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Erinnerungen

Giacomo Casanova: Erinnerungen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorCasanova
titleErinnerungen
volume4
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20050616
projectide0c133bb
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Drittes Kapitel

Die Mädchen des Hausmeisters. – Das Horoskop. – Fräulein Roman.

Der Gedanke an die traurige Figur, die die Geliebte des Marquis von Prié, der Marquis selber und vielleicht die ganze Gesellschaft, die es ohne Zweifel auf meine Kassette abgesehen, hatten spielen müssen, belustigte mich bis Chambéry, wo ich nur so lange anhielt, um die Pferde zu wechseln. In Grenoble, wo ich mich eigentlich etwa acht Tage hatte aufhalten wollen, fand ich schlechte Unterkunft; ich ließ daher mein Gepäck gar nicht erst abladen und ging nach der Post, wo ich mehrere Briefe fand, unter anderen auch einen von Frau von Urfé. Dieser enthielt als Einschluß einen Brief an einen Offizier, namens Valenglard, den sie mir als einen Gelehrten schilderte und der mich, wie sie schrieb, in alle guten Häuser der Stadt einführen würde.

Ich suchte den Offizier auf. Er empfing mich sehr freundlich und sagte mir, nachdem er meinen Brief gelesen hatte, er stehe mir zu Diensten und werde mir bei allen meinen Wünschen behilflich sein.

Valenglard war ein liebenswürdiger Herr in mittleren Jahren; vor fünfzehn Jahren war er der Freund der Frau von Urfé und noch viel mehr der ihrer Tochter, der Prinzessin von Toudeville, gewesen. Ich sagte ihm, ich hätte im Gasthof schlechtes Quartier gefunden, und der erste Dienst, den ich von ihm zu erwarten wagte, wäre die Beschaffung einer anständigen Unterkunft, wenn ihm eine solche bekannt wäre. Er rieb sich die Stirn und sagte dann: »Ich glaube, ich werde Sie in einem prachtvollen Hause unterbringen können; aber es liegt außerhalb der Stadt. Der Hausmeister ist ein ausgezeichneter Koch, und ich bin überzeugt, er wird Sie umsonst wohnen lassen, um den Vorteil zu haben, Ihre Küche zu besorgen.«

»Das möchte ich aber nicht,« sagte ich.

»Seien Sie unbesorgt, er wird sich an den Mahlzeiten schadlos halten; außerdem steht das Haus zum Verkauf und kostet ihm nichts. Wir wollen doch hingehen.«

Ich nahm eine Wohnung von drei Zimmern und bestellte ein Abendessen für zwei Personen, indem ich den Hausmeister darauf aufmerksam machte, daß ich Feinschmecker sei und leckere Kost liebe und daß ich keineswegs geizig sei. Zugleich bat ich Herrn von Valenglard, er möchte die Güte haben, mit mir zu Abend zu speisen. Der Hausmeister sagte mir, wenn ich nicht mit ihm zufrieden wäre, so brauche ich es nur zu sagen; dann hätte ich ihm nichts zu bezahlen. Ich ließ meinen Wagen holen, und so war ich denn eingerichtet. Im Erdgeschoß fand ich drei reizende Mädchen und die Frau des Hausmeisters, die mich alle mit tiefen Verbeugungen begrüßten.

Herr von Valenglard nahm mich mit in ein Konzert, um mich dort mit der ganzen Gesellschaft bekannt zu machen; ich bat ihn jedoch, mich niemandem vorzustellen. Wenn ich die Damen gesehen hätte, würde ich ihm diejenigen bezeichnen, die mir den Wunsch einflößten, sie kennen zu lernen.

Die Gesellschaft war zahlreich, und es waren besonders viele Damen da; aber die einzige, die meine Blicke fesselte, war eine schöne Brünette von bescheidenem Wesen, sehr schönem Wuchs und sehr einfachem Anzug. Nachdem das reizende Gesicht ein einzigesmal einen bescheidenen Blick über mich hatte hingleiten lassen, sah sie mich nicht mehr an. In meiner Eitelkeit dachte ich zuerst, dies sei eine kokette List, um in mir den Wunsch nach ihrer Bekanntschaft zu erwecken und um mir Zeit zu lassen, die edlen Linien ihres Profils und ihrer schönen Körperformen, die ihr bescheidenes Kleid nicht verbarg, besser prüfen zu können. Erfolg gibt immer Zuversicht, und die Eitelkeit befindet sich stets im Einklang mit unseren Wünschen. Sofort warf ich mein Auge auf dieses Fräulein, wie wenn alle Frauen von Europa nur ein Serail gebildet hätten, das zu meinem Vergnügen bestimmt wäre. Ich sagte dem Baron, daß ich ihre Bekanntschaft zu machen wünschte, und er antwortete mir: »Sie ist anständig; sie empfängt niemals einen Menschen, obgleich sie arm ist.«

»Dies sind drei Gründe, die meine Lust noch steigern.«

»Es ist aber wirklich nichts zu machen.«

»Das wünsche ich gerade.«

»Da sehe ich ihre Tante; wenn das Konzert zu Ende ist, werde ich Sie vorstellen.«

Nachdem er mir diese Ehre erwiesen hatte, begleitete er mich nach Hause zum Abendessen. Der Hausmeister-Koch schien mir ein Seitenstück zu Lebel zu sein. Er ließ mich bei Tisch von seinen beiden zum Anbeißen hübschen Töchtern bedienen, und ich sah Valenglard hocherfreut, daß er mich zu meiner Zufriedenheit untergebracht hatte. Aber er schalt, als er in fünf Gängen fünfzehn Schüsseln auftragen sah. »Der Mann«, sagte er zu mir, »macht sich über Sie oder mich lustig.«

»Der Mann hat im Gegenteil meinen Geschmack erraten. Haben Sie nicht alle seine Speisen ausgezeichnet gefunden?«

»Das kann ich nicht leugnen, aber ...«

»Seien Sie unbesorgt, ich gebe gern viel Geld aus.«

»Ich bitte um Verzeihung. Ich wünsche weiter nichts, als daß Sie zufrieden sind.«

Wir hatten ausgezeichnete Weine und zum Nachtisch einen Ratafia, der besser war als der türkische, den ich vor siebzehn Jahren bei Jussuf Ali getrunken hatte. Als beim Schluß des Mahles mein Wirt hereinkam, sagte ich ihm in Gegenwart seiner Töchter: »Sie verdienen, der erste Koch Ludwigs des Fünfzehnten zu sein. Fahren Sie so fort, wie Sie angefangen haben, und machen Sie es, wenn möglich, noch besser; aber schicken Sie mir jeden Morgen die Rechnung für den Tag vorher.«

»So ist es ganz richtig; denn dann weiß ein jeder, wie er steht.«

»Ferner wünsche ich, daß Sie mir stets Gefrorenes geben, und daß Sie noch zwei Armleuchter mehr auf meine Tafel setzen lassen. Aber, wenn ich mich nicht irre, sehe ich da Talglichte. Ich bin Venetianer, mein Herr, und gewöhnt, nur Wachskerzen in meiner Wohnung zu haben.«

»Daran ist Ihr Bedienter schuld, gnädiger Herr.«

»Wieso?«

»Er hat sich ein gutes Abendessen auftragen lassen und ist dann zu Bett gegangen, weil er krank sei, wie er sagte. So habe ich von ihm nichts über Ihre Gewohnheiten erfahren können.«

»Gut. Morgen werden Sie alles von mir selber hören.«

»Er hat meine Frau gebeten, Ihnen morgen früh Schokolade zu machen, die er ihr gegeben hat. Ich werde sie selber zubereiten.«

Als er hinaus war, sagte Herr von Valenglard mit einer zugleich erstaunten und zufriedenen Miene zu mir, Frau von Urfé habe sich offenbar über ihn lustig gemacht, indem sie ihm meine Sparsamkeit gelobt habe.

»Das hat sie aus gutem Herzen getan. Man muß ihr dafür dankbar sein. Sie ist eine ausgezeichnete Frau.«

Wir blieben bis um elf Uhr bei Tisch, von tausend angenehmen Dingen plaudernd und unsere Gespräche mit dem göttlichen Likör von Grenoble belebend, von dem wir eine ganze Flasche leerten. Dieser ausgezeichnete Likör besteht aus Kirschensaft, Branntwein, Zucker und Zimmt und ist so delikat, daß der Nektar der Götter des Olymps ihn unmöglich hat übertreffen können.

Ich ließ den Herrn Baron in meinem Wagen nach Hause fahren, nachdem ich ihm meinen Dank ausgesprochen und ihn gebeten hatte, während meines ganzen Aufenthalts in Grenoble von morgens bis abends mein Tischgenosse zu sein. Er versprach mir dies für alle Tage mit Ausnahme derjenigen, wo er auf Wache sein würde. Während des Abendessens hatte ich ihm meinen Wechsel auf Zappata gegeben, ich indossierte ihn mit dem Namen Seingalt, unter welchem Frau d'Urfé mich angekündigt hatte. Er ließ ihn mir am nächsten Tage diskontieren. Ein Bankier brachte mir vierhundert Louis; dreizehnhundert hatte ich in meiner Kassette.

Ich hatte stets Furcht vor dem Sparen, und es machte mir das größte Vergnügen, wenn ich daran dachte, daß Herr von Valenglard der Frau von Urfé, die darauf versessen war, mir fortwährend Sparsamkeit zu predigen, über alles berichten würde.

Ich hatte meinen Gast an den Wagen begleitet und war angenehm überrascht, als ich in mein Zimmer zurückkehrte und dort die beiden reizenden Töchter des Hausmeisters fand.

Leduc hatte nicht erst meinen Auftrag abgewartet, um einen Vorwand zu finden, sich von seinem Dienst frei zu machen. Er kannte meinen Geschmack und wußte, daß ich ihn nicht gern um mich sah, wenn es in meiner Wohnung hübsche Mädchen gab.

Das unschuldige Wesen, womit die beiden jungen Mädchen voll Eifers mich bedienten, ohne das geringste Mißtrauen zu zeigen und ohne im geringsten hübsch erscheinen zu wollen, brachte mich auf den Gedanken, sie zu überzeugen, daß ich ihr Vertrauen verdiente. Sie zogen mir die Schuhe aus, machten meine Haare zurecht und zogen mir in allen Ehren mein Nachthemd an. Als ich im Bett lag, wünschte ich ihnen eine gute Nacht und bat sie, mich einzuschließen und mir um acht Uhr meine Schokolade zu bringen.

Indem ich über meinen gegenwärtigen Zustand nachdachte, mußte ich mir gestehen, daß ich mich vollständig glücklich fühlte. Ich genoß einer vollkommenen Gesundheit, stand in der Blüte des Alters, hatte keine Pflichten, war von keinem Menschen abhängig, reich an Lebenserfahrungen und besaß viel Gold, war glücklich im Spiel und stand in Gunst bei den Frauen, aus denen ich mir etwas machte. Ich hatte also nicht unrecht, wenn ich bei mir dachte: springe, Marquis!

