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Erinnerungen

Giacomo Casanova: Erinnerungen - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorCasanova
titleErinnerungen
volume5
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20050616
projectid161255ea
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Siebzehntes Kapitel

Auguste wird durch einen förmlichen Vertrag Geliebte des Lord Pembroke. – Der Sohn des Königs von Korsika. – Herr du Claude oder der Jesuit Lavalette. – Abreise der Hannoveranerinnen. – Meine Bilanz. – Der Baron von Stenau. – Die Engländerin und das Denkzeichen, das sie mir läßt. – Daturi. – Meine Flucht aus London. – Der Graf von Saint-Germain. – Wesel.

Lord Pembroke war in Auguste so verliebt, daß er ihr schriftlich folgendes Anerbieten machte: monatlich fünfzig Guineen auf drei Jahre, dazu Wohnung, Unterhalt, Dienerschaft, Wagen und Pferde in St. Albans, ohne die Geschenke zu rechnen, die sie von seiner zärtlichen Dankbarkeit erwarten dürfte, wenn sie die Liebe teilte, die sie ihm eingeflößt hätte.

Auguste übersetzte mir Mylords Brief und fragte mich um Rat. Ich antwortete ihr: »Ich kann Ihnen keinen Rat geben; Sie dürfen nur Ihrem Herzen und Ihrem eigenen Vorteil folgen.« Sie ging zu ihrer Mutter, die aber keinen Entschluß fassen wollte, ohne meinen Rat zu hören, da ich, wie sie sagte, der weiseste und tugendhafteste aller Menschen sei. Ich bezweifle sehr, daß mein Leser die Ansicht dieser Mutter teilt; aber ich bin ihm darum nicht böse, denn ich dachte und denke genau so wie mein Leser. Endlich wurde beschlossen, daß Auguste den Antrag annehmen sollte, sobald ein ehrbarer Kaufmann von der Londoner Börse die Bürgschaft für Lord Pembroke übernommen hätte; denn mit ihrer Schönheit, ihrem guten Charakter, ihrem ausgezeichneten Benehmen wäre es unmöglich, daß sie nicht bald Lady Pembroke würde. Nach der Meinung der Mutter konnte es nicht anders sein, denn wenn sie daran hätte zweifeln können, würde sie niemals ihre Einwilligung gegeben haben, da ihre Tochter als Gräfin nicht die Geliebte irgendeines Menschen werden könnte, und wäre er noch so vornehm.

Diesem Entschluß entsprechend schrieb Auguste an Mylord, der binnen drei Tagen die Angelegenheit in Ordnung brachte. Der Kaufmann unterzeichnete den Vertrag als Bürge, und ich selber hatte die ungeheure Ehre, das Schriftstück als Zeuge und Freund der Mutter zu unterschreiben; ich führte den Kaufmann zu ihr, und sie unterschrieb vor seinen Augen die Abredung ihrer Tochter, die er als Zeuge beglaubigte. Den Lord Pembroke wollte sie nicht sehen, aber sie umarmte ihre Tochter, mit der sie noch ein Gespräch hatte, das ich nicht hörte.

An demselben Tage, als Auguste mein Haus verließ, hatte ich ein eigentümliches Erlebnis, das ich berichten will:

Am Tage, nachdem ich der Braut des Marchese Petina die Bescheinigung des neapolitanischen Gesandten gegeben hatte, war ich mit meiner lieben Gabriele und mit ihrer Schwester Hippolyta spazieren geritten. Als ich nach Hause kam, hatte ich vor meiner Tür einen Herrn gefunden, der sich Sir Frederick nennen ließ; er war angeblich der Sohn des Königs von Korsika, Theodor Freiherrn von Neuhof, der, wie alle Welt weiß, in London gestorben war. Herr Frederick bat mich um eine geheime Unterredung; als wir allein waren, sagte er mir, er wisse, daß ich den Marchese Petina kenne, und da er im Begriff stehe, ihm einen Wechsel von zweihundert Guineen diskontieren zu lassen, so brauche er eine Auskunft, ob der Marchese in seiner Heimat in den Verhältnissen sei, um den Wechsel bei Verfall einzulösen. »Es ist für mich wichtig, dies zu wissen; denn die Geldgeber verlangen, daß ich den Wechsel giriere.«

»Mein Herr, ich kenne den Marchese seit einiger Zeit, weiß aber nicht, ob er Vermögen hat; ich weiß nur vom neapolitanischen Gesandten, daß er ohne jeden Zweifel wirklich der Marchese Petina ist.«

»Würden Sie, falls die Personen, mit denen ich in Unterhandlung stehe, von dem Geschäft zurücktreten sollten, selber geneigt sein, den Wechsel zu diskontieren? Sie würden ihn billig bekommen.«

»Ich mache keine Geschäfte, und es liegt mir durchaus nichts an Gewinnen dieser Art. Leben Sie wohl, Sir Frederick!«

Am nächsten Tage sagte Goudar mir, ein Herr du Claude wünsche mich zu sprechen.

»Was ist das für ein Herr du Claude?«

»Es ist der berühmte Jesuit Lavalette, der den berühmten Bankerott machte, durch den die Gesellschaft Jesu in Frankreich zugrunde gerichtet wurde. Er hat sich unter einem angenommenen Namen nach London zurückgezogen; er muß viel Geld besitzen, und ich würde Ihnen raten, ihn anzuhören.«

»Ein Jesuit und Bankerotteur, – das sind schlechte Empfehlungen!«

»Das macht nichts, ich habe ihn in einem guten Hause kennen gelernt, und er hat sich an mich gewandt, da er weiß, daß ich Sie kenne. Was sagen Sie dabei, wenn Sie ihn anhören?«

»Eigentlich nichts, aber ...; nun gut, Sie können mich zu ihm führen; auf diese Weise wird es für mich leichter sein, einer engeren Verbindung auszuweichen, als wenn er zu mir käme.«

Goudar ging zu Lavalette, um sich mit ihm zu besprechen, und führte mich am Nachmittag zu ihm. Übrigens war es mir ganz angenehm, einmal das Gesicht dieses Mannes zu sehen, dessen Gaunerei ein so kunstreich ersonnenes Werk der Hölle vernichtet hatte. Er empfing mich sehr herzlich. Nachdem Goudar uns allein gelassen hatte, zeigte er mir einen Wechsel von Petina und sagte: »Der junge Mann wünscht, daß ich ihm das Papier diskontiere; er hat mir gesagt, ich könne von Ihnen Auskunft über seine Mittel erhalten.«

Ich antwortete dem hochwürdigen Vater Lavalette du Claude dasselbe, was ich dem Sohn des Königs von Korsika gesagt hatte, und entfernte mich, sehr ärgerlich auf diesen traurigen Bettel-Marchese, der mir solche dummen Belästigungen verursachte. Da ich sah, daß er ein Intrigant war, beschloß ich, der Sache ein Ende zu machen und ihm durch seine Hannoveranerin sagen zu lassen, daß er so etwas unterlassen solle; ich fand jedoch an diesem Tage keine Gelegenheit dazu.

