zu ihr und finde sie traurig und mit roten Augen. Sie sagte zu ihrem Bruder, er möchte spazieren gehen, und nun hörte ich ihr Abenteuer. Der Graf von Narbonne hatte sich im Theater neben sie gesetzt, wo ich sie verlassen, knüpfte ein Gespräch mit ihr an, in dessen Verlauf sie ihm ihre Lage schilderte, worauf er sich bereit erklärte, für sie zu sorgen. »Ich glaubte ihm und wurde durch mein Vertrauen getäuscht; er hat mich getäuscht; betrogen, er ist ein Schurke.« Da die Tränen sie erstickten, so ging ich ans Fenster, um sie ungestört weinen zu lassen: einige Minuten darauf kam ich zurück und setzte mich neben sie. »Sagen Sie mir alles, teure Vesian, erleichtern Sie sich und halten Sie sich mir gegenüber nicht für schuldig; denn im Grunde ist mein Unrecht größer als das Ihrige; Sie würden nicht den Kummer empfinden, welcher Ihnen jetzt die Seele zerreißt, wenn ich nicht die Unbesonnenheit begangen hätte, Sie in die Komödie zu führen.« »Ach, mein Herr, sagen Sie das nicht; soll ich Ihnen zürnen, weil Sie mich für vernünftig gehalten? Kurz, der Schändliche versprach mir seine ganze Teilnahme unter der Bedingung, daß ich ihm einen unzweideutigen Beweis meiner Zärtlichkeit und meines Vertrauens gäbe; nämlich ohne meinen Bruder bei einer anständigen Frau in einem von ihm gemieteten Hause zu wohnen. Er bestand darauf, daß mein Bruder nicht mit mir käme, weil ihn die Bosheit für meinen Liebhaber hätte ausgeben können. Ich ließ mich überreden, ich Unglückliche! Wie habe ich mich entschließen können, ohne Sie um Rat zu fragen? Er sagte, die achtungswerte Frau sollte mich nach Versailles führen, wo sich auch mein Bruder einstellen würde, um uns zusammen dem Minister vorzustellen. Nach dem Abendessen entfernte er sich mit dem Bemerken, er würde mich am nächsten Morgen in einem Fiaker abholen. Er gab mir zwei Louisdors und eine goldene Uhr, und ich glaubte, dies von einem jungen Herrn, der mir so viel Teilnahme zeigte, annehmen zu können. Die Frau, welcher er mich vorstellte, schien mir nicht so achtungswert, wie er gesagt. Acht Tage brachte ich bei ihm zu, ohne daß er sich zu etwas entschloß. Er ging nach Belieben ein und aus, vertröstete mich immer auf morgen und war morgen immer verhindert. Endlich zeigte mir heute morgen die Frau an, der Herr müßte aufs Land gehen, ein Fiaker würde mich in meine Wohnung zurückbringen, wo er mich besuchen wolle. Hierauf affektierte sie eine traurige Miene und sagte, ich müßte ihr die Uhr zurückgeben, weil der Graf vergessen, sie dem Uhrmacher zu bezahlen. Ich gab sie ihr augenblicklich, ohne ein Wort zu sagen, und das Wenige, was mir gehört, in mein Schnupftuch packend, bin ich vor einer halben Stunde hierher zurückgekehrt.« »Hoffen Sie ihn nach seiner Rückkehr vom Lande wiederzusehen?« »Ich, ihn wiedersehen! O mein Gott! Warum habe ich ihn je gesehen!« Sie vergoß heiße Tränen und ich gestehe, daß mich nie ein junges Mädchen so sehr durch den Ausdruck ihres Schmerzes gerührt hat. Das Mitleid verdrängte in mir die Zärtlichkeit, welche sie mir vor acht Tagen eingeflößt hatte. Das niederträchtige Benehmen Narbonnes empörte mich so sehr, daß, wenn ich gewußt hätte, wo er zu finden, ich ihn zur Rechenschaft gezogen haben würde. Ich hütete mich wohl, das arme junge Mädchen um die ausführliche Geschichte ihres Aufenthalts bei dem Herrn von Narbonne zu bitten; ich erriet mehr, als ich wissen mochte, und ich würde Fräulein Vesian gedemütigt haben, hätte ich eine Erzählung von ihr gefordert. Übrigens war mir die Gemeinheit des Grafen schon dadurch erwiesen, daß er eine Uhr wieder verlangt, welche er ihr geschenkt und welche die arme Person nur zu wohl verdient hatte. Ich tat mein möglichstes, um ihren Tränen Einhalt zu tun, und sie bat mich, für