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Gutenberg > Giacomo Casanova >

Erinnerungen

Giacomo Casanova: Erinnerungen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorCasanova
titleErinnerungen
volume6
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20050616
projectid3af5d606
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Viertes Kapitel

Ich erhalte den Befehl, Wien zu verlassen. – Die Kaiserin mildert ihn, nimmt ihn aber nicht zurück. – Zawoiski in München. – Mein Aufenthalt in Augsburg. – Eulenspiegelstreich. – Ludwigsburg. – Der Kölner Zeitungsschreiber. – Meine Ankunft in Aachen.

Jemand, der einen Spitzbuben bestraft, begeht den allergrößten Fehler, wenn er ihn die Strafe überleben läßt; denn er muß wissen, daß der bestrafte Schuft nur an Rache denken und daß er dazu die allergemeinsten Mittel anwenden wird. Hätte ich in der Wohnung der Halunken meinen Degen bei mir gehabt, so würde ich mich ohne Zweifel verteidigt haben. Da ich aber einer gegen drei war, so wäre es mir schlecht ergangen: sie hätten mich in Stücke gehauen und sich in den Raub geteilt, und die Justiz hätte ihnen nichts getan, denn sie hätten natürlich das Corpus delicti verschwinden lassen.

Um acht Uhr kam Campioni an mein Bett; er war sehr erstaunt über mein Abenteuer. Ohne sich damit aufzuhalten, mich zu bedauern, wie die Dummköpfe es tun, beriet er mit mir die Mittel und Wege, wie ich Gerechtigkeit erlangen und meine Börse wieder bekommen könnte. Wir fanden jedoch nur unzulängliche Mittel; das Mordgesindel konnte leugnen, ich aber hatte keine Zeugen, um sie zu überführen. Trotzdem schrieb ich am nächsten Morgen die ganze Geschichte dieses Hinterhaltes auf, indem ich mit dem Mädchen begann, das die lateinischen Verse hergesagt hatte. Ich hatte die Absicht, diese Schrift dem Polizeidirektor oder Kriminalrichter einzureichen, je nachdem mir ein Advokat raten würde, den ich um Rat zu fragen gedachte. Man ließ mir jedoch keine Zeit dazu.

Ich hatte eben zu Mittag gegessen, als ein Polizeibeamter erschien und mir den Befehl überbrachte, mit dem sogenannten »Statthalter«, Graf von Schrattenbach, zu sprechen. Ich bat ihn, meinem Kutscher, der an der Haustür hielt, zu sagen, wohin ich mich zu begeben hätte, und sagte, ich würde sofort kommen.

Im Amtszimmer des Statthalters sah ich einen dicken Herrn stehen; andere standen zur Seite und schienen nur da zu sein, um seine Befehle auszuführen. Sobald er mich sah, hielt er mir eine Uhr hin und befahl mir, zu sehen, wie spät es wäre.

»Ich sehe es.«

»Schön. Wenn Sie morgen um dieselbe Stunde noch in Wien sind, werde ich Sie mit Gewalt aus der Stadt schaffen lassen.«

»Warum geben Sie mir diesen ungerechten und willkürlichen Befehl?«

»Ich habe Ihnen überhaupt keine Rechenschaft abzulegen; aber ich kann Ihnen sagen, daß Sie diesen Befehl nicht empfangen würden, wenn Sie nicht die Gesetze Ihrer Majestät übertreten hätten, die das Glücksspiel verbieten und die Betrüger zur Zwangsarbeit verurteilen. Kennen Sie diese Börse und diese Karten?«

Die Karten kannte ich nicht, aber ich erkannte meine Börse, die offenbar nur noch ein Viertel von dem Gold enthielt, das darin gewesen war, als man sie mir abgenommen hatte. Vor Entrüstung bebend, gab ich dem gestrengen Beamten keine andere Antwort, als daß ich ihm den vier Seiten langen wahrheitsgetreuen Bericht über das mir Widerfahrene hinreichte. Der gestrenge Herr las ihn und sagte mir dann lachend, mein Geist sei wohl bekannt, man wisse, wer ich sei und warum man mich aus Warschau ausgewiesen habe; die Geschichte, die er gelesen habe, sei ein Lügengewebe, das dem gesunden Menschenverstand Hohn spreche, denn ihm fehle jede Wahrscheinlichkeit. »Kurz und gut,« so schloß er, »Sie werden innerhalb der von mir vorgeschriebenen Zeit abreisen, und jetzt wünsche ich zu wissen, wohin Sie gehen wollen.«

»Dies, mein Herr, werde ich Ihnen erst sagen, wenn ich mich zur Abreise entschlossen habe.«

»Wie? Sie wagen mir zu sagen,daß Sie mir nicht gehorchen werden?«

»Sie selber haben mir die Wahl gelassen, indem Sie mir sagten, Sie würden mich mit Gewalt aus der Stadt schaffen, wenn ich nicht freiwillig reiste.«

»Schön. Man hat mir bereits gesagt, daß Sie einen harten Kopf haben; aber der wird Ihnen hier nichts nützen. Ich rate Ihnen, eine harte Behandlung zu vermeiden und abzureisen.«

»Ich bitte Sie, mir meine Schrift zurückzugeben.«

»Ich gebe Ihnen nichts zurück. Gehen Sie!«

Dies, lieber Leser, war einer der fürchterlichsten Augenblicke, die ich in meinem Leben gehabt habe; ich zittere noch jetzt, so oft ich daran denke. Nur eine feige Liebe zum Leben konnte mich abhalten, meinen Degen zu ziehen und den niederträchtigen Statthalter von Wien zu durchbohren, der sich gegen mich nicht wie ein Richter, sondern wie ein Henkersknecht betrug.

Indem ich mich entfernte, kam mir der Gedanke, die Geschichte dem Fürsten Kaunitz zu erzählen, obgleich ich nicht die Ehre hatte, von ihm gekannt zu sein. Ich begab mich zu ihm, und ein Kammerdiener, den ich traf, sagte mir, ich möchte in dem Zimmer warten, worin ich mich befände, weil der Fürst gleich durchkommen würde, um mit seinen Gästen zu Tisch zu gehen. Es war fünf Uhr.

Der Fürst erschien mit mehreren Gästen, und ich bemerkte an seiner Seite den venetianischen Botschafter, Herrn Polo Renieri. Der Fürst fragte mich, was ich wolle, und ich erzählte ihm, coram omnibus und mit lauter Stimme, den ganzen Fall.

»Ich habe den Befehl erhalten, abzureisen, gnädiger Herr, aber ich werde nicht gehorchen. Ich flehe Eure Durchlaucht um Ihren Schutz an, um meine gerechten Beschwerden an den Thron gelangen zu lassen.«

»Schreiben Sie Ihre Eingabe,« antwortete der Fürst, »ich werde sie der Kaiserin schicken; aber ich rate Ihnen, Ihre Majestät nur zu 99 bitten, daß der Befehl aufgeschoben wird; denn Sie würden sie erzürnen, wenn Sie ihr sagten, daß Sie nicht gehorchen werden.«

»Aber wenn die Gnade auf sich warten läßt, gnädiger Herr, wird die Gewalt ihren Weg nehmen.«

»Begeben Sie sich zu dem Gesandten Ihres Vaterlandes.«

»Ach, mein Fürst, ich habe kein Vaterland mehr, obgleich ich es immer noch liebe. Eine Gewaltmaßregel beraubt mich meiner Bürger- und Menschenrechte. Ich bin Venetianer und heiße Casanova.«

Überrascht sah der Fürst den venetianischen Gesandten an, der mit lachender Miene etwa zehn Minuten lang mit ihm sprach.

»Es ist ein Unglück für Sie,« sagte der Fürst gütig, »daß Sie nicht den Schutz eines Gesandten in Anspruch nehmen können.«

Kaum hatte er dies gesagt, so erklärte ein Kavalier von kolossaler Gestalt, ich könne den seinigen in Anspruch nehmen, denn meine ganze Familie stehe im Dienste seines fürstlichen Herrn und ich selber habe ihm gedient. Das war buchstäblich wahr, denn der Kavalier war der sächsische Gesandte.

»Es ist Graf von Vitzthum«, sagte der Fürst zu mir. »Schreiben Sie der Kaiserin; ich werde ihr sofort Ihre Eingabe schicken, und sollte die Antwort sich verzögern, so ziehen Sie sich zum Grafen zurück, in dessen Hause Sie vor jeder Gewaltmaßregel sicher sind, bis es Ihnen paßt, nach Ihrer Bequemlichkeit abzureisen.«

Hierauf befahl der Fürst, mir Schreibzeug zu geben, und die ganze Gesellschaft folgte ihm in den Speisesaal.

Hier die Eingabe, die ich in weniger als zehn Minuten niederschrieb, und die der venetianische Gesandte dem Senat meiner Heimat schickte, weil er glaubte, ihm damit ein Vergnügen zu machen.

Madame,

ich bin überzeugt, wenn Eure Kaiserliche und Königliche Majestät spazieren geht und ein Insekt mit klagender Stimme Ihnen zuruft, Sie werden es zertreten, so werden Sie Ihren Fuß ein wenig zur Seite wenden, um nicht das arme Geschöpf zu verletzen.

Ich bin, Madame, das Insekt, das Sie anzuflehen wagt. Sie wollen dem Herrn Statthalter Schrattenbach befehlen, noch acht Tage zu warten, bevor er mich mit dem Pantoffel Eurer Majestät zerquetscht. Vielleicht, Madame, wird er nach dieser kurzen Zeit nicht nur mich nicht zerquetschen, sondern Eure Majestät werden ihm möglicherweise den erhabenen Pantoffel aus den Händen nehmen, den Sie ihm nur anvertraut haben, um Verbrecher zu zertreten, nicht aber einen Venetianer, der trotz seiner Flucht aus den Bleikammern ein Ehrenmann ist und der sich den Gesetzen Eurer Majestät in tiefer Ehrfurcht unterwirft.

Wien, den 21. Januar 1767.
Casanova.

