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Erinnerungen

Giacomo Casanova: Erinnerungen - Kapitel 5
Quellenangabe
typeautobio
authorCasanova
titleErinnerungen
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
volume1
year1911
senderwww.gaga.net
created20050213
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Drittes Kapitel

Bettina wird für wahnsinnig gehalten. – Vater Mancia – Die Pocken – Meine Abreise von Padua

Bettina mußte in Verzweiflung sein, da sie nicht wußte, in welche Hände ihr Brief gefallen sein konnte; indem ich sie aus ihrer Unruhe erlöste, gab ich ihr also einen sehr hohen Freundschaftsbeweis.

Aber mein Edelmut, der sie von einer bitteren Sorge befreite, mußte ihr eine neue, ebenso bittere bereiten: sie wußte jetzt, daß ich Herr über ihr Geheimnis war. Cordianis Brief war ganz unzweideutig; er lieferte den Augenschein, daß sie ihn allnächtlich empfing, und damit wurde das Märchen hinfällig, das sie vielleicht sich zurechtgelegt hatte, um mich auf eine falsche Spur zu lenken. Ich fühlte dies, und da ich sie gerne nach Möglichkeit beruhigen wollte, ging ich am Morgen an ihr Bett und übergab ihr den Brief und meine Antwort.

Die Klugheit des Mädchens hatte ihr meine Achtung gewonnen, ich konnte sie nicht mehr verachten. Ich sah in ihr nur noch ein Geschöpf, das durch sein Temperament verführt worden war. Sie war mannstoll, und man konnte sie darum nur beklagen, soweit die Folgen in Betracht kamen. Da ich die ganze Sache jetzt im richtigen Licht zu sehen glaubte, hatte ich mich als vernünftiger Junge und nicht als gekränkter Liebhaber damit abgefunden. Sie hatte zu erröten, nicht ich. Ich hatte nur noch einen Wunsch, nämlich den, herauszubringen, ob die beiden Feltrini, Cordianis Freunde, ebenfalls Anteil an ihren Huldbeweisen gehabt hätten.

Bettina trug den ganzen Tag eine sehr lustige Stimmung zur Schau. Am Abend kleidete sie sich an, um auf den Ball zu gehen; plötzlich aber nötigte ein wirkliches oder erheucheltes Unwohlsein sie, sich zu Bett zu legen; das ganze Haus geriet darob in Aufregung. Ich, der ich von allem Bescheid wußte, machte mich auf neue und noch traurigere Auftritte gefaßt; denn ich hatte ein Übergewicht über sie gewonnen, das ihrer Eitelkeit unerträglich war. Ich muß jedoch hier bekennen, daß ich trotz dieser ausgezeichneten Schule, die ich schon vor meinen Jünglingsjahren durchmachte und die mir zur Agide für die Zukunft hätte dienen sollen, mein ganzes Leben lang von den Frauen genasführt worden bin. Vor zwölf Jahren würde ich in Wien, hätte mich nicht mein Schutzengel davor bewahrt, ein junges Brauseköpfchen geheiratet haben, in das ich mich verliebt hatte. Jetzt, da ich zweiundsiebzig Jahre alt bin, glaube ich mich vor derartigen Tollheiten sicher; aber leider ist gerade das mein Kummer.

Am andern Morgen war die ganze Familie untröstlich; denn der Teufel, von dem Bettina besessen war, hatte sich ihrer Vernunft bemächtigt. Der Doktor sagte mir, sie müsse doch wohl besessen sein, denn allem Anschein nach hätte sie als Wahnsinnige den Vater Prospero nicht so schlecht behandeln können. Er entschloß sich, sie dem Vater Mancia anzuvertrauen.

Dies war ein als Teufelsbeschwörer berühmter Jacobiner (also vom Dominikanerorden), der im Rufe stand, daß seine Kraft noch niemals bei einem behexten Mädchen versagt hätte.

Es war Sonntag. Bettina hatte gut gegessen und war den ganzen Tag verrückt gewesen. Gegen Mitternacht kam ihr Vater nach Hause, nach seiner Gewohnheit den Tasso singend und so betrunken, daß er nicht mehr grade stehen konnte. Er trat an Bettinas Bett, umarmte sie zärtlich und sagte: »Du bist nicht verrückt, mein Kind.«

Sie antwortete ihm: »Du bist nicht betrunken.«

»Du bist besessen, mein liebes Kind.«

»Ja, Vater; und Ihr seid der einzige, der mich heilen kann.«

»Gut; ich bin dazu bereit.«

Hierauf beginnt unser Schuster wie ein Theologe zu sprechen, er redet über die Kraft des Glaubens und des Vatersegens. Er wirft seinen Mantel ab, nimmt ein Kruzifix in die eine Hand, legt die andere seiner Tochter auf den Kopf und beginnt so komisch mit dem Teufel zu reden, daß sogar seine dumme, sonst immer traurige und zänkische Frau vor Lachen sich den Bauch halten muß. Die einzigen, die nicht lachten, waren die beiden Handelnden, und grade ihr Ernst machte die Szene noch spaßhafter. Ich bewunderte Bettina, die sonst überaus lachlustig war und doch jetzt die Selbstüberwindung besaß, ganz ruhig zu bleiben. Doktor Gozzi lachte auch, wünschte aber doch, daß die Posse ein Ende nehme, denn ihm schien, der Unsinn, den sein Vater redete, wäre zugleich eine Verhöhnung der heiligen Teufelsbeschwörung. Der Teufelsbanner wurde wohl schließlich müde; er ging zu Bett, indem er sagte, er sei gewiß, daß der Teufel seine Tochter die ganze Nacht in Ruhe lassen würde.

Am andern Tage kam in dem Augenblick, wo wir vom Tisch aufstanden, Pater Mancia. Der Doktor und die ganze Familie führten ihn ans Bett der Kranken. Ich hatte so viel zu tun, den Mönch anzuschauen, daß ich gewissermaßen ganz außer mir war. Hier sein Porträt:

Von Wuchs war er groß und majestätisch, sein Alter mochte etwa dreißig Jahre sein, er hatte blonde Haare und blaue Augen. Seine Gesichtszüge glichen denen des Apollo von Belvedere, nur fehlten die Merkzeichen des Siegesbewußtseins und der Anmaßung. Seine Haut war blendend weiß, und er war daher sehr blaß; aber diese Blässe schien nur dazu da zu sein, um das Korallenrot seiner Lippen zu heben, die, wenn sie sich öffneten, zwei Perlenreihen sehen ließen. Er war weder mager noch fett, und die Traurigkeit seiner Miene erhöhte noch deren Sanftheit. Er ging langsam, sein Gesichtsausdruck war schüchtern, was darauf schließen ließ, daß er bescheidenen Geistes sei.