sie die Gesinnung eines Vaters zu haben und versicherte mir, daß sie nichts mehr tun würde, was sie meiner Freundschaft unwert machen könnte, da sie sich nur von meinem Rate leiten lassen wollte. »Wohlan! Meine Teure, Sie müssen jetzt nicht nur den unwürdigen Grafen und sein schändliches Benehmen gegen Sie, sondern auch Ihren Fehltritt vergessen. Was geschehen, ist geschehen und gegen das Vergangene gibt es kein Mittel; aber beruhigen Sie sich und nehmen Sie wieder das schöne Aussehen an, welches vor acht Tagen auf Ihren Zügen glänzte. Damals las jeder auf ihm die Ehrbarkeit, die Aufrichtigkeit und die edle Sicherheit, welche das Gefühl derjenigen erregt, die deren Reiz kennen. Das muß wieder auf Ihrem Gesichte zu lesen sein; denn nur dies erweckt die Teilnahme ehrenwerter Leute und Sie bedürfen deren jetzt mehr denn je. Was meine Freundschaft betrifft, so ist diese von geringem Wert; aber Sie können jetzt um so mehr darauf rechnen, als Sie einen Rechtsanspruch auf sie haben, den Sie vor acht Tagen nicht hatten. Ich bitte Sie überzeugt zu sein, daß ich Sie nicht verlassen werde, ehe Sie nicht eine passende Stellung gefunden. Für den Augenblick kann ich Ihnen nicht mehr sagen; aber verlassen Sie sich darauf, daß ich an Sie denken werde.« »Ach, mein Freund, wenn Sie mir versprechen, an mich zu denken, so bin ich zufrieden. Ich Unglückliche, es gibt sonst niemand auf der Welt, welcher daran denkt.« Sie war so gerührt, daß sie ohnmächtig wurde. Ich eilte ihr zu Hilfe, ohne jemand zu rufen, und sobald sie wieder zur Besinnung gekommen, erzählte ich ihr tausend wahre oder erlogene Geschichten von den Spitzbübereien, welche in Paris die Leute begehen, die keine andere Absicht haben als Mädchen zu betrügen. Ich erzählte ihr lustige, um sie zu erheitern und sagte endlich, sie möchte dem Himmel für ihr Zusammentreffen mit dem Grafen von Narbonne danken, denn dies Unglück würde sie in Zukunft vorsichtiger machen. Während dieses langen Zwiegesprächs wurde es mir nicht schwer, mich aller Zärtlichkeitsäußerungen zu enthalten; ich faßte nicht einmal ihre Hand, denn das Gefühl, welches ich für sie empfand, war das des zärtlichen Mitleidens, und ich empfand ein wahres Vergnügen, als ich sie nach zwei Stunden ruhig und entschlossen sah, ihr Unglück wie eine Heldin zu tragen. Sie steht plötzlich auf, sieht mich mit einer Miene bescheidenen Vertrauens an und sagt: »Haben Sie nichts dringendes zu tun, was Ihre Gegenwart heute erfordert?« »Nein, meine Teure.« »Wohlan! so haben Sie die Güte mich irgendwohin außerhalb Paris zu führen, wo ich frische Luft atmen kann: ich werde dort das Aussehen wiederbekommen, welches Sie für nötig halten, um Teilnahme zu erregen, und wenn ich dann die Nacht ruhig schlafen kann, so werde ich wieder glücklich werden.« »Ich danke Ihnen für dies Vertrauen: ich werde mich ankleiden und wir wollen ausgehen. Unterdes wird Ihr Bruder zurückkommen.« »Was brauchen wir meinen Bruder?« »Wir brauchen ihn sehr nötig. Bedenken Sie, meine Teure, daß Sie Narbonne wegen seines Benehmens schamrot machen müssen. Bedenken Sie, daß er triumphieren würde, wenn er erführe, daß Sie an demselben Tage, wo er Sie weggeschickt hat, allein mit mir aufs Land gegangen sind, und daß er nicht unterlassen würde zu sagen, er habe Sie nur so behandelt, wie Sie es verdienten. Gehen Sie aber mit Ihrem Bruder und mir, Ihrem Landsmann, so werden Sie der bösen Nachrede und Verleumdung keinen Vorwand geben.« »Ich schäme mich, daß ich diese weise Betrachtung nicht gemacht habe. Wir wollen also warten, bis der Bruder zurückkommt.