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Gutenberg > Giacomo Casanova >

Erinnerungen

Giacomo Casanova: Erinnerungen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorCasanova
titleErinnerungen
volume5
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20050616
projectid161255ea
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Zehntes Kapitel

Die Gesellschaft bei der Cornelis. – Erlebnis in Ranelagh-House. – Ich bin der englischen Kurtisanen überdrüssig. – Die Portugiesin Paulina.

Ich begab mich nach dem Gesellschaftssaal; der Sekretär, der neben der Türe saß, nahm mir meine Eintrittskarte ab und schrieb meinen Namen ein. Sobald die Cornelis mich bemerkte, kam sie auf mich zu und sagte mir, es freue sie sehr, daß ich mit einer Eintrittskarte gekommen sei; sie habe sich aber schon gedacht, daß ich kommen werde.

»Das war nicht schwer zu erraten,« antwortete ich ihr, »denn sobald Sie wußten, daß ich bei Hof empfangen war, mußten Sie auch wissen, daß ein Eintrittsgeld von zwei Guineen mich nicht abhalten würde, hierher zu kommen. Um unserer alten Freundschaft willen tut es mir leid, daß ich diese beiden Guineen nicht Ihnen selber gegeben habe; denn Sie mußten doch wissen, daß ich niemals die allzubescheidene Rolle angenommen haben würde, die Sie mir bestimmt hatten.«

Diese ironischen Worte brachten die Cornelis in Verlegenheit. Lady Harrington, die eine ihrer eifrigsten Beschützerinnen war, kam ihr zu Hilfe. Sie sagte: »Ich habe Ihnen, meine liebe Cornelis, eine Anzahl Guineen zu übergeben, darunter auch zwei von Herrn von Seingalt, von dem ich mir gleich dachte, daß er ein alter Bekannter von Ihnen sei. Ich habe jedoch nicht gewagt, ihm das zu sagen«, fuhr sie fort, indem sie einen boshaften Blick auf mich warf.

»Warum denn nicht, Mylady? Ich habe schon seit langer Zeit die Ehre, Madame Cornelis zu kennen.«

»Das glaube ich«, rief sie lachend, »und ich mache Ihnen beiden mein Kompliment. Ich vermute auch, Chevalier, daß Sie die liebenswürdige Miß Sophie kennen.«

»Mylady, die Sache ist ganz einfach: wer die Mutter kennt, muß auch die Tochter kennen.«

«Ja, ja.«

Mylady umarmte zärtlich Sophie, die neben mir stand, und sagte dann zu mir: »Wenn Sie sich selber lieben, müssen Sie auch sie lieben, denn sie ist Ihr Ebenbild.«

»Das ist eins von den tausend Spielen der Natur.«

»Gewiß; aber diesmal hat sie mit Sachkenntnis gespielt.«

Mit diesen Worten nahm die Lady Sophie bei der Hand und führte uns, indem sie sich auf meinen Arm stützte, in das Gewimmel hinein. Geduldig mußte ich eine Menge Fragen mit anhören, welche von Leuten, die mich noch nicht kannten, an sie gerichtet wurden:

Das ist wohl der Mann von Madame Cornelis?

Ganz gewiß ist Herr Cornelis angekommen!

Ah! Das ist natürlich Herr Cornelis!

Ei sieh! Das ist ganz gewiß der Gemahl von Madame Cornelis!

»Nein, nein, nein!« sagt Lady Harrington den Neugierigen. Die Sache wurde mir langweilig, denn alle diese Fragen wurden nur deswegen fortwährend wiederholt, weil man der Kleinen ihre Abstammung am Gesicht ansah, und weil ein jeder erriet, daß ich ihr Vater war. Ich wünschte, Mylady sollte die Kleine gehen lassen; aber sie fand an der Sache zu viel Spaß, um mir diesen Gefallen zu tun.

»Bleiben Sie bei mir«, sagte sie zu mir, »wenn Sie die ganze Gesellschaft kennen lernen wollen.«

Sie setzte sich, ließ mich einen Platz neben ihr einnehmen und behielt die Kleine an ihrer Seite. Die Mutter kam heran, um der Lady ihre Aufwartung zu machen. Als ein jeder dieselben Fragen auch an sie richtete, die mich schon so lange langweilten, faßte sie ihren Entschluß und sagte ganz tapfer, ich sei ihr bester, ihr ältester Freund, und nicht ohne Grund staunte man über die vollkommene Ähnlichkeit ihrer Tochter mit mir. Jeder lachte und sagte, dabei sei nichts Erstaunliches, sondern es sei im Gegenteil höchst natürlich. Um die Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken, sagte die Cornelis schließlich, die kleine Sophie habe das Menuett gelernt und tanze es ausgezeichnet.

»Das müssen wir sehen!« rief Lady Harrington. »Lassen Sie einen Geiger kommen, damit wir die hübsche Virtuosa bewundern können!«

Wir befanden uns in einem Zimmer neben dem Saal, und der Ball hatte noch nicht begonnen. Ich wünschte, daß die Kleine allgemeinen Beifall ernten sollte; sobald daher der Geiger gekommen war, nahm ich sie bei der Hand, und das Menuett wurde zur großen Zufriedenheit des uns umgebenden, auserlesenen Zuschauerkreises getanzt.

Hierauf begann der Ball. Er dauerte die ganze Nacht ohne Unterbrechung, denn die Gäste aßen abteilungsweise und zu jeder Stunde, die ihnen beliebte: es war eine Verschwendung, die eines fürstlichen Hauses würdig war. Ich machte an diesem Abend die Bekanntschaft des ganzen Adels und der ganzen königlichen Familie; denn alle Prinzen und Prinzessinnen waren erschienen mit Ausnahme Ihrer Majestäten und des Prinzen von Wales. Die Cornelis hatte mehr als zwölfhundert Guineen eingenommen; aber die Ausgaben waren ungeheuer; denn es herrschte keine vernünftige Einteilung, und es war keine einzige von den Vorsichtsmaßregeln getroffen worden, die notwendig gewesen wären, um zu verhindern, daß an allen Ecken und Enden gestohlen wurde. Unermüdlich stellte sie ihren Sohn allen möglichen Leuten vor; aber der arme Junge sah wie ein Opfer aus und wußte nur tiefe Verbeugungen zu machen, was in England einen vollkommen linkischen Eindruck macht. Er tat mir leid.

Den ganzen nächsten Tag verbrachte ich im Bett; am Tage darauf ging ich zum Mittagessen in die Staven-Tavern, wo man die hübschesten, nicht jedermann zugänglichen Mädchen von London finden sollte. Ich hatte diese Nachricht vom Lord Pembroke erhalten, der sehr oft dorthin ging. Ich verlangte ein Zimmer für mich; als der Wirt bemerkte, daß ich nicht englisch sprach, redete er mich französisch an und leistete mir Gesellschaft; er bestellte alles, was ich wollte, und setzte mich durch sein vornehmes, ernstes und anständiges Benehmen dermaßen in Erstaunen, daß ich nicht den Mut fand, ihm zu sagen, daß ich mit einer hübschen Engländerin zu speisen wünschte. Schließlich sagte ich ihm mit einer respektvollen Umschweifung: ich wüßte nicht, ob Lord Pembroke mich getäuscht hätte – aber er hätte mir gesagt, ich könnte bei ihm die hübschesten Mädchen von ganz London finden.

»Er hat Sie durchaus nicht getäuscht, mein Herr, und wenn Sie es wünschen, können Sie eine nach Ihrem Belieben haben.«

»Ich bin in dieser Absicht hierher gekommen.«

Er rief. Ein sehr sauberer Kellner trat ein, und in demselben Ton, wie wenn er etwa gesagt hätte, man solle mir eine Flasche Champagner bringen, befahl der Wirt ihm, ein Mädchen für mich kommen zu lassen. Der junge Mann ging hinaus, und einige Minuten darauf sah ich ein Mädchen von herkulischen Körperformen eintreten.

Mein Herr«, sagte ich zum Wirt, »das Äußere dieses Mädchens gefällt mir nicht.«

»Geben Sie einen Schilling für die Sänftenträger und schicken Sie sie wieder fort; in London macht man keine Umstände, mein Herr.«

Diese Bemerkung versetzte mich in eine behagliche Stimmung; ich befahl, den Leuten einen Schilling zu geben und mir eine andere, hübschere zu bringen. Die zweite kam, sie war noch schlimmer als die erste, und ich schickte sie ebenfalls wieder fort. So ging es noch zehnmal nach der Reihe. Ich freute mich, daß mein wählerischer Geschmack dem Wirt, der mir während der ganzen Zeit Gesellschaft leistete, offenbar Spaß machte. Schließlich sagte ich zu ihm: »Ich will kein Mädchen mehr, sondern wünsche nur noch gut zu Mittag zu essen. Ich bin überzeugt, der Bordellwirt hat sich über mich lustig gemacht, um den Sänftenträgem einen Verdienst zuzuwenden.«

»Das ist sehr leicht möglich, mein Herr; sie machen es oft so, wenn man ihnen nicht Namen und Wohnung des Mädchens angibt, das man haben will.«

Am Abend machte ich einen Spaziergang im St. James-Park; plötzlich fiel mir ein, daß ein Fest in Ranelagh gefeiert wurde. Da ich diesen Ort kennen zu lernen wünschte, nahm ich einen Wagen und fuhr allein, ohne Bedienten, dorthin, um mich bis Mittemacht zu belustigen und mir irgend eine Schönheit nach meinem Geschmack zu suchen.

