Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Giacomo Casanova >

Erinnerungen

Giacomo Casanova: Erinnerungen - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorCasanova
titleErinnerungen
volume4
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20050616
projectide0c133bb
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel

Ende meines Abenteuers mit der Nonne von Chambéry. – Meine fluchtähnliche Abreise aus Aix.

Nachdem ich der Frau von Zeroli einen traurigen Blick zu geworfen hatte, ging ich nach der Hütte; ich fand dort meinen Engel in einem ganz neuen großen Bett, neben welchem ein anderes hübsches römisches Ruhebett stand, das für mich bestimmt war. Ich lachte über das Mißverhältnis dieser Möbel zu dem elenden Dachboden, wo wir uns befanden; um aber unserer Bäuerin meinen Dank zu beweisen, zog ich fünfzig Louis aus meiner Börse und gab sie ihr mit den Worten, dies Geld sei für den Rest der Zeit, die Madame noch hier bleiben werde; außerdem verbot ich ihr, noch weitere Ausgaben für Möbel zu machen.

Dieser Charakter ist, glaube ich, den Spielern im allgemeinen eigen. Ich hatte fast dreihundert Louis verloren, aber ich hatte mehr als fünfhundert aufs Spiel gesetzt und was mir übrig geblieben war, war in meinen Augen reiner Gewinn. Hätte ich ebensoviel gewonnen, wie ich verloren hatte, so hätte ich mich wahrscheinlich damit begnügt, ihr zehn Louis zu geben; aber indem ich ihr fünfzig gab, bildete ich mir ein, ich verlöre sie auf einer Karte. Ich habe immer gerne Geld ausgegeben, aber verschwenderisch war ich nur, wenn ich beim Spielen war.

Ich war freudetrunken, als ich dankbare Überraschung auf den Zügen meiner schönen M. M. erblickte.

»Sie müssen sehr reich sein«, sagte sie zu mir.

»Glauben Sie das nicht, liebes Herz! Aber ich liebe Sie leidenschaftlich, und da ich wegen Ihres unglückseligen Armutsgelübdes Ihnen selber nichts anbieten kann, so verschwende ich, was ich besitze, an diese gute Frau, damit sie nichts versäumt, was zu Ihrer Befriedigung beitragen kann, solange Sie bei ihr sind. Vielleicht hegt mein Herz die halbe unbewußte Hoffnung, daß Sie mich dafür um so mehr lieben werden.«

»Wie könnte ich Sie mehr lieben, als es schon der Fall ist! Unglücklich macht mich nur der Gedanke an die Rückkehr in mein Kloster.«

»Aber gestern haben Sie mir gesagt, daß gerade dieser Gedanke Sie glücklich macht.«

»Ja, gerade seit gestern haben sich meine Gefühle geändert! Ich habe eine schlimme Nacht verlebt; denn ich konnte kein Auge schließen, ohne mich sofort wieder in Ihren Armen zu befinden, und immer in dem Augenblick, wo ich das größte Verbrechen begehen wollte, fuhr ich aus dem Schlafe auf.«

»Sie haben aber nicht so standhaft gekämpft, bevor Sie es mit einem Manne begingen, den Sie nicht liebten.«

»Gerade weil ich ihn nicht liebte, beging ich ein Verbrechen, das mir bedeutungslos erschien. Begreifen Sie dies, lieber Freund?«

»Es ist eine metaphysische Vorstellung Ihrer unschuldigen und abergläubischen Seele; ich begreife dies vollkommen.«

»Sie machen mich glücklich und dankbar, und ich freue mich in dem Gedanken, daß Sie nicht in gleicher Lage sind wie ich; denn das macht mich des Sieges gewiß.«

»Ich werde Ihnen den Sieg nicht streitig machen, obgleich mich dies sehr traurig macht.«

»Warum?«

»Weil Sie sich verpflichtet glauben werden, mir harmlose Liebkosungen zu verweigern, die doch das Glück meines Lebens ausmachen würden.«

»Ich habe daran gedacht.«

»Sie weinen?«

»Ja, und ich liebe sogar diese Tränen.«

»Sie erstaunen mich.«

»Ich habe Sie um zwei Gefälligkeiten zu bitten.«

»Sprechen Sie und seien Sie sicher, daß ich Ihre Bitten erfüllen werde.«

»Gestern«, sagte meine reizende Nonne mir, »haben Sie mir die beiden Porträts meiner venetianischen Schwester dagelassen. Ich bitte Sie, schenken Sie sie mir.«

»Sie gehören Ihnen.«

»Ich bin Ihnen dankbar dafür. Dieses war meine erste Bitte die zweite lautet: haben Sie die Güte, zum Tausch dafür mein Bild anzunehmen, das ich Ihnen morgen geben werde.«

»Und das ich mit Vergnügen empfangen werde! Es wird, meine liebe Freundin, das kostbarste meiner Kleinodien sein. Aber ich bin überrascht, daß Sie dies als eine Gunst von mir erbitten, während doch in Wahrheit Sie mir eine erweisen, die ich niemals von Ihnen zu erbitten gewagt hätte. Wie könnte ich mich würdig machen, daß Sie auch mein Bild zu erhalten wünschen?«

»Ach, mein lieber Freund, dies würde mir sehr teuer sein; aber Gott soll mich davor bewahren, ein solches Bild bei mir im Kloster zu haben.«

»Ich werde mich als heiligen Alois von Gonzaga oder als heiligen Antonius von Padua malen lassen.«