« Er kam bald zurück, und nachdem ich einen Fiaker hatte holen lassen, wollten wir gerade abfahren, als Baletti kam. Ich stellte ihn der jungen Person vor, und lade ihn ein mitzukommen. Er nimmt es an. Da ich keinen andern Zweck hatte als die junge Person zu erheitern, so nannte ich dem Kutscher Gros-Taillou, wo wir ein ausgezeichnetes improvisiertes Mittagsessen einnahmen und wo die Heiterkeit uns für die schlechte Bedienung entschädigte. Da Vesian seinen Kopf schwer werden fühlte, so machte er nach Tisch einen Spaziergang und ich blieb allein mit Fräulein Vesian und meinem Freund Baletti. Ich bemerkte mit Vergnügen, daß Baletti die junge Person liebenswürdig fand, und kam auf den Gedanken, ihm den Vorschlag zu machen, er möchte ihr im Tanzen Unterricht geben. Ich setzte ihm die Lage des Mädchens auseinander, erzählte die Veranlassung, welche sie nach Paris geführt, die geringe Hoffnung, die sie habe, eine Pension vom Könige zu erlangen, und die Notwendigkeit, in welcher sie sei, eine Beschäftigung zu finden, durch welche sie ihren Lebensunterhalt verdienen könne. Baletti erklärte sich zu allem bereit, und nachdem er die Anlagen und den Wuchs des jungen Mädchens geprüft, sagte er: »Ich werde schon Mittel finden, sie bei Lani als Figurantin in den Balletts der Oper anzubringen.« »Sie müssen also«, sagte ich, »morgen anfangen, ihr Unterricht zu geben. Das Fräulein ist meine Nachbarin.« Die junge Vesian, welcher dieser Plan sehr behagte, fing aus vollem Herzen zu lachen an und sagte: »Improvisiert man denn eine Operntänzerin wie einen ersten Minister? Ich kann eine Menuett tanzen und habe Gehör genug, um einen Contretanz tanzen zu können; sonst aber kann ich keinen Pas machen.« »Die meisten Figurantinnen wissen nicht mehr als Sie.« »Und was soll ich von Herrn Lani fordern? Denn, wie es mir scheint, kann ich keine großen Ansprüche machen.« »Nichts. Denn die Opernfigurantinnen werden nicht bezahlt.« »Dann bin ich ja so weit wie jetzt,« sagte sie seufzend, »und wovon soll ich leben?« »Kümmern Sie sich darum nicht. So wie Sie sind, werden Sie bald zehn reiche Herrn finden, welche sich um die Ehre streiten werden, dem Mangel des Honorars abzuhelfen. Ihre Sache wird es sein, eine gute Wahl zu treffen, und ich bin überzeugt, daß wir Sie bald strotzend von Diamanten sehen werden.« »Jetzt verstehe ich, Sie glauben, daß mich ein vornehmer Herr unterhalten wird?« »Richtig; und das will mehr sagen, als vierhundert Franks Gehalt, welche Sie auch nur durch dieselben Opfer erlangen können.« Verwundert schaut sie mich an, um sich zu überzeugen, ob dies Ernst und nicht ein schlechter Spaß wäre. Nachdem sich Baletti entfernt, sagte ich zu ihr, dies wäre das Beste, was sie tun könnte, wenn sie es nicht vorzöge, Kammerfrau einer vornehmen Dame zu werden. »Ich möchte nicht einmal Kammerfrau der Königin sein.« »Und Opernfigurantin?« »Eher.« »Sie lachen?« »Ja, weil es zum totlachen ist. Maitresse eines vornehmen Herrn, welcher mich mit Diamanten bedecken wird! Ich will den ältesten wählen.« »Vortrefflich meine Teure; aber geben Sie ihm keinen Anlaß zur Eifersucht.« »Ich verspreche ihm treu zu sein. Wird er aber meinem Bruder eine Anstellung verschaffen?« »Zweifeln Sie nicht daran.« »Wer wird mir aber zu leben geben, bis ich bei der Oper angenommen werde, und mein alter Liebhaber sich einstellt?« »Ich, meine Teure, mein Freund Baletti und alle meine Freunde, ohne anderes Interesse als das, Ihnen zu dienen und in der Hoffnung, daß Sie tugendhaft leben und wir Ihrem Glücke förderlich sind. Sind Sie davon überzeugt?« »Vollkommen überzeugt: ich habe mir vorgenommen, mich nur von Ihren Ratschlägen leiten zu lassen, und bitte Sie, immer mein bester Freund zu bleiben.