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Erinnerungen

Giacomo Casanova: Erinnerungen - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorCasanova
titleErinnerungen
volume6
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20050616
projectid3af5d606
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Zweites Kapitel

Mein Zweikampf mit Branicki. – Reise nach Lemberg und Rückkehr nach Warschau. – Ich empfange vom König den Befehl, abzureisen. – Aufenthalt in Breslau. – Meine Abreise mit der Unbekannten.

Als ich etwas ruhiger geworden war, dachte ich über die unangenehme Geschichte nach und fand, daß Branicki die Gesetze der Galanterie nicht überschritten hatte, indem er in den Wagen des Herrn Tomatis eingestiegen war. Er war allerdings ohne Umstände verfahren, aber er hatte sich doch einfach nur so benommen, wie wenn er ein Freund des Tomatis gewesen wäre. Der Oberst hatte allerdings eine Aufwallung italienischer Eifersucht voraussehen können, nicht aber einen beleidigenden Widerstand, wie der Direktor ihn geleistet hatte; denn wenn er einen solchen vorausgesehen hätte, konnte er sich dem Schimpf, den Wagen wieder verlassen zu müssen, nur aussetzen, wenn er vorher entschlossen war, ihm seinen Säbel durch den Leib zu rennen. Mir schien also, daß er im Grunde sehr maßvoll gewesen war, indem er seinem Gegner nur eine Ohrfeige hatte geben lassen. Eine Ohrfeige zu erhalten, ist allerdings schlimm, aber nicht so arg wie der Tod. Hätte Branicki ihn getötet, so würde man unfehlbar behauptet haben, er hätte ihn ermordet; denn obleich Tomatis seinen Degen trug, so würden doch die Bedienten des Polen ihm nicht soviel Zeit gelassen haben, diesen gegen ihren Herrn zu ziehen. Trotz alledem war ich der Meinung, Tomatis hätte versuchen müssen, den Bedienten zu töten, und wäre dies selbst mit Gefahr seines eigenen Lebens geschehen. Hierzu war weniger Mut nötig, als er bereits gezeigt hatte, indem er den Günstling des Königs zwang, seinen Wagen wieder zu verlassen. Übrigens hätte er voraussehen müssen, daß der edle Pole durch die Beschimpfung tief gekränkt sein würde, und er hätte daher gegen die erste Regung der Rachsucht auf der Hut sein können. Allerdings fand ich ihn entschuldbar, denn bei einer derartigen Überraschung hört oft die Überlegung auf.

Natürlich war schon am nächsten Tage dieses Ereignis Stadtgespräch. Tomatis blieb acht Tage zu Hause und verlangte vergeblich vom König und allen seinen anderen Beschützern Genugtuung. Der Herrscher wußte übrigens wirklich nicht, welche Genugtuung er ihm hätte geben sollen; denn Branicki behauptete, er habe nur eine Beschimpfung mit einer anderen Beschimpfung vergolten. Ich besuchte Tomatis, und dieser sagte mir im Vertrauen, er hätte wohl Mittel gefunden, sich zu rächen, aber dies wäre ihm teuer zu stehen gekommen. Er hatte für die beiden Schauspiele vierzigtausend Dukaten ausgegeben, und dieses Geld wäre verloren gewesen, wenn er sich gerächt hatte; denn er hätte dann das Reich verlassen müssen. Ihn tröstete nur eins: nämlich daß die sehr hohen Familien, zu denen er in Beziehungen stand, ihn mit verdoppeltem Wohlwollen äußerst rücksichtsvoll behandelten, und daß der König ihn geradezu auffällig auszeichnete, sobald er ihm begegnete. Aber die Binetti triumphierte! Als ich sie zum ersten Male sah, bezeigte sie mir mit spöttischen Worten ihr Beileid zu dem Unglück, das meinen Freund betroffen hätte. Sie langweilte mich, aber ich konnte nicht ahnen, daß Branicki nur von ihr aufgereizt gewesen war, als er sich so benommen hatte, und noch weniger konnte ich ahnen, daß sie mir feindlich gesinnt war. Übrigens würde ich darüber gelacht haben, selbst wenn ich es bestimmt gewußt hätte; denn ihr Ritter konnte mir weder im Guten noch im Bösen etwas antun. Ich besuchte ihn niemals und hatte niemals mit ihm gesprochen; wir hatten gar keine Gelegenheit, aneinander zu geraten. Zu den Stunden, in denen ich Seiner Majestät meine Aufwartung zu machen pflegte, war er niemals beim König, und wenn dieser beim Wojwoden zur Nacht speiste, begleitete Branicki ihn niemals, denn er war bei der ganzen Nation unbeliebt. Dieser Branicki galt für einen emporgekommenen Kosaken, der eigentlich Branecki hieß. Nachdem er der Günstling und gefällige Freund des Königs geworden war, hatte er behauptet, er heiße Branicki und gehöre zur Familie der berühmten gleichnamigen Marschalls, der noch am Leben war. Dieser aber erkannte die unechte Verwandtschaft nicht an, sondern befahl auf seinem Totenbett, sein Wappenschild solle zerbrochen und mit ihm begraben werden, denn er sei der letzte Sprößling seines Geschlechts. Wie dem auch immer sein möge – mein Branicki war die Seele der russischen Partei, die Hauptstütze der Nichtkatholiken und Feind aller derer, die sich nicht dem Einfluß der großen Katharina beugen wollten und sich dagegen sträubten, daß Rußland die alte Verfassung Polens vergewaltigte. Der König liebte ihn aus alter Gewohnheit und weil er besondere Verpflichtungen gegen ihn hatte.

Mein Lebenswandel war musterhaft: keine Liebelei, kein Spiel! Ich arbeitete für den König, dessen Geheimschreiber ich zu werden hoffte. Der Fürstin Wojwodin, die meine Gesellschaft liebte, machte ich den Hof und mit dem Wojwoden spielte ich Tre sette.

Der fünfte März ist der Tag des heiligen Kasimir, und daher der Namenstag des Oberhofzermonienmeisters, älteren Bruders des Königs; aus diesem Anlaß fand am Tage vorher, den vierten März, großes Diner bei Hofe statt, und ich hatte die Ehre, dazu geladen zu sein. Nach dem Essen fragte der König mich, ob ich ins Theater gehen würde. Man gab an diesem Tage zum ersten Male eine Komödie in polnischer Sprache. Alle Welt interessierte sich dafür, mir jedoch war sie gleichgültig, da ich kein Wort Polnisch verstand. Ich sagte dies dem König, aber er antwortete mir: »Das tut nichts: kommen Sie in meine Loge.«

Die Einladung war zu schmeichelhaft, als daß ich sie hätte ausschlagen können. Ich gehorchte also und stellte mich hinter seinen Sessel. Nach dem zweiten Akt wurde das Ballett gegeben und die Casacci, eine Piemontesin, tanzte so sehr nach dem Geschmack des Königs, daß Seine Majestät in die Hände klatschte, was eine ganz außerordentliche Huld bedeutete.

