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Erinnerungen

Giacomo Casanova: Erinnerungen - Kapitel 22
Quellenangabe
typeautobio
authorCasanova
titleErinnerungen
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
volume1
year1911
senderwww.gaga.net
created20050213
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Zwanzigstes Kapitel

Ich gehe nach Gesena, um einen Schatz zu heben. – Ich lasse mich bei Franzka nieder. – Seine Tochter Genoveffa. – Ich gehe an mein Zauberwerk heran. – Störung durch furchtbares Gewitter. – Meine Angst. – Genoveffa bleibt unberührt. – Ich gebe das Unternehmen auf und verkaufe die Scheide an Capitani.

Gegen das Ende der Oper wurde ich von einem jungen Manne angeredet, der mir geradezu und ohne Umschweife sagte, ich hätte als Fremder ein großes Unrecht begangen, zwei Monate in Mantua zu bleiben, ohne das Naturalienkabinett seines Vaters, des Don Antonio de Capitani, Kommissärs und Präsidenten des Canons, gesehen zu haben.

»Mein Herr,« sagte ich zu ihm, »ich habe nur aus Unwissenheit gefehlt, und wenn Sie mich morgen früh in meinem Gasthof abholen wollen, so werden Sie mir morgen abend nicht mehr denselben Vorwurf machen können, und ich werde mein Unrecht gut gemacht haben.«

Der Sohn des Canonskommissärs holte mich ab, und ich fand in seinem Herrn Vater einen der schnurrigsten Sonderlinge. Die Seltenheiten seines Kabinettes bestanden in der Genealogie seiner Familie, in magischen Büchern, Heiligenreliquien, sogenannten antediluvianischen Münzen, einem Modell der Arche, nach der Natur in dem Augenblick aufgenommen, wo Noah in dem sonderbarsten aller Häfen, auf dem Berge Ararat in Armenien landete; in mehreren Denkmünzen, von denen eine von Sesostris, eine andere von Semiramis war, und schließlich in einem alten Messer von bizarrer Form, das ganz vom Rost zerfressen war. Außerdem besaß er, aber unter Verschluß, das ganze Geräte der Freimaurerei.

»Sagen Sie mir,« sagte ich zu ihm, »welcher Zusammenhang zwischen der Naturgeschichte und diesem Kabinett besteht? Denn ich sehe da nichts, was den drei Reichen angehört.

»Wie! Sie sehen nicht das antidiluvianische Reich, das des Sesostris und das der Semiramis? Sind das nicht die drei Reiche?«

Auf die Antwort hin umarmte ich ihn mit einem Ausruf der Freude, der nur Ironie war, den er aber für Bewunderung nahm; sodann entfaltete er alle Schätze seiner komischen Gelehrsamkeit, beschrieb mir alles, was er hatte, und schloß mit seinem verrosteten Messer, von dem er behauptete, es wäre jenes, womit der heilige Petrus dem Malchus das Ohr abgehauen hätte.

»Sie besitzen dieses Messer und sind nicht Millionär?«

»Und wie könnte ich dies durch die Kraft dieses Messers werden?«

»Auf zwei Arten. Zuerst, indem Sie sich in den Besitz aller Schätze setzen, die auf dem Grund und Boden der Kirche verborgen liegen.«

»Das leuchtet ein, denn der heilige Petrus hat die Schlüssel dazu.«

»Zweitens, indem Sie es dem Papst selbst verkaufen, wenn Sie die Chirographen besitzen, die die Echtheit bestätigen.«

»Sie meinen die Bescheinigungen der Vorbesitzer? Ohne diese würde ich es nicht gekauft haben. Das alles habe ich.«

»Um so besser. Ich bin überzeugt, der Papst wird, um dieses Messer zu erlangen, Ihren Sohn zum Kardinal machen. Aber Sie werden auch die Scheide dazu haben müssen.«

»Ich habe sie nicht, aber sie ist nicht nötig. Auf jeden Fall werde ich eine dazu machen lassen.«

»Das ist nicht dasselbe. Man braucht die, in welche der heilige Petrus selbst das Messer steckte, als Gott zu ihm sagte: Mitte gladium tuum in vaginam. Sie existiert, und sie ist in den Händen einer Person, die sie Ihnen billig verkaufen könnte, sofern Sie ihm nicht das Messer verkaufen wollen, denn die Scheide ohne das Messer dient ihm zu nichts, so wie Ihnen das Messer ohne die Scheide.«

»Und wieviel würde sie mir kosten?«

»Tausend Zechinen.«

»Und wieviel würde er mir für das Messer geben ?«

»Tausend Zechinen, denn das eine ist soviel wert wie das andere.«

Der Kommissär sah ganz verdutzt seinen Sohn an und sagte ihm in einem gewichtigen Ton:

»Nun! mein Sohn, hättest du jemals geglaubt, daß man mir tausend Zechinen für dieses Messer anbieten würde?«

Er öffnete hierauf eine Schublade und zog einen alten Zettel heraus, den er vor mir entfaltete. Dieser war hebräisch beschrieben und trug die Zeichnung des Messers. Ich tat, als bewunderte ich ihn, und riet ihm dringend, die Scheide zu kaufen.

»Es ist weder nötig, daß ich die Scheide kaufe, noch daß Ihr Freund das Messer kauft, denn wir können die Schätze zusammen heben.«

»Keineswegs. Die magische Vorschrift verlangt, daß der Eigentümer des Schwertes in vagina nur eine Person sei. Wenn der Papst es besäße, so könnte er durch eine magische Operation, die ich kenne, jedem christlichen König, der die Rechte der Kirche beeinträchtigen wollte, ein Ohr abhauen.«

»Das ist merkwürdig! Allein tatsächlich sagt das Evangelium, daß der heilige Petrus jemandem das Ohr abhieb.«

»Ja, einem König.«

»O, nicht einem König!«

»Einem König sage ich Ihnen. Erkundigen Sie sich, ob Malchus, Malek oder Melek nicht König heißt.«

»Und wenn ich mich entschlösse, mein Messer zu verkaufen, wer würde mir die tausend Zechinen geben?«

»Ich. Die Hälfte morgen bar und die anderen fünfhundert in einem Wechsel, zahlbar in einem Monat.«

»Das läßt sich hören. Machen Sie mir das Vergnügen, morgen bei uns eine Schüssel Makkaroni zu speisen, und wir werden unter dem Siegel des größten Geheimnisses von einer wichtigen Angelegenheit sprechen.«

Ich nahm an und ging, entschlossen, den Scherz weiter zu treiben. Am nächsten Tag war ich dort, und er sagte mir sofort, er wisse, wo ein Schatz im Kirchenstaate vergraben liege, und er habe sich entschlossen, die unerläßliche Scheide zu kaufen. Überzeugt, daß er mich nicht beim Worte nehmen würde, zog ich meine mit Gold gefüllte Börse hervor, indem ich zu ihm sagte, ich wäre bereit, den Handel abzuschließen.

