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Erinnerungen

Giacomo Casanova: Erinnerungen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorCasanova
titleErinnerungen
volume4
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20050616
projectide0c133bb
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Viertes Kapitel

Meine Abreise von Grenoble. – Avignon. – Der Quell von Vaucluse. – Die falsche Astraudy und die Bucklige. – Gaetano Costa. – Meine Ankunft in Marseille.

Während die drei Mädchen des Hausmeisters meinem Leduc beim Kofferpacken halfen, kam der Wirt herein und übergab mir seine Rechnung. Ich fand diese angemessen und bezahlte sie, worauf er mir seine Freude äußerte, daß ich sein Haus beehrt hätte. Ich sprach ihm hierauf meine Zufriedenheit aus, wie es sich gehörte, worüber er sich sehr zu freuen schien. Dann sagte ich: »Mein Herr, ich werde Ihr Haus nicht verlassen, ohne mir das Vergnügen zu machen, mit Ihren liebenswürdigen Fräuleins zusammen zu speisen, denn ich möchte ihnen zeigen, wie sehr ich die sorgsame Aufwartung zu schätzen weiß, die sie mir während meines Verweilens haben angedeihen lassen. Bereiten Sie mir also bitte eine leckere Mahlzeit für vier Personen und lassen Sie auch Postpferde bestellen, damit ich mit Einbruch der Nacht abreisen kann.«

»Mein Herr,« sagte hierauf Leduc zu mir, »ich bitte Sie zugleich für mich ein Sattelpferd zu bestellen, denn ich bin nicht der Mann, hinter dem Wagen aufzusteigen.«

Die Base lachte ihm wegen dieser Prahlerei ins Gesicht, und der Schlingel sagte zu ihr, um sich dafür zu rächen, er sei etwas ganz anderes als sie.

»Gleichwohl, Herr Leduc, werden Sie sie bei Tisch bedienen.«

»Ja, wie sie Sie im Bett bedient.«

Ich lief nach meinem Rohrstock; aber der Bursche, der ganz gut wußte, was ihm bevorstand, hüpfte auf die Fensterbank und sprang in den Hof hinunter. Die Mädchen und der Hausmeister schrien vor Entsetzen laut auf; als wir aber an das Fenster traten, sahen wir ihn unten tausend Affensprünge machen.

Ich freute mich, daß er kein Glied gebrochen hatte, und rief ihm zu: »Komm herauf, ich verzeihe dir.«

Die jungen Mädchen sprachen mir ihre große Freude darüber aus, desgleichen auch ihr braver Vater, der sich nicht so leicht einen Floh ins Ohr setzen ließ. Leduc kam freudestrahlend wieder herauf und sagte: »Ich hätte nicht geglaubt, daß ich so gut springen könnte.«

»Das ist ganz schön und gut, aber ein anderes Mal sei weniger unverschämt. Da, nimm diese Uhr!«

Es war eine sehr schöne goldene Uhr; er nahm sie und sagte: »Für eine zweite solche würde ich gleich nochmal springen.«

So war dieser Spanier, den ich zwei Jahre später fortjagen mußte, was mir seither oft leid getan hat.

Bei Tisch suchte ich vergeblich die drei jungen Mädchen berauscht zu machen, und die Stunden verflossen so schnell, daß ich beschloß, erst am nächsten Tage abzureisen. Ich war der Geheimtuerei müde und wollte sie alle zusammen besitzen; da schien mir denn die Nacht sehr geeignet zu sein, eine solche Orgie ins Werk zu setzen. Ich sagte ihnen, wenn sie die ganze Nacht auf meinem Zimmer verbringen wollten, würde ich erst am nächsten Tage abreisen. Sie schrien darüber laut auf und lachten über meine Bemerkung, wie wenn sie ein Scherz wäre, der sich unmöglich verwirklichen ließe; ich aber neckte sie, um sie noch mehr aufzureizen. Während wir darüber sprachen, kam der Hausmeister herein und riet mir, doch lieber nicht nachts zu reisen, sondern auf einem bequemen Schiff, auf welchem ich auch meinen Wagen unterbringen könnte, bis Avignon zu fahren. Ich würde dadurch Unbequemlichkeiten und Geld sparen.

»Mir soll es recht sein, vorausgesetzt, daß die Fräuleins sich bereit erklären, mir die ganze Nacht Gesellschaft zu leisten; denn ich habe beschlossen, nicht zu Bett zu gehen.«

»Meiner Seel!« antwortete er lachend, »das ist ihre Sache.«

Dies gab den Ausschlag; sie erklärten sich einverstanden, der Hausmeister schickte einen Boten fort, um das Schiff zu bestellen, und versprach mir ein leckeres Abendessen für Mitternacht.

Die Stunden bis zum Souper vergingen unter fröhlichen Scherzen, und bei Tisch ließ ich die Champagnerpfropfen knallen, so daß die Schönen ein bißchen angeheitert wurden. Ich war selber ein wenig erhitzt, und da ich das kleine Geheimnis einer jeden von ihnen besaß, war ich so kühn, ihnen zu sagen, ihre Bedenken seien lächerlich, da ja eine jede bereits mir die letzte Gunst bewilligt hätte.

Sie sahen einander mit einer Art von Erstaunen an, wie wenn sie über meine Worte entrüstet wären. Da ich mir dachte, daß der weibliche Stolz sie vielleicht veranlassen könne, meine Worte für Verleumdung zu erklären, so hielt ich es für besser, ihnen keine Zeit dafür zu lassen: ich zog daher Manon auf meinen Schoß und umarmte sie mit solchem Feuer, daß sie ihre Niederlage zugab und sich meiner Glut überließ. Durch dieses Beispiel besiegt, machten die beiden anderen es wie sie, und fünf Stunden lang schwelgten wir in allen Genüssen der Sinnenlust. Schließlich wurden wir der Ruhe bedürftig, und ich hätte gern etwas geschlafen; aber ich hatte fest beschlossen, abzureisen. Ich wollte ihnen Schmucksachen schenken, aber sie sagten mir, es wäre ihnen lieber, wenn ich für dreißig Louis Handschuhe bei ihnen bestellte. Ich bezahlte es ihnen im voraus und habe natürlich niemals die Handschuhe gefordert.

Auf dem Schiff schlief ich ein und wachte erst in Avignon auf. Man führte mich in den Gasthof zum »Heiligen Homer«, und ich speiste auf meinem Zimmer zu Abend, obwohl Leduc mir von einer jungen Schönheit, die an der Gasttafel speiste, wahre Wunderdinge erzählte. Am nächsten Tage sagte mein Spanier mir, die Schönheit wohne mit ihrem Gatten in dem Zimmer neben dem meinigen. Zugleich gab er mir den Theaterzettel, und ich sah, daß die Vorstellung von einer Abteilung der Pariser Truppe gegeben wurde und daß Fräulein Astraudy singen und tanzen sollte. Ich stieß einen Schrei des Erstaunens aus: wie kann die reizende Astraudy, die berühmte Sünderin, in Avignon sein? Sie wird sich sehr wundern, mich hier zu sehen!

Da ich durchaus keine Lust hatte, als Einsiedler zu leben, so ging ich in den Speisesaal, um mit der ganzen Gesellschaft zu essen; ich fand etwa zwanzig Personen an einem Tische, der derartig reich besetzt war, daß es mir unmöglich schien, der Wirt könne ein solches Essen für vierzig Sous liefern. Die hübsche Fremde erregte die allgemeine Aufmerksamkeit und fesselte auch insbesondere die meinige. Sie war eine vollendete Schönheit, sehr jung, sprach niemals ein Wort, sah beständig auf ihren Teller und gab auf alle Fragen nur einsilbige Antworten, wobei sie zwei blaue Augen von einer schwer zu beschreibenden Schönheit über den Fragenden dahingleiten ließ. Ihr Gemahl saß am anderen Ende des Tisches. Er hatte eines jener gemeinen Gesichter, die beim ersten Anblick Verachtung einflößen. Er war jung und pockennarbig, ein Leckermaul und Schwätzer, lachte und schwatzte Unsinn über alles Mögliche und machte mir in jeder Beziehung den Eindruck eines verkleideten Bedienten. Da ich überzeugt war, daß ein solcher Mensch nicht nein sagen könnte, so schickte ich ihm ein Glas Champagner, das er sofort auf meine Gesundheit austrank.

»Erlauben Sie mir, der gnädigen Frau ebenfalls eins anzubieten?«

Er antwortete mir mit lautem Lachen, ich möchte mich an sie selber wenden; die Dame neigte leise den Kopf und sagte mir, sie trinke niemals Champagner. Beim Nachtisch stand sie auf, und ihr Mann folgte ihr auf ihr Zimmer. Ein Fremder, der sie wie ich zum erstenmal sah, fragte mich, wer sie sei. Als ich ihm antwortete, ich sei erst eben angekommen, berichtete ein anderer uns, ihr Mann lasse sich Chevalier Stuard nennen; er komme von Lyon, sei auf der Reise nach Marseille und halte sich seit acht Tagen in Avignon auf; er habe keine Dienerschaft und nur sehr schmales Gepäck.

Da ich mich in Avignon nur so lange Zeit hatte aufhalten wollen, um die Quelle von Vaucluse, die sogenannte Kaskade, zu besuchen, hatte ich nicht daran gedacht, mich mit Empfehlungsbriefen zu versehen; ich konnte also nicht daran denken, Bekanntschaften zu machen und dadurch einen Vorwand zu gewinnen, wegen der schönen Augen der Fremden noch zu bleiben. Aber ein Italiener, der den göttlichen Petrarca gelesen hat und verehrt, muß den Wunsch hegen, die Stellen kennen zu lernen, die er durch seine Liebe zur schönen Laura de Sade berühmt gemacht hat.

Ich ging ins Theater und sah dort den Vizelegaten Salviati, eine Anzahl weder schöner noch häßlicher Damen von Stande und eine elende Oper; aber ich entdeckte weder die Astraudy noch einen einzigen Künstler von der Italienischen Gesellschaft in Paris.