Nachdem ich am nächsten Tage einen Spazierritt mit meinen beiden Nymphen gemacht hatte, speiste ich mit ihnen und Lord Pembroke, der sich bei mir einlud; vergeblich erwartete ich Petinas Geliebte, die gegen ihre sonstige Gewohnheit nicht nach Hause kam. Um neun Uhr erhielt ich von ihr einen Brief, dem ein deutsch geschriebener Brief für ihre Mutter beilag. Sie schrieb mir: sie sei überzeugt, daß sie niemals die Einwilligung ihrer Mutter erhalten werde, und sei daher mit ihrem Liebhaber abgereist, der eine genügende Summe Geldes aufgetrieben habe, um die Reisekosten bis Neapel zu bestreiten; dort werde er sie sofort nach seiner Ankunft heiraten. Sie bat mich, ihre Mutter zu trösten und mit der Versicherung zu beschwichtigen, daß sie nicht mit einem Abenteurer abgereist sei, sondern mit einem adligen Kavalier ihresgleichen. Ein mitleidiges und verächtliches Lächeln kräuselte meine Lippen und machte die drei jungen Schwestern neugierig. Ich zeigte ihnen den Brief der älteren und forderte sie auf, mich zu ihrer Mutter zu begleiten.

»Wir wollen lieber bis morgen warten,« sagte Victoria, »denn dieser schreckliche Brief würde ihr den Schlaf rauben.«

Ich gab ihr recht, und wir aßen ziemlich traurig zu Abend. Ich hielt das unglückliche Mädchen für verloren und machte mir den Vorwurf, die unfreiwillige Ursache zu sein: denn wenn ich den Marchese nicht aus dem Gefängnis ausgelöst hätte, wäre das Unglück nicht geschehen. Marchese Caraccioli hatte recht gehabt, als er mir sagte, ich hätte ein dummes gutes Werk getan. Ich tröstete mich in den Armen meiner lieben Gabriele.

Am Morgen hatte ich viel zu leiden, als ich die Verzweiflung der Mutter beschwichtigen mußte. Sie verfluchte die Tochter und den Verführer und machte mir Vorwürfe, daß ich ihn aus dem Gefängnis befreit hätte. Sie erging sich in den rührendsten und zugleich sonderbarsten Reden.

Man muß niemals einem trauernden Menschen beweisen wollen, daß er unrecht hat; denn er kann dadurch ärgerlich werden und großen Schaden davon haben; läßt man ihn dagegen sich von selber beruhigen, so sieht er sein Unrecht ein und fühlt sich dem Freunde verpflichtet, der ihn ohne Widerspruch hat ausreden und sich dadurch erleichtern lassen.

Nach diesem traurigen Ereignis verbrachte ich noch zwei sehr glückliche Wochen mit meiner Gabriele, die von Victoria und Hippolyta als meine Frau angesehen wurde. Wir machten uns gegenseitig auf jede mögliche Weise glücklich. Ich beglückte sie besonders durch meine Treue, denn ich behandelte ihre Schwestern, wie wenn sie meine eigenen gewesen wären und wie wenn ich die Gunst, die ich von ihnen erhalten hatte, völlig vergessen hätte. Niemals nahm ich mir Freiheiten mit ihnen heraus, die meiner Geliebten hätten mißfallen können; denn ich wußte, daß Freundschaft zwischen Frauen selten so weit geht, einander eine Nebenbuhlerschaft in der Liebe zu verzeihen. Übrigens hatte ich sie reichlich mit Kleidern und Wäsche ausgestattet; sie wohnten und aßen gut, ich ließ sie ins Theater gehen und machte Landpartien mit ihnen. Sie beteten mich an, wie wenn ich ein Gott gewesen wäre, und schienen zu glauben, dieses Glück müsse ewig dauern. Leider ging ich aber mit großen Schritten meiner völligen körperlichen und pekuniären Erschöpfung entgegen.

Ich hatte kein Geld mehr und hatte alle meine Diamanten und anderen Edelsteine verkauft. Mir blieben nur noch Tabaksdosen, Uhren, Bonbonnieren – Kleinigkeiten, die ich liebte, und die ich nicht den Mut hatte zu verkaufen, denn ich hätte dafür nicht den fünften Teil von dem gelöst, was sie mir gekostet hatten. Seit einem Monat bezahlte ich weder die Rechnungen meines Kochs noch die meines Weinhändlers, und ich gefiel mir darin, ihre Sicherheit zu teilen. Ganz in meine Liebe zu Gabriele versunken, fand ich mein Glück darin, ihre Zärtlichkeit durch tausend Gefälligkeiten zu belohnen.

In diesem glücklichen Zustande von Gleichgültigkeit befand ich mich, als eines Tages Victoria mir sehr traurig sagte, ihre Mutter habe sich entschlossen, nach Hannover zurückzukehren, da sie jede Hoffnung verloren habe, bei Hofe etwas zu erreichen.

