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Erinnerungen

Giacomo Casanova: Erinnerungen - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorCasanova
titleErinnerungen
volume5
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20050616
projectid161255ea
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Vierzehntes Kapitel

Fortsetzung des Vorhergehenden, aber noch seltsamer.

Am anderen Morgen gegen acht Uhr meldete Jarbe mir die Charpillon und sagte mir, sie habe ihre Sänftenträger fortgeschickt.

»Sag' ihr, ich will sie nicht empfangen.«

Aber in dem Augenblick, wo ich diese Worte sprach, trat sie ein, und Jarbe ging hinaus.

»Ich bitte Sie,« sagte ich so ruhig, wie es mir nur möglich war, »mir die beiden Wechsel zurückzugeben, die ich Ihnen gestern Abend anvertraut habe.«

»Ich habe sie nicht bei mir, aber warum soll ich sie Ihnen denn zurückgeben?«

Bei dieser Antwort lief mir die Galle über; meine Wut durchbrach den Damm meiner Zurückhaltung und ergoß sich in einer Flut von Schimpfworten. Meine Natur bedurfte dieses Ausbruches, um ihr Gleichgewicht wieder zu finden. Er endete mit einem unfreiwilligen Tränenerguß, dessen meine Vernunft sich schämte. Die niederträchtige Verführerin blieb ruhig wie die Unschuld; sie benutzte einen Augenblick, wo ich, von Schluchzen erstickt, kein Wort hervorbringen konnte, und sagte mir, sie sei nur so grausam gewesen, weil sie ihrer Mutter geschworen habe, sich keinem Manne in ihrem eigenen Hause hinzugeben. Nun sei sie zu mir gekommen, um mich von ihrer Zärtlichkeit zu überzeugen, indem sie sich rückhaltlos hingebe, und um mich niemals wieder zu verlassen, wenn ich sie behalten wolle.

Wenn ein Leser sich einbildet, bei dieser Erklärung habe mein ganzer Zorn sich verflüchtigt, und ich habe mich nun unverzüglich in den Besitz eines so heiß begehrten Gutes gesetzt, so kennt er die Natur der Leidenschaft nicht so gut, wie das unwürdige Geschöpf, dessen Spielball ich war, sie kannte. Er weiß nicht, daß die Liebe schnell in schwarzen Zorn übergehen kann, daß aber der umgekehrte Übergang sich langsam und schwer vollzieht. Und wenn es sich nur um Zorn allein handelt, so kann dieser durch Sanftmut, Tränen, Unterwürfigkeit und sogar durch bloße Schwäche besänftigt werden; aber wenn zum Zorn noch Entrüstung kommt, und wenn in dieses doppelte Gefühl sich noch der Schmerz einer bitteren Enttäuschung mischt, dann wird der Mann unfähig, plötzlich zur Zärtlichkeit und Wollust überzugehen. Es ist ein wütender Haß, dessen Dauer genau der Reizbarkeit des Temperamentes entspricht; er weicht erst, wenn er von selber aufgehört hat. Bei mir ist einfacher Zorn immer nur von kurzer Dauer gewesen; aber wenn Entrüstung hinzugekommen ist, dann hat meine stolze Vernunft mich stets unbeugsam gemacht, bis ich meinen Zorn vergessen und dadurch wieder meinen natürlichen Zustand erlangt hatte.

Wenn nun die Charpillon in einem solchen Augenblick sich mir zur Verfügung stellte, so wußte sie wohl, daß mein Zorn oder mein verletzter Stolz mich abhalten würde, sie beim Wort zu nehmen, und diese Wissenschaft, die bei dir, lieber Leser, vielleicht eine Tochter der Philosophie ist, war in der Seele einer liederlichen Kokette eine Tochter der Natur. Der Instinkt belehrt die Frauen besser, als Wissenschaft und Erfahrung einen Mann belehren können.

Gegen Abend verließ das junge Scheusal mich. Sie tat, wie wenn sie gekränkt, traurig, niedergeschlagen wäre, und sagte nur: »Ich hoffe, Sie werden wieder zu mir kommen, sobald Sie zur Besinnung gelangt sind.« Sie hatte acht Stunden bei mir verbracht und mich während dieser ganzen Zeit nur einige Male unterbrochen, um Beschuldigungen abzustreiten, die zwar wahr waren, die sie aber nicht zugeben durfte. Ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen, um nicht genötigt zu sein, ihr etwas anzubieten und mit ihr zu essen.

Als sie fort war, trank ich eine Tasse Fleischbrühe; hierauf legte ich mich wieder zu Bett und hatte einen sehr ruhigen Schlaf. Beim Erwachen fühlte ich mich völlig wiederhergestellt. Indem ich nun über den Auftritt vom vorigen Tage nachdachte, glaubte ich, daß die Charpillon ihr Benehmen bereue, aber ich fühlte mich vollkommen gleichgültig gegen alles, was sie betraf.

Ich bekenne hier in aller Demut die Veränderung, die in London in meinem achtunddreißigsten Jahre die Liebe an mir bewirkte. Es war der Schluß des ersten Aktes meines Lebens. Der zweite Akt schloß mit meiner Abreise aus Venedig im Jahre 1783, und der dritte Akt wird offenbar hier in Dux schließen, wo ich mich damit unterhalte, diese Erinnerungen niederzuschreiben. Dann wird meine Komödie in drei Akten beendigt sein, und wenn man sie auspfeift, was ja wohl der Fall sein kann, so hoffe ich, dieses Pfeifen nicht zu hören, und dies ist eine Befriedigung, die noch mancher andere Autor sich gleich mir vorbehalten sollte. Aber ich habe dem Leser noch nicht die letzte Szene dieses ersten Aktes vorgeführt, und ich halte diese für die interessanteste.

Auf einem Spaziergang, den ich im Green-Park machte, wurde ich von Goudar angesprochen. Ich sah ihn mit Vergnügen, denn ich brauchte diesen in allen Lebenslagen erfahrenen Menschen. Er sagte zu mir: »Ich komme eben von der Charpillon; man ist dort in sehr fröhlicher Stimmung. Vergebens habe ich das Gespräch auf Sie zu bringen gesucht; ich konnte kein Wort aus den Weibern herausbringen.«

»Ich verachte sie und alles, was nah oder fern mit ihr zusammenhängt.«

Er lobte mich und forderte mich auf, bei dieser Meinung zu bleiben. Ich nahm ihn mit mir zum Essen, und wir gingen dann zur Kupplerin Walsh, wo wir die berühmte Kurtisane Kitty Fisher sahen, die dort auf den Herzog von *** wartete, um mit ihm auf den Ball zu gehen. Die Phryne war prachtvoll geschmückt, und es ist keine Übertreibung, wenn ich die Diamanten, die sie in diesem Augenblick auf dem Leibe trug, auf fünfhunderttausend Franken schätze; Goudar sagte mir, ich könnte die Gelegenheit benutzen und mich, bevor der Herzog käme, für zehn Guineen mit ihr amüsieren. Ich wollte jedoch nicht, denn sie war zwar reizend, aber sie sprach nur englisch. Da ich nun gewöhnt war, mit allen Sinnen zugleich zu genießen, so konnte ich mich nicht entschließen, mich der Liebe hinzugeben, ohne auch mein Ohr zu befriedigen. Als das Mädchen fort war, sagte die Walsh uns, Kitty habe eines Tages eine Banknote von tausend Guineen auf einem Butterbrot verzehrt. Es sei ein Geschenk gewesen, das der Ritter Atkins, der Bruder der schönen Lady Pitt, ihr gemacht habe. Ich weiß nicht, ob die Bank ihr für dieses Geschenk ihren Dank aussprechen ließ.

Ich verbrachte eine Stunde mit einer schönen Irländerin, namens Kennedy, die etwas Französisch radebrechte. Vom Champagner belebt, machte sie tausend tolle Sachen; aber das Bild der Charpillon verfolgte mich, mir selber unbewußt, und ich fand den Genuß abgeschmackt. Traurig und unzufrieden ging ich nach Hause. Die Vernunft sagte mir, daß ich mich besiegen und das hinterlistige Weib aus meinen Gedanken verjagen müßte; aber ein anderes Gefühl, das ich für Ehrgefühl hielt, sagte mir, ich dürfe ihr nicht den Triumph lassen, mir umsonst die beiden Wechsel abgenommen zu haben. Ich entschloß mich daher, mir die Papiere mit Güte oder mit Gewalt zurückzuverschaffen. Sicherlich würde ich ein Mittel dazu finden.

Herr von Malingan, bei dem ich die unglückselige Bekanntschaft des höllischen Geschöpfes gemacht hatte, lud mich zum Essen ein. Er hatte mich schon mehrere Male eingeladen, und ich glaubte, nicht immer ablehnen zu können. Doch nahm ich erst an, nachdem ich mir die Namen der Eingeladenen hatte sagen lassen; da keine Bekannte von mir dabei war, so hatte ich nichts einzuwenden.

Ich fand bei ihm zwei junge Lütticherinnen, von denen die eine mich auf den ersten Blick interessierte; sie machte mich mit ihrem Mann bekannt, den Malingan mir nicht vorgestellt hatte, sowie mit einem anderen jungen Mann, der der anderen Dame den Hof zu machen schien.

Da die Gesellschaft nach meinem Geschmack war, so hoffte ich schon einen schönen Tag zu verleben, als mein böser Geist die Charpillon zu uns führte. Sie trat mit lachendem Gesicht ein und sagte sofort zu Malingan: »Ich würde mich nicht bei Ihnen zum Essen eingeladen haben, wenn ich gewußt hatte, daß Sie so zahlreiche Gesellschaft haben; sollte ich Ihnen etwa lästig sein, so werde ich sofort gehen.«

Alle Welt begrüßte sie auf das freundlichste; nur ich stand Folterqualen aus. Um das Ärgernis voll zu machen, gab man ihr den Platz zu meiner Linken. Wäre sie gekommen, bevor wir bei Tisch saßen, so hätte ich leicht einen Vorwand gefunden, um mich zu entfernen; da ich aber bereits begonnen hatte, meine Suppe zu essen, so hätte ich mich lächerlich gemacht, wenn ich gegangen wäre. So beschloß ich denn, sie nicht anzusehen und meine ganze Aufmerksamkeit nur meiner Dame zur Rechten zu widmen. Als wir von Tisch aufgestanden waren, gab Malingan mir sein Ehrenwort, daß er die Charpillon nicht eingeladen habe; sein Schwur überzeugte mich jedoch nicht, obgleich ich aus Höflichkeit so tat, wie wenn ich ihm glaubte.

