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Erinnerungen

Giacomo Casanova: Erinnerungen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorCasanova
titleErinnerungen
volume6
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20050616
projectid3af5d606
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Sechstes Kapitel

Abreise von Paris. – Meise nach Madrid. – Der Graf von Aranda. – Der Fürst della Cattolica. – Der Herzog von Lossada. – Mengs. – Ein Ball. – Die Pichona. – Dona Ignazia.

Schön, mein Herr Chevalier, ich habe gelesen und werde mich bemühen, dem Herrscher dieses plaisir so früh wie möglich zu erweisen. Sollte ich jedoch in vierundzwanzig Stunden noch nicht reisen können, so wird Seine Majestät das plaisir haben, mit mir alles zu machen, was ihm vielleicht plaisir macht.«

»Mein Herr, die vierundzwanzig Stunden sind nur der Form wegen Ihnen vorgeschrieben. Erkennen Sie den Befehl an und geben Sie mir Quittung über die lettre de cachet, dann können Sie nach Ihrer Bequemlichkeit abreisen. Ich ersuche Sie nur, mir Ihr Ehrenwort zu geben, weder Schauspieler zu besuchen noch sich zu Fuß auf die öffentlichen Spaziergänge zu begeben.«

»Mein Herr, ich gebe Ihnen mein Wort und danke Ihnen dafür, daß Sie es annehmen.«

Ich führte den Chevalier in mein Zimmer und schrieb dort alles nieder, was er mir diktierte. Da er mir hierauf sagte, es werde ihm Freude machen, meinen Bruder zu sehen, den er bereits kenne, so führte ich ihn in den Saal, wo man noch bei Tisch saß, und erzählte den Anwesenden ohne Umstände, aber mit höflichem und heiterem Ausdruck, den Anlaß seines Besuches.

Mein Bruder lachte und sagte zum Chevalier: »Mein lieber Herr de Buhot, dieser Befehl war sicherlich nicht notwendig, denn mein Bruder gedachte im Laufe der Woche ohnedies abzureisen.«

»Um so besser. Wenn der Minister das gewußt hätte, hätte er sich nicht die Umstände gemacht, den Brief noch heute morgen unterzeichnen zu lassen.«

»Kennt man den Grund der Maßregel?«

»Man spricht von einer Bemerkung, daß ein gewisser Herr Fußtritte vor den Hintern erhalten solle; es ist zwar ein junger Herr, aber von einem Range, daß er Fußtritts zu empfangen nicht gewöhnt ist.«

»Sie begreifen, Herr Chevalier,« sagte ich, »daß diese Worte nur eine Formsache sind, genau wie die vierundzwanzig Stunden des Befehles. Ich habe den ungezogenen jungen Herrn mit diesen Worten bedrohen zu müssen geglaubt, um auf die beleidigenden Worte zu antworten, die er sich mir gegenüber erlaubte. Wäre er herausgekommen, so hatte er ja einen Degen bei sich, durch den er leicht seinen Hintern vor einer Beschimpfung schützen konnte.«

Hierauf erzählte ich die Geschichte mit allen Umständen, und Buhot gab zu, daß ich vollkommen recht hätte; aber er meinte doch, daß auch die Polizei recht hätte, wenn sie, soviel es in ihren Kräften stände, Händel dieser Art verhinderte. Er riet mir, am nächsten Morgen die ganze Geschichte dem Herrn von Sartines zu erzählen, der mich ja kenne und entzückt sein werde, den Vorfall aus meinem Munde zu vernehmen. Ich antwortete hierauf nicht, denn ich kannte den berühmten Polizeistatthalter als einen Herrn, der gerne Moralpredigten hielt.

Die lettre de cachet war vom 6. November datiert, und ich verließ Paris erst am 20.

Ich machte allen meinen Bekannten Mitteilung von der Ehre, die der König von Frankreich mir erwiesen hätte, indem er mir sein bon plaisir hätte bedeuten lassen. Das ist eine abscheuliche Formel, denn sie erniedrigt das Menschengeschlecht. Ich widersetzte mich in aller Form dem wohlwollenden Eifer der Frau du Rumain, die durchaus nach Versailles gehen wollte, da sie, wie sie behauptete, sicher wäre, daß sie die Rücknahme der lettre de cachet erwirken würde. Mein Paß, wonach ich Postpferde nehmen durfte, ist vom 19. November vom Herzog von Choiseul ausgestellt; ich besitze ihn noch.

Ich reiste allein, ohne Bedienten, immer noch traurig über den Tod meiner Charlotte, aber ruhig, mit hundert Louis in meiner Börse und einem Wechsel von achttausend Franken auf Bordeaux. Ich erfreute mich einer vollkommenen Gesundheit, und meine Lebensanschauung war eine ganz andere geworden. Ich ging in ein Land, wo ich Klugheit und Umsicht nötig hatte. Außerdem hatte ich alle meine Hilfsquellen verloren; der Tod hatte mich einsam gemacht; ich war bereits in meinen eigenen Augen ein Herr von einem gewissen Alter. Von diesem Alter will das Glück für gewöhnlich nichts wissen, und die Frauen noch weniger.

Die Valville besuchte ich erst am Tage vor meiner Abreise; ich fand sie in einer glänzend möblierten Wohnung und reich mit Diamanten versehen. Als ich ihr die fünfzig Louis wiedergeben wollte, fragte sie mich, ob ich mindestens tausend besäße, und als sie erfuhr, daß ich nur fünfhundert hatte, weigerte sie sich rund heraus, das Geld anzunehmen, und bot mir ihrerseits auf die freundschaftlichste Weise ihre Börse an, die ich jedoch ebenfalls zurückwies. Seitdem habe ich niemals wieder etwas von diesem guten Mädchen gehört; ich gab ihr ausgezeichnete Ratschläge, um im Alter eine unabhängige Stellung einzunehmen, wenn ihre Schönheit ihr nichts mehr einbringen würde. Ich will wünschen, daß sie sich diesen Rat zunutze gemacht hat.

Nachdem ich meinen Bruder und meine Schwägerin umarmt hatte, stieg ich um sechs Uhr abends in meinen Wagen, um bei Mondschein die ganze Nacht hindurch zu fahren und in Orléans zu Mittag zu essen. Dort wollte ich einen alten Bekannten besuchen. In einer halben Stunde war ich in Bourg-la-Reine. Dort schlief ich ein. Zu meinem Verdruß wurde ich jeden Augenblick aufgeweckt, um das Postgeld zu bezahlen; zum letzten Male erwachte ich in Orléans um sieben Uhr morgens.

Oh, mein schönes, liebes Frankreich, wo zu jener Zeit alles so gut ging, trotz den lettres de cachet, trotz den Fronden, dem Elend des Volkes, dem bon plaisir des Königs und der Minister! Mein liebes Frankreich, was ist heute aus dir geworden? Das Volk ist dein Herrscher, – das Volk, der brutalste, tyrannischste von allen Herrschern! Du hast allerdings nicht mehr das bon plaisir des Königs, aber du hast dafür die Laune der Volksmenge, und die Republik ist eine abscheuliche Regierungsform, die für moderne Völker nicht passen kann; denn diese sind zu reich, zu klug und vor allen Dingen zu verderbt für eine Regierungsform, deren Voraussetzungen Selbstverleugnung, Nüchternheit und alle Tugenden sind. Das wird nicht von Dauer sein.

Ich ließ mich zu Bodin führen, einem wackeren ehemaligen Tänzer, der die Geoffroy geheiratet hatte, eine von meinen tausend Geliebten, die ich vor zweiundzwanzig Jahren zuerst gekannt hatte. Ich hatte sie später in Turin, Wien und Paris getroffen und ich wollte sie nun gern auch in ihrem Hause sehen. Diese Überraschungen, diese Wiedererkennungen, wodurch alte Erinnerungen belebt, frühere Freuden wieder wachgerufen werden, waren stets meine schwache, oder vielmehr meine starke Seite gewesen. Ich glaubte für einen Augenblick wieder zu sein, was ich einst gewesen war, und meine Seele freute sich, indem ich meine Erlebnisse erzählte oder die der Wiedergefundenen erzählen ließ. Ich hatte eine Freude daran, weil keine Reue mein Gewissen peinigte.

Bodins Frau war mehr häßlich als alt geworden; außerdem war sie jetzt ihrem Mann zuliebe fromm und gab Gott, was der Teufel übrig gelassen hatte. Bodin lebte vom Ertrage eines kleinen Gutes, das er gekauft hatte, und schrieb der Gerechtigkeit eines rächenden Gottes alles Unglück zu, das im Laufe des Jahres sein Landgut befiel. Ich aß mit ihm Fastenspeisen, denn es war Freitag, und die Vorschrift der Kirche war unverletzlich. Ich erzählte ihm in aller Ruhe meine Erlebnisse seit der Zeit, daß wir uns zuletzt gesehen hatten, und als ich fertig war, stellten sie lange Betrachtungen darüber an, daß das Leben des Menschen unregelmäßig sei, wenn er sich nicht bei allen seinen Grundzügen von der Religion leiten lasse. Sie sagten mir – was ich ebensogut und vielleicht besser als sie selber wußte –, daß es einen Gott gebe, daß ich eine Seele habe, und daß es für mich hohe Zeit sei, nach ihrem Beispiel auf alle Eitelkeit der Welt zu verzichten.

