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Erinnerungen an den Grafen Leo Tolstoi

Eugen Schuyler: Erinnerungen an den Grafen Leo Tolstoi - Kapitel 4
Quellenangabe
typebiography
authorEugen Schuyler
titleErinnerungen an den Grafen Leo Tolstoi
publisherVerlag von Otto Jahnke
editorL. A. Hauff
yearo.J.
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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IV.

Tolstoi beklagte tief den Tod Turgénjews, und wenn er von seiner zarten, liebenswürdigen Natur sprach, bedauerte er, daß dieser im höchsten Sinne so künstlerisch veranlagte und Rußland so ergebene Schriftsteller seine besten Jahre im Ausland verleben mußte, fern von den aufrichtigen Freunden und fern von der eigenen Familie.

»Er war bis zum Ende seines Lebens ein unabhängiger, forschender Geist,« sagte Graf L. N. Tolstoi über Turgénjew zu Danilewsky, »und ungeachtet unseres früheren, vorübergehenden Zwistes habe ich ihn immer hoch geschätzt und heiß geliebt. Das war ein wahrer, selbständiger Künstler, der sich nie dazu erniedrigte, mit Bewußtsein den vorübergehenden Erfordernissen des Augenblicks zu dienen. Er konnte irren, aber seine Irrtümer waren aufrichtig.« (Danilewskys Besuch in Jasnaja Poljana.)

* * *

Als ich Tolstoi half, seine Bibliothek in Ordnung zu bringen, fand es sich, daß die gesammelten Werke Auerbachs den ersten Platz auf dem ersten Brett einnahmen. Tolstoi nahm zwei Bände von »Ein neues Leben« heraus und sagte mir, ich solle sie beim Schlafengehen lesen als ein sehr bemerkenswertes Buch.

»Diesem Schriftsteller habe ich es zu verdanken,« fügte er hinzu, »daß ich darauf kam, eine Schule für meine Bauern zu eröffnen und mich für die Volksaufklärung zu interessieren. Als ich zum zweiten Mal nach Europa zurückkehrte, besuchte ich Auerbach, ohne meinen Namen zu nennen. Als ich ins Zimmer trat, sagte ich: ›Ich bin Eugen Baumann,‹ und als er mich zweifelnd ansah, beeilte ich mich hinzuzufügen: ›Nicht wirklich dem Namen nach, aber dem Charakter nach.‹ Dann sagte ich ihm meinen wahren Namen, und wie seine Werke mich zum Nachdenken veranlaßt, und wie gut sie auf mich eingewirkt haben.«

Ein Zufall veranlaßte mich im folgenden Winter einige Tage in Berlin zu verweilen, wo ich in dem gastfreundlichen Hause des amerikanischen Gesandten Bankroft das Vergnügen hatte, Auerbach zu treffen, mit dem ich während meines Aufenthalts in Berlin näher bekannt wurde. Im Gespräch über Rußland sprachen wir auch über Tolstoi, und ich erinnerte ihn an dessen Besuch.

»Ja,« sagte er, »ich erinnere mich recht wohl, wie ich erschrocken bin, als dieser seltsam aussehende Herr mir sagte, er sei Eugen Baumann. Ich befürchtete, er wolle mich mit einer Schmähschrift oder einer Verleumdung bedrohen.« –

»Ein neues Leben« führte uns natürlicherweise dazu, von den Bauernschulen zu sprechen, sowie überhaupt vom Bauernstand und von den Ergebnissen der Aufhebung der Leibeigenschaft. Der Graf sagte mir von einem Bauerndorf, das bei den umgestürzten Säulen der großen Parkpforte belegen sei.

»Die Häuser waren armselige, einstöckige Hütten,« – ich entnehme dies aus einem meiner Briefe, den ich damals in Jasnaja Poljana geschrieben habe, und welcher in der Evening Post in New York abgedruckt worden ist. »Sie waren meist aus Balken gebaut; steinerne Häuser wurden nicht für warm genug gehalten.