Die Rotunde von Ranelagh gefiel mir; ich ließ mir Tee geben und tanzte einige Menuetts. Ich sah jedoch keine Bekannten, und obwohl ich mehrere sehr hübsche Mädchen und Frauen bemerkte, wagte ich doch nicht, so aufs Geratewohl eine anzureden. Schließlich wurde es mir langweilig, und ich beschloß, nach Hause zu fahren. Es war fast schon Mitternacht, und ich ging nach dem Eingang, wo ich meinen Wagen zu finden glaubte, den ich noch nicht bezahlt hatte. Der Kutscher war jedoch nicht mehr da, und so befand ich mich in großer Verlegenheit. Eine sehr hübsche Frau, die vor der Tür auf ihren Wagen wartete, bemerkte meine Verlegenheit und sagte mir auf Französisch: wenn ich nicht weit von Whitehall wohne, könne sie mich an meiner Tür absetzen. Ich sagte ihr meine Wohnung und nahm ihr Anerbieten mit Dankbarkeit an. Ihr Wagen fährt vor; ein Lakai öffnet den Schlag; sie nimmt meinen Arm, steigt ein, fordert mich auf, neben ihr Platz zu nehmen, und gibt Befehl, vor meinem Hause zu halten.

Sobald ich im Wagen bin, danke ich ihr in den überschwenglichsten Ausdrücken, sage ihr meinen Namen und spreche mein Bedauern aus, sie nicht auf dem letzten Gesellschaftsabend am Soho-Square gesehen zu haben.

»Ich war nicht in London«, sagte sie; »ich bin erst heute von Bath zurückgekommen.«

Ich preise mein Glück, sie getroffen zu haben, bedecke ihre Hände mit Küssen und wage es, ihr einen Kuß auf die Wange zu geben; da ich keinen Widerstand, sondern nur sanfte, lächelnde Liebe finde, so presse ich meine Lippen auf ihren Mund; da ich meinen Kuß erwidert fühle, werde ich kühn und bald habe ich ihr den deutlichsten Beweis der Glut gegeben, die sie mir eingeflößt hat.

Ich hatte sie so sanft und hingebend gefunden, daß ich mir schmeichelte, ihr nicht mißfallen zu haben. Ich bat sie daher, mir zu sagen, wo ich sie treffen könnte, um ihr während der ganzen Zeit, die ich in London zu verbringen gedächte, meine eifrigen Huldigungen darzubringen; sie antwortete mir jedoch nur: »Wir werden uns noch wiedersehen, seien Sie verschwiegen!«

Ich schwor ihr dies und drang nicht weiter in sie; einen Augenblick später hielt der Wagen. Ich küßte ihr die Hand und ging, sehr befriedigt von diesem hübschen Abenteuer, in mein Haus.

Es vergingen vierzehn Tage, ohne daß ich sie wiedersah. Endlich traf ich sie in einem Hause, das ich auf Wunsch der Lady Harrington aufsuchte, um mich mit einer Empfehlung von ihr der Besitzerin vorzustellen. Es war eine Lady Betty German, eine berühmte alte Dame. Sie war nicht zu Hause; da sie jedoch binnen kurzem zurückkommen sollte, bat man mich zu warten und führte mich in den Salon. Zu meiner angenehmen Überraschung sah ich meine schöne Dame von Ranelagh, die eine Zeitung las. Ich hatte den Einfall, sie zu bitten, mich der übrigen Gesellschaft vorzustellen. Ich ging auf sie zu und fragte sie, ob sie die Güte haben wolle, mich vorzustellen. Sie antwortete mir höflich, sie könne dies nicht, da sie nicht die Ehre habe, mich zu kennen.

»Ich habe Ihnen meinen Namen gesagt, Madame. Erinnern Sie sich meiner nicht?«

»Ich erinnere mich Ihrer sehr gut; aber ein toller Streich gibt keinen Anspruch auf Bekanntschaft.«

Ich war ganz starr ob dieser eigentümlichen Antwort. Sie las ruhig ihre Zeitung weiter und sprach mit mir kein Wort mehr, bis Mylady German kam.

Die schöne Philosophin nahm zwei volle Stunden lang am Gespräch teil, ohne im geringsten zu verraten, daß sie mich kannte; doch antwortete sie mir mit großer Höflichkeit, wenn die Gelegenheit es mir erlaubte, das Wort an sie zu richten. Sie war eine Dame von hohem Range, die in London in bestem Rufe stand.

Eines Tages ging ich zu Martinelli, um ihm meinen ersten Besuch zu machen. Eine schöne junge Dame warf mir von einem gegenüberliegenden Hause Kußhändchen zu. Ich fragte ihn, wer sie sei, und war sehr angenehm überrascht, als ich hörte, es sei eine Tänzerin, Madame Binetti. Sie hatte mir vor etwa vier Jahren in Stuttgart den großen Dienst geleistet, wie meine Leser sich vielleicht noch erinnern. Ich wußte nicht, daß sie in London war. Sofort verabschiedete ich mich von Martinelli, um sie aufzusuchen, und ich tat dies um so lieber, da mein Freund mir sagte, sie lebe nicht mit ihrem Mann zusammen, obgleich dieser mit ihr im Theater am Haymarket tanze.

Sie empfing mich mit offenen Armen und rief: »Ich habe Sie auf den ersten Blick erkannt! Ich bin überrascht, Sie in London zu sehen, mein lieber Doyen.«

Sie nannte mich ihren Doyen, weil ich der älteste von ihren Bekannten war.

»Ich wußte nicht, daß Sie hier waren, meine Liebe. Ich habe Sie nicht tanzen sehen, weil ich erst nach dem Schluß der Oper hier angekommen bin. Wie kommt es, daß Sie nicht mehr mit Ihrem Gatten zusammenleben?«

»Weil er spielt, verliert und mich von allem entblößt. Außerdem kann eine Frau meines Berufes nicht erwarten, daß ein reicher Liebhaber ihr Besuche macht, wenn sie mit ihrem Gatten zusammenlebt; lebt sie dagegen für sich allein, so kann sie alle ihre Freunde empfangen, ohne sich irgendwelchen Zwang aufzuerlegen.«

»Was hätte denn solch ein Herr von Binetti zu befürchten? Er war doch sonst niemals eifersüchtig oder unbequem.«

»Das ist er auch jetzt nicht; aber, mein lieber Doyen, du mußt wissen, daß es in England ein Gesetz gibt, das einen Ehegatten ermächtigt, den Liebhaber seiner Frau verhaften zu lassen, wenn er ihn auf frischer Tat bei ihr ertappt. Er braucht nur zwei Zeugen zu haben. Es genügt sogar, daß er ihn auf ihrem Bett sitzend findet; dazu hat nach hiesigen Anschauungen nur ein Ehemann das Recht. Der Liebhaber wird verurteilt, dem Ehemann, der die Schande seiner Gattin offenbart, die Hälfte seines ganzen Vermögens zu bezahlen. Mehrere reiche Engländer sind auf diesen Leim gegangen, und infolgedessen geht niemand mehr zu einer verheirateten Frau, besonders wenn sie eine Italienerin ist.«

»Dann hast du also über die Gefälligkeit deines Gatten dich nicht zu beklagen, sondern mußt ihm im Gegenteil dankbar dafür sein; denn da du deine volle Freiheit hast, so kannst du jeden empfangen, der dir gefällt, und kannst reich werden.«

»Leider weißt du nicht alles, mein lieber Freund. Sobald er glaubt, ich habe von irgendeinem Besuche ein Geschenk erhalten – und das erfährt er sofort durch seine Spione – kommt er nachts in einer Sänfte und droht mir, mich auf die Straße zu werfen, wenn ich ihm nicht all mein Geld gebe. Du kennst diesen niederträchtigen Halunken nicht!«

Ich gab der armen Frau meine Adresse und lud sie ein, zu mir zum Essen zu kommen, so oft sie Lust hätte, bat sie jedoch zugleich, mir einen Tag vorher Bescheid sagen zu lassen. Ich hatte bei ihr in bezug auf Besuche bei Damen wieder einmal etwas Neues gelernt. England hat sehr gute Gesetze; aber sie sind im allgemeinen so, daß leicht Mißbrauch mit ihnen getrieben werden kann. Da die Geschworenen einen Eid leisten, nach dem Buchstaben des Gesetzes zu erkennen, so werden manche, die nicht klar genug abgefaßt sind, auf eine Weise ausgelegt, die den Absichten der Gesetzgebung vollkommen widerspricht, so daß dadurch die Richter oft in die größte Verlegenheit kommen. Infolgedessen ist man genötigt, unaufhörlich neue Gesetze zu erlassen und die alten durch neue Auslegungen zu erläutern.

Eines Tages sah Lord Pembroke mich am Fenster stehen und kam zu mir herein. Nachdem er mein Haus und meine Küche, wo der Koch am Werke war, besichtigt hatte, machte er mir das Kompliment: kein Lord, wenigstens niemand von denen, die in London regelmäßig einen Teil des Jahres verbrächten, hielte ein so gut eingerichtetes Haus wie das meinige. Er machte einen Überschlag der Kosten und sagte zu mir: »Wenn Sie Freunde empfangen und bewirten wollen, 27Z brauchen Sie monatlich dreihundert Pfund. Aber Sie können hier nicht leben, Seingalt, ohne ein hübsches Mädchen bei sich zu haben. Wenn Sie dies tun, wird ein jeder Sie als vernünftig loben; denn Sie gehen auf diese Weise sicher und sparen viel Geld.«

»Haben Sie ein Mädchen bei sich, Mylord?«

»Nein; mich ekelt leider jedes Weib an, sobald ich es einen einzigen Tag in meinem Besitz gehabt habe.«

»Da brauchen Sie also jeden Tag eine neue?«

»Ja, und infolgedessen gebe ich viermal so viel aus als Sie, obgleich ich nicht annähernd so gut eingerichtet bin. Ich bin eben Junggeselle, lebe in London als Fremder und esse niemals zu Hause. Ich wundere mich, daß Sie allein essen.«

»Ich spreche nicht englisch, ich liebe die Suppe und ich trinke gern guten Wein. Dies sind Gründe genug, um Ihre Wirtshäuser zu meiden.«

»Bei Ihrer Vorliebe für französische Lebensweise begreife ich das.«

»Geben Sie zu, daß diese Vorliebe nicht schlecht ist?«

»Ich kann das nicht bestreiten; denn obgleich ich ein guter Engländer bin, gefällt mir doch das Pariser Leben sehr.«

Er lachte laut auf, als ich ihm sagte, ich hätte in Staven-Tavern zwanzig Mädchen fortgeschickt, ohne mich einer einzigen zu bedienen, und an meiner Enttäuschung wäre er schuld.