»Und Kapuziner zu werden, nicht wahr?«

»Daran täten Sie gar nicht übel.«

»Schön; aber ich werde solange warten, bis mein Bart in einer einzigen Nacht lang genug wächst.«

Trotz allen diesen Dummheiten war es mir nicht unangenehm, sechs Stunden mit diesen guten Geschöpfen verbracht zu haben, die auf ihre Art durch ihre aufrichtige Reue glücklich sein mußten. Nachdem ich sie zärtlich umarmt hatte, stieg ich wieder in meinen Wagen und fuhr die ganze Nacht hindurch. In Chanteloup machte ich Halt, um das Denkmal der Prachtliebe und des Geschmackes des Herzogs von Choiseul zu sehen. Ich brachte dort vierundzwanzig Stunden zu. Ein Mann von höfischem Wesen, der mich nicht kannte und dem ich nicht empfohlen war, wies mir eine schöne Wohnung an, gab mir ein Abendessen und setzte sich erst, nachdem ich ihn lange hatte bitten müssen, zu mir an den Tisch. Am nächsten Tage beim Mittagessen benahm er sich ebenso; er führte mich überall herum und ehrte mich wie einen Fürsten, ohne mich auch nur nach meinem Namen zu fragen. Er war so aufmerksam, dafür zu sorgen, daß kein Bedienter zugegen war, als ich in meinen Wagen stieg, um weiter zu fahren. Dies geschah aus Zartgefühl, um den Gast zu verhindern, daß er die Herberge bezahlte, indem er einem Bedienten einen Louis in die Hand drückte.

Das schöne Schloß, für das der Herzog von Choiseul ungeheure Summen ausgegeben hatte, kostete ihm nichts; denn er blieb alles schuldig und kümmerte sich nicht darum; er war ein abgesagter Feind des Unterschiedes von mein und dein. Er bezahlte keinen Menschen, belästigte aber auch niemals solche, die ihm etwas schuldig waren. Er gab gern. Liebhaber der Künste, Freund aller talent- und geschmackvollen Leute, fand er ein ganz besonderes Vergnügen daran, wenn er ihnen nützlich sein konnte und wenn sie ihm ihre Dankbarkeit dadurch bezeigten, daß sie ihm den Hof machten. Übrigens besaß er viel Geist, aber dieser ging nur ins Große und bekümmerte sich nicht um Kleinigkeiten; denn er war faul und vergnügungssüchtig. »Es ist Zeit für alles!« war sein Lieblingswort. Früher waren die Minister an Kuriertagen nicht zugänglich gewesen; er machte diese Gewohnheit lächerlich und brachte es wirklich dahin, daß auch für die Minister ein Tag wie der andere war.

In Poitiers kam ich um sieben Uhr abends an. Ich wollte noch bis Vivonne weiterfahren, aber zwei junge Mädchen rieten mir sehr dringend davon ab.

»Es ist sehr kalt, mein Herr,« sagten sie, »und der Weg ist nicht eben der beste. Sie sind doch kein Kurier. Lassen Sie sich von uns raten und essen Sie hier zu Abend; wir werden Ihnen ein ausgezeichnetes Bett geben, und morgen fahren Sie weiter.«

»Ich bin entschlossen weiterzureisen, meine jungen Damen; aber wenn Sie mir beim Abendessen Gesellschaft leisten wollen, so bleibe ich.«

»Oh, das würde Ihnen zu teuer werden!«

»Durchaus nicht zu teuer. Schnell, entscheiden Sie sich!«

»Nun gut, wir werden mit Ihnen essen.«

»Lassen Sie also drei Gedecke auflegen. In einer Stunde reise ich ab.«

»In einer Stunde! In drei Stunden, mein Herr – denn Papa braucht zwei Stunden, um Ihnen ein gutes Abendessen zurecht zu machen.«

»Nun, dann werde ich überhaupt nicht abreisen, aber Sie müssen mir die ganze Nacht Gesellschaft leisten.«

»Wenn Papa damit einverstanden ist, gern. Wir werden Ihren Wagen in die Remise fahren lassen.«

Die lustigen Mädchen bekamen von ihrem Vater die Erlaubnis und gaben mir ein ganz ausgezeichnetes Abendessen mit köstlichen Weinen. Sie hielten mir bis Mitternacht im Essen wie im Trinken stand; fröhlich und zum Scherzen aufgelegt, überschritten sie doch niemals die Grenze eines erlaubten Spaßes.

Gegen Mitternacht trat der Vater mit lachendem Gesicht ein und fragte mich, ob ich mit dem Abendessen zufrieden gewesen sei.

»Sehr! Und noch vielmehr mit der Gesellschaft Ihrer Töchter, die wirklich reizend sind.«

»Das freut mich. Wenn Sie wieder hier durchreisen, werden sie Ihnen stets Gesellschaft leisten; aber es ist Mitternacht vorbei, und da ist es Zeit, zu Bett zu gehen.«

Ich antwortete nur durch ein bejahendes Nicken; denn meine Seele war noch zu betrübt über Charlottens Tod, um die Reize der Wollust empfinden zu können. Die liebenswürdigen jungen Damen mußten mich sehr zurückhaltend finden. Ich wünschte ihnen eine gute Nachtruhe, und ich glaube, ich würde sie nicht einmal umarmt haben, wenn der Vater mich nicht aufgefordert hätte, ihnen diese Ehre zu erweisen. Aus Eitelkeit legte ich in meine Umarmungen recht viel Feuer. Vielleicht glaubten sie, ich sei von Begierden verzehrt, und es war mir nicht unangenehm, mir dies vorzustellen.

Als ich allein war, dachte ich darüber nach, daß ich ein verlorener Mann wäre, wenn ich nicht Charlotte vergäße. Ich beschloß, mir Mühe zu geben. Ich schlief bis neun Uhr und befahl dann der Magd, die bei mir Feuer machte, Kaffee für drei Personen und die Pferde zu bestellen.

Die beiden hübschen Wirtstöchter frühstückten mit mir, und ich dankte ihnen dafür, daß sie mich zum Bleiben überredet hätten. Ich verlangte die Rechnung, und die älteste sagte mir, die Rechnung sei einfach und rund: einen Louis auf den Kopf. Ich ließ mir nichts merken, daß ich diese Geldschneiderei unverschämt fand, sondern gab ihr mit lachendem Munde die drei Louis und fuhr zufrieden ab.

In Angoulême, wo ich den Hofkoch des Königs von Preußen, Noël, zu sehen hoffte, fand ich nur dessen Vater; er bewirtete mich ausgezeichnet und zeigte mir sein geradezu wunderbares Talent in der Pastetenbäckerei. Die Beredsamkeit des braven Mannes war so heiß wie seine Backöfen. Er wußte mich zu überzeugen, daß er Pasteten, die ich bei ihm bestellen würde, an jede beliebige Adresse in ganz Europa versenden könnte.

»Wie? Nach Venedig, nach London, nach Warschau, nach Petersburg?«

»Sogar nach Konstantinopel, wenn Sie es wünschen. Sie brauchen mir nur die Adressen zu geben und, um sicher zu sein, daß ich Sie nicht betrügen will, bezahlen Sie mir die Rechnung erst, nachdem Sie die Nachricht erhalten haben, daß die Pasteten angekommen sind.«

Ich bezahlte vertrauensvoll im voraus und ließ ihn Pasteten nach Venedig, Warschau und Turin schicken; von allen Orten habe ich Danksagungen erhalten.

Der alte Noël war durch dies Geschäft reich geworden. Er versicherte mir, er schicke viele Pasteten nach Amerika, und mit Ausnahme der durch Schiffbrüche verloren gegangenen seien alle in ausgezeichnetem Zustande angekommen. Seine Pasteten waren meistens mit Truthahn, Rebhuhn oder Hasen gefüllt und mit Trüffeln gewürzt; er machte jedoch auch Gänseleber-, Lerchen- und Wachtelpasteten, je nach der Jahreszeit.

Zwei Tage darauf kam ich in Bordeaux an. Es ist eine herrliche Stadt und nach Paris die erste Frankreichs, was auch die Lyoner sagen mögen, deren Stadt es sicherlich mit Bordeaux nicht aufnehmen kann. Ich verbrachte dort acht Tage, um gut zu essen; denn man lebt in Bordeaux besser als anderswo.

