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Erinnerungen

Giacomo Casanova: Erinnerungen - Kapitel 12
Quellenangabe
typeautobio
authorCasanova
titleErinnerungen
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
volume1
year1911
senderwww.gaga.net
created20050213
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Zehntes Kapitel

Mein kurzer, zu lebenslustiger Aufenthalt in Ancona. – Cecilia, Marina, Bellino. – Die griechische Sklavin vom Lazarett. – Bellino gibt sich zu erkennen.

Ich traf in Ancona am 25. Februar des Jahres 1744 ein und stieg im besten Gasthof ab. Mein Zimmer gefiel mir. Ich sagte dem Wirt, ich wolle Fleisch essen, aber er antwortete mir, in der Fastenzeit äßen Christenmenschen Fastenspeisen.

»Der Heilige Vater hat mir die Erlaubnis gegeben, Fleisch zu essen.«

»Zeigen Sie mir diese Erlaubnis.«

»Er hat sie mir mündlich gegeben.«

»Herr Abbate, ich bin nicht verpflichtet, Ihnen zu glauben.«

»Sie sind ein Dummkopf !«

»In meinem Hause bin ich Herr, und ich bitte Sie, in einen anderen Gasthof zu gehen!«

Eine derartige Antwort und Aufforderung, auf die ich ganz und gar nicht gefaßt war, brachte mich in Zorn. Ich fluche, schimpfe, schreie, als plötzlich ein würdevoller Herr ins Zimmer tritt und zu mir sagt: »Mein Herr, Sie haben unrecht, daß Sie Fleisch essen wollen, während in Ancona die Fastenspeisen viel besser sind. Sie haben unrecht, daß Sie den Wirt zwingen wollen, Ihnen auf Ihr Wort zu glauben, und wenn Sie die Erlaubnis des Papstes haben, so haben Sie unrecht, daß Sie in Ihrem Alter sie verlangt haben. Sie haben unrecht, daß Sie sich die Erlaubnis nicht schriftlich geben ließen. Sie haben unrecht, daß Sie den Wirt Dummkopf nennen, denn das ist ein Kompliment, das kein Mensch sich in seinem eigenen Hause gefallen zu lassen braucht. Und endlich haben Sie unrecht, daß Sie solchen Lärm machen.«

Dieser Mensch, der da in mein Zimmer kam, bloß um mich abzukanzeln und mir alles mögliche Unrecht aufzubinden, reizte meine Lachlust, statt mich noch verdrießlicher zu machen, und ich antwortete:

»Gerne, mein Herr, gebe ich alles Unrecht zu, dessen Sie mich beschuldigen; aber es regnet, es ist spät, ich bin müde und habe guten Appetit; mit anderen Worten: ich habe ganz und gar keine Lust, ein anderes Quartier zu suchen. Wollen Sie mir ein Abendessen geben, da der Wirt sich weigert?«

»Nein,« sagte er sehr bestimmt; »denn ich bin ein guter Christ und faste. Aber ich erbiete mich, den Wirt zu besänftigen; der wird Ihnen ein ausgezeichnetes Abendessen gehen.«

Mit diesen Worten ging er die Treppen hinunter; und indem ich meine Ungebärdigkeit mit seiner Ruhe verglich, erkannte ich ihn als würdig an, mir einen Denkzettel zu geben. Gleich darauf kam er zurück und sagte mir, alles wäre beigelegt und ich würde gut bedient werden.

»Sie wollen also nicht mit mir speisen?«

»Nein; aber ich werde Ihnen Gesellschaft leisten.«

Ich nahm dies Anerbieten mit Freuden an; um seinen Namen zu erfahren, stellte ich mich ihm vor, wobei ich mich als Sekretär des Kardinals Acquaviva bezeichnete.

»Ich heiße Sancho Pico,« sagte er, »bin Kastilianer und verpflege die Armee Seiner katholischen Majestät, die der Graf Gages unter dem Oberbefehl des Generalissimus, des Herzogs von Modena, kommandiert.«

Mein ausgezeichneter Appetit erregte seine Bewunderung, und er fragte mich, ob ich zu Mittag gegessen hätte. Ich verneinte und bemerkte auf seinem Gesicht einen Ausdruck von Befriedigung.

»Fürchten Sie nicht, daß das Abendessen Ihnen schlecht bekommen könnte?« fuhr er fort.

»Ich hoffe im Gegenteil, es wird mir sehr gut tun.«

»Sie haben also den Papst getäuscht?«

»Nein; denn ich habe ihm nicht gesagt, dass ich keinen Appetit hätte, sondern nur, daß ich lieber Fleisch als Fastenspeisen äße.«

»Wenn Sie gute Musik hören wollen,« sagte er einen Augenblick darauf, »so kommen Sie mit mir ins Nebenzimmer, die Primadonna wohnt da.«

Das Wort ›Primadonna‹ erregte meine Neugier, und ich folgte ihm. Ich sehe an einem Tisch eine schon ältere Frau mit zwei jungen Mädchen und zwei Knaben, vergebens aber suche ich die Primadonna. Don Sancho Pico stellte sie mir vor, indem er auf den einen Knaben zeigte, der von entzückender Schönheit und höchstens siebzehn Jahre alt war. Ich dachte, es sei ein Castrato, der als Primadonna auftrete, denn das Theater zu Ancona ist den Gesetzen für die römische Bühne gleichfalls unterworfen. Die Mutter stellte mir ihren anderen Sohn vor, der ebenfalls sehr hübsch war; doch sah er, obwohl jünger, männlicher aus als der Castrato; er hieß Petronio. Dieser setzte die Serie der Verwandlungen fort, denn er trat als erste Tänzerin auf. Das älteste der beiden Mädchen, die mir von der Mutter ebenfalls vorgestellt wurden, hieß Cecilia und lernte Musik. Sie war erst zwölf Jahre alt; die jüngere, Marina, zählte elf und war wie ihr Bruder dem Kultus Terpsichorens geweiht. Beide waren sehr hübsch.

Die Familie war aus Bologna und lebte vom Ertrag ihrer Talente; Gefälligkeit und Frohsinn ersetzten ihr den fehlenden Reichtum.

Bellino, so hieß der Kastrat, gab endlich den dringenden Bitten Don Sanchos nach, setzte sich ans Klavier und sang mit einer Engelstimme und mit bezaubernder Anmut. Der Kastilianer hörte mit geschlossenen Augen und in einer Art von Verzückung zu; ich aber schloß keineswegs meine Augen, sondern bewunderte Bellinos schwarze und feurige Augen, welche Funken zu sprühen schienen, von denen ich, wie ich bald fühlte, entflammt wurde. Ich entdeckte an ihr mehrere Züge Lucrezias und die anmutigen Manieren der Marchesa, und alles an ihr verriet mir ein schöne Weib; denn ihre Männertracht verbarg nur unvollkommen den schönsten Busen. Trotz der Vorstellung durch Don Sancho setzte ich mir daher in den Kopf, der angebliche Bellino sei eine verkleidete Schönheit; meine entfesselte Phantasie nahm freien Lauf, und ich war bis über die Ohren verliebt.