Als ich mit meiner Eingabe fertig war und sie ins Reine geschrieben hatte, schickte ich sie dem Fürsten, der sie mir fünf Minuten später zurücksandte und mir sagen ließ, er werde sie auf der Stelle abfertigen, bitte mich jedoch, ihm eine Abschrift zu hinterlassen.

Nachdem ich die Abschrift gemacht hatte, übergab ich alles dem Kammerdiener und entfernte mich. Ich zitterte wie ein Paralytiker und fürchtete, mein Zorn könnte mich krank machen. Um mich möglichst zu beruhigen, setzte ich mich sofort hin und schrieb im Stil eines Manifestes den Inhalt des Blattes nieder, das ich dem niederträchtigen Schrattenbach eingereicht und das dieser unwürdige Beamte mir nicht hatte zurückgeben wollen.

Gegen sieben Uhr sah ich den Grafen Vitzthum in mein Zimmer treten. Er begrüßte mich freundschaftlich und bat mich, ihm die Geschichte von dem Mädchen zu erzählen, das ich infolge der vier Verse aufgesucht hätte, wonach ich nach meinem Belieben Hebe oder Ganymed finden sollte. Ich gab ihm die Adresse; er schrieb die Verse ab und sagte mir: »Dies genügt bereits, um einem aufgeklärten Richter zu beweisen, daß Sie das Opfer eines Hinterhaltes geworden und daß Sie von Schuften verleumdet sind; trotzdem bezweifle ich, daß man Ihnen Gerechtigkeit widerfahren läßt.«

»Wie? Ich werde genötigt sein, morgen abzureisen?«

»O nein, das nicht; es ist unmöglich, daß die Kaiserin Ihnen nicht die acht Tage bewilligt, um die Sie sie bitten.«

»Warum unmöglich?«

»Nun, das will ich meinen! Läßt etwa Ihr Pantoffel eine abschlägige Antwort zu? Niemals habe ich eine Eingabe in solchem Stil gesehen. Der Fürst las sie mit seinem kalten Gesicht, konnte aber ein Lächeln nicht unterdrücken. Nachdem er sie gelesen hatte, reichte er sie mir, hierauf gab er sie dem venetianischen Gesandten zum Lesen, der mit der ernstesten Miene den Fürsten fragte, ob er die Eingabe in dieser Form an Ihre Majestät schicken würde. »Diese Eingabe«, antwortete der Fürst ihm, »ist so, daß sie an Gott geschickt werden könnte, wenn man nur den Weg zu ihm wüßte!« Hierauf hat er das Schriftstück einem seiner Sekretäre überbringen lassen, um es sofort mit einem Umschlag zu versehen und an die Kaiserin zu schicken. Während der ganzen Mahlzeit wurde von Ihnen gesprochen, und ich hörte mit großem Vergnügen den venetianischen Gesandten erklären, kein Mensch wisse, aus welchen Gründen man Sie in die Bleikammern gesperrt habe. Man hat auch von Ihrem Duell gesprochen, aber niemand konnte mehr davon sagen, als was man in den Zeitungen darüber gelesen hat. Machen Sie mir die Freude und geben Sie mir eine Abschrift von Ihrer Eingabe. Der Herr von Schrattenbach mit dem Pantoffel in der Hand hat mir gar zu sehr gefallen.«

Ich beeilte mich, die Eingabe abzuschreiben, und übergab sie ihm mit einer Abschrift meines Manifestes. Bevor er ging, wiederholte der Graf seine Einladung, bei ihm zu wohnen, falls man mir nicht vor Ablauf der vierundzwanzig Stunden mitteilte, daß die Kaiserin mir die erbetene Gnade bewilligt hätte.

Um zehn Uhr erhielt ich den Besuch des Grafen de la Perouse, des Marques Las Casas und des venetianischen Botschaftssekretärs Uccelli. Dieser letztere kam, um mich im Auftrage seines Vorgesetzten um eine Abschrift der Eingabe zu bitten. Ich versprach ihm eine zu schicken, und tat das am anderen Tage, indem ich eine Abschrift meines Manifestes beifügte. Das einzige, was letzteres Schriftstück ein wenig beeinträchtigte, indem es ihm einen komischen Anstrich gab, waren die vier Verse der Adresse, nach denen es gewissermaßen scheinen konnte, wie wenn ich zu Pocchinis Mädchen nur in der Hoffnung gegangen wäre, in ihr Ganymed zu finden, nachdem ich sie als Hebe erkannt hätte. Dies war nicht der Fall, aber die Kaiserin, die Latein verstand und die Fabel kannte, konnte es glauben, und das würde mir bei ihr geschadet haben.

Ich ging erst zu Bett, nachdem ich sechs Abschriften gemacht hatte; es war zwei Uhr morgens; ich war todmüde, aber ich war ein wenig ruhiger geworden. Am nächsten Mittag kam ein Legationssekretär des Grafen Vitzthum, der junge Hasse, ein Sohn des ausgezeichneten Kapellmeisters und der berühmten Faustina, und sagte mir im Auftrage des Ministers, ich hätte nichts zu befürchten, wenn ich zu Hause bliebe oder im Wagen ausführe; ich dürfte jedoch nicht zu Fuß ausgehen. Er fügte hinzu, der Graf würde das Vergnügen haben, mich um sieben Uhr zu besuchen. Ich bat Herrn Hasse, mir seine Mitteilungen schriftlich zu hinterlassen; er tat dies und entfernte sich dann.

So war denn der Befehl aufgehoben und die Gnade bewilligt. Dies konnte nur von der Herrscherin ausgehen, und so dachte ich denn bei mir selber: »Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren; ich werde Gerechtigkeit erlangen, man wird meine niederträchtigen Mörder verurteilen und wird mir meine Börse zurückgeben, und zwar mit zweihundert Dukaten und nicht, wie mir der unwürdige Statthalter sie gezeigt hat, der zum allermindesten seiner Stelle enthoben werden wird.«

Dies waren Luftschlösser, aber wer baut nicht gern welche, selbst in weniger bedenklichen Lagen, als die war, worin ich mich befand? Quod nimis miseri volunt, hoc facile credunt – »was ein Unglücklicher wünscht, glaubt er leicht«, sagt in einer seiner Tragödien Seneca, der große Kenner des menschlichen Herzens.

Bevor ich mein Manifest der Kaiserin, dem Fürsten Kaunitz und allen Ministern übersandte, glaubte ich, mich zur Gräfin Salmor begeben zu müssen; diese sprach morgens und abends mit der Herrscherin, und ich hatte ihr einen Brief überbracht.

Die Dame empfing mich mit den Worten, ich solle doch nicht mehr meine linke Hand in der Binde tragen; dies sei eine Scharlatanerie, denn nach neun Monaten hätte ich es doch gewiß nicht mehr nötig. Äußerst erstaunt über einen derartigen Empfang antwortete ich ihr: »Wenn ich es nicht nötig hätte, würde ich meine Hand nicht in der Binde tragen, und ich bin kein Scharlatan. Ich bin aus einem ganz anderen Grunde zu Ihnen gekommen, Madame.«

»Ich weiß es, aber ich will damit nichts zu tun haben. Ihr seid lauter solche Taugenichtse wie Tomatis.«

Ich drehte mich auf dem Absatz herum und ging hinaus, ohne sie zu grüßen. Wie vernichtet ging ich nach Hause. Ich begriff nicht, wie ich mich in einer solchen Lage befinden konnte. Ausgeraubt, beschimpft von Halunken aller Stände; ohnmächtig, nicht imstande, die einen ober die anderen zu vernichten; von der Justiz wie ein Verbrecher behandelt! Wie? Eine boshafte Gräfin wagte es, sich über meine Armbinde lustig zu machen? Wäre mir diese Beleidigung von einem Manne widerfahren, so hätte ich von meiner Linken den Handschuh abgezogen, um sie ihm zu zeigen, dann aber meine Rechte auf seinem Gesicht abgezeichnet. Meine linke Hand schwoll sofort an, wenn ich sie eine Stunde ohne Binde trug, und dann konnte ich nicht die geringste Bewegung ohne große Schmerzen machen. Von diesem Leiden wurde ich erst zwanzig Monate nach meinem Duell völlig geheilt.

Herr von Vitzthum oder Vicedom – man hat mir versichert, das sei dasselbe – sagte mir, die Kaiserin habe dem Fürsten Kaunitz gesagt, Schrattenbach erkläre die ganze Geschichte, die ich zu meiner Entschuldigung niedergeschrieben habe, für einen Roman. Er wisse bestimmt, daß ich mit gezeichneten Karten, die er in seinem Besitz habe, eine Pharaobank gehalten habe; ich habe mit beiden Händen abgezogen, denn meine Armbinde sei nur eine Scharlatanerie. Einer der Spieler habe mich auf frischer Tat ertappt; man habe mit Recht die Bank mit Beschlag belegt und das von mir auf unredliche Weise gewonnene Geld zurückgenommen. Derselbe Spieler, der ein Vertrauensmann der Polizei sei, habe dem Statthalter meine Börse gegeben; diese habe vierzig Dukaten enthalten, die mit Fug und Recht konfisziert worden seien. Die Kaiserin sehe sich gezwungen, dem Bericht des Herrn von Schrattenbach über diese Geschichte Glauben beizumessen; denn selbst wenn ich recht hätte, könnte sie mir nicht durch Entlassung des Statthalters Gerechtigkeit widerfahren lassen. Sie würde dadurch in große Verlegenheit geraten, denn sie fände niemanden zur Übernahme dieses sehr schwierigen Amtes, bei dessen Ausübung der Graf großen Eifer an den Tag legte. Tatsächlich wäre es ihm gelungen, Wien von einem Ungeziefer frei zu halten, das eine Schande für das Menschengeschlecht sei. »Dies befiehlt Fürst Kaunitz mir, Ihnen zu sagen; im übrigen haben Sie nichts mehr zu befürchten und können abreisen, wann Sie wollen.«

