Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Giacomo Casanova >

Erinnerungen

Giacomo Casanova: Erinnerungen - Kapitel 17
Quellenangabe
typeautobio
authorCasanova
titleErinnerungen
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Mller
volume1
year1911
senderwww.gaga.net
created20050213
Schließen

Navigation:

Fünfzehntes Kapitel

Ein schreckliches Unglück drückt mich nieder. – Abkühlung der Liebe. – Meine Abreise von Korfu und Rückkehr nach Venedig. – Ich gebe den militärischen Beruf auf und werde Geigenspieler.

Die Wunde vernarbte allmählich, und ich sah den Augenblick herannahen, wo die Schöne das Bett verlassen und ihre früheren Lebensgewohnheiten wieder aufnehmen würde.

Der Befehlshaber der Galeeren hatte eine allgemeine Besichtigung auf der Höhe von Gouyn angeordnet; Herr F. begab sich also dorthin und hinterließ mir den Befehl, in der Frühe des nächsten Morgens mit der Feluke ihm nachzufahren. Ich speiste abends mit seiner Frau unter vier Augen, und als ich mich beklagte, daß ich sie am nächsten Tage nicht wiedersehen würde, sagte sie zu mir: »Wir wollen heute nacht für diese Enthebung Vergeltung nehmen und sie im Gespräch verbringen. Hier haben Sie die Schlüssel, sobald Sie mein Mädchen haben hinausgehen sehen, gehen Sie durch das Zimmer meines Mannes und kommen zu mir.«

Selbstverständlich befolgte ich ihre Weisung mit buchstäblicher Genauigkeit; so waren wir also miteinander allein und hatten fünf Stunden vor uns. Wir befanden uns im Juni; die Hitze war glühend. Sie lag im Bett. Ich schließe sie in meine Arme, sie drückt mich gegen ihren Busen; aber da sie gegen sich selber die grausamste Tyrannei ausübt, so meint sie, ich dürfe mich nicht beklagen, da ich mich nur denselben Entbehrungen unterwerfe, die auch sie sich auferlege. Vorstellungen, Bitten, Beschwörungen sind vergeblich. Sie sagt: »Wir müssen die Liebe im Zaum halten und darüber lachen, weil wir trotz dem harten Gesetz, das wir uns selber vorschreiben, nichtsdestoweniger doch dorthin gelangen, unsere Wünsche zu befriedigen.«

Als wir aus der Verzückung wieder zu uns kommen, öffnen wir gleichzeitig unsere Augen und Lippen; wir entfernen uns ein wenig voneinander und sehen mit Freuden die wechselseitige Befriedigung, die auf unseren Zügen glänzt.

Unsere Begierden erwachen von neuem; ich sehe sie einen Blick auf meine Mannesnatur werfen, die gänzlich unverhüllt vor ihren Augen liegt. Sie scheint ärgerlich zu werden, wirft alles, was die Hitze unbequemer und den Genuß unvollkommener macht, weit von sich und stürzt sich auf mich. Ich glaube etwas mehr als nur eine Liebesraserei zu sehen: es ist eine Art von Erbitterung. Ich teile ihre Raserei, umschlinge sie, wie wenn ich außer mir wäre, und genieße eines Glückes, das mich fast ohnmächtig macht .... aber im Augenblick, wo ich das Opfer vollziehen will, wirft sie mich aus dem Sattel, entzieht sich mir, flieht und kommt dann zurück, um mit einer geschäftigen Hand, die mir aber eiskalt erscheint, das Werk durch ein halbes Glück zu vollenden.

»Ach. grausame Freundin – du stehst ganz in Flammen, und du beraubst dich des einzigen Heilmittels, das dich beruhigen könnte. Deine reizende Hand ist menschlicher als du; aber du hast nicht die Wonnen gekostet, deren Genuß du mir verschafft hast. Laß meine Hand der deinigen nichts schuldig bleiben! Komm, teurer Gegenstand meiner Wünsche! Die Liebe verdoppelt mein Dasein in der Hoffnung, noch einmal zu sterben; doch dies geschehe nur in jenem köstlichen Zufluchtsort, aus dem du mich im Augenblick des Glückes vertrieben hast.«

Während ich so mit ihr sprach ergoß ihre Seele sich in zärtlichen Ausdrücken; und indem sie mich eng in ihre Arme schloß, fühlte ich, daß sie von Wollust überströmt war.

Unser Schweigen dauerte ein wenig lange; der Genuß war widernatürlich, weil er unvollständig war, und machte mich deshalb traurig, indem er meine Erregung verdoppelte.

»Wie kannst du dich darüber beklagen?« sagte sie mit zärtlichem Eifer; »gerade dieser Unvollständigkeit verdanken wir ja die Dauer des Genusses. Vor einigen Augenblicken liebte ich dich, jetzt liebe ich dich hundertmal mehr; und ich würde dich ohne Zweifel weniger lieben, wenn du den Genuß vollständig gemacht hättest.«

»O, gib doch diesen Irrtum auf, reizende Freundin. Wie sehr täuschest du dich! Du nährst dich mit Sophismen und vernachlässigst die Wirklichkeit, die Natur, die allein uns wahre Wonne geben kann. Begierden, die unaufhörlich sich erneuern und niemals vollständig befriedigt werden, find schlimmer als Höllenqualen.«

»Aber sind nicht gerade diese Begierden das Glück? Sie sind ja doch immer von Hoffnungen begleitet!«

»Nein, sie sind kein Glück, wenn diese Hoffnung stets getäuscht wird. Wo es gar keine Hoffnung gibt, da ist die wahre Hölle– und Hoffnung kann es nicht mehr geben, wenn man sie zu Zwecken der Täuschung mißbraucht.«

