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Erinnerungen

Giacomo Casanova: Erinnerungen - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorCasanova
titleErinnerungen
volume5
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20050616
projectid161255ea
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Fünfzehntes Kapitel

Bottarelli – Ich erhalte durch Herrn de Saa einen Brief von Pauline. – Der rächende Papagei. – Pocchini. – Der Venetianer Guerra. – Ich finde Sarah wieder und beschließe, sie zu heiraten und ihr nach der Schweiz zu folgen. – Die Hannoveranerinnen.

So war also der erste Akt der Komödie meines Lebens beendigt; der zweite begann am nächsten Morgen. Als ich gerade eben mein Bett verließ, hörte ich Lärm an meiner Tür; ich sah zum Fenster hinaus und erblickte Pocchini, den niederträchtigen Halunken, der mich in Stuttgart auf so gemeine Weise bestohlen hatte, wie der Leser sich vielleicht noch erinnern wird. Er verlangte Einlaß und wollte nicht so lange warten, bis man ihn mir gemeldet hätte. Sein Anblick empörte mich; ich rief ihm zu, ich könne ihn nicht empfangen, und schloß mein Fenster.

Einige Augenblicke darauf sah ich Goudar eintreten. Er brachte mir die »St. James Chronicle,« worin in aller Kürze die Geschichte meiner Verhaftung und Wiederentlassung gegen eine Sicherheit von achtzig Guineen erzählt war. Mein Name und der der Schönen waren nicht genannt; dagegen lobte der Zeitungsschreiber die Herren Rostaing und Bottarelli, die er mit ihren vollen Namen anfühlte. Ich bekam Lust, diesen Bottarelli kennen zu lernen, und bat Goudar, mich zu ihm zu führen. Martinelli, der inzwischen ebenfalls gekommen war, schloß sich uns an.

In einem armseligen Zimmer des dritten Stockwerkes eines armseligen Hauses bot sich ein Bild des tiefsten Elends meinen Augen: ich erblickte ein Weib und vier zerlumpte Kinder; an einem armseligen Tisch, der an Philemon und Baucis erinnerte, saß, in einen schlechten Schlafrock gehüllt, ein armer Mann und schrieb. Es war Bottarelli. Bei unserem Anblick stand er auf. Ich hatte Mitleid mit ihm und fragte ihn ganz ruhig: »Mein Herr, kennen Sie mich?«

»Nein, mein Herr.«

»Ich bin jener Casanova, den Sie ins Gefängnis Newgate werfen wollten, indem Sie eine Verleumdung durch ein falsches Zeugnis unterstützten.«

»Mein Herr, es tut mit leid; aber um Gottes willen, sehen Sie meine Familie: ich konnte ihr kein Brot geben. Gerne stehe ich Ihnen ein anderes Mal umsonst zu Diensten.«

»Aber fürchten Sie denn nicht den Galgen?«

»Nein; denn ein falscher Zeuge wird nicht zum Galgen verurteilt. Außerdem ist nichts schwieriger, als in London ein falsches Zeugnis nachzuweisen.«

»Man hat mir gesagt, Sie seien Dichter.«

»Ja, ich habe die Dido verlängert und den Demetrius abgekürzt.«

»Das sind allerdings schöne Ruhmestitel.«

Der Gauner flößte mir mehr Verachtung als Haß ein. Ich drehte ihm den Rücken zu und gab aus Mitleid seiner Frau eine Guinee; sie schenkte mir dafür ein elendes Machwerk ihres Mannes: Das enthüllte Geheimnis der Freimaurer. Dieser Bottarelli war in seiner Vaterstadt Pisa Mönch gewesen; er hatte von dort eine Nonne entführt und diese in London geheiratet.

Einige Tage darauf bereitete Herr de Saa mir eine große Überraschung, indem er mir persönlich einen Brief von meiner schönen Portugiesin überbrachte. Sie bestätigte mir das Unglück meines armen Clairmont und schrieb mir, sie sei bereits mit dem Grafen Al.... vermählt. Es war für mich eine eigentümliche Überraschung, als Herr de Saa mir versicherte, er habe sofort nach Paulinens Ankunft in London gewußt, wer sie sei. Das ist die Marotte aller Diplomaten; man soll glauben, daß ihnen nichts entgehe und daß es für sie kein Geheimnis gebe. Saa war allerdings nicht nur ein tadelloser Ehrenmann, sondern auch ein tüchtiger Diplomat, und man konnte ihm daher diese Schwäche, die gewissermaßen zu seinem Beruf gehörte, wohl hingehen lassen; die meisten aber, für die diese Entschuldigung nicht gilt, machen sich nur lächerlich.

Herr de Saa war von der Charpillon ziemlich ebenso schlecht behandelt worden wie ich, und wir hätten uns gegenseitig trösten können; aber wir sprachen nicht von dem Frauenzimmer.

Als ich einige Tage darauf müßig durch die Stadt streifte, kam ich an einen Ort, den man den Papageienmarkt nannte. Ich unterhielt mich damit, diese interessanten Tierchen anzusehen, und bemerkte ein ganz junges in einem schönen Käfig. Auf meine Frage, welche Sprache er spreche, antwortete man mir, er sei noch ganz jung und spreche keine. Ich kaufte ihn für zehn Guineen. Ich hatte den Einfall, ihm einen boshaften Witz beizubringen, ließ seinen Käfig neben mein Bett stellen und sprach ihm hundertmal am Tage die Worte vor: La Charpillon est plus putain que sa mère – Die Charpillon ist eine noch größere Hure als ihre Mutter.

Ich hatte hierbei gewiß keine andere Absicht als mich innerlich daran zu ergötzen. Nach vierzehn Tagen wiederholte das Tierchen diesen Satz mit einer burlesken Genauigkeit, indem es zum Schluß jedesmal ein lautes Gelächter erschallen ließ; dieses hatte ich ihm nicht beigebracht, aber es wirkte so komisch, daß ich selber darüber lachen mußte.

Goudar hörte meinen Papagei eines Tages voll Entzücken und sagte mir, wenn ich das Tierchen auf die Börse schickte, könnte ich es gewiss für fünfzig Guineen verkaufen. Wir begrüßte diesen Gedanken als eine Rache an dem gemeinen Geschöpf, das mir so übel mitgespielt hatte. Nachdem ich mich vergewissert hatte, auf welche Weise ich mich gegen das Gesetz schützen könnte, das in Bezug auf diesen Punkt in England sehr streng ist, beauftragte ich Jarbe mit dem Verkauf; denn da er aus Westindien stammte, so paßte die Ware vortrefflich zu ihm.

Da mein Papagei französisch sprach, zog er in den ersten zwei oder drei Tagen nicht viele Zuhörer an; sobald aber einer, der die Heldin kannte, die Aufmerksamkeit auf den Lobspruch des indiskreten Geflügels gelenkt hatte, wurde der Kreis von Neugierigen immer größer, und man begann nach dem Preise zu fragen: Fünfzig Guineen schienen ein bißchen viel zu sein, und mein Neger wünschte, dass ich den Papagei billiger verkaufen möchte. Davon wollte ich aber nichts wissen, denn ich hatte meinen Rächer liebgewonnen.

Nach sieben oder acht Tagen erzählte Goudar mir zu meiner größten Belustigung, welche Wirkung mein Papagei in der Familie der Charpillon hervorgebracht hatte. Da der Verkäufer mein Neger war, so konnte man nicht daran zweifeln, dass der Vogel mir gehörte und dass ich sein Sprachlehrer gewesen war. Goudar sagte mir, die Charpillon finde die Rache sehr geistreich, aber die Mutter und die Tanten seien wütend. Sie hätten bereits mehrere Advokaten befragt; aber alle hätten erklärt, es gebe kein Gesetz, auf Grund dessen man eine Verleumdung bestrafen könne, die von einem Papagei ausgestoßen werde; wohl aber könnte sie mich den Spaß teuer bezahlen lassen, wenn sie beweisen könnte, daß der Papagei mein Schüler wäre. Goudar riet mir daher, mich nicht zu rühmen, daß der Vogel seinen Witz von mir habe; denn zwei Zeugen seien genügend, um mich zugrunde zu richten.

Die Leichtigkeit, womit man in London falsche Zeugen findet, ist entsetzlich und eine Schande für die englische Nation. Ich habe mit meinen eigenen Augen etwas Unglaubliches gesehen: an einem Fenster hing ein Zettel, der in großen Buchstaben nur das Wort Zeuge trug. Dies wollte besagen, daß man in dem Hause für Geld einen falschen Zeugen bekommen konnte.