Ich kannte die Tänzerin nur vom Sehen, denn ich hatte niemals mit ihr gesprochen. Sie war nicht ohne Verdienst. Ihr bevorzugter Anbeter war Graf Poninski, bei dem ich zuweilen speiste. Er machte mir jedesmal Vorwürfe, daß ich alle anderen Tänzerinnen, aber niemals die Casacci besuchte, bei der es doch sehr behaglich wäre. Diese Umstände veranlaßten mich, nach dem Ballett die Königliche Loge zu verlassen und der Casacci meinen Glückwunsch abzustatten, daß der König ihrem Talent Gerechtigkeit habe widerfahren lassen. Als ich bei dem Ankleidezimmer der Binetti vorüber kam, sah ich die Türe offenstehen und verweilte einen Augenblick. Gleich darauf trat Graf Branicki ein, und ich entfernte mich, indem ich ihm eine Verbeugung machte. Hierauf ging ich zur Casacci, die sehr erstaunt war, daß ich sie zum ersten Male besuchte; sie machte mir liebenswürdige Vorwürfe, worauf ich mit Komplimenten antwortete. Sodann umarmte ich sie und versprach ihr, sie zu besuchen.

In dem Augenblick, da ich sie umarmte, trat Branicki, den ich einige Minuten vorher bei seiner Schönen gelassen hatte, bei der Casacci ein. Es war klar, daß er mir gefolgt war. Aber warum? Natürlich, um Händel mit mir zu suchen; denn er konnte mich nicht leiden. Sein Oberstleutnant Bininski begleitete ihn. Sobald er erschien, stand ich auf, teils aus Höflichkeit, teils weil ich ohnehin gehen wollte; er hielt mich jedoch zurück, indem er zu mir sagte:

»Wie ich sehe, bin ich zu sehr ungelegener Zeit für Sie, mein Herr, hier eingetreten; mir scheint. Sie lieben diese Dame?«

»Gewiß, gnädiger Herr; finden Euere Exzellenz sie denn nicht sehr liebenswürdig?«

»Über alle Maßen liebenswürdig; ja noch mehr: ich liebe sie und bin nicht gesonnen, Nebenbuhler zu dulden.«

»Jetzt, da ich dies weiß, Herr Graf, werde ich sie nicht mehr lieben.«

»Sie weichen mir also?«

»Von Herzen gern; einem hohen Herrn, wie Sie es sind, muß ein jeder weichen.«

»Sehr schön: aber ein Mensch, der einem anderen weicht, scheint mir ein Feigling zu sein.«

»Die Bemerkung ist ein wenig stark!«

Indem ich diese Worte sprach, sah ich ihn mit stolzem Blick an und faßte an den Griff meines Degens. Drei oder vier Offiziere waren Augenzeugen dieses Vorfalles.

Ich hatte noch kaum vier Schritte gemacht, als ich ihn hinter mir herrufen hörte, ich sei eine venetianische Memme. Obwohl das Blut mir zu Kopf stieg, beherrschte ich mich doch, drehte mich um und sagte in ruhigem und festem Ton zu ihm: außerhalb des Theaters könne eine venetianische Memme recht wohl einen tapferen Polen töten. Ohne eine Antwort abzuwarten, ging ich hierauf die große Treppe hinunter, die zum Hauptausgang des Theaters führt.

Dort wartete ich vergeblich eine Viertelstunde in der Hoffnung, daß er herauskommen würde. Ich wollte ihn zwingen, sofort den Degen zu ziehen, denn mich hielt ja nicht wie Tomatis die Furcht zurück, vierzigtausend Dukaten zu verlieren.

Da ich ihn nicht kommen sah und von der Kälte ganz erstarrt war, so rief ich schließlich meinen Wagen und ließ mich zum Wojwoden von Rußland fahren; denn der König hatte mir gesagt, er werde dort zu Abend speisen. Die Zeit und die Kälte hatten mich ein wenig beruhigt, und als ich allein in meinem Wagen saß, wünschte ich mir Glück, daß ich der ersten Aufwallung widerstanden und nicht schon in dem Zimmer der Tänzerin meinen Degen gezogen, hatte; es war mir sogar lieb, daß Branicki nicht gekommen war, während ich auf ihn wartete; denn da er den mit einem Säbel bewaffneten Bininski bei sich hatte, so wäre ich in Gefahr gewesen, ermordet zu werden.

Die Polen sind zwar heutzutage im allgemeinen ziemlich höflich, dennoch aber haftet ihnen noch viel von ihrer alten Natur an. Immer noch sind sie Sarmaten oder Dazier bei Tisch, im Kriege und in der Raserei ihrer sogenannten Freundschaft, die oft nur eine abscheuliche Tyrannei ist. Sie wollen nicht begreifen, daß ein Mensch genügt, es mit einem anderen aufzunehmen, und daß es daher nicht erlaubt ist, rudelweise über einen Menschen, der allein ist und nur mit einem einzigen zu tun hat, herzufallen und ihn abzuschlachten.

Ich sah klar und deutlich, daß Branicki mir nur darum gefolgt war, weil die Binetti ihn aufgehetzt hatte, und es schien mir wahrscheinlich, daß er entschlossen gewesen war, mich ebenso zu behandeln wie den Tomatis. Zwar hatte ich keine Ohrfeige empfangen, aber er hatte es gewagt, mich einen Feigling zu nennen, und da es nicht meine Art war, eine derartige Beschimpfung hinunterzuschlucken, so fühlte ich, daß ich einen Entschluß fassen mußte; nur wußte ich nicht, was für einen. Ich mußte völlige Genugtuung verlangen, daran konnte kein Zweifel sein, und ich beabsichtigte auch, mir solche zu verschaffen; zugleich aber gedachte ich dabei Mäßigung zu üben; denn ich wünschte meine Ehre zu verteidigen, gleichzeitig aber auch, wenn es möglich war, meine Interessen wahrzunehmen, also, wie man zu sagen pflegt, nicht nur die Ziege, sondern auch den Kohl zu behalten. In dieser Stimmung begab ich mich in den Palast des Wojwoden Czartoryski. Ich war entschlossen, dem König alles zu erzählen und Seine Majestät ihren Günstling zwingen zu lassen, mir Genugtuung zu geben. Sobald der Wojwode mich sah, machte er mir freundliche Vorwürfe, daß ich ihn hätte warten lassen; sodann setzten wir uns hin, um unsere Partie Tre sette zu machen. Ich war sein Partner und machte mehrere Fehler. Als wir die zweite Partie verloren, sagte er zu mir: »Aber, wo haben Sie denn heute Ihren Kopf?«