»Und wann gedenkt sie abzureisen?«

»In drei oder vier Tagen.«

»Ohne mir ein Wort zu sagen, wie wenn sie einen Gasthof verließe, nachdem sie mit dem Wirt abgerechnet hat?«

»Oh nein, sie wünscht im Gegenteil mit Ihnen unter vier Augen zu sprechen.«

Ich ging zu ihr. Sie beklagte sich in liebenswürdigstem Tone, daß ich sie niemals besuchte, und sagte dann: »Da Sie meine Hand ausgeschlagen haben, so will ich den Leuten nicht länger Anlaß zu Verleumdung und böser Nachrede geben. Ich danke Ihnen für alles Gute, das Sie meinen Töchtern getan haben, und will mit den dreien, die mir noch bleiben, lieber abreisen; denn sonst fürchte ich sie zu verlieren, wie ich meine beiden ältesten verloren habe. Wenn Sie wollen, können Sie mit uns kommen und, solange Sie Lust haben, ein hübsches Landhaus bewohnen, das ich in der Nähe der Hauptstadt besitze.«

Ich konnte ihr nur antworten und ihr danken, meine Verhältnisse erlaubten mir nicht, ihr Anerbieten anzunehmen.

Drei Tage darauf kam Victoria zu mir, als ich gerade aufstand, und sagte mir, um drei Uhr würden sie abfahren. Hippolyta und Gabriele wollten trotzdem ausreiten, wie wir am Tage vorher verabredet hatten; die guten Mädchen amüsierten sich, während ich mich in untröstlicher Trauer befand, wie immer, wenn ich mich von einer Geliebten trennen mußte.

Als wir nach Hause kamen, legte ich mich sofort zu Bett, ohne Mittag zu essen; ich sah die drei Schwestern erst wieder, nachdem sie alle ihre Reisevorbereitungen getroffen hatten. Einen Augenblick vor ihrer Abfahrt stand ich auf, um nicht die Mutter in meinem Zimmer empfangen zu müssen. Ich betrat das ihrige in dem Augenblick, wo man sie in meinen Wagen tragen wollte, der vor meiner Tür auf sie wartete. Die Unverschämte dachte, ich würde ihr etwas für die Reise geben; als sie jedoch sah, daß ich durchaus nicht geneigt war, diese Hoffnung zu erfüllen, sagte sie mir mit einer Aufrichtigkeit, die ihr ohne Zweifel ganz unwillkürlich entschlüpfte: sie hätte in ihrer Börse hundertundfünfzig Guineen, die ich ihren Töchtern geschenkt hätte. Ihre Töchter standen dabei und zerflossen in Tränen.

Als sie fort waren, ließ ich meine Tür vor jedermann verschließen und verbrachte drei traurige Tage damit, meine Bilanz zu ziehen. In einem Monat hatte ich mit den Hannoveranerinnen alles Geld verschwendet, das ich für meine Edelsteine bekommen hatte; außerdem hatte ich noch mehr als vierhundert Guineen Schulden. Ich beschloß, zur See nach Lissabon zu reisen, und verkaufte mein diamantenbesetztes Ordenskreuz, sechs oder sieben goldene Dosen, nachdem ich die Porträts herausgenommen hatte, alle meine Uhren mit Ausnahme einer einzigen und zwei große Koffer voll von Kleidern. Nachdem ich alle meine Rechnungen bezahlt hatte, fand ich mich im Besitz von achtzig Guineen. Dies war der Rest eines schönen Vermögens, das ich wie ein Narr oder wie ein Weiser verschwendet hatte – oder vielleicht wie ein Narr und ein Weiser.

Ich verließ mein schönes Haus, worin ich so lustig gelebt hatte, und bezog ein Zimmerchen, wofür ich wöchentlich eine Guinee bezahlte. Ich behielt nur meinen Neger, an dessen Treue zu zweifeln ich keinen Anlaß hatte.

Nachdem ich alle meine Maßregeln getroffen hatte, schrieb ich Herrn von Bragadino, er möchte mir sofort nach Empfang meines Briefes zweihundert Zechinen schicken. Ich brauchte nicht zu besorgen, dadurch das Geld, das für mich in Venedig stehen mußte, zu stark in Anspruch zu nehmen; denn ich hatte mir seit fünf Jahren nichts von dort schicken lassen.

Ich beschloß also, von London abzureisen, ohne einen Heller Schulden zu hinterlassen und ohne die Börse irgendeines Menschen in Anspruch zu nehmen. So wartete ich denn ruhig auf die Ankunft des Wechsels aus Venedig, um mich von allen Bekannten zu verabschieden und mich nach Lissabon einzuschiffen, wo ich einmal sehen wollte, was das Glück mit mir vorhätte; aber diese Göttin hatte Böses mit mir im Sinne, und zwar fern von Lusitanien.

Vierzehn Tage nach der Abreise der Hannoveranerinnen, gegen Ende Februar 1764, führte mich mein böser Stern in die Schenke zur Kanone, um dort nach meiner Gewohnheit in einem Zimmer für mich zu speisen. Man hatte den Tisch für mich gedeckt, und ich wollte mich eben niedersetzen, als der Baron Stenau mit der Serviette in der Hand eintrat und mich aufforderte, mein Essen in das Nebenzimmer bringen zu lassen, wo er mit seiner Geliebten allein sitze.

»Ich bin Ihnen dankbar,« antwortete ich ihm; »denn wenn man allein ist, langweilt man sich.«

Ich sah eine Engländerin, die ich schon einmal bei Sartori getroffen hatte, als der Baron so freigebig gegen sie gewesen war. Sie sprach italienisch und war talentvoll und schön; ihre Gegenwart entzückte mich, und wir speisten sehr fröhlich.

Es war nach einer vierzehntägigen Enthaltsamkeit nicht zu verwundern, daß die hübsche Engländerin mir Begierden einflößte. Ich verbarg dies jedoch, denn ihr Geliebter gab den Ton an und schien sie mit Achtung zu behandeln. Ich nahm mir also keine weitere Freiheit heraus, als daß ich ihr sagte, der Baron scheine mir der glücklichste aller Menschen zu sein.

Gegen Ende der Mahlzeit sah sie Würfel auf dem Kaminsims liegen; sie holte diese und sagte: »Wir wollen eine Guinee für Austern und Champagner ausspielen.«

Natürlich konnte man das nicht ausschlagen, der Baron verlor und rief den Kellner, um ihm seine Bestellung zu machen.

Als wir die Austern aßen, sagte sie: »Jetzt wollen wir das Mittagessen ausspielen.«

Wir spielen; sie verliert.

Es ärgerte mich, daß das Glück mich so bevorzugte. Ich wünschte zwei Guineen zu verlieren und schlug dem Baron vor, darum zu würfeln. Er war einverstanden, aber zu meinem großen Bedauern gewann ich. Er verlangt Revanche und verliert abermals.