Nachdem wir bei der Familie zwei köstliche Stunden verbracht hatten, entfernte ich mich mit dem Kastilianer, der mich nach meinem Zimmer brachte. »Ich reise«, sagte er zu mir, »in aller Frühe mit dem Abbate Vilmarcati nach Sinigaglia, aber ich werde übermorgen abend zum Nachtessen zurück sein.« Ich wünschte ihm glückliche Reise und sagte, wir würden uns gewiß unterwegs begegnen, denn ich würde wahrscheinlich am übernächsten Tage abreisen, da ich hier nur einen Besuch bei meinem Bankier zu machen hätte.

Ganz erfüllt von dem Eindruck, den Bellino auf mich gemacht hatte, legte ich mich zu Bett, und es ärgerte mich abreisen zu sollen, ohne ihm bewiesen zu haben, daß ich mich von der Verkleidung nicht täuschen ließe. Ich war daher natürlich sehr angenehm überrascht, als ich ihn am anderen Morgen bei mir eintreten sah, sobald ich meine Tür geöffnet hatte. Er wollte mir das Anerbieten machen, ich solle während meines Aufenthaltes seinen jüngeren Bruder als Bedienten anstellen, statt des Lohndieners, den ich sonst hätte nehmen müssen. Gern erklärte ich mich einverstanden und schickte sofort Petronio hinunter, um Kaffee für mich und die ganze Familie zu holen.

Ich ließ Bellino sich auf mein Bett setzen in der Absicht ihm Komplimente zu machen und ihn als Mädchen zu behandeln, aber plötzlich kommen die beiden jungen Schwestern herein und laufen auf mich zu; dies warf meine Pläne über den Haufen. Indessen bildete das Trio vor meinen Augen ein Gemälde, das mir nicht mißfallen konnte: ungeschminkte Schönheit und naive, natürliche Fröhlichkeit von dreifach verschiedener Art, nämlich zarte Zutraulichkeit, Theatergeist und die hübschen bologneser Scherzchen und kleinen Possierlichkeiten, die ich noch nicht kannte. Dies alles war reizend und würde mich in gute Laune versetzt haben, wenn es solchen Antriebes überhaupt bedurft hätte. Cecilia und Marina waren zwei liebliche Rosenknospen, die, um sich zu öffnen, nur darauf warteten, daß der Hauch, nicht des Zephirs, sondern der Liebe sie berührte; und ganz gewiß hätte ich sie vor Bellino vorgezogen, wenn ich in diesem nur einen traurigen Auswurf der Menschheit gesehen hätte oder vielmehr nur ein bedauernswertes Opfer priesterlicher Grausamkeit. Denn trotz ihrer Jugend verrieten die beiden liebenswürdigen Mädchen durch ihre hübschen sprossenden Brüste frühzeitige Mannbarkeit.

Petronio kam mit dem Kaffee und wartet uns auf; der Mutter schickte ich ihren Anteil in ihr Zimmer, das sie niemals verließ. Dieser Petronio war ein richtiger GitonNach dem schönen Lustknaben im Satiricon des Petronius; der Name ist zum Gattungsbegriff geworden., sogar ein berufsmäßiger. Das ist nicht selten in Italien, wo in dieser Beziehung weder eine so unverkünftige Unduldsamkeit herrscht wie in England, noch eine so wilde und grausame Verfolgung wie in Spanien. Ich hatte ihm eine Zechine gegeben, um den Kaffee zu bezahlen, und als ich ihm den Überschuß, 18 Paoli, schenkte, bezeigte er mir seine Dankbarkeit dafür, indem er mir mit halbgeöffnetem Munde einen wollüstigen Kuß auf die Lippen drückte; allerdings hatte ich ganz und gar nicht den Geschmack, den er bei mir voraussetzte. Ich klärte ihn darüber auf, und er schien es sich keineswegs zu Herzen zu nehmen. Dann befahl ich ihm, Mittagessen für sechs Personen zu bestellen, aber er sagte mir, er werde nur für vier bestellen, denn er müsse seiner lieben Mutter Gesellschaft leisten, die stets im Bett speise. Jedes nach seinem Geschmack! Ich ließ ihm seinen Willen.

Zwei Minuten darauf kam der Wirt zu mir und sagte: »Herr Abbate, ich mache Sie darauf aufmerksam, daß die von Ihnen Eingeladenen für zwei essen; ich kann Ihnen daher nur aufwarten, wenn ich Sie entsprechend bezahlen lasse. Unter sechs Paoli auf den Kopf kann ich nicht anrichten.«

»Schon recht,« antwortete ich, »aber bedienen Sie uns gut!«

Sobald ich angezogen war, glaubte ich der gefälligen Mutter guten Tag sagen zu müssen. Ich trat in ihr Zimmer ein und machte ihr ein Kompliment über ihre Kinder. Sie dankte mir für das Geschenk, das ich ihrem Sohn gemacht, und begann mir darauf ihre Not zu schildern: »Der Theaterunternehmer ist ein Barbar, der mir für den ganzen Karneval« nur fünfzig römische Taler hat geben wollen. Diese haben wir für unseren Lebensunterhalt verbraucht, und jetzt können wir nach Bologna zurückkehren, wenn wir zu Fuß wandern und unterwegs betteln.« Ihr Vertrauen erweckte mein Mitleid; ich zog aus meiner Börse einen Goldquadrupel und gab ihr diesen, worüber sie Tränen der Freude und Dankbarkeit vergoß.

»Ich verspreche Ihnen einen zweiten, Signora, wenn Sie mir ein Geständnis machen wollen: sagen Sie mir offen, daß Bellino ein hübsches, verkleidetes Mädchen ist.«

»Verlassen Sie sich darauf, er ist es nicht; aber er sieht so aus.«

»Er hat das Aussehen und den Klang der Stimme, Signora; ich bin Kenner.«

»Natürlich ist er ein Knabe; er hat sich ja untersuchen lassen müssen, um auf der Bühne auftreten zu können.«

»Von wem denn?«

»Vom hochwürdigsten Beichtvater Seiner Gnaden des Herrn Bischofs.«

»Von einem Beichtvater!«

»Ja, und Sie können sich davon überzeugen; Sie brauchen ihn nur zu fragen.«

»Ich werde meiner Sache nur gewiß sein, wenn ich selber ihn untersuche.«

»Tun Sie das, wenn er einverstanden ist; aber ich kann mich mit gutem Gewissen nicht in die Sache einmischen, denn ich kenne Ihre Absichten nicht.«

»Diese sind ganz natürlicher Art.«

Ich ging in mein Zimmer zurück und ließ mir von Petronio eine Flasche Cyperwein holen. Er führte den Auftrag aus und brachte mir als Rest auf eine Dublone, die ich ihm mitgegeben hatte, sieben Zechinen zurück. Diese verteilte ich unter Bellino, Cecilia und Marina und bat dann die beiden kleinen Mädchen, mich mit ihrem Bruder allein zu lassen.