Als wir eintraten, schlief Bettina oder tat wenigstens so. Vater Mancia nahm zunächst einen Weihwedel und besprengte sie mit Wasser. Sie öffnete die Augen, sah den Mönch an und schloß sie sofort wieder; bald aber schlug sie sie wieder auf, sah ihn etwas genauer an, legte sich auf den Rücken, ließ ihre Arme herabsinken, neigte lieblich das Köpfchen zur Seite und überließ sich einem Schlummer, der allem Anschein nach überaus süß war.

Der Teufelsbeschwörer zog aus der Tasche Ritual und Stola, die er sich um den Hals hing; hierauf legte er der Schlafenden eine Reliquie auf die Brust und bat uns mit der Miene eines Heiligen, wir möchten alle niederknien, um Gott zu bitten, daß er ihm offenbare, ob die Kranke besessen oder von einer natürlichen Krankheit befallen sei. In dieser Stellung ließ er uns eine halbe Stunde verharren, wobei er ununterbrochen mit leiser Stimme las. Bettina rührte sich nicht.

Schließlich wurde er, glaube ich, müde, diese Rolle zu spielen; er bat den Doktor, ihn unter vier Augen anzuhören. Sie traten in die Kammer, aus der sie eine Viertelstunde später wieder zum Vorschein kamen, als die Tolle ein lautes Gelächter ausstieß. Sobald sie sie eintreten sah, drehte sie ihnen den Rücken zu. Vater Mancia lächelte, tauchte den Wedel zu wiederholten Malen in den Weihwasserkessel, besprengte uns alle reichlich mit dem heiligen Naß und ging.

Der Doktor sagte uns, er werde am nächsten Tage wiederkommen und habe sich anheischig gemacht, sie in drei Stunden zu erlösen, wenn sie besessen sei; wenn sie aber wahnsinnig sei, so könne er nichts versprechen. Die Mutter rief, sie sei gewiß, daß er Bettina erlösen werde, und sie danke Gott für die Gnade, vor ihrem Tode einen Heiligen gesehen zu haben.

Am nächsten Tage war Bettinas Verrücktheit wirklich prachtvoll. Sie hielt die verrücktesten Reden, wie kein Dichter sie je ersinnen könnte, und hörte damit auch nicht auf, als der schöne Teufelsbanner hereinkam; er gönnte sich den Genuß eine Viertelstunde lang, dann legte er seinen vollen Ornat an und bat uns hinauszugehen. Wir gehorchten augenblicklich, und die Tür blieb offen. Aber was sollte das besagen? Wer hätte die Kühnheit besessen, hineinzugehend?

Drei volle Stunden lang hörten wir keinen Ton. Totenstille! Um zwölf Ubr rief der Mönch, und wir traten ein. Bettina lag traurig und ganz ruhig da, während der Mönch seine Sachen zusammenpackte. Als er ging, sagte er, er habe Hoffnung, und bat den Doktor, ihm Nachricht zukommen zu lassen. Bettina speiste zu Mittag in ihrem Bett, aß abends mit uns am Tisch und war am nächsten Tage ganz vernünftig. Da geschah aber etwas, was mich in meinem Glauben bestärkte, daß sie weder wahnsinnig noch besessen sei.

Es war am Tage vor Mariä Reinigung (Lichtmeß). Der Doktor ließ uns gewöhnlich in der Pfarrkirche das Abendmahl nehmen; zur Beichte aber führte er uns in die Augustinerkirche, wo der Gottesdienst von den Jacobinern von Padua abgehalten wird. Bei Tisch sagte er uns, wir sollten uns darauf einrichten, am anderen Tage hinzugehen. Da sagte seine Mutter: »Ihr solltet alle beim Vater Mancia zur Beichte gehen, damit ihr von diesem heiligen Mann eurer Sünden ledig gesprochen werdet; ich gedenke auch zu ihm zu gehen.« – Cordiani und die beiden Feltrini erklärten sich bereit; mir aber mißfiel der Vorschlag. Ich sagte zwar nichts, aber ich war fest entschlossen, die Ausführung desselben zu verhindern.

Ich glaubte an das Beichtsiegel und war nicht imstande, ein falsches Bekenntnis abzulegen; da ich aber wußte, daß es mir freistand, mir meinen Beichtiger zu wählen, so wäre ich sicherlich niemals so naiv gewesen, dem Pater Mancia zu sagen, was zwischen mir und einem Mädchen vorgefallen wäre; denn er hätte mühelos erraten müssen, daß dieses Mädchen nur Bettina sein konnte. Übrigens war ich sicher, daß Cordiani ihm alles sagen würde, und dies ärgerte mich gewaltig.

Am anderen Morgen in aller Frühe brachte Bettina mir einen Halskragen und übergab mir einen Brief, worin es hieß:

»Hassen Sie mein Leben, aber schonen Sie meine Ehre und gönnen Sie mir das bißchen Frieden, wonach ich mich sehne. Niemand von Euch darf morgen beim Vater Mancia beichten. Sie sind der einzige, der die bestehende Absicht zum Scheitern bringen kann, und ich brauche Ihnen das Mittel dazu nicht erst anzudeuten. Ich werde sehen, ob es wahr ist, daß Sie Freundschaft für mich hegen!«

Das arme Mädchen tat mir unbeschreiblich leid, als ich dieses Briefchen las. Trotzdem antwortete ich ihr folgendes:

»Ich begreife, daß trotz der Unverletzbarkeit des Beichtsiegels das Vorhaben Ihrer Mutter Sie beunruhigen muß; aber ich begreife nicht, warum Sie, um dies Vorhaben zu vereiteln, sich an mich wenden und nicht lieber an Cordiani, der es laut und offen gebilligt hat. Ich kann Ihnen weiter nichts versprechen, als daß ich nicht mitmachen werde; aber auf Ihren Liebhaber habe ich keinen Einfluß; mit dem müssen Sie selber sprechen.«

Hierauf übergab sie mir folgende Erwiderung:

»Ich habe seit der verhängnisvollen Nacht, die mich unglücklich gemacht hat, mit Cordiani kein Wort mehr gesprochen. Ich werde auch niemals mehr mit ihm sprechen, selbst wenn ich um diesen Preis das verlorene Glück wiederfände. Nur Ihnen allein will ich Leben und Ehre zu verdanken haben.«

Das Mädchen schien mir erstaunlicher als alle Heldinnen, die in den von mir gelesenen Romanen mir als Wunder hingestellt worden waren! Mir kam es vor, als würde ich von ihr mit einer Frechheit sondergleichen gefoppt. Ich glaubte, sie wollte mich von neuem in ihre Ketten schmieden, und obgleich ich mir daraus nichts machte, beschloß ich doch, die edle Handlung zu vollbringen, die sie von mir erwartete und deren sie nur mich allein für fähig hielt. Sie fühlte sich ihres Erfolges sicher. Aber in welcher Schule hatte sie das Menschenherz kennengelernt? Durch Romanlesen! Es gibt vielleicht etliche, deren Lesen viele junge Leute zugrunde richtet; aber ganz gewiß lernen sie durch das Lesen guter Romane angenehme Manieren und gesellige Tugenden.