Nachdem ich meine achttausend Franken auf Madrid hatte überschreiben lassen, reiste ich durch die Landes über Mont-de-Marsan und Bayonne nach Saint-Jean-de-Luz, wo ich meine Postkutsche verkaufte, die ich in Paris für meinen schönen Reisewagen eingehandelt hatte. Von dort begab ich mich nach Pampeluna, indem ich die Pyrenäen auf einem Maultier überstieg; ein zweites trug meine Koffer. Das Gebirge erschien mir viel gewaltiger als die Alpen. Vielleicht täuschte ich mich, denn ich befand mich in dem niedrigsten Teil; so viel ist jedoch gewiß, daß die Pyrenäen angenehmer, abwechslungsreicher, malerischer und fruchtbarer sind als die Alpen. In Pampeluna übernahm der Fuhrmann Andrea Capello die Beförderung meiner Person und meines Gepäckes, und wir brachen nach Madrid auf. Die ersten zwanzig Meilen ermüdeten mich nicht, denn die Straße war ebenso schön wie eine französische. Sie war ein Denkmal zu Ehren des Herrn von Gages, der nach dem italienischen Kriege Gouverneur von Navarra gewesen war und, wie man mir versicherte, diese schöne Straße auf seine Kosten hatte bauen lassen. Der berühmte General, der mich vor vierundzwanzig Jahren hatte in Arrest setzen lassen, gelangte auf diese Weise auf die Nachwelt, und nicht nur das, sondern er verdiente es auch. Als großer General hatte er nur blutbefleckte Lorbeeren gewonnen, war er nur Zerstörer gewesen; aber indem er diese schöne Straße bauen ließ, wurde er zu einem Wohltäter des Volkes und erwarb sich dauernden und unzerstörbaren Ruhm.

Ich kann nicht sagen, daß ich nach dem Aufhören dieser schönen Straße eine schlechtere fand, denn ich fand überhaupt keine Straße mehr. Über steile, steinige Hänge ging es bergauf und bergab. Nirgends die geringste Spur, daß schon ein Wagen gefahren war; das ist Alt-Kastilien. Man nimmt nicht an, daß Reisende, die ihre Bequemlichkeit lieben, auf diesem Wege nach Madrid gehen. Ich war denn auch keineswegs verwundert, nur elende Herbergen zu finden, die kaum für die Maultiertreiber gut genug sind, die mit ihren Tieren zusammenschlafen. Senñor Andrea suchte mir sorgfältig die beste Unterkunft aus, die zu haben war, und nachdem er seine Maultiere mit allem Notwendigen versorgt hatte, lief er durch das Dorf, um mir etwas zu essen zu verschaffen. Der Herr der elenden Herberge, wo wir eingekehrt waren, rührte sich nicht; er zeigte mir eine Kammer, wo ich schlafen könnte, einen Kamin, worin ich Feuer machen könnte, wenn ich Lust hätte; aber er kümmerte sich nicht darum, mir das nötige Holz oder Speisen zu beschaffen; das alles ging ihn nichts an.

Elendes Spanien!

Sich zugrunde zu richten, war allerdings schwer; denn er verlangte für meine Unterkunft weniger als man in Frankreich und sogar in Deutschland für ein Nachtlager in einer Scheune nimmt; aber man mußte stets außerdem eine Pezetta por el ruido bezahlen. Eine Pezetta für den Lärm. Die Pezetta hat einen Wert von vier Realen, nach französischem Gelde ungefähr einundzwanzig Sous.

Der gute Mann rauchte nachlässig seinen Sigarito von brasilianischem Tabak in einem zusammengerollten Stückchen Papier und stieß mit würdevoller Miene dicke Rauchwolken aus. Seine Armut war für ihn Reichtum, und seine Nüchternheit machte ihm das Dasein leicht. In ganz Europa versteht man die Kunst, nüchtern zu leben, nicht so gut, wie in den niedrigen Klassen Spaniens. Zwei Unzen weißen Brotes und ein paar geröstete Kastanien oder süße Eicheln, Bellotas genannt, genügen zum Lebensunterhalt eines Spaniers. Sein Stolz ist, sagen zu können, wenn er einen von ihm beherbergten Fremden abreisen sieht: ich habe mir durchaus keine Mühe gegeben, um ihn zu bedienen. Diese Denkungsweise beruht auf großer Faulheit, die mit viel Stolz gemischt ist: man ist ja Kastilianer; man darf sich nicht so weit herablassen, einen gavacho zu bedienen. Mit diesem Namen bezeichnet man in ganz Spanien die Franzosen und dann die Fremden überhaupt. Dies Wort gavacho ist viel schimpflicher als das Wort Hund, womit die Türken uns bezeichnen, und womit auch die Engländer sehr freigebig jeden bedenken, der nicht in den drei Königreichen geboren ist. Es ist selbstverständlich, daß Leute, die durch eine gute Erziehung oder durch Reisen Bildung gewonnen haben, nicht so sprechen oder auch nur denken. Ein Fremder, der gute Empfehlungen hat und sich anständig benimmt, findet vernünftige Leute in Spanien sowohl wie in England und in der Türkei.

Die zweite Nacht schlief ich in Algrada, einem kleinen Ort, den man mit dem Namen einer Stadt schmückt, und der ein wahres Wunder von Häßlichkeit und Traurigkeit ist. Dort wurde die Nonne Maria von Algrada wahnsinnig und schrieb das Leben der heiligen Jungfrau nach dem Diktat der Mutter unseres Heilandes. Man hatte mir ihr Werk zu lesen gegeben, als ich unter den Bleidächern war, und der Leser erinnert sich vielleicht, daß ich durch die Träume der Visionärin beinahe meinen Verstand verloren hätte.

Wir machten täglich zehn spanische Meilen, und diese sind sehr lang. Eines Morgens glaubte ich vor uns ein Dutzend Kapuziner zu sehen, welche langsamer gingen als die Maultiere vor meinem Wagen. Als ich sie jedoch genauer betrachtete, sah ich lauter Frauen von verschiedenem Alter.

»Was ist denn das?« fragte ich den Señor Andrea; »sind denn diese Frauen wahnsinnig?«

»Durchaus nicht. Sie tragen die Kapuzinerkutte aus Frömmigkeit, und ich bin überzeugt, daß keine von ihnen ein Hemd auf dem Leibe hat.«

Daß sie kein Hemd hatten, war weiter nicht wunderbar; denn Hemden sind in Spanien selten; daß aber jemand das Kapuzinerkleid trug in dem Glauben, dadurch dem Schöpfer mehr zu gefallen, dieser Gedanke erschien mir äußerst seltsam.

Am Tore einer Stadt kurz vor Madrid verlangte man von mir meinen Paß. Ich gab ihn und stieg aus. Der Beamte zankte sich mit einem fremden Priester, der nach Madrid reisen wollte, aber keinen Paß für die Hauptstadt hatte. Er zeigte einen Paß, womit er in Bilbao gewesen war; mit diesem war der Beamte jedoch nicht zufrieden. Der Priester war Sizilianer; da man ihn offenbar schikanierte, so erregte er meine Teilnahme, und ich fragte ihn, warum er sich dieser Unannehmlichkeit ausgesetzt hätte. Er antwortete mir, er halte es nicht für notwendig, einen Paß zu haben, um in Spanien zu reisen, wenn man schon einmal im Lande sei.

»Ich will nach Madrid,« fuhr er fort, »wo ich bei einem Granden als Beichtvater eintreten zu können hoffe; ich habe einen Brief für ihn.«

»Zeigen Sie doch diesen Brief; dann wird man Sie ganz sicher passieren lassen.«

»Sie haben recht.«

Der arme Priester nahm aus seiner Brieftasche das Schreiben, das offen war, und reichte es dem Beamten; dieser warf einen Blick auf die Unterschrift und stieß einen Schrei aus, als er den Namen Squillace las.

»Wie, Herr Abbé, Sie gehen nach Madrid mit einer Empfehlung von Squillace, und Sie wagen, den Brief zu zeigen?«

Als die anwesenden Beamten und Polizisten hörten, daß der arme Abbé keine andere Empfehlung hatte als von dem allgemein verhaßten Minister, den man gesteinigt haben würde, wenn nicht der König, der ihn beschützte, ihm zur Flucht verholfen hätte, – da erhoben sie ihre Stöcke und begannen den armen Sizilianer zu prügeln, der natürlich nicht darauf gefaßt war, daß die Empfehlung eines Mannes, auf dessen Fürsprache er vielleicht all seine Hoffnungen gesetzt hatte, ihm einen so traurigen Empfang verschaffen würde. Zum Glück war ich dabei, und es gelang mir, wenn auch nicht ohne Mühe, den armen Abbé zu befreien, den man dann, wahrscheinlich wegen der Prügel, die er erhalten hatte, passieren ließ, obwohl seine Papiere nicht in Ordnung waren. Dieser Squillace wurde von dem König, der ihn liebte, als Botschafter nach Venedig geschickt, wo er in hohem Alter gestorben ist. Er mußte von den Untertanen jedes Fürsten gehaßt werden, der ihn an die Spitze seiner Finanzverwaltung gesetzt hätte; denn er war unbarmherzig in der Eintreibung der Steuern, um die Einnahmen seines Herrn zu vermehren.

Die Zimmertüren in den Herbergen hatten Riegel an der Außenseite, aber innen nur den Drücker. Die erste und zweite Nacht sagte ich nichts, aber am dritten Abend erklärte ich meinem Fuhrmann, ich wolle mir das nicht gefallen lassen.