»Bellino, ich bin überzeugt, daß Sie anders gebaut sind als ich. Meine Liebe, Sie sind ein Mädchen!«

»Ich bin Mann, aber Kastrat. Man hat mich untersucht.«

»Lassen Sie sich auch von mir untersuchen; ich gebe Ihnen eine Dublone.«

»Das kann ich nicht; denn offenbar lieben Sie mich, und das verbietet die Religion.«

»Beim Beichtvater des Bischofs haben Sie nicht solche Schwierigkeiten gemacht.«

»Der war ein alter Priester; übrigens hat er nur einen flüchtigen Blick auf mich geworfen.«

»Ich werde es gleich wissen!« sagte ich mit einem kühnen Griff. Bellino stieß mich zurück und stand auf.

Diese Halsstarrigkeit ärgerte mich, denn ich hatte schon fünfzehn oder sechzehn Zechinen ausgegeben, um meine Neugierde zu befriedigen. Mit verdrießlichem Gesicht setzte ich mich zu Tisch; aber der ausgezeichnete Appetit meiner hübschen Gäste gab mir meine gute Laune wieder, und ich dachte, eigentlich sei es doch besser, fröhlich zu sein als zu schmollen; in dieser Stimmung beschloß ich mich an den beiden reizenden jüngeren Schwestern schadlos zu halten, die mir zu losen Scherzen sehr geneigt zu sein schienen.

Ich saß in ihrer Mitte an einem guten Feuer, und wir aßen gebratene Kastanien, die wir mit Cyperwein befeuchteten; bald begann ich nach rechts und nach links einige unschuldige Küsse auszuteilen. Aber es dauerte nicht lange, so betasteten meine gierigen Hände alles, was meine Lippen küssen konnten, und Cecilia und Marina ergötzten sich sehr an diesem Spiele. Da Bellino lächelte, so umarmte ich auch ihn, und da sein halboffenes Spitzenjabot meine Hand herauszufordern schien, so erkühnte ich mich und drang ein, ohne Widerstand zu finden. Niemals hatte der Meißel des Prariteles einen so schönen Busen geformt. »An diesem Zeichen«, sagte ich zu ihr, »erkenne ich zweifellos, daß Sie ein vollendet schönes Weib sind.«

»Dies ist«, antwortete sie, »ein Mangel, den ich mit allen meinesgleichen teile.«

»Nein, es ist die höchste Vollkommenheit aller Ihresgleichen. Bellino, glauben Sie mir, ich bin Kenner genug, um den häßlichen Busen eines Kastraten von dem einer schönen Frau unterscheiden zu können; und dieser Alabasterbusen gehört einer jungen Schönheit von siebzehn Jahren.«

Wer wüßte nicht, daß eine von der höchsten Reizen entflammte Liebe in der Jugend erst dann einhält, wenn sie Befriedigung gefunden hat, und daß das Erlangen einer Gunstbezeigung nur dazu antreibt, eine noch größere Gunst zu gewähren? Ich war auf gutem Wege, und darum wollte ich noch weiter gehen und mit glühenden Küssen den Busen bedecken, der meiner Hand preisgegeben war; aber der falsche Bellino tat, wie wenn er erst in diesem Augenblick bemerkte, daß ich eines unerlaubten Vergnügens genösse; er stand auf und entfloh. In das Feuer der Liebe mischte sich nun Zorn; es war mir unmöglich, ihn zu verachten, weil ich dann zuerst mich selber hätte verachten müssen, aber ich fühlte das Bedürfnis mich zu beruhigen, indem ich meine Leidenschaft befriedigte oder ablenkte; ich bat daher Cecilia, die Bellinos Schülerin war, mir einige neapolitanische Lieder zu singen. Hierauf ging ich aus und begab mich zum Bankier, wo ich mir zum Austausch für den bei ihm fälligen Wechsel einen Sichtwechsel auf Bologna geben ließ. Nach meiner Rückkehr nahm ich ein leichtes Abendessen mit den kleinen Mädchen ein; hierauf zog ich mich aus, um mich zu Bett zu legen, nachdem ich Petronio befohlen hatte, mir für Tagesanbruch einen Wagen zu bestellen.

Im Augenblick, wo ich die Tür verschließen wollte, kam Cecilia halb ausgezogen und sagte mir, Bellino lasse mich fragen, ob ich ihn nach Rimini mitnehmen wolle, wo er nach Ostern in der Oper singen wolle.

»Sage ihm, mein kleiner Engel, ich werde ihm sehr gerne dieses Vergnügen bereiten, wenn er mir in deiner Gegenwart das von mir gewünschte Vergnügen machen will; ich will durchaus wissen, ob er ein Knabe oder ein Mädchen ist.«

Sie ging, kam sofort wieder und sagte mir, Bellino sei schon zu Bett, aber er verspreche mir, am nächsten Tage meinen Wunsch zu erfüllen, wenn ich meine Abreise nur um vierundzwanzig Stunden verschieben wolle.

»Sage mir die Wahrheit, Cecilia, und ich gebe dir sechs Zechinen.«

»Ich kann sie mir nicht verdienen, denn ich habe ihn niemals ganz nackt gesehen, und ich kann nicht darauf schwören, ob er ein Mädchen ist oder nicht. Aber er muß doch wohl ein Knabe sein, denn sonst hätte er nicht hier auf dem Theater auftreten dürfen.«

»Gut, ich werde erst übermorgen abreisen, wenn du nur diese Nacht Gesellschaft leisten willst.«

»Sie lieben mich also?«

»Sehr – wenn du gut sein willst.«

»Sehr gut will ich sein; denn ich habe Sie ebenfalls sehr lieb. Ich werde meiner Mutter Bescheid sagen.«

»Du hast gewiß einen Liebhaber?«

»Ich habe niemals einen gehabt.«

Sie ging und kam gleich darauf freudestrahlend zurück, um mir zu sagen, ihre Mutter halte mich für einen Ehrenmann. Die Hauptsache war ohne Zweifel, daß sie mich für freigebig hielt. Cecilia schloß die Tür, warf sich in meine Arme und küßte mich. Sie war hübsch und lieblich, aber ich war nicht in sie verliebt und konnte nicht zu ihr sagen: Lucrezia, du hast mein Glück gemacht. Aber sie sagte mir dieses, ohne daß ich mich jedoch dadurch besonders geschmeichelt fühlte; indessen tat ich so, als glaubte ich es ihr. Bei meinem Erwachen erhielt sie von mir einen zärtlichen Morgengruß, und nachdem ich ihr drei Dublonen gegeben hatte, worüber jedenfalls ihre Mutter sich ganz besonders freuen mußte, entließ ich sie, ohne ihr erst ewige Treue zu schwören; denn diese Schwüre sind ebenso leichtfertig wie abgeschmackt; und selbst der verständigste Mann sollte sie niemals auch der schönsten Frau gegenüber anwenden.

