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Erinnerungen

Giacomo Casanova: Erinnerungen - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorCasanova
titleErinnerungen
volume5
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20050616
projectid161255ea
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Zwanzigstes Kapitel

Mein Aufenthalt in Riga. – Campioni. – Ste.-Héleine. – D'Aragon. – Ankunft der Kaiserin. – Meine Abreise von Riga und Ankunft in St. Petersburg. – Besuche. – Ich kaufe Zaïra.

Prinz Karl Biron, jüngerer Sohn des regierenden Herzogs von Kurland, Generalmajor in russischen Diensten, Ritter des Alexander-Newskis-Ordens, empfing mich, durch den Brief seines Vaters günstig gestimmt, mit großer Auszeichnung. Der Prinz war sechsunddreißig Jahre alt, hatte ein sehr angenehmes, wenn auch nicht schönes Gesicht, war höflich und sprach sehr gut französisch. Er sagte mir in wenigen Worten, was ich von ihm zu erwarten hätte, wenn ich einige Zeit in Riga zu verbringen gedächte. Er bot mir seinen Tisch, seine Gesellschaft, seine Vergnügungen, seinen Marstall, seinen Rat und seine Börse an, und er tat es mit jenem freimütigen Ton, der einem Soldaten so gut ansteht, und mit jener herzlichen Güte, die eigentlich eine unzertrennliche Eigenschaft aller Fürsten sein sollte.

»Eine Wohnung biete ich Ihnen nicht an,« sagte er zu mir, »weil mein eigenes Haus ein wenig eng ist; aber ich werde dafür sorgen, daß Sie eine passende Wohnung finden.«

In Wirklichkeit war diese Wohnung bereits gefunden, und ich wurde von einem Adjutanten des Prinzen hingeführt. Kaum hatte ich mich eingerichtet, so machte der General mir bereits einen Besuch und nötigte mich, so wie ich war, mit ihm zum Essen zu gehen. Es war eine Mahlzeit ohne alle Umstände, und zu meiner angenehmen Überraschung sah ich dabei Campioni wieder, von dem ich bereits zwei- oder dreimal in diesen Erinnerungen gesprochen habe. Dieser Campioni war ein Tänzer, der weit über seinem Berufe stand und für die gute Gesellschaft geschaffen war: er war höflich, witzig, heiter und ein Lebemann, hatte keine Vorurteile, liebte Frauen, gutes Essen und hohes Spiel, war vorsichtig, verschwiegen, tapfer und lebte ruhig, sowohl wenn das Glück ihm günstig wie wenn es ihm ungünstig war. Wir freuten uns beide, uns wiederzusehen.

Ein anderer Gast, ein Savoyarde, Baron von Ste.-Héleine, hatte eine junge Frau, die ziemlich hübsch, im übrigen aber sehr unbedeutend war. Der Baron, dick und fett, war Spieler, Esser und Trinker. Fügt man zu diesem dreifachen Verdienst noch die Kunst, Schulden zu machen und seine Gläubiger vortrefflich in Sicherheit zu wiegen, so hat man das Ganze seiner Kunst und Wissenschaft; denn im übrigen war er dumm in der vollen Bedeutung des Wortes. Ein Adjutant und die Geliebte des Prinzen speisten ebenfalls mit uns. Diese Geliebte war blaß, traurig, mager, träumerisch, dabei aber ziemlich hübsch; sie mochte etwa zwanzig Jahre alt sein. Sie aß beinahe gar nichts, weil sie alles schlecht fand. Sie sagte, sie sei krank, und alle ihre Züge drückten Mißbehagen aus. Der Prinz forderte sie vergeblich zum Essen und Trinken auf; sie wies alles verächtlich zurück. Der Prinz neckte sie lachend wegen ihrer Lächerlichkeiten, aber er tat es in so zartfühlender Form, daß sie sich nicht allzusehr verletzt fühlen konnte.

Wir verbrachten beinahe zwei Stunden recht heiter bei Tische. Nach dem Kaffee schüttelte der Prinz mir die Hand, da er anderweitige Geschäfte hatte; er bat mich, mittags und abends an seinen Tisch zu kommen, wenn ich nichts Besseres wüßte, und ließ mich mit Campioni allein.

Mein alter Freund und liebenswürdiger Landsmann führte mich in seine Wohnung, um mich mit seiner Frau und seiner Familie bekannt zu machen. Ich wußte nicht, daß er sich wieder verheiratet hatte. Ich fand in seiner angeblichen Frau eine sehr liebenswürdige, etwas magere, aber geistsprühende Engländerin. Sie hatte eine Tochter von elf Jahren; diese war sehr frühreif, denn man hätte ihr ohne weiteres fünfzehn Jahre gegeben. Sie war geist- und talentvoll, tanzte, sang und spielte Klavier, und ihre Augen schleuderten Blitze, ein Beweis, daß ihre Natur den Jahren vorausgeeilt war. Sie eroberte mich, und ihr Vater wünschte ihr Glück dazu. Darüber freute sie sich; aber ihre Mutter kränkte sie sichtlich, indem sie sie kleine Bambina nannte – eine blutige Beleidigung für ein junges Mädchen, das seine Bestimmung zu fühlen beginnt.

Auf einem Spaziergang, den ich mit Campioni machte, gab er mir Auskunft über alles; zuerst über sich selber: »Seit zehn Jahren lebe ich mit dieser Frau. Betty, die Sie so reizend finden, ist nicht meine Tochter; die anderen aber sind meine Kinder, und ich habe sie von meiner Engländerin erhalten. Vor zwei Jahren habe ich Petersburg verlassen, und ich lebe hier recht gut. Ich habe Zöglinge, die mir Ehre machen. Ich spiele beim Prinzen – gewinne, verliere, kann aber niemals eine so große Summe gewinnen, um einen unglückseligen Gläubiger zu befriedigen, den ich in Petersburg zurückgelassen habe und der mich auf Grund eines Wechsels verfolgt. Er kann mich ins Gefängnis setzen lassen, und ich bin jeden Tag darauf gefaßt.«

»Handelt es sich um eine große Summe?«

»Fünfhundert Rubel.«

»Aber das ist doch nicht so arg: Zweitausend Franken!«

»Ich weiß es wohl, aber wenn man sie nicht hat?«

»Sie hätten die Schuld durch Teilzahlungen decken sollen.«

»Davon will der Unmensch nichts wissen.«

»Und was gedenken Sie nun zu tun?«

»Wenn es möglich ist, will ich das Eintreten des starken Frostes abwarten; dann werde ich allein die Flucht ergreifen und nach Polen gehen; dort werde ich sehen, ob ich alles in Ordnung bringen kann. Der Baron von Ste.-Héleine wird ebenfalls ausreißen, wenn er kann; er hält sich nur noch durch Versprechungen aufrecht. Der Prinz, den wir alle Tage besuchen, ist uns sehr nützlich, denn wir können bei ihm spielen; sollte uns aber ein Unglück zustoßen, so könnte er uns auch nicht helfen. Er ist nämlich selber überschuldet, weil die Ausgaben, die er machen muß, seine Einnahmen bei weitem übersteigen. Er spielt und verliert immer. Seine Geliebte kostet ihn viel und ärgert ihn durch ihre schlechte Laune.«

»Warum ist sie denn, so verdrießlich?«

»Sie verlangt uon ihm, er solle ihr sein Wort halten; denn er hat ihr versprochen, sie nach Ablauf von zwei Jahren zu heiraten, und nur unter dieser Bedingung hat sie ihm erlaubt, ihr zwei Kinder zu machen. Jetzt, wo die zwei Jahre verflossen und die beiden Kinder gemacht sind, erlaubt sie ihm nichts mehr, weil sie Angst hat, ein drittes Kind könnte dabei herauskommen.«

»Kann der Prinz ihr denn nicht einen Heirater finden?«

»Er hat einen Leutnant für sie gefunden, aber sie verlangt wenigstens einen Major.«

Der Prinz gab dem kommandierenden General Wojakoff, an den ich einen Brief vom Feldmarschall Lewald hatte, ein Galadiner; ich traf bei dieser Gelegenheit die Baronin Korff von Mitau, Madame Ittinoff und ein schönes adliges Fräulein, die Braut des Barons von Budberg, den ich in Florenz, Turin und Augsburg gekannt hatte, von dem ich aber vielleicht in diesen Erinnerungen noch nicht gesprochen habe.