»Gnädiger Herr, vier Meilen weit von hier.«

»Wenn man mit einem anständigen Menschen Tre sette spielt, hat man seinen Kopf beim Spiel und nicht vier Meilen weit.«

Mit diesen Worten warf der Fürst seine Karten auf den Tisch und begann im Saale auf und ab zu gehen. Ich war ein bißchen verstört, beherrschte mich jedoch, stand auf und stellte mich an den Kamin. Der König konnte nach meiner Meinung nicht lange mehr ausbleiben; nachdem ich jedoch eine halbe Stunde gewartet hatte, kam ein Kammerherr mit der Nachricht, Seine Majestät könne an diesem Tage nicht das Vergnügen haben, den Wojwoden zu sehen.

Diese Meldung gab mir einen Stich ins Herz, aber ich verbarg meinen Verdruß. Es wurde zum Essen gerufen, und ich setzte mich auf meinen gewohnten Platz zur Linken des Wojwoden, der mit mir schmollte. Wir waren achtzehn bei Tisch, und gegen meine Gewohnheit aß ich nicht. Mitten während der Mahlzeit kam Fürst Kaspar Lubomirski, Generalleutnant in russischen Diensten, und setzte sich zufällig an das Ende der Tafel mir gegenüber. Sobald der Fürst mich bemerkte, sprach er mir mit lauter Stimme sein Beileid zu dem Vorgefallenen aus: »Ich bedauere Sie«, sagte er; »aber Branicki war betrunken, und ein Betrunkener kann einen Ehrenmann nicht beschimpfen.«

»Was ist geschehen? Was ist geschehen?« so lief es um den ganzen Tisch herum.

Ich schwieg. Man fragte Lubomirski, aber der General sagte: da ich nicht antwortete, so wäre er zum Schweigen verpflichtet. Nun nahm der Wojwode das Wort und sagte in seinem, gewöhnlichen herzlichen Ton zu mir: »Was haben Sie mit Branicki gehabt?«

»Gleich nach dem Essen, gnädiger Herr, werde ich Ihnen in einem Winkel des Saales alles ganz genau erzählen.«

Hierauf wurde von gleichgültigen Dingen gesprochen, und sobald wir vom Tisch aufgestanden waren, ging der Fürst nach der kleinen Tür, durch die er den Speisesaal zu verlassen pflegte. Ich folgte ihm und erzählte ihm alles ganz genau. Er seufzte, machte ein bedauerndes Gesicht und sagte: »Sie hatten allerdings recht, daß Sie Ihren Kopf vier Meilen weit von hier hatten.«

»Dürfte ich es wagen, Eure Exzellenz um einen Rat zu bitten?«

»In solchen Dingen gebe ich keinen Rat; da muß man entweder viel oder nichts tun.«

Diese weisen Worte waren ein deutlicher Rat.

Der Wojwode gab mir die Hand und ging hinaus. Ich zog meinen Pelz an und fuhr nach Hause, und meine gesunde Natur verschaffte mir einen sechsstündigen tiefen Schlaf. Sobald ich erwachte, setzte ich mich in meinem Bett aufrecht und überlegte, was ich zu tun hätte. Das ›viel oder nichts‹ ging mir im Kopf herum. Das ›nichts‹ verwarf ich sofort, und indem ich mich für das ›viel‹ entschied, sah ich keine andere Möglichkeit, als mich entweder auf Leben und Tod zu schlagen, oder, falls Branicki einen Zweikampf verweigern sollte, ihn zu töten, selbst auf die Gefahr hin, trotz allen Vorsichtsmaßregeln auf dem Schafott dafür büßen zu müssen.

Nachdem ich mich entschieden hatte, galt es, ihm einen Zweikampf vorzuschlagen, der vier Meilen von Warschau, außerhalb der Grenzen der Starostei, stattfinden mußte, denn innerhalb derselben war der Zweikampf bei Todesstrafe verboten. Ich schrieb ihm folgenden Brief, den ich wörtlich mitteile, da ich den Entwurf aufbewahrt habe:

Warschau, den 5. März 1766.

Gnädiger Herr,

Eure Exzellenz haben mich gestern Abend im Theater leichten Herzens beschimpft und hatten doch kein Recht und keine Ursache, mich so zu behandeln. Infolgedessen nehme ich an, daß Sie mich hassen und demgemäß den Wunsch haben, mich aus dem Buche der Lebenden zu tilgen. Ich kann und will Sie zufriedenstellen. Haben Sie also die Gefälligkeit, gnädiger Herr, mich mit Ihrem Wagen abzuholen und mich nach einem Ort zu bringen, wo meine Niederlage Sie nicht in Konflikt mit den Gesetzen Polens bringt, und wo ich desselben Vorteils teilhaftig werden kann, wenn Gott mir beisteht, Eure Exzellenz zu töten. Ich würde Ihnen diesen Vorschlag nicht machen, gnädiger Herr, wenn ich nicht an den Adel Ihrer Seele glaubte.

Ich habe die Ehre zu sein usw.

Ich ließ diesen Brief durch meinen Bedienten eine Stunde vor Tagesanbruch in das Schloß bringen, wo Branicki neben den Gemächern des Königs wohnte. Der Bote hatte Befehl, den Brief nur zu eigenen Händen des Empfängers zu bestellen und so lange zu warten, bis der Graf erwacht wäre, und dann wieder, bis er ihm die Antwort gegeben hätte.

Ich empfing diese Antwort eine halbe Stunde darauf, und sie lautete:

Mein Herr,

ich nehme Ihren Vorschlag an, aber Sie werden die Güte haben, mich zu benachrichtigen, wann ich die Ehre haben werde, Sie zu sehen.

Ich bin mit vollkommener Achtung, mein Herr,
Ihr usw. usw.
Branicki, Podstoli.

Hocherfreut über mein Glück antwortete ich ihm augenblicklich, ich würde am nächsten Tag um sechs Uhr früh bei ihm sein.