»Ich würde der Verdammnis verfallen sein.«

»So sprechen wir nicht mehr davon.«

Sie trug ein Mieder aus Basin, das mit rotem Bande eingefaßt war und vorne durch Schleifen von derselben Farbe zusammengehalten wurde, und ein Batisthemd. Ich war durch diesen Anblick überrascht gewesen, da aber die Höflichkeit mir nicht erlaubte, sie zu fragen, woher sie diese Sachen habe, so begnügte ich mich, einen Blick darauf zu werfen. Sie erriet meine Gedanken und sagte mir lachend: »Es ist ein Geschenk, das die Bauersfrau mir gemacht hat. Nun sie plötzlich reich geworden ist, denkt die gute Frau an weiter nichts, als wie sie ihrem Wohltäter bezeugen könne, daß sie ihm dankbar ist. Sehen Sie dieses große Bett, lieber Freund; ganz gewiß hat sie dabei an Sie gedacht; und diese schönen Bettücher. Dieses feine Hemd, es macht mir Vergnügen, ich gestehe es. Ich werde diese Nacht besser schlafen – wenn ich mich nur der verführerischen Träume erwehren kann, die mich vorige Nacht gepeinigt haben.«

»Glauben Sie, daß dieses Bett, diese Bettlaken und dieses feine Hemd dazu beitragen werden, Ihrer Seele die Träume fernzuhalten, die Sie befürchten?«

»Ganz gewiß wird das Gegenteil der Fall sein, denn solche Bequemlichkeiten reizen zur Sinnlichkeit. Übrigens werden alle diese Sachen Eigentum der guten Frau bleiben; denn wenn ich sie auch mitnehmen wollte, was würde man im Kloster dazu sagen?«

»Sie schlafen dort nicht so bequem?«

»O nein! Wir haben einen Strohsack und zwei Decken; es ist eine besondere Vergünstigung, wenn wir zwei sehr grobe Bettlaken oder gar noch eine dünne Matratze erhalten. Aber Sie scheinen mir traurig zu sein; gestern waren Sie so heiter.«

»Wie könnte ich wohl heiter sein, da ich nicht mehr imstande bin, mit Ihnen zu scherzen, ohne mich der Gefahr auszusetzen, Ihnen dadurch Kummer zu bereiten!«

»Aber Sie bereiten mir ja im Gegenteil das größte Vergnügen damit.«

»So willigen Sie ein, für die Wonne, die Sie mir gewähren, Wonne zu empfangen?«

»Aber die Wonne, die Sie empfinden, ist unschuldig; die meinige aber ist es nicht.«

»Was würden Sie denn tun, wenn meine Wonne ebensowenig unschuldig wäre wie die Ihrige?«

»Dann würden Sie mich gestern Abend unglücklich gemacht haben; denn ich hätte Ihnen nichts verweigern können.«

»Unglücklich? Wieso denn? Bedenken Sie im Gegenteil, Sie hätten dann nicht gegen Träume zu kämpfen gehabt, sondern würden friedlich geschlafen haben, übrigens hat die Bäuerin mit diesem Mieder Ihnen ein Geschenk gemacht, das mich zur Verzweiflung bringt, denn sonst hätte ich wenigstens meine hübschen Kinderchen sehen können, ohne Angst vor bösen Träumen zu haben.«

»O, lieber Freund, darum müssen Sie der armen Frau nicht böse sein; denn wenn sie glaubt, daß wir uns lieben, so wird sie gewiß auch wissen, daß ein Mieder nicht schwer aufzuschnüren ist. Jedenfalls will ich Sie nicht traurig sehen – das ist die Hauptsache.«

Indem sie diese Worte sprach, sah sie mich mit flammenden Blicken an, und ich überschüttete sie mit Küssen, die sie mir mit voller Zärtlichkeit zurückgab. Die Bäuerin kam herein, um einen hübscher neuen kleinen Tisch zu decken, als ich gerade dabei war, meiner Nonne das Mieder auszuziehen, ohne daß sie mir den geringster Widerstand entgegensetzte.

Dieses ausgezeichnete Vorzeichen versetzte mich in gute Laune aber als ich sie anblickte, sah ich, daß sie nachdenklich wurde. Ich hütete mich wohl, sie nach dem Grunde zu fragen, denn ich erriet diesen und ich wollte mir nicht Bedingungen auferlegen lassen, die durch Religion und Ehre unverletzlich geworden sein würden. Um sie von ihren Gedanken abzubringen, suchte ich ihren Appetit anzuregen, indem ich ihr beim Essen mit gutem Beispiel voranging; sie trank dazu mit ebensoviel Vergnügen einen ausgezeichneten Claret; da sie jedoch an solche Weine nicht gewöhnt war, erregte er in ihr eine Lustigkeit, die die erklärte Feindin der Enthaltsamkeit ist. Übrigens merkte sie selber nichts davon, denn die Fröhlichkeit befeuerte ihren Geist, so daß sie alles im schöneren Lichte sah und sich viel mehr ihren Gefühlen überließ, als sie es vor dem Abendessen getan hatte.

Als wir allein waren, wünschte ich ihr Glück zu ihrer guten Laune, indem ich ihr sagte, daß ohne diese meine traurige Stimmung nicht verflogen sein würde, daß ich nun aber die Stunden des Glückes, die ich bei ihr verbrächte, leider nur zu kurz fände.

»Ich werde fröhlich sein, lieber Freund, und wäre es auch nur, um dir Vergnügen zu machen.«

»Vortrefflich! aber, mein Engel, beglücke mich mit denselben Vergünstigungen, die du mir gestern abend gewährt hast.«

»Ich will lieber alle Bannflüche der Welt auf mich nehmen, als daß du von mir denken sollst, ich sei ungerecht gegen dich. Sieh her!«

Mit diesen Worten nahm sie ihre Haube ab und ließ ihr schönes Haar aufgelöst herunterhängen; ich schnürte ihr Mieder auf und hatte im Nu eine Sirene vor mir, wie man sie auf den schönsten Gemälden Correggios sieht. Ich konnte es nicht lange aushalten, sie so zu betrachten: ich bedeckte sie mit heißen Küssen, und indem ich ihr dadurch meine Glut mitteilte, sah ich sie bald mir neben sich Platz machen. Ich fühlte, daß es jetzt nicht mehr angebracht war, lange Reden zu halten, sondern daß die Natur sprach und daß sie Liebe von mir verlangte, und ich wußte den Augenblick einer so süßen Schwachheit zu benutzen. Ich stürzte mich auf sie, heftete meine Lippen auf ihren Mund und preßte sie liebeglühend in meine Arme, um mit ihr des höchsten Glückes zu genießen.