Den Unannehmlichkeiten und Verlegenheiten, die ich zeitweilig in meinem Leben durchgemacht hatte, waren so viele Tage des Glückes gefolgt, daß ich mir in jeder Beziehung zu meinem Geschick nur Glück wünschen konnte. Über diesen angenehmen Gedanken schlief ich ein und träumte die ganze Nacht nur von meinem Glück und von der schönen Brünetten, die im Konzert meine Neugier erregt hatte. Mit dem Gedanken an sie erwachte ich, und da ich gewiß war, ihre Bekanntschaft zu machen, so war ich neugierig, welche Erfolge ich bei ihr haben würde. Sie war anständig und arm, und da ich in meiner Art auch anständig war, so konnte sie meine Freundschaft nicht gering schätzen.

Um acht Uhr kam eine von den Töchtern des Hausmeisters, brachte mir meine Schokolade und sagte mir, Leduc habe Fieber gehabt.

»Da wird man den armen Jungen pflegen müssen.«

»Meine Base hat ihm eine Tasse Fleischbrühe gebracht.«

»Wie heißen Sie, Fräulein?«

»Ich heiße Rose, und meine Schwester heißt Manon.«

In diesem Augenblick trat Manon mit einem Hemde ein, woran sie die Spitzen ausgebessert hatte. Ich dankte ihr, und sie sagte mir errötend, daß sie ihren Vater sehr gut frisiere.

»Das freut mich sehr, Fräulein, und es wäre mir recht angenehm, wenn Sie bis zur Wiederherstellung meines Bedienten auch für mich diese Gefälligkeit haben wollten.«

»Sehr gern, mein Herr.«

»Und ich«, sagte Rose lachend, »werde Sie rasieren!«

»Dann holen Sie Wasser.«

Ich stand in aller Eile auf, während Manon alles zurecht machte, um mich zu frisieren. Rose kam wieder zurück und rasierte mich ausgezeichnet. Als sie mich abgewaschen hatte, sagte ich zu ihr: »Sie müssen das Handgeld für meinen Bart bekommen!« Damit bot ich ihr meine Wange. Sie tat, als ob sie mich nicht verstände. »Sie würden mich kränken,« sagte ich freundlich, aber ernst, »wenn Sie sich weigern würden, mich zu küssen.«

Sie entschuldigte sich mit einem anmutigen leisen Lächeln, indem sie sagte, das sei in Grenoble nicht Mode.

»Nun, wenn Sie mich nicht küssen, werden Sie mich auch nicht mehr rasieren.«

Der Vater trat gerade in dem Augenblick ein, als ich diese Worte sprach: er brachte mir meine Rechnung. Ich sagte zu ihm: »Ihre Tochter hat mich ausgezeichnet rasiert; nun aber will sie das Handgeld für meinen Bart nicht nehmen, weil das in Grenoble nicht Mode sei.«

»Ei, du Gänschen! Das ist in Paris so Brauch. Du gibst mir doch auch einen Kuß, wenn du mich rasiert hast; warum solltest du gegen den Herrn weniger höflich sein?«

Nun küßte sie mich mit einer unterwürfigen Miene, worüber Manon lachte.

»Gut!« sagte der Vater, »du kommst auch an die Reihe, wenn der Herr frisiert ist.«

Er war ein gescheiter Bursche, der das richtige Mittel erriet, um mich davon abzuhalten, an seiner Rechnung etwas auszusetzen. Aber er hätte das nicht nötig gehabt, denn ich fand die Rechnung ganz vernünftig. Da ich nichts abhandelte, ging er ganz freudestrahlend hinaus.

Manon frisierte mich ebensogut wie meine teure Dubois, an die ich noch jetzt mit Vergnügen denke; als sie fertig war, küßte sie mich auf die Wange, ohne so viele Umstände zu machen wie Rose. Alle beide schienen mir recht vielversprechend zu sein. Sie gingen hinaus, als man mir den Bankier meldete.

Dies war ein junger Mann; nachdem er mir vierhundert Louis aufgezählt hatte, sagte er, ich müsse mich in diesem Hause sehr glücklich fühlen.

»Ei gewiß; die beiden Schwestern sind ja reizend.«

»Ihre Base ist noch viel reizender. Sie sind anständige Mädchen.«

»Und wie ich glaube, auch bemittelt.«

»Der Vater hat zweitausend Franken Rente. Sie können sich einen Gatten aus dem Handelsstande aussuchen.«

Ich war neugierig, diese Base zu sehen, die noch schöner sein sollte als die beiden Schwestern. Darum ging ich, sobald der Bankier fort war, hinunter, um meine Neugier zu befriedigen. Ich begegnete dem Hausmeister, fragte nach Leducs Zimmer und ging zu meinem Schlingel hinein. Ich fand ihn im Schlafrock in einem schönen Bette sitzen und mit rosigen Wangen, die nicht auf eine gefährliche Krankheit schließen ließen.

»Was hast du denn?«

»Nichts, gnädiger Herr. Ich lasse es mir wohl sein. Gestern bekam ich plötzlich Lust, krank zu sein.«

»Und wodurch bekamst du diese Lust?«

»Durch den Anblick dieser drei hübschen Grazien, die weit mehr wert sind als Ihre schöne Haushälterin, die sich von mir nicht umarmen lassen wollte. Übrigens läßt man mich ein bißchen lange auf meine Bouillon warten; ich werde ärgerlich werden müssen.«

»Herr Leduc, Sie sind ein Flegel.«

»Gnädiger Herr, wünschen Sie, daß ich gesund werde?«

»Ich wünsche, daß diese Komödie aufhört; denn sie langweilt mich.«

In diesem Augenblick ging die Tür auf, und die Base kam mit der Fleischbrühe herein. Ich fand sie entzückend und bemerkte, daß sie Leduc mit der Miene einer jungen Dame bediente, was ihr sehr gut stand.

»Ich werde im Bett zu Mittag speisen,« sagte der Spanier.

»Nach Ihrem Wunsch!« sagte das hübsche Mädchen und ging hinaus.

»Das Mädel spielt die Prinzessin,« sagte Leduc; »aber sie imponiert mir nicht. Nicht wahr, gnädiger Herr, Sie finden sie hübsch?«

»Ich finde dich unverschämt. Du benimmst dich wie ein Affe, und das gefällt mir nicht. Steh auf! Du wirst mich bei Tisch bedienen und darauf allein essen; dies wird dir die Achtung verschaffen, die ein anständiger Mann in jedem Stande verdient, wenn er seine Stellung nicht verkennt. Du wirst nicht mehr in diesem Zimmer wohnen; der Hausmeister soll dir ein anderes geben.«

Draußen begegnete mir die schöne Base. Ich sagte ihr, ich wäre eifersüchtig auf die Ehre, die sie meinem Bedienten erwiese, und bäte sie daher, sie möchte sich nicht mehr die Mühe geben, ihn zu bedienen.

»O mein Gott, das ist mir sehr angenehm.«

Ich gab dem Hausmeister, der darüber zukam, meine Befehle und ging auf mein Zimmer, um zu schreiben.

Vor dem Mittagessen kam der Baron und sagte mir, er komme gerade von der Dame, der er mich vorgestellt habe. Sie war die Frau eines Advokaten Morin und war die Tante der jungen Dame, die meine Neugier erweckt hatte.

«Ich erzählte ihr,« fuhr er fort, »von Ihnen und von dem Eindruck, den ihre Nichte auf sie gemacht habe. Sie hat mir versprochen, sie holen zu lassen, und die junge Dame wird den ganzen Tag bei ihr bleiben.«

Wir hatten ein Mittagessen, das dem Abendessen vom vorigen Tage glich, aber so viele Abwechselung bot, daß es einem Toten hätte Appetit machen können. Hierauf gingen wir zur Frau Morin, die mich mit dem leichten Anstand einer Pariserin empfing. Sie stellte mir ihre sieben Kinder vor. Ihre älteste Tochter, die weder hübsch noch häßlich war, war zwölf Jahre alt, sah aber aus, wie wenn sie vierzehn wäre; ich sagte ihr dies. Um mich zu überzeugen, daß sie mir die Wahrheit gesagt habe, holte die Mutter ein Register, worin das Jahr, der Monat, der Tag, ja sogar die Minute der Geburt eingetragen waren. Über eine so peinliche Genauigkeit erstaunt, hatte ich den Einfall, sie zu fragen, ob man ihr das Horoskop gestellt habe.

»Nein, denn ich habe noch niemanden gefunden, der mir diese Gefälligkeit hätte erweisen können.«

»Dazu ist immer noch Zeit,« sagte ich; »ohne Zweifel hat Gott gewollt, daß dieses Glück mir vorbehalten bliebe.«

In diesem Augenblick trat Herr Morin ein. Seine Frau stellte ihn mir vor und kam dann, nachdem wir die üblichen Komplimente ausgetauscht hatten, wieder auf das Horoskop zu sprechen. Der Advokat sagte mir sehr verständig, die Astrologie sei eine, wenn nicht gänzlich falsche, so doch zum mindesten höchst verdächtige Wissenschaft; er habe die Schwäche gehabt, sich eine Zeitlang mit ihr zu beschäftigen, habe jedoch endlich erkannt, daß der Mensch nicht die Gabe besitze, in der Zukunft zu lesen; seitdem habe er sie aufgegeben und begnüge sich mit den unzweifelhaften Wahrheiten, die die Astronomie ihn lehre. Ich sah, daß ich es mit einem vernünftigen und kenntnisreichen Mann zu tun hatte, und dies freute mich; Valenglard jedoch, der an die Astrologie glaubte, griff ihn an. Während sie disputierten, schrieb ich verstohlen die Angaben über die Geburtsstunde des Fräulein Morin in mein Notizbuch ein. Herr Morin erriet, was ich machte, und lächelte gesenkten Hauptes. Auch ich erriet seine Gedanken, ließ mich jedoch nicht von meinem Vorhaben abbringen, sondern schrieb die Notiz zu Ende; denn seit fünf Minuten war ich entschlossen, Astrologe zu werden. Endlich kam die schöne Nichte. Ihre Tante stellte sie mir als ihre Schwestertochter Fräulein Roman-Couppier vor und sagte ihr darauf, ich hätte den lebhaften Wunsch, sie kennen zu lernen, seitdem ich sie im Konzert gesehen.