»Der Schatz«, sagte er mir, »ist Millionen wert, aber gehen wir speisen. Sie werden nicht von Silbergeschirr essen, aber von Raffaelscher Mosaik.«

»Herr Kommissär, Sie sind ein prachtliebender hoher Herr. Das ist besser als versilbertes Geschirr, obwohl ein Dummkopf darin nur elendes irdenes Geschirr erblicken wird.«

Das Kompliment gefiel ihm.

»Ein wohlhabender Mann,« sagte er mir nach dem Essen, »der im Staate des Papstes wohnhaft und Herr des Landgutes ist, auf dem er mit seiner ganzen Familie lebt, ist überzeugt, in seinem Keller einen Schatz zu haben. Er hat meinern Sohn geschrieben, daß er bereit sei, alle nötigen Ausgaben zu machen, um sich in dessen Besitz zu setzen, wenn er einen Magier finden könnte, der ihm den Schatz höbe.

Der Sohn, der bei diesem Gespräch zugegen war, zog aus seiner Tasche einen Brief, aus dem er mir einige Stellen vorlas, indem er mich um Verzeihung bat, wenn er mir nicht den ganzen Brief zu lesen gäbe, da er das Geheimnis zu halten versprochen hätte. Allein, ohne daß er es bemerkte, hatte ich Cesena, den Namen des Ortes, gelesen, und das genügte mir.

»Es handelt sich also darum,« begann der Vater wieder, »mir auf Kredit die unerläßliche Scheide zu kaufen, denn ich habe für den Augenblick kein bares Geld. Sie können dreist meine Wechsel girieren und wenn Sie den Magier kennen, so können Sie sich mit ihm in den Gewinn teilen.«

»Der Magier ist schon da: ich bin es selbst. Allein, wenn Sie mir nicht zunächst meine fünfhundert Zechinen auszahlen, so werden wir nichts ausrichten.«

»Ich habe kein Geld.«

»Verkaufen Sie mir also das Messer.«

»Nein.«

»Sie haben unrecht, denn jetzt, da ich es gesehen habe, habe ich die Macht, es Ihnen wegzunehmen. Indessen bin ich ein anständiger Mensch und will Ihnen diesen Streich nicht spielen.«

»Sie sind der Herr, mir mein Messer zu entführen? Ich wünschte davon überzeugt zu werden, denn ich glaube nicht daran.«

»Sie glauben nicht daran? Sehr gut. Morgen werden Sie es nicht mehr haben. Ist es aber einmal in meiner Gewalt, so machen Sie sich keine Hoffnung, daß ich es Ihnen wiedergebe. Ein Elementargeist, der zu meinem Befehl steht, wird es mir um Mitternacht bringen, und derselbe Geist wird mir sagen, wo Ihr Schatz ist.«

»Bewirken Sie, daß er es Ihnen sagt, und ich werde überzeugt sein.«

»Man gebe mir Feder, Tinte und Papier.«

Ich machte mich daran, mein Orakel zu befragen, und ließ dieses antworten, der Schatz liege am Ufer des Rubikon.

»Das ist«, sagte ich ihnen, »ein Wildbach, der ehemals ein Fluß war.«

Sie befragten ein Nachschlagebuch und fanden, daß der Rubikon bei Cesena vorübergeht. Ich sah sie verblüfft. Da ich ihnen die Freiheit lassen wollte, falsch zu urteilen, ging ich.

Es hatte mich die Lust gepackt, nicht etwa fünfhundert Zechinen diesen armen Dummköpfen zu rauben, sondern auf ihre Kosten sie bei dem anderen Tölpel in Cesena zu beheben und mich dabei etwas auf ihre Rechnung lustig zu machen. Mich verlangte danach, die Rolle eines Magiers zu spielen. Zu diesem Behufe begab ich mich, als ich das Haus des lächerlichen Antiquars verließ, auf die öffentliche Bibliothek, wo ich mit Hilfe eines Nachschlagebuchs folgendes Stück ulkiger Gelehrsamkeit aufschrieb:

»Der Schatz liegt seit sechs Jahrhunderten siebzehn und eine halbe Klafter tief unter der Erde. Sein Wert beläuft sich auf zwei Millionen Zechinen. Sie sind in einer Kiste eingeschlossen, derselben, die Gottfried von Bouillon der Markgräfin Mathilde von Tuscien im Jahre 1081 raubte, als er dem Kaiser Heinrich dem Vierten beistehen wollte, die Schlacht gegen diese Fürstin zu gewinnen. Sie wurde von ihm selbst, an dem Ort, wo sie sich noch befindet, vergraben, bevor er zur Belagerung von Rom schritt. Da Gregor der Siebente, der ein großer Zauberer war, erfahren hatte, wo die Kiste eingegraben war, so hatte er sich entschlossen, sie persönlich zu heben, allein der Tod durchkreuzte seine Pläne. Nach dem Tode der Gräfin Mathilde im Jahre 1116 gab der Genius, der über die verborgenen Schätze gebietet, diesem sieben Hüter. In einer Vollmondsnacht wird ein gelehrter Philosoph den Schatz bis zur Oberfläche des Bodens heben können, indem er sich in dem Circulus maximus hält.«

Ich erwartete den Vater oder den Sohn bei mir zu sehen und sah sie am nächsten Tage alle beide erscheinen. Nach einigen unbedeutenden Gesprächen gab ich ihnen meine auf der Bibliothek zusammengestellte Notiz, die Geschichte von dem der Gräfin Mathilde geraubten Schatz.

Ich sagte ihnen, ich wäre entschlossen, den Schatz zu heben, und versprach ihnen den vierten Teil, vorausgesetzt, daß sie sich entschließen würden, die Scheide zu erwerben. Hierauf fügte ich die Drohung hinzu, ihnen das Messer fortzunehmen.