Im Verkehr mit allen diesen Herrschaften vergingen mir drei Wochen sehr angenehm; besonders entzückt war ich vom alten General Wojakoff. Dieser wackere alte Herr war vor fünfzig Jahren in Venedig gewesen, als die Russen noch Moskowiter genannt wurden und der Gründer oder Schöpfer von Petersburg noch lebte. Allmählich war er alt geworden wie eine Eiche, immer auf demselben Fleck wurzelnd und immer mit dem gleichen Horizont um sich herum. In seinen Augen war alles noch so wie es damals gewesen war, und er pries mir Venedig und dessen Regierung in dem Glauben, es sei alles noch so wie vor fünfzig Jahren.

In Riga erfuhr ich von einem englischen Kaufmann, Collins, daß der angebliche Baron Stenau, der mir in London den falschen Wechsel gegeben und mich dadurch zu meiner plötzlichen Abreise gezwungen hatte, in Portugal gehängt worden war. Dieser angebliche Baron war ein Livländer, der Sohn eines armen Kaufmanns, und war selber ein armer Kommis gewesen. Er hatte sein Kontor verlassen, um dem Glücke nachzujagen, das ihn leider an den Galgen brachte. Der liebe Gott schenke ihm seinen Frieden.

Eines Abends kam ein Russe, der im Auftrage seines Hofes in Polen gewesen war, auf der Rückreise zum Prinzen, beteiligte sich am Spiel und verlor zwanzigtausend Rubel auf Wort. Campioni hielt die Bank. Der Russe gab Wechsel in Höhe des Betrages; sobald er aber in Petersburg war, erklärte er vor dem Handelsgericht seine eigenen Wechsel für ungültig, verleugnete also gegen Treu und Glauben sein Ehrenwort und seine Unterschrift. Infolge dieser hinterlistigen Handlung wurden nicht nur alle Gläubiger um ihren Anspruch betrogen, sondern es wurde auch ein strenges Verbot gegen das Spiel erlassen, das in Zukunft auch bei den Stabsoffizieren nicht mehr stattfinden durfte.

Der Russe, der diese Gemeinheit beging, war derselbe Schuft, der alle geheimen Maßnahmen der Zarin Elisabeth verriet, als sie mit dem König von Preußen Krieg führte. Er schickte dem Neffen der Kaiserin und erklärten Thronfolger, Peter, alle Befehle, die seine Herrscherin ihren Generälen erteilte, und Peter schickte schleunigst alles dem von ihm angebeteten König von Preußen.

Nach Elisabeths Tode machte Peter der Dritte den Halunken zum Vorsitzenden des Handelsgerichts, und dieser veröffentlichte mit Ermächtigung des neuen Zaren die von ihm geleisteten Dienste, die ihm diese schöne Belohnung eingetragen hatten: er rühmte sich also seines abscheulichen Vorgehens, statt sich dessen zu schämen. Peter wußte offenbar nicht, daß man aus Politik zuweilen ein Verbrechen belohnt, daß man aber den Verbrecher stets verachtet.

Ich sagte, Campioni habe die Bank gehalten; sie ging aber für Rechnung des Prinzen. Ich war mit einem Zehntel daran beteiligt, das mir ausgezahlt werden sollte, sobald der Schuldner seine Wechsel eingelöst hätte; als ich aber bei Tisch sagte, ich setzte keine Hoffnungen darauf und würde gerne meinen Anteil für hundert Rubel abtreten, nahm der Prinz mich beim Wort und zahlte mir sofort diesen Betrag aus. So kam es, daß ich der einzige war, der von dem Abend einen gewissen Vorteil hatte.

Katharina die Zweite wünschte sich in den neuen Staaten zu zeigen, die unter ihre Herrschaft gekommen waren, obgleich sie in der Person ihres früheren Günstlings Stanislaus Poniatowski einen Schattenkönig auf den polnischen Thron gesetzt hatte. Sie kam durch Riga, und dort sah ich zum erstenmal diese große Fürstin. Ich war Zeuge der Liebenswürdigkeit und der anmutigen Freundlichkeit, womit sie die Huldigungen des livländischen Adels entgegennahm: alle adligen Fräuleins, die ihr die Hand küssen wollten, küßte sie auf den Mund. Um sie herum standen die Orloffs und einige andere hohe Herren, die die Verschwörung geleitet hatten. Die Kaiserin sagte lächelnd zu ihnen, sie wolle für ihre treuen Diener eine Pharaobank von zehntausend Rubeln auflegen.

In einem Augenblick war der Tisch hergerichtet; es wurden Karten gebracht und Goldstücke aufgestapelt. Sie nahm die Karten, tat, wie wenn sie mischte, und gab sie dem ersten besten zum Abheben. Sie hatte das Vergnügen, in der ersten Taille die Bank gesprengt zu sehen, wie es nicht anders sein konnte; denn wenn sie nicht blödsinnig waren, mußten die Spieler stets wissen, welche Karte herauskommen würde. Am nächsten Tage reiste die Zarin nach Mitau, wo ihr zu Ehren Triumphbogen errichtet waren; diese Triumphbogen waren aus Holz, denn Steine sind in diesem Lande selten, außerdem hätte man auch keine Zeit gehabt, sie aus Stein aufzuführen.

Am Tage nach ihrer Ankunft gab es einen großen Schreck: man vernahm, daß in Petersburg eine Revolution auszubrechen drohte und daß es sogar schon zur Ausführung gekommen war. Man hatte den unglücklichen Iwan Iwanowitsch, der in der Wiege zum Zaren ausgerufen und von Elisabeth Petrowna entthront worden war, mit Gewalt aus der Zitadelle befreien wollen, in der er gefangen gehalten wurde. Die beiden Offiziere, die mit der Bewachung des unglücklichen Prinzen beauftragt waren, töteten den armen unschuldigen Monarchen, sobald sie sahen, daß sie nicht stark genug waren, um seine Befreiung zu verhindern.

Die Ermordung des unschuldigen Opfers machte einen so starken Eindruck auf das Publikum, daß der vorsichtige Panin einen Ausbruch des Unwillens befürchtete und Kurier um Kurier schickte, um die Kaiserin Katharina anzuflehen, sie möchte zurückkehren und sich ihrem Volke zeigen. Dieser Grund nötigte die Zarin, Mitau schon vierundzwanzig Stunden nach ihrer Ankunft wieder zu verlassen. Statt ihre Vergnügungsreise bis Warschau fortzusetzen, kehrte die Kaiserin in größter Eile nach Petersburg zurück, wo sie alles in der größten Ruhe fand. Die Politik veranlaßte sie, die Mörder des unglücklichen Iwan zu belohnen und den Frechen, die sie aus Ehrgeiz hatten vom Thron stoßen wollen, den Kopf abzuschlagen.

Man verbreitete das Gerücht, Katharina sei mit den Mördern im Einverständnis gewesen; aber man kam bald zu der Überzeugung, daß dies eine Verleumdung war. Die Zarin hatte eine starke Seele, aber sie war nicht hinterlistig und grausam. Als ich sie in Riga sah, war sie fünfunddreißig Jahre alt; sie regierte damals seit zwei Jahren. Obwohl sie nicht schön war, hatte sie etwas an sich, was gefiel: sie war groß, gut gewachsen, freundlich, leutselig und besonders von einer Ruhe, die sie nie verließ.

Um diese Zeit kam ein Freund des Barons von Ste.-Héleine von Petersburg an, um nach Warschau zu reisen. Er war ein Marchese Dragon, der sich d'Aragon nennen ließ. Er war Neapolitaner, ein großer Spieler, schön gewachsen, ein geschickter Fechter und stets bereit, in heiklen Fällen mit seiner Person einzustehen. Er hatte Petersburg verlassen, weil die Orloffs die Kaiserin überredet hatten, die Glücksspiele verbieten zu lassen. Man fand es eigentümlich, daß gerade die Orloffs das Glücksspiel verbieten ließen, da sie doch von weiter nichts lebten, bevor sie durch ein viel gefährlicheres, aber gewiß nicht edleres Mittel ihr Glück machten. Und doch waren sie vollkommen weise, indem sie diese Maßregel trafen. Sie wußten, daß die Spieler, die vom Spiel leben müssen, notwendigerweise Gauner sind: sie waren es selber gewesen. Sie wußten, daß solche Spieler im allgemeinen zu allen Ränken bereit sind, sobald sich nur irgendeine Aussicht auf Gewinn bietet: auch hierüber konnten sie selber am besten urteilen. Die Orloffs würden sich wohl gehütet haben, das Spiel in den Bann tun zu lassen, wenn sie nicht selber reich gewesen wären. Bürgerliche Tugenden richten sich fast immer nach den Umständen.