Aber mitten in diesem leidenschaftlichen Vorspiel drehte sie den Kopf zur Seite, schloß ihre schönen Augenlider und schlief ein. Ich entfernte mich ein wenig von ihr, um besser die wundervollen Schätze sehen zu können, die die Liebe mir darbot. Die göttliche Nonne schlief; ihr Schlaf konnte keine Verstellung sein; aber selbst wenn sie sich nur schlafend gestellt hätte, konnte ich ihr wohl eine solche List übelnehmen? Gewiß nicht; denn der Schlaf einer Frau, mag er wahr oder verstellt sein, muß von einem zartfühlenden Liebhaber geachtet werden; darum braucht er sich erlaubte Genüsse nicht zu versagen. Denn wenn der Schlaf echt ist, so wagt er nichts dabei; ist er aber nur Verstellung, so entspricht er nur den Wünschen, die sie entflammen. Nur müssen die Liebkosungen so sein, daß man die Gewißheit hat, sie sind dem geliebten Gegenstand angenehm.

Aber M.M. schlief wirklich: der Claret hatte ihre Sinne betäubt, und sie hatte ohne Nebengedanken nur seinen Wirkungen nachgegeben. Während ich sie ansah, bemerkte ich, daß sie träumte. Ihre Lippen flüsterten Worte, die ich nicht verstand; aber die Wollust, die sich auf ihren strahlenden Zügen malte, ließ mich erraten, wovon sie träumte. Ich warf meine Kleider ab, und es dauerte keine zwei Minuten, so lag ich gegen ihren schönen Leib gepreßt. Nur wußte ich nicht recht, ob ich ihren Schlaf nachahmen oder ob ich versuchen sollte, sie aufzuwecken, um die Lösung unseres Dramas herbeizuführen, die sich, wie mir schien, nicht mehr aufschieben ließ.

Meine Ungewißheit dauerte nicht lange; denn die Bewegungen, die sie unwillkürlich machte, sobald sie an dem Heiligtum der Liebe den Priester fühlte, der das Opfer vollziehen sollte, zeigten mir deutlich, daß sie fortträumte und daß ich sie nur glücklich machen konnte, indem ich ihren Traum in Wirklichkeit verwandelte. Leise schob ich alle Hindernisse beiseite, und indem ich den Bewegungen mich anpaßte, die meine Berührungen ihrem schönen Leibe mitteilten, vollbrachte ich den süßen Raub. Als ich zum Schluß nicht mehr imstande war, mich zu mäßigen, und mich der ganzen Kraft des Gefühls überließ, erwachte sie mit einem Seufzer des Glücks und rief:

»O Gott, ist es denn wahr!«

»Ja! wahr! köstlich, mein Engel! Bist du glücklich?«

Statt zu antworten, umschlang sie mich mit ihren Armen, heftete ihre Lippen auf die meinigen, und so blieben wir, ohne uns einen Augenblick zu trennen, bis zur Morgenröte, alle Wonnen auskostend, immer von neuem unsere Begierden erregend und ohne einen anderen Gedanken, als wie wir unser Glück und unsere Genüsse verlängern könnten.

»Ach, mein Freund, mein Gatte!« rief sie endlich; »ich bin glücklich! Aber wir müssen uns bis heute Abend trennen. Geh jetzt! Wir werden von unserer Seligkeit sprechen, indem wir sie erneuern.«

»Es tut dir also nicht leid, mich glücklich gemacht zu haben?«

»Kann es mir leid tun, dir erlaubt zu haben, mich glücklich gemacht zu haben? Du bist zu mir wie ein Engel vom Himmel gekommen. Wir liebten uns, wir haben unserer Liebe die Krone aufgesetzt; ich kann nicht Gott beleidigt haben. Von all meiner Unruhe bin ich befreit. Wir sind unserem Geschick gefolgt, indem wir der Natur gehorchten. Liebst du mich noch?«

»Kannst du daran zweifeln? Heute Abend werde ich es dir beweisen.«

Während wir fortwährend von unserer Liebe sprachen, zog ich mich so schnell wie möglich an. Sie blieb im Bett liegen, und ich bat sie, sich der Ruhe hinzugeben.

Es war heller Tag, als ich nach Hause kam. Leduc war nicht zu Bett gegangen; er übergab mir einen Brief von der schönen Zeroli, indem er mir sagte, man habe ihn um elf Uhr gebracht. Ich hatte ihr Abendessen versäumt und hatte sie nicht nach Chambéry begleitet. Ich hatte keine Zeit gehabt, auch nur einen Augenblick an sie zu denken. Das tat mir leid, aber ich wußte nicht, was ich dabei machen sollte. Ich öffnete den Brief; er bestand nur aus sechs Zeilen, aber diese waren vielsagend. Sie riet mir, niemals nach Turin zu gehen, denn dort würde sie sich für den blutigen Schimpf, den ich ihr angetan hätte, zu rächen wissen. Sie warf mir vor, daß ich öffentlich meine Verachtung bekundet hätte; sie fühlte sich dadurch entehrt und würde mir niemals verzeihen. Mein Entschluß war schnell gefaßt: ich zerriß das liebenswürdige Briefchen, ließ mich frisieren und ging nach dem Brunnen.