»Wo ist denn die berühmte Astraudy?« fragte ich nach Schluß der Vorstellung einen jungen Mann, der neben mir saß, »ich habe sie gar nicht gesehen.«

»Ich bitte um Verzeihung, sie hat vor Ihnen gesungen und getanzt.«

»Alle Wetter, das ist unmöglich! Ich kenne sie ziemlich genau, und wenn sie, was aber doch unmöglich ist, sich so verändert hätte, daß sie nicht mehr zu erkennen wäre, so wäre sie ja nicht mehr die Astraudy.«

Ich ging hinaus. Zwei Minuten darauf holte der junge Mann mich ein und bat mich, ich möchte doch umkehren; er werde mich in die Loge der Astraudy führen, die mich erkannt habe. Ich folgte ihm, ohne ein Wort zu sagen, und sah mich plötzlich einem häßlichen Mädchen gegenüber. Sie fiel mir um den Hals und nannte mich bei meinem Namen, aber ich konnte darauf schwören, sie niemals gesehen zu haben. Sie ließ mir jedoch keine Zeit, ihr dies zu sagen. Ganz in der Nähe bemerkte ich einen Mann, der für den Vater der schönen Astraudy galt, die ganz Paris kannte und die den Grafen Egmont, einen der liebenswürdigsten Kavaliere vom Hofe Ludwigs des Fünfzehnten, ins Grab gebracht hatte. Mir fiel ein, daß die Häßliche vielleicht ihre Schwester sein könnte; daher setzte ich mich und machte ihr ein Kompliment über ihre Talente. Sie bat mich um Erlaubnis, ihr Theaterkostüm ablegen zu dürfen, und entkleidete sich unter beständigem Lachen und Hin- und Herlaufen mit einer Großmut, die sie vielleicht nicht bewiesen haben würde, wenn das, was sie zeigte, des Sehens wert gewesen wäre.

Ich lachte innerlich über diese Manöver, denn so, wie ich eben von Grenoble kam, wäre es ihr sehr schwer geworden, mich in Versuchung zu führen, wenn sie auch ebenso schön gewesen wäre, wie sie häßlich war. Ihre Magerkeit und braune Haut waren wenig geeignet, mich über ihr abstoßendes Gesicht hinwegsehen zu lassen. Ich bewunderte das Vertrauen, das sie in ihre Reize setzte, denn sie mußte mir einen geradezu teufelsmäßigen Appetit zutrauen; aber derartige Geschöpfe finden oft in der Raffiniertheit der Verderbnis Hilfsmittel, die sie vom Zartgefühl nicht erwarten dürften. Sie beschwor mich, bei ihr zu Abend zu essen, und da sie auf dieser Einladung bestand, mußte ich auf eine Weise ablehnen, die ich mir gegen eine andere Frau nicht gestattet haben würde. Hierauf bat sie mich, ich möchte ihr für die nächste Vorstellung, die ihr Benefiz wäre, vier Karten abkaufen.

Da ich sah, daß die ganze Geschichte nur zwölf Franken ausmachte, freute ich mich, so billigen Kaufs davonzukommen, und bat sie, mit sechzehn Karten zu geben. Ich glaubte, sie würde vor Freude verrückt werden, als ich ihr einen doppelten Louisdor gab. Das war nicht die echte Astraudy. Ich kehrte in meinen Gasthof zurück und aß auf meinem Zimmer köstlich zu Abend.

Als Leduc mir für die Nacht das Haar zurecht machte, erzählte er mir, vor dem Abendessen habe der Wirt die schöne Fremde aufgesucht und ihr in Gegenwart ihres Mannes in dürren Worten gesagt, er verlange durchaus Bezahlung am nächsten Morgen, sonst bekämen sie nichts mehr zu essen, sie hätten den Gasthof zu verlassen und er würde ihr Gepäck nicht herausgeben.

»Wer hat dir das gesagt?«

»Ich habe es von hier aus gehört; denn ihr Zimmer ist nur durch eine Bretterwand von dem Ihrigen getrennt. Ich bin überzeugt, wenn sie drinnen wäre, würde sie alles hören, was wir sprechen.«

»Wo sind sie?«

»Bei Tisch. Sie essen gleich für morgen. Aber die Dame weint. Die Aktien stehen gut für Sie, gnädiger Herr.«

»Halte den Mund! Ich werde mich nicht hineinmischen. Das Weib ist ein Lockvogel; denn eine ehrenwerte Frau würde lieber Hungers sterben, als so an einer Wirtshaustafel weinen.«

»Ach! Wenn Sie nur sähen, wie sehr diese Tränen sie verschönen! Ich bin nur ein armer Teufel, aber ich würde ihr gern zwei Louis geben, wenn sie sie sich verdienen wollte.«

»Biete sie ihr doch an!«

Gleich darauf traten der Mann und seine Dame in ihr Zimmer. Ich hörte sie weinen und ihn laut und zornig sprechen; da er jedoch wallonisch sprach, konnte ich nicht verstehen, was er sagte.

»Geh zu Bett,« sagte ich zu Leduc, »und sage dem Wirt, ich wünsche morgen ein anderes Zimmer zu erhalten, denn eine Scheidewand biete zu geringen Widerstand für Leute, die vor Verzweiflung außer sich sind.«

Ich ging zu Bett; das Weinen und leise Sprechen nahmen erst nach Mitternacht ein Ende.

Am anderen Morgen rasierte ich mich, als Leduc hereinkam und den Chevalier Stuard meldete.

»Sag ihm, ich kenne niemanden dieses Namens.«

Er richtete seinen Auftrag aus und kam sofort wieder herein und sagte mir, der Chevalier habe auf meine Weigerung hin wütend mit dem Fuße gestampft und nach der Decke gesehen; hierauf sei er in sein Zimmer gegangen und gleich darauf mit dem Degen an der Seite wieder herausgekommen.

»Ich werde doch für alle Fälle gleich nachsehen,« fuhr er fort, »ob die Zündhütchen auf Ihren Pistolen in Ordnung sind.«

Ich mußte lachen, bewunderte aber nichtsdestoweniger die Vorsicht meines Spaniers, denn ein verzweifelter Mensch ist zu allem fähig. Ich schickte ihn zum Wirt und ließ ihn dringend bitten, mir sofort ein anderes Zimmer zu geben. Dieser kam persönlich, um mir zu sagen, er könne meinen Wunsch erst am nächsten Tage erfüllen.

»Wenn ich kein anderes Zimmer bekomme, verlasse ich sofort Ihren Gasthof; denn ich liebe es nicht, die ganze Nacht Weinen und Zanken zu hören.«

»Hören Sie es denn, mein Herr?«

»Aber Sie können es ja in diesem selben Augenblick selber hören! Sagen Sie mir doch: ist das erheiternd? Die Frau wird sich das Leben nehmen, und daran sind Sie schuld. «

»Ich, mein Herr? Ich habe weiter nichts getan, als daß ich verlangte, was mir zukommt.«

»Hören Sie nur den Mann, ich bin überzeugt, er sagt in seinem Kauderwelsch der Frau, daß Sie ein Ungeheuer sind.«

»Er mag sagen, was er will, wenn er mich nur bezahlt!«

»Sie haben sie zum Hungertode verurteilt. Wieviel sind sie Ihnen schuldig?«

«Fünfzig Franken.«

»Und Sie schämen sich nicht, um einen solchen Bettel so viel Lärm zu machen?«

»Mein Herr, schämen würde ich mich nur, wenn ich wirklich unrecht hätte; und dies ist nicht der Fall, wenn ich verlange, was man mir schuldig ist.«

»Da haben Sie Ihr Geld. Sagen Sie den Leuten, die Rechnung sei bezahlt und sie könnten weiter essen; aber sagen Sie ihnen auf keinen Fall, wer sie bezahlt hat.«

»Sie haben ein gutes Werk getan!« sagte der Flegel, und mit diesen Worten ging er hinaus. Er trat sofort bei ihnen ein und sagte: »Sie sind mir nichts mehr schuldig; aber Sie werden niemals erfahren, wer für Sie bezahlt hat. Es steht Ihnen frei, unten zu Mittag und zu Abend zu essen; aber Sie werden Tag für Tag bezahlen!«

Nachdem er mit lauter Stimme diesen Monolog hergesagt hatte, so daß ich jedes Wort hören konnte, wie wenn ich im Zimmer gewesen wäre, trat er bei mir ein. Ich stieß ihn hinaus: »Dummes Vieh! Sie wissen alles.«

Mit diesen Worten schloß ich die Tür.

Leduc stand vor mir und sah mich mit einem ganz blödsinnigen Gesicht an.

»Was hast du denn, Dummkopf?« fragte ich ihn.

»Das ist schön. Ich begreife. Ich will Schauspieler werden. Sie machen Ihre Sache nicht schlecht.«

»Du bist ein Esel.«

»Kein so großer, wie Sie glauben.«

»Ich will einen Spaziergang machen. Hüte dich, das Zimmer einen Augenblick zu verlassen.«

Kaum war ich draußen, so redete der Chevalier mich an; seine Danksagungen nahmen gar kein Ende. Ich antwortete ihm: »Mein Herr, ich weiß nicht, wovon Sie reden.« Hierauf ließ er mich in Ruhe, nachdem er mir noch einmal gedankt hatte. Ich ging an das Rhoneufer und betrachtete mit Vergnügen die alte Brücke und den Fluß, der nach der Behauptung der Geographen der schnellste in ganz Europa ist. Zum Mittagessen ging ich nach dem Gasthof zurück, wo der Wirt, dem ich gesagt hatte, daß ich sechs Franken für die Mahlzeit bezahlen wollte, mir ein ausgezeichnetes Essen vorsetzte. Ich erinnere mich noch, daß ich dort den besten Hermitagenwein getrunken habe. Ich fand ihn so köstlich, daß ich gar keinen anderen Wein trank. Zu meiner Pilgerfahrt nach Vaucluse bat ich ihn, mir einen guten Cicerone zu besorgen. Nachdem ich Toilette gemacht hatte, ging ich ins Theater.

Ich fand die Astraudy an der Tür, gab ihr die sechzehn Billetts und nahm neben der Loge des Vizelegaten Platz. Dieser, Principe Salviati, kam bald nachher mit einem zahlreichen Gefolge von Damen und Herren, die mit Ordenszeichen und Goldstickereien überdeckt waren.