übrigens kann ein Spieler ein Schwindler sein und doch ein großes Herz haben, und gerechterweise muß man sagen, daß dies von den Orloffs gilt. Alexis hat die Narbe, die seine Wange ziert, in einer Schenke empfangen; der Mann, der ihn mit diesem Messerhieb zeichnete, hatte eine große Summe Geldes an ihn verloren und behauptete, Orloff verdanke diesen Gewinn mehr seiner Geschicklichkeit als dem Glück. Sobald Alexis reich und mächtig war, beeilte er sich den Mann, der ihn so empfindlich gezüchtigt hatte, glücklich zu machen; er dachte nicht daran, sich für die Verunglimpfung seines Antlitzes zu rächen. Dies ist ein edler Zug.

Die erste Kunst dieses Dragon bestand darin, stets die ihm günstige Karte umzuschlagcn, die zweite, den Degen zu führen. Er war im Jahre 1759 mit dem Baron von Ste.-Héleine nach Petersburg gekommen. Elisabeth regierte damals noch, aber der Thronfolger, Herzog Peter von Holstein, spielte schon eine große Rolle. Dragon ging auf einen Fechtboden, den der Prinz oft besuchte, und schlug dort alle Anwesenden. Der Herzog ärgerte sich darüber, nahm eines Tages ein Florett in die Hand und forderte den neapolitanischen Marchese heraus. Dragon nahm an und ließ sich zwei Stunden lang verdreschen; der Herzog entfernte sich triumphierend, denn nun konnte er sich für den besten Fechter von Petersburg halten.

Als der Prinz fort war, konnte Dragon sich nicht enthalten, zu sagen, er habe sich nur schlagen lassen, um nicht sein Mißfallen zu erregen; natürlich wurde diese Renommisterei dem Großfürsten hinterbracht. Dieser wurde zornig und schwor, er werde ihn zwingen, seine ganze Kraft aufzubieten, und wenn der Marchese ihn nicht vollständig besiege, so werde er ihn aus Petersburg ausweisen lassen. Zugleich ließ Seine Hoheit Dragon befehlen, sich am nächsten Tage auf dem Fechtboden einzufinden.

Der Herzog kam in seiner Ungeduld zuerst, bald aber erschien auch d'Aragon. Sobald der Prinz ihn sah, machte er ihm bittere Vorwürfe über seine Bemerkungen; der Neapolitaner versuchte nicht zu leugnen, sondern antwortete, er habe allerdings aus Furcht, dem Thronfolger zu mißfallen, ihm ein Zeichen seiner besonderen Hochachtung geben wollen, indem er sich zwei Stunden lang habe verdreschen lassen.

»Gut,« sagte der Großfürst, »aber jetzt werden Sie mich verdreschen, und zwar ohne jede Schonung; sonst lasse ich Sie morgen aus Petersburg ausweisen.«

»Gnädiger Herr, es soll nach den Befehlen Eurer Hoheit geschehen. Sie werden mich nicht ein einziges Mal berühren, aber ich hoffe, Prinz, Sie werden mir darob nicht zürnen, sondern mir im Gegenteil Ihren mächtigen Schutz gewähren.«

Die beiden Kämpen fochten den ganzen Vormittag miteinander, und der Großfürst empfing etwa hundert Stöße, ohne an den Marchese überhaupt herankommen zu können. Schließlich sah der Prinz die Überlegenheit seines Gegners ein, warf sein Florett weg und streckte dem Marchese die Hand entgegen. Er machte AjH ihn zu seinem Fechtmeister und ernannte ihn zum Major in seinem holsteinischen Garderegiment.

Nachdem d'Aragon auf diese Weise sich beim Großfürsten in Gunst gesetzt hatte, erhielt er bald darauf die Erlaubnis, im Palais des Herzogs eine Pharaobank zu halten. In drei oder vier Jahren besaß er hunderttausend Rubel in bar; mit diesen ging er an den Hof des neuen Königs Stanislaus, wo alle Spiele erlaubt waren. In Riga stellte Ste.-Héleine ihn dem Prinzen Karl vor, der ihn bat, am nächsten Tage mit dem Florett gegen ihn und einige Freunde seine Kunst zu zeigen. Ich hatte die Ehre, dabei zu sein. Er verdrosch uns alle ganz gehörig, denn seine Geschicklichkeit war wirklich teufelsmäßig. Es kränkte meine Eitelkeit, von ihm mit jedem Stoß getroffen zu werden, und ich sagte in meiner Empfindlichkeit zu ihm: mit dem blanken Degen in der Hand würde ich ihn nicht fürchten. Er hatte mehr Selbstbeherrschung wie ich und beruhigte mich, indem er mir die Hand hinstreckte und mir sagte: »Mit dem blanken Degen schlage ich mich ganz anders; Sie haben vollkommen recht, wenn Sie im Einzelkampf niemanden fürchten, denn Ihre Fechtweise muß Ihnen Achtung verschaffen.«

Am nächsten Tage reiste d'Aragon ab. Leider fand er in Warschau Griechen, die besser griechisch konnten als er – Gauner, die sich nicht auf dem Fechtboden amüsierten und ihm in weniger als sechs Monaten seine hunderttausend Rubel abnahmen. So geht's dem Spieler: Es gibt kein dümmeres und niederträchtigeres Gewerbe als berufsmäßiges Spiel.

Acht Tage vor meiner Abreise von Riga, wo ich zwei Monate zubrachte, reiste Campioni mit Unterstützung des trefflichen Prinzen Karl in aller Heimlichkeit ab. Drei oder vier Tage später folgte ihm der Baron von Ste.-Héleine, ohne sich von seinen zahlreichen Gläubigern zu verabschieden. Nur dem Engländer Collins, dem er tausend Taler schuldete, schrieb er ein Briefchen, worin er sagte, als Ehrenmann lasse er seine Schulden an dem Ort, wo er sie gemacht habe. In einigen Jahren werde ich wieder auf diese drei Herren zu sprechen kommen.

Campioni überließ mir seinen Schlafwagen; infolgedessen mußte ich sechsspännig nach Petersburg fahren. Der Abschied von seiner Tochter Betty machte mir großen Kummer, und mit der Mutter unterhielt ich während meines ganzen Petersburger Aufenthalts einen Briefwechsel.

Am 15. Dezember reiste ich bei fünfzehn Grad Kälte von Riga ab; aber ich fühlte die Kälte nicht einen einzigen Augenblick, obgleich ich Tag und Nacht fuhr; denn während der sechzigstündigen Fahrt verließ ich meinen Schlafwagen nicht ein einziges Mal. Um so schnell reisen zu können, hatte ich bereits in Riga alle Posten bis Petersburg bezahlt, und der Gouverneur von Livland, Marschall Brown, hatte mir den Passierschein für die Post ausfertigen lassen. Auf dem Kutschbock hatte ich einen französischen Bedienten, der mich gebeten hatte, mich während meiner Reise bedienen zu dürfen, und dafür keinen anderen Lohn verlangte, als einen Platz neben dem Kutscher. Er hielt sein Versprechen und bediente mich sehr gut. Trotz seiner schlechten Kleidung hielt er zwei Tage und drei Nächte lang die entsetzliche Kälte aus, ohne daß sie ihn zu belästigen schien. Nur ein Franzose kann derartige Temperaturunterschiede aushalten; ein Russe würde in einer so leichten Kleidung wie mein Franzose in vierundzwanzig Stunden erfroren sein, trotz allem Kornbranntwein, den er trinken würde.

Nach der Ankunft in Petersburg verlor ich diesen Franzosen aus den Augen; aber drei Monate darauf begegnete ich ihm wieder: er saß in einem reichen Tressenkleide neben mir an der Tafel des Herrn von Tschernitscheff; er war Uschitel eines jungen Grafen, der an seiner anderen Seite saß. Ich werde noch Gelegenheit haben, von der Stellung zu sprechen, die der Uschitel oder Hofmeister in Rußland einnimmt.