»Man soll mir also ungestraft zweihundert Dukaten gestohlen haben? Wenn die Kaiserin aus politischen Gründen nicht will, daß ich einen Kriminalprozeß anstrenge, so soll sie mir doch wenigstens mein Geld wiedergeben. Ich bitte Sie, den Fürsten zu fragen, ob ich in geziemender Form der Kaiserin klarlegen darf, daß sie mir zum allermindesten diese Genugtuung schuldet.«

»Ich werde es ihm sagen.«

»Andernfalls werde ich abreisen; denn was soll ich in einer Stadt anfangen, wo ich nur im Wagen ausfahren kann und wo die Regierung Mörder in ihrem Solde hält!«

»Sie haben recht. Wir alle sind überzeugt, daß Pocchini Sie verleumdet hat. Dieses Mädchen mit den lateinischen Versen ist sehr bekannt; man wußte nur ihre Adresse nicht. Ich möchte Ihnen noch sagen, daß Sie nicht gut daran tun würden, diese Geschichte zu veröffentlichen, solange Sie noch in Wien sind; denn sie stellt Schrattenbach bloß, den unglücklicherweise die Kaiserin offenbar gern hat.«

»Ich fühle das alles und muß die Zähne zusammenbeißen. Ich werde abreisen, sobald meine Wäscherin mir die Wäsche gebracht hat; aber ich werde diese Geschichte mit allen ihren ungeheuerlichen Nebenumstanden drucken lassen.«

»Die Kaiserin ist gegen Sie eingenommen, ich weiß nicht, durch wen.«

»Aber ich weiß es: durch ein gottverdammtes altes Weib, die Gräfin Salmor.«

Am nächsten Tage schrieb Graf Vitzthum mir, Fürst Kaunitz rate mir, meine zweihundert Dukaten zu vergessen; Pocchinis Tochter und deren angebliche Mutter seien allem Anschein nach nicht mehr in Wien; denn jemand, der die Adresse gelesen habe und neugierig gewesen sei, habe sie vergeblich suchen lassen.

Da ich sah, daß ich diese verdammte Geschichte niemals zu einem guten Ende führen würde, so faßte ich den Entschluß, mich nicht mehr darüber zu ärgern und abzureisen; zugleich aber nahm ich mir vor, die Geschichte zu veröffentlichen und Pocchini mit meinen eigenen Händen zu hängen, sobald ich das Glück hätte, ihn zu treffen. Ich habe weder das eine noch das andere getan.

In jenen Tagen kam ein Fräulein aus dem Hause Salis von Chur mit der Post nach Wien; sie reiste allein und ohne Bediente. Der kaiserliche Henker Schrattenbach sandte ihr den Befehl, zwei Tage nach ihrer Ankunft wieder abzureisen; sie ließ ihm antworten, sie wolle in Wien bleiben, solange es ihr gefalle. Der Henkersknecht ließ sie in ein Kloster sperren, und dort war sie noch, als ich abreiste. Der Kaiser machte sich oft über derartige Befehle seiner Mutter lustig, tat aber niemals etwas dagegen; er suchte das Fräulein im Kloster auf. Seine Mutter erfuhr dies und fragte ihn, wie er sie gefunden habe. »Ich habe gefunden,« antwortete der Kaiser, »daß sie viel mehr Geist hat als Schrattenbach.«

Es steht außer Frage, daß jede edle Seele stets an das unantastbare Recht glauben wird, »frei zu sein«. Und doch, wer ist wirklich frei in dieser Hölle, die man Welt nennt? Niemand. Nur der Philosoph vielleicht, aber er ist es durch Opfer, die für das mit dem geheiligten Namen »Freiheit« geschmückte Trugbild wahrscheinlich zu kostspielig sind.

Ich überließ Campioni meine Wohnung, die ich bis Ende des Monats bezahlt hatte, und das Holz, wovon ich mir einen reichlichen Vorrat angeschafft hatte, und versprach ihm, ihn in Augsburg zu erwarten, wo nur die Gesetze herrschen und wo ich mein Leben genossen hatte. Ich reiste allein ab, in meinem Herzen den bitteren Schmerz, daß ich keine Gelegenheit gefunden hatte, das Ungeheuer zu töten, dessen barbarischer Despotismus mich unterdrückt hatte. Ich kam in Linz an, wo ich nur Aufenthalt machte, um an Schrattenbach einen Brief zu schreiben, der noch schärfer war als jener, den ich im Jahre 1760 dem Herzog von Württemberg geschrieben hatte. Ich brachte den Brief persönlich nach der Post und ließ mir eine Quittung dafür geben, um sicher zu sein, daß er in die Hände des unwürdigen Statthalters gelangen würde. Dieser Brief war für meine Gesundheit notwendig, denn der Zorn wirkt tödlich, wenn es nicht gelingt, ihn auf irgendeine Weise abzulenken. Von Linz reiste ich in drei Tagen nach München, wo ich den Grafen Kajetan Zavoiski besuchte, der vor sieben Jahren in Dresden gestorben ist. Ich hatte ihn in Venedig gekannt, als er in bedrängten Umständen lebte, und hatte das Glück gehabt, ihm nützlich sein zu können. Als ich ihm erzählte, was mir in Wien geschehen war, dachte er sich ohne Zweifel, daß ich Geld nötig hätte, und gab mir fünfundzwanzig Louis. Dies war allerdings viel weniger, als was ich ihm in Venedig gegeben hatte, und wenn er damit seine Schuld hatte begleichen wollen, so wären wir nicht quitt gewesen. Da ich aber niemals beabsichtigt hatte, ihm das Geld als Darlehen zu geben – denn eine solche Denkweise war niemals meine Art – so war ich ihm für die kleine Summe dankbar, wie für eine Wohltat. Er gab mir außerdem einen Brief für den Hofmarschall des Fürstbischofs von Augsburg, den Grafen Maximilian von Lamberg, dessen Bekanntschaft zu machen ich bereits die Ehre gehabt hatte.

In Augsburg war damals kein Theater; dafür fanden aber Maskenbälle statt, auf denen Adel, Bürgerschaft und Mädchen aus dem Volke sich mischten. Auch gab es kleine Gesellschaften, wo man Pharao spielte und sich mit geringen Kosten belustigte. Ich war müde der Freuden, Leiden und Scherereien, die mir in drei Hauptstädten zuteil geworden, und entschloß mich, vier Monate in einer freien Stadt wie Augsburg zu verbringen, wo die Fremden dieselben Vorrechte hatten wie die Domherren. Meine Börse war sehr schmal geworden; da aber mein gewöhnliches Leben mir sehr wenig kostete, so hatte ich nichts zu befürchten. Da ich in Augsburg bekannt und außerdem in der Nähe von Venedig war, so war ich sicher, stets hundert Dukaten zur Verfügung zu haben, wenn ich zufällig einer solchen Summe bedürfen sollte. Ich spielte also mit kleinen Einsätzen und führte Krieg gegen die Griechen, die zu unserer Zeit zahlreicher geworden sind als die Einfältigen, die sich betrügen lassen, wie es ja auch bald mehr Ärzte als Kranke gibt. Auch dachte ich daran, mir eine Geliebte zu verschaffen; denn was ist das Leben ohne Liebe? Vergeblich hatte ich versucht, Gertrud wiederzufinden; der Kupferstecher war gestorben, und kein Mensch konnte mir sagen, was aus seiner Tochter geworden war.

Einige Tage vor dem Ende des Karnevals sollte ein Ball außerhalb Augsburgs stattfinden, den ich mitmachen mußte. Ich ging zu einem Fuhrhalter, und während man die Pferde anspannte, trat ich ins Zimmer, um mich einen Augenblick am Ofen zu wärmen; denn es war kalt. Ein Mädchen kam herein und fragte mich, ob ich ein Glas Wein trinken wolle.

»Nein!« antwortete ich; da die Frage wiederholt wurde, sagte ich noch einmal »Nein«, und zwar in ziemlich barschem Tone und mit ungeduldigem Gesicht. Das Mädchen rührte sich nicht und fing an zu lachen; dies ärgerte mich, und ich fuhr sie an, sie solle mich in Ruhe lassen.

Da sagte sie: »Ach, ich sehe wohl, Sie können mich nicht wiedererkennen.«

Ich wurde neugierig, sah sie aufmerksam an und entdeckte schließlich unter den häßlichen Zügen eines mehr als gewöhnlichen Mädchens die hübsche Anna Midel, die kleine Magd bei Gertruds Vater, dem Kupferstecher.

»Sie scheinen mir Anna Midel zu sein?« fragte ich sie.

»Ach, ich war es. Ich bin nicht mehr so, daß man mich lieben kann; aber daran sind Sie schuld.«

»Ich?«

»Ja, Sie. Die vierhundert Gulden, die Sie mir gaben, veranlaßten den Kutscher des Grafen Fugger, mich zu heiraten. Er hat nicht nur das ganze Geld verzehrt und mich dann verlassen, sondern mir auch eine gräßliche Krankheit mitgeteilt, an der ich beinahe gestorben wäre. Ich bin mit dem Leben davongekommen. Aber wie sehe ich jetzt aus.«

»Das tut mir sehr leid; aber sage mir, was ist aus Gertrud geworden?«

»Wissen Sie denn nicht, daß Sie zu ihr auf den Ball gehen?«

»Zu ihr?«

»Ja. Nach dem Tode ihres Vaters hat sie einen wohlhabenden und braven Mann geheiratet. Ihr Haus liegt eine kleine Meile von hier. Er hat einen Gasthof mit Speisewirtschaft; Sie werden dort zufrieden sein.«

»Ist sie noch hübsch?«

»Sie ist, wie sie war; nur ist sie eben sechs Jahre älter und hat Kinder gehabt.«

»Ist sie galant?«

»Ich glaube nicht.«

Anna hatte mir wahr berichtet. Gertrud freute sich, als sie mich wieder sah, stellte mich ihrem Mann als einen früheren Mieter ihres Vaters vor und bewirtete mich gut; als ich aber während der Nacht unter vier Augen mit ihr sprach, fand ich sie von den anständigen Gefühlen beseelt, die ihre Lage erforderte.