»Freund, wenn es in der Hölle keine Hoffnung gibt, so kann es dort auch keine Begierden geben; denn sich Begierden ohne Hoffnung vorstellen, ist heller Wahnsinn.«

»Nun, so antworte mir auf folgendes: Wenn du ganz mir anzugehören begehrst und dich mit dieser Hoffnung trägst, was nach dem von dir Gesagten von Natur zusammengehört–woher kommt es denn, daß du deiner eigenen Hoffnung beständig ein Hindernis entgegensetzest? Laß dich, göttliche Freundin, o laß dich nicht mehr durch schlaue Spitzfindigkeiten betören! Laß uns aus freiem Willen glücklich sein, wie die Natur es verlangt, und sei versichert, die Wirklichkeit des Glückes wird unsere Liebe noch erhöhen und die Liebe wird durch unsere Genüsse stets wieder neu geboren werden.«

»Was ich sehe, überzeugt mich vom Gegenteil: du lebst, und wenn deine Begierden befriedigt worden wären, würdest du ohne Leben, ohne Bewegung sein. Das weiß ich aus Erfahrung. Hättest du im Glück deine Seele verhaucht, wie du es gern getan hättest, so hättest du nur nach langen Zwischenräumen ein schwaches Leben wiedererlangt.«

»Ach, reizende Frau, deine Erfahrung will nicht viel besagen; verlaß dich lieber nicht auf sie. Du hast, das sehe ich, die Liehe nie gekannt. Was du ihr Grab nennst, ist der Tempel, wo sie das Leben empfängt, der Aufenthalt, der sie unsterblich macht. Ergib dich meinen wohlberechtigten Bitten; dann wirst du den Unterschied zwischen Ehe und Liebe kennenlernen. Du wirst sehen, daß freilich Hymen gerne stirbt, um sich des Lebens zu entledigen, daß aber im Gegenteil Amor nur dahinscheidet, um des Lebens zu genießen, und daß er so schnell wie möglich vom Tode wieder aufersteht, um von neuem die Wonnen des Daseins zu kosten. Befreie dich aus deinem Irrtum und glaube mir: Befriedigung vermehrt nur die Zärtlichkeit zweier Herzen, die einander anbeten.«

»Gut also, ich will dir glauben; aber laß uns noch warten. Unterdessen wollen wir alle möglichen Tändeleien treiben und uns mit dem Vorgenuß begnügen, den unsere Fähigkeiten uns zu verschaffen vermögen. Verzehre mit deinen Küssen deine Geliebte und laß mich Herrin deines ganzen Wesens sein. Wenn diese Nacht uns zu kurz scheint, so werden wir uns morgen darüber trösten, indem wir daran denken, wie wir uns eine neue verschaffen können.«

»Und wenn man unser zärtliches Einverständnis entdeckte?«

»Machen wir denn ein Geheimnis daraus? Alle Welt kann sehen, daß wir uns lieben, und fürchten könnten wir gerade nur die, die der Meinung sind, daß wir uns nicht glücklich machen. Wir sollen uns nur hüten, auf frischer Tat überrascht zu werden. Im übrigen werden Himmel und Natur sich vereinigen, um unsere Liebe zu beschützen; denn wenn zwei Herzen sich so zärtlich liehen, wie wir uns lieben, dann ist man nicht schuldig. So lange ich mich kenne, erschien stets die Liehe mir als Gottheit meines Daseins; denn so oft ich einen Mann sah, war ich entzückt; es war mir, als sähe ich die Hälfte meines eigenen Selbst, denn ich fühlte, daß der Mann für mich und ich für den Mann geschaffen wäre. Ungeduldig erwartete ich meine Verheiratung. Meine Ungeduld war aber nur jenes unbestimmte Bedürfnis des Herzens, das ein junges Mädchen einzig und allein beschäftigt, wenn es sich seinem fünfzehnten Lenze nähert. Ich hatte keinen Begriff, was Liebe ist; aber ich dachte mir, diese müsse doch natürlich nach der Heirat ganz von selber kommen. Du kannst dir also meine Überraschung denken, als mein Gatte, indem er mich zur Frau machte, mir nur Schmerz bereitete, vom Genusse aber mir keine Ahnung verschaffte! Meine Phantasie hatte mich im Kloster viel besser bedient, als die jetzt gewonnene Wirklichkeit es tat. So ist es denn ganz natürlich dahin gekommen, daß wir gute Freunde und sehr gleichgültige Ehegatten geworden sind, die keinerlei Neugierde aufeinander verspüren. Übrigens hat er allen Anlaß, mit mir zufrieden zu sein, denn ich bin stets seinen Befehlen willfährig; da aber der Genuß nicht von Liebe gewürzt ist, so findet er ihn jedenfalls geschmacklos, denn er sucht ihn nur selten.

Sobald ich bemerkte, daß du mich liebtest, war ich darüber voller Freude, und ich verschaffte dir alle nur möglichen Gelegenheiten, um täglich noch verliebter zu werden, denn ich hielt es für sicher, daß ich dich niemals lieben würde. Doch als ich fühlte, daß auch ich verliebt war, da mißhandelte ich dich, um dich dafür zu bestrafen, daß du mein Gefühl erweckt hättest. Deine Geduld, deine Beharrlichkeit setzten mich in Erstaunen und wurden Ursache, daß ich mein Unrecht fühlte; nach dem ersten Kusse aber verlor ich die Herrschaft über mich selbst. Ich war ganz verblüfft, daß ein einfacher Kuß solches Unheil anrichten konnte, und ich fühlte, daß ich nur glücklich sein könnte, indem ich dich glücklich machte. Dies schmeichelte mir und entzückte mich, und ich erkannte, besonders in dieser Nacht, daß ich nur in dem Maße glücklich sein kann wie du selber es bist.«

»Dies, mein Engel, ist das zarteste aller Liebesgefühle; aber du wirst mich niemals vollkommen glücklich machen, wenn du nicht in allem den Weisungen der Natur folgst.«

Die Nacht verging mit zärtlichen Klagen und Liebeswonnen, und nicht ohne Schmerz entriß ich mich bei den ersten Strahlen der Morgenröte ihren Armen, um mich nach Gouyn zu begeben. Sie weinte Freudentränen, als sie sah, daß ich sie als siegreicher Held verließ; sie hatte es nicht für möglich gehalten.