»Señor Don Jacob, in Spanien muß man es sich gefallen lassen; denn die heilige Inquisition muß stets nachsehen können, was etwa die Fremden in ihren Zimmern machen, und daher dürfen sich diese nicht einschließen können.«

»Aber in was mischt sich denn eure verdammte Inquisition...?«

»Um Gottes willen, sprechen Sie nicht so, Señor Jacob! Wenn man Sie hörte, wären wir verloren.«

»Nun denn: wonach kann denn Ihre heilige Inquisition neugierig sein?«

»Nach allem will sie sehen: ob Sie an Fastentagen Fleisch essen; ob im Zimmer mehrere Personen beiderlei Geschlechts sind; ob die Frauen allein schlafen oder mit Männern, und wenn letzteres der Fall ist, ob die Zusammenschlafenden rechtmäßige Ehepaare sind; wenn sie sich nicht durch Zeugnisse ausweisen können, werden sie ins Gefängnis gebracht. Die heilige Inquisition, Señor Don Jaime, wacht in unserem Lande beständig über unserem Seelenheil.«

Wenn wir unglücklicherweise einem Priester begegneten, der irgendeinem Sterbenden die Wegzehrung brachte, hielt Señor Andrea an und befahl mir in gebieterischem Ton auszusteigen und niederzuknien; ich mußte gehorchen, selbst wenn der Weg kotig war.

Der Hauptgegenstand religiösen Verfolgungseifers waren damals die Hosen mit einem Schlitz. Wer sich erlaubte, solche zu tragen, anstatt nach alter Väter Sitte den anzuknöpfenden Hosenlatz, wurde ins Gefängnis geworfen; die Schneider, die solche Hosen anfertigten, wurden bestraft. Trotzdem wurden sie getragen, und Priester und Mönche schrien sich vergeblich auf der Kanzel heiser, indem sie gegen diese Unanständigkeit wetterten. Man erwartete schon eine Revolution, die die Weltgeschichte um ein neues Kapitel vermehrt hätte, das der Schilderung durch einen Tacitus würdig gewesen wäre, und worüber ganz Europa sich schief gelacht hätte. Zum Glück kam man schließlich doch ohne Blutvergießen zum Ziel. Es wurde eine Verordnung an allen Kirchentüren angeschlagen, worin man erklärte, die Schlitzhosen seien nur dem Henker erlaubt. Dadurch wurde der Mode ein Ende bereitet, denn niemand wollte das Privilegium haben, für einen Henker zu gelten; man rächte sich aber, indem man sagte, die Mönche brauchten doch eigentlich keine Verordnung, um mit den Unterröcken fertig zu werden.

Indem ich so allmählich die Nation kennen lernte, in deren Mitte ich zu leben gedachte, kam ich nach Guadalaxara, dann nach Alcala und endlich nach Madrid.

Guadalaxara, Alcala! Was für Worte! Man hört nur den Vokal a, diesen königlichen Buchstaben.

Die Sprache der Mauren, deren Vaterland Spanien hundert Jahre lang war, hat eine Menge Namen und viele Wörter hinterlassen. Wie jedermann weiß, ist das Arabische reich an A's, und man hat vielleicht nicht unrecht, wenn man aus diesem Grunde der arabischen Sprache den Vorrang des Alters zuspricht, denn das a ist der leichteste aller Vokale, weil er der natürlichste ist. Man hätte also nach meiner Meinung sehr unrecht, wenn man spanische Namen für barbarisch erklärt: Ala, Achala, Aranda, Almada, Alcala, Armada, Acara, Bacala, Ayapa, Agracaramba, Alava, Alamata, Albadara, Alcantara, Alcaras, Almaras, Alcavala und so viele andere Wörter machen durch ihren vollen Klang das Kastilianische zur reichsten aller modernen Sprachen.

Jedenfalls ist die spanische Sprache eine der schönsten, klangreichsten, kräftigsten und majestätischsten der Welt. Wenn sie so recht ora rotundo gesprochen wird, wirkt sie mit der höchsten poetischen Harmonie. Sie wäre der italienischen an musikalischem Wohllaut gleich, vielleicht sogar überlegen, wenn sie nicht die drei Gutturallaute hätte, die ihr die Lieblichkeit nehmen, so viel auch die Spanier das Gegenteil behaupten: man muß sie reden lassen.

Quisquis amat ranam, ranam putet esse Dianam.
Wer Frösche liebt, behauptet, Diana sei ein Frosch.

Wir zogen durch das Alcala-Tor in Madrid ein. Man durchsuchte meine Sachen, und die Aufmerksamkeit der Beamten richtete sich hauptsächlich auf Bücher. Zu ihrem großen Verdruß fanden sie bei mir nur eine griechische Ilias und einen lateinischen Horaz. Man nahm mir diese Bücher weg, brachte sie mir aber drei Tage später nach der Kreuzstraße in das Kaffeehaus, wo ich Wohnung genommen hatte, obwohl Señor Andrea mich durchaus anderswo unterbringen wollte. Ein braver Mann hatte mir in Bordeaux diese Adresse gegeben.

Eine Zeremonie, die man am Alcala-Tor mit mir vornahm, mißfiel mir ganz über alle Maßen. Einer von dem Zollbeamten bat mich um eine Prise Tabak; ich öffnete meine Dose und hielt sie ihm hin. Anstatt aber die Prise zu nehmen, bemächtigte er sich der Dose mit den Worten: »Señor, dieser Tabak ist in Spanien verflucht.« Es war Pariser Rape; der freche Mensch schüttete den Tabak auf die Straße und gab mir dann meine Dose wieder.

Nirgends verfährt man hinsichtlich dieses unschuldigen Pulvers so strenge wie in Spanien. Trotzdem wird dort mehr als in allen anderen Ländern geschmuggelt, und zwar ganz öffentlich. Die Spione der Steuerpächter, die unter dem besonderen Schutze des Königs stehen, suchen sehr eifrig fremden Tabak zu entdecken, und diejenigen, in deren Dosen welcher gefunden wird, müssen ihn teuer bezahlen. Nur die fremden Gesandten läßt man aus Gefälligkeit eine Ausnahme von dieser Regel bilden. Der König, der jeden Morgen nach dem Aufstehen eine ungeheure Prise in seine ungeheure Nase stopft, verlangt, daß alle Schnupfer seine königliche Tabakfabrik in Flor bringen sollen. Der spanische Tabak ist sehr gut, wenn er rein ist, aber reinen findet man selten, und zur Zeit, von der ich erzähle, hätte man guten Tabak vergeblich gesucht, und wenn man ihn mit Gold hätte aufwiegen wollen. Wie alle Menschen von Natur die Neigung haben, die verbotene Frucht der erlaubten vorzuziehen, so legen die Spanier großen Wert auf den fremden Tabak und machen sich sehr wenig aus ihrem eigenen; die Folge davon ist ein riesiges Schmuggelwesen.

Ich sah mich in einer ziemlich guten Wohnung und litt nur unter dem Mangel an Feuer, denn der Frost war scharf und schneidender als in Paris, obwohl Madrid auf dem vierzigsten Breitengrad liegt. Der Grund ist indessen sehr einfach: Madrid ist die höchstgelegene Stadt Europas. Einerlei, von welchem Ort der Küste man kommt, man steigt unmerklich an, bis man angelangt ist. Außerdem ist die Stadt in der Ferne von hohen Gebirgen umgeben, zum Beispiel vom Guadarama, und in der Nähe ist sie von Hügeln umgürtet; infolgedessen herrscht eine durchdringende Kälte, sobald der Wind von Norden oder auch nur von Osten bläst. Die Luft der Stadt ist für alle Fremden ungesund; sie ist rein und dünn und taugt deshalb nicht für jeden, der ein wenig korpulent ist. Sie ist nur für die Spanier zuträglich, die im allgemeinen mager und dürr sind. Sie sind außerdem so frostig, daß sie sogar in den Hundstagen niemals ohne Hülle ausgehen; diese besteht für wohlhabende Leute in einem großen schwarzen Mantel und für die niedrigen Klassen, besonders die Landbevölkerung, in einem richtigen arabischen Burnus.

Die Männer sind beschränkten Geistes mit einer Menge von Vorurteilen, während die Frauen zwar unwissend, aber im allgemeinen geistreich sind. Beide Geschlechter sind von Begierden und Leidenschaften beseelt, die so lebhaft sind wie die Luft, die sie einatmen, so glühend wie die Sonne, unter der sie leben. Der Spanier haßt jeden Fremden, schon allein deshalb, weil er kein Spanier ist, denn einen anderen Grund für ihren Haß könnten sie nicht angeben. Die Frauen, die ohne Zweifel die Ungerechtigkeit dieses Hasses erkennen, rächen uns, indem sie uns lieben. Doch brauchen sie dabei große Vorsicht, denn der Spanier ist nicht nur von Natur, sondern auch mit Überlegung eifersüchtig. Die geringste Freiheit der Frau, die ihm gehört, tritt seiner Ehre zu nahe. Die Galanterie muss in diesem Lande notwendig geheimnisvoll sein, weil sie streng verboten ist. Die Folgen davon sind geheimnisvolle Ränke und Unruhe der Seelen, die zwischen den von der Religion auferlegten Pflichten und den von ihnen bekämpften Leidenschaften hin und her geworfen werden. Die Männer sind eher häßlich als schön, doch mit zahlreichen Ausnahmen, während die Frauen im allgemeinen hübsch und nicht selten schön sind. Das Blut, das in ihren Adern kocht, macht sie glühend in der Liebe und stets dazu aufgelegt, ihre Hand zu jeder Intrige zu bieten, um die Menschen zu betrügen, die sie umgeben, um jeden ihrer Schritte auszuspionieren. Der Liebhaber, der am willigsten bereit ist, allen Gefahren zu trotzen, ist stets der bevorzugte. Auf den Spaziergängen, in der Kirche, im Theater sprechen sie mit den Augen zu den Männern, nach denen sie begehren; sie beherrschen diese verführerische Sprache in höchster Vollendung. Wenn der Mann, an den diese Sprache sich wendet, den rechten Augenblick zu erkennen und auszunützen weiß, ist er stets sicher, glücklich zu sein, und braucht keinen Widerstand zu erwarten; übersieht er die Gelegenheit oder nützt er sie nicht aus, so wird sie ihm nicht mehr geboten.