Die St. James Chronicle brachte einen Artikel, worin gesagt wurde: die von dem Papagei auf der Börse beschimpften Damen müßten sehr arm und freundlos sein, sonst hätten sie den hübschen Frechling kaufen lassen und das Publikum würde fast nichts erfahren haben. Zum Schluß hieß es: »Derjenige, der den Papagei abgerichtet hatte, wollte ohne Zweifel eine Rache ausüben; er hat dabei sehr guten Geschmack bewiesen: er verdient, Engländer zu sein.«

Als ich eines Tages meinen Freund Edgar traf, fragte ich ihn, warum er den kleinen Beleidiger nicht gekauft habe. Er antwortete: »Weil er allen denen Spaß macht, die den Gegenstand der Beleidigung kennen.«

Jarbe fand endlich einen Käufer, der die fünfzig Guineen zahlte, und Goudar berichtete mir, Lord Grosvenor habe das Geld gegeben, um der Charpillon, die ihm zuweilen zum Zeitvertreib diente, einen Gefallen zu tun.

Mit diesem Eulenspiegelstreich endeten meine Beziehungen zu dem Mädchen, das ich seitdem mit vollkommener Gleichgültigkeit sah; ihr Anblick erweckte in mir nicht mehr die geringste Erinnerung an die Leiden, die sie mir zugefügt hatte.

Als ich eines Tages in den St.-James-Park eintrat, sah ich zwei Mädchen, die in einem Zimmer zu ebener Erde Milch tranken. Sie riefen mich; da ich sie aber nicht kannte, so ging ich weiter. Ein junger Offizier, mit dem ich zuweilen verkehrte, sagte mir, sie seien Italienerinnen. Hierdurch bekam ich Lust, sie mir näher anzusehen, und kehrte wieder um. Als ich das verdammte Zimmer betrat, sah ich den Halunken Pocchini, mit einer Uniform bekleidet. Er sagte mir, er habe die Ehre, mir seine Töchter vorzustellen.

»Ich erinnere mich,« sagte ich kalt, »meiner Tabaksdose und meiner beiden Uhren, die zwei andere Töchter von Ihnen mir in Stuttgart gestohlen haben.«

»Sie lügen!« rief der Unverschämte.

Ohne ihm zu antworten, nahm ich dem einen von den Mädchen ihr Milchglas weg und goß ihm den Rest ins Gesicht. Hierauf ging ich hinaus.

Ich hatte meinen Degen nicht bei mir. Der erwähnte junge Offizier, der nach mir in das Zimmer eingetreten war, folgte mir und sagte, ich dürfte mich nicht entfernen, ohne seinem von mir entehrten Freund Genugtuung zu geben.

»Sagen Sie ihm, er solle herauskommen, und kommen Sie mit ihm nach dem Green-Park; ich verspreche Ihnen, ihm in Ihrer Gegenwart Stockschläge zu geben. Sollten Sie sich aber für ihn schlagen wollen, so gewähren Sie mir die Zeit, um meinen Degen zu holen. Aber kennen Sie denn diesen Menschen, den Sie Ihren Freund nennen?«

»Nein, aber er ist Offizier, und ich habe ihn hierhergebracht.«

»Schön. Um Ihnen Genugtuung zu leisten, will ich mich auf Leben und Tod schlagen, aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Ihr Freund ein Dieb ist. Kommen Sie nur, ich erwarte Sie.«

Nach einer Viertelstunde verließen alle vier das Haus, doch folgten mir nur Pocchini und der Engländer. Da überall Leute waren, führte ich sie bis zum Hyde-Park. Als ich dort stehen blieb, begann Pocchini mir etwas zu sagen. Anstatt ihm zu antworten, erhob ich meinen Stock und rief: »Kanaille, zieh deinen Degen, oder ich bläue dich durch!«

»Niemals werde ich meinen Degen gegen einen Menschen ziehen, der sich nicht mit der gleichen Waffe verteidigen kann.«

Ein Stockhieb war meine Antwort. Anstatt sich zu rächen, erhob der Feigling ein lautes Geschrei und nannte mich einen Provocateur. Der Engländer lachte laut auf, bat mich, ihn zu entschuldigen, nahm meinen Arm und sagte: »Kommen Sie, mein Herr, ich sehe, Sie kannten den Menschen.«

Der Feigling entfernte sich brummend nach der anderen Richtung.

Unterwegs teilte ich dem Offizier die Gründe mit, warum ich ihn als einen Halunken behandelt hatte. Er sagte: »Ich gebe Ihnen zu, daß Sie vollkommen recht getan haben; unglücklicherweise bin ich in eins von seinen Mädchen verliebt.«

Mitten im St.-James-Park bemerkten wir sie, und ich mußte unwillkürlich laut auflachen, als ich Goudar in der Mitte der beiden Fräuleins sah.

»Woher kennen Sie denn diese Schönen?« fragte ich ihn.

»Ihr Vater, der Kapitän, hat mir Schmucksachen verkauft und hat sie mir bei dieser Gelegenheit vorgestellt.«

»Wo haben Sie ihn denn gelassen?« fragte die eine mich.

»Im Hyde-Park, nachdem ich ihm Stockprügel gegeben habe.«

»Da haben Sie sehr recht getan.«

Der junge Engländer war entrüstet, eine solche Äußerung der Billigung aus ihrem Munde zu vernehmen; er zog mich beiseite, gab mir die Hand, schwor mir, ich würde ihn niemals wieder mit diesen Weibern zusammen sehen, und ging.

Eine Laune Goudars, der ich leider nachzugeben schwach genug war, veranlaßte mich, mit den unglücklichen Geschöpfen in einer Schenke vor London zu Mittag zu speisen. Der Wüstling Goudar machte sie gehörig betrunken und veranlaßte sie, in ihrem Zustande tausend Greuel von ihrem angeblichen Vater zu erzählen. Der Halunke wohnte nicht mit ihnen zusammen, aber er machte ihnen nächtliche Besuche und nahm ihnen alles Geld ab, das sie verdienten. Er war ihr Zuführer und veranlaßte sie, ihre Besucher zu bestehlen und die Sache als einen Liebesscherz darzustellen, wenn der Diebstahl entdeckt wurde. Sie gaben ihm die Gegenstände, deren sie sich auf diese Weise bemächtigten, und er sagte ihnen niemals, was er damit machte. Als ich diese nicht ganz freiwillige Beichte hörte, mußte ich lachen, denn ich erinnerte mich, daß Goudar mir gesagt hatte, Kapitän Pocchini habe ihm Schmucksachen verkauft.

Nach diesem schlechten Mittagsmahl ging ich nach Hause, indem ich es Goudar überließ, die Frauenzimmer nach der Stadt zurückzubringen. Am andern Morgen kam er zu mir und erzählte mir: »Als die beiden Mädchen gestern ihre Wohnung betraten, wurden sie verhaftet und sofort ins Gefängnis geführt. Ich komme soeben von Pocchini, aber der Hauswirt hat mit gesagt, er sei seit gestern nicht nach Hause gekommen.«

Der ehrenwerte und gewissenhafte Goudar schloß mit der Bemerkung, es würde ihm leid tun, wenn er den unglücklichen Menschen nicht wiedersähe, denn er wäre ihm zehn Guineen für eine Uhr schuldig, die die Mädchen vielleicht gestohlen hätten und die den doppelten Wert besäße.

Vier Tage darauf sagte er mir, der Gauner habe London mit einer englischen Magd verlassen. »Diese hat er an einem Ort gefunden, wo stets mehrere Hundert versammelt sind, die sich dem ersten Besten vermieten. Der Geschäftsführer verbürgt sich für ihre Ehrlichkeit. Das Mädchen, das er gemietet hat, ist schön, wie mir der Geschäftsführer gesagt hat, und Pocchini ist mit ihr auf der Themse zu Schiff gegangen. Ich bewundere diese Spekulation, aber ich bedauere sehr, daß er abgereist ist, ohne daß ich ihm die Uhr habe bezahlen können, denn ich zittere, weil ich jeden Augenblick dem Herrn begegnen kann, dem sie wahrscheinlich gestohlen worden ist.«

Ich habe niemals erfahren können, was aus den Mädchen geworden ist; Pocchini aber werden wir in einigen Jahren wiederfinden.

Ich führte ein ruhiges und regelmäßiges Leben, woran ich wohl hätte Geschmack finden können, wenn nicht Umstände eingetreten wären, die ohne Zweifel mir vom Schicksal bestimmt waren, gegen das ein Philosoph und Christ niemals murren darf. Jeden Tag besuchte ich entweder meine Tochter in ihrer Pension oder ich verbrachte einige Stunden im Britischen Museum mit dem Doktor Matti. Bei diesem traf ich eines Tages einen anglikanischen Geistlichen, den ich fragte, wieviel verschiedene Sekten es in England gebe.