Lambert lag neben mir in meinem Schlafwagen; während der ganzen Reise tat er nichts als essen, trinken und schlafen. Da er stotterte, sprach er niemals ein Wort, wenn er nicht mußte. Außerdem konnte er sich nur über mathematische Probleme unterhalten, und ich war nicht immer in der Laune, mich mit solchen zu beschäftigen. Niemals machte er eine scherzhafte Bemerkung, niemals eine kritische Beobachtung über das, was wir sahen. Er war langweilig, denn er war dumm; aber dieser Eigenschaft verdankte er den Vorzug, sich selber niemals zu langweilen.

Ich wurde wahrend meiner Reise von Riga nach Petersburg nur ein einziges Mal angehalten, nämlich in Narwa, wo ich einen Paß zeigen mußte, den ich nicht besaß. Ich sagte dem Gouverneur: »Als Venetianer, der nur zu seinem Vergnügen reist, habe ich nicht geglaubt, daß ein Paß für mich notwendig ist; denn meine Republik liegt mit keiner anderen Macht im Kriege, und Rußland hat in Venedig keinen Gesandten. Sollte jedoch Eure Exzellenz Schwierigkeiten machen, so werde ich sofort umkehren; aber ich werde mich beim Marschall Brown beklagen, der mir den Passierschein für die Post gegeben hat, obgleich er wußte, daß ich keinen diplomatischen Paß besitze.« Nachdem er sich einen Augenblick die Stirn gerieben hatte, gab der Gouverneur mir einen Passierschein, den ich noch jetzt aufbewahre. Ich bin damit nach Petersburg hineingekommen, ohne daß man mich danach gefragt hat, ja sogar ohne daß man meine Koffer und meinen Wagen durchsuchte.

Zwischen Koporie und Petersburg ist nur ein einziges Nachtlager in einem ärmlichen Hause, das nicht einmal Poststation ist. Das Land ist eine Einöde, und man spricht nicht einmal russisch. Es heißt Ingermannland; die Volkssprache hat, wie ich glaube, mit keiner anderen Sprache etwas gemein. Die Bauern der dortigen Gegend betreiben das Gewerbe, den Reisenden, die nur einen Augenblick ihren Wagen außer acht lassen, alles zu stehlen, was sie können.

Ich kam in Petersburg in dem Augenblick an, wo die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne den Horizont vergoldeten. Da wir uns zur Zeit der Wintersonnenwende befanden, und da ich die Sonne genau um neun Uhr vierundzwanzig Minuten über einer ungeheuren Ebene aufgehen sah, so kann ich versichern, daß die längste Nacht dieser Gegend achtzehn und dreiviertel Stunden dauert.

Ich nahm eine Wohnung in einer großen und schönen Straße, die die Million genannt wird. Man gab mir zu billigem Preise zwei Zimmer, die vollständig leer waren, die man aber im Handumdrehen mit zwei Betten, vier Stühlen und zwei kleinen Tischen möblierte. Da ich Ofen von riesiger Größe sah, so glaubte ich, es sei eine große Menge Holz nötig, um sie zu erwärmen; aber ich irrte mich. Nur in Rußland besitzt man die Kunst, Ofen zu bauen, wie man nur in Venedig Zisternen zu graben versteht. Ich untersuchte im Sommer und mit einer Sorgfalt, wie wenn ich die Absicht gehabt hätte, den Russen diese Kunstfertigkeit zu stehlen – ich untersuchte, sage ich, das Innere eines dieser Ofen. Er war zwölf Fuß hoch und sechs Fuß breit und heizte einen ungeheuren Saal. Ich bewunderte die vernünftige Anlage der Züge. Diese Öfen werden nur einmal in vierundzwanzig Stunden geheizt, weil man eine oben angebrachte Klappe schließt, sobald das ganze Holz in glühende Kohlen verwandelt ist.

Nur bei reichen Herren wird täglich zweimal geheizt, weil es den Bedienten streng verboten ist, jemals die Klappe zu schließen. Der zweifellos sehr vernünftige Grund dieses Verbots ist folgender:

Wenn ein Herr ermüdet von der Jagd oder von einer Reise zurückkehrt und schlafen möchte, befiehlt er seinen Leuten, sein Zimmer zu heizen, um zu Bett gehen zu können. Wenn nun aus Unaufmerksamkeit oder Gedankenlosigkeit der Bediente die Klappe schließt, bevor alles Holz durchgeglüht ist, geht der Herr zu Bett und schläft ein, um nicht wieder aufzustehen: in drei oder vier Stunden gibt er seinem Schöpfer seine Seele zurück, ohne um Hilfe rufen zu können, ohne auch nur die Augen zu öffnen. Wenn man am Morgen das Zimmer betritt, findet man den Herrn erstickt; vergebens sucht man ihn ins Leben zurückzurufen; nun verfolgt man den armen Teufel von Diener, der sich geflüchtet hat, den man aber mit erstaunlicher Leichtigkeit zu finden weiß. Man hängt ihn auf der Stelle auf, ohne seine Verteidigungsgründe auch nur anzuhören. Dies Verfahren der Polizei oder der Justiz ist strenge, ja sogar grausam; aber es ist heilsam und verhindert manches Unglück; denn ohne dasselbe könnte jeder Diener seinen Herrn ad patres schicken, sobald er nur den geringsten Anlaß hätte, sich an ihm zu rächen.

Nachdem ich die Preise für alles abgemacht und alles billig gefunden hatte – was heutzutage nicht mehr der Fall ist, denn jetzt wird alles so teuer bezahlt wie in London – kaufte ich einige Möbel, die ich nicht entbehren konnte, die aber damals in Rußland nicht viel in Gebrauch waren, zum Beispiel eine Kommode, einen Schreibtisch und dergleichen.

Die Umgangssprache in St. Petersburg, ausgenommen in den Kreisen des niedrigsten Volkes, war die deutsche. Ich sprach diese damals nicht besser als heute; es wird mir ziemlich schwer, mich auszudrücken, und meine Zuhörer lachen immer über das, was ich sage. Diese Sprache gehört nun einmal zur russischen Landessitte, aber ich gestehe, daß es mir etwas schwer wurde, mich daran zu gewöhnen.

Nach dem Mittagessen sagte mein Wirt mir, am Abend finde ein Gratis-Maskenball für fünftausend Personen bei Hofe statt und dieser Ball dauere sechzig Stunden. Er gab mir eine Eintrittskarte und sagte mir, ich brauchte diese nur am Eingang zum kaiserlichen Palast vorzuzeigen.

Da ich glaubte, es müßte ganz interessant sein, gleich nach meiner Ankunft eine so zahlreich besuchte Gesellschaft zu sehen, so entschloß ich mich, von der Eintrittskarte Gebrauch zu machen. Ich besaß noch den Domino, den ich in Mitau gekauft hatte, und brauchte nur eine Maske. Ich ließ mich in einer Sänfte hintragen und traf eine Menge Menschen, die in mehreren Sälen nach den Klängen mehrerer Orchester tanzten. Ich fand mehrere Büfetts, die mit Eßwaren und Getränken beladen waren, und wo ein jeder, der Hunger oder Durst hatte, nach Herzenslust aß oder trank. Freude und Freiheit herrschte überall, und die in verschwenderischer Zahl angebrachten Kerzen verbreiteten Helligkeit in jeden Winkel. Ich fand das alles prachtvoll und bewunderungswürdig und bewunderte es um so rückhaltloser, je größer der Gegensatz zu dem Wetter draußen war. Plötzlich hörte ich neben mir eine Maske zu einer anderen sagen: »Da kommt die Zarin. Jetzt werden wir gleich auch Gregor Orloff sehen; denn er hat Befehl, ihr von weitem zu folgen, und trägt einen Domino, der wie Katharinas Domino wohl fünf Kopeken wert ist.«

Ich folgte dieser Maske und gewann bald die Gewißheit, daß es wirklich die Herrscherin war, denn zwanzig Personen zur Linken und zur Rechten wiederholten es; aber niemand tat, wie wenn er sie kenne. Diejenigen, die sie wirklich nicht kannten, stießen sie an, als sie sich so durch das Gedränge schob. Ich stellte mir gern das Vergnügen vor, das sie darüber empfinden mußte; denn hierdurch mußte sie die Überzeugung gewinnen, daß man sie nicht erkannte. Mehrere Male sah ich, wie sie sich neben Leute setzte, die russisch sprachen und sich vielleicht über sie unterhielten. Allerdings setzte sie sich hierdurch einigen Enttäuschungen für ihre Eitelkeit aus. Aber sie verschaffte sich dadurch den unschätzbaren Vorteil, Wahrheiten zu erfahren, die sie von den Höflingen, welche ihr ohne Maske schmeichelten, niemals zu hören hoffen durfte. In einiger Entfernung sah ich stets die Maske, die man als Gregor Orloff bezeichnet hatte. Er verlor sie keine Minute aus den Augen; jedermann erkannte ihn an seinem hohen Wuchs und an der Art, wie er den Kopf vorstreckte.