»Ich werde mich entschließen,« sagte der Kommissär zu mir, »sobald ich die Scheide gesehen habe.«

»Ich bin bereit, mein Herr, sie Ihnen morgen zu zeigen«, erwiderte ich ihm.

Hierauf trennten wir uns, gegenseitig miteinander sehr zufrieden. Um eine geeignete Scheide für das wunderbare Messer herzustellen, mußte ich den bizarrsten Gedanken der wunderlichsten Form anpassen. Ich hatte die Form des Messers im Kopf, und indem ich darüber nachdachte, wie ich irgend etwas Außerordentliches, aber für den Gegenstand Passendes, hervorbringen könnte, sah ich im Hof eine alte Schlappe, den Uberrest eines Reiterstiefels, und dies bestimmte meinen Entschluß. Ich nahm diese alte Sohle, ließ sie kochen und brachte darin eine Öffnung an, in die das Messer unfehlbar hineingehen mußte. Hierauf beschnitt ich sie an allen Seiten, um sie unkenntlich zu machen; ich rieb sie mit Bimsstein, Ocker und Sand, und es gelang mir, ihr eine so komische antike Form zu geben, daß ich mich des Lachens nicht enthalten konnte. Als ich sie dem Kommissär übergab und er das Messer hineingesteckt hatte, welches vollkommen paßte, war der gute Mensch ganz erstaunt. Wir speisten zusammen, und nach dem Essen beschlossen wir, sein Sohn solle mich begleiten, um mich dem Herrn des Hauses, wo der Schatz war, vorzustellen; ich sollte einen Wechsel von tausend römischen Talern aus Bologna und auf Order seines Sohnes erhalten. Aber er sollte auf meine Order nur dann übergehen, wenn ich den Schatz gehoben hätte, und das Messer in der Scheide sollte nur in meine Hände kommen, wenn ich es brauchte, um die große Beschwörung zu machen. Bis zu diesem Augenblick sollte sein Sohn es immer bei sich haben.

Nachdem ich diese Bedingungen angenommen hatte, verpflichteten wir uns schriftlich und setzten die Abreise für den zweitnächsten Tag fest. Im Augenblick unserer Abreise gab der Vater seinem Sohne den Segen und sagte mir, er sei Pfalzgraf, indem er mir das Diplom zeigte, das ihm der Papst darüber hatte ausfertigen lassen. Ich umarmte ihn, indem ich ihn Herr Graf nannte, und nahm seinen Wechselbrief.

Nachdem ich Marina, die ich als die begünstigte Geliebte des Grafen Arcorati verließ, Lebewohl gesagt und von Balletti, den ich sicher war, in Venedig vor einem Jahre wiederzusehen, Abschied genommen hatte, ging ich mit meinem Freund O'Neilen soupieren.

Am Morgen schifften wir uns ein nach Ferrara und fuhren dann über Bologna nach Cesena weiter, wo wir in der Post abstiegen. Nachdem wir in aller Frühe aufgestanden waren, machten wir einen Spaziergang zu Giorgio Franzia, einem reichen Bauern, dem Herrn des Schatzes. Er wohnte eine Viertelmeile vor der Stadt, und unsere unerwartete Ankunft überraschte ihn angenehm. Er umarmte Capitani, den er kannte, dann ließ er mich mit seiner Familie allein und ging mit meinem Gefährten hinaus, um von Geschäften zu sprechen.

Mich auf das Beobachten verlegend, forschte ich alle Familienmitglieder aus und warf meine Augen auf die älteste Tochter. Ihre jüngere Schwester war häßlich, und ihr Bruder war ein wahrer Tropf. Die Mutter schien die Herrin des Hauses zu sein, und drei oder vier Dienstboten bestellten das Hauswesen.

Die älteste Tochter nannte sich Genovessa, wie fast alle Bäuerinnen in der Gegend von Cesena. Sobald ich ihren Namen wußte, sagte ich zu ihr, sie müßte achtzehn Jahre alt sein, aher mit einer halb ernsten, halb gekränkten Miene erwiderte sie mir, da täuschte ich mich hübsch, denn sie wäre nur vierzehn Jahre alt.

»Ich bin darüber entzückt, mein liebenswürdiges Kind.«

Das heiterte ihre Miene auf.

Das Haus hatte eine gute Lage und stand auf vierhundert Schritt von allen Seiten frei da. Ich sah mit Vergnügen, daß ich gut untergebracht sein würde, aber ich bemerkte mit Verdruß eine stinkende Ausdünstung, die die Luft verpestete und die den Geistern, die ich beschwören sollte, nicht gefallen konnte.

»Frau Franzia,« sagte ich zu der Hausfrau, »woher kommt dieser schlechte Geruch?«

»Von dem Hanf, den wir eingeweicht haben.«

Da ich glaubte, daß ich nicht mehr von der Wirkung würde zu leiden haben, nachdem die Ursache entfernt wäre, so sagte ich zu ihr:

»Für welchen Betrag besitzen Sie davon, beste Frau?«

»Für vierzig Taler.«

»Hier sind sie. Der Hanf gehört mir, und ich werde Ihrem Mann sagen, daß er ihn sofort wegschaffen läßt.«

Da mich mein Begleiter gerufen hatte, ging ich hinunter. Franzia erwies mir alle Ehren, die er dem berühmtesten Zauberer schuldig zu sein glaubte, obwohl ich nicht das Aussehen eines solchen hatte.

Wir kamen überein, daß er ein Viertel des Schatzes erhalten sollte, ein anderes Viertel sollte Capitani und der Rest mir gehören. Wie man sieht, nahmen wir auf die Rechte des heiligen Petrus keine Rücksicht.

Ich sagte ihm, ich brauchte ein Zimmer mit zwei Betten für mich allein und ein Vorzimmer mit einer Badewanne. Capitani sollte mir gegenüber wohnen, und ich müßte in meinem Zimmer drei Tische, zwei kleine und einen großen, haben. Ich sagte ihm, es wäre unerläßlich, daß er mir eine jungfräuliche Näherin im Alter von vierzehn bis achtzehn Jahren besorgte. Das Mädchen müßte aber das Geheimnis treu bewahren und ebenso alle Leute des Hauses. damit die Inquisition keinen Wind davon bekäme, weil in diesem Falle alle Operationen unnütz wären.

