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Erinnerungen

Giacomo Casanova: Erinnerungen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorCasanova
titleErinnerungen
volume6
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20050616
projectid3af5d606
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Siebentes Kapitel

Meine Liebschaft mit Dona Ignazia, der Tochter des adligen Schuhflickers. – Meine Gefangenschaft in Buen Retiro und mein Triumph. – Ich werde der venetianischen Botschaft durch einen Staatsinquisitor der Republik empfohlen.

Wir traten in den Saal ein und machten mehrere Mal die Runde in demselben. Doña Ignazia war so freudig erregt, daß ich ihr unwillkürliches Zittern fühlte. Ich deutete mir dieses als eine günstige Vorbedeutung für meine verliebten Absichten. In dem Saal, wo eine Freiheit herrschte, die fast an Zügellosigkeit grenzte, gingen zahlreiche Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett umher, um einen jeden, der Lärm machen würde, sofort zu verhaften.

Wir tanzten Menuetts und Kontertänze bis zehn Uhr und gingen dann zum Souper. Wir schwiegen beide: sie, um mich nicht zu ermutigen; ich, weil ich nur sehr wenig spanisch konnte und nicht wußte, was ich ihr sagen sollte. Nach dem Essen ließ ich sie einen Augenblick allein und ging in die Loge, wo ich die Pichona treffen sollte. Da ich jedoch nur unbekannte Masken fand, ging ich wieder zu meiner pareja, und wir ergaben uns wie vorher dem Tanze, bis die Erlaubnis verkündet wurde, den Fandango zu tanzen. Ich trat mit meiner pareja an, die ganz ausgezeichnet tanzte und sehr erstaunt war, daß ein Ausländer ihr so gut sekundierte. Der Tanz hatte uns in Flammen qesetzt. Sobald er beendigt war, führte ich sie nach dem Büfett und ließ ihr alles vorsetzen, was ihren Gaumen reizen konnte. Hierauf fragte ich sie, ob sie mit mir zufrieden sei, und sagte ihr, sie habe mich so verliebt gemacht, daß ich sterben werde, wenn sie nicht ein Mittel fände, mich glücklich zu machen. Zugleich versicherte ich ihr, ich sei der Mann, allen Gefahren zu trotzen.

Sie antwortete mir: »Ich darf nur daran denken, Sie glücklich zu machen, wenn ich selber glücklich werde; ich werde Ihnen morgen schreiben, inwiefern Sie dazu beitragen können, und Sie werden meinen Brief in die Kapuze meines Dominos eingenäht finden.«

»Sie werden mich zu allem bereit finden, schöne Ignazia, wenn ich alles von Ihnen hoffen kann.«

Es war Zeit zum Aufbrechen; wir gingen auf die Straße, fanden meinen Wagen und stiegen ein. Die Mutter erwachte, und der Kutscher fuhr ab. Ich ergriff die Hände des Mädchens, um sie ihr zu küssen. Ohne Zweifel dachte sie jedoch, ich hätte andere Absichten, bemächtigte sich meiner Hände und hielt diese so fest, daß ich wohl vergeblich versucht haben würde, sie zu befreien. In dieser seltsamen Stellung und augenscheinlich ohne Kraftanstrengung begann Doña Ignazia ihrer Mutter zu erzählen, wieviel Vergnügen der Ball ihr bereitet habe. Sie ließ meine Hände erst los, als wir an der Ecke ihrer Straße angekommen waren und die Mutter dem Kutscher zurief, daß er halten solle. Sie wollte nicht vor ihrer eigenen Türe aussteigen, um den Lästerzungen keinen Anlaß zu böser Nachrede zu geben.

Am nächsten Tage ließ ich den Domino wieder abholen. Ich fand darin den Brief, und Doña Ignazia schrieb mir: Don Francisco de Ramos werde sich bei mir melden lassen; er sei ihr Liebhaber, und ich werde von ihm erfahren, auf welche Weise ich sie glücklich machen könne; mein Glück werde die Folge des ihrigen sein.

Dieser Don Francisco ließ nicht lange auf sich warten; denn mein Page meldete ihn mir schon am nächsten Morgen um acht Uhr. Er sagte mir, Doña Ignazia spreche mit ihm jede Nacht von ihrem Fenster aus; sie habe ihm anvertraut, daß sie mit mir und ihrer Mutter auf dem Ball gewesen sei; sie sei überzeugt, daß ich zu ihr eine väterliche Zuneigung gefaßt habe, und habe ihn überredet, sich mir vorzustellen; sie sei gewiß, ich werde ihn wie meinen Sohn behandeln. Infolgedessen habe er den Mut gefaßt, sich mir zu eröffnen und mich um ein Darlehen von hundert Dublonen zu bitten, wodurch er in den Stand gesetzt würde, seine Geliebte noch vor dem Ende des Karnevals zu heiraten. »Ich bin«, fuhr er fort, »bei der Königlichen Münze angestellt, habe jedoch für den Augenblick nur eine schwache Besoldung. Ich hoffe binnen kurzem Beförderung zu erhalten und imstande zu sein, Ignazia glücklich zu machen. Ich habe in Madrid keinen einzigen Freund, denn alle meine Verwandten sind in Toledo; wenn ich eingerichtet bin, werde ich keinen Menschen bei mir sehen als die Eltern meiner Frau und Sie, denn ich weiß, daß Sie sie lieben, wie wenn sie Ihre eigene Tochter wäre.«

Ich antwortete ihm: »Sie lassen mir Gerechtigkeit widerfahren, Don Francisco; ich erwarte jedoch Geld, woran es mir in diesem Augenblick fehlt. Sie können auf meine Verschwiegenheit zählen und werden mir ein Vergnügen bereiten, so oft Sie mich besuchen.«

Der schöne Liebhaber machte mir eine Verbeugung und ging ganz betrübt hinaus. Don Francisco war ein Jüngling von zweiundzwanzig Jahren, häßlich und schlecht gewachsen. Ich lachte über das Abenteuer, denn ich hatte für Ignazia nur eine flüchtige Neigung empfunden und ging aus, um der Pichona meine Aufwartung zu machen. Dies war die Dame, die mich das erstemal, wo ich sie sah, so freundlich eingeladen hatte, sie zu besuchen. Ich hatte mich nach ihr erkundigt und erfahren, daß sie Schauspielerin gewesen war und dem Herzog von Medina-Celi ihr Vermögen verdankte. Der Herzog hatte ihr bei sehr strenger Kälte einen Besuch gemacht und kein Feuer im Kamin gefunden, weil sie kein Geld hatte, sich Kohlen zu kaufen. Er schämte sich, daß er, der unermeßlich Reiche, bei einer so armen Frau gewesen war, und schickte ihr gleich am nächsten Tage ein silbernes Kohlenbecken, das er, statt mit Kohlen, mit hunderttausend Pesos duros in Gold gefüllt hatte, die einen Wert von ungefähr fünfhunderttausend Franken hatten. Seitdem lebte Pichona in sehr behaglichen Verhältnissen und empfing gute Gesellschaft.

Die Pichona nahm mich sehr freundlich auf, aber sie sah traurig aus. Ich sagte ihr: »Da ich nicht das Glück hatte, Sie in der vorigen Ballnacht in Ihrer Loge zu finden, so fürchtete ich, Sie seien unpäßlich, und glaubte, mich nach Ihrer Gesundheit erkundigen zu sollen.«

»Ich war nicht da; denn an demselben Tage starb nach dreitägiger Krankheit der Herzog von Medina-Celi, der einzige Freund, den ich auf der Welt besaß.«

»Ich nehme tiefen Anteil an Ihrem Schmerz, gnädige Frau. War der Herzog alt?«

»Nein, keine sechzig Jahre. Sie haben ihn ja gesehen; man sah ihm sein Alter nicht an.«

»Wo habe ich ihn denn gesehen?«

»Hat er Sie nicht in meine Loge geführt?«

»Wie? Das war er? Er hat mir nicht seinen Namen genannt; ich sah ihn zum ersten Male.«

Dieser Todesfall machte tiefen Eindruck auf mich; mein Leser wird mir verzeihen, daß ich geglaubt habe, er sei ein großes Unglück für mich. Sein ganzes Vermögen erbte sein einziger Sohn, der sehr geizig war, und, wie es ja meistens der Fall ist, einen Sohn hatte, der die besten Anlagen zu einem Verschwender aufwies.

Man hat mir gesagt, das Haus des Herzogs von Medina-Celi habe dreißig Hüte; das will sagen: dreißig spanische Grandenschaften.

Ein junger Mann, der in dem Kaffeehaus verkehrte, das ich niemals besuchte, obwohl ich dort wohnte, trat eines Tages mit recht ungezwungenem Wesen bei mir ein, um mir in einem für mich neuen Lande, das er gründlich zu kennen behauptete, seine Dienste anzubieten.

»Ich bin der Graf Marazzani von Piacenza. Ich bin nicht reich und kam nach Madrid, um hier mein Glück zu versuchen. Ich hoffe, in die Leibwache Seiner Katholischen Majestät aufgenommen zu werden. Seit einem Jahr warte ich darauf und amüsiere mich unterdessen. Ich sah Sie auf dem Ball mit einer Schönheit, die kein Mensch kannte. Ich will nicht wissen, wer es ist; aber wenn Sie die Veränderung lieben, kann ich Sie mit dem Besten bekannt machen, was es in Madrid gibt.«

Wäre ich so vernünftig gewesen, wie ich mit meiner Erfahrung eigentlich hätte sein sollen, so hätte ich den frechen Menschen zur Tür hinausgeworfen oder ihn jedenfalls tüchtig abfallen lassen. Aber ich und vernünftig! Ohne daß ich es selber wußte, begann mein vernünftiger Lebenswandel mir lästig zu werden; eine gräßliche Leere begann mich zu quälen: ich hatte eine nette, kleine Leidenschaft nötig, wie ich bis dahin so viele gehabt hatte. Ohne mir etwas dabei zu denken, nahm ich also den Merkur gut auf und lud ihn ein, mir die Schönheiten zu zeigen, die meiner Aufmerksamkeit würdig wären; jedoch nicht solche, die leicht zu haben wären, und ebensowenig solche, deren Eroberung zu viele Schwierigkeiten machen würde; denn ich wollte mir in Spanien keine lästigen Geschichten auf den Hals ziehen.