»Ich habe Ihnen nicht die Namen der Mädchen genannt, die ich für mich holen lasse, und das war unrecht von mir.«

»Ja, Sie hätten mir dies sagen sollen.«

»Aber da sie Sie nicht kennen, wären sie nicht gekommen; denn sie sind durch Kuppler nicht zu haben. Versprechen Sie mir, dasselbe zu bezahlen wie ich, und ich werde Ihnen Briefe geben; daraufhin werden die Mädchen kommen.«

»Kann ich sie auch hier haben?«

»Ganz nach Ihrem Belieben.«

»Das paßt mir besser. Schreiben Sie mir die Briefchen und suchen Sie vor allem solche Mädchen aus, die französisch sprechen.«

»Das ist gerade der Übelstand: die schönsten sprechen nur englisch.«

»Schreiben Sie nur auch an diese! In bezug auf das, was ich von ihnen will, werden wir uns schon verständigen.«

Er schrieb an mehrere Mädchen zu vier und für sechs Guineen; eine einzige war mit dem Preise von zwölf Guineen bezeichnet.

»Diese ist doppelt so schön?«

»Eigentlich nicht; aber sie macht einen Herzog und Pair von England zum Hahnrei. Er hält sie aus, besucht sie aber jeden Monat nur ein- oder zweimal.«

»Wollen Sie, Mylord, mir zuweilen die Ehre erweisen, die Kunst meines Kochs auf die Probe zu stellen?«

»Gern; aber nur, wenn ich zufällig einmal vorbeikomme.«

»Und wenn Sie mich nicht finden?«

»Das schadet dann nicht; da werde ich eben ins Wirtshaus gehen.«

Da ich an diesem Tage nichts anderes vorhatte, schickte ich Jarbe zu einer von den Schönen, die Pembroke auf vier Guineen taxiert hatte, und ließ sie einladen, mit mir allein zu speisen. Sie kam; aber obgleich ich den besten Willen hatte, sie liebenswürdig zu finden, schien sie mir doch nur wert, nach Tisch einen Augenblick mit ihr zu schäkern. Sie konnte keine vier Guineen von mir erwarten, denn sie hatte einen solchen Lohn nicht verdient; daher war sie denn hocherfreut, als ich ihr zum Schluß trotzdem die vier Goldstücke in die Hand drückte. Die zweite, die ebenfalls vier Guineen kosten sollte, aß am nächsten Tage mit mir zu Abend. Sie war einmal sehr hübsch gewesen und war es noch; ich fand sie jedoch traurig und zu gleichgültig, so daß ich mich nicht entschließen konnte, sie sich ausziehen zu lassen.

Am dritten Tage hatte ich keine Lust, noch ein drittes Briefchen zu versuchen; ich ging daher nach Covent-Garden. Ein junges Mädchen fand ich so anziehend, daß ich sie ansprach und auf französisch fragte, ob sie mit mir zu Abend speisen wolle.

»Was werden Sie mir zum Nachtisch schenken?«

»Drei Guineen.«

»Ich stehe Ihnen zur Verfügung.«

Nach dem Theater ließ ich mir ein gutes Abendessen für zwei auftragen, und sie bot mir die Spitze mit einem guten Appetit, wie ich ihn liebte. Nach dem Essen fragte ich sie nach ihrer Adresse und war sehr überrascht, als ich fand, daß sie eine von denen war, für die Lord Pembroke sechs Guineen bezahlte. Ich sah, daß ich meine Angelegenheiten selber besorgen mußte oder jedenfalls mich keines großen Herrn als Vermittler bedienen durfte. Die anderen Briefchen verschafften mir nur Personen, die höchstens einer flüchtigen Bekanntschaft wüidig waren. Die letzte, die zu zwölf Guineen, die ich mir als besonderen Leckerbissen aufgespart hatte, gefiel mir am allerwenigsten. Ich fand sie nicht einmal eines Opfers würdig und verzichtete darauf, dem edlen Lord, der sie aushielt, Hörner aufzusetzen.

Lord Pembroke war jung, schön, reich und geistvoll. Als ich ihn eines Tages besuchte, war er gerade eben aufgestanden. Wir beschlossen zusammen einen Spaziergang zu machen, und er befahl seinem Kammerdiener, ihn zu rasieren,

»Aber Sie haben ja nicht einmal einen Anflug von Bart im Gesicht!« rief ich.

»Einen solchen werden Sie niemals bei mir sehen, lieber Freund; denn ich lasse mich dreimal täglich rasieren.«

»Dreimal täglich?«

»Ja. Wenn ich das Hemd wechsele, wasche ich mir die Hände; wenn ich mir die Hände wasche, muß ich mir auch das Gesicht waschen, und das Gesicht eines Mannes darf nur mit einem Rasiermesser gewaschen werden.«

»Wann nehmen Sie denn diese drei Reinigungen vor?«

»Wenn ich aufstehe, wenn ich mich ankleide, um zum Mittagessen oder in die Oper zu gehen, und unmittelbar bevor ich mich zu Bett lege; denn das Weib, das die Nacht mit mir verbringt, darf meinen Bart nicht fühlen.«

Wir machten einen kleinen Spaziergang, worauf ich mich von ihm trennte, um zu Hause Briefe zu schreiben. Beim Abschied fragte er mich, ob ich zu Hause essen würde. Ich sagte ja, und da ich voraussah, daß er mir Gesellschaft leisten würde, machte ich es wie Lukullus und befahl meinem Koch, uns gut zu bedienen, dabei aber jeden Anschein zu vermeiden, als ob ich einen vornehmen Gast erwartete. Die Eitelkeit hat mehr als eine Sehne an ihrem Bogen.

Kaum war ich zu Hause, so ließ die Binetti sich melden; sie sagte mir, wenn sie mir nicht ungelegen komme, wolle sie sich zum Essen einladen. Ich nahm sie freundschaftlich auf, und sie versicherte mir, ich mache sie glücklich, denn sie sei überzeugt, ihr Mann werde sich den Kopf zerbrechen, um herauszubringen, wo sie gespeist habe.

Sie gefiel mir immer noch; denn obgleich sie damals schon fünfunddreißig Jahre zählte, hätte kein Mensch sie für älter als fünfundzwanzig gehalten. Sie war in jeder Beziehung anmutig. Ihr Mund war etwas zu groß, aber er war mit zwei Reihen Perlen von schönstem Schmelz geschmückt, und ihre Lippen waren frisch wie Rosenblätter. Eine zarte glatte Haut, Augen von unbeschreiblichem Glanz und eine Stirn, auf der die Unschuld selber hätte thronen können – mit einem Wort, ihr Kopf war wirklich zum Entzücken. Dazu hatte sie einen vollendet schönen Busen und eine unverwüstliche, fröhliche Laune; so wird der Leser leicht begreifen, daß selbst ein wählerischerer Geschmack als der meinige sie wohl reizend finden konnte.

Sie war kaum eine halbe Stunde bei mir, als Lord Pembroke eintrat. Beide schrieen vor Überraschung laut auf, und der Lord sagte mir, er sei schon seit sechs Monaten in sie verliebt und habe ihr feurige Briefe geschrieben. Sie sei jedoch nicht darauf eingegangen.

»Ich habe ihn nicht erhören wollen,« rief sie, »weil er der größte Wüstling in ganz England ist; und das ist recht schade, denn er ist der liebenswürdigste Kavalier.«

Dieser Auseinandersetzung folgte ein Dutzend Küsse, und ich sah, daß sie einig waren.

Wir hielten eine ausgezeichnete Mahlzeit nach französischer Art, und Lord Pembroke versicherte mir: »Ich habe seit Jahr und Tag nicht so gut gegessen. Es tut mir nur leid, daß Sie nicht jeden Tag Gesellschaft bei sich haben.«

Die Binetti war ebenfalls Feinschmeckerin; wir standen daher in sehr fröhlicher Stimmung von Tisch auf und hatten große Lust, vom Kultus des Comus zu dem der Cypris überzugehen; aber unsere Schöne war zu gewitzigt, um dem Engländer etwas anderes zu bewilligen als Küsse ohne Bedeutung.

Ich blätterte in meinen Büchern, die ich am Tage vorher gekauft hatte, und ließ sie sich unter vier Augen unterhalten, so viel sie wollten; damit sie sich jedoch nicht für einen anderen Tag zusammen zum Essen einlüden, beeilte ich mich ihnen zu sagen, ich hoffe, der Zufall werde mir die Gunst eines so schönen Festes gelegentlich wieder einmal verschaffen.

Um sechs Uhr gingen meine beiden Gäste fort, und ich kleidete mich an, um nach Vauxhall zu gehen. Ich traf dort den französischen Offizier Mallingan, dem ich in Aachen meine Börse geöffnet hatte. Da er mir sagte, er müsse mit mir sprechen, so gab ich ihm meine Adresse. Ich fand dort auch den nur zu gut bekannten Chevalier Goudar, der mir von Spiel und Mädchen erzählte. Mallingacm stellte mir als etwas ganz Besonderes einen Herrn vor, der mir nach seiner Behauptung in London sehr nützlich werden konnte. Es war ein Mann von vierzig Jahren, mit kritischen Gesichtszügen; er nannte sich Friedrich und war der Sohn des verstorbenen sogenannten Königs Theodor von Korsika, der vierzig Jahre vor dieser Zeit zu London im größten Elend gestorben war, einen Monat nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis, worin unbarmherzige Gläubiger ihn sechs oder sieben Jahre lang eingesperrt gehalten hatten. Ich hätte besser getan, an diesem Tage nicht nach Vauxhall zu gehen.