Der angebliche Vater der falschen Astraudy kam zu mir und sagte mir ins Ohr, seine Tochter bäte mich, ich möchte doch sagen, sie wäre die berühmte Astraudy, die ich in Paris gekannt hätte. Ich antwortete ihm ebenfalls ins Ohr, ich würde mich der Gefahr aussetzen, Lügen gestraft zu werden, indem ich einen Schwindel beglaubigte. Es ist unglaublich, mit welcher Unverfrorenheit ein Gauner einen Ehrenmann auffordert, sich an einer Gaunerei zu beteiligen; ohne Zweifel bildet er sich ein, diesem eine Ehre zu erweisen, indem er ihm sich anvertraut. Nach dem ersten Akt verteilten etwa zwanzig Lakaien in der Livree des Fürsten in den Logen des ersten Ranges Gefrorenes. Ich glaubte ablehnen zu müssen. Ein bildschöner junger Mann trat hierauf mit edlem und leichtem Anstand auf mich zu und fragte mich, warum ich nicht ein Glas Eis angenommen hätte.

»Da ich nicht die Ehre habe, hier bekannt zu sein, so wünschte ich nicht, daß jemand behaupten könnte, einen Unbekannten bewirtet zu haben.«

»Mein Herr, ein Mann wie Sie bedarf keiner Empfehlungen.«

»Sie erweisen mir viel Ehre.«

»Sie wohnen doch im Gasthof zum Heiligen Homer, mein Herr?«

»Ja. Ich habe hier nur haltgemacht, um Vaucluse zu sehen, wohin ich morgen zu fahren gedenke, wenn ich einen guten Cicerone finden kann.«

»Wenn Sie mir gütigst diese Ehre bewilligen wollen, werde ich Ihnen von Herzen gern gefällig sein. Ich heiße Dolci und bin der Sohn des Hauptmanns von der Garde des Vizelegaten.«

»Ich weiß die Ehre, die Sie mir erweisen wollen, wohl zu schätzen und nehme Ihr liebenswürdiges Anerbieten mit Vergnügen an. Ich werde meine Abfahrt bis zu Ihrer Ankunft verschieben.«

»Ich werde um sieben Uhr bei Ihnen sein.«

Ich war ganz erstaunt über die edle Ungezwungenheit dieses Adonis, den man für ein schönes Mädchen hätte halten können, wenn nicht ein gewisser Klang der Stimme den Mann verraten hätte. Ich lachte über die angebliche Astraudy, die ebenso schlecht spielte, wie sie häßlich war und während des ganzen Stückes nicht einen Moment ihre weißen Augen von meinem braunen Gesicht abwandte. Beim Singen sah sie mich lachend an und machte dabei kleine Gebärden des Einverständnisses, durch welche die ganze Versammlung auf mich aufmerksam werden mußte, die ohne Zweifel meinen schlechten Geschmack beklagte. Unter den Künstlerinnen war eine, deren Stimme und Augen mir gefielen, eine Person, wie ich sie nie in meinem Leben gesehen hatte: jung, groß und bucklig. Obwohl sie vorne und hinten einen sehr ausgebildeten Buckel hatte, war sie sehr groß: ohne ihren Körperfehler, durch den sie kleiner geworden war, wäre sie mindestens sechs Fuß hoch gewesen. Ich dachte mir, sie würde außer ihrer sehr schönen Augen und leidlichen Stimme auch Geist haben, den ja fast alle Buckligen besitzen. Ich fand sie mit der häßlichen Astraudy vor der Tür, als ich das Theater verließ. Diese wartete auf mich, um mir ihren Dank zu sagen, die andere suchte Eintrittskarten für ihre Benefizvorstellung unterzubringen.

Nachdem die Astraudy mir gedankt hatte, wandte die Bucklige sich an mich, öffnete lachend ihren Mund, der von einem Ohr zum anderen ging und mindestens vierundzwanzig prachtvolle Zähne sehen ließ, und sprach die Hoffnung aus, ich würde ihr die Ehre erweisen, bei ihrer Benefizvorstellung anwesend zu sein. Ich antwortete ihr, ich würde ihr gerne den Gefallen tun, vorausgesetzt, daß ich nicht vorher abreiste. Bei diesen Worten fing die freche Astraudy an zu lachen und sagte ihrer Freundin in Gegenwart mehrerer Damen, die auf ihren Wagen warteten: sie könne sicher sein, daß ich kommen werde, denn sie werde mich nicht abreisen lassen. »Gib ihm sechzehn Billette!« Ich mochte ihr keine abschlägige Antwort erteilen und gab ihr zwei Louis. Hierauf sagte die Astraudy etwas leiser zu mir: »Nach der Vorstellung werden wir zu Ihnen zum Souper kommen; aber nur unter der Bedingung, daß wir allein sind, denn wir wollen uns betrinken.« Trotz einem gewissen Gefühl des Ekels fand ich doch, daß dieses Zusammensein jedenfalls komisch sein würde, und da ich in der Stadt gänzlich unbekannt war, beschloß ich, in der Hoffnung, daß ich Spaß davon haben würde, auf ihren Plan einzugehen.

Ich saß allein bei Tisch, als Stuard und seine Frau ihr Zimmer betraten. An diesem Abend hörte ich weder Weinen noch Vorwürfe; aber zu meiner großen Überraschung erschien bei Tagesanbruch der Chevalier bei mir und sagte zu mir, wie wenn wir gute Bekannte gewesen wären: er habe gehört, daß ich nach Vaucluse fahre, und er wisse, daß ich einen viersitzigen Wagen habe; wenn ich allein sei, so bitte er mich zu erlauben, daß er und seine Frau, die sehr gerne die Quelle sehen möchte, mitfahren dürften. Ich erklärte mich einverstanden.

Leduc bat mich, zu Pferde mich begleiten zu dürfen, und sagte, er sei ein guter Prophet gewesen. Es schien allerdings klar, daß das Pärchen sich dahin geeinigt hatte, mich für meine Auslagen mit neuen Hoffnungen zu bezahlen. Das Abenteuer mißfiel mir nicht, denn alles war zu meinem Vorteil: ich hatte noch nicht die geringsten Schritte getan, um das zu erlangen, was man allem Anschein nach mir bewilligen wollte.

Dolci kam. Er war schön wie ein Engel. Meine Nachbarn waren bereit; auf dem Wagen befand sich alles Notwendige, um gut zu essen und noch besser zu trinken; so fuhren wir denn ab, die Dame und Dolci auf dem Rücksitz des Wagens, der Chevalier und ich auf dem Vordersitz. Ich hatte geglaubt, das Gesicht der Schönen würde sich aufheitern und ihre Traurigkeit würde einer heiteren Stimmung weichen oder doch wenigstens einem höflichen Eingehen auf unsere Unterhaltung. Aber ich hatte mich getäuscht; denn auf alle meine ernsten oder scherzhaften Bemerkungen antwortete sie nur mit einsilbigen Ausrufen oder mit ganz strengen lakonischen Bemerkungen. Der arme Dolci, der viel Geist hatte, war ganz verblüfft. Er glaubte, an der Traurigkeit der Dame schuld zu sein, und machte sich Vorwürfe, daß er unschuldigerweise eine düstere Stimmung in unseren Ausflug hineingebracht hätte, der doch ganz und gar dem Vergnügen gewidmet sein sollte. Ich beseitigte seine Verlegenheit, indem ich ihm sagte: als er mir das Vergnügen gemacht hätte, mir seine liebenswürdige Gesellschaft anzubieten, hätte ich noch nicht gewußt, daß ich die Ehre haben würde, der schönen Dame einen Dienst zu erweisen. Als ich bei Tagesanbruch davon erfahren, hätte ich mich des Zufalls gefreut, daß ich ihm eine so schöne Gefährtin zugeführt hätte.

Die Dame sagte kein Wort; immer schweigsam und traurig blickte sie nach rechts und nach links, wie wenn sie gar nicht wüßte, was sie sähe.

Meine Erklärung hatte Dolci seine Sicherheit wiedergegeben, und der liebenswürdige junge Mann begann Bemerkungen an sie zu richten, die auf ihre Seele wohl hätten Eindruck machen können; aber er hatte keinen Erfolg. Er unterhielt sich lange Zeit über hundert Dinge mit ihrem Gatten, wobei er fortwährend die Dame hineinzuziehen suchte; aber sie tat ihren schönen Mund nicht ein einziges Mal auf. Sie saß da wie die Bildsäule der Pandora, bevor sie von dem göttlichen Feuer belebt wurde.

Ihr Gesicht war von vollendeter Schönheit: Augen von einem leuchtenden Blau und sehr schön geschnitten; eine leicht angehauchte Hautfarbe von reinster Weiße; Arme, die die Grazien gerundet hatten; weiche zarte Hände; einen Nymphenwuchs, der einen prachtvollen Busen ahnen ließ; die schönsten hellbraunen Haare, die man sich denken kann; einen kleinen Fuß – kurzum, sie hatte alles, was eine Frau schön macht, nur nicht jenen lebendigen Geist, der die Schönheit verschönert und sogar der Häßlichkeit Reiz gibt. Meine glühende unstete Phantasie ließ mich alles, was ich nicht sehen konnte, nackt erblicken; ich fand alles köstlich; dennoch glaubte ich, daß diese Frau mit ihrer Traurigkeit wohl Liebe, aber nicht ein dauerndes Gefühl einflößen könne; denn so wie sie war, konnte sie unmöglich einen Mann glücklich machen, selbst wenn sie ihm die höchste Lust gewährte.

Als wir in Isle ankamen, war ich fest entschlossen, in Zukunft ein Zusammentreffen mit ihr zu vermeiden; denn vielleicht war sie wahnsinnig oder in Verzweiflung darüber, daß sie sich in der Gewalt eines Mannes befand, den sie unmöglich lieben konnte. Sie flößte mir Mitleid ein, und dennoch fand ich es unverzeihlich, daß sie, eine anständige Frau von guter Erziehung, sich meinem Ausfluge angeschlossen hatte, denn sie mußte doch überzeugt sein, daß sie mit ihrer trüben Stimmung das ganze Vergnügen verderben würde, das ich mir von der Lustpartie versprochen hatte.

Ob der vorgebliche Ritter Stuard ihr Gatte oder ihr Liebhaber war, kam nicht in Betracht; ich hatte nicht nötig, mir lange den Kopf zu zerbrechen, um zu erraten, wes Geistes Kind er war. Er war zwar jung, aber keineswegs schön, wenn auch nicht gerade häßlich; in seinem Auftreten lag nichts Besonderes, sein Ton war gezwungen, seine Umgangsformen waren schlecht, und in seinen Reden verriet er sich als unwissend und dumm. Wie konnte übrigens ein solcher Bettler, der keinen Pfennig und nicht das geringste Talent besaß, eine Schönheit mit sich herumschleppen, die ihn wegen ihres mürrischen Wesens nur dann ernähren konnte, wenn er rechte Dummköpfe fand? Vielleicht allerdings hatte er trotz seiner Unwissenheit die Bemerkung gemacht, daß die Welt von solchen Dummköpfen wimmelt. Trotzdem machte er hier die Erfahrung, daß man sich darauf nicht sicher verlassen kann.