Nach dieser so wonnereichen Nacht vergingen etwa zwölf Tage, ohne daß wir auch nur einen Funken von dem uns verzehrenden Feuer hätten löschen können. Und dann stieß mir ein abscheuliches Unglück zu.

Eines Abends nach dem Essen, als Herr D. R. fortgegangen war, sagte Herr F. zu seiner Frau, ohne sich in meiner Gegenwart den geringsten Zwang anzutun: er habe die Absicht, ihr einen Besuch zu machen, sobald er zwei Briefchen geschrieben habe, die er am nächsten Morgen in aller Frühe abschließen müsse. Kaum war er hinaus, so sahen wir uns an und sanken, von einer unwiderstehlichen Bewegung fortgerissen, einander in die Arme: ein Strom von Wonnen ergoß sich schrankenlos in unsere Seelen. Kaum aber war das erste Feuer gelöscht, so ließ sie mir keine Zeit mich zu sammeln und den vollen Zauber meines schönsten Sieges auszukosten. Sie stieß mich zurück und warf sich mit verstörtem Gesicht in einen Lehnstuhl, der neben ihrem Bett stand. Unbeweglich, erstaunt, beinahe verwirrt, sah ich sie zitternd an, um wenn irgend möglich zu erraten, wo diese eigentümliche Bewegung ihren Ursprung hätte. Sie sah mich ebenfalls an und sagte zu mir mit liebeglänzenden Augen: »Mein zärtlicher Freund, bald hätten wir uns ins Verderben gestürzt.«

»Ins Verderben gestürzt! Ach, grausame Freundin, du hast mich getötet!Ich fühle, ach, daß ich sterbe, und vielleicht wirst du mich nicht wiedersehen.«

Ich verließ sie in einem an Raserei grenzenden Zustand und lief nach der Esplanade, um dort frischere Luft zu atmen; denn mir war zumute, als sollte ich ersticken. Wer nicht aus Erfahrung weiß, wie schmerzhaft eine derartige Erregung ist, zumal bei der körperlichen und seelischen Verfassung, in der ich mich damals befand, der kann sich schwerlich einen Begriff von meinem Leiden machen; ich, der ich es durchgemacht habe, vermag es nicht zu schildern.

Während ich so in furchtbarer Verstörtheit herumlief, hörte ich mich von einem Fenster herab anrufen, und ich beging den verhängnisvollen Fehler, aus Gefälligkeit zu antworten. Ich trat näher an das Haus heran und sah im Mondschein die berühmte Melulla auf ihrem Balkon stehen.

»Was machen Sie da um diese Stunde?« fragte ich sie.

»Ich schöpfe ein bißchen frische Luft; kommen Sie doch einen Augenblick herauf!«

Diese Melulla bösen Angedenkens war eine Kurtisane von [?], ein Weib von seltener Schönheit. Seit vier Monaten machte sie alle Wüstlinge von Korfu glücklich oder verrückt. Jeder, der sie gesehen hatte, pries ihre Reize; man sprach nur noch von ihr. Ich hatte sie mehrere Male gesehen; aber so schön sie auch war, so konnte es mir doch nicht einfallen, sie einer Frau F. vergleichbar zu finden, selbst wenn ich in diese nicht verliebt gewesen wäre. Ich erinnere mich, im Iahre 1790 in Dresden ein prachtvolles Weib gesehen zu haben, dessen Züge mich durchaus an die der Melulla erinnerten.

Gedankenlos gehe ich hinauf und sie führt mich in eine üppige Kammer. Sie warf mir vor, ich sei der einzige, der ihr noch keinen Besuch gemacht habe, obgleich sie mich allen anderen vorgezogen haben würde. Ich beging die Niedertracht, sie mit mir machen zu lassen, was sie wollte – und so sank ich zum gemeinsten Verbrecher herab.

Nicht meine Begierde oder meine Phantasie, auch nicht die Schönheit des Weibes waren an meiner Niederlage schuld, denn sie verdiente in keiner Weise mich zu besitzen; schuld war eine gewisse Gleichgültigkeit, eine Schwachheit, der Zustand von Erregung, worin ich mich noch befand; schuld war endlich eine Art Verdruß in einem Augenblick, wo das angebetete Wesen mir durch eine Laune mißfallen hatte, die mich in Wahrheit nur noch verliebter hätte machen müssen, wäre ich nicht ihrer unwürdig gewesen.

Melulla war so befriedigt, daß sie die Goldstücke zurückwies, die ich ihr geben wollte; sie ließ mich erst fort, nachdem ich zwei Stunden mit ihr verbracht hatte.

Kaum war ich wieder zur Besinnung gekommen, so hatte ich nur noch ein Gefühl des Abscheues gegen mich und gegen das unwürdige Weib, das mich verführt hatte, der anbetungswürdigsten Frau so große Schmach anzutun. Von Gewissensbissen gepeinigt kam ich nach Hause. Ich legte mich zu Bett, aber nicht eine einzige Sekunde lang während dieser entsetzlichen Nacht wollte sich der Schlaf auf meine glühenden Augenlider senken.