Das Eintrittsgeld kostet für Vauxhall nur die Hälfte von dem, was man in Ranelagh bezahlen mußte. Trotzdem konnte man sich die größte Abwechslung von Genüssen verschaffen: gutes Essen, Musik, Spaziergänge auf dunklen und einsamen Gartenwegen oder in Alleen, die von tausend Lämpchen beleuchtet waren. Außerdem fand man dort im bunten Gewimmel die berühmtesten Schönheiten Londons vom höchsten bis zum niedrigsten Range.

Trotz allen diesen Vergnügungen langweilte ich mich, weil ich meine gute Tafel und mein reizendes Heim nicht mit einer lieben Freundin teilte. Ich war nun doch schon seit sechs Wochen in London. So etwas war mir noch niemals vorgekommen, und die Sache erschien mir selber unerklärlich.

Meine Wohnung schien geradezu gemacht zu sein, um in der anständigsten Weise eine Freundin aufzunehmen; da ich die Tugend der Beständigkeit besaß, so brauchte ich weiter nichts, um glücklich zu sein. Aber wie sollte ich in London eine Frau finden, die zu mir paßte und an Charakter einer von denen ähnelte, die ich so innig geliebt hatte? Ich hatte bereits etwa fünfzig Mädchen gesehen, die alle Welt als hübsch bezeichnete, und die ich selber nicht einmal leidlich gefunden hatte. Indem ich unaufhörlich hierüber nachdachte, hatte ich schließlich einen sonderbaren Einfall. Ich führte diesen aus.

Ich rief meine alte Housekeeper und ließ ihr durch das Mädchen, das uns als Dolmetscherin diente, folgendes sagen: »Ich will das zweite ober dritte Stockwerk vermieten, um Gesellschaft zu haben; obgleich ich hierzu ohne weiteres berechtigt bin, will ich Ihnen doch für die Bedienung wöchentlich eine halbe Guinee schenken. Lassen Sie sofort dieses Plakat am Fenster aushängen:

Zu vermieten: zweites oder drittes Stockwerk, möbliert, an ein alleinstehendes und unabhängiges junges Fräulein, das englisch und französisch spricht, und weder bei Tage noch bei Nacht Besuche empfängt.«

Das Mädchen übersetzte der Alten das Plakat, und diese, die früher selber flott gelebt hatte, lachte darüber so sehr, daß ich glaubte, sie würde ersticken.

»Warum lachen Sie denn so sehr, meine gute Dame?«

»über diesen Zettel muß man wohl lachen!«

»Sie glauben gewiß, es wird keine kommen, um die Wohnung zu mieten?«

»Oh, ganz im Gegenteil. Ich werde vom Morgen bis zum Abend im Hause Neugierige haben; aber mit denen mag Fanny fertig werden. Sagen Sie mir bitte nur, wieviel ich verlangen soll.«

»Den Preis will ich selber festsetzen, nachdem ich mit dem Fräulein gesprochen habe. Ich glaube nicht, daß so sehr viele Mädchen kommen werden; denn ich verlange, daß die Mieterin jung ist, daß sie englisch und französisch spricht und daß sie außerdem noch ein anständiges Mädchen ist; denn sie darf durchaus keinen Besuch empfangen, nicht einmal von ihren Eltern, wenn sie welche hat.«

»Aber es werden eine Menge Leute stehen bleiben, um den Zettel zu lesen.«

»Um so besser. Wenn er auffällt, so schadet das nichts.«

Wie die Alte gesagt hatte, blieb ein jeder stehen, um die Anzeige zu lesen. Jeder machte seine Glossen darüber und ging dann lachend weiter. Schon am zweiten Tage teilte mein Neger Jarbe mir mit, meine Anzeige sei wörtlich in St. James-Chronicle abgedruckt, mit einem scherzhaften Kommentar. Ich ließ mir die Zeitung bringen, und Fanny übersetzte mir den Artikel, der folgendermaßen lautete:

»Der Herr des zweiten und dritten Stockwerks bewohnt wahrscheinlich selber das erste. Er muß ein Mann von Geschmack sein, der das Vergnügen liebt; denn er verlangt eine Mieterin, die allein steht, unabhängig und natürlich auch jung ist: und da sie keinen Besuch empfangen kann, so muß er wohl bereit sein, ihr gute Gesellschaft zu leisten.

»Zu befürchten ist nur, daß der Besitzer der Wohnung bei diesem Handel angeführt wird; denn es ist leicht möglich, daß irgend ein hübsches Mädchen die Wohnung mietet, um dort nur zu schlafen oder gar nur von Zeit zu Zeit dorthin zu gehen; außerdem könnte dieses hübsche Mädchen, wenn es ihr so paßt, ganz einfach sich den Besuch des Hausherrn verbitten.«

Diese sehr vernünftige Glosse machte mir Spaß und gefiel mir, weil sie mich vor Überraschungen warnte.

Diese Artikel machen die englischen Zeitungen so angenehm. Alle Vorgänge werden in voller Unabhängigkeit besprochen, und die Zeitungsschreiber wissen die einfachsten Kleinigkeiten des Alltagslebens interessant zu machen. Glücklich die Völker, bei denen man alles sagen und alles schreiben darf.

Lord Pembroke war der erste, der zu mir kam und mir zu meiner Erfindung Glück wünschte. Später kam Martinelli, der jedoch befürchtete, ich könnte leicht zu Schaden kommen; »denn«, sagte er, »in London gibt es viele Mädchen, die eine große Erfahrung besitzen und vielleicht nur zu dem Zweck kommen würden, Ihnen den Kopf zu verdrehen.«

»Da gilt es dann eben List gegen List,« antwortete ich ihm; »wir werden ja sehen. Sollte ich angeführt werden, so wird man freilich das Recht haben, auf meine Kosten zu lachen; denn ich hätte ja auf meiner Hut sein können.«

Ich will meine Leser nicht mit einer Beschreibung von etwa hundert Mädchen langweilen, die während der ersten neun oder zehn Tage kamen. Ihnen allen schlug ich unter verschiedenen Vorwänden die Wohnung ab, obgleich einige von ihnen recht anmutig und schön waren. Endlich aber, am elften oder zwölften Tage erschien ein junges Mädchen von zwanzig bis vierundzwanzig Jahren, als ich gerade bei Tisch saß. Sie war mehr als mittelgroß, ihre Kleidung war nett und sauber, jedoch ohne Luxus, ihr Gesicht edel und von sanftem Ausdruck, obgleich ernst. Sie hatte regelmäßige Züge, eine etwas blasse Farbe, schwarze Haare und war in jeder Beziehung schön. Sie machte mir eine vornehme und zugleich ehrerbietige Verbeugung, die ich erwidern mußte, indem ich mich erhob. Als ich stehen blieb, bat sie mich im Tone der guten Gesellschaft, ich möchte mich nicht stören lassen, sondern ruhig weiter essen. Ich bat sie, Platz zu nehmen. Sie tat es. Hierauf bot ich ihr Süßigkeiten an, denn sie hatte bereits Eindruck auf mich gemacht; sie lehnte jedoch dankend ab und zwar in einem bescheidenen Tone, der mich entzückte.

Hierauf sogte das schöne Fräulein, nicht in dem tadellosen Französisch, wie sie begonnen hatte, sondern in einem Italienisch, das ohne den geringsten fremden Akzent und daher einer Senesin würdig war: sie würde ein Zimmer im dritten Stock nehmen, und gebe sich der Hoffnung hin, daß ich ihr dies nicht abschlagen würde, denn sie glaubte, noch jung zu sein; den anderen Bedingungen, die in meiner Ankündigung erwähnt wären, unterwürfe sie sich gern.

»Mein Fräulein, es steht Ihnen frei, sich nur des einen Zimmerzu bedienen, doch wird die ganze Wohnung Ihnen gehören.«

»Mein Herr, der Zettel besagt allerdings, die Wohnung sei billig: trotzdem würde die ganze Wohnung zu teuer für mich sein, denn ich kann für meine Unterkunft nur zwei Schillinge in der Woche ausgeben.«

»Das ist gerade der Preis, den ich für die ganze Wohnung verlange. Sie können also, wie Sie sehen, darüber verfügen, mein Fräulein, Die Magd wird Sie bedienen und Ihnen das Essen besorgen, das Sie brauchen; außerdem wird sie für Sie waschen. Sie können auch Ihre Besorgungen von ihr machen lassen, damit Sie nicht wegen jeder Kleinigkeit auszugehen brauchen.«

»Dann werde ich also meine Magd entlassen, und das ist mir nicht unlieb; denn sie bestiehlt mich. Allerdings stiehlt sie mir wenig, aber das ist trotzdem viel zu viel für meine Verhältnisse. Ich werde Ihrem Mädchen sagen, was sie mir jeden Tag zu essen holen soll; die kleine Summe, die ich hierfür aussetze, darf niemals überschritten werden. Ich werde ihr für ihre Mühe wöchentlich zehn Pence geben.«

»Sie wird damit sehr zufrieden sein. Ich kann Ihnen sogar empfehlen, sich an die Frau meines Koches zu wenden; denn diese kann Ihnen Mittag- und Abendessen für dasselbe Geld liefern, das Sie ausgeben würden, wenn Sie es sich von draußen holen ließen.«

»Das halte ich kaum für möglich; denn ich schäme mich, Ihnen zu sagen, wie wenig ich ausgebe.«