Als wir in Vaucluse angekommen waren, überließ ich mich der Führung Dolcis. Er hatte diesen Ort hundertmal besucht und besaß das in meinen Augen unermeßliche Verdienst, den Liebhaber Lauras zu lieben. Wir ließen den Wagen in Apt und gingen nach dem Quell, wo sich an diesem Tage eine große Menge von Neugierigen versammelt hatte. Der Born sprudelt aus einer großen Höhle hervor, einem Werke der Natur, das der Menschen Kunst nicht nachahmen kann. Diese Höhle befindet sich am Fuße eines spitzen Felsens, der etwa hundert Fuß hoch und ebenso breit ist. Die Höhle ist kaum halb so hoch, und das Wasser schießt in solcher Stärke hervor, daß schon die Quelle den Namen eines Flusses verdient. Es ist die Sorgue, die bei Avignon in den Rhone fließt. Unmöglich kann man reineres und klareres Wasser finden, denn an den Felsen, die den Wasserlauf einschließen, findet sich keine Spur von Bodensatz. Es gibt Leute, denen dieses Wasser Grauen erregt, weil es ihnen schwarz erscheint; diese bedenken nicht, daß die Grotte außerordentlich dunkel ist und nur dadurch den Fluten diese Entsetzen erregende Färbung mitteilt.

Chiare fresche e dolci acque
Ove le belle membra
Pose colei che sola a me par donna.

Die klaren, kalten, süßen Fluten,
In die die schönen Glieder tauchte
Sie, die allein mir Weib erscheint.

Ich stieg bis zur Spitze des Felsens empor, wo Petrarca sein Haus hatte. Mit tränenden Augen betrachtete ich diese Trümmer, wie Leo Allatius, als er Homers Grab sah. Sechzehn Jahre später weinte ich wieder in Arqua, wo Petrarca gestorben ist und wo das von ihm bewohnte Haus damals noch stand. Die Ähnlichkeit der Gegend war erstaunlich; denn von dem Zimmer aus, worin Petrarca in Arqua schrieb, sieht man die Spitze eines Felsens gleich jenem, den man in Vaucluse sieht und auf dessen Spitze Madonna Laura wohnte. »Gehen wir hin!« rief ich aus; »es ist ja nicht weit!«

Ich will nicht versuchen, die Gefühle wiederzugeben, die ich empfand, als ich die Überreste des Hauses dieser Frau erblickte, die der liebende Petrarca durch einen einzigen Vers schon unsterblich gemacht hat, einen Vers, der ein Marmorherz rühren müßte:

Morta bella parea nel suo bel viso.

Tot, schien sie schön in ihrem schönen Antlitz.

Mit ausgebreiteten Armen warf ich mich über diese Ruinen hin, wie wenn ich sie umarmen wollte; ich küßte sie, ich überströmte sie mit meinen Tränen, ich suchte den göttlichen Hauch einzuatmen, der sie einst belebt hatte. Dann bat ich Frau Stuard um Verzeihung, daß ich ihren Arm hätte fahren lassen, um den Manen einer Frau zu huldigen, die den tiefsten Geist geliebt, den die Natur jemals hervorgebracht hätte.

»Ich sage den Geist; denn der Körper hat nichts damit zu tun gehabt, mag man auch sagen, was man will. Vor vierhundertundfünfzig Jahren, meine Gnädige,« sagte ich zu der kalten Statue, die mich ganz überrascht anblickte, »da ging an denm Orte, wo Sie jetzt stehen, Laura de Sade spazieren; sie war vielleicht nicht so schön wie Sie, aber sie war fröhlich, höflich, sanft, heiter und sittsam. Möchte diese Luft, die jene eingeatmet hat und die Sie in diesem Augenblick einatmen, Sie mit dem göttlichen Feuer beleben, das durch ihre Adern kreiste, das ihr Herz schlagen und ihren Busen wogen ließ. Dann würden Sie die Verehrung aller gefühlvollen Menschen gewinnen; Sie würden niemanden finden, der Ihnen den geringsten Kummer zu bereiten wagte. Fröhlichkeit, meine Gnädige, ist das Erbteil der Seligen, Traurigkeit aber ist das entsetzlichste Schreckbild der Geister, die zu ewigen Höllenstrafen verdammt sind. Seien Sie also fröhlich und erwerben Sie sich dadurch das Recht, schön zu sein.«

Meine Begeisterung riß den liebenswürdigen Dolci fort; er fiel mir um den Hals, küßte mich mehrere Male. Der dumme Stuard lachte, und seine Frau, die mich vielleicht für verrückt hielt, schien nicht den geringsten Eindruck erhalten zu haben. Sie nahm meinen Arm, und wir lehnen ganz langsam nach dem Hause des Messer Francesco d'Arezzo zurück, wo ich eine Viertelstunde verwandte, meinen Namen einzuschneiden. Hierauf speisten wir.

Dolci hatte für die eigentümliche Frau noch mehr Aufmerksamkeiten wie ich. Stuard tat nichts anderes als essen und trinken; er verschmähte das Wasser der Sorgue, das nach seiner Behauptung den Hermitagewein nur verderben könnte; vielleicht dachte Petrarca in diesem Punkte nicht anders als er. Wir brachten reichliche Trankopfer, ohne daß unser Verstand darunter litt; die Dame war jedoch sehr mäßig. Als wir wieder in Avignon waren, machten wir unsere Verbeugung, ohne auf die Einladung des dummen Stuard einzugehen, der uns aufforderte, wir möchten uns in seinem Zimmer ausruhen.

Ich nahm Dolcis Arm, um die letzte Stunde des Tages am Ufer des Rhône mit ihm zu verbringen. Im Laufe eines abwechslungsreichen und geistsprühenden Gespräches bemerkte der reizende junge Mann zu mir: »Diese Frau ist eine abgefeimte Spitzbübin, die von ihrem eigenen Wert über alle Maßen eingenommen ist. Ich möchte wetten, sie hat ihre Heimat nur verlassen, weil sie dort anfangs mit ihren Reizen so verschwenderisch war, daß späterhin niemand mehr etwas von ihr wissen wollte. Ohne Zweifel ist sie überzeugt, überall ihr Glück zu machen, wo man sie für eine Novize nimmt. Der Bursche, der für ihren Mann gilt, ist nach meiner Meinung ein Gauner; ihre Traurigkeit ist Verstellung und nur darauf berechnet, um jemanden, der sich auf ihre Eroberung versteift, wahnsinnig verliebt zu machen. Sie hat ihren Dummen noch nicht gefunden; aber da es ihr darauf ankommen muß, einen reichen Mann in ihre Netze zu ziehen, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß sie Sie aufs Korn genommen hat.«

Wenn ein junger Mensch in Dolcis Alter so vernünftig denkt, so wird er ohne Zweifel einmal ein Meister der Lebenskunst werden. Ich umarmte ihn zum Abschied, dankte ihm für seine Gefälligkeit, und wir verabredeten ein Wiedersehen.

In meinen Gasthof zurückgekehrt fand ich dort einen gut aussehenden, schon etwas bejahrten Herrn, der mich mit meinem Namen anredete und mich auf das höflichste fragte, ob ich Vaucluse meiner Neugier würdig gefunden habe. Ich erkannte mit großem Vergnügen Marchese Grimaldi aus Genua, einen geistvollen, liebenswürdigen und reichen Mann, der fast immer in Venedig wohnte, weil er dort die Freuden des Lebens in größerer Freiheit genießen konnte als in seiner Heimat – ein Beweis, daß Venedig nicht der am wenigsten freie Ort der Welt war.

Nachdem ich eine höfliche Frage ebenso höflich beantwortet hatte, begleitete ich ihn auf sein Zimmer. Als wir über die Quelle nichts mehr zu sagen hatten, fragte er mich, ob ich mit meiner schönen Gesellschaft zufrieden gewesen wäre.

»Ich kann mit ihr nur sehr zufrieden sein,« antwortete ich.

Er bemerkte meine Zurückhaltung und suchte mich zum Reden zu bringen, indem er mir folgendes sagte: »Wir haben in Genua sehr schöne Frauen; aber wir haben keine einzige, die den Vergleich mit jener aushalten könnte, mit der Sie heute nach Isle gefahren sind. Ich saß gestern Abend bei Tisch ihr gegenüber, und ihre Vollkommenheiten machten einen tiefen Eindruck auf mich. Ich bot ihr meinen Arm, um sie die Treppe hinaufzuführen, und sagte ihr, es tue mir sehr leid, sie traurig zu sehen, und wenn sie glaube, daß ich imstande sei, sie zu trösten, so brauche sie nur ein Wort zu sagen. Ich wußte nämlich, daß sie kein Geld hatte. Ihr angeblicher oder echter Gatte dankte mir für mein Anerbieten, und ich verließ sie, indem ich ihnen gute Nacht wünschte.

Vor einer Stunde, nachdem Sie sie bis an die Tür begleitet hatten, ließen Sie sie mit ihrem Manne allein; sofort nahm ich mir die Freiheit, ihr meinen Besuch zu machen. Sie empfing mich mit einer tiefen Verbeugung; ihr Gatte ging im selben Augenblick hinaus, indem er mich bat, ihr bis zu seiner Rückkehr Gesellschaft zu leisten.

Die Schöne machte durchaus keine Schwierigkeiten, sich mit mir aufs Kanapee zu setzen; dies erschien mir als ein günstiges Vorzeichen; als ich jedoch ihre Hand ergriff, zog sie sie zurück, wenn auch ohne Schroffheit. Ich glaubte ihr nun in wenigen Worten sagen zu müssen, ihre Schönheit hätte mich verliebt gemacht, und wenn sie hundert Louis nötig hätte, ständen ihr diese zu Diensten, vorausgesetzt, daß sie so freundlich wäre, mir gegenüber ihre ernste Miene aufzugeben und einen heiteren Ton anzuschlagen, wie er den mir von ihr eingeflößten Gefühlen entspräche. Sie antwortete mir nur mit einer Kopfneigung, die ihre Dankbarkeit aussprach, zugleich aber auch eine unbedingte Ablehnung meines Anerbietens bedeutete.