Ich entschloß mich also, dem Mädchen die Gefälligkeit zu erweisen, die sie von mir erwartete, und benutzte beim Schlafengehen einen günstigen Augenblick, um dem Doktor zu sagen, mein Gewissen nötige mich zu der Bitte, von mir nicht zu verlangen, daß ich dem Vater Mancia beichte; ich möchte aber in dieser Beziehung nicht anders handeln als meine Kameraden. Der Doktor antwortete mir freundlich, er begreife meine Gründe und werde uns in die Kirche des heiligen Antonius führen; zum Zeichen der Dankbarkeit küßte ich ihm die Hand.

Da also am nächsten Tage alles nach Bettinas Wünschen ging, sah ich sie mit dem Ausdruck der Zufriedenheit auf ihren Zügen sich zu Tisch setzen.

Am Nachmittag mußte ich mich wegen einer Verletzung am Fuß zu Bett legen; der Doktor hatte seine Zöglinge in die Kirche begleitet; so war also Bettina allein. Sie benutzte den Augenblick, suchte mich in meinem Zimmer auf und setzte sich auf mein Bett. Ich hatte erwartet, daß sie kommen würde, und da ich nun sah, daß der Augenblick einer mir nicht unerwünschten großen Aussprache endlich da war, so empfing ich ihren Besuch mit Vergnügen.

Zuvörderst sagte sie mir, ich wäre hoffentlich nicht böse, daß sie die Gelegenheit ergriffe, mit mir zu sprechen.

»Nein,« antwortete ich, »denn Sie verschaffen mir dadurch die Gelegenheit, Ihnen zu sagen, daß die Gefühle, die ich für Sie hege, rein freundschaftliche sind; Sie können also sicher sein, daß Sie in Zukunft keinerlei Beunruhigung von mir zu befürchten haben. Machen Sie also, Bettina, was Sie wollen; denn um anders zu handeln, müßte ich verliebt in Sie sein, und ich bin es nicht mehr. Sie haben in einem Augenblick die schöne Leidenschaft, die Sie mir eingeflößt hatten, im Keim erstickt. Als ich nach der von Cordiani erlittenen Mißhandlung wieder in meinem Zimmer war, habe ich Sie zuerst gehaßt; bald aber verwandelte der Haß sich in Verachtung, und als ich allmählich ruhig wurde, entwickelte sich aus der Verachtung eine vollkommene Gleichgültigkeit; auch diese Gleichgültigkeit entschwand, als ich sah, wessen Ihr Geist fähig ist. Ich bin Ihr Freund geworden, ich verzeihe Ihnen Ihre Schwächen, und nachdem ich mich gewöhnt habe, Sie so zu sehen wie Sie sind, habe ich von Ihrer Klugheit die beste Meinung bekommen. Ich bin selber von ihr angeführt worden, aber das macht nichts; Ihre Klugheit ist nun einmal da, sie ist überraschend, göttlich; ich liebe sie, ich bewundere sie, und mich dünkt, ich bin Ihnen schuldig, Ihre Klugheit zu ehren, indem ich Ihnen selber die reinste Freundschaft weihe. Vergelten Sie mir diese: seien Sie wahr, aufrichtig und machen Sie keine Umschweife. Genug jetzt der Narrenpossen! Denn Sie haben bei mir bereits erreicht, was Sie nur erwarten konnten. Schon der Gedanke an Liebe widerstrebt mir; denn ich kann nur lieben, wenn ich sicher bin, daß ich allein geliebt werde. Mögen Sie dies dumme Zartgefühl meiner Jugend zuschreiben; es ist einmal so und kann nicht anders sein. Sie haben mir geschrieben, Sie sprächen nicht mehr mit Cordiani. Wenn ich an diesem Bruch schuld bin, so tut mir das leid, und Ihre Ehre verlangt, glaube ich, daß Sie sich wieder versöhnen; in Zukunft werde ich mich hüten, ihm auch nur im geringsten im Wege zu stehen. Und bedenken Sie noch eins: wenn Sie ihn durch dieselben Verführungskünste in sich verliebt gemacht haben, die Sie gegen mich anwandten, so haben Sie doppelt unrecht, denn wenn er Sie liebt, so haben Sie ihn vielleicht unglücklich gemacht.«

»Alles was Sie mir da sagen,« versetzte Bettina, »beruht auf einer falschen Idee und auf falschem Anschein. Ich liebe Cordiani nicht und habe ihn niemals geliebt. Im Gegenteil, ich habe ihn gehaßt und hasse ihn noch jetzt, weil er meinen Haß verdient, und ich hoffe Sie davon zu überzeugen, obwohl der Augenschein gegen mich ist. Den gemeinen Vorwurf, daß ich Sie oder ihn verführt hätte, bitte ich mir zu ersparen. Bedenken auch Sie: wenn nicht Sie mich verführt hätten, so hätte ich mich wohl gehütet, mit Ihnen zu machen, was ich aus Gründen, die Sie nicht kennen, aber von mir erfahren werden, tief bereue. Der Fehler, den ich beging, ist nur deshalb schwer, weil ich nicht voraussah, wie sehr er mir bei einem undankbaren Knaben, der die Welt noch nicht kennt, schaden würde!«

Bettina weinte. Was sie mir gesagt hatte, klang glaubhaft und war schmeichelhaft für mich; aber ich hatte zu viel gesehen. Außerdem wußte ich ja, wie klug sie war, und so lag mir der Gedanke nahe, daß sie mich wieder hinters Licht führen wollte; denn was konnte ich anders annehmen, als daß sie nur aus beleidigter Eitelkeit so handelte, die meinen Sieg als eine unerträgliche Demütigung empfand? Ich blieb daher unerschütterlich und antwortete ihr: ich glaubte ihr alles, was sie mir über den Zustand ihres Herzens vor jener kleinen Tändelei, dem Ausgangspunkt meiner Verliebtheit, gesagt hätte, und sie könnte daher sicher sein, daß ich ihr künftighin niemals mehr den Vorwurf machen würde, mich verführt zu haben. »Aber,« fuhr ich fort, »geben Sie zu, daß Ihr Feuer nur vorübergehend so heftig war und daß es nur eines leisen Hauches bedurft hat, es auszulöschen. Es verdient Lob, daß Ihre Tugend nur einen einzigen Augenblick sich verwirrt und sofort ihre Herrschaft über Ihre Sinne zurückgewonnen hat. Sie, die mich zärtlich liebten, wurden augenblicklich unempfindlich gegen meine Qualen, so deutlich ich auch Ihnen diese zu erkennen gab. Nun möchte ich nur noch wissen, wie Sie auf diese Tugend soviel Wert legen konnten, während sie doch allnächtlich an Cordiani Schiffbruch litt?«