In einem Saal, wo ein französischer Kontertanz ganz ausgezeichnet getanzt wurde, blieb ich stehen, um mit Vergnügen zuzusehen. Plötzlich sah ich eine Maske in Bahute, Mantel, weißer Larve und aufgeschlagenem Hut eintreten. Der Herr war zu gut kostümiert, um nicht mein Landsmann zu sein, denn ich habe selten gesehen, daß Fremde unsere Tracht so gut nachahmen, um eine Täuschung erregen zu können. Zufällig stellte er sich neben mich.

»Man würde Sie für einen Venetianer halten«, sagte ich auf französisch zu ihm.

»Ich bin es ja auch.«

»Wie ich.«

»Ich scherze nicht.«

»Ich auch nicht.«

»So sprechen wir doch venetianisch!«

»Sprechen Sie nur; ich werde Ihnen antworten.«

Wir sprachen nun miteinander venetianisch, aber an dem Worte sabato Samstag, das man in Venedig sabo ausspricht, erkannte ich, daß er zwar Venetianer war, aber nicht aus der Hauptstadt stammte. Er gab es zu und sagte mir, er erkenne an meiner Sprache mit Bestimmtheit, daß ich aus der Stadt Venedig selbst sei.

»So ist es.«

»Ich glaubte, in Petersburg gäbe es keinen anderen Italiener als Bernardi.«

»Wie Sie sehen, kann man sich täuschen.«

»Ich bin Graf Volpati von Treviso.«

»Geben Sie mir Ihre Adresse; ich werde Sie aufsuchen und Ihnen sagen, wer ich bin; hier kann ich Ihnen das nicht sagen.«

»Meine Adresse? Hier!«

Ich trennte mich vom Grafen und streifte wieder auf diesem eigenartigen Ball herum. Zwei oder drei Stunden später überraschte mich die Stimme einer weiblichen Maske, die im Kreise mehrerer anderer Masken in Falsett nach der Mode der Opernbälle pariserisch sprach.

Die Stimme erkannte ich nicht, aber der Stil ließ mir keinen Zweifel darüber, daß es eine von meinen Bekannten wäre; denn sie gebrauchte dieselben Ausdrücke und Zwischenrufe, die ich in Paris an allen Orten, die ich häufiger besuchte, in die Mode gebracht hatte: oh! la bonne chose! le cher homme! Ich war neugierig, wer das wohl sein möchte; da ich sie aber nicht anreden wollte, bevor ich sie kannte, so wartete ich geduldig, um sie im verstohlenen sehen zu können, wenn sie einmal ihre Maske abnähme. Nach einer Stunde etwa gelang mir dies. Der Leser stelle sich meine Überraschung vor, als ich die Baret erkannte, die Strumpfhändlerin von der Ecke der Rue St. Honoré! Bei ihrem Anblick erwachte meine Liebe von neuem; ich trat auf sie zu und sagte ihr mit Falsettstimme, ich sei ihr Freund vom Hotel d'Elbeuf.

Offenbar wurde sie neugierig; aber sie erriet nicht, wer ich war, und wagte kein Wort zu sagen. Ich flüsterte ihr ins Ohr: Gilbert, Baret, Rue des Prouvères, sowie einige Tatsachen, die nur ihr selber und einem glücklichen Liebhaber bekannt sein konnten.

Als sie sah, daß ich ihre geheimsten Angelegenheiten kannte, ließ sie alle anderen stehen, hängte sich an meinen Arm und bat mich, ihr doch zu sagen, wer ich sei.

»Ich bin Ihr Liebhaber – einstmals sehr glücklicher Liebhaber; bevor ich Ihnen aber mehr sage, bitte ich Sie, mir anzugeben, mit wem Sie hier sind und wie es Ihnen geht.«

»Schön! Aber vor allen Dingen bitte ich Sie, keinem Menschen zu sagen, was Sie von mir wissen! Ich verließ Paris mit Herrn d'Anglade, Parlamentsrat in Rouen. Nachdem ich eine Zeitlang mit ihm ziemlich glücklich gelebt hatte, verließ ich ihn, um dem Direktor einer komischen Oper zu folgen, der mich unter dem Namen l'Anglade als Schauspielerin hierher gebracht hat. Jetzt werde ich vom polnischen Gesandten, Grafen Rzewuski, unterhalten. Und nun, wo Sie alles wissen, sagen Sie mir, bitte, wer Sie sind.«

Da ich sicher war, sie wiederum zu besitzen, nahm ich meine Maske ab. Freudetrunken drückte sie mir die Hände und rief: »Mein guter Engel führt Sie nach Petersburg.«

»Wieso?«

»Rzewuski ist genötigt, nach Polen zurückzukehren; ich kann mich daher nur Ihnen anvertrauen, damit Sie es mir möglich machen, Rußland zu verlassen; denn ich kann es hier nicht mehr aushalten, da ich einen Beruf ausüben muß, für den ich wohl nicht geboren bin: denn ich kann weder singen noch Komödie spielen.«

Sie gab mir ihre Adresse, und ich verließ sie, hocherfreut über meine Entdeckung. Nachdem ich eine halbe Stunde an einem Büfett verbracht hatte, wo ich einige Leckerbissen aß und französische Weine trank, mischte ich mich wieder unter die Menge und sah meine schöne l'Anglade mit Bolpati plaudern. Er hatte sie mit mir gesehen und war sofort zu ihr gegangen, um zu erfahren, wer ich sei; sie war jedoch verschwiegen, wie ich es von ihr zum Lohn für meine eigene Diskretion verlangt hatte, und hatte ihm gesagt, ich sei ihr Gemahl; mit diesem Namen rief sie mich an, indem sie sagte, die neugierige Maske wolle es nicht glauben, obwohl es doch wahr sei.

Ermüdet verließ ich gegen Morgen den Ball; ich legte mich mit der Absicht zu Bett, in der Frühe aufzustehen, um in die Messe zu gehen. Nachdem ich eine gute Weile geschlafen hatte, wachte ich auf; da ich aber alles noch dunkel sah, drehte ich mich auf die andere Seite und schlief wieder ein, endlich wachte ich zum zweiten Male auf; da ein schwaches Tageslicht durch mein Doppelfenster drang, so stand ich auf und ließ einen Friseur holen. Ich sagte meinem Bedienten, er solle sich beeilen, denn ich wolle die Messe hören, weil heute der erste Sonntag meines Petersburger Aufenthalts sei.

»Aber, gnädiger Herr, der erste Sonntag war ja gestern; heute haben wir Montag.«

»Wie? Montag?«

»Gewiß, gnädiger Herr.«

Ich hatte siebenundzwanzig Stunden geschlafen. Nachdem ich herzlich über meinen Irrtum gelacht hatte, überzeugte ich mich bald von der Richtigkeit der Tatsache, denn ich verspürte einen Wolfshunger.

Das ist der einzige Tag in meinem Leben, wovon ich sagen kann, daß ich ihn wirklich verloren habe, aber ich werde darüber nicht weinen, wie der römische Kaiser, sondern ich lache darüber; freilich ist das nicht der einzige Unterschied zwischen Titus und Casanova.