»Dies, mein Herr,« antwortete mir der Gelehrte in ziemlich gutem Italienisch, »kann kein Mensch genau wissen; denn jeden Sonntag sieht man einige entstehen und vergehen. Es genügt, daß ein gläubiger Mensch oder auch ein Gauner, dem es um Geld oder Ruhm zu tun ist, sich auf einem Platz aufstellt und eine Ansprache an das Publikum hält; sofort umringen ihn einige Neugierige. Er legt irgendeine Bibelstelle auf seine Art aus, und wenn er einigen von den Maulaffen gefällt, laden sie ihn ein, am nächsten Sonntag zu predigen; oft wird als Versammlungsort irgendein Wirtshaus bestimmt. Pünktlich erscheint er und vertritt mit kräftigem Eifer seine Lehre. Man spricht von ihm; er stellt Thesen auf; seine Anhänger vermehren sich, je mehr seine Beredsamkeit wächst; sie legen sich einen Namen bei, und so ist eine Sekte entstanden, die im Anfang der Regierung unbekannt bleibt und dieser erst bekannt wird, wenn sie politischen Einfluß auszuüben beginnt. Auf diese Art sind so ziemlich alle Sekten entstanden, die in so reicher Zahl aus dem Boden unseres Vaterlandes hervorschießen.«

Um jene Zeit war in London der edle Venetianer Steffano Guerra, der mit Erlaubnis der Staatsinquisitoren reiste; er war ein großes Original und kam von seiner Reise dümmer, als er ausgezogen war, in unsere Heimat zurück. Er verlor in London einen Prozeß gegen einen englischen Maler, der auf seine Bestellung das Miniaturporträt einer der schönsten Londoner Damen angefertigt hatte. Guerra hatte sich schriftlich verpflichtet, dem Maler fünfundzwanzig Guineen zu bezahlen. Als das Porträt fertig war, fand Guerra es nicht nach seinem Geschmack, wollte es nicht abnehmen und weigerte sich, die Summe zu bezahlen. Nach Landesbrauch ließ der Engländer ihn zunächst verhaften; der Venetianer ließ jedoch Sicherheit bestellen und brachte den Handel vor den Richter, der ihn verurteilte, die fünfundzwanzig Guineen zu bezahlen. Er legte Berufung ein, verlor abermals und sah sich schließlich zur Zahlung gezwungen. Guerra sagte, er habe ein Porträt bestellt; ein Bild ohne Ähnlichkeit sei kein Porträt; folglich dürfe er nicht zur Zahlung verurteilt werden. Der Maler behauptete, sein Bild sei ein Porträt, denn er habe es nach dem Modell gemacht, das von der Herzogin selbst ihm geliefert worden sei. Der Richter sagte in seinem Urteilsspruch: der Maler müsse von seiner Arbeit leben; da Guerra den Maler habe arbeiten lassen, so müsse er ihm auch seinen Lebensunterhalt geben, denn der Maler schwöre, daß er sein ganzes Talent aufgeboten habe, um die Ähnlichkeit herauszubringen. Ganz England fand diesen Spruch gerecht. Auch ich; aber ich gestehe, daß viele sehr vernünftige Leute ihn für barbarisch ansehen könnten. Zu diesen gehörte auch Guerra, und auch er hatte recht; denn das Porträt, gut oder schlecht, und der Prozeß kosteten ihm mehr als hundert Guineen.

Malingans Tochter starb an den Pocken. Zur selben Zeit erhielt ihr Vater in Bath eine Ohrfeige von einem Lord, der das Pikettspiel liebte, aber nicht die Spieler liebte, die das Glück verbessern. Ich gab dem Unglücklichen das nötige Geld, um seine Tochter zu begraben und die Insel verlassen zu können. Er starb gleich nach seiner Ankunft in Lüttich, und seine Witwe schrieb mir, es habe ihm noch auf dem Totenbette Kummer gemacht, daß er seine Schulden nicht habe bezahlen können.

Herr von F. kam aus Bern als Geschäftsträger seines Kantons. Ich suchte ihn auf, wurde aber nicht vorgelassen. Ich dachte mir, er möchte wohl gewisse Vertraulichkeiten erfahren haben, die ich mir in Bern mit der niedlichen Sarah erlaubt hatte, und wollte mich nicht in die Lage setzen, diese in London zu erneuern. Da der Mann eigentlich ein bißchen verrückt war, so nahm ich sein Benehmen weiter nicht übel und hatte es schon längst vergessen, als eine Laune mich eines Abends in das Marylebone-Theater führte. Als Eintrittsgeld bezahlte man in diesem Theater, wo man an kleinen Tischen sitzen mußte, nur ein Schilling; aber man mußte irgend etwas verzehren, wäre es auch nur ein Krug Bier gewesen.

Zufällig setzte ich mich neben ein junges Mädchen, das ich anfangs gar nicht ansah. Als ich aber nach einigen Minuten mich zu ihr wandte, bemerkte ich ein entzückendes Profil, das mir nicht fremd vorkam; dies schrieb ich jedoch dem Umstand zu, daß die Schönheit dem Menschen, dem ihr göttliches Wesen sich in die Seele eingegraben hat, niemals fremd erscheinen kann. Je länger ich dieses köstliche Profil betrachtete, desto mehr war ich überzeugt, daß ich das schöne Mädchen doch zum ersten Male sehe, obgleich ich auf ihren Lippen ein unbeschreiblich feines Lächeln bemerkte. Als einer ihrer Handschuhe zu Boden fiel, beeilte ich mich, ihn aufzuheben und ihr zu überreichen. Sie dankte mir in sehr gutem Französisch und in sehr gewählten Ausdrücken.

»Madame ist also nicht Engländerin?« sagte ich in ehrerbietigstem Tone zu ihr.

»Nein, mein Herr, ich bin Schweizerin, und Sie kennen mich.«

Ich drehte mich um und sah zu meiner Rechten Frau von F., neben dieser ihre ältere Tochter und weiterhin ihren Gemahl. Ich stand auf, machte der Dame, die ich sehr hoch schätzte, meine Verbeugung und grüßte auch ihren Mann, der mir nur durch ein kaltes Kopfnicken antwortete. Ich fragte die Dame, was wohl ihr Mann gegen mich haben könne, um mich auf solche Weise zu behandeln; sie antwortete mir, Passano habe ihm böse Dinge über mich geschrieben.

Da ich in diesem Augenblick kein Gespräch mit ihm führen konnte, um ihn aufzuklären, so bot ich meine ganze Beredsamkeit auf, um mich vor seiner Tochter zu rechtfertigen, die in den drei Jahren eine so vollendete Schönheit geworden war, daß es mir unmöglich gewesen wäre, sie wiederzuerkennen. Sie wußte es, und ihr Erröten, als ich mit ihr sprach, zeigte mir, daß sie sich noch dessen erinnerte, was in Gegenwart meiner Haushälterin zwischen uns vorgefallen war. Ich wollte gern sofort wissen, ob sie dies zugeben würde, oder ob sie das Recht zu haben glaubte, alles abzuleugnen und das Vergangene auf Rechnung ihrer Unschuld zu setzen. Hätte Sarah dies beabsichtigt, so würde ich sie verachtet haben; denn geistvoll, wie sie war, konnte sie unmöglich ihren Geist dazu benutzen wollen, um ihr Temperament zu besiegen. Sie war, als ich sie in Bern kennen lernte, noch eine Knospe; jetzt sah ich sie als Blume wieder, die um so verführerischer war, da sie sich eben erst entfaltet hatte.

»Reizende Sarah,« sagte ich zu ihr, »Sie haben mich so geblendet, daß ich dem Drange nicht widerstehen kann, zwei Fragen an Sie zu richten, deren Beantwortung für meine Herzensruhe notwendig ist. Sagen Sie mir, ob Sie sich unserer Schäkereien von Bern erinnern?«

»Ja.«

»Sagen Sie mir geschwind, ob Sie böse sind, daß ich mich in diesem Augenblick mit außerordentlichem Vergnügen derselben erinnere?«

»Nein.«

Welcher Verliebter hätte es wohl gewagt, möglicherweise ihr Zartgefühl zu verletzen und die dritte Frage zu stellen. Ich war gewiß, daß Sarah mich glücklich machen würde; ich schmeichelte mir sogar mit der Hoffnung, daß sie selber den Augenblick des Glückes herbeisehnte. So überließ ich mich denn der ganzen Glut meiner Wünsche und beschloß, sie zu überzeugen, daß ich ihre Liebe verdiente.