Nach dem Frühstück ließ ich den Wirt heraufkommen und bestellte bei ihm ein ausgezeichnetes Abendessen für fünf Personen, denn ich war überzeugt, daß Don Sancho, der am Abend zurückkehren sollte, mir nicht die Ehre verweigern würde, mit mir zu Nacht zu speisen; in dieser Hoffnung beschloß ich, nicht zu Mittag zu essen. Die Bologneser Familie hatte es nicht nötig, mein Vorbild nachzuahmen, um eines guten Appetits für den Abend sicher zu sein.

Ich ließ Bellino rufen und forderte ihn auf, sein Versprechen zu halten; aber er sagte mir lachend, der Tag sei noch nicht zu Ende und es sei sicher, daß er mit mir abreisen werde.

»Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß dies nicht der Fall sein wird, wenn ich nicht völlig zufriedengestellt werde.«

»Sie werden es sein.«

»Ist es Ihnen recht, wenn wir zusammen einen Spaziergang machen?«

»Gern – ich werde mich anziehen.«

Während ich auf ihn warte, kommt Marina und fragt mich mit schmollendem Gesicht, womit sie es verdient habe, daß ich sie verachte. »Cecilia hat die Nacht mit Ihnen verbracht; morgen reisen Sie mit Bellino ab; nur ich allein bin unglücklich.«

»Willst du Geld?«

»Nein; denn ich liebe Sie.«

»Aber, Marina, du bist zu jung!«

»Ich bin kräftiger als meine Schwester.«

»Es ist aber auch möglich, daß du einen Liebhaber hast.«

»O, gewiß nicht!«

»Schön denn; wir werden heute abend sehen.«

»Famos! Ich werde Mama sagen, daß sie für morgen frische Bettücher bereit halten soll; denn sonst würde man es im Gasthof merken.«

Ich bewunderte die Früchte einer Theatererziehung; aber es machte mir Spaß.

Bellino kam, wir gingen aus und lenkten unsere Schritte nach dem Hafen. Auf der Reede lagen mehrere Schiffe, unter anderen ein venetianisches und ein türkisches. Ich ließ mich an Bord des ersteren fahren und besichtigte es mit Interesse; da ich aber keinen Bekannten fand, verließ ich es bald wieder und fuhr mit Bellino zu dem türkischen Schiff hinüber, wo mich die romanhafteste Überraschung erwartete. Die erste Person, die ich bemerkte, war die schöne Griechin, die ich vor sieben Monaten zu Ancona im Lazarett verlassen hatte. Sie stand neben dem alten Kapitän. Seine schöne Gefangene scheinbar gar nicht bemerkend, fragte ich ihn, ob er schöne Waren zu verkaufen habe. Er führte uns in die Kajüte, und indem ich einen Seitenblick auf seine schöne Griechin warf, las ich in ihren Augen die höchste Freude über unser Wiedersehen.

Ich tat, als gefiele mir nichts von dem, was der Türke mir zeigte; schließlich sagte ich ihm, wie wenn ich eine plötzliche Eingebung hätte, ich würde gerne etwas Hübsches kaufen, das seiner schönen Gattin gefiel. Er lächelte und verließ die Kajüte, nachdem die Griechin ihm etwas auf türkisch gesagt hatte. Kaum war er unseren Blicken entschwunden, so fiel die neue Aspasia mir um den Hals und rief: »Der Augenblick des Glücks ist da!«

Ich hatte nicht weniger Mut als sie, nahm eine geeignete Stellung ein und machte ihr in einem Nu, was ihr Gebieter ihr in fünf Iahren nicht gemacht hatte. Ich war noch nicht ganz am Ziel meiner Wünsche, als die unglückliche Griechin ihren Herrn zurückkommen hörte; mit einem Seufzer entriß sie sich meinen Armen und stellte sich so geschickt vor mich, daß ich Zeit hatte, meine Kleider wieder in Ordnung zu bringen; sonst hätte das Abenteuer mir das Leben oder wenigstens all mein Hab und Gut gekostet. Lachen mußte ich in dieser eigentümlichen Lage über Bellinos Überraschung ; er stand wie erstarrt da und zitterte an allen Gliedern.

Die Nippsachen, die die schöne Sklavin wählte, kosteten mir nur etwa dreißig Zechinen. »Spolaitis!« sagte sie mir in ihrer Sprache; der Türke befahl ihr, mich zu umarmen, sie aber verhüllte ihr Gesicht und lief hinaus. Ich verließ das Schiff mehr traurig als zufrieden; denn es tat mir leid, daß sie trotz ihrem Mut nur eine unvollständige Befriedigung hatte erreichen können. Sobald wir wieder in unserer Veluke waren, sagte Bellino, der sich von seiner Furcht erholt hatte, ich hätte ihm ein wahres Wunder gezeigt, das kaum glaublich wäre, ihm aber einen eigentümlichen Begriff von meinem Charakter gäbe; der Charakter der Griechin sei überhaupt nicht verständlich, ich müßte ihm denn etwa versichern können, daß alle Weiber ihres Landes ebenso wären wie sie.

»Wie unglücklich müssen sie sein« rief er aus.