»Es tut mir leid, daß ich Ihnen Ihr Geld abnehme, und ich werde Ihnen Revanche bis hundert geben.«

Er dankte mir, bestimmte die Einsätze und war mir in weniger als einer halben Stunde hundert Guineen schuldig.

»Weiter!« rief er.

»Mein lieber Baron, Sie sind im Unglück; Sie könnten zuviel verlieren, es ist besser, wir hören für diesmal auf.«

Ohne mir für meine Höflichkeit Dank zu wissen, fluchte er gegen das Glück; dann stand er auf, nahm seinen Stock und Hut und sagte im Hinausgehen: »Wenn ich wiederkomme, werde ich Sie bezahlen.«

Kaum war er hinaus, so sagte die schöne Engländerin zu mir: »Ich bin überzeugt, Sie haben Halbpart mit mir gespielt.«

»Wenn Sie das erraten haben, werden Sie auch erraten haben, daß ich Sie reizend finde?«

»Ich habe es bemerkt.«

»Und ist es Ihnen unangenehm?«

»Im Gegenteil – vorausgesetzt, daß ich das erste richtig erraten habe.«

»Ich verspreche Ihnen fünfzig Guineen, sobald er mir die hundert bezahlt hat.«

»Gut; aber der Baron darf nichts davon erfahren.«

»Das versteht sich von selbst.«

Kaum war die Vereinbarung geschlossen, so bewies ich ihr die Aufrichtigkeit meiner Neigung. Ich war sehr zufrieden mit ihrer Gefügigkeit und mit diesem Glücksschimmer in einem Augenblick, wo alles für mich so traurig aussah. Wie man sich denken kann, wurde die Sache sehr schnell abgemacht, denn die Tür war nur angelehnt. Ich hatte kaum soviel Zeit, sie zu fragen, wo sie wohne und welche Stunde ihr passe und besonders, ob ich große Rücksicht auf ihren Liebhaber nehmen müsse. Sie antwortete mir, er gebe ihr nicht genug, um beanspruchen zu können, daß sie ihm allein angehöre. Ich steckte ihre Adresse in meine Tasche und versprach ihr, die nächste Nacht mit ihr zu verbringen.

Kurz darauf kam der Baron wieder und sagte zu mir: »Ich war bei einem Kaufmann, um mir diesen Wechsel diskontieren zu lassen; er wollte es aber nicht tun, obwohl der Wechsel von einem guten Lissaboner Hause an meine Ordre auf eins der ersten Häuser von Cadix auf Sicht gezogen ist.«

Er zeigte mir die Unterschriften des Wechsels, und ich sah mit Verwunderung, daß der Betrag auf Millionen lautete. Der Baron sagte mir jedoch lachend, diese Millionen seien portugiesische Reis und der ganze Wechsel mache ungefähr fünfhundert Pfund Sterling aus.

»Wenn die Unterschriften bekannt sind,« sagte ich zu ihm, »so wundere ich mich, daß man Ihnen die Diskontierung verweigert. Warum gehen Sie nicht zu ihrem Bankier?«

»Ich kenne keinen. Ich kam mit tausend Lisbonninen in der Tasche hier an und habe diese ausgegeben. Da ich keinen Kreditbrief habe, so kann ich Ihnen die hundert Guineen nicht zahlen, wenn man mir nicht den Wechsel diskontiert. Falls Sie Bekannte an der Börse haben, könnten Sie mir wohl den Gefallen tun.«

»Wenn die Unterschrift bekannt ist, werde ich es morgen früh machen können.«

»Ich werde also den Wechsel girieren.«

Er schrieb seinen Namen darauf, und ich versprach ihm, bis zum nächsten Mittag ihm entweder das Geld zu bringen oder ihm den Wechsel zurückzugeben. Er gab mir seine Adresse, lud mich zum Mittagessen ein, und wir trennten uns.

Am nächsten Morgen ging ich zu Bosanquet, der mir sagte, Mister Leigh brauche Wechsel auf Cadix. Ich ging zu diesem Herrn, der bei dem Anblick des Wechsels ausrief, das Papier sei besser als Gold. Er berechnete den Diskont und gab mir fünfhundertundzwanzig Guineen, nachdem ich natürlich den Wechsel indossiert hatte.

Ich ging zum Baron, zeigte ihm die Abrechnung und gab ihm das Geld, das ich erhalten hatte.

Er dankte mir und gab mir meine hundert Guineen; hierauf speisten wir und sprachen von seiner Schönen.

»Sind Sie sehr verliebt in sie?« fragte ich ihn.

»Nein, denn ich habe noch andere, und wenn Sie ihnen gefällt, können Sie sich für zehn Guineen mit ihr belustigen.«

Ich fand diese Erklärung anständig; doch dachte ich nicht daran, die Schöne um die ihr versprochene Summe zu betrügen. Ich begab mich vom Baron unmittelbar zu ihr, und sobald sie hörte, daß ihr Liebhaber bezahlt habe, bestellte sie ein köstliches Abendessen und bereitete mir eine so wollüstige Nacht, daß ich meine ganze Traurigkeit vergaß. Als ich ihr am Morgen die fünfzig Guineen gab, sagte sie mir, meine Ehrlichkeit solle mir zunutze kommen; sie werde mir daher, sooft ich wolle, für sechs Guineen ein Abendessen geben. Ich versprach ihr, sie oft zu besuchen.

Am anderen Morgen erhielt ich mit der Stadtpost einen in schlechtem Italienisch geschriebenen Brief mit der Unterschrift: »Ihr gehorsamer Pate Daturi.«

Dieser Pate war wegen Schulden im Gefängnis und bat mich, ihm ein paar Schillinge zu schenken, damit er sich etwas zu essen kaufen könnte. Ich hatte nichts zu tun; die Unterschrift meines Paten machte mich neugierig, und ich ging ins Gefängnis, um diesen Daturi zu sehen, von dessen Vorhandensein ich keine Ahnung hatte. Man zeigte mir einen schönen jungen Menschen von zwanzig Jahren, der mich gar nicht kannte und den ich ebenfalls zum ersten Male zu sehen glaubte. Ich zeigte ihm den Brief; er bat mich wegen der Belästigung um Verzeihung, zog ein Papier aus seiner Tasche und zeigte mir einen Taufschein. Ich sah darauf seinen und meinen Namen, die seiner Eltern, die Gemeinde in Venedig, worin er geboren war, und den Namen der Kirche, worin man ihn getauft hatte. Vergebens suchte ich mich zu besinnen; die Namen waren mir völlig unbekannt.