»Ich werde«, sagte ich zu ihm, »von morgen an bei Ihnen wohnen, täglich zwei Mahlzeiten nehmen, und ich kann zu meinen Mahlzeiten nur Jeveser trinken. Zum Frühstück darf ich nur Schokolade nehmen, die ich mir selbst zubereite und mit der ich versehen bin. Wenn mein Unternehmen mißlingt, bezahle ich alle Auslagen, die Sie etwa haben sollten. Sie werden sofort den Hanf weit genug wegschaffen lassen, damit sein Geruch nicht die Geister belästigt, die ich beschwören soll; sodann werden Sie die Luft mit Schießpulver reinigen lassen. Jetzt sorgen Sie für einen vertrauenswürdigen Menschen, der morgen unsere Sachen aus dem Gasthof holt, und halten Sie hundert neue Kerzen und drei Fackeln zu meiner Verfügung bereit.«

Bei diesen Worten verließ ich Franzia und nahm mit Capitani den Weg nach Cesena. Aber ich war noch nicht hundert Schritte von ihm weg, als ich ihn hinter uns herlaufen hörte.

»Mein Herr,« sagte er zu mir, »halten Sie ein, ich bitte Sie, nehmen Sie die vierzig Taler zurück, die Sie meiner Frau für den Hanf gegeben haben.«

»Nein, mein Herr, das werde ich nicht tun, denn Sie dürfen durchaus keinen Verlust erleiden.«

»Nehmen Sie sie zurück, ich bitte Sie, denn ich kann den Hanf leicht im Laufe des Tages um vierzig Taler verkaufen.«

»Dann«, sagte ich zu ihm, »willige ich ein; ich vertraue auf Ihr Wort.«

Mein Verhalten machte auf den Mann den tiefsten Eindruck, und er betrachtete mich nur mit der größten Verehrung. Aber diese Verehrung erhöhte sich noch, als ich, trotz dem Zureden meines Begleiters, die hundert Zechinen, die er mir für meine Reisekosten aufdrängen wollte, hartnäckig anzunehmen mich weigerte. Ich entzückte ihn, als ich ihm sagte, unmittelbar vor dem Besitze eines Schatzes achte man nicht auf solche Kleinigkeiten.

Nachdem am nächsten Tage unser Gepäck uns vorausgegangen war, fanden wir uns bei dem reichen und einfältigen Franzia ausgezeichnet untergebracht.

Er setzte uns ein Mittagsmahl vor, das gut, aber zu verschwenderisch zubereitet war, und ich sagte ihm, er solle sparsamer sein und mir am Abend einfach gute Hausmannskost geben; dies geschah. Nach dem Abendessen suchte mich der Biedermann Franzia auf und sagte mir, was das junge jungfräuliche Mädchen anbeträfe, so glaubte er, die richtige in seiner Tochter Genoveffa zu besitzen; er hätte darüber seine Frau zu Rate gezogen, und ich könnte dessen gewiß fein.

»Es ist gut,« sagte ich zu ihm, »aber jetzt sagen Sie mir, welche Gründe sie haben, um zu glauben, daß Sie einen Schatz in Ihrem Hause besitzen?«

»Zuerst«, erwiderte er, »die mündliche Überlieferung vom Vater auf den Sohn seit acht Generationen; schließlich die lauten Schläge, die man während der Nacht unter der Erde hört. Überdies öffnet und schließt sich die Türe meines Kellers von selbst alle drei oder vier Minuten, was sicher ein Werk der Dämonen ist, die wir alle Nächte in der Form von pyramidenartigen Flammen auf dem Felde herumirren sehen.«

»Wenn es sich so verhält, dann ist es so sicher wie zweimal zwei vier, daß Sie im Hause einen verborgenen Schatz haben. Hüten Sie sich wohl, ein Schloß an die Türe zu legen, die sich wie von selbst öffnet und schließt, denn Sie würden ein Erdbeben hervorrufen, das aus dem ganzen Umkreis einen Abgrund bilden würde. Die Geister wollen frei sein und zerbrechen alle Hindernisse, die man ihnen entgegenstellen will.«

»Gott sei gelobt, daß ein Gelehrter, den mein Vater vor vierzig Jahren kommen ließ, uns dasselbe gesagt hat. Dieser große Mann hätte nur drei Tage mehr gebraucht, um den Schatz zu heben, als mein Vater erfuhr, daß die Inquisition sich seiner bemächtigen wollte, und ihn schnell entfliehen ließ. Sagen Sie mir bitte, weshalb die Magie nicht der Inquisition widerstehen kann?«

»Weil die Mönche eine noch größere Zahl von Teufeln zu ihrer Verfügung haben als wir. Aber ich bin überzeugt, daß Ihr Vater schon viel für diesen Gelehrten ausgegeben hatte.«

»Ungefähr zweitausend Taler.«

»Mehr, mehr!«

Ich hieß ihn mir folgen, und um etwas Magisches zu tun, tauchte ich eine Serviette in Wasser. Indem ich fürchterliche Worte ausstieß, die keiner Sprache angehörten, wusch ich ihnen allen die Augen, die Schläfen und die Brust, die Genoveffa mir vielleicht nicht ausgeliefert haben würde, wenn ich nicht mit der ihres Vaters, ihrer Mutter und ihres Bruders begonnen hätte. Ich ließ sie auf eine Brieftafche, die ich aus meiner Tasche zog, schwören, daß sie keine unreine Krankheit besäßen und schließlich mußte Genoveffa schwören, daß sie Jungfrau wäre. Da ich sie bis in das Weiße der Augen erröten sah, als sie mir diesen Eid leistete, so hatte ich die Grausamkeit, ihr zu erklären, was es wäre; schließlich aber, da ich sie neuerdings schwören lassen wollte, sagte sie mir, es wäre nicht nötig, daß sie ihren Schwur wiederholte, denn sie wüßte, was es wäre. Ich befahl hierauf ihnen allen, mir einen Kuß zu geben, und als ich dabei merkte, daß Genoveffa Knoblauch gegessen hatte, verbot ich allen, solchen zu genießen, und Giorgio versprach mir, daß man keinen mehr im Hause finden würde.