»Kommen Sie mit mir auf den Ball«, sagte er mir, »und ich verspreche Ihnen, Sie sollen alle, die Sie interessieren, trotz ihren offiziellen Liebhabern haben.«

Der Ball fand an demselben Abend statt. Ich gab ihm meine Zusage, daß ich mitgehen würde, und als er sich bei mir zum Mittagessen einlud, erfüllte ich seine Bitte. Nach dem Essen sagte er mir, er habe kein Geld, und ich war auch noch so schwach, ihm eine Dublone zu geben. Er war weiter nichts als ein frecher Intrigant; außerdem war er häßlich und hatte nur ein Auge. Ich war die ganze Nacht mit ihm auf dem Ball, und er zeigte mir etwa zwanzig hübsche Frauen, deren Geschichte er mir erzählte. Eine von ihnen erregte mein Interesse, und er versprach mir, mich bei einer Kupplerin mit ihr zusammenzubringen. Er hielt mir Wort, aber es kam mir teuer zu stehen, und das Vergnügen, das er mir verschaffte, war der Ausgabe nicht wert; denn ich fand keinen Gegenstand, der würdig gewesen wäre, mich zu fesseln.

Gegen Ende des Karnevals brachte der Hidalgo Don Diego, Doña Ignazias Vater, mir meine Stiefel und zugleich die Komplimente seiner Frau und seiner Tochter, die immerzu von dem Vergnügen spreche, das sie auf dem Ball gehabt habe und mein zartfühlendes Benehmen gar nicht genug loben könne.

Ich antwortete ihm: »Sie ist ein ebenso ehrbares wie schönes Mädchen; sie verdient ihr Glück zu machen, und wenn ich nicht zu ihr gegangen bin, so geschah dies nur, weil ich ihrem Ruf nicht schaden wollte.«

»Ihr Ruf ist ebenso wie der meinige über alle Verleumdungen erhaben, und, Señor Caballero, ich würde mich geehrt fühlen, wenn Sie die Güte haben wollten, mich zu besuchen.«

Dieses Entgegenkommen stachelte mich an.

»Der Karneval geht seinem Ende zu, und wenn Doña Ignazia Lust hat, noch einmal den Ball zu besuchen, so werde ich sie mit großem Vergnügen hinführen.«

»Holen Sie sich die Antwort selber.«

»Ich verspreche es Ihnen.«

Ich war neugierig, wie meine fromme Spanierin sich benehmen würde, die mich alles nach der Heirat hoffen lassen wollte, und mich für diese Hoffnung hundert Dublonen zahlen zu lassen gedachte. Ich ging noch am gleichen Tage zu ihr und fand sie mit dem Rosenkranz in der Hand bei ihrer Mutter sitzen, während ihr edler Vater alte Stiefel flickte. Ich lachte innerlich darüber, einen Schuhflicker Don nennen zu müssen, der nicht Schuhmacher sein wollte, weil er Hidalgo war. Hidalgo, das bedeutet adlig, kommt von hijo de algo, Sohn von etwas; oft rächt das grobe Volk sich für die Verachtung der Hidalgos, die die Bürgerlichen hijos de nada, Söhne von nichts, nennen, dadurch, daß sie sie hideputa nennen, von hijos de puta, Hurensöhne.

Doña Ignazia stand höflich von der Erde auf, auf der sie mit gekreuzten Beinen saß wie eine Afrikanerin. Dieser Brauch stammt noch von den Mauren. Ich sah in Madrid vornehme Frauen so auf dem Parkett sitzen, besonders auch in den Vorzimmern des Hofes und in dem des Palastes der Prinzessin von Asturien. Die Spanierinnen sitzen auf ihren Beinen in der Kirche, wo es weder Bänke noch Stühle gibt; sie besitzen eine überraschende Geschicklichkeit, aus dieser Stellung in eine kniende oder stehende überzugehen oder umgekehrt.

Doña Ignazia dankte mir für die Ehre, die ich ihr durch meinen Besuch erweise, und sagte mir, ohne mich würde sie niemals den Ball gesehen haben; auch hoffe sie nicht mehr, noch einmal hinzukommen, denn ohne Zweifel werde ich seitdem einen Gegenstand gefunden haben, der meiner Aufmerksamkeit würdiger sei als sie.

»Ich habe keinen gefunden, der würdig wäre, Ihnen vorgezogen zu werden,« antwortete ich ihr, »und wenn Sie noch einmal auf den Ball gehen wollen, werde ich Sie mit größtem Vergnügen hinführen.«

Vater und Mutter waren sehr zufrieden, ihrer geliebten Tochter das Vergnügen verschaffen zu können, und da der Ball an demselben Tage stattfand, so gab ich der Mutter eine Dublone, um sofort einen Domino und eine Maske zu beschaffen. Sie ging, und da auch Don Diego irgendeine Besorgung zu machen hatte, so war ich mit dem Mädchen allein. Ich benutzte die Gelegenheit und sagte ihr, es stehe bei ihr, die volle Herrschaft über mich zu erlangen, denn ich bete sie an; wenn sie jedoch mich seufzen zu lassen gedenke, so werde sie mich nicht wiedersehen.

»Was können Sie von mir wünschen, und was kann ich Ihnen bieten? Ich muß mich doch für meinen künftigen Gatten rein erhalten.«

»Sie müssen sich meiner Liebe ohne jeden Nebengedanken überlassen und können überzeugt sein, daß ich Ihre Unschuld schonen werde.«

Ich machte einen sanften Angriff auf sie, sie verteidigte sich jedoch mit Kraft und mit einer ernsten Miene, die auf mich großen Eindruck machte. Als ich es sah, ließ ich von ihr ab, indem ich ihr versicherte, sie werde mich die ganze Nacht hindurch dienstwillig und ehrerbietig finden, aber weder zärtlich noch verliebt, obgleich dies noch viel besser sein würde.

Ihr Gesicht war scharlachrot geworden; sie antwortete mir, ihre Pflicht nötige sie, ihrem eigenen Wunsche zum Trotz sich meiner Kühnheit zu widersetzen.

Diese Denkweise gefiel mir sehr an einer frommen Spanierin. Es handelte sich nur darum, die feste Idee der Pflicht in ihr zu zerstören; sie würde dann sofort zu allem bereit sein. Zu diesem Zwecke mußte ich sie zum Denken bringen, und ich war sicher, daß sehr bald der Augenblick kommen würde, wo sie mir nicht mehr zu antworten wüßte.

Ich sagte daher zu ihr: »Wenn Ihre Pflicht Sie zwingt, mich, entgegen Ihrem eigenen Wunsche, zurückzustoßen, so ist Ihre Pflicht Ihnen zur Last; und wenn sie Ihnen zur Last ist, so ist sie Ihre Feindin; und wenn sie Ihre Feindin ist, warum verhätscheln Sie sie, warum lassen Sie sie so leicht siegen? Wenn Sie Ihre eigene Freundin wären, würden Sie zu allererst Ihrer unverschämten Feindin die Tür zeigen.«

»Das ist nicht möglich.«

»Im Gegenteil, es ist sehr leicht möglich. Denken Sie an sich selber; schließen Sie die Augen!«

»Ist es so gut?«

»Vortrefflich.«

In demselben Augenblick faßte ich an ihre schwache Stelle; sie stieß mich zurück, doch ziemlich sanft und mit einem weniger ernsten Gesicht. Zugleich sagte sie: »Es steht in Ihrer Macht, mich zu verführen; aber wenn Sie mich lieben, müssen Sie mir diese Schande ersparen.«

»Meine angebetete Ignazia, für ein kluges junges Mädchen ist es nur eine Schande, wenn sie sich einem Manne ergibt, den sie nicht liebt. Ergibt sie sich aber dem, den sie liebt, so erklärt und rechtfertigt die Liebe alles. Wenn Sie mich nicht lieben, verlange ich nichts.«

»Aber was muß ich tun, um Sie zu überzeugen, daß ich Sie aus Liebe gewähren lasse und nicht aus schmachvoller Gefälligkeit?«

»Lassen Sie mich gewähren, und mein Selbstgefühl wird Ihnen beistehen, um mich zu diesem Glauben zu überreden.«

»Geben Sie zu, daß ich Sie zurückweisen muß, da ich dessen nicht sicher sein kann.«

»Das gebe ich zu, aber Sie werden mich traurig und kalt machen.«

»Das würde auch mich traurig machen.«

Durch diese Worte ermutigt, umarmte ich sie; durch einen kühnen Griff meiner Hand erreichte ich viel: ihre Hände ließen mir das Feld frei, und sie teilte meinen Genuß, ohne es zu leugnen. Hiermit war ich vollständig zufrieden, denn für den ersten Anfang konnte ich nicht mehr verlangen. Ich überließ mich einer Heiterkeit, die auch die ihrige erregte.

Die Mutter kam mit dem Domino, den Handschuhen usw. zurück und wollte mir den Rest der Dublone wiedergeben. Ich weigerte mich jedoch, das Geld anzunehmen und entfernte mich mit dem Versprechen, sie wie das erste Mal am Abend mit einem Wagen abzuholen.

Da der erste Schritt einmal getan war, fühlte Doña Ignazia, daß sie sich lächerlich machen würde, wenn sie nicht auf meine Bemerkungen einginge, die sich alle mit der Frage beschäftigten, wie wir uns die Wonne verschaffen könnten, ganze Nächte miteinander zu verbringen. Die glühende Natur der Kastilianerinnen und ihre persönliche Eitelkeit brachten sie zu der Überzeugung, daß sie nur daran denken mußte, mich zu fesseln. Sie fand mich die ganze Nacht hindurch zärtlich, eifrig und zuvorkommend. Beim Souper war ich darauf bedacht, ihr alles vorsetzen zu lassen, was sie gern aß und trank. So zwang ich sie, sich selber Beifall zu zollen, daß sie sich entschlossen hatte, ihren Widerstand aufzugeben. Ich füllte ihre Taschen mit Zuckerwerk und steckte in die meine zwei Flaschen Ratafia; diese gab ich der Mutter, die wir im Wagen eingeschlafen fanden. Doña Ignazia wies einen Quadrupel zurück, den ich ihr schenken wollte; aber sie tat dies ohne Stolz und mit dem Ausdruck zärtlicher Dankbarkeit. Zugleich bat sie mich jedoch, da ich imstande sei, solche Geschenke zu machen, möchte ich den Quadrupel ihrem Liebhaber geben, wenn er mich wieder besuchen würde.

»Gern, aber wie soll ich mich vergewissern, daß mein Anerbieten ihn nicht beleidigen wird?«

»Sagen Sie ihm, es sei eine Abschlagszahlung auf die Summe, um die er Sie gebeten habe; er ist arm. Ich bin überzeugt, er ist jetzt in Verzweiflung, weil er mich nicht am Fenster gesehen hat. Morgen werde ich ihm zum Trost sagen, ich sei mit Ihnen nur auf den Ball gegangen, um meinem Vater einen Gefallen zu tun.«

Doña Ignazias Temperament war eine Mischung von Wollust und Frömmigkeit – eine Mischung, die in Spanien sehr oft vorkommt. Sie tanzte den Fandango mit soviel Hingebung und mit solchem Feuer, daß kein Wort mir hätte verheißen können, was ihre wollüstigen Stellungen mir versprachen. Was für ein Tanz ist der Fandango! Er reißt die Tänzer mit sich fort, versetzt sie in Glut. Trotzdem hat man mir versichern wollen, daß die meisten Tänzer und Tänzerinnen sich gar nichts Schlimmes dabei dächten. Ich habe getan, wie wenn ich das glaubte. Bevor sie ausstieg, bat Ignazia mich, am nächsten Morgen um acht Uhr in der Soledad die Messe zu hören. Ich hatte ihr noch nicht gesagt, daß ich sie dort zum ersten Mal gesehen hatte. Sie bat mich ferner, gegen Abend sie zu besuchen, und sagte mir, sie werde mir einen Brief geben, wenn sie es nicht ermöglichen könne, mit mir allein zusammen zu sein.