Von der schlaflosen Nacht und dem Schmerz ganz ermattet, stand ich am andern Morgen auf, zog mich an und begab mich sofort zu Herrn F., der mich hatte rufen lassen, um mir einige Befehle zur Weiterbeförderung zu übergeben. Nachdem ich den Auftrag ausgeführt und ihm Bericht erstattet hatte, trat ich in das Zimmer der Signora ein. Ich fand sie an ihrem Putztisch und sandte meinen Morgengruß ihrem Spiegelbilde zu; plötzlich aber begegneten ihre Augen den meinigen: ihre Züge entstellten sich, und Traurigkeit trat an Stelle des Ausdrucks der Zufriedenheit. Sie senkte die Wimpern, wie wenn sie in tiefe Gedanken versunken wäre; unmittelbar darauf aber schlug sie die Augen auf, wie wenn sie in meiner Seele lesen wollte. Erst als ihre Zofe hinausgegangen war, brach sie das peinliche Schweigen und sagte zu mir im zärtlichsten und zugleich feierlichsten Ton: »Mein Freund, keine Verstellung weder von deiner noch von meiner Seite! Ich war tieftraurig, als ich dich gestern abend fortgehen sah; denn die Uberlegung sagte mir, daß mein Verhalten dir zum Unheil gereichen könnte. Derartige Auftritte könnten ein Temperament wie das deinige in eine gefährliche Verwirrung stürzen; darum entschloß ich mich, in Zukunft nicht mehr auf halbem Wege stehenzubleiben. Ich dachte mir, du seiest ausgegangen, um frische Luft zu schöpfen, und dies freute mich, denn ich hoffte, es würde dir gut tun. Um mir Gewißheit darüber zu verschaffen, trat ich ans Fenster und stand da länger als eine Stunde, ohne in deinem Zimmer Licht zu sehen. Da mein Mann nach Hause kam, mußte ich mich mit der traurigen Gewißheit, daß du nicht zu Hause warst, zu Bett legen. Ärgerlich über mein Verhalten und um so mehr in dich verliebt, konnte ich fast die ganze Nacht kein Auge schließen. Heute früh befahl mein Mann einem Unteroffizier, dir zu sagen, daß er mit dir sprechen wolle; ich hörte, wie er den Bescheid zurückbrachte, du schliefest noch, weil du spät nach Hause gekommen wärest. Diese Worte schnitten mir ins Herz. Ich bin nicht eifersüchtig, mein Freund, denn ich weiß, daß du nur mich lieben kannst; aber ich befürchte irgendein Unglück. Als ich heute morgen dann endlich dich bei mir eintreten hörte, schlug mir das Herz vor Freude; ich wollte dir meine Reue zeigen, aber als ich dich ansah, glaubte ich einen anderen Menschen zu erblicken. Auch jetzt prüfe ich wieder deine Züge, und meine Seele liest wider meinen Willen auf deinem Gesicht, daß du schuldig bist, daß du mir einen Schimpf angetan hast. Sage mir ohne Furcht, lieber Freund, ob ich mich täusche; wenn du mich verraten hast, so gestehe es ohne Umschweife. Verrate nicht Liebe und Wahrheit! Da ich mir bewußt bin, die verhängnisvolle Ursache deines Fehltrittes zu sein, so werde ich mir dies nicht verzeihen; dich aber entschuldigt mein Herz und mein ganzes Ich.«

Ich habe mich im Laufe meines Lebens mehr als einmal in der harten Notwendigkeit befunden, geliebten Frauen Lügen zu sagen; aber nachdem ich diese so wahren, so rührenden Worte gehört hatte, konnte ich da wohl unaufrichtig sein? Ich fühlte mich durch meine abscheuliche Verfehlung zu tief niedergedrückt, als daß ich mich auch noch durch eine Lüge hätte besudeln mögen. Dazu war ich in diesem Augenblick völlig außerstande; mein Herz war voll von Zärtlichkeit und von Gewissensbissen, und es war mir unmöglich, ein einziges Wort herauszubringen: erst mußte ich meinen Tränen freien Lauf lassen.

»Mein zärtlicher Freund, du weinst! Deine Tränen tun mir weh. Du dürftest nur mit mir gemeinsam Tränen des Glückes und der Liebe vergießen. Schnell, Geliebter, schnell sage mir, ob du mich unglücklich gemacht hast. Sage mir, welche furchtbare Rache du gegen mich hast ausüben können – gegen mich, die lieber sterben als dich beleidigen wollte. Ich kann dir nur in der Unschuld meines liebenden und treuen Herzens Kummer bereitet haben.«

»Geliebter Engel, ich habe gar nicht daran gedacht, mich zu rächen; denn mein Herz kann niemals aufhören, dich anzubeten, und wird daher niemals auf einen so abscheulichen Gedanken kommen. Gegen mich selber habe ich schnöderweise ein Verbrechen begangen, das mich für den Rest meines Lebens deiner Güte unwürdig macht.«

»Du hast dich also mit irgendeiner Verlorenen eingelassen?«

»Ja, ich habe zwei Stunden mit einer erniedrigenden Ausschweifung verbracht; aber meine Seele war nur dabei, um Zeugin meiner Traurigkeit, meiner Reue, meiner furchtbaren Unwürdigkeit zu sein.«

»Traurigkeit und Reue! – Ach, mein armer Freund, ich glaube es dir. Aber es ist meine Schuld; ich allein muß dafü bestraft werden; mir kommt es zu, dich dafür um Verzeihung zu bitten.« Tränen entströmten ihren Augen, und auch ich begann wieder zu weinen.

