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Erinnerungen

Giacomo Casanova: Erinnerungen - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorCasanova
titleErinnerungen
volume5
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20050616
projectid161255ea
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Einundzwanzigstes Kapitel.

Crèvecoeur. – Bomback. – Reise nach Moskau. – Fortsetzung meiner Abenteuer in St. Petersburg.

An dem Tage, wo ich Zaïra nahm, schickte ich Lambert fort, mit dem ich nichts mehr anzufangen wußte. Er betrank sich jeden Tag, und dann war er ein unausstehlicher Flegel. Man wollte ihn nur als einfachen Soldaten annehmen, und das ist in Rußland eine nicht sehr glänzende Stelluug. Ich verschaffte ihm einen Paß, um nach Berlin zurückkehren zu können, und gab ihm das nötige Reisegeld. Später erfuhr ich, daß er in österreichische Dienste eingetreten sei.

Im Mai war Zaïra so schön geworden, daß ich nicht den Mut hatte, sie in Petersburg zu lassen, als ich Lust bekam, eine Reise nach Moskau zu machen. Ich verzichtete daher auf einen Bedienten und nahm sie mit. Es machte mir ein außerordentliches Vergnügen, wenn sie in ihrer reizenden Weise venetianisch radebrechte. Samstags ging ich mit ihr ins russische Bad. Dort sind dreißig oder vierzig Männer und Weiber beisammen. Alle sind vollkommen nackt; da aber niemand den anderen ansieht, so hat man gar nicht das Gefühl gesehen zu werden. Diese Abwesenheit jedes Schamgefühls entspringt aus einer angeborenen Unschuld. Ich war überrascht, daß niemand Zaïra ansah, die mir als das Original der Psyche-Statue erschien, welche ich in Rom in der Villa Borghese gesehen hatte. Ihr Busen war noch nicht ganz entwickelt, denn sie war kaum vierzehn Jahre alt und wies erst leichte Spuren der Mannbarkeit auf. Sie war weiß wie Schnee, ihre ebenholzschwarzen Haare waren von wunderbarer Länge und Dichtigkeit; denn ihr schöner nackter Leib war buchstäblich in ihre Haare eingehüllt, und nur einzelne weiße Stellen schimmerten wie durch schwarze Spitzen hindurch. Vollendet feine Brauen wölbten sich über ihren herrlich geschnittenen Augen, die vielleicht ein bißchen größer hätten sein können, die aber unübertrefflich an Glanz und Ausdruck waren; ihre breiten Lider mit langen, dichten Wimpern dämpften das Feuer ihrer Blicke und verliehen ihr einen Ausdruck von bezaubernder Bescheidenheit. Von ihrem Munde will ich nichts sagen; er war so klein, daß sie kaum einen Apfel anbeißen zu können schien; ihn zierten zwei Perlenreihen zwischen ihren Korallenlippen. Ohne ihre entsetzliche Eifersucht und ohne ihren blinden Glauben an die Unfehlbarkeit der Karten, die sie sich jeden Tag mindestens zehnmal legte, wäre Zaïra ein Wunder gewesen, und ich hätte sie niemals verlassen.

Ein junger Franzose von vornehmem und liebenswürdigem Wesen und offenbar sehr gut erzogen, namens Crèvecoeur, kam nach Petersburg mit einer leidlich hübschen, jungen Pariserin, die er la Rivière nannte. Leider hatte sie kein anderes Talent und keine andere Erziehung als die, die in Paris alle jungen Mädchen haben, die mit ihren Reizen Handel treiben. Der junge Mann brachte mir einen Brief vom Prinzen Karl von Kurland, der mir schrieb, er werde mir dankbar sein, wenn ich dem jungen Paar gefällig sein könnte. Er kam mit seiner Schönen in dem Augenblick, wo ich mit Zaïra frühstückte.

»Wollen Sie die Güte haben,« sagte ich zu der jungen Französin, »mir zu sagen, worin ich Ihnen nützlich sein kann.«

»Indem Sie uns Ihre Gesellschaft gönnen und uns mit Ihren Bekannten bekannt machen.«

»Da ich Fremder bin, so will meine Gesellschaft wenig bedeuten: ich werde Sie besuchen, und Sie kommen zu mir, so oft Sie wollen; es wird mir stets ein Vergnügen sein; aber ich speise niemals zu Hause. Was meine Bekanntschaften anlangt, so begreifen Sie wohl, daß ich als Fremder gegen das Herkommen verstoßen würde, wenn ich Sie und Madame vorstellte. Ist sie Ihre Frau? Man wird mich fragen, wer Sie sind und was Sie in Petersburg wollen. Was soll ich sagen? Ich wundere mich, daß Prinz Karl Sie nicht an andere empfohlen hat.«

»Ich bin lothringischer Edelmann und bin nach Petersburg gekommen, um mich zu amüsieren. Fräulein la Rivière ist meine Geliebte.«

»Ich wüßte nicht, wem ich Sie mit solchen Titeln vorstellen sollte; aber ich glaube, Sie können die Bräuche des Landes studieren und sich unterhalten, ohne daß Sie einen Menschen nötig haben. Schauspiele, Erholungsorte, ja sogar die Hoffeste stehen jedermann offen. Ich nehme an, daß es Ihnen an Geld nicht fehlt.«

«Das ist es gerade: ich habe kein Geld und kann auch keins erwarten.«

»Ich habe ebensowenig etwas übrig. Sie setzen mich in Erstaunen. Wie haben Sie die Torheit begehen können, ohne Geld hierher zu kommen?«

»Meine Geliebte behauptet, wir brauchen nicht mehr, als was von einem Tage zum anderen langt. Sie hat mich veranlaßt, ohne einen Heller in der Tasche von Paris abzureisen, und bis jetzt scheint mir, daß sie wohl recht haben mag. Wir haben überall zu leben gehabt.«

»Dann hat sie also die Börse?«

»Meine Börse,« sagte sie, »befindet sich in der Tasche meiner Freunde.«

»Ich verstehe und ich begreife, daß Sie überall Mittel finden müssen. Wenn ich eine Börse für Freundschaft solcher Art hätte, würde ich sie Ihnen ebenfalls öffnen; aber ich bin nicht reich.«

Der Hamburger Bombad, den ich in England gekannt hatte, war von dort seiner Schulden wegen entflohen; er war nach Petersburg gekommen und hatte das Glück gehabt, in den russischen Militärdienst eintreten zu dürfen. Als Sohn eines reichen Kaufmanns machte er ein großes Haus, hielt Dienerschaft und Wagen; er liebte Weiber, gutes Essen und Spiel und machte Schulden, wo er nur konnte. Er war häßlich, aber lebhaft, weltgewandt und geistreich. Er trat bei mir ein, als ich gerade mit der sonderbaren Reisenden sprach, die ihre Börse in der Tasche ihrer Freunde hatte. Ich stelle ihm das edle Paar vor und erzähle ihm alles; nur von der Börse sage ich nichts, Bomback ist von dem Zusammentreffen entzückt und macht sofort der Rivière den Hof. Sie benimmt sich vollkommen im Geiste ihres Handwerks, und bald muß ich bei mir selber lachen, denn ich sehe, daß sie recht hat. Bomback ladet sie ein, am nächsten Tage bei ihm zu Mittag zu essen und am gleichen Tage mit ihm nach Crasnafabad zu fahren, um dort eine ländliche Mahlzeit einzunehmen. Er bat mich mitzukommen, und ich nahm seine Einladung an.