Da der Kellner in unserer Nähe herumlungerte, bat ich Frau von F. um Erlaubnis, ihr grüne Austern anbieten zu dürfen. Nachdem sie sich anstandshalber ein wenig gesträubt hatte, willigte sie ein, und ich machte mir ihre Erlaubnis zunutze, um alle leckeren Sachen kommen zu lassen, die auf der Speisekarte standen, unter anderm auch einen jungen Hasen, in London eine große Delikatesse, die für gewöhnlich nur auf die Tafel vornehmer Herren kommt, die ihre eigene Jagd besitzen und ein solches Wild nicht gerne hergeben. Champagner und westindische Liköre flossen in Strömen; es gab Lerchen, Krammetsvögel, Trüffeln, eingemachte Früchte. Es war nichts gespart worden, und ich war nicht erstaunt, als der Kellner mir die Rechnung brachte, und ich sah, daß wir für zehn Guineen verzehrt hatten; aber sehr erstaunt war ich, als ich Herrn von F., der ohne ein Wort zu sagen, wie ein Türke gegessen und wie ein Schweizer getrunken hatte, mit einem Eifer, wie wenn er die Sparsamkeit erfunden hätte, schimpfen hörte, es sei zu teuer.

Ich bat ihn freundlich, sich zu mäßigen, und bezahlte. Um ihm zu zeigen, daß ich seine Meinung nicht teilte, gab ich eine halbe Guinee Trinkgeld dem Kellner, der nur zu wünschen schien, daß er öfters ein solches unverhofftes Glück hätte. Mein ehrenwerter Schweizer, der vor einer Stunde blaß und ernst gewesen war, strahlte in rötlichem Glänze und war höchst liebenswürdig geworden. Sarah warf einen Blick auf ihn und drückte mir die Hand. Ich triumphierte.

Nach der Vorstellung fragte Herr von F. mich, ob ich ihm wohl erlauben wollte, mir seinen Besuch zu machen. Ohne ihm ein Wort zu erwidern, umarmte ich ihn. Es regnete in Strömen, und sein Bedienter kam und sagte ihm, es sei kein Fiaker da, man müsse daher warten. Ich war ein wenig überrascht, daß ein Mann seines Ranges mit seiner ganzen Familie an einen solchen Ort kam, ohne sich seines Wagens zu bedienen. Sofort bat ich ihn, den meinigen zu benutzen, indem ich zugleich meinem Neger befahl, mir einen Tragstuhl zu holen.

»Ich nehme mit Vergnügen an,« sagt Herr von F. zu mir, »aber unter der Bedingung, daß ich die Sänfte benütze.«

Ich mußte nachgeben und fuhr daher in meinem Wagen mit der Mutter und ihren beiden Töchtern.

Unterwegs sagte Frau von F. mir die größten Freundlichkeiten, indem sie zugleich, allerdings in milden Ausdrücken, die Unhöflichkeiten ihres Gatten mißbilligte, über die ich mich zu beklagen hatte. Ich sagte ihr, ich würde mich dafür rächen, indem ich in Zukunft ihr recht fleißig den Hof machen würde. Sie durchbohrte mir das Herz, als sie mir antwortete, ihre Abreise stehe nahe bevor. »Wir wollten übermorgen abreisen und müssen schon morgen unsere Wohnung räumen, da die neuen Mieter übermorgen einziehen wollen. Ein Geschäft, das mein Mann nicht hat zu Ende bringen können, nötigt uns, noch etwa acht Tage hier zu bleiben; wir werden uns also morgen in der doppelten Verlegenheit befinden, aus unserer Wohnung ausziehen und irgendwo eine neue Wohnung finden zu müssen.«

»Sie haben also noch keine Wohnung?«

»Nein; aber mein Mann glaubt morgen früh ganz bestimmt eine zu bekommen.«

»Wahrscheinlich eine möblierte; denn da Sie abreisen wollen, werden Sie wohl Ihre Möbel verkauft haben.«

»Jawohl, denn wir müssen sie auf unsere Kosten dem Käufer bringen lassen.«

Als ich hörte, daß Herr von F. einer Wohnung sicher sei, glaubte ich die meinige nicht anbieten zu dürfen; ich befürchtete nämlich, die Dame könnte glauben, daß ich sie nur darum anböte, weil ich sicher wäre, sie würde nicht angenommen werden.

Als wir vor ihrem Hause angekommen waren, stiegen wir aus, und die Mutter bat mich, hereinzukommen. Sie wohnte mit ihrem Mann im zweiten Stockwerk, und die beiden Mädchen hatten das dritte für sich. In der Wohnung stand alles drunter und drüber, und da Frau von F. mit der Wirtin zu sprechen hatte, bat sie mich zu ihren Töchtern zu gehen.

Es war kalt, und wir fanden ein Zimmer ohne Feuer. Die Schwester ging in das Nebenzimmer, und so blieb ich mit Sarah allein. Ohne jede besondere Absicht schloß ich sie in meine Arme; als ich aber an der Glut ihrer Küsse merkte, daß sie meine Wünsche erwiderte, sank ich mit ihr auf das Kanapee, worauf wir saßen, und ohne auch nur einen Augenblick über dieses erste Geschenk, das uns die Liebe machte, nachdenken zu können, kosteten wir die höchste Wollust, indem wir ineinander verschmolzen. Aber dieses Glück dauerte kaum einen Augenblick; schnell wie der Blitz war es vorbei; denn kaum war das Werk vollzogen, so hörten wir jemanden die Treppe hinaufkommen. Es war der Vater. Indessen – es war vollbracht.

Hätte Herr F. Augen im Kopf gehabt, so würde er ganz gewiß entdeckt haben, was wir getan hatten; denn mein Gesicht mußte eine Verwirrung verraten, deren Art man sich leicht denken kann.

Nachdem ich eine Flut von Komplimenten über mich hatte ergehen lassen müssen, die in diesem Augenblick langweiliger waren denn je, schüttelte ich ihm die Hand und verschwand wie ein Schatten. Als ich in meiner Wohnung ankam, befand ich mich in einer solchen Aufregung, daß ich den Beschluß faßte, England zu verlassen und Sarah in ihre Heimat zu folgen. Die ganze Nacht hindurch überlegte ich reiflich alle Anordnungen, die ich für diese Reise zu treffen hatte. Ich beschloß, der Familie für die Zeit, die wir noch in London bleiben würden, meine Wohnung anzubieten, und mein Anerbieten nötigenfalls so dringlich zu machen, daß sie es nicht ablehnen könnten.

In aller Frühe eilte ich zu Herrn von F., dem ich auf seiner Schwelle begegnete. Er sagte zu mir: »Ich will versuchen, ein paar Zimmer zu finden, worin wir etwa eine Woche hausen können.«

»Die Zimmer sind gefunden; meine Wohnung ist groß, und ich verlange, daß Sie mir den Vorzug geben. Gehen wir ins Haus!«

»Meine ganze Familie liegt noch zu Bett.«

»Kommen Sie nur herein.«

Wir gingen ins Haus. Frau von F. machte wortreiche Entschuldigungen. Als ihr Gemahl ihr sagte, ich wolle ihm eine Wohnung vermieten, lachte ich und rief, ich verlangte, daß er eine Wohnung annähme, die ihm freundschaftlich angeboten würde. Nachdem er viele Umstände gemacht hatte, nahm er endlich an, und wir vereinbarten, daß die ganze Familie schon am Abend einziehen solle.

Ich ging nach Hause, um die notwendigen Anordnungen zu treffen. Während ich damit beschäftigt war, meldete man mir zwei junge Damen. Da ich sie nicht empfangen wollte, ging ich selber an die Tür, um mich zu entschuldigen. Zu meiner angenehmsten Überraschung aber sah ich Sarah und ihre Schwester. Sofort ließ ich sie eintreten. Sarah sagte mir mit bescheidenen Worten, ihre Hauswirtin wolle nicht erlauben, daß die Möbel fortgeschafft würden, bevor sie vierzig Guineen erhalten hätte, die ihr Vater ihr schuldig wäre. Sie weigerte sich, obgleich ein Geschäftsmann aus der City ihr versichert hätte, daß der Betrag im Laufe der Woche bezahlt werden würde. Ihr Vater schicke mir nun eine Anweisung, die auf den Inhaber lautete, und lasse mich bitten, ob ich ihm diesen Dienst erweisen könne.

Ich nahm die Anweisung und gab ihr eine Banknote von fünfzig Pfund Sterling, indem ich ihr sagte, sie könne mir den Rest herausgeben. Sie dankte mir ohne allen Überschwang und ging. Ich war entzückt, daß sie solches Vertrauen zu mir gehabt hatte.

Das augenblickliche Bedürfnis, sich vierzig Guineen zu verschaffen, schien mir noch kein Beweis zu sein, daß Herr von F. sich in Bedrängnis befände. Ich sah in meiner damaligen Stimmung alles in dem schönsten Licht und wünschte mir Glück, daß ich ihm hatte nützlich sein können, indem ich ihm dadurch bewies, daß er unrecht getan hatte, mich so geringschätzig zu behandeln.