»Glauben Sie denn,« fragte ich ihn, »daß die Koketten glücklicher sind?«

»Nein; aber ich verlange, daß ein Weib, wenn es aufrichtig ist, sich erst ergibt, nachdem es mit sich selber gekämpft hat; sie darf nicht dem ersten Antrieb eines wollüstigen Wunsches nachgehen, sie darf nicht dem ersten besten, der ihr gefällt, sich hingeben wie ein Tier, das nur den Trieben seiner Sinne folgt. Geben Sie mir zu, daß diese Griechin Ihnen ein sicheres Zeichen gegeben hat, daß Sie ihr gefallen haben; daß sie Ihnen aber ein nicht weniger sicheres Zeichen ihrer rohen Sinnlichkeit gegeben hat, und zwar mit einer Schamlosigkeit, die sie der Gefahr aussetzte, schimpflich zurückgewiesen zu werden ; denn sie konnte nicht wissen, ob Sie sich ebenso stark zu ihr hingezogen fühlten, wie sie sich zu Ihnen. Sie ist sehr hübsch, und alles ist gut gegangen; aber der ganze Vorfall hat mich in eine Aufregung versetzt, von der ich mich noch nicht erholt habe.«

Ich hätte Bellino leicht aus seinem Erstaunen reißen und ihm seinen Irrtum benehmen können ; aber eine derartige Aufklärung wäre nicht im Interesse meiner Eitelkeit gelegen; daher schwieg ich. Denn wenn Bellino, wie ich bestimmt glaubte, ein Mädchen war, so wünschte ich ihr die Überzeugung beizubringen, daß ich auf die körperliche Betätigung der Liebe im Grunde einen sehr geringen Wert legte, und daß es sich nicht lohnte, zur List zu greifen, um ihre Folgen zu verhindern.

Gegen Abend hörte ich Don Sanchos Wagen in den Hof des Wirtshauses einfahren; ich beeilte mich, ihn zu empfangen, und sagte ihm, er werde nur hoffentlich verzeihen, daß ich darauf gerechnet habe, er werde mir die Ehre erweisen, mit mir und Bellino zu Nacht zu speisen. Würdevoll und höflich bedeutete er mir, meine Aufmerksamkeit mache ihm das größte Vergnügen, und nahm die Einladung an.

Die auserlesensten Speisen, die besten spanischen Weine, und mehr als alles dieses, die Fröhlichkeit und die entzückenden Stimmen Bellinos und Cecilias ließen den Kastilianer fünf köstliche Stunden verbringen. Um Mitternacht verließ er mich mit den Worten, er könne sich nicht für völlig befriedigt erklären, wenn ich ihm nicht das Versprechen gebe, am nächsten Tage in seinem Zimmer mit derselben Gesellschaft zu Abend zu speisen. Ich mußte also meine Abreise noch um einen Tag aufschieben; aber ich nahm an.

Kaum war Don Sancho gegangen, so forderte ich Bellino auf, sein Wort zu halten; aber er sagte mir, Marina erwarte mich, und da ich ja den nächsten Tag noch bleibe, so werde er schon einen günstigen Augenblick finden, um mich zufrieden zu stellen. Hierauf wünschte er mir gute Nacht und ging.

Marinetta lief freudestrahlend an die Tür, schob den Siegel vor und eilte dann mit flammenden Blicken auf mich zu. Obgleich sie ein Jahr jünger war als Cecilia, waren ihre Formen schon reifer entwickelt, und sie schien mich überzeugen zu wollen, daß sie mehr wert sei als ihre Schwester. Da sie jedoch fürchtete, die Anstrengung der vergangenen Nacht möchte meine Kräfte erschöpft haben, so kramte sie alle verliebten Ideen ihrer Seele vor mir aus, sprach lang und breit über alles, was sie von dem großen Mysterium wusste, das sie mit mir vollziehen sollte, und von allen Versuchen, die sie gemacht hatte, sich unvollkommene Kenntnisse zu verschaffen; dies alles brachte sie mit der Zusammenhangslosigkeit ihres kindlichen Alters vor. Wie ich bald merkte, fürchtete sie, ich möchte sie nicht als Jungfer befinden und ihr Vorwürfe darüber machen. Ihre Unruhe machte mir Spaß, und ich beruhigte sie, indem ich ihr sagte, die sogenannte Mädchenblume sei etwas, das die Natur vielen Mädchen verweigere, und Männer, die sich darüber beklagten, seien in meinen Augen Dummköpfe.

Mein Sachverständnis gab ihr Mut und Vertrauen, und ich sah mich genötigt, ihr zu gestehen, daß sie ihrer Schwester weit überlegen sei. »Ich bin entzückt darüber!« rief sie; »wir wollen die ganze Nacht verbringen, ohne einen Augenblick zu schlafen.«

»Der Schlaf, liebes Kind, wird uns zustatten kommen; er wird uns neue Kräfte geben, und diese werden dich morgen früh für eine nach deiner Meinung vielleicht verlorene Zeit entschädigen.«

Und in der Tat wurde nach einem süßen Schlummer das Erwachen für sie zu einer Reihe von neuen Triumphen; sie war überselig, als ich ihr beim Abschied drei Dublonen gab, die sie ihrer Mutter überbrachte, wodurch in dieser der unersättliche Wunsch erregt wurde, neue Wohltaten von der Vorsehung anzunehmen.

Ich ging zu meinem Bankier, um mir Geld zu holen, da ich nicht wissen konnte, was mir unterwegs zustoßen würde; denn ich hatte genossen, aber ich hatte zu viel ausgegeben. Außerdem blieb mir noch Bellino, der, wenn er Mädchen war, mich gegen sich nicht weniger freigebig finden durfte, als gegen seine jungen Schwestern. Dies mußte sich im Laufe des Tages entscheiden; ich glaubte übrigens des Ergebnisses sicher zu sein.

Es gibt Leute, die da sagen, das Leben sei nur eine Anhäufung von lauter Unglück, was darauf hinausliefe, daß unser Dasein ein Unglück wäre; aber wenn das Leben ein Unglück ist, so ist der Tod gerade das Gegenteil, also Glück; denn der Tod ist dem Leben genau entgegengesetzt. Diese Schlußfolgerung kann etwas gezwungen erscheinen. Aber die Menschen, die eine solche Sprache führen, sind sicherlich entweder krank oder arm. Denn wenn sie einer guten Gesundheit genössen, wenn sie eine wohlgespickte Börse hätten, Fröhlichkeit im Herzen, dazu eine Cecilia, eine Marina, und Hoffnung auf noch viel besseres – o, gewiß, da würden sie ihre Meinung ändern. Ich halte solche Leute für Pessimisten, die es nur unter bettelhaften Philosophen und unter heuchlerischen oder schwarzgalligen Pfaffen gegeben haben kann. Wenn es Freude gibt, und wenn man Freude nur genießen kann, solange man am Leben ist – dann ist das Leben ein Glück. Es gibt Unglück, davon weiß ich selber etwas; aber das Vorhandensein gerade dieses Unglücks beweist, daß im großen und ganzen genommen das Glück überwiegt. Weil man bei einer Fülle von Rosen einige Dornen findet, darf man deshalb die Existenz dieser schönen Blume verkennen? Nein; man verleumdet das Leben, wenn man behauptet, es sei kein Gut. Wenn ich in einem dunklen Zimmer bin, bereitet es mir einen unendlichen Genuß, durch ein Fenster einen unermeßlichen Horizont vor mir sich ausbreiten zu sehen.