Zaïra, die kein Französisch verstand, fragte mich, wovon die Rede sei. Ich sagte es ihr, und sie bat, mich begleiten zu dürfen. Ich erlaubte ihr dies; denn ich sah, daß sie eifersüchtig war, und fürchtete die Folgen, die sich in schlechter Laune, Tränen und Verzweiflung kundgaben und mich bei früheren Gelegenheiten schon mehr als einmal gezwungen hatten, nach dem Landesbrauch sie zu schlagen. Der Leser möge sich darüber nicht wundern: es war das beste Mittel, ihr zu beweisen, daß ich sie liebte. Die russischen Frauen sind nun einmal so. Wenn sie ihre Schläge bekommen hatte, wurde sie allmählich wieder zärtlich, und die Liebe vollendete die Versöhnung.

Bomback verließ uns sehr befriedigt, um schnell seine Geschäfte zu erledigen; er versprach um elf Uhr wieder zu kommen. Während Zaïra sich ankleidete, machte die Rivière Bemerkungen zu mir, daß es mir vorkam, wie wenn ich bisher von der Welt soviel gewußt hätte wie ein neugeborenes Kind. Am meisten fiel es mir auf, daß ihr Liebhaber sich der Rolle, die er spielte, offenbar nicht im geringsten schämte. Er hatte eine gewisse Entschuldigung gehabt, wenn er in seine Messalina verliebt gewesen wäre; aber dies galt hier nicht.

Unser Ausflug verlief sehr lustig. Bomback sprach fast nur mit der Abenteurerin; Zaïra faß fast immer auf meinem Schoß; Crèvecoeur aß, lachte, wo es paßte und nicht paßte, und ging spazieren. Die schlaue La Rivière veranlaßte Bomback, Quinze um fünfundzwanzig Rubel zu spielen. Er verlor das Geld in sehr galanter Weise, bezahlte und verlangte von ihr nichts weiter als einen Kuß. Zaïre war sehr froh, daß sie den Ausflug mitgemacht hatte; denn sie hätte sonst befürchtet, daß ich ihr untreu gewesen wäre. Sie sagte mir allerlei Scherzhaftes über die Französin und deren Liebhaber, der gar nicht eifersüchtig wäre. Das ging über ihren Horizont; sie begriff nicht, wie die Französin dulden könnte, daß er so täte, wie wenn er ihrer vollständig sicher wäre.

»Aber ich bin ja auch deiner sicher, und trotzdem liebst du mich!«

»Ich habe dir aber auch niemals Anlaß gegeben, daran zu zweifeln.«

Am nächsten Tage ging ich allein zu Bomback, denn ich wußte, daß ich bei ihm junge russische Offiziere finden würde, die mich geärgert hätten, wenn sie Zaïra in ihrer Sprache den Hof gemacht hätten. Ich traf bei ihm das reisende Paar und die beiden Brüder Lunin, die damals Leutnants waren und heute Generäle sind. Der jüngere war blond und sah aus wie ein hübsches Mädchen. Er war der Liebling des Kabinettssekretärs Teploff gewesen. Als geistreicher Junge setzte er sich nicht nur über das Vorurteil hinweg, sondern rühmte sich sogar, daß er durch seine Liebenswürdigkeit die Zärtlichkeit und das Wohlwollen aller mit ihm verkehrenden Männer gewinne.

Er hatte bei dem reichen Hamburger denselben Geschmack vorausgesetzt, den er bei Teploff gefunden hatte, und hatte sich nicht geirrt. Er würde mich zu entehren geglaubt haben, wenn er bei mir nicht denselben Geschmack angenommen hätte. Infolgedessen setzte er sich bei Tisch neben mich und neckte mich während des Essens in einer Weise, daß ich ihn allen Ernstes für ein verkleidetes Mädchen hielt. Als ich nach Tisch zwischen ihm und der Französin vor dem Kaminfeuer saß, teilte ich ihm meinen Verdacht mit. Stolz auf die Überlegenheit seines Geschlechtes stellte Lunin es sofort zur Schau. Um zu wissen, ob ich bei dem Anblick seiner Schönheit kalt bleiben könnte, bemächtigte er sich meiner und nahm, in der festen Überzeugung, daß er mir gefalle, eine geeignete Stellung ein, um, wie er sagte, ihn und mich glücklich zu machen. Ich gestehe zu meiner Schande, daß es vielleicht dazu gekommen wäre, wenn die Rivière sich nicht geärgert hätte, daß in ihrer Gegenwart ein Lustknabe sich ihre Rechte anzumaßen wagte; sie nötigte ihn daher, seine Heldentaten noch aufzuschieben.

Der ältere Lunin, Crèvecoeur und Bomback, die einen Spaziergang gemacht hatten, kamen am Abend mit zwei oder drei Freunden zurück, die die Französin leicht darüber trösteten, daß der jüngere Lunin und ich ihr so schlechte Gesellschaft geleistet hatten.

Bomback legte eine Pharaobank und hörte erst um elf Uhr auf, als er kein Geld mehr hatte. Dann speisten wir, und hierauf begann die große Orgie, bei der die Rivière mit einem unglaublichen Heldenmut die Hauptrolle spielte. Mein neuer Freund, der jüngere Lunin, und ich beteiligten uns nur als Zuschauer. Der arme Crèvecoeur war zu Bett gegangen. Wir trennten uns erst am hellen Tage.

Ich komme nach Hause, trete in mein Zimmer ein und entgehe durch einen unerhörten Glückszufall einer Flasche, die Zaïra nach meinem Kopf wirft. Hätte sie mich getroffen, so wäre ich ein toter Mann gewesen. Wütend wirft sie sich zu Boden und schlägt mit dem Kopf an die Erde. Von Mitleid ergriffen, eile ich zu ihr, reiße sie empor und frage sie, was sie hat.

Ich glaubte, sie sei wahnsinnig geworden, und wollte Leute zu Hilfe rufen. Plötzlich beruhigte sie sich; dann aber brach sie wieder in Tränen aus, nannte mich Mörder und Verräter, belegte mich mit allen Schimpfnamen, die ihr einfielen; um mich meines Verbrechens zu überführen, zeigte sie mir fünfundzwanzig Karten, aus denen sie auf dem Tisch ein Viereck gebildet hatte; in diesem hatte sie gelesen, was für Ausschweifungen mich die ganze Nacht ferngehalten hätten.

Ohne sie zu unterbrechen, ließ ich sie ruhig ausreden, um sich auf diese Weise von ihrer eifersüchtigen Wut zu erleichtern. Hierauf warf ich ihre Karten ins Feuer, sah sie mit einem Blick an, worin sich mein gerechter Zorn und zugleich mein Mitleid spiegelten, und sagte ihr: sie habe mich beinahe getötet, ich wolle mich ihrer Wut nicht mehr aussetzen, und es sei daher unwiderruflich nötig, daß wir uns schon am nächsten Tage trennten. Ich gestand ihr, daß ich allerdings die Nacht bei Bomback verbracht hätte und daß ein Weib zugegen gewesen wäre; aber ich leugnete die Ausschweifungen, deren sie mich beschuldigte.

Da ich der Ruhe bedurfte, so ging ich endlich zu Bett und schlief ein, ohne ihr eine einzige Liebkosung zu gönnen, obgleich sie sich neben mich legte und alles aufbot, um mich von ihrer Reue zu überzeugen und meine Verzeihung zu erlangen.

Nach fünf oder sechs Stunden wachte ich auf. Da ich sie in tiefem Schlafe liegen sah, so zog ich mich an und dachte darüber nach, wie ich das Mädchen loswerden könnte, das mich in seiner eifersüchtigen Wut früher oder später vielleicht getötet haben würde. Während ich mich mit diesen Gedanken beschäftigte, wachte sie auf, da sie mich nicht mehr an ihrer Seite fühlte. Sie sprang aus dem Bett, fiel mir zu Füßen und erneuerte unter Tränen die Versicherungen ihrer Reue. Sie flehte um meine Verzeihung, rief mein Mitleid an und schwor mir, sie werde keine Karte mehr anrühren, wenn ich nur die Güte haben wollte, sie zu behalten.