Bettina sah mich mit Siegesgewißheit an und sagte: »Jetzt habe ich Sie da, wo ich Sie haben wollte. Jetzt sollen Sie endlich erfahren, was ich Ihnen niemals sagen konnte; denn das Stelldichein, zu dem Sie nicht kommen wollten, gab ich Ihnen nur, um Ihnen die Wahrheit zu sagen:

Cordiani machte mir acht Tage nach seiner Ankunft bei uns eine Liebeserklärung. Er bat mich um meine Einwilligung, durch seinen Vater um meine Hand anhalten zu lassen, sobald er seine Studien beendigt hätte. Ich antwortete, ich kannte ihn noch nicht genug, hätte auch selber keinen Willen in dieser Sache und bäte ihn, nicht mehr davon zu sprechen. Er tat, als hätte er sich dabei beruhigt, bald darauf jedoch bemerkte ich, daß dies nicht der Fall war; denn als er mich eines Tages bat, ich möchte doch zuweilen in sein Zimmer kommen und ihn frisieren, und ich ihm erwiderte, ich hätte keine Zeit dazu, da sagte er, Sie wären glücklicher als er. Dieser Vorwurf war mir lächerlich, denn im Hause wußte ja ein jeder, daß ich Sie zu bedienen hatte.

Vierzehn Tage nach dieser Weigerung verbrachte ich mit Ihnen ein Stündchen in einem Getändel, das Sie natürlich auf Gedanken brachte, die Sie bis dahin nicht gehabt hatten. Ich selber war vollkommen zufrieden; ich liebte Sie, und da ich mich nur natürlichen Begierden überlassen hatte, so genoß ich, ohne daß ein Gewissensbiß mich hätte beunruhigen können. Ich sehnte mich danach, am nächsten Tage wieder mit Ihnen beisammen zu sein, aber am selben Tage nach dem Abendessen nahm mein Unglück seinen Anfang. Cordiani steckte mir diesen Brief und diesen Zettel zu, die ich seitdem in einer Mauerritze versteckt gehalten habe, um sie Ihnen bei passender Gelegenheit zeigen zu können.«

Mit diesen Worten übergab Bettina mir Brief und Zettel; der letztere lautete folgendermaßen: »Entweder empfangen Sie mich heute abend in Ihrer Kammer, indem Sie die Hoftür offen lassen, oder sehen Sie morgen zu, wie Sie mit dem Doktor fertig werden, dem ich den in Abschrift beiliegenden Brief übergeben werde.«

Der Brief war der Bericht eines niederträchtigen, wütenden Angebers und hätte wirklich sehr unangenehme Folgen haben können. Er zeigte dem Doktor an, daß seine Schwester die Vormittage mit mir in sträflichem Verkehr verbrächte, während er selber die Messe läse, und versprach ihm hierüber Aufklärungen zu geben, die jeden Zweifel beseitigen würden.

»Nachdem ich, wie die Umstände es erforderten, reiflich nachgedacht hatte,« fuhr Bettina fort, »entschloß ich mich, das Scheusal anzuhören; aber zu allem entschlossen, steckte ich meines Vaters Stilet in die Tasche und erwartete ihn an der halboffenen Tür; denn ich wollte ihn nicht hineinlassen, weil meine Kammer von der meines Vaters nur durch eine einsame Scheidewand getrennt ist und das leiseste Geräusch ihn hätte aufwecken können. Auf meine erste Frage, wie er zu der Verleumdung käme, die in dem meinem Bruder zugedachten Briefe stände, antwortete Cordiani, es wäre keine Verleumdung, denn er hätte unsere ganze Morgenunterhaltung durch ein senkrecht über Ihrem Bett befindliches Loch mit angesehen. Dieses Loch hätte er selber vom Dachboden aus in die Decke gebohrt und er begäbe sich an diesen Beobachtungsposten, sobald er merkte, daß ich zu Ihnen ginge. Zum Schluß sagte er nur, er würde meinem Bruder und meiner Mutter alles entdecken, wenn ich mich weigerte, ihm dieselben Gunstbezeigungen zu erweisen wie Ihnen. Nachdem ich ihm in meinem gerechten Zorn die stärksten Beleidigungen gesagt, ihn einen feigen Spion und Verleumder genannt hatte – denn er konnte nur Kindereien gesehen haben – erklärte ich ihm zum Schluß feierlich: er hoffe vergeblich, durch Drohungen von mir ebenfalls solche Gefälligkeiten zu erreichen. Nun bat er mich tausendmal um Verzeihung und stellte mir vor, daß doch nur meine Strenge ihn zu dem Schritt getrieben hätte; von selber würde er niemals daran gedacht haben, nur seine Leidenschaft, die ihn unglücklich mache, sei schuld daran. Er gab zu, daß sein Brief vielleicht verleumderisch sei und daß er sich hinterlistig benommen habe; er versicherte mir, er werde niemals zu Gewaltmitteln greifen, um von mir Huldbeweise zu erhalten, die er nur der Beständigkeit seiner Liebe verdanken wolle. Hierauf glaubte ich ihm erwidern zu müssen, daß es mir vielleicht später möglich sein werde, ihn zu lieben; ebenso versprach ich ihm, ich würde niemals mehr an Ihr Bett kommen, wenn der Doktor nicht zu Hause wäre. Hierdurch gelang es mir, ihn los zu werden; er ging ganz zufrieden weg und wagte nicht mal um einen Kuß zu bitten; ich versprach ihm nur, wir könnten vielleicht ab und zu mal am selben Ort miteinander plaudern.

Sobald er fort war, ging ich zu Bett; ich war in Verzweiflung, daß ich Sie nun nicht mehr besuchen konnte, wenn mein Bruder nicht zu Hause war, und daß ich mit Rücksicht auf die möglichen Folgen Ihnen nicht einmal den Grund angeben konnte. So verstrichen drei Wochen, und ich kann Ihnen nicht sagen, was ich gelitten habe. Denn natürlich drängten Sie mich und ich mußte doch immer wieder mein Wort brechen. Ich fürchtete mich sogar vor dem Augenblick, wo ich mit Ihnen allein sein würde, denn ich wußte, daß ich meinem Drange nicht würde widerstehen können, Ihnen die Ursache meines so ganz anderen Benehmens zu entdecken. Dazu kam noch, daß ich jede Woche mindestens einmal an die Korridortür kommen mußte, um mit dem Hallunken zu sprechen und seine Ungeduld durch meine Worte zu beschwichtigen.