Ich schlief bis zum Mittag und wurde von Marazzani geweckt, der sich bei mir zum Essen einlud. Er sagte mir, er habe mich die ganze Nacht mit einer schönen Begleiterin beisammen gesehen und habe vergeblich alle seine Bekannten gefragt, wer sie sei. Ich ertrug geduldig diese sehr unbescheidene Neugier; als er mir jedoch sagte, er würde mir jemanden nachgeschickt haben, wenn er Geld gehabt hätte, da sprach ich zu ihm in einem Ton, daß er ganz blaß wurde. Er beeilte sich, mich um Verzeihung zu bitten, und versprach mir, in Zukunft seine Neugier im Zaum zu halten. Er schlug mir eine galante Zusammenkunft mit der berühmten Spiletta vor, die ihre Huld nicht billig verkaufte; ich wollte jedoch nicht, denn ich war ganz und gar von Doña Ignazia eingenommen, die ich mir als eine sehr würdige Nachfolgerin Charlottens vorstellte.

Ich war vor ihr in der Soledad, und sie bemerkte mich, sowie sie eintrat. Das Mädchen, das sie das erste Mal begleitet hatte, war wieder bei ihr.

Zwei Schritt von mir warf sie sich auf die Knie, aber ohne den Kopf nach mir umzudrehen. Ihre Freundin dagegen sah mich unaufhörlich an; sie war ebenso alt wie Doña Ignazia, aber häßlich. Da ich Don Francisco bemerkte, verließ ich die Kirche vor der Schönen; mein Nebenbuhler folgte mir und machte mir ein etwas bitteres Kompliment darüber, daß ich zum zweiten Male das Glück gehabt hätte, mit seiner Geliebten auf den Ball zu gehen. Er gestand mir, daß er die ganze Nacht auf den Spuren gewesen wäre, und sagte: »Ich wäre mit dem Ball ziemlich zufrieden gewesen, wenn ich nicht Sie beide den Fandango hätte tanzen sehen, denn Sie sahen mir zu sehr wie zwei glückliche Liebende aus.«

Ich fühlte ein Bedürfnis, die Gefühle des armen Teufels zu schonen, und sagte ihm daher mit gütiger Miene, die Liebe leide an Einbildungen, aber ein kluger Mann wie er müsse jeden Zweifel an die Reinheit eines tugendhaften Mädchens wie Doña Ignazia aus seinem Herzen verbannen. Zugleich drückte ich ihm eine goldene Unze in die Hand und bat ihn, diese auf Abschlag anzunehmen. Er nahm sie mit erstaunter und gerührter Miene, nannte mich seinen Vater, seinen Schutzengel und versprach mir ewige Dankbarkeit.

Gegen Abend ging ich zu Don Diego, der mich mit meinem eigenen ausgezeichneten Ratafia bewirtete. Vater, Mutter und Tochter sprachen mir von den großen Verpflichtungen Spaniens gegen den Grafen Aranda. »Es gibt«, sagte Doña Antonia, die Mutter, »für die Gesundheit nichts Besseres als den Ball, und doch war dieses Vergnügen verboten, bevor der große Mann an die Regierung kam. Trotzdem wird er gehaßt, weil er die Väter der Gesellschaft Jesu aus dem Lande gejagt hat und weil er die bis auf den Absatz reichenden Mäntel und die großen Hüte verboten hat. Aber die Armen segnen ihn; denn sie erhalten alles Geld, das der Ball der Scaños del Peral einbringt.«

»Auf diese Weise«, bemerkte der adelige Schuhflicker, »tun alle, die auf diesen Ball gehen, zugleich ein frommes Werk.«

»Ich habe«, sagte Doña Ignazia zu mir, »zwei Cousinen, die an Tugend wahre Engel sind. Ich habe ihnen erzählt, daß ich mit Ihnen auf dem Ball war, den zu besuchen sie nicht die geringste Hoffnung haben, denn sie sind arm. Es würde nur von Ihnen abhängen, sie glücklich zu machen, indem Sie sie am letzten Tage des Karnevals mitnehmen. Ihre Mutter wird sie um so lieber mitgehen lassen, da der Ball mit dem Schlage der zwölften Stunde zu Ende ist, um nicht die Sonntagsruhe des Aschermittwochs zu stören.«

»Ich bin, meine schöne Ignazia, vollkommen bereit, ihnen dieses unschuldige Vergnügen zu erweisen, um so mehr, da dadurch der Señora Doña Antonia die Mühe erspart bleibt, im Wagen auf uns zu warten.«

»Sie sind sehr liebenswürdig; ich müßte Sie jedoch erst mit meiner Tante bekannt machen, die von einer peinlichen Frömmigkeit ist. Wenn sie Sie kennen gelernt hat, bin ich überzeugt, sie wird mir keine abschlägige Antwort geben, wenn ich ihr den Vorschlag mache, denn Sie sehen wie ein sehr verständiger Mann aus. Suchen Sie sie noch heute auf. Sie wohnt in der nächsten Straße gleich im ersten Hause, über dessen Tür ein Schild besagt, daß Spitzen ausgebessert werden. Stecken Sie einige Spitzen in Ihre Tasche und sagen Sie, meine Mutter habe Ihnen ihre Adresse gegeben. Das übrige werde ich selber machen, wenn ich morgen aus der Messe komme. Gegen Mittag kommen Sie bitte hierher, damit wir beraten können, wie wir den letzten Karnevalstag zusammen verbringen.«

Ich machte alles genau nach ihrer Vorschrift, und am anderen Tage konnte Doña Ignazia mir melden, daß alles in Ordnung sei.

Ich sagte hierauf zu ihr: »Ich werde alle Dominos in meiner Wohnung bereit halten, in die Sie durch die Hintertüre gelangen können. Wir werden in meinem Zimmer speisen; hierauf werden wir uns maskieren, um auf den Ball zu gehen, und wenn dieser zu Ende ist, werde ich Sie alle nach Hause bringen. Die älteste werde ich als Mann anziehen; denn sie wird vollkommen wie ein Kavalier aussehen.«

»Ich werde ihr vorher nichts davon sagen, denn sie würde Furcht haben, eine Sünde zu begehen; ist sie aber einmal bei Ihnen, so wird sie alles tun, was Sie wollen.«

Die jüngere der beiden Cousinen war häßlich, sah aber unverkennbar wie ein Weib aus; die ältere dagegen, die auffällig häßlich war, sah aus wie ein Mann in Weiberkleidern. Dieser Gegensatz machte mir Spaß, denn Doña Ignazia war eine vollkommene Schönheit und im höchsten Grade verführerisch, sobald sie ihre fromme Miene ablegte.

Ich sorgte dafür, daß alles Notwendige in der kleinen Kammer neben meinem Zimmer vorhanden war, ohne daß mein abscheulicher Page etwas davon erfuhr. Am Dienstag morgen gab ich ihm einen Peso duro und sagte ihm, er könne den letzten Karnevalstag in voller Freiheit feiern; es genüge mir, wenn er am anderen Mittag wieder da sei.

Nachdem ich ein gutes Mittagessen bestellt und dem Kellner des Kaffeehauses gesagt hatte, daß er mich bedienen sollte, schaffte ich mir Marazzani vom Halse, indem ich ihm eine Dublone gab. So hatte ich alle Vorbereitungen getroffen, mit den beiden Cousinen und der schönen Ignazia, die an diesem Tage meine Frau werden sollte, ein fröhliches Fest zu feiern. Die Partie war neu in ihrer Art: drei Betschwestern, davon zwei ekelhaft häßlich, die dritte höchst appetitlich, schon in meine Absicht eingeweiht und halb gezähmt. Wahrscheinlich ahnte sie, was ihrer als Nachtisch wartete.

Sie kamen um zwölf Uhr, und um ein Uhr setzten wir uns zu Tisch, nachdem ich ihnen die ganze Stunde lang weise, moralische und salbungsvolle Reden gehalten hatte. Ich hatte mich mit ausgezeichnetem Manchaner Wein versehen, der sehr angenehm zu trinken ist, aber die hinterlistige Stärke des Ungarweins besizt. Die jungen Mädchen waren nicht daran gewöhnt, zwei Stunden lang bei Tisch zu sitzen, gute Speisen zu essen, so viel sie Lust hatten, und sich an feinen Weinen zu laben; sie waren nicht gerade betrunken, aber sie glühten und waren von einer Lustigkeit beseelt, deren Reiz sie bis dahin nicht gekannt hatten.

Ich sagte der älteren, die etwa fünfundzwanzig Jahre alt sein mochte, ich würde sie als Mann anziehen.

Entsetzen malte sich auf allen ihren Zügen. Ich war darauf gefaßt gewesen; aber Doña Ignazia sagte ihr, sie sei doch recht glücklich, daß sie das Vergnügen haben könne, und ihre Schwester sagte, das könne doch keine Sünde sein.

»Wenn es eine Sünde wäre,« sagte ich zu ihr, »glauben Sie, daß ich Ihrer tugendhaften Schwester einen solchen Vorschlag machen würde?«

Doña Ignazia, die die Heiligengeschichte auswendig wußte, bestärkte meine Versicherung, indem sie sagte, die glorreiche heilige Marina habe ihr ganzes Leben in Männerkleidung zugebracht; bei dieser gelehrten Bemerkung streckte die große Cousine dann endlich die Waffen.

Ich pries nun in pomphaften Worten ihren Geist und reizte sie dadurch, mich zu überzeugen, daß ich mich nicht täuschte.

»Kommen Sie mit mir,« sagte ich zu ihr, »und Sie, meine Damen, warten Sie hier! Ich möchte mich an Ihrer Überraschung weiden, wenn Sie sie als Mann erscheinen sehen.«

Die häßliche Cousine bezwang sich und folgte mir. Ich breitete die ganze Ausrüstung eines Mannes vor ihr aus, ließ sie ihre Strümpfe ausziehen und dafür weiße Strümpfe und Schuhe anziehen, von denen ich mehrere Paare besorgt hatte. Indem ich mich vor sie hinsetzte, sagte ich ihr, sie würde eine Todsünde begehen, wenn sie mir unanständige Absichten zutraute; denn da ich ihr Vater sein könnte, wäre es unmöglich, daß ich solche Absichten hätte. Sie antwortete mir, sie sei eine gute Christin, aber nicht dumm. Ich band ihr die Strumpfbänder zu und sagte ihr, ich würde niemals geglaubt haben, daß sie ein so schönes Bein und eine so schöne Haut hätte; sie lächelte vor Eitelkeit sehr befriedigt.

