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Erinnerungen

Giacomo Casanova: Erinnerungen - Kapitel 18
Quellenangabe
typeautobio
authorCasanova
titleErinnerungen
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
volume1
year1911
senderwww.gaga.net
created20050213
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Sechzehntes Kapitel

Ich werde ein Taugenichts. – Ein großes Glück entreißt mich der Erniederigung, und ich werde ein großer Herr.

Bei einer Erziehung, die mir einen ehrenvollen Stand in der Welt hätte sichern können, bei geistigen Eigenschaften, einer guten Grundlage literarischer und wissenschaftlicher Bildung und außerdem mit jenen zufälligen physischen Eigenschaften ausgestattet, die in der Welt ein so vorteilhafter Empfehlungsbrief sind, sah ich mich im Alter von zwanzig Jahren als Jünger einer erhabenen Kunst, bei deren Ausübung man mit Recht die Mittelmäßigkeit ebenso verachtet, wie man die Überlegenheit des Talentes anerkennt. Durch meine Lage gezwungen, wurde ich Mitglied eines Orchesters, wo ich weder Achtung noch Beachtung fordern konnte, während ich natürlich erwarten mußte, zum Gelächter der Leute zu werden, die mich als Doktor, Geistlichen und Offizier gekannt hatten und die mich in der besten Gesellschaft aufgenommen und gefeiert gesehen hatten.

Ich wußte alles das, denn ich verschloß keineswegs meine Augen gegen meine Verhältnisse. Allein die Verachtung, das einzige, dem gegenüber ich nicht gleichgültig sein konnte, zeigte sich nirgends auf solche Art, daß ich sie nicht hätte übersehen können. Ich forderte sie heraus, weil ich die Überzeugung hatte, daß sie nur der Erbärmlichkeit gebührt, und ich wußte, daß ich mir keine vorwerfen konnte. Nach Achtung war ich stets begierig gewesen, aber mein Ehrgeiz schlummerte, und zufrieden damit, mir selbst anzugehören, genoß ich meine Unabhängigkeit, ohne mir wegen der Zukunft den Kopf zu zerbrechen. Ich fühlte, daß ich in meinem ersten Beruf, zu dem ich mich keineswegs berufen gefühlt hatte, meinen Weg nur als Heuchler hätte machen können, und daß ich mir selber ein Gegenstand der Verachtung geworden wäre, hätte ich auch den römischen Purpur erlangt; denn äußerliche Ehren verhindern keineswegs den Menschen, sein erster Zeuge zu sein, und seinem eigenen Gewissen kann man nicht entrinnen. Wenn ich im Gegenteil auch weiterhin mein Glück im Waffenhandwerk gesucht hätte, das nur durch den Dunst des Glückes, der ihm zum Glorienschein dient, schön erscheint, im übrigen aber der letzte Stand ist, weil man beständig das eigene Ich und jeden eigenen Willen zugunsten dessen verleugnet, was der passive Gehorsam verlangt – so hätte ich eine große Geduld haben müssen, worauf ich keinen Anspruch machen konnte, da mich jede Ungerechtigkeit empörte und jedes Joch mir unerträglich wurde, sobald ich es bemerkte. Übrigens dachte ich, daß jeder Beruf, den der Mensch sich wählt, ihm einen hinlänglichen Unterhalt gewähren sollte, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Die mittelmäßigen Bezüge eines Offiziers aber würden zu meiner Existenz nicht genügt haben, weil ich infolge meiner Erziehung größere Bedürfnisse hatte, als die eines Offiziers im allgemeinen sind. Indem ich die Geige spielte, verdiente ich genug, um mich durchzubringen, ohne jemanden nötig zu haben, und ich habe immer den Menschen für glücklich gehalten, der sich rühmen kann, sich selber zu genügen. Meine Stellung war freilich nicht glänzend, aber daraus machte ich mir nichts, und indem ich alle Gefühle, die sich in mir gegen mich selbst auflehnten, als Vorurteile behandelte, nahm ich schließlich bald die Gewohnheiten meiner niederen Kameraden an. Nach dem Schauspiel ging ich mit ihnen in die Schenke, die wir betrunken verließen, um die Nacht gewöhnlich an schlechten Orten zu verbringen. Wenn wir den Platz besetzt fanden, zwangen wir die Inhaber zum Rückzuge und beraubten die unglücklichen Opfer der Verdorbenheit ihres kargen Lohnes, den ihnen das Gesetz zuerkennt, indem wir sie zwangen, sich unserer Brutalität zu unterwerfen. Aber durch eine so tadelnswerte Aufführung setzten wir uns oft der augenscheinlichsten Gefahr aus.

Oft kam es vor, daß wir in der Nacht durch verschiedene Stadtteile liefen, indem wir allen möglichen Unfug erfanden und ausführten. Einer unserer Lieblingsspäße bestand darin, die Privatgondeln vom Ufer loszumachen und sie in den Kanälen der Strömung zu überlassen, indem wir uns im voraus über alle Flüche ergötzten, die die Barkarolen am Morgen gegen uns ausstoßen würden. Oft weckten wir auch in aller Eile die ehrenwerten Hebammen auf, indem wir sie beschworen, sich zu dieser oder jener Dame zu begeben, die dann, da sie niemals schwanger gewesen war, sie bei ihrer Ankunft wie eine Verrückte behandelte. Ebenso verfuhren wir mit den Ärzten, die wir, halb angekleidet, zu diesem oder jenem großen Herrn laufen ließen, der sich ganz gesund befand. Auch die Geistlichen kamen an die Reihe. Wir schickten sie, einen Gatten zu versehen, der ruhig an der Seite seiner Frau schlief und sich gar nicht um die letzte Ölung kümmerte. Wir rissen die Glockenzüge an allen Häusern, und wenn wir eine Tür offen fanden, schlichen wir uns hinauf und erschreckten die Schläfer, indem wir ihnen zuschrien, daß das Tor ihres Hauses offen stände. Dann stiegen wir lärmend wieder hinunter und ließen das Tor weit offen.