Alle Herren und Damen machten mir Vorwürfe, daß ich nicht an dem Souper der Madame Zeroli teilgenommen hätte. Ich verteidigte mich, so gut ich konnte, aber meine Entschuldigungen mochten wohl recht lahm sein, woraus ich mir übrigens wenig machte. Man sagte mir, man wisse alles; ich wußte, daß man nichts wußte, und das machte mir Spaß. Die Geliebte des Marquis hängte sich an meinen Arm und sagte mir ohne Umstände, ich stände im Rufe, unbeständig zu sein. Mit jener banalen Höflichkeit, die die gute Gesellschaft nun einmal verlangt, antwortete ich ihr, man werfe mir mit Unrecht solche häßliche Eigenschaft vor; sollte ich wirklich diesen Vorwurf einmal verdient haben, so sei es wohl nur deshalb, weil ich niemals die Ehre gehabt habe, einer so vortrefflichen Dame zu dienen, wie sie es sei. Ich sah, daß mein Kompliment ihr schmeichelte, und biß mir auf die Lippen, als sie mit der liebenswürdigsten Miene mich fragte, warum ich denn nicht zuweilen beim Marquis frühstücke.

»Ich fürchte, ihn zu belästigen.«

»Wieso denn?«

»Ich würde ihn in seinen Beschäftigungen stören.«

»Er hat keine, und Sie werden ihm ein großes Vergnügen bereiten, wenn Sie ihn besuchen. Kommen Sie doch morgen; er frühstückt immer in meinem Zimmer.«

Die Dame war die Witwe eines vornehmen Herrn; sie war jung, unbestreitbar hübsch und beherrschte vollkommen den Ton der guten Gesellschaft. Trotzdem machte ich mir nichts aus ihr. Ich hatte soeben die schöne Zeroli besessen, und meine entzückende Nonne hatte meine höchsten Wünsche erfüllt; da war es mir denn erlaubt, wählerisch zu sein, übrigens hatte ich für vorübergehende Wünsche wirklich keinen Platz mehr. Trotzdem hatte ich mich dummerweise in die Notwendigkeit gesetzt, den Anschein zu erwecken, als sei ich ob der Bevorzugung sehr glücklich.

Sie fragte den Marquis, ob sie nach dem Gasthof zurückgehen könne.

»Ja,« antwortete er; »aber ich habe noch ein Geschäft zu erledigen und werde dich nicht begleiten können.«

»Wollen Sie vielleicht die Güte haben, mich zu begleiten?« fragte sie mich.

Ich machte eine Verbeugung.

Unterwegs sagte sie mir: »Wenn Frau von Zeroli nicht abgereist wäre, würden Sie nicht gewagt haben, meinen Arm anzunehmen.« Ich konnte ihr nur ausweichend antworten, denn ich wollte mich in keine neue Liebesgeschichte einlassen. Trotzdem mußte ich sie notgedrungen auf ihr Zimmer begleiten und neben ihr Platz nehmen. Da ich aber die ganze Nacht nicht geschlafen hatte und mich langweilte, so gähnte ich einige Male, was für die Marquise nicht schmeichelhaft war. Ich entschuldigte mich, so gut ich konnte, indem ich ihr schwor, daß ich krank sei. Sie glaubte mir dies oder tat wenigstens so. Aber meine Müdigkeit war so groß, daß ich unfehlbar eingeschlafen sein würde, wenn ich nicht meine Zuflucht zu meiner Nieswurz genommen hätte; dank ihr blieb ich wach, indem ich beständig nieste.

Der Marquis kam, machte mir tausend Komplimente und schlug mir eine Partie Quinze vor. Ich bat ihn, mich zu entschuldigen; Madame kam mir zu Hilfe und sagte, ich könne unmöglich spielen, wenn ich fortwährend auf eine solche geradezu gefährliche Art niese. Wir gingen zum Mittagessen in den Speisesaal; noch etwas ärgerlich über meinen Verlust von dem vorhergehenden Tage ließ ich mich leicht überreden, eine Bank zu halten. Wie gewöhnlich legte ich fünfhundert Louis auf. Gegen sieben Uhr sagte ich die letzte Taille an, obwohl meine Bank um zwei Drittel ihres Bestandes geschwächt war. Der Marquis und zwei andere gute Spieler bemühten sich nun, meine Bank zu sprengen; aber dies schien das Glück zu reizen: es wandte sich und begünstigte mich, und ich gewann nicht nur meinen Verlust zurück, sondern noch dreihundert Louis obendrein. Ich entfernte mich, indem ich der Gesellschaft versprach, am nächsten Tage weiterzuspielen. Die Damen hatten sämtlich gewonnen, weil Desarmoises den Auftrag hatte, sie niemals beim Spiel zurechtzuweisen, wenn sie meine Gutmütigkeit nur nicht zu sehr mißbrauchten.

Nachdem ich mein Geld auf mein Zimmer gebracht und meinem treuen Spanier Bescheid gesagt, daß ich nicht nach Hause kommen würde, begab ich mich zu meinem Abgott. Ich kam ganz durchnäßt an, weil mich unterwegs ein Gewitterregen überraschte, und mußte mich daher gleich nach meiner Ankunft ausziehen. Die gute Bauersfrau übernahm es, meine Kleider zu trocknen. Ich fand meine schöne Nonne in ihrem Ordenskleide auf dem Ruhebett ausgestreckt.

»Warum, mein Engel, hast du mich nicht in deinem Bett erwartet?«

»Weil ich mich niemals besser befunden habe als in diesem Augenblick, liebes Herz; weil ich das Glück haben wollte, am Tisch dir gegenübersitzend mit dir zu speisen. Nachher werden wir uns zu Bett legen, wenn es dir Vergnügen macht.«

»Mir? Sehr viel, wenn es dir Vergnügen macht.«

»Ach! Ich bin verloren, ich werde ganz gewiß sterben, wenn ich von dir scheiden muß.«

»Du brauchst nicht von mir zu scheiden, liebes Herz! Geh mit mir nach Rom, laß mich nur machen. Du wirst meine Frau, und wir werden glücklich miteinander leben und uns niemals verlassen.«

»Ach, dies wäre ein zu großes Glück. Aber zu solchem Schritt könnte ich mich niemals entschließen. Sprich mir nicht mehr davon!«

Da ich gewiß war, eine köstliche Nacht in ihrem Besitze zu verbringen, blieb ich mit ihr eine volle Stunde bei Tisch. Wir würzten unsere Speisen mit angenehmen Gesprächen. Als wir fertig waren, kam die Frau herein, gab ihr ein Päckchen und entfernte sich wieder, indem sie uns gute Nacht wünschte.

