Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Giacomo Casanova >

Erinnerungen

Giacomo Casanova: Erinnerungen - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorCasanova
titleErinnerungen
volume4
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20050616
projectide0c133bb
Schließen

Navigation:

Erstes Kapitel

Meine Abenteuer in Air in Savoyen. – Meine zweite M. M. – Madame Zeroli.

Einige Schritte vom Brunnen entfernt bemerkte ich zwei Nonnen, die von ihm herkamen. Sie waren verschleiert, aber an ihrem Wuchs und Gang erkannte ich, daß die eine jung und die andere alt war. Hierbei war nun freilich nichts Wunderbares, aber ihr Ordenskleid fiel mir auf, denn es war dasselbe, das meine teure M. M. getragen hatte, die ich fünf Jahre vorher, am 24. Juli 1755, zum letzten Male gesehen hatte. Ich glaubte zwar nicht, daß es die junge Nonne M. M, sei, aber ihr Erscheinen genügte, um meine Neugier zu erregen. Sie gingen nach dem freien Felde zu. Ich kehrte sofort um, um ihnen den Weg abzuschneiden, sie von vorne zu sehen und mich von ihnen sehen zu lassen. Man denke sich meine Überrraschung, als ich mich umdrehte und in der Jungen, die vorausging und den Schleier zurückgeschlagen hatte, die leibhaftige M. M. vor mir erblickte. Ich konnte nicht daran zweifeln und ging auf sie zu, als sie plötzlich ihren Schleier herunterließ und einen anderen Weg einschlug, um mir auszuweichen.

Ich begriff sofort, daß sie alle möglichen Gründe haben konnte, um so zu handeln. Ich kehrte daher abermals um, verlor sie aber nicht aus dem Gesicht und folgte ihr von weitem, um zu sehen, wohin sie ginge. In einer Entfernung von etwa fünfhundert Schritten sah ich sie in ein einzeln liegendes Haus von ärmlichem Aussehen eintreten. Dies genügte mir. Ich kehrte nach dem Brunnen zurück, um mich auf unauffällige Weise zu erkundigen.

Unterwegs erging ich mich in tausend Vermutungen. Die unglückliche, reizende M. M., sagte ich mir, wird in ihrer Verzweiflung aus dem Kloster entflohen sein; vielleicht hat sie ihren Verstand verloren, denn warum hat sie nicht ihr Ordenskleid abgelegt? Vielleicht aber auch ist sie mit einer Erlaubnis von Rom hierher gekommen, um die Brunnenkur zu gebrauchen; dies wird ohne Zweifel der Grund sein, warum sie eine Nonne bei sich hat und ihre Tracht nicht ablegen kann. Auf alle Fälle kann sie ihre Reise nur unter einem falschen Vorwande unternommen haben. Sollte sie sich irgend einer verhängnisvollen Leidenschaft überlassen haben, deren Folge eine Schwangerschaft gewesen wäre? Vielleicht ist sie in Verlegenheit; dann muß sie glücklich sein, mich gefunden zu haben. Ich werde sie nicht in ihrer Hoffnung täuschen; ich bin bereit, alles zu tun, um ihr zu beweisen, daß ich würdig war, ihr Herz zu besitzen.

In diese Gedanken versunken, kam ich unversehens zum Brunnen, wo ich die ganze Spielergesellschaft fand. Alle umringten mich und sprachen ihre Freude aus, daß ich nicht abgereist sei. Ich fragte den Chevalier Zeroli nach dem Befinden seiner Gemahlin; er antwortete mir, sie liege noch im Bett und es werde sehr freundlich von mir sein, sie zum Aufstehen zu bewegen. Ich verabschiedete mich von ihm, um zu seiner Frau zu gehen, als der Badearzt mich anredete und mir sagte, das ausgezeichnete Wasser von Aix würde mir doppelte Gesundheit geben. Mit meinen Gedanken beschäftigt, fragte ich ihn ohne Umschweife, ob er der Arzt einer hübschen Nonne wäre, die ich gesehen hätte.

»Sie trinkt hier den Brunnen,« antwortete er, »aber sie spricht mit keinem Menschen.«

»Woher ist sie?«

»Das weiß niemand; sie wohnt bei einem Bauern.«

Ich verließ den Arzt; anstatt mich aber zu dem Gasthof zu begeben, wo ohne Zweifel die Schelmin Zeroli mich erwartete, lenkte ich meine Schritte nach dem Bauernhäuschen, aus dem meine Phantasie bereits den Tempel der lieblichsten aller Gottheiten machte. Ich war fest entschlossen, mir in vorsichtiger Weise alle wünschenswerten Auskünfte zu verschaffen. Aber, wie wenn die Liebe meinen Wünschen entgegenkommen wollte, sah ich die Bäuerin herauskommen und mir entgegengehen, als ich noch hundert Schritte von der Hütte entfernt war. Sie sprach mich an: »Mein Herr, die junge Nonne läßt Sie bitten, heute Abend um neun wiederzukommen; die Laienschwester schläft dann, und sie wird ungestört mit Ihnen sprechen können.«

Jetzt konnte mir nicht der geringste Zweifel mehr bleiben. Mein Herz hüpfte vor Freuden. Ich gab der Bäuerin einen Louis und versprach ihr, pünktlich um neun Uhr zu kommen.

Nachdem ich auf diese Weise die Gewißheit erlangt hatte, daß ich am Abend meine anbetungswürdige M. M. wiedersehen würde, ging ich nach dem Gasthof zurück, ließ mir das Zimmer der Frau Zeroli bezeichnen, trat ohne Umstände bei ihr ein und sagte ihr, ihr Mann habe mich geschickt, um sie zum Aufstehen zu bewegen.

»Ich glaubte, Sie seien abgereist.«

»Ich werde um zwei Uhr fahren.«

Ich fand die junge Frau im Bett noch viel appetitlicher als bei Tisch. Ich half ihr, ihr Mieder anzulegen, und der Anblick ihrer Reize entflammte mich; aber sie leistete mehr Widerstand, als ich erwartet hatte. Ich setzte mich auf das Fußende ihres Bettes und sprach ihr von meiner Glut, die sie mir eingeflößt hätte, und daß ich unglücklich sei, ihr nicht vor meiner Abreise meine Liebe durch die Tat beweisen zu können.

»Aber«, rief sie lachend, »es steht ja nur bei Ihnen, noch hier zu bleiben.«

»Ermutigen Sie mich, auf Ihre Gunst hoffen zu dürfen, und ich verschiebe meine Abreise bis morgen.«

»Sie sind zu stürmisch; ich bitte Sie, ruhig zu sein.«

Ziemlich zufrieden mit dem wenigen, das sie mir gewährte, indem sie anscheinend, wie es Brauch ist, nur der Gewalt wich, mußte ich mich beruhigen, als ihr Gatte erschien, der aus Vorsicht vor dem Eintritt ein Geräusch machte, so daß wir ihn hörten. Bei seinem Anblick sagte seine Frau ohne jede Verlegenheit: »Ich habe den Herrn überredet, noch bis übermorgen hier zu bleiben.«

»Dies freut mich sehr, meine Liebe; es freut mich um so mehr, da ich ihm noch Revanche schuldig bin.«

Mit diesen Worten nahm er ein Spiel Karten, das ihm eben zur Hand lag, wie wenn er es absichtlich hingelegt hätte; hierauf setzte er sich auf die andere Seite des Bettes, so daß seine Frau gewissermaßen als Spieltisch diente, und begann abzuziehen.

Ich konnte nicht zurück. Da ich sehr zerstreut war, verlor ich unaufhörlich, bis man uns meldete, daß das Mittagessen fertig sei.

»Ich habe keine Zeit mehr, mich anzuziehen,« sagte die Schöne; »ich werde in meinem Bett speisen, wenn Sie, mein Herr, mir Gesellschaft leisten wollen.«

Wie hätte ich dies ausschlagen können! Der Mann ging hinaus, um das Mahl zu bestellen; durch den abermaligen Verlust von etwa zwanzig Louis dazu berechtigt, sagte ich der Spitzbübin, wenn sie mir nicht bestimmt verspräche, mich im Laufe des Nachmittags glücklich zu machen, würde ich sofort nach Tisch abreisen.

»Ich werde Sie morgen früh um neun Uhr zum Frühstück erwarten. Wir werden allein sein.«

Nachdem sie mich daraufhin hinreichende Pfänder für ihr Versprechen hatte nehmen lassen, versprach ich ihr, zu bleiben.

Wir speisten an ihrem Bett, und ich ließ meinem Leduc sagen, ich würde erst am nächsten Nachmittag abreisen. Mann und Frau strahlten vor Freude, als sie dieses hörten.

Als wir mit dem Essen fertig waren, äußerte die gnädige Frau den Wunsch, aufzustehen. Ich entfernte mich mit dem Versprechen, sofort wieder zu kommen, um mit ihr unter vier Augen eine Partie Pikett auf hundert zu spielen. Ich ging auf mein Zimmer, um meine Börse wieder zu füllen, und fand dort Desarmoises, der mir sagte:

»Ich habe die saubere Bescherung entdeckt: man hat dem Fuhrmann zwei Louis gegeben, um ein krankes Pferd an Stelle des seinigen in den Stall zu bringen.«

»Ich kann nicht auf der einen Seite gewinnen, ohne auf der anderen zu verlieren. Ich bin in die Frau des Chevaliers verliebt und werde meine Abreise so lange hinausschieben, bis ich alles erlangt habe, was ich von ihr wünsche.«

»Ich fürchte, die Befriedigung dieses Wunsches wird Ihnen teuer zu stehen kommen. Übrigens können Sie über mich verfügen.«

Ich dankte ihm lächelnd und begab mich wieder zu meiner Schönen, die ich erst gegen acht Uhr unter dem Vorwande starker Kopfschmerzen verließ, nachdem ich ihr ein Dutzend Partien bezahlt hatte, die wir zu einem Louis spielten.

Ich ließ sie in zahlreicher Gesellschaft zurück und erinnerte sie beim Abschied noch an ihr Versprechen für den nächsten Morgen um neun Uhr.

Bei schönem Mondschein ging ich allein nach dem Bauernhäuschen, wo ich meine göttliche M. M. wiederfinden sollte. Ich war ungeduldig auf das Ergebnis dieses Besuches, von dem mein ganzes Schicksal abhängen konnte.

Ich hatte mich vorsorglicherweise mit Pistolen versehen und trug meinen Degen an der Seite; denn ich war nicht ohne Verdacht, daß mir an diesem Orte, wo sich so viele Industrieritter aufhielten, irgend ein Hinterhalt gelegt werden könnte. Zwanzig Schritte vom Häuschen entfernt, sah ich die Bäuerin mir entgegenkommen; sie sagte mir, die Nonne könne nicht hinunterkommen und ich müsse daher durch das Fenster einsteigen; sie habe zu diesem Zweck eine Leiter bereit gestellt. Ich trat näher; da ich jedoch kein Licht sah, so würde ich mich nicht zum Einsteigen entschlossen haben, wenn ich nicht die Stimme gehört hätte, die ich so gut zu kennen glaubte; sie rief mir zu: »Kommen Sie, fürchten Sie nichts!« Übrigens war das Fenster nicht sehr hoch, und die Gefahr konnte nicht groß sein. Ich stieg hinein und glaubte gewiß zu sein, meine geliebte M. M. in den Armen zu halten. Nachdem ich ihr Gesicht mit glühenden Küssen bedeckt hatte, fragte ich sie in venetianischer Sprache: »Warum hast du denn nicht ein Licht hier? Ich hoffe, du wirst mir sofort sagen, was für ein Ereignis, das mir als ein Wunder erscheint, dich hierher geführt hat? Beeile dich, liebes Herz, meine berechtigte Ungeduld zu befriedigen.«

Aber der Leser stelle sich meine Überraschung vor, als ich ihre Stimme in der Nähe hörte und erkannte, daß es nicht M. M. war.