Endlich konnte ich die Qual nicht mehr ertragen, und da ich mich zugleich auch von Ihnen bedroht sah, faßte ich den Entschluß, der Sache ein Ende zu machen. Um Ihnen die ganze Intrigue zu entdecken und mit Ihrer Hilfe zu nichte zu machen, schlug ich Ihnen vor, mich als Mädchen verkleidet auf den Ball zu begleiten, obgleich ich sehr gut wußte, daß Cordiani sich darüber ärgern würde; mein Entschluß stand fest! Sie wissen, wie meine Absicht zuschanden wurde. Die unvermutete Reise meines Vaters und meines Bruders gab euch beiden den gleichen Gedanken ein; aber ich hatte Cordianis Brief noch nicht erhalten, als ich Ihnen versprach, zu Ihnen zu kommen. Cordiani verlangte ja kein Beisammensein, sondern teilte mir nur mit, daß er mich in meiner Kammer erwartete; leider hatte ich keine Zeit ihm zu sagen, daß ich aus gewissen Gründen ihm meine Kammer verbiete, und ebensowenig konnte ich Ihnen Bescheid sagen, daß ich erst nach Mitternacht zu Ihnen kommen könnte – wie ich's nämlich zu tun gedachte; denn ich glaubte bestimmt, ich würde den Unglücksmenschen nach einem Stündchen auf sein Zimmer schicken können. In dieser Berechnung hatte ich mich aber getäuscht, denn Cordiani hatte einen ganzen Plan ausgedacht, und ich mußte diesen von A bis Z anhören. Seine Klagen und übertriebenen Schilderungen seines Unglücks wollten gar kein Ende nehmen. Er jammerte, ich wolle den von ihm ersonnenen Plan nicht unterstützen, mit dem ich doch einverstanden sein müßte, wenn ich ihn wirklich liebte. Dieser Plan lief darauf hinaus, daß ich während der Karwoche mit ihm nach Ferrara fliehen sollte, wo ein Oheim von ihm uns aufgenommen und seinen Vater leicht zur Vernunft gebracht hätte; dann würden wir für unser ganzes Leben glücklich sein. Über meinen Einwendungen, seinen Antworten und umständlichen Erklärungen über die Beseitigung der Hindernisse verging die ganze Nacht. Mir blutete das Herz bei dem Gedanken an Sie, aber ich habe mir keinen Vorwurf zu machen, und es ist nichts vorgefallen, was mich Ihrer Achtung unwert machen könnte. Sie können sie mir nur dann versagen, wenn Sie glauben, daß meine ganze Erzählung ein Märchen ist; Sie würden sich täuschen und wären ungerecht. Hätte ich mich zu Opfern entschließen können, die nur die Liebe bringen darf, so wäre der Schurke höchstens eine Stunde bei mir geblieben; aber lieber hätte ich sterben wollen, als zu einem so furchtbaren Mittel greifen. Konnte ich ahnen, daß Sie in Wind und Schnee draußen standen? Sie und ich, wir waren beide zu beklagen, aber ich mehr als Sie. Es stand alles in den Sternen geschrieben, damit ich meinen Verstand verlieren sollte; denn ich besitze diesen nur noch zeitweise, und meine Krämpfe können jeden Augenblick wiederkehren. Man behauptete, ich sei behext und der Teufel sei in mich gefahren. Von alledem weiß ich nichts; aber wenn es wahr sein sollte, dann wäre ich die unglücklichste Person auf der ganzen Welt.«

Bettina schwieg und ließ ihren Tränen, Schluchzern und Seufzern freien Lauf. Ich war tief bewegt; obwohl ich fühlte, daß alles, was sie mir gesagt hatte, wahr sein konnte, so schien es doch nicht glaubhaft:

Forse era ver, ma non pero credibile
A chi del senso suo fosse signore.

Es konnte wahr sein, glaubhaft war es nicht
Für einen Menschen, der bei Sinnen war.

Aber sie weinte, und an der Echtheit ihrer Tränen konnte ich nicht zweifeln. Trotzdem schrieb ich diese Tränen nur auf Rechnung ihrer verletzten Eitelkeit; denn, um von meiner Ansicht abzugehen, mußte ich überzeugt sein, und Überzeugung gewinnt man nicht durch Wahrscheinlichkeit, sondern durch Augenschein. Ich konnte weder an Cordianis Mäßigung glauben noch an Bettinas Geduld noch an eine einfache Unterhaltung, die sieben Stunden gedauert haben sollte. Gleichwohl empfand ich ein gewisses Vergnügen daran, das falsche Geld, das sie mir aufgezählt hatte, für bare Münze zu nehmen.

Nachdem sie ihre Tränen getrocknet hatte, versenkte Bettina ihre schönen Augen in die meinen, in denen sie die deutlichen Zeichen ihres Sieges zu erkennen glaubte; aber ich überraschte sie, indem ich auf einen Punkt zu sprechen kam, den sie listigerweise bei ihrer Verteidigungsrede unbeachtet gelassen hatte. – Die Rhetorik verwendet die Geheimnisse der Natur gerade so, wie die Maler, die ihr nur nachahmen wollen. Grade das allerschönste, was sie geben, ist nicht echt.

Dieses junge Mädchen, das keine verfeinerte Bildung genossen hatte, aber von Natur außerordentlich klug war, wollte den Vorteil nicht außer acht lassen, für rein und ohne Falsch zu gelten; sie wußte, wie sehr ihr das zustatten kommen mußte, und darum rechnete sie darauf. Aber sie hatte mir bereits einen zu hohen Begriff von ihrer Gewandtheit gegeben.

»Ei, meine liebe Bettina,« sagte ich zu ihr, »Ihre Erzählung hat mich gerührt, aber wie kann ich denn Ihre Krämpfe und die Wahnsinnssymptome für natürlich halten, die Sie bei den Teufelsbeschwörungen gar so sehr grade immer im rechten Augenblick hervorbrachten, obgleich Sie sehr vernünftigerweise sagten, daß Sie in dieser Hinsicht selber Ihre Zweifel hätten?«

Sie sah mich fest an und schwieg mehrere Minuten. Dann schlug sie die Augen nieder und fing wieder an zu weinen, indem sie nur von Zeit zu Zeit sagte: »O, ich Arme! o, ich Unglückliche!« Die Situation wurde mir allmählich sehr peinlich, und ich fragte sie, was ich für sie tun könnte. Sie antwortete mir traurig: wenn mein Herz es mir nicht sagte, so wüßte ich nicht, was sie von mir verlangen könnte. »Ich glaubte«, fügte sie hinzu, »meine verlorenen Anrechte auf Ihr Herz wiedergewinnen zu können; aber ich sehe, Sie machen sich nichts mehr aus mir. Mißhandeln Sie mich nur immerzu! Nehmen Sie für erheuchelt die Qualen, die ich wirklich ausstehe, an denen Sie schuld sind, die Sie immer noch größer machen! Zu spät werden Sie dies bereuen, und in Ihrer Reue werden Sie nicht glücklich sein!«

Sie tat, als wollte sie gehen; aber ich bekam Angst, sie könnte sich etwas antun; darum rief ich sie zurück und sagte ihr, es gäbe für sie nur ein einziges Mittel, meine zärtliche Liebe zurückzugewinnen: sie müsse einen ganzen Monat frei von Krämpfen sein, und es dürfe nicht wieder vorkommen, daß der schöne Pater Mancia geholt werden müsse.