Ich nahm nur ein leichtes Mittagessen zu mir, um desto angenehmer mit meinem helvetischen Engel zu Abend speisen zu können, und brachte den Nachmittag damit zu, mehrere Briefe zu schreiben. Gegen Abend kam der Bediente des Herrn von F. mit drei großen Koffern und vielen Schachteln und sagte mir, die Familie werde bald kommen; vergebens wartete ich jedoch bis neun Uhr. Unruhig über diese Verzögerung, begab ich mich zu Herrn von F. und fand dort alle in der größten Bestürzung. Der Anblick von zwei ziemlich übel aussehenden Männern, die sich im Zimmer befanden, ließ mich erraten, was wohl vorgegangen sein mochte. Mit lachendem Gesicht rief ich aus: »Ich wette, irgendein ungebärdiger Gläubiger bereitet Ihnen diese Verlegenheit!«

»Das ist wahr,« sagte der Vater; »aber ich bin sicher, in fünf oder sechs Tagen meine Schuld begleichen zu können; aus diesem Grunde habe ich meine Abreise aufgeschoben.«

»Man hat Sie also verhaftet, nachdem Sie mir Ihren Koffer geschickt hatten?«

»Einen Augenblick nachher.«

»Was haben Sie seitdem getan?«

»Ich habe um Bürgen schicken lassen.«

»Und warum haben Sie nicht zu mir geschickt?«

»Ich bin Ihnen dankbar, mein großmütiger Freund; aber Sie sind Ausländer, und man nimmt nur Hausbesitzer als Bürgen an.«

»Sie hätten mir auf alle Fälle immerhin Bescheid geben sollen; denn ich habe Ihnen ein ausgezeichnetes Abendessen zurecht machen lassen, und ich sterbe vor Hunger.«

Da die Schuld meine Mittel übersteigen konnte, so wollte ich mich nicht zu weit vorwagen. Ich nahm Sarah beiseite und erfuhr von ihr, daß dieser ganze Wirrwarr um eine Schuld von hundertundfünfzig Pfund Sterling stattfand. Infolgedessen ließ ich den Inhaber des Haftbefehls fragen, ob wir nach unserem Belieben zum Essen gehen könnten, wenn dieser Betrag bezahlt wäre.

»Selbstverständlich!« ließ er mir antworten; zugleich zeigte er mir den Wechsel.

Ich nahm drei Banknoten von fünfzig Pfund aus meiner Brieftasche, gab sie dem Gerichtsvollzieher, nahm dafür den Wechsel und sagte zu dem betrübten armen Herrn von F.: »Sie können den Betrag an mich bezahlen, bevor Sie England verlassen.«

Hierauf umarmte ich die ganze Familie, die vor Freuden weinte, und rief: »Nun zu Tisch und weg mit den Sorgen des Lebens!«

Wir fuhren zu mir und speisten heiter und vergnügt. Nur die brave Mutter konnte ihre Traurigkeit nicht überwinden.

Nach dem Abendessen führte ich sie alle in die Zimmer, die ich für sie hatte zurecht machen lassen und von denen sie entzückt waren; ich wünschte ihnen wohl zu ruhen und sagte ihnen, ich würde sie bis zu ihrer Abreise aufs beste bewirten und hoffte, sie nach der Schweiz begleiten zu können.

Nach dem Erwachen warf ich einen Blick auf meinen körperlichen und seelischen Zustand und fand mich glücklich. Meine Empfindungen waren derart, daß es mir unmöglich gewesen wäre, sie zu beherrschen; aber daran dachte ich auch gar nicht. Eine starke Empfindsamkeit, die ich als reinen Ausfluß meiner Seele erkannte, machte mich damals, wie noch jetzt, sehr nachsichtig gegen eine Sinnlichkeit, deren Opfer ich oft gewesen bin. Ich liebte Sarah und war so sicher, ihr Herz zu besitzen, daß ich alle Begierden weit von mir wies. Begierden entstehen aus den Bedürfnissen und sind lästig, weil sie unzertrennlich vom Zweifel sind, und Zweifel ist eine Folter für den Geist. Sarah war mein; sie hatte sich in reiner Hingebung mir geschenkt, als kein Schatten von Eigennutz die Quelle ihrer Leidenschaft verdächtig machen konnte.

Ich ging zu dem Vater hinauf, den ich damit beschäftigt fand, seine Koffer zu öffnen. Da ich die Mutter traurig sah, so fragte ich sie, ob sie sich wohl befinde. Sie antwortete mir, ihre Gesundheit sei ausgezeichnet, aber sie habe große Furcht vor dem Meere, und der Gedanke, daß sie binnen kurzem sich einschiffen solle, mache sie unglücklich. Der Vater bat mich, ihn zu entschuldigen, daß er nicht zum Frühstück bleiben könne; er müsse wegen einiger Geschäfte ausgehen. Nachdem die beiden jungen Damen heruntergekommen waren, frühstückten wir, und ich fragte die Mutter, warum sie ihre Koffer auspackte, da wir doch so bald schon abreisen sollten. Sie antwortete mir lächelnd, ein einziger Koffer würde bald genügen, um alle Sachen der ganzen Familie aufzunehmen; denn sie wäre entschlossen, alles überflüssige zu verkaufen. Da ich prachtvolle Kleider, sehr schöne Wäsche und kostbare Spitzen sah, so konnte ich mich nicht enthalten, ihr zu sagen, es würde sehr schade sein, um einen jämmerlichen Preis Gegenstände zu veräußern, die sie sehr teuer wieder ersetzen müßten.

»Sie haben vollkommen recht; aber obgleich alle diese Sachen sehr schön sind, so ist doch die Befriedigung, seine Schulden zu bezahlen, noch viel schöner.«

»Sie dürfen nichts verkaufen!« rief ich lebhaft; »denn da ich mich entschlossen habe, mit Ihnen nach der Schweiz zu reisen, so werde ich Ihre Schulden bezahlen, und Sie werden mir das Geld zurückgeben, sobald Sie dazu imstande sind.«

Zu diesen Worten machten alle drei sehr erstaunte Gesichter. »Ich glaubte nicht,« sagte die Mutter, »daß Sie im Ernst gesprochen hätten.«

»In vollem Ernst, Madame, und dies ist der Gegenstand meiner Wünsche.«

Zugleich ergriff ich Sarahs Hand und bedeckte sie mit Küssen.

Sarah errötete und sagte nichts; die Mutter sah uns mit gütigem Blick an, aber nach einem kurzen Schweigen richtete sie an mich eine lange Rede voller Aufrichtigkeit und Vernunft. Sie schilderte mir ausführlich die Lage ihrer Familie und die Geringfügigkeit der Mittel ihres Gatten, den sie damit entschuldigte, daß er in London hätte Schulden machen müssen, um auf eine bescheidene und doch anständige Weise dort leben zu können; sie tadelte jedoch, daß er seine ganze Familie mitgenommen hätte. »Er hätte allein hier leben können und würde dann nur einen Bedienten gebraucht haben; für die ganze Familie aber waren die zweitausend Taler, die die Berner Regierung ihm jährlich gab, durchaus ungenügend. Mein alter Vater hat durch seinen Einfluß die Regierung bewogen, die Schulden zu bezahlen, die mein Mann hier gemacht hat; zugleich aber hat sie beschlossen, hier keinen Geschäftsträger mehr zu halten, um auf diese Weise die Extraausgaben wieder zu decken; ein gewöhnlicher Bankier, der den Titel Agent erhält, wird genügen, um die Zinsen der Kapitalien einzuziehen, die die Republik in England besitzt. Ich schätze Sarah glücklich, daß es ihr gelungen ist, Ihnen zu gefallen, doch bin ich nicht sicher, daß mein Mann seine Einwilligung zu dieser Heirat geben wird.«

Beim Wort Heirat, das mir selber ganz unerwartet kam, sah ich Sarah erröten. Dies gefiel mir, aber ich sah voraus, daß es Schwierigkeiten geben würde.

Herr von F. kam zurück und sagte seiner Frau, im Laufe des Nachmittage würden zwei Trödler kommen, um die Sachen zu kaufen. Als ich ihm jedoch meinen Plan mitteilte, sie nach der Schweiz zu begleiten, überzeugte ich ihn mit ziemlich leichter Mühe, daß es besser wäre, alle seine Sachen zu behalten und von mir zweihundert Guineen als Darlehen anzunehmen, für die er mir Zinsen zahlen würde, bis er sie zurückgeben könnte. Wir schlossen sofort einen Vertrag in aller Form. Von der Heirat sprachen wir nicht, da seine Frau mir gesagt hatte, sie würde unter vier Augen mit ihm reden.