»Was enthält denn dieses Paket?«

»Mein Bild. Aber du darfst es erst sehen, wenn ich im Bett liege.«

»Diese Laune muß ich dir hingehen lassen, obgleich es mich drängt, meine Neugierde zu befriedigen.«

»Freilich ist es eine Laune; aber du wirst sie billigen.«

Ich entkleidete sie mit meinen eigenen Händen, und sie ließ sanft wie ein Lamm alles mit sich machen. Als sie im Bett lag, öffnete sie das Päckchen und gab mir ein Porträt. Sie war darauf nackt dargestellt, vollkommen ähnlich und genau in derselben Stellung wie meine erste M. M. Ich lobte die Geschicklichkeit des Malers, der sie so ausgezeichnet kopiert, indem er nur die Farbe der Augen und der Haare geändert hätte.

»Er hat nichts kopiert,« rief sie, »denn dazu hätte er keine Zeit gehabt. Er hat mir nur schwarze Augen gemacht, Haare wie die meinigen und ein reicheres Vließ. So kannst du jetzt sagen, daß du in einem einzigen Porträt das Bildnis deiner ersten und zweiten M. M. besitzest, um die du von rechtswegen die erste vergessen mußt. Diese ist auch in dem anständigen Porträt verschwunden, denn sieh! da ist sie als Nonne mit schwarzen Augen. In dieser Form kannst du mein Bild allen Leuten zeigen.«

»Du kannst dir gar nicht denken, wie kostbar mir dieses Geschenk ist! Aber sage mir doch, mein Herz, wie hast du es angefangen, diesen köstlichen Plan so gut durchzuführen?«

»Ich teilte ihn gestern morgen der Bäuerin mit. Sie sagte mir, sie hätte in Annecy einen Milchsohn, der Miniaturmaler wäre; aber sie würde sich seiner nur dazu bedienen, um die beiden Miniaturbilder nach Genf zum berühmtesten Porträtmaler zu schicken, der für vier oder fünf Louis die Metamorphose sofort vornehmen würde, denn die könnte in zwei oder drei Stunden gemacht werden. Ich habe ihr die beiden Kleinodien anvertraut, und es ist, wie du siehst, alles tadellos ausgeführt worden. Ohne Zweifel hatte sie sie gerade eben zurückerhalten; morgen kannst du von ihr selber die Einzelheiten dieser hübschen Geschichte erfahren.«

»Diese gute Bäuerin ist ein ausgezeichnetes Weib. Ich werde ihr ihre Auslagen ersetzen. Aber sage mir jetzt, warum du mir das Bild nicht früher geben wolltest, als bis du im Bette lägest?«

»Rate!«

»Damit ich dich sofort in die Stellung bringen könnte, in der du abgebildet bist.«

»Ganz recht.«

»Ein ausgezeichneter Gedanke, den nur die Liebe dir hat einflößen können. Aber dafür mußt du jetzt warten, bis ich in demselben Zustande bin wie du.«

Als wir beide im einfachen Naturzustande waren, wie Adam und Eva, bevor sie den verhängnisvollen Apfel gegessen hatten, brachte ich sie in die Stellung, in der sie auf dem Bilde gemalt war. Sie erriet bei meinem Anblick, was ich tun wollte, und öffnete ihre Arme zu meinem Empfang; aber ich sagte ihr, sie möchte noch einen Augenblick warten, denn ich hätte ebenfalls in einem Päckchen etwas, was ihr Vergnügen machen würde.

Nun zog ich aus meiner Brieftasche ein Röckchen aus durchsichtiger Haut, ungefähr acht Zoll lang, vorne ohne Öffnung und am anderen Ende mit einem rosafarbenen Bändchen geschmückt. Ich reichte ihr dieses Säckchen, sie sah es an, bewunderte es, lachte herzlich und fragte mich, ob ich bei ihrer Schwester in Venedig mich ebenfalls solcher Röckchen bedient hätte.

»Ich werde es dir selber anziehen, lieber Freund! Du kannst es dir gar nicht denken, wie glücklich es mich macht. Sage mir, warum hast du es nicht auch in der vorigen Nacht angewandt hast? Es scheint mir unmöglich zu sein, daß ich nicht empfangen haben sollte. Ach, wie unglücklich werde ich sein, wenn das der Fall ist! Was werde ich anfangen, wenn ich in vier oder fünf Monaten nicht mehr an meinem Zustande zweifeln kann?«

»Liebe Freundin, hier gibt es weiter nichts, als nicht daran zu denken; denn wenn das Unheil einmal geschehen ist, so gibt es kein Mittel dagegen. Zudem kann ich dir sagen, daß wir nach der Erfahrung und auf Grund der bekannten Naturgesetze hoffen dürfen, daß unsere süßen Liebeskämpfe von gestern keine ärgerlichen Folgen haben werden. Man sagt, und viele Schriftsteller haben es bestätigt, daß eine Frau im Wochenbette nicht empfangen kann, bevor sie nicht wieder ein gewisses Merkmal gesehen hat, das sich, wie ich glaube, bei dir noch nicht gezeigt hat.«

»Gott sei Dank, nein!«

»Nun, so wollen wir denn alle Sorgen und alle Gedanken an eine böse Zukunft uns fern halten, denn damit könnten wir nur unser gegenwärtiges Glück beeinträchtigen.«

»Ich bin schon vollkommen getröstet; aber ich begreife nicht, wie du heute etwas fürchten kannst, was du gestern nicht befürchtetest; denn ich bin heute nicht anders als gestern.«