»Erhabene Seele!« rief ich aus; »die Vorwürfe, die du dir machst, verdoppeln die Schwere meines Unrechts. Du hättest dir niemals einen Vorwurf zu machen brauchen, wenn ich deiner Zärtlichkeit wirklich würdig gewesen wäre.«

Ich fühlte, daß ich wahr sprach.

Den Rest des Tages verbrachten wir in anscheinend ziemlich ruhiger Stimmung, indem wir unsere Traurigkeit in der Tiefe unserer Herzen verschlossen. Meine Geliebte war neugierig, alle Umstände meines kläglichen Abenteuers zu erfahren, und ich nahm es als eine Strafe auf mich, ihr meine eklen Heldentaten zu berichten. Voller Güte versicherte sie mir, wir müßten beide den Vorfall als ein Verhängnis betrachten, das auch dem Vernünftigsten hätte zustoßen können. »Im Grunde bist du mehr zu beklagen als zu verdammen, und ich darf dich um deiner Verfehlung willen nicht weniger lieben.«

Wir waren fest entschlossen, den ersten günstigen Augenblick zu benutzen: sie, um meine Verzeihung zu besiegeln; ich, um meine Beleidigung wieder gutzumachen. Dies konnte nur geschehen, indem wir uns neue Beweise gaben von der glühenden Liebe, die uns beide erfüllte. Aber der gerechte Himmel bestimmte anders, und ich wurde für meine abscheuliche Ausschweifung grausam bestraft.

Am dritten Tage verspürte ich beim Aufstehen ein fürchterliches Brennen und erkannte sofort, in welchen abscheulichen Zustand die unglückselige Zantiotin mich versetzt hatte. Ich war wie betäubt. Und als ich erst daran dachte, welches Unglück ich hätte anrichten können, wenn ich im Laufe der letzten drei Tage von meiner göttlichen Freundin irgendeine neue Gunst erlangt hätte, da war ich nahe daran, den Verstand zu verlieren. In welcher Lage wäre ich gewesen, wenn ich sie für ihr ganzes Leben unglücklich gemacht hätte? Würde wohl jemand, der diese Geschichte gehört, mich verdammen können, wenn ich das Leben von mir geworfen hätte, um vor meinen Gewissensbissen Ruhe zu bekommen! Nein! Denn wer sich in Verzweiflung, aber als gerechter Vollstrecker der verdienten Strafe, tötet, der kann weder von einem Philosophen noch von einem duldsamen Christen getadelt werden. So viel ist ganz gewiß: wenn ein derartiges Unglück mir zugestoßen wäre, so hätte ich mir das Leben genommen.

Meine neue Entdeckung machte mich sehr traurig; indessen hoffte ich davonzukommen, wie es mir die ersten drei Male gelungen war. Ich entschloß mich daher zu einer Lebensweise, die mich in sechs Wochen wieder gesund gemacht haben würde, ohne daß jemand eine Ahnung von meiner Krankheit gehabt hätte. Aber meine Leiden waren noch nicht zu Ende: Melulla hatte in meine Adern alle schlechten Säfte ergossen, wodurch die Quellen vergiftet werden, aus denen das Leben strömt. Ich kannte einen alten Doktor, der auf diesem Gebiet große Erfahrung besaß; ihn zog ich zu Rate, und er versprach mir, mich binnen zwei Monaten völlig wieder herzustellen. Er hielt Wort. Zu Anfang des Monats September sah ich mich wieder völlig gesund, und etwa um dieselbe Zeit kehrte ich auch nach Venedig zurück.

Nachdem ich über meinen schlimmen Zustand Gewißheit erlangt hatte, faßte ich vor allen Dingen den Entschluß, Frau F. davon in Kenntnis zu setzen. Ich wollte nicht bis zu einem Augenblick warten, wo meine notgedrungene Erklärung sie gezwungen haben würde, über eine Schwäche zu erröten; ich wollte sie auch nicht zur Überlegung bringen, welche entsetzlichen Folgen ihre Leidenschaft für sie hätte haben gönnen. Ihre Liebe war mir zu teuer, als daß ich mich der Gefahr hätte aussetzen mögen, sie aus Mangel an Vertrauen zu ihr zu verlieren. Ich kannte ihren Geist, die Einfalt ihrer Seele, den Edelsinn, womit sie mich nur beklagenswert, nicht schuldig gefunden hatte; darum glaubte ich durch Aufrichtigkeit ihr beweisen zu müssen, daß ich ihrer Achtung würdig war.

Ich schilderte ihr ganz unbefangen den Zustand, worin ich mich befand, und malte ihr die Gefühle aus, mit denen mich der Gedanke erfüllte, welche entsetzlichen Folgen derselbe Zustand für sie hätte haben können. Ich sah sie bei meinen Worten zusammenschaudern, und sie erblaßte vor Schreck, als ich ihr sagte, ich würde sie gerächt haben, indem ich mir das Lehen genommen hätte.

»Schurkische, niederträchtige Melulla< rief sie aus; ich aber wiederholte diese Ausdrücke gegen mich selber, als ich sah, welches Glück ich der ekelhaftesten Schwachheit aufgeopfert hatte.

Ganz Korfu wußte, daß ich dem verdammten Weibe einen Besuch gemacht hatte, und alle Welt war erstaunt, auf meinen Zügen alle Anzeichen vollkommener Gesundheit zu sehen; denn die Zahl der Opfer, die sie ebenso behandelt hatte wie mich, war nicht gering.