Wie verführerisch ist in einem solchen Zustande ein schönes Weib, das man liebt! Das Ende vom Liede war, daß ich sie in meine Arme schloß, ihr verzieh und sie nicht eher verließ, bevor ich ihr die deutlichsten Beweise meiner wiedergekehrten Zärtlichkeit gegeben hatte. Ich hatte meine Abreise nach Moskau auf den dritten Tag angesetzt, und sie war überselig, als ich ihr versprach, sie mitzunehmen.

Drei Gründe hatten besonders dazu beigetragen, mir die leidenschaftliche Liebe des Mädchens zu erwerben: erstens nahm ich sie oft mit mir nach Katharinenhof, um ihre Familie zu besuchen, der ich jedesmal einen Rubel zurückließ; zweitens ließ ich sie mit mir essen; drittens hatte ich sie drei- oder viermal geschlagen, als sie mich nicht ausgehen lassen wollte.

In Rußland ist das Prügeln absolut notwendig; denn Worte haben keine Macht. Ein Bedienter, eine Geliebte, eine Frau von gewöhnlichem Stande kennen nur den Stock. Man würde sein Latein verlieren, wenn man Gründe der Vernunft oder der Moral anführen wollte; ein paar kräftige Hiebe mit der Reitpeitsche oder mit dem Stock sind die einzigen wirksamen Mittel. Der Bediente ist noch mehr Sklave mit der Seele als mit dem Körper; wenn er Prügel bekommen hat, stellt er folgende Betrachtung an: mein Herr hat mich nicht fortgejagt, sondern mich nur geschlagen; er hat mich also lieb; folglich muß ich ihm anhänglich sein. Ebenso ist es mit dem russischen Soldaten, und das ist ganz natürlich, denn er entstammt ja dem Volke. Mit einer Anrufung des Ehrgefühls ist bei ihm nichts anzufangen; aber mit Schlägen und Branntwein kann man von ihm alles erlangen, was man will, nur keine Heldentaten.

Papanelopulo lachte mich aus, als ich in der ersten Zeit meines Aufenthaltes ihm sagte, mein Kosake gefalle mir; ich wolle ihn daher durch Milde gewinnen und ihn nur mit Worten schelten, wenn er sich sinnlos in Branntwein betrinke.

»Wenn Sie ihn nicht prügeln,« sagte er zu mir, »wird er schließlich Sie prügeln!«

So kam es auch wirklich. Als ich ihn eines Tages so betrunken fand, daß er zu jedem Dienst unfähig war, schalt ich ihn aus, drohte ihm mit meinem Stock und sagte, ich würde ihn prügeln, wenn er sich nicht besserte. Sobald er den erhobenen Stock sah, lief er auf mich zu und griff danach. Hätte ich ihn nicht sofort niedergeworfen, so würde er mich ohne Zweifel geschlagen haben. Ich jagte ihn augenblicklich fort. Es gibt auf der ganzen Welt keinen besseren Bedienten als den Russen: er ist unermüdlich bei der Arbeit, schläft auf der Schwelle des Zimmers, worin sein Herr schläft, ist stets zu jedem Gange bereit, ist immer unterwürfig, hat niemals eine Gegenrede, wenn er unrecht hat, und ist nicht imstande, zu stehlen. Aber er wird ein Scheusal oder ein Trottel, wenn er ein bißchen zuviel Branntwein getrunken hat, und an diesem Laster krankt das ganze Volk.

Ein Kutscher, der manchmal die ganze Nacht dem härtesten Frost ausgesetzt ist, kennt kein anderes Mittel, als Kornbranntwein zu trinken. Nimmt er ein wenig zuviel, so schläft er auf seinem Bock ein, um vielleicht nicht wieder aufzuwachen. Wenn man nicht aufpaßt, kann man leicht das Unglück haben, ein Ohr, die Nase, ein Stück Wange oder eine Lippe zu verlieren. Als ich eines Tages bei sehr starkem Frost im Schlitten nach Petersburg zurückfuhr, bemerkte ein Russe, daß ich in Gefahr war, ein Ohr zu verlieren. Sofort rieb er mich mit einer Handvoll Schnee, bis der ganze knorpelige Teil durch diese Reibung sich wieder belebt hatte. Als ich ihn fragte, woran er die Gefahr erkannt hätte, antwortete er mir, man sehe es leicht an der bläulich-weißen Farbe; diese sei ein untrügliches Kennzeichen, daß das Fleisch erfriere. Überraschend war für mich, und es scheint mir noch heute unglaublich, daß zuweilen der verlorene Körperteil wieder wächst. Prinz Karl von Kurland hat nur versichert, er habe in Sibirien eines Tages die Nase verloren, und diese sei während des Sommers wieder angewachsen. Mehrere Russen haben mir die Wahrheit dieser Erscheinung bestätigt.

Zu jener Zeit ließ die Kaiserin durch ihren Baumeister Rinaldi, der seit fünfzig Jahren in Petersburg war, ein hölzernes Amphitheater errichten, das den ganzen Platz vor ihrem Palast bedeckte. Es sollte hunderttausend Zuschauer enthalten, und in der Arena wollte Katharina für alle stolzen Ritter des Reiches ein prachtvolles Turnier veranstalten. Es sollten gleichzeitig vier Quadrillen gebildet werden, von denen eine jede aus hundert Reitern in den reichsten Trachten der von ihnen vertretenen Völkerschaften bestehen sollte. Die Quadrillen sollten mit Lanzen gegeneinander anreiten, und für die Sieger waren wertvolle Preise bestimmt. In ganz Rußland wurde das prunkvolle Fest verkündet, das auf Kosten der Herrscherin stattfinden sollte, und aus den entlegensten Teilen des Reiches kamen schon Fürsten, Grafen und Barone mit ihren schönsten Rennern an. Prinz Karl von Kurland hatte mir geschrieben, er werde ebenfalls kommen.

In begreiflicher Vorsicht war die Bestimmung getroffen worden, daß das Fest am ersten Tage stattfinden sollte, wo das Wetter schön sein würde. Diese Zeitbestimmung war ebenso vernünftig wie unsicher; denn in Petersburg kommt es ziemlich selten vor, daß ein ganzer Tag ohne Regen, Schnee oder Wind vergeht, außer in der Zeit nach den großen Winterfrösten. In Italien, in Spanien und selbst in Frankreich rechnet man auf die schönen Tage, die schlechten sind die Ausnahme. Aber in Rußland ist gerade das Gegenteil der Fall. Seitdem ich dieses liebe Land kenne, diese Heimat des Boreas und des Frostes, muß ich lachen, wenn ich reisende Russen von ihrem schönen Klima sprechen höre. Ich entschuldige sie damit, daß alle Menschen von Natur geneigt sind, das Mein dem Dein vorzuziehen. Die Edelleute bilden sich ein, sie haben reineres Blut als die Bedienten und Bauern, von denen sie abstammen. Die Römer und andere Völker des Altertums erklärten sich in ihrem Stolz für Abkömmlinge von Göttern und Helden, um unter diesem Firnis die Räuber zu verbergen, von denen sie in Wirklichkeit abstammten. Tatsächlich hat es im ganzen Jahre 1765 in Rußland, oder wenigstens in Ingermannland, nicht einen einzigen schönen Tag gegeben; ein unwiderleglicher Beweis dafür ist, daß das berühmte Turnier nicht stattfinden konnte. Man mußte die Gerüste des Amphitheaters zudecken und das Turnier wurde erst im nächsten Jahre abgehalten. Die Ritter verbrachten den Winter in Petersburg, mit Ausnahme derjenigen, deren Börse nicht so gut versehen war, um die Kosten eines Aufenthaltes in der Hauptstadt und des an einem Hofe erforderlichen Luxus vertragen zu können. Mein lieber Prinz von Kurland gehörte zu meinem großen Bedauern zu diesen letzten.