Genoveffa war keine Schönheit an Gesicht, denn sie hatte eine sonnverbrannte Hautfarbe und ihr Mund war zu groß, aber sie besaß bewunderungswürdige Zähne, und die Unterlippe stand ein wenig hervor, wie wenn sie bereit gewesen wäre, Küsse zu empfangen. Ihr Busen war gut gebaut und sehr fest, aber sie war zu blond und ihre Hände waren zu dick. Man mußte also über manche Sache hinwegsehen, übrigens war sie im ganzen ein hübscher Bissen. Meine Absicht war nicht, sie verliebt zu machen. Es genügte, sie an Gehorsam zu gewöhnen, das andere würde mit einer Bäuerin zu langweilig gewesen sein, denn in Ermangelung der Liebe ist mir eine vollständige Gefügigkeit stets als Hauptsache erschienen. Man genießt dann freilich weder Anmut noch Entzücken, aber man wird einigermaßen entschädigt durch die vollständige Herrschaft, die man ausübt.

Ich verständigte den Vater, Capitani und Genoveffa, daß sie alle in der Reihenfolge ihres Alters mit mir speisen müßten, und daß Genoveffa immer in meinem Vorzimmer schlafen würde, wohin man eine Badewanne stellen sollte, in der ich meinen Tischgenossen eine halbe Stunde, bevor er sich zu Tische setzen konnte, waschen müßte; außerdem befahl ich, daß er nüchtern zu Tische käme.

Ich verfaßte eine Liste von allen Gegenständen, die ich zu brauchen vorgab, und nachdem ich sie Franzia übergeben hatte, sagte ich zu ihm, er müsse selbst am nächsten Tage nach Cesena gehen und alles einkaufen, aber ohne zu handeln. Ich brauchte ein Stück weißer Leinwand, zwanzig bis dreißig Ellen lang, Zwirn, Scheren, Nadeln, Storar, Myrrhe, Schwefel, Olivenöl, Kampfer, ein Ries Papier, Faden, Tinte, zwölf Blätter Pergament, Pinsel und einen Olivenzweig, der groß genug wäre, um einen Stock von anderthalb Fuß Länge daraus zu machen.

Nachdem ich meine Befehle mit der ernsthaftesten Miene gegeben hatte und ohne das mindeste Bedürfnis zu lachen zu empfinden, ging ich zu Bett, ganz entzückt über meine Rolle als Magier, in der ich mich zu meinem eigenen größten Erstaunen so gewandt erblickte.

Am Morgen nach dem Aufstehen ließ ich Capitani rufen und befahl ihm, jeden Tag sich nach Cesena zu begeben, in das große Kaffeehaus zu gehen, sorgfältig auf alles zu achten, was man sich dort erzählen würde und es mir zu berichten. Franzia, meinen Befehlen gehorsam, kam gegen Mittag von der Stadt mit allen Gegenständen zurück, die ich verlangt hatte.

»Ich habe nicht gehandelt,« sagte er zu mir, »und ich bin überzeugt, die Kaufleute haben mich für einen Narren gehalten, denn ich habe wohl um ein Drittel mehr bezahlt, als die Sachen wert sind.«

»Um so schlimmer für sie, wenn sie Sie betrogen haben, aber Sie würden alles verdorben haben, wenn Sie gehandelt hätten. Schicken Sie mir Ihre Tochter und lassen Sie mich allein mit ihr.« Sobald sie gekommen war, ließ ich sie die Leinwand in sieben Stücke zerschneiden, vier von je fünf Fuß, zwei zu zwei Fuß und eines zu zwei und einem halben Fuß. Dieses letztere sollte die Kapuze des Kleides bilden, daß ich nötig hatte, um die große Beschwörung zu machen.

»Setzen Sie sich neben mein Bett,« sagte ich zu ihr, »und beginnen Sie zu nähen. Sie werden hier speisen und bis zum Abend hier bleiben. Wenn Ihr Vater kommt, werden Sie uns allein lassen, aber Sie werden zurückkommen, um sich schlafen zu legen, sobald ich ihn habe weggehen lassen.«

Sie speiste neben meinem Bett, wo die Mutter sie schweigend mit allem bediente, was ich ihr schickte, indem ich sie nur Sankt Jeveser trinken ließ. Gegen Abend, als ihr Vater gekommen war, ging sie hinaus.

Ich hatte die Geduld, den Biedermann im Bade abzuwaschen; hierauf ließ ich ihn mir mir zu Abend speisen. Er aß wie ein Werwolf, indem er mir versicherte, zum erstenmal in seinem Leben hätte er vierundzwanzig Stunden verbracht, ohne etwas zu sich zu nehmen. Betrunken vom Sankt Jeveser, legte er sich nieder und schlief einen tiefen Schlaf, bis seine Frau erschien, die mir meine Schokolade brachte. Genoveffa kam wie am Tage zuvor und nähte den ganzen Tag. Sie verschwand bei der Ankunft von Capitani, den ich wie Franzia behandelte, und am nächsten Tage war die Reihe an Genoveffa, und das war das Ziel meiner Arbeiten.

Als die Stunde gekommen war, sagte ich zu ihr:

»Gehen Sie, Genoveffa, gehen Sie, steigen Sie in das Bad und rufen Sie mich, sobald Sie darin sind, denn ich muß Sie ebenso abwaschen wie Ihren Vater und Capitani.«

Sie gehorchte, und eine Viertelstunde darauf rief sie mich. Ich nahm zahlreiche Abwaschungen nach allen Richtungen und in allen Stellungen vor, denn sie war äußerst fügsam, allein bei dieser listigen Handlungsweise litt ich in der Furcht, mich zu verraten, mehr, als ich genoß, und da meine unbescheidenen Hände alle Teile ihres Körpers berührten und sich gerne und länger an einem gewissen sehr reizbaren Ort aufhielten, so fand sich das arme Mädchen von einem Feuer durchströmt, das sie verzehrte, das sich aber durch die Aufregung selbst beschwichtigte. Ich ließ sie einen Augenblick später aus dem Bade steigen, und bevor ich sie in allen Stellungen abtrocknete, war ich nahe daran, die Magie zu vergessen, um mich der Natur hinzugeben. Allein die Natur war schneller und hatte sich schon von selbst erleichtert; so war ich imstande, den Auftritt zu beendigen, ohne den Knoten zu lösen, und indem ich sie verließ, sagte ich ihr, sie sollte sich wieder ankleiden und hierauf sofort zurückkehren.