Sie sagte mir, sie verstehe nicht venetianisch und ich brauche kein Licht, um ihr zu sagen, was Herr de Coudert zu tun beschlossen habe, um sie aus ihrer schrecklichen Lage zu befreien.

»Sie überraschen mich, Madame! Ich kenne keinen Herrn Coudert. Wie? Sie sind nicht Venetianerin, Sie sind nicht die Nonne, die ich heute früh gesehen habe?«

»Ich Unglückliche! ich habe mich geirrt. Ich bin die Nonne, die Sie heute früh gesehen haben, aber ich bin Französin. Um Gottewillen, mein Herr, ich beschwöre Sie, seien Sie verschwiegen und gehen Sie, denn ich habe Ihnen nichts zu sagen. Sprechen Sie leise; denn wenn meine Laienschwester erwachte, wäre ich verloren.«

»Zweifeln Sie nicht an meiner Verschwiegenheit, Madame! Mich täuschte Ihre vollkommene Ähnlichkeit mit einer Angehörigen Ihres Ordens, die mir stets teuer sein wird. Wenn Sie mir nicht Ihr Gesicht gezeigt hätten, würde ich Ihnen nicht gefolgt sein. Verzeihen Sie mir gütigst, wenn ich Ihnen Zeichen von Zärtlichkeit gegeben habe, die Ihnen kühn erscheinen müssen.«

»Ich bin darüber höchst erstaunt gewesen, aber ich fühle mich nicht beleidigt. Ach! warum bin ich nicht die Nonne, für die Sie sich interessieren! Ich schwebe am Rande des furchtbarsten Abgrundes.«

»Wenn zehn Louis, Madame, Ihnen von Nutzen sein können, so werden Sie mir eine Ehre erweisen, wenn Sie sie annehmen.«

»Ich danke Ihnen, ich brauche kein Geld. Aber ich bitte Sie dringend, doch den Louis wieder zurückzunehmen, den Sie mir heute früh gesandt haben.«

»Madame, soweit würbe ich mich niemals vergessen haben! Diesen Louis hatte ich der Bäuerin gegeben. Aber Sie vermehren noch meine Überraschung, und ich bitte Sie, mir zu sagen, was das für ein Unglück ist, gegen das sich mit Geld nichts ausrichten läßt.«

»Vielleicht hat Gott Sie gesandt, um mir zu helfen. Vielleicht werden Sie mir einen guten Rat geben. Ich bitte Sie also: Hören Sie mich an.«

»Ich stehe Ihnen ganz und gar zur Verfügung und höre Ihnen mit der größten Teilnahme zu. Setzen wir uns.«

»Leider ist weder Bett noch Stuhl hier.«

»Nun, so bleiben wir stehen; sprechen Sie!«

»Ich bin aus Grenoble. Man hat mich gezwungen, in Chambéry den Schleier zu nehmen. Zwei Jahre, nachdem ich das Gelübde abgelegt hatte, gelang es Herrn de Coudert, mich zu sehen; ich habe ihn nachts im Klostergarten empfangen, in den er zu gelangen wußte, indem er über die Mauer kletterte, und ich habe das Unglück gehabt, schwanger zu werden. Der Gedanke, im Kloster niederzukommen, war entsetzlich; denn man hätte mich in einem fürchterlichen Gefängnis sterben lassen. Herr de Coudert fand Mittel, mich aus dem Kloster zu schaffen. Ein Arzt, den er um eine große Summe Geldes bestach, erklärte, ich würde sterben, wenn ich nicht hier in Aix den Brunnen tränke, der das einzige Rettungsmittel für mich wäre. Eine Prinzessin, die er kannte, wurde in das Geheimnis eingeweiht; sie erwirkte für mich beim Bischof von Chambéry einen Urlaub von drei Monaten, und die Äbtissin war mit meiner Reise einverstanden.

Infolge dieser Maßnahmen hoffte ich vor Ablauf von drei Monaten niederzukommen; aber ohne Zweifel habe ich mich geirrt, denn die drei Monate gehen ihrem Ende zu, und ich fühle noch keine Anzeichen der Niederkunft. Ich muß unbedingt ins Kloster zurückkehren, und Sie werden begreifen, daß ich mich dazu nicht entschließen kann. Die Laienschwester, die die Äbtissin mir als Aufpasserin mitgegeben hatte, ist ein ganz unleidliches Geschöpf. Sie hat Befehl, mich mit keinem Menschen sprechen zu lassen und zu verhindern, daß ich mein Gesicht sehen lasse. Sie befahl mir, sofort den anderen Weg einzuschlagen, als sie Sie umkehren sah. Ich hob meinen Schleier hoch, damit Sie sähen, daß ich die sei, die Sie, wie ich glaubte, suchten; glücklicherweise hat die grausame Person es nicht bemerkt. Sie verlangt, daß wir binnen drei Tagen aufbrechen, um ins Kloster zurückzukehren; denn sie hält meine Wassersucht für unheilbar. Sie hat mir nicht erlauben wollen, mit dem Arzt zu sprechen, den ich vielleicht auf meine Seite gebracht hätte, wenn ich ihm die Wahrheit anvertraut hätte. Ich bin erst einundzwanzig Jahre alt und ersehne den Tod als eine Wohltat.«

»Mäßigen Sie Ihre Tränen, liebe Schwester, und sagen Sie mir, wie Sie hier hätten niederkommen können, ohne daß die Laienschwester es bemerkt hätte?«

»Die brave Frau, bei der ich wohne, ist ein Engel von Güte. Ich habe mich ihr anvertraut, und sie hat mir versprochen, durch ein Schlafmittel, das sie sich in Annecy verschafft hat, die boshafte Person zu verhindern, mich zu hören, sobald meine Wehen beginnen. Dank diesem Mittel schläft sie jetzt in ihrer Dachkammer.«

»Warum hat man mich nicht durch die Tür eintreten lassen?«

»Damit der Bruder der Bäuerin, der ein roher Bengel ist, Sie nicht sehe.«

»Aber wie haben Sie glauben können, daß ich von Herrn Coudert geschickt sei?«

»Vor zehn oder zwölf Tagen habe ich ihm geschrieben, in was für einer schrecklichen Lage ich mich befinde. Ich habe ihm meinen Zustand in so lebhaften Farben geschildert, daß es mir unmöglich erscheint, er sollte nicht alles aufbieten, um mich zu retten. Und wie der Versinkende sich an jeden Strohhalm klammert, habe ich, als ich Sie mir folgen sah, mir eingebildet, Sie wären der Retter, den er mir schickte.«

»Sind Sie sicher, daß er Ihren Brief erhalten hat?«

»Die Bäuerin hat ihn in Annecy auf die Post gegeben.«

»Sie hätten an die Prinzessin schreiben müssen.«

»Das habe ich nicht gewagt.«

»Ich selber werde sie aufsuchen; ich werde auch Herrn de Coudert aufsuchen. Mit einem Wort, ich werde überall hingehen, nötigenfalls sogar zum Bischof, um bei ihm eine Verlängerung des Urlaubs auszurichten; denn in Ihrem jetzigen Zustande können Sie nicht ins Kloster zurück. Entscheiden Sie sich; denn ohne Ihre Zustimmung kann ich nichts machen. Wollen Sie sich mir anvertrauen? Ich werde Ihnen morgen Männerkleider bringen, werde Sie nach Italien führen, und solange ich lebe, werde ich für Sie sorgen – das schwöre ich Ihnen.«

Sie antwortete nicht, aber ich vernahm ein lautes Schluchzen, das mir das Herz zerriß; denn ich hatte ein lebhaftes Mitgefühl mit der traurigen Lage dieser interessanten Unglücklichen, die der Himmel dazu geschaffen hatte, eine gute Familienmutter zu sein, und die die Grausamkeit ihrer Erzeuger dazu verdammt hatte, nur eine nutzlose Nonne zu sein.

Da ich nicht mehr wußte, was ich ihr sagen sollte, ergriff ich ihre Hand und versprach ihr, am nächsten Tage wiederzukommen, um zu erfahren, welchen Entschluß sie gefaßt hätte, denn irgend einen Entschluß müßte sie unbedingt fassen. Ich stieg auf der Leiter wieder aus dem Fenster, gab der Bäuerin einen zweiten Louis und sagte ihr, ich würde am nächsten Tage um dieselbe Stunde wiederkommen, wünschte aber durch die Tür eintreten zu können. Ferner bat ich sie, der Laienschwester eine stärkere Dosis Opium zu geben, damit wir nicht zu fürchten brauchten, daß sie erwachte, während ich mit der jungen Nonne plauderte.

Im Grunde war ich sehr zufrieden, daß ich in meiner Meinung, die liebe Nonne könnte M. M. sein, mich getäuscht hatte. Indessen erweckte die außerordentliche Ähnlichkeit in mir den lebhaften Wunsch, sie in der Nähe zu sehen, und ich war überzeugt, daß sie mir am nächsten Tage nicht die Bitte abschlagen würde, sie bei Licht zu sehen. Ich lachte darüber, daß ich ihr so heiße Küsse gegeben hatte, aber ich fühlte auch, daß ich sie nicht im Stich lassen könnte. Übrigens wünschte ich mir zu diesem Gefühl Glück, weil ich überzeugt war, daß ich keines sinnlichen Anreizes bedürfte, um eine gute Handlung zu begehen, denn sobald ich erfahren hatte, daß nicht meine göttliche M. M. meine zärtlichen Küsse empfangen hatte, fühlte ich mich gewissermaßen beschämt, sie ihr gegeben zu haben. Ich hatte nicht einmal daran gedacht, sie beim Abschied freundlich zu umarmen.

Am Morgen sagte Desarmoises mir, die ganze Gesellschaft habe sich darüber aufgeregt, daß sie mich nicht an der Abendtafel gesehen, und habe alle möglichen Vermutungen angestellt, wo ich wohl sein könnte. Madame Zeroli habe mich seht eifrig gelobt, den Neckereien der beiden anderen Damen heldenmütig standgehalten und sich gerühmt, sie könnte mich in Aix festhalten, solange sie selber bliebe. Tatsächlich war ich allerdings nicht verliebt, aber doch neugierig auf sie geworden, und ich hätte ungern den Ort verlassen, ohne sie wenigstens einmal vollständig besessen zu haben.