Zu Beginn der Fastenzeit kam Campioni in Augsburg an. Er reiste mit Binetti, der nach Paris ging, um sich dort eine Stelle zu kaufen. Er hatte seine Frau ausgeplündert und für immer verlassen. Campioni sagte mir, in Wien bezweifle kein Mensch, daß mein Abenteuer genau so gewesen sei, wie ich es in meinen Schriftstücken geschildert habe. Pocchini und der Slawonier seien wenige Tage nach meiner Abreise verschwunden, und alle Welt tadele den Statthalter. Campioni brachte einen Monat bei mir zu und verließ mich dann, um nach London zu gehen.

Als ich meinen Brief dem Grafen Lamberg überbrachte, machten er und seine Gemahlin mir die schmeichelhaftesten Vorwürfe, daß ich nicht früher gekommen wäre. Die Gräfin war nicht schön, aber sie besaß alles, was eine Frau braucht, um von allen, mit denen sie in Berührung kommt, geliebt zu werden. Sie war eine geborene Gräfin Dachsberg. Drei Monate nach meiner Ankunft machte sie mit dem Domherrn Grafen Fugger eine Ausfahrt, um in einem Gasthof, dreiviertel Stunden von Augsburg, zu jausen; ich war mit von der Partie. Die Gräfin war schwanger, glaubte aber nicht, daß ihre Niederkunft schon bevorstände. Während der Jause wurde sie plötzlich von so heftigen Wehen ergriffen, daß sie auf der Stelle niederzukommen fürchtete. Sie wagte es nicht dem gräflichen Domherrn zu sagen, sondern wandte sich an mich, dem sie wohl mehr Kenntnisse auf dem Gebiete zutraute, und flüsterte mir ihre Mitteilung ins Ohr. Sofort eilte ich hinaus und befahl dem Kutscher, schleunigst anzuspannen. Hierauf ging ich wieder in die Wirtsstube und trug sie sozusagen in den Wagen. Der Domherr folgte uns ganz erstaunt und fragte mich fortwährend, was los sei. Er stieg nach uns in den Wagen, und ich bat ihn, dem Kutscher zu sagen, er sollte schnell fahren und wenn er die Pferde zu Tode jagte. Der Domherr gehorchte, fragte aber unaufhörlich ganz ängstlich, was denn eigentlich los sei.

»Frau Gräfin wird hier niederkommen, Herr Kanonikus, wenn wir nicht schneller fahren!«

Obgleich die Schmerzen der armen Gräfin mir ins Herz schnitten, konnte ich mich kaum enthalten, laut herauszulachen, als ich den guten Domherrn abwechselnd leichenblaß und purpurrot werden sah; er erstickte beinahe vor Angst, daß die Gräfin in seiner Gegenwart und in seinem eigenen Wagen ein Kind zur Welt bringen könnte. Er war in Verzweiflung, denn was würde man davon sagen? Die Komik eines derartigen Ereignisses erfüllte ihn mit Entsetzen; er lag wie der heilige Lorenz auf einem glühenden Rost. Der Bischof war in Plombières, man würde ihm die Geschichte schreiben! Die Neuigkeit würde ein gefundenes Fressen für die Zeitungsschreiber sein.

»Schnell, Kutscher! Fahr doch schneller!«

Wir kamen glücklich im Schloß an. Ich trug sozusagen die Gräfin in ihr Zimmer, und man lief schleunigst nach der Hebamme und dem Geburtshelfer. Dies war überflüssig, denn fünf Minuten darauf teilte der Graf uns mit, die Gräfin sei glücklich entbunden worden. Dem Domherrn war eine Zentnerlast vom Herzen gefallen, und er ging schnell nach Hause, um sich die Ader schlagen zu lassen.

Ich lebte vier Monate lang in Augsburg so angenehm wie nur möglich. Zwei- oder dreimal wöchentlich aß ich beim Grafen Lamberg zu Abend. Bei diesen Soupers machte ich die Bekanntschaft eines seltenen Ehrenmannes, des Grafen von Thurn und Vallesassina; er ist jetzt Dekan des Regensburger Domkapitels und war damals Page des Fürstbischofs. Dieser Page und der fürstbischöfliche Leibarzt, Dr. Algardi aus Bologna, ebenfalls ein reizender Mensch, waren stets beim Souper zugegen.

Ferner sah ich beim Grafen Lamberg oft einen preußischen Offizier, den Baron Sellentin, der in Augsburg seinen ständigen Wohnsitz hatte, um für seinen königlichen Herrn Rekruten zu werben. Er war liebenswürdig, geistreich im gascognischen Stil, schlau, tapfer, ein Liebhaber des Spiels und ein guter Spieler. Vor fünf oder sechs Jahren schrieb er mir aus Dresden, er sei alt geworden und bereue es, geheiratet zu haben, obgleich er eine reiche Frau gefunden habe. Vielleicht würde ich dasselbe sagen, wenn ich zufällig geheiratet hätte.

Während meines Aufenthaltes in Augsburg besuchten mich mehrere Polen, die ihr Vaterland wegen der ausgebrochcnen Unruhen verließen, unter anderen der Großnotar der Krone Rzewuski, den ich in Petersburg als Liebhaber der armen Langlade gekannt hatte. »Welch ein Reichstag! Was für Ränke! Was für ein Unglück!« sagte der brave Pole zu mir. »Glücklich, wer sich von dem Trubel entfernen kann.«

Er reiste nach Spaa und versicherte mir, wenn ich dorthin ginge, würde ich dort die Schwester des Fürsten Adam finden, sowie Tomatis und die Catai, die dieser geheiratet hätte. Schließlich bestimmte er mich zu dem Entschluß nach Spaa zu gehen, und da ich knapp an Geld war, so traf ich meine Maßregeln, um mit drei oder vierhundert Dukaten in meiner Börse in Spaa erscheinen zu können. Zu diesem Zwecke schrieb ich dem Prinzen Karl von Kurland, der in Venedig war, er möchte mir etwa hundert Dukaten schicken. Um ihn zu veranlassen, mir das Geld sofort zu senden, teilte ich ihm ein unfehlbares Mittel mit, um den Stein der Weisen zu gewinnen. Da mein Brief, obwohl er ein so großes Geheimnis enthielt, nicht chiffriert war, so empfahl ich dem Prinzen, ihn zu verbrennen, indem ich ihm versicherte, ich hätte eine genaue Abschrift zurückbehalten. Er tat es nicht, und der Brief wurde mit seinen anderen Papieren in Beschlag genommen, als man ihn in Paris in die Bastille setzte.

So kam mein Brief in die Archive dieses Staatsgefängnisses, und er würde ohne die Revolution niemals das Licht der Welt erblickt haben. Bei der Zerstörung der Bastille wurde mein Brief aufgefunden, und man ließ ihn zusammen mit mehreren anderen seltsamen Schriftstücken drucken; der Brief ist seitdem auch ins Deutsche und Englische übersetzt worden. Die Dummköpfe, von denen es in diesem Lande wimmelt, wo ich nach dem Willen des Schicksals zu meiner Erholung die hauptsächlichsten Begebenheiten meines langen, sehr bewegten Lebens niederschreibe, – diese Dummköpfe, die selbstverständlich meine Feinde sind (denn der Esel hat niemals mit dem Pferde Freundschaft schließen können), diese Dummköpfe, sage ich, triumphierten, als sie diese vermeintliche Anklageschrift gegen mich lasen. Sie waren so dumm, mir vorzuwerfen, daß ich der Verfasser des Briefes sei, und glaubten mich zu Boden zu schmettern, indem sie mir sagten, man habe den Brief zu meiner ewigen Schande ins Deutsche übersetzt. Die dummen, böhmischen Trottel, die mir diesen Vorwurf machten, waren ganz verblüfft, als ich ihnen ins Gesicht lachte und antwortete, gerade dieser Brief mache mir unsterbliche Ehre, und wcnn sie etwas weniger lange Ohren hätten, so würden sie mich nicht tadeln, sondern bewundern.

Ich weiß nicht, ob mein Brief verändert worden ist; da er aber nun einmal veröffentlicht wurde, so will ich ihn hier mitteilen, um der Wahrheit die Ehre zu geben; denn diese ist der einzige Gott, den ich anbete. Vor mir liegt die genaue Abschrift des Originals, wie ich es im Mai des Jahres 1767 in Augsburg niederschrieb. Heute haben wir den 1. Januar 1798.

Der Brief lautete:

Gnädiger Herr,

Eure Durchlaucht werden diesen Brief verbrennen, wenn Sie ihn gelesen haben, oder Sie werden ihn mit der denkbar größten Sorgfalt aufbewahren. Es ist jedoch besser, wenn Sie ihn verbrennen und nur eine chiffrierte Abschrift davon zurückbehalten, so daß man ihn nicht verstehen kann, wenn er gestohlen werden oder verloren gehen sollte. Die Neigung, die Sie mir eingeflößt haben, ist nicht die einzige Triebfeder meines Vorgehens; ich gestehe Ihnen, daß mein Interesse in gleichem Umfange daran beteiligt ist. Erlauben Sie mir Ihnen zu sagen, daß es mir nicht genügt, von Eurer Hoheit wegen der Eigenschaften geliebt zu werden, die Sie vielleicht an mir erkannt haben; zwar schmeichelt diese Liebe mir unendlich, aber ich muß die Unbeständigkeit befürchten, die eine so natürliche Eigenschaft aller Fürsten ist. Ich wünsche, gnädiger Herr, daß Sie einen triftigen Grund haben, mich zu lieben; ich wünsche, daß Sie mir durch das unschätzbare Geschenk verpflichtet sind, das ich Ihnen machen werde. Dieses Geschenk ist das Geheimnis der Vermehrung des Goldes, des einzigen Stoffes, dessen Eure Hoheit bedürfen. Sie würden reich sein, wenn Sie als Geizhals geboren wären; aber Sie sind von Natur freigebig und werden immer arm sein ohne das Geheimnis, dessen einziger Besitzer ich bin.

