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Erinnerungen an den Grafen Leo Tolstoi

Eugen Schuyler: Erinnerungen an den Grafen Leo Tolstoi - Kapitel 1
Quellenangabe
typebiography
authorEugen Schuyler
titleErinnerungen an den Grafen Leo Tolstoi
publisherVerlag von Otto Jahnke
editorL. A. Hauff
year
firstpub
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080525
projectid4d509888
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I.

In dem gastfreundlichen Hause des hochgebildeten Fürsten Odojewsky in Moskau sah ich zum ersten Mal den Grafen Leo Tolstoi bei einer Abendgesellschaft im Jahr 1868. Er war damals eifrig beschäftigt, Material für seinen Roman »Krieg und Frieden« zu sammeln, das ihm zum Teil auch die Damenwelt Moskaus lieferte.

Ich fühlte mich sogleich sehr angezogen von seinem Wesen und bat die Fürstin, mir Gelegenheit zu geben, öfter mit ihm zusammenzutreffen.

»Das ist unnütz,« erwiderte die Fürstin lachend, »Sie werden nichts aus ihm herausbringen, er ist sehr scheu und zurückhaltend.«

Ich ließ mich durch die Bemerkung der Fürstin nicht abschrecken und begab mich am anderen Tag zum Grafen Tolstoi, den ich, umgeben von Büchern und Papieren, in einer kleinen Wohnung fand, die ihm ein Freund überlassen hatte. Er war keineswegs ein Bär, im Gegenteil erschien er mir außerordentlich liebenswürdig. Unsere Bekanntschaft wurde dauernd; er schlug mir vor, eine Reise nach den Ländern südöstlich von Orenburg, an der Grenze Asiens, zu machen. Nicht nur rüstete er mich mit Briefen an seine verschiedenen Verwandten und Freunde aus, sondern er lud mich auch dringend ein, im Herbst auf sein Gut zu kommen und dort zu bleiben, so lange es mir gefalle und so lange ich seine Gewohnheiten ertragen könne.

Gegen Ende des Sommers wurde diese Einladung wiederholt.

So kam es, daß ich Sonnabend den 3. Oktober 1868 um fünf Uhr abends Moskau verließ und mit dem einzigen passenden Zug der kürzlich eröffneten südlichen Eisenbahn, an Tula, dem russischen Birmingham und Sheffield, vorüber, ungefähr zweihundert Kilometer von Moskau nach Süden fuhr. Um zwei Uhr nachts kam ich in Jasnaja Poljana an.

Das schöne Wetter, mit dem wir von Moskau abgefahren waren, verwandelte sich in einen trübeligen Regen. Der Wagen des Grafen wartete auf der Station Jassenki, aber der Regen strömte so stark herab und es war so dunkel, daß wir anderthalb Stunden brauchten, um die sechs Kilometer zurückzulegen, die uns noch von Hause in Jasnaja Poljana trennten. Endlich näherten wir uns einer großen, steinernen Säule und bogen in eine Allee ein. Ein Diener erwartete mich im Hause und begleitete mich durch labyrinthartige Gänge in mein Zimmer, wo ich einen gedeckten Tisch vorfand. Ich aß mit Vergnügen und erwärmte mich mit Thee. Man sagte mir, es sei schon sehr spät und ich solle nicht vor elf Uhr erscheinen, der gewöhnlichen Stunde für den Morgenkaffee.

Das mir angewiesene Zimmer lag an der anderen Ecke des niederen, ersten Stockwerks. Um zum Grafen zu kommen, mußte ich durch sein Kabinett gehen, aber, wie ich am andern Tag fand, war ich nahe bei einer Treppe und konnte ungeniert in den Salon und das Speisezimmer gelangen.

In einer Ecke stand ein Glasschrank voll mit Heiligenbildern, oder, wie man sie hier nennt, Ikonen alten Stils, welche augenscheinlich vor dem Auftreten des Raskol (Sektenwesen) gemalt worden und mit kostbaren Edelsteinen besetzt waren, sowie auch von Kreuzen, Rosenkränzen und Reliquien, so daß meine Neugierde stark erregt wurde. Später erfuhr ich, daß dies das Zimmer der Generalin Juschkow, einer Tante des Grafen, war, welche ihn schon in früher Jugend in Obhut genommen hatte und noch immer bei ihm lebte.