Ich ging zu dem griechischen Kaufmann Demetrio Papanelopulo, bei dem ich für hundert Rubel monatlich akkreditiert war. Außerdem war ich von Herrn da Loglio an ihn empfohlen worden. Er nahm mich ausgezeichnet auf und bat mich, jeden Tag bei ihm zu speisen; die fällige Monatsrate zahlte er mir sofort aus, zeigte mir, daß er meinen Mitauer Wechsel eingelöst hatte, und besorgte mir einen Bedienten, für dessen Treue er mir bürgte, sowie ein Mietsfuhrwerk für achtzehn Rubel monatlich, etwas mehr als sechs Dukaten. Eine Billigkeit, die heutzutage nicht mehr vorhanden ist.

Am nächsten Tage speiste ich bei dem braven Griechen mit dem jungen Bernardi, dem Sohn des Bernardi, der aus Verdachtsgründen, die von der Weltgeschichte bestätigt oder widerlegt werden mögen, vergiftet wurde. Als der Nachtisch aufgetragen wurde, kam Graf Volpati und erzählte, er habe auf dem Ball einen Venetianer getroffen, der ihm versprochen hatte, ihn aufzusuchen.

»Dieser Venetianer, Herr Graf, würde sein Versprechen gehalten haben, wenn er nicht nach dem Ball siebenundzwanzig Stunden geschlafen hätte. Dieser Venetianer bin ich, und ich bin entzückt, hier meine Bekanntschaft mit Ihnen zu vervollständigen.«

Der Graf wollte abreisen; seine Abreise war bereits in der Petersburger Zeitung angekündigt, wie es damals in Rußland Vorschrift war. Niemand bekam einen Paß früher als vierzehn Tage, nachdem seine Abreise öffentlich angekündigt war. Infolgedessen geben die Kaufleute Fremden gern Kredit, während die Fremden es sich zweimal überlegen, bevor sie Schulden machen.

Am nächsten Tage überbrachte ich einen Brief an den damaligen Oberst und späteren Artillerie-General Pietro Iwanowitsch Melissino. Der Brief war von Madame da Loglio, die mit ihm sehr befreundet gewesen war. Er empfing mich aufs beste, stellte mich seiner sehr liebenswürdigen Gemahlin vor und lud mich ein für allemal ein, jeden Abend bei ihnen zu speisen. Sein Haushalt war nach französischer Art eingerichtet: man spielte, man soupierte in zwangloser Weise. Ich lernte bei ihm auch seinen älteren Bruder kennen, Prokurator des Synods; dieser war mit einer Fürstin Dolgorucki verheiratet. Es wurde Pharao gespielt, und die Gesellschaft bestand nur aus zuverlässigen Leuten, die sich weder über ihre Verluste beklagten, noch sich ihrer Gewinne rühmten. Man war daher sicher, daß die Regierung niemals die Verletzung des Spielverbotes entdecken würde. Die Bank hielt Baron Lefort, ein Sohn des berühmten Admirals Peters des Großen. Dieser Lefort war ein Beispiel für die Unbeständigkeit des Glückes: er war damals in Ungnade wegen einer Lotterie, die er gelegentlich der Krönung der Kaiserin in Moskau veranstaltet hatte; die Zarin selber hatte ihm die Mittel dazu geliefert, um ihrem Hof ein kleines Vergnügen zu machen. Aus Mangel an guter Leitung war die Lotterie in die Luft geflogen, und die Verleumdung hatte dem Baron schuld daran gegeben.

Ich spielte an jenem Abend mit bescheidenen Einsätzen und gewann ein paar Rubel. Beim Essen saß ich neben dem Baron Lefort und wurde mit ihm näher bekannt; nachdem ich ihn später mehrere Male freundschaftlich besucht hatte, weihte er mich in seine Verhältnisse ein.

Während wir vom Spiel sprachen, pries ich die edle Gleichgültigkeit, womit ein gewisser Fürst tausend Rubel an ihn verloren hatte. Er lachte und sagte mir, der schöne Spieler, dessen vornehme Gleichgültigkeit ich bewundere, spiele auf Kredit, bezahle aber nicht.

»Aber die Ehre?«

»Die Russen haben ihre besondere Auffassung von Ehre, und wenn einer seine Schulden nicht bezahlt, so leidet darunter seine Ehre nicht. Es ist eine stillschweigende Bedingung, daß derjenige, der auf Wort verliert, nur bezahlt, wenn er will; der Gewinner würde sich lächerlich machen, wenn er ihn an seine Schuld erinnern würde.«

»Ohne Zweifel hat aber dafür ein Bankhalter das Recht, unbare Sätze zurückzuweisen?«

»Selbstverständlich. Niemand darf sich dadurch beleidigt fühlen. Der Spieler entfernt sich oder gibt Pfänder, übrigens ist die Verderbnis unter den Spielern in Rußland so hoch gestiegen, daß man solche Dinge, wie sie hier vorkommen, anderswo in ganz Europa kaum in einer Diebeshöhle antreffen würde. Ich kenne junge Leute vom höchsten Adel, die damit renommieren, daß sie das Glück zu meistern verstehen – mit anderen Worten: daß sie betrügen. Ein Matuschkin hat sogar alle fremden Betrüger herausgefordert, ihm etwas abzugewinnen. Er hat soeben die Erlaubnis erhalten, drei Jahre lang im Ausland zu reisen, und er machte lein Geheimnis daraus, daß er draußen seine Geschicklichkeit auszuüben gedenkt. Er hat sich vorgenommen, mit reicher Beute nach Rußland zurückzukehren.«

Ein junger Gardeoffizier, namens Zinowieff, ein Verwandter der Orloffs, den ich bei Melissino getroffen hatte, verschaffte mir die Bekanntschaft des englischen Gesandten Macartney, eines schönen und geistvollen jungen Mannes, der ein großer Freund des Vergnügens war. Er hatte sich in ein Fräulein von Schitroff, eine Hofdame der Kaiserin, verliebt; und da die Schöne dieser Liebe gegenüber nicht unempfindlich geblieben war, so war ein Püppchen das Ergebnis gewesen. Die Kaiserin hatte diese englische Freiheit sehr unverschämt gefunden; der Sünderin verzieh sie allerdings, aber sie ließ den Verführer abberufen. Diese Nachsicht der Zarin, wurde dem Umstände zugeschrieben, daß Fräulein von Schitroff das Talent hatte, sehr anmutig auf der kaiserlichen Bühne zu tanzen. Ich kannte den Bruder dieser Hofdame, einen sehr jungen und sehr schönen Offizier, der zu guten Hoffnungen berechtigte. Ich hatte den Vorzug, zu einer Hofaufführung zugelassen zu werden, und sah bei dieser Gelegenheit Fräulein von Schitroff tanzen. Ferner tanzte das schöne Fräulein Sievers, die jetzige Fürstin von ***, die ich vor vier Jahren mit ihrer Tochter, einer sehr gut erzogenen jungen Prinzessin, in Dresden wiedersah. Dieses Fräulein Sievers bezauberte mich. Ich verliebte mich in sie; da ich ihr aber niemals vorgestellt wurde, so habe ich es ihr niemals sagen können. Der Kastrat Putini besaß ihre Gunst, und er verdiente sie ebensosehr durch sein Talent wie durch seinen Geist und seine persönlichen Vorzüge.

Der gute Papanelopulo machte mich mit dem Minister Alsuwieff bekannt. Dies war ein geistvoller Mann, dick und fett und der einzige Gelehrte, den ich in Rußland kennen gelernt habe. Er hatte in Upsala gute Studien gemacht, liebte die Frauen, den Wein und eine gute Tafel. Er lud mich ein, bei Locatelli in Katharinenhof zu speisen; dies war ein kaiserliches Lustschloß, das die Zarin dem alten Theaterdirektor auf Lebenszeit überlassen hatte. Er war verwundert, mich zu sehen, und ich war noch viel mehr verwundert, als ich sah, daß er Restaurateur geworden war; denn für einen Rubel, ohne den Wein, gab er jedem, der kam, ein ganz ausgezeichnetes Essen. Herr Alsuwieff machte mich auch mit seinem Kollegen, dem Kabinettssekretär Teploff, bekannt; dieser hatte das Laster, hübsche Knaben zu lieben, und das Verdienst, Peter den Dritten erdrosselt zu haben, als dieser durch den Genuß von Limonade die Wirkungen des Arseniks beseitigt hatte, das man ihm in einer Flasche Burgunder hatte trinken lassen. Die Tänzerin Mécour, der ich einen Brief von der Santina überwacht hatte, machte mich mit ihrem Liebhaber bekannt, dem dritten Kabinettssekretär Yelagin, der zwanzig Jahre in Sibirien verbracht hatte.