Während einer sehr dunklen Nacht verschworen wir uns, einen großen Marmortisch umzuwerfen, der als eine Art von Denkmal mitten auf dem Platze Sant' Angelo stand. Man erzählte, daß zur Zeit der Liga von Cambrai die Kommissäre auf diesem Tische die Rekruten auszahlten, die sich für den heiligen Markus anwerben ließen. Das verschaffte ihm eine Art Verehrung.

Als wir in die Glockentürme eindringen konnten, war es für uns ein großes Vergnügen, die ganze Gemeinde alarmieren zu können, indem wir die Sturmglocke läuteten, als ob ein großer Brand wütete. Aber darauf beschränkten wir uns nicht. Wir schnitten die Glockenstricke ab, so daß die Meßner sich außerstande sahen, am Morgen die Gläubigen zur ersten Messe zu rufen. Zuweilen setzten wir, jeder in einer besonderen Gondel, über den Kanal, und wenn wir auf der anderen Seite waren, ergriffen wir die Flucht, ohne zu zahlen, so daß die Gondoliere uns wütend nachliefen.

Die ganze Stadt ertönte von Klagen, wir aber machten uns über die Verfolgungen lustig, die man anstellte, um die Störer der öffentlichen Ruhe zu entdecken. Wir hatten keine Lust etwas auszuplaudern, denn wenn man uns entdeckt hätte, so hätte man uns wohl für einige Zeit auf der Galeere des Rates der Zehn rudern lassen.

Wir waren unser sieben und manchmal acht, denn da ich viel Freundschaft für meinen Bruder Francesco hegte, so gestattete ich ihm von Zeit zu Zeit Zutritt zu unseren nächtlichen Orgien. Indessen legte endlich die Furcht diesen Schändlichkeiten, die ich damals für Jugendstreiche hielt, einen Zügel an und zwar auf folgende Weise.

In jedem der zweiundsiebzig Kirchspiele der Stadt Venedig gibt es eine große Schenke, die man Magazzino nennt. Sie ist die ganze Nacht geöffnet, und der Wein wird dort im kleinen billiger verkauft als in den anderen Schenken. Man kann dort auch essen, aber man muß von einem benachbarten Garkoch holen lassen, was man wünscht, da er für diesen Verkauf privilegiert ist und daher seinen Laden die ganze Nacht offen hält. Gewöhnlich ist dies ein Garkoch, der ein sehr schlechtes Essen zubereitet, allein da er es billig gibt, so lassen die armen Leute es sich gern schmecken, und diese Anstalten genießen den Ruf, für die niedere Klasse sehr nützlich zu sein. Niemals sieht man an diesen Orten weder den Adel, noch die gute Bürgerschaft, nicht einmal die wohlhabenden Handwerker, denn auf Peinlichkeit wird hier nicht eben großer Wert gelegt. Übrigens gibt es kleine abgesonderte Zimmer, wo an einem von Bänken umgebenen und gedeckten Tisch eine ehrbare Familie oder einige Freunde sich auf eine anständige Weise der Heiterkeit hingeben können.

Es war während des Karnevals von 1745, daß wir in einer Nacht nach zwölf Uhr alle acht maskiert herumstrichen. Damit beschäftigt, irgendeinen neuen Streich zu erfinden, der uns ergötzen konnte, traten wir in ein Magazzino des Kirchspiels della Croce, um dort zu trinken. Wir fanden niemand darin, aber in einem kleinen Zimmer nebenan entdeckten wir drei Männer, die sich sehr friedlich mit einer jungen und hübschen Frau unterhielten und dabei ihre Flaschen leerten.

Unser Führer, ein edler Venezianer aus der Familie Balbi, sagte zu uns: »Es wäre ein ausgezeichneter Streich, diese drei Spitzbuben einzeln dieser hübschen Frau zu entführen, die dann notwendigerweise unter unserm Schutz zurückbleiben würde.« Sofort setzte er uns seinen Plan in allen Einzelheiten auseinander; durch unsere Masken begünstigt, traten wir in ihr Zimmer; Balbi an unserer Spitze. Unser Erscheinen überraschte die armen Leute sehr, ganz bestürzt aber wurden sie, als sie Balbi sagen hörten: »Bei Todesstrafe und auf Befehl der Häupter des Rates der Zehn ordne ich euch an, ohne den geringsten Lärm zu machen, uns sogleich zu folgen. Ihr, gute Frau, fürchtet nichts, man wird Euch nach Hause führen.« Kaum waren diese Worte ausgesprochen, als zwei unserer Genossen sich der Frau bemächtigten, um sie an den ihnen von unserem Führer bezeichneten Ort zu bringen ; wir anderen ergriffen die drei armen, ganz zitternden Männer, die an nichts weniger dachten, als uns Widerstand zu leisten.

Der Kellner des Magazzino eilte mit seiner Rechnung herbei, und unser Anführer bezahlte ihn, indem er ihm bei Todesstrafe Stillschweigen gebot. Wir führten die drei Männer in ein großes Boot, Balbi trat zum Steuer und befahl dem Schiffer am Vorderteil zu rudern. Dieser mußte gehorchen, ohne zu wissen, wohin die Fahrt ginge. Der Weg wurde vom Steuermann bestimmt, und keiner von uns wußte, wohin unser Führer die armen Teufel bringen würde.