Obgleich ich ihre sehr schönen Schenkel sah, errötete sie doch nicht. Ich gab ihr eine von meinen Hosen, die ihr sehr gut paßte, obgleich ich fünf Zoll größer war als sie; aber bei den Frauen ersetzt der Hintere Vorsprung in der Breite, was wir in der Länge mehr haben als sie. Ich hatte mich abgewandt, damit sie die Hose ungestört anziehen könne; hierauf gab ich ihr ein Spitzenhemd, und sie sagte mir, sie sei fertig, bevor sie es am Halse zugeknöpft hatte. Dies übernahm ich natürlich, und es kam mir vor, wie wenn sie mich aus Koketterie zu früh gerufen hätte; denn ihr Busen war prachtvoll, und sie tat durchaus nichts, um mich zu verhindern, ihn zu sehen, als ich ihr die Knöpfe am Halse zumachte, ja, ich weiß nicht, ob sie sich nicht ärgerte, daß ich ihr kein Kompliment darüber machte. Als sie mit ihrem Anzug fertig war, sah ich sie von den Füßen bis zum Kopf an und lobte sie sehr. Ich sagte ihr, nur an einem einzigen Ort könne ein Kenner merken, daß sie ein Weib sei.

»Das tut mir recht leid.«

»Gestatten Sie mir, Ihr Hemd an diesem Ort zurecht zu machen?«

»Ich bitte Sie darum; denn ich habe mich noch niemals als Mann angezogen.«

Ich machte die vorderen Knöpfe wieder auf und ordnete die Spitzen des Hemdes, nicht ohne mir dabei die Freiheiten zu erlauben, die die Lage zuließ. Aber ich machte das so ernst, daß die große Cousine, obwohl sie vor Wollust zitterte, das alles für unumgänglich notwendig halten mußte.

Nachdem ich ihr ihren Domino angezogen und die Maske vorgebunden hatte, stellte ich sie vor, und ihre Schwester und Doña Ignazia machten ihr Komplimente und sagten ihr, die größten Kenner müßten sie für einen Mann halten.

»Nun zu Ihnen«, sagte ich zur jüngeren.

»Geh nur,« sagte die ältere zu ihr; »Don Jaime ist der anständigste Mann in ganz Spanien.«

Ich hatte bei der jüngeren nicht viel zu machen, denn ich brauchte ihr nur den Domino anzuziehen. Da ich aber ihre Cousine recht lange bei mir behalten wollte, veranlaßte ich sie, schöne weiße Strümpfe anzuziehen, ein anderes Halstuch zu nehmen und tausend andere kleine Änderungen zu machen. Als sie fertig war, stellte ich sie den beiden anderen vor; Doña Ignazia bemerkte, daß sie andere Strümpfe und ein anderes Busentuch trug und fragte sie, ob ich mich ebensogut darauf verstände, einer Frau bei ihrer Toilette zu helfen, wie eine Frau in einen Mann umzukleiden.

»Das weiß ich nicht,« antwortete die Cousine ihr; »denn ich habe seiner nicht bedurft, sondern alles selber gemacht.«

Nun kam Don Diegos Tochter an die Reihe. Sobald sie in der Kammer war, machte ich mit ihr, was ich wollte, und sie gab sich mir mit jener Miene hin, die zu sagen scheint: »Ich ergebe mich dir, weil ich nicht länger widerstehen kann.« Da ich ihre Ehre schonen wollte, so hielt ich zu rechter Zeit ein; das zweitemal aber hielt ich sie länger als eine halbe Stunde in meinen Armen, bis sie vor Wollust ganz erschöpft war. Sie war zur Liebe geboren, und die Natur hatte sie mit einem Temperament begabt, das den kräftigsten Angriffen zu widerstehen vermochte. Als der Anstand uns zwang, endlich wieder hineinzugehen, sagte sie zu ihren Cousinen: »Ich dachte, wir würden gar nicht fertig werden; aber ich mußte beinahe den ganzen Domino auftrennen und wieder zusammennähen.«

Ich bewunderte ihre Geistesgegenwart.

Als es Abend wurde, fuhren wir nach dem Ballhaus, wo für diesen Tag der Graf von Aranda den Fandango nach Belieben erlaubt hatte; die Menschenmenge war jedoch so groß, daß es unmöglich war, ihn zu tanzen. Um zehn Uhr speisten wir zu Abend; hierauf gingen wir im Saal auf und ab, bis mit einem Schlage die beiden Orchester schwiegen. Es war Mitternacht, und die heilige Fastenzeit begann; der Karneval war aus.

Dieser plötzliche Übergang von der Ausgelassenheit zur Frommigkeit, vom Heidentum mit seinen Bacchanalien zum Christentum mit seinen Mysterien und seinem ganz philosophischen Symbol hat etwas Abstoßendes, Gezwungenes, Widernatürliches an sich. Um elf Uhr neunundfünfzig Minuten sind die Sinne vor Erregung in einer Weißgluthitze; mit dem Schlage Mitternacht, in einer Minute, sollen die Sinne ruhig, die Leidenschaften abgestorben, die Herzen von Reue und Liebe durchdrungen sein: das ist ein schwieriger Übergang, ein unmöglicher Zustand.

Nachdem ich mit den drei Spanierinnen nach meiner Wohnung gefahren war, um sie dort die Dominos ablegen zu lassen, brachten wir die beiden Cousinen zu ihrer Mutter. Als wir nur noch ein paar Schritte von ihrem Hause entfernt waren, sagte Doña Ignazia zu mir, sie habe das Bedürfnis, noch Kaffee zu trinken. Ich verstand sie sofort und nahm sie wieder mit zu mir, wo ich gewiß war, sie ein paar Stunden lang zu unserer gegenseitigen Befriedigung zu besitzen.

Nachdem ich sie auf mein Zimmer geführt hatte, ließ ich sie einen Augenblick allein, um den Kaffee zu bestellen; aber im Kaffeehaus sah ich plötzlich Don Francisco vor mir, der mich ohne Umstände bat, ihn als dritten zu unserer Gesellschaft zuzulassen, denn er habe Doña Ignazia hinaufgehen sehen. Es gelang mir, meine Enttäuschung und meine Wut zu verhehlen, und ich sagte ihm, es stehe in seinem Belieben, und er könne sicher sein, daß sein unerwarteter Besuch seiner Geliebten das größte Vergnügen machen werde. Ich ging hinauf, er folgte mir, und ich meldete den Eindringling der Schönen, indem ich ihr sagte, sein Besuch zu einer solchen Stunde werde ihr jedenfalls viel Vergnügen machen.

Ich hätte wetten mögen, daß sie sich mindestens ebensogut zu verstellen gewußt hätte wie ich; aber ich würde mich getäuscht haben. In ihrem Verdruß sagte sie ihm grob, sie würde sich gehütet haben, mich um Kaffee zu bitten, wenn sie hätte glauben können, er würde mich belästigen. Das wäre sehr indiskret von ihm, und wenn er weniger schlecht erzogen wäre, so würde er mich nicht zu solcher Stunde gestört haben.

Trotz meinem Ärger glaubte ich den armen Teufel verteidigen zu müssen; denn er machte ein Gesicht wie ein Hund, den man aus der Küche jagt. Ich suchte Doña Ignazia zu beruhigen, indem ich ihr sagte, es sei doch ganz natürlich, daß Don Francisco in der letzten Karnevalsnacht zu dieser Stunde im Kaffeehaus sei; er habe uns nur zufällig gesehen und sei von mir gebeten worden, heraufzukommen, weil ich geglaubt habe, ich werde ihr damit ein Vergnügen machen.

Doña Ignazia erriet meine Absicht und stellte sich, wie wenn sie mir recht gäbe. Sie lud ihn ein, Platz zu nehmen, richtete aber dann kein Wort mehr an ihn und sprach nur mit mir allein von dem Ball, indem sie mir für das Vergnügen dankte, das ich ihr zuliebe ihren Cousinen verschafft hatte.

Nachdem Don Francisco seinen Kaffee getrunken hatte, glaubte er, sich entfernen zu sollen. Ich sagte ihm, ich hoffte ihn zuweilen während der Fastenzeit zu sehen. Aber Doña Ignazia sprach kein Wort zu ihm, sondern begnügte sich mit einem leichten Kopfnicken. Als er fort war, sagte sie mir mit traurigem Gesicht, dieser verdrießliche Zwischenfall beraube sie des Vergnügens, eine Stunde mit mir zu verbringen; denn sie sei überzeugt, daß Don Francisco im Kaffeehause oder an irgendeinem anderen Ort auf sie warte, um ihr nachzuspüren, und wenn sie seine Eifersucht verachte, werde sie sich seiner Rache aussetzen. Sie fuhr fort: »Haben Sie also die Güte, mich nach Hause zu fahren, und wenn Sie mich lieben, so besuchen Sie mich. Der Streich, den der Wahnwitzige mir gespielt hat, soll ihm noch Tränen kosten. Vielleicht werde ich ihn mir überhaupt vom Halse schaffen, denn nur, um mich zu verheiraten, erlaube ich ihm, mir am Fenster den Hof zu machen. Sind Sie überzeugt, daß ich nicht in ihn verliebt bin?«

»Vollkommen, mein schöner Engel! Du hast mich glücklich gemacht, und ich muß mich für geliebt halten, solange ich dich liebe.«

Doña Ignazia gab mir in aller Eile einen neuen Beweis dafür. Hierauf brachte ich sie nach Hause, wo ich ihr versicherte, ich würde nur für sie leben, solange ich mich in Madrid aufhielte.

Am nächsten Tage speiste ich bei Mengs zu Mittag, und den Tag darauf um ein Uhr sprach ein Mann von üblem Aussehen mich auf der Straße an und bat mich, ihm in den Kreuzgang einer Kirche zu folgen, wo er mir etwas sagen würde, was für mich von größtem Interesse sein müßte.