Euere Hoheit sagten mir in Riga, Sie wünschten, daß ich Ihnen vor meiner Abreise das Geheimnis auslieferte, durch das ich Eisen in Kupfer verwandelt habe. Ich tat es nicht; jetzt aber werde ich Ihnen das Geheimnis einer viel wichtigeren Transmutation schenken. Ich muß Sie jedoch darauf aufmerksam machen, daß der Ort, wo Sie sich jetzt befinden, nicht zur Vornahme der Operation geeignet ist, obgleich Sie dort leicht die erforderlichen Stoffe finden können. Die Operation erheischt meine Gegenwart zur Errichtung des Ofens, und damit die Ausführung mit der äußersten Sorgfalt gemacht werde, denn bei dem geringsten Versehen würde sie mißlingen. Die Transmutation des Eisens ist leicht und mechanisch, aber diejenige, die ich Ihnen jetzt angebe, ist durchaus philosophisch. Wenn Ihr Gold gradiert ist – und das läßt sich sehr leicht machen – so wird es dem Golde gleich sein, woraus die venetianischen Zechinen geschlagen sind. Bedenken Sie, gnädiger Herr, daß ich Sie vielleicht instand setze, meiner entbehren zu können, und noch mehr bedenken Sie, daß ich in Ihre Hände mein Leben und meine Freiheit lege.

Mein Vorgehen muß mir Ihr ewiges Wohlwollen sichern und muß Sie über das Vorurteil erheben, das man in bezug auf das bei den Alchimisten übliche Verfahren und ihre Ausdrucksweise hat. Mein Selbstgefühl wäre verletzt, wenn Euere Hoheit mich nicht von der Menge unterschieden. Die einzige Gnade, um die ich Sie bitte, ist die, daß Sie zur Ausführung der Operation den Augenblick unserer Wiedervereinigung abwarten. Allein können Sie nicht arbeiten. Sie können sich aber auch keinem Menschen anvertrauen. Denn wenn auch die Operation gelingen sollte, so würde doch Ihr Helfer Ihr Geheimnis verletzen.

Ich will Ihnen sagen, daß ich mit denselben Zutaten unter Hinzufügung von Quecksilber und Salpeter den Projektionsbaum bei der Marquise von Urfé machte: die Fürstin von Anhalt- Zerbst berechnete dessen Wachstum auf fünfzig Prozent. Ich wäre jetzt unermeßlich reich, wenn ich mich einem Fürsten hätte anvertrauen können, der im Besitz einer Münze ist. Dieses Glück ist mir erst jetzt widerfahren, und ich sehe damit meine höchsten Wünsche erfüllt; denn Ihr göttlicher Charakter beseitigt jede Befürchtung für mich. Doch zur Sache:

Man nehme vier Unzen guten Silbers, löse es in Scheidewasser auf und schlage es nach den Regeln der Kunst mittels eines Kupferstabcs nieder; hierauf wasche man es mit lauem Wasser, um es von allen Säuren zu befreien. Dann lasse man es gut trocknen, mische es mit einer halben Unze Ammoniaksalz und lege es in einen Tiegel, worin man es schmelzen kann. Hierauf nehme man ein Pfund Federalaun und ein Pfund ungarischen Kristall, vier Unzen Grünspan, vier Unzen echten Zinnober und zwei Unzen lebendigen Schwefel. Alle diese Zutaten müssen zu Pulver zerstoßen und miteinander vermischt werden. Hierauf tut man sie in einen Destillierkolben von solcher Größe, daß er nur zur Hälfte von ihnen gefüllt ist. Dieser Destillierkolben ist auf einen Schmelzofen zu legen, der vier Züge hat, denn das Feuer muß bis zum vierten Grade gesteigert werden. Man muß mit einem langsamen Feuer beginnen, das nur das Phlegma oder die wässerigen Teile ausscheidet. Wenn die geistigen Teile zu erscheinen beginnen, muß das Gefäß aufgesetzt werden, worin sich das Silber mit dem Ammoniak befindet. Alle Fugen müssen mit Weisheitskitt verschlossen werden, und in dem Maße, wie die geistigen Teile ausscheiden, muß das Feuer bis zum dritten Grade gesteigert werden.

Wenn man sieht, daß die Sublimation beginnt, muß man unverzagt den vierten Zug öffnen; man achte aber darauf, daß das Sublimierte nicht in den Behälter mit dem Mondmetall gerate; man schließe den Hals mit einer dreifachen Blase und stelle das Gefäß vierundzwanzig Stunden lang in einen Zirkulationsofen; hierauf nehme man die Blase ab und bringe die Retorte in den Mittelpunkt, damit die Masse destillieren kann. Das Feuer muß vermehrt werden, bis die geistigen Teile, die sich vielleicht noch in der Masse befinden, verschwinden und die Masse vollständig trocken ist. Nachdem man diese Operation dreimal wiederholt hat, wird man das Gold in der Retorte sehen. Man nehme es aus der Retorte und schmelze es, indem man das corpus perfectum hinzusetzt. Indem man es mit zwei Unzen Gold schmilzt und es in Wasser legt, wird man vier Unzen Gold finden, das jeder Probe standhält, vollkommenes Gewicht hat und hämmerbar ist; nur ist es ein wenig blaß.

Dies, gnädiger Herr, ist die Goldmine für Ihre Münze in Mitau; mittels derselben kann ein Direktor mit vier Arbeitern Ihnen wöchentlich eine Einnahme von tausend Dukaten verschaffen, und das Doppelte und Vierfache, wenn Eure Hoheit die Arbeiter und die Ofen vermehren wollen. Diese Direktorstelle erbitte ich für mich selber, doch verlange ich für meine Rechnung nur soviel Metall, wie Eure Hoheit geruhen wollen, mir zuzuweisen. Die Stempel, womit ich die Münzen schlagen lassen werde, will ich Eurer Hoheit noch bezeichnen. Bedenken Sie, gnädiger Herr, daß diese Angelegenheit ein Staatsgeheimnis sein muß. Als regierender Fürst müssen Sie die ganze Bedeutung dieses Wortes begreifen, überliefern Sie diesen Brief den Flammen, und wenn Eure Hoheit mir schon im voraus eine Belohnung geben wollen, so bitte ich nur um Ihre gnädige Huld für mich, der ich Sie anbete. Ich bin glücklich, wenn ich hoffen darf, daß mein Herr mein Freund sein wird. Mein Leben, das ich mit diesem Brief in Ihre Hand gebe, werde ich stets für Sie hinzugeben bereit sein, und ich werde freiwillig daraus zu scheiden wissen, wenn jemals der Fall eintreten sollte, daß ich es bereuen müßte, mich Eurer Hoheit eröffnet zu haben.

Wenn dieser Brief – gleichviel in welcher Sprache er gedruckt sein mag – anders lautet, so ist er nicht von mir, das behaupte ich allen Mirabeaus der ganzen Welt ins Gesicht. Man nennt mich einen aus Frankreich Verbannten, und mit Unrecht; denn wenn einer infolge einer lettre de cachet abreist, so ist er nicht verbannt oder ausgewiesen. Er ist gezwungen, einem Befehl des Herrschers zu gehorchen, der willkürlicherweise irgend jemanden, der ihm lästig ist oder ihm mißfällt, vor die Tür seines Hauses setzt, ohne sich zur Angabe von Gründen für verpflichtet zu halten. Ein König sieht eben – mit oder ohne Grund – sein Königreich als sein Privathaus an, und jeder Privatmann hat das Recht, in seinem Hause ebenso zu handeln. Wirklich ausgewiesen werden kann man nur durch ein Urteil, das durch das Gesetzbuch begründet ist.

Sobald meine Börse einen stattlichen Umfang hatte, verließ ich Augsburg; am 14. Juni 1767. Als ich in Ulm war, reiste ein Kurier des Herzogs von Württemberg durch, um die Nachricht nach Ludwigsburg zu bringen, daß Seine Durchlauchtigste Hoheit in fünf oder sechs Tagen von Venedig kommen werde. Dieser Kurier hatte einen Brief für mich. Er war ihm von dem Prinzen Karl von Kurland übergeben worden, der ihm gesagt hatte, er werde mich im Gasthof zum Rebstock in Augsburg finden. Er hatte mich nicht gefunden, weil ich am Tage vorher abgereist war; da er jedoch wußte, welchen Weg ich eingeschlagen hatte, so bezweifelte er nicht, daß er mich einholen würde, und in der Tat traf er mich in Ulm. Als er mir den Brief übergab, fragte er mich, ob ich derselbe Casanova wäre, der wegen einer Spielgeschichte mit drei Offizieren aus dem Arrest entflohen wäre. Da ich niemals verstand, eine Wahrheit zu leugnen, wenn einer mich darnach fragte, so antwortete ich bejahend. Ein württembergischer Offizier, der sich ganz in unserer Nähe befand, sagte mir freundlich, er sei damals in Stuttgart gewesen, und man habe die drei Offiziere wegen ihres Benehmens allgemein verdammt. Ohne ihm zu antworten, las ich meinen Brief, der nur von unseren Privatangelegenheiten handelte; aber während des Lesens hatte ich den Einfall, eine kleine Lüge zu sagen, – eine Lüge, die keinem Menschen schaden konnte und mir eine Art unschuldiger Rache verschaffte – und so sagte ich denn zu dem Offizier: »Nun, mein Herr, nach sieben Jahren ist es mir endlich gelungen, Seine Durchlaucht Ihren Herzog zur Vernunft zu bringen! Hier erhalte ich eben einen Brief, worin mir mitgeteilt wird, daß der Herzog mir eine Genugtuung gibt, woran mir außerordentlich viel liegt. Ich trete als Geheimsekretär mit zwölfhundert Talern Gehalt in seinen Dienst ein. Aber wer weiß, was in diesen sieben Jahren aus den drei Offizieren geworden ist!«