Da ich ein warmes Zimmer brauchte, aber keinen Kamin hatte und vom Kohlenbecken Kopfschmerzen bekam, so suchte und fand ich schließlich einen intelligenten Klempner, der nach meinen Angaben einen Ofen aus Eisenblech machte; das Rohr führte durch das Fenster ins Freie und wurde bis zum Dach hinauf geleitet. Der Handwerker war sehr stolz auf sein Erstlingswerk und ließ es mich teuer bezahlen.

In den ersten Tagen, bis mein Ofen fertig war, belehrte man mich, daß ich, um mich zu wärmen, eine Stunde vor Mittag nach der Puerto del Sol, dem Sonnentor, gehen und dort bis zum Mittagessen bleiben müßte. Es ist jedoch kein Tor, sondern ein Platz, den man so nennt, weil die große Wärmespenderin dort ihre Reichtümer verschwendet und allen, die dort spazieren gehen und ihres wohltätigen Einflusses genießen wollen, ihre Wärme schenkt. Ich fand dort eine Menge Menschen, die entweder allein mit schnellen Schritten auf und ab liefen oder im Gespräch mit ihren Freunden langsam hin und her gingen. Dieser Ofen war jedoch nicht nach meinem Geschmack.

Ich brauchte auch einen Bedienten, der französisch sprach, und es kostete mir eine ungeheure Mühe, bis ich schließlich einen fand, dem ich einen hohen Lohn bezahlen mußte, denn er war ein Page, wie man in Madrid sagt. Ich konnte von ihm nicht verlangen, hinten auf meinen Wagen zu steigen oder ein Paket zu tragen oder mir nachts mit einer Laterne oder Fackel zu leuchten. Dieser Page war ein Mann von dreißig Jahren, überaus häßlich; aber für seinen Pagenberuf war seine Häßlichkeit ein Vorzug, der ihn zur Erfüllung seiner Pflichten besonders geeignet machte, denn es war keine Gefahr vorhanden, daß er den Ehemännern Eifersucht einflößte. Eine Frau von höherem Range wagt nicht auszufahren, ohne von einem sogenannten Pagen begleitet zu sein, der sich auf den Vordersitz setzt und natürlich nur eine Art von Spion ist. Ein solcher Schuft ist schwerer zu verführen als die strengste Dueña, die das ihrer Obhut anvertraute junge Mädchen tyrannisiert.

Einen Halunken dieser Art mußte ich also in Ermangelung eines anderen in meinen Dienst nehmen. Wollte Gott, der Spitzbube hätte sich die Beine gebrochen, als er zu mir kam!

Ich überbrachte alle meine Briefe, und zwar zuerst den der Fürstin Lubomirska an den Grafen von Aranda. Dies war der Mann, der an einem Tage Spanien von allen Jesuiten gesäubert hatte. Er war in Madrid mächtiger als der König selber und hatte die Kraft gehabt, die Schlapphüte und langen Mäntel verbieten zu lassen. Er war Vorsitzender des Rates von Kastilien und ging nur in Begleitung eines königlichen Leibgardisten aus, den er stets an seinem Tische essen ließ. Selbstverständlich war er der bestgehaßte Mann in ganz Spanien, aber er schien sich wenig daraus zu machen. Er war ein tiefer Denker und großer Politiker, unverzagt, entschlossen, unbeugsam, ein großer Epikuräer, der aber ausgezeichnet den äußeren Anschein zu wahren wußte. Er tat in seinen vier Wänden alles, was er den anderen verbot, und machte sich nichts daraus, daß man davon sprach.

Er war ziemlich häßlich und schielte unangenehm. Als ich ihn aufsuchte, empfing er mich recht kalt und sagte: »Was wollen Sie denn in Spanien?«

»Ich will mich belehren, indem ich die Sitten einer achtungswerten Nation beobachte, die ich nicht kenne, und ich möchte zur gleichen Zeit aus meinen schwachen Talenten Vorteil ziehen, wenn ich mich der Regierung nützlich machen kann.«

»Um hier gut und ruhig zu leben, bedürfen Sie meiner nicht; denn wenn Sie sich den polizeilichen Vorschriften fügen, wird niemand Sie in Ihrer Ruhe stören. Wenn Sie Ihre Talente auszunützen gedenken, um Ihr Glück zu machen, so wenden Sie sich an den Botschafter Ihrer Republik; er wird Sie vorstellen, und Sie können sich auf diese Weise bekannt machen.«

»Gnädiger Herr, der venetianische Gesandte wird mir nicht schaden, aber er wird mich auch nicht beschützen, denn ich befinde mich in der Ungnade der Staatsinquisitoren. Ich bin sogar sicher, daß er mich nicht empfangen wird.«

»Dann haben Sie bei Hofe nichts zu hoffen; denn der König wird sich zuerst bei ihm nach Ihnen erkundigen, und wenn Ihr Gesandter Sie nicht vorstellt, so rate ich Ihnen, denken Sie hier in Madrid nur daran, sich zu unterhalten.«

Von Aranda begab ich mich zum neapolitanischen Gesandten, der mir dasselbe sagte. Auch der Marques de Mora, einer der liebenswürdigsten aller Spanier, sagte mir dasselbe. Der Herzog von Lossada, Oberhoftruchseß Seiner Katholischen Majestät und deren Günstling, bedauerte sehr, trotz seinem besten Willen augenblicklich nichts tun zu können. Er riet mir, einen Versuch zu machen, indem ich mich in das Haus des venetianischen Gesandten selber einschmuggelte und mir diesen zum Freunde zu machen suchte, trotz meiner Ungnade; denn über diese konnte er hinwegsehen, da er den Grund nicht kannte. Ich beschloß, die Ratschläge des weisen Greises zu befolgen, und schrieb daher einen dringenden Brief an Herrn Dandolo, um mir einen Empfehlungsbrief zu verschaffen, der den Botschafter nötigen würde, mich trotz meinem Handel mit den Inquisitoren bei Hof zu empfehlen. Mein Brief war so geschrieben, daß er von den Inquisitoren gesehen werden konnte, und mußte eine gute Wirkung üben.

Nachdem ich diesen Brief geschrieben hatte, begab ich mich nach dem Palast des venetianischen Gesandten und stellte mich dem Botschaftssekretär Gasparo Sonderini vor. Er war ein geistvoller, kluger und anständiger Mann und wagte trotzdem mir zu sagen, er sei erstaunt, daß ich die Kühnheit besitze, auf die Gesandtschaft zu kommen.

»Ich komme, mein Herr, damit ich mir nicht den Fehler vorzuwerfen brauche, mich nicht vorgestellt zu haben; denn ich habe nichts getan, um glauben zu können, daß ich dessen unwürdig wäre. Ich würde es viel kühner finden, wenn ich in Madrid bliebe, ohne mich vorgestellt zu haben. Jedenfalls wünsche ich mir Glück, diesen Schritt getan zu haben, den ich als eine Pflicht ansehe, zugleich aber bedauere ich, daß der Botschafter, wenn er ebenso denkt wie Sie, für eine Keckheit nehmen wird, was in Wirklichkeit nur eine Handlung der Ehrfurcht ist. Sollte übrigens Seine Exzellenz glauben, mich nicht der Ehre eines Empfanges würdigen zu können, weil zwischen der Inquisition und mir ein ganz besonderer Streithandel besteht, dessen Ursache der Herr Botschafter ebensowenig wissen kann wie ich – so werden Sie es mir nicht übel nehmen, wenn ich mich darüber wundere; denn er ist ja nicht Botschafter der Staatsinquisition, sondern der Republik Venedig, deren Untertan ich immer noch bin; ich fordere ihn wie auch die Staatsinquisition heraus, mir zu sagen, welches Verbrechen ich begangen haben soll, auf Grund dessen man sich das Recht anmaßen könnte, mich meiner Eigenschaft als Venetianer zu berauben. Wenn es meine Pflicht ist, in dem Botschafter das Abbild und den Vertreter meiner hohen Herrschaft zu ehren, so ist es, glaube ich, seine Pflicht, mir seinen Schutz angedeihen zu lassen.«

Soderini wurde ganz rot bei dieser Rede und sagte mir: »Warum schreiben Sie nicht dem Botschafter alles, was Sie mir soeben gesagt haben?«

»Ich konnte es ihm nicht schreiben, bevor ich nicht wußte, ob er mich empfangen würde oder nicht. Jetzt, da ich Anlaß habe, anzunehmen, daß er nicht anders denkt als Sie, jetzt werde ich die Ehre haben, ihm zu schreiben.«

»Ich weiß nicht, ob Seine Exzellenz ebenso denkt wie ich, und trotzdem, was ich Ihnen gesagt habe, kann es wohl sein, daß Sie noch gar nicht wissen, wie ich denke. Auf alle Fälle schreiben Sie ihm; es kann doch sein, daß Sie erhört werden.«

»Ich werde Ihren Rat befolgen, für den ich Ihnen dankbar bin.«

Ich ging nach Hause und schrieb dem Gesandten alles, was ich seinem Sekretär gesagt hatte. Am nächsten Tage meldete man mir den Grafen Manucci. Ich sah einen hübschen jungen Mann mit ziemlich schönem Gesicht, der einen ausgezeichneten Eindruck machte. Er sagte mir, er wohne beim Botschafter; Seine Exzellenz habe meinen Brief gelesen und schicke ihn zu mir, um mir zu sagen, daß er gewisse Gründe habe, um mich nicht offen zu empfangen; er werde jedoch sehr erfreut sein, mich privatim zu sehen, denn er kenne und achte mich.