Ich folgte ihm, ohne ein Wort zu sagen, und sobald er sah, daß uns kein Mensch hören konnte, sagte er mir: »Noch heute Nacht wird der Alcalde Messa Ihnen einen Besuch machen, und zwar mit allen seinen Häschern, zu denen ich gehöre. Er weiß, daß Sie verbotene Waffen besitzen, die Sie unter der Matte Ihres Zimmers hinter dem Ofen versteckt haben. Er weiß oder glaubt zu wissen noch mehrere andere Dinge, die ihn berechtigen, sich Ihrer Person zu bemächtigen und Sie nach dem Gefängnis der zur Galerenstrafe bestimmten Verbrecher bringen zu lassen. Ich sage Ihnen dies alles, weil ich Sie für einen ehrenhaften Menschen halte. Verachten Sie meine Warnung nicht, treffen Sie Ihre Maßnahmen und bringen Sie sich an einen sicheren Ort, um diesem Schimpf zu entgehen.«

Da der Umstand der verborgenen Waffen wahr war, so maß ich der Warnung des Mannes Glauben bei und drückte ihm eine Dublone in die Hand. Anstatt zu Doña Ignazia zu gehen, wie es meine Absicht gewesen war, ging ich nach Hause, nahm meine Waffen unter den Mantel und begab mich zu Mengs, nachdem ich im Kaffeehaus Bescheid hinterlassen hatte, man möchte mir meinen Pagen zuschicken, sobald er wieder nach Hause käme. Im Hause des Ritters Mengs war ich in Sicherheit, da es dem König gehörte.

Der Maler war ein braver Mann, aber ehrgeizig, stolz und über alle Maßen mißtrauisch. Er verweigerte mir keineswegs eine Zuflucht für die Nacht, sagte mir jedoch, am nächsten Morgen müßte ich daran denken, mir eine andere Wohnung zu besorgen; denn es wäre unmöglich, daß der Alcalde keine stärkeren Gründe für meine Verhaftung hätte, als den Besitz verbotener Waffen. Er wisse von der ganzen Sache nichts und könne daher für nichts aufkommen. Er gab mir ein Zimmer, und wir speisten allein miteinander und sprachen unaufhörlich über diese Geschichte: ich wiederholte fortwährend, ich hätte mich keines anderen Vergehens schuldig gemacht als des Besitzes verbotener Waffen, worauf er mir erwiderte: unter diesen Umständen hätte ich die ungebetene Warnung des Sbirren verachten müssen, anstatt ihm eine Dublone zu geben; ich hätte ruhig in meinem Zimmer bleiben sollen, statt meine Waffen fortzuschaffen; denn als ein kluger Mann müßte ich doch wissen, daß ein jeder Mensch nach dem Naturrecht in seinem eigenen Zimmer nicht nur Waffen, sondern sogar Kanonen haben dürfte.

Ich antwortete ihm: »Indem ich zu Ihnen ging, wollte ich nur der Unannehmlichkeit ausweichen, eine Nacht im Gefängnis zuzubringen, denn ich bin überzeugt, der Sbirre, dem ich die Dublone gegeben habe, hat mir weiter nichts als die Wahrheit gesagt. Morgen werde ich eine andere Wohnung nehmen; ich gebe zu, daß ich meine Pistolen und meinen Karabiner hätte zu Hause lassen müssen.«

»Sie hätten ebenfalls dort bleiben sollen. Ich glaubte nicht, daß Sie so leicht zu erschrecken wären.«

Während wir uns in dieser Weise stritten, kam mein Wirt und sagte, der Alcalde sei mit dreißig Häschern dagewesen und habe meine Wohnung durchsucht, nachdem er die Tür durch einen Schlosser habe öffnen lassen. Nachdem er überall gesucht, aber nichts gefunden, habe er die Tür wieder schließen und versiegeln lassen. Hierauf sei er gegangen und habe meinen Pagen ins Gefängnis geführt unter der Anschuldigung, daß er mich gewarnt habe; »denn sonst,« so habe er hinzugefügt, »würde der venetianische Herr sich nicht zu Ritter Mengs zurückgezogen haben, wo ich mich seiner Person nicht bemächtigen kann.«

Nach dieser Erzählung gab Mengs zu, daß ich nicht unrecht gehabt hätte, an die mir gemachte Mitteilung zu glauben; er fügte hinzu, ich müßte sofort am nächsten Morgen den Grafen von Aranda aufsuchen und vor allen Dingen die Unschuld meines Pagen betonen.

Als mein Wirt fortgegangen war, stritten wir uns weiter, und da Mengs sich fortwährend für meinen unschuldigen Pagen interessierte, sagte ich ihm schließlich in ungeduldigem Ton: »Mein Page muß ein abgefeimter Schuft sein; denn wenn der Alcalde ihn in Verdacht hat, mich von seinem Besuch in Kenntnis gesetzt zu haben, so ist das ein ganz unwiderleglicher Beweis, daß der Page dasselbe gewußt hat, was der Beamte wußte. Nun frage ich Sie: muß der Diener nicht ein Schurke sein, wenn er von einer derartigen Geschichte hört, und mich nicht davon in Kenntnis setzt? Und weiter frage ich Sie, ob er sie wissen kann, wenn er nicht selber der Anzeiger gewesen ist? Denn schließlich wußte doch nur er allein, wo meine Waffen versteckt waren.«

Als Menges sah, daß er mir nichts mehr antworten konnte, ärgerte er sich, ließ mich allein und ging zu Bett. Ich tat dasselbe und schlief sehr friedlich.

Am anderen Morgen in aller Frühe schickte der große Mengs mir Wäsche und alles, was ich für meine Toilette brauchte. Seine Magd brachte mir Schokolade, und sein Koch fragte mich, ob ich Erlaubnis hätte, Fleischspeisen zu essen. Durch solche Manieren ladet ein Fürst seinen Gast ein, sein Haus nicht mehr zu verlassen; aber ein Privatmann jagt ihn damit fort. Ich ließ ihm für alles danken und nahm weiter nichts an, als die Schokolade und ein Taschentuch.

Mein Wagen hielt vor der Tür, und ich war bei Mengs in seinem Zimmer, um ihm zu danken und ihm zu sagen, daß ich erst wieder zu ihm kommen würde, wenn ich frei wäre. In diesem Augenblick trat ein Offizier ein und fragte den Maler, ob der Chevalier Casanova bei ihm sei.

»Der bin ich, mein Herr.«

»Mein Herr, ich bitte Sie, mir gutwillig in die Wachtstube des Buen Retiro zu folgen, wo Sie als Gefangener bleiben werden. Da das Haus des Herrn Ritters Mengs ein königliches ist, so kann ich keine Gewalt anwenden; aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß binnen weniger als einer Stunde Herr Ritter Mengs den Befehl erhalten wird, Sie aus seinem Hause zu weisen, und dann werden Sie in aufsehenerregender Weise ins Gefängnis gebracht werden, was Ihnen doch nur sehr unangenehm sein kann. Ich rate Ihnen also, mir ruhig zu folgen und mir die Waffen auszuliefern, die Sie ohne Zweifel besitzen.«

»Herr Ritter Mengs kann Ihnen die Waffen übergeben, die ich seit elf Jahren stets bei mir habe und zu meiner Sicherheit auf meinen Reisen mitführe. Ich werde Ihnen folgen, und bitte Sie nur, mir zu gestatten, daß ich vier Briefchcn schreibe, wozu ich nicht einmal eine halbe Stunde nötig habe.«

»Ich kann weder solange warten noch Ihnen erlauben, Briefe zu schreiben; aber es steht in Ihrem Belieben, dies zu tun, sobald Sie im Gefängnis sind.«

»Das genügt. Ich werde mich gehorsam fügen, was ich nicht tun würde, wenn ich in der Lage wäre, Ihnen Gewalt entgegenzusetzen. Ich werde mich Spaniens erinnern, wenn ich im übrigen Europa freie Menschen finde, die etwa Lust haben sollten, in diesem Lande zu reisen wie ich.«

Ich umarmte Mengs, der ein ganz betroffenes Gesicht machte. Hierauf ließ ich meine Waffen in meinen Wagen schaffen und stieg mit dem Hauptmann ein, der wie ein durchaus ehrenwerter Mann aussah.

Er brachte mich nach dem königlichen Palast Buen Retiro. Die königliche Familie hatte ihn aufgegeben, und er diente nur noch als Gefängnis für überführte Verbrecher, während die königlichen Gemächer als Kasernen benutzt wurden. In diesen Palast hatte Philipp der Fünfte sich mit der Königin zurückgezogen, um sich auf das Osterfest vorzubereiten.

Als der Hauptmann mich dem Offizier vom Tagesdienst übergeben hatte, der wie ein richtiger Zuchthauswärter aussah, führte ein Korporal mich in das Innere des Schlosses, in einen großen Saal im Erdgeschoß. Ich fand dort in einem erstickenden Gestank etwa dreißig Gefangene, von denen zehn Soldaten waren. In dem Raume standen zehn oder zwölf sehr breite Betten und einige Bänke, aber keine anderen Sitze und keine Tische. Ich bat einen Soldaten, mir Papier, Feder und Tinte zu besorgen, und gab ihm zu diesem Zweck einen Duro. Lachend nahm er den Taler, ging und kam nicht wieder. Alle, an die ich mich wandte, um mich nach ihm zu erkundigen, lachten mir ins Gesicht.

Am meisten wunderte mich der Anblick meines Pagen und des Grafen Marazzani, der mir auf Italienisch sagte, er befinde sich seit drei Tagen in diesem Gefängnis, habe mir aber nicht geschrieben, weil er ein Vorgefühl gehabt habe, daß er mich bald in seiner Gesellschaft sehen werde.

»Binnen weniger als vierzehn Tagen«, fuhr er fort, »wird man uns von hier unter guter Bedeckung auf irgendeine Festung zur Zwangsarbeit schicken; von dort aus werden wir jedoch unsere Verteidigungsgründe vorbringen können, und dürfen hoffen, in drei oder vier Jahren mit einem Paß Spanien zu verlassen.«

»Ich hoffe, man wird mich nicht verurteilen, bevor man mich gehört hat.«

»Der Alcalde wird morgen kommen; er wird Sie verhören und Ihre Antworten aufschreiben. Das ist alles. Hierauf wird man Sie vielleicht nach Afrika schicken.«

»Hat man Ihnen bereits den Prozeß gemacht?«

»Man hat sich gestern drei Stunden lang mit mit beschäftigt.«

»Wonach hat man Sie gefragt?«

»Wer der Bankier sei, der mir das nötige Geld für meinen Lebensunterhalt gebe. Ich habe geantwortet, daß ich keinen Bankier kenne, daß ich von meinen Freunden borge und darauf warte, in die Leibgarde eingestellt zu werden. Man hat mich gefragt, warum der Gesandte von Parma mich nicht kenne, und ich habe geantwortet, ich habe mich ihm niemals vorgestellt. ›Ohne die Empfehlung Ihres heimatlichen Gesandten‹, hat man mir eingewandt, ›können Sie niemals Leibgardist werden, und das müssen Sie wissen; aber der König wird Ihnen eine Beschäftigung geben, zu der Sie von niemandem empfohlen zu werden brauchen‹. Mit diesen Worten ging der Alcalde hinaus, ohne sich weiter um mich zu bekümmern. Ich sehe voraus, daß man Sie ebenso behandeln wird, wenn nicht der venetianische Gesandte Ihre Freilassung verlangt.«

Ich beherrschte mich, aber ich mußte einen bitteren Speichel hinunterschlucken, obwohl ich eine so harte Behandlung, wie Marazzani sie mir androhte, nicht für wahrscheinlich hielt. Ich setzte mich auf ein Bett, das ich drei Stunden später verließ, als ich mich von jenem scheußlichen Ungeziefer bedeckt sah, das in Spanien unvermeidlich zu sein scheint, und bei dessen bloßem Anblick sich mir das Herz im Leibe umdrehte. Unbeweglich, ohne auch nur ein Wort zu sagen, stand ich da und schluckte das Gift und die Galle hinunter, die ich im Munde fühlte.