Er schlug den Weg über den Kanal ein, verließ ihn dann und in einer Viertelstunde langten wir in San Giorgio an, wo er die drei Gefangenen aussteigen ließ, die sich sehr glücklich fanden, sich in Freiheit zu erblicken. Hierauf ließ unser Anführer, da er ermüdet war, den Schiffer ans Steuer treten und hefahl ihm, uns nach Santa Genoveffa zu bringen, wo wir nach unserer Landung ausstiegen, nachdem wir ihn gut bezahlt hatten.

Hierauf begaben wir uns auf den kleinen Platz Renier, wo mein Bruder mit einem anderen der Bande uns erwartete, indem sie mit der hübschen Frau, die weinte, auf der Erde saßen.

»Weinen Sie nicht, meine Schöne,« sagte Balbi zu ihr, »denn man wird Ihnen nichts zuleide tun. Wir werden am Rialto einen Schluck trinken, hierauf werden wir Sie sicher nach Hause geleiten.«

»Wo ist mein Mann?«

»Seien Sie ruhig, Sie werden ihn morgen früh wiedersehen.«

Durch dieses Versprechen getröstet, folgte sie uns sanft wie ein Lamm zu dem Gasthof delle Spade, wo wir in einem Zimmer des zweiten Stocks ein gutes Feuer machen ließen; nachdem wir zu essen und zu trinken bestellt hatten, schickten wir den Kellner weg und blieben allein. Dann nahmen wir unsere Masken ab, und der Anblick von acht jungen und frischen Gesichtern erfüllte die Seele der schönen Entführten mit Befriedigung. Durch die Galanterie unseres Benehmens versetzten wir sie in eine ganz behagliche Stimmung. Durch den Wein und das gute Essen ermutigt und vorbereitet durch unsere Gespräche und einige Küsse, sah sie wohl, was ihrer wartete, und schien sich gutwillig darein zu fügen. Unser Chef mußte natürlich den Tanz eröffnen; durch Höflichkeiten besiegte er das natürliche Widerstreben, das sie anfangs bezeigte, das Opfer in so zahlreicher Gesellschaft zu vollbringen. Ohne Zweifel erschien ihr die Opfergabe süß, denn, nachdem ich mich als mutiger Opferpriester zur zweiten Opfergabe angeboten hatte, empfing sie mich mit einer Art Erkenntlichkeit; und sie konnte ihre Freude nicht verbergen, sobald sie sah, daß sie bestimmt war, ebenso viele Glückliche zu machen, als wir Gäste waren. Mein Bruder allein entzog sich dem Tribute, indem er vorgab, krank zu sein, der einzige Grund, der seine Weiterung entschuldigen konnte, denn es war zu einer Art von Gesetz geworden, daß jeder von uns bei jeder Gelegenheit dasselbe tun mußte, was die anderen taten.

Nach dieser schönen Heldentat nahmen wir die Masken wieder vor, bezahlten die Rechnung und führten das glückliche Opfer nach San Giobbe, wo sie wohnte; wir verließen sie erst, als wir sie in ihr Haus eingetreten und das Tor geschlossen sahen.

Möge man sich denken, ob wir Lust hatten zu lachen, als sie uns gute Nacht wünschte, dabei in der herzlichsten und aufrichtigsten Weise sich bei uns bedankte! Wir trennten uns hierauf, und jeder ging nach Hause.

Am zweiten Tag darauf begann diese nächtliche Saturnalie Lärm zu machen. Der Gatte der jungen Frau war Weber, ebenso seine zwei Freunde. Sie vereinigten sich, um bei dem Rat der Zehn zu klagen. Diese Klage war sehr offenherzig abgefaßt und schilderte die ganze Wahrheit; aber was sie an Abscheulichem berichtete, war durch einen Umstand gemildert, der die strengen Stirnen der Richter entrunzeln mußte, da sie dem öffentlichen Gelächter einen ergiebigen Stoff bot. Die Klage besagte nämlich, daß die acht Masken an der Frau keine unangenehme Handlung begangen hätten. Die beiden Masken, die sie entführt hatten, hätten sie an den und den Ort gebracht, wohin eine Stunde später die sechs anderen gekommen wären, und alle hätten sich dann zusammen in den Gasthof »zu den Schwertern« begeben, wo sie eine Stunde mit Zechen zugebracht hätten. Die Frau wäre von den Masken sehr gut bewirtet und dann nach Hause geführt worden, wo man sie gebeten hätte, sie möchte doch entschuldigen, man hätte gerne ihrem Manne einen Streich spielen wollen. Die Klagesteller hätten die Insel nicht vor Tagesanbruch verlassen können und der Mann hätte bei seiner Rückkehr seine Frau friedlich schlafend gefunden. Bei ihrem Erwachen hätte sie ihm alles erzählt, was ihr zugestoßen wäre. Sie beklagte sich nur über die große Angst, die sie um ihren Mann ausgestanden hätte, und verlangte deswegen Gerechtigkeit und exemplarische Strafe.

In dieser Klage war alles komisch, denn die drei Trottel spielten darin die Tapferen, indem sie sagten, daß wir sie sicher nicht so folgsam gefunden hätten, wenn der Anführer nicht den achtbaren Namen des Gerichtes ausgesprochen hätte.

Die Klage brachte drei Wirkungen hervor. Zunächst machte sie die ganze Stadt lachen; zweitens gingen alle Müßiggänger nach San Giobbe, um die Geschichte aus dem Munde der Heldin selbst zu hören, was ihr mehr als ein Geschenk eintrug; und drittens endlich veranlaßte sie, daß das Gericht öffentlich eine Belohnung vou 500 Dukaten versprach, für jeden, der die Urheber der Freveltat angeben würde, selbst wenn er einer von den Übeltätern wäre, mit Ausnahme des Anführers.