Pünktlich um neun Uhr trat ich nach der Verabredung in ihr Zimmer ein. Ich fand sie angekleidet, und als ich ihr Vorwürfe darüber machte, sagte sie mir, dies müsse mir gleichgültig sein. Hierüber ärgerlich sprach ich kein Wort, während ich eine Tasse Schokolade mit ihr trank. Als ich gefrühstückt hatte, bot sie mir Revanche im Pikett an; ich dankte ihr jedoch, indem ich ihr sagte, in der Laune, in die sie mich versetzt hätte, würde ich besser spielen als sie, und ich liebte es nicht, von Damen Geld zu gewinnen. Mit diesen Worten stand ich auf und wollte hinausgehen.

»Haben Sie wenigstens die Güte, mich nach dem Brunnen zu begleiten.«

»Auch das nicht. Wenn Sie mich für einen Neuling halten, so irren Sie sich, es liegt mir gar nichts daran, daß die Leute glauben, ich hätte mein Ziel erreicht, wenn dies in Wirklichkeit nicht der Fall ist. Sie können sich zum Brunnen begleiten lassen, von wem Sie wollen. Gehorsamster Diener, leben Sie wohl, Madame!«

Mit diesen Worten ging ich hinaus, ohne auf die Reden zu achten, durch die sie mich zurückzuhalten suchte.

Ich traf den Wirt vor der Tür und sagte ihm, ich würde ganz bestimmt um drei Uhr abreisen. Die Schöne stand am Fenster und konnte mich hören. Ich ging geraden Weges zum Brunnen, wo der Chevalier mich fragte, wie es seiner Frau gehe.

Ich antwortete ihm, ich hätte sie im besten Wohlsein auf ihrem Zimmer gelassen. Eine halbe Stunde darauf sahen wir sie mit einem Fremden ankommen, der von einem Herrn de Saint-Maurice freundlich begrüßt wurde. Madame Zeroli verließ ihn und hängte sich an meinen Arm, wie wenn gar nichts weiter los wäre. Ich konnte sie nicht zurückweisen, ohne mich den ärgerlichsten Folgen auszusetzen; aber ich war kalt. Sie beklagte sich über mein Benehmen und sagte mir, sie hätte mich nur auf die Probe stellen wollen; wenn ich sie liebte, würde ich meine Abreise noch verschieben und am nächsten Morgen um acht Uhr mit ihr frühstücken. Ich antwortete ihr in ruhigem Ton, ich würde es mir überlegen. Ich war während des ganzen Mittagessens ernst und sagte zwei- oder dreimal, ich würde ganz bestimmt um drei Uhr abfahren. In Wirklichkeit wünschte ich aber nur einen Vorwand zu finden, um bleiben zu können, da ich ja am selben Abend meine Nonne besuchen sollte. Ich ließ mich daher überreden, eine Pharaobank aufzulegen.

Ich holte alles Gold, das ich bei mir hatte, und sah lauter freudestrahlende Gesichter, als ich ungefähr vierhundert Louis in Gold und sechshundert Franken Silber vor mich hinlegte. »Meine Herren,« sagte ich, »Punkt acht Uhr werde ich aufhören.« Der zuletzt Gekommene sagte lächelnd, möglicherweise würde die Bank nicht ein so langes Leben haben. Ich tat, als hätte ich nicht verstanden. Es war drei Uhr. Ich bat Desarmoises, mir als Croupier zu dienen, und begann mit der ganzen erforderlichen Langsamkeit abzuziehen, da ich achtzehn bis zwanzig gewerbsmäßige Spieler vor mir hatte. Bei jeder Taille nahm ich neue Karten.

Gegen fünf Uhr war ich in Verlust, als ein Wagen heranrasselte. Man sagte uns, es wären drei Engländer, die von Genf kämen und Pferde wechselten, um nach Chambéry weiter zu reisen. Gleich darauf sah ich sie eintreten und machte ihnen mein Kompliment. Es waren Herr Fox und seine beiden Freunde, die mit mir die Partie Quinze gemacht hatten.

Mein Croupier bot jedem von ihnen ein Buch Karten an; sie nahmen es mit Vergnügen an und begannen Sätze von zehn Louis zu machen, indem sie auf zwei und drei Karten spielten, und Paroli, sept et le va und sogar Quinze et le va hielten, so daß meine Bank in Gefahr war, in die Luft zu fliegen. Trotzdem bewahrte ich meine gute Haltung und ermutigte sie sogar; denn wenn Gott neutral blieb, so war die Gewinnaussicht für mich. Er war's, und bei der dritten Taille waren die Börsen der Engländer leer, und ihr Wagen hielt angespannt vor der Tür.

Während ich ein neues Spiel Karten mischte, zog der jüngste aus seiner Brieftasche ein Papier, das er seinen beiden Kameraden zeigte. Es war ein Wechsel.

»Wollen Sie«, fragte er mich, »auf eine Karte den Wert dieses Wechsels halten, ohne zu wissen, wie hoch er ist?«

»Ja; vorausgesetzt, daß Sie nur sagen, auf wen er gezogen ist, und daß die Summe nicht die Stärke meiner Bank übersteigt.«

Er warf einen Blick auf das Gold, das vor mir lag, und sagte: »Mein Wechsel beträgt nicht so viel wie Ihre Bank, und er ist auf Sicht bei Zappata in Turin zahlbar.«

Ich stimme zu, er hebt ab und legt den Wechsel auf ein Aß, nachdem seine beiden Freunde erklärt hatten, daß sie halb Part hielten. Ich ziehe ab und ziehe ab – kein Aß! Ich hatte nur noch ein Dutzend Karten in der Hand und sagte im ruhigsten Ton zu dem Spieler: »Mein Herr, es steht Ihnen frei, Ihren Einsatz zurückzuziehen.«

»Nein, fahren Sie fort.«

Ich mache noch zwei Abzüge – kein Aß! Ich hatte nur noch acht Karten.

»Mylord,« sage ich zu ihm, »es ist zwei gegen eins zu wetten, daß die nächste Karte ein Aß ist. Ich wiederhole Ihnen, es steht Ihnen frei, Ihren Einsatz zurückzuziehen.«

»Nein, Sie sind zu großmütig, ziehen Sie ab!«

Ich ziehe, gewinne und stecke meinen Wechsel in die Tasche, ohne ihn zu öffnen. Die Engländer schüttelten mir die Hand und gingen lachend hinaus. Ich freute mich der Wirkung, die mein kühnes Spiel auf die Gesellschaft geübt hatte, als der junge Fox wieder eintrat und mich laut lachend bat, ihm fünfzig Louis zu leihen. Ich zählte sie ihm mit dem größten Vergnügen auf. Er hat sie mir drei Jahre später in London zurückgegeben.

Alle waren neugierig, den Betrag des Wechsels zu erfahren, aber ich war nicht so gefällig, ihre Neugier zu befriedigen. Der Wechsel lautete auf achttausend Piemonteser Franken, wie ich sah, sobald ich allein war.

Die lieben Engländer hatten mir Glück gebracht, denn sobald sie fort waren, erklärte die Glücksgöttin sich für meine Bank. Um acht Uhr hörte ich auf. Nur die drei Damen hatten einige Louis gewonnen. Alle anderen waren völlig auf dem Trockenen. Ich hatte mehr als tausend Louis gewonnen und gab fünfundzwanzig davon meinem Croupier Desarmoises, der vor Freude ganz außer sich war. Schnell schloß ich mein Geld ein, steckte meine Pistolen in die Tasche und machte mich auf nach dem verabredeten Ort.

Die gute Bäuerin ließ mich durch die Tür eintreten und sagte mir, alles im Hause schlafe und sie habe nicht nötig gehabt, der Laienschwester eine neue Dosis von dein Schlaftrunk zu geben, denn diese sei noch gar nicht erwacht.

Dies erschreckte mich.

Ich ging hinauf und sah beim Scheine eines Talglichtes die arme junge Nonne, mit einem Schleier bedeckt, auf einem Strohsack sitzen, den die gute Bäuerin anstatt eines Sofas an die Wand gelehnt hatte. Das Licht, das dieses traurige Loch erhellte, war in eine Flasche gesteckt.

»Was haben Sie beschlossen, Madame«, fragte ich sie.

»Nichts, denn uns ist ein Unglück zugestoßen, das uns untröstlich macht: die Laienschwester schläft seit achtundzwanzig Stunden.«

»Sie wird diese Nacht an Krämpfen oder an einem Schlaganfall sterben, wenn Sie nicht einen Arzt kommen lassen, der sie vielleicht mit Bibergeil ins Leben zurückruft.«

»Wir haben daran gedacht; aber wir haben aus Furcht vor den Folgen es nicht zu tun gewagt; denn ob er sie nun heilt oder nicht, er wird auf alle Fälle sagen, wir hätten sie vergiftet.«

»Großer Gott! wie tun Sie mir leid; übrigens glaube ich, es ist schon zu spät, um sie noch behandeln zu lassen, und es wäre ganz überflüssig, einen Arzt zu holen. Wenn man alles recht bedenkt, müssen Sie den Gesetzen der Vorsicht folgen und sie sterben lassen. Ihr Tod wird in ihrem Alter natürlich erscheinen. Das Unglück ist nun einmal geschehen, und ich sehe kein Mittel dagegen.«

»Wir müssen zum mindesten an ihr Seelenheil denken und einen Priester rufen.«

»Ein Priester ist vollkommen überflüssig für sie, denn sie liegt in einem Zustande von Betäubung, und ihr Seelenheil ist durchaus nicht in Gefahr, übrigens würde ein unwissender Priester den Sachverständigen spielen wollen und aus Dummheit oder Bosheit alles ans Licht bringen. Wenn sie nicht mehr atmet, ist es an der Zeit, einen rufen zu lassen. Sie werden ihm sagen, sie sei plötzlich gestorben; Sie werden heftig weinen, werden ihm etwas zu trinken geben, und er wird nur daran denken, Ihren Schmerz zu beruhigen, und sich um die Tote gar nicht bekümmern.«

»Wir müssen sie also sterben lassen.«

»Man muß sie der Natur überlassen.«

»Wem, sie stirbt, werde ich einen Boten an die Äbtissin schicken, und diese wird mir eine andere Laienschwester zusenden.«

»Ja, und dadurch werden Sie etwa zehn Tage gewinnen. Während dieser Zeit werden Sie vielleicht entbunden, und dann können Sie sagen: zu irgend etwas ist stets auch das Unglück gut. Überlassen Sie sich nicht der Verzweiflung! Wir müssen uns dem Willen Gottes unterwerfen. Gestatten Sie, daß die Bäuerin heraufkommt, denn ich muß sie darüber belehren, wie sie sich in dieser gefährlichen Lage zu benehmen hat. Die Ehre und das Leben von uns dreien kann davon abhängen; denn wenn man entdecken sollte, daß ich hierher gekommen, würde man mich für den Giftmischer halten.«

Die Bäuerin kam herein, und ich stellte ihr vor, wie notwendig es für sie wäre, vorsichtig und verschwiegen zu sein. Sie begriff mich sehr gut, fühlte ihre eigene Gefahr und versprach mir, den Priester nicht eher holen zu wollen, als bis der Tod der Schwester gewiß wäre. Hierauf nötigte ich sie,zehn Louis anzunehmen, um damit in der schrecklichen Lage, worin wir uns befanden, alle notwendigen Ausgaben bestreiten zu können.

Als sie sich durch meine Freigebigleit reich geworden sah, küßte sie mir die Hände, kniete unter Tränen nieder und versprach mir, meine Ratschläge mit aller Vorsicht zu befolgen.