Als es Zeit zum Abendessen war, begab ich mich zu Don Sancho, den ich in einem prachtvollen Zimmer untergebracht fand. Sein Tisch war mit Silbergeschirr bedeckt, und seine Bedienten trugen große Livree. Er war allein, aber bald kamen Cecilia, Marina und Bellino, der aus Neigung oder aus Laune weibliche Tracht angelegt hatte. Die beiden jüngeren Schwestern waren gut angezogen und sahen reizend aus; aber Bellino in seiner Damentoilette stellte sie dermaßen in den Schatten, daß ich nicht mehr den geringsten Zweifel hatte.

»Sind Sie überzeugt,« fragte ich Don Sancho, »daß Bellino kein Mädchen ist?«

»Ob Mädchen oder Junge, was macht das mir aus? Ich halte ihn für einen sehr hübschen Kastraten, und ich habe Kastraten gesehen, die ebenso hübsch waren wie er.«

»Aber sind Sie dessen sicher?«

»Valgame Dios!« antwortete der würdevolle Kastilianer; »ich habe durchaus keine Lust, mir solche Gewißheit zu verschaffen.«

Oh! da dachten wir aber sehr verschieden! Ich respektierte jedoch in ihm die Weisheit, die mir fehlte, und erlaubte mir keine indiskrete Frage mehr. Bei Tische aber vermochten meine gierigen Augen sich nicht von dem entzückenden Geschöpf abzuwenden; infolge meiner natürlichen Lasterhaftigkeit fand ich eine süße Wollust in dem Glauben, Bellino gehöre einem Geschlecht an, dem er angehören mußte, wenn ich nicht unglücklich sein sollte.

Don Sanchos Nachtmahl war köstlich und natürlich dem meinigen weit überlegen; denn sonst hätte der kastilianische Stolz sich gedemütigt geglaubt. Ubrigens begnügen die Menschen im allgemeinen sich niemals mit dem Guten; sie wollen das Bessere, oder richtiger gesagt, das Reichlichere. Er bewirtete uns mit weißen Trüffeln, mit Muschelgerichten verschiedener Art und den besten Fischen des Adriatischen Meeres; dazu gab es nichtmoussierenden Champagner, Peralta, Xeres und Pedro-Firnenes.

Nach diesem lukullischen Abendessen sang uns Bellino mit einer Stimme, die uns das letzte Restchen von Vernunft benahm, das die ausgezeichneten Weine uns noch gelassen hatten. Ihre Gebärden, der Ausdruck ihres Blickes, ihr Benehmen, ihr Gang, ihre Haltung, ihre Gesichtszüge, ihre Stimme und vor allem mein Instinkt, der mir nicht für einen Kastraten die Gefühle einflößen konnte, die ich für sie empfand – dies alles bestärkte mich in meiner Hoffnung. Indessen mußte ich mich mit eigenen Augen überzeugen.

Nach tausend Komplimenten und tausend Danksagungen verließen wir den prachtliebenden Spanier und gingen in mein Zimmer, wo endlich das Geheimnis sich enthüllen sollte. Ich forderte Bellino auf, mir Wort zu halten; sonst würde ich am nächsten Morgen in aller Frühe allein abreisen.

Ich nehme Bellino an der Hand, und wir setzen uns zusammen an das Kaminfeuer. Ich schicke Cecilia und Marina fort und sage zu ihm: »Bellino, alles hat seine Grenzen. Sie haben mir Ihr Versprechen gegeben: die Sache wird bald entschieden sein. Wenn Sie sind, was Sie sagen, werde ich Sie bitten, sich auf Ihr Zimmer zu begeben. Sind Sie dagegen, wofür ich Sie halte, und wollen Sie bei mir bleiben, so werde ich Ihnen morgen hundert Zechinen geben, und wir werden zusammen abreisen.«

»Sie werden allein abreisen und werden meiner Schwäche verzeihen, wenn ich Ihnen nicht Wort halten kann. Ich bin, was ich Ihnen gesagt habe, und ich kann mich nicht entschließen, Sie zum Zeugen meiner Schande zu machen, noch auch mich den furchtbaren Folgen auszusetzen, die diese Aufklärung haben könnte.«

»Sie kann keine einzige haben; sobald ich mich überzeugt habe, daß Sie das Unglück haben, das zu sein, wofür ich Sie nicht halte, so ist alles abgemacht; es wird mit keinem Wort mehr davon die Rede sein, wir reisen morgen zusammen ab, und ich werde Sie in Rimini absetzen.«

»Nein, es ist entschieden; ich kann Ihre Neugierde nicht befriedigen.«

Über diese Worte war ich außer mir, und ich war nahe daran, Gewalt anzuwenden; doch beherrschte ich mich und versuchte mit Güte ans Ziel zu gelangen und mich des Punktes zu bemächtigen, in welchem die Lösung des Problems lag. Fast hatte ich ihn erweicht, da setzte seine Hand mir einen kräftigen Widerstand entgegen. Ich verdoppelte meine Anstrengung, aber ich fand sie vereitelt, indem Bellino plötzlich aufstand. Nachdem ich einen Augenblick ruhig gewesen war, glaubte ich ihn überraschen zu können und streckte die Hand aus – aber ein jäher Schreck durchfuhr mich, ich glaubte in ihm einen Mann zu erkennen, noch dazu einen verachtungswürdigen Mann, verachtungswürdig weniger wegen seiner Verstümmelung, als wegen der Gefühllosigkeit, die ich auf seinem Zügen zu lesen glaubte. Angeekelt, verwirrt, beinahe über mich selbst errötend, schickte ich ihn fort. Seine Schwestern kamen zu mir; ich verabschiedete mich von ihnen und beauftragte sie, ihrem Bruder zu sagen, er würde mit mir reisen und brauchte keine Zudringlichkeiten mehr von meiner Seite zu befürchten. Jedoch trotz der Überzeugung, die ich erlangt zu haben glaubte, beherrschte Bellino, den meine Phantasie mir als Weib vorgestellt hatte, immer noch alle meine Gedanken. Dies war mir unbegreiflich.

Am anderen Morgen reiste ich mit ihm ab, begleitet von den Tränen der beiden reizenden Schwestern und von den Segenswünschen der Mutter, die mit dem Rosenkranz in der Hand Pater noster murmelte und ihren ewigen Refrain wiederholte: Dio provvedera – Gott wird versorgen.