Diese Bekanntmachung würde uns Furcht eingejagt haben, wäre nicht unser Anführer, gerade der einzige, der an uns zum Verräter zu werden imstande gewesen wäre, ein Patrizier gewesen. Diese Eigenschaft unseres Hauptes beruhigte mich sogleich, denn ich wußte, daß, selbst wenn einer von uns sich so erniedrigen hätte können, daß er sich die Summe um den Preis eines Verrates hätte verschaffen wollen, das Gericht nichts unternommen haben würde, um nicht verpflichtet zu sein, einen Patrizier bloßzustellen. Der Verräter fand sich aber nicht unter uns, obwohl wir alle arm waren, allein die Furcht brachte eine heilsame Wirkung hervor, und unsere nächtlichen Ausschweifungen erneuerten sich nicht wieder.

Drei oder vier Monate darauf verursachte mir der Ritter Niccolo Iron, damals Inquisitor, eine große Überraschung, indem er mir die ganze Geschichte erzählte und mir alle Teilhaber nannte. Er sagte mir nicht, ob irgendeiner der Bande das Geheimnis verraten hätte; die Sache kümmerte mich wenig, allein ich sah klar den Geist der Aristokratie, der das solo mihi das oberste Gesetz ist.

Gegen Mitte April 1746 heiratete Herr Girolamo Cornaro, das älteste Mitglied der Familie Cornaro della Regina, ein Fräulein aus dem Hause Soranzo di San Polo und ich hatte die Ehre, bei der Hochzeit zu sein .... in meiner Eigenschaft als Fiedler. Ich war Mitglied eines der zahlreichen Orchester für die Bälle, die man an drei aufeinanderfolgenden Tagen im Palazzo Soranzo gab.

Am dritten Tage, gegen das Ende des Festes, eine Stunde vor Tagesanbruch, verließ ich ermüdet das Orchester, in der Absicht, mich zurückzuziehen, als ich beim Hinabsteigen über die Treppe einen Senator im roten Talar bemerkte, der in seine Gondel steigen wollte und, indem er sein Schnupftuch aus der Tasche zog, einen Brief fallen ließ. Ich raffte ihn in aller Eile auf und übergab dem hohen Herrn den Brief in dem Augenblick, wo ich ihn einholte, als er die Stufen hinabstieg. Er nahm ihn dankend und fragte mich, wo ich wohnte. Ich sagte es ihm, und er nötigte mich, in seine Gondel zu steigen, da er mich durchaus nach Hause bringen wollte. Ich nahm dies mit Dank an und setzte mich auf das Bänkchen neben ihm. Einen Augenblick darauf bat er mich, ihm den linken Arm zu schütteln, indem er mir sagte, er empfände eine so starke Lähmung, daß er den Arm nicht mehr fühlte. Ich schüttelte mit voller Kraft, aber gleich darauf sagte er mir mit undeutlicher Stimme, die Lähmung erstrecke sich über die ganze linke Seite und er fühle sich sterben.

Entsetzt öffnete ich den Vorhang und nahm die Laterne. Ich sah einen Sterbenden mit ganz verzerrtem Mund. Ich begriff, daß der hohe Herr von einem Schlaganfall betroffen war, und schrie den Gondolieren zu, sie sollten mich aussteigen lassen, um einen Chirurgen zu holen, der ihm zur Ader ließe.

Ich sprang gerade an dem Ort aus der Gondel, wo ich drei Jahre vorher Razetta eine so kräftige Lehre gegeben hatte, und ging in ein Kaffeehaus, wo man mir die Wohnung eines Wundarztes angab. Ich laufe hin, klopfe wiederholt, man öffnet mir, ich zwinge den Wundarzt, mir im Schlafrock in die Gondel zu folgen, die uns erwartet. Er läßt dem Senator zur Ader, während ich mein Hemd zerreiße, um die Kompressen und den Verband zu machen.

Nach dieser Operation befahl ich den Barkarolen, die Ruder mit doppelter Kraft einzusetzen, und in einem Augenblick kamen wir bei Santa Marina an. Man weckte seine Bedienten auf, und nachdem man ihn aus der Gondel gehoben, bringen wir ihn fast leblos in sein Bett.

Mich zum Anordner aufwerfend, befahl ich einem Diener, in aller Eile einen Arzt zu holen. Sobald der Äskulap angelangt war, gebot er augenblicklich einen zweiten Aderlaß, indem er dadurch den billigte, den ich ihm schon hatte beibringen lassen. Da ich mich berechtigt glaubte, den Kranken zu pflegen, so setzte ich mich neben sein Bett, um ihm meine Pflege angedeihen zu lassen.

Eine Stunde später traten zwei Patrizier, Freunde des Kranken, wenige Minuten nacheinander ein. Sie waren in Verzweiflung, und da sie sich schon bei den Gondolieren erkundigt und diese ihnen gesagt hatten, ich wüßte darüber mehr als sie, so fragten sie mich aus. Ich sagte ihnen alles, was ich wußte. Sie wußten nicht, wer ich war, wagten auch nicht, mich darum zu fragen, und ich glaubte mich in ein bescheidenes Schweigen einhüllen zu müssen.

Der Kranke war regungslos und gab kein anderes Lebenszeichen, als daß er noch atmete. Man machte ihm Umschläge, und der Priester, den man geholt hatte und der unter diesen Umständen sehr überflüssig war, schien nur seinen Tod zu erwarten. Man wies auf meine Veranlassung alle Besuche ab, und die zwei Patrizier und ich waren die einzigen bei dem Kranken. Zu Mittag nahmen wir schweigend ein kleines Mahl ein, ohne das Krankenzimmer zu verlassen.