»Wenn Sie auch nur einen Penny täglich ausgeben könnten, so würde ich der Frau sagen, sie soll Ihnen nicht mehr liefern, als für diesen Preis zu haben ist. Ich rate Ihnen, nehmen Sie ruhig das Essen, das Sie in der Küche bekommen können, und machen Sie sich wegen der Billigkeit keine Gedanken; denn ich habe die Gewohnheit, für vier Personen reichlich kochen zu lassen, obgleich ich fast immer allein speise; was übrig bleibt, gehört dem Koch. Ich werde nichts weiter tun, als daß ich Sie ihm empfehle, damit Sie gut bedient werden, und ich hoffe. Sie werden es mir nicht übel nehmen, daß ich mich für Sie interessiere.«

»Mein Herr, Ihr Anerbieten ist überraschend; Sie sind sehr großmütig.«

»Warten Sie einen Augenblick, mein Fräulein! Sie werden sofort sehen, daß es auf die allernatürlichste Art von der Welt zugeht.«

Ich befahl Clairmont, die Magd und die Frau des Kochs zu rufen, und sagte zu dieser letzteren: »Wieviel verlangen Sie täglich für Mittag- und Abendessen für diese junge Dame, die nicht reich ist und nicht mehr essen will, als sie zum Leben braucht?«

»Ich werde ihr das Essen sehr billig liefern, denn der gnädige Herr speist fast immer allein und läßt für vier Personen kochen.«

»Schön; infolgedessen hoffe ich, können Sie die Dame sehr gut für den Preis beköstigen, den sie Ihnen bezahlen will.«

»Ich kann täglich nur fünf Pence ausgeben.«

»Für fünf Pence, mein Fräulein, werden wir Sie verköstigen.«

Ich befahl sofort, das Aushängeschild zu entfernen und das Zimmer, das die junge Dame wählen würde, mit allen Bequemlichkeiten zu versehen. Als die Küchin und die Magd sich entfernt hatten, sagte die junge Dame mir, sie werde nur am Sonntag ausgehen, um in der Kapelle des bayrischen Gesandten die Messe zu hören; außerdem gehe sie einmal monatlich zu einer Person, die ihr drei Guineen für ihren Lebensunterhalt auszahle.

»Sie können ausgehen, wann Sie wollen, mein Fräulein, und brauchen darüber keinem Menschen Rechenschaft zu geben.«

Schließlich bat sie mich, niemals Besuche zu ihr zu führen und der Hausbesorgerin zu befehlen, sie solle jedem, der sich nach ihr erkundige, antworten, sie kenne sie nicht. Ich versprach ihr, daß alles nach ihren Wünschen geschehen solle, und sie entfernte sich, indem sie mir sagte, sie werde ihren Koffer bringen lassen.

Sobald sie gegangen war, befahl ich allen meinen Leuten, ihr mit der größten erdenklichen Rücksicht zu begegnen. Die alte Hausmeisterin sagte mir, sie habe für die erste Woche vorausbezahlt und sich darüber eine Quittung geben lassen; hierauf habe sie sich in einer Sänfte entfernt, wie sie gekommen sei. Zum Schluß faßte die gute Alte sich Mut und ließ mir durch unsere Dolmetscherin sagen, ich möchte mich vor Fallen hüten.

»Vor was für einer Falle? Ich sehe keine. Wenn sie vernünftig ist und ich mich in sie verliebe – nun, um so besser; das wünsche ich ja gerade. Ich brauche nur acht Tage, um sie kennen zu lernen. Welchen Namen hat sie Ihnen angegeben?«

»Mistreß Pauline; als sie ankam, war sie ganz blaß; aber als sie wieder fort ging, war sie feuerrot.«

Ich war schon voller Hoffnung; dieser Glücksfund erfüllte mich mit inniger Freude. Um mein Temperament zu befriedigen, brauchte ich keine Frau – denn das findet man überall; aber ich brauchte eine, um sie zu lieben. Es war für mich eine Notwendigkeit, an dem Gegenstand meiner Zärtlichkeit Schönheit des Leibes und der Seele zu finden, und meine Liebe wuchs im Verhältnis zu den Schwierigkeiten, die sich meiner Voraussicht nach dem Erfolge entgegenstellten. Ich gestehe, daß ich einen Mißerfolg als unmöglich ansah; denn ich wußte, daß es keine Frau gibt, die der ausdauernden Bewerbung und den Aufmerksamkeiten eines Mannes widerstehen könnte, der sie verliebt machen will, besonders wenn dieser Mann sich in den Verhältnissen befindet, große Opfer bringen zu können.

Als ich am Abend nach dem Theater nach Hause kam, sagte die Magd mir, Madame habe ein bescheidenes Hinterstübchen gewählt, das nur einem Dienstboten genügen könne. Sie habe bescheiden zu Abend gegessen und dazu nur Wasser getrunken; als sie die Frau des Kochs gebeten habe, ihr nur einen Teller Suppe und ein Gericht zu liefern, habe diese ihr geantwortet: sie müsse annehmen, was man ihr vorsetze; was sie nicht wolle, werde die Magd essen. Nach dem Essen habe sie ihr sehr gütig gute Nacht gesagt und sich dann eingeschlossen, um zu schreiben.

»Was nimmt sie morgen« zum Frühstück?«

»Ich habe sie danach gefragt, und sie hat mir geantwortet, sie esse nur ein wenig Brot.«

»Du wirst ihr morgen früh sagen: es sei im Hause Brauch, daß der Koch zum Frühstück Kaffee, Tee, Schokolade oder Fleischbrühe liefere, wie es einem jeden beliebe; wenn sie es zurückweise, werde sie mich vielleicht verletzen. Laß dir aber nicht einfallen, ihr zu sagen, daß ich mit dir hierüber gesprochen habe. Da hast du eine Krone; du sollst jede Woche eine bekommen, wenn du sie auf das freundlichste bedienst.

Bevor ich zu Bett ging, schrieb ich ihr ein sehr höfliches Briefchen, worin ich sie bat, das erwählte Kämmerchen mit einem anderen Zimmer zu vertauschen. Sie tat dies, aber sie ließ ihre Sachen in ein Zimmer bringen, das ebenfalls nach hinten hinaus lag. Fannys Vorstellungen brachten sie dahin, zum Frühstück Kaffee anzunehmen. Ich wünschte, sie zu veranlassen, daß sie mit mir zu Mittag und zu Abend äße. Darum kleidete ich mich an, um ihr einen Besuch zu machen, und sie auf eine Art darum zu bitten, daß sie sich nicht gut weigern konnte. In diesem Augenblick meldete Clairmont mir den jungen Cornelis. Ich empfing ihn lachend, indem ich ihm dafür dankte, daß er mich seit sechs Wochen zum ersten Male besuche.

»Mama hat mir niemals erlaubt, zu Ihnen zu gehen. Ich kann es nicht mehr aushalten; zwanzigmal war ich in Versuchung, trotz ihrem Verbot zu kommen. Bitte, lesen Sie diesen Brief; Sie werden darin etwas finden, was Sie überraschen wird.«

Ich öffnete den Brief; er lautete:

»Ein Gerichtsbote benutzte gestern einen Augenblick, wo meine Türe offenstand, trat in mein Zimmer ein und verhaftete mich. Ich war gezwungen, ihm zu folgen, und befinde ich mich jetzt bei ihm im Gefängnis; wenn ich nicht im Lauf des Tages Bürgschaft stelle, wird er mich heute Abend in das Kings-Bench-Gefängnis bringen. Diese Bürgschaft beträgt zweihundert Pfund Sterling für einen bereits verfallenen Wechsel, den ich nicht habe zahlen können. Ich flehe Sie an, mein wohltätiger Freund: befreien Sie mich sogleich aus diesem Ort! Sonst könnte ich das Unglück haben, daß schon morgen eine Menge Gläubiger erscheinen und mich einsperren lassen würden; dadurch würde mein Zusammenbruch unvermeidlich werden. Verhindern Sie diesen, ich bitte Sie flehentlich, und damit auch das Unglück meiner unschuldigen Familie. Als Ausländer können Sie nicht für mich Bürgschaft leisten; aber Sie brauchen nur einem Hausbesitzer ein Wort zu sagen, und Sie werden zehn für einen bereit finden. Wenn Sie Zeit haben, bei mir vorzusprechen, so kommen Sie! Sie werden dann erfahren, daß ich den letzten Ball nicht hätte geben können, wenn ich nicht diesen unglückseligen Wechsel unterschrieben hätte; denn ich hatte mein ganzes Silbergeschirr und Porzellan versetzt.«

Empört über dieses unverschämte Weib, das sich mir gegenüber soweit vergessen hatte, schrieb ich ihr, ich könne sie nur bedauern, ich habe keine Zeit, sie zu besuchen, und schäme mich außerdem, irgend jemanden zu bitten, für sie Bürgschaft zu leisten.

Nachdem der kleine Cornelis sehr traurig fortgegangen war, befahl ich Clairmont, zu Pauline hinaufzugehen und sie zu fragen, ob sie mir gestatten wolle, ihr guten Tag zu wünschen. Sie ließ mir sagen, es stehe bei mir, sie aufzusuchen. Ich ging zu ihr hinein und fand auf dem Tische mehrere Bücher liegen; außerdem sah ich auf einer Kommode Kleidungsstücke, die nicht auf Bedürftigkeit schließen ließen.

»Ich bin Ihnen für Ihre Freundlichkeiten unendlich dankbar«, sagte sie zu mir.