Nachdem ich alle Vorbereitungen für meine Reise nach Moskau getroffen hatte, legte ich mich mit Zaïra in meinen Schlafwagen; hintenauf saß ein Bedienter, der Russisch und Deutsch sprach. Für achtzig Rubel verpflichtete ein russischer Schiwotschik (Mietsfuhrmann) sich, mich mit sechs Pferden in sechs Tagen und sieben Nächten nach Moskau zu bringen. Dies war sehr billig. Da ich nicht mit der Post fuhr, konnte ich auf eine größere Schnelligkeit keinen Anspruch machen, denn die Entfernung betrügt zweiundsiebzig russische Posten, das heißt ungefähr fünfhundert italienische Miglien oder hundertundsechzig französische Wegstunden.

Wir fuhren in dem Augenblick ab, wo der Kanonenschuß von der Zitadelle das Ende des Tages verkündete. Wir befanden uns Ende Mai, und zu dieser Zeit gibt es in Petersburg buchstäblich keine Nacht mehr. Ohne den Kanonenschuß würde kein Mensch wissen, daß die Sonne untergegangen ist. Man kann um Mitternacht einen Brief lesen, und der Mond trägt gar nichts dazu bei, die Nacht heller zu machen. Man sagt, das sei schön, aber mir kam es langweilig vor. Dieser beständige Tag dauert acht Wochen. Während dieser ganzen Zeit zündet kein Mensch eine Kerze an. In Moskau ist das anders: es liegt vierundeinenhalben Breitengrad tiefer als Petersburg, und man muß daher um Mitternacht stets Licht brennen.

In vierundzwanzig Stunden kamen wir in Nowgorod an, wo der Schiwotschik uns eine Ruhepause von fünf Stunden erlaubte. Ich wurde hier Zeuge eines Vorfalles, der mich sehr überraschte, obgleich er einen eigentlich nur wenig überraschen sollte, wenn man viel auf Reisen ist, besonders unter halbwilden Völkern. Als ich den Schiwotschik einladen ließ, einen Schluck zu trinken, machte er ein sehr trauriges Gesicht. Ich wollte den Grund wissen, und er sagte zu Zaïra, eines seiner Pferde wolle nicht fressen, und er sei darüber ganz verzweifelt, denn wenn es nicht fresse, werde es auch nicht laufen wollen. Wir gingen mit ihm in den Stall, und da stand das Pferd traurig, gesenkten Kopfes, unbeweglich da und wollte nicht fressen. Sein Herr beginnt in einem sanften, aber leidenschaftlichen Ton eine Ansprache an das Pferd zu halten und sieht es dabei zärtlich an, wie wenn er sein Ehrgefühl erwecken wollte, damit es sich bemühen solle zu fressen. Nach dieser Ansprache nimmt er den Kopf des Pferdes, küßt ihn liebevoll und drückt ihn in die Krippe hinein. Alles war vergeblich. Hierauf begann der Schiwotschik zu weinen, aber auf eine Art, die meine größte Lachlust erregte, denn ich sah deutlich, daß er das Pferd durch seine Tränen zu rühren hoffte. Nachdem er tüchtig geweint hatte, nahm er abermals den Kopf, küßte ihn und steckte ihn wieder in die Krippe. Abermals vergeblich. Nun wurde der Schiwotschik wütend und schwur, er wolle sich wegen einer solchen Halsstarrigkeit rächen. Er führte das arme Tier aus dem Stall, band es an einen Pfahl, nahm einen dicken Knüppel und prügelte eine Viertelstunde aus Leibeskräften darauf los. Mir blutete das Herz bei dem Anblick. Als der Schiwotschik sich müde geprügelt hatte, führte er das Pferd wieder in den Stall, band es an der Raufe fest und sofort begann das Tier zu fressen. Sein Herr aber lachte und machte Freudensprünge, wie wenn er seinem Pferde zeigen wollte, daß es ihn glücklich mache.

Ich war im höchsten Grade erstaunt, und mir schien, so etwas könne nur in Rußland vorkommen, wo man in Gestalt von Stockschlägen das Allheilmittel gefunden zu haben scheint. Ich teile diese Geschichte Tierärzten und Pferdehändlern zu freundlichem Nachdenken mit.

Man hat mir gesagt, die Stockschläge seien seither in Rußland etwas aus der Mode gekommen. Jedenfalls müssen seit den Tagen Peters des Großen, der seine Generäle verprügelte, wenn er nicht mit ihnen zufrieden war, die Verhältnisse sich bedeutend geändert haben. Damals mußte ein Leutnant demütig die Schläge hinnehmen, die sein Hauptmann ihm gab; den Hauptmann prügelte sein Major, den Major sein Oberst und diesen sein General. Ich verdankte diese Mitteilung dem alten General Wojakoff, der ein Schüler Peters des Großen gewesen war. Er sagte mir, er habe mehr als einmal den Rohrstock des großen Mannes gespürt, der Petersburg geschaffen hat.

Ich habe wohl noch nichts von dieser Stadt gesagt, die schon so berühmt ist, und deren Dasein mir trotzdem immer noch unsicher erscheint. Nur ein Mann mit eisernem Geist, wie Peter, konnte die Natur so herausfordern, indem er auf einem Schlammboden, der unter jedem Schritt wich, riesige Gebäude von Marmor und Granit aufführte und so zu seiner Hauptstadt einen Haufen von Palästen schuf, die man nur mit ungeheuren Kosten erbauen konnte. Man sagt mir, heutzutage sei die Stadt bereits ausgewachsen. Ehre sei dafür der großen Katharina; aber im Jahre 1765 befand sie sich noch in der Kindheit, und es kam mir vor, wie wenn alles zu dem kindischen Zweck erbaut wäre, viele Ruinen zu haben. Man pflasterte Straßen mit der sichern Gewißheit, daß man sie nach sechs Monaten noch einmal pflastern müßte. Aus allem ging hervor, daß ein mächtiger Despot die Stadt in aller Eile hatte erstehen lassen, und in der Tat war Peter der Große in neun Monaten damit niedergekommen, obgleich er vielleicht zur Empfängnis viel längere Zeit gebraucht hatte. Damit Petersburg dauerhaft sei, werden stets eine beständige Sorgfalt und große Ausgaben notwendig sein; denn die Natur gibt niemals ihre Rechte auf und nimmt sie sich sofort wieder, sobald der Zwang aufhört. Ich prophezeie, daß früher oder später der lose Boden, auf welchem man diese Riesenmasse aufgeführt hat, unter einem Gewicht weichen wird, das in keinem Verhältnis zu seiner Widerstandskraft steht.

Wir kamen in Moskau zur rechten Zeit an, wie unser Schiwotschik uns versprochen hatte. Da wir mit denselben Pferden reisten, war es nicht möglich, diese Strecke in kürzerer Zeit zurückzulegen. Als ich eines Tages darüber sprach, sagte ein Russe mir, die Kaiserin Elisabeth habe die Reise in zweiundfünfzig Stunden gemacht.