»Mein Herr, sie sind alle drei in Ludwigsburg, und * * * ist jetzt Oberst.«

»Die Nachricht wird sie jedenfalls überraschen, und sie werden sie morgen erfahren, denn ich reise in einer Stunde ab. Wenn sie in Ludwigsburg sind, so ist damit mein sehnlichster Wunsch erfüllt. Es tut mir nur leid,« sagte ich zu dem Kurier, »daß ich Sie nicht begleiten kann: denn ich will hier übernachten und die Festungswerke besehen; aber übermorgen werden wir uns wiedersehen.«

Nachdem ich eine ausgezeichnete Nacht verbracht hatte, erwachte ich mit dem köstlichen Gedanken, daß ich nach Ludwigsburg gehen würde, nicht um mich mit den drei Offizieren zu schlagen, sondern um ihnen Angst einzuflößen und mich auf die angenehmste Art für den mir von ihnen angetanen Schimpf zu rächen. Außerdem freute ich mich auf den Empfang von Seiten der vielen Bekannten, die ich dort noch haben mußte: außer der Toscani, die des Herzogs Geliebte war, mußte ich Baletti und Vestri finden; dieser hatte eine frühere Geliebte des Herzogs geheiratet, die später eine berühmte Schauspielerin wurde. Als Kenner des menschlichen Herzens wußte ich, daß ich nichts zu befürchten hatte. Da die Rückkehr des Fürsten unmittelbar bevorstand, so würde man gar nicht auf den Gedanken kommen, daß ich eine Fabel aufgebracht hätte. Der Herzog würde mich bei seiner Ankunft nicht mehr finden, denn ich würde mich natürlich entfernen, sobald der Kurier, der ihm vorausritt, seine Ankunft meldete. Ich würde einfach allen Leuten sagen, ich reiste Seiner Hoheit entgegen, und alle Leute würden sich von mir anführen lassen.

Niemals erschien mir eine Idee in so verführerischem Lichte. Ich war stolz darauf, sie ausgeheckt zu haben, und ich hätte es meines Geistes unwürdig gefunden, wenn ich sie nicht ausgeführt hätte. Ich vollzog damit eine grausame Rache an dem Herzog, dessen Groll ich fürchten mußte, denn er hatte jedenfalls den beleidigenden Brief nicht vergessen, den ich ihm geschrieben hatte. Solche Sachen vergessen Fürsten nicht, wie sie oft genug große Dienste vergessen.

Vor Aufregung, die mir meine Ungeduld verursachte, konnte ich die Nacht nicht schlafen. Ich kam in Ludwigsburg an und nannte am Tor meinen Namen, aber ohne meine angebliche neue Würde, denn ich durfte den Spaß auch nicht zu auffällig machen. Ich stieg in dem sehr guten Gasthof zur Post ab und ließ mein Gepäck auf mein Zimmer schaffen. Sodann erkundigte ich mich, wo die Toscani wohnte, und im selben Augenblicke sah ich sie mit ihrem Mann erscheinen. Alle beide fielen mir um den Hals und töteten mich mit ihren Komplimenten über meine Armbinde und über meinen großen Sieg.

»Was für ein Sieg?«

»Daß Sie hier erscheinen! Es ist für alle ihre Freunde eine wahre Herzensfreude gewesen.«

»Ich bin im Dienste des Herzogs; aber woher wissen Sie das?«

»Es ist das allgemeine Tagesgespräch. Der herzogliche Kurier, der Ihnen den Brief brachte, hat die Nachricht verbreitet, und der Offizier, der dabei war, hat sie bestätigt; er ist gestern früh hier angekommen. Sie können sich von der Bestürzung ihrer drei Feinde gar keine Vorstellung machen! Trotzdem fürchteten wir, Sie würden noch einen Handel auszufechten haben; denn sie haben noch Ihren Brief aus Fürstenberg, wodurch Sie sie zum Zweikampf herausforderten.«

»Warum sind sie nicht gekommen?«

»Zwei von ihnen konnten nicht, der dritte kam zu spät.«

»Schön. Wenn der Herzog es erlaubt, tun die Herren mir einen Gefallen, indem sie sich mit mir schlagen – nicht etwa alle drei auf einmal, sondern einer nach dem anderen. Auf Pistolen selbstverständlich; denn mit dem Arm in der Binde schlägt man sich natürlich nicht auf Degen.«

»Wir werden noch davon sprechen. Meine Tochter will vor der Ankunft des Herzogs eine Aussöhnung bewerkstelligen, und Sie täten gut, wenn Sie ihr die Sache überließen; denn jene sind zu dreien, und es ist mit Bestimmtheit anzunehmen, daß Sie nicht alle drei töten werden.«

»Ihre Tochter muß eine Schönheit geworden sein.«

»Sie werden heute Abend in meinem Hause mit ihr speisen, denn sie ist nicht mehr Geliebte des Herzogs. Sie wird sich verheiraten.«

»Wenn Ihre Tochter uns aussöhnt, ziehe ich den Frieden dem Krieg vor, vorausgesetzt, daß es nicht gegen meine Ehre geht.«

»Aber warum diese Binde nach sechzehn Monaten?«

»Ich befinde mich wohl, aber meine Hand schwillt an, sobald ich sie herabhängen lasse; Sie werden das nach Tisch selber sehen, denn Sie werden mit mir zu Mittag essen, wenn Sie wünschen, daß ich bei Ihnen zu Abend speise.«

In diesem Augenblick kam Vestri, den ich noch nicht kannte, mit meinem lieben Baletti. In ihrer Begleitung befanden sich ein Offizier, der in eine zweite Tochter der Toscani verliebt war, und noch ein anderer Herr von ihrer Gesellschaft, den ich ebenfalls nicht kannte. Alle sprachen mir ihre Glückwünsche darüber aus, daß ich einen so ehrenvollen Posten im Dienste des Herzogs erhalten hätte. Valetti war überglücklich. Meine Leser werden sich erinnern, daß mein Freund mir bei meiner Flucht aus Stuttgart aufs beste beigestanden hatte, und daß ich seine Schwester hätte heiraten sollen. Baletti hatte eine große Seele, viel Geist und ein schönes Talent. Er zeichnete sich durch seinen musterhaften Lebenswandel aus, und der Herzog hielt große Stücke auf ihn. Er besaß ein Häuschen, das am Ende der Stadt halb auf dem Lande lag. Er hatte ein ausgezeichnetes Zimmer für mich und bat mich, dieses anzunehmen; er sei stolz darauf, daß der Herzog erfahren werde, ich sei sein bester Freund und wohne bis zu seiner Ankunft bei ihm; denn alsdann werde ich natürlich im Schlosse wohnen. Ich nahm seine Einladung an, und da es noch früh am Tage war, so gingen wir alle zur jungen Toscani. Ich hatte sie in Paris geliebt, als sie noch nicht ganz entwickelt war; und als wir uns nun wiedersahen, war sie mit Recht stolz auf ihre Erscheinung, denn sie war schön. Sie zeigte mir ihr Haus und ihre Juwelen und erzählte mir von ihrem Liebesverhältnis mit dem Herzog. Arme Leute, diese Fürsten – sie werden niemals um ihrer selbst willen geliebt! Sie erzählte mir ferner, daß es wegen seiner fortgesetzten Treulosigkeiten zum Bruch gekommen sei, und daß sie sich nunmehr mit einem Manne verheiraten werde, den sie verachte, aber der Umstände wegen zu nehmen genötigt sei.

Als es Zeit zum Mittagessen war, führte ich die ganze Gesellschaft in meinen Gasthof; unterwegs begegnete mir der Oberst, der sich besonders bemüht hatte, mich unter die Soldaten stecken zu lassen. Er zog zuerst den Hut; wir erwiderten seinen Gruß, und er ging weiter.

Wir hatten ein sehr gutes und sehr lustiges Mittagessen; nach der Mahlzeit richtete ich mich in Balettis Haus ein. Am Abend gingen wir zur Toscani, bei der ich zwei Schönheiten fand, die mich entzückten: ihre Tochter und Vestris Frau, die der Herzog mit ihm verheiratet hatte, nachdem sie von ihm zwei Kinder erhalten hatte, die er anerkannte. Die Vestri war schön, aber sie bezauberte mich durch ihren Geist und durch ihre Anmut. Sie hatte nur einen Fehler: sie schnarrte das r. Da die junge Toscani sich etwas zurückhaltend benahm, so erlaubte ich mir bei Tische meine Huldigungen ganz besonders an Frau Vestri zu richten, deren Gatte nicht eifersüchtig war – wahrscheinlich, weil sie sich in gegenseitigem Einverständnis nicht liebten. An jenem Tage waren gerade die Rollen eines kleinen Lustspiels verteilt worden, das zur Feier der Ankunft des Herzogs aufgeführt werden sollte. Ein junger Dichter, der sich in Ludwigsburg aufhielt, hatte es in der Hoffnung verfaßt, dadurch die Huld des Herrschers und eine Anstellung als Hofdichter zu erhalten. Nach dem Essen sprachen wir von diesem Lustspiel, worin Vestri die Hauptrolle spielte. Man bat sie, uns das Stück vorzulesen, und sie tat dies mit der liebenswürdigsten Bereitwilligkeit.

»Ihr Spiel ist voll von Seele und Leben,« sagte ich zu ihr, »Sie bringen das Gefühl auf eine Weise zum Ausdruck, daß man darauf schwören muß, alle Ihre Worte seien von inniger Anteilnahme eingegeben. Wie schade, daß Sie das r nicht mit der Zungenspitze aussprechen!«

Wegen dieser Äußerung fiel die ganze Tischgesellschaft über mich her. »Das ist doch kein Fehler,« rief man, »sondern eine sehr reizvolle Schönheit; der Ausdruck wird dadurch sanfter und anziehender. Eine Schauspielerin, die nicht so spricht, ist neidisch auf diesen Vorzug.«

Ich antwortete nicht, sondern sah nur die Vestri an.