»Morgen reise ich, Madame.« – Keine Antwort. Als ich hierauf von neuem ihre Hand ergriff, zog sie sie mit einer verächtlichen Miene zurück, die mich verletzte. Ich bat sie um Entschuldigung und ging hinaus, ohne mich länger aufzuhalten.

Dies passierte mir vor einer halben Stunde, Ich bin in die Frau nicht verliebt; meine Begierde entspringt mir einer Laune, und wie Sie sehen, lache ich darüber. Nur wundert mich ihr Benehmen, weil ich weiß, daß sie keinen Heller in der Tasche hat. Nun ist mir eingefallen, daß Sie vielleicht heute die Dame in den Stand gesetzt haben, mein Anerbieten verschmähen zu können; hierdurch würde mir ihr Verhalten einigermaßen verständlich werden; sonst aber wäre es eine Erscheinung, die ich mir durchaus nicht erklären könnte. Darf ich es wagen. Sie frei heraus zu bitten, mir zu sagen, ob Sie glücklicher gewesen sind als ich?«

Hoch erfreut über das Vertrauen einer so ehrenwerten Persönlichkeit, sagte ich ihm alles, ohne zu zögern; nachdem wir noch einige Vermutungen angestellt hatten, lachten wir beide über unser Mißgeschick. Ich mußte ihm versprechen, ihm nach Genua zu berichten, was ich während der beiden Tage erleben würde, die ich noch in Avignon zu verbringen beabsichtigte. Hierauf lud er mich ein, mit ihm an der Gasttafel zu Abend zu speisen, um die Haltung der schmollenden Schönen zu bewundern.

»Sie haben sehr gut zu Mittag gegessen,« sagte ich zu ihm, »und werden daher wahrscheinlich nicht zu Abend essen.«

»Ich wette, Sie tun es doch,« versetzte der Marchese lachend. Er hatte richtig geurteilt, und ich sah es nun klar, daß die Frau zu bestimmten Zwecken Komödie spielte. Neben sie hatte man einen Neuangekommenen Grafen Bussy gesetzt, einen hübschen jungen Mann und eitlen Windhund, Er verschaffte uns den Genuß des folgenden Auftrittes.

Er war ein liebenswürdiger Spaßmacher, sogar etwas possenhaft aufgelegt, gegen Frauen kühn bis zur Frechheit, und da er schon um Mitternacht abreisen wollte, begann er sogleich, seiner schönen Nachbarin den Hof zu machen und auf alle mögliche Weise sie zu reizen. Er fand jedoch nur eine stumme Bildsäule. Da er es aber nicht für menschenmöglich hielt, daß sie ihn zum besten halten könnte, so sprach und lachte er ganz allein immer darauf los.

Ich sah Herrn von Grimaldi an, der wie ich kaum imstande war, ernst zu bleiben. Der junge Lebemann wurde schließlich etwas ärgerlich, setzte aber seine Neckereien fort, indem er ihr die besten Bissen zu essen hinreichte, nachdem er selber davon gekostet hatte. Als die Schöne sich weigerte, diese anzunehmen, versuchte er, sie ihr in den Mund zu stecken. Dies brachte die Schöne in Harnisch, und sie stieß ihn zornig zurück. Als er sah, daß niemand ernstlich geneigt war, die Festung zu verteidigen, beschloß der junge Windbeutel, sie mit Sturm zu nehmen. Er ergriff mit Gewalt die Hand der Dame und küßte sie mehrere Male. Um sich frei zu machen, stand sie auf; er aber faßte sie um die Hüften und zog sie auf seinen Schoß. Nun stand jedoch der Mann auf, nahm ihren Arm und führte sie aus dem Saal. Ein wenig aus der Fassung gebracht, sah der Angreifer ihr einen Augenblick nach, setzte sich aber dann wieder an den Tisch und aß und lachte weiter, während die ganze übrige Gesellschaft in tiefem Schweigen dasaß. Er wandte sich an seinen Läufer, der hinter seinem Stuhl stand, und fragte ihn, ob sein Degen oben sei. Der Läufer sagte nein. Hierauf wandte sich der Hasenfuß zu einem Abbé, der neben ihm saß, und fragte ihn: »Wer ist der Herr, der meine Dame hinausgeführt hat?«

»Ihr Gatte.«

»Ihr Gatte! Oh! das ist etwas anderes! Ehemänner schlagen sich nicht, aber ein Mann von Ehre hat sich bei ihnen zu entschuldigen.«

Er stand auf, ging nach oben und kam gleich wieder herunter.

»Das ist ein dummer Ehemann! Er hat mir die Tür vor der Nase zugeschlagen und mir gesagt, ich solle in andere Häuser gehen, um meine Gelüste zu befriedigen. Es ist für mich nicht der Mühe wert, hier zu bleiben; es tut mir jedoch leid, der Geschichte keinen Abschluß geben zu können.«

Hierauf ließ er Champagner kommen und bot allen Anwesenden zu trinken an, von denen jedoch keiner seine Einladung annahm. Hierauf grüßte er die Gesellschaft und ging.

Herr von Grimaldi, der mich auf mein Zimmer begleitete, fragte mich, was ich bei der soeben erlebten Szene empfunden hätte. Ich sagte ihm, ich würde mich nicht gerührt haben, selbst wenn der Windbeutel ihr die Röcke hochgehoben hätte.

»Ich auch nicht,« sagte er; »aber wenn sie meine hundert Louis angenommen hätte, dann allerdings wäre es etwas anderes gewesen. Jedenfalls bin ich neugierig, wie die Sirene es anfangen wird, sich aus ihrer unangenehmen Lage zu ziehen; ich rechne darauf, Sie zu sehen, wenn Sie durch Genua kommen.«

Mit Tagesanbruch reiste er ab.

Als ich aufstand, erhielt ich einen Brief von der falschen Astraudy; sie fragte mich, ob ich sie mit ihrer großen Kameradin zum Abendessen erwarten wollte. Kaum hatte ich eine bejahende Antwort hierauf gegeben, als ich den falschen Herzog von Kurland vor mir sah, den ich in Grenoble getroffen hatte. Er sagte mir in sehr unterwürfigem Ton, er sei der Sohn eines Uhrmachers in Narwa, seine Schuhschnallen seien wertlos, und er bitte mich um ein Almosen. Ich gab ihm vier Louis. Als er mich hierauf um Diskretion bat, sagte ich ihm: »Sollte mich jemand nach Ihnen fragen, so werde ich die Wahrheit sagen – nämlich, daß ich nicht im geringsten weiß, wer Sie sind.«

»Ich reise nach Marseille und danke Ihnen noch sehr.«

»Gute Reise!«

Ich werde später meinen Lesern sagen, in welchen Verhältnissen ich den Mann in Genua traf; denn es ist nützlich, solche Leute, deren es leider in der Welt nur zu viele gibt, wahrheitsgetreu zu schildern.

Ich ließ den Wirt hinaufkommen und sagte ihm, daß ich ein leckeres Abendessen für drei Personen zu haben wünschte. Zugleich befahl ich ihm, in meinem Zimmer decken zu lassen.

Er antwortete mir: »Sie werden zu Ihrer Zufriedenheit bedient werden, übrigens komme ich eben vom Chevalier Stuard, bei dem ich Lärm gemacht habe.«

»Warum?«

»Weil er kein Geld hat, die Tagesrechnung zu bezahlen. Ich werde sie sofort vor die Tür setzen lassen, obgleich die schöne Dame im Bett liegt und solche Krämpfe hat, daß sie keine Luft kriegen kann.«

»Machen Sie sich an ihrer Schönheit bezahlt und machen Sie einen Strich durch die Rechnung.«

»Au« Schönheit mache ich mir sehr wenig; meine Zeit ist vorüber. Ich will aber keine Szenen mehr; denn sie schaden meinem Hause.«

»Sagen Sie ihr, sie würde von nun an mit ihrem Gemahl mittags und abends auf ihrem Zimmer speisen und ich würde für sie bezahlen, solange ich noch hier bleibe.«

»Das ist sehr edel! Aber Sie wissen doch, mein Herr, daß für Essen auf dem Zimmer der doppelte Preis gerechnet wird?«

»Das weiß ich.«

»Dann ist es gut.«

Ich verspürte ein gewisses Entsetzen, indem ich mir vorstellte, daß dieses schöne Weib, ohne andere Hilfsmittel als ihre eigene Person, von der sie keinen Gebrauch machen wollte, auf die Straße gestoßen werden sollte. Anderseits aber konnte ich es dem Gastwirt nicht verdenken; denn diese Art Leute sind für gewöhnlich wenig galant. Ich hatte ohne jede eigennützige Nebenabsicht nur einer Regung des Mitleids nachgegeben. Während ich mich noch diesen Gedanken hingab, trat Stuard bei mir ein. Er bedankte sich bei mir und bat mich, seine Frau aufzusuchen und ihr zuzureden, daß sie sich anders benehmen möchte.

»Sie wird mir nicht antworten, und das ist, wie Sie wissen, nicht angenehm.«

»Kommen Sie nur! Sie weiß, was Sie für uns getan haben; sie wird sprechen, denn das Gefühl ist doch schließlich...«

»Wie können Sie mir von Gefühlen sprechen nach dem, was ich gestern gesehen habe?«

»Der Herr ist um Mitternacht abgereist, und daran hat er wohl getan, denn sonst hätte ich ihn heute früh getötet!«

»Sie sind ein Prahlhans, mein lieber Herr – nehmen Sie mir es nicht übel, wenn ich Ihnen das sage. Nicht heute früh, sondern gestern hätten Sie ihn töten oder ihm wenigstens einen Teller ins Gesicht schmeißen müssen. Doch gehen wir zu Ihrer Frau!«

Ich fand sie in ihrem Bette, ihr Gesicht nach der Wand gekehrt, bis zum Halse zugedeckt und herzbrechend schluchzend. Ich begann ihr vernünftig zuzureden, aber sie erwiderte wie gewöhnlich wieder kein Wort darauf. Stuard wollte mich allein lassen; ich sagte ihm jedoch, ich würde sofort gehen, wenn er sich entfernte; denn es wäre für mich ganz unmöglich, sie zu trösten, und das könnte er sich ja selber sagen, nachdem sie die hundert Louis zurückgewiesen hätte, die der Herr Marchese Grimaldi ihr hätte geben wollen, ohne etwas anderes von ihr zu verlangen, als ihr die Hand küssen zu dürfen und sie lächeln zu sehen.