»Das will ich meinen,« sagte ein anderer Russe von altem Schrot und Korn, »die Zarin hatte einen Ukas erlassen, und wenn sie gewollt hatte, hätte sie die Reise auch in kürzerer Zeit machen können. Sie hätte die Anzahl der Stunden nur durch einen Ukas vorzuschreiben brauchen.«

Es ist Tatsache, daß es zu meiner Zeit nicht erlaubt war, an der Unfehlbarkeit eines Ukas zu zweifeln; denn man hätte sich dadurch einer Majestätsbeleidigimg schuldig gemacht. Eines Tages ging ich in Petersburg auf einer kleinen Holzbrücke über einen Kanal. Ich war in Gesellschaft von Melissino, Papanelopulo und einigen andern Russen. Ich sprach einige tadelnde Worte über die kleine Brücke, die sehr jämmerlich erbaut und dem Einsturz nahe war. Einer meiner Begleiter sagte mir, bis zu dem und dem Tage werde die Holzbrücke durch eine schöne Steinbrücke ersetzt sein, weil die Kaiserin sie passieren müsse, um sich zu irgendeiner Festlichkeit zu begeben. Da dieser Tag nur drei Wochen entfernt war, erklärte ich die Sache für unmöglich. Ein Russe sah mich von der Seite an und sagte, man dürfe nicht daran zweifeln, denn es sei ein Ukas vorhanden, der es so anordne. Ich wollte etwas erwidern, aber Papanelopulo drückte mir stark die Hand und sagte mir auf italienisch: »Taci – schweigen Sie!«

Die Brücke wurde nicht gebaut, aber ich bekam trotzdem nicht recht; denn die Kaiserin veröffentlichte einen andern Ukas, worin Ihre Majestät ankündigte, es sei ihr Belieben, daß die besagte Brücke erst im Laufe des nächsten Jahres gebaut werde. Glückliches Regiment des absoluten Despotismus!

Die russischen Herrscher haben stets die Sprache des Despotismus geführt. Eines Tages sah ich die Kaiserin in männlicher Kleidung, um auszureiten. Ihr Oberhofstallmeister, Fürst Repnin, hielt das Pferd, das sie besteigen sollte, am Zügel. Das Pferd gab dem Fürsten einen Huftritt, der ihm den Fußknöchel zerschmetterte. Augenblicklich befahl die Zarin, das Pferd solle verschwinden, und verbot bei Todesstrafe, es jemals wieder vor ihre Augen zu bringen.

Alle Ämter entsprechen in Rußland einem gewissen militärischen Range; dies allein genügt schon, um die Art der Regierung zu kennzeichnen. Der erste Kutscher Ihrer Kaiserlichen Majestät hat Obersten-Rang; desgleichen ihr erster Koch. Der Kastrat Luini hatte den Rang eines Oberstleutnants, der Maler Toretti aber hatte nur Hauptmannsrang, weil er nur achthundert Rubel jährlich bekam, während der Kutscher dreitausend hatte. Die Schildwachen, die vor den inneren Türen der Kaiserlichen Gemächer stehen, halten stets die Gewehre gekreuzt und fragen jeden, der eintreten will, nach seinem Range. Als man mir diese Frage stellte und erklärte, wußte ich nicht, was ich sagen sollte. Der kluge Offizier aber fragte mich, wie hoch mein Jahreseinkommen sei, und als ich aufs Geratewohl antwortete, ich hätte dreitausend Rubel, gab er mir Generalsrang und ließ mich passieren. In diesem Zimmer sah ich die Zarin einen Augenblick; sie blieb an der Tür stehen und zog ihre Handschuhe aus, um ihre schönen Hände den beiden Schildwachen und dem Offizier, der mich zum General gemacht hatte, zum Kusse zu reichen. Durch solche Freundlichkeit gewann sie sich die Liebe ihrer Garde, die von Gregor Gregorowitsch Orloff befehligt wurde, und von der, im Falle einer Revolution, die Sicherheit ihrer Person abhing.

Als ich zum erstenmal die Fürstin in ihre Kapelle begleitete, wo sie die Messe hören wollte, bemerkte ich folgendes: der Protopapa (Bischof) empfing sie an der Kirchentür, um ihr das Weihwasser zu bieten; sie küßte ihm den Ring, während gleichzeitig der Prälat, den ein zwei Fuß langer Bart schmückte, sein Haupt neigte, um die Hand seiner Herrscherin zu küssen, die seine weltliche Gebieterin und zugleich sein geistliches Oberhaupt war; denn in Rußland ist der Lenker des Staates zugleich geistliches Oberhaupt der Kirche.

Während der ganzen Messe war von Frömmigkeit an ihr nichts zu merken; Heuchelei lag nicht in ihrem Charakter. Sie beehrte bald diesen bald jenen mit einem lachenden Blick und richtete von Zeit zu Zeit das Wort an ihren Günstling, dem sie ohne Zweifel nichts zu sagen hatte; sie wollte ihn nur zu einem Gegenstand des Neides machen, indem sie aller Welt zeigte, daß sie ihn über alle anderen stellte.

Als sie eines Abends die Oper verließ, wo man Metastasios Olympias gegeben hatte, hörte ich sie sagen: »Die Musik dieser Oper hat aller Welt viel Vergnügen gemacht; folglich bin ich von ihr entzückt, aber ich habe mich dabei gelangweilt. Die Musik ist etwas Schönes, aber ich begreife nicht, wie man sie leidenschaftlich lieben kann – wenigstens wenn man etwas Wichtiges zu tun oder zu denken hat. Icb lasse jetzt Buranello kommen; ich bin neugierig, ob er mir die Musik wird interessant machen können; aber ich zweifle daran, denn ich glaube, ich habe von Geburt an kein Gefühl dafür.«

So dachte und sprach sie immer. Ich werde am passenden Ort erzählen, was sie nach meiner Rückkehr von Moskau zu mir sagte.

In Moskau stieg ich in einem guten Gasthof ab; man gab mir zwei Zimmer und stellte meinen Wagen in die Remise. Nach dem Essen mietete ich einen zweisitzigen Wagen und nahm einen Lohndiener an, der französisch sprach. Mein Wagen wurde von vier Pferden gezogen, denn Moskau ist eine riesige Stadt, die eigentlich aus vier Städten besteht, und wenn man viele Besuche zu machen hat, so gilt es auf den schlecht gepflasterten Straßen lange Wege zurückzulegen. Ich hatte fünf oder sechs Briefe, die ich sämtlich zu bestellen gedachte. Da ich sicher war, daß ich nicht auszusteigen brauchte, nahm ich meine liebe Zaïra mit mir, die sich mit der Neugier eines vierzehnjährigen Mädchens für alles interessierte. Ich erinnere mich nicht mehr, welches Fest die griechisch-katholische Kirche an jenem Tage feierte, aber ich werde mich stets des betäubenden Geläutes der tausend Glocken erinnern, die ich in allen Straßen hörte; denn überall sind Kirchen. Man machte damals die Aussaat für die Septemberernte und spottete darüber, daß wir acht Wochen früher säen; sie behaupten, dies sei nicht nur nicht notwendig, sondern die Ernte werde sogar weniger reichlich. Ich weiß nicht, ob sie recht oder unrecht haben; aber es ist wohl möglich, daß wir ebenfalls recht haben; denn die Erfahrung ist die beste Lehrmeisterin.