Sie war nüchtern, und da der Hunger sie quälte, so dauerte ihre Toilette nicht lange. Sie aß mit gewaltigem Appetit, und der Sankt Jeveser, den sie wie Wasser trank, belebte ihren Teint derart, daß man seine braune Farbe nicht mehr bemerkte. Als ich nach dem Abendessen mit ihr allein geblieben war, fragte ich sie:

»Meine teure Genoveffa, hat dir das mißfallen, was ich an dir zu tun verpflichtet war.«

»Im Gegenteil, es hat mir großes Vergnügen gemacht.«

»Ich hoffe also, daß du morgen nicht böse sein wirst, nach mir in das Bad zu steigen und mich deinerseits zu waschen, wie ich es getan habe.«

»Sehr gern, aber werde ich es machen können?«

»Ich werde dich unterrichten, und in Zukunft wirst du alle Nächte in meinem Zimmer schlafen, denn ich muß mich mit eigenen Augen überzeugen, daß ich dich in der Nacht der großen Beschwörung in dem Zustand finden werde, in dem du sein sollst.«

Von Stund an nahm das junge Mädchen gegen mich eine zuversichtliche Miene an, ihre gezwungene Haltung verschwand, und sie blickte mich oft an, indem sie mir vertraulich zulächelte. Die Natur hatte gewirkt, und der Geist eines jungen Mädchens vergrößert seinen Wirkungskreis sehr stark, sobald das Vergnügen ihr Lehrer gewesen ist. Sie legte sich nieder, und da sie wohl wußte, daß sie mir nichts Neues zu zeigen hatte, hatte ihre Schamhaftigkeit nicht darunter zu leiden, daß sie sich vor mir entkleidete. Und da die Hitze die geringsten Hüllen lästig machte, so machte sie es sich ganz bequem und schlief ein. Ich machte es ebenso, aber mit einer Art Reue, mich verpflichtet zu haben, das Terrain erst in der Nacht der großen Geisterbeschwörung zu erforschen. Die Hebung des Schatzes mußte mißlingen, das wußte ich wohl, allein ich wußte auch, daß sie nicht darum mißlingen würde, weil Genoveffa sich nicht dazu eignete. Bei Tagesanbruch erhob sich das Mädchen und setzte sich an die Arbeit. Sobald sie das Kleid oder den Uberwurf beendigt hatte, ließ ich sie für mich eine Krone von Pergament mit sieben großen Zacken machen, auf die ich entsetzliche Figuren und Schriftzüge malte.

Abends, eine Stunde vor dem Essen, schickte ich mich an, in das Bad zu gehen, und Genoveffa kam herbei, sobald ich gesagt hatte, daß es Zeit zum Eintreten wäre. Sie begann mit dem größten Eifer mir dieselben Abwaschungen zu machen, wie ich ihr am Vorabend, und verfuhr dabei mit der ganzen Sanftmut und Liebenswürdigkeit, deren sie fähig war. Ich verbrachte in diesem Bad eine reizende Stunde, indem ich alles genoß, aber das Wesentliche schonte. Meine Küsse bereiteten ihr Vergnügen, sie begann mich damit zu bedecken, sobald sie sah, daß ich es ihr nicht verbot. Entzückt sie genießen zu sehen, machte ich es ihr bequem, indem ich ihr sagte, der Erfolg der großen magischen Operation hinge von dem Grade des Vergnügens ab, den sie ohne Zwang genösse. Sie machte unglaubliche Anstrengungen, um mich zu überzeugen, daß sie glücklich wäre, und ohne die Grenze überschritten zu haben, die ich mir selbst gesetzt hatte, verließen wir miteinander sehr zufrieden das Bad.

Im Augenblick, als wir uns niederlegten, sagte sie zu mir:

»Wird es der Sache schaden, wenn wir zusammen schlafen?«

»Nein, meine Teure, vorausgesetzt, daß du am Tage der großen Beschwörung Jungfrau bist, weiter ist nichts nötig.« – Bei diesen Worten warf sie sich in meine Arme, und wir verbrachten eine reizende Nacht, während welcher ich Ursache hatte, den Reichtum ihres Temperamentes und die Zurückhaltung des meinigen zu bewundern: ich wußte mich so zu mäßigen, daß ich den Eingang nicht erbrach.

Ich verbrachte einen guten Teil der folgenden Nacht mit dem Vater Franzia und Capitani, um mit meinen eigenen Augen die Erscheinungen zu sehen, von den mir der wackere Landmann erzählte. Auf dem Altan des Hofes verborgen, hörte ich deutlich unterirdische Schläge in gleichmäßigen Zwischenräumen, drei oder vier in der Minute. Das Geräusch hörte sich an, wie wenn ein riesiger Stößel in einem Messingmörser aufgestampft würde. Ich nahm meine Pistolen und stellte mich mit ihnen in die Nähe der sich bewegenden Tür, indem ich eine Blendlaterne in der Hand hielt. Ich sah die Tür sich langsam öffnen und dreißig Sekunden später sich mit Gewalt schließen. Ich öffnete und schloß sie selbst mehrmals, und da ich keinen geheimen physischen Grund bei dieser sonderbaren Erscheinung hatte entdecken können, so entschloß ich mich, selbst zu glauben, daß dabei irgendeine geschickte und verborgene Spitzbüberei im Spiele wäre, allein ich kümmerte mich nicht weiter darum, nach der Ursache zu forschen.

Wir gingen wieder hinauf und, nachdem ich mich neuerdings auf den Balkon gestellt hatte, sah ich im Hofe Schatten, die kamen und gingen. Das konnte nur die Wirkung einer feuchten und dicken Luft sein, und die pyramidenförmigen Flammen, die ich auf dem Feld irren sah, waren eine Erscheinung, die ich kannte. Ich ließ indessen meine beiden Genossen in dem Glauben, es wären Geister, die über dem Schatz wachten. Dieses Phänomen ist dem ganzen südlichen Italien eigen, wo das Feld zuweilen mit diesen Lufterscheinungen gedeckt ist, die das Volk für Teufel hält, und die leichtgläubige Unwissenheit mit dem Namen Irrgeister bezeichnet.