»Wenn Sie mich gütigst anhören wollen, werde ich Sie auf den richtigen Weg bringen, indem ich Ihnen erzähle, was meine Mutter mir hundertmal gesagt hat.«

»Nur zu; ich höre.«

Seine Erzählung erweckte wirklich mein Gedächtnis. Der junge Mann, den ich als Sohn des Schauspielers Daturi über das Taufbecken gehalten hatte, war vielleicht mein eigener Sohn. Er war mit einer Seiltänzergruppe nach London gekommen, um die edle Rolle des Strohmanns oder Pagliazzo zu spielen. Er hatte sich mit seinen Leuten überworfen; man hatte ihn fortgeschickt, und er war zehn Pfund Sterling schuldig geworden. Wegen dieser Schuld saß er im Gefängnis. Ohne ihm etwas über das Geheimnis seiner Geburt oder vielmehr über meine Beziehungen zu seiner Mutter zu sagen, löste ich ihn sofort aus und sagte ihm, er solle jeden Morgen zu mir kommen; er werde täglich zwei Schillinge zu seinem Lebensunterhalt bekommen.

Acht Tage nach dieser guten Handlung fühlte ich mich von einer abscheulichen Krankheit befallen, von welcher der Gott Merkur mich schon dreimal auf meine eigene Rechnung und Gefahr befreit hatte. Ich hatte drei Nächte bei der fatalen Engländerin zugebracht. Dieser Unfall kam mir besonders ungelegen, weil ich mich in einer so traurigen Lage befand. Mir stand eine lange Seereise bevor, und obwohl Venus den Fluten entstiegen ist, ist doch die Luft ihres Elements nicht eben günstig für die, die unter ihrer Ungnade leiden, wie es in diesem Augenblicke mit mir der Fall war. Ich wußte jedoch, was ich zu tun hatte, und dachte nur daran, mich ohne Zeitverlust in eine energische Behandlung zu geben. Ich wußte, daß ich in sechs Wochen wieder gesund sein könnte, und daß ich bei meiner Ankunft in Lissabon imstande sein würde, mit meiner Person einzustehen.

Ich ging aus, nicht um, wie ich es früher selber getan hatte und wie es noch jetzt alle Dummköpfe tun, der Engländerin Vorwürfe wegen ihrer Hinterlist zu machen, sondern um einen guten Chirurgen aufzusuchen, mit ihm den Preis zu vereinbaren und mich in seine Wohnung einzuschließen.

Zu diesem Zweck packte ich meinen Koffer, wie wenn ich London verlassen wollte. Nur meine getragene Wäsche schickte ich zu meiner Wäscherin, die sechs englische Meilen von London wohnte und die vornehmste Kundschaft der Stadt hatte.

An dem Morgen, wo ich meinen Umzug bewerkstelligen und mich in die Heilanstalt begeben wollte, brachte man mir einen Brief, der mit der Stadtpost gekommen war. Ich öffnete ihn; er war von Leigh und lautete folgendermaßen:

»Der Wechsel, den Sie mir gegeben haben, ist falsch. Zahlen Sie mir sofort die fünfhundertzwanzig Guineen zurück, die ich Ihnen gegeben habe, und wenn derjenige, der Sie betrogen hat, Ihnen den Betrag nicht wiedererstattet, so lassen Sie ihn verhaften. Ich bitte Sie recht sehr, nötigen Sie mich nicht, Sie morgen verhaften zu lassen, und verlieren Sie keine Zeit; denn es geht um Ihr Leben.«

Ich war allein, und das war ein großes Glück für mich. Ich warf mich auf mein Bett und war in einem Augenblicke von einem sehr reichlichen kalten Schweiß überströmt. Ich zitterte wie Espenlaub. Vor meinen Augen erhob sich der Galgen; denn kein Bankier hätte mir in diesem Augenblick fünfhundert Guineen anvertraut, und man würde nicht einen Monat gewartet haben, um mir den hochnotpeinlichen Prozeß zu machen, der mich an den Galgen gebracht haben würde. Hätte ich einen Monat Aufschub bekommen können, so würde ich ganz bestimmt diese Summe aus Venedig erhalten haben; aber in England ist man zu derartigen Geschäften nicht geneigt.

Ein glühendes Fieber war dem Zittern gefolgt. Ich nahm zwei gut geladene Pistolen, untersuchte das Zündkorn und steckte sie in meine Tasche. Nachdem ich meinem Neger befohlen hatte, auf mich zu warten, ging ich zum Baron von Stenau. Ich war entschlossen, ihm eine Kugel durch den Kopf zu schießen, wenn er mir nicht die fünfhundertzwanzig Guineen zurückgäbe, oder ihn zu bewachen, bis ich ihn hätte verhaften lassen können. Ich kam in seine Wohnung und erfuhr, daß er vor vier Tagen nach Lissabon abgereist sei. Dieser Baron von Stenau war Livländer; er wurde vier Monate später in Lissabon gehängt. Ich erfuhr diesen Umstand zwei Monate, nachdem er vorgefallen war, als ich anfangs Oktober desselben Jahres mich in Riga befand. Ich teile es aber schon jetzt hier mit, weil ich es später vielleicht vergessen könnte.

Sobald ich seine Abreise vernahm, sah ich, daß nichts mehr zu machen war, und faßte auf der Stelle meinen Entschluß. Ich besaß nur zehn oder zwölf Guineen, und mit dieser Summe konnte ich nichts anfangen. Ich eilte zu dem venetianischen Juden Treves, an den ich von dem Bankier Grafen Algarotti von Venedig empfohlen war, dessen ich mich aber bis dahin niemals bedient hatte. Ich wandte mich weder an den ehrenwerten Bosanquet noch an Vanhel noch an Salvador, denn diese konnten von meiner Angelegenheit Kenntnis erhalten haben, aber Treves machte mit diesen großen Bankiers keine Geschäfte. Ich begnügte mich mit der Diskontierung eines kleinen Wechsels von hundert venetianischen Zechinen, den ich auf Algarotti zog. Ich schrieb ihm, er möchte sich den Betrag von seinem Verwandten Dandolo bezahlen lassen, der mir seine Empfehlung verschafft hatte.

