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Erinnerungen

Giacomo Casanova: Erinnerungen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorCasanova
titleErinnerungen
volume4
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20050616
projectide0c133bb
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Siebentes Kapitel

Ich verliebe mich in Veronika. – Ihre Schwester. – List gegen List. – Mein Sieg. – Gegenseitige Enttäuschung.

Ich habe niemals gern allein gegessen, und dies hat mich stets davon abgehalten, Einsiedler zu werden, obgleich ich einmal eine ziemlich flüchtige Anwandlung hatte, Mönch zu werden: ein Beruf, wie jeder andere und vielleicht der beste von allen wenn man, ohne auf gewisse Freuden des Lebens zu verzichten, sich einem frommen Müßiggang hingeben kann. Diese Anlage veranlaßte mich also, zwei Gedecke zu bestellen; übrigens hatte Veronika, nachdem sie mit mir und dem Marchese gespeist hatte, ein Recht auf diese Auszeichnung, die sie außerdem wegen ihrer Schönheit und ihres Geistes verdiente.

Da ich nur Costa hinter meinem Stuhl stehen sah, fragte ich ihn, wo Leduc sei. Er antwortete mir, dieser sei krank. »Dann treten Sie hinter den Stuhl des Fräuleins,« sagte ich. Er gehorchte, aber mit einem Lächeln. Wo mischt der Stolz sich nicht ein! Obgleich es keinen lächerlicheren gibt als den Bedientenstolz, versteigt sich dieser oft bis zu einem wahren Hochmut.

An diesem Tage kam Veronika mir hübscher vor. Ihr je nach den Umständen freies oder zurückhaltendes Wesen zeigte mir, daß sie keine Anfängerin mehr war und daß sie in einer gewählten Gesellschaft leicht die Rolle einer Prinzessin hätte spielen können. Aber so seltsam ist das menschliche Herz: ich sah mit aufrichtiger Betrübnis, daß sie mir gefiel, und nur der Gedanke tröstete mich, daß ihre Mutter sie im Laufe des Tages abholen sollte. Ich liebte Rosalien, und mein Herz blutete noch; unsere Trennung war noch zu frisch.

Die Mutter kam, als wir noch bei Tische saßen. Sie war erstaunt über die Ehre, die ich ihrer Tochter erwies, und dankte mir auf das lebhafteste dafür.

»Sie brauchen mir nicht dafür zu danken, Madame, denn die Ehre ist ganz auf meiner Seite, da Ihre Tochter schön, geistreich und tugendhaft ist!«

»Danke dem Herrn, meine Tochter, für die schönen Geschenke, die er dir macht: denn du bist häßlich, dumm und leichtsinnig!« sagte die Mutter; »aber wie hast du die Dreistigkeit haben können, dich mit einem schmutzigen Hemde an den Tisch des gnädigen Herrn zu setzen?«

»Ich würde über diesen Vorwurf erröten, liebe Mutter, wenn ich nicht wüßte, daß Sie sich täuschten; denn es ist noch keine zwei Stunden her, daß ich ein reines Hemd angezogen habe.«

»Madame,« sagte ich zu der Mutter, »auf der Haut Ihrer Tochter kann ein Hemd nicht leicht weiß aussehen.«

Dieses Kompliment brachte die Mutter zum Lachen und schmeichelte der Tochter. Als nun die Mutter ihr sagte, sie sei gekommen, um sie nach Hause zu holen, bemerkte Veronika mit feinem Lächeln:

»Mama, es ist durchaus nicht gewiß, daß Sie dem gnädigen Herrn ein großes Vergnügen erweisen, indem Sie mich vierundzwanzig Stunden vor seiner Abreise mitnehmen.«

»Im Gegenteil,« bemerkte ich mechanisch, »mir würde dieses sehr unangenehm sein.«

»Wenn dies so ist, mein Herr,« versetzte die Mutter, »kann sie bleiben; aber der Anstand verlangt, daß ich Ihnen ihre jüngere Schwester schicke, die bei ihr schlafen wird.«

»Sie werden mir damit einen Gefallen erweisen, Madame.«

Hierauf ließ ich sie allein.

Diese Veronika setzte mich in Verlegenheit; denn ich konnte mir nicht verhehlen, daß ich in sie verliebt war; und wie ich mich nun einmal kannte, mußte ich einen berechneten Widerstand fürchten. Die Mutter kam in mein Zimmer, wo ich an meinem Schreibtische arbeitete, wünschte mir glückliche Reise und wiederholte mir, sie würde mir ihre Tochter Annina schicken. Diese kam denn auch wirklich gegen Abend, von einer Magd begleitet. Nachdem sie ihren Mezzaro abgenommen und mir sehr bescheiden die Hand geküßt hatte, lief sie fröhlich auf ihre Schwester zu und umarmte diese.

Da ich neugierig war, das Gesicht des jungen Mädchens zu sehen, so verlangte ich Kerzen; mit Erstaunen erblickte ich eine Blondine, wie ich niemals eine gesehen hatte. Ihre Haare, ihre Augenbrauen und ihre langen Wimpern waren von blaßgoldener Farbe und beinahe weißer als ihre außerordentlich weiße Haut. Sie war im höchsten Grade kurzsichtig, aber ihre großen, wohlgeschnittenen Augen waren von einem hellen Himmelblau und von einer geradezu wunderbaren Schönheit. Sie hatte den niedlichsten Mund, der sich denken läßt; aber ihre Zähne, obgleich sehr regelmäßig, waren von einem weniger weißen Schmelz als ihre Haut. Ohne diesen Fehler hätte Anmna für eine vollendete Schönheit gelten können.

Wegen der Zartheit ihrer Augen verursachte ein allzu glänzendes Licht ihr Schmerzen. Wie sie nun so vor mir stand, schien sie mit Vergnügen zu sehen, daß ich sie genau betrachtete. Meine Blicke verschlangen mit gierigem Wohlgefallen ihre zwei kleinen, erst aufkeimenden Halbkugeln, deren Weiße mich erraten ließ, daß der übrige Teil ihres Körpers entzückend sein müßte. Veronika war in dieser Hinsicht nicht so großmütig: man sah wohl, daß ihr Busen prachtvoll sein mußte, aber ein eifersüchtiger Schleier verbarg ihn sorgfältig vor allen Blicken. Sie ließ ihre Schwester neben sich sitzen und gab ihr Näharbeit; als ich aber sah, daß ihre hübschen Händchen die Leinwand vier Zoll von ihren Augen entfernt halten mußten,sagte ich ihr, sie müßte wenigstens nachts ihre Augen schonen, und gehorsam legte sie sofort die Arbeit weg.

Wie gewöhnlich kam der Marchese, und Annina, die er noch niemals gesehen hatte, erschien auch ihm wie mir als ein wunderbares Miniaturbild. Auf sein Alter und auf seinen hohen Rang bauend, wagte der wollüstige Greis seine Hand auf den hübschen Busen des jungen Mädchens zu legen, das zu ehrerbietig war, um sich einen Widerspruch gegen den gnädigen Herrn zu erlauben, und ihn, ohne die geringste üble Laune zu verraten, gewähren ließ. In ihrem Wesen lag ebensoviel Unschuld wie Koketterie.

Eine Frau, die nur wenig zeigt und dadurch einem Manne Neugier einzuflößen weiß, hat bereits drei Viertel ihres Weges zurückgelegt, um ihn verliebt zu machen; denn ist die Liebe überhaupt etwas anderes als eine Neugier? Ich glaube es nicht, und der Beweis dafür ist, daß die Liebe erlischt, sobald die Neugier befriedigt ist. Jedenfalls ist ganz sicherlich die Neugier der Liebe die stärkste Neugier, die es gibt, und Annina hatte mich bereits neugierig gemacht.