Am anderen Morgen um elf Uhr erschien ich im Salon und wurde mit den Familiengliedern bekannt gemacht. Die Gräfin Sophia Andrejewna, eine hochgewachsene und schlanke, bezaubernd schöne Dame von ungefähr vierundzwanzig Jahren, war die Tochter eines deutschen Moskauer Arztes Bors, welcher damals die Stelle des obersten Militär-Medizinalinspektors in Tula einnahm. Ich fand drei Kinder, Sergee oder schmeichelnd Sereschenka genannt, einen hübschen, niedlichen Knaben von fünf Jahren, dann ein kleines Mädchen mit großen Augen, wie ihre Mutter, welche Tanja genannt wurde, ein Schmeichelwort für Tatjana, und einen kleinen Knaben Ilja oder Iljuschka. Auch eine alte englische Gouvernante war zugegen. Der Graf trug eine graue Bluse mit Aufschlägen und Gürtel, halb einer Jagdjacke, halb einem Bauernhemd ähnlich. Das war sein gewöhnliches Kostüm auf dem Gut.

Das Gespräch in der Familie wurde gewöhnlich in englischer Sprache geführt, wenigstens in Anwesenheit der Kinder. Die Kinder erhielten Kaffee und Brot mit Butter zugleich mit uns oder später. Der Graf und ich rauchten, sprachen, spielten ein oder zwei Stunden Klavier, und so war es immer, wenn der Regen nicht erlaubte, das Haus zu verlassen. Plötzlich klärte sich das Wetter wie durch Zauber auf und wir konnten hinausgehen und die Umgegend besichtigen.

Jasnaja Poljana, dessen Mitte aus offenem Feld besteht, hat etwa hundertfünfundzwanzig Dessjätinen, von welchen der größte Teil immer bebaut wurde. Aber da die Erde nicht fruchtbar ist und sich im Vergleich mit der reichen, schwarzen Erde arm erwies, welche sechs Kilometer weiter nach Süden beginnt, da ferner die kürzlich eröffnete Eisenbahn die Preise des Getreides erniedrigte, welches aus viel besseren Gegenden von der Eisenbahn herbeigeführt werden konnte, und da der Arbeitslohn an dieser Stelle zu hoch war, um Bauern als Fuhrleute oder Knechte einzustellen, so gab Graf Tolstoi den Anbau von Weizen und Roggen auf und pflanzte auf dem ganzen Gut Birkenbäume. Das wird nach seiner Berechnung nach Verlauf von zwanzig Jahren einen großen, sicheren Gewinn abwerfen, wenn das Aushauen sorgfältig nach dem französischen System ausgeführt wird; dadurch glaubt er, seinen Kindern das Gut einträglicher hinterlassen zu können, als er es selbst geerbt hatte.

Das Haus steht auf einer kleinen Anhöhe, am Ende einer prächtigen Birken- und Lindenallee. Hinter dem Hof und den Ställen beginnt Wald und Feld. Ein Gewächshaus war vor einem oder zwei Jahren erbaut worden und seit dieser Zeit wurde der Blumengarten aufgegeben.

Das alte Herrenhaus, welches einst ein schönes Gebäude gewesen war, drohte einzustürzen und mußte abgebrochen werden; die Familie wohnte in einem der Flügel. Alle großen Häuser in Rußland, sowohl auf dem Lande als in den Städten, wurden früher mit zwei oder drei gesonderten Flügeln gebaut, welche sich immer dann als nützlich und bequem erwiesen, wenn eine ganze Familie mit einem halben Dutzend Dienstboten auf drei Monate zu Gast kam.

Um fünf Uhr gingen wir zu Tisch, worauf man sich bis zehn Uhr mit Musik und Gespräch unterhielt. Dann wurde ein leichtes Abendessen aufgetragen, nach welchem der Graf mich in sein Kabinett einlud, wo mir bis ein oder zwei Uhr im Gespräch zubrachten.