Sobald ich den Betrag meines Wechsels in der Tasche hatte, ging ich, von einem tödlichen Fieber verzehrt, nach Hause. Leigh hatte mir vierundzwanzig Stunden Frist gegeben, und der ehrliche Engländer war nicht imstande, mir sein Wort zu brechen. Aber meine Natur erlaubte mir nicht, mich darauf zu verlassen. Ich wollte nicht gerne meine Wäsche verlieren und ebensowenig die schönen Anzüge, die ich bei meinem Schneider hatte. Zugleich aber war die höchste Eile nötig, um mich in Sicherheit zu bringen. Ich rief Jarbe in mein Zimmer und fragte ihn, ob er lieber ein Geschenk von zwanzig Guineen und seine sofortige Entlassung haben oder ob er in meinem Dienste bleiben und mir versprechen wolle, in acht Tagen von London abzureisen und mir meine Sachen nach dem Ort zu bringen, von wo ich ihm schreiben würde.

Er antwortete mir: »Ich will in Ihrem Dienste bleiben, Herr, und komme gern überall hin, wo Sie sind. Wann reisen Sie?«

»In einer Stunde; aber es kostet mir das Leben, wenn du ein Wort sagst.«

»Warum nehmen Sie mich nicht mit?«

»Weil ich wünsche, daß du mir die Wäsche und die Anzüge bringst, die noch bei der Wäscherin und bei meinem Schneider sind. Ich werde dir soviel Geld geben, wie du ungefährzu deiner Reise brauchst.«

»Ich will nichts. Sie können mir meine Auslagen bezahlen, sobald ich wieder bei Ihnen bin. Warten Sie!«

Er ging hinaus, kam aber sofort wieder und zeigte mir sechzig Guineen.

»Bitte, nehmen Sie diese, Herr; für den Notfall habe ich soviel Kredit, um noch eine gleiche Summe aufzutreiben.«

»Nein, lieber Freund, ich danke dir; ich habe das Geld nicht nötig. Ich werde deine Treue nicht vergessen.«

Da mein Schneider in unmittelbarer Nähe wohnte, ging ich zu ihm, und als ich sah, daß meine Anzüge noch nicht zugeschnitten waren, sprach ich den Wunsch aus, die Stoffe und goldenen Tressen an ihn zu verkaufen. Er zahlte mir sofort dreißig Guineen, denn er verdiente dabei zehn. Nachdem ich hierauf meine Wohnung für eine Woche gezahlt hatte, sagte ich meinem Neger Lebewohl und reiste mit Daturi ab.

Wir übernachteten in Rochester, da ich nicht soviel Kraft besaß, weiter zu reisen. Ich hatte Zuckungen und war in einer Art von Fieberdelirium. Daturi rettete mir das Leben.

Ich hatte Postpferde bestellt, um weiterzufahren; er aber schickte auf seine eigene Verantwortung die Pferde fort und holte einen Arzt, der mich in Gefahr fand, an einem Schlagfluß zu sterben; er machte mir einen reichlichen Aderlaß, der mich beruhigte. Sechs Stunden darauf fand er, daß ich weiterreisen könnte. Ich kam in aller Frühe in Dover an und konnte mich dort nur eine halbe Stunde aufhalten, weil der Kapitän des Paketbootes, wie er mir sagte, wegen der Ebbe seine Abfahrt nicht länger hinausschieben konnte. Der gute Seebär wußte nicht, daß diese Abreise gerade mein höchster Wunsch war. Ich benützte diese halbe Stunde dazu, an Jarbe zu schreiben, er solle zu mir nach Calais kommen, wo ich auf ihn warten werde. Meine Wirtin, Mistres Mercier, an die ich einen Brief adressiert hatte, schrieb mir, daß sie ihn meinem Diener persönlich übergeben habe. Aber Jarbe kam nicht. In zwei Jahren werden wir den Neger wiederfinden.

Ich kam in Calais erst in sechs Stunden an, da der Wind schwach und beinahe entgegen war. Im goldenen Arm, wo ich meine Postkutsche gelassen hatte, stieg ich ab. Sofort nach meiner Ankunft legte ich mich zu Bett und ließ den besten Arzt rufen.

Die Glut des Fiebers und das Gift, das durch meine Adern strömte, brachte mein Leben in große Gefahr. Am dritten Tage lag ich im Sterben. Ein vierter Aderlaß erschöpfte meine Kräfte und versenkte mich in eine Betäubung, die vierundzwanzig Stunden dauerte. Dieser folgte eine heilsame Krisis, die mir das Leben wieder schenkte; aber erst eine strenge Diät setzte mich vierzehn Tage nach meiner Ankunft auf dem Boden der Rettung in den Stand, weiterreisen zu können.

Ich war schwach; es bereitete mir tiefe Trauer, dem ehrlichen Meister Leigh, wenn auch ohne meine Absicht, einen bedeutenden Verlust verursacht zu haben; ich fühlte mich gedemütigt, daß ich aus London hatte fliehen müssen; Jarbes Untreue empörte mich, und es war mir höchst ärgerlich, die geplante Reise nach Portugal aufgeben zu müssen. Ohne zu wissen, wohin ich fahren wollte, und in einem so jämmerlichen Gesundheitszustand, daß meine Heilung fraglich war, setzte ich mich endlich in eine Postkutsche. Daturi, der mich zu meiner Zufriedenheit bediente, fuhr mit mir.

Da ich nicht nach England zu schreiben wagte, hatte ich Herrn von Bragadino gebeten, mir die Summe, die ich in London empfangen sollte, nach Brüssel zu schicken.

Am Tage nach meiner Abreise von Calais kam ich in Dünkirchen an. Der erste Mensch, den ich beim Aussteigen aus meinem Wagen sah, war der Kaufmann S., der Gemahl jener Therese, deren meine Leser sich vielleicht noch erinnern: sie war die Nichte von der alten Geliebten Tirettas, und ich hatte sie vor sieben Jahren geliebt. Der wackere Herr S. erkannte mich sofort, wunderte sich aber, daß ich so verändert wäre. Ich sagte ihm, ich hätte soeben eine lange Krankheit durchgemacht, und erkundigte mich dann nach seiner Frau.