« Wir kamen in der Nacht nach Paris zurück. Ich ließ die junge Vesian zu Hause und folgte Baletti zu seiner Mutter. Während des Abendessens fordert mein Freund Sylvia auf, mit Herrn Lani zugunsten unseres Schützlings zu sprechen. Silvia sagte, dies wäre besser, als eine elende Pension nachzusuchen, welche man vielleicht nicht einmal erhalten würde. Hierauf kam das Gespräch auf einen Gegenstand, welcher damals auf dem Tapet war und in dem Plane bestand, alle Figuranten- und Choristinnenstellen an der Oper zu verkaufen. Man gedachte sogar, sie zu einem hohen Preise loszuschlagen; denn man meinte, je teurer die Stellen würden, desto mehr würden die Mädchen, welche sie kauften, in Achtung stehen. Dieser Plan hatte mit Rücksicht auf die anstößigen Sitten der Zeit einen Anstrich von Vernunft, denn er würde eine Kaste veredelt haben, welche mit wenigen Ausnahmen auf ihre Verächtlichkeit stolz ist. Zu dieser Zeit waren bei der Oper mehrere Sängerinnen und Tänzerinnen, welche eher häßlich als niedlich zu nennen waren, welche kein Talent hatten und dennoch behaglich lebten; denn es steht fest, daß ein Mädchen, welches hier angestellt ist, auf alle Sittsamkeit verzichten muß, wenn sie nicht Hungers sterben will. Wenn aber eine Neueintretende geschickt genug ist, nur einen Monat sittsam zu bleiben, so ist ohne allen Zweifel ihr Glück gemacht; denn dann werfen nur die im Rufe der Sittsamkeit stehenden Herren ihre Netze nach dieser Sittsamkeit aus. Diese Art Leute sind entzückt, daß ihr Name genannt wird, wenn die Schönheit auftritt; sie verzeihen ihr sogar einige leichtsinnige Streiche, wenn sie sich nur das, was sie ihr geben, zur Ehre anrechnen und der Bruch der Treue nicht zu viel Aufsehen macht: es gehört übrigens zum guten Tone, nie bei einer Schönen zu speisen, ohne es ihr vorher anzeigen zu lassen, und man sieht wohl ein, wie vernünftig dieser Gebrauch ist. Gegen elf Uhr kam ich nach Hause, und da ich das Zimmer von Fräulein Vesian offen fand, so trat ich ein. »Ich werde aufstehen,« sagte sie, »denn ich will mit Ihnen sprechen.« »Lassen Sie sich nicht stören; wir können dennoch sprechen, und dann finde ich Sie auch so schön.« »Das freut mich.« »Was haben Sie mir denn zu sagen?« »Nichts, außer daß ich mit Ihnen von meinem künftigen Gewerbe sprechen will. Ich soll tugendhaft sein, um jemand zu finden, der die Tugend nur sucht, um sie zu zerstören.« »Das ist wahr; aber so verhält es sich mit fast allen Sachen im Leben. Der Mensch bezieht mehr oder weniger alles auf sich und jeder ist Tyrann nach seiner Weise. Es freut mich, daß Sie im Zuge sind, Philosoph zu werden.« »Wie fängt man es an, um es zu werden?« »Man denkt.« »Muß man lange denken?« »Das ganze Leben.« »Man wird also nie fertig?« »Nie; aber man kommt so weit man kann und verschafft sich die ganze Summe des Glücks, deren man fähig ist.« »Und wie macht sich dieses Glück fühlbar?« »Es macht sich fühlbar in allen Vergnügungen, welche der Philosoph sich verschafft, wenn er das Bewußtsein hat, sie sich durch seine Mühe verschafft zu haben, namentlich, wenn er sich der Menge von Vorurteilen entledigt, welche aus den meisten Menschen einen Haufen großer Kinder machen.« »Was ist das Vergnügen? und was versteht man unter Vorurteil?« »Das Vergnügen ist der wirkliche Genuß der Sinne; es ist die gänzliche Befriedigung, welche man ihnen in allem, was sie begehren, bewilligt; und wenn die erschöpften Sinne Ruhe fordern, entweder um Atem zu schöpfen oder um sich zu erholen, so wird das Vergnügen zur Phantasie; diese findet einen Genuß daran, über das Vergnügen nachzudenken, welches die Ruhe der Sinne ihr verschafft. Philosoph ist aber derjenige, welcher sich kein Vergnügen versagt, was nicht größere Unannehmlichkeiten zur Folge hat und welcher es aufzusuchen versteht.« »Und Sie behaupten, dies geschehe, indem man sich der Vorurteile entledigt. Sagen Sie mir also, was Vorurteile sind und wie man sich ihrer entledigt.