Als sie uns verlassen hatte, fing die Nonne bitterlich an zu weinen. Sie machte sich die größten Vorwürfe und beschuldigte sich des Mordes an der Laienschwester; sie sah den offenen Höllenrachen zu ihren Füßen. Vergeblich suchte ich sie zu beruhigen, ihre Angst wurde immer größer, sie sank in Ohnmacht und fiel hinter den Strohsack. Ich war in großer Verlegenheit, und da ich nicht wußte, wie ich mich aus der Klemme ziehen sollte, so rief ich die Bäuerin und befahl ihr, Essig zu bringen, denn ich hatte keine Riechessenz mehr. Plötzlich fiel mir die berühmte Nieswurz ein, die mir bei Frau von *** so gute Dienste getan hatte. Ich nahm die kleine Dose und stopfte ihr eine tüchtige Prise in die Nasenlöcher. Die Wirkung begann in dem Augenblick, wo die Bäuerin mit dem Essig kam. Ich befahl ihr, der Nonne die Schläfen einzureiben. Sie nahm ihr die Haube ab, und nur ihr schwarzes Haar konnte mich überzeugen, daß ich nicht meine teure Venetianerin vor mir hatte. Die Nieswurz brachte sie wieder zum Bewußtsein, sie schlug ihre großen schwarzen Augen auf, und von diesem Augenblick an war ich wahnsinnig in sie verliebt. Als die Bäuerin sah, daß sie wieder bei Bewußtsein und außer Gefahr war, ging sie hinaus. Ich aber nahm die Nonne in in meine Arme und überströmte sie mit heißen Küssen trotz ihrem ewigen Niesen.

»Ich flehe Sie an,« rief sie, »erlauben Sie mir meinen Schleier wieder anzulegen, denn sonst werde ich exkommuniziert.«

Ich lachte über ihre Furcht und fuhr fort, sie mit meinen glühenden Liebkosungen zu überhäufen.

»Ich sehe, Sie glauben mir nicht – aber ich schwöre Ihnen, die Äbtissin hat mir gedroht, den Bannfluch gegen mich zu schleudern, wenn ich mich von irgendeinem Mann ohne Schleier sehen ließe.«

»Fürchten Sie die Bannstrahlen der Äbtissin nicht mehr, meine schöne Freundin – sie sind ohnmächtig.«

Da jedoch das Niesen immer heftiger wurde, so fürchtete ich, durch die Erschütterung könnten die Wehen eintreten. Ich rief daher von neuem die Bäuerin und empfahl sie der Sorgfalt der guten Frau, nachdem ich ihr versprochen hatte, am nächsten Tage um dieselbe Stunde wieder zu kommen.

Es lag nicht in meiner Art, eine Frau im Stich zu lassen, deren Schicksal einem jeden die größte Teilnahme einflößen mußte. Aber ich konnte mir aus meinen Gefühlen kein Verdienst mehr machen; ich hatte mich in diese neue M. M. mit schwarzen Augen leidenschaftlich verliebt, und die Liebe macht sehr selbstsüchtig; denn bei allen Opfern, die wir dem Gegenstand unserer Leidenschaft bringen, denken wir nur an uns selber.

Ich war also entschlossen, alles für sie zu tun und sie ganz gewiß nicht in ihrem gegenwärtigen Zustand in ihr Kloster zurückkehren zu lassen. Mir schien, ich vollbrächte eine Gott wohlgefällige Handlung, indem ich sie rettete; denn nur Gott hatte diese vollkommene Ähnlichkeit mit einer von mir geliebten Frau zustande bringen können, und Gott hatte gewollt, daß ich viel Geld gewann, daß ich gerade im richtigen Augenblick die Zeroli fand, um die Neugierigen, die hinter mir her spioniert haben würden, auf eine falsche Spur zu bringen, so daß sie gewiß nicht erraten konnten, welche Beweggründe mich in der Gegend festhielten. Freigeister und Mystiker werden mich vielleicht für verrückt halten; aber was tut das? Ich habe stets eine eigene Lust empfunden, die Ereignisse meines Lebens in Beziehung zu Gott zu bringen. Und trotzdem haben Denker von gewöhnlicher Gesinnung mich des Atheismus beschuldigt!

Am nächsten Tage ging ich um acht Uhr zur liebenswürdigen Zeroli, die ich nicht vergessen hatte. Ich fand sie schlafend. Ihre Jungfer bat mich, recht leise einzutreten, um sie nicht zu wecken. Sie ließ mich allein und machte die Tür zu. Ich begriff die Sachlage, denn ich erinnerte mich augenblicklich, daß vor zwanzig Jahren eine Venetianerin, deren Schlaf ich dummerweise respektiert hatte, mich ausgelacht und nachher hinausgeworfen hatte. Ich handelte also dementsprechend, deckte sie leise auf und begann mit jenen zarten Vorspielen der Liebe, die die Lust so sehr erhöhen. Die Zeroli gab sich freilich die größte Mühe,sich schlafend zu stellen; aber von ihrem Gefühl hingerissen, überließ sie sich meinen Liebkosungen mit einer Glut, die die meinige noch übertraf und sie schließlich zwang, über ihre Kriegslist zu lachen. Sie sagte mir, ihr Mann sei nach Genf gefahren, um ihr eine Repetieruhr zu kaufen; er werde erst den nächsten Tag wiederkommen und sie könne die Nacht mit mir verbringen.

»Warum die Nacht, meine Liebe, da uns doch der Tag so günstig ist? Die Nacht ist zum Schlafen da, und der Tag verdoppelt den Genuß, da seine Helligkeit uns erlaubt, alle unsere Sinne gleichzeitig zu beschäftigen. Wenn du niemand erwartest, werde ich den ganzen Vormittag bei dir verbringen.«

»Meinetwegen. Es wird niemand kommen.«

Bald lag ich in ihren Armen, und vier Stunden lang überließen wir uns allen Wollüsten, indem wir uns gegenseitig betrogen, um uns unsere Glut besser zu beweisen, und herzlich lachten, wenn wir uns dessen überführen konnten. Nach dem letzten Angriff bat sie mich, ich möchte zum Dank für ihre Zärtlichkeit noch drei Tage in Aix bleiben.

»Ich verspreche dir, solange hier zu bleiben, als du mir solche Beweise deiner Liebe wie heute früh geben wirst.«

»Stehen wir also auf und gehen wir essen.«

»In Gesellschaft, meine Liebe? Wenn du deine Augen sehen könntest!«

»Um so besser; man wird das Vorgefallene erraten, und die beiden Gräfinnen werden vor Ärger platzen. Niemand soll daran zweifeln können, daß du nur meinetwegen in Aix bleibst.«

»Um mich lohnt es sich nicht der Mühe, mein Engel! Aber meinetwegen; ich erfülle deinen Wunsch mit Vergnügen, und wenn ich in diesen drei Tagen all mein Geld verlieren sollte.«

»Ich wäre in Verzweiflung, wenn du verlörest; aber wenn du nur nicht gegen die Bank spielst, so wirst du nicht verlieren, obgleich du dich bestehlen läßt.«

»Glaube mir, ich sehe es wohl, und lasse mich nur von den Damen bestehlen. Auch du hast mir einige falsche Parolis geboten.«

»Das ist wahr, aber viel weniger als die Gräfinnen. Und das ärgert mich; denn sie denken ohne Zweifel, du hast sie gewähren lassen, weil du in sie verliebt bist.«

»Die guten Damen täuschen sich durchaus; denn um keine von den beiden wäre ich nur einen einzigen Tag hier geblieben.«

»Das freut mich sehr. Aber ich muß dir doch mitteilen, was für eine Bemerkung der Marquis des Saint-Maurice gestern über dich gemacht hat.«

»Sprich nur! ich hoffe, er wird sich keine Beleidigung erlaubt haben.«

»Dies nicht; er hat gesagt, du hättest niemals dem Engländer anbieten dürfen, sich bei den letzten acht Karten zurückzuziehen; denn du hattest die Gewinnaussicht für dich, wenn er trotzdem gewonnen hätte, so hätte er glauben können, daß du die Karte kenntest.«

»Nicht übel. Aber sage dem Marquis, ein Ehrenmann könne nicht in solchen Verdacht kommen. Außerdem war der Charakter des jungen Lords mir bekannt, und ich war beinahe sicher, daß er mein Anerbieten nicht annehmen würde.«

Als wir im Speisesaal erschienen, empfing man uns mit Händeklatschen. Die schöne Zeroli schien mich am Zügel zu führen, und ich legte die bescheidenste Haltung an den Tag. Nach dem Essen wagte niemand mir den Vorschlag zu machen, eine Bank aufzulegen, denn alle Börsen waren leer. Man begnügte sich mit einem Trente-et-quarante, das den ganzen Tag dauerte und mir etwa zwanzig Louis kostete.

Wie gewöhnlich verschwand ich gegen Abend. Nachdem ich Leduc eingeschärft hatte, während meines ganzen Aufenthaltes in Aix mein Zimmer nicht einen Augenblick zu verlassen, machte ich mich auf den Weg nach dem Häuschen, wo die unglückliche Nonne voll Ungeduld auf mein Erscheinen warten mußte. Trotz der Dunkelheit glaubte ich bald darauf zu bemerken, daß jemand mir folgte. Ich blieb stehen, man überholte mich. Zwei Minuten darauf setzte ich meinen Weg fort und sah dieselben Personen, die ich nicht hätte einholen können, wenn sie nicht ihre Schritte verlangsamt hätten. Dies konnte nicht ohne Bedeutung sein, aber ich glaubte mich dessen vergewissern zu müssen. Ich verließ die Straße und ging in derselben Richtung weiter; ich war sicher, daß ich den Weg wieder finden würde, wenn ich nicht mehr verfolgt würde. Bald aber gewann ich die Gewißheit, daß ich Spione hinter mir hatte, denn ich sah dieselben gespensterhaften Gestalten in geringer Entfernung. Ich ging schneller und versteckte mich hinter einem Baum; sobald ich meine Spione bemerkte, gab ich einen Pistolenschuß in die Luft ab und wartete. Als ich eine Minute darauf niemanden mehr sah, ging ich nach dem Bauernhäuschen.

Ich stieg die Treppe hinauf und fand meine Nonne in einem Bett liegen; auf einem Tisch brannten zwei Kerzen.