»Es geht ihr ausgezeichnet,« antwortete er mir, »und ich hoffe, wir werden doch morgen das Vergnügen haben, Sie bei uns zu Tisch zu haben.«

Ich wandte ein, daß ich bei Tagesanbruch weiter reisen müßte; davon wollte er aber nichts wissen, sondern sagte, er wäre in Verzweiflung, wenn ich nicht seine Frau und seine drei Püppchen sähe. Als ich dabei blieb, ich müßte unbedingt mit Tagesanbruch abreisen, sagte er mir, er würde wiederkommen und seine ganze Familie mitbringen. Ich sah, daß nichts dabei zu machen war, und sagte ihm, wir würden alle zusammen zu Abend speisen.

Wie meine Leser sich vielleicht erinnern werden, hatte ich diese Therese so sehr geliebt, daß ich sie heiraten wollte. Diese Erinnerung bereitete mir einen tiefen Kummer, indem ich daran dachte, in welch einer traurigen Gestalt ich vor sie treten mußte.

Eine Viertelstunde später kam der Mann mit seiner Frau und drei kleinen Knaben, von denen der älteste etwa sechs Jahre alt sein mochte. Nachdem die unvermeidlichen Komplimente ausgetauscht waren und Therese mir ermüdende Beileidsbezeigungen wegen meiner schlechten Gesundheit gemacht hatte, schickte sie die beiden jüngeren Knaben fort und behielt nur den ältesten zurück, den einzigen, der mich interessieren konnte. Das Kind war reizend, und da es der Mutter vollkommen ähnlich sah, zweifelte der Mann nicht im geringsten daran, daß er der Vater sei.

Ich lachte innerlich darüber, daß ich so Kinder von mir über ganz Europa zerstreut fand. Therese erzählte mir bei Tisch Neues von Tiretta. Er war in den Dienst der holländisch-ostindischen Kompagnie getreten, hatte sich aber in Batavia in eine Verschwörung eingelassen und war nur dadurch dem Strick entgangen, daß er die Flucht ergriffen hatte. Ich dachte an die Ähnlichkeit zwischen seinem Schicksal und dem meinigen, sprach aber nicht davon. Übrigens kann es einem, wenn man ein Abenteurerleben führt, leicht zustoßen, wegen einer Kleinigkeit gehängt zu werden, wenn man ein wenig unbesonnen ist und sich nicht überlegt, was man tut.

Am nächsten Tage kam ich in Tournay an. Einige schöne Pferde, die von Reitknechten geritten wurden, erregten meine Neugier, und ich fragte die Leute, wem die Tiere gehörten.

»Dem Herrn Grafen von Saint-Germain, dem Adepten, der seit einem Monat hier ist und niemals ausgeht. Alle Durchreisenden wünschen ihn zu sehen, aber er ist unzugänglich.«

Durch diese Antwort bekam ich Lust, ihn zu besuchen. Kaum in dem Gasthof angekommen, schrieb ich ihm, indem ich meinen Wunsch ausdrückte und ihn bat, mir seine Stunde anzugeben. Ich teile hier seine Antwort wörtlich mit; denn ich habe sein Briefchen aufgehoben:

»Meine Beschäftigungen nötigen mich, keinen Menschen zu empfangen. Sie machen jedoch eine Ausnahme. Kommen Sie, wann es Ihnen am besten paßt; man wird Sie in mein Zimmer führen. Sie brauchen weder meinen Namen noch den Ihrigen zu nennen. Ich biete Ihnen nicht die Hälfte meines Mittagsmahles an; denn meine Nahrung ist für keinen Menschen geeignet und für Sie noch weniger als für jeden anderen, wenn Sie noch Ihren früheren Appetit haben.«

Ich ging um neun Uhr zu ihm, und er empfing mich mit einem zwei Zoll langen Bart. Er hatte etwa zwanzig Retorten voller Flüssigkeiten um sich herum. Einige von diesen lagen auf Sandhaufen von natürlicher Wärme. Er sagte mir, er arbeite zu seiner Belustigung an Farben und richte, um dem Grafen von Cobenzl, dem Gesandten der Kaiserin Maria Theresia in Brüssel, einen Gefallen zu tun, eine Hutfabrik ein. Der Graf habe ihm dazu nur 105000 Gulden gegeben und diese Summe genüge nicht, er lege aber das Fehlende aus seiner eigenen Tasche zu.

Dann sprachen wir von Frau von Urfé. »Sie hat sich vergiftet,« sagte er, »indem sie eine zu starke Dosis Universalmedizin nahm, und ihr Testament beweist, daß sie sich für schwanger hielt. Sie hätte es sein können, wenn sie mich zu Rate gezogen hätte. Es ist eine höchst schwierige, aber doch vollkommen sichere Operation, obgleich es der Wissenschaft noch nicht gelungen ist, das Geschlecht des Kindes vorher bestimmen zu können.«

Als er erfuhr, an welcher Krankheit ich litt, bat er mich, drei Tage in Tournay zu bleiben; während dieser Zeit werde er alle Drüsenschwellungen beseitigen; hierauf werde er mir fünfzehn Pillen geben, die ich in fünfzehn Tagen einzunehmen hätte; diese würden mir völlige Genesung bringen und mir alle meine Kräfte wiedergeben. Er zeigte mir seine Urkraft, die er Atoäter nannte. Es war eine weiße Flüssigkeit, die sich in einem sorgfältig verschlossenen Fläschchen befand. Er sagte mir, diese Flüssigkeit sei der Universalgeist der Natur; dies werde dadurch bewiesen, daß dieser Geist sofort aus dem Fläschchen entweiche, wenn man das Wachs nur ganz leicht mit einer Nadel durchsteche. Ich bat ihn, mir das Experiment zu zeigen. Er gab mir ein Fläschchen und eine Nadel. Ich stach ganz leise in das Wachs hinein und das Fläschchen war wirklich im Augenblick vollständig leer.