Herr von Grimaldi sagte zu Veronika: Rosalie bitte sie, bis zu meiner Abreise bei mir zu bleiben; sie vernahm diese Bitte mit ebenso großem Erstaunen wie ich. Ich sagte zum Marchese: »Wollen Sie ihr bitte sagen, daß Fräulein Veronika ihren Wünschen zuvorgekommen ist und daß sie gerade aus diesem Grunde ihre Schwester Annina hat kommen lassen.«

»Zwei, mein lieber Freund,« sagte der feine Genuese, »sind immer besser als eine.«

Wir ließen hierauf die beiden Schwestern miteinander allein und gingen in mein Zimmer, wo er mir sagte: »Ihre Rosalie ist zufrieden, und Sie müssen sich glücklich schätzen, daß Sie ihr Glück begründet haben; denn ich bin überzeugt, sie wird glücklich werden. Es tut mir leid, daß alle Regeln der Schicklichkeit Ihnen verbieten, sie heute Abend noch zu sehen.«

»Sie sind in sie verliebt, Herr Marquis!«

»Ich gestehe es, aber ich bin alt – leider!«

»Das tut nichts, sie wird Sie zärtlich lieben, und wenn Petri ihr Mann wird, so bin ich sicher, daß sie für ihn nur eine passive Freundschaft empfinden kann. Bitte, schreiben Sie mir nach Florenz, wie sie den Petri aufnimmt.«

»Bleiben Sie doch noch drei Tage hier, so werden Sie es erfahren. Unterdessen werden die beiden Schönheiten hier Ihnen die Stunden sehr schnell verstreichen lassen.«

»Gerade weil ich voraussehe, daß sie diesen Zweck leicht erreichen könnten, will ich morgen abreisen. Veronika erschreckt mich.«

»Ich glaubte, Sie wären nicht der Mann, sich von einer hübschen Frau erschrecken zu lassen.«

»Ich fürchte, sie hat irgendeine unangenehme Absicht mit mir vor, denn ich glaube, sie ist geneigt, sich mit Grundsätzen zu brüsten. Lieben kann ich nur Rosalie.«

»Da fällt mir ein: ich habe hier einen Brief für Sie.«

Ich zog mich in eine Fensternische zurück und las dort jenen Brief, dessen Schriftzüge mir beim ersten Anblick schon heftiges Herzklopfen verursachten. Er lautete folgendermaßen:

»Mein lieber Freund, ich sehe, daß du mich den Händen eines zärtlichen Vaters anvertraut hast, der es mir bis zu dem Augenblick, wo ich nicht im geringsten mehr Zweifel über meinen Zustand haben werde, an nichts wird fehlen lassen. Und diese neue Wohltat verdanke ich deinem ausgezeichneten Herzen. Ich werde dir bestimmt an die Adresse schreiben, die du mir gibst. Wenn Veronika dir gefällt, mein lieber Freund, so fühle ich, daß ich unrecht haben würde, wenn ich in diesem Augenblick eifersüchtig auf sie wäre. Wenn du dich um sie bewirbst, so wird sie dir, glaube ich, nicht widerstehen können, und ich werde glücklich sein, wenn ich vernehme, daß sie dazu beiträgt, dir die Traurigkeit zu verscheuchen, die mich tief zu Boden drückt. Ich bitte dich, schreibe mir vor deiner Abreise noch einige Zeilen.«

Ich trat auf den Marchese zu, reichte ihm den Brief und bat ihn, Kenntnis davon zu nehmen. Er war durch ihre Worte tief gerührt und rief: »Ja, das herrliche Mädchen wird in mir einen zärtlichen Vater und treu ergebenen Freund finden, und wenn sie glaubt, meinen Paten heiraten zu müssen, und von ihm nicht so gut behandelt wird, wie sie es verdient, so wird er sie nicht lange besitzen. Sie wird sogar nach meinem Tode Gegenstand meiner Sorge sein, wenn ich mich so ausdrücken darf; denn vor meinem Tode wird sie einen Teil meines Vermögens erhalten haben. Aber hören Sie, was sie Ihnen über Veronika sagt? Ich halte sie nicht für eine Vestalin, obwohl ich andererseits ihr auch nicht das Geringste nachsagen kann.«

Ich hatte vier Gedecke befohlen; Annina setzte sich daher mit uns zu Tisch, ohne sich nötigen zu lassen. Als Leduc hereinkam, sagte ich zu ihm: wenn er krank wäre, könnte er sich zu Bette legen.

»Ich befinde mich sehr wohl,« sagte er.

»Das freut mich; aber gehe jetzt hinaus; ihr werdet bei Tisch bedienen, sobald ich in Livorno bin.«

Ich bemerkte, daß Veronika über diese Ausschließung sehr erfreut war, und beschloß augenblicklich, eine Festung zu belagern, die mich immer mehr und mehr interessierte. Ich beschäftigte mich daher während der ganzen Mahlzeit sehr viel mit ihr und richtete sehr bedeutsame Bemerkungen an sie, während der Marchese mit Annina scherzte. An den liebenswürdigen Kavalier mich wendend, fragte ich ihn, ob er glaubte, daß ich für den nächsten Tag eine Feluke zur Fahrt nach Lerici finden könnte.

»Gewiß, zu welcher Stunde Sie wollen und mit so viel Ruderern, wie Sie wünschen; aber ich hoffe, Sie werden Ihre Abreise um drei bis vier Tage hinausschieben.«

»Nein,« antwortete ich mit einem Seitenblick auf Veronika; »dieser Aufschub könnte mir teuer zu stehen kommen.«

Die geriebene Schelmin beantwortete meinen Blick mit einem Lächeln, das mir zeigte, daß mein Gedanke verstanden worden war. Als wir von Tisch aufgestanden waren, nahm ich mit Annina ein kleines Examen vor, während der Marchese sich mit Veronika unterhielt. Nach einer Viertelstunde trat er zu uns heran und sagte zu mir: »Man hat mich aufgefordert, Sie zu bitten, daß Sie noch einige Tage hier bleiben oder doch zum mindesten morgen noch hier zu Nacht speisen möchten.«

»Sehr freundlich. Wir werden also morgen beim Nachtessen von einigen Tagen sprechen.«

Der Marchese rief: »Viktoria!« und Veronika war augenscheinlich sehr erfreut über meine Gefälligkeit. Als unser Gast fortgegangen war, fragte ich meine Haushälterin, ob ich Costa zu Bett schicken könnte.

»Da ich meine Schwester bei mir habe, wird man keinen beleidigenden Verdacht hegen können.«

»Sie willigen also ein, meine Liebe. Dies macht mir viel Vergnügen; ich werde Ihnen also meinen Kopf anvertrauen.«

Sie frisierte mich für die Nacht, antwortete jedoch kein Wort auf alle galanten Bemerkungen, die ich an sie richtete. Als ich gerade im Begriff war, mich ins Bett zu legen, wünschte sie mir gute Nacht. Ich wollte sie umarmen, um auf diese Weise ihre Komplimente zu erwidern, aber sie stieß mich zurück und entfernte sich von mir. Dies überraschte mich sehr. Als sie hinausgehen wollte, sagte ich zu ihr in ernstem, aber höflichem Ton: »Bitte, bleiben Sie; ich muß mit Ihnen sprechen; setzen Sie sich neben mich! – Warum haben Sie mir ein Vergnügen abgeschlagen, das schließlich doch nur ein einfacher Beweis von Freundschaft ist?«

»Weil zwei Menschen, wie wir es nun einmal sind, unmöglich bei der einfachen Freundschaft stehen bleiben und weil wir ein Liebespaar nicht sein können.«

»Warum sollen wir nicht ein Liebespaar sein können? Wir sind doch frei!«

»Weil ich mich von gewissen Vorurteilen nicht freimachen kann, die für Sie nicht vorhanden sind.«

»Ich hatte geglaubt, Ihr Geist sei über Vorurteile erhaben.«

»Es gibt ein Vorurteil, über das eine Frau sich nicht hinwegsetzen darf. Die Überlegenheit, die Sie andeuten wollen, ist eine klägliche Überlegenheit, welche stets sich selbst betrügt. Was sollte aus mir werden, mein Herr, wenn ich mich den Gefühlen überließe, die Sie mir einflößen?«

»Ich war auf eine solche Bemerkung gefaßt, meine liebe Veronika. Die Gefühle, die ich Ihnen einflöße, sind nicht die der Liebe. Nein! Denn wenn sie es wären, so wären sie den meinigen gleich, und die Liebe würde Sie veranlassen, die hemmenden Fesseln der Vorurteile zu zerbrechen.«

»Ich gestehe, daß Sie mir noch nicht den Kopf verdreht haben; aber ich weiß, daß unglücklicherweise Ihre Abreise mir meine Ruhe rauben wird.«