Das schöne junge Mädchen war damals siebzehn Jahre alt. Ihre atlasweiche Haut war von einer blendenden Weiße, die durch ihr prachtvolles schwarzes Haar noch mehr hervorgehoben wurde. Die Züge ihres Gesichts waren vollkommen regelmäßig, ihre Wangen leicht gerötet; ihre schöngeschnittenen schwarzen Augen strahlten im lebhaftesten Glanz und waren zugleich unbeschreiblich sanft. Ihre Augenbrauen waren fein geschwungen; in ihrem kleinen Munde standen zwei Reihen ganz regelmäßiger Perlenzähne; auf ihren Lippen von zarter Rosenfarbe schwebte ein Lächeln voller Anmut und Schamhaftigkeit.

Nachdem wir uns einige Augenblicke unterhalten hatten, wurde Herr Morin durch Geschäfte abgerufen. Man schlug mir eine Quadrille vor und fand mich außerordentlich unglücklich, als ich einen Louis verloren hatte. Ich erkannte in Fräulein Roman ein sittsames, vernünftiges und aufrichtiges Mädchen; ohne glänzen zu wollen, war sie von angenehmen und, was mir besonders gefiel, von ganz anspruchslosem Wesen. Sie war fröhlich, von sehr gleichmäßiger Laune, und ihre natürliche Klugheit veranlaßte sie, ein allzu schmeichelhaftes Kompliment oder einen Witz, den sie in ihren Jahren noch nicht verstehen durfte, scheinbar nicht zu beachten. Sie war sehr sauber gekleidet, aber es war nichts Überflüssiges an ihr, nichts, was auf Wohlhabenheit schließen läßt: keine Schuhschnallen, keine Ohrringe, keine Ringe, keine Uhr. Man konnte im eigentlichen Sinne des Wortes von ihr sagen, daß nur ihre Schönheit sie schmückte, denn sie trug keinen anderen Zierat, als um den Hals ein schwarzes Band, woran ein kleines goldenes Kreuz hing.

Ihr Busen war wohlgeformt und nicht größer, als ein schöner Busen sein muß. Mode und Erziehung hatten sie daran gewöhnt, die Hälfte desselben mit der gleichen Unschuld sehen zu lassen, womit sie jedermann ihre weiße, fleischige Hand sehen ließ oder die Wangen, auf denen das Rot der Rose sich mit dem Weiß der Lilie vermählte. Ich beobachtete ihre Haltung, um womöglich zu sehen, ob für mich irgendwelche Hoffnung bestände; aber das war verlorene Mühe. Sie machte keine Bewegung und gab keine Antwort, woraus ich die geringste Hoffnung auf Erfolg hätte schöpfen können. Ebensowenig aber gab sie mir Anlaß zu einer gegenteiligen Annahme. Ihr Benehmen war so natürlich und so zurückhaltend, daß mir alle meine Beobachtungsgabe nichts nützte. Doch gab eine Freiheit, die ich beim Abendessen mir herausnahm, mir einen Schimmer von Hoffnung. Ihre Serviette war heruntergefallen. Ich bückte mich schnell, um sie aufzuheben, und als ich sie wieder über ihre Knie breitete, gab ich ihrem Schenkel einen verliebten Druck, ohne daß ihr Gesicht ein Zeichen der Mißbilligung verraten hätte. Erfreut über dieses Vorzeichen, lud ich die ganze Gesellschaft für den nächsten Tag zum Mittag- und Abendessen ein. Ich sagte zu Frau Morin, ich würde nicht ausgehen und sie würde mir daher ein Vergnügen machen, wenn sie sich meines Wagens bedienen wollte, der zu ihrer Verfügung stände.

Nachdem ich Valenglard nach seiner Wohnung gebracht hatte, fuhr ich nach Hause und baute Luftschlösser, indem ich von der Eroberung des Fräulein Roman träumte.

Nachdem ich dem Hausmeister und Koch Bescheid gesagt hatte, daß wir am nächsten Tage mittags und abends sechs Personen zu Tisch sein würden, ging ich zu Bett. Beim Auskleiden sagte Leduc zu mir:

»Gnädiger Herr, Sie bestrafen mich. Aber es tut mir leid, in Wirklichkeit bestrafen Sie sich selber, indem Sie sich der Dienste der hübschen jungen Damen berauben.«

»Du bist ein Schlingel!«

»Das weiß ich, aber ich bin Ihr treuergebener Diener, und Ihr Vergnügen liegt mir ebensosehr am Herzen wie mein eigenes.«

»Du bist ein guter Anwalt für dich selber; ich habe dich verzogen.«

»Soll ich Sie morgen früh frisieren?«

»Nein, du kannst alle Tage bis zu den Essenszeiten in der Stadt spazieren gehen.«

»Da werde ich mir was Schönes holen!«

»Ich werde dich ins Krankenhaus schicken.«

»Eine schöne Aussicht, por Dios!«

Leduc war keck, unverschämt, boshaft, liederlich, diebisch; aber er war zugleich auch gehorsam, ergeben, verschwiegen und treu. Seine guten Eigenschaften zwangen mich, über seine schlechten hinwegzusehen.

Als Rose am nächsten Morgen meine Schokolade brachte, sagte sie mir lachend: »Ihr Bedienter hat sich eine Kutsche holen lassen. Nachdem er sich als großen Herrn angekleidet und den Degen an die Seite gesteckt hat, ist er ausgefahren, um Visiten zu machen, wie er sagte. Wir haben herzlich gelacht.«

»Da haben Sie recht gehabt, liebenswürdige Rose!«

Während ich diese Worte sagte, trat Manon unter irgendwelchem Vorwand ein. Ich sah, daß die beiden Schönen sich verabredet hatten, niemals unter vier Augen mit mir allein zu sein. Dies ärgerte mich; ich ließ mir jedoch nichts merken. Ich stand auf und hatte kaum meinen Schlafrock übergeworfen, als die Base mit einem Paket unter dem Arm hereinkam.

»Ich bin entzückt, Sie zu sehen, Fräulein, besonders mit dieser hübschen lächelnden Miene, denn gestern waren Sie zu ernst für mich.«

»Ich lache, weil Herr Leduc allem Anschein nach ein viel vornehmerer Herr ist als Sie; in seiner Gegenwart würde ich nicht gewagt haben, zu lachen; aber ich habe mich dafür schadlos gehalten, als ich ihn heute früh ganz mit Gold überdeckt in die Kutsche steigen sah.«

»Hat er Sie lachen gesehen?«

»Ja, wenn er nicht blind ist, gewiß!«

»Er wird darob beleidigt sein.«

»Das soll mich freuen!«

»Sie sind reizend. Was haben Sie denn in diesem Paket?«

»Etwas von unserer eigenen Mache. Sehen Sie: gestickte Handschuhe!«

»Sie sind schön und tadellos gestickt. Wieviel kostet denn das ganze Päckchen?«

»Feilschen Sie?«

»Stets und sehr scharf!«

»Gut, daß ich das weiß.«

Nachdem die Mädchen sich einen Augenblick leise beraten hatten, nahm die Base eine Feder, zählte die Dutzende, rechnete zusammen und sagte endlich: »Mein Herr, das ganze kostet zweihundertundzehn Livres.«

»Hier sind neun Louis, geben Sie mir sechs Franken heraus.«

»Aber Sie haben mir gesagt, daß Sie feilschen!«

»Sie haben unrecht getan, mir das zu glauben.«

Sie wurde rot und gab mir die sechs Franken heraus. Rose und Manon rasierten und frisierten mich und nahmen mit der besten Miene ihren Handgeldkuß. Als ich auch der Base einen anbot, gab sie mir ihn auf den Mund und preßte dabei meine Lippen so stark, daß ich erriet, sie würde bei der ersten Gelegenheit mein sein.

»Mein Herr,« fragte Rose mich, »werden wir das Vergnügen haben, Sie bei Tisch zu bedienen?«

»Ich bitte Sie darum.«

»Wir möchten jedoch gern wissen, wen Sie eingeladen haben, denn wenn es Offiziere von der Garnison sind – das sind so wüste Menschen, daß wir nicht wagen könnten, zu Ihnen hereinzukommen.«

»Meine Gäste sind Frau Morin, ihr Mann und ihre Nichte.«

»Ah, um so besser!«

Die Base sagte zu mir: »Fräulein Roman ist das sittsamste und schönste junge Mädchen in Grenoble, aber es wird ihr schwer werden, einen Mann zu finden, denn sie hat nichts.«

»Vielleicht findet sie einen reichen Mann, der ihre Tugend und ihre Schönheit auf eine Million schätzt.«

»Solche Männer sind nicht häufig.«

»Allerdings nicht; aber sie kommen doch vor.«

Manon und die Base gingen hinaus, und so war ich allein mit Rose, die bei mir blieb, um mich anzukleiden. Ich machte einen Angriff auf sie; da ich jedoch ihre Verteidigung zu entschlossen fand, bat ich sie um Verzeihung, indem ich ihr versprach, es solle nicht wieder vorkommen. Als ich mit dem Anziehen fertig war, schenkte ich ihr einen Louis, dankte ihr und entließ sie.

Sobald ich allein war, schloß ich mich ein und machte mich daran, das Horoskop anzufertigen, das ich der Frau Morin versprochen hatte. Mit leichter Mühe füllte ich acht Seiten mit gelehrten Schwindelphrasen; besondere Sorgfalt verwandte ich darauf, Ereignisse anzuführen, die dem jungen Mädchen bis dahin zugestoßen waren. Ich hatte bei der Unterhaltung am vorigen Tage in geschickter Weise einige Umstände ausgekundschaftet; das übrige schrieb ich so hin, wie es mir wahrscheinlich vorkam. Es fand sich, daß ich richtig geraten hatte, und nun zweifelte man nicht mehr an meinen Prophezeiungen. Übrigens wagte ich nichts dabei, denn alle meine Weissagungen waren mit einem »wenn« ausgestattet, und die »Wenn« waren stets die ganze Wissenschaft der Astrologen, einerlei, ob sie verrückt oder Betrüger waren.

Ich las mein Horoskop sorgfältig durch und fand es blendend. Ich war gerade sehr glücklich aufgelegt, und die Übung, die ich in der Kabbala hatte, machte mir die Arbeit leicht.