»Der Eingang war im Inneren des Hofes, auf dessen einer Seite der Stall für das Vieh und die Pferde, aus Flechtwerk und mit Stroh gedeckt, stand, während auf der anderen Seite eine Thüre in die Hütte führte, welche gewöhnlich aus einem Zimmer mit zwei kleinen Fensterchen besteht, mit Vorfenstern der Kälte wegen. Hier giebt es keine Decke, und das Zimmer ist offen bis zu dem die Hütte bedeckenden Strohdach. In manchen Hütten besteht der Fußboden aus Erde, meist aber aus Backsteinen oder Holz. Der große Backsteinofen unterhält die Wärme im Haus. Selten ist hier mehr als ein Stuhl zu finden, aber längs der Wände des Zimmers steht eine roh gezimmerte Bank. Hinter einem Schirm steht eine Art von Bett für den Herrn des Hauses und eine Wiege, das heißt, ein quadratförmiges Brett, das an vier Stricken hängt, welche an den vier Ecken angebunden, und durch Knoten verstärkt sind, ähnlich einer Wagschale. Hier in der einen Ecke ist ein Eckbrett befestigt, auf welchem das gewöhnliche Heiligenbild steht, mit einer kleinen brennenden Lampe davor. Außer hölzernem Geschirr sieht man keine Geräte, die Familien sind immer groß, und die Leute schlafen auf dem Ofen, auf der Bank oder auf dem Fußboden. Hier ist es gebräuchlich, daß junge verheiratete Familienglieder in den Scheunen oder auf dem Hof schlafen, sogar im Winter, obgleich sie dann am Morgen mit Schnee bedeckt sind. Im Norden Rußlands, wo es Wald im Überfluß giebt, haben die Bauern große und bessere Hütten und mehr Hausgerät, obgleich sie gegenwärtig ärmer sind. Alle Bauernhütten, die ich an der Wolga oder sogar zweihundert Kilometer weiter im Gouvernement Samara gesehen habe, wo der Wald so selten ist, daß man zum Heizen Dünger verwendet, sind bedeutend größer und bestehen gewöhnlich aus zwei oder sogar drei Zimmern, welche mehr Hausgerät enthalten. Man findet auch hübsche, geschnitzte Eckbretter für die Heiligenbilder und für irdene Geschirre.

»Eines Abends besuchte ich einen alten Bauern in einer dieser Hütten. Das Zimmer war von einem Kienspan erleuchtet, welcher hell brannte. Dieses schmale Stückchen Holz war mit drei Nägeln am oberen Teil eines Brettes befestigt, aber da jeder Kienspan nicht länger als zwei Minuten brennt, so mußte ein kleines Mädchen dieselben beständig erneuern. Die Asche wird in einem irdenen Geschirr gesammelt. Eine alte Frau webte grobe Leinwand mit einer rohen Maschine, ein alter Mann flocht gewandt Pantoffeln oder Schuhe aus Lindenbast, welchen die Bauern gewöhnlich dazu verwenden. Es war höchst interessant zu sehen, wie ein Bauer Wolle schlug. Er befestigte an der Wand ein großes, starkes Krummholz, das durch einen starken Strick zusammengezogen wurde. Er hielt den Strick in beständiger Bewegung, indem er mit einem schweren Holz mit Einschnitten auf die Wolle schlug. Bei jeder Schwingung erfaßte der Strick Wolle, riß sie aus und warf sie auf den Fußboden als schneeweiße Flocken wie Seifenwasser, sie war so schön ausgekämmt wie mit der Maschine.Ein ganz ebensolches Instrument wird im mittleren Asien zum Auskämmen der Baumwolle angewendet. (Der Verfasser.) Das war das Gewerbe dieses Bauern, welcher von Haus zu Haus ging und vielleicht anderthalb Rubel täglich verdiente, wenn er beständig Arbeit hatte. Die Ankunft eines Wollschlägers ist ein wahrer Feiertag im Hause, weil er gewöhnlich ein lustiger Bursche ist und zur Musik seiner gespannten Saite singt.