Die beiden Lütticherinnen und ihre Kavaliere sollten in drei oder vier Tagen nach Ostende segeln. Indem wir von ihrer Abreise sprachen, sagte die eine Dame, die mich interessiert hatte, sie bedaure, England verlassen zu müssen, ohne Richmond gesehen zu haben. Ich bat sie, mir die Ehre zu bewilligen, es ihr am nächsten Tage zeigen zu dürfen. Ohne ihre Antwort abzuwarten, lud ich ihren Gemahl und so nach und nach die ganze Gesellschaft ein, außer der Charpillon, die ich nicht ansah.

Als die Einladung angenommen war, sagte ich: »Zwei Wagen zu vier Sitzen werden um acht Uhr bereit sein; wir sind ja gerade acht.«

»Wir sind neun, denn ich werde mitfahren!« rief die Charpillon, indem sie mich mit der frechsten Miene ansah; »ich hoffe, mein Herr, Sie werden mich nicht fortschicken.«

»Nein; denn das wäre unhöflich. Ich werde vorausreiten.«

»Oh! Das ist durchaus nicht nötig; denn ich werde Fräulein Emilie auf meinen Schoß nehmen.«

Emilie war Malingans Tochter. Da alle Welt den Vorschlag reizend fand, so hatte ich nicht den Mut, mich dagegen zu sträuben. Einige Augenblicke darauf mußte ich mal hinausgehen; als ich zurückkam, fand ich das freche Geschöpf auf dem Treppenabsatz. Sie redete mich an und sagte: ich hätte ihr einen blutigen Schimpf angetan. Ich wäre ihr dafür eine Genugtuung schuldig, oder sie würde sich auf eine Weise rächen, die mir sehr schmerzlich sein sollte.

»Geben Sie mir zuerst meine Wechsel zurück!« antwortete ich.

»Sie werden sie morgen bekommen, aber denken Sie daran, Ihre Beleidigung wieder gut zu machen.«

Ich verließ die Gesellschaft gegen Abend, nachdem wir verabredet hatten, daß wir am anderen Morgen bei mir frühstücken wollten.

Um acht Uhr waren die beiden Wagen bereit. Malingan, seine Frau, seine Tochter und die beiden Herren stiegen in den ersten Wagen, und ich mußte mich mit den beiden Lütticherinnen und der Charpillon, die sich mit diesen innig befreundet zu haben schien, in den zweiten setzen. Dies ärgerte mich, und ich war während der ganzen fünf Viertelstunden dauernden Fahrt verdrießlich. Ich bestellte zunächst ein gutes Mittagessen; hierauf besichtigten wir das Schloß und den Park. Das Wetter war herrlich, obgleich wir schon tief im Herbst waren.

Während des Spazierganges machte die Charpillon sich an mich heran und sagte mir, sie wolle mir meine Wechsel an demselben Orte wiedergeben, wo sie sie von mir erhalten habe. Da wir von der übrigen Gesellschaft ziemlich weit entfernt waren, überhäufte ich sie mit Beleidigungen. Ich warf ihr ihre Hinterlist vor, ihre tiefe Verderbtheit in einem Alter, wo man noch einige natürliche Unschuld bei ihr hätte voraussetzen dürfen. Ich gab ihr den Namen, den sie verdiente, und zählte ihr die Herren auf, mit denen sie sich prostituiert hatte. Zum Schluß drohte ich ihr mit meiner Rache, wenn sie mich aufs äußerste treiben sollte. Sie blieb aber eiskalt und ließ in vollkommener Ruhe das Gewitter über sich ergehen, das auf sie herniederstürzte. Nur als die Gesellschaft uns so nahe kam, um uns hören zu können, bat sie mich, leiser zu sprechen. Man hörte mich aber doch, und das war mir angenehm.

Endlich gingen wir zum Essen. Das gemeine Geschöpf setzte sich neben mich; sie machte und sagte tausend Ausgelassenheiten, die den Glauben erwecken sollten, daß wir auf dem vertrautesten Fuß miteinander stünden, oder daß sie zum mindesten verliebt in mich sei und sich wenig daraus mache, ob man sie für unglücklich halte, weil ihr Entgegenkommen mich offenbar sehr kalt ließ. Ich ärgerte mich darüber sehr; denn die Gesellschaft mußte mich für einen Dummkopf halten oder glauben, daß sie sich ganz offen über mich lustig machte.

Nach dem Essen gingen wir wieder in den Garten. Die Charpillon wollte durchaus den Sieg davontragen und hängte sich an meinen Arm. Sie führte mich nach einigen Umwegen zum Labyrinth und stellte dort einen neuen Versuch an, welche Macht ihre Reize hätten. Sie zog mich auf das Gras nieder und griff mich mit den liebevollsten Worten, mit den zärtlichsten und leidenschaftlichsten Liebkosungen an. Indem sie meinen Augen den interessantesten Teil ihrer Reize darbot, gelang es ihr, mich zu verführen; doch kann ich nicht genau sagen, ob Liebe oder Rachbegier mich bestimmte, ihren Wünschen nachzugeben; vielleicht wurde ich, mir selber unbewußt, von beiden Gefühlen getrieben.

Übrigens erschien sie in diesem Augenblick so hingebend! Ihr glühendes, feuchtes Auge, ihre entflammten Wangen, ihre wollüstigen Küsse, ihr wogender Busen, ihr fliegender Atem – dies alles mußte in mir den Glauben erwecken, daß sie ebensosehr der Niederlage bedurfte wie ich des Triumphes. Ganz gewiß konnte ich nicht an Widerstand denken, geschweige denn an einen im voraus berechneten Widerstand.

So wurde ich denn sanft und zärtlich; ich tat ihr Abbitte, indem ich meine Wut und das von mir begangene Unrecht auf das Übermaß meiner Liebe schob. Ihre glühenden Küsse erwiderten die meinigen und besiegelten die Versöhnung, und ich glaubte mich durch ihre Blicke und das sanfte Anschmiegen ihres Leibes von ihr aufgefordert, mich der süßesten Gunst zu bemächtigen – – aber in dem Augenblick, wo meine Hand die Pforte des Heiligtums öffnete, schleuderte eine Bewegung mich weit vom Ziel zurück.

»Wie? Willst du mich schon wieder betrügen?«

»Nein, aber für jetzt ist es genug, mein lieber Freund. Ich verspreche dir, die Nacht bei dir und ohne jeden Rückhalt in deinen Armen zu verbringen.«

Meine aufgeregten Sinne hatten mich der Vernunft beraubt, und ich war meiner selber nicht mehr mächtig. Ich sah nur das treulose Weib, das sich schon so oft über meine dumme Leichtgläubigkeit lustig gemacht hatte. Ich wollte den Augenblick benutzen und mich befriedigen oder mich rächen. So hielt ich sie denn mit meinem linken Arm unbeweglich unter mir fest, zog aus meiner Tasche ein kleines Messer, das ich mit meinen Zähnen öffnete, setzte ihr die Spitze an den Hals und bedrohte sie mit dem Tode, wenn sie mir den geringsten Widerstand leisten würde.

»Machen Sie nur, was Sie wollen,« sagte sie im ruhigsten Ton zu mir; »ich bitte Sie nur um mein Leben. Aber wenn Sie sich befriedigt haben, werde ich nicht von hier fortgehen; man kann mich mit Gewalt in den Wagen tragen, aber nichts wird mich abhalten, den Grund meines Benehmens zu sagen.«

Diese Drohung war überflüssig; denn ich hatte schon meine Vernunft wiedererlangt, und ich fand mich selber kläglich, daß ich mich so weit erniedrigen konnte, und zwar wegen eines Geschöpfes, das ich im höchsten Grade verachtete, obgleich sie dank den rasenden Begierden, die sie mir einzuflößen wußte, eine fast zauberhafte Herrschaft über mich ausübte. Ich stand auf, ohne ein einziges Wort zu sagen, nahm meinen Hut und Stock und verließ schnell einen Ort, wo die zügelloseste Leidenschaft mich an den Rand des Abgrundes gebracht hatte.

Der Leser wird es nicht glauben, und doch ist es die volle Wahrheit: die Schamlose kam mir sofort nach und hängte sich mit ganz natürlicher Miene an meinen Arm, wie wenn zwischen uns nichts vorgefallen wäre. Unmöglich kann ein Mädchen von siebzehn Jahren in so niederträchtigem Benehmen so gewandt sein, ohne vorher in hundert ähnlichen Kämpfen ihre Kräfte erprobt zu haben. Ist einmal das Gefühl der Scham überwunden, so sieht sie sogar einen Ruhm in dem, was sie eigentlich mit Schande bedecken müßte.

Als wir zur Gesellschaft zurückkamen, fragte man mich, ob mir unwohl geworden sei, aber auf ihren Zügen bemerkte niemand auch nur die geringste Veränderung.

Wir fuhren nach London zurück; ich schützte ein heftiges Kopfweh vor, grüßte die Gesellschaft und ging nach Hause.

Dieses Abenteuer hatte einen schrecklichen Eindruck auf meinen Geist gemacht. Ich erkannte klar und deutlich, daß ich ein verlorener Mann war, wenn ich nicht jede Gelegenheit floh, mit dem Mädchen zusammenzukommen. Ihr haftete in meinen Augen etwas Wunderbares an, dem ich nicht widerstehen konnte. Ich faßte also den Beschluß, sie nicht wiederzusehen; zugleich aber schämte ich mich meiner Schwäche, daß ich ihr meine beiden Wechsel anvertraut und mich selbst von ihr hatte betrügen lassen, und schrieb daher der Mutter ein Briefchen, worin ich ihr riet, die Tochter zur Rückgabe zu veranlassen; sonst würde ich gegen sie Schritte tun, die ihr sehr unangenehm sein würden.

Am Nachmittag erhielt ich folgende Antwort:

»Ich bin sehr überrascht, mein Herr, daß Sie sich an mich wenden, um die beiden Wechsel von sechstausend Franken zurückzuerhalten, die Sie meiner Tochter anvertraut haben. Sie sagt mir soeben, sie werde sie Ihnen persönlich übergeben, wenn Sie vernünftiger geworden seien und sie zu achten gelernt haben.«

Dieser unverschämte Brief trieb mir das Blut in den Kopf, und ich vergaß meinen Entschluß vom Morgen. Ich steckte zwei Pistolen in die Tasche und ging nach dem Hause des unwürdigen Frauenzimmers, um es mit Stockschlägen zur Herausgabe meiner Wechsel zu zwingen.