»Sprechen wir nicht davon, Madame; glauben Sie mir, daß ich im Gegenteil Ihnen dankbar sein muß.«

»Was kann ich tun, mein Herr, Ihnen meine Erkenntlichkeit zu zeigen?«

»Sie können dies tun, Madame, indem Sie sich den Zwang auferlegen und mir die Ehre erweisen, mir bei Tisch Gesellschaft zu leisten, so oft niemand bei mir speist; denn wenn ich allein bin, esse ich wie ein Oger, und darunter leidet meine Gesundheit; wenn Sie sich nicht geneigt fühlen, mir dieses Vergnügen zu machen, werden Sie mir verzeihen, Sie darum gebeten zu haben; selbst wenn Sie sich weigern, werden die Vorteile, die ich Ihnen in meinem Hause verschafft habe, sich nicht vermindern.«

»Ich werde die Ehre haben, mein Herr, mit Ihnen zu speisen, so oft Sie allein sind und mir Bescheid sagen lassen. Es tut mir nur leid, daß ich nicht sicher bin, ob meine Gesellschaft Ihnen nützlich sein und Sie erheitern kann.«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar, Madame, und verspreche Ihnen, daß Ihre Gefälligkeit Sie niemals gereuen soll. Ich werde mir alle Mühe geben, Sie aufzuheitern, und werde glücklich sein, wenn mir das gelingt; denn Sie haben mir die lebhafteste Teilnahme eingeflößt. Um ein Uhr essen wir zu Mittag.«

Ich setzte mich nicht, sah mir nicht ihre Bücher an und fragte sie nicht einmal, ob sie gut geschlafen habe. Ich bemerkte nur soviel, daß sie bei meinem Eintritt blaß und sorgenvoll aussah, und daß ihre Wangen scharlachrot waren, als ich hinausging.

Ich machte hierauf einen Spaziergang im Park. Ich war bereits in das reizende Mädchen heftig verliebt und war fest entschlossen, alles aufzubieten, damit sie mich lieben mußte; denn ich wollte ihrer Gefälligkeit nichts zu verdanken haben. Ich war außerordentlich neugierig, wer sie wohl sein möchte. Ich vermutete in ihr eine Italienerin; aber ich nahm mir vor, sie durch keine Frage zu belästigen, denn ich fürchtete, ihr dadurch zu mißfallen. Dieser Gedanke war etwas romantisch; aber er paßte zu dem überspannten Gefühl, das man Liebe nennt. Als ich wieder zu Hause war, kam Pauline hinunter, ohne daß ich sie hatte bitten lassen. Die Aufmerksamkeit gefiel mir außerordentlich, denn ich sah darin ein gutes Vorzeichen. Ich dankte ihr deshalb lebhaft dafür. Da wir noch eine halbe Stunde vor uns hatten, fragte ich sie, ob sie mit ihrer Gesundheit zufrieden sei.

»Die Natur«, antwortete sie mir, »hat mich mit einer so glücklichen Leibesbeschaffenheit begabt, daß ich nie in meinem Leben auch nur im geringsten unwohl gewesen bin, außer auf dem Meere; denn dieses Element ist mir feindlich gesinnt.« »Sie sind also über das Meer gereist?« »Das mußte ich wohl, um nach England zu gelangen.« »Ich konnte vielleicht annehmen, daß Sie Engländerin seien.« »Das ist wohl möglich; denn die englische Sprache ist mir seit meiner zartesten Kindheit vertraut.«

Wir saßen auf einem Sofa. Auf dem Tische vor uns stand ein Schachspiel. Pauline schob die Figuren hin und her; das veranlaßte mich zu der Frage, ob sie Schach spielen könne. »Ja; man hat mir sogar gesagt, ich spiele gut.« »Ich spiele schlecht; aber lassen Sie uns eine Partie machen. Meine Niederlagen werden Ihnen Spaß bereiten.«

Wir beginnen. Pauline zieht an, und mit dem vierten Zuge bin ich schach und matt. Sie lacht; ich bewundere sie. Wir fangen wieder an: beim fünften Zuge bin ich wieder matt. Hierüber lacht meine liebenswürdige Besucherin von ganzem Herzen. Während dieses Lachens berausche ich mich vor Liebe, als ich ihre herrlichen Zähne und ihre entzückende Aufregung sehe, besonders aber als ich bemerkte, welch einen innigen Ausdruck von Glück die Heiterkeit ihr verleiht. Wir beginnen die dritte Partie; Pauline ist unaufmerksam, und ich bringe sie in Verlegenheit.

»Ich glaube,« ruft sie, »Sie können mich besiegen!«

»Welch ein Glück wäre das für mich!«

Man meldet uns, daß das Essen angerichtet sei.

»Unterbrechungen sind oft lästig«, sagte ich zu ihr, indem ich aufstand und ihr meinen Arm bot. Ich war fest überzeugt, daß die Bedeutung der letzten Worte ihr nicht entgangen war; denn die Frauen lassen eine Anspielung niemals unbemerkt.

Als wir uns eben zu Tisch gefetzt hatten, meldete Clairmont mir die kleine Cornelis mit Frau Rancour.

»Sagen Sie ihnen, ich sei beim Essen und werde nicht vor drei Stunden fertig sein.«

Als Clairmont hinausging, um meine Antwort zu überbringen, schlüpfte die kleine Sophie ins Zimmer, lief auf mich zu und warf sich vor mir auf die Knie. Dann weinte sie so heftig, daß sie vor Schluchzen nicht sprechen konnte.

Ganz gerührt von diesem Anblick, beeile ich mich sie aufzuheben; ich setze sie auf meine Knie, trockne ihre Tränen und beruhige sie, indem ich ihr sage: ich wisse schon, was sie wünsche, und wolle aus Liebe zu ihr ihren Wunsch erfüllen.

Plötzlich von der Verzweiflung zur Freude übergehend, umarmt das liebe Kind mich und nennt mich ihren lieben Vater, so daß ich schließlich ebenfalls zu weinen anfange.

»Iß mit uns, liebes Kind; das wird es mir leichter machen, dir deinen Wunsch zu erfüllen.«

Sophie entwand sich meinen Armen und lief zu Paulinen, die ebenfalls aus Sympathie mitweinte. Dann begannen wir voller Glück zu essen. Sophie sagte zu mir: »Bitte, lassen Sie doch auch der Rancour etwas zu essen geben. Mama hat ihr verboten, mit hinaufzukommen.«

»Es soll nach deinem Wunsche geschehen, liebes Kind – aber nur dir zuliebe; denn diese Rancoul verdiente wohl, daß ich sie vor der Türe stehen ließe, um sie für die Rücksichtslosigkeit zu bestrafen, womit sie mich bei meiner Ankunft behandelte.«

Während der ganzen Mahlzeit unterhielt das Kind uns auf eine erstaunliche Weise. Pauline war ganz Ohr und sagte kein Wort vor lauter Erstaunen, ein solches Kind mit einem Verstande sprechen zu hören, den man an einem Mädchen von zwanzig Jahren bewundert haben würde. Ohne jemals die Schranken der Ehrfurcht zu überschreiten, verdammte sie das Betragen ihrer Mutter.

»Wie unglücklich bin ich,« rief sie, »daß meine Pflicht mich zwingt, mich ihr zu fügen und blindlings ihrem Willen zu gehorchen!«

»Ich möchte wetten, du liebst sie nicht?«

»Ich achte sie, aber ich kann sie nicht lieben; denn sie macht mir immer Angst. Ich sehe sie niemals ohne Furcht.«

»Warum weintest du denn so?«

»Aus Mitleid mit ihr und unserer ganzen Familie, besonders aber wegen der Worte, die sie mir sagte, als sie mir befahl, zu Ihnen zu gehen.«

»Was waren das für Worte?«

»Geh!« sagte sie mir. »Wirf dich vor ihm auf die Knie! Nur du kannst ihn rühren, und ich setze meine ganze Hoffnung nur auf dich allein!«

»Du hast dich also nur darum auf die Knie geworfen, weil sie es dir gesagt hat?«

»Ja! Denn wenn ich meinem eigenen Antriebe gefolgt wäre, hätte ich mich in Ihre Arme geworfen.«

»Du hast recht. Aber warst du sicher, daß du mich überreden würdest?«

»Nein; denn sicher ist man überhaupt niemals. Aber ich hoffte es; denn ich erinnerte mich der Worte, die Sie zu mir im Haag sagten. Meine Mutter sagt, ich sei damals erst drei Jahre alt gewesen; ich weiß jedoch, daß ich schon fünf Jahre alt war. Sie hatte mir auch befohlen, mit Ihnen zu sprechen, ohne Sie anzusehen. Zum Glück wußten Sie sie zu nötigen, ihr Verbot zu widerrufen. Alle Leute sagen zu ihr, Sie seien mein Vater, und im Haag hat sie selber mir dies gesagt. Hier aber wiederholt sie mir fortwährend, ich sei die Tochter des Herrn de Montpernis.«

»Aber, liebe Sophie, deine Mutter schadet dir, indem sie dich für eine natürliche Tochter ausgibt, während du doch die rechtmäßige Tochter des Tänzers Pompeati bist, der sich in Wien selber tötete. Er lebte aber noch, als du zur Welt kamst.«

»Wenn ich Pompeatis Tochter bin, sind Sie also nicht mein Vater?«

»Nein, ganz gewiß nicht, denn du kannst doch nicht die Tochter zweier Väter sein.«

»Aber wie kommt es denn, daß ich Ihnen sprechend ähnlich sehe?«

»Das ist ein Spiel des Zufalls.«

»Sie rauben mir eine Illusion, die mir Freude machte.«

Auf Paulinen machte Sophiens Beredsamkeit großen Eindruck; sie sagte beinahe kein Wort, aber sie bedeckte sie mit Küssen, die die Kleine ihr reichlich zurückgab. Diese fragte mich, ob Madame meine Gemahlin sei; als ich diese Frage bejahte, nannte sie sie ihre liebe Mama, worüber Pauline herzlich lachte.