Ein Brief von da Loglio verschaffte mir die freundlichste Aufnahme von Seiten des Kastraten Luini, eines liebenswürdigen Menschen, bei dem man ausgezeichnet speiste. Er war der Geliebte der sehr tüchtigen ersten Tänzerin Colonna; aber sie schienen nur zusammen zu sein, um sich zu quälen, denn nicht einen einzigen Tag sah ich sie einträchtig. Bei ihm machte ich die Bekanntschaft eines anderen sehr liebenswürdigen Kastraten, namens Millico, eines sehr guten Freundes des Großjägermeisters Narischkin. Da Millico oftmals mit Achtung von mir sprach, wünschte er mich ebenfalls kennen zu lernen. Dieser Narischkin, ein liebenswürdiger und ziemlich gebildeter Herr, war der Gatte der berühmten Maria Paulowna.

An der prunkvollen Tafel des Großjägermeisters lernte ich den Kalogero Platon kennen, der jetzt Erzbischof von Nowgorod ist. Damals war er Hofprediger der Kaiserin. Dieser schlaue Mönch verstand griechisch, sprach lateinisch und französisch, hatte Geist und war, was man einen schönen Mann nennen kann; es war nicht zu verwundern, daß er in Rußland sein Glück machte; denn in diesem Lande hat der Adel sich niemals dazu herbeilassen wollen, sich um geistige Würden zu bewerben.

Da ich einen Brief von da Loglio für die Fürstin Daschkoff hatte, brachte ich ihn ihr nach ihrem drei Werst von Petersburg gelegenen Landgut, wo sie in der Verbannung lebte, weil sie geglaubt hatte, den Thron, den Katharina mit ihrer Hilfe bestiegen hatte, mit der Zarin teilen zu dürfen. Die große Katharina konnte den Ehrgeiz der früheren Freundin nicht befriedigen und mußte ihn daher tödlich kränken.

Ich fand die Fürstin in Trauer wegen des Todes ihres Gemahls. Sie empfing mich mit großer Güte und versprach mir, meinetwegen mit Herrn Panin zu sprechen. Drei Tage darauf schrieb sie mir, ich könne mich diesem hohen Herrn vorstellen, sobald ich wolle. Bei dieser Gelegenheit sah ich, daß die Zarin ein großer Mensch war: sie hatte die Fürstin in Ungnade fallen lassen, aber sie hielt ihren Günstling und ersten Minister nicht ab, ihr jeden Abend seinen Besuch zu machen. Ich habe von glaubwürdigen Leuten gehört, Graf Panin sei nicht der Liebhaber, sondern der Vater der Fürstin Daschkoff gewesen; diese ist jetzt Vorsitzende der Akademie der Wissenschaften, und ohne Zweifel haben die Gelehrten in ihr eine zweite Minerva erkennen müssen, denn sonst würden sie wahrscheinlich darüber erröten, daß eine Frau an ihrer Spitze steht. Man braucht den Russen nur noch eine Frau zu wünschen, die ihr Heer kommandieren kann; aber die Jungfrauen von Orléans sind nicht reichlich.

Am Dreikönigstage wohnte ich mit Melissino einer ganz außerordentlichen Feier bei, nämlich der Einsegnung des Wassers der Newa, die damals mit fünf Fuß dickem Eis bedeckt war.

Nachdem das Wasser gesegnet ist, tauft man darin Kinder, indem man sie in ein großes Loch im Eise eintaucht. An jenem Tage geschah es, daß dem Popen ein Kind, das er taufen sollte, aus den Händen glitt. »Drugoi!« rief er. Das hcißt: »Gebt mir ein anderes.«

Man stelle sich meine Überraschung vor, als ich Vater und Mutter des verunglückten Kindes freudetrunken sah! Sie waren überzeugt, daß ihr Kind auf geradem Wege zum Himmel emporgeflogen sei. Glückliche Unwissenheit!

Ich hatte einen Brief von der Florentinerin Bregonci, die mich in Memel zum Abendessen eingeladen hatte, an ihre Freundin, die Venetianerin Roccolini. Diese hatte die Laune gehabt, Venedig zu verlassen, um an der Petersburger Oper zu singen, obgleich sie keine Note kannte und niemals vorher die Bühne betreten hatte. Die Kaiserin hatte über ihre Torheit gelacht und ihr sagen lassen, sie habe keine Stellung zu vergeben, die ihrem besonderen Talent entspreche. Die Roccolini, die man die Vicenza nannte, war nicht die Frau, sich durch eine solche Kleinigkeit entmutigen zu lassen. Sie schloß eine enge Freundschaft mit einer französischen Kaufmannsfrau, namens Proté, die bei dem Großjägermeister wohnte. Diese Proté war gleichzeitig die Geliebte des Großjägermeisters und die Vertraute seiner Frau, Marin Puulowna, die ihren Mann nicht liebte und daher glücklich war, daß die Französin sie von ihren ehelichen Verpflichtungen befreite.

Diese Proté war eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen habe, und ohne Zweifel die schönste, die es damals in Petersburg gab. In der Blüte ihrer Jahre stehend, vereinigte sie mit dem galantesten Wesen den ausgesuchtesten Geschmack in der Kunst der Kleidung. Keine Frau wußte sich so anzuziehen wie sie, und da sie sehr lustig und in Gesellschaft außerordentlich liebenswürdig war, so war sie überall beliebt. Die Vicenza war nun ihre Freundin, Vertraute und Kupplerin geworden. Sie empfing in ihrer Wohnung die Kavaliere, die sich in die Proté verliebt hatten, und die zu erhören der Mühe wert erschien. Die Proté kam dabei auf ihre Rechnung, und die Vermittlerin verlor nichts, denn sie empfing von allen Seiten.

Ich erkannte die Signora Roccolini auf den ersten Blick wieder; da aber seit unserer Bekanntschaft schon etwa zwanzig Jahre verflossen waren, so wunderte sie sich nicht, daß ich so tat, wie wenn ich mich nicht mehr erinnerte, und suchte auch nicht mein Gedächtnis aufzufrischen. Ihr Bruder hieß Montellato; er hatte mich eines Nachts, als ich vom Ricotto kam, mitten auf dem Markusplatze ermorden wollen. Bei der Roccolini hatte man das Komplott geschmiedet, das mir das Leben gekostet hätte, wenn ich einen Augenblick gezögert hätte, durch das Fenster auf die Straße zu springen.

Die Roccolini empfing mich, wie man eben einen lieben Landsmann in der Fremde begrüßt. Sie erzählte mir im einzelnen alles Unglück, das sie gehabt hatte, aber sie war stolz auf ihren Mut und sagte zu mir: »Ich brauche keinen Menschen und verkehre vergnügt und guter Dinge mit den liebenswürdigsten Damen von St. Petersburg. Da Sie oft beim Großjägermeister Narischkin speisen, so wundere ich mich, daß Sie dort noch nicht die schöne Madame Proté kennen gelernt haben; denn sie ist ja mit Narischkin ein Herz und eine Seele. Kommen Sie morgen zum Kaffee zu mir; Sie werden ein Wunder sehen!«

Ich stellte mich pünktlich ein und fand die Dame noch weit erhaben über das Lob, das die Venetianerin ihr gezollt hatte. Ich war von ihr geblendet; da ich aber nicht mehr reich war, so bot ich meinen Geist auf, um mich bei ihr in Gunst zu setzen.

Obwohl ich wußte, wie sie hieß, fragte ich sie nach ihrem Namen. Sie antwortete mir: »Proté.«

»Sie könnten mir, meine Gnädige, nichts Angenehmeres sagen, denn Sie haben mir soeben gesagt, daß Sie mir gehören.«

»Wieso?« fragte sie mit einem reizenden Lächeln.

Ich erklärte ihr das lateinische Wortspiel (Pro te) und sie lachte darüber. Nachdem ich ihr allerlei angenehme Dinge gesagt hatte, gab ich ihr offen zu erkennen, welche Wirkung ihre Schönheit auf mich ausgeübt hatte, und sprach die Hoffnung aus, daß ich sie mit der Zeit durch meine Bewerbungen gewinnen könnte. Die Bekanntschaft war gemacht, und seitdem sprach ich jedesmal entweder vor oder nach dem Essen bei ihr vor, wenn ich zu Narischkin ging.