Sofort erhielt ich einen neuen Brief, worin der Podstoli mir schrieb, ich könnte Ort und Waffen wählen, aber unser Handel müßte im Laufe des Tages ausgetragen werden.

Ich schickte ihm das Maß meines Degens, zweiunddreißig Zoll, und teilte ihm mit, daß jeder Ort außerhalb des Weichbildes, den er wählen würde, mir recht wäre. Hierauf sandte er mir folgenden Brief, den letzten:

Mein Herr,

wollen Sie sich die Mühe machen, sofort zu kommen? Sie erweisen mir damit ein großes Vergnügen. Ich schicke Ihnen meinen Wagen.

Ich habe die Ehre zu sein usw.

Ich antwortete ihm, ich hätte den ganzen Tag zu tun und würde daher nicht ausgehen, und da ich entschlossen wäre, mich nur zu ihm zu begeben, wenn wir uns sofort darauf schlagen würden, so bäte ich ihn, es mir nicht übel zu nehmen, daß ich ihm seinen Wagen zurückschickte.

Eine Stunde darauf kam Branicki selber zu mir. Er ließ seine Leute draußen, trat ein, befahl drei oder vier Leuten, die mit mir zu sprechen hatten, hinauszugehen, schob den Türriegel vor und setzte sich auf mein Bett. Da ich nicht wußte, was dies bedeuten sollte, so ergriff ich meine Pistolen.

»Bemühen Sie sich nicht!« sagte er; »ich bin nicht zu Ihnen gekommen, um Sie zu ermorden, sondern um Ihnen zu sagen, daß ich Ihre Vorschläge annehme, daß ich aber, wenn es sich um einen Zweikampf handelt, denselben niemals auf den nächsten Tag verschiebe. Wir werden uns also heute schlagen oder nie.«

»Heute kann ich nicht. Heute ist Mittwoch, Posttag, und ich muß etwas fertig machen, das ich dem König zu schicken habe.«

»Sie können es nachher schicken. Wahrscheinlich werden Sie doch nicht fallen; sollten Sie aber Ihr Leben lassen, so wird der König Ihnen sehr leicht verzeihen, dafür stehe ich Ihnen, übrigens hat ein toter Mensch keinen Vorwurf zu fürchten.«

»Ich habe mein Testament zu machen!«

»Auch noch ein Testament! Teufel auch! Sie fürchten also wirklich, daß Sie sterben werden! Lassen Sie diese Furcht: Sie werden Ihr Testament in fünfzig Jahren machen.«

»Aber was kann es Eurer Exzellenz ausmachen, bis morgen zu warten?«

»Ich will nicht angeführt werden.«

»Sie brauchen nicht zu befürchten, daß ich Sie anführe.«

»Ich glaube es; aber Sie sowohl wie ich werden noch vor heute Abend Arrest haben, und zwar auf Befehl des Königs.«

»Das ist nicht möglich, es müßte denn sein, daß Sie ihn von der Sache benachrichtigen.«

»Sie machen mich lachen. Ich weiß, wie es zugeht. Sie haben mich nicht vergeblich herausgefordert. Ich will Ihnen Genugtuung geben – aber heute oder niemals.«

»Gut! Dieses Duell liegt mir zu sehr am Herzen, als daß ich Ihnen einen Vorwand liefern möchte, demselben auszuweichen. Holen Sie mich ab, aber erst nach dem Mittagessen, denn ich habe alle meine Kräfte nötig.«

»Mit Vergnügen. Ich selber will lieber hinterher gut zu Abend speisen, als vorher gut zu Mittag essen.«

»Jeder nach seinem Geschmack.«

»Da haben Sie recht. Doch noch eins: wozu schicken Sie mir das Maß ihres Degens? Ich will mich auf Pistolen schlagen, denn auf Degen schlage ich mich nicht mit einem Unbekannten.«

»Was verstehen Sie unter Unbekannten? Keine Beleidigung in meinem eigenen Hause, wenn ich bitten darf! Ich kann Ihnen in Warschau zwanzig Zeugen beibringen, daß ich in der Waffenführung durchaus kein Meister bin. Auf Pistolen will ich mich nicht schlagen, und Sie können mich nicht dazu zwingen, denn Sie haben mir die Wahl der Waffen überlassen; ich habe Ihren Brief in Händen.«

»Wenn Sie meinen Brief buchstäblich nehmen, haben Sie recht; aber Sie sind zu anständig, als daß Sie sich nicht auf Pistolen schlagen sollten, wenn ich Ihnen versichere, daß Sie mir damit ein Vergnügen machen. Es ist doch die geringste Gefälligkeit, die Sie mir erzeigen können; denn meistens fehlt man ja beim ersten Schuß, und sollten wir beide uns gegenseitig fehlen, so verspreche ich Ihnen, mich auf Degen zu schlagen, so lange Sie wünschen. Wollen Sie mir den Gefallen tun?«

»Ihre Sprache gefällt mir, denn sie zeugt für Ihren Geist. Ich will daher Ihren Wunsch erfüllen, obwohl es mir gegen das Gefühl geht, denn ich finde das Pistolenduell barbarisch. Ich nehme also an, aber unter folgenden Bedingungen: Sie bringen zwei Pistolen mit, die Sie in meiner Gegenwart laden lassen, und ich habe die Wahl. Fehlen wir uns beim ersten Schuß, so schlagen wir uns auf Degen und zwar entweder bis Blut fließt, oder auf Leben und Tod, ganz nach Ihrem Belieben. Sie holen mich um drei Uhr ab, und wir begeben uns an einen Ott, wo wir nicht gegen die Gesetze verstoßen.«

»Vortrefflich. Sie sind ein liebenswürdiger Mensch. Gestatten Sie mir, Sie zu umarmen. Sie geben mir Ihr Ehrenwort, daß Sie keinem Menschen etwas sagen werden; denn man würde uns augenblicklich in Arrest setzen.«

»Wie können Sie an meiner Verschwiegenheit zweifeln; ich würde ja zehn Meilen machen, um die Ehre zu erlangen, die Sie mir erweisen wollen!«

»Das genügt.Leben Sie wohl bis drei Uhr.«

Sobald der unverschämte, aber tapfere Graf mich verlassen hatte, machte ich aus allen Papieren, die für den König bestimmt waren, ein Paket, das ich versiegelte. Hierauf ließ ich den Tänzer Campioni holen, zu welchem ich volles Vertrauen hatte, und sagte zu ihm: »Dieses Paket werden Sie dem König bringen, wenn ich tot bin. Sie können erraten, worum es sich handelt, aber ich darf es Ihnen nicht sagen. Und bedenken Sie: wenn Sie zu irgendeinem Menschen ein Wort sagen, haben Sie keinen grausameren Feind als mich; denn ich würde entehrt sein.«