Gleich nach zwölf Uhr kamen alle meine Gäste an, und um ein Uhr setzten wir uns zu Tisch. Niemals habe ich ein prachtvolleres und köstlicheres Mahl gesehen; ich merkte, daß der Hausmeister ein Mann war, dessen Eifer mehr gezügelt als angespornt werden mußte. Frau Morin war sehr freundlich zu den drei Mädchen, die sie gut kannte; Leduc stand während der ganzen Mahlzeit hinter ihrem Stuhl und bediente sie mit großer Aufmerksamkeit; er war so reich gekleidet wie ein königlicher Kammerherr. Gegen Ende der Mahlzeit machte Fräulein Roman mir ein Kompliment über die drei Schönheiten, die ich in dieser Wohnung in meinen Diensten hätte: dies gab mir Gelegenheit, um von ihrer Kunstfertigkeit zu sprechen; und um gleich den Beweis zu liefern, stand ich auf und holte die Handschuhe, die ich ihnen abgekauft hatte. Fräulein Roman lobte ihre Güte und die Arbeit. Geschickt ergriff ich die Gelegenheit beim Schopfe und bat ihre Tante um die Erlaubnis, jeder von ihnen ein Dutzend anbieten zu dürfen. Nachdem diese Gunst mir bewilligt worden war, überreichte ich der Frau Morin mein Horoskop. Ihr Mann las es, und obgleich er nicht daran glaubte, mußte er es doch bewundern, denn es beruhte durchaus auf dem Einfluß der Planeten, wie sie im Augenblick der Geburt ihrer Tochter am Himmel standen. Wir sprachen einige Stunden lang von Astronomie und unterhielten uns dann ebenfalls einige Stunden damit, eine Quadrille zu spielen. Hierauf gingen wir in den Garten, um einen Spaziergang zu machen, und man war so höflich, mich in aller Freiheit mit der schönen Roman plaudern zu lassen.

Unsere Unterhaltung oder eigentlich besser gesagt, mein Monolog, drehte sich nur um den tiefen Eindruck, den sie auf mich gemacht, um die starke Leidenschaft, die sie mir eingeflößt hätte, ferner um ihre Schönheit und Sittsamkeit und um die Reinheit meiner Absichten. Ich sagte ihr, sie müsse mich lieben, wenn ich nicht bis an mein Lebensende der unglücklichste aller Menschen sein sollte.

Endlich sagte sie folgendes zu mir:

»Mein Herr, wenn der Himmel bestimmt hat, daß ich mich verheiraten soll, so will ich Ihnen nicht verbergen, daß ich glücklich sein würde, wenn mein Gatte Ihnen gliche.«

Ermutigt durch diese unschuldsvolle Erklärung, ergriff ich ihre Hand, bedeckte sie mit meinen Küssen und sagte ihr in leidenschaftlichem Tone, daß ich hoffe, sie werde mich nicht schmachten lassen. Sie wandte sich ab und suchte mit den Augen ihre Tante. Es begann zu dunkeln, und sie befürchtete etwas, das ihr allerdings sehr wohl hätte widerfahren können. Mit sanfter Gewalt zog sie mich mit sich fort, und bald waren wir wieder bei der Gesellschaft. Wir gingen in den Salon zurück, wo ich zu ihrer Ergötzung eine kleine Pharaobank auflegte. Frau Morin gab ihrer Tochter und ihrer Nichte Geld, denn sie hatten keinen Heller in der Tasche, und Valenglard gab ihnen beim Spiel so geschickte Weisungen, daß zu meinem größten Vergnügen jede der drei Damen zwei bis drei Louis gewonnen hatte, als wir aufhörten, um zu Abend zu essen.

Wir saßen bis Mitternacht zu Tisch. Ein kalter Wind, der von den Alpen herblies, verhinderte mich, einen von mir vorgeschlagenen nächtlichen Spaziergang im Garten durchzusetzen. Frau Morin dankte mir tausendmal, und ich umarmte zum Abschied meine weiblichen Gäste mit ehrfurchtsvollstem Anstand.

Da ich in der Küche singen hörte, wurde ich neugierig, ging hinein und fand Leduc in seinem Galakleide sternhagelbetrunken. Als er mich sah, wollte er aufstehen, er verlor jedoch das Gleichgewicht und fiel unter den Küchentisch, wo er das in Übermaß Genossene von sich gab. Man trug ihn in sein Bett.

Ich hatte Lust, ein wenig zu schäkern, und ich glaubte, daß dieser komische Vorfall meiner Absicht günstig sein könnte; es wäre wohl auch der Fall gewesen, wenn die drei Grazien nicht als Gruppe aufgetreten wären. Nur unter vier Augen darf die Liebe scherzen, und dies ist auch der Grund, warum das Altertum den drei Grazien, die unzertrennlich waren, keine einzige Liebesgeschichte nachgesagt hat. Ich hatte noch nicht Gelegenheit gefunden, den drei jungen Mädchen, die mich bedienten, einzeln beizukommen, und durfte daher einen allgemeinen Angriff nicht wagen, denn dadurch hätte ich die Hoffnung verlieren können, die eine nach der anderen zu erobern. Rose war offenbar auf ihre schöne Base eifersüchtig, denn sie suchte jeden Blick aufzufangen, den wir miteinander wechselten. Dies war mir nicht unangenehm, denn aus Eifersucht entsteht Ärger, und aus dem Arger kann sich vieles entwickeln. Als ich im Bette lag, entließ ich sie, indem ich ihnen bescheiden gute Nacht wünschte.

Am anderen Morgen kam Rose allein und verlangte von mir eine Tafel Schokolade, da Leduc, wie sie sagte, ernstlich krank wäre. Sie brachte mir meine Kassette, und als ich ihr die Tafel gab, ergriff ich ihre Hand und ließ sie fühlen, daß ich sie liebte. Beleidigt zog sie sofort ihre Hand zurück und ging hinaus. Eine Minute darauf kam Manon unter dem Vorwande, mir eine Spitzenmanschette zu zeigen, die ich bei meinen Angriffen am Abend vorher zerrissen hatte; sie fragte mich, ob sie sie ausbessern solle. Ich ergriff ihre Hand, um sie zu küssen, aber sie ließ mir keine Zeit dazu, sondern bot mir ihre vor Verlangen glühenden Lippen. Wieder ergriff ich ihre Hand, und sie war bereits an der Arbeit, als die Base eintrat. Manon hielt mir die Manschette vor die Augen und tat so, als ob sie auf meine Antwort warte. Ich sagte ihr in zerstreutem Ton, sie würde mir einen Gefallen tun, wenn sie sie ausbesserte, sobald sie Zeit dazu hätte. Sie ging hinaus.

Aufgebracht über diesen doppelten Fehlschlag, dachte ich, daß die Base sich mir nicht verweigern würde, denn ich hatte ja durch ihren ersten Kuß am Tage vorher bereits eine Art Angeld erhalten. Ich bat sie, mir mein Schnupftuch zu geben, und nahm ihre Hand, indem ich sie sanft an mich zog. Ihr Mund sank auf meine Lippen und ihre Hand, die sie sanft wie ein Lamm mir überließ, war bereits in Bewegung, als die unglückselige Rose mit meiner Schokolade eintrat. Wir faßten uns beide augenblicklich, aber dieses neue Mißgeschick machte mich wütend. Ich schmollte mit Rose, und ich hatte ein Recht dazu wegen der Art und Weise, wie sie mich eine Viertelstunde früher zurückgewiesen hatte. Die Schokolade kam mir schlecht vor, obgleich sie ausgezeichnet zubereitet war; ich fand sie linkisch in der Bedienung und schalt sie rücksichtslos aus. Nachdem ich aufgestanden war, wollte ich mich nicht von ihr rasieren lassen, sondern tat dies selber; sie schien sich dadurch gedemütigt zu fühlen. Hierauf frisierte Manon mich. Rose und ihre Base gingen zusammen hinaus, wie wenn sie mir dadurch zu verstehen geben wollten, daß sie gemeinschaftliche Sache machten; es war jedoch leicht zu sehen, daß Rose weniger auf ihre Schwester als auf ihre Base eifersüchtig war.

Als Manon gerade damit fertig war, mich anzukleiden, trat Valenglard ein. Der Offizier, der ein Mann von Ehre und gesunder Vernunft war, obgleich er an die Astrologie und an die abstrakten Wissenschaften glaubte, sagte mir, sobald wir allein waren, er fände mich ein wenig traurig, und wenn dies vielleicht daher käme, daß ich irgend welche Absichten auf die junge Roman hätte, so riete er mir, nicht mehr an sie zu denken, wenn ich mich nicht etwa entschlösse, sie zur Frau zu verlangen. Ich antwortete ihm, ich wäre entschlossen, Grenoble in wenigen Tagen zu verlassen und der Sache ein Ende zu machen. Wir aßen zusammen zu Mittag und gingen dann zu Frau Morin, bei der wir ihre schöne Nichte fanden.

Frau Morin empfing mich mit einer Freundschaft, die mir schmeichelhaft war, und Fräulein Roman benahm sich gegen mich auf die liebenswürdigste Art. Dies ermutigte mich, sie zu umarmen und auf meinen Schoß zu ziehen. Die Tante lachte, die Nichte errötete; hierauf gab sie mir einen kleinen Zettel und entwand sich mir. Ich las das Jahr, den Tag, die Stunde und die Minute ihrer Geburt und erriet ihren Wunsch. Es bedeutete nach meiner Meinung nichts anderes, als wenn ich nichts zu hoffen hätte, wenn ich ihr nicht das Horoskop stellte. Sofort beschloß ich, mir dieses Mittel zunutze zu machen, und sagte ihr, ich wolle sehen, ob ich ihr diesen Gefallen tun könne, wenn sie am nächsten Tage zu mir kommen wolle; am Abend solle bei mir getanzt werden. Sie sah ihre Tante an, und mein Vorschlag wurde angenommen.

Man meldete den »Russen«. Ich sah einen Mann in meinem Alter eintreten; er war sehr gut gewachsen, ein wenig pockennarbig und trug Reisekleider. Mit leichtem und edlem Anstand trat er auf Frau Morin zu, die ihn sehr freundlich empfing; er sprach sehr gewählt, sah mich kaum an und sagte zu der Nichte kein Wort. Gegen Abend kam Herr Morin; der Russe gab ihm eine kleine Phiole, die mit einer weißlichen Flüssigkeit gefüllt war; hierauf tat er, als ob er sich entfernen wollte, aber man lud ihn zum Abendessen ein.

Bei Tisch wurde von seinem Wunderwasser gesprochen. Herr Morin erzählte mir, einen jungen Herrn, der von einer Billardkugel getroffen worden und sofort in Ohnmacht gefallen wäre, habe der Russe nur mit diesem Wasser eingerieben, und die Beule sei in drei Minuten verschwunden gewesen. Der Fremde sagte bescheiden, es sei nur eine Kleinigkeit, die er erfunden habe; er unterhielt sich mit Valenglard eifrig über Chemie. Ich konnte an ihrer Unterhaltung nicht teilnehmen, da ich mich nur mit der schönen Roman beschäftigte; die Hoffnung auf den nächsten Tag drängte jeden anderen Gedanken in mir zurück. Als ich Valenglard nach Hause brachte, sagte er mir, kein Mensch kenne diesen Russen, trotzdem aber werde er in allen Häusern gut aufgenommen.