Dieses Vertrauen, das die meisten Leute, die von unerlaubten oder durch die Religion verbotenen Gewerben leben, auf die Vorsehung setzen, ist durchaus nicht abgeschmackt, erkünstelt oder heuchlerisch; sondern es ist wahr, echt und sogar fromm, denn es entstammt einer ausgezeichneten Quelle. Welche Wege auch immer die Vorsehung wählen mag, die Sterblichen müssen sie stets in ihrem Wirken erkennen, und wer sie unabhängig von jedem Nebengedanken anruft, kann im Grunde immer ein guter Mensch sein, wenn er auch einer Ausschreitung schuldig sein mag.

Pulchra Laverna
Da mihi fallere; da justo sanctoque videri;
Noctem peccatis, et fraudibus objice nubem.

O schöne Laverna, gib zu meinem falschen Spiele
Mir ferner Glück. Verleih mir, tadellos
Zu scheinen und gerecht! Mach, wenn ich sündige,
Nacht um mich her, und wirf wie einen Schild
Die dickste Wolke meiner Schalkheit vor !Die Nymphe Laverna, in deren heiligen Hain die Römer unter Romulus ihren Raub in Sicherheit zu bringen pflegten, war die Schutzgöttin der Diebe und Räuber.

So sprachen zur Zeit des Horaz die Diebe lateinisch zu ihrer Göttin, und ich erinnere mich, daß eines Tages ein Jesuit mir sagte der Dichter habe nicht Latein gekonnt, wenn er gesagt habe: Justo sanctoque. Aber es gab auch unter den Jesuiten Ignoranten, und ohne Zweifel pfiffen die Diebe auf die Grammatik.

So war ich also unterwegs mit Bellino, der in dem Glauben. war, daß ich von meiner Meinung zurückgekommen sei, und sich daher vielleicht einbildete, ich sei nicht mehr neugierig auf ihn; aber schon nach einer knappen Viertelstunde sah er, daß er sich täuschte; denn ich konnte meine Blicke nicht in seine schönen Augen versenken, ohne mich von einer Glut entflammt zu fühlen, die der Anblick eines Mannes niemals in mir hätte erzeugen können. Ich sagte ihm, seine Augen und alle Züge seien die eines Weibes, und ich müsse mich mit eigenen Augen der Tatsache vergewissern, weil der von mir bemerkte Auswuchs möglicherweise nur ein Naturspiel sei. »Wenn dies der Fall wäre, würde ich Ihnen gern eine solche Verunstaltung verzeihen, die im Grunde doch nur komisch ist. Bellino, diese sozusagen magnetische Wirkung, die Sie auf mich hervorbringen, dieser Venusbusen, den Sie meiner lüsternen Hand überlassen haben, der Ton Ihrer Stimme, Ihr ganzes Gehaben – alles bestätigt mir, daß Sie von anderem Geschlecht sind als ich. Lassen Sie mich davon mich überzeugen und seien Sie meiner Liebe gewiß, wenn ich mich nicht irre; seien Sie meiner Freundschaft gewiß, wenn ich meinen Irrtum erkenne. Wenn Sie aber immer noch hartnäckig bleiben, so muß ich glauben, Sie machen sich eine grausame Belustigung daraus, mich zu quälen. Dann muß ich annehmen, Sie haben als ausgezeichneter Beobachter der Natur in der verdammtesten aller Ärzteschulen gelernt, daß es, um einem Jüngling die Heilung von einer Liebesleidenschaft unmöglich zu machen, kein besseres Mittel gibt, als ihn unaufhörlich in Erregung zu halten. Aber Sie werden mir zugeben, daß Sie eine solche Tyrannei nur ausüben können, wenn Sie den Mann hassen, an welchem Sie solche Wirkung erproben. Und wenn dies der Fall wäre, so müßte ich meine Vernunft zu Hilfe rufen, um auch meinerseits Sie zu hassen.«

In diesem Tone fuhr ich noch lange Zeit fort, ohne daß er mir ein Wort erwiderte; doch sah er sehr bewegt aus. Zum Schluß sagte ich ihm, sein Widerstreben versetzte mich in einen solchen Zustand, daß ich gezwungen sein werde, ihn ohne Schonung zu behandeln, um eine Gewißheit zu erlangen, die ich mir nur durch Gewalt verschaffen könne. Hierauf erwiderte er mir stolz:

»Bedenken Sie, daß Sie nicht mein Herr sind, daß ich mich im Vertrauen auf ein Versprechen in Ihren Händen befinde, und daß Sie sich eines Mordes schuldig machen würden, wenn Sie mir Gewalt antäten. Sagen Sie dem Postkutscher, er solle halten: ich werde aussteigen und mich bei niemandem beklagen!« Dieser kurzen Anrede folgte eine Sintflut von Tränen, und das ist ein Mittel, dem ich niemals habe widerstehen können. Ich fühlte mich bis auf den Grund meiner Seele gerührt und glaubte beinahe, ich hätte unrecht gehabt. Ich sage beinahe, denn wenn ich überzeugt gewesen wäre, so hätte ich mich ihm zu Füßen geworfen und ihn um Verzeihung gebeten; da ich mich jedoch nicht imstande fühlte, über den Fall zu urteilen, so begnügte ich mich damit, mich in ein düsteres Schweigen zu hüllen, und ich besaß die Standhaftigkeit, kein einziges Wort zu sprechen, bis wir eine halbe Post von Sinigaglia entfernt waren, wo ich zu Abend essen und übernachten wollte. Dort endlich ergriff ich das Wort, nachdem ich lange genug mit mir selber gekämpft hatte, und sagte zu ihm: »Wir hätten als gute Freunde in Rimini zur Ruhe gehen können, wenn Sie ein bißchen Freundschaft für mich empfunden hätten; denn wenn Sie nur ein wenig gefällig gewesen wären, so hätten Sie mich von meiner Leidenschaft heilen können.«

»Sie wären nicht geheilt worden,« antwortete Bellino mir mutvoll, aber in einem Tone, dessen Sanftheit mich überraschte. »Nein, Sie wären nicht geheilt worden, einerlei, ob ich Mädchen oder Knabe hin; denn Sie sind in meine Person verliebt, und Ihre Verliebtheit hat mit meinem Geschlecht nichts zu tun; wenn Sie Gewißheit erlangt hätten, wären Sie rasend geworden. Hätten Sie mich in diesem Zustande unerbittlich gefunden, so hätten Sie sich ganz gewiß zu Ausschreitungen hinreisen lassen, worüber Sie später unnütze Tränen würden vergossen haben.«

»Sie glauben, durch diese schönen Vernunftgründe mich zu dem Eingeständnis zu bringen, daß Ihr Widerstand vernünftig sei; aber Sie befinden sich vollkommen im Irrtum, denn ich fühle, daß ich völlig ruhig sein würde, und daß Ihre Gefälligkeit Ihnen meine Freundschaft sichern würde.«