Am Abend sagte mir der ältere der beiden Patrizier, daß ich fortgehen könnte, wenn ich Geschäfte hätte, denn sie würden die Nacht auf Matratzen in dem Krankenzimmer verbringen. »Und ich, mein Herr,« sagte ich zu ihm, »ich werde sie in demselben Lehnstuhl an der Seite des Bettes verbringen; denn wenn ich mich entfernte, würde der Kranke sterben, und ich bin überzeugt, daß er solange leben wird, als ich hier bleibe.« Diese salbungsvolle Antwort machte, wie sich wohl erwarten ließ, einen starken Eindruck auf sie, und die beiden Herren blickten sich mit Überraschung an.

Wir speisten, und bei der spärlichen Unterhaltung, die wir während des Essens führten, erzählten mir die Herren, ohne daß ich sie danach fragte, der Senator sei ihr Freund, Herr von Bragadino, der einzige Bruder des Prokurators dieses Namens. Dieser Herr von Bragadino war in Venedig ebensosehr durch seine Beredsamkeit und seine großen Talente als Staatsmann berühmt, wie durch die galanten Abenteuer feiner brausenden Jugend. Er hatte Torheiten für die Frauen begangen, und mehr als eine Schöne hatte dasselbe für ihn getan. Er hatte viel gespielt und viel verloren, und sein Bruder war sein grausamster Feind, weil dieser sich in den Kopf gesetzt hatte, er hätte ihn vergiften wollen. Er hatte ihn wegen dieses Verbrechens bei dem Rat der Zehn angeklagt, der ihn acht Monate darauf infolge einer gründlichen Untersuchung mit Stimmeneinheit für unschuldig erklärte. Allein trotz dieser glänzenden Genugtuung kam sein Bruder doch nicht von seinen Vorurteilen zurück.

Der unschuldige Senator, durch einen ungerechten Bruder unterdrückt, der ihm die Hälfte seiner Einkünfte raubte, lebte als liebenswürdiger Philosoph im Schoße der Freundschaft. Er hatte zwei vertraute Freunde, eben jene, die jetzt bei ihm waren; der eine war aus der Familie Dandolo, der andere aus der Familie Barbaro, alle beide ehrenwert und liebenswürdig wie er. Herr Bragadino war schön, gelehrt, kurzweilig und hatte den sanftesten Charakter; er zählte siebenundfünfzig Jahre.

Der Arzt, der es unternommen hatte, ihn zu heilen, hieß Terro. Er bildete sich ein, ihn durch ein ganz besonderes Mittel retten zu können, indem er ihm auf der Brust eine Einreibung von Merkurialsalbe machte, und man ließ ihn gewähren. Die schnelle Wirkung dieses Heilmittels entsetzte mich, während sie die beiden Freunde entzückte, denn in weniger als vierundzwanzig Stunden fühlte sich der Kranke durch einen großen Blutandrang zum Kopfe gequält.

Der Arzt sagte, er wüßte, daß die Einreibung diese Wirkung hervorbringen müßte, allein am nächsten Tage würde sie vom Kopf aus auf die anderen Teile des Körpers wirken, die es nötig hätten, durch eine künstliche Herstellung des Gleichgewichts im Blutumlauf belebt zu werden.

Um Mitternacht war der Kranke ganz in Glut und in einer tödlichen Aufregung. Ich näherte mich ihm und sah, daß seine Augen schon brachen, während er kaum atmen konnte. Ich ließ die beiden Freunde aufstehen und erklärte ihnen, der Kranke würde sterben, wenn man ihn nicht sofort von der verhängnisvollen Salbe befreite. Ohne ihre Antwort abzuwerten, entblößte ich ihm die Brust und nahm das Pflaster fort; nachdem ich ihn sorgfältig mit lauem Wasser gewaschen hatte, sahen wir ihn in weniger als drei Minuten erleichtert atmen und in den sanftesten Schlaf versinken. Dann legten auch wir drei uns hocherfreut nieder; besonders ich fühlte mich sehr beglückt.

Der Arzt kam schon sehr früh und machte ein sehr vergnügtes Gesicht, als er seinen Kranken in einer so guten Verfassung sah, allein als Herr Dandolo ihm gesagt hatte, was man getan hatte, erzürnte er sich, sagte, damit bringe man einen Kranken ins Grab, und fragte, wer der Mensch wäre, der sich seine Kur zu zerstören erlaubt hätte. Herr von Bragadino nahm hierauf das Wort und sagte: »Doktor, der Mann, der mich von dem Quecksilber befreit hat, das mich erstickte, ist ein Arzt, der mehr weiß als Sie.« Bei diesen Worten zeigte er mit der Hand auf mich.

Ich weiß nicht, wer von uns beiden mehr überrascht war, der Doktor, da er einen jungen Menschen sah, den er nicht kannte und den er für einen Quacksalber halten mußte, obwohl man ihn für einen großen Gelehrten ausgab, oder ich, der sich in einen Arzt verwandelt sah, ohne daran zu denken, es zu sein. Ich verhielt mich, um nicht in lautes Lachen auszubrechen, in einem bescheidenen Schweigen, während der Arzt mich mit einer Art von Verwirrung, die mit Verachtung gemischt war, betrachtete und mich ohne Zweifel für einen frechen Betrüger hielt, der es gewagt hatte, ihn zu verdrängen. Schließlich wandte er sich zu dem Kranken und sagte ihm kalt, er räume mir den Platz. Er wurde beim Wort genommen. Er ging, und ich war also der Arzt eines der berühmtesten Mitglieder des Senates von Venedig geworden. Ich muß gestehen, im Grunde war ich davon entzückt, und ich sagte dem Kranken, er bedürfe nur der Diät, und die Natur werde, unterstützt durch die herannahende schöne Jahreszeit, alles übrige besorgen.