»Hat er Gefolge?«

»Er hat nichts, keine Bedienten, kein Geld.«

»Wie ist er hierher gekommen?«

»Er ist vom Himmel gefallen.«

»Eine schöne Herkunft jedenfalls! Ist er schon lange hier?«

»Seit etwa vierzehn Tagen. Er macht Besuche; aber er verlangt von keinem Menschen etwas.«

»Aber wovon lebt er denn?«

»Man gibt ihm im Gasthof Kredit; man nimmt an, er erwarte von irgendwoher seine Bedienung und sein Gepäck.«

»Aber man könnte annehmen, er sei ein Landstreicher.«

»Nach einem solchen sieht er nicht aus, wie Sie bemerkt haben; übrigens lassen seine mit Diamanten besetzten Schuhschnallen einen solchen Verdacht nicht zu.«

»Das stimmt allerdings – wenn die Edelsteine nicht falsch sind; denn mir scheint, er würde sie verkaufen, wenn sie echt wären.«

Als ich wieder zu Hause war, bediente Rose mich allein; aber sie schmollte noch immer mit mir. Ich wollte sie in eine fröhliche und liebenswürdige Stimmung bringen; da ich jedoch Widerstand fand, bat ich sie, sich zu entfernen und ihrem Vater zu sagen, ich wolle am nächsten Tage im Gartensaal einen Ball und ein Abendessen für zwanzig Personen geben. Als am nächsten Morgen der Hausmeister mich um meine daraufbezüglichen Befehle bat, sagte ich ihm, es sei mein Wunsch, daß seine Mädchen tanzten, wenn es ihnen angenehm wäre. Bei dieser Einladung hellte sich Roses Gesicht auf; dies schien mir von guter Vorbedeutung zu sein. In dem Augenblick, als sie mit ihrem Vater hinausging, trat Manon ein und verlangte von mir einige Spitzen, die ich an diesem Tage tragen wollte. Ich fand sie sanft wie ein Lamm und verliebt wie eine Taube. Die Geschichte wurde glücklich zu Ende gebracht, aber wir wären beinahe von Rose überrascht worden, die mit Leduc eintrat und mich für ihn um Erlaubnis bat, ebenfalls mittanzen zu dürfen; er verspreche, sich artig zu betragen. Mir war es lieb, wenn alle sich fröhlich machten; darum gab ich meine Einwilligung, indem ich ihm sagte, er solle sich bei Rose dafür bedanken, daß sie ihm diese Gunst verschafft habe.

Frau Morin schickte mir ein Briefchen, worin sie mich um die Erlaubnis bat, zu meinem Ball zwei befreundete Damen mit ihren Töchtern einladen zu dürfen. Ich antwortete ihr, sie würde mir ein Vergnügen machen, wenn sie nicht nur die Damen einlüde, sondern auch einige Herren, die ihr angenehm wären, denn ich hätte ein Abendessen für zwanzig Personen bestellt. Zu Mittag kam sie nur mit Valenglard und ihrer Nichte, da ihre Tochter ihre Toilette in Ordnung zu bringen hatte und ihr Mann bis zum Abend beschäftigt war. Sie versicherte mir, wir würden eine zahlreiche Gesellschaft haben.

Die schöne Roman trug dasselbe Kleid wie alle anderen Tage; aber sie bedurfte keiner Toilettenkünste, um blendend schön zu sein. Neben dem Stuhl stehend, auf welchem ich saß, fragte sie mich, ob ich an ihr Horoskop gedacht hätte. Ich ergriff ihre Hand, zog sie auf meinen Schoß und versprach ihr, sie solle es am nächsten Tage erhalten. In dieser Stellung, mit meinem linken Arm ihre göttlichen Hüften umschlingend, preßte ich heiße Küsse auf ihre köstlichen Lippen, die sie nur öffnete, um mich zu bitten, ich möchte mich doch mäßigen. Sie war mehr erstaunt als erschreckt, als sie mich zittern sah; sie verteidigte sich mit Erfolg und verlor nicht einen Augenblick die Fassung. Sie blieb vollkommen heiter und wandte trotz der Glut meiner Blicke die ihren nicht einen Augenblick von meinem Gesicht ab. Ihren Bitten nachgebend, tat ich mir Gewalt an; und als sie mich ruhig sah, drückten ihre Augen die Befriedigung aus, die das Gefühl verleiht, mit Hilfe der Vernunft über einen großmütigen Feind einen Sieg davongetragen zu haben. Mein Schweigen war eine Anerkennung der Tugend eines himmlischen Wesens, dessen Schicksal durch eine jener seltsamen Fügungen des Zufalls, die die Philosophie vergebens zu erklären sucht, durch mich bestimmt werden sollte.

Frau Morin setzte sich nun zu uns und bat mich um einige Erklärungen zu dem Horoskop ihrer Tochter. Ferner sagte sie mir, sie habe nur zwei Briefchen zu schreiben gebraucht, um mir für meinen Ball vier Schönheiten zu verschaffen.

»Ich werde nur eine einzige sehen!« antwortete ich, indem ich ihre Nichte anblickte.

»Gott weiß,« fiel Valenglard ein, »was für Mutmaßungen man morgen darüber in Grenoble anstellen wird.«

»Man wird sagen,« bemerkte Frau Morin zu ihrer Nichte, »man hat auf deiner Hochzeit getanzt.«

»Ja, gewiß wird man von meinem prachtvollen Kleid, von meinen Spitzen, von meinen Diamanten sprechen,« sagte die Nichte mit einem anmutigen und bedeutungsvollen Lächeln.

»Man wird von Ihrer Schönheit sprechen!« rief ich voll Gefühl, »von Ihrem Geist und von Ihrer Sittsamkeit, die den Mann, der Sie einmal erringt, glücklich machen wird!«

Man schwieg, denn jeder glaubte, ich spräche von mir selber. Aber ich dachte nicht daran. Wenn ich nur gewußt hätte, wie ich es anfangen könnte, hätte ich ihr gern fünfhundert Louis angeboten; nur wäre es schwierig gewesen, die Bedingungen festzuhalten, und für eine Kleinigkeit hätte ich das Geld nicht hergeben mögen.

Wir gingen in mein Schlafzimmer. Während Fräulein Roman sich damit unterhielt, die wertvollen Sachen und Kleinodien zu betrachten, die auf meinem Waschtisch lagen, sahen ihre Tante und Valenglard sich die Bücher an, die ich auf meinem Nachttisch liegen hatte. Plötzlich sah ich Frau Morin an das Fenster treten und aufmerksam einen Gegenstand betrachten, den sie in der Hand hielt. Ich erinnerte mich, daß ich das Porträt meiner schönen Nonne auf dem Tische hatte liegen lassen. Schnell trat ich auf sie zu und bat sie, sie möchte mit das unanständige Bild wiedergeben, das ich unvorsichtigerweise hätte liegen lassen.

»Die Unanständigkeit ist nicht so arg; verblüfft hat mich nur die vollkommene Ähnlichkeit.«

Sofort begriff ich. Ich erzitterte ob meiner ungewollten Unvorsichtigkeit und sagte: »Gnädige Frau, es ist das Porträt einer Venetianerin, die ich sehr geliebt habe.«

»Ich glaube es. Aber es ist eigentümlich: die beiden M., das religiöse Gewand, das der Liebe geopfert ist – alles trägt dazu bei, meine Überraschung zu vermehren.«

»Sie ist Nonne und heißt M. M.!«

»Und eine entfernte Verwandte, die ich in Chambéry habe, heißt ebenfalls M. M. und ist Nonne desselben Ordens wie die Ihrige. Ja, noch mehr, sie hat sich, um von einer Krankheit geheilt zu werden, in Aix aufgehalten, woher Sie kommen.«

»Und das Porträt sieht ihr ähnlich?«

»Wie ein Tropfen Wasser dem anderen.«

»Das ist in der Tat eigentümlich! Es hätte mir Vergnügen gemacht, sie zu sehen.«

»Wenn Sie wieder nach Chambéry kommen, machen Sie ihr doch einen Besuch und bringen Sie ihr einen Gruß von mir; Sie werden gut aufgenommen werden und werden ebenso überrascht sein wie ich.«

»Ich verspreche Ihnen, diesen Besuch zu machen, gnädige Frau, aber erst auf meiner Rückreise von Italien. Doch werde ich ihr dieses Porträt, das ihr ärgerlich sein würde, nicht zeigen. Ich werde es überhaupt sorgfältig verschließen.«

»Ich bitte Sie, es niemanden sehen zu lassen.«

»Darauf können Sie sich verlassen.«

Ich war seelenvergnügt, sie auf so leichte Weise von der richtigen Spur abgelenkt zu haben.

Um acht Uhr waren alle Gäste beisammen, und ich sah in meinem Salon die hübschesten Frauen und die feinsten Kavaliere von Grenoble. Lästig waren mir nur die Komplimente, mit denen man mich überhäufte, und mit denen man ja in der Provinz so verschwenderisch umgeht.

Ich eröffnete den Ball mit der Dame, die mir von Valenglard bezeichnet wurde; hierauf tanzte ich der Reihe nach mit allen anderen Damen. Sämtliche Kontertänze aber tanzte ich mit der schönen Roman, die gerade wegen der Einfachheit ihres Anzuges vor allen anderen glänzte – wenigstens in meinen Augen.

Nach einem Kontertanz, der mich sehr erhitzt hatte, ging ich auf mein Zimmer, um einen leichteren Rock anzuziehen. Als ich gerade damit beschäftigt war, trat die hübsche Base ein und fragte mich, ob ich etwas brauchte.

»Ich brauche Sie, mein schönes Kind!« rief ich, indem ich auf sie zueilte und sie in meine Arme schloß. »Hat man Sie hier hineingehen sehen?«

»Nein, ich komme von oben, und meine Basen sind unten im Saal.«

»Vortrefflich, meine Liebe! Sie kommen wie gerufen, und der Augenblick ist günstig, um Ihnen meine Zärtlichkeit zu beweisen.«

»Um Gotteswillen, was machen Sie? Nein, lassen Sie mich, es kann jemand kommen. Löschen Sie die Kerze aus.«

Ich blies das Licht aus und verschloß die Tür. Da ich ganz voll war von der schönen Roman, fand die Base mich so, wie ich mit jenem entzückenden Wesen gewesen sein würde. Übrigens muß ich gestehen, daß die Nichte des Hausmeisters schön genug war, um ganz allein zärtliche Begierden zu erwecken. Ich fand sie vollkommen, und vielleicht war sie besser, als die unerfahrene Roman gewesen wäre. Trotz meiner Glut war sie von mir befriedigt und hatte soviel Selbstbeherrschung, mich zu bitten, ich möchte sie schonen. Ich tat es; aber es war die höchste Zeit. Ich wollte noch einmal beginnen, aber sie hatte Angst, unsere Abwesenheit könnte von ihren argwöhnischen Freundinnen bemerkt werden. Sie gab mir noch einen Kuß und lief hinaus.