Ich bestellte also alle Briefe, die ich in Petersburg vom Großjägermeister Narischkin, von Fürst Regnin, von meinem guten Papanelopulo und von Melissinos Bruder erhalten hatte. Am nächsten Vormittag erhielt ich die Besuche aller jener Herren, an die ich empfohlen worden war. Sie luden mich alle mit meiner Zaïra zum Mittagessen ein. Ich nahm die Einladung des ersten, der kam, für denselben Tag an; dies war ein Herr Demidoff. Den anderen sagte ich für die folgenden Tage der Reihe nach zu. Ich unterrichtete Zaïra, wie sie sich zu benehmen hätte, und sie war hocherfreut, mir zeigen zu können, daß sie dieser Auszeichnung würdig sei. In ihrem Anzug sah sie aus wie eine kleine Liebesgöttin; überall entzückte sie die Gesellschaft, die sich wenig darum bekümmerte, ob sie meine Tochter, meine Geliebte oder meine Sklavin war; denn in dieser Hinsicht, wie in hundert anderen, sind die Russen sehr vernünftige Leute. Wer Moskau nicht gesehen hat, kann nicht behaupten, daß er Rußland kennt; denn die Petersburger Russen sind nicht die eigentlichen Russen. Bei Hofe sind sie ganz anders, als die Natur sie geschaffen hat; ja man kann sagen, in Petersburg sind die Russen Fremde. Die Moskauer Bürger, besonders die Reichen, beklagen jeden, der aus Ehrgeiz oder aus Eigennutz oder seines Amtes wegen auswandert, denn auswandern nennen sie es, wenn jemand fern von Moskau lebt, das sie als ihr eigentliches Vaterland ansehen. Petersburg sehen sie mit neidischen Augen an; sie betrachten es gewissermaßen als die Ursache ihres Ruins. Ich weiß nicht, ob dies wahr ist; ich wiederhole nur, was man mir gesagt hat.

In acht Tagen sah ich alles: Fabriken, Kirchen, alte Denkmäler, Kunstsammlungen und Bibliotheken. Diese letzten interessierten mich nicht. Ich sah auch die berühmte Glocke und machte die Bemerkung, daß ihre Glocken nicht, wie die unsrigen, beweglich sind, sondern daß sie feststehen: man läutet sie mittels eines Seiles, das am Ende des Klöppels befestigt ist.

Ich fand die Frauen in Moskau schöner als in Petersburg, und ich glaube, das liegt an der Luft, die dort unendlich viel gesünder ist. Sie sind sehr angenehm im Verkehr, und um von ihnen die Gunst eines Kusses auf den Mund zu erhalten, genügt es, wenn man so tut, wie wenn man ihnen die Hand küssen wolle.

Das Essen fand ich sehr reichlich, aber es ist nicht lecker zubereitet. Ihre Tafel ist stets für alle ihre Freunde und Bekannten gedeckt; ein Freund bringt ohne alle Umstände fünf oder sechs Menschen zum Essen mit, manchmal sogar erst gegen Ende der Mahlzeit. Es kommt nicht vor, daß ein Russe sagt: Wir haben schon gegessen. Sie kommen zu spät. Solche Worte zu sprechen, bringen sie nicht übers Herz. Mag der Koch sehen, wie er fertig wird: das Essen fängt einfach wieder von neuem an. Sie haben ein köstliches Getränk, dessen Namen ich vergessen habe, es ist aber weit besser als der Sorbet von Konstantinopel. Der Dienerschaft, die überall sehr zahlreich ist, gibt man kein Wasser zu trinken, sondern ein leichtes, angenehm schmeckendes und nahrhaftes Getränk, das auch sehr billig ist, denn für einen Rubel macht man ein großes Faß voll.

Alle haben eine große Verehrung für den heiligen Nikolaus. Sie beten zu Gott nur durch die Vermittlung dieses Heiligen, dessen Bild sich stets in einer Ecke des Zimmers befindet, worin der Hausherr seine Besuche empfängt. Wer eintritt, macht die erste Verbeugung dem Heiligenbilde, die zweite dem Hausherrn. Ist zufällig ein solches Bild nicht da, so weiß der Russe nicht, was er sagen soll; es ist, wie wenn er den Kopf verloren hätte. Im allgemeinen sind die Moskoviten die abergläubigsten Christen der ganzen Welt. Ihre Liturgie ist griechisch; das Volk versteht nichts davon, und dem Klerus, der selber sehr unwissend ist, ist es angenehm, das Volk in Unwissenheit und Dunkelheit zu erhalten. Ich konnte einem Calogero, der Latein sprach, niemals begreiflich machen, warum die römischen Christen das Zeichen des Kreuzes von links nach rechts machen, während die griechischen Christen es von rechts nach links machen. Der einzige Grund ist der, daß wir sagen: spiritus sancti, während die Griechisch-Katholischen in griechischer Sprache άγιον πνευ̃μα sagen. »Wenn Sie πνευ̃μα άγιον sagten, würden Sie wie wir das Zeichen von links nach rechts machen, wir dagegen würden es wie Sie von rechts nach links machen, wenn wir sancti spiritus sagen würden.«

»Das Adjektiv,« antwortete er mir, »muß dem Substantiv vorangehen; denn man darf den Namen Gottes nicht aussprechen, ohne ein ehrendes Beiwort vorauszuschicken.«

Fast alle Unterschiede, die die beiden Religionsgemeinschaften trennen, sind von gleicher Art, ungerechnet eine Menge von Lügen, die sie gerade ebenso haben wie wir und an denen sie nicht am wenigsten hängen.

Wir kehrten in derselben Weise, wie wir gekommen waren, nach Petersburg zurück; aber Zaïra wäre es am liebsten gewesen, wenn ich Moskau niemals verlassen hätte. Da sie beständig bei mir war, war sie so verliebt geworden, daß ich nicht ohne Betrübnis an den Augenblick denken konnte, wo ich sie würde verlassen müssen. Am Tage nach unserer Ankunft in Petersburg fuhr ich mit ihr nach Katharinenhof. Sie zeigte ihrem Vater alle kleinen Geschenke, die ich ihr gemacht hatte, und beschrieb ihm ausführlich alle Ehren, die man ihr als meiner Tochter angetan hätte. Der gute Mann lachte recht herzlich darüber.

Die erste Neuigkeit, die ich bei meiner Rückkehr vorfand, war ein Ukas, der die Errichtung eines großen Tempels in der Morskaja, gegenüber meiner Wohnung, anordnete. Dieser Tempel sollte Gott geweiht sein. Die Erbauung hatte die Kaiserin dem Architekten Rinaldi anvertraut. Als der philosophische Baumeister ihr sagte, er müsse wissen, was für ein Symbol er über das Portal setzen solle, antwortete ihm die Herrscherin: »Kein Symbol; nur den Namen Gottes in großen Buchstaben.«

»Ich werde ein Dreieck anbringen.«

»Kein Dreieck! Den Namen Gottes in welcher Sprache Sie wollen. Nichts mehr!«

Die zweite Neuigkeit war die Flucht Bombacks, den man in Mitau, wo er sich in Sicherheit glaubte, wieder erwischt hatte. Herr von Simolin hatte ihn verhaftet. Der arme Narr saß im Gefängnis, und um seine Sache stand es böse, denn er hatte sich der Desertion schuldig gemacht. Er fand jedoch Gnade, indem man ihn nur nach Kamschatka in Garnison schickte. Crèvecoeur und seine Schöne waren mit Geld abgereist. Ein Florentiner Abenteurer, namens Billiotti, war mit achtzehntausend Rubeln geflohen, um die er Papanelopulo beschwindelt hatte. Aber ein gewisser Bori, der Vertraute meines guten Griechen, hatte ihn ebenfalls in Mitau gefaßt und ihn nach Petersburg zurückgebracht, wo er im Gefängnis saß.