Der abgedankte Doktor erzählte die Geschichte in der ganzen Stadt, und als es dem Kranken besser und besser ging, sagte ihm einer seiner Verwandten, der ihn besuchte, alle Welt wäre überrascht, daß er zu seinem Arzt einen Fiedler des Theaterorchesters erwählt hatte. Allein Herr von Bragadino schloß ihm den Mund, indem er ihm sagte, ein Geigenspieler könne wohl ebensoviel wissen wie alle Ärzte Venedigs, und er verdanke es nur mir, daß er nicht erstickt sei.

Der hohe Herr hörte auf mich wie auf ein Orakel, und seine beiden erstaunten Freunde widmeten mir dieselbe Aufmerksamkeit. Diese Art von Eingenommenheit gab mir Mut. Ich sprach wie ein Gelehrter über Dogmen der Heilkunde und zitierte Autoren, die ich niemals gelesen hatte.

Herr von Bragadino, der mit Vorliebe sich mit abstrakten Wissenschaften befaßte, sagte mir eines Tages, er finde mich für einen jungen Menschen zu gelehrt; ich müsse daher über übernatürliche Gewalten verfügen. Er bat mich, ihm die Wahrheit zu sagen.

Wie merkwürdig wirken doch der Zufall und die Macht der Umstände! Um nicht seine Eitelkeit zu verletzen, indem ich ihm sagte, daß er sich täuschte, faßte ich den tollen Entschluß, ihm in Gegenwart seiner beiden Freunde die falsche und überspannte vertrauliche Mitteilung zu machen, ich besitze eine Zahlenberechnung, wodurch ich, indem ich eine Frage aufschreibe und in Zahlen setze, gleicherweise in Zahlen eine Antwort erhalte, die mich über alles unterrichte, was ich wissen wolle, und die kein Mensch auf der Welt mir hätte sagen können. Herr von Bragadino sagte mir, dies sei der Schlüssel Salomons, den das gemeine Volk die Kabbala nenne. Er fragte mich, von wem ich meine Wissenschaft gelernt hätte.

»Von einem alten Eremiten,« sagte ich ihm, »der auf dem Berge Carpegna wohnt und den ich zufällig kennenlernte, während ich bei der spanischen Armee Gefangener war.«

»Dieser Eremit«, sagte er zu mir, »hat ohne Ihr Wissen mit der Berechnung, die er Sie gelehrt, eine unsichtbare Einsicht vereint, denn die einfachen Zahlen können nicht die Fähigkeit des Denkens besitzen. Du hast,« fügte er bei, »einen wahren Schatz, und es steht nur bei dir, daraus den größten Vorteil zu ziehen.«

»Ich weiß nicht,« erwiderte ich, »wie ich diesen großen Vorteil aus meiner Wissenschaft ziehen könnte, denn die Antworten, die mir meine Berechnung gibt, sind manchmal so dunkel, daß ich ihrer höchst überdrüssig wurde und mich fast niemals mehr ihrer bediente. Indessen ist es doch wahr, daß ich niemals das Glück gehabt haben würde, Eure Exzellenz kennenzulernen, wenn ich nicht meine Pyramide gemacht hätte.«

»Wie das?«

»Am zweiten Tage der Feste in dem Hause Soranzo hatte ich Luft, mein Orakel zu fragen, ob ich auf dem Ball jemanden treffen würde, dessen Begegnung mir unangenehm sein könnte. Ich erhielt die Antwort: »Verlasse das Fest genau um sechs Uhr!« Das war eine Stunde vor Tagesanbruch. Ich entschloß mich zu gehorchen und traf Eure Exzellenz.«

Meine drei Zuhörer waren wie versteinert. Herr Dandolo bat mich dann, auf eine Frage zu erwidern, die er stellen wollte und deren Auslegung nur ihm möglich wäre, da die Sache auch nur ihm allein bekannt wäre.

»Gerne.« – Da ich mich einmal so unbesonnen eingelassen hatte, mußte ich frech sein. Er schrieb die Frage auf, gab sie mir, ich las sie und begriff nichts von der Sache und nichts vom Inhalte. Aber einerlei: antworten mußte ich. Wenn mir die Frage derart dunkel war, daß ich nichts begreifen konnte, so konnte ich natürlich auch von der Antwort nichts verstehen. Ich erwiderte also in gewöhnlichen Ziffern mit vier Versen, deren Dolmetsch nur er allein sein konnte, und zeigte mich hinsichtlich der Auslegung sehr gleichgültig. Herr Dandolo las sie, las sie wieder, zeigte sich überrascht und verstand alles. »Das ist göttlich, das ist einzig,« rief er, »das ist ein Schatz des Himmels. Die Zahlen sind nur das Werkzeug, aber die Antwort muß von einem unsterblichen Geist herrühren.«

Herr Dandolo war so befriedigt, daß auch seine beiden Freunde Lust bekommen mußten. Sie stellten mir Fragen über alles mögliche, und meine Antworten, von denen ich selber nichts verstand, erschienen ihnen alle göttlich. Ich beglückwünschte sie und mich selbst, etwas zu besitzen, worauf ich bisher kein Gewicht gelegt hätte, allein ich versprach ihnen, daß ich nicht verfehlen würde, es sorgfältig zu pflegen, da ich sähe, daß ich dadurch Ihren Exzellenzen nützlich sein könnte.