Dieser junge Manucci sagte mir, er sei Venetianer und kenne mich meinem Rufe nach, denn er habe seine Eltern hundertmal von mir sprechen und mein Unglück bedauern hören. Ich hatte bald heraus, daß der junge Manucci der Sohn jenes Giambatista Manucci war, der die Staatsinquisitoren als Spion bedient hatte, um mich unter die Bleidächer zu bringen, eben jenes Manucci, der sich so geschickt meine Zauberbücher verschafft hatte, die wahrscheinlich das corpus delicti waren, dem ich mein entsetzliches Gefängnisleiden verdankte. Ich hütete mich, ihm etwas von meiner Entdeckung zu sagen, aber ich brauchte nicht daran zu zweifeln, daß ich richtig geraten hatte. Ich kannte seine Mutter, die Tochter eines Kammerherrn vom Hause Loredan, und seinen Vater, der, wie ich in der Geschichte meiner Gefangenschaft erzählt habe, ein armer Edelsteinhändler war.

Ich fragte Manucci, ob man ihn beim Gesandten Graf nenne. Er bejahte diese Frage und sagte, er sei es wirklich auf Grund eines Adelsbriefes, den er vom Kurfürsten von der Pfalz erhalten habe. Als er sah, daß ich seine Herkunft erriet, sprach er offen mit mir, und da er wußte, daß ich den widernatürlichen Geschmack des Herrn von Mocenigo kannte, so sagte er mir lachend, er sei dessen Mignon. »Ich werde für Sie tun,« fügte er hinzu, »was nur in meinen Kräften steht.« Dies war für mich höchst wünschenswert, denn ein solcher Alexis mußte von seinem Corydon alles erlangen, was er wollte. Wir umarmten uns, und er sagte mir beim Abschied, er erwarte mich nachmittags im Botschaftspalast, calle ancha, Breite Straße, um auf seinem Zimmer Kaffee zu trinken; der Botschafter würde gewiß kommen, sobald er ihm sagen ließe, daß ich da wäre.

Ich ging hin; der Botschafter empfing mich sehr freundlich und sprach mir voller Gefühl sein Bedauern aus, daß er es nicht wagen dürfe, mich öffentlich zu empfangen. Er hätte es allerdings können und hätte mich auch bei Hofe vorstellen können, ohne sich bloßzustellen, denn er brauchte von dem summarischen Verfahren der Inquisitoren gegen meine Person nichts zu wissen. Aber er fürchtete, sich Feinde zu machen.

»Ich hoffe«, sagte ich zu ihm, »bald aus Venedig einen Brief zu erhalten, worin Eurer Exzellenz von Seiten der Staatsinquisitoren gesagt werden wird, daß Sie mich unbedenklich vorstellen können.«

»Ich werde mich alsdann beeilen, Sie allen Ministern vorzustellen.«

Dieser Mocenigo ist derselbe, der in Paris durch seinen unglückseligen Hang zur Päderastie eine so traurige Berühmtheit erlangte, denn dieses Laster oder dieser Geschmack ist den Franzosen ein Greuel. Später wurde er vom Rat der Zehn zu siebenjähriger Haft in der Zitadelle von Brescia verurteilt, weil er von Venedig auf seinen Botschafterposten in Wien abreisen wollte, ohne dazu vorher die Erlaubnis des Staatskabinetts erhalten zu haben. Maria Theresia hatte der venetianischen Regierung mitgeteilt, sie werde niemals einwilligen, an ihrem Hofe einen Mann zu empfangen, dessen verruchter Geschmack ihrer ganzen Hauptstadt ein Ärgernis sein werde.

Man war in Venedig in Verlegenheit, Mocenigo zur Vernunft zu bringen; als er aber den Fehler beging, ohne alle Umstände abreisen zu wollen, benutzte man die Gelegenheit, ihn auf die Festung zu verbannen und einen anderen Botschafter zu bestimmen. Dieser Nachfolger hatte denselben obszönen Geschmack wie Mocenigo, aber er machte es mit Hebe und nicht mit Ganymed, wodurch über seine Ausschweifungen ein Schleier von Anstand gebreitet wurde.

Trotz seinem schlechten Ruf als Päderast war Mocenigo in Madrid beliebt. Ich mußte lachen, als auf einem Ball bei einem spanischen Granden der Hausherr mit einer geheimnisvollen Miene mir sagte, der junge Manucci, mit dem er mich gesehen habe, sei die Frau des Botschafters. Er wußte nicht, daß im Gegenteil der Gesandte Manuccis Frau war, und konnte die Sache nicht begreifen. Glückliche Unwissenheit! Übrigens war dieser Geschmack, so pervers er erscheinen mag, die herrschende Leidenschaft mehrerer großer Männer. Im Altertum war er allgemein verbreitet, und diejenigen, die ihm frönten, wurden Hermaphroditen genannt; dieser Name bezeichnete die Vereinigung der beiden Leidenschaften, und nicht etwa die der beiden Geschlechter in einer Person; denn diese letzteren sind nur das Sinnbild.

Ich hatte bereits zwei oder drei Besuche beim Maler Mengs gemacht, der seit sechs Jahren mit einem hohen Gehalt im Dienste Seiner Katholischen Majestät stand, und er hatte mir schöne Diners gegeben, wozu er auch seine anderen Freunde eingeladen hatte. Seine Frau und seine Familie waren in Rom. Er lebte in Madrid allein mit seinem Bedienten in einer sehr schönen Wohnung eines königlichen Hauses und stand in hoher Achtung, weil er mit dem König sprechen konnte, so oft er wollte. Ich machte bei Mengs die Bekanntschaft des Baumeisters Sabattini. Diesen talentvollen Mann hatte der König von Neapel kommen lassen, um den Versuch zu machen, Madrid zu säubern; vor Sabattinis Ankunft war Madrid die schmutzigste und stinkigste Stadt der Welt gewesen. Sabattini ließ unterirdische Abzugsröhren und Abtritte in vierzehntausend Häusern herstellen und war dadurch reich geworden. Er hatte durch Prokuration die Tochter eines anderen Baumeisters, Vanvitelli, geheiratet; sie befand sich in Neapel und hatte ihn niemals gesehen. Sie war in Madrid zur selben Zeit angekommen wie ich. Sie war eine achtzehnjährige Schönheit und hatte die Kühnheit, sobald sie ihren Gemahl gesehen hatte, zu erklären, sie würde niemals darin einwilligen, seine Frau zu werden. Sabattini war allerdings weder jung noch hübsch, aber er war liebenswürdig und von vornehmem Wesen, und das reizende Weib entschloß sich, den bitteren Kelch zu leeren, als er ihr sagte, sie hätte nur die Wahl zwischen ihm und einem Kloster, übrigens brauchte sie ihren Entschluß nicht zu bereuen, denn sie fand in ihrem Gatten einen reichen, zärtlichen und gefälligen Mann, der ihr keinen Wunsch versagte. Ich glühte für sie, aber ich seufzte in aller Stille und betete sie schweigend an; denn abgesehen davon, daß mein Herz noch um Charlotte blutete, begann es mich zu entmutigen, wenn ich sehen mußte, daß die Frauen mir nicht mehr den Empfang bereiteten wie früher.

Um mich zu zerstreuen, ging ich oft ins Theater, das ganz dicht bei meiner Wohnung lag, und besuchte die Maskenbälle, für welche Graf Aranda eigens einen Saal hatte erbauen lassen; man nannte sie Los Scaños del Peral. Die spanische Komödie ist voll von sonderbaren Stellen, indessen mißfiel sie mir nicht. Es wurden religiöse Stücke aufgeführt, die man kurz darauf wieder verbot. Auffällig war mir die Unverschämtheit einer niederträchtigen Polizei, auf deren Anordnung die Logen in einer geradezu unanständigen Form gebaut sind. Statt durch eine Bretterbrüstung die Beine der Männer und die Röcke der Frauen den Blicken des Parketts zu entziehen, läßt man diese Logen vollständig offen, denn die Brüstungen werden nur durch einige kleine Säulen getragen. Vorurteil und Macht der Gewohnheit sind aber so stark, daß ein frommer Herr, der neben mir saß, mit salbungsvoller Miene mir sagte, diese Anordnung sei sehr weise und er wundere sich, daß in Italien die Polizei sie nicht nachahme.