»Hundert Louis!« schrie der Rüpel mit einem Wachtstubenfluch. »Was ist das für ein Benehmen! Damit hätten wir nach Lüttich reisen können, wo wir unser Haus haben. Eine Prinzessin läßt sich die Hand umsonst küssen, um wieviel mehr also ... Hundert Louis! das ist ja gräßlich!«

Diese Ausrufe, die in der Lage der Leute ganz natürlich waren, machten mich lachen. Der arme Teufel fluchte in allen Tonarten und wollte schließlich hinausgehen, als plötzlich die arme unglückliche Frau von ihren wahren oder verstellten Krämpfen befallen wurde. Sie streckte den einen Arm aus und packte eine Wasserkaraffe, die sie mitten ins Zimmer schmiß; dann streckte sie den anderen Arm aus und entblößte dabei ihren Busen. Stuard eilte hinzu, um sie festzuhalten, aber die Krämpfe wurden immer stärker, und die Decke verschob sich so, daß die zartesten und vollkommensten Formen völlig nackt dalagen. Endlich beruhigte sie sich, und da lag sie nun mit geschlossenen Augen, scheinbar völlig erschöpft, in der wollüstigsten Stellung da, die die personifizierte Liebesgier jemals erfinden könnte. Ich war in einer ungeheuren Erregung. Wie hätte ich auch so viele Reize sehen können, ohne den heftigsten Wunsch nach ihrem Besitz zu empfinden! In diesem Augenblick ließ der elende Gatte sie allein und ging hinaus, indem er zu mir sagte, er wolle Wasser holen. Ich merkte die Falle, und mein Selbstgefühl bewahrte mich davor, in sie hinein zu gehen. Ich glaubte zu bemerken, daß dieser ganze Auftritt nur ein abgekartetes Spiel war, um mir einen tierischen Genuß zu verschaffen und dabei noch der von einem dummen Stolz erfüllten Person die Möglichkeit zu lassen, ihre Teilnahme zu leugnen. Ich tat mir Gewalt an, zog sachte die Decke in die Höhe und verhüllte, was ich so gern noch mehr entblößt hätte. In die Hölle wünschte ich die entzückenden Schönheiten, die das Ungeheuer mir nur ausliefern wollte, um mich dadurch zu erniedrigen.

Stuald war ziemlich lange abwesend. Als er mit einer vollen Wasserflasche eintrat, fand er mich ganz anders, als er ohne Zweifel erwartet hatte, mit ruhigem Gesicht und in vollkommener Ordnung, Einige Augenblicke darauf ging ich hinaus, um durch einen Spaziergang am Rhôneufer mein inneres Gleichgewicht wiederzufinden.

Ärgerlich auf mich selber, weil ich mich von dieser Spitzbübin behext fühlte, lief ich mit großen Schritten den Weg entlang. Vergebens führte ich mir alle möglichen Vernunftgründe vor; meine Aufregung schien nach der körperlichen Bewegung nur zu wachsen, und ich kam zu dem Schluß, daß Genuß, brutaler oder sentimentaler Genuß, der von mir gesehenen Schönheiten für mich notwendig sei, um meine auf Abwege geratene Vernunft wieder zu sich selber zu bringen. Ich sah, daß ich sie kaufen mußte, daß hier zartfühlende Umwerbung nichts nützen konnte, sondern daß ich ihr Geld geben und daß ich mich allen Opfern unterwerfen mußte. Ich bedauerte nur, daß ich mich einem falschen Zartgefühl hingegeben hatte; denn auf alle Fälle hätte ich nach der Befriedigung, wenn sie die Zimperliche gespielt hätte, sie verachten und ihr meine Verachtung fühlbar machen können. In meiner Ratlosigkeit beschloß ich schließlich, dem Gatten zu sagen, ich würde ihm fünfundzwanzig Louis geben, wenn er mir eine Zusammenkunft verschaffte, bei welcher ich mich befriedigen könnt«.

Ganz voll von diesem Gedanken, ging ich nach Hause. Ohne mich nach ihrem Befinden zu erkundigen, ließ ich mir das Mittagessen auf meinem Zimmer auftragen. Leduc sagte mir, die Schöne speise ebenfalls auf ihrem Zimmer und der Wirt habe gesagt, sie werde nicht in den Speisesaal kommen. Dies wußte ich ja schon.

Nach dem Essen machte ich dem liebenswürdigen Dolci einen Besuch. Er stellte mich seinem Vater vor, einem sehr liebenswürdlgen Herrn, der leider nicht reich genug war, um den Wunsch seines Sohnes zu erfüllen und diesen reisen zu lassen. Der junge Mann besaß eine wunderbare Geschicklichkeit und konnte eine große Menge Taschenspielerstücke. Er war von sehr sanftem Charakter, und als er sah, daß mich der Zustand seines Herzens interessierte, erzählte er mir allerlei Geschichten, aus denen ich sah, daß ein Jüngling in seinem beneidenswerten Alter nur darum unglücklich sein kann, weil er noch keine Erfahrung hat. Eine reiche Frau wollte er nicht, weil eine solche von ihm verlangen würde, was ihm ohne Liebe zu gewähren schmachvoll dünkte; er schwärmte für ein junges Mädchen, das auf Ehrbarkeit Anspruch machte. Ich glaubte ihm einen guten Rat geben zu müssen. Ich sagte ihm, er solle der freigebigen Reichen seine Huld zuwenden und dem jungen Mädchen gegenüber von Zeit zu Zelt ein bißchen die Achtung verletzen, dabei jedoch immer höflich bleiben; sie würde ihn dafür ausschelten, aber ihm unfehlbar verzeihen. Er war kein Wüstling und neigte ein ganz klein wenig zu frommen, aber ketzerischen Ideen. Ei unterhielt sich in unschuldiger Weise mit gleichaltrigen Freunden in einem Garten in der Nähe von Avignon, wo eine Schwester der Gärtnersfrau ihn belustigte, wenn er allein mit ihr war.

Als die Nacht anbrach, ging ich nach Hause, und die Astraudy mit der Lepi – so hieß die Bucklige – ließen nicht auf sich warten. Als ich diese beiden Karikaturen vor mir sah, war ich doch sehr verdutzt. Ich hatte allerdings mich auf etwas Derartiges gefaßt gemacht, aber die Wirklichkeit erschreckte mich doch. Die Astraudy war häßlich und wußte es; darum suchte sie ihre Mängel durch eine maßlose Unanständigkeit zu ersetzen. Die Lepi war hinten und vorn bucklig, besaß aber Talent und den Geist ihres Handwerks in hohem Grade; sie konnte sicher sein, Begierden zu erregen, denn ihre Augen und Zähne waren von seltener Schönheit; die letzteren schien ihr riesiger Mund absichtlich sehen zu lassen, damit man ihre Regelmäßigkeit und die Frische ihres Schmelzes bewunderte. Die Astraudy lief auf mich zu und gab mir einen florentinischen Kuß, den ich wohl oder übel hinnehmen mußte, die Lepi war schüchterner und bot mir nur ihre Wange, die ich flüchtig mit den Lippen berührte. Als ich sah, daß die Astraudy schon mit ihren tollen Streichen beginnen wollte, bat ich sie, sie möchte sich mäßigen, denn ich wäre ein Neuling in derartigen Vergnügungspartien und müßte nach und nach dazu animiert werden, wenn ich Geschmack daran finden sollte. Sie versprach mir, daß sie vernünftig sein wollte. Während wir auf das Abendessen warteten, fragte ich sie, in Ermangelung eines anderen Gesprächsstoffes, ob sie in Avignon einen Liebhaber gefunden hätte.

»Ich habe hier nur den Auditor des Vizelegaten, der zwar geschlechtlich unnormal, aber liebenswürdig und freigebig ist. Ich habe mich seinem Geschmack schließlich doch anbequemt, was ich vor einem Jahre für unmöglich gehalten haben würde, weil ich mir einbildete, es müsse sehr weh tun; aber ich täuschte mich.«

»Der Auditor behandelte dich also als Knaben?«

»Ja. Meine Schwester würde ihn dafür angebetet haben, denn das ist ihre Leidenschaft.«

»Aber deine Schwester hat sehr stattliche Hüften.«

»Ich vielleicht nicht? Sieh doch nur, fühle doch nur!«

»Du bist sehr gut versehen. Aber warte doch, bitte, es ist noch Zeit dafür.«

»Nach dem Essen wollen wir richtig toll sein!«

»Weißt du,« sagte die Lepi zu ihr, »du bist jetzt schon toll!«

»Wieso denn toll?«

»Pfui! ist es denn erlaubt, sich so zu zeigen?«

»Liebe Freundin, du wirst es genau ebenso machen; wenn man in guter Gesellschaft ist, befindet man sich im goldenen Zeitalter.«

»Ich wundere mich,« sagte ich zu ihr, »daß du dein eigentümliches Verhältnis mit dem Auditor so einem jeden erzählst.«

»Das ist gut! Nicht ich erzähle es, sondern jeder erzählt es mir und macht mir Komplimente darüber. Man weiß, daß der brave Mann niemals Frauen geliebt hat, und es wäre lächerlich von mir, leugnen zu wollen, was ein jeder errät. Ich wunderte mich über meine Schwester; aber in dieser Welt soll man sich über nichts wundern. Aber bist denn du kein Freund davon?«

»Nein, ich bin nur Freund hiervon.«

Mit diesen Worten berührte ich die Lepi an der Stelle, wo wir gewohnheitsmäßig vermuten, was ich unter dem hiervon verstand. Als die Astraudy bemerkte, daß ich nichts fand, lachte sie laut auf, ergriff meine Hand und führte sie in die Höhe, bis zu dreiviertel Teilen des Körpers unmittelbar unter dem Buckel, wo ich wirklich das Gewünschte fand. Der Leser stelle sich meine Überraschung vor! Das arme Mädchen schämte sich, die Zimperliese zu spielen, und stimmte in das Gelächter ihrer Freundin ein. Auch ich geriet dadurch in heitere Stimmung, indem ich daran dachte, welches Vergnügen mir nach dem Abendessen eine solche für mich vollkommen neue Entdeckung verschaffen würde.