Alle drei zusammen fragten mich nun, binnen welcher Zeit ich sie die Regeln dieser erhabenen Berechnung lehren könnte. »In sehr kurzer Zeit, meine Herren,« antwortete ich ihnen, »und ich werde Ihrem Wunsche mich gerne gefällig erweisen, obwohl mir der Eremit versichert hat, daß ich drei Tage darauf, nachdem ich meine Wissenschaft irgendeinem mitgeteilt hätte, eines plötzlichen Todes sterben würde. Allein ich glaube keineswegs an diese Drohung.«

Herr von Bragadino, der mehr daran glaubte als ich, sagte mir mit sehr ernsthafter Miene, ich müßte daran glauben. Von diesem Augenblick an sprach keiner von ihnen mehr von dieser Sache. Sie dachten ohne Zweifel, wenn sie mich an sich fesseln könnten, so wäre dies dasselbe, als ob sie selber die Wissenschaft besäßen. Auf diese Art wurde ich der Hierophant dieser drei Männer, sehr ehrenwerter und unendlich liebenswürdiger Leute, die aber trotz ihren schönen wissenschaftlichen Kenntnissen keineswegs weise waren, da sie in die chimärischen geheimen Wissenschaften vernarrt waren und an die Existenz unmöglicher Dinge sowohl geistiger wie körperlicher Art glaubten. Sie schätzten sich durch mich im Besitz des Steines der Weisen, der Universalmedizin, des Verkehrs mit den Elementargeistern, mit allen himmlischen und höllischen Geistern. Endlich bezweifelten sie nicht, durch meine erhabene Wissenschaft der Geheimisse sämtlicher Kabinette Europas teilhaftig zu werden.

Nachdem sie sich von der Erhabenheit meiner kabbalistischen Wissenschaft durch Fragen über die Vergangenheit überzeugt hatten, schickten sie sich an, sich diese nützlich zu machen, indem sie sie über die Gegenwart und Zukunft befragten. Es war mir nicht schwierig zu erraten, da ich nur doppelsinnige Antworten gab, die ich mit Sorgfalt so zurecht richtete, daß sie nur nach dem Eintritt des Ereignisses ausgelegt werden konnten. So schlug meine Kabbala, wie die delphischen Orakel, niemals fehl. Ich erkannte, wie leicht es den alten heidnischen Priestern gewesen sein mußte, die unwissende und daher leichtgläubige Welt zu betrügen. Ich sah, wie bequem es immer den Betrügern geworden war, Leute zu täuschen, und ich fühlte besser als der römische Redner, wie zwei Auguren sich anblicken konnten, ohne zu lachen: weil alle beide ein gleiches Interesse daran hatten, der Täuschung, die sie ausübten und aus der sie ungeheuren Gewinn zogen, große Wichtigkeit beizulegen. Was ich nicht begriff und ohne Zweifel niemals begreifen werde, ist, daß die christlichen Kirchenväter, die nicht einfältig und unwissend waren wie unsere Evangelisten, geglaubt haben, die Göttlichkeit der Orakel nicht leugnen zu dürfen, und daß sie, um sich aus der Verlegenheit zu ziehen, diese dem Teufel zugeschrieben haben. Sie würden diese bizarre Idee nicht gehabt haben, hätten sie die Kabbala zu stellen gewußt. Meine drei Freunde schienen den Kirchenvätern zu ähneln. Sie waren Leute von Geist, jedoch abergläubisch und durchaus keine Philosophen. Indessen waren sie doch, indem sie meinen Orakelsprüchen vollen Glauben beimaßen, viel zu gut, um sie für das Werk des Teufels zu halten, und die Güte ihrer Herzen behalf sich damit, meine Antworten lieber für die Eingebungen eines Engels zu halten.

Die drei hohen Herren waren nicht allein gute Christen und ihrer Religion getreu, sondern sogar fromm und gewissenhaft. Sie waren nicht verheiratet und, nachdem sie auf die Frauen verzichtet hatten, waren sie deren Feinde geworden, was vielleicht für ihre Geistesschwäche spricht. Sie hatten sich eingebildet, dies sei die conditio sine qua non, die die Geister von denen verlangten, die mit ihnen Verbindung oder einen vertrauten Verkehr haben wollten. Das eine schließe das andere aus.

Bei allen diesen Verschrobenheiten waren, was mir am Beginn unserer Bekanntschaft unerklärlich erschien, die drei vornehmen Herren, wie ich bereits gesagt habe, im Grunde kluge Leute. Aber der voreingenommene Geist urteilt schlecht, und bei jeder Sache handelt es sich vor allem darum, gut zu urteilen. Ich lachte oft bei mir selber, wenn ich sie von ihrer Religion sprechen hörte. Sie machten sich über jene lustig, deren geistige Fähigkeiten derart beschränkt waren, daß sie ihre Geheimnisse nicht begriffen. Die Fleischwerdung des Wortes war für Gott eine Kleinigkeit und folglich sehr begreiflich, und die Auferstehung war eine so geringfügige Sache, daß sie ihnen nicht wunderbar erschien, denn da Gott nicht tot sein konnte, mußte Jesus Christus natürlich auferstehen. Was die Eucharistie anbelangte, die wahre Gegenwart bei der Transsubstantiation, so war das für sie eine greifbare Augenscheinlichkeit, und doch waren sie keine Jesuiten. Sie gingen alle Woche zur Beichte, ohne ihren Beichtvätern gegenüber in Verlegenheit zu geraten, da sie deren Unwissenheit wohlwollend beklagten. Sie glaubten sich nur verpflichtet, ihnen über das Rechenschaft zu geben, was sie für eine Sünde hielten, und darin urteilten sie sehr richtig.

Mit diesen drei Originalen, die – ganz abgesehen von der zufälligen Vornehmheit ihrer Geburt – durch ihre moralischen Eigenschaften und ihre Rechtschaffenheit ebenso wie durch ihren Einfluß und ihr Alter ehrwürdig waren, verbrachte ich sehr angenehme Tage, obwohl sie mich in ihrem Wissensdurst oft zehn Stunden täglich zu einer eifrigen Arbeit anhielten, bei der wir alle vier eingeschlossen und für alle Welt unzugänglich waren.