Leser, im folgenden wirst du sehen, wie meine magische Unternehmung endete, und wirst vielleicht ein wenig auf meine Rechnung lachen, ohne daß mich das beleidigen soll.

Am nächsten Tage mußte ich mein großes Werk vollbringen, denn sonst hätte ich, nach dem allgemein herrschenden Glauben bis zum nächsten Vollmond warten müssen. Ich mußte die Erdgeister beschwören, den Schatz bis an die Erdoberfläche emporzuheben, und zwar genau an der Stelle, wo ich meine Beschwörungen vornahm. Freilich wußte ich recht gut, daß das Zauberwerk fehlschlagen müßte, aber ich wußte auch, daß es mir nicht an Gründen fehlen würde, um Franzia und Capitani zufriedenzustellen. Auf alle Fälle mußte ich meine Zaubererrolle, die mir den allergrößten Spaß machte, gut durchführen. Ich ließ Genoveffa den ganzen Tag daran arbeiten, etwa dreißig Bogen Papier zu einem Kreise zusammenzunähen, den ich mit den seltsamsten Gestalten bemalte. Dieser Kreis, den ich Maximus nannte, hatte drei geometrische Schritte im Durchmesser. Ich hatte mir eine Art von Zepter oder Zauberstab aus dem Olivenzweig gemacht, den Franzia mir aus Cesena mitgebracht hatte. Nachdem ich mich auf diese Weise vorbereitet hatte, sagte ich zu Genoveffa, um Mitternacht, in dem Augenblick, wo ich den Zauberkreis verließe, müßte sie sich zu allem bereit halten. Dieser Befehl war ihr nicht unangenehm, denn sie brannte darauf, mir diesen Beweis ihres Gehorsams zu geben, ich meinerseits empfand das Bedürfnis, ihre Wünsche zu befriedigen, da ich mich als ihren Schuldner fühlte.

Als die Stunde gekommen war, befahl ich dem Vater, Franzia und Capitani sich auf dem Balkon aufzuhalten, einerseits um zu meinen Befehlen bereit zu sein, wenn ich sie etwa rufen sollte, andererseits um zu verhindern, daß einer von den Hausbewohnern die Vorgänge belauschen könnte. Nun legte ich selber alle weltlichen Kleider ab, zog den großen Überwurf an, der von den reinen Händen einer Jungfrau genäht worden war, ließ meine langen, dichten Haare aufgelöst herabwallen und setzte meine sonderbare Krone auf den Kopf. Den Maximus über die Schultern geworfen, in der einen Hand den Zauberstab, in der anderen das wunderwirkende Messer, so stieg ich in den Hof hinab. Dort breite ich, barbarische Wörter murmelnd, meinen Kreis aus, gehe dreimal um diesen herum und springe dann mitten in ihn hinein.

Nachdem ich zwei Minuten lang unbeweglich in hockender Stellung verharrt habe, erhebe ich mich und hefte meine Blicke auf eine große fahle Wolke, die am westlichen Himmel aufzieht, während von derselben Seite her ein mächtiger Donnerschlag erschallt. Wie erhaben wäre ich vor den blöden Augen meiner beiden Trottel dagestanden, wenn ich daran gedacht hätte, mir kurz vorher den Himmel anzusehen und die Wettererscheinung vorauszusagen!

Die Wolke breitete sich mit ungeheurer Schnelligkeit aus, und bald erschien mir das Himmelsgewölbe, wie wenn es von einem Sargtuch bedeckt wäre, woraus feurige Blitze nach allen Richtungen hervorzuckten.

Da dies alles ganz natürlich zuging, hatte ich nicht den geringsten Anlaß, überrascht zu sein. Trotzdem bekam ich etwas Angst, so daß ich den dringenden Wunsch empfand, in meinem Zimmer zu sein. Bald wuchs meine Angst, als ich unter furchtbaren Donnerschlägen einen Blitz auf den anderen folgen und rings um mich her niederfahren sah. Da erfuhr ich an mir selber, welche Wirkung eine große Furcht auf den Geist ausüben kann, denn ich bildete mir ein, daß die Blitze, die in meiner Nähe in die Erde fuhren oder unaufhörlich über meinem Kopf aufleuchteten, nur darum mir nicht den Garaus machten, weil sie nicht in meinen Zauberkreis eindringen könnten. So betete ich mein eigenes Werk an! Dieser dumme Grund hielt mich ab, den Kreis zu verlassen, obwohl ich vor Angst an allen Gliedern zitterte. Ohne diese aus feiger Furcht hervorgegangene Einbildung wäre ich nicht eine Minute länger geblieben; meine eilige Flucht hätte meinen beiden Betrogenen die Augen geöffnet, und sie würden dann gesehen haben, daß ich ganz und gar kein Zauberer, sondern ein erbärmlicher Feigling war. Der starke Wind, die widerhallenden Donnerschläge, ein durchdringender Frost und meine Angst machten, daß ich wie Espenlaub zitterte. Meine Weltanschauung, die ich über jede Anfechtung erhaben glaubte, lag in Trümmern; ich erkannte einen Gott der Rache, der bis zu diesem Augenblick gewartet hatte, um mit einem einzigen Schlage mich für alle meine Freveltaten zu bestrafen und um meinem Unglauben ein Ende zu machen, indem er mich vernichtete. Da es mir nicht möglich war, ein Glied zu rühren, so war ich überzeugt, daß selbst meine Reue zwecklos wäre, und dies vermehrte noch meine Bestürzung.

Indessen hört das Gewitter auf, ein starker Regen beginnt zu fallen, die Gefahr verschwindet, und ich fühle meinen Mut von neuem erwachen. So ist der Mensch! Oder wenigstens: so war ich damals. Der Regen strömte so reichlich, daß er die ganze Gegend überschwemmt haben würde, wenn er länger als eine Viertelstunde gedauert hätte. Mit dem Regen hörte auch der Wind auf, die Wolken hatten sich verzogen, und der Mond strahlte in seiner ganzen Schönheit an einem wunderbaren dunkelblauen Nachthimmel. Ich raffte den Zauberkreis zusammen, befahl den beiden Freunden, sie sollten zu Bett gehen, ohne ein Wort mit mir zu sprechen, und begab mich in mein Zimmer. Noch ganz mit meinen Gedanken beschäftigt, warf ich einen Blick auf Genoveffa und fand sie so hübsch, daß ich Angst bekam. Gefügig ließ ich mich abtrocknen, dann aber sagte ich in kläglichem Ton zu ihr, sie möchte sich in ihr Bett legen. Am nächsten Morgen sagte sie mir, sobald sie mich erblickte: als sie mich trotz der Hitze an allen Gliedern hätte zittern gesehen, da hätte ich ihr Angst eingeflößt.