»Weshalb wundern Sie sich darüber?«

»Nun, wenn ein Liebespaar sicher ist, vom Parkett aus nicht gesehen zu werden, kann es unzüchtige Handlungen begehen.«

Ich zuckte die Achseln und antwortete nicht.

In einer großen Loge, der Bühne gerade gegenüber, saßen Los Padres der Inquisition, um sich von der Sittenreinheit der Zuschauer und Schauspieler zu überzeugen. Meine Augen betrachteten gerade diese ehrwürdigen Heuchlergesichter, als plötzlich die Schildwache, die am Eingang zum Parkett stand, mit lauter Stimme ausrief: »Dios«. Auf diesen Ruf warfen alle Zuschauer, Männer wie Frauen, und alle Schauspieler, die auf der Bühne standen, sich auf die Knie und verharrten in dieser Stellung bis man nicht mehr das Glöckchen auf der Straße klingen hörte. Dieses Glöckchen verkündete, daß ein Priester vorbeikam, um irgendeinem Kranken die heilige Wegzehrung zu bringen. Ich hatte die größte Lust, laut herauszulachen, aber ich kannte die spanischen Sitten bereits zu gut, als daß ich mich nicht hätte zurückhalten sollen. Bei den Spaniern besteht die Religion durchaus nur in der Ausübung des äußerlichen Kults. Wenn eine Frau den wollüstigen Wünschen ihres Geliebten nachgibt, bedeckt sie vor allen Dingen mit einem Schleier das Bildnis Christi oder der heiligen Jungfrau, das sich im Zimmer befindet. Sollte jemand über diesen abgeschmackten Brauch lachen, so würde er Gefahr laufen, nicht nur für einen Atheisten zu gelten, sondern sogar von derselben Unglücklichen, die ihm ihre Gunst verkauft hätte, bei der heiligen Inquisition denunziert zu werden.

In Madrid – und vielleicht gilt dies für ganz Spanien – muß ein jeder, der in einem Gasthof sich ein besonderes Zimmer geben läßt, um mit einer Frau zu speisen, darauf gefaßt sein, daß der Aufwärter beständig in diesem Zimmer weilt, um nach dem Essen beschwören zu können, daß dieser Mann und diese Frau weiter nichts getan und nur gegessen und getrunken haben. Trotz allen diesen Vorsichtsmaßregeln herrscht in Madrid die größte Liederlichkeit. Diese ist viel größer als in allen anderen Ländern, weil noch die abscheuliche Heuchelei hinzukommt, die der wahren Frömmigkeit mehr schadet als unverhüllte Unzucht. Männer und Frauen scheinen sich verabredet zu haben, jede Aufsicht überflüssig zu machen. Übrigens ist der Umgang mit den spanischen Weibern nicht ohne Gefahr, denn man hat oft Anlaß, die erlangten Gunstbeweise zu bedauern. Ob dieses daher rührt, daß die Geschlechtskrankheiten unter der Bevölkerung eingewurzelt sind, oder daß es an Sauberkeit mangelt, oder daß durch den Zwang der Umstände die Überwachung der Gesundheit erschwert wird. Dies lasse ich dahingestellt sein.

Der Maskenball entzückte mich. Das erstemal, als ich im Domino hinging, um mir einmal anzusehen, was los wäre, kostete der Spaß mir nur eine Dublone, ungefähr zwölf Franken; aber alle anderen Male kostete er mir vier Dublonen, und das kam so:

Ein Herr von etwa sechzig Jahren, der beim Souper neben mir saß, bemerkte, daß ich Schwierigkeiten hatte, mich mit dem Kellner zu verständigen; er erriet, daß ich ein Fremder sei, und fragte mich, wo ich meine Dame hätte.

»Ich habe keine. Ich bin allein hierher gekommen, um mir dieses entzückende Etablissement anzusehen. Ich bewundere die Freude, die hier herrscht, und die schöne Ordnung, die ich in Madrid nicht zu finden erwartet hatte.«

»Das ist ganz schön und gut; aber um wirklich Genuß zu haben, müssen Sie mit einer Begleiterin kommen, denn Sie sehen mir aus, als wenn Sie Vergnügen am Tanz hätten. Wenn Sie aber allein kommen, so können Sie nicht tanzen; denn jede Dame hat ihren par jo oder Partner, der ihr nicht erlaubt, mit einem anderen zu tanzen als nur mit ihm.«

»In diesem Falle werde ich allein hierher kommen und nicht tanzen; denn als Fremder kenne ich keine Dame, die ich einladen könnte, mit mir den Ball zu besuchen.«

»Gerade in Ihrer Eigenschaft als Fremder können Sie sich leicht die Gesellschaft einer Frau oder eines Mädchen« verschaffen – viel leichter als ein Spanier von Madrid. Seitdem der Graf von Aranda eine neue Lebensweise bei uns eingeführt hat, ist dieser Ball die Leidenschaft aller Frauen unserer Hauptstadt geworden. Sie sehen hier ungefähr zweihundert Tänzerinnen (die Damen, die in den Logen sitzen, rechne ich nicht), und ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich behaupte, daß in diesem Augenblick viertausend junge Mädchen zu Hause weinen und seufzen, daß sie nicht einen Liebhaber haben, der sie auf den Ball führen kann; denn, wie Sie vielleicht wissen, ist es Frauen verboten, allein zu kommen. Darum bin ich überzeugt, daß Sie nur Ihren Namen zu nennen und Ihre Wohnung anzugeben brauchen; kein Vater und keine Mutter werden den Mut haben, Ihnen die Gesellschaft Ihrer Tochter zu verweigern, wenn Sie zu ihnen gehen und um die Ehre bitten, das Mädchen auf den Ball führen zu dürfen, hierauf Domino, Maske und Handschuhe senden, sie im Wagen abholen und sie wieder nach dem väterlichen Herde zurückbringen.«

»Und wenn man mir eine abschlägige Antwort gibt?«

»So machen Sie Ihre Verbeugung und gehen. Vater und Mutter werden es bereuen; denn die Tochter wird weinen, krank sein, Krämpfe bekommen, sich ins Bett legen, die elterliche Tyrannei verfluchen und Gott zum Zeugen anrufen, daß sie Sie gar nicht gekannt hat, und daß nichts unschuldiger sein konnte, als Ihre Bitte.«

Was der Herr sagte, war mir neu, aber es klang überzeugend, und mich erfreute die Hoffnung, auf diese Weise zu einem angenehmen Liebesverhältnis kommen zu können. Ich dankte der freundlichen Maske, die sehr gut italienisch sprach, und sagte dem Herrn, ich würde mir seine Belehrung zunutze machen und ihn von dem Ergebnis in Kenntnis setzen.

»Ich werde sehr erfreut sein, von einem günstigen Erfolg zu hören. Sie finden mich jede Ballnacht in der Loge, in die Sie zu führen ich mir gestatten werde, um Sie der Dame vorzustellen, die sich dort befindet, und die Sie in allen folgenden Nächten ebenfalls dort finden werden.«

Tief durchdrungen von Dankbarkeit für soviel Höflichkeit sagte ich ihm meinen Namen und folgte ihm; er führte mich in eine Loge, wo sich zwei Damen und ein älterer Herr befanden. Mein Führer stellte mich als einen ihm bekannten Fremden vor, und die Unterhaltung kam auf den Ball. Ich sprach meine Meinung aus und machte einige launige Bemerkungen, die den Herrschaften gefielen. Eine von den beiden Damen, deren Züge von vergangener Schönheit sprachen, fragte mich in sehr gutem Französisch, welche Tertulias (Gesellschaften) ich besuchte.

»Madame, ich befinde mich erst seit sehr kurzer Zeit in Madrid, und da ich nicht bei Hofe vorgestellt bin, so habe ich durchaus keine Bekanntschaften.«

»Wie! Aber da bedauere ich Sie, kommen Sie zu mir, mein Herr, Sie werden willkommen sein. Ich heiße Pichona, und jedermann wird Ihnen meine Wohnung sagen.«

»Ich werde die Ehre haben, gnädige Frau, Ihnen meine Aufwartung zu machen.«

Gegen Mitternacht bot sich mir ein entzückendes Schauspiel, als zu den Klängen der Musik und mit Händeklatschen die Paare zu dem tollsten Tanz antraten, den man sich denken kann. Es war der berühmte Fandango, den ich zu kennen glaubte, und von dem ich in Wirklichkeit keine Ahnung hatte. Ich hatte ihn bisher nur in Italien und in Frankreich auf der Bühne tanzen sehen, aber die Tanzenden hatten sich wohl gehütet, die Bewegungen zu machen, durch die der Fandango der verführerischste und wollüstigste Tanz der Welt wird. Er läßt sich nicht beschreiben; jedes Paar, Mann und Weib, macht nur drei Schritte und klappert zum Klange der Musik mit den Castagnetten; dabei aber nehmen sie tausend Stellungen ein und machen tausend Bewegungen von einer unvergleichlichen Sinnlichkeit. Die Liebe wird von ihrem Entstehen bis zu ihrem Ende dargestellt, vom ersten Seufzer des Begehrens bis zur Ekstase des Genusses. Es schien mir unmöglich zu sein, daß nach einem solchen Tanze die Tänzerin ihrem Tänzer etwas versagen könnte; denn der Fandango muß alle Sinne zur höchsten Wollust erregen. Der Anblick dieses Bacchanals entzückte mich dermaßen, daß ich laut aufschrie. Der maskierte Kavalier, der mich in die Loge gefühlt hatte, sagte mir: »Um sich vom Fandango einen richtigen Begriff machen zu können, müßten Sie ihn von Gitanas tanzen sehen, und zwar mit Kavalieren, die ebenso tanzen wie die Mädchen.«

»Aber hat denn die Inquisition nichts gegen diesen Tanz einzuwenden?«

Die Pichona antwortete mir an seiner Stelle, der Tanz wäre streng verboten, und man würde ihn nicht zu tanzen wagen, wenn nicht der Graf von Aranda ihn erlaubt hätte.