Schließlich gewann ich sie zu vertrauten Freunden, indem ich ihnen alles erzählte, was mir bis dahin zugestoßen war, nicht ohne mir anstandshalber einige Zurückhaltung aufzuerlegen, um sie nicht Todsünden begehen zu lassen. Ich verhehle mir nicht, daß ich sie ebenso hintergangen habe, wie der Pope Deldimopulo die Griechen betrog, die von ihm die Orakelsprüche seiner Jungfrau verlangten. Ich habe gegen sie nicht ganz im Sinne eines rechtschaffenen Mannes gehandelt, aber wenn der Leser, dem ich beichte, die Welt und ihren Geist erkannt hat, so möge er überlegen, bevor er mich richtet, und vielleicht wird er mir nicht einige Nachsicht versagen.

Man wird mir sagen, wenn ich mich streng an die reinste Moral hätte halten wollen, so hätte ich mich nicht ihnen anschließen oder ihnen den Irrtum benehmen sollen. Ich will das keineswegs leugnen, allein ich werde erwidern, daß ich zwanzig Jahre alt war, einen klugen Kopf hatte und zuletzt Geigenkratzer mit einem Taler täglich gewesen war. Endlich würde ich vergebens ihre Heilung versucht haben; es wäre mir nicht geglückt, denn sie hätten mir ins Gesicht gelacht, würden meine Unwissenheit beklagt und obendrein mich hinausgeworfen haben. Ich verspürte übrigens nicht den Beruf, mich als Apostel darzustellen, und wenn ich den heroischen Entschluß gefaßt hätte, sie zu verlassen, sobald ich sie als Visionäre erkannt, so würde ich mich als Menschenfeind bewiesen haben, als einen Feind dieser wackeren Herren, denen ich unschuldige Genüsse verschaffte, und meiner selbst, der als junger Mensch gerne gut leben und alle Vergnügungen genießen wollte, die man mit zwanzig Jahren und einer guten Gesundheit sich verschaffen kann. Ich wäre unhöflich gewesen, ich hätte vielleicht Herrn Bragadinos Tod verschuldet und hätte die drei ehrenwerten Männer der Gefahr ausgesetzt, das Opfer des ersten besten Spitzbuben zu werden, der sich, durch ihre Manie begünstigt, bei ihnen hätte einführen können und sie ruiniert haben würde, indem er sie zur chemischen Operation des großen Werkes überredet hätte. Es war auch noch ein anderer Grund vorhanden, mein lieber Leser, und da du mir teuer bist, so will ich dir ihn sagen: Schon mein unüberwindliches Selbstgefühl würde mich verhindert haben, mich ihrer Freundschaft durch Unwissenheit oder Stolz für unwürdig zu erklären, und ich würde ihnen augenscheinliche Beweise meiner Unhöflichkeit gegeben haben, indem ich aufgehört hätte, mit ihnen zu verkehren.

Ich faßte, wie mir scheint, den schönsten, edelsten und natürlichsten Entschluß, der ihrer Geistesanlage angemessen war, nämlich den, mich in den Stand zu setzen, daß es mir nicht mehr an dem Nötigsten fehlte. Und was dieses Nötigste war, wer hätte das besser beurteilen können als ich?

Durch die Freundschaft dieser drei Männer sicherte ich mir in meiner Vaterstadt Achtung und Einfluß. Ich mußte überdies ein sehr schmeichelhaftes Vergnügen darin finden, der Gegenstand der Unterhaltungen und der Spekulationen der müßigen Hohlköpfe zu werden, die die Ursachen aller moralischen Erscheinungen erraten wollen, die sie sehen und über die sie keine Rechenschaft ablegen können.

Man zerbrach sich in Venedig den Kopf, weil man nicht begreifen konnte, wie meine Verbindung mit drei Männern von diesem Charakter möglich war, sie ganz Himmel und ich ganz Welt, sie sehr streng in ihren Sitten und ich allen Vergnügungen hingegeben.

Zu Beginn des Sommers war Herr von Bragadino wieder in der Verfassung, im Senat zu erscheinen, und am Tage vor seinem ersten Ausgang hielt er folgende Ansprache an mich:

»Wer du auch seist, ich verdanke dir mein Leben. Deine Beschützer, die dich zum Priester, Doktor, Advokaten, Soldaten und schließlich zum Geigenspieler machen wollten, waren lauter Dummköpfe, die dich nicht kannten. Gott hat deinem Engel befohlen, dich in meine Arme zu führen. Ich habe dich erkannt, ich weiß dich zu schätzen. Wenn du mein Sohn sein willst, hast du mich nur als Vater anzuerkennen, und künftighin werde ich dich bis zu meinem Tode in meinem Hause als solchen behandeln. Deine Wohnung steht bereit, lasse deine Sachen hinschaffen; du wirst einen Diener, eine freie Gondel, meinen Tisch und monatlich zehn Zechinen haben. In deinem Alter erhielt ich von meinem Vater kein größeres Taschengeld. Es ist nicht notwendig, daß du dich mit der Zukunft beschäftigst; denke daran, dich zu erhalten, und nimm mich zu deinem Ratgeber bei allem, was dir begegnen könnte oder was du unternehmen willst, und sei sicher, in mir immer deinen Freund zu finden.«

Ich warf mich zu seinen Füßen, um ihn meiner Dankbarkeit zu versichern, und ich umarmte ihn, indem ich ihm den süßen Vaternamen gab. Er schloß mich in seine Arme und nannte mich seinen teueren Sohn. Ich versprach ihm Gehorsam und Liebe. Darauf umarmten mich seine beiden Freunde, die bei ihm im Palazzo wohnten, und wir schwuren uns eine ewige Bruderschaft.

Das, mein teuerer Leser, ist die Geschichte meiner Metamorphose und des glücklichen Ereignisses, das mich aus dem niederen Gewerbe eines Fiedlers um Tagelohn zum Range eines großen Herrn erhob.

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