»Dies alles«, sagte sie mir, »hängt nicht von mir ab, aber was wollen Sie damit sagen, daß Sie den Jakobinermönch schön nennen? Nehmen Sie etwa an ... ?« – »O nein, o nein! Ich nehme gar nichts an! Denn um etwas anzunehmen, müßte ich eifersüchtig sein; aber ich muß Ihnen sagen: der Vorzug, den Ihre Teufel den Beschwörungen des schönen Mönches vor jenen des häßlichen Kapuziners geben, führt leicht zu Glossen, die nicht zu Ihrer Ehre ausfallen. Übrigens machen Sie, was Sie wollen.«

Hierauf ging sie, und eine Viertelstunde darauf kamen alle nach Hause. Nach dem Abendessen sagte mir die Magd, ohne daß ich sie fragte, Bettina habe sich mit einem sehr starken Fieberschauer niedergelegt, nachdem sie ihr Bett in der Küche neben dem ihrer Mutter habe aufstellen lassen. Das Fieber konnte echt sein; aber ich zweifelte daran. Ich war überzeugt, sie würde niemals sich entschließen gesund zu sein; denn sie hätte mir dadurch ein zu starkes Argument geliefert, um die angebliche Unschuld ihres Verkehrs mit Cordiani ebenfalls für erlogen zu halten. Ich sah es daher ebenfalls nur als eine List an, daß sie ihr Bett neben dem ihrer Mutter hatte aufstellen lassen.

Am andern Tage kam der Arzt Olivo und fand sie in heftigem Fieber; er sagte dem Doktor, das Fieber werde sie wahrscheinlich sehr aufgeregt machen, und sie werde tolle Reden führen; daran werde aber kein Teufel schuld sein, sondern eben das Fieber. Wirklich delirierte Bettina den ganzen Tag, der Doktor aber verließ sich auf den Ausspruch des Arztes und schickte nicht nach dem Jakobiner, soviel seine Mutter auch redete. Das Fieber dauerte fort und wurde immer stärker, und am vierten Tage brachen die Pocken aus. Cordiani und die beiden Feltrini, die die Krankheit noch nicht gehabt hatten, wurden sofort aus dem Hause geschafft; mit mir war es anders, und ich blieb daher allein zurück.

Das arme Mädchen war dermaßen von den Pestheulen bedeckt, daß am sechsten Tage an ihrem ganzen Leibe kein Stückchen Haut mehr zu sehen war. Ihre Augen waren ganz zugeschwollen, und man gab die Hoffnung auf, sie am Leben zu erhalten, als man bemerkte, daß Mund und Schlund so voll von Beulen waren, daß nur noch ein paar Tropfen Honig in die Speiseröhre eingeflößt werden konnten. Abgesehen vom Atmen lag sie völlig bewegungslos da. Ihre Mutter wich nicht von ihrem Bett, und man fand mich bewunderungswürdig, als ich mir meinen Tisch und meine Schulbücher an dieses Bett bringen ließ. Das arme Kind sah fürchterlich aus: ihr Kopf hatte um ein Drittel an Umfang zugenommen, von ihrer Nase war nichts mehr zu sehen, und man befürchtete, sie würde auf alle Fälle ihre Augen verlieren, selbst wenn sie mit dem Leben davonkäme. Am unangenehmsten war mir der Geruch ihrer Ausdünstung, aber standhaft ertrug ich auch diesen.

Am neunten Tage kam der Gemeindepfarrer, erteilte ihr die Absolution und versah sie mit der heiligen Ölung; dann sagte er, er lasse sie in Gottes Hand. Bei dieser an sich so traurigen Szene mußte ich über die Reden der Mutter und des Doktors lachen. Die gute Frau wollte wissen, ob der Teufel, von dem sie besessen wäre, sie jetzt noch zu Tollheiten antreiben könnte, und was aus dem Teufel würde, wenn Bettina stürbe. Denn sie hielt ihn, so sagte sie, nicht für so dumm, daß er in einem so ekelerregenden Körper bleiben würde; vor allem aber wünschte sie zu wissen, ob der Teufel sich der Seele ihrer armen Tochter bemächtigen könnte. Der Doktor gab als ubiquistischer Theologe auf alle diese Fragen Antworten, in denen keine Spur von gesundem Menschenverstand war, so daß dadurch die Verlegenheit der armen Mutter nur noch größer wurde.

Am zehnten und elften Tage stand es mit Bettina anscheinend so schlecht, daß wir jeden Augenblick erwarteten, sie zu verlieren. Die Krankheit war auf ihrem Höhepunkt; die Arme verbreitete einen so furchtbaren Geruch, daß niemand es mehr bei ihr aushalten konnte. Nur ich ging nicht von ihrer Seite, denn ihr Zustand machte mich untröstlich. Das menschliche Herz ist ein Abgrund; denn – sollte man es glauben? – in diesem entseuchen Zustand flößte Bettina mir die ganze Zärtlichkeit ein, die ich nach ihrer Heilung ihr bewies.

Am dreizehnten Tage hörte das Fieber auf, und Bettina wurde von einem unerträglichen Jucken gequält, das sich durch keine Arznei so wirksam hätte lindern lassen wie durch die Worte, die ich jeden Augenblick wiederholte: »Bettina! Denken Sie dran, daß Sie jetzt gesund werden, aber wenn Sie's wagen, sich zu kratzen, so bleiben Sie so häßlich, daß kein Mensch Sie mehr liebhaben wird.«

Welcher Arzt aus der ganzen Welt weiß ein stärkeres Verhinderungsmittel gegen das Jucken für ein junges Mädchen, welches weiß, daß es schön gewesen ist und sich in Gefahr sieht, durch eigene Schuld häßlich zu werden, wenn es sich kratzt?