»Der Winter ist die geistige Saison für den russischen Bauern, wie für den Bauer in der ganzen Welt. Am 15. September fängt man an, Kerzen anzuzünden, und von dieser Zeit an arbeitet man abends, während die alten Weiber Märchen erzählen, und die jungen singen. Gewöhnlich versammeln sich die jungen Mädchen zum Singen und Spinnen, und jeden Abend gehen sie in ein anderes Haus. In dieser Hütte war ein sehr kluger Bursche von etwa vierzehn Jahren, welcher etwas von Amerika wußte und eine vortreffliche Elementarbildung besaß. Im Dorf gab es keine Kirche, aber auf halbem Wege von demselben bis zum nächsten Gut steht eine schöne, alte Kirche auf den Namen des heiligen Nikolai Muraweenik (Ameisenbär), so genannt nach einem wunderthätigen Bilde des heiligen Nikolai, das angeblich in einem Ameisenhaufen in der Nachbarschaft gefunden worden ist. Der Pope, sagte man mir, habe durchaus keinen Einfluß auf seine Herde, die Bauern sind gottesfürchtig, verehren aber mehr die Gutsbesitzer als die Geistlichen und unterwerfen sich dem Einfluß beider auf gut Glück. Hier wie in allen Dörfern, welche nahe der großen Straße liegen, ist die Sittlichkeit nicht gut; die Frauen werden frühzeitig demoralisiert durch vorübergehende Soldaten. Was die Trunkenheit betrifft, so ist sie nicht schlimmer und nicht besser als in anderen Dörfern. Die Bauern sind fast alle Fuhrleute, also Kutscher und Frachtfuhrleute, und haben die Mängel dieses Standes. Deshalb wird auch das ganze Land zum größten Teil durch die Weiber bearbeitet.«

Ich fragte den Grafen Tolstoi nach seiner Ansicht von dem Einfluß der Aufhebung der Leibeigenschaft auf das Volk. Er sagte, er sei einer der Verteidiger dieser Maßregel und einer der Ausführer derselben – ein »Friedensvermittler« – gewesen, jetzt aber (1868) glaube er, diese Maßregel sei verfrüht gewesen, sie sei nur nach theoretischen Ansichten ausgeführt worden und nicht wie im westlichen Europa auf Verlangen des Volks oder infolge zwingender Umstände. In Bezug auf die materielle Lage der Bauern glaube er, daß die Emancipation schädlich gewesen sei. Er schließe immer auf den Wohlstand eines Dorfes nach der Zahl der Haustiere und zählte diese immer, wenn er durch ein Dorf fuhr, aber er habe immer bemerkt, daß die Zahl sich beständig verringere. Seine Bauern haben drei Dessjätinen Land auf die Seele in gemeinsamem Besitz und bezahlen dafür an Abgaben drei Rubel von der Dessjätine, sie haben das Recht, dieses Land zu fünfzig Rubel für die Dessjätine zu kaufen und können sogar Land für dreißig Rubel kaufen, aber soviel er wisse, habe kein einziger Bauer in seinem Kreis Land gekauft und sich darauf angesiedelt, wie in anderen Dörfern, obgleich viele derselben keinen Mangel an Mitteln haben. Die Bauern arbeiten gern so wenig als möglich und ziehen es vor, den größten Teil ihrer Zeit in den Schenken zuzubringen. Unglücklicherweise waren gerade zur Zeit der Aufhebung der Leibeigenschaft die Preise der Getränke sehr niedrig, wodurch die Trunksucht befördert wurde. Jetzt schlägt man vor, die Preise aufs neue zu erhöhen und den Branntweinhandel zu beschränken.

Da ein Roman Auerbachs die Gedanken Tolstois besonders auf den Unterricht des Volks richtete, so entsprach er durch die Eröffnung der Schulen nur dem Zeitgeist – die Philanthropie war damals in Mode – zur Befriedigung seiner eigenen persönlichen Wünsche, Gutes zu thun, Wünsche, wie sie allen liberalen Leuten zu jener Zeit der Emancipation gemeinsam waren. Im Jahre 1862 bestanden in diesem kleinen Kreis von ungefähr zehntausend Einwohnern etwa vierzehn gute Schulen außer zehn kleinen, wo die Kirchendiener oder alte Soldaten unterrichteten, oder welche nur für die Kinder der Hofleute verschiedener Güter bestimmt waren.