Am dritten Tage kam er allein zu mir, um mit mir über die Angelegenheit zu sprechen. »Meine Gemahlin,« sagte er, »hat mir Mitteilung von Ihren für mich ehrenvollen Absichten gemacht; ich kann Ihnen jedoch meine Sarah nicht geben, denn vor meiner Abreise von Bern habe ich sie Herrn von W. versprochen, und Familieninteressen verbieten es mir, mein Wort zurückzunehmen. Außerdem würde mein alter Vater niemals seine Einwilligung geben, da nach seinen strengen Ansichten bei einer solchen Verbindung der Religionsunterschied keine Sicherheit für das Glück seiner Lieblingsenkelin geben würde.«

Im Grunde war diese Erklärung mir nicht unangenehm, denn trotz meiner Liebe zu Sarah erschreckte mich das Wort Heirat. Ich antwortete ihm, Zeit und Umstände könnten sich ändern, inzwischen würde es mir genügen, wenn er mir seine ganze Freundschaft schenkte und es mir allein überließe, alle Vorbereitungen für die bevorstehende Reise zu treffen. Er versprach mir alles und versicherte mir, er sei entzückt, daß seine Tochter verstanden habe, meine Neigung zu gewinnen.

Nach dieser Auseinandersetzung gab ich Sarah in Gegenwart ihrer Eltern alle Beweise von Zärtlichkeit, die der Anstand mir erlaubte, und alles sprach dafür, daß das junge Mädchen mich innig liebte.

Am fünften Tage ging ich in ihr Zimmer, und da ich sie noch im Bett fand, bemächtigte sich meiner die ganze Glut der Wollust; denn seit jenem Augenblick, da ich mich so schnell ihres Einverständnisses versichert hatte, war ich nicht mehr mit ihr allein zusammen gewesen. Ich stürzte mich auf sie und bedeckte sie mit Küssen; sie zeigte sich zärtlich, aber zurückhaltend. Meine Glut stieg, ich wollte sie löschen; aber vergeblich: sie setzte mir einen sanften Widerstand entgegen und verhinderte mich, ans Ziel zu gelangen, obgleich sie meine Liebkosungen erwiderte.

»Warum, göttliche Sarah, widersetzen Sie sich den Ausbrüchen meiner Zärtlichkeit?«

»Ich bitte Sie, mein süßer Freund, verlangen Sie von mir nichts weiter, als was ich Ihnen bewillige.«

»Sie lieben mich also nicht mehr?«

»Undankbarer! Ich bete Sie an.«

»Aber warum denn jetzt diese Weigerung, nachdem Sie sich doch ganz und gar mir schon hingegeben haben?«

»Ich habe mich Ihnen hingegeben, und ich bin glücklich, daß ich es tat; ich habe Sie ebenso glücklich gesehen wie mich, und dies, mein lieber Freund, muß uns genügen.«

»Es ist unmöglich, daß diese Veränderung nicht irgendeinen Grund hat. Wenn Sie mich lieben, teure Sarah, muß dieser Verzicht Ihnen schwer werden.«

»Ich gestehe es, zärtlicher Freund; aber ich muß mich mit dieser schmerzlichen Entsagung abfinden. Nicht eine Schwäche zwingt mich, meine Leidenschaft zu bekämpfen, sondern nur die Pflicht, die ich gegen mich selber habe. Ich habe gegen Sie Verpflichtungen, und ich würde mich in meinen eigenen Augen erniedrigen, wenn ich mit meiner Person dafür einstehen wollte. Als ich mich Ihnen hingab, und Sie sich mir hingaben, da herrschte vollige Gleichheit zwischen uns; wir standen nicht im Verhältnis von Gläubiger und Schuldner zueinander. Durch die Verpflichtungen, die ich eingegangen bin, ist mein Herz jetzt in Knechtschaft geraten, und es sträubt sich gegen Opfer, die es der Liebe so gern darbrachte.«

»Was für eine seltsame Metaphysik, meine liebe Sarah! Eine solche Philosophie täuscht Sie und ist ihre Feindin so gut wie die meinige. Sie überlassen sich Sophismen, die Sie betrügen und mir das Herz zerreißen. Erkennen Sie doch ein bißchen mein Zartgefühl an und beruhigen Sie sich; denn, mein Engel, Sie schulden mir nichts!«

»Geben Sie zu, daß Sie für meinen Vater nichts getan haben würden, wenn Sie mich nicht liebten.«

»Das werde ich ganz gewiß nicht zugeben, denn die Achtung, die Ihre würdige Mutter mir eingeflößt hat, hätte mich mit Leichtigkeit veranlaßt, für Ihre Eltern zu tun, was ich getan habe, und vielleicht noch mehr. Es ist sogar möglich, daß ich überhaupt gar nicht an Sie gedacht habe, indem ich Ihrem Vater diesen kleinen Dienst erwies.«

»Das kann wohl sein, denn Sie sind überhaupt hilfsbereit; aber ich kann mich nicht enthalten, das Gegenteil zu glauben. Verzeihen Sie mir, lieber Freund; aber ich kann mich nicht entschließen, auf Kosten meines Herzens derartige Schulden zu bezahlen.«

»Mir scheint, das Gefühl müßte im Gegenteil Ihre Liebe noch heißer machen.«

»Sie kann nicht heißer sein, als sie gewesen ist.«

»Ich bin recht unglücklich; so soll ich also für das, was ich getan habe, die grausamste Strafe erleiden? Sie fühlen doch, liebe Sarah, daß Sie mich bestrafen?«

»Ach, vielleicht bestrafe ich mich selber! Aber ersparen Sie mir diesen grausamen Vorwurf und erhalten Sie mir unvermindert Ihre Zärtlichkeit. Wir wollen uns auch in Zukunft lieben!«

Dieses Gespräch ist nicht der hundertste Teil von der Unterhaltung, die wir bis zum Mittagessen miteinander führten. Schließlich kam die Mutter; als sie mich am Fußende des Bettes sitzen sah, fragte sie mich lachend, warum ich ihre Tochter nicht aufstehen lasse. Ich antwortete ihr mit heiterem und vollkommen ruhigem Gesicht: eine für uns sehr interessante Unterhaltung habe uns wirklich nicht bemerken lassen, daß es schon so spät sei.

Ich verließ sie, um mich anzukleiden. Indem ich über die erstaunliche Veränderung nachdachte, die sich in dem reizenden Geschöpf vollzogen hatte, glaubte ich darauf rechnen zu dürfen, daß ihr Entschluß nicht von langer Dauer sein werde. Ein solcher Glaube war für mich eine Notwendigkeit, denn sonst hätte ich nicht die Kraft gehabt, auf ihre Laune einzugehen, die mir eigentlich ziemlich romanhaft erschien.

Wir speisten sehr fröhlich zu Mittag, und Sarah und ich bekundeten ganz offen vor ihren Eltern in allen Bemerkungen unsere gegenseitige Liebe und eine innige Zuneigung. Am Abend führte ich sie in die italienische Oper; hierauf verzehrten wir ein ausgezeichnetes Abendessen und gingen dann in vollkommener Eintracht zu Bett.

Den ganzen nächsten Morgen verbrachte ich in der City, um mit den Bankiers abzurechnen, bei denen ich noch Geld ausstehen hatte. Ich nahm Wechsel auf Genf, denn meine Abreise war beschlossene Sache; ich glaubte nur noch fünf oder sechs Tage in London bleiben zu müssen und nahm herzlichen Abschied von dem braven Herrn Bosanquet. Am Nachmittag besorgte ich einen Wagen für Frau von F., die ihre Abschiedsbesuche machen wollte; ich selber fuhr in der gleichen Absicht nach der Pension meiner Tochter hinaus. Die liebe Kleine zerfloß in Tränen; sie sagte mir, sie verliere alles, und bat mich, sie nicht zu vergessen. Ich war tief gerührt. Auf Sophiens Bitten entschloß ich mich, vor meiner Abreise ihrer Mutter noch einen Besuch zu machen.

Beim Abendessen sprachen wir von unserer Reise. Ich sollte für alles sorgen, und Herr von F. gab mir zu, daß wir statt über Ostende besser über Dünkirchen reisen würden. Er hatte nur noch einige unbedeutende Geschäfte zu erledigen und sagte mir, er könne nach Bezahlung seiner Schulden und der Reisekosten darauf rechnen, mit etwa fünfzig Guineen in Bern anzukommen. Er wollte zwei Drittel von allen Reisekosten bezahlen; ich hatte mich damit einverstanden erklären müssen, obgleich ich fest entschlossen war, ihm niemals Rechnung abzulegen. Ich hoffte, daß es mir in Bern auf irgend eine Weise gelingen würde, Sarah zur Frau zu erhalten.