»Wenn dies wahr ist, Veronika, so ist es nicht meine Schuld. Aber sagen Sie mir, was ich tun könnte, um Sie während meines kurzen Aufenthaltes hier glücklich zu machen?«

»Nichts! Denn Sie sind meiner und ich bin Ihrer nicht sicher.«

»Ich verstehe, was Sie sagen wollen; aber ich muß Ihnen sagen, daß ich entschlossen bin, mich niemals zu verheiraten, bevor ich nicht der Freund meiner Frau geworden bin.«

»Das heißt: erst wenn Sie nicht mehr ihr Liebhaber sind?«

»Ganz recht.«

»Sie wollen da enden, wo ich beginnen will. Ich wünsche Ihnen Glück dazu; aber Sie spielen ein gewagtes Spiel.«

»Nun gut, ich will entweder alles verlieren oder alles gewinnen.«

»Das kommt darauf an. Aber lassen wir einmal die Gefühle beiseite – mir scheint, schöne Veronika, wir könnten ein wenig mit der Liebe tändeln und uns glückliche Augenblicke verschaffen, ohne uns von Vorurteilen stören zu lassen.«

»Das mag sein; aber bei diesem Spiel kann man sich die Finger verbrennen, und davor habe ich solche Angst, daß ich nicht einmal daran denken mag; denn der Gedanke könnte mich verführen. O nein, nein! Lassen Sie mich, bitte! Sehen Sie, da kommt meine Schwester; es macht ihr angst, mich in Ihren Armen zu sehen.«

»Nun, ich sehe, ich habe unrecht. Rosalie hat sich getäuscht.«

»Wie? Was hat sie denn nur von mir gedacht?«

»Sie hat gedacht. Sie würden gut sein; das hat sie mir geschrieben.«

»Sie ist recht glücklich, wenn sie es nicht zu bereuen gehabt hat, daß sie allzugut war.«

»Gute Nacht, Veronika.«

Es ärgerte mich, daß ich diesen Angriff gemacht hatte; denn in derartigen Fällen ist Mangel an Erfolg stets verdrießlich. Ich nahm mir vor, sie bei ihren Grundsätzen zu lassen, mochten diese aufrichtig oder erheuchelt sein; als ich sie aber beim Erwachen mit freundlicher und liebenswürdiger Miene an mein Bett herantreten sah, änderte ich plötzlich meine Ansicht: ich hatte meinen Verdruß verschlafen und war verliebt. Ich glaubte, sie hätte ihr Benehmen bereut, und hoffte sie beim zweiten Angriff mehr entgegenkommend zu finden. Hiernach richtete ich mein Benehmen ein und scherzte beim Frühstück mit ihr und ihrer Schwester. Beim Mittagessen benahm ich mich ebenso, und die Heiterkeit, in der Herr von Grimaldi uns am Abend fand, ließ ihn ohne Zweifel glauben, daß wir bereits auf vertrautem Fuß miteinander ständen, und er wünschte uns dazu Glück. Als ich sah, daß Veronika sich benahm, wie wenn der Marchese richtig erraten hätte, glaubte ich die Gewißheit zu haben, daß ich sie nach dem Abendessen besitzen würde. In dem Rausch, in welchen mich diese Gewißheit versetzte, versprach ich ihnen beim Souper, ich würde noch vier Tage bleiben.

»Bravo! Bravo!« rief der Marchese, »solchen Gebrauch müssen Sie immer von Ihrem Recht machen, Veronika! Sie sind eine Frau, die über die, die Sie lieben, eine unumschränkte Herrschaft üben muß.«

Mich dünkte, sie müßte irgend etwas sagen, um die Gewißheit, die der Marchese aussprach, ein wenig einzuschränken. Aber keineswegs! Sie schien sich an ihrem Triumph zu weiden und wurde dadurch noch schöner. Sie brüstete sich wie ein Pfau; ich aber, durch das in Aussicht stehende Glück unterjocht, sah sie mit der bescheidenen Miene eines Besiegten an, der auf seine Kette stolz ist. Ich war so einfältig, ihr Benehmen für ein Vorzeichen meines unmittelbar bevorstehenden Sieges zu halten. Infolgedessen vermied ich es, mich mit Herrn von Grimaldi in ein besonderes Gespräch einzulassen, denn da hätte ich mich genötigt sehen können, ihn über seine Täuschung aufzuklären, wenn er Fragen an mich gerichtet hätte. Beim Abschied sagte er uns, er müsse am nächsten Tage abwesend sein und könne daher erst am übernächsten Tage das Vergnügen haben, uns wieder zu sehen.

»Sehen Sie,« sagte sie zu mir, sobald wir allein waren, »wie leicht ich glauben lasse, was man wünscht? Lieber mag man glauben, daß ich gut sei, wie Sie es nennen, als daß man mich für lächerlich hält; denn mit diesem liebenswürdigen Beiwort schmückt man ja ein anständiges Mädchen, das Grundsätze hat, nicht wahr?«

»Nein, nein, entzückende Veronika, nein! Vor allen Dingen fürchten Sie nicht, daß ich Sie mit einem solchen Beiwort benennen könnte! Aber ich würde sagen, daß Sie mich hassen, wenn Sie mir eine Höllennacht bereiteten, indem Sie sich wie gestern meiner lebhaften Zärtlichkeit entzögen; denn Sie haben mich während des Essens ganz und gar in Flammen gesetzt.«

»O! Ich bitte, mein Herr, mäßigen Sie sich, um Gotteswillen! Morgen werde ich Sie nicht in Flammen setzen. O! das ist aber zu arg ...«

Ich hatte sie erzürnt, indem ich mit kecker Hand vorgedrungen war, so weit ich wollte, und mich ihres Heiligtums bemächtigt hatte. Sie stieß mich zurück und lief hinaus. Drei oder vier Minuten darauf kam ihre Schwester, um mich auszukleiden. Ich sagte ihr freundlich, sie möchte zu Bett gehen, da ich noch ein paar Stunden zu schreiben hätte; da ich aber das unschuldige Kind nicht kränken wollte, so öffnete ich meine Kassette und schenkte ihr eine Uhr. Sie nahm diese bescheiden und sagte: »Die ist für meine Schwester, nicht wahr, mein Herr?«

»Nein, reizende Annina, ich schenke sie dir.« Sie machte einen Freudensprung, und ich konnte sie nicht verhindern, mir die Hand zu küssen.

Ich setzte mich hin und schrieb an Rosalie einen vier Seiten langen Brief; aber ich war in höchster Erregung und sehr unzufrieden mit mir und allen Menschen. Als mein Brief fertig war, zerriß ich ihn, ohne ihn noch einmal durchzulesen. Dann aber machte ich eine gewaltsame Anstrengung, um mich zu beruhigen, und schrieb einen zweiten, vernünftigeren Brief, worin ich von Veronika kein Wort sagte und meiner schönen Einsiedlerin anzeigte, daß ich am nächsten Tage abreisen würde.

Erst sehr spät legte ich mich in schlechtester Laune zu Bett. Ich hatte das Gefühl, Veronika beschimpft zu haben, einerlei, ob sie mich liebte oder nicht; denn ich war in sie verliebt und war ein Ehrenmann.

Ich schlief schlecht; als ich aufwachte, war es Mittag. Ich klingelte, aber ich sah nur Costa und Annina erscheinen. Veronikas Abwesenheit ließ mich die Beleidigung, die ich ihr angetan, tief empfinden. Als Costa hinausgegangen war, fragte ich Annina, wie es ihrer Schwester gehe; sie antwortete mir, sie sei bei der Arbeit. Ich schrieb ihr ein Briefchen und bat sie um Verzeihung, indem ich ihr versicherte, ich würde ihr in Zukunft nicht den geringsten Verdruß mehr bereiten. Zum Schluß bat ich sie, sie möchte alles vergessen und wie gewöhnlich mit mir verkehren. Als ich meinen Kaffee trank, kam sie mit einer gekränkten Miene herein, die mich sehr schmerzlich berührte. Ich sagte zu ihr: »Vergessen Sie alles, ich bitte Sie darum, liebes Fräulein! Damit wird alles zu Ende sein. Machen Sie mir nur meine Locken in Ordnung, denn ich will einen Spaziergang außerhalb der Stadt machen und werde erst zum Mittagessen nach Hause kommen. Ohne Zweifel werde ich dann einen guten Appetit haben, und da Sie nichts mehr zu fürchten haben, so brauchen Sie mir auch nicht mehr Annina zu schicken.«

Nachdem ich mich in aller Eile allein angekleidet hatte, verließ ich die Stadt auf dem ersten besten Wege und marschierte zwei Stunden geradeaus, nur um mich zu ermüden und dadurch das Gleichgewicht zwischen Seele und Körper wiederherzustellen. Ich habe stets die Erfahrung gemacht, daß starke körperliche Bewegung und frische Luft die besten Mittel sind, die aufgeregte Seele wieder in ihren gewöhnlichen Zustand zu versetzen.