Die von Tolstoi gegründete Schule befindet sich in einem zweistöckigen, steinernen Haus auf seinem Gute, das von dem Dorf durch eine kleine Schlucht getrennt ist. Sie wurde morgens und abends geöffnet und hatte im Durchschnitt etwa vierzig Schüler, Knaben und Mädchen. Einige kamen von weit her aus anderen Dörfern; diese wurden dadurch angezogen, daß der Unterricht ein freier war, und daß die Schule einen guten Ruf besaß. In ihrem letzten Jahr waren vier Lehrer vorhanden, aber Tolstoi unterrichtete oft selbst – eine Zeitlang brachte er dort alle seine Abende zu – in der russischen Sprache und besonders in der biblischen Geschichte, im Gesang und Zeichnen, da er damals Musik und Kunst leidenschaftlich liebte. Diese Schule blühte etwa drei Jahre und starb eines natürlichen Todes, weniger wegen Mangel an Interesse von seiten Tolstois, als deshalb, weil jedes Kind im Dorf, das nur hundertfünfzig Einwohner hatte, lesen und schreiben gelernt und alle anderen Kenntnisse erlangt hatte, welche für die Wirtschaft genügend erschienen, und demzufolge zu wenig neue Schüler kamen, als daß es gelohnt hätte, die Schule zu unterhalten. Ein Jahr lang krankte die Schule und wurde dann geschlossen. Wahrscheinlich infolge einer mißverständlichen Auslegung einer Verfügung des Ministers der Volksaufklärung wurde verboten, neue Schulen zu errichten, wenn die Zahl der Schüler der Regierung ungenügend erschien.

In Verbindung mit dieser Schule gab Tolstoi ein kleines Journal heraus unter dem Titel: »Jasnaja Poljana«, in welchem er sowohl die Schule selbst, als die darin angenommene Lehrmethode beschrieb, sowie auch Ansichten über die Bildung überhaupt und Proben von Werken und Aufgaben für die Schüler mitteilte. Diese Zeitschrift, von der er ein Exemplar für mich zusammensuchte, ist jetzt eine Seltenheit geworden, aber einige Teile derselben nebst Abhandlungen, welche in zwei Journalen gedruckt wurden, sind jetzt im vierten Band seiner gesammelten Werke enthalten. Drei Aufsätze, welche die Schule im November und Dezember 1862 beschrieben, sind ins Französische übersetzt worden und werden mit Vorteil auch von denjenigen gelesen werden, welche sich für Unterricht durchaus nicht interessieren – weil sie Schilderungen der Kinder und des Lebens in einem russischen Dorf enthalten, die den besten Romanen Tolstois gleichkommen. Es sind auch interessante längere Abhandlungen darin enthalten, welche noch nicht übersetzt sind, aber weniger Bedeutung für uns haben, die wir in einer ganz vorzüglichen Phasis der Civilisation leben.

Höchst interessant ist, was Tolstoi selbst über seine schriftstellerische und pädagogische Thätigkeit sagt in seinem Buch »Meine Beichte« Seite 18:

»Als ich aus dem Auslande zurückkehrte und mich auf meinem Gut niederließ, verfiel ich darauf, mich mit den Bauernschulen zu beschäftigen. Zu dieser Wirksamkeit fühlte ich besondere Neigung, weil darin nichts von jenem mir bereits offenbar gewordenen Trug lag, welcher mir schon während meiner schriftstellerischen Lehrthätigkeit klar geworden war. Hier wirkte ich nur im Namen des Fortschrittes. Aber ich verhielt mich bereits kritisch gegen den Fortschritt selbst. Ich sagte mir selbst, daß der Fortschritt selbst in einigen seiner Erscheinungen nicht folgerichtig vor sich ging, und daß ich hier mit Naturmenschen, mit Bauernkindern in vollkommener Unbefangenheit umzugehen habe, indem ich ihnen überlasse, jenen Weg des Fortschritts zu wählen, der ihnen zusagt.