Meine Pistolen hatte ich nur mitgenommen, um die beiden Gauner, die jeden Abend bei ihr aßen, in Schach zu halten. Wütend kam ich vor dem Hause an, aber ich ging an ihrer Tür vorüber, als ich einen jungen Friseur bei ihr eintreten sah, einen ziemlich schönen, jungen Menschen, der ihr jeden Samstag Abend die Haare wickelte.

Ich wollte nicht, daß bei der von mir geplanten Szene ein Fremder anwesend sei, und ging daher bis an die Straßenecke, wo ich stehen blieb, um das Herauskommen des Friseurs abzuwarten. Als ich etwa eine halbe Stunde gewartet hatte, sah ich die beiden Zuhälter des Hauses, Rostaing und Caumon, herauskommen. Dies war mir sehr angenehm. Ich wartete und wartete; es schlug elf Uhr, und der schöne Friseur kam immer noch nicht. Kurz vor Mitternacht sah ich, wie die Tür sich öffnete und wie eine Magd mit einem Licht in der Hand herauskam, um etwas zu suchen, was aus einem Fenster gefallen zu sein schien. Geräuschlos gehe ich an das Haus, trete ein, öffne die Tür zum Wohnzimmer, die sich unmittelbar neben der Haustüre befindet, und sehe die Charpillon und den Friseur auf dem Kanapee liegen und, wie Shakespeare sagt, das Tier mit den zwei Rücken machen.

Bei meinem Anblick stößt die Spitzbübin höchst erschrocken einen Schrei aus und wirft den Burschen aus dem Sattel. Er bringt schnell seine Kleider in Ordnung, während ich meinen Stock, so schnell ich kann, auf ihn niedersausen lasse, bis der Lärm Mägde, Tanten und Mutter herbeigelockt hat, und er die Verwirrung benützt, um sich aus dem Staube zu machen.

Während dieses Spektakels hockte die Charpillon zitternd und halbnackt hinter dem Kanapee; sie wagte kaum zu atmen, weil der Hagelschauer jeden Augenblick über sie so gut niedergehen konnte wie über ihren Liebsten. Unterdessen gingen die drei alten Weiber wie Furien auf mich los; aber ihre Schimpfereien erregten meinen Zorn nur noch heftiger, und ich zertrümmerte Spiegel, Porzellan, Möbel. Als sie fortwährend weiterschrien, drohte ich ihnen, ich würde ihnen den Schädel einschlagen, wenn sie nicht endlich still wären. Infolge dieser Drohungen wurde es endlich ruhig. Völlig erschöpft warf ich mich auf das verhängnisvolle Kanapee und befahl der Mutter, mir die Wechsel zurückzugeben. In diesem Augenblick erschien die Nachtwache auf der Bildfläche.

Diese Nachtwache besteht nur aus einem einzigen Mann, der die ganze Nacht hindurch, in der einen Hand eine Laterne, in der anderen einen langen Stock, sein Viertel durchwandert. Auf diesem einzigen Mann ruht der Friede des Viertels und die Ruhe der großen Stadt. Diese Wächter trifft man überall, und niemand wagt sich gegen sie aufzulehnen. Ich drückte ihm drei oder vier Kronen in die Hand und sagte: Go away – gehen Sie! Damit schob ich ihn zur Tür hinaus. Ich setzte mich wieder auf das Kanapee und verlangte abermals meine Wechsel von der Mutter. Sie sagte mir: »Ach, ich hab' sie nicht; meine Tochter hat sie in Verwahrung.«

»Lassen Sie sie rufen!«

Hierauf sagten die beiden Mägde, die Charpillon sei, wahrend ich das Porzellan zertrümmert habe, aus der Straßentür gelaufen, und sie wüßten nicht, wohin sie gegangen sei. Als sie dies hörten, fingen Mutter und Tante zu schreien und zu weinen an: »Meine arme Tochter! Um Mitternacht allein in den Straßen von London! Meine liebe Nichte, das arme Kind, und in dem Zustand! Sie ist ja verloren! Verflucht sei der Augenblick, wo Sie nach England gekommen sind, um uns alle unglücklich zu machen!«

Da meine Wut sich hatte austoben können, so hatte sie Zeit gehabt, sich zu beruhigen. Mit der Ruhe kam auch die Überlegung, und ich schauderte bei der Vorstellung, daß das geängstigte junge Mädchen zu dieser Stunde allein durch die Straßen der Riesenstadt irrte. »Geht,« sagte ich zu den beiden Mädchen, »und sucht sie bei den Nachbarn; ihr werdet sie ganz gewiß finden. Wenn ihr mir meldet, daß sie in Sicherheit ist, soll jede von euch eine Guinee bekommen.«

Als die drei Gorgonen sahen, daß mir daran gelegen war, die Charpillon wieder aufzufinden, fingen sie von neuem an zu jammern, zu schimpfen, mir Vorwürfe zu machen; ich saß stumm und unbeweglich da, wie wenn ich ihnen zugeben wollte, daß sie recht hatten und daß das ganze Unrecht auf meiner Seite wäre. Ungeduldig wartete ich auf die Rückkehr der Mädchen. Nach ein Uhr kamen sie endlich, ganz außer Atem und mit verzweifelten Gebärden. Sie sagten: »Wir haben sie überall gesucht, aber vergeblich, wir haben sie nirgends finden können.« Ich gab ihnen zwei Guineen, wie wenn sie sie wirklich gebracht hatten. Unbeweglich blieb ich sitzen; mich erschreckte der Gedanke, welche entsetzlichen Folgen für das junge Mädchen die fürchterliche Angst haben konnte, in die meine Wut sie versetzt haben mußte. Wie schwach und dumm ist der Mensch, wenn er verliebt ist!

In meiner Aufregung über dies schreckliche Ereignis war ich so einfältig, diesen Spitzbübinnen meine Reue auszudrücken. Ich beschwor sie, sie sofort nach Tagesanbruch überall suchen zu lassen und mir ihre Heimkehr sofort mitzuteilen; ich wolle mich ihr zu Füßen stürzen, sie um Verzeihung bitten und sie dann niemals wiedersehen. Außerdem versprach ich ihnen, alles von mir Zerschlagene zu bezahlen, die Wechsel mit meinem Namen zu quittieren und ihnen zu überlassen. Nachdem ich zur ewigen Schande meiner Vernunft diese Torheiten begangen und diesen Kupplerinnen, denen die Ehre und meine Person zum Gespött waren, Abbitte geleistet hatte, entfernte ich mich, indem ich der Magd, die mir die Wiederauffindung ihrer jungen Herrin melden würde, zwei Guineen versprach.

Vor der Haustür fand ich den Wachtmann, der auf mich wartete, um mich nach Hause zu bringen. Es war zwei Uhr. Ich warf mich auf mein Bett, und ein sechsstündiger Schlummer bewahrte mich wahrscheinlich vor dem Verlust meiner Vernunft, obwohl mein Schlaf von bösen Träumen beunruhigt wurde.

Um acht Uhr morgens hörte ich an die Haustür klopfen. Ich eilte an mein Fenster und bemerkte eine von den Mägden meiner Feindinnen. Mit heftigem Herzklopfen rief ich meinen Leuten zu, man solle sie eintreten lassen, und ich atmete erleichtert auf, als ich vernahm, daß Miß Charpillon soeben in einer Sänfte nach Hause gekommen sei; sie befinde sich jedoch in einem kläglichen Zustande, und man habe sie sofort zu Bett gebracht. »Ich bin schnell hergelaufen, um Ihnen dies zu sagen,« sagte das abgefeimte Weib zu mir, »nicht wegen Ihrer zwei Guineen, sondern weil ich Sie so unglücklich gesehen habe.«

Sofort ging ich auf den Leim, als ich diesen Ausdruck von Teilnahme hörte. Ich gab ihr die zwei Guineen, ließ sie neben meinem Bett Platz nehmen und bat sie, mir alle Umstände der Rückkehr ihres Fräuleins ganz genau zu erzählen. Ich dachte gar nicht daran, daß das Mädchen von seiner Herrin abgerichtet sein könnte. Ich befand mich eben in einer Periode von Dummheit und Selbsttäuschung.

Die Spitzbübin begann damit, daß sie mir sagte, ihre junge Herrin liebe mich und habe mich nur betrogen, weil ihre Mutter es verlangt habe.

»Das weiß ich, aber wo hat sie diese Nacht verbracht?«

»Bei einer Modistin, deren Laden sie offen fand, und die sie kennt, weil sie verschiedenes bei ihr gekauft hat. Sie hat sich mit heftigem Fieber zu Bett gelegt, und ich fürchte, die Sache wird böse Folgen haben, denn sie befindet sich in ihrer kritischen Periode.«

»Das ist nicht wahr; denn ich habe sie mit ihrem Friseur auf frischer Tat ertappt.«

»Oh! Das beweist nichts! Der arme junge Mann nimmt das nicht so genau.«

»Aber sie ist in ihn verliebt.«

»Das glaube ich nicht, obgleich sie oft ganze Stunden mit ihm verbringt.«

»Und du sagst, sie liebt mich!«

»Aber dem steht doch nichts im Wege! Was sie mit ihm treibt, ist bloß eine flüchtige Laune.«

»Sage ihr, ich will den ganzen Tag an ihrem Bette sitzen, und bringe mir die Antwort!«

»Ich werde das andere Mädchen schicken, wenn es Ihnen recht ist.«

»Nein; die spricht ja nur englisch.«

Sie ging. Als sie um drei Uhr noch nicht wiedergekommen war, konnte ich es vor Ungeduld nicht länger aushalten und entschloß mich, zur Charpillon zu gehen und nach ihrem Befinden zu fragen. Ich klopfte; eine von den Tanten erschien und bat mich, lieber nicht einzutreten; denn die beiden Freunde seien wütend auf mich, und ihre Nichte liege im Fieberdelirium; sie schreie unaufhörlich: ›Da ist Seingalt, mein Henker! Er will mich töten! Rettet mich!‹ »Um Gottes willen, mein Herr, gehen Sie.«

Verzweifelt ging ich nach Hause. Daß man mich belogen hätte, fiel mir nicht ein. Meine Traurigkeit war so groß, daß ich den ganzen Tag nichts essen konnte; denn ich war nicht imstande, etwas hinunterzubringen. Die ganze Nacht tat ich kein Auge zu; ich hatte Fieber. Vergeblich trank ich mehrere starke Liköre, in der Hoffnung, mich zu betäuben und dann einschlafen zu können.