Ich hatte mehr als drei Wegstunden gemacht, als Hunger und Müdigkeit mich zwangen, in eine schlechte Dorfschenke einzukehren; ich ließ mir einen Eierkuchen machen und aß diesen gierig mit Schwarzbrot und Wein, den ich köstlich fand, obwohl er nicht wenig sauer war.

Da ich zu ermüdet war, um zu Fuß nach Genua zurückzukehren, so verlangte ich einen Wagen; aber es war unmöglich, einen zu finden. Der Wirt gab mir einen schlechten Gaul nebst einem Mann, der ihm das Pferd zurückbringen sollte. Die Nacht brach herein, und wir hatten mehr als sechs Miglien zu machen. Obendrein begleitete mich ein feiner Regen vom Abmarsch bis zur Ankunft, und so war ich, als ich um acht Uhr nach Hause kam, bis auf die Haut durchnäßt, vor Frost erstarrt, totmüde und von einem harten Sattel zerschunden, den meine Atlashosen nicht hatten weicher machen können. Costa half mir, mich vom Kopf bis zu den Füßen umzuziehen, und als er hinausging, um das Essen aufzutragen, sah ich Annina erscheinen.

»Wo ist Ihre Schwester?«

»Sie hat starkes Kopfweh und liegt zu Bett. Diesen Brief hat sie mich beauftragt, Ihnen zu geben.«

Der Brief lautete:

»Wegen starker Kopfschmerzen, an denen ich oftmals leide, habe ich mich genötigt gesehen, um drei Uhr zu Bett zu gehen. Ich befinde mich bereits viel besser und bin sicher, Sie morgen bedienen zu können. Ich teile Ihnen dies mit, weil ich nicht möchte, daß Sie glauben, ich sei ärgerlich oder verstelle mich. Ich glaube Ihnen, daß Sie aufrichtig bereuen, mich gedemütigt zu haben, und bitte Sie meinerseits, mir zu verzeihen oder mich zu beklagen, wenn meine Denkweise mich verhindert, mich Ihren Anschauungen anzubequemen.«

»Meine liebe Annina, fragen Sie Ihre Schwester, ob sie wünscht, daß wir das Abendessen an ihrem Bett einnehmen.«

Sie kam bald wieder zurück und sagte mir, Veronika danke mir und bitte mich, sie schlafen zu lassen.

Ich speiste mit Annina und bemerkte mit Vergnügen, daß sie nur Wasser trank, aber mehr als ich aß. Die Leidenschaft, die ich für ihre Schwester empfand, hielt mich ab, an sie zu denken, aber ich fühlte, daß Annina mir gefallen haben würde, wenn ich nur gewußt hätte, ob sie anders dächte als ihre ältere Schwester. Als wir beim Nachtisch waren, kam ich auf den Einfall, das junge Mädchen betrunken zu machen, damit sie über ihre Schwester schwatzte, und ich schenkte ihr ein Glas Muskat Lunel ein.

»Ich trinke nur Wasser, mein Herr.«

»Hassen Sie den Wein?«

»Nein, aber da ich nicht daran gewöhnt bin, fürchte ich, er wird mir zu Kopf steigen.«

»Sie gehen ja gleich zu Bett, liebes Kind, und werden dann um so besser schlafen.«

Sie trank ein Glas und fand es ausgezeichnet; hierauf trank sie ein zweites und dann ein drittes. Ihr Köpfchen war bereits in Verwirrung. Ich brachte das Gespräch auf ihre Schwester, und sie erzählte mir in der größten Unschuld alles mögliche Gute von ihr.

»Du hast also Veronika sehr lieb?« fragte ich sie.

»O ja! Ich liebe sie von ganzem Herzen; aber sie kann mich nicht leiden, denn sie entzieht sich allen meinen Liebkosungen.«

»Ohne Zweifel geschieht dies, weil sie befürchtet, du möchtest dann aufhören, sie zu lieben. Aber was meinst du? Hat sie wohl recht, daß sie mich leiden läßt?«

»Nein; aber wenn Sie sie lieben, müssen Sie ihr verzeihen.«

Annina hatte recht, ja nur zu sehr recht. Ich gab ihr ein viertes Glas Muskatwein zu trinken; aber einen Augenblick darauf sagte sie mir, sie könnte nichts mehr sehen. Wir standen daher vom Tisch auf. Annina begann mir ein bißchen zu sehr zu gefallen; aber ich nahm mir vor, nichts gegen sie zu unternehmen; denn ich fürchtete, sie zu gefällig zu finden. Ein bißchen Widerstand schärft den Appetit, und allzuleicht erlangte Gunst verliert viel von ihrem Reiz. Annina war erst vierzehn Jahre alt; sanft und unerfahren, wie sie war, hatte sie keine Ahnung von ihren Rechten. Sie würde gefürchtet haben, einen Verstoß gegen die Höflichkeit zu begehen, wenn sie sich meinen Liebkosungen widersetzt hätte; dies aber kann nur einem reichen und wollüstigen Muselmann gefallen.

Ich bat sie, mir die Haare zurecht zu machen. Ich hatte die Absicht, sie gleich nachher zu Bett zu schicken, aber als sie fertig war, bat ich sie, mir einen Topf geruchloser Pomade zu geben.

»Was wollen Sie damit machen?«

»Ich brauche sie, um mir die wunden Stellen einzureiben, die mir auf dem sechs Miglien langen Ritt der verfluchte Gaul gemacht hat.«

»Ist denn das gut dagegen?«

»Ja, sehr. Die weiche Pomade lindert das Brennen, und morgen werde ich geheilt sein; aber Sie müssen mir Costa kommen lassen,, denn ich kann mir die Pomade nicht selber einreiben.«

»Kann ich denn das nicht machen?«

»Ganz leicht; aber ich müßte befürchten, Ihre Gefälligkeit zu mißbrauchen.«

»Ich errate, warum. Wie werde ich aber die Aufschürfungen sehen, da ich so kurzsichtig bin?«

»Wenn Sie mir diesen Dienst erweisen wollen, werde ich eine geeignete Stellung einnehmen, um Ihnen die Sache zu erleichtern. Sehen Sie, so! Setzen Sie den Armleuchter auf diesen Tisch!«

»Da steht er. Aber lassen Sie sich nicht morgen von Costa einreiben, denn er würde erraten, daß ich oder meine Schwester es heute Abend bei Ihnen getan haben.«

»Sie werden also morgen wieder so freundlich sein?«

»Ich oder meine Schwester; denn sie wird in aller Frühe aufstehen.«

»Ihre Schwester? Nein, meine Liebe, die würde Angst haben, mir zuviel Vergnügen zu machen, wenn sie mir so nahe käme.«

»Und ich habe bloß Angst, Ihnen weh zu tun. Mache ich es so gut? Mein Gott! In welchem Zustande ist Ihre arme Haut!«

»Meine liebe Annina, Sie sind noch nicht fertig.«

»Ich bin so kurzsichtig. Drehen Sie sich herum.«

»Gern.«

Die kleine Närrin konnte sich des Lachens nicht enthalten, als sie erblickte, was der Zufall ihr darbot und was sie wegen ihrer schwachen Augen ganz zweifellos zum ersten Male sah. Als sie bei der Fortsetzung ihrer Tätigkeit daran rühren mußte, bemerkte ich bald, daß ihr das Vergnügen machte; denn sie berührte scheinbar zufällig auch Stellen, wo sie nichts zu tun hatte. Ich konnte es nicht mehr aushalten, ergriff ihre Hand und nötigte sie, ihre Beschäftigung zu unterbrechen, indem ich ihr eine süßere gab. Als sie fertig war, lachte ich laut auf, als ich sie mit der erstauntesten Miene und immer noch den Pomadentopf in der linken Hand haltend, die Frage an mich richten hörte: »Hab' ich's gut gemacht?«

»O, vortrefflich, reizende Annina. Du bist ein Engel, und ich bin überzeugt, daß du weißt, was für ein Vergnügen du mir gemacht hast. Kannst du nicht eine Stunde mit mir verbringen?«

»Warten Sie!«

Sie ging hinaus, indem sie die Tür nur anlehnte; überzeugt, daß sie zurückkommen würde, wartete ich; schließlich aber wurde ich des Wartens müde, öffnete die Tür ein wenig und sah durch die Spalte, wie sie sich auszog und sich neben ihre Schwester ins Bett legte. Ich ging wieder ins Zimmer und legte mich ins Bett, ohne alle Hoffnung aufzugeben. Ich hatte mich auch nicht getäuscht; denn fünf Minuten später sah ich sie im Hemd auf den Fußspitzen hereinkommen.