»In Wirklichkeit aber quälte ich mich immer noch mit einer und derselben unlöslichen Aufgabe ab, welche darin bestand, zu lehren, ohne zu wissen, was. In den höchsten Sphären der litterarischen Thätigkeit hatte ich begriffen, daß man nicht lehren kann, ohne zu wissen, was man lehrt, weil ich sah, daß alle Verschiedenartiges lehrten und durch ihre Streitigkeiten unter sich nur ihre Unwissenheit vor sich selbst verbergen wollten. Hier aber, bei den Bauernkindern, glaubte ich, diese Schwierigkeit dadurch umgehen zu können, daß ich es den Kindern überließ, zu lernen, was sie wollten.

»Jetzt denke ich mit Lachen daran zurück, wie ich lavierte in Verfolgung des Ziels meiner Laune, zu lehren, obgleich ich in der Tiefe meines Herzens sehr wohl wußte, daß ich nichts von dem lehren könne, was notwendig ist. Nachdem ich mich ein Jahr lang mit der Schule beschäftigt hatte, reiste ich aufs neue ins Ausland, um zu erforschen, wie es möglich sei, andere zu lehren, ohne selbst etwas zu wissen.

»Und das glaubte ich im Auslande gelernt zu haben. Ausgerüstet mit dieser großen Weisheit kehrte ich im Jahre der Aufhebung der Leibeigenschaft nach Rußland zurück, nahm die Stelle eines Friedensvermittlers an und unternahm es, das ungebildete Volk in den Schulen und die Gebildeten durch das Journal zu belehren, das ich herauszugeben begann.

»Die Sache schien gut zu gehen. Aber ich empfand, daß ich geistig nicht ganz gesund war, und daß das nicht lange so fortdauern könne. Und ich wäre vielleicht damals schon in jene Verzweiflung geraten, welche mich mit fünfzig Jahren überfiel, ohne jene Seite des Lebens, welche von mir noch nicht erprobt worden war und mir Rettung versprach, nämlich das Familienleben.

»Während eines Jahres widmete ich mich meinem Amte als Friedensvermittler, sowie der Schule und den Journalen und quälte mich so ab, daß ich ganz verwirrt wurde, so schwer wurde mir der Kampf zur Versöhnung der Parteien als Schiedsmann, so trüb erschien mir meine Thätigkeit in den Schulen, so widerlich wurden mir die Winkelzüge eines Redakteurs, welche immer in demselben bestanden, in dem Wunsche, alle zu lehren und das zu verbergen, daß ich nicht wußte, was ich lehren sollte, so daß ich endlich mehr geistig als physisch erkrankte, alles von mir warf und in die Steppe zu den Baschkiren fuhr, um frische Luft zu atmen, Kumys zu trinken und mein tierisches Leben zu pflegen.

»Von dort zurückgekehrt, heiratete ich. Die neuen Umstände eines glücklichen Familienlebens zogen mich ganz ab von allem Forschen nach dem allgemeinen Sinne des Lebens. Mein ganzes Leben konzentrierte sich zu jener Zeit auf die Familie, die Frau, die Kinder und demzufolge auch auf die Sorge um die Vermehrung der irdischen Güter. Das Streben nach der Vervollkommnung, welches schon früher durch das Streben nach dem Fortschritt, überhaupt nach dem ›Progreß‹, ersetzt worden war, wurde jetzt ganz einfach durch das Streben danach verdrängt, mir das Leben in der Familie so angenehm als möglich zu machen.

»So vergingen noch fünfzehn Jahre.

»Obgleich mir die Schriftstellerei in diesen fünfzehn Jahren als Nichtigkeit erschien, fuhr ich doch fort, zu schreiben. Ich hatte bereits die Süßigkeiten des schriftstellerischen Ruhms, beträchtlicher Geldeinnahmen und des Beifalls für unbedeutende Arbeit gekostet und widmete mich demselben als Mittel, um meine materielle Lage zu verbessern und um alle meine Fragen nach dem Sinne des Lebens überhaupt und des meinigen im besonderen in meinem Herzen zu übertäuben.