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück, als ihr Vater ausgegangen war, ergriff ich in Gegenwart ihrer Mutter ihre Hand und fragte sie im Ton der innigsten Liebe, ob ich sicher sein könnte, daß sie mir ihr Herz schenken würde, wenn es mir in Bern gelänge, die Einwilligung ihres Vaters zu erhalten. Ihre Mama war so gütig, mir zu versprechen, daß ich auf ihre Einwilligung bestimmt rechnen könne, sobald ich die ihres Gatten erhalten habe.

Bevor Sarah antworten konnte, stand die Mutter auf und sagte uns auf das freundlichste: »Ihre Auseinandersetzungen könnten vielleicht lange dauern; ich will Sie daher bis zum Mittag allein lassen.« Sie ging hinaus und nahm ihre ältere Tochter mit, um Besuche zu machen.

Als wir allein waren, sagte Sarah mir im zärtlichsten Tone: »Ich kann nicht begreifen, daß Sie an meiner Zustimmung zu unserer Verbindung zweifeln, die doch mein innigster Wunsch ist. Ich habe Ihnen meine Liebe bewiesen, lieber Freund, und ich bin überzeugt, ich werde vollkommen glücklich sein, wenn ich Ihre Frau werde. Sie können sich darauf verlassen, daß ich keinen anderen Willen haben werde als den Ihrigen, und wohin ich auch Ihnen folgen muß, in der Schweiz ist nichts, was ich mit Bedauern zu verlassen brauchte.«

Diese sanften Worte rührten mir Herz und Seele; ich drückte die liebende Sarah an meine Brust und sah, daß sie mein Entzücken teilte; aber sie beschwor mich, mich zu mäßigen, als sie sah, daß ich mich anschickte, ihr meine Liebe ohne Rückhalt zu beweisen. Sie umklammerte mich mit ihren Armen und flehte mich an, nichts von ihr zu verlangen; denn sie sei entschlossen, mir nichts mehr zu bewilligen, bevor sie mir in rechtmäßiger Ehe angehören würde.

»Wie? Sie wollen mich zur Verzweiflung bringen? Haben Sie auch bedacht, Sarah, daß Ihr Widerstand mir das Leben kosten kann? Ist es möglich, daß Sie mich lieben und doch nicht das traurige Vorurteil verabscheuen, das Sie unserer gegenseitigen Liebe entgegensetzen? Ich kann doch weder an Ihrer Liebe zu mir noch an Ihrer Neigung zu den Freuden der Wollust zweifeln!«

»Ja, mein lieber zärtlicher Freund, ich bete Sie an und würde mich gern mit Ihnen allen Wonnen hingeben; aber Sie müssen mich schonen und Rücksicht auf mein Zartgefühl nehmen.«

Als sie aber Tränen in meinen Augen sah, ging ihr dies so zu Herzen, daß sie ohnmächtig wurde. Ich fing sie in meinen Armen auf und legte sie sanft auf ein Bett, das dicht daneben stand. Sie verlor nicht vollständig die Besinnung, aber ihre Blässe beunruhigte mich. Ich hielt ihr Riechsalz unter die Nase und rieb ihre Schläfen mit Savoyer Tropfen, die ich bei mir trug. Bald schlug sie die Augen wieder auf, reichte mir ihren Mund zum Kuß und schien glücklich zu sein über die Ruhe meiner Sinne, die ihr durch meinen zärtlichen Kuß bestätigt wurde. Der Gedanke, mir ihre Lage zunutze zu machen, würde mich mit Abscheu erfüllt haben.

Sie richtete sich auf und sagte: »Jetzt haben Sie mich von der Aufrichtigkeit Ihrer Gefühle überzeugt.«

»Hättest du glauben können, göttliche Freundin, daß ich so niedrig sein könnte, deine Ohnmacht zu mißbrauchen? Wäre es für mich ein Genuß, wenn du ihn nicht teiltest?«

»Ich glaube es nicht; aber ich würde mich Ihnen nicht widersetzt haben. Doch ist es wohl möglich, daß ich Sie dann nicht mehr geliebt haben würde.«

»Sarah, Sie üben, ohne es zu wissen, einen Zauber über mich aus, der mich zugrunde richtet!«

Nach diesen Worten setzte ich mich traurig an das Kopfende ihres Bettes und überließ mich den trübsten Gedanken. Sarah erriet vielleicht, was in mir vorging, und suchte mich nicht davon abzulenken.

Ihre Mutter kam nach Hause und fragte sie, warum sie zu Bett liege; aber in ihrer Frage lag kein Verdacht, der übrigens durch meine Stellung neben dem Bett und meine traurige Miene vollkommen widerlegt worden wäre. Sarah sagte ihr die Wahrheit.

Gleich darauf kam Herr von F. nach Hause, und wir aßen zu Mittag; aber es war eine stille Mahlzeit. Was mir widerfahren war und was ich von diesem Mädchen mit reinem Herzen und glühender Leidenschaft hatte hören müssen, hatte mich in eine ganz niedergeschlagene Stimmung versetzt. Ich sah klar und deutlich, daß ich nichts mehr zu hoffen hatte, und da ich mein Temperament kannte, so fühlte ich, daß ich an mich selber denken mußte. Erst vor sechs Wochen hatte Gott mir geholfen, mich aus den Fesseln einer Charpillon zu befreien, deren niederträchtigen Charakter ich kannte, und nun sah ich mich in Gefahr, in leidenschaftlicher Liebe zu einem Engel zu entbrennen, dessen Tugenden ich nicht verkennen konnte. Die Gefahr war tausendmal größer; – da ich nun einmal keine Aussicht hatte, sie als Ehegattin zu erhalten, so mußte ich fürchten, meine Vernunft oder gar mein Leben zu verlieren. Daran wäre sie schuld gewesen, und ich hätte nicht einmal den traurigen Trost gehabt, mich über sie beklagen zu können.

Dies sind etwa die Betrachtungen, die ich während Sarahs Ohnmacht angestellt hatte; diese Gedanken mußten erst ausreifen.

In der City fand ein Verkauf kostbarer Gegenstände in Gestalt einer Lotterie statt. Sarah hatte die Anzeige gelesen, und ich lud sie nebst ihrer Schwester und Mutter ein, mit mir hinzufahren. Es kostete mir keine Mühe, ihre Zustimmung zu erlangen. Wir fanden dort viele vornehme Personen, unter anderen die Gräfin Harrington, Lady Emilie Stanhope und ihre Tochter. Die Mutter hatte damals eine eigentümliche Geschichte auf dem Halse: sie ließ durch Polizeikommissäre in ihrem Hause Nachforschungen anstellen, um den Dieb von sechstausend Pfund Sterling zu entdecken, die man ihrem Manne gestohlen hatte, während in London kein Mensch daran zweifelte, daß sie selber diese Summe auf die Seite gebracht hatte.

Frau von F. spielte nicht, aber sie hatte nichts dagegen, daß ihre Töchter einige Lose von mir annahmen. Sie waren glücklich, denn sie erhielten für zehn oder zwölf Guineen Gegenstände im Werte von mehr als sechzig.

Da ich mich mit jedem Tage mehr in Sarah verliebte, aber überzeugt war, daß ich nur noch sehr unbedeutende Gunstbezeigungen von ihr erlangen würde, so glaubte ich eine Erklärung nicht mehr hinausschieben zu dürfen. Ich sagte ihnen nach dem Abendessen, während wir noch bei Tische saßen: da ich nicht sicher wäre, daß die entzückende Sarah mein Weib werden könnte, so hätte ich mich entschlossen, meine Reise nach Bern noch aufzuschieben. Der Vater billigte meinen Entschluß und sagte mir, ich könnte mit seiner Tochter einen Briefwechsel unterhalten. Sarah wußte sich zu beherrschen und schien mit dieser Anordnung einverstanden zu sein; aber es war leicht zu sehen, daß sie sich Gewalt antat.

Ich verbrachte eine grausame Nacht. Zum ersten Male in meinem Leben sah ich mich geliebt und doch unglücklich wegen einer Laune seltsamster Art. Ich erwog noch einmal die Gründe, die Sarah mir angeführt hatte, und da ich sie nicht triftig finden konnte, so zog ich den Schluß, daß meine Liebkosungen ihr nicht gefallen hätten.