Der folgende Tag wurde ebenso verbracht. Es ist unmöglich, zu beschreiben, wie die Wochen vergingen, in anregender Gesellschaft und Unterhaltung, während das schöne Oktoberwetter oft zu Ausflügen einlud.

Tolstoi war damals schon mit dem letzten Teil von »Krieg und Frieden« beschäftigt, konnte aber doch nur wenig Zeit dem Schreiben widmen. Damals, wie früher immer, war Tolstoi ein großer Freund des Sports. Jeden Morgen fand ich ihn, nachdem er sich mit Tagesanbruch und zuweilen noch früher erhoben hatte, ohne Rücksicht darauf, um welche Stunde er sich in der vorhergehenden Nacht niedergelegt hatte, auf dem Wege zur Jagd in den Wäldern, mit Gewehr und Hund. Damals war eben die Jagdsaison, aber ein starker Regen hatte für einige Zeit die Rebhühner verjagt, von welchen eine Menge nicht weit vom Hause sich aufhielt, wo einst ein Park gewesen war.

Dieser Lust am Sport verdanken wir nicht nur die ganze Geschichte »Die Kosaken«, sondern auch einige andere Erzählungen, sowie die besten Seiten in »Krieg und Frieden« und »Anna Karenina«, da die Jagd und die Kriegszüge von Tolstoi so beschrieben wurden, wie er sie selbst gesehen hatte. Als ich ihn ein- oder zweimal begleitete, konnte ich den starken Realismus dieses Sports sehen und jetzt hat dies für mich ein besonderes Interesse als Erinnerung an meinen Besuch in Jasnaja Poljana. Da ich einen angeborenen Widerwillen gegen Feuerwaffen habe und niemals in einem Lande gelebt habe, wo das Wild in solchem Überfluß vorhanden ist und die Jagd eine Notwendigkeit ist, wie in England, so war ich auch niemals zuvor mit dem Gewehr im Arm in den Wald gegangen. Ich war überzeugt, daß ich das zum ersten und letzten Mal thue, nicht deshalb, weil es mir nicht gefiel, sondern weil sich mir eine ähnliche Gelegenheit niemals wieder bieten werde.

Ich werde niemals meinen ersten Jagdzug vergessen. Es war ein heißer, schöner Tag, wie der, an dem ich jetzt schreibe an der Riviera. Wir fuhren zwanzig Werst weit im offenen Wald, wo wir Hasen schießen wollten. Dort kam der nächste Nachbar, Herr Bibikow, zu uns, den wir fast jeden Tag sahen.

Vielleicht deshalb, weil Tolstoi eine so bemerkenswerte Persönlichkeit ist, kann ich mich Herrn Bibikows wenig mehr erinnern, ich weiß nur, daß er ein angenehmer, gastfreundlicher Gutsbesitzer ist, welcher ein gutes Haus und eine angenehme Familie hatte. Ich erinnere mich auch noch unbestimmt, wie er aussah.

Jede Gruppe führte ein oder zwei Hunde, welche die Hasen aufjagen und längs des Weges bis zum Walde treiben sollten, so daß sie bei uns vorüberkommen mußten, während wir in unbedeutender Entfernung in kleinen Verstecken saßen oder standen, welche augenscheinlich zu diesem Zweck vorbereitet waren. Dazu wurden gewöhnlich ein Baumstumpf oder Holzscheite so aufgestellt, daß sie als Sitz dienen konnten.

Meine Ausflüge in den Wald waren bisher nur botanischer Natur gewesen und außer einem merkwürdigen Vogel oder Insekt beobachtete ich nur Bäume, Gebüsche und den Boden und suchte seltene Pflanzen, Moose und Pilze. Es war mir neu, so still dazusitzen mit gespannten Blicken, horchend auf das verschiedenartige Geräusch im Walde und darauf zu achten, ob Zweige oder Blätter fielen – damals begannen eben die Blätter zu fallen, aber nicht eins von ihnen, selbst nicht die Ahorn- und Eichenblätter hatten eine so helle Farbe wie bei uns – dann auf jedes Geräusch zu achten, das die Vögel verursachen, über unbekannte Töne nachzudenken und nach den Bewegungen der Hasen zu horchen.