Beim Nachtisch zog ich vier Banknoten von je fünfzig Pfund Sterling aus meiner Brieftasche, gab sie Sophien und sagte ihr, sie könne sie ihrer Mutter schenken; aber ich gäbe sie ihr und nicht ihrer Mutter.

»Wenn du ihr das Geschenk bringst, liebe Tocbter, kann deine Mutter heute abend in ihrem schönen Hause schlafen, wo sie mich so unwürdig empfangen hat.«

»Es tut mir leid; aber verzeihen Sie ihr!«

»Ja, Sophie, das will ich; aber ich tue es nur dir zuliebe.«

»Schreiben Sie ihr, daß Sie mir die zweihundert Pfund schenken; denn ich wage es nicht, ihr dies selber zu sagen.«

»Du fühlst wohl, mein Kind, daß ich ihr das nicht schreiben kann; denn ich würde damit ihren Schmerz beleidigen. Begreifst du das?«

»Oh, vollkommen!«

»Du kannst ihr sagen, sie werde mir ein großes Vergnügen bereiten, so oft sie dich mittags oder abends schicke, um mit mir zu essen.«

»Oh! Das können Sie ihr aber doch schreiben, ohne ihren Schmerz zu kränken, nicht wahr? Oh, tun Sie es doch bitte. Meine liebe Mama,« – dabei sah sie Pauline an – »bitten Sie doch meinen Papa, das zu schreiben; dann werde ich manchmal mit Ihnen speisen.«

Pauline lachte herzlich, nannte mich ihren Mann und bat mich, ich möchte doch ein paar Worte auf einen Zettel schreiben. Daran würde die Mutter erkennen, daß ich Sophie lieb hätte, und das würde nur die Liebe vermehren, die sie zu einer solchen Tochter hegen müßte. Ich gab nach, indem ich ihr sagte, ich könne der anbetungswürdigen Frau, die mich mit dem Namen ihres Mannes geehrt hätte, keinen Wunsch abschlagen. Sophie entfernte sich glückstrahlend, nachdem sie uns viele zärtliche Küsse gegeben hatte.

»Ich habe seit langer Zeit nicht soviel gelacht« sagte Pauline zu mir, »und ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht so angenehm gespeist. Diese Kleine ist ein kostbares Juwel. Das arme Kind fühlt sich unglücklich! Sie wäre es nicht, wenn ich ihre Mutter wäre.«

Hierauf erzählte ich ihr im Vertrauen, wer Sophie war und welche Gründe ich hatte, ihre Mutter zu verachten.

»Ich möchte lachen, wenn ich daran denke, was sie sagen wird, wenn Sophie ihr erzählt, sie habe Sie mit Ihrer Frau bei Tisch gefunden.«

»Sie wird es nicht glauben; denn sie weiß, daß die Heirat ein Sakrament ist, das ich verabscheue.«

»Warum?«

»Weil sie das Grab der Liebe ist.«

»Nicht immer.«

Pauline seufzte, schlug ihre schönen Augen nieder und sprach von etwas anderem. Sie fragte mich, ob ich mich lange in London aufzuhalten gedächte. Ich antwortete ihr, ich werde wahrscheinlich neun oder zehn Monate hier verbringen; hierauf glaubte ich, an sie dieselbe Frage stellen zu dürfen.

»Ich weiß es nicht«, antwortete sie mir; »denn meine Rückkehr in die Heimat hängt von einem Briefe ab.«

»Dürfte ich Sie fragen, was Ihre Heimat ist?«

»Ich sehe voraus, daß ich vor Ihnen keine Geheimnisse haben werde, wenn Ihnen etwas daran liegen sollte, diese kennen zu lernen; aber lassen Sie bitte noch einige Tage vergehen. Ich habe erst heute begonnen, Sie näher kennen zu lernen, und zwar auf eine Art, die Sie in meinen Augen sehr achtungswert macht.«

»Ich werde glücklich sein, wenn ich Ihren Beifall gewinnen und Sie in der guten Meinung bestärken kann, die Sie von meinem Charakter gefaßt haben.«

»Sie haben sich bis jetzt von einer Seite gezeigt, die meine höchste Ehrfurcht verdient.«

»Schenken Sie mir Ihre Achtung; auf diese lege ich den größten Wert; aber verschonen Sie mich mit Ihrer Ehrfurcht, denn diese schließt, wie mir scheint, die Freundschaft aus. Ich strebe aber nach Ihrer Freundschaft, und ich glaube, Sie darauf aufmerksam machen zu müssen, daß ich Ihnen alle möglichen Fallen stellen werde, um diese Freundschaft zu gewinnen.«

»Ich glaube, Sie sind sehr geschickt in solcher Jagd; aber ich halte Sie auch für großmütig und bin überzeugt, daß Sie mich schonen werden. Sollte ich eine zu innige Freundschaft für Sie fassen, so würde die Trennung zu schmerzlich für mich sein; diese Trennung kann aber jeden Augenblick eintreten – ich muß das sogar wünschen.«

Unsere Unterhaltung wurde gefühlvoll. Pauline brachte daher mit jener Gewandtheit, die der Verkehr in der vornehmen Welt verleiht, das Gespräch auf gleichgültige Dinge. Nach einiger Zeit bat sie mich um Erlaubnis, auf ihr Zimmer gehen zu dürfen. Ich hätte gern den ganzen Tag mit ihr verbracht; denn ich hatte selten ein Weib gefunden, das so liebenswürdige und zugleich so vornehme Manieren hatte.

Als ich allein war, verspürte ich ein gewisses Gefühl von Leere. Ich ging daher zur Binetti, die mich mit der Frage empfing, wie es dem Lord Pembroke gehe. Sie war ärgerlich auf ihn.

»Er ist ein abscheulicher Mensch!« rief sie, »er braucht jeden Tag eine neue Frau. Wie findest du das?«

»Ich beneide ihn, daß er so glücklich ist, sich das verschaffen zu können.«

»Er kann es, weil die Weiber dumm sind. Mich hat er angeführt, weil er mich bei dir überrumpelt hat; sonst würde er mich niemals gehabt haben. Du lachst?«

»Ja, ich lache. Denn wenn er dich gehabt hat, so hast du ihn ebenfalls gehabt. Also seid ihr quitt.«

»Du weißt nicht, was du sagst.«

Um acht Uhr kam ich nach Hause. Pauline kam herunter, sobald sie erfuhr, daß ich da sei; denn Fanny hatte ihr auf ihren Befehl meine Rückkunft mitgeteilt. Ich glaubte in diesem Benehmen die Absicht zu sehen, mich durch Aufmerksamkeiten zu fesseln, und da ich dieselben Gefühle hegte, die ich gerne bei ihr vorausgesetzt hätte, so konnte es nicht lange dauern, bis wir zu einer Verständigung gelangten.

Das Abendessen wurde aufgetragen; wir setzten uns zu Tisch und blieben bis Mitternacht sitzen. Wir plauderten über allerlei Nichtigkeiten, aber so angenehm, daß die Stunden uns verstrichen, ohne daß wir es merkten. Zum Schluß wünschte sie mir gute Nacht und sagte mir, sie vergesse über meiner Unterhaltung zu sehr ihr Unglück.

Am nächsten Tage lud Pembroke sich bei mir zum Frühstück ein und beglückwünschte mich zum Verschwinden meines Aushängezettels.

»Ich wäre recht neugierig, Ihre Mieterin kennen zu lernen.«

»Ich glaube es, Mylord; aber im Augenblick kann ich Ihre Neugierde nicht befriedigen; denn sie hat einsiedlerische Neigungen und duldet mich nur aus Notwendigkeit.«

Er sprach nicht mehr davon, und um seine Gedanken von diesem Gegenstande abzulenken, sagte ich ihm, die Binetti verabscheue seine Unbeständigkeit, und dies spreche zu seinen Gunsten. Er lachte darüber, antwortete mir aber nicht, sondern fragte mich: »Speisen Sie heute zu Hause?«

»Nein, Mylord, heute nicht.«

»Ich verstehe; das ist auch ganz natürlich. Leben Sie wohl; machen Sie die Sache gut!«

»Ich arbeite daran.«

Martinelli hatte im Advertiser drei oder vier Parodien meiner Anzeige gefunden. Er brachte mir die Zeitung, und ich mußte lachen, als er sie mir übersetzte; es waren aber weiter nichts als Übertreibungen, die darauf berechnet waren, das Publikum zum Lachen zu bringen und eine Spalte der Zeitung zu füllen. Die Artikel waren durchweg unanständig; dies war kein Wunder; denn in London wird mit dem Recht, alles sagen zu dürfen, ein großer Mißbrauch getrieben.

Martinelli war zu vorsichtig und zu zartfühlend, um überhaupt von meiner Mieterin zu sprechen. Da Sonntag war, bat ich ihn, mit mir zur Messe beim bayrischen Gesandten zu gehen; es geschah, das gestehe ich hier in aller Demut, nicht aus Frömmigkeit, sondern in der Hoffnung, Pauline zu sehen. Meine Erwartung wurde betrogen; denn sie hatte sich, wie ich später erfuhr, in einen Winkel gesetzt, wo niemand sie beobachten konnte. Die Kapelle war voll von Menschen, und Martinelli zeigte mir Lords, Ladies und andere hervorragende Persönlichkeiten, die katholisch waren und dieses nicht verbargen. Im Augenblick, wo ich nach Hause kam, übergab ein Bedienter der Cornelis mir einen Brief von dieser Dame. Sie schrieb mir: da sie am Sonntag frei ausgehen könne, wünsche sie, daß ich ihr erlauben möge, bei mir zu speisen. Ich ging sofort zu Pauline hinauf und fragte sie, ob sie etwas dagegen einzuwenden habe, wenn die Cornelis mit uns esse. Das liebenswürdige Mädchen antwortete mir, sie würde gerne mit ihr speisen, vorausgesetzt, daß sie keinen Mann mitbrächte. Ich ließ ihr daher sagen, ich würde sie mit Vergnügen empfangen, wenn sie mit meiner Tochter käme. Sie kam, und Sophie ging nicht einen Augenblick von meiner Seite. Die Cornelis fühlte sich durch Paulinens Gegenwart verlegen; sie nahm mich daher auf die Seite, um mir mehrere chimärische Pläne mitzuteilen, die sie in kurzer Zeit reich machen müßten.