Ich ging wieder in den Tanzsaal, und dort tanzten wir, bis der König aller Hausmeister mir meldete, die Mahlzeit sei angerichtet.

Ein Imbiß, aus den leckersten Speisen bestehend, die die Gegend und die Jahreszeit bieten konnten, bedeckte den ganzen Tisch; am meisten aber gefiel besonders den Damen die riesige Menge von Kerzen, mit denen der Speisesaal auf kunstvolle Art ausgeschmückt war. Ich setzte mich mit den älteren Herrschaften an einen besonderen kleinen Tisch und empfing von ihnen allen die dringendsten Einladungen, den Herbst in ihrer Stadt zu verbringen. Ich bin überzeugt, ich wäre sehr gefeiert worden, wenn ich angenommen hätte; denn der Adel von Grenoble bildet eine ausgewählte Gesellschaft. Ich sagte ihnen, es würde mir das größte Vergnügen machen, ihren Einladungen nachzukommen, und es würde mir dann eine besondere Freude sein, die Familie eines berühmten Namens kennen zu lernen, die ein guter Freund meines Vaters gewesen wäre.

»Was ist dies für eine Familie?« fragten mich alle zugleich.

»Die Familie Bouchenu de Valbonnais.«

»Der Herr war mein Oheim! Ach mein Herr, kommen Sie doch zu uns. Sie haben mit meiner Tochter getanzt. Sagen Sie mir doch bitte, wie hieß Ihr Vater?«

Diese Fabel, die ich ohne Vorbedacht auftischte, indem ich einem Hange meines Geistes folgte, der sich oft ohne mein Wollen meiner Zunge bediente und dem ich dann ehrenhalber mit meiner Logik zu Hilfe kommen mußte, machte in den Augen aller dieser braven Leute, die ich ohne es zu wollen zum besten hielt, eine Art Wundertier aus mir.

Nach kurzer Zeit sah ich Frau Molin, ihre Nichte und den Baron von Valenglard in den Garten gehen, und ich folgte ihnen. Wir spazierten in dem hellen Mondschein, und ich führte die schöne Roman in einen Laubgang. Aber was ich auch sagen mochte, um sie zu verführen, alle meine Mühe war vergebens. Ich hielt sie mit meinen Armen umschlungen und bedeckte sie mit den heißesten Küssen; aber ihr Mund gab mir nicht einen einzigen zurück, und ihre schönen Hände waren stärker als die meinigen, indem sie meinen kühnen Angriffen unüberwindliche Hindernisse entgegensetzten. Als ich schließlich dennoch zuletzt durch Überraschung in den Vorhof des Tempels gelangte und mich in einer Stellung befand, die jeden Widerstand nutzlos gemacht haben würde, versteinerte sie mich plötzlich, indem sie in einem engelhaften Ton, dem ein zartfühlender Mann niemals hat wiederstehen können, zu mir sagte: »Ach, mein Herr, seien Sie mein Freund und richten Sie mich nicht zugrunde.«

Ich kniete vor ihr nieder, ergriff ihre Hand, bat sie um Verzeihung und schwor ihr, ich würde niemals wieder solche Angriffe auf sie machen. Dann stand ich auf und bat sie, mir als Zeichen ihrer Verzeihung einen Kuß zu geben. Es war der erste und einzige, den ihre reine Seele mir sofort bewilligte. Wir begaben uns wieder zu ihrer Tante und kehrten dann wieder in den Tanzsaal zurück; was ich aber auch tat, um mich zu beruhigen, ich fühlte, daß es mir nicht möglich war, meine Wut zu beherrschen.

Ich setzte mich in eine Ecke des Saales; als Rose bei mir vorbeikam, bat ich sie, mir eine Limonade zu holen. Als sie mir diese brachte, machte sie mir sanfte Vorwürfe, daß ich weder mit ihr und ihrer Schwester noch mit ihrer Base getanzt hätte; man werde sich daher in der Stadt keinen guten Begriff von ihnen machen.

»Ich bin ermüdet,« antwortete ich ihr, »aber wenn du mir versprechen willst, gut zu sein, werde ich mit dir ganz allein ein Menuett tanzen.«

»Was muß ich tun?«

»Erwarte mich in meinem Schlafzimmer ohne Licht, wenn deine Schwester und deine Base beim Kontertanz sind.«

»Und Sie werden nur mit mir allein tanzen?«

»Ich schwöre es dir.«

»Ich werde kommen.«

Ich fand sie feurig und wurde vollauf befriedigt. Um ihr Wort zu halten, wartete ich bis zum letzten Menuett, denn anstandshalber hätte ich nach meinem Tanz mit Rose es nicht vermeiden können, auch mit den anderen zu tanzen, da ich gegen diese dieselben Verpflichtungen hatte.

In der Morgendämmerung begannen die Damen sich zu entfernen. Ich ließ die Morinschen Damen in meinem Wagen Platz nehmen und sagte ihnen, ich würde nicht die Ehre haben, sie im Laufe des Tages zu sehen; aber wenn sie mir den Vorzug schenken wollten, den ganzen folgenden Tag bei mir zu verbringen, würde ich ihnen das gewünschte Horoskop geben. Ich ging in die Küche, um dem braven Hausmeister dafür zu danken, daß ich mich als glänzenden Wirt aufspielen konnte; ich fand dort die drei Nymphen, die sich ihre Taschen mit Zuckerwerk vollstopften. Er sagte ihnen lachend, in Gegenwart des Herrn könnten sie mit ruhigem Gewissen stehlen, und ich ermunterte sie, sich recht reichlich zu versehen. Nachdem ich ihm gesagt hatte, ich würde erst um sechs Uhr zu Mittag speisen, legte ich mich zu Bett.

Gegen Mittag stand ich auf, und da ich mich frisch und munter fühlte, machte ich mich daran, das Horoskop fertigzustellen. Ich beschloß, der schönen Roman folgendes zu sagen: Das Glück erwarte sie in Paris. Sie werde dort die Geliebte ihres königlichen Herrn werden, aber der Herrscher müsse sie sehen, bevor sie das achtzehnte Lebensjahr erreicht habe, denn nach diesem Alter werde ihr Schicksal eine andere Wendung nehmen. Um meiner Prophezeiung einen besonderen Anstrich von Wahrheit zu geben, erwähnte ich mehrere erstaunliche Ereignisse, die ihr bis zu ihrem damaligen Alter von siebzehn Jahren zugestoßen waren. Ich hatte dies von ihr selber oder von ihrer Tante vernommen, ohne mir merken zu lassen, daß ich auf ihr Gespräch achtete.

Mit Hilfe einer astronomischen Zahlentabelle und eines anderen alten Schmökers, der nur von Astronomie handelte, machte ich in sechs Stunden die Niederschrift und Abschrift eines Horoskops für Fräulein Roman. Es war so geschickt abgefaßt, daß Valenglard und sogar Herr Morin ganz verblüfft waren. Die beiden Damen aber waren in heller Begeisterung darüber.

Ich hoffte, man würde mich bitten, selber das schöne Juwel nach Paris zu bringen, und ich war durchaus nicht abgeneigt, ihre Bitte zu erfüllen. Ich schmeichelte mir mit der Hoffnung, man würde meine Mitwirkung für notwendig halten und würde, wenn nicht aus Liebe, so doch aus Dankbarkeit mir meine Wünsche erfüllen.

Ja, wer weiß, ob ich mich nicht sogar mit dem Gedanken trug, daß aus diesem herrlichen Unternehmen irgendein großes Glück für mich entstehen müßte. Der Monarch mußte sich auf den ersten Blick in sie verlieben – daran zweifelte ich nicht. Welcher Verliebte bildet sich nicht ein, daß die Angebetete alle Männer entflammen müsse? Im Augenblick war ich allerdings eifersüchtig darauf, aber ich kannte meine Unbeständigkeit ganz genau und war daher sicher, daß ich nicht mehr eifersüchtig sein würde, sobald ich des ersehnten Glückes genossen hätte, und ich wußte, daß Ludwig der Fünfzehnte in dieser Hinsicht durchaus nicht wie ein Türke dachte. Einen beinahe göttlichen Anschein erhielt meine Prophezeiung dadurch, daß sie die Geburt eines Sohnes in Aussicht stellte, der Frankreich beglücken werde. Dieser konnte nur aus königlichem Blute und aus einem auserlesenen Gefäß hervorgehen, wenn es durch eine Verknüpfung rein menschlicher Umstände in die Hauptstadt gelangte.

Die höchste Freude bereitete mir ein lächerlicher Gedanke, nämlich der Gedanke, in einem Zeitalter, wo die Vernunft und die Philosophie mit Recht die Astrologie in Verruf gebracht hatten, mir als Astrologe Ruhm zu erwerben. Mich entzückte die Vorstellung, daß alle gekrönten Häupter, welche solchen hohlen und abergläubischen Gedanken zugänglich sind, sich um mich bewerben würden, und daß ich in meinem Alter keinem derartigen Rufe mehr folgen würde. Wer baute nicht seine Luftschlösser! Hätte die Roman statt eines Knaben ein Mädchen zur Welt gebracht, so würde ich darüber gelacht haben, und es brauchte ja darum nicht alles verloren zu sein, denn ein Sohn konnte noch hinterher kommen.

Mein Horoskop sollte nur dem Fräulein und ihrer Familie bekannt werden, und diesen mußte am allermeisten an der Bewahrung des Geheimnisses liegen. Nachdem ich es fertig geschrieben und wiederholt gelesen hatte, war ich überzeugt, ein kleines Meisterwerk geschaffen zu haben. Ich speiste im Bett in Gesellschaft meiner drei Nymphen. Da ich zu allen dreien höflich, liebenswürdig, freundlich und liebkosend war, so waren sie glücklich, und ich auch.

Oder vielmehr, ich war glücklicher als sie; aber für diesen Tag bedurfte ich der Ruhe. Am nächsten Tage kam Herr von Valenglard in aller Frühe und sagte mir, kein Mensch hege die Vermutung, daß ich in die schöne Roman verliebt sei, dagegen habe man mich im Verdacht, die drei Mädchen meines Wirtes zu lieben.

»Es schadet nichts, wenn man die Leute bei diesem Glauben läßt,« antwortete ich, »denn die Mädchen sind wohl der Mühe wert; freilich lassen sie sich nicht mit einer jungen Dame vergleichen, die nicht ihresgleichen hat, wohl aber dazu geschaffen scheint, mich zur Verzweiflung zu bringen.«

»Erlauben Sie mir, für Frau von Urfé einen kleinen Roman aus dieser Geschichte zu machen?«

»Sie werden mir einen großen Gefallen damit tun.«

Zum Mittag kamen Herr und Frau Morin mit ihrer Nichte; wir verbrachten vor Tisch eine Stunde damit, das Horoskop zu lesen. Den Ausdruck des Erstaunens beschreiben zu wollen, der sich auf den vier verschiedenen Gesichtern malte, wäre unmöglich. Die interessante Roman war sehr ernst; sie wußte nicht, ob sie eigenen Willen haben durfte, und hörte darum zu und sagte kein Wort.