»Sind Sie krank, Madame?«

»Ich war es einen Augenblick, aber ich befinde mich Gott sei Dank sehr wohl, nachdem ich um zwei Uhr in der Frühe einen strammen Jungen zur Welt gebracht habe.«

»Und wo ist das Kind?«

»Ach, ich habe nur ein einziges Mal das Glück gehabt, es zu küssen; dann hat meine gute Wirtin es mir fortgenommen und ich weiß nicht wohin gebracht. Die heilige Jungfrau hat meine Gebete erhört; ich hatte nur ein paar Augenblicke einen starken Schmerz, und eine Viertelstunde nach meiner Entbindung nieste ich noch. Sagen Sie mir, sind Sie ein Engel oder ein Mensch! Ich habe gefürchtet, eine Sünde zu begehen, indem ich Sie anbetete.«

»Sie geben mir da eine Nachricht, die mich aufs höchste erfreut. Und die Laienschwester?«

»Sie atmet noch, aber wir haben keine Hoffnung mehr, daß sie durchkommt. Ihr Gesicht ist völlig entstellt. Wir haben ein schreckliches Verbrechen begangen, und Gott wird mich dafür bestrafen.«

»Nein, meine Liebe, Gott wird Ihnen verzeihen; denn das reinste aller Wesen kann nur die böse Absicht bestrafen, und Sie haben eine solche nicht gehabt. Beten Sie die göttliche Vorsehung an, die alles zum besten lenkt.«

»Ihre Worte trösten mich. Meine Bäuerin versichert, Sie seien ein Engel; denn Ihr Pulver hat meine Niederkunft bewirkt. Ich werde Sie niemals vergessen, obgleich ich nicht weiß, wer Sie sind.«

Die Bäuerin trat ein; ich dankte ihr dafür, daß sie die Kranke gepflegt und ihr geholfen hätte, sich ihrer schweren Bürde zu entledigen. Ich empfahl ihr von neuem, vorsichtig zu sein, und vor allen Dingen den Priester gut zu behandeln, den sie holen lassen würde, wenn die Laienschwester tot wäre; sie müßte ihn verhindern, Beobachtungen zu machen, die verhängnisvoll werden könnten.

»Alles wird gut gehen«, sagte sie; »denn kein Mensch weiß etwas davon, daß die Laienschwester krank ist, und ebensowenig, warum die gnädige Frau im Bett geblieben ist.«

»Was haben Sie mit dem Kinde gemacht?«

»Ich habe es selber nach Annecy getragen; dort habe ich alles gekauft, was für den augenblicklichen Zustand der gnädigen Frau und für den Tod der anderen notwendig sein kann.«

»Weiß Ihr Bruder etwas?«

»Gott soll mich bewahren! Übrigens ist er gestern fortgegangen und wird erst in acht Tagen wiederkommen. Wir haben nichts zu fürchten.«

Ich gab ihr abermals zehn Louis und bat sie, einige Möbel zu kaufen und mir für den nächsten Tag etwas Essen zu besorgen. Sie sagte mir, sie habe noch viel Gold übrig behalten, und ich glaubte, sie würde wahnsinnig werden, als ich ihr gesagt hatte, der ganze Rest wäre für sie. Da ich glaubte, die Kranke mochte Ruhe nötig haben, so verließ ich sie mit dem Versprechen, am nächsten Abend pünktlich wieder zu kommen.

Es lag mir daran, mir diese leidige Geschichte bald vom Halse zu schaffen, und ich konnte nicht eher Viktoria rufen, als bis die arme Laienschwester unter der Erde war. Ich hatte eine Heidenangst; denn wenn der Priester nicht geradezu ein Trottel war, so mußte er entdecken, daß die Frau an Gift gestorben war.

Am nächsten Morgen suchte ich meine schöne Zeroli auf; ihr Mann war bei ihr, und sie betrachtete die Uhr, die er für sie gekauft hatte. Er kam auf mich zu, reichte mir die Hand und sagte, er wünsche sich Glück, daß seine Frau die Macht besessen habe, mich in Aix zurückzuhalten. Ich sagte ihm, dies wäre ihr nicht schwer gefallen, und ein Bravo! war seine ganze Antwort.

Dieser Chevalier war einer von jenen Männern, die lieber für gutmütige Ehegatten als für dumm gelten wollen. Seine Frau nahm meinen Arm, wir ließen ihn im Zimmer allein und gingen nach dem Brunnen. Unterwegs sagte sie mir, sie würde am nächsten Tage allein sein und würde nicht mehr so neugierig sein, meine nächtlichen Wanderungen ausspionieren zu wollen.

«Ah! So hast also du mich verfolgen lassen?«

»Nein; ich selber bin dir gefolgt, aber es geschah nur, um einen Spaß zu haben; denn in jener Gegend sind nur Berge. Ich hätte dich aber nicht für so boshaft gehalten. Du hast mir eine schöne Angst eingejagt! Weißt du auch, daß du mich hättest totschießen können? Zum Glück, mein Herr, haben Sie vorbeigeschossen.«

»Mit Absicht, liebe Freundin; denn ohne eine Ahnung zu haben, daß du es wärest, habe ich in die Luft geschossen. Ich war überzeugt, daß dies genügen würde, um die Neugierigen fernzuhalten.«

»Allerdings; sie werden dir nicht mehr nachgehen.«

»Wenn sie das tun, so werde ich sie vielleicht gewähren lassen; denn mein Spaziergang ist sehr unschuldiger Art. Ich bin stets um zehn Uhr zu Hause.«

Wir saßen noch bei Tisch, als wir eine sechsspännige Berline ankommen sahen. Es war der Marquis Prié mit einem Ludwigsritter und zwei reizenden Damen, von denen die eine, wie meine Schöne mir eifrig mitteilte, die Geliebte des Marquis war. Es wurden vier neue Gedecke aufgelegt, und in der Zwischenzeit, bis die Neuangekommenen bedient wurden, erzählte man ihnen die Geschichte von den Engländern, gegen die ich Bank gehalten hatte. Der Marquis machte mir ein Kompliment darüber und sagte mir, er habe sich nicht mit der Hoffnung geschmeichelt, daß er die Ehre haben würde, mich in Aix wiederzufinden. Sofort nahm Madame Zeroli das Wort und sagte: wenn sie nicht gewesen wäre, würde er mich nicht mehr gefunden haben. Da ich an ihre Unbesonnenheiten gewöhnt war, so konnte ich nichts Besseres tun als dies zuzugeben; dies schien ihr ein außerordentliches Vergnügen zu machen, obgleich ihr Mann anwesend war. Aber dieser teilte ihren Triumph.

Der Marquis sagte mir, er würde die Ehre haben, mir nach dem Essen eine kleine Bank zu legen, was ich aus Höflichkeit annehmen mußte. Ich verlor in sehr kurzer Zeit etwa hundert Louis. Hierauf ging ich auf mein Zimmer, um einige Briefe zu schreiben, und sobald es dämmerig wurde, begab ich mich zu meiner Nonne.

»Was gibt es Neues?«

»Die Laienschwester ist tot; morgen wird man sie begraben, und morgen war der Tag, an dem wir ins Kloster zurückkehren sollten. Hier ist mein Brief an die Äbtissin. Sie wird mir eine andere Laienschwester schicken, oder sie wird befehlen, daß ich mich von meiner Bäuerin nach dem Kloster zurückbringen lasse.«

»Was hat der Priester gesagt?«

»Er hat gesagt, die Laienschwester sei an einer Betäubung des Gehirns infolge eines Schlagflusses gestorben.«

»Das ist ein großes Glück.«

»Ich möchte ihn fünfzehn Messen für sie lesen lassen; erlauben Sie mir dies?«

»Sehr gern, meine Liebe; diese Messen sollen die Belohnung für den Priester oder vielmehr für seine glückliche Unwissenheit sein.«

Ich rief die Bäuerin, befahl ihr die Messen lesen zu lassen und bat sie dem Priester zu sagen, die Messen sollten für die Seele derjenigen Person sein, die die Kosten trage. Sie sagte mir, die Tote wäre entsetzlich anzusehen, und sie lasse sie von zwei Frauen bewachen, die sie mit Weihwasser besprengten, damit nicht die Hexen in Gestalt von Katzen ihr dieses oder jenes Glied raubten. Ich war weit entfernt, über ihre Furcht zu lachen, sondern sagte ihr, sie tue ganz recht, und fragte sie hierauf, wo sie das Opium gekauft habe.

»Die Verkäuferin ist eine sehr ehrenwerte Hebamme, die ich seit langer Zeit kenne. Wir brauchten es, um die unglückliche Laienschwester einzuschläfern, sobald sich die Wehen einstellen würden.«

»Seid Ihr erkannt worden, als Ihr das Kind in das Findelhaus brachtet?«

»Kein Mensch hat mich gesehen, als ich es auf die Drehscheibe legte; auf einem Zettel habe ich mitgeteilt, daß das Kind noch nicht getauft sei.«

»Wer hat diesen Zettel geschrieben?«

»Ich selber.«

»Ihr müßt daran denken, das Begräbnis gut zu bezahlen.«

»Dieses wird nur sechs Franken kosten, die der Pfarrer von den zwei Louis bestreiten wird, welche man bei der Toten gefunden hat. Der Rest wird dazu dienen, um Messen lesen zu lassen und ihr dadurch Vergebung dafür zu verschaffen, daß sie Geld bei sich gehabt hat.«

»Wie? durfte sie mit gutem Gewissen nicht einmal zwei Louis bei sich haben?«

»Nein,« sagte die Nonne, »ohne Vorwissen der Äbtissin dürfen wir bei Strafe der Exkommunikation kein Geld haben.«

»Und was hat man Ihnen gegeben, um hier zu leben?«

»Täglich zehn savoyische Sous. Jetzt werde ich hier gehalten wie eine Prinzessin. Sie werden dies beim Abendessen sehen, denn obwohl die gute Frau weiß, daß das Geld, das Sie ihr gaben, ihr gehört, so gibt sie es doch in verschwenderischer Weise für mich aus.«

»Sie weiß, Schwester, daß dies meine Absicht ist. – Hier habt Ihr noch mehr; fahret so fort!«

Mit diesen Worten zog ich noch zehn Louis aus meiner Börse und gab sie der Bäuerin mit der Aufforderung, keine Ausgabe zu sparen, um die Kranke zu pflegen. Ich weidete mich an dem Glück der guten Frau, die mir die Hände küßte und mir sagte, sie habe durch mich ihr Glück gemacht und werde sich Kühe kaufen.

Das reizende Wesen erinnerte mich lebhaft an die Augenblicke des Glücks, dessen ich mit meiner göttlichen M. M. genossen hatte. Als ich mit ihr allein war, geriet meine Phantasie in Glut; ich trat an ihr Bett heran und begann von ihrem Verführer zu sprechen, indem ich ihr sagte, ich sei sehr überrascht, daß er in der schrecklichen Lage, in die er sie gebracht, nicht für die notwendige Hilfe gesorgt habe.