Man erzählte mir später, der Graf hätte einmal den Einfall gehabt, die Erlaubnis zu widerrufen; da hätten alle Tänzer murrend den Ball verlassen; als aber der Tanz wieder von ihm erlaubt worden wäre, hätten alle unermüdlich sein Lob gesungen.

Am nächsten Tage befahl ich meinem elenden Pagen, mir einen Spanier zu verschaffen, von dem ich den Fandango lernen könnte. Er brachte mir einen Operntänzer, bei dem ich ebenfalls spanischen Unterricht nahm, denn er war zugleich auch Schauspieler und sprach sehr gut. In drei Tagen lehrte der junge Mann mich so gut alle Stellungen des Tanzes, daß sogar nach dem Urteil von Spaniern niemand sich schmeicheln konnte, den Fandango besser zu tanzen als ich.

Ich gedachte den Rat der freundlichen Maske zu befolgen, und als der Tag des nächsten Balles näher rückte, traf ich meine Vorbereitungen. Ich wollte jedoch weder ein gewöhnliches Frauenzimmer noch eine verheiratete Frau, und an ein reiches oder adeliges Fräulein konnte ich vernünftigerweise nicht denken, denn dieses würde mir eine abschlägige Antwort gegeben und mich obendrein noch lächerlich gefunden haben.

Am Antonitage kam ich an der Kirche der Soledad vorbei. Ich trat in der doppelten Absicht ein, die Messe zu hören und mir für den nächsten Tag, am Mittwoch, eine pareja zu verschaffen.

Ich bemerkte ein großes und schönes Mädchen, das mit zerknirschter Miene und gesenkten Blicken aus einem Beichtstuhl herauskam. Ich folgte ihr mit den Augen. Mitten in der Kirche kniete sie nach spanischer Gewohnheit auf der Erde nieder. Nach ihrem wiegenden Gang, ihren schön entwickelten Formen, ihrem kleinen Fuß urteilte ich, sie müsse den Fandango wie eine Gitana tanzen. Ich beschloß daher, wenn möglich mit ihr zum erstenmal bei den Scaños del Peral mitzuwirken. Sie sah weder vornehm noch reich aus, aber sie war offenbar auch nicht eine von jenen Dirnen, die in Madrid so gut wie jedes anständige Mädchen zur Messe gehen; ich beschloß daher, ihr zu folgen, um ihre Wohnung zu erfahren. Als die Messe zu Ende war und der Priester das Abendmahl reichte, sah ich sie aufstehen, bescheiden an den Tisch des Herrn treten und die Kommunion empfangen. Hierauf ging sie wieder auf die Seite, um ihr Gebet zu vollenden. Ich besaß die Geduld, so lange zu warten, bis sie fertig war. Endlich ging sie hinaus, begleitet von einem anderen jungen Mädchen; ich folgte ihr von ferne. An einer Straßenecke verließ ihre Begleiterin sie und trat in ein Haus ein. Meine Schöne kehrte um, ging etwa zwanzig Schritte zurück, bog in eine andere Straße ein und betrat ein einstöckiges Häuschen. Ich konnte mich nicht täuschen; ich merkte mir den Namen der Straße: del Desingaño uud ging dann eine halbe Stunde spazieren, um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, daß ich ihr nachgegangen wäre. Hierauf kam ich wieder. Ich war vollkommen darauf vorbereitet, einen abschlägigen Bescheid zu erhalten und meine Verbeugung zu machen, wie der Kavalier mir gesagt hatte. Ich trat ein, ging die Treppe hinauf und fand eine Klingelschnur neben der einzigen Tür, die zu sehen war. Ich klingelte, und man rief: »Wer ist da?«

»Gente de paz!« rief ich, wie nach dem Brauch des Landes jedermann außer den Gerichtsboten der Inquisition. Die Tür öffnete sich, und ich sah vor mir einen Mann, eine Frau, das fromme junge Mädchen, dem ich gefolgt war, und ein anderes sehr häßliches Mädchen.

Ich sprach allerdings sehr schlecht spanisch, aber doch gut genug, um mich verständigen zu können. Ich zog den Hut und sagte in bescheidenem Tone zum Vater: »Ich bin Ausländer, möchte auf den Ball gehen und habe keine pareja. Ich bin auf gut Glück in Ihr Haus gegangen und möchte Sie um Erlaubnis bitten, Ihre Tochter auf den Ball führen zu dürfen, wenn Sie eine haben. Ich bin ein Ehrenmann und werde sie Ihnen nach dem Ball in demselben Zustande wieder zuführen, wie ich sie von Ihnen erhalten habe.«

»Señor, dies ist meine Tochter; aber ich kenne Sie nicht und weiß nicht, ob sie Lust hat, auf den Ball zu gehen.«

»Wenn Sie es nur erlauben, lieber Vater und liebe Mutter, werde ich mich glücklich schätzen, hingehen zu dürfen.«

»Du kennst also den Herrn?«

»Ich habe ihn nie gesehen, und auch er wird mich schwerlich je gesehen haben.«

»Das ist wahr, Señora.«

Der Mann fragte mich nach meinem Namen und meiner Wohnung und versprach mir zu Mittag eine Antwort, wenn ich bei mir zu Hause äße. Ich entschuldigte mich bei ihm wegen der Freiheit, die ich mir genommen hätte, und bat ihn, mir ganz bestimmt seine Antwort zu überbringen, damit ich mir, wenn er mir seine Tochter nicht gäbe, eine andere pareja auf gut Glück besorgen könnte; meine Bekannten wären lauter reiche Mädchen, die alle bereits ihre Kavaliere hätten. Hierauf entfernte ich mich.

Im Augenblick, wo ich mich zu Tisch setzen wollte, sah ich den guten Mann erscheinen. Ich lud ihn ein, Platz zu nehmen, nachdem ich meinen greulichen Pagen hinausgeschickt hatte. Er sagte mir, seine Tochter nehme die Ehre an, die ich ihr erweisen wollte, aber ihre Mutter werde sie begleiten und, in meinem Wagen schlafend, auf sie warten. Ich antwortete ihm, das könne sie nach ihrem Belieben tun, aber es tue mir leid, daß sie jedenfalls frieren werde.

Er antwortete mir: »Sie wird einen guten Mantel haben.«

Hierauf teilte er mir mit, daß er Schuster sei, worauf ich zu ihm sagte: »Dann möchte ich Sie bitten, mir ein Paar Schuhe anzumessen.«

»Das wage ich nicht, denn ich bin hidalgo – adlig: wenn ich jemandem Maß nähme, wäre ich genötigt, seinen Fuß zu berühren, und das würde mich in meiner Würde herabsetzen. Ich bin Schuhflicker, auf diese Weise vergebe ich meinem Stande nichts.«

»Wollen Sie mir also diese Stiefel ausflicken.«

»Sie sollen wieder so gut wie neu werden, aber es ist viel daran zu machen, wie ich sehe. Es wird Ihnen einen peso duro kosten.«

Ein peso duro ist ungefähr fünf Franken wert. Ich sagte ihm, ich finde den Preis sehr billig; hierauf machte er eine tiefe Verbeugung. Mit mir zu essen, schlug er mit aller Bestimmtheit aus.

Ein Schuhflicker, der die Schuhmacher verachtet, weil sie die Füße ihrer Kunden anrühren! Jedenfalls verachteten sie ihrerseits ihn, weil er nur altes Leder berührte. Unglückselige Eitelkeit! Was für Formen nimmt sie an! Und wer hat nicht die seinige!

Am nächsten Tage schickte ich zu dem adligen Schuhflicker einen Händler mit Dominos, Masken und Handschuhen. Ich selber ging absichtlich nicht hin; ebensowenig schickte ich meinen Pagen, gegen den ich eine natürliche Abneigung hatte, die sich bald als eine sehr richtige Vorahnung erweisen sollte. Nachdem ich mir einen guten viersitzigen Wagen verschafft hatte, begab ich mich mit Einbruch der Nacht in das Haus meiner schönen Frommen. Sie war fix und fertig, und die rosige Farbe, die ihr Gesicht belebte, verriet mir, was in ihrem Herzen vorging. Wir stiegen mit ihrer Mutter, die sich in einen großen Mantel eingewickelt hatte, in den Wagen und fuhren beim Tanzsaal vor, wo wir ausstiegen und die Mutter im Wagen ließen. Als wir allein waren, sagte meine schöne pareja mir, sie heiße Doña Ignazia.

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