»Sie würden rasend werden, sage ich Ihnen!«

»Bellino, was mich rasend gemacht hat, ist die Schaustellung Ihrer allzu wirklichen oder allzu trügerischen Reize, deren Wirkung Ihnen sicherlich nicht unbekannt sein kann. Damals haben Sie meine Liebesraserei nicht gefürchtet; wie soll ich denn glauben, daß Sie sich jetzt fürchten, da ich von Ihnen nichts weiter verlange, als daß Sie mich ein Ding anfassen lassen, das mir nur Ekel erregen kann?«

»Ach? Ihnen Ekel erregen? Ich bin vom Gegenteil völlig überzeugt. Hören Sie mich an! Wenn ich ein Mädchen wäre, so stände es nicht in meiner Macht, Ihnen meine Liebe zu versagen, das fühle ich; da ich aber ein Knabe bin, so ist es meine Pflicht, die von Ihnen gewünschte Gefälligkeit nicht zu gewähren; denn Ihre Leidenschaft, die jetzt noch erklärlich ist, würde dann widernatürlich werden. Ihre glühende Natur würde stärker sein als Ihre Vernunft, und Ihre Vernunft selber würde leicht eine Bundesgenossin Ihrer Sinne werden und würde mit Ihrer Natur halbpart machen. Wenn Sie diese Aufklärung erhielten, so würde sie Sie in Flammen setzen und Sie würden die Herrschaft über sich selbst verlieren. Sie würden suchen, was Sie nicht finden können; Sie würden sich an dem, was Sie wirklich fänden, befriedigen wollen, und das würde ohne Zweifel zu greulichen Dingen führen.

Sie sind doch so klug; wie können Sie sich mit der Hoffnung schmeicheln, es werde Ihnen möglich sein, mich plötzlich nicht mehr zu lieben, wenn Sie in mir einen Mann fänden? Werden die Reize, die Sie an mir bemerkten, nicht mehr vorhanden sein? Ihre Macht wird sich vielleicht sogar noch vermehren; alsdann wird Ihre Glut brutal werden, und Sie werden, um sie zu befriedigen, zu allen Mitteln greifen, auf die Ihre Phantasie nur verfallen kann. Es wird Ihnen gelingen, sich zu überreden, Sie könnten mich zum Weibe umwandeln; oder, schlimmer noch, Sie könnten mir gegenüber zum Weibe werden. Ihre Leidenschaft wird tausend Spitzfindigkeiten aushecken, um Ihre Liebe zu rechtfertigen, die Sie mit dem schönen Namen Freundschaft schmücken werden; und um Ihr Verhalten zu verteidigen, werden Sie nicht verfehlen, mir tausend Beispiele ähnlicher Schändlichkeiten anzuführen. Wer weiß, ob Sie mich nicht mit dem Tode bedrohen würden, wenn Sie mich nicht gefügig fänden? Denn ganz gewiß würden Sie mich in dieser Hinsicht niemals gefügig finden.«

Von der Länge ihrer Auseinandersetzung ein wenig ermüdet, antwortete ich ihr: »Nichts von alledem, Bellino, würde geschehen; wahrhaftig, nichts! Und ich bin überzeugt, Sie übertreiben; denn soweit kann Ihre Furcht unmöglich gehen. Doch muß ich Ihnen sagen: Selbst wenn es dazu käme, so dünkt mich, es wäre weniger schlimm, der Natur eine Verirrung zu verzeihen, die streng genommen nur als eine Geistesverwirrung betrachtet werden kann, als wenn Sie eine Geisteskrankheit unheilbar machen, die bei vernünftigem Verhalten nur vorübergehend sein würde.«

Solche Reden hält ein armer Philosoph, wenn er in Augenblicken, wo eine aufrührerische Leidenschaft alle Fähigkeiten seiner Seele in die Irre führt, vernünftige Reden halten will. Um von seiner Vernunft den rechten Gebrauch zu machen, darf man weder verliebt noch zornig sein, denn diese beiden Leidenschaften haben das miteinander gemein, daß sie in ihren Ausartungen uns den Tieren gleichmachen, die nur den Antrieben ihrer Instinkte folgen; unglücklicherweise sind wir niemals so dazu aufgelegt, Vernunftschlüsse zu ziehen, wie wenn wir unter dem Einfluß der einen oder der anderen dieser Leidenschaften stehen. Mit Einbruch der Nacht kamen wir in Sinigaglia an, wo ich im besten Gasthof abstieg; nachdem ich mir ein gutes Zimmer hatte anweisen lassen, bestellte ich ein Abendessen. Da in dem Zimmer nur ein einziges Bett war, fragte ich mit der ruhigsten Miene Bellino, ob er sich in einem anderen Zimmer Feuer machen wolle. Man stelle sich meine Überraschung vor, als er in sanftem Tone mir sagte, er habe durchaus nichts dagegen, mit mir im selben Bett zu schlafen. Auf diese Antwort war ich durchaus nicht gefaßt; aver sie war mir nötig, um die düstere Stimmung zu verscheuchen, die mich quälte. Ich sah wohl, daß der Knoten der Komödie sich entschürzen sollte, aber ich hütete mich wohl, mir dazu Glück zu wünschen, denn ich befand mich noch in Ungewißheit, ob die Lösung mir günstig sein würde oder nicht. Indessen empfand ich eine aufrichtige Befriedigung über meinen Sieg, denn ich war gewiß, vollkommen Herr und Meister meiner selbst zu bleiben, wenn meine Sinne und mein Instinkt mich getäuscht haben sollten; d.h. ich würde ihn respektieren, wenn er ein Mann wäre. Im entgegengesetzten Falle glaubte ich die süßesten Gunstbeweise erwarten zu dürfen.

Wir setzten uns bei Tische einander gegenüber, und während des Essens ließen seine Reden, seine Miene, der Ausdruck seiner schönen Augen, sein sanftes, wollüstiges Lächeln mich vorausahnen, daß er es müde war, noch fernerhin eine Rolle zu spielen, die für ihn ebenso peinlich hatte sein müssen wie für mich.

Von einer großen Last befreit, kürzte ich das Abendessen nach Möglichkeit ab. Sobald wir vom Tische aufgestanden waren, ließ mein liebenswürdiger Begleiter eine Nachtlampe bringen, zog sich aus und ging zu Bett. Unverzüglich folgte ich ihm, und der Leser wird sehen, wie die so heiß ersehnte Lösung sich vollzog; inzwischen wünsche ich ihm eine ebenso glückliche Nacht, wie die, die mich erwartete.

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