»Ich begreife Sie vollkommen. Sie können sich auf meine Verschwiegenheit verlassen, und ich wünsche von Herzen, daß Sie die Sache ehrenvoll und glücklich zu Ende führen. Aber gestatten Sie mir, Ihnen einen freundschaftlichen Rat zu geben. Schonen Sie Ihren Gegner nicht, wenn es auch der König selber wäre; denn Ihre Gutmütigkeit könnte Ihnen das Leben kosten. Ich weiß das aus Erfahrung.«

»Ich werde Ihren Rat nicht vergessen. Leben Sie wohl.«

Wir umarmten uns, und er ging. Hierauf bestellte ich mir ein leckeres Mittagessen, denn ich wollte nicht mit nüchternem Magen zu Pluto gehen. Campioni kam um ein Uhr zum Mittagessen wieder, und als wir beim Nachtisch waren, erhielt ich den Besuch von zwei jungen Grafen mit ihrem Hofmeister Bertrand, einem liebenswürdigen und gebildeten Schweizer. Sie waren Zeuge meiner Heiterkeit und meines ausgezeichneten Appetits. Um halb drei bat ich alle Anwesenden, mich allein zu lassen, und um dreivierteldrei stellte ich mich ans Fenster, um sofort hinunterzugehen, wenn ich den Wagen des Podstoli Branicki sehen würde. Er kam in einer sechsspännigen Berline mit zwei berittenen Reitknechten, die zwei Handpferde führten, ferner mit zwei Offizieren, seinem Adjutanten, und mit zwei Ulanen. Außerdem standen vier Bediente auf seiner Kutsche hinten auf. Ich beeilte mich, hinunterzugehen, sobald der Wagen vor meiner Tür hielt, und sah, daß mein Gegner von einem Generalleutnant begleitet war, während ein Jäger auf dem Vordersitz saß; der Wagenschlag wurde geöffnet, und der General räumte mir seinen Platz ein. Ich stieg ein und befahl meinem Bedienten, mir nicht zu folgen, sondern zu Hause zu bleiben, um meine Befehle abzuwarten.

»Vielleicht könnten Sie Ihrer Bedienten bedürfen«, sagte Branicki zu mir, »und deshalb wäre es vielleicht besser, wenn Sie sie mitkommen ließen.«

»Wenn ich ebensoviele hätte wie Sie, würde ich sie mitnehmen; da ich aber nur diese paar Leute habe, so kann ich dieselben um so leichter entbehren, weil ich mit einem Ehrenmann zu tun habe: im Notfall werden Eure Exzellenz mich durch Ihre Leute bedienen lassen.«

Er reichte mir die Hand zur Bekräftigung seiner Worte und sagte mir, er werde seinen Leuten befehlen, sich meiner noch vor ihm selber anzunehmen.

Ich setzte mich, wir fuhren ab.

Es wäre mir lächerlich vorgekommen, wenn ich ihn gefragt hätte, wohin wir fuhren. Ich schwieg; denn es gibt Augenblicke, wo der Mensch sich selber in acht nehmen muß. Aber auch Branicki sprach nicht; ich glaubte daher, eine gleichgültige Unterhaltung beginnen zu müssen, und fragte ihn: »Gedenken Eure Exzellenz die schöne Jahreszeit in Warschau zu verbringen?«

»Dies war gestern noch meine Absicht; aber vielleicht werden Sie heute meinen Plan umstoßen.«

»Ich hoffe, es wird nicht der Fall sein.«

»Haben Sie als Soldat gedient?«

»Ja; aber dürfte ich mir die Frage erlauben, warum Eure Exzellenz mich darnach fragen, denn ...«

»O, das geschah nur, um überhaupt irgend etwas zu fragen.«

Wir waren kaum eine halbe Stunde unterwegs, als der Wagen vor der Pforte eines schönen Gartens anhielt. Wir stiegen aus und gingen, begleitet von dem ganzen Gefolge des Podstoli, in einen Laubengang – der, nebenbei bemerkt, am 5. März nicht belaubt war – an dessen Ende ein Steintisch stand. Auf diesen Tisch legte der Jäger zwei Pistolen von anderthalb Fuß Länge nebst einem Pulverhorn und einer Wage. Er lud die beiden Läufe gleichmäßig mit Pulver und Kugeln und legte die Pistolen kreuzweise auf den Tisch.

Hierauf sagte Branicki mit unerschrockenem Gesicht zu mir: »Mein Herr, wählen Sie Ihre Waffe.«

In diesem Augenblick fragte der General ihn mit lauter Stimme: »Mein Herr, ist dies ein Duell?«

»Ja.«

»Hier können Sie sich nicht schlagen, Sie befinden sich innerhalb der Starostei.«

»Das macht nichts.«

»Das macht sehr viel! Ich darf nicht Zeuge davon sein. Ich habe Nachtdienst im Schloß; Sie haben mich überrumpelt.«

»Schweigen Sie. Ich stehe für alles ein. Ich bin diesem Ehrenmann eine Genugtuung schuldig und will sie ihm hier geben.«

»Herr Casanova,« sagte der General zu mir, »Sie können sich hier nicht schlagen.«

»Warum hat man mich denn hierher gebracht, Herr General? Ich verteidige mich überall, wo man mich angreift.«

»Tragen Sie Ihre Sache dem Könige vor, und ich bürge Ihnen dafür, daß seine Entscheidung zu Ihren Gunsten ausfällt.«

»Dazu bin ich gern bereit, Herr General, wenn der Herr Graf bereit ist, mir in Ihrer Gegenwart zu sagen, daß er das gestern zwischen uns Vorgefallene bedauert.«

Nach diesen Worten sah Branicki mich mit einem stolzen Blick an und sagte mit zorniger Stimme, er sei gekommen, um sich zu schlagen, nicht um zu parlamentieren.

»Herr General,« sagte ich nun, »Sie können bezeugen, daß ich versucht habe, den Zweikampf zu vermeiden, soweit das von mir abhängt.«

Der General faßte mit beiden Händen nach seinem Kopf und entfernte sich. Ich warf meinen Pelzrock ab und ergriff auf Branickis Aufforderung eine von den beiden Pistolen. Branicki nahm die andere und sagte mir, er bürge mit seiner Ehre für die von mir gewählte Waffe.