»Das ist ja herrlich,« sagte ich; »aber wozu ist das gut?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen, das ist mein Geheimnis.«

In seinem Ehrgeiz, mich in Verwunderung zu setzen, fragte er mich, ob ich etwas Kleingeld bei mir habe. Ich zog einige Münzen aus der Tasche und legte sie auf den Tisch. Ohne mir zu sagen, was er machen wollte, stand er auf und nahm eine glühende Kohle, die er auf eine Metallplatte legte. Hierauf bat er mich um ein Zwölf-Sousstück, das sich unter den Münzen befand. Er legte ein schwarzes Körnchen auf die Münze und diese auf die Kohle, die er mit einem Blasrohr anblies; in kaum zwei Minuten war das Geldstück glühend.

»Warten Sie bis es sich abgekühlt hat«, sagte der Alchimist. In einer Minute war die Münze kalt, und er sagte: »Nehmen Sie sie mit, denn sie gehört Ihnen.«

Ich nahm das Geldstück; es war von Gold. Ich zweifelte nicht einen Augenblick, daß er meine Münze hatte verschwinden lassen und dafür die andere untergeschoben hatte, die er ohne Zweifel vorher weiß gemacht hatte. Ich mochte ihm keine Vorwürfe machen; damit er aber andererseits überzeugt wäre, daß ich nicht an seinen Schwindel glaubte, sagte ich: »Das ist wundervoll, Graf! Aber um ganz sicher zu sein, daß Sie auch einen sehr Hellsehenden in Erstaunen setzen, müssen Sie ihn ein anderes Mal darauf aufmerksam machen, daß Sie eine solche Umwandlung vornehmen wollen; alsdann kann er aufmerksam die Operation verfolgen und sich das Silberstück genau ansehen, bevor Sie es auf die glühende Kohle legen.«

Hierauf antwortete der Schwindler mir: »Wer an meiner Wissenschaft zweifeln kann, ist nicht würdig, mit mir zu sprechen.«

Dies anmaßende Benehmen war kennzeichnend für ihn; es war mir übrigens nicht neu.

Dies war das letztemal, daß ich den berühmten und gelehrten Betrüger sah; vor sechs oder sieben Jahren ist er in Schleswig gestorben. Sein Geldstück war von reinem Golde. Zwei Monate später trat ich es während meines Berliner Aufenthaltes dem Feldmarschall Keith ab, der sich neugierig danach zeigte.

Am nächsten Morgen reiste ich von Tournay ab. In Brüssel machte ich Halt, um die Antwort auf meinen an Herrn von Bragadino geschriebenen Brief abzuwarten. Ich empfing diese fünf Tage nach meiner Ankunft mit einem Wechsel von zweihundert Dukaten.

Ich gedachte mich in Brüssel längere Zeit aufzuhalten, um mich dort zu kurieren. Daturi sagte mir jedoch, er habe von einem Seiltänzer gehört, sein Vater und seine Mutter seien mit der ganzen Familie in Braunschweig. Er lud mich ein, dorthin zu fahren, indem er mir versicherte, ich werde mit der größten Sorgfalt gepflegt werden.

Es kostete ihm keine große Mühe, mich zu überreden, denn ich war neugierig, die Mutter meines Paten wiederzusehen. Ich reiste am selben Tage ab, aber in Roermond befand ich mich so schlecht, daß ich sechsunddreißig Stunden lang dort bleiben mußte, bis ich nach Wesel weiterfahren konnte. Dort beschloß ich meine Postkutsche zu verkaufen, weil in Norddeutschland die Pferde nicht an die Deichsel gewöhnt sind. Zu meiner großen Überraschung sah ich den General Bekw.... erscheinen.

Nachdem wir die üblichen Komplimente getauscht und der General mir sein Bedauern wegen meiner Krankheit ausgesprochen hatte, sagte er mir, er wünsche meine Kutsche zu kaufen und mir in Tausch dafür einen Wagen zu geben, der zum Reisen in ganz Deutschland sehr bequem sei. Der Handel war im Nu abgeschlossen. Als hierauf der wackere Engländer Näheres über meinen Krankheitszustand erfuhr, redete er mir zu, in Wesel zu bleiben, wo ein sehr geschickter und vorsichtiger junger Arzt von der Leydener Schule mich besser behandeln werde als die Braunschweiger Doktoren.

Niemand ist in seinem Entschlusse leichter zu beeinflussen, als ein Mensch, der krank und unglücklich ist und keinen bestimmten Plan hat, – besonders wenn der Kranke dem Glück nachjagt und mit seinem Grundsatz sequere deum nicht weiß, wo die launenhafte Göttin ihn erwartet. Bekw ...., der in Wesel in Garnison stand, ließ sofort den Doktor Pipers holen und blieb bei meinem Krankheitsbericht und sogar bei der Untersuchung zugegen.

Ich will nicht die Empörung meiner Leser erregen, indem ich ihnen den ekelhaften Zustand schildere, worin ich mich befand; es genüge ihnen, zu erfahren, daß noch nach so vielen Jahren der bloße Gedanke daran mich schaudern macht.

Der junge Arzt, der die verkörperte Sanftmut war, lud mich ein, bei ihm zu wohnen. Er versprach mir, seine Mutter und seine Schwestern würden mich so sorgfältig pflegen, wie ich es nur wünschen könnte. Er gab mir die Zusicherung, er würde mich in sechs Wochen gründlich heilen, wenn ich ihm versprechen wollte, seine Vorschriften pünktlich zu befolgen. Der General redete mir zu, den Rat des jungen Äskulap anzunehmen. Ich entschloß mich dazu um so lieber, da ich mich in Braunschweig zu amüsieren wünschte und durchaus keine Lust hätte, mit gelähmten Gliedern dort anzukommen. So fügte ich mich den Wünschen des Generals. Von einer Preisvereinbarung wollte der Doktor nichts wissen. Er sagte mir, ich könnte ihm bei meiner Abreise geben, soviel ich wollte, und er würde damit sehr zufrieden sein. Er entfernte sich, um das für mich bestimmte Zimmer instand setzen zu lassen, und bat mich, eine Stunde später zu kommen. Ich ließ mein Gepäck hinschaffen und begab mich in einer Sänfte zu ihm. Ich schämte mich so sehr, daß ich mein Taschentuch vors Gesicht hielt, um dieses nicht der Mutter und den Schwestern des jungen Doktors zu zeigen. Sie empfingen mich in Gesellschaft einiger anderer junger Mädchen, die ich nicht einmal anzusehen wagte.

Sobald ich in meinem Zimmer war, entkleidete Daturi mich, und ich legte mich zu Bett.

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