»Ich schrieb, indem ich das lehrte, was für mich die einzige Wahrheit blieb, daß man nämlich so leben müsse, daß man sich selbst mit der ganzen Familie so behaglich als möglich befinde.«

* * *

So schildert Tolstoi selbst, wie sein Zustand war, als ich ihn in Jasnaja Poljana besuchte.

Die Schule Tolstois war in vielen Beziehungen frei, weil durchaus kein Versuch gemacht wurde, Ordnung oder Disciplin einzuführen und nur solche Gegenstände gelehrt wurden, welche die Schüler interessierten und nur so weit als dieses Interesse dauerte. Die große Frage war nach seiner Meinung: Wie soll man lehren oder was kann man lehren?

»Zur Lösung dieser Frage half mir eine Art von pädagogischem Takt, den ich besonders infolge meines Eifers für die Sache besaß.

»Indem ich sogleich in die engsten, persönlichen Beziehungen zu vierzig kleinen Menschen trat, welche meine Schüler bildeten, (ich nenne sie kleine Menschen, weil ich fand, daß in ihnen dieselben Züge von Scharfblick und ein großes Verständnis des praktischen Lebens, sowie Heiterkeit, Einfachheit und Frühreife waren, welche im allgemeinen dem russischen Bauer eigen sind) indem ich ihre Eindrucksfähigkeit und ihre Willigkeit zur Erlangung der Kenntnisse, deren sie bedürfen, beobachtete, fühlte ich sogleich, daß die alte kirchliche Lehrmethode sich überlebt hatte und folgte ihr nicht. Darauf versuchte ich die Methode, welche von pädagogischen Schriftstellern, besonders deutschen, empfohlen wurde, und fand, daß sie sich nicht eignete und – besonders wo man sich bemühte, durch die Anschauung oder das Gehör zu unterrichten – nicht nach dem Geschmack der Schüler war, welche oft darüber lachten. Der Zwang widersprach meinen Ansichten und wenn ich fand, daß der Gegenstand nicht gefiel, so suchte ich etwas der Art, was die Schüler gern lernten. Zu gleicher Zeit versuchte ich auch, auf welchem Wege man diese Gegenstände am besten lehren könnte. Diejenigen, welche meine Schule persönlich kennen gelernt haben, haben sie gut geheißen und sich einige meiner Vorstellungen angeeignet, welche ich zuweilen sehr ausführlich in der von mir zu diesem Zweck gegründeten Zeitschrift erörterte, aber ich muß gestehen, daß es mich verdroß, – ich war damals jünger – daß meine Ideen nicht angenommen wurden, sowie daß diejenigen, welche offiziell berufen waren für die Interessen der Bildung, es nicht der Mühe wert fanden, sie zu widerlegen, sondern sich vollkommen gleichgültig gegen dieselben verhielten.«

Am meisten nahm seine Aufmerksamkeit in Anspruch das Bestreben, die beste Methode zu finden, um die Kinder das Lesen zu lehren. Er fragte mich viel nach den neuen Methoden, welche in Amerika angewendet wurden, und auf seine Bitte konnte ich ihm eine hübsche Auswahl amerikanischer Elementarbücher zum Lesenlernen verschaffen. In einem derselben war die Aussprache verschiedener Vokale und einiger Konsonanten anschaulich durch Buchstaben vorgestellt, welche im allgemeinen den gewöhnlichen Buchstaben ähnlich waren, aber mit besonderen unterscheidenden Abänderungen, welche sogleich dem Auge auffielen. Diese Bücher versuchte Tolstoi bei Anfertigung seines Abc-Buchs anzuwenden, auf das er viel Zeit verwendete, dessen Gebrauch in der Schule aber von dem Minister der Volksaufklärung verboten wurde.