Als ich nach einem achtstündigen Schlaf mit beruhigtem Kopf erwachte, empfand ich Abscheu vor dem Possenspiel; ich wunderte mich, daß ich bei Genoveffas Anblick gar nichts mehr fühlte. Nicht daß die willfährige Genoveffa sich geändert hätte – nein, ich war nicht mehr der gleiche. Ich befand mich in einem Zustand von Gleichgültigkeit, den ich bis dahin noch nicht gekannt hatte; die abergläubischen Gedanken, die am Abend vorher die Furcht mir eingeflößt hatte, wirkten fort, und ich glaubte zu erkennen, daß die Unschuld des jungen Mädchens vom Himmel beschützt werde, und daß ich dem furchtbarsten augenblicklichen Tode nicht entronnen wäre, wenn ich gewagt hätte, ihr die Unschuld zu rauben. Übrigens dachte ich damals in der Unvernunft meiner dreiundzwanzig Jahre, mein Entschluß habe weiter keine Bedeutung, als daß der Vater ein bißchen weniger betrogen und daß die Tochter ein bißchen weniger unglücklich sein würde – es hätte ihr denn etwa so ergehen müssen, wie der armen Lucia von Paseano.

Da nun Genoveffa in meinen Augen nur noch ein Gegenstand frommer Angst war, so entschloß ich mich, sofort abzureisen. Dieser Entschluß wurde unumstößlich durch die Befürchtung, irgendein frommer Bauer hätte mich vielleicht in meinem sogenannten Zauberkreise meinen Hokuspokus treiben sehen, die allerheiligste oder allerhöllischste Inquisition könnte von meinem frommen Eifer benachrichtigt werden und sich an meine Fersen heften, um mich in einem schönen Autodafé als Hauptperson auftreten zu lassen; und eine derartige Rolle zu spielen, daran lag mir nicht das geringste. Von dieser Möglichkeit erschreckt, ließ ich Vater Franzia und Capitani rufen und sagte ihnen, ich hätte von den sieben Erdgeistern, die den Schatz bewachten, alle möglichen Auskünfte erhalten, aber ich hätte mit ihnen ein Übereinkommen treffen müssen, die Ausgrabung des ihrer Obhut anvertrauten kostbaren Gutes noch zu verschieben. Ich sagte Franzia, ich würde alle Auskünfte, die ich die Geister mir zu geben gezwungen hätte, schriftlich hinterlassen. Ich übergab ihm auch wirklich ein ähnliches Schriftstück, wie das in der Stadtbibliothek von Mantua fabrizierte; ich sagte darin noch, der Schatz bestehe aus Diamanten, Rubinen, Smaragden und aus hunderttausend Pfund Goldstaub. Ich ließ ihn auf meine Brieftasche schwören, er solle auf mich warten, vor allem aber keinem Magier Glauben schenken, wenn er ihm nicht einen Bericht machte, der in allen Punkten mit dem ihm von mir schriftlich hinterlassenen übereinstimmte. Hierauf ließ ich die Krone und den Kreis verbrennen und übergab ihm alles übrige mit dem Befehl, es bis zu meiner Rückkehr sorgfältig aufzubewahren. Zu Capitani sagte ich, er solle sich sofort nach Cesena in den Gasthof begeben, wo wir abgestiegen wären, und dort auf den Mann warten, den Franzia schicken würde, um unsere Sachen zu bringen.

Da ich die arme Genoveffa ganz untröstlich sah, nahm ich sie beiseite und sagte ihr zärtlich, sie würde mich binnen kurzem wiedersehen. Ferner glaubte ich ihr sagen zu müssen, daß die große Beschwörung glücklich vollbracht sei, daß es daher auf ihre Jungfernschaft nicht mehr ankomme und daß sie sich verheiraten könne, sobald sie wolle oder Gelegenheit habe.

Hierauf begab ich mich sofort nach der Stadt, wo ich Capitani traf. Er wollte noch den Jahrmarkt in Lugo besuchen und dann nach Mantua zurückkehren. Der Trottel sagte mir flennend, sein Vater würde in Verzweiflung sein, wenn er ihn ohne das Messer des heiligen Petrus zurückkommen sähe.

»Ich gebe es Ihnen«, sagte ich, »samt der Scheide, wenn Sie mir dafür die tausend römischen Taler geben wollen, auf die der Wechsel lautet.«

Er fand dies Geschäft sehr vorteilhaft und willigte mit Freuden ein. Ich gab ihm seinen Wechsel zurück und ließ ihn ein Schriftstück unterzeichnen, worin er sich verpflichtete, mir meine Scheide zurückzugeben, sobald ich ihm das Geld zurückzahlte. Er wartet noch darauf.

Ich wußte mit der wunderwirkenden Scheide nichts anzufangen und hatte kein Geld nötig; aber ich hätte mich zu entehren geglaubt, wenn ich sie ihm umsonst gegeben hätte, außerdem fand ich es spaßhaft, die unwissende Leichtgläubigkeit eines Pfalzgrafen von päpstlichen Gnaden zu schröpfen. Später hätte ich ihm freilich gerne das Geld zurückerstattet, das er mir dafür gegeben hatte, aber der Zufall hat es so gefügt, daß wir uns erst sehr lange Zeit nachher wiedersahen und zudem gerade in einem Augenblick, wo die Rückerstattung mir schwierig gewesen sein würde. Ich habe also den Gewinn dieser Geldsumme nur dem Zufall zu danken gehabt, und ganz gewiß hat Capitani nie daran gedacht, sich darüber zu beklagen; denn als Besitzer des gladium cum vagina war er felsenfest überzeugt, Besitzer aller in den Staaten des Allerheiligsten Vaters vergrabenen Schätze zu sein.

Capitani reiste am nächsten Tage ab, und ich wollte mich auf den Weg nach Neapel machen; aber es kam wieder etwas dazwischen.

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