Endlich öffnete sie zum erstenmal wieder ihre schönen Augen; man legte sie in ein frisches Bett und trug sie in ihre Kammer; doch mußte sie noch bis Ostern das Bett hüten. Sie impfte mir einige Pocken ein, von denen drei auf meinem Gesicht unverwischbare Spuren zurückgelassen haben. Aber sie machten mir Ehre bei Bettina, denn sie waren ein Zeichen meiner treuen Pflege, und sie erkannte jetzt an, daß ich ihre ausschließliche Zärtlichkeit verdiene. Darum liebte sie mich von nun an ohne jede Verstellung, und ich liebte sie ebenso zärtlich, ohne jedoch eine Blume zu pflücken, die das Schicksal im Bunde mit dem Vorurteil für die Ehe aufbewahrte. Aber für was für eine jämmerliche Ehe! Zwei Jahre später heiratete Bettina einen Schuster, namens Pigozzo, einen gemeinen Schuft, der sie arm und unglücklich machte, so daß ihr Bruder, der Doktor, sie von ihm fortnehmen und für sie sorgen mußte. Als der gute Doktor fünfzehn Jahre darauf zum Erzpriester der Kirche von San Giorgio di Piano gewählt wurde, nahm er sie mit. Dort traf ich, als ich vor achtzehn Jahren ihn besuchte, Bettina als alte und todkranke Frau. Sie verschied vor meinen Augen im Iahre 1776, vierundzwanzig Stunden nach meiner Ankunft in ihrem Hause. Ich werde von diesem Todesfall noch sprechen, wenn ich so weit bin.

Etwa um diese Zeit kam meine Mutter von St. Petersburg zurück, wo die Kaiserin Anna Iwanowna die italienische Komödie nicht unterhaltend genug fand. Die ganze Truppe war wieder in Italien, und meine Mutter hatte die Reise in Gesellschaft des Harlekins Carlino Bertinazzi gemacht, der 1783 in Paris starb. Kaum in Padua eingetroffen, ließ sie dem Doktor Gozzi ihre Ankunft melden, und dieser eilte mit mir in das Gasthaus, wo sie wohnte. Wir aßen zusammen, und beim Abschied schenkte sie dem Dortor einen schönen Pelz und gab mir für Bettina ein schönes Luchsfell. Sechs Monate später ließ sie mich nach Venedig kommen, um mich vor ihrer Abreise nach Dresden noch einmal zu sehen. Sie war auf Lebenszeit für das Theater des Kurfürsten von Sachsen und Königs von Polen, August des Dritten, engagiert. Sie nahm meinen damals achtjährigen Bruder Giovanni mit, der bei der Abreise wie ein Verzweifelter weinte, weswegen ich ihn für einen großen Dummkopf hielt, denn bei dieser Abreise war wirklich nichts Tragisches. Er ist der einzige von unserer Familie, der sein Glück ganz und gar meiner Mutter zu verdanken hatte, obwohl er nicht ihr Liebling war.

Hierauf verbrachte ich noch ein Jahr in Padua, um die Rechte zu studieren; im Alter von sechzehn Iahren wurde ich Doktor; mein Thema im bürgerlichen Recht lautete: De Testamentes. – Die Testamente; im kanonischen Recht: Utrum Hebraei possint construere novas synagogas. – Dürfen die Juden neue Synagogen bauen? Mein Beruf war das Studium und die Ausübung der Heilkunst, denn zu diesem Beruf fühlte ich eine starke Hinneigung. Aber es wurde nicht auf mich gehört, man verlangte von mir, daß ich mich dem Studium der Gesetze widmete, gegen die ich innerlich eine unüberwindliche Abneigung hatte. Man behauptete, ich könnte mein Glück nur machen, wenn ich Advokat würde – und was noch schlimmer war: geistlicher Advokat. Wäre man vernünftig gewesen, so hätte man mich meiner Neigung folgen lassen, und ich wäre Arzt geworden, hätte also einen Beruf ergriffen, wo man mit Scharlatanerie noch mehr ausrichten kann als im Advokatenstande. Ich bin weder Advokat noch Arzt geworden, und anders konnte es auch nicht kommen. Freilich ist dies der Grund, warum ich niemals etwas von Advokaten wissen wollte, wenn ich Ansprüche vor Gericht zu vertreten hatte, und ebensowenig je einen Arzt rief, wenn ich krank war. Das Rechtswesen richtet viele Familien zugrunde und verhilft nur wenigen zu dem ihrigen; und durch die Ärzte kommen viel mehr Menschen um, als mit ihrer Hilfe gesund werden. Dies scheint mir dafür zu sprechen, daß die Welt viel weniger unglücklich sein würde, wenn es weder diese noch jene gäbe.

Da ich die Universität, den Bo, besuchte, um die Vorlesungen der Professoren zu hören, so mußte ich allein ausgehen. Dies war für mich eine Überraschung, denn bis dahin hatte ich mich niemals als einen freien Menschen betrachtet. Da ich nun die Freiheit, in deren Besitz ich mich glaubte, voll und ganz genießen wollte, so machte ich bald unter den berühmtesten Studenten die allerschlechtesten Bekanntschaften. Denn die berühmtesten müssen natürlich gerade die schlechten Subjekte sein: Wüstlinge, Spieler, Hurer, Trunkenbolde, Prasser, Verführer ehrbarer Mädchen, Raufbolde, Lügner – mit einem Wort lauter Menschen, die nicht imstande sind, auch nur das geringste Gefühl von Tugend zu hegen. Als Kamerad solcher Leute lernte ich jetzt die Welt kennen, indem ich sie im großen Buche der Erfahrung studierte.

Die Theorie der Moral und ihre Nützlichkeit für das menschliche Leben ist vergleichbar dem Vorteil, den es gewährt, wenn man sich das Inhaltsverzeichnis eines Buches ansieht, bevor man es liest; wenn man damit fertig ist, so hat man nur einen Begriff von dem Stoff, den man finden wird. Eine solche Schule der Moral bieten uns die Predigten, Lehren und Erzählungen unserer Erzieher. Wir hören alles aufmerksam an; sobald aber die Gelegenheit sich bietet, von den uns gegebenen Ratschlägen Gebrauch zu machen, bekommen wir Lust, zu sehen, ob es auch wirklich so kommen wird, wie man uns prophezeit hat. Wir überlassen uns diesem Gelüste und müssen es mit Reue büßen. Eine kleine Entschädigung ist es für uns, daß wir in solchen Augenblicken uns weise fühlen und uns berechtigt dünken, andere zu belehren; aber die von uns Belehrten machen es auch nicht besser und nicht schlimmer, als wir selber es gemacht haben; und so kommt es, daß die Welt immer auf demselben Punkt stehen bleibt oder gar noch schlimmer wird.