»Ich werde sie«, antwortete ich ihm, »an Ihrem Kopf probieren!«

Er erbleichte, warf seinen Degen einem seiner Diener zu und zeigte mir seine entblößte Brust. Ich sah mich gezwungen, es ebenso zu machen, aber ich bedauerte dies; denn mein Degen war nach Abfeuerung der Pistole meine einzige Waffe. Nachdem ich ihm ebenfalls meine Brust gezeigt hatte, trat ich fünf oder sechs Schritte zurück. Der Podstoli machte es wie ich; weiter konnten wir nicht.

Als ich sah, daß er stehen geblieben war und, wie ich, die Pistole zur Erde gesenkt hielt, nahm ich mit der Linken meinen Hut ab und bat ihn, mir die Ehre zu erweisen, den ersten Schuß zu tun. Hierauf bedeckte ich mich wieder.

Anstatt sofort seine Pistole auf mich zu richten und zu feuern, verlor der Podstoli zwei oder drei Sekunden damit, zu zielen und seinen Kopf hinter seiner Waffe zu decken. Ich war nicht in der Lage, solange zu warten, bis er mit allen diesen Anstalten fertig war. Ich erhob plötzlich meine Pistole und feuerte in demselben Augenblick, wo er auf mich schoß. Hieran kann kein Zweifel sein, denn die Personen der Nachbarschaft erklärten übereinstimmend, nur einen einzigen Schuß gehört zu haben. Ich fühlte mich an der linken Hand verwundet und steckte diese in die Tasche; als ich aber meinen Gegner fallen sah, warf ich meine Pistole fort und eilte auf ihn zu. Man stelle sich meine Überraschung vor, als ich plötzlich drei bloße Klingen über meinem Kopf blitzen sah. Drei adelige Mörder wollten mich über dem Leib ihres Herrn, an dessen Seite ich mich auf die Knie geworfen hatte, in Stücke hacken. Zum Glück hatte Branicki nicht das Bewußtsein verloren; er rief ihnen mit Donnerstimme zu:

»Gesindel, laßt diesen Ehrenmann in Frieden!«

Sie schienen zu Stein zu erstarren, als sie diese Stimme hörten. Ich faßte den Podstoli mit der rechten Hand unter die Achsel, während der General ihn auf der linken Seite stützte. So führten wir ihn nach dem Gasthof, der hundert Schritte vom Garten entfernt lag. Branicki ging sehr gebückt und sah mich dabei aufmerksam an, da er nicht begriff, woher das Blut kam, das über meine Hose und weißen Strümpfe lief.

Als wir das Wirtshaus erreicht hatten, warf Branicki sich in einen großen Lehnstuhl und streckte sich lang aus. Man knöpfte Rock und Hose auf und streifte das Hemd bis zum Magen in die Höhe. Er betrachtete seine Wunde und sah, daß er gefährlich verletzt war. Meine Kugel hatte ihn an der rechten Seite unter der siebenten Rippe getroffen und war unter der letzten falschen Rippe der linken Seite wieder hinausgefahren. Die beiden Öffnungen der Wunde waren zehn Zoll von einander entfernt. Der Anblick war sehr beunruhigend; allem Anschein nach waren die Eingeweide durchbohrt, und der Mann mußte verloren sein. Branicki sagte mir mit schwacher Stimme: »Sie haben mich getötet! Retten Sie sich, denn Sie laufen Gefahr, den Kopf auf einem Schafott zu verlieren. Sie sind innerhalb der Starostei, und ich bin Großwürdenträger der Krone und Inhaber des weißen Adlerordens. Verlieren Sie keine Zeit, fliehen Sie, und wenn Sie nicht genug Geld haben, so nehmen Sie meine Börse!«

Seine schwere Börse fiel auf die Erde; ich hob sie auf, steckte sie ihm wieder in die Tasche, dankte ihm und sagte ihm, die Börse wäre für mich nutzlos, denn wenn ich schuldig wäre, so würde ich meinen Kopf verlieren, den ich sofort dem König zu Füßen legen würde. »Ich hoffe,« fuhr ich fort, »daß Ihre Wunde nicht tödlich sein wird, und ich bin in Verzweiflung, daß Sie mich gezwungen haben, Ihnen diese Wunde beizubringen.«

Hierauf gab ich ihm einen Kuß auf die Stirn und verließ den Gasthof. Draußen sah ich aber weder Wagen noch Pferd noch Bediente. Sie waren alle unterwegs, um Arzt, Chirurgen und Priester zu holen, und die Verwandten und Freunde des Verwundeten zu benachrichtigen. Ich sah mich allein und ohne Degen auf schneebedecktem Felde; ich war verwundet und wußte nicht, welchen Weg ich einschlagen sollte, um wieder nach Warschau zu kommen. Ich ging aufs Geratewohl los und begegnete in einiger Entfernung einem Bauern mit seinem leeren Schlitten. Ich rief ihm zu: »Warszawa?« und zeigte ihm einen Dukaten. Meine Sprache wurde verstanden; er hob eine grobe Matte auf, mit der er mich wieder zudeckte, sobald ich mich im Schlitten ausgestreckt hatte. Hierauf fuhr er nach polnischer Art im Galopp ab.

Eine Viertelstunde weiter sah ich Branickis besten Freund, Bininski, der mit bloßem Säbel im Galopp heransprengte. Offenbar suchte er mich. Zum Glück erregte mein elender Schlitten nicht seinen Verdacht; hätte er einen Blick zur Seite getan, so hätte er meinen Kopf sehen können, und ich zweifle nicht, daß er ihn abgeschlagen haben würde, wie ein Kind mit einer Gerte eine Blume köpft. Ich kam in Warschau an und ließ mich nach dem Palast des Fürsten Adam Czartoryski fahren, um diesen um einen Zufluchtsort zu bitten, aber ich fand keinen Menschen zu Hause. Ohne eine Sekunde zu verlieren, entschloß ich mich, in dem ganz in der Nähe gelegenen Rekollektenkloster Zuflucht zu suchen, und schickte den Schlitten fort.

Ich klingelte an der Klosterpforte. Der Pförtner, ein unbarmherziger Mensch, öffnete mir; als er mich ganz mit Blut bedeckt sah, erriet er den Grund meines Besuches und wollte die Tür schnell wieder schließen. Ich war jedoch hurtiger als er und ließ ihm keine Zeit: mit einem Fußtritt streckte ich ihn zu Boden und drang ein. Auf sein Geschrei lief eine Menge erschrockener Mönchlein herbei; ich rief ihnen zu, daß ich ein Asyl verlange, und bedrohte sie für den Fall, daß sie es mir verweigern würden. Einer von ihnen sprach, und man führte mich in ein Kämmerchen, das wie ein Gefängnis aussah. Ich ließ ohne Widerstand alles mit mir geschehen, denn ich war vollkommen sicher, daß sie binnen kurzem ihre Meinung ändern würden. Ich verlangte einen Mann, um meine Bedienten zu rufen, und sobald diese kamen, schickte ich sie aus, um Campioni und einen Wundarzt zu holen.