Am nächsten Morgen um neun Uhr stand ich wieder vor der Tür der Charpillon; wie am Tage vorher wurde nur ein schmaler Spalt geöffnet. Dieselbe alte Tante verbot mir einzutreten und sagte mir, die Kranke habe zwei Rückfälle gehabt; sie liege im Delirium und rufe fortwährend entsetzt meinen Namen; der Arzt habe erklärt, wenn es sich verschlimmere, habe sie keine vierundzwanzig Stunden mehr zu leben. »Infolge des Schrecks hat die Menstruation gestockt; sie ist in einem schrecklichen Zustande.«

»Verdammter Friseur!«

»Jugendschwäche! Sie hätten tun sollen, wie wenn Sie nichts sähen.«

»Bei allen Göttern! Halten Sie das wirklich für möglich, alte Hexe? Lassen Sie es ihr an nichts fehlen. Da!«

Mit diesen Worten gab ich ihr eine Banknote von zehn Guineen und rannte wie ein Wahnsinniger davon. Unterwegs begegnete ich Goudar, der über mein Aussehen erschrak. Ich bat ihn nachzusehen, wie die Charpillon sich befinde, und dann den ganzen Tag bei mir zu verbringen. Eine Stunde darauf kam er wieder zu mir und sagte mir, er habe das ganze Haus in Verzweiflung gefunden, und das Mädchen liege in den letzten Zügen.

»Haben Sie sie gesehen?«

»Nein; man hat mir gesagt, sie sei nicht sichtbar.«

»Glauben Sie, daß es wahr ist?«

»Ich weiß nicht, was ich davon denken soll; aber die eine Magd, die mir sonst gewöhnlich die Wahrheit sagte, hat mir versichert, die Charpillon sei wahnsinnig geworden, weil ihre Menstruation unterbrochen worden sei; sie habe beständig Fieber und Krämpfe. Das alles ist wohl glaublich; denn dies sind die gewöhnlichen Folgen eines großen Schrecks, wenn eine Frau ihre kritische Periode hat. Sie hat mir gesagt, Sie seien an dem ganzen Unglück schuld.«

Ich erzählte ihm nun die ganze Geschichte. Er konnte weiter nichts tun als mich bedauern; als er aber hörte, daß ich seit achtundvierzig Stunden nicht mehr hätte essen noch schlafen können, da sagte er mir sehr richtig, dieser Kummer könne mir das Leben oder den Verstand kosten. Das wußte ich; aber ich sah kein Mittel dagegen. Goudar verbrachte den ganzen Tag bei mir, und das war gut für mich. Da ich nicht essen konnte, so trank ich sehr viel, und da ich nicht schlafen konnte, so ging ich mit großen Schritten in meinem Zimmer auf und ab und sprach mit mir selber, wie ein Mensch, der einen Sparren im Kopfe hat.

Als ich am dritten Tage immer noch nichts Bestimmtes über das Befinden der Charpillon hatte erfahren können, ging ich morgens um sieben Uhr nach ihrem Hause. Nachdem ich eine Viertelstunde auf der Straße gewartet hatte, wurde die Tür wiederum nur ein bißchen geöffnet; die Mutter erschien und sagte mir mit strömenden Tränen, ihre Tochter liege im Todeskampfe, und sie könne mir nicht erlauben, das Haus zu betreten.

Im selben Augenblick kam ein magerer, kleiner alter Mann mit blassem Gesicht heraus und sagte ihr auf Schweizerdeutsch, sie müsse sich in Gottes Willen schicken. Ich fragte die niederträchtige Kupplerin, ob das der Arzt sei.

»Von einem Arzt ist hier nicht mehr die Rede,« sagte die Heuchlerin, indem sie noch heftiger weinte; »es ist ein Diener des Heiligen Evangeliums, und ein zweiter ist noch oben. Mein armes Mädchen! Spätestens in einer Stunde wird sie nicht mehr sein!«

Ich hatte in diesem Augenblick ein Gefühl, wie wenn eine eisige Hand mein Herz zusammenpreßte. Ich ging, indem ich zu der weinenden Frau sagte: »Ich bin allerdings die letzte Ursache dieses Todes; aber Sie, Unglückselige, haben sie getötet.«

Ich fühlte meine Beine unter mir wanken und ging nach Hause mit dem festen Entschluß, mir auf die sicherste Art das Leben zu nehmen.

Um diesen Plan mit der größten Kaltblütigkeit auszuführen, befahl ich, alle Besuche abzuweisen; sobald ich in meinem Zimmer war, legte ich Uhren, Ringe, Tabaksdosen, Börse und Brieftasche in meine Kassette, die ich in mein Schreibpult verschloß. Hierauf schrieb ich einen Brief an den venetianischen Gesandten und teilte ihm mit, daß nach meinem Tode alle meine Habe Herrn von Bragadino gehören solle. Ich versiegelte den Brief und legte ihn in dasselbe Schreibpult, worin ich meine Kassette, meine Diamanten und meine Schmucksachen hatte. Den Schlüssel nebst einigen Guineen in Silbergeld steckte ich in die Tasche. Dann nahm ich meine guten Pistolen und verließ mein Haus in der festen Absicht, mich beim Tower in der Themse zu ertränken.

Ich hatte diesen Entschluß nicht im Zorn oder aus Liebe gefaßt, sondern bei kältester Überlegung. Ich ging zu einem Kaufmann und kaufte soviele Bleikugeln, wie meine Taschen tragen konnten, und wie ich glaubte, bis zum Tower schleppen zu können; denn ich mußte dorthin zu Fuß gehen. Unterwegs bestärkten alle meine Gedanken mich immer mehr bei meinem Plan; denn ich sagte mir: wenn ich weiter lebte, würde ich jeden Tag tausendmal alle Qualen der Hölle erdulden, indem ich das Bild der Charpillon vor mir sähe, die mir mit Recht ihren Tod vorwerfen würde. Ich freute mich sogar, daß ich keiner Selbstüberwindung bedurfte, einen Entschluß auszuführen, der mir aus der strengsten Vernunft hervorgegangen zu sein schien. Außerdem fühlte ich einen geheimen Stolz, daß ich den Mut hätte, mich selber für das Verbrechen zu bestrafen, dessen ich mich schuldig glaubte.

Ich ging mit langsamen Schritten wegen des ungeheuren Gewichtes, das ich in meinen Taschen trug und das mir die Sicherheit gab, daß ich sofort untersinken und sterben würde, bevor man mich an die Oberfläche bringen könnte.

Mitten auf der Westminster-Brücke führte mein guter Geist mir den Chevalier Edgar in den Weg. Das war ein liebenswürdiger, weiser, junger Engländer, der sein Leben genoß, indem er seinen Leidenschaften folgte. Ich hatte ihn bei Lord Pembroke kennen gelernt, und er hatte einige Male bei mir gespeist. Wir gefielen einander; er wußte angenehm zu plaudern, und wir hatten in fröhlichen Unterhaltungen angenehme Augenblicke verbracht. Ich wollte ihm ausweichen; aber er hatte mich bereits gesehen und nahm freundschaftlich meinen Arm.

»Wo wollen Sie hin? Kommen Sie mit mir, das heißt, wenn Sie nicht irgend jemand aus dem Gefängnis befreien wollten. Kommen Sie, wir werden einen Spaß haben!«

»Ich kann nicht, mein Lieber! Lassen Sie mich, bitte.«

»Ich erkenne Sie ja gar nicht wieder mit Ihrer düsteren Miene. Was haben Sie denn?«

»Ich? Nichts.«

»Sie haben nichts? Sie wissen nur nicht, wie Sie aussehen. Ich bin überzeugt, Sie haben irgend etwas Böses vor.«

»Sie irren sich.«

»Leugnen hat keinen Zweck.«

»Ich sage Ihnen ja: ich habe nichts. Leben Sie wohl, ein anderes Mal werde ich mit Ihnen gehen.«

»Ei, mein lieber Seingalt, Sie sehen ja ganz düster aus. Die Farbe steht Ihnen nicht. Ich gehe nicht von Ihrer Seite. Lassen Sie mich mitkommen!«

Gleichzeitig fiel sein Blick auf meine Hosentasche, und er bemerkte den Kolben der einen Pistole. Ohne weitere Umstände griff er nach der andern Tasche, fühlte die Pistole und sagte: »Natürlich wollen Sie sich schlagen! Da will ich dabei sein. Ich werde mich dem Kampf nicht widersetzen, aber ich verlasse Sie nicht.«

Ich zwang mich zu lächeln und versicherte ihm, daß ich mich nicht schlagen wollte; ohne mir etwas dabei zu denken, sagte ich ihm: »Ich mache nur einen Spaziergang, um mich zu zerstreuen.«

»Sehr schön,« rief Edgar; »in diesem Fall, hoffe ich, wird meine Gesellschaft Ihnen ebenso angenehm sein wie mir die Ihrige. Ich gehe nicht von Ihnen. Nach dem Spaziergang werden wir in der Kanone zu Mittag essen. Ich werde einem jungen Mädchen, das dort mit mir speisen sollte, Bescheid sagen lassen, daß sie eine reizende junge Französin mitbringen soll, und wir machen eine Partie zu Vieren.«

»Mein lieber Freund, entbinden Sie mich von der Teilnahme! Ich bin traurig und muß allein sein, um meinen Verdruß los zu werden.«

»Das können Sie morgen tun, wenn Sie es dann noch nötig haben; aber ich bin überzeugt, binnen drei Stunden ist Ihre schwarze Laune verflogen. Wenn nicht, so werde ich mich eben mit Ihnen zusammen langweilen. Wo gedachten Sie denn am anderen Ufer zu speisen?«

»Nirgends. Ich brauche nicht zu essen, denn ich habe keinen Appetit. Ich habe seit drei Tagen nichts gegessen; ich kann nur trinken.«

»Das alles ist unnatürlich; aber die Sache wird mir schon klar: Ihnen ist wegen irgend eines Ärgers die Galle übergelaufen; Sie könnten darüber verrückt werden, ja sogar sterben, wie es einem meiner Brüder passiert ist. Da muß ich aufpassen!«

Da Edgar hartnäckig blieb und da seine scherzhaften Bemerkungen sehr richtig waren, so sagte ich zu mir selber: »Auf einen Tag mehr kommt es schließlich auch nicht an. Ich kann meine Absicht ausführen, wenn ich wieder allein bin. Ich wage dabei weiter nichts, als daß ich ein paar Stunden länger lebe.«

Ich bin überzeugt, daß Menschen, die sich infolge eines großen Kummers das Leben genommen haben, damit nur dem Verlust ihrer Vernunft zuvorgekommen sind, wie es andererseits unbestritten ist, daß diejenigen, die wahnsinnig werden, diesem Unglück nur dadurch ausweichen können, daß sie sich den Tod geben. Erst in dem Augenblick beschloß ich mich zu töten, als der Wahnsinn meine Vernunft zerstört haben würde, wenn ich noch einen Tag länger gezögert hätte, diesen Entschluß zu fassen. Aber man muß noch einen Zusatz machen: Der Mensch darf sich niemals töten, denn es ist möglich, daß die Ursache seines Kummers aufhört, bevor der Wahnsinn eintritt. Das will sagen, daß diejenigen glücklich sind, die eine so starke Seele haben, um niemals zu verzweifeln. Meine Seele hatte in diesem Augenblick nicht Kraft genug; ich hatte alle Hoffnung verloren, und daß ich mich töten wollte, war vernünftig, was auch der Leser davon denken mag. Nur einem Zufall verdankte ich Leben und neue Hoffnung.