Während der letzten drei Tage befand ich mich mehrere Male mit ihr unter vier Augen; aber ich mäßigte stets die Erregung, in die ihre Gegenwart mich versetzte; sie ihrerseits erwies mir tausend anständige Liebkosungen, die ich als bedeutsame Gunstbeweise hätte ansehen können, wenn ich nicht eben den höchsten Gunstbeweis schon erhalten hätte. Ich machte dadurch eine Erfahrung, die ich noch nicht kannte und die ich nicht für möglich gehalten hätte, weil ich bis jetzt stets das Gegenteil erfahren hatte: nämlich daß Enthaltsamkeit, die im allgemeinen eine Liebe nur noch mehr anstachelt, zuweilen auch die entgegengesetzte Wirkung hervorbringt. Sarah würde mir mit der Zeit noch völlig gleichgültig geworden sein; denn ich hätte sie niemals meiner Freundschaft unwert finden können. Ein ganz anderer Charakter dagegen, eine Charpillon, die mich betrog und mich wütend machte, eine kokette Freudendirne, die immer Hoffnungen zu erregen weiß und niemals sich finden läßt, – eine solche bringt einen Mann durch Erregung zur Verzweiflung und flößt ihm schließlich durch die Enttäuschung Verachtung und oft Haß ein.

Die Familie reiste nach Ostende ab, und ich begleitete sie bis zur Themsemündung. Ich gab Sarah einen Brief für Frau von W., dies war die gelehrte Hedwig, die sie nicht kannte. Zwei Jahre später wurde Sarah ihre Schwägerin, indem sie einen Bruder des Herrn von W. heiratete, mit dem sie glücklich wurde.

Wenn ich heute mich nach meinen alten Bekannten erkundige, höre ich die Nachrichten aufmerksam, ja sogar mit Vergnügen an; aber die Teilnahme, die sie in mir erregen, ist geringer als mein Interesse an einer weltgeschichtlichen Begebenheit, an einer Anekdote, die vor fünf oder sechs Jahrhunderten vorgefallen ist und bis dahin allen Gelehrten unbekannt war. Wir empfinden für unsere Zeitgenossen, ja sogar für gewisse Teilnehmer an den tollen Streichen unserer Vergangenheit eine Art von Verachtung oder zum mindesten eine Gleichgültigkeit, die vielleicht der Verachtung entspringt, die wir ingewissen Augenblicken vor uns selber haben.

Vor vier Jahren schrieb ich nach Hamburg an Madame G. Mein Brief begann mit den Worten: »Nach einem neunundzwanzigjährigen Schweigen –« Sie würdigte mich keiner Antwort und ich nahm ihr dies nicht übel. Ich denke, wir Menschen machen uns gar nichts auseinander, und das ist vollkommen natürlich.

Wenn der Leser erfährt, wer diese Frau G. ist, so wird er lachen, und mit Recht. Vor zwei Jahren war ich schon unterwegs nach Hamburg. Was wollte ich dort? Mein guter Genius führte mich nach Dux zurück.

Nach der Abreise meiner Gäste empfand ich eine Leere und ein Gefühl von Traurigkeit. Ich ging in die Oper im Covent-Garden und fand dort Goudar, der mich fragte, ob ich in das Konzert der Sartori gehen wolle. Ich würde dort eine junge Engländerin sehen, die ein wahres Juwel wäre und italienisch spräche.

Da ich eben erst Sarah verloren hatte, fühlte ich mich nicht in der Stimmung, so bald eine neue Bekanntschaft zu machen; aber ich war neugierig, dies Wunder zu sehen. Ich folgte meiner Laune und fand nur Langeweile. Darüber freute ich mich. Und doch war die junge Engländerin hübsch. Ein junger Livländer, der sich Baron von Stenau nennen ließ und ein sehr angenehmes Gesicht hatte, schien sehr verliebt in sie zu sein. Als sie nach dem Abendessen uns Eintrittskarten für ein neues Konzert anbot, nahm ich eine für mich und eine für Goudar und gab ihr zwei Guineen; der livländische Baron nahm aber gleich fünfzig und gab ihr für den Betrag eine Fünfzig-Pfund-Note. Ich sah daran, daß er sie im Sturm erobern wollte, und dies gefiel mir. Ich hielt ihn für reich, ohne mir jedoch Mühe zu geben, mich davon zu überzeugen. Er kam mir freundlich entgegen, und wir wurden Freunde. Bald werde ich erzählen, welche Folgen diese verhängnisvolle Bekanntschaft hatte.

Als ich eines Tages mit Goudar im Hyde-Park spazieren ging, verließ er mich, um mit zwei jungen Damen zu sprechen, die mir in ihren großen Hüten hübsch zu sein schienen. Wenige Augenblicke darauf kam er wieder zu mir und sagte: »Eine Dame aus Hannover, Witwe und Mutter von fünf Töchtern, ist vor zwei Monaten mit ihrer ganzen Nachkommenschaft nach London gekommen. Sie wohnt in einem Hause hier in der Nähe. Sie bemüht sich bei der Regierung um Ersatz für den Schaden, den sie durch den Durchmarsch der Armee des Herzogs von Cumberland erlitten hat. Die Mutter soll angeblich krank sein; sie liegt immer zu Bett und läßt sich von keinem Menschen sehen. Sie schickt ihre beiden ältesten Töchter aus, um die erwartete Entschädigung zu erbitten; dies sind die beiden jungen Mädchen, die Sie eben gesehen haben. Sie können nichts erreichen. Die älteste ist zweiundzwanzig Jahre alt, und ihre jüngste Schwester ist vierzehn, sie sind alle fünf hübsch, sprechen gleich gut englisch, französisch und deutsch und empfangen sehr liebenswürdig jeden Besucher, sind aber dabei immer alle zusammen. Ich habe sie aus Neugier besucht und bin von ihnen gut aufgenommen worden; da ich ihnen aber nichts gegeben habe, so wage ich es nicht, allein wieder zu ihnen zu gehen. Wenn Sie neugierig auf sie sind, können wir hingehen.«

»Wie sollte man nicht neugierig sein, wenn man eine solche Geschichte hört! Wir wollen hingehen; aber wenn die, die mir gefällt, nicht gefällig ist, bekommt sie nichts.«

»Sie werden nichts geben, denn sie lassen sich nicht einmal die Hand berühren.«

»Es sind wohl Charpillons?«

»Es scheint so. Aber Sie werden keine Männer bei ihnen sehen.«

Wir gingen hin und betraten einen großen Saal, wo ich drei hübsche Mädchen und einen Mann von üblem Aussehen erblickte. Ich machte ihnen die üblichen Komplimente; sie antworteten darauf nur durch eine höfliche Verbeugung, aber mit sehr traurigen Gesichtern.

Goudar hatte unterdessen mit dem Mann gesprochen; er trat auf mich zu und sagte achselzuckend: »Wir sind in einem schlechten Augenblick gekommen. Der Mann ist ein Gerichtsbeamter; er will die Mutter ins Gefängnis führen, wenn sie nicht dem Wirt zwanzig Guineen bezahlt, die sie für Miete schuldet; sie haben aber keinen Heller. Sobald die Mutter im Gefängnis ist, wird der Hauseigentümer natürlich die Mädchen auf die Straße setzen.«

»Sie können ja bei ihrer Mutter wohnen; das wird ihnen nichts kosten.«

»Sie irren sich. Sie können ins Gefängnis gehen und dort für ihr Geld essen; weiter aber auch nichts, denn wohnen dürfen im Gefängnis nur die Gefangenen.«

Ich fragte eine von ihnen, wo ihre Schwestern seien.

»Sie sind ausgegangen und wollen versuchen, Geld aufzutreiben; denn der Wirt will sich mit einer Bürgschaft nicht begnügen. Er verlangt bares Geld, und wir haben nichts mehr zu verkaufen.«

»Das ist sehr traurig, mein Fräulein. Und was sagt denn Ihre Mutter dazu?«

»Sie weint. Krank und bettlägerig, wie sie ist, will man sie ins Gefängnis bringen! Um sie zu trösten, hat der Hauswirt ihr sagen lassen, er werde sie tragen lassen.«

»Das ist barbarisch. Aber ich finde Sie hübsch, mein Fräulein, und ich könnte Sie aus der Verlegenheit befreien, wenn Sie gut sein wollten.«

»Ich ahne nicht, von welcher Güte Sie sprechen wollen.«

»Ihre Mama wird Ihnen sagen können, worum es sich handelt. Fragen Sie sie um Rat!«

»Mein Herr, Sie kennen uns nicht; wir sind anständige Mädchen und sind von Stande!«

Mit diesen Worten drehte das Persönchen mir den Rücken zu und fing wieder an zu weinen. Die beiden anderen, die ebenso hübsch waren wie sie, standen dabei und sagten kein Wort. Goudar sagte mir auf italienisch: wenn wir die Betrübten nicht auf eine tatkräftige Weise trösten wollten, spielten wir eine sehr traurige Figur. Ich war unmenschlich genug, hinauszugehen, ohne etwas zu erwidern.

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