Prinz Karl von Kurland traf um jene Zeit ein und ließ mir seine Ankunft melden. Ich beeilte mich, ihm meinen Besuch zu machen. Er wohnte in einem Hause, das dem Grafen Demidoff gehörte. Dieser hatte als Besitzer riesiger Eisenbergwerke sich den Spaß gemacht, das ganze Haus vom Keller bis zum Dach aus Eisen herstellen zu lassen. Nur die Möbel waren nicht aus Eisen. Ein Brand war nicht zu befürchten. Der Prinz hatte seine Geliebte bei sich, die immer noch schlechter Laune war; er konnte sie nicht mehr ausstehen, weil sie in der Tat unerträglich war. Er war zu beklagen; denn er konnte sie nur loswerben, indem er ihr einen Gatten gab; ein Gatte aber, wie sie ihn verlangte, fand sich nicht, und es wurde jeden Tag schwieriger, einen solchen zu finden. Ich machte ihr einen Besuch; aber sie langweilte mich mit ihren Klagen gegen den Prinzen so sehr, daß ich mir vornahm, nicht wieder hinzugehen. Als der Prinz mich besuchte und meine Zaïra sah und darüber nachdachte, mit wie geringen Kosten ich glücklich war und ein reizendes Mädchen glücklich machte, da fühlte er, daß jeder vernünftige Mensch, der das Bedürfnis nach Liebe hat, eine Geliebte halten sollte; aber die Neigung zum Luxus verdirbt alles und macht die Süßigkeit selber bitter.

Man hielt mich für glücklich; ich gab mir auch gerne den Anschein, es zu sein, aber ich war es nicht. Seit meiner Gefangenschaft unter den Bleidächern litt ich an inneren Hämorrhoiden, die mich alljährlich drei- oder viermal belästigten. In Petersburg wurde dieses Leiden ernstlich; regelmäßig wiederkehrende unerträgliche Schmerzen machten mich traurig und unglücklich. Ein achtzigjähriger Arzt, namens Senapios, den ich hatte rufen lassen, gab mir die traurige Kunde, daß ich eine unvollständige Fistel am Rectum habe; nur das grausame Messer könne eine Erleichterung verschaffen, sagte der Äskulap, aber es sei keine Zeit mehr zu verlieren. Trotz meinem Widerwillen mußte ich mich mit allem einverstanden erklären; zum großen Glück aber fand ein geschickter Chirurg, den der Arzt kommen ließ, daß die Natur binnen kurzem die Operation mit besserem Erfolge vollziehen werde als die Kunst; ich müsse nur ein wenig Geduld haben. Ich hatte viel zu leiden, besonders unter der strengen Diät, die mir vorgeschrieben wurde, die aber ohne Zweifel heilsam für mich war.

Oberst Melissino lud mich zu einer Parade ein, die drei Werst von Petersburg stattfand, und wobei der General Alexis Orloff ein Diner zu achtzig Gedecken gab. Ich fuhr mit dem Prinzen von Kurland hinaus. Man vollbrachte bei dieser Gelegenheit die Leistung, in einer Minute aus einem Geschütz zwanzig Schüsse abzugeben. Die Feldgeschütze, von sechs Artilleristen bedient, schossen zwanzigmal in einer Minute, teils aus der Stellung, teils im Vorrücken gegen den Feind. Ich habe es mit der Uhr in der Hand verfolgt; in drei Sekunden schleuderte das Rohr den Tod. In der ersten Sekunde wurde das Geschütz ausgewischt, in der zweiten wurde es geladen, in der dritten wurde es abgefeuert.

Ich saß bei Tisch neben dem französischen Botschaftssekretär. Er wollte einmal auf russische Art trinken, und da er den Ungarwein für ebenso unschuldig wie Champagner hielt, trank er so wacker, daß er nach Tisch nicht mehr auf den Beinen stehen konnte. Graf Orloff kurierte ihn, indem er ihn weitertrinken ließ. Nachdem der Magen das Übermaß von sich gegeben hatte, legte man den Zecher auf ein Bett, und ein gesunder Schlaf machte ihn wieder nüchtern.

Bei diesem heiteren Mahle bekam ich einen Begriff von dem Geist des Landes. Da ich kein Russisch verstand, so erklärte Herr von Zinowieff, der neben mir saß, mir alle Witze der Gäste, die jedesmal mit donnerndem Beifall begrüßt wurden. Man glänzte, indem man eine Gesundheit auf irgend jemand ausbrachte, und dieser glänzte dann wieder, indem er darauf antwortete.

Melissino erhob sich, einen großen Becher voll Ungarwein in der Hand. Alles schwieg, um zu hören, was er sagen würde. Er trank auf die Gesundheit seines Generals Orloff, der ihm gegenüber am anderen Ende der Tafel saß. Er rief: »Möchtest du an dem Tage sterben, wo du reich sein wirst!«

Einstimmiger Beifall belohnte ihn, denn er lobte mit diesem Spruch Orloffs Freigebigkeit. Man hätte allerlei dagegen einwenden können, aber in lustiger Gesellschaft nimmt man es nicht so genau. Orloffs Antwort erschien mir weise, obwohl auch sie tartansch war; denn in ihr war ebenfalls vom Sterben die Rede. Er sprang auf, schwang ein volles Glas und rief: »Möchtest du nur von meiner Hand sterben!« Der Beifall war doppelt so stark und wollte nicht aufhören, denn er war der Gastgeber und der kommandierende General.

Der Witz der Russen ist kraftvoll; sie suchen keine Anmut, keine geschickte Wendung, sondern wollen nur genau und scharf treffen.

Voltaire hatte der Kaiserin seine Philosophie der Geschichte gesandt, die er für sie geschrieben und ihr mit sechs Zeilen gewidmet hatte. Einen Monat darauf kam zu Schiff eine Auflage von dreitausend Exemplaren an; diese verschwand in acht Tagen, denn alle Russen, die ein bißchen französisch konnten, wollten das Buch in der Tasche haben. Die Häupter der Voltairianer waren zwei sehr geistreiche, vornehme Herren, ein Stroganoff und ein Schuwaloff. Ich habe von dem ersten Verse gesehen, die denen seines vergötterten Vorbildes nichts nachgaben; zwanzig Jahre später sah ich von dem zweiten einen Dithyrambus, den Voltaire nicht verleugnet haben würde; aber der Gegenstand war gerade der Tod des großen Dichters, und das fand ich sehr seltsam; denn nie zuvor war eine solche Form auf Gegenstände der Trauer angewandt worden.

Zu jener Zeit kannte, lasen und rühmten in Rußland die Gebildeten und die militärischen Liebhaber nur den Philosophen von Ferney, und wenn sie alles gelesen hatten, was Voltaire veröffentlicht hatte, glaubten sie ebenso klug zu sein wie ihr Apostel. Sie kamen mir wie jene Zwerge vor, die sich für Riesen hielten, weil sie sich Stelzen angeschnallt hatten. Ich sagte ihnen, sie müßten die Bücher lesen, aus denen Voltaire sein Wissen geschöpft hätte; vielleicht würde es ihnen dann gelingen, noch gelehrter zu werden als er. Ich erinnere mich eines Weisen, der mir einmal in Rom sagte: »Hüten wir uns mit jemandem zu streiten, der nur ein einziges Buch gelesen hat.«

So waren die Russen zu jener Zeit; sind sie heute tiefer? Das vermag ich nicht zu entscheiden. Ich lernte in Dresden den Fürsten Biloselski kennen, der von seinem Gesandtenposten in Turin nach Rußland zurückkehrte. Der Fürst hat eine geometrische Darstellung der menschlichen Fassungsgabe gegeben; er analysierte die Metaphysik. Sein Werkchen gibt der Seele und der Vernunft ihren Platz, und je öfter ich es lese, desto herrlicher finde ich es. Schade, daß ein Atheist Mißbrauch damit treiben kann.

Graf Panin war Hofmeister des Thronfolgers Paul Petrowitsch. Er erzog seinen Schüler sehr hart; denn der junge Prinz, der von schroffem und verstecktem Charakter war, wagte nicht einmal, in der Oper bei einer Arie, die Luini sang, Beifall zu klatschen, wenn er nicht von seinem gestrengen Mentor die Erlaubnis dazu erhalten hatte.