Als Edgar hörte, daß ich nur zu meinem Vergnügen nach der anderen Stadtseite gehen wollte, sagte er nur, wir könnten ebenso gut umkehren. Ich ließ mich überreden. Aber eine halbe Stunde darauf konnte ich mich wegen des Bleis, womit meine Taschen angefüllt waren, nicht weiterschleppen und bat ihn daher, er möchte mich irgendwohin führen, wo ich auf ihn warten könnte, denn ich könnte vor Schwäche nicht mehr gehen. Ich gab ihm mein Wort, ich würde ihn in der Kanone erwarten.

Sobald ich allein war, leerte ich meine Taschen und legte die Kugeln in einen Schrank. Als ich mich hierauf ein wenig ausruhte, überlegte ich mir, daß möglicherweise der liebenswürdige junge Mann meinen Selbstmord verhindert habe; denn durch die Verzögerung war die Ausführung bereits ungewiß geworden.

Indem ich diese Betrachtungen anstellte, gab ich mich keinen Hoffnungen hin, sondern ich sah eben nur voraus, daß vielleicht Edgar vom Schicksal dazu bestimmt sein könnte, mich von einem Angriff auf mein Leben zurückzuhalten. Es fragte sich nur noch, ob er mir damit etwas Gutes oder Böses tat. Ich zog den Schluß, daß wir bei allen entscheidenden Handlungen nur bis zu einem bestimmten Grade unsere eigenen Herren sind. Indem ich in dieser Schenke saß, glaubte ich, von einer höheren Macht gezwungen zu sein, auf die Rückkehr des jungen Engländers zu warten.

Bald kam Edgar. Er freute sich, mich vorzufinden, und sagte: »Ich habe auf Ihr Versprechen gerechnet.«

»Sie konnten doch nicht annehmen, daß ich mein Ehrenwort brechen würde.«

»Es beruhigt mich, Sie so sprechen zu hören; die düstere Laune wird verfliegen.«

Die vernünftige, scherzhafte und immer herzlich wohlwollende Unterhaltung des jungen Mannes tat mir wohl; ich begann bereits tiefe Wirkung zu spüren, als die beiden jungen Mädchen ankamen, von denen die eine eine Französin war. Fröhlichkeit strahlte von ihren reizenden Gesichtern; sie waren zum Vergnügen geschaffen, und die Natur hatte sie reichlich mit allem begabt, was in den kältesten Männern Begierden entzündet. Ich ließ ihnen volle Gerechtigkeit widerfahren, empfing sie aber doch nicht so, wie sie es gewöhnt waren. Offenbar sahen sie in mir einen sauertöpfischen Hypochonder; obwohl ich mich todkrank fühlte, ärgerte dies doch gewissermaßen meine Eitelkeit, und ich zwang mich, den Gefühlvollen zu spielen. Ich gab ihnen einige Küsse, aber diese waren ohne Seele, ohne Feuer; hierauf bat ich Edgar, seiner Landsmännin zu sagen, wenn ich nicht dreiviertel tot wäre, würde ich ihr beweisen, daß ich sie reizend fände. Sie beklagten mich. Ein Mensch, der dreimal vierundzwanzig Stunden lang nicht gegessen und nicht geschlafen hat, ist wenig empfänglich für die Reizungen der Liebe; aber Worte würden auf die beiden Priesterinnen keinen großen Eindruck gemacht haben, wenn Edgar ihnen nicht meinen Namen genannt hätte. Ich hatte einen Ruf, und sobald sie hörten, wer ich sei, sah ich sie von Ehrfurcht durchdrungen. Alle drei hofften, Bacchus und Comus würden Amor zu Hilfe kommen; ich ließ sie reden, aber ich wußte wohl, daß ihre Hoffnungen eitel sein würden.

Wir hatten ein Essen nach englischer Art, das heißt ohne das Wesentlichste: die Suppe. Ich nahm daher nur einige Austern mit einem köstlichen Graves zu mir; aber ich fühlte mich wohl, denn es machte mir Vergnügen, wie geschickt Edgar die beiden Nymphen beschäftigte.

Als die Freude auf ihrem Höhepunkt war, schlug der junge Tollkopf den Engländerinnen vor, den Hornpipe im Kostüm unserer Mutter Eva zu tanzen. Sie erklärten sich bereit unter der Bedingung, daß wir im Kostüm unseres Vaters Adam aufträten, und daß man blinde Musikanten kommen ließe. Ich erklärte, ich würde mich, um ihnen einen Gefallen zu tun, ebenfalls auskleiden; man dürfe jedoch bei meinem Schwächezustand nicht von mir erwarten, daß ich die Versucherin, die Schlange, nachahmen würde. Man erließ mir die Mühe des Auskleidens, unter der Bedingung, daß ich wie die anderen mich ausziehen solle, sobald ich den Stachel der Wollust verspüre. Dies versprach ich. Man holte die Blinden und schloß die Türen. Während die Instrumente gestimmt wurden, hatten die drei Toilette gemacht, und die Orgie begann.

Dies war einer jener Augenblicke, die mich viele Wahrheiten gelehrt haben. Bei dieser Gelegenheit erkannte ich, daß die Freuden der Liebe eine Wirkung und nicht eine Ursache der Fröhlichkeit sind. Ich hatte vor meinen Augen drei herrliche Menschenleiber von wundervoller Frische und regelmäßiger Schönheit; ihre Bewegungen, ihre anmutigen Gebärden, dazu die Musik – alles war entzückend, verführerisch; und trotzdem regte sich in mir nichts. Der Tänzer behielt die Miene des Eroberers auch während des Tanzes, und ich wunderte mich, daß ich selber niemals ein gleiches versucht hatte. Nach dem Tanze feierte er die beiden Schönen, indem er von der einen zur anderen ging, bis die natürliche Wirkung ihn zur Ruhe zwang.

Die Französin kam zu mir, um sich zu überzeugen, ob ich nicht irgendein Lebenszeichen gäbe; sie fühlte jedoch meine Nichtigkeit und erklärte mich für invalide.

Als die Orgie zu Ende war, bat ich Edgar, der Französin vier Guineen zu geben und die Zeche zu bezahlen; denn ich hatte nur wenig Geld bei mir. Hätte ich am Morgen ahnen können, daß ich, anstatt mich zu ertränken, einer so hübschen Partie beiwohnen würde?

Da ich bei dem jungen Engländer diese Schuld gemacht hatte, so verschob ich meinen Selbstmord auf den nächsten Tag. Als die Nymphen fortgegangen waren, wollte ich mich von Edgar verabschieden. Aber das war mir unmöglich; er sagte mir, ich sähe schon viel besser aus als am Morgen; daß ich die Austern, die ich gegessen, nicht wieder von mir gegeben habe, sei ein Beweis, daß ich nur nötig habe, mich etwas zu zerstreuen, um mich am nächsten Tage wieder ganz wohl befinden und herzhaft essen zu können. Ich solle daher mit ihm die Nacht in Ranelagh verbringen. Aus Müdigkeit und auch aus Gleichgültigkeit gab ich nach. Ich stieg mit Edgar in einen Fiaker, um den Grundsatz der Stoiker zu befolgen, den man mir in meiner kindlichen Jugend eingeprägt hatte: Sequere deum – folge Gott!

Mit heruntergekrempten Hüten traten wir in die schöne Rotunde ein. Es waren viele Leute anwesend, und wir gingen unter ihnen, die Hände auf den Rücken gekreuzt, auf und ab, wie es bei den Engländern Mode ist oder wenigstens damals war.

Es wurde ein Menuett getanzt. Eine Dame, die mir den Rücken zudrehte, tanzte sehr gut, und ich blieb daher stehen, um abzuwarten, daß sie sich umdrehte. Ich wollte gern ihr Gesicht sehen, weil ihr Kleid und ihr Hut genau denen glichen, die ich ein paar Tage vorher der Charpillon geschenkt hatte. Sie glich dieser auch an Wuchs und Haltung; da ich aber die Unglückliche für tot oder sterbend hielt, so flößte diese Ähnlichkeit mir keinen Verdacht ein. Plötzlich drehte die Tänzerin sich um, hob das Gesicht, und ich sah – die Charpillon in eigener Person!

Edgar sagte mir später, er habe in diesem Augenblick geglaubt, ich würde Krämpfe bekommen, so fühlbar hätte ich gezittert.

Ich war indessen von der Krankheit des Mädchens so fest überzeugt, daß ich meinen Augen nicht traute. Der Zweifel trug dazu bei, mich wieder zur Besinnung zu bringen. Es ist nicht möglich, sagte ich zu mir, daß es die Charpillon ist. Eine andere kann ihr ähnlich sehen, oder meine geschwächten Sinne können mich getäuscht haben.

Die Tänzerin war ganz und gar mit ihrem Tänzer beschäftigt und sah sich nicht nach den Zuschauern um; aber ich konnte warten. In diesem Augenblick erhob sie die Arme, um die Verbeugung am Schluß des Menuetts zu machen. Unwillkürlich trat ich auf sie zu, wie wenn ich sie zum nächsten Tanz hätte auffordern wollen. Sie sah mich an und lief fort.