Reden hatte keinen Zweck; ich mußte schreiben, und man gab mir nicht die Mittel dazu. Notgedrungen hatte ich den Entschluß gefaßt, die Ereignisse abzuwarten, die etwas früher oder später ja doch eintreten mußten.

Gegen Mittag sagte Marazzani zu mir, ich könne mir etwas zum Essen besorgen lassen, wenn ich einem Soldaten, den er kenne und für dessen Ehrlichkeit er bürge, das nötige Geld gebe.

»Ich habe keine Lust zu essen,« antwortete ich ihm, »und ich gebe kein Geld mehr, bevor ich meinen Taler zurückerhalten habe.«

Er machte Lärm wegen dieser Spitzbüberei, aber man lachte ihn aus. Hierauf sprach mein Page mit ihm, er möge mich doch bitten, ihm etwas Geld für Essen zu geben; denn er habe Hunger und besitze keinen Heller.

»Ich werde ihm nichts geben; denn er ist nicht mehr in meinem Dienste, und wollte Gott, er wäre es nie gewesen!«

Ich sah alle meine Unglücksgenossen schlechte Knoblauchssuppe und erbärmliches Brot essen und Wasser dazu trinken, mit Ausnahme von zwei Priestern und einem Mann, den man Corregidor nannte; diese hatten gutes Essen.

Um vier Uhr brachte ein Bedienter von Mengs mir eine Mahlzeit, die für vier genügt hätte. Er wollte die Speisen dalassen und am Abend wiederkommen, um die Schüsseln zu holen. Ich wollte jedoch in meiner Wut die Reste nicht mit dem Gesindel teilen, das schon um mich herumlungerte, und ließ ihn daher warten. Nachdem ich auf einer schlechten Bank meinen Hunger gestillt hatte, schickte ich den Diener fort, indem ich ihn bat, erst am nächsten Tage um die gleiche Stunde wiederzukommen, da ich nicht zu Abend essen wollte. Der Bediente gehorchte. Marazzani sagte mir in frechem Ton, ich hätte doch wenigstens die Flasche Wein behalten können. Ich antwortete ihm nicht.

Um fünf Uhr hatte ich das Vergnügen, Manucci mit einem Offizier zu sehen. Nachdem er mir sein Bedauern ausgesprochen und ich ihm dafür gedankt hatte, fragte ich den Offizier, ob es mir erlaubt wäre, an die Personen zu schreiben, die mich nur darum an diesem Ort lassen könnten, weil sie nicht wüßten, daß ich hier wäre.

Er antwortete mir: »Es wäre eine Tyrannei, Ihnen das nicht zu erlauben.«

»Wenn dies der Fall ist, ist es dann erlaubt, daß ein Soldat, den man beauftragt, das nötige Schreibzeug zu kaufen, einen Duro nimmt und nicht wiederkommt?«

»Wer ist dieser Soldat?«

Die Wache war abgelöst worden, und wir fragten vergeblich nach dem Mann; niemand kannte ihn.

»Ich verspreche Ihnen, mein Herr,« sagte der Offizier zu mir, »daß Sie Ihr Geld wiederbekommen sollen, und daß der unehrliche Soldat bestraft wird. Unterdessen werden Sie augenblicklich Papier, Tinte, Feder, einen Tisch und Licht erhalten.«

»Und ich«, setzte Manucci hinzu, »verspreche Ihnen, daß um acht Uhr ein Bedienter des Gesandten hier sein wird, um die Briefe, die Sie schreiben wollen, an ihre Adressen zu bestellen.«

Ich zog hierauf drei Taler aus meiner Tasche und sagte zu dem Gesindel, dieses Geld sei für denjenigen, der den Namen des unehrliehen Soldaten angeben werde. Marazzani war der erste, der ihn nannte; zwei oder drei andere wiederholten den Namen, den der Offizier lächelnd in sein Notizbuch schrieb. Er begann mich kennen zu lernen; denn ich gab drei Taler aus, um einen wiederzubekommen, und das sah nicht eben nach Geiz aus.

Manucci sagte mir beiseite, der Gesandte werde sich unter der Hand bemühen, mir Gerechtigkeit zu verschaffen, und er bezweifle nicht, daß diese mir bald werde zuteil werden.

Als die Herren fort waren, begann ich zu schreiben, aber ich mußte dabei eine unglaubliche Geduld aufwenden. Die Halunken lasen jedes Wort, das ich dem Papier anvertraute, und wenn sie etwas nicht verstanden, trieben sie die Frechheit so weit, daß sie mich nach der Bedeutung fragten. Unter dem Vorwande, das Licht zu putzen, löschte man die Kerze aus. Aber ich war unter Galgenvögeln und litt, ohne mich zu beklagen. Ein Soldat wagte mir zu sagen, er werde alle zur Ruhe bringen, wenn ich ihm einen Taler geben wollte; ich antwortete ihm nicht. Trotz dieser Höllenpein brachte ich meine Briefe fertig und versiegelte sie. Es war keine Kunst in diesen Sendschreiben, aber ich hatte in sie das ganze Gift geträufelt, das ich in mir brennen fühlte.

Ich schrieb Mocenigo, es sei seine Pflicht, einen Untertan seiner Regierung zu verteidigen, wenn die Bräuche einer barbarischen Macht ihn ermordeten, um sich seines Eigentums zu bemächtigen. Er könne mir seinen Schutz nicht verweigern, es sei denn, daß er wisse, was ich begangen habe; mein Gewissen sage mir jedoch, daß ich die Gesetze des Landes nicht übertreten habe. Was zwischen mir und der Republik Venedig vorliege, wisse er ebensowenig wie ich; jedenfalls liege kein Verbrechen und kein Vergehen von meiner Seite vor, und ich habe daher Anspruch auf seinen Schutz, schon weil ich Venetianer sei. Diese Eigenschaft könne ich durchaus nicht verlieren, wenn nicht ein entehrendes Urteil gegen mich ergangen sei.

An den gelehrten Don Emanuel de Roda, Minister der Gnade und der Justiz, schrieb ich, ich wende mich an ihn, nicht um eine Gnade zu erlangen, sondern um Gerechtigkeit zu erhalten. »Dienen Sie Gott und Ihrem Herrn, Seiner Katholischen Majestät, indem Sie verhindern, daß der Alcalde Messa einen Venetianer vergewaltigt, der kein Gesetz übertreten hat und nach Spanien in der Zuversicht gekommen ist, daß er sich dort unter ehrlichen Leuten befinden werde, und nicht unter Mördern, die kraft des ihnen anvertrauten Amtes straflos morden dürfen. Der Mann, der Ihnen das schreibt, gnädiger Herr, hat in seiner Tasche eine Börse voll Dublonen. Er ist in einen stinkenden Saal eingesperrt, wo man ihn bereits bestohlen hat, und fürchtet, in dieser Nacht ermordet zu werden.«

Dem Herzog von Lossada schrieb ich, er möge seinem Königlichen Herrn mitteilen, man ermorde ohne sein Wissen, aber in seinem Namen einen Venetianer, der kein Verbrechen begangen und kein Gesetz übertreten habe, und dessen ganze Schuld darin bestehe, reich genug zu sein, um während seines ganzen Aufenthaltes in Spanien keines Menschen zu bedürfen. Ich stellte ihm vor, daß er verpflichtet sei, sofort Seine Katholische Majestät zu bitten, sie möge einen Befehl ergehen lassen, um diesen Mord zu verhindern. Aber der kräftigste von den vier Briefen, die ich schrieb, war der, den ich an den Grafen Aranda richtete. Ihm schrieb ich: Wenn man den Mord an mir begehe, so werde ich vor meinem Tode unbedingt glauben müssen, es geschehe auf seinem Befehl; denn dem Offizier, der mich verhaftet habe, sei mehrere Male von mir gesagt worden, ich sei nach Madrid mit der Empfehlung einer Fürstin gekommen, deren Brief ich ihm persönlich übergeben habe. »Ich habe nichts getan; welche Entschädigung wird man mir geben, nachdem ich aus dieser Hölle, aus diesem verpesteten Loch befreit bin? Nie will man die schlechte Behandlung wieder gut machen, die ich bereits erdulden mußte. Lassen Sie mich entweder sofort in Freiheit setzen oder befehlen Sie Ihren Henkern, mir schnell den Garaus zu machen; denn wenn in barbarischer Willkür Ihr Alcalde sich einfallen lassen sollte, mich auf die Galeren zu schicken, so seien Sie versichert, man wird mich nicht lebend dorthin bringen.«

Nach meiner Gewohnheit behielt ich Abschriften von meinen Briefen; hierauf beförderte ich diese durch den Diener, den der allmächtige Manucci mir pünktlich zur genannten Stunde sandte. Ich verbrachte eine der entsetzlichsten Nächte, die ein Dante als eine der Qualen für seine Verdammten hätte ersinnen können. Alle Betten waren voll, und selbst wenn in ihnen Platz gewesen wäre, so hätte ich mich nicht darauf ausstrecken mögen. Vergeblich verlangte ich Stroh, aber wenn ich auch welches hätte erhalten können, so wäre es mir doch unmöglich gewesen, mich darauf auszustrecken: ich hätte nicht gewußt, wohin ich es legen sollte, da der ganze Fußboden überschwemmt war; denn für die vielen Menschen waren nur zwei oder drei Nachtgeschirre da, und jeder leerte sich am ersten besten Ort aus.

Ich verbrachte die Nacht auf einer schmalen Bank ohne Lehne, indem ich meinen Kopf auf meinen Arm stützte.

Um sieben Uhr in der Frühe kam der gute Manucci zu mir. Damals war er gut, ja, er war für mich gewissermaßen eine zweite Vorsehung. Ich bat ihn, mich mit dem Offizier und ihm in die Wachstube gehen zu lassen, damit ich etwas zu mir nehmen könnte; denn ich fühlte mich erschöpft. Meine Bitte wurde augenblicklich bewilligt. Ich trank Schokolade, und als ich ihm dabei mein Leiden schilderte, standen ihm die Haare zu Berge.