Damals verlebte ich eine der angenehmsten Viertelstunden meines Lebens. Die geistige Spannung, die Erwartung schien in mir ein neues Gefühl zu erregen. Einsam, obgleich in Hörweite von meinen Genossen, wußte ich nicht, wo sie sich befanden, da meine Stelle früher als die der andern bezeichnet worden war. Endlich hörte ich, wie die Hunde durch den Wald liefen, und ich konnte nicht zweifeln, daß ein Hase sich näherte. Er lief bis zu einer Waldlichtung und hielt plötzlich wie versteinert an, indem er mich neugierig betrachtete; auch ich sah ihn verwundert an. Ich war so nervös aufgeregt, daß ich vergaß, daß ich ein Gewehr halte und daß ich hier aufgestellt worden war, um ihn zu schießen. Als wir einander zur Genüge betrachtet hatten, entfernte er sich ohne Übereilung.

Noch eine halbe Stunde der Erwartung verging, während welcher ich einige Schüsse rechts und links vernahm. Wieder erschien ein Hase, wahrscheinlich derselbe, welcher mir gegenüber gesessen hatte, als ob er sehen wollte, was ich machte. Diesmal aber zielte ich auf ihn und verwundete ihn an der linken Pfote. Es that mir leid um ihn, als ich sah, wie er in ein Gebüsch sprang, und ich vergaß ganz, daß mein Gewehr noch einen Lauf hatte.

Als wir später wieder zusammenkamen und unsere Thaten verglichen, erwies es sich, daß ich im ganzen nicht so schlecht dastand, denn nur ein einziger Hase war geschossen worden, von Bibikow. Tolstoi hatte einen Hasen gesehen, welcher in demselben Augenblick vorüberlief, als er sein Gewehr lud. Die Erzählung von meinen Thaten erregte allgemeines Gelächter bei den Jägern, abends aber sagte Tolstoi einige Worle, aus welchen hervorging, daß er die poetische Seite meiner Erlebnisse schätzte.

Am anderen Tage gingen mir wieder auf die Hasenjagd. Tolstoi und zwei Bibikow waren zu Pferde und mit sehr langen, schweren Hetzpeitschen versehen. Die Hunde folgten ihnen am Koppelriemen, wir alle aber, das heißt, Damen und Kinder der Bibikowschen Familie, die Gräfin Serescha und ich, fuhren in einer Lineika, einem langen und niedrigen russischen Wagen, wie er auf dem Lande gebräuchlich ist, in welchem acht bis zehn Personen, mit dem Rücken gegeneinander, Platz finden. Als wir an einer sumpfigen Stelle ankamen, wurden wir auf einer kleinen Anhöhe aufgestellt, von wo aus man nach allen Seiten freien Überblick hatte und wo die Diener das Frühstück bereit halten sollten. Die Reiter mit ihren von der Koppel losgelassenen Hunden zerstreuten sich in verschiedenen Richtungen. Die Hunde waren dressiert, die Hasen auf die Jäger zuzutreiben, welche, sobald sie ihnen nahe kamen, sie gewandt mit einem Schlag der Hetzpeitsche töteten, indem die Hasen entweder dadurch erwürgt oder ihnen die Rippen durchschlagen wurden. Man konnte sich den Hals brechen, indem man über Berge, Wassergruben und Gräben ritt. Diese Jagd ist ebenso interessant für die Zuschauer als für die Jäger selbst.

Eine so besondere Art von Sport kann einem Landstrich eigen sein; andere Arten von Jagd können in jedem Dorf bei solchem Wetter existieren. Am meisten Vergnügen aber machten mir die abendlichen Gespräche nach Tisch, welche sich zuweilen bis spät in die Nacht hinein ausdehnten.

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