Bevor diese kamen, ließ auf einmal der Wojwode von Podlachien sich melden. Ich hatte niemals die Ehre gehabt, mit ihm zu sprechen; aber er hatte in seiner Jugend ein Duell gehabt, und da er jetzt die schönen Einzelheiten meines Zweikampfes erfahren hatte, so benutzte er die Gelegenheit, um mir sofort die Geschichte seines eigenen zu erzählen. Einen Augenblick später erschienen der Wojwode von Kalisch, die Fürsten Jablonowski und Sanguska und der Wojwode von Wilna, Oginski. Sie alle schimpften vor allen Dingen auf die Mönche, die mich wie einen Galerensträfling untergebracht hätten. Die armen Leute entschuldigten sich damit, daß ich ihren Pförtner mißhandelt hätte. Die hohen Herren lachten darüber; ich aber lachte nicht, denn meine Wunde machte mir viele Schmerzen. Sofort erhielt ich ihre beiden besten Zimmer.

Die Kugel war oberhalb des Zeigefingers eingedrungen, hatte die Fingerwurzel zerschmettert und war in der Hand stecken geblieben. Die Gewalt der Kugel war durch einen Metallknopf meiner Weste abgeschwächt worden; außerdem hatte sie meinen Bauch in der Nähe des Nabels leicht verletzt. Es galt nun diese Kugel auszuziehen, die mir sehr lästig war. Der Wundarzt, namens Gendron, war der erste, den man gefunden hatte; er machte an der entgegengesetzten Seite eine Öffnung, so daß ich nunmehr eine doppelte Wunde hatte. Wahrend er diese schmerzhafte Operation vollzog, erzählte ich der Gesellschaft den Hergang und verbiß dabei die Qual, die der ungeschickte Wundarzt mir verursachte, indem er mit seiner Zange in meinem Fleisch herumwühlte, um das Geschoß zu finden. Wie stark wirkt doch die Eitelkeit auf die körperlichen und geistigen Kräfte des Menschen! Wäre ich allein gewesen, so würde ich vielleicht in Ohnmacht gefallen sein.

Als Gendron fort war, kam der Wundarzt des Wojwoden von Rußland und bemächtigte sich meiner, nachdem er versichert hatte, er würde den anderen fortjagen, denn dieser sei ein Pfuscher und gehöre nicht zur Zunft. In demselben Augenblick kam Fürst Lubomirski, der Schwiegersohn des Wojwoden von Rußland; er bereitete uns allen eine große Überraschung, indem er uns erzählte, was unmittelbar nach meinem Duell sich ereignet hatte. Bininski war nach Wola gekommen und hatte die Wunde seines Freundes gesehen. Da er mich nicht erblickte, stieg er zu Pferde, schwor, mich zu töten, wo er mich finden würde, und ritt wie ein Rasender davon. Da er vermutete, daß ich bei Tomatis wäre, so begab er sich zu diesem. Er fand ihn in Gesellschaft seiner Geliebten, sowie des Fürsten Lubomirski und des Grafen Moszczynski. Als er mich nicht sah, fragte er, wo ich sei, und als Tomatis ihm antwortete, er wisse nichts davon, feuerte er eine Pistole gegen dessen Kopf ab. Infolge dieses Meuchelmordversuches packte Graf Moszczynski ihn um den Leib, um ihn zum Fenster hinauszuwerfen; aber der Rasende entledigte sich seiner, indem er ihm drei Säbelhiebe versetzte, von denen der eine die Wange spaltete und ihm drei Zähne herausschlug.

»Nach dieser Heldentat«, fuhr Fürst Lubomirski fort, »packte er mich am Kragen, setzte mir ein Pistol auf die Brust und drohte abzudrücken, wenn ich ihn nicht heil und gesund auf den Hof brächte wo sein Pferd stände, damit er sich ohne Furcht vor den Bedienten des Herrn Tomatis entfernen könnte. Ich tat dies sofort. Moszczynski ist nach Hause gefahren, wo sein Arzt lange mit ihm zu tun haben wird, und ich bin ebenfalls nach Hause gegangen, um die Aufregung zu beobachten, die wegen dieses Zweikampfes in der ganzen Stadt herrschte. Sobald das Gerücht sich verbreitete, Branicki sei tot, setzten seine Ulanen sich zu Pferde und durchstreiften die ganze Umgegend, um ihren Oberst zu rächen und Sie niederzumetzeln. Es war ein glücklicher Gedanke von Ihnen, sich in dieses Kloster zu flüchten. Der Großmarschall hat das Kloster von zweihundert Dragonern umstellen lassen, angeblich, um sich Ihrer Person zu versichern, in Wirklichkeit aber, um zu verhindern, daß Sie von den rasenden Ulanen ermordet werden, die sehr leicht auf den Gedanken kommen könnten, das Kloster zu stürmen.

»Der Podstoli befindet sich in großer Gefahr, sagen die Sachverständigen, wenn die Kugel die Gedärme verletzt hat; wenn dies aber nicht der Fall ist, so bürgen sie dafür, daß er mit dem Leben davon kommt. Hierüber wird man morgen Gewißheit haben. Er hat sich zum Oberzeremonienmeister bringen lassen, da er nicht gewagt hat, seine Wohnung im Königlichen Schloß aufzusuchen. Der König hat sich jedoch sofort zu ihm begeben, und der General, der bei dem Zweikampf zugegen war, hat ihm gesagt, Sie wären nur deshalb mit dem Leben davon gekommen, weil Sie gedroht hätten, nach einem Kopf zu zielen. Branicki hätte seinen Kopf decken wollen und deshalb eine unbequeme Stellung eingenommen; infolgedessen hätte er Sie gefehlt. Sonst hätte er Ihnen das Herz durchbohrt; denn er trifft die Schneide eines Messers, so daß die Kugel in zwei Hälften geteilt wird. Nicht geringer ist Ihr Glück, daß Bininski Sie nicht gesehen hat; er konnte ja nicht auf den Gedanken kommen, daß Sie unter der Matte eines elenden Bauernschlittens lägen.«