Manucci sagte mir, meine Briefe könnten erst im Laufe des Tages bestellt werden, und fügte lachend hinzu, der von mir an den Gesandten geschriebene sei grausam. Ich zeigte ihm hierauf die Abschrift der drei anderen, und der unerfahrene junge Mann sagte mir, man erlange durch Freundlichkeit leichter etwas. Er wußte nicht, daß es Lagen gibt, in denen es einem Menschen unmöglich ist, nicht mit Gift und Galle zu schreiben. Er sagte mir im Geheimen, der Botschafter speise an demselben Tage bei Aranda und habe ihm versprochen, unter vier Augen mit dem Minister zu meinen Gunsten zu sprechen; er befürchte jedoch, mein Brief werde den stolzen Spanier gegen mich aufbringen.

»Ich bitte Sie nur um die einzige Gnade, dem Herrn Gesandten nicht zu sagen, daß Sie von diesem Briefe Kenntnis hatten.«

Er versprach es mir.

Nach seinem Fortgehen sah ich mich wieder unter dem Gesindel und tat, wie wenn ich die Unverschämtheiten nicht hörte, mit denen man mich wegen meines hochmütigen Benehmens verhöhnte. Eine Stunde darauf sah ich Doña Ignazia und ihren Vater erscheinen; sie traten mit dem wackeren Hauptmann ein, der mir so viele Freude gemacht hatte. Dieser Besuch schnitt mir in die Seele, aber ich mußte ihn von der guten Seite auffassen und dankbar dafür sein; denn es lagen darin von Seiten des braven Mannes Seelengröße, Tugend und Menschlichkeit und von Seiten der schönen Frommen eine wirkliche Liebe und Ergebenheit.

Mit traurigem Gesicht und in schlechtem Spanisch schilderte ich ihnen, wie tief ich die Ehre zu empfinden wüßte, die sie mir antäten. Doña Ignazia sprach kein Wort; das war das einzige Mittel, um zu verhindern, daß ihre Tränen hervorbrachen; Don Diego aber bot seine ganze Beredsamkeit auf, um mir begreiflich zu machen, daß er mich niemals aufgesucht hätte, wenn er nicht die feste Überzeugung hätte, daß man sich irrte oder daß es sich um eine jener schrecklichen Verleumdungen handelte, durch die die Richter für ein paar Tage getäuscht werden könnten. Er zog daraus den Schluß, daß ich bald wieder frei sein, und daß man mir eine dem erlittenen Schimpf angemessene Genugtuung geben werde.

»Ich hoffe es,« antwortete ich ihm, »denn ich bin von meiner Unschuld durchdrungen.«

Der brave Mann rührte mich tief, als er bei der Abschiedsumarmung mir eine Geldrolle in die Hand drückte und mir ins Ohr sagte, sie enthalte zwölf Quadrupel, die ich ihm wiedergeben würde, wenn ich könnte.

Es waren mehr als tausend Franken. Mir standen die Haare zu Berge. Ich drückte ihm herzlich die Hand und sagte ihm ins Ohr, ich hätte in meiner Tasche fünfzig Quadrupel, die ich ihm nicht zu zeigen wagte, weil ich mich vor dem Gesindel fürchtete. Er steckte seine Rolle weinend wieder in die Tasche und entfernte sich mit Ignazia, nachdem ich ihm versprochen hatte, ihn sofort nach meiner Freilassung zu besuchen.

Der wackere Mann hatte seinen Namen nicht genannt, und da er sehr gut gekleidet war, so hielt man ihn für einen Herrn von Bedeutung. Derartige Charaktere sind in Spanien nicht selten, wo ein exaltierter Heroismus allgemein ist; aber die Extreme berühren sich.

Mittags kam der Bediente des Ritters Mengs mit einer Mahlzeit, die noch feiner, aber weniger reichlich war, als am Tage vorher. Dies war gerade, was ich wollte. Ich aß in seiner Gegenwart, und er entfernte sich wie am Tage vorher mit meinen besten Empfehlungen an seinen Herrn.

Um ein Uhr kam ein Mann und befahl mir, ihm zu folgen. Er führte mich in ein kleines Zimmer, wo ich meinen Karabiner und meine Pistolen sah. Der Alcalde Messa saß mit zwei Sbirren an einem mit Aktenheften bedeckten Tisch. Er befahl mir, mich zu setzen und alle seine Fragen genau zu beantworten, da meine Fragen aufgeschrieben würden. 2UH »Ich verstehe nur unvollkommen spanisch und werde nur schriftlich in italienischer, französischer oder lateinischer Sprache antworten.«

Diese Antwort, die ich in festem und zuversichtlichem Ton gab, setzte ihn in Erstaunen. Er sprach eine volle Stunde lang auf mich ein. Ich verstand alles, was er mir sagte, aber er empfing von mir immer nur dieselbe Antwort: »Ich verstehe nicht, was Sie mir sagen. Beschaffen Sie einen Richter, der eine von den mir bekannten Sprachen versteht, dann werde ich antworten; aber ich werde meine Antworten nicht diktieren, sondern sie niederschreiben.«

Der Alcalde geriet in Zorn, aber ich machte mir nichts aus seinem Toben.

Schließlich gab er mir eine Feder und sagte mir, ich möchte in italienischer Sprache aufschreiben, wie ich hieße, was ich wäre und was ich in Spanien wollte. Diesen Wunsch konnte ich ihm nicht abschlagen, aber ich beschränkte mich darauf, folgendes zu schreiben:

»Ich bin Giacomo Casanova, Untertan der Republik Venedig, Gelehrter, Ritter vom Goldenen Sporn. Ich besitze genügende Mittel und reise zu meinem Vergnügen. Mich kennen der venetianische Gesandte, Graf Aranda, Fürst della Cattolica, Marques Mora und Herzog von Lossada. Ich habe in keiner Beziehung Gesetze Seiner Katholischen Majestät übertreten, und werde trotzdem vergewaltigt und unter Missetäter und Diebe gesetzt. Dies widerfährt mir von Beamten, die viel härter behandelt zu werden verdienten als ich. Da ich nichts gegen die Gesetze getan habe, so muß Seine Katholische Majestät wissen, daß ihr gegen mich kein anderes Recht zusteht, als daß sie mir befehlen kann, ihre Staaten zu verlassen. Diesem Befehl würde ich gehorchen, sobald ich ihn erhielte. Meine Waffen, die ich hier sehe, habe ich seit elf Jahren auf meinen Reisen bei mir; ich führe sie nur, um mich gegen Straßenräuber zu verteidigen. Man hat sie am Alcalator in meinem Wagen gesehen und hat sie nicht beschlagnahmt; das ist der Beweis, daß der Besitz dieser Waffen jetzt nur ein Vormund ist, um mich zu vergewaltigen.«

Nachdem ich diese Zeilen niedergeschrieben hatte, reichte ich das Papier dem Alcalden. Er ließ jemanden rufen, der ihm meine Worte genau übersetzte. Als er sie hörte, sprang er auf, sah mich wütend an und schrie: »Valga me Dios. Sie sollen es verspüren, daß Sie diese unverschämten Worte geschrieben haben!«

Mit dieser Drohung, die eines Inquisitors würdig war, lief er wütend hinaus; zugleich befahl er, mich wieder an denselben Ort zu führen.

Um acht Uhr kam Manucci und sagte mir, Graf von Aranda habe den Gesandten zuerst gefragt, ob er mich kenne; Herr Mocenigo habe ihm hierauf die allerbeste Auskunft gegeben und ihm zuletzt versichert, es tue ihm leid, daß er mir bei einer Beschimpfung, die man mir angetan habe, nicht unmittelbar nützlich sein könne, weil ich bei den Staatsinquisitoren der Republik in Ungnade sei.

Hierauf habe Graf Aranda ihm geantwortet: »Allerdings hat man ihm einen großen Schimpf angetan, aber dieser ist doch nicht derart, daß ein kluger Mann darüber den Kopf verlieren dürfte. Ich würde nichts davon erfahren haben, wenn er mir nicht einen rasenden Brief geschrieben hätte; in derselben Tonart hat er an Don Emanuel de Roda und an den Herzog von Lossada geschrieben. Casanova hat recht, aber so schreibt man nicht.«

»Wenn er wirklich gesagt hat, daß ich recht habe, so ist ja meine Sache in Ordnung.«

»Das hat er gesagt. Darauf können Sie sich verlassen.«

»Wenn er es gesagt hat, so kann er nicht ermangeln, mir Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Was meinen Stil anlangt, so hat eben jeder den seinen. Ich bin wütend und habe wie ein Rasender geschrieben, weil man mich unwürdig behandelt hat. Sehen Sie dieses Zimmer, mein lieber Manucci: ich habe kein Bett; der Boden ist mit Unrat überstreut, und ich kann mich nicht auf die Erde legen; ich werde die zweite Nacht auf dieser Bank ohne Lehne verbringen, wo ich keine Stunde Ruhe finden kann. Scheint es Ihnen möglich, daß ich in einem solchen Zustande nicht Lust bekomme, die Herzen aller der Henkersknechte zu essen, die mich hier gefangen halten? Wenn ich nicht morgen aus dieser Hölle herauskomme, nehme ich mir das Leben oder werde wahnsinnig.«

Manucci begriff, daß ich ganz natürlicherweise in einem Zustande ungeheurer Erregung sein mußte. Er versprach mir, am nächsten Morgen in aller Frühe wiederzukommen und riet mir, für Geld mir ein Bett zu verschaffen. Ich konnte jedoch seinem Rat nicht folgen, weil ich halsstarrig war, wie Leute, die durch Ungerechtigkeit leiden, es gewöhnlich sind. Außerdem hatte ich Angst vor dem Ungeziefer und fürchtete für meine Börse und für die Kleinodien, die ich bei mir hatte.

Ich verbrachte eine zweite Nacht, die noch entsetzlicher war als die erste. Alle Augenblicke unterlag ich dem Schlummer und fuhr plötzlich wieder auf, wenn ich von meinem schmalen Bett herunterfallen wollte oder wenn mein Arm unter dem Gewicht meines Kopfes von einem Krampf ergriffen wurde; denn ich hatte kein anderes Kopfkissen als meinen Arm.

Manucci kam vor acht Uhr wieder, und ich sah ihn bei meinem Anblick erbleichen. Er war in einem Wagen gekommen und brachte gute Schokolade mit, die ich mit Vergnügen trank, und die mir ein bißchen Mut und Kraft wiedergab. Als ich eben damit fertig war, öffnete sich die Türe, ein höherer Offizier trat mit zwei anderen ein und rief: »Herr von Casanova!«

Ich trat vor und nannte meinen Namen.

»Herr Chevalier,« sagte der Oberst zu mir, »Seine Exzellenz der Graf von Aranda hält vor der Tür. Er bedauert außerordentlich das Unglück, das Ihnen widerfahren ist. Er hat es gestern durch den Brief erfahren, den Sie ihm geschrieben haben, und wenn Sie ihm früher geschrieben hätten, würde Ihre Haft weniger lange gedauert haben.«

»Es war meine Absicht, Herr Oberst. Aber ein Soldat ....«

Und nun erzählte ich ihm die Geschichte von dem spitzbübischen Soldaten.