Sie antwortete mir: »Geld hätte ich wegen meines Gelübdes der Armut und des Gehorsams doch nicht annehmen können; ich werde der Äbtissin sogar den Louis zurückgeben, der von dem durch den Bischof verschafften Almosen noch übrig geblieben ist. Daß ich gewissermaßen ganz verlassen war, als ich das Glück hatte, Ihnen zu begegnen, glaube ich dem Umstand zuschreiben zu müssen, daß Herr Coudert meinen Brief nicht erhalten hat.«

»Das kann wohl sein. Aber ist er reich, ist er schön?«

»Reich, ja; aber schön – nein. Im Gegenteil, er ist sehr häßlich, bucklig und mindestens fünfzig Jahre alt.«

»Wie ist es möglich, daß Sie sich in einen solchen Pavian haben verlieben können?«

»Ich habe ihn niemals geliebt; aber er wußte mein Mitleid zu erregen. Er wollte sich umbringen; ich glaubte ihm dies und versprach ihm, nachts in den Garten zu kommen, wo er mich erwarten wollte. Ich ging aber nur in der Absicht hin, ihn zu bitten, daß er sich entfernen möchte. Er tat dies auch; aber erst nachdem er seine böse Lust befriedigt hatte.«

»Er hat Ihnen also Gewalt angetan?«

»Nein, das würde ihm nicht gelungen sein; aber er weinte, warf sich vor mir auf die Knie und bat mich so inständig, daß ich ihn gewähren ließ, nachdem er mir versprochen hatte, daß er sich nicht das Leben nehmen und nicht wieder in den Garten kommen würde.«

»Und haben Sie nicht befürchtet, daß Ihre Gefälligkeit Folgen haben würde?«

»Ich verstand nichts davon, denn ich hatte immer geglaubt, daß mindestens drei Male notwendig seien, um zu empfangen.«

»Unglückselige Unwissenheit! Wieviel Unglück richtet sie an! Er hat Sie also nicht mehr gequält, um neue Zusammenkünfte zu erlangen?«

»Er hat mich oft darum gebeten, aber ich habe ihm keine mehr bewilligt, weil unser Beichtvater mir das Versprechen abnahm, ihm nichts mehr zu gewähren, wenn ich meine Absolution haben wollte.«

»Haben Sie Ihren Verführer genannt?«

»Nein, natürlich nicht; das würde der gute Beichtvater mir nicht erlaubt haben, denn damit hätte ich eine große Sünde begangen.«

»Haben Sie dem Beichtvater etwas von Ihrem Zustande gesagt?«

»Auch das nicht; aber er wird sich die Wahrheit gedacht haben. Er ist ein ehrwürdiger Greis, der ohne Zweifel für mich zu Gott gebetet hat, und Ihre kostbare Bekanntschaft ist vielleicht die Frucht seiner Gebete.«

Ich war tief gerührt und schwieg, in meine Gedanken versunken, fast eine ganze Stunde lang. Ich sah, daß das Unglück des reizenden Mädchens nur von ihrer Unwissenheit und Aufrichtigkeit, von ihrer vollkommenen Unschuld und von einem übel verstandenen Mitleid herrührte, das sie veranlaßte, diesem geilen Ungeheuer etwas zu bewilligen, worauf sie wenig Wert legte, weil sie niemals verliebt gewesen war und darum von dessen Bedeutung keine Ahnung hatte. Sie hatte Religion, aber es war eine gewohnheitsmäßige, gedankenlose und darum sehr schwache Religion. Sie verabscheute die Sünde, weil sie sich durch die Beichte davon reinigen mußte, wenn sie sich nicht der Strafe ewiger Verdammnis aussetzen wollte, und sie wollte nicht verdammt sein. Sie besaß viel natürlichen Menschenverstand, wenig Geist, weil sie niemals in der Lage gewesen war, ihn zu üben, und im übrigen eine Unwissenheit, wie man sie nur einer Nonne verzeihen kann. Indem ich dies alles erwog, sah ich voraus, daß ich es sehr schwierig finden würde, von ihr die Gunstbezeugung zu erlangen, die sie dem Herrn de Coudert nicht hatte abschlagen können; sie hatte diese zu sehr zu bereuen gehabt, um sich von neuem der gleichen Gefahr auszusetzen.

Die Bäuerin kam wieder herein, legte zwei Gedecke auf einen kleinen Tisch und trug uns das Abendessen auf. Mundtücher, Teller, Gläser, Löffel, Messer usw. – alles war neu und von einer sehr appetitlichen Sauberkeit. Die Weine waren sehr gut und die Speisen köstlich, weil es keine erkünstelten Gerichte waren. Es gab gebratenes Wildbret, Fisch, Rahmkäse und sehr gutes Obst. Ich verbrachte anderthalb Stunden damit, mir dies alles gut schmecken zu lassen, trank dazu zwei Flaschen Wein und plauderte mit meiner Nonne, die sehr wenig aß. Ich war ganz in Feuer; die Bäuerin war von meinen Lobsprüchen entzückt und versprach mir, mich jeden Abend in derselben Weise zu bewirten.

Als ich mit meiner Nonne allein war, deren Zauberantlitz so feurige Erinnerungen in mir weckte, sprach ich mit ihr über ihre Gesundheit und besonders von den Folgen, die die Befreiung von einer neun Monate lang getragenen Bürde nach sich zu ziehen pflegte. Sie sagte mir: »Ich befinde mich sehr gut und kann zu Fuß nach Chambéry zurückkehren. Das einzige, was mich belästigt, sind meine Brüste; aber die Bäuerin hat mir versichert, die Milch werde morgen verschwinden und sie werden dann ihre natürliche Form wieder annehmen.«

»Gestatten Sie mir, sie zu untersuchen; ich verstehe mich darauf.«

»Sehen Sie!«

Sie entblößte sich; sie dachte gar nicht daran, daß dies mir angenehm sein könnte, sondern wollte nur höflich sein; außerdem traute sie mir keine Hintergedanken zu. Ich betastete zwei Halbkugeln von einer Weiße und Formschön heit, daß sie einen Lazarus vom Tode erweckt hätten. Ich hütete mich, ihre Schamhaftigkeit zu verletzen, doch fragte ich sie mit der allerruhigsten Miene, wie sie sich ein bißchen weiter unten befinde. Gleichzeitig streckte ich sanft meine Hand aus. Sie hielt mich jedoch sachte zurück und bat mich, nicht dorthin zu fassen, weil sie noch etwas unwohl wäre. Ich bat sie um Verzeihung und sprach die Hoffnung aus, daß ich sie am nächsten Tage wieder völlig hergestellt finden würde. »Die Schönheit Ihres Busens«, fügte ich hinzu, »vermehrt noch die Teilnahme, die Sie mir eingeflößt haben.« Mit diesen Worten preßte ich meinen Mund auf den ihrigen, und ich fühlte, wie ein Kuß gleichsam unwillkürlich ihren Lippen entschlüpfte. Dieser Kuß drang in alle meine Adern; ich fühlte mich aufs höchste erregt und sah, daß ich schnell aus ihrer Gesellschaft fliehen mußte, wenn ich mich nicht der Gefahr aussetzen wollte, ihr ganzes Vertrauen zu verlieren. Ich entfernte mich daher, indem ich sie zärtlich als meine liebe Tochter grüßte.

Es regnete in Strömen, und ich war bis auf die Haut durchnäßt, als ich in meinem Zimmer ankam. Dieses Bad war freilich sehr gut, um meine Glut zu dämpfen, aber es war schuld daran, daß ich spät aufstand. Nachdem ich mich angekleidet hatte, steckte ich die beiden Porträts, die meine M. M. als Nonne im Ordenskleid und als Venus in Naturzustande darstellten, in die Tasche. Ich war sicher, daß sie mir bei meiner neuen Nonne gute Dienste leisten würden.

Da ich die schöne Zeroli nicht zu Hause traf, ging ich nach dem Brunnen, wo ich sie denn auch wirklich fand. Sie machte mir zärtliche Vorwürfe, die ich für bare Münze hinnahm, und wir versöhnten uns auf einem Spaziergange. Nach dem Mittagessen legte der Marquis de Prié eine Bank; da ich jedoch nur hundert Louis sah, so begriff ich, daß er viel zu gewinnen, aber wenig aufs Spiel zu setzen wünschte. Ich legte hundert Louis vor mich hin, und als er mir sagte, wir spielten ja nur zu unserer Unterhaltung, und ich möchte daher nicht nur auf eine einzige Karte spielen, antwortete ich ihm, ich würde einen Louis auf jede der dreizehn Karten setzen.

»Sie werden verlieren.«

»Das wollen wir einmal sehen.«

Damit breitete ich das ganze Buch auf dem Tisch aus und setzte auf jede Karte einen Louis.

Nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit hätte ich allerdings verlieren müssen; aber das Schicksal entschied anders, denn ich gewann achtzig Louis.

Um acht Uhr machte ich der Gesellschaft meine Verbeugung und ging den gewohnten Weg nach dem Tempel meiner neuen Liebe. Ich fand die Kranke entzückend. Sie sagte mir, sie habe ein leichtes Fieber gehabt; aber die Bäuerin habe ihr gesagt, es sei nur das Milchfieber und sie werde schon am nächsten Tag wieder ganz gesund sein und aufstehen können. Als ich meine Hand ausstreckte, um die Decke aufzuheben, ergriff sie sie und küßte sie, indem sie mir sagte, sie fühle das Bedürfnis, mir diesen Beweis ihrer kindlichen Liebe zu geben. Sie war einundzwanzig Jahre alt, ich fünfunddreißig. Welch eine Tochter für einen solchen Vater! Was ich für sie empfand, glich denn auch keineswegs väterlicher Liebe. Indessen sagte ich ihr: das Vertrauen, das sie mir zeige, indem sie mich entkleidet im Bette liegend empfange, vermehre meine Zärtlichkeit für sie; aber am nächsten Tage würde ich traurig sein, wenn ich sie wieder als Nonne gekleidet sähe.

»Nun, so werden Sie mich im Bett finden! Ich tue Ihnen diesen Gefallen recht gern; denn bei der Hitze ist mein wollenes Kleid mir sehr unbequem; aber ich glaubte Ihnen mehr zu gefallen, wenn ich anständiger gekleidet wäre; da es Ihnen jedoch einerlei ist, so soll Ihr Wunsch erfüllt werden.«

In diesem Augenblick trat die Bäuerin ein und gab ihr den Brief der Äbtissin, den ihr Neffe gerade eben von Chambéry zurückgebracht hatte. Die Äbtissin schrieb ihr, sie würde ihr zwei Laienschwestern schicken, um sie nach dem Kloster zurückzubringen, und da sie wieder gesund wäre, so könnte sie den Weg zu Fuß machen und auf diese Weise das Geld sparen, um es für nützlichere Zwecke zu verwenden. Der Bischof wäre auf dem Lande, und da sie die beiden Laienschwestern nicht ohne dessen Erlaubnis schicken dürfte, so könnten sie erst in acht oder zehn Tagen abreisen. Sie befahl ihr, unter Androhung der großen Exkommunikation, niemals ihr Zimmer zu verlassen, mit keinem Manne ein Wort zu sprechen, auch nicht mit dem Bauern, in dessen Haus sie wohne, und nur mit der Bäuerin zu verkehren. Zum Schluß teilte sie ihr mit, sie werde für die Seelenruhe der Gestorbenen eine Messe lesen lassen.