Als mir Doktor Gozzi Erlaubnis gab, allein auszugehen, offenbarten sich mir mehrere Wahrheiten, die ich bis dahin nicht nur nicht gekannt, sondern nicht einmal geahnt hatte. Kaum tauchte ich in der Studentenschaft auf, so machten sich die flottesten Bursche an mich heran, um zu sehen, wes Geistes Kind ich sei. Als sie in mir einen ganz krassen Fuchs entdeckten, übernahmen sie meine Erziehung, indem sie mich auf alle möglichen Leime kriechen ließen. Zu allererst verleiteten sie mich zum Spiel, und nachdem sie mir all mein bißchen Geld abgewonnen hatten, veranlagten sie mich, auf Wort zu spielen, und lehrten mich faule Schiebungen machen, um sie bezahlen zu können; da lernte ich aber auch gleich kennen, was Sorgen sind! Diese derben Denkzettel hatten aber auch ihr Gutes für mich; den ich lernte dadurch mich vor schamlosen Speichelleckern zu hüten und mich in keiner Weise auf die Anerbietungen von Schmeichlern zu verlassen. Endlich lernte ich mit Händelsuchern auskommen, deren Gesellschaft man unter allen Umständen meiden muß, wenn man nicht jeden Augenblick am Rande des Abgrundes schweben will. In die Netze gewerbsmäßiger Buhlerinnen fiel ich nicht, weil ich keine sah, die so hübsch war wie Bettina; leider wußte ich mich aber nicht ebensogut vor der Ruhmsucht zu hüten, die einem über Lebensgefahren sich hinwegsetzenden Mut entspringt.

Zu jener Zeit hatten die Studenten von Padua große Sonderrechte. Es waren Mißbräuche, die durch Verjährung gesetzlich geworden waren, wie dies ja fast von allen Sonderrechten – nicht zu verwechseln mit vernünftigen Vorrechten – gilt. Es ist eine Tatsache, daß die Studenten zur Aufrechterhaltung ihrer Sonderrechte oftmals Verbrechen begingen. Die Schuldigen wurden nicht nach der Strenge des Gesetzes bestraft, weil die Staatsräson nicht duldete, durch Strenge den Zufluß der Schüler zu mindern, die aus ganz Europa der berühmten Universität zuströmten. Die venezianische Regierung befolgte den Grundsatz, berühmte Professoren mit hohen Gehältern anzustellen und die Studenten, die die Lehrsäle füllten, in der größten Ungebundenheit walten zu lassen. Die Studenten hatten nur einen einzigen über sich, den sogenannten Sindaco. Dies war ein ausländischer Edelmann, der ein Verzeichnis der Studierenden zu führen hatte und dem Staate gegenüber für deren Verhalten aufkam. Er war verpflichtet, sie der Gerechtigkeit zu überliefern, wenn sie die Gesetze übertraten, und die Studenten unterwarfen sich seinen Urteilssprüchen, weil er sie unfehlbar verteidigte, wenn sie nur einen Schein Rechtens für sich hatten.

Die Studenten wollten zum Beispiel nicht dulden, daß die Zollbeamten ihren Koffer durchsuchten, und die gewöhnlichen Sbirren würden niemals gewagt haben, einen zu verhaften. Sie trugen verbotene Waffen, so viel es ihnen beliebte; betrogen ungestraft alle Mädchen, die nicht von den Angehörigen vor ihren Nachstellungen bewahrt wurden; störten oft die nächtliche Ruhe durch frechen Lärm – kurz, es war eine zügellose Jugend, die an nichts anderes dachte, als ihren Launen nachzugehen und ohne Rücksicht auf ihren Nächsten zu jubeln und zu tollen. Es begab sich, daß ein Sbirre in ein Kaffeehaus eintrat, wo zwei Studenten saßen. Einer von diesen wies ihn hinaus; der Sbirre weigerte sich zu gehen, und der Student feuerte einen Pistolenschuß auf ihn ab, traf ihn aber nicht. Der Sbirre schoß wieder; er hatte besser gezielt und verwundete seinen Angreifer; dann ergriff er die Flucht. Sofort versammelten die Studenten sich im Bo, bildeten Banden und rannten durch die ganze Stadt, um Sbirren totzuschlagen und dadurch die erlittene Schmach zu sühnen; aber bei einem dieser Zusammenstöße blieben zwei Studenten tot auf dem Platze. Nun versammelten alle Burschen sich in corpore und schwuren, die Waffen nicht eher niederzulegen, als bis in Padua keine Sbirren mehr wären. Die Regierung mischte sich ein, und der Sindaco erbot sich, die Studenten zur Niederlegung der Waffen zu bewegen, falls ihnen Genugtuung werde; denn die Sbirren seien im Unrecht. Der Häscher, der den Studenten im Kaffeehause verwundet hatte, wurde gehängt, und damit war der Friede wiederhergestellt.

Während der acht Tage, die diese Unruhen dauerten, ließ ich mich vom Strom mit fortreißen, soviel auch der Doktor zu reden hatte; denn da die Studenten truppweise durch die Stadt patrouillierten, wollte ich nicht weniger tapfer erscheinen als die übrigen. Mit Pistolen und Stutzen bewaffnet, durcheilte ich mit meinen Kameraden die Straßen, um den Feind aufzusuchen. Ich war, wie ich mich noch jetzt erinnere, sehr ärgerlich, daß meine Abteilung nicht einem einzigen Sbirren begegnete. Als der Krieg vorbei war, machte der Doktor sich über mich lustig, aber Bettina bewunderte meinen Mut.

Dieser ganz neue Lebenswandel kostete Geld; und da ich nicht weniger reich erscheinen wollte, als meine neuen Freunde, ließ ich mich zu Ausgaben verleiten, die ich nicht erschwingen konnte. Ich verkaufte oder versetzte alles, was ich hatte, und machte Schulden, die ich nicht bezahlen konnte. Dies waren meine ersten Sorgen; und Sorgen dieser Art sind die bittersten, die ein Jüngling haben kann. Da ich nicht mehr aus noch ein wußte, schrieb ich an meine gute Großmutter um Hilfe; anstatt mir aber Geld zu schicken, kam sie, am 1. Oktober 1739, selber nach Padua und nahm mich mit sich nach Venedig, nachdem sie dem Doktor und Bettina für die Sorgfalt, die sie mir hatten angedeihen lassen, herzlich gedankt hatte.

Beim Abschied schenkte mir der Doktor unter strömenden Tränen das Liebste, was er besaß: eine Reliquie von ich weiß nicht mehr welchem Heiligen. Ich würde sie vielleicht noch jetzt besitzen, wäre sie nicht in Gold gefaßt gewesen. Ein Wunder hat sie gewirkt; denn sie bewahrte mich in einem dringenden Augenblick vor Not.

Seitdem wohnte ich jedesmal, wenn ich nach Padua kam, um meine juristischen Studien zu vollenden, bei dem guten Doktor. Aber icb hatte jedesmal den Kummer, in Bettinas Nähe den Lümmel zu sehen, der sie heiraten sollte und für den sie mir nicht erschaffen schien. Ich ärgerte mich, daß ein Zartgefühl, das ich mir recht bald abgewöhnte, mich veranlaßt hatte, einem solchen Kerl eine Blume zu überlassen, die ich selbst hätte pflücken können.

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