»Haben Sie denn niemals einen Liebhaber gehabt, meine liebe Lepi?«

»Nein,« antwortete die Astraudy für ihre Freundin; »sie ist noch Jungfer.«

»Das ist nicht wahr!« rief die Lepi etwas verwirrt, »ich habe je einen Liebhaber in Bordeaux und einen anderen in Montpellier gehabt.«

»Allerdings; trotzdem bist du aber doch noch immer so, wie du auf die Welt gekommen bist.«

»Das kann ich freilich nicht leugnen.«

»Wie, zwei Liebhaber und noch Jungfer! Das verstehe ich nicht. Bitte erzählen Sie mir das doch; denn so etwas ist ja einzig in seiner Art.«

»Bevor mein erster Liebhaber sich befriedigte, war ich ebenso, wie ich jetzt bin, und ich war damals erst zwölf Jahre alt.«

»Das ist ein wahres Wunder. Und was sagte er, als er Sie so fand, wie Sie sind?«

»Ich schwor ihm, er sei der erste; er glaubte mir dieses und schrieb meinen Zustand meiner körperlichen Gestalt zu.«

»Er war ein vernünftiger Mann; aber tat er Ihnen denn nicht weh?«

»Ganz und gar nicht; allerdings ging er sehr sachte mit mir um.«

»Du mußt,« sagte die Astraudy zu mir, »nach dem Essen einen Versuch machen; das wird komisch sein.«

»O nein! Das geht nicht!« rief die Lepi; »der Herr ist zu groß.«

»Ein schöner Grund! Hast du etwa Angst, daß sein ganzer Körper dabei beteiligt ist? Warte mal, ich will ihn dir zeigen!«

Mit diesen Worten begann das schamlose Frauenzimmer mich völlig zu entblößen, und ich ließ sie gewähren.

»Ich hatte es mir wohl gedacht!« rief die Lepi. »Das Ding geht niemals hinein!«

»Sicherlich ist das Geschmeide sehr groß,« sagte die Astraudy; »aber es gibt für alles ein Mittel: der gnädige Herr wird sich damit begnügen, wenn er nur zur Hälfte ein Unterkommen findet.«

»Ach, meine Liebe, nicht die Länge macht mir angst, sondern der Umfang; denn die Tür ist zu eng.«

»Das ist doch ein wahres Glück für dich; dann kannst du ja deine Erstlinge verkaufen, nachdem du schon zwei Liebhaber gehabt hast. Dies wäre freilich nichts Neues; unter solcher falschen Flagge segeln ja viele.«

Ihr Gespräch, dem es nicht an Witz mangelte, und besonders die Naivität der Buckligen, hatte bereits den Entschluß in mir gezeitigt, mich selber zu überzeugen. Das Essen wurde aufgetragen, und ich hatte das Vergnügen, die beiden Nymphen wie zwei Halbverhungerte essen und noch tüchtiger trinken zu sehen. Der Hermitagewein übte seine unausbleibliche Wirkung, und die Astraudy machte den Vorschlag, zu dem Kostüm unserer Ureltern zurückzukehren und uns aller künstlichen Hüllen zn entledigen, die die Natur entstellen.

»Mir ist es recht,« sagte ich zu ihr; »ich werde euch dabei nicht genieren.«

Ich trat hinter meine Bettvorhänge, zog mich aus, legte mich ins Bett und drehte ihnen den Rücken zu, bis sie fertig waren. Die Astraudy sagte mir Bescheid, und nun erregte die Lepi meine ganze Aufmerksamkeit.

Das Mädchen war schön, trotz seiner doppelten Mißbildung. Meine Blicke schüchterten sie ein; denn sie trat wahrscheinlich zum erstenmal als Mitwirkende in einer solchen Orgie auf. Ich suchte sie zu ermutigen, indem ich einzelne Schönheiten pries, die ihre sehr weißen und sehr hübschen Hände mir nicht verbergen konnten, und überredete sie endlich, sich an meine Seite zu legen. Ihr Buckel mnachte es ihr unmöglich, sich auf den Rücken zu legen, wenn man den Platz, den der Buckel einnahm, so nennen darf. Die Astraudy war jedoch ebenso raffiniert wie hilfsbereit; mit Hilfe von Kissen schob sie ihr Stützen unter, wie einem Schiff, das von Stapel gelassen werden soll. Mit der freundlichen Beihilfe der Astraudy glückte endlich die Einführung zur großen Befriedigung des Opferpriesters wie des Opfers. Nach Beendigung der feierlichen Handlung küßte sie mich, was sie vorher nicht gekonnt hatte; denn ihr Mund befand sich meiner Brust gegenüber, während meine Beine kaum bis zur Hälfte der ihrigen hinunterreichten. Ich hätte zehn Louis darum gegeben, um mich an dem sonderbaren Anblick weiden zu dürfen, den wir ohne Zweifel darboten, während wir diese Gruppe bildeten.

»Jetzt kommt aber die Reihe an mich!« rief dann die Astraudy; »nur darfst du dir keine Übergriffe in die Rechte meines Auditors erlauben. Bitte untersuche erst die Gegend, damit du weißt, wohin du kommst. Da!«

»Was soll ich denn mit dieser halben Zitrone machen?«

»Ich wünsche, daß du dich überzeugst, daß der Ort sauber ist und daß du ihn ohne Gefahr besuchen kannst.«

»Ist dies ein sicheres Mittel?«

»Ein unfehlbares; denn wenn der Weg nicht in Ordnung wäre, könnte ich das Brennen nicht ertragen.«

»Es ist geschehen. Bist du nun zufrieden?«

»Vollkommen. Aber höre, betrüge mich nicht: alles oder nichts! Mein Ruf würde gemacht sein, wenn ich meinen Gürtel erweitern müßte.«

Ich bitte meine Leser um die Erlaubnis, über gewisse Umstände dieser wirklich skandalösen Orgie einen Schleier ziehen zu dürfen. Das häßliche Geschöpf lehrte mich wirklich noch Neues. Endlich, obgleich ich mehr ermüdet als erschöpft war, sagte ich ihnen, sie möchten gehen; die Astraudy bestand jedoch darauf, zum Schluß noch einen Punsch zu machen. Ich willigte ein; da ich aber von allen beiden nichts mehr wissen wollte, so zog ich mich wieder an. Der Champagnerpunsch versetzte sie jedoch in eine solche Erregung, daß sie schließlich mich dahin brachten, mich ihrer Brunft ebenfalls hinzugeben. Die Astraudy gab ihrer Kameradin eine so eigentümliche Lage, daß ihre Buckel völlig verschwanden. Wie wenn ich Jupiters Oberpriesterin vor mir hätte, brachte ich ihr noch ein langes Opfer, währenddessen Tod und Leben mehrere Male bei ihr wechselten. Voller Ekel vor mir selber, entriß ich mich endlich ihrer geilen Wut. Um sie los zu werden, gab ich ihnen zehn Louis, worüber sie beinahe vor Seligkeit verrückt wurden. Die Astraudy fiel vor mir auf die Knie, segnete mich, dankte mir und nannte mich ihren Gott; die Lepi aber lachte und weinte gleichzeitig vor Freude. Dies verschaffte mir eine Viertelstunde lang einen Auftritt ganz eigentümlicher Art. Ich ließ sie in meinem Wagen nach Hause fahren.

Nachdem ich bis zehn Uhr geschlafen hatte, wollte ich gerade mein Zimmer verlassen, um einen Spaziergang zu machen, als Stuard mit verzweifelter Miene bei mir eintrat und mir sagte, wenn ich ihm nicht die Mittel gäbe, vor mir abzureisen, würde er sich in den Rhône stürzen.

»Das ist ja sehr tragisch,« sagte ich zu ihm; »aber dagegen gibt es noch Mittel. Ich bin bereit, fünfundzwanzig Louis zu zahlen; aber ich will sie Ihrer Frau Gemahlin geben und nur unter der Bedingung, daß sie eine Stunde lang mit mir allein und sanft wie ein Lamm ist.«

»Mein Herr, das ist gerade die Summe, die wir brauchen.«

»Sie steht zu Ihrer Verfügung. Sprechen Sie mit ihr darüber. Ich komme erst um zwölf Uhr nach Hause.«

Ich tat fünfundzwanzig Louis in eine hübsche kleine Börse und ging aus. Ich glaubte, der Sieg könnte mir nicht mehr entgehen, und eilte daher früher wieder nach Hause, als ich eigentlich gewollt hatte.

Ich betrat ihr Zimmer und näherte mich sehr rücksichtsvoll ihrem Bette. Bei meinem Anblick richtete sie sich auf, ohne ihren Busen zu verhüllen und sagte zu mir, bevor ich ihr guten Tag wünschen tonnte: »Da bin ich, mein Herr! Ich bin bereit, mit meiner Person die elenden fünfundzwanzig Louis zu bezahlen, die mein Mann braucht. Sie können mit mir machen, was Sie wollen; ich werde nicht den geringsten Widerstand leisten. Aber vergessen Sie eins nicht:indem Sie sich meine Lage zunutze machen, um Ihre tierische Begier zu befriedigen, müssen Sie sich weit tiefer erniedrigt fühlen, als ich es bin; denn ich verkaufe mich nur darum zu so niedrigem Preise, weil die Not mich dazu zwingt. Ihre Gemeinheit ist schmachvoller als meine Erniedrigung. Kommen Sie, hier haben Sie mich!«

Während sie die letzten Worte dieser schmeichelhaften Ansprache hervorbrachte, stieß sie heftig die Decke von sich und stellte ihren ganzen Leib, den ich schon einmal mit anderen Gefühlen hatte betrachten können, mir zur Schau. Eine Minute stand ich wie betäubt und voller Entrüstung vor ihrem Bett. Jedes Gefühl war in mir erloschen; ich sah in ihren wollüstigen Formen nur noch Reize, die allerdings entzückend waren, aber nur dazu dienten, eine verworfene oder rohe Seele zu verlarven. Mit der größten Kaltblütigkeit hob ich die Decke wieder auf, breitete sie über sie und sprach in kaltem, verächtlichem Ton folgende Worte:

»Nein, Madame, das werden Sie nicht erleben, daß ich dieses Zimmer durch Ihre Worte gedemütigt verlasse; aber ich gehe nicht eher, als bis ich Ihnen Wahrheiten gesagt habe, die Sie auf das tiefste demütigen müssen. Sie sollen nicht länger darüber im Zweifel sein, daß Sie keine Frau sind, die auch nur auf die geringste Achtung Anspruch erheben darf. Ich bin kein Tier, und um Sie davon zu überzeugen, werde ich von Ihnen gehen, ohne mich Ihrer Reize bemächtigt zu haben, die ich jetzt ebenso sehr verachte, wie ich sie hochgeschätzt haben würde, wenn Sie dieser Schönheiten würdig wären. Hier sind fünfundzwanzig Louis – eine erbärmliche Summe, um die Huld einer anständigen Frau zu bezahlen, aber mehr als zuviel für das, was Sie gewähren können, wenn man Sie kennt. Ich gebe Ihnen dieses Geld nur aus einer Regung des Mitleides, deren ich mich nicht erwehren kann, und die das einzige Gefühl ist, das Sie mir noch einflößen, aber eines muß ich Ihnen noch sagen: wenn Sie sich einmal für Geld preisgeben, so sind Sie ebensogut eine Verlorene, wenn Sie hundert Millionen, wie wenn Sie fünfundzwanzig Louis erhalten, sobald Sie nicht das Gefühl des Mannes teilen, dem Sie sich hingeben, oder sobald Sie sich nicht wenigstens so stellen, um das scheinbare Recht zu erwerben, sich selber noch achten zu dürfen. Leben Sie wohl!«

Ich ging wieder auf mein Zimmer, und nach einiger Zeit kam Stuard, um mir zu danken. Ich sagte ihm: »Ich bitte Sie, mein Herr, sprechen Sie nicht mehr von Ihrer Frau und lassen Sie mich in Ruhe.«

Den Tag darauf reiste er mit ihr nach Lyon ab. Meine Leser werden sehen, wie ich sie in Lüttich wiederfand.

Nach dem Essen kam Dolci und holte mich ab, um mit mir nach seinem Garten zu gehen und mir die Schwester der Gärtnersfrau zu zeigen. Sie war hübsch, aber nicht so hübsch wie er. Bald war sie in angeregter Stimmung, und nachdem sie sich ein bißchen geziert hatte, erklärte sie sich bereit, in meiner Gegenwart zärtlich mit ihm zu sein. Ich sah, daß dieser Adonis von der Natur reichlich ausgestattet war, und sagte mir, daß ein so reichbegabter Jüngling wie er nicht nötig habe, die Börse seines Vaters in Anspruch zu nehmen, wenn er reisen wolle. Bald darauf machte er sich meine Ratschläge zunutze. Ich hätte bei diesem schönen Ganymed infolge seines Liebesspiels mit der Gärtnerin leicht zum Jupiter werden können.

Auf dem Heimweg sah ich einen jungen Menschen von zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren aus einem Schiff steigen. Seine Gesichtszüge trugen den Ausdruck von Traurigkeit, und er schien ein anständiger Mensch zu sein. Als er sah, daß ich ihn betrachtete, trat er auf mich zu und bat mich bescheiden um ein Almosen, indem er mir zugleich einen Schein reichte, der ihn dazu ermächtigte, und mir seinen Paß zeigte, aus welchem hervorging, daß er vor sechs Wochen Madrid verlassen hatte. Er stammte aus Parma und hieß Costa. Als ich das Wort Parma las, sprach das Heimatsgefühl zu seinen Gunsten bei mir, und ich fragte ihn, durch welches Unglück er so weit herunter gekommen sei, um betteln zu müssen.

»Nur dadurch, daß es mir an dem nötigen Gelde fehlte, um in mein Vaterland zurückzukehren,«

»Was taten Sie in Madrid, und weshalb gingen Sie dorthin?«

»Ich kam dorthin vor vier Jahren als Kammerdiener des königlichen Leibarztes Doktor Pistoria; da ich es bei ihm nicht gut hatte, so verließ ich ihn. Aus diesem Zeugnis hier geht hervor, daß ich ihm treu gedient habe.«

»Was können Sie?«

»Ich habe eine schöne Handschrift und kann als Sekretär dienen; ich gedenke in meiner Vaterstadt mich als öffentlicher Schreiber zu ernähren. Diese Verse hier habe ich gestern abgeschrieben.«

»Ihre Handschrift ist schön; aber sind Sie auch imstande, richtig zu schreiben?«

»Nach Diktat kann ich französisch, lateinisch und spanisch schreiben.«

»Aber auch richtig?«

»Gewiß, mein Herr, – wenn man nur richtig diktiert; denn es ist die Sache des Diktierenden, auf die Korrektheit zu achten.«

Ich sah, daß Gaetano Costa ein unwissender Mensch war; trotzdem nahm ich ihn mit auf mein Zimmer und ließ Leduc spanisch mit ihm sprechen. Er antwortete ziemlich gut; als ich ihm aber italienisch und französisch diktierte, stellte es sich heraus, daß er von Orthographie gar keine Ahnung hatte.

»Aber Sie können ja nicht schreiben!«

Als er über diese Worte gekränkt war, tröstete ich ihn, indem ich ihm sagte, ich würde ihn auf meine Kosten nach seiner Heimat bringen. Er küßte mir die Hand und versicherte mir, ich würde in ihm einen treuen Diener finden.

Der junge Mann gefiel mir wegen seiner eigentümlichen Denkweise; da er sich dieselbe zunutze zu machen gewußt hatte, um sich von den Dummköpfen zu unterscheiden, unter denen er bis dahin gelebt hatte, so brachte er sie mit gutem Gewissen allen anderen Leuten gegenüber zur Anwendung. Die Kunst eines Schreibers bestand nach seiner Ansicht nur in einer guten Handschrift; wer die beste hatte, übertraf in seinen Augen alle anderen. Dies sagte er zu mir, indem er ein von mir beschriebenes Papier betrachtet. In der Tat war meine Handschrift nicht so leserlich wie die seinige. Er gab mir also stillschweigend zu verstehen, daß ich hinter ihm zurückstehe und ihm daher in Anbetracht seiner Überlegenheit eine gewisse Achtung nicht versagen könne. Ich lachte über diese törichte Einbildung, und da ich glaubte, daß er nicht unverbesserlich sei, so behielt ich ihn. Ohne diese Überspanntheit würde ich ihm ein Almosen gegeben haben und wäre niemals auf den unvernünftigen Einfall gekommen, ihn bei mir zu behalten. Er sagte, die Orthographie sei überflüssig; denn wer sie kenne, könne leicht den Sinn der Worte erraten, wer sie aber nicht kenne, sei auch nicht imstande, die Fehler zu bemerken. Ich lachte, und da ich mich in eine Erörterung darüber nicht einließ, sah er mein Lachen als eine Zustimmung an. In einem der Sätze, die ich ihm diktierte, wurde auch das Konzil von Trente erwähnt. Nach seinem System schrieb er dies Wort mit einer 3 und einer 0. Ich lachte laut auf. Er geriet dadurch jedoch keineswegs aus der Fassung, sondern sagte, da die Aussprache dieselbe sei, so erhalte das Wort seine Bedeutung durch die Idee und nicht durch die verschiedenen Buchstaben, aus denen es bestehe. Der Bursche war in der Tat nur dumm, weil in ihm Geist mit Unwissenheit und Anmaßung gemischt war. Kurz und gut, ich behielt ihn, weil mir sein ganzes Wesen originell erschien. Wie der Leser spater bemerken wird, bewies ich dadurch, daß ich dümmer war als er.

Am anderen Morgen verließ ich Avignon und fuhr geraden Weges nach Marseille, ohne in Aix, wo das Parlament seinen Sitz hat, Aufenthalt zu nehmen. Ich stieg in den "Dreizehn Kantonen" ab, da ich mindestens acht Tage in der alten Kolonie der Phokäer verbringen und meine Freiheit recht ausnützen wollte. Darum hatte ich mich nicht mit Empfehlungsbriefen versehen; denn da ich reichlich bares Geld besaß, brauchte ich keinen Menschen. Ich befahl meinem Wirt, das Essen auf meinem Zimmer auftragen zu lassen und mir eine gute Mahlzeit aus Fastenspeisen zurecht zu machen; denn ich wußte, daß der Fisch in Marseille köstlicher ist als überall sonst auf der ganzen Welt.

Am nächsten Morgen ging ich mit einem Lohndiener aus, um mich von ihm nach meinem Gasthof zurückbringen zu lassen, sobald ich genug spazieren gegangen wäre. Indem ich aufs Geratewohl meiner Nase nach ging, kam ich auf einen sehr langen und sehr breiten schönen Kai. Ich glaubte in Venedig zu sein, und mein Busen schwoll von einem Gefühl des Glücks; so tief wurzelt die Liebe zum Vaterland im Herzen jedes wackeren Menschen. Ich sah zahlreiche Schenken, in denen viele Zecher sich an griechischen und spanischen Weinen gütlich taten. Eine Menge geschäftiger Leute bewegte sich drängend und schiebend nach allen Richtungen hin; jeder dachte nur an sich und fragte wenig danach, ob er etwa anderen lästig würde. Hausierer, schlecht und gut gekleidete, mehr oder weniger hübsche Mädchen, Weiber mit schamlosen Blicken, die jedem winkten, der sie ansah, bewegten sich in diesem Gewühl. Ich sah auch andere Frauen, die bescheiden, aber gut gekleidet waren, ohne jeden Seitenblick ihres Weges gehen und so den vollkommensten Gegensatz zu den anderen bildend, obgleich viele von ihnen das gleiche Ziel verfolgten.

Das bunte Gemisch aller Trachten: der ernste Türke neben dem lebhaften Andalusier, der französische Stutzer, der stumpfsinnige Afrikaner, der schlaue Grieche, der schwerfällige Holländer – dies alles erinnerte mich an meine Heimat, und ich fühlte mich glücklich.

Nachdem ich einige Augenblicke an einer Straßenecke stehen geblieben war, um den Theaterzettel zu lesen, kehrte ich recht ermüdet in meinen Gasthof zurück, um mich an einem köstlichen Mahle zu erquicken, das ich reichlich mit gutem Syrakuser Wein benetzte. Nach dem Essen zog ich mich elegant an und ging dann in die Komödie, wo ich einen Platz im Amphitheater nahm.

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