Ich beherrschte mich. Aber als ich nun Gewißheit hatte, erneuerte sich mein Zittern, und ich mußte mich schnell hinsetzen. In einem Augenblick überströmte ein kalter Schweiß mein Gesicht und meinen ganzen Körper. Als Edgar diese Krisis sah, riet ei mir, Tee zu trinken; ich bat ihn jedoch, mich einige Augenblicke mir selber zu überlassen und sich auf eigene Hand zu amüsieren.

Die Revolution, die in mir vorging, ließ mich böse Folgen befürchten, denn ich zitterte an allen Gliedern, und das Herz klopfte mir so stark, daß ich mich nicht hätte aufrecht halten können, wenn ich hätte aufstehen wollen. Da die Krisis mich nicht hatte töten können, so gab sie mir neues Leben. Welch wunderbare Veränderung! Ich fühlte allmählich alle meine Sinne sich beruhigen, und konnte mit Vergnügen den Glanz der vielen Kerzen auf mich wirken lassen. Anfangs allerdings rief dieses Licht, das meine Netzhaut traf, eine Art Schamgefühl in mir hervor; aber dieses war nur ein Zeichen, daß ich geheilt war, und darum war es mir angenehm. Ich machte nach und nach, sozusagen, alle Zwischengefühle von der Verzweiflung bis zur Begeisterung durch. Ich empfand ein solches Erstaunen über meine neue Lage, daß ich, als Edgar nicht wiederkam, schon zu glauben begann, ich würde ihn überhaupt nicht wiedersehen. Dieser Jüngling, sagte ich bei mir selber, ist mein Genius, mein Schutzengel, mein guter Geist, der Edgars irdische Formen angenommen hat, um mich wieder zur Vernunft zu bringen. Und ich würde bei diesem Gedanken steif und fest geblieben sein, hätte ich ihn nicht nach einiger Zeit wiedererscheinen sehen.

Der Zufall hätte wohl Edgar eines jener verführerischen Geschöpfe zuführen können, die uns für einen Augenblick, für eine Nacht alles vergessen lassen. Er hätte Ranelagh verlassen können, ohne soviel Zeit zu haben, um mir Bescheid zu sagen; dann wäre ich allein nach London zurückgefahren und wäre überzeugt gewesen, nur seine menschliche Form gesehen zu haben. Würde ich mich von meinem Irrtum überzeugt haben, wenn ich ihn einige Tage später wieder gesehen hätte? Das ist wohl möglich, aber fest behaupten kann ich das nicht. In mir war stets ein Keim von Aberglauben, eine Neigung zum Spiritismus. Ich bin weit entfernt, mich dessen zu rühmen; aber diese Erinnerungen sind meine Beichte, und der Leser hat ein Recht darauf, daß ich mich ganz und gar enthülle und nichts vor ihm verberge.

Edgar kam endlich wieder, Er war sehr lustig, aber auch unruhig um mich. Darum war er sehr überrascht, als ich lebhaft allerlei scherzhafte Bemerkungen über das Treiben in diesem schönen Kuppelsaal machte.

»Mein lieber Freund,« rief er, »du lachst ja! Du bist also nicht mehr traurig?«

»Nein, mein guter Genius! Aber hungrig bin ich, und ich möchte dich um eine große Gefälligkeit bitten, wenn du nicht etwa morgen eine dringende Abhaltung hast.«

»Ich bin bis übermorgen frei und stehe dir vollkommen zur Verfügung.«

»Ich verdanke dir das Leben – das Leben, verstehst du wohl? Aber damit dieses Geschenk vollständig sei, mußt du mit mir diese Nacht und den ganzen nächsten Tag verbringen.«

»Ich stehe dir zu Diensten.«

»Laß uns nach meiner Wohnung fahren!«

»Gern.«

Ich sagte ihm unterwegs nichts. Als ich nach Hause kam, fand ich weiter nichts Neues als einen Brief von Goudar. Ich steckte diesen in die Tasche, da ich alle Geschäfte auf den nächsten Tag verschieben wollte.

Es war ein Uhr in der Nacht. Man setzte uns ein gutes Abendessen vor, und ich aß oder vielmehr: ich verschlang die Speisen. Edgar wünschte mir Glück zu meinem Appetit. Dann gingen wir zu Bett, und ich schlief fest und ruhig bis zum Mittag. Als ich aufgestanden war, ging ich in Edgars Zimmer, um mit ihm zu frühstücken. Ich erzählte ihm meine Geschichte, deren Ende mein Tod gewesen wäre, wenn ich ihm nicht zufällig auf der Westminster- Brücke begegnet wäre, und wenn nicht sein kluger Blick an meinen verstörten Zügen meinen Seelenzustand erraten hätte. Dann führte ich ihn in mein Zimmer und zeigte ihm mein Schreibpult, meine Kassette und mein Testament. Hierauf öffnete ich Goudars Brief; er enthielt nur die Worte: »Ich bin sicher, daß das betreffende Mädchen durchaus nicht im Sterbcn liegt, sondern mit Lord Grosvenor nach Ranelagh gegangen ist.«

Edgar, der trotz seinem ausgelassenen Lebenswandel sehr vernünftige Gedanken hatte, war wütend über das Benehmen der Charpillon. Überzeugt, mir das Leben gerettet zu haben, umarmte er mich und sagte, er werde den Tag, wo er mich verhindert habe, mir wegen eines so unwürdigen Geschöpfes den Tod zu geben, stets als den schönsten seines Lebens betrachten. Er konnte den niederträchtigen Charakter der Charpillon und ihrer unwürdigen Mutter kaum begreifen. Er sagte mir, ich hätte das Recht, die Mutter verhaften zu lassen, obgleich die Tochter mir die Wechsel nicht wiedergegeben hätte; denn in ihrem Brief an mich gestehe die Mutter die Schuld zu und erkenne an, daß die Tochter meine Wechsel nur in Verwahrung habe.

Ohne ihm etwas von meinen Absichten zu sagen, beschloß ich augenblicklich, sie verhaften zu lassen. Bevor wir uns am Abend trennten, schworen wir uns ewige Freundschaft, und gewiß hatte er von meiner Seite Anspruch darauf. Man wird bald sehen, wie schlecht es dem liebenswürdigen Engländer erging, weil er mir so gut gedient hatte.

Stolz wie ein Mensch, der einen großen Sieg errungen hat, ging ich am nächsten Morgen zu dem Sachwalter, der mich in der Angelegenheit mit dem Grafen Schwerin vertreten hatte. Nachdem er meinen Bericht gehört hatte, sagte er mir, mein Recht sei unbestreitbar und ich könne die drei Schwestern, das heißt die Mutter und die beiden Tanten des schurkischen Frauenzimmers verhaften lassen. Unverzüglich ging ich zu dem Richter, der mich schwören ließ und mir sodann den Wahrspruch einhändigte. Derselbe Gerichtsbote, der den Grafen Schwerin verhaftet hatte, übernahm auch diese Sache; aber er kannte die Weibsbilder nicht, und es war notwendig, daß er sie genau kannte; er war sicher, daß er in ihr Haus gelangen und sie überraschen würde; aber er durfte natürlich nur die verhaften, die in dem Haftbefehl bezeichnet waren, und es war möglich, daß mehrere andere Frauen sich im Hause befanden.

Ich konnte den heiklen Auftrag, ihm die gesuchten Personen zu bezeichnen, keinem Menschen anvertrauen; denn Goudar würde ihn nicht übernommen haben. Ich entschloß mich daher, den Gerichtsboten zu einer Stunde, wo die drei Megären bestimmt im Wohnzimmer beisammen sein würden, in das Haus zu führen.

Ich bestellte ihn auf acht Uhr nach der Denmark-Street, an deren Ecke ich meinen Fiaker zu seiner Verfügung halten ließ, und sagte ihm, er solle in das Haus eintreten, sobald man ihm die Tür geöffnet haben werde. In demselben Augenblick würde auch ich eintreten, und er könnte dann in aller Sicherheit die drei Frauen festnehmen, die ich ihm bezeichnen würde. Die Gerichtsbeamten sind in England sehr pünktlich; alles verlief daher, wie ich es angeordnet hatte. Der Gerichtsdiener betrat mit einem Unterbeamten das Wohnzimmer, und ich folgte ihm auf dem Fuße. Ich bezeichnete ihm die Mutter und die beiden Schwestern und entfernte mich dann eiligst, denn der Anblick der Charpillon machte mich schaudern, obwohl ich nur einen flüchtigen Blick auf sie warf. Sie saß schwarz gekleidet am Kamin und drehte mir den Rücken zu. Ich glaubte geheilt zu sein und fühlte auch, daß ich es wirklich war; aber die tiefe Wunde, die die Treulose mir geschlagen hatte, war kaum vernarbt, und ich weiß nicht, wie es hätte kommen können, wenn in diesem Augenblick die Circe die Geistesgegenwart besessen hätte, mir um den Hals zu fallen und für ihre Mutter und ihre Tanten um Gnade zu bitten.

Sobald ich sah, daß der Stab die drei Weiber berührte, entfernte ich mich schnell. Ich kostete die ganze Wonne der Rache – eine ungeheuere Lust, die den, der die Rache übt, glücklich macht. Leider aber sind die Rachedürstigen nur glücklich, solange sie auf die Rache warten oder sie wünschen. Wirklich glücklich ist nur der Gefühllose, der nicht hassen kann und darum niemals den Wunsch nach Rache verspürt. Der gereizte Eifer, womit ich die drei Kupplerinnen und Betrügerinnen verhaften ließ, und mein Erschrecken beim Anblick der Hinterlistigen, die mich bis zum Selbstmord getrieben hatte, waren ein Beweis, daß ich noch nicht frei war. Um ganz frei zu werden, mußte ich sie fliehen und vergessen.