»Komm in meine Arme, mein Liebling, denn es ist sehr kalt.«

»Da bin ich. Meine Schwester schläft und ahnt nichts; und wenn sie auch aufwachen sollte – das Bett ist breit; sie wird es nicht merken, daß ich sie verlassen habe.«

»Du bist göttlich! Ich liebe dich von ganzem Herzen!«

»Um so besser! Ich gebe mich Ihnen hin; Sie können mit mir machen, was Sie wollen – aber unter der Bedingung, daß Sie nicht mehr an meine Schwester denken.«

»Diese Bedingung erfülle ich gern, liebes Herz! Ich verspreche es dir.«

Ich fand Annina völlig unberührt; hieran zweifelte ich nicht, obgleich ich am anderen Morgen keine Blutspuren auf dem Altar fand. Mir ist ähnliches oft widerfahren, und ich weiß aus Erfahrung, daß man weder aus dem Vorhandensein noch aus dem Fehlen des Blutes etwas schließen kann. Im allgemeinen kann ein Mädchen nur überführt werden, einen Liebhaber gehabt zu haben, wenn sie befruchtet worden ist.

Ich verbrachte zwei Stunden mit diesem reizenden Püppchen; sie war so niedlich, so zart und hübsch am ganzen Leibe, daß ich keinen besseren Ausdruck finden kann, um sie zu schildern. Ihr Zartgefühl und ihre Aufmerksamkeit nahmen der Lust nichts von ihrem pikanten Reiz, denn sie war wollüstig.

Als ich erwachte, kam sie mit Veronika zu mir herein. Ich sah mit Vergnügen, daß die Jüngere auf ihrem Gesicht den strahlenden Ausdruck des Glückes trug, während die Altere eine wohlwollende Miene machte, in der sich der Wunsch malte, angenehm zu erscheinen.

Ich fragte sie nach ihrem Befinden, und sie antwortete mir, Fasten und Schlaf hätten sie vollständig wiederhergestellt. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, daß dies die besten Heilmittel gegen Kopfschmerzen sind. Annina hatte mich vollkommen von der Neugier geheilt, die die andere mir eingeflößt hatte; ich fühlte dies und wünschte mir Glück dazu.

Beim Abendessen brachte meine Heiterkeit Herrn von Grimaldi zum Glauben, ich hätte von Veronika alles erlangt; ich glaubte, ihm seinen Irrtum nicht nehmen zu müssen. Ich versprach ihm, am anderen Mittag bei ihm zu speisen, und hielt Wort. Nach dem Essen übergab ich ihm einen langen Brief für Rosalie, die ich nur noch als Frau Petri wieder zu sehen hoffte, obgleich ich mich wohl hütete, ihr dies zu sagen.

Am Abend speiste ich mit den beiden Schwestern und spielte in zwangloser Weise und ohne einer von ihnen den Vorzug zu geben, den Liebenswürdigen. Als Veronika mir meine Locken wickelte, und dabei mit mir allein war, sagte sie mir, seitdem ich vernünftig geworden sei, liebe sie mich viel mehr als früher.

»Meine anscheinende Vernünftigkeit,« antwortete ich ihr, »beruht nur darauf, daß ich die Hoffnung aufgegeben habe, Sie zu erobern. Ich habe mich damit abgefunden.«

»So war also Ihre Liebe recht gering?«

»Sie war erst im Aufkeimen begriffen; aber es wäre nur bei Ihnen gestanden, schöne Veronika, sie riesengroß werden zu lassen.«

Sie biß sich auf die Lippen und schwieg; dann wünschte sie mir gute Nacht und ging hinaus. Ich legte mich zu Bett und wartete auf Anninas Besuch. Aber vergeblich.

Als ich am Morgen klingelte, sah ich das reizende Mädchen ein bißchen traurig bei mir eintreten, und als ich sie nach dem Grunde fragte, antwortete sie: »Meine Schwester ist krank und hat die ganze Nacht hindurch geschrieben.«

Nun wußte ich also, warum ich vergeblich gewartet hatte.

»Und wissen Sie auch, was Veronika geschrieben hat, meine liebe Annina?«

»O nein! Über so etwas spricht sie mit mir nicht! Aber hier ist ein Brief für Sie.«

Ich las den sehr langen Brief; er war sehr gut geschrieben, aber da er allzu deutlich den Stempel der Berechnung trug, so erregte er nur meine Heiterkeit. Nach einigen Umschweifen sagte sie mir, sie habe sich meinen Wünschen nicht hingegeben, weil sie mich von ganzem Herzen liebe und gefürchtet habe, sie werde mich verlieren, wenn sie meiner Laune willfahre.

»Ich bin ganz und gar die Ihre, wenn Sie damit einverstanden sind, daß ich Rosaliens Platz einnehme. Ich will von hier mit Ihnen abreisen, aber Sie müssen mir ein Schriftstück geben, das Herr von Grimaldi zu unterzeichnen hat. Sie müssen sich darin verpflichten, mich vor Ablauf eines Jahres zu heiraten, und mir eine Mitgift von fünfzigtausend Franken aussetzen; wenn Sie alsdann nichts mehr von mir wissen wollen, ist die Summe mein, und ich kann tun, was ich will.«

Ferner schrieb sie, wenn sie während des Probejahres Mutter würde, sollte bei der Trennung das Kind ihr verbleiben. Unter diesen Bedingungen war sie bereit, meine Geliebte zu werden, und versprach mir, in jeder gewünschten Weise mir zuvorzukommen und gefällig zu sein.

Dieser sehr geschickt entworfene, aber dumm ausgeführte Plan zeigte mir, daß es Veronika an jener Klugheit fehlte, die man notwendig haben muß, wenn man Leute anführen will. Ich erkannte sofort, daß Herr von Grimaldi mit diesem Komplott nichts zu tun hätte und daß er darüber lachen würde, wenn ich es ihm mitteilen würde.

Bald nachher kam Annina wieder herein und brachte mir meine Schokolade; sie sagte mir, ihre Schwester hoffe, daß ich ihr antworten würde.

»Gewiß, meine Liebe, ich werde ihr antworten, sobald ich aufgestanden bin.«

Ich trank meine Schokolade, zog dann meinen Schlafrock an und ging zu ihr. Ich fand sie in ihrem Bett sitzend in einem nachlässigen, aber sehr eleganten Schlafgewand, das mich hätte verführen können, wenn ihr Brief nicht meine gute Meinung von ihr völlig zerstört hätte. Ich setzte mich auf ihr Bett, gab ihr ihren Brief zurück und sagte: »Wozu brauchen wir uns zu schreiben, da wir uns doch sprechen können?«

»Man ist beim Schreiben oft unbefangener als beim Sprechen.«

»In der Politik und in Handelsgeschäften ist das richtig; aber in der Liebe, schöne Veronika, ist das anders. Der kleine Gott gibt unbeschränkte Vollmacht. Kein Schriftstück, keine anderen Bürgen als das Gefühl! Geben Sie sich mit dem Herzen hin, wie Rosalie es getan hat, und machen Sie diese Nacht damit den Anfang, ohne daß ich irgendwelche Verpflichtungen eingehe. Indem Sie sich der Liebe anvertrauen, schlagen Sie sie in die Fesseln. Ein solcher Vorschlag wird unsere Liebesfreuden, wird uns selber ehren, und wenn Ihnen etwas daran liegt, will ich dies von Herrn von Grimaldi verbürgen lassen. Ihr Plan aber schadet Ihrer Ehre oder er läßt zum mindesten an Ihrer Klugheit zweifeln, denn nur ein Narr könnte auf ihn eingehen. Unmöglich können Sie einen Mann lieben, dem Sie einen solchen Vorschlag zu machen wagen, und ich bin überzeugt, Herr von Grimaldi würde damit nichts zu tun haben wollen, sondern würde darüber entrüstet sein.«

Diese Rede brachte Veronika keineswegs aus der Fassung; denn sie sagte mir, sie liebe mich nicht genug, um sich mir bedingungslos hinzugeben. Ich antwortete ihr, ich sei von ihren Reizen nicht genug bezaubert, um diese zu dem von ihr ausgesetzten Preise in meinen Besitz zu bringen. Damit ging ich hinaus.