Herr Morin sah mich von Zeit zu Zeit an; er wagte nicht laut heraus zu lachen, da er mich ernst sah. Auf Valenglards Gesicht stand Fanatismus und Begeisterung geschrieben. Auf Frau Morin schien die Prophezeiung den Eindruck eines übernatürlichen Wunders zu machen, sie fand es keineswegs übertrieben, sondern sagte, ihre Nichte verdiene allerdings mehr als die bigotte Maintenon, die Gattin oder die Geliebte des Herrschers zu werden. »Die Maintenon,« sagte sie, »wäre niemals etwas geworden, wenn sie nicht Amerika verlassen hätte und nach Frankreich gegangen wäre; und wenn meine Nichte nicht nach Paris geht, so wird man das Horoskop nicht der Lüge beschuldigen können. Es handelt sich also für sie darum, dorthin zu reisen; aber wie wäre dies möglich zu machen? Die Reise ist geradezu eine Unmöglichkeit. In der Prophezeiung der Geburt eines Sohnes liegt etwas Göttliches, Hinreißendes. Natürlich kann ich nichts Bestimmtes vorher sagen, aber meine Nichte hat mehr Ansprüche als die Maintenon, um von einem König geliebt zu werden: sie ist jung und sittsam, die Maintenon war schon in älteren Jahren und hatte tüchtig über die Schnur gehauen, bevor sie fromm wurde. Aber die Reise wird sich in Dunst auflösen.«

»Nein,« rief Valenglard mit einer wirklich komisch ernsten Miene, »die Reise wird stattfinden! Denn das Geschick muß sich erfüllen.«

Die schöne Roman war ganz sprachlos. Ich ließ sie alle reden, und wir setzten uns zu Tisch.

Anfangs aßen wir schweigend; dann wurde von tausend Nichtigkeiten gesprochen, wie es in allen Gesellschaften üblich ist, hierauf fiel die Unterhaltung, wie ich vorausgesehen hatte, wieder auf den Gegenstand, der alle Gedanken beschäftigte.

»Nach dem Horoskop,« sagte die Tante, »soll der König sich in meine Nichte vor ihrem achtzehnten Jahre verlieben. Sie ist von diesem Tage nicht mehr weit entfernt. Wie sollen wir es also anfangen? Wo sind hundert Louis, über die wir für eine solche Reise verfügen müßten? Kann sie denn, in Paris angekommen, einfach zum König hingehen und zu ihm sagen: Hier bin ich, Sire! Mit wem soll sie denn diese Reise machen? Mit mir jedenfalls nicht.«

»Mit meiner Tante Roman!« rief das Fräulein. Sie errötete bis in das Weiße ihrer Augen, als plötzlich ein allgemeines Gelächter losbrach, das keiner von uns zurückhalten konnte.

»Wir lachen,« nahm Frau Morin wieder das Wort, »aber es könnte sich auf ganz natürliche Weise so machen; denn Frau Varnier, die in der Rue de Richelieu wohnt, ist deine Tante; sie führt ein großes Haus und kennt ganz Paris.«

»Da sehen Sie die Wege der Vorsehung,« sagte Valenglard. »Sie sprechen von hundert Louis; sie brauchen aber nur zwölf, um der Frau Varnier einen Besuch zu machen. Bei ihr wird das Fräulein wohnen. Sobald sie nur da ist, überlassen Sie nur alles übrige den Fügungen des Schicksals, die ganz gewiß nur günstig sein werden!«

»Wenn Sie nach Paris gehen,« sagte ich zum Fräulein, »dürfen Sie weder Ihrer hiesigen Tante noch der Frau Varnier etwas von Ihrem Horoskop sagen.«

»Ich werde mit niemandem darüber sprechen; aber glauben Sie mir, dies alles wird ein schöner Traum sein; ich werde niemals Paris sehen und noch weniger Ludwig den Fünfzehnten.«

Ich stand auf, nahm aus meiner Kassette eine Rolle von hundertfünfzig Louis und drückte ihr diese in die Hand, indem ich sagte, es seien Bonbons. Sie fand dieselben doch zu schwer, öffnete sie und sah fünfzig Dublonen da ocho. Sie hielt diese für Medaillen.

»Sie sind von Gold,« sagte Valenglard zu ihr. »Und der Goldschmied wird dir hundertundfünfzig Louis dafür geben,« setzte Frau Morin hinzu.

»Ich bitte Sie, mein Fräulein, behalten Sie sie. Sie brauchen mir nur einen Wechsel zu schreiben, der in Paris zahlbar ist, sobald Sie reich sind.«

Ich war überzeugt, daß sie dies Geschenk zurückweisen würde, obgleich sie mir mit der Annahme ein Vergnügen gemacht hätte. Ich bewunderte sie, daß sie die Kraft besaß, ihre Tränen zurückzuhalten, und daß die lachende Harmonie ihres schönen Gesichtes nicht im geringsten gestört wurde.

Wir gingen hinaus, um einen Rundgang durch den Garten zu machen. Valenglard und Frau Morin kamen wieder auf das Horoskop zu sprechen; ich entfernte mich von ihnen und ging mit Fräulein Roman abseits. Sobald wir außer Hörweite waren, fragte sie mich: »Ich bitte Sie, sagen Sie mir, ob dies alles nicht einfach ein Spaß ist?«

»Nein, es ist Ernst. Aber alles hängt von einem ›wenn‹ ab. Wenn Sie nicht nach Paris fahren, wird alles zunichte werden.«

»Sie müssen wohl davon überzeugt sein, sonst hätten Sie die fünfzig Medaillen nicht riskiert.«

»Glauben Sie doch nicht, mein Fräulein, daß dies für mich ein Risiko ist, und machen Sie mich glücklich, indem Sie sie hier unter vier Augen annehmen.«

»Nein, ich danke Ihnen. Aber warum haben Sie mir eine so große Summe gegeben?«

»Um das Vergnügen zu haben, zu Ihrem Glück beizutragen, und in der Hoffnung, daß Sie mir erlauben werden, Sie zu lieben.«

»Wenn Sie mich wirklich lieben, warum sollte ich etwas dagegen haben? Sie haben es nicht nötig, meine Zustimmung zu erkaufen, und ich denke, um glücklich zu werden, brauche ich keinen König von Frankreich. Wenn Sie wüßten, worauf meine Wünsche sich beschränkten!«

»Nun, worauf denn?«

»Darauf, einen Mann von freundlichem Wesen zu finden, der reich genug ist, daß es uns nicht am Notwendigsten fehlt.«

»Und wenn Sie ihn nicht liebten?«

»Wenn er anständig und gut wäre, warum sollte ich ihn denn nicht lieben?«

»Ich sehe, Sie kennen die Liebe nicht.«

»Das ist wahr, ich kenne nicht jene Liebe, die einem Menschen den Kopf verdreht, und dafür danke ich Gott.«

»Sie haben recht. Möge Gott Sie behüten!«

»Sie behaupten, daß mein Anblick den König entflammen wird; aber um Ihnen die Wahrheit zu sagen, dies erscheint mir eben als das Chimärische an Ihrem Horoskop. Es ist ja wohl möglich, daß er mich nicht häßlich findet, vielleicht wird er mich sogar hübsch finden. Aber an ein solches Übermaß glaube ich nicht.«

»Sie glauben es nicht? Setzen wir uns. Stellen Sie sich nur vor, daß der König Ihnen in eben demselben Maße Gerechtigkeit widerfahren läßt wie ich, und die Sache ist erledigt.«

»Aber was finden Sie denn an mir, was Sie nicht auch an einer Menge junger Mädchen meines Alters fänden! Gewiß ist es möglich, daß ich Eindruck auf Sie gemacht habe; dies beweist aber nur, daß ich dazu geschaffen war, eine solche Herrschaft über Sie auszuüben, es beweist aber keineswegs, daß dies auch dem König gegenüber der Fall sein wird. Wozu ziehen Sie den König von Frankreich heran, wenn Sie selber mich lieben?«

»Weil ich Ihnen nicht ein Los bieten kann, wie Sie es verdienen.«

»Der Augenschein spricht dagegen.«

»Außerdem, weil Sie mich nicht lieben.«

»Ich würde Sie zärtlich lieben und würde nur Sie allein lieben, wenn ich Ihre Frau wäre. Dann könnte ich Ihnen Ihre Küsse zurückgeben, während jetzt die Pflicht mir verbietet, es zu tun.«

»Wie dankbar bin ich Ihnen, daß Sie mir nicht böse sind, wenn ich mich an Ihrer Seite so glücklich fühle!«

»Es freut mich im Gegenteil, daß ich Ihnen gefalle.«

»Erlauben Sie mir also, Sie morgen in aller Frühe in Ihrem Zimmer zu besuchen und mit Ihnen im Bett den Kaffee zu trinken.«

»Oh, mein Herr, denken Sie doch an so etwas nicht! Selbst wenn ich es wollte, ich könnte es nicht. Ich schlafe bei meiner Tante und stehe immer vor ihr auf. Aber ziehen Sie doch Ihre Hand zurück! Sie haben mir versprochen, Sie wollten es nicht wieder tun. Um Gottes willen, mein Herr, bleiben Sie ruhig.«

Leider mußte ich wohl aufhören, denn ihr Widerstand war unbesieglich. Mit großem Vergnügen sah ich jedoch, daß sie trotz meinen verliebten Angriffen ihre Sanftmut nicht verloren hatte, und daß jene lachende Ruhe, die ihr eigen war, ihr göttliches Gesicht verschönerte, wie wenn wir gar nichts getan hätten. Ich dagegen sah aus, als ob ich die Verzeihung verdiente, um die ich sie auf den Knien bat, und ich las in ihren Augen, daß es ihr leid tat, mir meinen Wunsch nicht erfüllen zu können.

Ich konnte nicht länger an der Seite dieses schönen Geschöpfes bleiben; die Erregung meiner Sinne war zu groß. Ich verließ sie, und da ich in meinem Zimmer die gefällige Manon damit beschäftigt fand, Manschetten auszubessern, so erfrischte diese mich augenblicklich. Sobald wir beide befriedigt waren, lief sie hinaus. Ich überlegte mir, daß ich bei der jungen Roman niemals mehr ausrichten würde, als mir bis dahin gelungen war, ich hätte denn das Horoskop Lügen strafen müssen, indem ich sie heiratete. Ich beschloß daher, die Sache nicht weiter zu verfolgen.