Am nächsten Morgen kam Goudar sehr vergnügt zu mir und sagte mir, er wünsche mir Glück zu dem Mut, den ich am Abend vorher bewiesen habe; denn dieser bürge dafür, daß ich entweder von meiner Leidenschaft geheilt oder daß ich verliebter sei denn je. »Ich komme eben von der Charpillon und fand im Hause nur die Großmutter, die bitterlich weinte, und einen Advokaten, von dem sie ohne Zweifel sich Rat holen wollte.«

»Sie wissen also schon von der Geschichte?«

»Ja; ich kam eine Minute, nachdem Sie fort waren, und ich blieb solange, bis die drei alten Vetteln sich entschlossen hatten, dem Konstabler zu folgen. Anfangs leisteten sie Widerstand; sie behaupteten, er müsse ihnen bis zum Morgen Aufschub geben; gleich nach Tagesanbruch würden sie Leute finden, die für sie Bürgschaft leisten würden. Unterdessen waren auch die beiden Klopffechter gekommen; sie mischten sich in die Sache ein und zogen sogar blank, um dem Gerichtsboten zu verhindern, daß er die Weiber mit Gewalt fortführte; aber der Mann, der die Konstabler mitgebracht hatte, entwaffnete sie alle beide, führte hierauf die drei Gefangenen fort und nahm auch die Degen mit. Die Charpillon wollte sie begleiten, hielt es aber dann für besser, sich sofort auf den Weg zu machen, um sie möglichst bald wieder in Freiheit setzen zu können.«

Zum Schluß sagte Goudar mir, er werde sie als Freund des Hauses im Gefängnis besuchen, und wenn ich zu einem Vergleich bereit sei, wolle er gern vermitteln. Ich dankte ihm und sagte, ich würde mich mit den elenden drei Weibern nur einigen, wenn sie mir meine sechstausend Franken zahlten, und sie müßten sich noch sehr glücklich schätzen, daß ich nicht auch noch Zinsen verlangte, um mich wenigstens zum Teil für die mir abgegaunerten Summen schadlos zu halten.

Vierzehn Tage vergingen, ohne daß ich etwas von der Geschichte hörte. Die Charpillon ging jeden Tag zum Essen zu den Gefangenen, die auf ihre Kosten lebten. Dies mußte ihr viel Geld kosten, denn sie hatten zwei Zimmer, und ihr Wirt, ein wahrer Charon, erlaubte ihnen nicht, sich das Essen von draußen kommen zu lassen. Goudar sagte mir, die Charpillon habe ihrer Mutter erklärt, sie würde sich niemals dazu entschließen, mich um ihre Freilassung zu bitten, selbst wenn sie sicher wäre, daß sie alles erreichen würde, wenn sie zu mir ginge. Ich war in ihren Augen das abscheulichste Ungeheuer. Wenn ich ihr auch nicht zugeben kann, daß sie ein geringeres Ungeheuer war als ich, so muß ich allerdings eingestehen, daß sie bei dieser Gelegenheit mehr Charakter zeigte als ich. Aber wir befanden uns in einer völlig entgegengesetzten Lage: Ich hatte mich nur in der Erregung der Leidenschaft gegen sie so benommen, wie ich es tat, sie hatte nur aus Eigennutz so gehandelt und vielleicht auch aus Launenhaftigkeit. Vergebens hatte ich während dieser vierzehn Tage Edgar gesucht. Da sah ich ihn zu meiner großen Freude eines Morgens mit lachendem Gesicht bei mir eintreten und mich freundschaftlich begrüßen.

»Wo hast du denn während dieser ganzen Zeit gesteckt? Ich habe dich überall gesucht.«

»Die Liebe, Freund, hat mich während dieser zwei Wochen in ihren unzugänglichen Gefängnissen verborgen gehalten. Ich bringe dir Geld.«

»Mir? Von wem denn?«

»Von den Damen Ansperger. Gib mir eine Quittung und die erforderliche Abstandserklärung; denn ich muß dich selber in die Arme der armen Charpillon führen, die seit vierzehn Tagen fortwährend weint.«

»Ich begreife ihre Tränen und bewundere sie, daß sie gerade den, der mir die unschätzbarsten Dienste geleistet und mich aus ihren Banden befreit hat, zu ihrem Beschützer gewählt hat. Weiß sie, daß ich dir mein Leben verdanke?«

»Sie weiß nichts weiter, als daß wir zusammen in Ranelagh waren, als du sie tanzen sahst, und daß du sie für tot oder sterbend gehalten hattest; ich habe ihr aber alles erzählt, seitdem ich ihre Bekanntschaft machte.«

»Ohne Zweifel hat sie dich gebeten, dich bei mir zu ihren Gunsten zu verwenden?«

»Durchaus nicht. Sie hat nur gesagt, du seiest ein undankbares Scheusal, denn sie habe dich geliebt und dir wirkliche Beweise ihrer Zärtlichkeit gegeben; jetzt aber verabscheut sie dich.«

»Gott sei Dank! Das unwürdige Geschöpf! Aber es ist eigentümlich, daß sie dich zu gewinnen gewußt hat, um ihre Rache an mir auszuüben. Sie betrügt dich, mein lieber Freund, und dich trifft ihre Strafe.«

»Das ist nicht unmöglich; aber jedenfalls ist es eine sehr süße Strafe.«

»Ich wünsche dir alles Glück; aber nimm dich in acht! Die Spitzbübin ist eine gewohnheitsmäßige Betrügerin.«

Edgar zählte mir zweihundertfünfzig Guineen auf, und ich gab ihm dafür Quittung und Abstandserklärung, womit er sich zufrieden entfernte.

Mußte ich nun nicht glauben, daß endlich alles zwischen uns zu Ende sei? Meine Hoffnung war vergeblich.

In jenen Tagen vermählte sich der Erbprinz von Braunschweig, der jetzige regierende Herzog, mit der Schwester des Königs von England. Der Gemeinderat erklärte ihn zum englischen Bürger mit allen Rechten eines solchen, und die Londoner Goldschmiedszunft ernannte ihn zu ihrem Mitglied und ließ ihm durch den Lordmayor und die Aldermen die Ernennungsurkunde in einem prachtvollen goldenen Kasten überreichen. Der Prinz war der erste Edelmann Europas und verschmähte trotzdem nicht, den Glanz seines vierzehn Jahrhunderte alten Hauses durch diese neue Würde zu erhöhen.

Bei dieser Gelegenheit verschaffte Lady Harrington der Cornelis einen Verdienst von zweihundert Guineen; sie vermietete ihr Haus 41g am Soho-Square an einen Koch, der gegen ein Eintrittsgeld von drei Guineen tausend Personen Ball und Abendessen gab. Die Neuvermählten und das ganze königliche Haus mit Ausnahme des Königs und der Königin waren anwesend. Auch ich war für meine drei Guineen unter den Gästen, mußte aber mit noch sechshundert anderen stehen; denn an den Tischen war nur für vierhundert Personen Platz, und es gab sogar Damen, die nicht sitzen konnten.

Ich sah an diesem Abend Lady Grafton neben dem Herzog von Cumberland sitzen. Sie trug ihr Haar ohne Puder und bis zur Mitte der Stirn ins Gesicht gekämmt. Die anderen Damen sprachen sich entrüstet dagegen aus, denn diese Frisur machte häßlich. Sie wußten gar nicht, was sie alles gegen die Neuerung sagen sollten, und in weniger als sechs Monaten wurde die Frisur á la Grafton in ganz England allgemein angenommen, drang über das Meer und verbreitere sich in ganz Europa, wo sie ungerechterweise einen anderen Namen erhielt. Diese Mode dauert noch heute und ist die einzige, die sich eines Alters von dreißig Jahren rühmen kann, obgleich sie bei der Entstehung ausgezischt wurde.

Bei diesem Abendessen, für das der Gastgeber dreitausend Guineen oder fünfundsiebzigtausend Franken erhalten hatte, fand man alles, was der verwöhnteste Geschmack nur wünschen konnte. Da ich jedoch nicht tanzte und in keine von den Schönen verliebt war, die das Fest zierten, so entfernte ich mich um ein Uhr. Es war ein Sonntag, und an diesem Tage brauchte in England kein Mensch, mit Ausnahme der Verbrecher, eine Verhaftung zu befürchten. Trotzdem widerfuhr mir folgendes:

Ich fuhr in meinem prachtvollen Galakleide nach Hause; mein Neger Jarbe und ein anderer Bedienter standen hinten auf meinem Wagen. Kaum waren wir in meine Straße eingefahren, so hörte ich eine Stimme, die mir zurief: »Gute Nacht, Seingalt!« Als ich meinen Kopf zum Schlage hinausbeugte, um zu antworten, sah ich meinen Wagen von Leuten umringt, die mit Pistolen bewaffnet waren, und einer von ihnen rief mir zu: »Im Namen des Königs!«

Meine Bedienten fragten sie, was sie von mir wollten. Sie antworteten: »Ihn ins Newgate-Gefängnis bringen; denn der Sonntag schützt nicht die Verbrecher.«

»Und was ist denn mein Verbrechen?«

»Das werden Sie im Gefängnis erfahren.«

»Mein Herr hat das Recht, dies zu wissen, bevor er ins Gefängnis geht!« rief Jarbe.

»Aber der Richter schläft.«

Jarbe bestand auf seinem Verlangen, und die Vorübergehenden, die von dem Vorgang in Kenntnis gesetzt wurden, riefen einstimmig, ich hätte recht.

Schließlich fügte der Anführer sich und sagte mir, er würde mich nach seinem Hause in der City bringen.

»Gut,« sagte ich, »fahren wir in die City, damit die Sache mal ein Ende nimmt.«

Wir hielten vor einem Hause, und man führte mich in ein großes Zimmer zu ebener Erde, worin sich nur Bänke und einige Tische befanden. Meine Bedienten schickten den Wagen fort und kamen herein, um mir Gesellschaft zu leisten. Die sechs Sbirren, die mir nicht von der Seite weichen durften, ließen mir sagen, ich solle ihnen etwas zu essen und zu trinken geben lassen. Ich befahl Jarbe, ihren Wunsch zu erfüllen und freundlich und höflich gegen sie zu sein.

Da ich kein Verbrechen begangen hatte, so war ich sehr ruhig; ich konnte nur infolge einer Verleumdung verhaftet worden sein, und da ich wußte, daß in London die Rechtspflege gut und schnell ist, so konnte mein Unglück nur vorübergehend sein. Ich machte mir nur den Vorwurf, nicht den guten Grundsatz befolgt zu haben, daß man bei Nacht niemals antworten soll; denn sonst würde ich diese Unannehmlichkeit vermieden haben. Da ich aber den Fehler einmal begangen hatte, so blieb mir nichts weiter übrig, als mich in Geduld zu fassen. Ich stellte einige scherzhafte Betrachtungen an über meinen plötzlichen Übergang aus einer glänzenden Festversammlung zu der niederträchtigen Gesellschaft, in der ich mich, wie ein Fürst gekleidet, in diesem Augenblick befand.