Tolstoi war nicht einverstanden mit den Prüfungen oder auch nur mit den individuellen Wiederholungen, wenigstens für russische Bauernkinder. Er schien eine Art von arabischer oder überhaupt orientalischer Methode für alle Schüler vorzuziehen, welche zu gleicher Zeit aufsagten. Seine Bemühungen beim Unterricht in der Geschichte und der Geographie waren gänzlich ungenügend, wie er auch wenig Erfolg hatte bei der Anwendung der Lehrbücher von Peter Parley, welche vor fünfzehn Jahren ins Russische übersetzt wurden.

»Indem ich die Geschichte vortrug und die russischen patriotischen Gefühle erweckte, welche rasch bis zur Aufregung gelangten, sah ich nicht die Notwendigkeit ein, die Knaben Geschichte und Geographie zu lehren vor ihrem Eintritt in die Universität. Ich sehe darin sogar einen großen Schaden. Später – mag sein.«

Eine Ausnahme machte er jedoch für die heilige Geschichte und die Bibel überhaupt, besonders das Alte Testament. Ich kann mir nicht versagen, den Schluß einer der interessantesten Stellen seiner Bemerkungen über die Bibel anzuführen:

»Damit der Schüler sich ganz dem Lehrer hingeben kann, muß man ihm eine Seite jenes Schleiers aufdecken, welcher ihm das ganze Entzücken jener Welt des Gedankens, des Wissens und der Poesie verbarg, in die ihn die Lehre einführen soll. Welche Mittel aber haben wir dazu, um vor den Schülern diesen Saum des Vorhangs aufzuheben? Wie ich schon sagte, ich dachte wie viele denken, es werde mir leicht sein, das zu thun, da ich mich selbst in der Welt befand, in die ich die Schüler einführen sollte und ich lehrte Lesen und Schreiben, ich erklärte die Erscheinungen der Natur und erzählte, wie in den Abc-Büchern, die Früchte der Lehre seien süß – aber die Schüler glaubten mir nicht und entfremdeten sich immer mehr. Ich versuchte, ihnen die Bibel vorzulesen und damit beherrschte ich sie vollständig. Der Saum des Vorhangs war aufgehoben und sie gaben sich mir ganz hin, sie liebten das Buch, die Lehre und mich; ich hatte sie nur weiter zu leiten. Vielleicht war das ein Zufall, vielleicht wären dieselben Resultate erzielt worden, wenn ich auf andere Weise, in einer anderen Schule angefangen hätte – vielleicht – aber dieser Zufall wiederholte sich mit zu großer Beständigkeit in allen Schulen, in allen Familien und die Erklärung dieser Erscheinung ist für mich zu klar, als daß ich ihre Zufälligkeit anerkennen möchte. Um dem Schüler eine neue Welt aufzudecken und, ohne daß er Kenntnisse besitzt, ihn dazu zu bringen, die Kenntnisse zu lieben, giebt es kein besseres Buch als die Bibel. Ich sage das sogar für diejenigen, welche die Bibel nicht als Offenbarung ansehen. Wenigstens kenne ich kein Geistesprodukt, das in so gedrängter, poetischer Form alle jene Seiten des menschlichen Gedankens in sich vereinigt, wie sie die Bibel in sich vereinigt. Alle Fragen der Naturerscheinungen werden durch dieses Buch erklärt, alle die ursprünglichen Beziehungen der Menschen unter sich, der Familie, des Staats, der Religion, werden zum ersten Mal nach diesem Buch begriffen. Die Verallgemeinerung der Gedanken, die Weisheit in kindlich einfacher Form erfaßt zum ersten Mal den Geist des Schülers mit seinem Zauber, der Lyrismus der Psalmen Davids wirkt nicht nur auf den Geist der erwachsenen Schüler, sondern außerdem erkennt jeder aus diesem Buch zum ersten Mal den entzückenden Reiz des Epos in seiner unnachahmlichen Einfachheit und Kraft.

»Wer hat nicht über die Geschichte Josephs und über seine Begegnung mit seinen Brüdern geweint? Wer hat nicht unter atemloser Spannung die Geschichte des gebundenen und kurz geschorenen Simson erzählt, welcher, um sich an seinen Feinden zu rächen, selbst unterging und sich mit ihnen unter den Trümmern des einstürzenden Tempels begrub. Noch hunderte solcher Eindrücke haben wir empfangen wie mit der Muttermilch.