»Ereignisse, meine Liebe, haben zuweilen die Meinung der größten Ärzte auf grausame Weise zuschanden gemacht. Die Natur ist weiser als sie: sie hat ihre Regeln und ihre Ausnahmen; wir wollen uns hüten, sie herauszufordern, zugleich aber uns verzeihen, daß wir sie gestern herausgefordert haben.«

»Es freut mich, daß du so vernünftig sprichst. Ja, seien wir vorsichtig, obgleich dies für mich ein Opfer ist! Vorwärts! Da hast du eine Haube wie eine Äbtissin! Aber so fein auch die Hülle ist, das Kerlchen gefiel mir viel besser, als es nackt war. Mir scheint, diese Metamorphose setzt dich herab – dich oder mich!«

»Du hast recht, mein Engel – sie setzt uns beide herab, aber wir wollen in diesem Augenblick gewisse Gedanken lieber von uns fernhalten, durch die wir nur an Freuden einbüßen.«

»Wir werden den Verlust bald wieder einholen! Laß mich jetzt einmal von meiner Vernunft Gebrauch machen, denn bis jetzt durfte ich ihr in solchen Dingen niemals die Zügel schießen lassen. Die Liebe hat dieses kleine Futteral erfunden; aber sie hat dabei auch gewiß die Stimme der Vorsicht gehört; mich dünkt, die Verbindung mit dieser hat ihr langweilig sein müssen; denn die Vorsicht ist ja nur eine Tochter der eigennützigen Schlauheit.«

»Du überraschst mich durch die Richtigkeit deiner Bemerkung; aber, meine Liebe, wir wollen nachher darüber philosophieren.«

»Warte noch einen Augenblick: ich habe noch niemals einen Mann gesehen und habe noch nie solche Lust gehabt, einen zu sehen. Vor zehn Monaten würde ich diese Dinger eine Erfindung des Teufels genannt haben, aber wenn mein häßlicher alter Buckeliger sich ein solches Futteral übergezogen hätte, würde er mich nicht in Gefahr gebracht haben, Ehre und Leben zu verlieren. Aber sage mir doch bitte, wie kommt es, daß man die Schneider, die diese Röckchen anfertigen, in Ruhe läßt? Sie müssen doch jedenfalls bekannt sein, und man hat sie gewiß hundertmal exkommuniziert oder mit harten Geldbußen belegt, vielleicht sogar mit Leibesstrafen, wenn sie Juden sind, wie ich glaube. Sieh mal, der Anfertiger von diesem hier hat dir schlecht Maß genommen. Schau doch nur, hier ist es zu weit, da zu eng; es macht ja beinahe einen Bogen! Was für ein Dummkopf, wie ungeschickt in seinem Handwerk! Aber was sehe ich denn da?«

»Du machst mich lachen. Das ist deine Schuld. Fortwährend berührst du ihn, streichelst ihn – da mußte es natürlich so kommen. Ich hatte es mir gleich gedacht.«

»Und du hast nicht einen Augenblick noch warten können? Aber du hörst ja gar nicht auf. Es tut mir sehr leid darum, lieber Freund. Aber du hast recht. O mein Gott! Wie schade!«

»Der Schaden ist nicht groß, tröste dich.«

»Wie sollte ich mich wohl trösten können? Ich Unglückliche! Sieh doch, er ist tot. Du lachst?«

»Ja, über deine reizende Naivität. Du wirst in einem Augenblick sehen, daß deine Reize ihm ein neues Leben verleihen, das er nicht so leicht wieder verlieren wird.«

»Das ist wunderbar, das ist unglaublich!«

Ich zog das Futteral ab und reichte ihr ein anderes, das ihr besser gefiel, weil es mir nach ihrer Ansicht besser paßte. Sie lachte laut auf, als sie sah, daß sie es mir überziehen konnte. Sie kannte diese Wunder der Natur nicht. Ihr Geist, in engen Banden gehalten, hatte unmöglich die Wahrheit entdecken können, bevor sie mich kannte; kaum aber war er frei geworden, so hatte er mit der ganzen Schnelligkeit, zu der die Natur und eine brennende Neugier treiben, seine Grenzen erweitert.

»Aber,« sagte sie, »wenn nun das Häutchen durch die Reibung zerreißt, wird dann nicht die ganze Vorsichtsmaßregel zwecklos?«

Ich sagte ihr, daß ein solcher Unfall nicht leicht möglich sei, und erklärte ihr, aus welchem Stoff die Engländer diese Dinger anfertigen.

Nach allen diesen Reden, die mich in meiner Ungeduld bereits ermüdeten, überließen wir uns der Liebe und dann dem Schlaf, und so immer abwechselnd bis zum Tagesanbruch. Als ich fort ging, sagte die Bauersfrau mir, der Maler habe vier Louis verlangt und zwei habe sie ihrem Milchsohn als Belohnung gegeben. Ich gab ihr zwölf und ging dann in mein Zimmer, nw ich bis zum Mittag schlief. Um das Frühstück des Marquis von Prié kümmerte ich mich nicht, doch hielt ich es für meine Pflicht, ihm Bescheid sagen zu lassen. Seine Geliebte schmollte mit mir während des ganzen Mittagmahls; doch besänftigte sie sich, als ich mich überreden ließ, eine Bank aufzulegen. Da ich jedoch sah, daß sie hoch spielte, ließ ich sie zwei- oder dreimal auf einen »Irrtum« aufmerksam machen, hierüber ärgerte sie sich dermaßen, daß sie mit ihrer schlechten Laune in einen Winkel des Saales ging. Ihr Freund gewann jedoch, und ich war im Verlust, als der schweigsame Herzog von Roxburgh mit seinem Hofmeister Smith und zwei Landsleuten von Genf ankam. Er trat auf mich zu, sagte How do you do und begann dann, ohne weiter ein Wort zu sagen, sich am Spiel zu beteiligen, wozu er auch seine Freunde aufforderte.