»Glauben Sie,« sagte sie, »daß ich mich durch solche Worte täuschen lasse?«

»Nein, dazu sind Sie zu klug.«

»Einer, der mich liebt und mit aufrichtigem Gesicht zu mir sagt: wie schade!, macht mir mehr Vergnügen, als alle anderen, die mir das Gegenteil sagen, weil sie mir zu schmeicheln glauben. Leider ist es ein unheilbares Übel.«

»Unheilbar, Madame?«

»Ja.«

»Nein. Ich habe in meiner Apotheke ein unfehlbares Heilmittel gegen Ihr Leiden. Sie werden mir eine Ohrfeige geben, wenn ich Sie nicht morgen diese Rolle lesen lasse, ohne daß Ihr Fehler sich bemerkbar macht; aber wenn Sie sie so lesen, wie zum Beispiel Ihr Gemahl sie lesen würde, so werden Sie mir erlauben, Ihnen einen zärtlichen Kuß zu geben.«

»Einverstanden! Aber was muß ich tun?«

»Weiter nichts, als daß Sie mir das Manuskript zu einer kleinen Hexerei überlassen. Ich rede in vollem Ernst. Geben Sie es mir. Heute Nacht brauchen Sie es ja nicht, und morgen früh um neun Uhr werde ich es in Ihre Wohnung bringen und von Ihnen meine Ohrfeige oder einen süßen Kuß empfangen, wenn Ihr Mann nichts dagegen hat.«

»Durchaus nicht! Aber wir glauben nicht an Hexerei.«

»Da haben Sie recht. Aber wenn meine Hexerei mir mißlingt, bekomme ich ja meine Ohrfeige.«

»Das versteht sich.«

Frau Vestri gab mir die Rolle, und wir sprachen von anderen Dingen. Man beklagte mich wegen meiner geschwollenen Hand, und ich erzählte die Geschichte meines Duelles. Alle behandelten mich mit Liebe und herzlicher Hochachtung, und als ich mit Baletti nach seinem Hause ging, war ich ganz verliebt, besonders in die Vestri und in die junge Toscani.

Baletti hatte ein wunderbar schönes Mädchen von drei Jahren.

»Woher hast du diesen Engel?«

»Hier siehst du seine Mutter, die dir nach dem Recht der Gastfreundschaft heute Nacht Gesellschaft leisten wird.«

Es war seine Haushälterin, ein Weib von entzückender Schönheit.

»Ich nehme das großmütige Anerbieten an, aber erst für morgen Abend.«

»Und warum nicht für diese Nacht?«

»Weil die Hexerei mich die ganze Nacht beschäftigen wird.«

»Wie? Es ist kein bloßer Scherz?«

»Nein, es ist voller Ernst.«

»Bist du verrückt geworden?«

»Nein, du wirst schon sehen. Geh zu Bett und gib mir nur Licht und was ich zum Schreiben brauche.«

Ich verbrachte sechs Stunden damit, die Rolle der Vestri umzuschreiben, ohne etwas anderes daran zu ändern als die Wörter auf erre oder re, für die ich gleichwertige Ausdrücke einsetzte. Es war eine Hundearbeit, aber ich hatte Lust, die Vestri in Gegenwart ihres Gemahls zu küssen. Ich führe hier einige Beispiele meiner Änderungen an:

Les procédés de cet homme m'outragent et me désespèrent; je dois penser a m'en débarasser.

Hierfür schrieb ich:

Cet homme a des façons qui m'offensent et me désolent; il faut que je m'en defasse.

Il me croit éprise de lui.

Hierfür setzte ich:

Il pense que je l'aime usw.

Als ich fertig war, schlief ich drei Stunden; hierauf kleidete ich mich an. Baletti, dem ich meine Hexerei zeigte, sagte mir, der junge Dichter werde mich verfluchen; denn die Vestri werde ohne Zweifel dem Herzog sagen, er solle ihn verpflichten, in Zukunft nur noch Wörter ohne r für sie in ihren Rollen zu verwenden. So kam es auch.

Ich ging zur Vestri, die gerade eben aufgestanden war, und gab ihr die von mir abgeschriebene Rolle. Sie sah sie flüchtig durch, schrie vor Erstaunen laut auf und rief ihren Mann, dem sie sagte, sie wolle in Zukunft keine Rolle mehr spielen, worin ein r vorkomme. Ich beruhigte sie, indem ich ihr versprach, alle ihre Rollen für sie umzuschreiben, wie ich die ganze Nacht darauf verwandt hätte, diese Arbeit für sie zu machen.

»Die ganze Nacht! Kommen Sie und machen Sie sich bezahlt! Sie sind mehr als ein Hexenmeister. Es ist köstlich! Wir werden lachen. Der Dichter muß eingeladen werden, bei uns zu Mittag zu essen. Er muß sich verpflichten, alle meine Rollen ohne r zu schreiben, sonst wird der Herzog ihn nicht in seine Dienste nehmen. Der Herzog wird lachen; er wird sagen, ich habe recht. Es ist eine wunderbare Entdeckung! Oh, wie recht hat er getan, Sie zu seinem Sekretär zu machen! So viel Verstand traute ich ihm gar nicht zu. Ich hielt die Erfüllung ihres Versprechens für unmöglich; aber die Aufgabe ist gewiß sehr schwer gewesen?«

»Durchaus nicht. Wäre ich eine hübsche Frau mit diesem kleinen Fehler, so wollte ich den ganzen Tag sprechen, ohne jemals ein Wort zu gebrauchen, das auf r endigt.«

»Oh, das ist aber doch zuviel!«

»Wetten wir noch um eine Ohrfeige oder einen Kuß, daß ich den ganzen Tag mit Ihnen sprechen werde, ohne die Endsilbe re zu gebrauchen!«

»Los, angefangen!«

»Sehr schön,« sagte Vestri, »aber ohne Wette. Sie scheinen mir zu naschhaft zu sein!«

Der Dichter kam zum Essen, und die Vestri setzte ihm gewaltig zu. Sie sagte ihm sofort, Dichter müßten galant gegen die Schauspielerinnen sein, und die geringste Galanterie, die man von ihnen verlangen könnte, wäre, daß sie für solche Künstlerinnen, die das r schnarrten, nur Rollen schrieben, worin kein r vorkäme.

Der junge Dichter lachte über die Bemerkung und erklärte, die Sache sei unmöglich, denn man könne so etwas nur durchführen, indem man die Sprache arm mache. Hierauf gab die Vestri ihm die von mir umgeschriebene Rolle; sie forderte ihn auf, sie zu lesen und dann aufrichtig zu sagen, ob er wirklich die Meinung habe, daß die Sprache arm sei. Er mußte zugeben, daß ich meine Änderungen nur deshalb habe machen können, weil die Sprache so reich sei. Er hatte recht; denn es gibt auf der ganzen Welt keine Sprache – trotz der ihr unüberlegterweise oft vorgeworfenen Armut –, worin man den Ausdruck, ohne ihn abzuschwächen, so leicht durch andere Wörter ersetzen kann, wie die französische Sprache.

Der kleine Scherz erheiterte uns sehr; aber die Vestri verlangte von nun an allen Ernstes, daß die Theaterdichter sich ihrem Willen fügen und in ihren Rollen das r weglassen sollten. In Paris, wo ich sie später auftreten sah, fand sie die Herren vom Parnaß nicht so gefügig, und so habe ich sie dort das r schnarren hören. Sie gefiel jedoch trotzdem. Sie fragte mich, ob ich mich verpflichten wollte, die Rolle der Zaïre für sie umzuschreiben.

»Oho!« antwortete ich ihr, »Verse, und noch dazu Voltairesche Verse! Davor hätte ich denn doch Angst.«

Sie schrieb mir einen Brief, den ich noch jetzt aufbewahre und worin nicht eine einzige Endung auf re vorkommt. Hätte ich in Stuttgart bleiben können, so hätte ich durch diesen kleinen Scherz ihre Eroberung gemacht; aber nachdem ich acht Tage lang gefeiert worden war und den Triumph vollständiger Genugtuung genossen hatte, kam eines Vormittags um zehn Uhr der Kurier des Herzogs an und meldete, Seine Durchlaucht werde um vier Uhr nachmittags eintreffen.

Sobald ich diese Nachricht erfuhr, sagte ich Baletti mit der größten Gemütsruhe, ich wolle meinem gnädigen Herrn die Höflichkeit erweisen, ihm entgegenzufahren, um dann mit seinem Gefolge in Ludwigsburg einzuziehen; ich müsse daher sofort abreisen. Er lobte meinen Einfall und ließ sofort Postpferde holen. Als er aber sah, daß ich in aller Eile meine Koffer packte, obwohl er mir sagte, ich könnte doch meine Sachen bei ihm lassen, erriet er die Wahrheit und fand meinen Streich sehr scherzhaft. Ich umarmte ihn und gestand ihm meine Kühnheit; es tat ihm leid, daß er mich verlieren sollte, zugleich aber freute er sich auf die Wirkung, die mein Schelmenstreich auf die drei Offiziere und den Herzog ausüben werde. Er versprach mir, einen ausführlichen Bericht über alles nach Mannheim zu schicken. Dort gedachte ich acht Tage zu verbringen, um meinen lieben Algardi zu sehen, der in den Dienst des Kurfürsten von der Pfalz getreten war. Ferner hatte ich Herrn von Sickingen einen Brief vom Grafen Lamberg zu überbringen, der mir noch einen zweiten an den kurfürstlichen Minister, Baron von Becker, gegeben hatte.

Als die Pferde vorgespannt waren, umarmte ich meinen lieben Baletti, seine reizende Kleine und die schöne Haushälterin, und befahl dem Kutscher, nach Mannheim zu fahren.