»Mögen diejenigen, welche die erziehende Bedeutung der Bibel leugnen, welche sie veraltet nennen – mögen sie ein solches Buch ersinnen und solche Erzählungen, welche die Erscheinungen der Natur erklären, entweder aus der allgemeinen Geschichte oder aus der Phantasie, welche ebenso aufgenommen würden wie die biblischen – und dann werden wir zugestehen, daß die Bibel veraltet sei . . . Ich bleibe bei meiner Überzeugung, welche vielleicht aus einseitiger Erfahrung hervorging. Ohne die Bibel ist in unserer Gesellschaft die Entwicklung des Kindes und des Menschen undenkbar, ebenso wie sie ohne Homer in der griechischen Gesellschaft undenkbar wäre. Eine allgemein verständliche Übersetzung der Bibel wäre das beste Volksbuch, das Erscheinen einer solchen Übersetzung in unserer Zeit würde eine Epoche in der Geschichte des russischen Volks bilden.«

An einer anderen Stelle sagt er über die Mittel, den Kindern Liebe zum Unterricht einzuflößen und über die Art, wie ihre Empfindungen nach und nach auf ihre Familie einwirken, folgendes:

»Ein Vater erzählte mir, wie er einmal eine ganze Kerze verbrannt habe, indem er sie über das Buch seines Sohnes hielt und sowohl das Buch als den Sohn lebhaft belobte. Das war das Neue Testament.«

In den belehrenden Werken Tolstois, von welchen ein großer Teil 1862 geschrieben worden ist, findet sich ein zufälliger Paragraph, der die letzte Phasis des Grafen Tolstoi vorher bezeichnet, und in einer Abhandlung, die er nicht später als 1865 geschrieben hat, gesteht er, daß er sich an alles das hält, was früher gesagt wurde. Unter anderem bemerkte er:

»Es ist auch möglich, daß das Volk unsere litterarische Sprache nicht begreift und nicht begreifen will, weil ihm nichts daran liegt, weil unsere ganze Litteratur für dasselbe nicht geeignet ist und es selbst seine Litteratur für sich ausarbeitet.«

Über die Frage: Soll man die Bauern über die Kunst belehren, sagte er:

»Jedes Kind des Volks hat dieselben Rechte – was sage ich – noch größere Rechte auf die Genüsse der Kunst, als wir, die Kinder eines glücklicheren Standes, welche sich nicht in der Notwendigkeit befinden, beständig zu arbeiten und mit allen Bequemlichkeiten des Lebens umgeben sind.

»Das Volk des Rechts und der Genüsse durch die Kunst zu berauben, mich, den Lehrer, des Rechts zu berauben, es in jenes Gebiet edler Genüsse einzuführen, nach welchen sein ganzes Wesen mit allen Seelenkräften verlangt – es wäre eine noch größere Sinnlosigkeit. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, daß alles, was wir auf diesen beiden Gebieten gethan haben, alles auf falschem, ausschließlichem Wege gethan wurde, der keine Bedeutung und keine Zukunft hat und im Vergleich mit jenen Anforderungen und selbst mit den Produkten derselben Künste, deren Proben wir im Volk finden, bedeutungslos ist. Ich habe mich davon überzeugt, daß die lyrische Poesie, wie zum Beispiel: ›Ich erinnere mich des wundervollen Augenblicks,‹ die Erzeugnisse der Musik, wie die letzte Symphonie Beethovens – nicht so unbedingt und überwältigend schön sind, als die Lieder von ›Wanka dem Aufseher‹ und das Lied von der ›Wolga, unser Mütterchen‹. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, daß Puschkin und Beethoven uns nicht deshalb gefallen, weil in ihnen absolute Schönheit herrscht, sondern weil wir ebenso verdorben sind, wie Puschkin und Beethoven, weil sie in gleicher Weise unserer Reizbarkeit und unserer Schwachheit schmeicheln.«

 


 

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