Meine Krankheit war nicht der einzige Kummer, der mich verzehrte. Ich hatte noch andere Verdrießlichkeiten, die zwar anderer Art, aber darum nicht weniger drückend waren. Es stand geschrieben, daß ich als einfacher Fähnrich, wie ich ausgezogen war, nach Venedig zurückkehren sollte; denn der Generalprovveditore hatte mir sein Wort gebrochen, und der Bankert eines Patriziers war mir vorgezogen worden. Von diesem Augenblick an verabscheute ich den Militärstand, der mehr als alle anderen Stände der Willkür despotischer Laune ausgesetzt ist, und ich beschloß einen anderen Beruf zu wählen. Es kam ein anderer noch größerer Kummer hinzu, nämlich die Unbeständigkeit des Glücks, das mir ganz und gar den Rücken gedreht hatte. Ich bemerkte, daß von dem Augenblick an, wo ich mich mit der Melulla besudelt hatte, alles mögliche Ungemach auf mich einstürmte, wie wenn es mich zerschmettern wollte. Am empfindlichsten war es mir, daß acht oder zehn Tage vor der Abfahrt der Truppen Herr D. R. mich wieder in seinen Dienst haben wollte, uud daß Herr F. sich einen neuen Adjutanten suchen mußte; ich war jedoch so vernünftig, diesen Umstand bald als eine Gunst des Schicksals zu betrachten. Bei dieser Gelegenheit sagte die Signora mir mit betrübter Miene, in Venedig würden wir aus verschiedenen Gründen uns nicht mehr sehen können. Ich hat sie, mir die Aufzählung dieser Gründe zu ersparen; denn ich konnte mir wohl denken, daß diese für mich nur demütigend hätten sein können. Ich bemerkte, daß die vermeintliche Göttin nur eine arme Sterbliche war wie alle anderen Weiber, und ich begann zu denken, daß ich sehr unrecht getan haben würde, ihretwegen auf das Leben zu verzichten. Eines Tages sah ich ihr bis auf den Grund der Seele: bei irgendeinem Anlaß sagte sie mir, ich täte ihr leid. Da sah ich klar, daß sie mich nicht mehr liebte; denn von dem erniedrigenden Gefühl des Mitleids weiß ein liebendes Herz nichts; diesem traurigen Gefühl steht immer Verachtung zu nahe. Von diesem Augenblick an habe ich mich nicht mehr mit ihr allein befunden. Ich liebte sie noch; es wäre mir leicht gewesen, sie erröten zu machen. Ich tat es nicht.

Gleich nach unserer Ankunft in Venedig schloß sie sich an Herrn D. R. an; sie liebte ihn bis zu seinem Tode. Zwanzig Jahre später erblindete sie. Ich glaube, sie lebt noch.

Die leiden letzten Monate meines Aufenthaltes auf Korfu gaben mir eine von den großen Lehren meines Lebens; ich habe mich ihrer oft erinnert, um mir diese Lehren zunutze zu machen.

Vor meinem nächtlichen Abenteuer mit der elenden Melulla befand ich mich wohl: ich war reich, glücklich im Spiel, allgemein beliebt, wurde von der schönsten Frau der Stadt angebetet. Wenn ich sprach, spitzten alle die Ohren, priesen meinen Geist; meine Worte waren Orakel, und jedermann stimmte meinen Ansichten bei. Nach jenem verhängnisvollen Beisammensein verlor ich in kürzester Zeit Gesundheit, Geld, Kredit; mit dem Glück zugleich verschwand gute Laune, Überlegung, Geist – ja sogar die Fähigkeit, mich auszudrücken. Ich machte viele Worte, aber man wußte, daß ich unglücklich war, und darum überzeugte ich niemanden mehr. Unmerklich verschwand der Einfluß, den ich auf Frau F. hatte; die schöne Dame wußte es selber kaum, aber ich wurde ihr vollkommen gleichgültig.

Ich reiste ohne Geldmittel ab, nachdem ich alle Sachen von einigem Werte versetzt oder verkauft hatte. Zweimal war ich reich angekommen, und zweimal reiste ich arm davon; aber dieses zweite Mal hatte ich Schulden gemacht, die ich niemals bezahlt habe – nicht aus bösem Willen, sondern aus Gedankenlosigkeit.

Als ich reich und gesund war, wurde ich von aller Welt gefeiert; dem Armen und Abgemagerten erwies man kein einziges Zeichen von Achtung mehr. Als ich volle Taschen hatte und in zuversichtlichem Ton sprach, fand man mich geistreich, unterhaltend; als mein Beutel leer war und mein Ton bescheiden, erschienen alle meine Erzählungen flach und albern. Wenn ich wieder reich geworden wäre, würde ich von neuem ein achtes Weltwunder gewesen sein. O Menschen, o Glück! Man mied mich, wie wenn das Pech, das mir anhaftete, eine ansteckende Pest gewesen wäre.

Gegen Ende September fuhren wir unter dem Oberbefehl des Herrn Veniero ab, fünf Galeeren, zwei Galeassen und mehrere kleine Schiffe; wir fuhren die nördliche Küste des Adriatischen Meeres entlang, die reich an Häfen ist, während die gegenüberliegende hafenarm ist. Jeden Abend liefen wir einen Hafen an; infolgedessen sah ich Frau F. allabendlich; denn sie kam mit ihrem Gatten auf unsere Galeasse, um zu speisen. Unsere Reise war sehr glücklich; am 14. Oktober 1745 gingen wir im Hafen von Venedig vor Anker, und nachdem wir auf unserer Galeasse die Quarantänezeit durchgemacht hatten, betraten wir am 25. November das Land. Zwei Monate später wurden die Galeassen aufgehoben. Der Gebrauch dieser Fahrzeuge ging bis in uralte Zeiten zurück; ihre Unterhaltung war sehr kostspielig und ihr Nutzen gleich Null. Eine Galeasse hatte den Rumpf einer Fregatte, aber Bänke wie eine Galeere; fünfhundert Sträflinge ruderten, wenn kein Wind da war.