Da der polnische Gesandte um diese Zeit nach seiner Heimat zurückkehrte, mußte ich meine Liebschaft mit der schönen l'Anglade aufgeben, denn sie nahm einen vorteilhaften Vorschlag an, den ein Graf Braun ihr machte. Einige Monate später starb die reizende Französin an den Pocken. Ohne Zweifel war dies für sie eine Wohltat des Schicksals; denn da sie weder sparsam noch eigennützig war, hätte sie im Elend enden müssen, sobald ihre Schönheit ihr nicht mehr den Unterhalt verschaffen konnte.

Ich hatte Lust, die Gunst der schönen Proté zu erwerben, und lud sie daher nach Katharinenhof zum Speisen bei Locatelli ein; außerdem bat ich Luini, die Colonna, den Gardeoffizier Zinowieff, die Signora Vicenza und deren Liebhaber, einen Geigenvirtuosen. Wir hatten ein ausgezeichnetes Essen; Wein und Fröhlichkeit brachten die Gäste in die von mir gewünschte Stimmung, so daß nach der Mahlzeit ein jeder mit der Seinen die Einsamkeit suchte; bald war ich bei meiner schönen Proté auf dem besten Wege zum Erfolge, als ein Zwischenfall uns störte. Luini rief uns heran, um ihn als Jäger zu bewundern; denn er hatte seine Gewehre mitgebracht und seine Hunde kommen lassen.

Ich hatte mich mit Zinowieff etwa hundert Schritte vom Kaiserlichen Lustschloß entfernt, als ich eine junge Bäuerin von wahrhaft überraschender Schönheit entdeckte. Ich machte den jungen Offizier auf sie aufmerksam, und wir gingen auf sie zu; aber leicht und gewandt wie ein Reh lief sie davon und trat in eine nahe gelegene Hütte ein. Wir folgten ihr und sahen in der Hütte ihren Vater, ihre Mutter, mehrere Kinder und die Schöne, die sich in eine Ecke gedrückt hatte, wie ein Kaninchen, das Angst hat, von der verfolgenden Meute zerrissen zu werden.

Zinowieff – der, nebenbei bemerkt, derselbe ist, der zwanzig Jahre lang in Madrid Gesandter der Kaiserin war – sprach ziemlich lange Zeit russisch mit dem Vater. Natürlich verstand ich nichts davon, aber ich erriet, daß von dem jungen Mädchen die Rede war, denn der Vater rief sie heran, und sie trat mit gehorsamer und unterwürfiger Miene heran und stand mit gesenkten Augen vor uns.

Nachdem er ziemlich lange gesprochen hatte, ging Zinowieff hinaus; ich gab dem Bauern einen Rubel und folgte meinem Freunde. Zinowieff gab mir Bericht über sein langes Gespräch: er habe den Vater gefragt, ob er ihm seine Tochter als Magd geben wolle, der Vater habe ihm geantwortet, das wolle er sehr gern tun, aber er verlange hundert Rubel für sie, weil sie noch Jungfrau sei. »Es ist also, wie Sie sehen, nichts dabei zu machen.«

»Wieso nichts zu machen?«

»Natürlich nicht. Hundert Rubel!«

»Und wenn ich Lust hätte, dieses Geld zu geben?«

»Dann wäre sie Ihre Magd, und Sie könnten mit ihr anfangen, was Sie wollten; nur töten dürfen Sie sie nicht.«

»Und wenn sie nicht wollte?«

»Das kommt niemals vor; aber dann könnten Sie sie prügeln.«

»Nehmen wir an, sie sei einverstanden: könnte ich sie noch weiter behalten, wenn ich sie nach meinem Geschmack gefunden hätte?«

»Sie werden ihr Herr, sage ich Ihnen; Sie können sie sogar festnehmen lassen, wenn sie Ihnen fortläuft; oder sie muß Ihnen die hundert Rudel wiedergeben, die Sie für sie ausgegeben haben.«

»Und was muß ich ihr monatlich geben?«

»Nichts. Sie bekommt nur Essen und Trinken, und Sie müssen sie jeden Samstag baden lassen, damit sie Sonntags in die Kirche gehen kann.«

»Und könnte ich sie zwingen, mit mir zu kommen, wenn ich von Petersburg fortginge?«

»Nein; es wäre denn, daß Sie gegen Bürgschaft die Erlaubnis dazu erhielten; denn das Mädchen wird zwar Ihre Leibeigene, aber sie bleibt darum doch in erster Linie Leibeigene der Kaiserin.«

»Gut. Wollen Sie mir diese Sache in Ordnung bringen? Ich werde die hundert Rubel geben und sie gleich mitnehmen. Ich verspreche Ihnen, sie nicht als Leibeigene zu behandeln. Aber ich verlasse mich auf Sie; ich möchte nicht gerne betrogen werden.«

»Ich werde selber den Handel abschließen und verspreche Ihnen, daß man Sie nicht betrügen wird. Soll es gleich geschehen?«

»Nein, morgen. Denn ich wünsche nicht, daß unsere Gesellschaft etwas davon erfährt.«

»Schön; also morgen.«

»Wir fuhren alle zusammen in einem großen Phaeton nach Petersburg zurück. Am anderen Morgen ging ich um neun Uhr zu Zinowieff, der, wie er sagte, entzückt war, mir diesen kleinen Dienst leisten zu können. Unterwegs sagte er mir: »Wenn Sie Lust haben , bringe ich Ihnen in ein paar Tagen einen Harem von soviel schönen Mädchen zusammen, wie Sie wünschen.«

»Wenn ich verliebt bin, brauche ich nur eine.«

Mit diesen Worten gab ich ihm die hundert Rubel. Wir gingen in die Hütte und fanden Vater, Mutter und Tochter. Zinowieff sagte ihm in wenigen Worten, worum es sich handelte; der Vater dankte nach dem Landesbrauch dem heiligen Nikolaus für das Glück, das er ihm bescherte; hierauf sprach er mit seiner Tochter, die mich ansah und auf russisch »ja« sagte. Dies Wort verstand ich.

Zinowieff sagte mir, ich müsse mich überzeugen, daß sie unberührt sei; denn bei der Unterzeichnung des Vertrages müsse ich anerkennen, daß ich sie als Jungfrau gekauft habe. Ich fürchtete sie dadurch zu beleidigen und wies daher jede Untersuchung zurück, aber Zinowieff sagte mir, das Mädchen würde gekränkt sein, wenn ich sie nicht untersuchte; ich würde ihr im Gegenteil ein großes Vergnügen bereiten, wenn sie dadurch ihre Eltern überzeuge könnte, daß sie keusch geblieben wäre. Ich untersuchte sie daher so zartfühlend, wie ich nur konnte, aber ganz gründlich, und fand sie unberührt. Allerdings würde ich sie sicherlich nicht verraten haben, selbst wenn ich sie nicht als Jungfrau gefunden hätte.

Zinowieff übergab hierauf die hundert Rubel dem Vater, der sie seiner Tochter gab; diese aber nahm sie nur, um sie sofort ihrer Mutter zu reichen. Mein Bedienter und mein Kutscher traten ein und unterschrieben als Zeugen den Vertrag, von dessen Inhalt sie keine Ahnung hatten.

Das junge Mädchen, dem ich den Namen Zaïra gab, stieg in ihrem groben Tuchrock und ohne Hemd in unseren Wagen und fuhr mit uns nach Petersburg. Nachdem ich Zinowieff nach Hause gebracht hatte, fuhren wir zu mir. Vier Tage lang schloß ich mich mit ihr ein und wich nicht einen Augenblick von ihrer Seite, bis ich sie ohne Luxus, aber sehr sauber nach französischer Art gekleidet sah. Es war mir sehr schmerzlich, daß ich nicht Russisch konnte, aber in weniger als drei Monaten verstand Zaïra genug Italienisch, um mich verstehen zu können und um mir alles zu sagen, was sie wünschte. Es dauerte nicht lange, so liebte sie mich, später wurde sie eifersüchtig. Aber davon werden wir im nächsten Kapitel sprechen.

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