Ich sagte ihr hierauf: »Ich danke Ihnen, Madame, für die Mitteilung dieses Briefes; aber sagen Sie mir bitte, ob ich während dieser acht oder zehn Tage kommen und Ihnen meine Aufwartung machen darf; denn ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß ich ein Mann bin. Ich habe mich hier in Aix nur solange aufgehalten, weil Sie mir die lebhafteste Teilnahme eingeflößt haben; aber wenn es wegen der eigentümlichen Exkommunikation, womit Ihre alte Oberin Sie bedroht, Ihnen nur im geringsten widerstrebt, mich zu empfangen, so werde ich morgen abreisen. Nun sprechen Sie!«

»Mein Herr, unsere Äbtissin ist verschwenderisch mit ihren Blitzen, und diese Exkommunikation, womit sie mich bedroht, habe ich mir bereits zugezogen; aber ich hoffe, Gott wird sie nicht bestätigen, denn sie hat mich nicht elend, sondern glücklich gemacht. Ich will Ihnen also aufrichtig sagen, daß Ihre Besuche jetzt das Glück meines Lebens sind, und ich werde mich doppelt glücklich schätzen, wenn Sie mit Vergnügen zu mir kommen. Aber ich hätte wohl einen Wunsch, wenn Sie mir diesen erfüllen könnten, ohne gegen eine Pflicht der Verschwiegenheit zu verstoßen: ich möchte, daß Sie mir sagen, für wen Sie mich gehalten haben, als Sie das erstemal im Dunkeln mit mir zusammen kamen; denn Sie können sich nicht vorstellen, wie überrascht ich war und welche Angst ich hatte. Ich hatte keine Ahnung von solchen Küssen, wie die, womit Sie mein Gesicht bedeckten; abey diese haben meine Exkommunikation nicht verschlimmern können, denn ich empfing sie ohne meine Einwilligung, und Sie haben mir ja später selber gesagt, daß sie einer anderen galten.«

»Madame, ich werde Ihren Wunsch erfüllen. Ich kann es tun, denn Sie wissen jetzt, daß wir Menschen sind, daß das Fleisch schwach, oder eigentlich oftmals stärker ist als der Geist, und daß es die stärksten Seelen dazu fortreißt, gegen die Vernunft zu verstoßen. Sie werden alle Wechselfälle einer zweijährigen Liebschaft mit der schönsten und klügsten von allen Nonnen meines Vaterlandes hören.«

»Sagen Sie mir alles, mein Herr! Da ich in denselben Fehler verfallen bin, so würde ich ungerecht und unmenschlich sein, wenn ich an irgendeinem Umstände Anstoß nähme; denn gewiß haben Sie mit ihr mehr gemacht als Coudert mit mir gemacht hat.«

»Ich habe viel mehr gemacht, Madame, und viel weniger als Ihr Buckliger; denn ich habe ihr kein Kind gemacht. Hätte ich dieses Unglück gehabt, so würde ich sie entführt haben und mit ihr nach Rom gegangen sein. Wir hätten uns dem Heiligen Vater zu Füßen geworfen; er hätte sie von ihrem Gelübde entbunden, und meine liebe M. M. würde heute meine Gattin sein.«

»Großer Gott! M. M. ist mein Name!«

Dieser Umstand, der im Grunde nichts zu bedeuten hatte, machte doch unser Zusammentreffen zu etwas Wunderbarem und setzte mich nicht weniger in Erstaunen als sie. Es war ein eigentümlicher, nichtiger Zufall; aber ein solcher wirkt oft sehr stark auf befangene Geister und kann dann die wichtigsten Folgen haben.

Nachdem ich einige Minuten geschwiegen hatte, erzählte ich ihr alles was zwischen der schönen Venetianerin und mir vorgegangen war. Ich schilderte unsere Liebeskämpfe in lebhaften und natürlichen Farben; denn es war nicht nur die Erinnerung noch meinem Geiste gegenwärtig, sondern ich hatte auch ihr lebendes Abbild vor den Augen, und ich konnte auf ihrem Gesicht die Wirkung verfolgen, die meine Erzählung hervorbrachte. Als ich fertig war, fragte sie mich: »Aber gleicht Ihre M. M. mir wirklich so sehr, daß Sie sich täuschen konnten?«

Ich zog aus meiner Brieftasche das Porträt, worauf sie als Nonne abgebildet war, und antwortete ihr: »Urteilen Sie selber!«

»Es ist wahr, abgesehen von den Augen ist es vollkommen mein Bild. Dieselbe Tracht, dasselbe Gesicht – geradezu ein Wunder! Welcher Zufall! Dieser Ähnlichkeit verdanke ich mein ganzes Glück. Gelobt sei Gott, daß Sie mich nicht lieben, wie Sie diese Nonne geliebt haben, die ich mit Vergnügen meine Schwester nenne! Unerforschliche Vorsehung, alle deine Wege sind anbetungswürdig, und wir sind nur gebrechliche, unwissende und stolze Sterbliche!«

Die gute Bäuerin kam herein und brachte uns ein Abendessen, das noch besser war als das vorige. Die Kranke aß nur eine Suppe, aber sie versprach mir, am nächsten Tage würde sie mir die Spitze bieten.

Nachdem ihre Wirtin den Tisch abgeräumt hatte, verbrachte ich noch eine Stunde mit ihr; durch mein zurückhaltendes Benehmen bestärkte ich sie in ihrer irrtümlichen Annahme, daß ich nur die Gefühle eines Vaters für sie hätte. Sie ließ mich aus eigenem Antriebe sehen, daß ihr Busen wieder seine natürliche Form annahm.

Ich überzeugte mich davon mit meinen eigenen Händen, ohne daß sie den geringsten Widerstand leistete, denn sie begriff gar nicht, daß dies irgendeinen Eindruck auf mich machen könnte. Die Küsse, womit ich ihre Augen und Lippen bedeckte, schrieb sie der innigen Freundschaft zu, die sie bei mir voraussetzte. Sie sagte mir lächelnd, sie danke Gott, daß sie nicht blond sei wie ihre Schwester, und ich lächelte über ihre Naivität.

Aber dieses Spiel ließ sich nicht lange durchhalten, und ich mußte vorsichtig vorgehen. Sobald ich daher fühlte, daß das Gefühl meine Vernunft unterjochen wollte, gab ich ihr einen letzten Kuß und entfernte mich schnell. In meinem Zimmer übergab Leduc mir ein Briefchen der Madame Zeroli, die mir schrieb, wir würden uns am Brunnen sehen, weil sie von der Geliebten des Marquis zum Essen eingeladen wäre.

Ich schlief gut, aber meine Phantasie führte mir im Schlummer die Reize meiner neuen M. M. vor. Am Morgen sagte Frau Zeroli mir beim Brunnen, die ganze Gesellschaft behaupte, daß ich verlieren müßte, wenn ich auf dreizehn Karten gleichzeitig spielte; denn es wäre nicht wahr, daß in jeder Taille eine Karte viermal gewänne; der Marquis hätte dies zugegeben, trotzdem aber gesagt, er würde mir nicht mehr erlauben, auf diese Art zu spielen.

»Dabei wäre nur eine einzige kleine Schwierigkeit – nämlich die, daß er, wenn ich es wollte, nichts anderes dagegen machen könnte, als daß er das Spiel aufgebe.«

»Seine Geliebte hat sich erboten, Sie zu veranlassen, daß Sie wieder wie gewöhnlich spielen.«

Ich dankte ihr lächelnd.

In den Gasthof zurückgekehrt, machte ich eine Partie Quinze mit dem Marquis und verlor fünfzig Louis; hierauf ließ ich mich überreden, eine Bank zu legen. Ich holte mir fünfhundert Louis und setzte mich an den Tisch, um das Glück herauszufordern. Ich nahm Desarmoises zum Croupier und erklärte, ich würde keine Karte halten, die nicht mit ihrem Einsatz belegt wäre, und würde um halb acht aufhören. Ich saß zwischen den beiden Schönen. Ich legte meine fünfhundert Louis vor mich hin und ließ mir vom Wirt hundert Sechsfrankentaler geben, um die Damen zu amüsieren Aber es trat ein Hindernis ein.

Da ich vor mir nur ausgepackte Karten sah, so verlangte ich neue. Der Saalkellner sagte mir: »Ich habe nach Chambéry geschickt, um hundert Spiele kaufen zu können, und der Bote muß gleich zurückkommen. Unterdessen können Sie mit diesen hier abziehen, die so gut wie neu sind.«

»Ich will keine Karten, die so gut wie neu sind, sondern ganz neue. Ich habe Vorurteile, mein guter Freund, und diese sind so stark, daß niemand sie besiegen kann. Bis Ihr Mann zurückkommt, werde ich Zuschauer sein. Es tut mir aufrichtig leid, daß ich die Damen warten lassen muß.«

Niemand wagte auch nur die geringste Bemerkung zu machen, und ich verließ meinen Platz, nachdem ich mein Geld in die Taschen gesteckt hatte.

Der Marquis de Prié hielt die Bank und spielte sehr vornehm. Ich setzte mich neben Frau Zeroli, die mich an ihrem kleinen Spiel beteiligte und mir am anderen Morgen fünf oder sechs Louis gab. Der Bote, der sofort von Chambéry zurückkommen sollte, kam erst um Mitternacht. Ich war froh, so gut weggekommen zu sein; denn in Savoyen und besonders unter den Spielern gibt es Leute, die schärfere Augen haben als ein Luchs. Ich legte mein Geld wieder in meine Kassette und ging ins freie Feld hinaus.

Da ich meine schöne Nonne noch im Bett fand, fragte ich sie: »Wie befinden Sie sich heute, Madame?«

»Nennen Sie mich doch Tochter! Dieses Wort ist so süß, daß ich wünschte, Sie wären mein Vater, um sie ohne jede Scheu in die Arme schließen zu können.«

»Nun, meine liebe Tochter, fürchte nichts und öffne mir deine Arme.«

»Ja, umarmen wir uns!«

»Meine Kinder sind heute hübscher als gestern; gib sie her und laß mich daran saugen!«

»Welche Torheit! Aber, lieber Papa, ich glaube gar, du trinkst die Milch deiner armen Tochter.«

»Sie ist so süß, liebes Herz, und die paar Tropfen, die ich verschluckt habe, machen mich so glücklich. Du kannst nicht böse darüber sein, mir dieses unschuldige Vergnügen gewährt zu haben.«

»Nein, ganz gewiß bin ich nicht böse darüber, denn du hast mir ein größeres Vergnügen gemacht. Ich werde dich nun nicht mehr meinen Papa, sondern mein Bübchen nennen.«

»Wie freut es mich, dich heute Abend bei so guter Laune zu finden.«

»Ich bin es, weil du mich glücklich gemacht hast. Ich fürchte nichts mehr und fühle, daß der Friede wieder in meine Seele zurückgekehrt ist. Die Bäuerin hat mir gesagt, in wenigen Tagen werde ich wieder ebenso sein, wie ich war, bevor ich Coudert kannte.«

»Doch nicht ganz ebenso; der Leib zum Beispiel ...«

»Schweig! Es ist unmöglich, daran etwas zu erkennen. Ich bin selber ganz erstaunt darüber.«

»Laß mich sehen.«

»O nein, nicht sehen, lieber Freund! Aber fühlen darfst du.«

»Du hast recht.«

»O! nicht dort,bitte!«

»Warum denn nicht? Du kannst doch auch nicht anders beschaffen sein als deine liebe Schwester, die jetzt etwa dreißig Jahre sein mag. Ich will dir ihr Bild zeigen, worauf sie ganz nackt ist.«

»Hast du es? Es würde mir Freude machen, es zu sehen.«

Ich zog das Bild aus meiner Tasche und gab es ihr. Sie bewunderte es, küßte es, und fragte mich, ob es nach der Natur gemalt sei.