Bevor es dem gesunden Menschenverstand gelang, die Einziehung dieser unnützen alten Kästen durchzusetzen, gab es große Debatten im Senat; als Hauptgrund führten die Gegner der Maßregel an, man müsse alles Alte achten und bewahren. An dieser Krankheit leiden die Leute, die sich niemals mit den aus Vernunft und Erfahrung hervorgegangenen allmählichen Verbesserungen vertraut machen können; diese guten Leute müßte man nach China oder zum Dalai-Lama schicken; in diese Länder gehören sie weit eher als nach Europa.

So lächerlich der genannte Grund ist, so ist er doch stets der stärkste in allen Republiken; denn diese müssen vor dem Wort Neuerung erzittern und zwar in unbedeutenden Dingen sowohl wie in wichtigen. Übrigens mischt sich stets auch etwas Aberglaube hinein. Was die Republik Venedig niemals abschaffen wird, das sind ihre Galeeren; erstens weil sie diese Fahrzeuge braucht, um zu allen Zeiten, auch bei Windstille, ein enges Meer befahren zu können; sodann, weil sie nicht wüßte, was sie mit den Menschen anfangen sollte, die sie zu den Galeeren verurteilt.

Auf Korfu, wo oft 3000 Galeerenknechte sind, machte ich eine eigentümliche Beobachtung, nämlich daß denen, die wegen eines Verbrechens zur Galeerenstrafe verurteilt werden, eine Art Makel anhaftet, während die freiwilligen Galeerenknechte einer gewissen Achtung genießen. Ich bin immer der Meinung gewesen, daß es eigentlich gerade umgekehrt hätte sein müssen; denn Unglück, welcher Art es auch sein mag, erheischt immer eine Art Achtung, während ein gemeiner Mensch, der sich berufsmäßig dem Stande eines Sträflings widmet, mir im höchsten Grade verächtlich erscheint. Übrigens genießen die Galeerenknechte der Republik mehrerer Vorrechte und werden in jeder Hinsicht viel besser behandelt als die Soldaten. Es kommt oft vor, daß Soldaten von ihren Kompagnien desertieren und sich einem Sopracomito überliefern, um Galeerenknechte zu werden. Der Hauptmann, der auf diese Weise einen Soldaten verliert, kann nichts Besseres tun, als sich in Geduld zu ergeben; alle seine Vorstellungen würden vergeblich sein. Der Grund dieser Erscheinung ist der, daß die Republik stets ihre Galeerenknechte nötiger zu haben geglaubt hat als ihre Soldaten; vielleicht beginnt sie jedoch heute ihres Irrtums gewahr zu werden. (Ich schreibe dies im Jahre 1797.)

Ein Galeerenknecht hat zum Beispiel das seltene Vorrecht, ungestraft stehlen zu können. Dies, sagt man, ist das geringste Verbrechen, das er begehen kann; darum muß man es ihm verzeihen. Seid auf eurer Hut, sagt der Herr des Galeerensträflings, und wenn ihr ihn auf frischer Tat ertappt, so schlagt ihn, aber verstümmelt ihn nicht; denn dann müßtet ihr mir die hundert Dukaten bezahlen, die er mich gekostet hat.

Die Gerechtigkeit selber kann einen Galeerenknecht, der ein Verbrechen begangen hat, nicht hängen lassen, ohne vorher dem Meister die Summe zu bezahlen, die er ihn gekostet hat.

Kaum in Venedig angelangt, ging ich zu Frau Orio; aber ich fand das Haus leer. Ein Nachbar erzählte mir, der Sachwalter Rosa habe sie geheiratet und sie wohne bei ihm. Augenblicklich begab ich mich dorthin, und ich wurde mit freudigem Jubel aufgenommen. Als erste Neuigkeit wurde mir mitgeteilt, daß Nannetta Gräfin R. geworden sei und mit ihrem Gatten in Guastalla wohne.

Vierundzwanzig Jahre später sah ich ihren ältesten Sohn als ausgezeichneten Offizier im Dienste des Infanten-Herzogs von Parma.

Martina war von der göttlichen Gnade berührt worden und hatte in Murano den Nonnenschleier genommen. Zwei Iahre später erhielt ich von ihr einen salbungsvollen Brief, worin sie mich im Namen Jesu Christi und der heiligen Jungfrau beschwor, mich nicht vor ihren Augen sehen zu lassen. Sie sagte mir: das Verbrechen, das ich begangen habe, indem ich sie verführte, müsse sie mir verzeihen, und sie sei glücklich über diese Verpflichtung, denn die Reue, womit mein Verbrechen sie erfüllt habe, mache sie gewiß, daß sie die Glückseligkeit der Auserwählten erlangen werde. Zum Schluß versicherte sie mir, daß sie unaufhörlich Gott um meine Bekehrung anflehen werde.

Ich habe sie nicht mehr gesehen, aber sie sah mich im Iahre 1754, wie ich am geeigneten Ort mitteilen werde.

Frau Manzoni war immer noch dieselbe. Sie hatte mir prophezeit, ich würde nicht beim Militär bleiben, und als ich ihr sagte, ich sei entschlossen, den Beruf zu wechseln, da ich die mir widerfahrene Ungerechtigkeit nicht ertragen könne, da lachte sie, daß sie sich die Seiten halten mußte. Sie fragte mich, welchen Beruf ich zu ergreifen gedächte, wenn ich den Degen ablegte. Ich sagte ihr, ich wolle Advokat werden. Von neuem begann sie zu lachen, indem sie mir sagte, dazu sei es zu spät. Ich war jedoch erst zwanzig Jahre alt.