Meine kleine Sophie war die Seele unserer Mahlzeit. Als ich aber der Cornelis sagte, Pauline sei eine ausländische Dame, an die ich eine Wohnung vermietet habe, rief Sophie: »Sie ist also nicht Ihre Frau?«

»Nein, so glücklich bin ich nicht. Ich habe es nur zum Scherz gesagt, und Madame hat sich über deine Leichtgläubigkeit belustigt.«

»Wißt ihr was, ich will bei ihr schlafen.«

»So? Wann denn.«

»Sobald Mama es mir erlaubt.«

»Man müßte doch erst sehen, ob Madame damit einverstanden wäre.«

»Sie hat keine abschlägige Antwort zu befürchten«, rief Pauline, indem sie sie umarmte.

»Nun, Madame, ich lasse sie Ihnen mit Vergnügen hier; ich werde sie morgen von der Gouvernante abholen lassen.«

»Es genügt,« sagte ich, »wenn sie morgen um drei Uhr kommt, denn Sophie muß erst mit uns zu Mittag essen.«

Als Sophie sah, daß ihre Mutter stillschweigend zustimmte, eilte sie zu dieser und gab ihr Küsse, die diese sich kalt gefallen ließ. Sie kannte nicht das Glück, sich lieben zu lassen.

Als die Mutter fort war, fragte ich Pauline, ob es ihr recht sei, mit der Kleinen und mir eine Spazierfahrt in der Umgegend von London zu machen, wo kein Mensch uns sehen werde.

»Ich darf aus Vorsicht nur allein ausgehen.«

»So werden wir also hier bleiben?«

»Ja; wir könnten auch nirgend besser aufgehoben sein.«

Pauline und Sophie sangen englische, italienische, französische Duette, und ich fand dieses Konzert entzückend. Fröhlich aßen wir zu Abend, und gegen Mitternacht führte ich sie in das dritte Stockwerk hinauf, wo ich zu Sophie sagte, ich würde am Morgen hinaufkommen und mit ihr frühstücken, aber ich wollte sie im Bett finden. Ich hegte den Wunsch, zu sehen, ob ihr Körper ebenso schön sei wie ihr Gesicht. Gerne hätte ich Pauline gebeten, mir dieselbe Gunst zu gewähren, aber ich war noch nicht weit genug vorgeschritten, um mir eine solche Kühnheit erlauben zu können. Ich fand sie denn auch am anderen Morgen bereits aufgestanden und in einem sehr anständigen Morgen- kleide.

Als sie mich sah, fing Sophie zu lachen an und versteckte sich unter der Bettdecke; als sie mich aber an ihrer Seite fühlte, zeigte sie mir ihr hübsches Gcsichtchen, das ich mit Küssen bedeckte.

Nachdem sie aufgestanden war, frühstückten wir sehr heiter; hierauf vertrieben wir uns auf das angenehmste die Zeit, bis die Rancour kam, um die Kleine abzuholen. Diese ging traurig mit ihr fort, und ich blieb allein mit meiner großen Pauline, die mich dermaßen zu quälen begann, daß es jeden Augenblick zu einem Ausbruch meiner Leidenschaft kommen konnte; trotzdem hatte ich ihr noch nicht einmal die Hand geküßt.

Als Sophie fortgegangen war, bat ich sie, sich neben mich zu setzen, ergriff ihre Hand, küßte sie leidenschaftlich und fragte: »Sind Sie verheiratet, liebe Pauline?«

»Kennen Sie die Mutterliebe?«

»Nein. Aber es bedarf für mich keiner großen Anstrengung, um mir eine richtige Vorstellung von ihr zu machen.«

»Sind Sie von Ihrem Gatten getrennt?«

»Ja, durch die Gewalt der Umstände und gegen unseren Willen. Man hat uns getrennt, bevor wir die Ehe vollzogen hatten.«

»Ist er in London?«

»Nein, er ist sehr weit von hier; aber bitte, lassen Sie uns nicht mehr davon sprechen.«

»Sagen Sie mir nur noch: werden Sie alsdann zu ihm gehen, wenn ich Sie einmal verlieren muß?«

»Ja, und ich verspreche Ihnen: wenn Sie mich nicht etwa fortschicken, werde ich nur von Ihnen gehen, um England zu verlassen; ich werde aber diese glückliche Insel nur verlassen, um mit dem Gatten meiner Wahl glücklich zu sein.«

»Reizende Pauline! Ich werde unglücklich hier zurückbleiben; denn ich liebe Sie, und ich fürchte Ihnen zu mißfallen, wenn ich Ihnen Beweise meiner Liebe gäbe.«

»Seien Sie großmütig, mäßigen Sie sich! Ich bin nicht meine eigene Herrin, um mich der Liebe hingeben zu können, und vielleicht würde ich nicht die Kraft haben, Ihnen Widerstand zu leisten, wenn Sie meiner nicht schonten.«

»Ich werde Ihnen gehorchen, aber ich werde vor Sehnsucht vergehen; doch wie könnte ich wohl unglücklich sein, wenn ich nicht das Unglück habe, Ihnen zu mißfallen.«

»Ich habe Pflichten zu erfüllen, lieber Freund, und ich würde mich verächtlich machen, wenn ich diese verletzte.«

»Ich würde mich für den unwürdigsten aller Menschen halten, wenn ich meine Achtung einer Frau versagen könnte, weil sie mich glücklich gemacht hätte, indem sie einer ihr von mir eingeflößten Neigung nachgegeben hätte.«

»Ich habe allerdings zu große Achtung vor Ihnen, um Sie einer solchen Handlung fähig zu glauben; aber mäßigen wir uns und denken wir daran, daß wir schon morgen uns genötigt sehen können, uns zu trennen; gestehen Sie: wenn wir den Begierden der Liebe nachgäben, würde unsere Trennung viel bitterer sein, als wenn wir ihnen Widerstand leisten. Wenn Sie das nicht zugeben, ist Ihre Liebe von anderer Natur als die meinige.«

»Von welcher Natur ist denn die Liebe, die ich das Glück gehabt habe Ihnen einzuflößen?«

»Sie ist von solcher Art, daß der Genuß sie nur steigern könnte; trotzdem scheint dieser mir nur eine fast überflüssige Zugabe zu meiner Liebe zu sein.«

»Welches ist denn nach Ihrer Meinung das wesentliche Gefühl jeder Liebe?«

»Daß man in einer durch nichts zu störenden Eintracht beisammen lebt.«

»Dies ist ein Glück, das uns vom Morgen bis zum Abend beschert ist; aber warum sollten wir nicht jenes Zubehör hinzufügen, das uns nur wenige Augenblicke beschäftigen und das unseren liebenden Herzen die Ruhe und den Frieden geben wird, den wir bedürfe»? Außerdem, göttliche Pauline, werden Sie zugeben, daß dieses Zubehör der eigentlichen Liebe als Nahrung dient.«

»Ich gebe es zu; aber geben auch Sie Ihrerseits zu, daß diese Nahrung ihr fast immer tödlich wird.«

»Dies ist, glaube ich, nicht der Fall, wenn man wirklich liebt; und dies gilt von mir. Können Sie glauben. Sie werden mich weniger lieben, wenn Sie mich mit der vollen Glut der Zärtlichkeit besessen haben?«

»Nein, das glaube ich nicht; und weil ich vom Gegenteil überzeugt bin, gerade deshalb fürchte ich, der Augenblick der Trennung würde mich zur Verzweiflung bringen.«

»Ich muß vor Ihrer unwiderstehlichen Dialektik die Segel streichen, reizende Pauline. Ich möchte wohl sehen, womit Sie Ihren erhabenen Geist nähren; ich möchte also Ihre Bücher sehen. Sollen wir hinaufgehen? Ich werde nicht ausgehen.«

»Mit Vergnügen; aber Sie werden angeführt sein.«

»Auf welche Weise denn?«

»Kommen Sie nur!«

Wir gehen in ihr Zimmer, ich sehe mir ihre Bücher an und finde lauter portugiesische, mit Ausnahme des Milton in englischer, des Ariosto in italienischer und der Charaktere des Labruyère in französischer Sprache.

»Dies alles, meine liebe Pauline, gibt mir einen sehr hohen Begriff von Ihnen; aber woher diese Vorliebe für Camoens und alle diese anderen Portugiesen?«

»Aus einem sehr natürlichen Grunde: Ich bin Portugiesin.«

»Sie Portugiesin? Ich habe Sie für eine Italienerin gehalten. In Ihrem jugendlichen Alter sprechen Sie fünf Sprachen – denn Sie müssen auch spanisch können.«

»Allerdings, obgleich das nicht durchaus notwendig ist.«

»Welche Erziehung!«

»Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt, aber ich beherrschte diese Sprachen schon mit achtzehn.«

»Sagen Sie mir, wer Sie sind! Sagen Sie mir alles! Ich verdiene Ihr Vertrauen.«

»Ich glaube es, und ich werde es Ihnen beweisen, indem ich mich Ihnen ohne Furcht und ohne Rückhalt anvertraue; denn da Sie mich lieben, so können Sie mir nur wohlwollen.«

»Und was bedeuten alle diese beschriebenen Blätter?«

»Meine Geschichte, die ich hier niedergeschrieben habe. Setzen wir uns!«

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