»Ganz gewiß; sie wußte, daß mir dies Vergnügen machen würde.«

»Wie schön es ist! Es ähnelt mir mehr als das andere. Aber der Maler hat ihr so lange Haare gemacht, um dir damit ein Vergnügen zu bereiten.«

»Durchaus nicht. Die Nonnen sind bei uns nur verpflichtet, ihre Haare nicht von Männern sehen zu lassen.«

»Wir haben dasselbe Vorrecht, man schneidet uns die Haare ein einziges Mal; hierauf lassen wir sie wachsen, wie wir wollen.«

»Du hast also lange Haare?«

»So lang wie diese; aber sie werden dir nicht gefallen, denn sie sind schwarz.«

»Was sagst du da! Das ist ja meine Lieblingsfarbe. Um Gottes willen zeige sie.«

»Um Gottes willen verlangst du ein Verbrechen von mir, denn ich verfalle abermals der Exkommunikation. Aber ich kann dir nichts abschlagen; du wirst sie nach dem Abendessen sehen, denn ich will der Bäuerin kein Ärgernis geben.«

»Du hast recht, liebe Freundin; ich finde, dn bist ein entzückendes Geschöpf. Ich werde vor Schmerz sterben, wenn du diese Hütte verläßt, um in dein trauriges Gefängnis zurückzukehren.«

»Ich muß wohl dorthin zurückkehren, um meine Sünden abzubüßen.«

»Ich hoffe, du wirst so vernünftig sein, über die dummen Bannflüche der Äbtissin zu lachen.«

»Ich beginne schon, sie nicht mehr so sehr zu fürchten.«

Ich war wonnetrunken, denn ich sah voraus, daß ich nach dem Abendessen vollkommen glücklich sein würde.

Als die Bäuerin wieder herein kam, gab ich ihr wiederum zehn Louis. An ihrer außerordentlichen Überraschung merkte ich, daß sie mich für verrückt hielt. Um sie zu beruhigen, sagte ich ihr, ich sei sehr reich, und es sei mein Wunsch, sie zu überzeugen, daß ich nie genug tun zu können glaube, um ihr meine Dankbarkeit für ihre liebevolle Pflege der würdigen Nonne zu bezeigen.

Sie weinte, küßte mir die Hände, und setzte uns eine köstliche Mahlzeit vor. Die Nonne aß gut und trank ganz tapfer; aber meine Seele war zu freudig, und in meinem Herzen war ein brennendes Verlangen; darum konnte ich ihrem Beispiel nicht folgen. Mich verlangte zu sehr, die schönen schwarzen Haare dieses Opfers ihrer Gutmütigkeit zu sehen. Dieser Appetit ließ für keinen anderen Platz.

Sobald die Bäuerin uns nicht mehr durch ihre Gegenwart störte, nahm sie ihre Haube ab und ließ auf ihre Alabasterschultern ihr dichtes, ebenholzschwarzes Haar herabfallen, das die Weiße ihrer Haut noch mehr hervorhob und eine entzückende Wirkung hervorbrachte. Sie legte das Porträt vor sich hin und machte sich das Vergnügen, ihre langen Haare wie die meiner ersten M. M. zu ordnen.

»Du scheinst mir schöner zu sein als deine Schwester,« sagte ich zu ihr; »aber ich glaube, sie war zärtlicher als du.«

»Zärtlicher, das ist möglich; aber nicht besser.«

»Ihr Liebesverlangen war viel lebhafter als das deinige.«

»Das glaube ich, denn ich habe niemals geliebt.«

»Das ist überraschend. Aber die Natur, der sinnliche Drang?«

»Das sind Sachen, lieber Freund, die wir im Kloster leicht beschwichtigen. Wir beichten es, denn wir wissen, daß es eine Sünde ist; aber der Beichtvater betrachtet diese Sache als eine Kinderei und spricht uns los, ohne uns auch nur eine Buße aufzulegen.«

»Er kennt die menschliche Natur und weiß eure traurige Lage zu würdigen.«

»Er ist ein alter Priester, sehr gelehrt und von strengen Sitten; aber er ist die Nachsicht selber. Die Trauer wird groß sein, wenn wir ihn eines Tages verlieren.«

»Aber fühlst du nicht bei deinen Liebesscherzen mit einer anderen Nonne, daß es eine schönere Liebe sein würde, wenn sie im Augenblick des Glückes sich in einen Mann verwandeln könnte?«

»Du machst mich lachen. Wenn meine Freundin ein Mann würde, so würde mir dies freilich nicht mißfallen; aber glaube mir, unsere Lust ist nicht so groß, daß wir dieses Wunder herbeiwünschen sollten.«

»Vielleicht ist nur ein Mangel an Temperament daran schuld. In dieser Hinsicht übertraf deine Schwester dich, denn sie zog mich bei weitem ihrer Freundin C. C. vor; du aber würdest mich nicht der Freundin vorziehen, die du im Kloster gelassen hast.«

»Nein, ganz gewiß nicht; denn mit dir würde ich mein Keuschheitsgelübde verletzen und würde mich Folgen aussetzen, vor denen ich jetzt zittere, so oft ich daran denke.«

»Du liebst mich also nicht?«

»Was wagst du da zu sagen? Ich bete dich an, und es tut mir recht leid, daß du nicht ein Weib bist.«

»Ich liebe dich ebenfalls; aber über deinen Wunsch muß ich lachen, denn ich mochte kein Weib werden, um dir zu gefallen, zumal da ich überzeugt bin, daß ich dich nicht so schön finden würde, wenn ich ein Weib wäre. Setze dich etwas mehr aufrecht, meine liebenswürdige Freundin, und laß mich sehen, wie deine schönen Haare die Hälfte deines schönen Leibes bedecken.«

»Aber da muß ich ja mein Hemd herunterlassen?«

»Natürlich. Gut so! Wie schön du bist! Laß mich an deinen schönen Brüsten saugen; ich bin ja dein Püppchen.«

Nachdem sie mir diesen Genuß gewährt hatte, sah sie mich mit der größten Freundlichkeit an und erlaubte mir, ihren nackten Leib mit meinen Armen zu umschlingen. Sei es, daß sie nicht wußte, welchen Genuß ich dabei empfand, sei es, daß sie sich nur so stellte, genug, sie sagte zu mir:

»Wenn man der Freundschaft eine solche Befriedigung gewähren kann, so ist sie der Liebe vorzuziehen; denn ich habe niemals in meinem Leben einen süßeren Genuß gehabt, als du ihn mir verschafftest, indem deine Lippen sich auf meinen Busen preßten. Erlaube mir, bei dir das gleiche zu tun.«

»Gerne, mein Herz; aber du wirst nichts finden.«

»Einerlei; wir werden doch lachen.«

Nachdem sie ihre Lust befriedigt hatte, lagen wir eine Viertelstunde lang einander in den Armen, und ich befand mich in einem unerträglichen Zustande.

»Sage mir die Wahrheit,« sagte ich zu ihr, »fühlst du nicht in der Glut unserer Küsse während dieser Entzückungen, die wir kindisch nennen wollen, viel größere Begierden?«

»Ja, ich gestehe es dir; aber diese Begierden sind strafbar, ich bin überzeugt, daß deine Wünsche nicht weniger heiß sind als die meinigen, und darum werden wir gut tun, mit diesen angenehmen Scherzen aufzuhören, denn, lieber Papa, unsere Freundschaft wird glühende Liebe – nicht wahr?«

»Ja, liebe Tochter, Liebe, unbesiegliche Liebe!«

»Ich fühle es wohl.«

»Wenn du es fühlst, so laß uns sie durch das süßeste Opfer ehren.«

»Nein, lieber Freund, nein, im Gegenteil, machen wir ein Ende, seien wir in Zukunft vorsichtiger und setzen wir uns nicht mehr der Gefahr aus, ihr Opfer zu werden. Wenn du mich liebst, mußt du ebenso denken wie ich.«

Mit diesen Worten entwand sie sich sanft meinen Armen und steckte ihre schönen Haare wieder unter ihre Haube. Ich half ihr, ihr grobes Leinwandhemd, das meinen Abscheu erregte, wieder anzuziehen, und sagte ihr, sie könne ruhig sein. Als ich ihr mein Bedauern aussprach, ihren schönen Leib durch eine so grobe Leinwand zerschunden zu sehen, sagte sie mir, sie sei daran gewöhnt, und alle Nonnen ihres Klosters trügen ebenfalls solche Hemden.

Ich fühlte mich sehr bedrückt, denn der Zwang, den ich mir auferlegte, schien mir unendlich viel größer zu sein als der Genuß, den eine vollkommene Befriedigung mir gewährt haben würde. Indessen dachte ich nicht daran, weiter zu gehen, ebensowenig aber, von meinem Vorhaben abzulassen. Ich mußte die Gewißheit haben, daß ich nicht den geringsten Widerstand finden würde. Ein gefaltetes Rosenblatt störte den berühmten Smyndirides, der die Weichheit seines Bettes liebte. Ebenso zog ich es vor, lieber zu gehen, als das Rosenblatt zu finden, das den wollüstigen Sybariten belästigt hatte. Verliebt und unglücklich entfernte ich mich, und nachdem ich um zwei Uhr morgens zu Bett gegangen war, schlief ich bis zum Mittag.

Bei meinem Erwachen gab Leduc mir ein Briefchen, das er mir eigentlich vor dem Zubettgehen hätte geben sollen. Er hatte es vergessen, und ich war ihm darob nicht böse. Madame Zeroli schrieb mir, sie erwarte mich um neun Uhr in ihrem Zimmer, wo sie allein sein werde. Ferner schrieb sie, sie gebe ein Abendessen und verlasse sich darauf, daß ich daran teilnehmen werde; da sie gleich darauf abreisen müsse, so nehme sie an, daß ich mit ihr fahre oder sie doch mindestens bis Chambéry begleiten werde. Obgleich ich sie noch liebte, konnte ich doch über alle diese Ansprüche nur lächeln. Sie um neun Uhr zu besuchen, war es zu spät; zum Souper konnte ich mich nicht verpflichten wegen meiner schönen Nonne, die ich in diesem Augenblick nicht um den ganzen Harem des Großtürken aufgegeben haben würde, und sie bis Chambéry zu begleiten war mir unmöglich, da ich vielleicht bei meiner Rückkehr den einzigen Gegenstand, der mich an Aix fesselte, nicht mehr vorgefunden hätte.

Indessen ging ich doch zu ihr, sobald ich mit meinem Anzug fertig war. Ich fand sie wütend. Ich bat sie um Entschuldigung, indem ich ihr sagte, ich hätte ihr Schreiben erst vor einer Stunde empfangen. Sie ging jedoch hinaus, ohne auf mich zu hören, und ließ mir nicht einmal soviel Zeit, ihr zu sagen, daß ich ihr nicht versprechen könnte, zu ihrem Abendessen zu kommen und ebensowenig sie bis Chambéry zu begleiten.

Bei Tisch schmollte sie mit mir.

Nach dem Essen sagte der Marquis de Prié zu mir, es seien neue Karten da und die ganze Gesellschaft wünsche, daß ich eine Bank auflege. Die Gesellschaft war zahlreich, denn eine Anzahl Herren und Damen waren am Morgen von Genf gekommen. Ich holte Geld und legte eine Bank von fünfhundert Louis auf. Um sieben Uhr hatte ich mehr als die Hälfte derselben verloren. Dadurch ließ ich mich jedoch nicht zurückhalten; ich steckte den Rest in meine Börse und ging.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.