Endlich wurde es Tag, und der Besitzer der Schenke, worin ich mich befand, erkundigte sich, wer der Verbrecher sei, der bei ihm die Nacht zugebracht habe. Ich mußte unwillkürlich lachen, als er bei meinem Anblick auf die Sbirren schimpfte, die ihn nicht geweckt hätten, um mir ein Zimmer zu geben; denn ihm entging dadurch mindestens eine Guinee, die er mir dafür würde abgenommen haben. Endlich meldete man mir, daß der Richter seine Sitzung halte, und daß es Zeit sei, mich vor ihn zu führen.

Man ließ eine Sänfte kommen, denn der Pöbel würde mich mit Kot beworfen haben, wenn ich in meinem Galakleide es gewagt hätte, zu Fuß die Straßen zu betreten.

Im Gerichtssaal bemerkte ich etwa sechzig Personen, die alle erstaunt auf den Barbaren sahen, der es wagte, mit einem so unverschämten Luxus sich in einer Gerichtssitzung zu zeigen.

Am Ende des Saales bemerkte ich auf einem erhöhten Lehnstuhl einen Mann, der mein Richter zu sein schien. Er war es in der Tat, und er war blind. Eine breite Binde bedeckte seine Augen; denn da er nichts sah, so konnte ihm nichts daran liegen, die Augen offen zu haben. Ein Herr, der neben mir stand und erriet, daß ich ein Fremder war, sagte mir auf Französisch: »Seien Sie nur ruhig, Herr Fielding ist ein gerechter und vernünftiger Richter.«

Ich dankte dem wohlwollenden Unbekannten und freute mich, einen liebenswürdigen und geistvollen Mann vor mir zu sehen, den Verfasser mehrerer ausgezeichneter Werke, auf die England stolz ist.

Als ich an der Reihe war, sagte der Schreiber, der an seiner Seite saß, ihm meinen Namen, wie mir schien.

»Signor Casanova,« sagt Herr Fielding in sehr gutem Italienisch zu mir, »haben Sie die Güte näher zu treten; ich habe mit Ihnen zu sprechen.«

Hocherfreut, daß er mich in meiner Muttersprache angeredet, drängte ich mich durch die Menge, trat an die Schranke vor und rief: »Eccomi, signore.«

Er fuhr dann fort und sagte mir, immer auf Italienisch: »Herr von Casanova aus Venedig, Sie sind zu lebenslänglicher Haft in den Gefängnissen des Königs von Großbritannien verurteilt.«

»Mein Herr, ich bin neugierig, zu erfahren, wegen welchen Verbrechens ich verurteilt bin. Würden Sie wohl die Güte haben, es mir zu nennen?«

»Ihre Neugier ist berechtigt und sehr natürlich; denn bei uns in England hält die Justiz sich nicht für berechtigt, irgendeinen Menschen zu verdammen, ohne ihm den Grund seiner Verurteilung mitzuteilen. Sie sind angeklagt – und die Anklage wird durch zwei Zeugen unterstützt –, daß Sie ein hübsches Mädchen entstellen wollten. Dieses junge Mädchen verlangt nun von der Justiz Schutz gegen solche Verunstaltung, und die Justiz findet kein besseres Mittel, als Sie in vitam aeternam im Gefängnis zu halten. Schicken Sie sich also an, ins Gefängnis zu gehen.«

»Mein Herr, die Anklage ist durchaus verleumderisch; das beschwöre ich. Es kann wohl sein, daß das Mädchen, wenn es sein eigenes Verhalten prüft, Anlaß zu der Befürchtung hat, daß ich Lust zu einer solchen Handlungsweise haben könnte, aber ich kann Ihnen versichern, daß ich eine solche Lust bis jetzt noch nicht gehabt habe, und ich glaube, dafür bürgen zu können, daß solche Lust mir niemals kommen wird.«

»Sie hat zwei Zeugen.«

»Diese sind falsch. Aber, hochwürdigster Richter, dürfte ich es wagen. Sie um den Namen meiner Anklägerin zu bitten?«

»Es ist Miß Charpillon.«

»Ich kenne sie; aber ich habe ihr stets nur Beweise meiner Zärtlichkeit gegeben.«

»Es ist also nicht wahr, daß Sie sie entstellen wollten?«

»Nein, ganz gewiß nicht.«

»Nun, dann wünsche ich Ihnen Glück. Sie können in Ihrem Hause zu Mittag speisen, aber Sie müssen zwei Bürgen stellen; zwei Hausbesitzer müssen uns dafür bürgen, daß Sie niemals ein solches Verbrechen begehen werden.«

»Wer wird es wagen, das Versprechen zu geben, daß ich eine gewisse Tat nicht begehen werde?«

»Zwei angesehene Engländer, deren Achtung Sie gewonnen haben und die wissen, daß Sie kein Schurke sind. Lassen Sie sie holen! Wenn sie ankommen, bevor ich zu Tisch gehe, werde ich Sie sofort in Freiheit setzen lassen.«

Die Sbirren führten mich wieder an den Ort, wo ich die Nacht verbracht hatte. Schnell schrieb ich meinem Bedienten die Namen aller Hausbesitzer auf, die mir einfielen. Ich beauftragte sie, ihnen den Grund zu sagen, warum ich mich genötigt sähe, sie zu belästigen. Ich empfahl ihnen Eile. Sie sollten vor Mittag wiederkommen; aber London ist ja so groß. Sie kamen nicht, und der Richter ging zum Essen. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, daß er am Nachmittag wieder Sitzung hielte. Aber auf einmal kam der Anführer der Sbirren mit einem Dolmetscher zu mir und sagte mir, er wolle mich nach Newgate bringen. Das ist das Londoner Gefängnis, in das man nur die elendesten und verruchtesten Verbrecher bringt.

Ich ließ ihm sagen, ich erwarte Bürgen und er könne mich gegen Abend nach dem Gefängnis schaffen, falls diese nicht kommen sollten. Er war jedoch schwerhörig und ließ mir sagen, sobald meine Bürgen da wären, würde man mich aus dem Gefängnis holen. Es müßte mir also gleichgültig sein. Der Dolmetscher sagte mir leise, der Mensch sei sicherlich von meinen Gegnern bezahlt, um mir Verdruß zu bereiten; aber es stehe nur bei mir, an diesem Ort zu bleiben, denn ich brauche ihm nur Geld zu geben.

»Und wieviel muß ich ihm geben?«

Der Dolmetscher sprach mit dem Mann und sagte mir, zehn Guineen würden ihn dazu bestimmen, mich bis zum Abend bei sich zu behalten.

»Sagen Sie ihm, ich sei neugierig, das Gefängnis zu sehen.«

Man ließ einen Fiaker kommen, und wir fuhren hin.

Als ich diesen Ort der Verzweiflung betrat, eine wahre Hölle, die der Phantasie eines Dante würdig ist, feierte eine Menge Unglücklicher, von denen einige im Laufe dieser Woche gehenkt werden sollten, meine Ankunft mit Spottreden auf meinen glänzenden Anzug. Als sie sahen, daß ich nicht mit ihnen sprach, wurden sie ärgerlich und fingen an zu schimpfen. Der, Kerkermeister beschwichtigte sie, indem er ihnen sagte, ich sei ein Fremder und könne kein Wort Englisch; hierauf führte er mich in ein Zimmer, sagte mir, was es kostete, und teilte mir die Gefängnisregeln mit, wie wenn es gewiß gewesen wäre, daß ich für längere Zeit bei ihm bleiben würde. Aber schon eine halbe Stunde darauf kam derselbe Kerl, der mich um die zehn Guineen hatte prellen wollen, und sagte mir, meine Bürgen warteten beim Richter, und mein Wagen stände vor der Tür.

Ich dankte dem lieben Gott von ganzem Herzen, ging hinaus und stand bald darauf wieder vor dem Manne mit den verbundenen Augen. Ich sah meinen Schneider Pégu und meinen Weinhändler Maisonneuve, die mir sagten, sie schätzten sich glücklich, mir diesen geringen Dienst erweisen zu können. Einige Schritte davon bemerkte ich die elende Charpillon und den niederträchtigen Rostaing mit einem Anwalt und Goudar. Der Anblick regte mich nicht weiter auf und ich begnügte mich damit, ihnen einen Blick tiefer Verachtung zuzuwerfen.

Als meine beiden Bürgen erfahren hatten, für welchen Betrag sie gutsagen sollten, unterzeichneten sie mit Vergnügen; hierauf sagte der Richter in liebenswürdigstem Tone zu mir: »Signor de Casanova, unterschreiben Sie für die doppelte Bürgschaftssumme! Sodann erkläre ich Sie vollkommen frei!«

Ich trat an den Tisch des Schreibers, fragte nach der Höhe der Sicherstellung und erfuhr, daß diese vierzig Guineen betrug, daß also jeder der Bürgen für zwanzig einzustehen hatte. Indem ich unterschrieb, sagte ich zu Goudar: »Die Schönheit der Charpillon wäre vielleicht auf zehntausend Guineen bewertet worden, wenn der Richter sie hätte sehen können.«

Als ich hierauf die Namen der beiden Zeugen zu erfahren verlangte, nannte man mir Rostaing und Bottarelli. Ich warf einen verächtlichen Blick auf Rostaing, der bleich wie der Tod dastand, sah aber aus einem Gefühl des Mitleids die Charpillon nicht an und sagte laut: »Die Zeugen sind der Anklage würdig!«

Hierauf grüßte ich den Richter ehrfurchtsvoll, obgleich er mich nicht sehen konnte, und fragte den Protokollführer, ob ich etwas für die Kosten zu bezahlen hätte. Seine verneinende Antwort rief einen Wortwechsel zwischen ihm und dem Anwalt der Schönen hervor, die zu ihrem tödlichen Ärger sich nicht entfernen durfte, bevor sie die Kosten meiner Verhaftung bezahlt hatte.

Als ich eben gehen wollte, sah ich fünf oder sechs angesehene Engländer erscheinen, die für mich bürgen wollten und die nun ihr tiefes Bedauern aussprachen, daß sie zu spät gekommen seien. Sie baten mich um Verzeihung für die englischen Gesetze, die nur zu oft für Ausländer sehr lästig seien.

Nachdem ich einen der langweiligsten Tage meines Lebens verbracht hatte, sah ich mich endlich wieder in meinem Heim. Ich war glücklich, mich zu Bett legen zu können, und mußte doch über mein Mißgeschick lachen.

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