« »Sie richten da eine Frage an mich, welche nicht leicht zu beantworten ist, denn die Moralphilosophie kennt keine größere, das heißt schwerer zu beantwortende Frage; auch dauert die Belehrung das ganze Leben. Ich werde Ihnen kurz sagen, daß man Vorurteil jede sogenannte Pflicht nennt, welche nicht in der Natur begründet ist.« »Das Hauptstudium der Philosophie muß also die Natur sein?« »Das ist ihre ganze Aufgabe, und der Gelehrteste ist derjenige, welcher sich am wenigsten täuscht.« »Welcher Philosoph hat sich Ihrer Ansicht nach am wenigsten getäuscht?« »Sokrates.« »Aber er hat sich getäuscht?« »Ja, in der Metaphysik.« »Darauf kommt es mir nicht an, denn ich glaube, daß er dies Studium unterlassen konnte.« »Sie irren sich, denn die Moral ist nur die Metaphysik der Physik; denn alles ist Natur, und ich erlaube Ihnen, jeden als Narren zu behandeln, der eine neue Entdeckung in der Metaphysik gemacht zu haben behauptet. Wenn ich aber fortführe, meine Teure, so könnte ich Ihnen dunkel erscheinen. Wir wollen nur langsam vorwärtsgehen. Denken Sie, haben Sie Grundsätze, welche vor einem richtigen Denken die Probe bestehen, und haben Sie immer Ihr Glück vor Augen, und Sie werden endlich glücklich werden.« »Ich ziehe die Lektion, welche Sie mir heute geben, der, welche Herr Baletti mir morgen geben wird, bei weitem vor; denn ich sehe voraus, daß ich mich in dieser langweilen werde, und ich langweile mich nicht bei Ihnen.« »Woran bemerken Sie, daß Sie sich nicht langweilen?« »Daran, daß ich wünsche, Sie möchten mich nicht verlassen.« »In Wahrheit, teure Vesian, nie hat ein Philosoph besser als Sie die Langeweile erklärt. Welches Vergnügen! woher kommt es, daß ich Lust habe, Ihnen dasselbe durch eine Umarmung zu erkennen zu geben?« »Ohne Zweifel; weil unsere Seele nur insoweit glücklich sein kann, als sie mit unsern Sinnen in Übereinstimmung bleibt.« »Wie, göttliche Vesian? Ihr Geist bezaubert mich.« »Sie sind es, teurer Freund, der ihn zur Blüte gebracht hat, und ich bin Ihnen so dankbar dafür, daß ich Ihren Wunsch teile.« »Wer hindert uns, einen so natürlichen Wunsch zu befriedigen? Umarmen wir uns also!« Welche philosophische Lektion! Wir fanden sie so angenehm, unser Glück war so vollkommen, daß wir uns noch bei Tagesanbruch umarmten, und erst als wir uns trennten, bemerkten wir, daß die Tür die ganze Nacht offengestanden hatte. Balletti gab ihr einige Lektionen, und sie wurde bei der Oper angenommen; aber sie figurierte hier nur zwei oder drei Monate und richtete sich sorgfältig nach den Vorschriften, die ich ihr beigebracht und die ihr überlegener Geist als die einzig guten erkannt hatte. Sie nahm keinen Narbonne mehr an und bekam endlich einen von allen andern sehr verschiedenen vornehmen Herrn, da dieser sie sogleich vom Theater wegnahm, was kein andrer getan haben würde, denn es gehörte nicht zum guten Tone der damaligen Zeit. Sie führte sich sehr gut auf und blieb bis zu seinem Tode bei ihm. Seitdem sie das Hotel de Bourgogne verließ, habe ich sie nicht wieder gesprochen. Wenn ich sie, mit Diamanten bedeckt, traf, so begrüßten unsre Seelen sich freudig; aber ich liebte ihr Glück zu sehr, als daß ich es hätte stören sollen. Ihr Bruder bekam eine Stelle, aber ich verlor ihn aus den Augen. Meine weiteren Abenteuer in der Stadt der Galanterie führten mich nur mit Kurtisanen zusammen. Allein ich hatte auch das Vergnügen, in einem dreizehnjährigen Mädchen, obwohl sie vor Schmutz starrte, eine vollendete Schönheit zu entdecken und sie in die richtigen Hände zu bringen, so daß sie in den berühmten Hirschpark Ludwigs des Fünfzehnten kam. Kurz danach begab ich mich auf Reisen, um Deutschland zu sehen.

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