Dort sagte man mir, der Hof sei in Schwetzingen; ich befahl daher dem Postillon, ohne Aufenthalt weiter zu fahren. Ich fand dort alle Herren, die ich suchte. Algardi hatte sich verheiratet, Herr von Sickingen bewarb sich um die Stelle des Gesandten in Paris, und der Baron von Becker stellte mich dem Kurfürsten vor. Fünf oder sechs Tage nach meiner Ankunft starb Prinz Friedrich von Zweibrücken. Algardi hatte ihn während seiner letzten Krankheit behandelt. Am Tage vor dem Tode des tapferen und schönen Prinzen soupierte ich bei dem kurfürstlichen Hofdichter Veraci; als Algardi eintrat, fragte ich ihn: »Wie geht es dem Prinzen?«

»Der arme Prinz hat höchstens noch vierundzwanzig Stunden zu leben.«

»Weiß er es?«

»Nein, er hofft noch. Er hat mir einen tiefen Schmerz verursacht, indem er mich aufforderte, ihm ohne jede Rücksicht die Wahrheit zu sagen, und mir sogar mein Ehrenwort darauf abnahm. Er fragte mich, ob er unrettbar dem Tode verfallen sei.«

»Und Sie haben ihm die Wahrheit gesagt?«

»Gewiß nicht. Ich habe ihm geantwortet, seine Krankheit sei freilich tödlich, aber Natur und Kunst könnten doch noch Wunder wirken, wie man zu sagen pflege.«

»Sie haben ihn also getäuscht? Und Sie haben gelogen.«

»Ich habe ihn durchaus nicht getäuscht; denn seine Heilung liegt im Bereiche der Möglichkeit. Ich wollte ihn nicht zur Verzweiflung bringen; ein kluger Arzt hat die Pflicht, seinen Kranken niemals zur Verzweiflung zu bringen; denn die Verzweiflung kann den Tod nur beschleunigen.«

»Das ist ganz schön; aber gestehen Sie, daß Sie gelogen haben, und zwar trotz dem Ehrenwort, womit Sie auf sein Verlangen ihm versicherten, daß Sie die Wahrheit sagen würden.«

»Ich habe ebensowenig gelogen; denn ich weiß, daß er genesen kann.«

»Dann lügen Sie also in diesem Augenblick?«

»Ebensowenig; denn er wird morgen sterben.«

»Alle Wetter, das ist im höchsten Grade jesuitisch gedacht.«

»Von Jesuiterei ist nicht die Rede. Es ist meine vornehmste Pflicht, das Leben meines Kranken zu verlängern; darum durfte ich ihm nicht etwas sagen, wodurch sein Leben abgekürzt wäre, wenn auch nur um einige Stunden. Ich habe ihm daher ohne Lüge gesagt, was immerhin doch nicht unmöglich ist. Also habe ich nicht gelogen und lüge auch jetzt nicht; denn auf Grund meiner Erfahrung sage ich Ihnen, was nach meiner Voraussicht unbedingt eintreten muß. Ich lüge also nicht; denn ich würde allerdings eine Million gegen eins wetten, daß er nicht mit dem Leben davon kommen wird. Aber um mein Leben würde ich nicht wetten.«

»Sie haben recht; nichtsdestoweniger haben Sie den Prinzen getäuscht; denn er wollte von ihnen nicht das hören, was er ebensogut wußte wie Sie selber, sondern was Sie mit Ihrer Erfahrung besser wissen müssen als er. Trotzdem gebe ich Ihnen zu, daß Sie als sein Arzt sich nicht der Gefahr aussetzen konnten, sein Leben abzukürzen, indem Sie ihm die allerschrecklichste Wahrheit sagten. Und dies bringt mich zu dem Schluß, daß Sie einen unglücklichen Beruf haben.«

Nach vierzehn Tagen verließ ich das köstliche Schwetzingen. Dem Dichter Veraci gab ich einen kleinen Teil meines Gepäckes zur Aufbewahrung mit dem Versprechen, es eines Tages wieder abzuholen. Ich habe jedoch niemals Zeit gehabt, und Veraci verwahrt seit einunddreißig Jahren alles, was ich ihm hinterlassen habe. Veraci ist von allen Dichtern, die ich kenne, der sonderbarste. Um sich von den anderen zu unterscheiden, hat er einen Stil gewählt, der gerade das Gegenteil von dem des großen Metastasio ist: er gebraucht nur männliche Reime und behauptet, daß seine Verse für den Komponisten, der sie in Musik setzen soll, besser zu verarbeiten seien. Diese sonderbare Ansicht hatte Jumelli ihm in den Kopf gesetzt.

In Mainz mietete ich einen großen Rheinkahn zur Beförderung meines Wagens. Gegen Ende Juli kam ich in Köln an. Ich freute mich auf das Wiedersehen mit der schönen und reizenden Bürgermeistersfrau, die den General Kettler verabscheute und mich vor sieben Jahren so gut behandelt hatte. Aber dies war für mich nicht der einzige Grund, in dem häßlichen Köln Halt zu machen. Ich hatte in Dresden in der Kölnischen Zeitung gelesen: »Der Herr Casanova ist nach zweimonatiger Abwesenheit wieder in Warschau erschienen und hat den Befehl erhalten, sofort wieder abzureisen, da der König mehrere Geschichten erfahren hat, die ihn nötigen, dem Abenteurer den Zutritt zum Hofe zu verbieten.« Dieser Artikel, den ich nicht verdauen konnte, hatte in mir den Entschluß gezeitigt, dem Redakteur des Blattes, Jacquet, einen Besuch zu machen. Die Gelegenheit war jetzt gekommen.

Ich aß in aller Eile zu Mittag und ging zum Bürgermeister, um ihm einen Besuch zu machen; ich fand ihn im Kreise seiner Familie bei Tisch. Seine schöne Mimi saß neben ihm. Die Aufnahme, die man mir bereitete, war so freundschaftlich und herzlich, wie ich sie nur wünschen konnte. Die Geschichte meiner Erlebnisse beschäftigte sie zwei Stunden lang. Da Mimi ausgehen mußte, lud man mich für den nächsten Tag zum Mittagessen ein.

Mimi schien mir noch schöner zu sein als vor sieben Jahren, und meine der Wirklichkeit vorauseilende Einbildungskraft spiegelte mir unaussprechliche Genüsse vor. Nachdem ich vor Ungeduld eine unruhige Nacht verbracht hatte, machte ich Toilette und begab mich so früh wie möglich zu meinem Amphitryon, um einen günstigen Augenblick zu erhaschen und mit seiner entzückenden Gattin zu sprechen. Ich fand sie allein und umarmte sie stürmisch. Sie wehrte mich ab; zwar war sie sanft, aber ihre Miene kühlte meine Glut zu Eis ab. »Die Zeit ist ein ausgezeichneter Arzt,« sagte sie zu mir; »sie hat mein Herz von einer Krankheit geheilt, die zuviel Bitterkeit in das Süße mischte; ich will mich nicht mehr dem Irrtum einer Leidenschaft aussetzen, die nur Gewissensbisse hinterläßt.«

»Wie? Der Beichtstuhl...«

»Darf uns nur noch dazu dienen, unsere früheren Verfehlungen zu bereuen und uns gegen neue Versuchungen zu stärken.«

»Gott behüte mich vor Reue und vor Gewissensbissen, die nur ein Vorurteil sind. Ich werde morgen abreisen.«

»Ich sage nicht, daß Sie abreisen sollen.«

»Wenn ich nicht hoffen kann, darf ich nicht bleiben. Kann ich hoffen ?«

»Nein, niemals.«

Bei Tisch war sie allerdings reizend; aber ich war so entmutigt, daß man mich gewiß recht mürrisch gefunden hat. Die Frauen haben stets die Macht besessen, meinen Geist zu beleben oder zu dämpfen.

Am anderen Morgen um sieben Uhr stieg ich in meine Kutsche und fuhr vor das Tor, durch das der Weg nach Aachen führt. Hier stieg ich aus und befahl dem Postillon, auf mich zu warten. Ich ging zu Jacquet, mit meinem Rohrstock und mit einer Pistole bewaffnet; doch hatte ich weiter keine Absicht, als ihn zu verprügeln.

Ich kam in das Haus des Tintenklexers; die Magd zeigte mir das Zimmer, worin er allein saß und arbeitete. Es lag im Erdgeschoß, und die Tür stand wegen der Hitze offen. Das Geräusch, das ich beim Eintreten machte, veranlaßte ihn, sich umzudrehen; er fragte, was ich befehle. Da Jacquet kein Mann war, mit dem ich mich im Duell schlagen konnte, so brauchte ich keine Bedenken zu tragen, ihn zu verprügeln.

»Elender Zeitungsschreiber,« sagte ich zu ihm, »ich bin der Abenteurer Casanova, den du vor vier Monaten in deiner Zeitung verleumdet hast!«

Mit diesen Worten zog ich ein Pistol aus der Tasche und nahm es in die linke Hand, während ich mit der rechten den Stock erhob. Der Unglückliche aber warf sich zur Seite, kniete vor mir nieder und bat mich mit gefalteten Händen um Gnade; er wolle mir den Brief aus Warschau geben, worin ich die Unterschrift der Person lesen könne, die ihm die Mitteilung in denselben Ausdrücken gemacht habe.

»Wo ist der Brief?«

»Einen Augenblick.«

Ich trat zur Seite, um ihn vorbeizulassen, und schob den Riegel vor die Tür. Zitternd wie Espenlaub begann der Unglückliche, unter den Warschauer Briefen zu suchen, die aber nicht nach dem Datum geordnet waren, sondern kunterbunt durcheinanderlagen. Ich zeigte ihm das Datum des Artikels in seiner Zeitung, die ich bei mir hatte. Auch dieses nützte nichts. Nach einer Stunde warf er sich abermals zitternd vor mir auf die Knie und stammelte, ich möchte mit ihm machen, was ich wollte. Ich gab ihm einen Fußtritt, steckte mein Pistol wieder in die Tasche und befahl ihm, mit mir zu kommen. Er folgte mir ohne Widerrede, barhäuptig, und begleitete mich bis an meinen Wagen. Als er mich einsteigen sah, dankte er Gott, daß er so billigen Kaufes davongekommen war.

Am Abend kam ich in Aachen an. Dort fand ich die Fürstin Lubomirsta, den General Roniker, mehrere andere vornehme Polen, Tomatis, dessen Frau und eine Menge Engländer, die ich kannte.

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