Ich rief Costa und befahl ihm, dem Kapitän der Feluke zu sagen, daß ich am nächsten Tage abreisen wolle. Fest hierzu entschlossen, ging ich aus, um mich vom Marchese zu verabschieden. Er erzählte mir, er habe soeben Petri Rosalien vorgestellt, und diese habe ihn ziemlich gut aufgenommen. Ich sprach ihm meine Befriedigung darüber aus und bat ihn, für ihr Glück zu sorgen; aber diese Bitte war überflüssig.

Es ist einer der sonderbarsten Umstände meines Lebens, der mir am meisten aufgefallen ist, daß in einem und demselben Jahre die beiden Frauen, die ich am aufrichtigsten liebte und deren Gatte zu werden völlig in meiner Absicht stand, mir von zwei Greisen entrissen wurden, deren Liebe ich zwar nicht hervorgerufen, deren Neigung ich aber unabsichtlich beschützt hatte. Glücklicherweise machten diese beiden Herren meine beiden Geliebten glücklich, und ohne es zu wollen, leisteten sie selber mir den größten Dienst, denn sie befreiten mich von einer Last, die ich notwendigerweise schließlich sehr unbequem gefunden haben würde. Beide hatten ohne Zweifel bemerkt, daß mein Vermögen trotz seinem anscheinenden Glanz auf keiner sehr festen Grundlage beruhte, wie mein Leser später nur zu sehr merken wird. Ich will mich glücklich schätzen, wenn meine Irrtümer oder vielmehr meine Torheiten meinen Lesern zur Warnung dienen.

Den ganzen Tag freute ich mich darüber, wie sorgfältig Veronika und Annina meine Koffer packten, denn ich hatte nicht gewollt, daß meine Bedienten dies machten. Veronika war weder fröhlich noch traurig; sie sah aus, wie wenn sie ihren Entschluß gefaßt hätte, und sprach mit mir, wie wenn niemals ein Zwiespalt zwischen uns geherrscht hätte. Mir war dies sehr angenehm, denn da ich mir nichts mehr aus ihr machte, wäre ich in Verlegenheit gekommen, wenn sie sich nicht gleichgültig gezeigt hätte.

Wir speisten wie gewöhnlich zu Abend und sprachen ohne alle Anspielungen nur von alltäglichen Dingen; aber in dem Augenblick, wo ich zu Bett ging, drückte Annina mir die Hand und gab mir dadurch zu verstehen, daß ich ihren Besuch erwarten könnte. Ich bewunderte die natürliche Klugheit des jungen Mädchens, das so leicht und so früh lieben lernt. Diese Annina, die kaum aus den Kinderschuhen heraus war, wußte durch ihr Gefühl und durch Instinkt mehr von Liebe als ein Jüngling von zwanzig Jahren. Ich beschloß, ihr fünfzig Zechinen zu schenken, aber ohne daß Veronika etwas davon merkte; denn ich hatte nicht die Absicht, gegen diese ebenso freigebig zu sein. Ich nahm eine Rolle Dukaten und gab ihr diese, sobald sie hereingekommen war. Sie legte sich an meine Seite, und nachdem wir der Liebe einen kurzen Augenblick geschenkt hatten, sagte sie zu mir: »Veronika schläft. Ich habe Ihre ganze Unterhaltung mit meiner Schwester angehört und habe wohl begriffen, daß Sie sie lieben.«

»Wenn ich sie liebte, teure Annina, hätte ich ihr meinen Vorschlag nicht in so derber Weise gemacht.«

»Das glaube ich gern; aber was hätten Sie getan, wenn sie ihn angenommen hätte? Hätten Sie sich dann zu ihr ins Bett gelegt?«

»Ich war vollkommen gewiß, meine Liebe, daß ihr Stolz sie verhindern würde, mich zu empfangen.«

In diesem Augenblick unseres Gespräches wurden wir durch das plötzliche Erscheinen Veronikas überrascht, die mit einer Kerze in der Hand und nur mit ihrem Hemde bekleidet ihre Schwester durch ein lautes Gelächter ermutigte. Ich lachte ebenfalls, hielt aber dabei die Kleine fest, denn ich fürchtete, sie möchte mir entwischen. Veronika war entzückend in ihrem Nachtkleid, und da sie lachte, konnte ich ihr nicht böse sein; trotzdem sagte ich zu ihr: »Sie sind gekommen, um uns in unseren Genüssen zu stören und Ihrer Schwester Kummer zu bereiten, die Sie in Zukunft vielleicht verachten werden.«

»Ganz im Gegenteil! Ich werde sie immer lieben.«

»Vom Gefühl besiegt, hat sie sich mir ergeben, ohne Bedingungen zu stellen.«

»Sie ist klüger gewesen als ich.«

»Im Ernst?«

»Im vollsten Ernst.«

»Sie erstaunen und entzücken mich. Küssen Sie sie doch.«

Aus diese Einladung hin setzte Veronika ihre Kerze auf den Tisch und bedeckte Anninas schönen Körper mit Küssen. Diese Szene erfüllte mich mit innigem Glück und ich rief: »Schöne Veronika, Sie sind ja ganz eiskalt! Kommen Sie zu uns ins Bett.«

Ich machte ihr Platz, und wir lagen alle drei unter einer Decke. Mich entzückte dieses erhabene Gemälde, das des Pinsels eines Albani oder vielmehr eines Aretino würdig war, und ich rief: »Meine liebenswürdigen Freundinnen, ihr spielt mir den köstlichsten Streich! Aber war dieser vorausberechnet? Und Sie, Veronika, waren Sie heute morgen falsch oder sind Sie es jetzt?«

»Nichts war berechnet! Ich war heute morgen aufrichtig und bin es jetzt ebenfalls in diesem Zustande, worin Sie mich sehen. Ich erkenne an, daß ich heute Morgen ebenso lächerlich war wie der Plan, den ich ausgeheckt hatte, und ich bitte Sie, mir zu verzeihen; denn ich bereue ihn und bin dafür bestraft worden. Heute Abend finde ich mich klug und vernünftig, weil ich dem Gefühl nachgebe, das Sie mir beim ersten Augenblick eingeflößt haben und gegen welches ich zu lange ankämpfte.«

»Sie sprechen da eine Sprache, die mich entzückt.«

»Nun, so verzeihes Sie mir denn, und machen Sie meine Strafe vollständig, indem Sie mir beweisen, daß Sie mir nicht böse sind«.

»Wie soll ich das machen?«

»Sagen Sie mir, daß Sie nicht mehr ärgerlich sind, und fahren Sie fort, meiner Schwester Beweise Ihrer Liebe zu geben.«

»Ich schwöre Ihnen, daß ich nicht böse bin, sondern daß ich Sie im Gegenteil liebe. Aber in Ihrer Gegenwart?«

»Gewiß – wenn Sie mich nicht überflüssig finden.«

Die Szene war ebenso anziehend wie komisch, und da ich mich durch alle Reize der Wollust angestachelt fühlte, konnte ich keine passive Rolle spielen.