Als ich mich bei Herrn Grimani vorstellte, wurde ich gut aufgenommen; als ich mich jedoch nach meinem Bruder Francesco erkundigte, sagte er mir, er halte ihn im Fort Sant' Andrea, demselben, wohin er mich vor der Ankunft des Bischofs von Martorano hatte bringen lassen. »Er arbeitet dort für den Major: er kopiert Schlachtenbilder von Simonetti, die der Major ihm bezahlt; auf diese Weise gewinnt er seinen Lebensunterhalt und wird zugleich ein guter Maler.«

»Aber er ist doch nicht in Haft?«

»Gewissermaßen ja; denn er darf die Festung nicht verlassen. Der Major heißt Spiridion und ist ein Freund Razzettas, dem er sehr gerne den Gefallen getan hat, für Ihren Bruder zu sorgen.«

Ich fand es fürchterlich, daß dieser fatale Razzetta der Henker meiner ganzen Familie sein sollte; ich verbarg jedoch meine Gefühle und fragte nur: »Ist meine Schwester immer noch bei ihm?«

»Nein, sie ist in Dresden bei ihrer Mutter.«

Diese Nachricht erfreute mich.

Ich verabschiedete mich sehr herzlich vom Abbate Grimani und begab mich nach der Festung Sant' Andrea. Ich fand dort meinen Bruder mit dem Pinsel in der Hand; er war mit seinem Schicksal zwar nicht zufrieden, aber auch nicht unzufrieden, und er erfreute sich einer guten Gesundheit. Nachdem wir uns umarmt hatten, fragte ich ihn, welches Verbrechen er denn begangen hätte, daß man ihn auf solche Weise einsperrte.

»Bitte, frage den Major danach; ich habe keine Ahnung davon.«

In diesem Augenblick trat der Major ein; ich grüßte ihn militärisch und fragte ihn, mit welchem Recht er meinen Bruder in Haft halte.

»Ich habe Ihnen keine Rechenschaft abzulegen.«

»Das werden wir sehen.«

Ich sagte meinem Bruder, er solle seinen Hut nehmen und mit mir zum Essen kommen. Der Major lachte und sagte: »Mir soll's recht sein; wenn nur der Wachtposten ihn herausläßt!«

Ich sah, daß ich mit diesem Wortwechsel nur meine Zeit verlieren würde, und ging daher, ohne ihm zu antworten, aber fest entschlossen, mir Gerechtigkeit zu verschaffen.

Gleich am nächsten Morgen begab ich mich auf das Kriegsministerium, wo ich das Vergnügen hatte, meinen lieben Major Pelodoro zu finden, der jetzt das Fort Chiozza befehligte. Ich sprach mit ihm von der Klage, die ich zugunsten meines Bruders beim Kriegsminister einreichen wollte, und von meiner Absicht, meine Fähnrichstelle aufzugeben. Er versprach mir, er wolle mir, sobald er die Zustimmung des Kriegsministers erlangt habe, den Verkauf meines Patents zu dem von mir dafür bezahlten Preise vermitteln.

Ich brauchte nur einen Augenblick zu warten; der Kriegsminister kam, und in weniger als einer halben Stunde war alles in Ordnung. Er versprach mir, meinen Abschied zu bewilligen sobald er sich von der Tauglichkeit des Herrn, der mein Patent kaufen wollte, überzeugt hätte. Inzwischen war auch Major Spiridion angekommen, und der Weise der Schrift befahl diesem in gebieterischem Ton, meinen Bruder in Freiheit zu setzen und sich in Zukunft derartige verwerfliche Willkürhandlungen nicht mehr zu erlauben. Ich holte meinen Bruder sofort ab und brachte ihn bei mir in einem möblierten Zimmer unter.

Ein paar Tage später erhielt ich meinen Abschied und hundert Zechinen, zog die Uniform aus und wurde wieder mein eigener Herr.

Da ich nun daran denken mußte, einen Beruf zu ergreifen, um meinen Lebensunterhalt zu gewinnen, so entschied ich mich dafür, gewerbsmäßiger Spieler zu werden. Dame Fortuna war jedoch anderer Ansicht, denn sie verließ mich schon bei meinen ersten Schritten in dieser neuen Laufbahn, und acht Tage später hatte ich keinen Heller in der Tasche. Was nun? Ich mußte leben und wurde Geigenspieler. Beim Doktor Gozzi hatte ich genug gelernt, um in einem Theaterorchester mitfiedeln zu können. Ich trug Herrn Grimani meine Wünsche vor, und er brachte mich in dem Orchester seines Theaters San Samuele unter. Dort verdiente ich täglich einen Taler, woran ich mir einstweilen Genüge leisten konnte, bis bessere Zeiten kommen würden.

Meiner Lage mir bewußt, betrat ich von nun an kein einziges der Häuser von gutem Ton, in denen ich verkehrt hatte, bevor ich so tief gesunken war. Ich wußte, daß man mich als Lüderjahn ansehen mußte; aber daraus machte ich mir nichts. Ohne Zweifel verachtete man mich: ich tröstete mich mit dem Bewußtsein, daß ich nicht verächtlich war. Die Stellung, in der ich mich befand, nachdem ich eine ziemlich glänzende Rolle gespielt hatte, demütigte mich; dieses Gefühl behielt ich jedoch für mich, und wenn ich mich auch schämte, so war ich deshalb doch nicht erniedrigt. Denn ich hatte nicht auf das Glück verzichtet und hoffte daher, noch darauf rechnen zu können, weil ich jung war und weil die wankelmütige Gottheit es mit der Jugend nicht böse meint.

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.