Als ich am Ende der Taille meine Bank in den letzten Zügen liegen sah, schickte ich Leduc auf mein Zimmer, um mir meine Kassette holen zu lassen, der ich fünf Rollen von hundert Louis entnahm. Der Marquis von Prié sagte mir kalt, er gehe zur Hälfte mit, und ich bat ihn im gleichen Ton, zu gestatten, daß ich von seinem Anerbieten absehe. Er schien durch meine Weigerung sich nicht beleidigt zu fühlen, denn er fuhr fort, seine Einsätze zu machen. Als ich die Karten hinlegte und aufhörte, hatte er zweihundert Louis gewonnen, aber alle andern hatten verloren, besonders einer von den Engländern, so daß ich mich mit einem Gewinn von mehr als tausend Louis zurückzog. Der Marquis lud sich bei mir für den nächsten Vormittag zur Schokolade ein, und ich antwortete ihm, ich würde die Ehre haben, ihn auf meinem Zimmer zu erwarten. Nachdem ich meine Kassette wieder auf mein Zimmer hatte bringen lassen, ging ich nach dem Bauernhause; ich war mit meinem Tagewerk sehr zufrieden und hatte alle Lust, durch eine Liebesnacht dem Werke die Krone aufzusetzen.

Ich fand einen Schatten von Traurigkeit auf den Zügen meiner Schönen und fragte sie nach der Ursache. Sie sagte mir, ein Neffe der Wirtin, der am Morgen von Chambéry gekommen sei, habe ihr gesagt, daß er von einer ihm bekannten Laienschwester desselben Klosters gehört habe, daß am übernächsten Tage in aller Frühe zwei Laienschwestern sich auf den Weg machen würden, um sie abzuholen; über diese traurige Nachricht habe sie viele Tränen vergossen.

»Aber die Äbtissin wollte sie doch erst in ungefähr zehn Tagen schicken!«

»Ohne Zweifel hat sie ihre Meinung geändert.«

»Wir sind unglücklich selbst im Glück! Entschließe dich doch, werde mein Weib, geh mit mir nach Rom! Ich werde dich dort von deinem Gelübde entbinden lassen, und du kannst dich darauf verlassen, daß ich für dein Glück sorgen werde.«

»Nein, mein Freund, ich habe genug gelebt; laß mich in das Grab zurückkehren.«

Nach dem Essen sagte ich der Bäuerin, wenn sie sich auf die Verschwiegenheit ihres Neffen verlassen könne, solle sie ihn sofort nach Chambéry abgehen lassen, mit dem Befehl, in demselben Augenblick zurückzumarschieren, wo er erfahren würde, daß die Laienschwestern sich auf den Weg gemacht hätten. Er solle sich Mühe geben, zwei Stunden vor ihnen wieder einzutreffen. Die gute Frau sagte mir, ich könne mich darauf verlassen, daß der junge Mann verschwiegen sei und meine Befehle pünktlich ausführen werde. Nachdem ich hierdurch meine reizende Nonne beruhigt hatte, legte ich mich zu ihr ins Bett. Ich war verliebt, aber traurig. Unter dem Vorwande, daß sie Ruhe haben müsse, verließ ich sie schon um Mitternacht; in Wirklichkeit geschah dies, weil ich am Morgen in meinem Zimmer sein mußte, denn ich hatte mich ja verpflichtet, dem Marquis ein Frühstück zu geben.

Dieser kam mit seiner Geliebten und mit zwei anderen Damen und deren Ehemännern oder Liebhabern. Ich beschränkte mich nicht darauf, ihnen Schokolade vorzusetzen, denn mein Frühstück bestand aus dem besten, was die Gegend liefern konnte. Als ich diese lästige Gesellschaft los war, befahl ich Leduc, mein Zimmer zu schließen und allen Leuten zu sagen, ich läge unwohl im Bett und könnte niemanden empfangen. Ferner sagte ich ihm, ich würde zwei Tage abwesend sein und er dürfe bis zu meiner Rückkehr das Zimmer nicht einen Augenblick verlassen. Nachdem ich dies alles angeordnet hatte, verließ ich das Haus, ohne von einem Menschen gesehen zu werden, und begab mich zu meiner schönen Geliebten. Ich war entschlossen, sie erst eine halbe Stunde vor der Ankunft der Laienschwestern zu verlassen.

Als sie mich sah und von mir hörte, daß ich bis zu ihrer Abreise bei ihr bleiben würde, zitterte sie vor Freude, und wir beschlossen, nicht zu Mittag zu essen, sondern uns nur den Freuden der Liebe zu widmen und unsern Appetit für ein delikates Abendessen aufzusparen.

»Nach dem Essen gehen wir zu Bett,« sagte sie zu mir, »und stehen erst auf, wenn der junge Bote uns die traurige Nachricht von dem Abmarsch der beiden Laienschwestern bringt.«

Ich fand die Idee wundervoll und rief sofort die Bäuerin, um sie von unseren Entschlüssen in Kenntnis zu setzen. Sie lobte uns und versprach uns, wir könnten in aller Ruhe glücklich sein, denn sie würde über unsere Sicherheit getreulich wachen.

Wir fanden die Stunden nicht zu lang; denn zwei leidenschaftlichen Verliebten fehlt es niemals an Stoff zur Unterhaltung, weil sie selber der Gegenstand ihrer Gespräche sind. Die Pausen füllten wir mit Liebkosungen aus; aber abgesehen davon haftete unserer Lage etwas so Feierliches und so Ernstes an, daß unsere Seelen und unsere Sinne beständig in Tätigkeit waren.