Ich ging wieder in den Garten hinunter und bat die Tante, einen Augenblick mit mir spazieren zu gehen. Vergebens bemühte ich mich, die brave Dame zu überreden, sie solle hundert Louis annehmen, um ihrer Nichte die Reise nach Paris zu ermöglichen. Ich schwor ihr bei allem Heiligen, was die Menschheit kennt, daß niemals jemand etwas davon erfahren würde; aber meine Reden und alle meine Bitten waren unnütz. Sie sagte mir: wenn das Schicksal ihrer Nichte nur von dieser Reise abhinge, so könnte es sich wohl erfüllen; denn sie hätte bereits daran gedacht, wie sie sie ihr ermöglichen könne, wenn ihr Gatte damit einverstanden wäre. Übrigens sagte sie mir ihren aufrichtigen Dank und erklärte mir, ihre Nichte fühle sich sehr glücklich, daß sie mir gefallen habe.

»Sie gefällt mir so sehr, gnädige Frau, daß ich beschlossen habe, morgen abzureisen, um ihr nicht Anträge machen zu müssen, durch welche das große Glück, das ihrer harrt, zerstört werden müßte. Wenn nicht eine so erhabene Bestimmung ihrer wartete, würde ich mich glücklich schätzen, Sie um ihre Hand bitten zu dürfen.«

»Oh! ein solches Glück wäre ohne Zweifel viel sicherer. Erklären Sie sich!«

»Gegen das Schicksal wage ich nicht anzukämpfen.«

»Aber Sie werden doch nicht morgen reisen.«

»Verzeihung, gnädige Frau, ich werde morgen um zwei Uhr bei Ihnen vorsprechen, um von Ihnen Abschied zu nehmen.«

Durch die Ankündigung meiner Abreise wurde unser Abendessen ein wenig traurig. Frau Morin, die vielleicht noch heute lebt, war eine Frau von liebenswürdigstem Charakter. Bei Tisch erklärte sie, das Abschiednehmen solle sofort stattfinden; denn wenn ich nur ausführe, um sie aufzusuchen, so würde die ihr zugedachte Ehre zu einer für mich lästigen Förmlichkeit.

»So werde ich wenigstens die Ehre haben, Sie bis an Ihre Tür zu begleiten, wenn Sie mir dies erlauben!« rief ich.

»Sie würden dadurch unser Glück um einige Minuten verlängern.«

Valenglard ging zu Fuß, und die schöne Roman saß während der Fahrt auf meinem Schoß. Ich wagte kühn zu sein; sie war gegen meine Erwartung so sanft und zärtlich, daß ich es bedauerte, Abschied genommen zu haben. Aber es war einmal geschehen. Auf unserem Wege lag vor der Tür eines Gasthofes ein umgestürzter Wagen; infolgedessen mußte mein Kutscher mehrere Minuten halten. Dieser Zwischenfall, über den der gute Mann aus vollem Halse fluchte, erfüllte mich mit der höchsten Freude, denn ich erlangte während dieser nur allzu kurzen Augenblicke alle Gunstbezeigungen, die ich unter solchen Umständen mir verschaffen konnte.

Das Glück ist niemals vollständig, wenn man es allein genießt. Ich empfand das Bedürfnis, durch den Anblick des Gesichtes meiner schönen Freundin mich zu überzeugen, daß sie bei ihrer Gefälligkeit nicht lediglich passiv gewesen war; darum begleitete ich die Damen in ihre Wohnung hinauf.

Dort konnte ich, ohne die geringste Eitelkeit von meiner Seite, mich überzeugen, daß auf dem Antlitz des schönen Geschöpfes Liebe und Traurigkeit sich malten. Dies zeigte mir, daß sie weder kalt noch gefühllos war, und daß nur ihre Furcht und ihre Tugend Hindernisse meines Glückes gewesen waren. Als ich der Frau Morin den Abschiedskuß gab, war sie so freundlich, ihre Nichte aufzufordern, mir denselben Freundschaftsbeweis zu gewähren. Sie tat dies auf eine Art, daß ich die ganze Glut fühlte, die ich ihr eingeflößt hatte.

Ich schied von ihnen voll von Liebe und von Verzweiflung, daß ich mich unwiderruflich zur Abreise verpflichtet hatte. Zu Hause fand ich die drei Nymphen in meinem Zimmer versammelt; dies war mir unangenehm, denn ich brauchte nur eine. Rose brachte mir meine Haare in Ordnung; sie hörte meine leise Aufforderung, sagte mir jedoch, es sei ihr unmöglich, sich aus ihrem Schlafzimmer zu entfernen, weil sie alle drei zusammenschliefen. Infolgedessen entschloß ich mich, ihnen zu sagen, ich würde am nächsten Tage abreisen; wenn sie die Nacht in meinem Zimmer verbringen wollten, so würde ich jeder von ihnen sechs Louis schenken. Sie lachten über meinen Vorschlag und sagten mir allen Ernstes, so etwas sei unmöglich. Ich sah daraus, daß sie verschwiegen gewesen waren, wie es übrigens unter solchen Umständen junge Mädchen gewöhnlich sind; ich sah aber auch, daß sie gegenseitig eifersüchtig aufeinander waren. Ich wünschte ihnen gute Nacht und ging zu Bett. Morpheus ließ mich die köstlichste Nacht in den Armen meiner anbetungswürdigen Roman verbringen.

Als ich den anderen Morgen ziemlich spät klingelte, kam die Base herbei; sie sagte mir jedoch, Rose folge ihr auf dem Fuße und bringe mir meine Schokolade. Zugleich meldete sie einen Herrn Karl Iwandoff, der mich zu sprechen wünsche. Ich erriet, daß dies der Russe sei; da er mir selbst von niemand vorgestellt worden war, so hielt ich es für unnötig, ihn zu empfangen.

»Sagen Sie ihm, dieser Name sei mir unbekannt.«

Rose richtete meinen Auftrag aus, kam aber gleich wieder herein, und sagte, es sei der Herr, der die Ehre gehabt habe, bei Frau Morin mit mir zu speisen.

»Lassen Sie ihn hereinkommen.«

»Mein Herr,« sagte er zu mir, »ich möchte gern ein paar Worte mit Ihnen unter vier Augen sprechen.«

»Mein Herr, ich kann diesen jungen Damen nicht befehlen, mein Zimmer zu verlassen. Wollen Sie bitte draußen warten, bis ich mir meinen Schlafrock anziehe; ich stehe sofort zu Ihrer Verfügung.«

»Wenn ich Ihnen ungelegen komme, werde ich morgen wieder vorsprechen.«

»Da würden Sie mich nicht finden, denn ich reise heute.«

»In diesem Fall werde ich warten.«

Ich stand in aller Eile auf und ging zu ihm hinaus.

»Mein Herr,« sagte er, »ich muß abreisen und habe kein Geld, um meinen Wirt zu bezahlen, ich bitte Sie daher, mir zu helfen. Ich wage mich hier in Grenoble an keinen Menschen zu wenden, da ich mich nicht dem Schimpf einer abschlägigen Antwort aussetzen möchte.«

»Vielleicht sollte ich mich dadurch geschmeichelt fühlen, daß Sie mir den Vorzug geben; aber ohne Ihnen in irgendeiner Weise einen Schimpf antun zu wollen, sehe ich mich in der Lage, Ihnen eine abschlägige Antwort geben zu müssen.«

»Wenn Sie wüßten, wer ich bin, mein Herr, so bin ich sicher, daß Sie mir eine kleine Unterstützung nicht verweigern würden.«

»Wenn Sie dies glauben, mein Herr, so geben Sie sich zu erkennen und verlassen Sie sich auf meine Verschwiegenheit.«

»Ich bin Karl, zweiter Sohn des Herzogs Iwan von Kurland, der in Sibirien in der Verbannung lebt. Ich bin entflohen.«

»Wenn Sie nach Genua gehen, so werden Sie nicht mehr in Not sein, denn der Bruder Ihrer Mutter, der Herzogin, wird Sie ohne Zweifel nicht im Stich lassen.«

»Er ist in Schlesien gestorben.«

»Wann denn?«

»Ich glaube, vor zwei Jahren.«

»Man hat Sie falsch berichtet, denn ich habe ihn vor kaum sechs Monaten in Stuttgart gesehen. Es ist der Baron von Treiden.«

Es war für mich nicht schwer, den Betrüger in ihm zu wittern; mich ärgerte nur, daß er die Frechheit besaß, mich anführen zu wollen. Sonst hätte ich ihm gern sechs Louis geschenkt, denn es wäre mir schlecht angestanden, mich als Feind der Abenteurer aufzuspielen. Ich fühlte wohl, daß ich selber einer war und ihm daher seine Lügen hingehen lassen mußte, da im Grunde genommen alle Abenteurer Betrüger sind.

Ich warf einen Blick auf seine Diamantschnallen, die man für echt hielt, und erkannte sofort, daß es Diamanten aus Glasfluß waren, die in Venedig in so großen Mengen angefertigt werden und allerdings in den Augen von Leuten, die nicht vollkommen Kenner sind, sehr wohl für echte Steine gelten können.

»Sie haben da,« sagte ich zu ihm, »Schuhschnallen aus Brillanten; warum verkaufen Sie die nicht?«

»Es ist das letzte Schmuckstück, das ich von meiner Mutter her habe, und ich habe ihr versprochen, mich niemals von ihm zu trennen.«

»Diese Schnallen, mein Herr, setzen Sie in ein falsches Licht. Sie täten besser, sie in der Tasche zu tragen. Ich will Ihnen ganz offen sagen, daß ich sie für falsch halte und daß Ihre Lügen mich ärgern.«

»Mein Herr, ich lüge nicht!«

»Um so besser. Beweisen Sie mir, daß die Steine echt sind, und ich will Ihnen sechs Louis schenken. Außerdem hätten Sie noch das Vergnügen, mir zu beweisen, daß ich mich irre. Leben Sie wohl!«

Er sah den Baron Valenglard die Treppe heraufkommen und bat mich, diesem nichts von unserer Unterhaltung zu sagen. Ich versprach ihm, mit niemandem davon zu sprechen.

Valenglard wollte mir gute Reise wünschen, da er selber mit einem Herrn von Monteinard abreisen mußte. Er bat mich, einen recht lebhaften Briefwechsel mit ihm zu unterhalten. Ich hatte ihn selber darum bitten wollen, denn das Schicksal der schönen Roman lag mir so sehr am Herzen, daß ich den dringenden Wunsch hatte, darüber auf dem Laufenden erhalten zu werden, und um diesen Zweck zu erreichen, war der Briefwechsel, den der wackere Offizier mir antrug, das beste Mittel. Ich versprach ihm also herzlich gern die Erfüllung seines Wunsches. Er umarmte mich unter Tränen, und ich versprach ihm meine Freundschaft.

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