Ich wurde Zeuge des folgenden Vorfalles:

Als der Kurier die Nachricht von dem plötzlichen Tode des Römischen Kaisers deutscher Nation, Franz des Ersten, brachte, war die Zarin in Zarsko Selo. Im Palast befand sich der gräfliche Hofmeister und Minister mit seinem erlauchten Zögling, der damals elf Jahre alt war. Der Kurier kam in der Mittagsstunde und übergab die Depesche dem Minister; dieser stand in der Mitte eines zahlreichen Kreises von Hofkavalieren, unter denen auch ich mich befand. Der kaiserliche Prinz stand zu seiner Rechten. Der Minister las die Depesche leise und sagte dann, ohne das Wort an einen Bestimmten zu richten »Da kommt eine wichtige Nachricht, der Kaiser des Römischen Reiches ist plötzlich gestorben.«

Hierauf wandte er sich zu Paul und fuhr fort: »Große Hoftrauer, die Eure Hoheit drei Monate länger tragen wird als Ihre Majestät die Kaiserin.«

»Warum denn?« fragte Paul.

»Weil Eure Hoheit als Herzog von Holstein das Recht hat, einen Sitz auf dem Reichstag einzunehmen – ein Vorrecht,« fügte er hinzu, indem er sich im Kreise umsah, »das Peter der Erste so sehr ersehnte und niemals erlangen konnte.«

Ich bemerkte, mit welcher Aufmerksamkeit Großfürst Paul auf die Worte seines Mentors hörte, und wie er die Freude zu verbergen suchte, die die letzte Erklärung in ihm erweckte. Diese Art der Belehrung gefiel mir sehr. Einem jungen Kopf Ideen zuwerfen und ihm selber die Mühe überlassen, sich damit abzufinden, das fand ich sehr geschickt und zugleich tief. Ich teilte meine Ansicht dem Fürsten von Lobkowitz mit, der neben mir stand, und dieser stimmte sehr eifrig in mein Lob ein. Fürst Lobkowitz war bei aller Welt beliebt. Man zog ihn seinem Vorgänger Esterhazy vor, und das wollte viel sagen, denn Fürst Esterhazy hatte am russischen Hofe gutes und schlechtes Wetter gemacht. Fürst Lobkowitz war mit seiner Heiterkeit und Liebenswürdigkeit die Seele aller Gesellschaften, die er besuchte. Er brachte der Gräfin Braun, der ersten Schönheit bei Hofe, sehr eifrig seine Huldigungen dar, und kein Mensch hielt ihn für unglücklich, obgleich andererseits niemand etwas Genaueres über sein Glück wußte.

Zwölf oder vierzehn Werst von Petersburg fand eine große Parade statt, der die Kaiserin mit allen ihren Hofdamen und Kavalieren beiwohnte. Die paar Dörfer, die in der Nähe lagen, hatten so wenige und noch dazu so erbärmliche Häuser, daß sie unmöglich eine Unterkunft bieten konnten. Trotzdem beschloß ich hinzufahren, hauptsächlich auch meiner Zaïra zu Gefallen, die sich viel auf die Ehre zugute tat, sich mit mir in der Öffentlichkeit sehen zu lassen. Es sollten unter Melissinos Leitung Feuerwerke stattfinden; es war eine Mine gelegt worden, um ein Fort in die Luft zu sprengen; außerdem sollten zahlreiche Truppen in der weiten Ebene exerzieren. Dies alles versprach ein schönes Schauspiel. Ich fuhr in meinem Schlafwagen hin, der mir als Wohnung dienen konnte, wenn ich keine andere fand; übrigens befanden wir uns in der Jahreszeit, wo es keine Nächte gibt.

Um acht Uhr morgens kamen wir in dem Orte an, wo an diesem Tage die Manöver stattfinden sollten, die bis zum Mittag dauerten. Nach Schluß derselben fuhren wir vor ein Wirtshaus und ließen uns das Essen in unserem Wagen auftragen; denn das Haus war überfüllt.

Nach dem Essen bemühte mein Kutscher sich vergeblich, ein Nachtquartier zu finden. Da ich nicht nach Petersburg zurückfahren wollte, richteten wir uns darauf ein, in unserem Wagen zu biwakieren. Ebenso machte ich es die ganzen drei Tage hindurch und war auf diese Weise viel besser aufgehoben als andere, die für eine erbärmliche Unterkunft viel Geld ausgegeben hatten. Melissino sagte mir, die Zarin habe die Art, wie ich mir zu helfen gewußt, sehr vernünftig gefunden. Da ich der einzige war, der einen Schlafwagen, ein richtiges fahrendes Haus, besaß, so machte man mir in aller Form Besuche, und Zaïra strahlte vor Glück, die Honneurs machen zu dürfen.

Ich unterhielt mich während dieser drei Tage sehr viel mit dem Grafen Tott, dem Bruder des Tott, der damals im diplomatischen Dienste in Konstantinopel verwandt wurde, und den man den Baron Tott nannte. Wir hatten uns in Paris kennen gelernt und uns später im Haag getroffen, wo ich das Vergnügen gehabt hatte, ihm nützlich sein zu können. Er war mit Frau von Soltikoff, die er in Paris kennen gelernt hatte, und deren Liebhaber er war, nach Petersburg gekommen. Er wohnte bei ihr, ging zu Hofe und war bei jedermann beliebt. Er war sehr heiter, ein schöner Mann, besaß Geist und Bildung und alle Eigenschaften, die an einem Kavalier gefallen können.

Trotzdem ließ ihn zwei oder drei Jahre später die Kaiserin wegen der polnischen Unruhen aus Petersburg ausweisen. Man behauptete, er unterhalte eine Korrespondenz mit seinem Bruder, der damals an den Dardanellen die Arbeiten leitete, um die Durchfahrt der von Alexis Orloff befehligten Flotte zu verhindern. Was nach seiner Abreise aus Rußland aus ihm wurde, habe ich nicht erfahren. Er tat mir in Petersburg einen großen Gefallen, indem er mir fünfhundert Rubel lieh, zu deren Rückgabe ich noch keine Gelegenheit fand.

Ein venetianischer Kaufmann, Maruzzi, ein Grieche von Geburt, der sein Geschäft aufgegeben hatte, um als Kavalier zu leben, kam in jener Zeit nach Petersburg und wurde bei Hofe vorgestellt. Da er eine recht liebenswürdige Erscheinung war, fand er Zutritt zu allen großen Häusern. Die Kaiserin zeichnete ihn aus, weil sie ihr Auge auf ihn geworfen hatte, um ihn zu ihrem Geschäftsträger in Venedig zu machen. Er machte der Gräfin von Braun den Hof, aber er hatte Nebenbuhler, die ihn nicht fürchteten. So reich er war, er verstand sein Geld nicht auszugeben; und in Rußland ist noch mehr als in anderen Ländern der Geiz eine Sünde, womit die Frauen kein Erbarmen kennen.

Ich machte in jenen Tagen kleine Reisen nach Zarsko Selo, Peterhof und Kronstadt, denn man muß in einem fremden Lande alles sehen, wenn man sagen können will: ich bin dagewesen! Ich schrieb über mehrere Gegenstände, um eine Anstellung im Zivildienst zu erhalten. Ich reichte meine Arbeiten ein, und sie wurden auch der Kaiserin vorgelegt. Aber ich hatte keinen Erfolg damit. Man legt in Rußland nur auf Leute Wert, die man gerufen hat; wer von selber kommt, macht dort selten sein Glück. Darin kann ich übrigens den Russen nicht unrecht geben.

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