Nachdem wir ein Abendessen eingenommen hatten, das der Tafel des Lukullus würdig war, verbrachten wir zwölf Stunden damit, uns gegenseitig Beweise der Liebe und Hingebung zu liefern; nach unseren Liebeskämpfen schliefen wir ein und erwachten nur, um unsere Angriffe sofort wieder zu beginnen. Am Morgen standen wir auf, um uns zu erfrischen; nachdem wir ein gutes Mittagessen zu uns genommen hatten, das wir mit einem köstlichen Burgunder anfeuchteten, legten wir uns wieder zu Bett; aber um vier Uhr kam die Bäuerin und sagte uns, die Laienschwestern würden gegen sechs Uhr da sein. Mit der Zukunft hatten wir uns nicht mehr zu beschäftigen, denn das Schicksal war entschieden. So überließen wir uns denn, vom gleichen Drange beseelt, den Liebkosungen des Abschiedes; die letzte besiegelte ich mit meinem Blute. Meine erste M. M. hatte es gesehen, meine zweite sollte es ebenfalls sehen. Sie erschrak darüber, aber ich beruhigte sie.

Hierauf stand ich auf, nahm eine Rolle von fünfzig Louis und bat sie, mir diese aufzuheben, indem ich ihr versprach, ich würde sie vor Ablauf von zwei Jahren an dem Sprechgitter ihres traurigen Gefängnisses mir wieder abholen. Sie verstand mich und nahm das Geld. Die ganze letzte Viertelstunde vergoß sie Tränen, und ich selber hielt die meinigen nur zurück, um ihren Schmerz nicht noch zu vermehren. Ich schnitt ein Löckchen von ihrem Vließ und eine Locke von ihrem schönen Haar ab und versprach ihr, diese mein ganzes Leben lang auf meinem Herzen zu tragen.

Dann ging ich, nachdem ich der Bäuerin noch gesagt hatte, daß sie mich am nächsten Morgen wiedersehen würde. Sobald ich in meinem Zimmer war, legte ich mich zu Bett. Am nächsten Tage ging ich bei Tagesanbruch auf die Straße, die nach Chambéry führt. Eine Viertelstunde von Aix sah ich meine Engelsnonne, die mit langsamen Schritten ihres Weges ging. Als die beiden Nonnen bei mir waren, baten sie mich im Namen Gottes um ein Almosen, und ich gab ihnen einen Louis. Aber meine Heilige sah mich nicht an.

Mit wundem Herzen ging ich zu der guten Bäuerin; sie sagte mir, M. M. sei mit Tagesanbruch fortgegangen und habe ihr aufgetragen, mir zu sagen, daß sie mich am Sprechgitter erwarte. Ich umarmte die gute Frau und gab ihrem Neffen alles Silbergeld, das ich bei mir hatte. Hierauf ging ich nach Hause und ließ sofort meine Sachen auf meinen Reisewagen laden. Ich wäre im selben Augenblick abgereist, wenn ich Pferde gehabt hätte. Da ich diese aber erst um zwei Uhr bekommen konnte, so machte ich dem Marquis einen Abschiedsbesuch. Er war ausgegangen, aber seine Geliebte war allein zu Hause. Als ich sagte, daß ich um zwei Uhr abfahren würde, rief sie: »Sie werden nicht abreisen! Ich hoffe doch, Sie werden mir ein paar Tage nicht abschlagen!«

»Ich weiß diese Ehre sehr wohl zu schätzen, aber eine Angelegenheit von der größten Wichtigkeit zwingt mich, so rasch als möglich abzureisen.«

»Es ist unmöglich!« rief die Schöne. Mit diesen Worten trat sie vor einen Spiegel, um sich besser zu schnüren, was ihr Gelegenheit gab, mich einen prachtvollen Busen sehen zu lassen. Ich erriet ihre Absichten, beschloß aber, nicht darauf einzugehen. Sie setzte den einen Fuß auf das Kanapee, um ihr Strumpfband zu befestigen, und zeigte mir dabei ein tadellos geformtes Bein; hierauf trat sie auf den anderen Fuß und verschaffte mir einen halben Blick auf Schönheiten, die verführerischer waren als Evas Apfel. Ich war nahe daran, zu unterliegen, da trat der Marquis ein. Er schlug mir eine Partie Quinze zu kleinen Einsätzen vor; die Dame wünschte sich daran zu beteiligen, wie hätte ich also ausweichen können? Sie setzte sich neben mich, und ich hatte vierzig Louis verloren, als man uns meldete, daß das Essen aufgetragen sei. »Ich bin Ihnen zwanzig Louis schuldig,« sagte die Gnädigste zu mir.

Wir gingen in den Speisesaal. Beim Nachtisch trat Leduc ein und meldete mir, daß mein Wagen vor der Tür stehe. Ich stand auf, aber Madame nötigte mich unter dem Vorwande, mir meine zwanzig Louis wiedergeben zu wollen, sie auf ihr Zimmer zu begleiten. Als wir dort allein waren, sagte sie mir in ernstem und bittendem Ton: wenn ich abreiste, wäre sie entehrt, denn die ganze Gesellschaft wüßte, daß sie sich verpflichtet hätte, mich zum Bleiben zu bewegen.

»Bin ich denn eine Frau, die man gering schätzt?« fragte sie mich. Zugleich ließ sie mich auf dem Kanapee Platz nehmen. Hierauf begann sie dieselben Manöver wie am Vormittage und setzte mich bald instand, alles zu sehen. Der Anblick ihrer Reize erregte mich: ich lobte, streichelte, küßte. Sie ließ sich auf mich sinken, preßte ihren Mund auf den meinigen und strahlte vor Freude, als ihre sich verirrende Hand einen greifbaren Beweis von der Macht ihrer Reize fand.

»Ich verspreche dir, morgen dein zu sein. Bleib!«

Da ich nicht wußte, wie ich mich weigern sollte, so forderte ich sie auf, ihr Wort zu halten, und sagte ihr, ich würde ausspannen lassen. In demselben Augenblick trat der Marquis ein und sagte mir, er wolle mir Revanche geben. Ohne ihm zu antworten, ging ich die Treppen hinunter, wie wenn ich gleich wiederkommen würde. Ich verließ den Gasthof, stieg in meinen Wagen und fuhr ab, indem ich dem Postillon ein gutes Trinkgeld versprach, wenn er seine Pferde tüchtig galoppieren ließe.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.