»Was sagst du dazu, liebes Herz?« fragte ich meine schöne Blonde; »soll eine über jedes Lob erhabene Heldin wie deine Schwester einfache Zuschauerin unserer süßen Kämpfe bleiben? Fühlst du dich nicht großmütig genug, zu erlauben, daß ich sie zur Mitwirkenden in diesem schönen Drama mache?«

»Nein, mein lieber Freund, ich muß gestehen, für diese Nacht fühle ich mich zu solcher Großmut nicht imstande; aber wenn du in der nächsten Nacht so hochherzig sein willst, dies Stück zu wiederholen, so werden wir die Rollen wechseln; Veronika wird meinen Platz einnehmen und ich den ihrigen.«

»Dies wäre vortrefflich,« sagte Veronika mit etwas schmollender Miene, »wenn der gnädige Herr nicht beschlossen hätte, morgen früh abzureisen.«

»Ich werde bleiben, reizende Veronika, und wäre es auch nur, um Ihnen zu beweisen, daß ich Sie anbetungswürdig finde.«

»Und um sich zu vergewissern, daß ich Sie liebe!«

Ich konnte nicht verlangen, daß sie sich noch deutlicher ausdrückte, und hätte sie gern auf der Stelle von meiner Dankbarkeit überzeugt; aber dies wäre auf Anninas Kosten geschehen, und ich würde sehr zur Unzeit die Stileinheit des Stückes gestört haben, dessen Verfasserin sie war und dessen Erfolg von Rechts wegen nur ihr allein zukam. Sooft ich mich an dieses angenehme Erlebnis erinnert habe, fühlte ich mein Herz vor Wollust höher schlagen und noch jetzt, da die grausame Hand der Zeit mir die Brandmale des Alters aufgedrückt hat, denke ich nicht ohne Wollust daran.

Infolge des Machtspruches ihrer jungen Schwester zur passiven Rolle verteilt, wandte Veronika sich nach der Seite; ihr schönes Haupt auf die rechte Hand stützend und einen vollendet schönen Busen entblößend, der die Sinne des kältesten Mannes hätte erregen können, forderte sie mich auf, meine Heldentaten mit Annina zu beginnen. Gern gehorchte ich ihr, denn ich stand in Flammen und war sicher, sie zu befriedigen, solange sie ihre Augen auf die meinigen geheftet halten würde. Die sehr kurzsichtige Annina konnte im Feuer des Gefechts die Richtung meiner Blicke nicht erkennen, und indem ich ihr geschickt die Bewegungen meiner rechten Hand verbarg, verschaffte ich Veronika ein weniger lebhaftes, aber ebenso wirkliches Vergnügen wie ihr selber. So oft eine etwas heftige Bewegung die Decke verschob, machte Veronika sich die Mühe, sie wieder zurecht zu legen, und bot mir dabei, scheinbar zufällig, immer wieder ein neues Bild. Bald belebte ihr eigenes Auge sich an der Wollust, die sie mir durch den Anblick ihrer Reize verschaffte. Außer sich vor Wollust, ohne selber befriedigt zu sein, entfaltete sie in dem Augenblick, wo Annina zum viertenmal ihr Leben verhauchte, vor meinen Blicken alle Schätze, mit denen die Natur sie verschwenderisch geschmückt hatte. Sie konnte annehmen, daß das von mir aufgeführte Stück im Grunde nur eine Probe für das mit ihr aufzuführende sei, und ihre Phantasie mußte die Reize eines solchen Gedankens noch erhöhen. Ich dachte wie sie, aber das Schicksal hatte es anders beschlossen.

Ich war mitten im siebenten Akt, der immer langsamer geht als die früheren und für die Heldin um so süßer ist, als Costa heftig an meine Tür pochte und mir meldete, daß die Feluke segelfertig sei. Ärgerlich über diese Störung stand ich zornig auf und befahl ihm, dem Schiffer seinen Tagelohn zu zahlen und ihm zu sagen, er solle sich für den nächsten Tag bereit halten. Hierauf ging ich wieder zu Bett; indessen war ich nicht imstande, die unterbrochene Arbeit wieder aufzunehmen. Meine beiden Schönen waren entzückt über mein Worthalten; aber wir hatten Ruhe nötig, wenngleich das Stück nicht mit dieser Unterbrechung endigen durfte. Um den Zwischenakt auszunützen, schlug ich eine Abwaschung vor, über welche Annina lachte, die aber Veronika für unbedingt nötig hielt. Es war ein köstlicher Extragang. Die beiden Schwestern bedienten sich gegenseitig in verschiedenen Stellungen, die im höchsten Grade wollüstig waren, und ich fand meine Rolle als Zuschauer beneidenswert.

Als unter jenem köstlichen Gelächter, das das Kitzeln hervorruft, die Abspülungen beendigt waren, kehrten wir nach dem Schauplatz zurück, wo der letzte Akt sich abspielen sollte. Ich war ungeduldig, zur Tat zu schreiten, und war überzeugt, mit Ehren aus dem Streit hervorzugehen, wenn meine Partnerin mich ordentlich unterstützte, denn ein bloßer Dialog war bei der achten Wiederholung nicht mehr durchführbar; aber Annina war zu jung, und die Arbeiten einer ganzen Nacht hatten sie zu sehr ermüdet; sie vergaß ihre Rolle und wich der Gewalt des Gottes Morpheus, wie sie der Gewalt Amors gewichen war. Veronika lachte laut auf, als sie ihre Schwester eingeschlafen sah, und ich mußte ebenfalls lachen, als ich sie wie tot daliegen sah.

Es galt sie wieder ins Leben zu rufen; aber die Liebe hat wohl die Kraft, aus einem gewöhnlichen Schlaf zu erwecken; hier aber schien eine Katastrophe eingetreten zu sein. Wie schade, sagten Veronikas Augen zu mir; leider aber sprach sie nur mit den Augen, während ich erwartete, daß ihr Mund diese Worte spräche. Wir hatten beide unrecht: sie, daß sie nicht sprach; ich, daß ich auf ihr Sprechen wartete. Der Augenblick, als Zwischenspiel eine Versöhnung einzuschieben, war im höchsten Grade günstig; wir versäumten diesen Augenblick, und Amor strafte uns dafür, übrigens hielt ich mich auch deshalb zurück, weil ich mich für die nächste Nacht schonen wollte. Veronika legte sich in ihr Bett, um Ruhe zu suchen; ich aber blieb bis Mittag neben meiner schönen Schläferin liegen, die ich beim Erwachen mit einem neuen Angriff begrüßte, der, wie ich glaube, weder von ihr noch von mir zu Ende geführt wurde.

Der Tag verging mit munteren Gesprächen über unsere eigenen Erlebnisse; wir hatten beschlossen, nur eine einzige Mahlzeit zu halten, und setzten uns daher erst mit Anbruch der Nacht zu Tisch. Dann aber verbrachten wir zwei volle Stunden damit, die köstlichen Speisen zu genießen und die Macht des Gottes Bacchus herauszufordern. Als wir Annina einschlafen sahen, standen wir vom Tisch auf; wir betrachteten es jedoch keineswegs als ein Unglück, sie bei den Freuden, deren wir zu genießen gedachten, nicht als Zuschauerin zu haben. Ich war der Meinung, die blendenden Reize der Nymphe, mit der ich mich zu beschäftigen hatte, würden mich genügend beschäftigen, um des Anblicks von Anninas Schönheiten nicht zu bedürfen. Wir legten uns ins Bett, umschlangen uns mit unseren Armen, preßten Leib an Leib und hefteten Lippe an Lippe; sonst aber machten wir keine Bewegung. Veronika bemerkte den Grund, der mich zur Untätigkeit zwang; sie sagte kein Wort, Höflichkeit hielt sie davon ab, sich zu beklagen. Sie verhehlte ihren Verdruß und unterbrach ihre Liebkosungen keinen Augenblick; ich war wütend, das Gefühl meiner Ohnmacht, das ich nicht begreifen konnte, machte mich ganz verwirrt. So etwas war bei mir früher nur infolge völliger Erschöpfung eingetreten oder nach einer starken Aufregung, die meine natürlichen Kräfte gelähmt hatte, wie es mir zum Beispiel bei Genovefa ergangen war, als ich den »Circulus Maximus« verlassen hatte und vom Blitz getroffen zu sein glaubte. Mögen meine Leser sich meine Lage vorstellen: ich war in der Blüte meiner Jahre, gesund und kräftig, hielt in den Armen ein in jeder Hinsicht schönes Weib, das ich heiß begehrt hatte! Sie war hingebend, liebevoll und zärtlich, ich aber sah mich gezwungen, sie unbefriedigt zu lassen und ihr damit den größten Schimpf zuzufügen, den man in einem solchen Falle einer Frau antun kann! Der Leser wird sich meine Verzweiflung daher wohl vorstellen können.