Der Oberst erkundigte sich nach dem Namen des Mannes, ließ dann dessen Hauptmann kommen und erteilte diesem in meiner Gegenwart einen derben Verweis. Hierauf befahl er ihm, mir selber meinen Taler wiederzugeben, den ich lachend annahm, und den Soldaten kommen zu lassen, um ihm in meiner Gegenwart Stockprügel geben zu lassen.

Der Offizier, der als Abgesandter des mächtigen Aranda kam, war der Graf Roya, Oberst des Regiments, das im Schloß Buen Retiro lag. Ich erzählte ihm ausführlich die Vorgänge bei meiner Verhaftung und schilderte ihm alle Qualen, die ich an diesem verpesteten und schmachvollen Ort erduldet hätte. Ich sagte ihm: »Wenn ich nicht im Laufe des Tages meine Freiheit, meine Waffen und meine Ehre wiedererlange, so werde ich entweder wahnsinnig oder ich töte mich; denn, Herr Oberst, ein Mensch hat das Bedürfnis, sich wenigstens einmal am Tage auszustrecken, und ich habe mich weder auf ein Bett, noch auf die Erde legen können. Wären Sie einen Augenblick früher gekommen, so hätten sie den ekelhaften Unflat gesehen, der den Boden überschwemmte, und den Rest davon sehen Sie noch.«

Der brave Mann erschrak über die Aufgeregtheit, mit der ich zu ihm sprach. Ich bemerkte es und fuhr fort:

»Beruhigen Sie sich, Herr Oberst, wenn ein gerechter Zorn mich wütend macht! In ruhigem Zustande bin ich ganz anders; aber Sie mit Ihrem richtigen Ehrgefühl müssen begreifen, welche Wirkungen eine Behandlung hervorbringen muß, wie sie mir widerfährt.«

Manucci sagte ihm auf Spanisch, von welcher Laune ich in meinem gewöhnlichen Zustande wäre. Der Oberst bedauerte mich, seufzte und sagte: »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß Sie im Laufe des Tages das Gefängnis verlassen, daß Sie Ihre Waffen wieder erhalten und daß Sie in Ihrem eigenen Bette schlafen werden. Hierauf, Herr Chevalier, werden Sie sich zu Seiner Exzellenz dem gnädigen Herrn Grafen von Aranda begeben, um ihm ihren Dank abzustatten; denn er ist eigens Ihretwegen hierher gekommen und hat mir befohlen, Ihnen zu sagen, daß Sie erst nachmittags nach Hause kommen können; Seine Exzellenz will, daß Sie volle Genugtuung erhalten, damit Sie Ihre Ruhe wieder erlangen und diesen Schimpf vergessen – wenn es überhaupt ein Schimpf ist; denn durch ein gerichtliches Verfahren können nur Schuldige entehrt werden. Der Alcalde Messa ist durch den Schuft getäuscht worden, der bei Ihnen im Dienst war.«

»Da steht er! Ich erbitte von Ihnen die Gnade, ihn von hier fortzuschaffen, da man ihn ja als Ungeheuer erkannt hat; denn es wäre wohl möglich, daß ich in meiner Entrüstung ihn erwürgte.«

»Sofort.«

Der Oberst ging hinaus, und zwei Minuten darauf traten zwei Soldaten herein und führten den Halunken fort; ich habe ihn niemals wiedergesehen, und es lag mir nichts daran, zu erfahren, was aus dem Elenden geworden war.

Der Oberst bat mich, in die Wachtstube zu kommen und Zeuge zu sein, wie der diebische Soldat seine Stockprügel erhielte. Manucci befand sich an meiner Seite. Ich sah den Grafen Aranda, der von einer großen Anzahl Offiziere umgeben war, und an seiner Seite einen Offizier von der Leibgarde des Königs hatte; er ging etwa vierzig Schritte vor mir auf und ab.

Diese ganze Geschichte nahm ein paar Stunden in Anspruch. Bevor er mich verließ, bat der Oberst mich, mit Mengs bei ihm zu speisen, sobald er diesen einladen werde.

In mein schmutziges Gefängnis zurückgekehrt, fand ich dort eine saubere Sitzgelegenheit. Es war eine Art von langem Lehnstuhl. Ein Unteroffizier sagte mir, man habe ihn für mich gebracht. Ich streckte mich sofort darauf aus und Manucci verließ mich, nachdem er mich mehrere Male umarmt hatte. Ich war von seiner aufrichtigen Freundschaft überzeugt und bin noch immer traurig, wenn ich daran denke, daß ich mit einer in meinem Alter unentschuldbaren Unbesonnenheit ein Unrecht habe gegen ihn begehen können – ein Unrecht, das er mir niemals verziehen hat. Nichtsdestoweniger glaube ich, daß meine Leser der Meinung sein werden, der Beleidigte habe die Rache zu weit getrieben.

Nach der Szene, die sich soeben abgespielt hatte, war das elende Gezücht, das mich umgab, ganz verblüfft, und Marazzani kam an mein Kanapee heran, um sich mir zu empfehlen. Ich dachte nicht daran, mich als hohen Herrn aufzuspielen, sondern sagte ihm, in Spanien müsse ein Fremder sich glücklich schätzen, wenn es ihm gelinge, selber fertig zu werden.

Mein Mittagessen wurde mir wie gewöhnlich gebracht, und um drei Uhr kam der Alcalde Messa und sagte mir, ich möchte ihm folgen; er sei getäuscht worden und habe Befehl erhalten mich in meine Wohnung zurückzuführen, wo ich, wie er hoffe, alles finden werde, was ich zurückgelassen habe. Zugleich zeigte er mir meine Waffen, die einer seiner Leute nach meiner Wohnung zurückzubringen beauftragt war. Der wachhabende Offizier gab mir meinen Degen zurück; der Alcalde in schwarzem Mantel trat an meine linke Seite und führte mich, von dreißig Häschern begleitet, nach meiner Wohnung, Er nahm die Siegel ab, der Wirt öffnete die Tür, ich trat in mein Zimmer ein und sagte dem Alcalden, alles sei in Ordnung.

»Wenn Sie nicht in Ihrem Dienst einen niederträchtigen Verräter gehabt hätten, den ich auf den Galeeren in Afrika verfaulen lassen werde, Herr Chevalier, so wäre es Ihnen nie in den Sinn gekommen, zu glauben, daß die Diener Seiner Katholischen Majestät Mörder seien.«

»Herr Alcalde, dasselbe habe ich im Zorn vier Ministern geschrieben. Damals dachte ich, was ich schrieb, und glaubte, was ich dachte; jetzt glaube ich es nicht mehr. Vergessen wir alles! Aber geben Sie zu, daß Sie mich auf die Galeeren geschickt haben würden, hätte ich nicht zu schreiben gewußt.«

»Das ist leider recht wohl möglich.«

Ich brauche nicht zu sagen, daß ich mich schleunigst vom Kopf bis zu den Füßen umkleidete. Als ich zum Ausgehen fertig war, veranlaßten mich Pflichtgefühl und Dankbarkeit viel mehr noch als die Liebe, meinen ersten Besuch dem edlen und großmütigen Schuhflicker zu widmen. Der wackere Mann war sehr glücklich mich wiederzusehen und ebenso stolz darauf, daß er den Irrtum der Behörden erraten hatte. Doña Ignazia war halb toll vor Freude; denn sie war vielleicht ihrer Sache nicht ganz so sicher gewesen wie ihr Vater, der, als er erfuhr, welche Genugtuung man mir gegeben hatte, mir sagte, ein Grande von Spanien könnte nicht mehr verlangen. Ich bat die guten Leute, mit mir irgendwo an einem dritten Ort zu essen, sobald ich es ihnen mitteilen würde, und sie versprachen es mir voller Freude.

Das Gefühl hatte sich eingemischt, und ich war in Doña Ignazia viel mehr verliebt, als ich es früher gewesen war.

Von Don Diego begab ich mich zu Mengs, der als Kenner der spanischen Verhältnisse alles eher erwartet hätte, als mich zu sehen. Als er die Ereignisse des letzten Tages und meinen Triumph erfuhr, machte er mir die größten Komplimente. Er trug Hofkleidung, was bei ihm sehr selten vorkam, und als ich ihn nach dem Grunde fragte, sagte er mir, er sei ausgefahren gewesen, um bei Don Emanuel de Roda ein Wort für mich einzulegen, habe ihn aber nicht sprechen können. Ich umarmte ihn und dankte ihm für seine freundliche Absicht. Er übergab mir einen Brief, den er soeben aus Venedig erhalten hatte. Ich beeilte mich, ihn zu öffnen; er war von Herrn Dandolo und enthielt einen anderen Brief für Herrn von Mocenigo. Herr Dandolo schrieb mir: »Wenn der Herr Gesandte diesen Brief gelesen hat, wird er nicht mehr den Staatsinquisitoren zu mißfallen fürchten, indem er Sie in aller Form vorstellt; denn der Briefschreiber empfiehlt Sie ihm von Seiten der drei Staatsinquisitoren.«

Als Mengs dies hörte, sagte er mir, es hänge jetzt nur von mir ab, in Spanien mein Glück zu machen, indem ich mich gut aufführe, besonders da in diesem Augenblick alle Minister gewissermaßen gezwungen seien, mich das mir angetane Unrecht vergessen zu machen. »Ich rate Ihnen, dem Gesandten den Brief augenblicklich zu überbringen. Nehmen Sie meinen Wagen; denn nach einer sechzigstündigen Folterung können Sie sich natürlich kaum aufrecht erhalten.«

Da ich der Ruhe bedürftig war, so sagte ich ihm, ich würde nicht zum Abendessen zurückkommen; doch verpflichtete ich mich für den nächsten Tag zum Mittagessen. Den Gesandten traf ich nicht an; ich hinterließ daher meinen Brief Manucci. Sobald ich zu Hause war, ging ich zu Bett und schlief zwölf Stunden lang fest und tief.

Manucci kam bei guter Zeit und sagte mir mit freudestrahlendem Gesicht: »Herr Girolamo Zulian schreibt dem Gesandten im Auftrage des Herrn da Mula, er könne Sie überall vorstellen; denn was das Tribunal etwa gegen Sie haben könne, berühre Ihre Ehre nicht. Der Gesandte gedenkt, Sie nächste Woche bei Hofe vorzustellen, und er wünscht, daß Sie heute in zahlreicher Gesellschaft bei ihm speisen.«

»Ich habe mich bei Mengs verpflichtet.«

»Das macht nichts; ich werde ihn sofort einladen, und wenn er ablehnt, so brauchen Sie auch nicht zu ihm zu kommen; denn Sie begreifen, welch wunderbaren Eindruck es machen wird, wenn Sie am Tage nach Ihrem Triumph beim Gesandten sind.«

»Da haben Sie recht. Gehen Sie zu Mengs; ich werde der freundlichen Einladung des Gesandten Folge leisten.«

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