Als endlich nichts mehr übrig blieb, als die Maske abzunehmen und frei heraus zu sprechen, beklagte ich mich zuerst über mein Unglück.

»Sie haben sich gestern zu sehr abgemattet,« sagte sie zu mir, »und sind beim Abendessen nicht mäßig gewesen. Quälen Sie sich nicht, lieber Freund; ich bin überzeugt, daß Sie mich lieben. Zwingen Sie sich nicht mehr, der Natur Gewalt antun zu wollen; denn Sie werden dadurch nur erreichen, daß Sie sich noch mehr schwächen. Nach meiner Meinung ist ein sanfter Schlaf das beste Mittel, um Ihnen Ihre Manneskraft zurückzugeben. Ich habe keinen Schlaf nötig, aber tun Sie sich keinen Zwang an. Schlafen Sie ein, nachher wollen wir an Liebe denken.«

Nach diesen ebenso vernünftigen wie bescheidenen Worten drehte Veronika mir den Rücken zu; ich folgte ihrem Beispiel; aber vergebens rief ich den Schlaf herbei, der mir die Kräfte wiedergeben sollte: die Natur, die mir die Kraft versagte, ihr entzückendstes und schönstes Geschöpf glücklich zu machen, gönnte mir nicht einmal den Schlaf. Liebesglut und Verdruß verzehrten mich und machten mir die Ruhe unmöglich; meine Sinne waren von Begierde entflammt und schienen sich verschworen zu haben, die Harmonie, die zu ihrer Befriedigung notwendig war, nicht wiederherzustellen. Die Natur bestrafte mich dafür, daß ich an ihrer Macht gezweifelt und infolgedessen Reizmittel angewandt hatte, die nur bei Schwäche angebracht sind: wäre ich nüchtern gewesen, so hätte ich Wunder verrichtet; aber ich war von geistigen Getränken überfüllt, und darum bedurfte die Natur ihrer ganzen Macht, um der Wirkung derselben zu widerstehen. Durch meine Begierde nach dem Genuß hatte ich das Vergnügen zerstört. Die Natur ist weise wie ein Schöpfer: sie bestraft die Unwissenheit und anmaßende Eitelkeit der Sterblichen.

Es liegt in der Natur des Menschen, unter allen Umständen persönliche Befriedigung zu suchen: bald tut er dies, indem er sich gegen die Vernunft und für die Sinne erklärt, bald aber, indem er es umgekehrt macht. Man zollt sich Lobsprüche oder macht sich Vorwürfe, je nachdem das Selbstbewußtsein sich mit dem Für und Wider abzufinden weiß. In meiner entsetzlichen Schlaflosigkeit schweifte mein Geist umher; indem meine Sinne und meine Vernunft in Widerstreit lagen, fand ich eine gewisse Befriedigung darin, mich zu überreden, daß ich gegen mich selber ein Unrecht begangen hätte. Noch jetzt ist es der einzige Genuß, den ich habe, mich selber zu unterhalten und festzustellen, ob ich bei dieser oder jener Gelegenheit recht oder unrecht habe. Ich erkenne an, daß mir während meines ganzen Lebens niemals ein Unglück zugestoßen ist als durch meine eigene Schuld; die Glücksfälle dagegen, die mir während meiner langen abenteuerlichen Laufbahn beschieden waren, schreibe ich natürlichen günstigen Kombinationen zu. Dies mag vielleicht demütigend erscheinen; aber wenn der Mensch nun doch einmal so ist, warum soll man sich dadurch gedemütigt fühlen oder warum soll man darauf stolz sein? Ich glaube, ich würde verrückt werden, wenn ich in meinen Selbstgesprächen mir sagen müßte, daß ich ohne meine Schuld unglücklich wäre; denn dann wüßte ich nicht, welcher Ursache ich mein Unglück zuschreiben sollte, und damit würde ich mich in die Reihe der nur instinktmäßig handelnden Wesen stellen. Ich weiß, daß ich kein Tier bin. Ein Tier ist mein dummer Nachbar, der mit Vorliebe behauptet, die Tiere seien vernünftiger als wir. Ich erwiderte ihm: »Wenn Ihnen etwas daran liegt, will ich Ihnen zugeben, daß die Tiere vernünftiger sind als Sie; hierauf aber beschränken sich meine Zugeständnisse und ohne Zweifel die eines jeden vernünftigen Menschen.«

Mit dieser Antwort habe ich mir einen Feind gemacht, obwohl er die Hälfte meiner Behauptung als richtig anerkennt.

Veronika, glücklicher als ich, schlief drei Stunden lang; sie war jedoch unangenehm überrascht, als ich ihr sagte, daß ich kein Auge hätte schließen können, und als sie mich ebenso unvermögend fand wie zuvor. Sie wurde verdrießlich, als ich mich ein bißchen zu sehr anstrengte, um sie zu überzeugen, daß mein Unglück nicht am schlechten Willen läge. Sie wurde mißtrauisch gegen sich selber, und der Gedanke, daß sie an meiner Ohnmacht schuld sein könnte, kränkte sie so sehr, daß sie durch alle möglichen Mittel, die die Leidenschaft nur eingeben kann und die ich für unfehlbar hielt, den Zauberbann zu brechen suchte; aber alle ihre Anstrengungen waren ebenso vergeblich wie die meinigen. Meine Verzweiflung kam der ihrigen gleich, als ich sie entmutigt, erniedrigt, ermüdet und vor Beschämung weinend ihr Unterfangen aufgeben sah. Ohne ein Wort zu sagen, verließ sie mein Bett, und ich blieb die zwei oder drei Stunden, die uns noch von der Morgenröte trennten, allein liegen.

Bei Tagesanbruch kam Costa und meldete mir, das Meer sei sehr stürmisch und der Wind ungünstig, so daß die Feluke leicht untergehen könnte.

»Wir werden abfahren, sobald das Wetter es erlaubt,« antwertete ich ihm; »zünde mir Feuer an!« Ich stand auf und schrieb die traurige Geschichte dieser Nacht nieder. Diese Beschäftigung erfrischte meine Sinne; ich fühlte den Schlummer mir nahen, legte mich wieder zu Bett und schlief acht Stunden hintereinander. Als ich aufwachte, fand ich mich ruhig und kräftig, aber ich war nicht froh gestimmt. Die beiden Schwestern freuten sich, mich wohl zu sehen; ich glaubte jedoch in Veronikas Zügen einen gewissen, wenig angenehmen Ausdruck von Verachtung zu sehen. Ich konnte mich aber hierüber nicht beklagen und versuchte auch nicht, ihr Gefühl in Achtung zu verwandeln, obgleich sie, wäre sie liebevoll gewesen, mich jetzt imstande gefunden hätte, mein unbeabsichtigtes Verschulden von der Nacht wieder gutzumachen. Bevor wir uns zu Tisch setzten, schenkte ich ihr hundert Zechinen; diese heiterten sie ein wenig auf. Eine gleiche Summe schenkte ich meiner lieben Annina, die eine solche Gabe nicht erwartete; denn sie glaubte durch das erste Geschenk und noch mehr durch das Vergnügen, das ich ihr verschafft hatte, hinlänglich belohnt zu sein.

Um Mitternacht kam der Schiffer und meldete mir, das Wetter sei günstig. Ich nahm Abschied; Veronika vergoß Tränen, aber ich wußte, was ich davon zu halten hatte. Annina umarmte mich mit voller Zärtlichkeit. Beide waren ihrer Rolle getreu. Ich fuhr zu Schiff nach Lerici, wo ich am nächsten Morgen ankam, und von dort mit der Post nach Livorno. Doch bevor ich von dieser Stadt spreche, glaube ich meinen Lesern einen Gefallen zu tun, indem ich hier eine kleine lehrreiche Begebenheit erzähle, die des Ernstes meiner Geschichte würdig ist.

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