»Gnädiger Herr, das allergrößte Glück habe ich gehabt, indem ich Branicki nicht auf der Stelle getötet habe; denn ich wäre in dem Augenblick, wo ich ihm zu Hilfe eilte, von seinen drei Freunden niedergemacht worden. Sie schwangen schon ihre Säbel über meinem Kopf, als der Podstoli ihnen zurief: Gesindel, laßt diesen Ehrenmann in Frieden! – Was Eurer Hoheit und dem guten Grafen Moszczynski widerfahren ist, tut mir recht leid! Wenn Tomatis nicht von dem rasenden Mörder getötet wurde, so verdankt er dies ohne Zweifel nur dem Umstand, daß das Pistol nur mit Pulver geladen war.«

»Das ist auch meine Meinung, denn man hat von der Kugel nichts gehört; aber es war sicherlich nur ein Zufall, daß das Pistol blind geladen war.«

»Daran zweifle ich nicht.«

In diesem Augenblick trat ein Beamter des Wojwoden von Rußland ein und übergab mir ein Briefchen, worin der Fürst mir schrieb:

»Beiliegendes schickt der König mir in diesem Augenblick; schlafen Sie ruhig!«

Das Schreiben des Königs, das ich aufbewahrt habe, lautete:

»Mit Branicki steht es sehr schlecht, lieber Oheim. Meine Ärzte sind bei ihm, um ihm mit ihrer ganzen Kunst beizustehen. Ich habe aber auch Casanova nicht vergessen. Sie können ihm die Versicherung geben, daß ich ihn begnadige, selbst wenn Branicki sterben sollte.«

Ich drückte einen ehrfurchtsvollen und dankbaren Kuß auf diesen Brief und zeigte ihn meinen edlen Besuchern, die mit mir den wahrhaft königlichen Mann bewunderten.

Nachdem ich diesen erquickenden Brief gelesen hatte, bedurfte ich der Ruhe, und die hohen Herren ließen mich allein. Mein Freund Campioni, der leise eingetreten war und, beiseite stehend, alles gehört hatte, trat an mein Bett, gab mir mein Paket zurück und beglückwünschte mich unter Freudentränen zu dem Ausgange des Ereignisses, das mir, wie er versicherte, unsterbliche Ehre einbrächte.

Am nächsten Tage kamen Scharen von Besuchern und zugleich goldgefüllte Börsen von den Magnaten der dem Grafen Branicki feindlichen Partei. Die Überbringer dieser Börsen sagten mir im Auftrage ihrer Herren oder der Damen, die sie schickten: als Fremder hätte ich vielleicht Geld nötig, und in dieser Voraussetzung nähme man sich die Freiheit, mir etwas zu schicken. Ich dankte und wies das Geld zurück. Auf diese Weise schickte ich wenigstens viertausend Dukaten zurück, und ich war eitel auf meine Handlungsweise. Campioni fand meinen Heroismus lächerlich, und er hatte recht, denn ich habe ihn später bereut. Das einzige Geschenk, das ich annahm, war ein gutes Essen für vier Personen, das Fürst Adam Czartoryski mir regelmäßig jeden Tag schickte, obgleich ich nichts aß; denn mein Äskulap, der das Pulver nicht erfunden hatte, war ein großer Anhänger der Hungerkur.

Meine kleine Wunde am Bauch war auf gutem Wege; aber am vierten Tage drohte der Brand meine Hand zu befallen, und die Ärzte stimmten darin überein, daß eine Heilung ohne Amputation nicht möglich sei. Ich las dieses Ergebnis ihrer wissenschaftlichen Beratung am nächsten Morgen in aller Frühe in der Hofzeitung. Dieses Blatt wurde nachts gedruckt, nachdem der König das Manuskript durch seine Unterschrift genehmigt hatte. Da ich durchaus nicht der Meinung meiner Schlächter war, so lachte ich herzlich über ihre Unwissenheit, und am Vormittag lachte ich allen ins Gesicht, die mir ihr Beileid aussprachen. Ich spottete, als Graf Clary mich überreden wollte, mich der Operation zu unterwerfen. In demselben Augenblick traten drei Ärzte auf einmal ein.

»Ei, meine Herren, Sie sind ja recht zahlreich! Warum denn zu dritt, wenn ich bitten darf?«

Mein gewöhnlicher Arzt antwortete mir: »Bevor ich zur Amputation schreite, wünsche ich die Zustimmung dieser beiden Herren Professoren zu erhalten. Wir werden sehen, in welchem Zustande sich die Wunde befindet.«

Der Verband wird abgenommen, die Wunde untersucht: sie ist blutig, das Fleisch hellbläulich, offenbar ist der Brand bereits dazu getreten; am Abend wird man mir die Hand abnehmen. Diese Mitteilung machte man mir mit strahlendem Gesicht, und mein Handabschneider versicherte mir, ich brauche mich nicht zu fürchten und könne sicher sein, daß ich auf diese Weise schnell genesen werde.

»Meine Herren, Ihre wissenschaftlichen Gründe sind sehr schön. Es fehlt dazu nur ein einziges, nämlich meine Einwilligung, und diese werden Sie nicht bekommen. Ich bin Herr über meine Hand und werde Ihnen niemals erlauben, sie von meinem Arm zu trennen. Ich finde Ihren Vorschlag lächerlich.«

»Mein Herr, der Brand ist bereits dazugetreten; morgen wird er nach dem Arm hinaufsteigen, und dann müssen wir Ihnen den Arm abnehmen.«

»Gut. So werden Sie mir den Arm abnehmen. Aber warten Sie damit noch ein bißchen. Soviel ich mich auf kalten Brand verstehe, ist der bei mir nicht vorhanden.«

»Sie verstehen sich darauf jedenfalls nicht besser als wir.«

»Das ist wohl möglich, aber mir scheint, Sie verstehen überhaupt gar nichts davon.«

»Das ist ein bißchen stark.«

»Stark oder schwach – gehen Sie!«

Zwei Stunden darauf hatte ich die langweiligsten Besuche von allen denen, welchen die Arzte von meinem Starrsinn Mitteilung gemacht hatten. Der Fürst Wojwode schrieb mir sogar, der König sei ganz erstaunt über meinen Mangel an Mut. Das kränkte mich, und ich schrieb dem König einen langen, halb ernsten, halb scherzhaften Brief, worin ich mich über die Unwissenheit der Ärzte und über die Einfalt der guten Leute, die ihre dummen Aussprüche für ein Evangelium hielten, weidlich lustig machte. Ich schrieb Seiner Majestät: da ich mit meinem Arm ohne die Hand nichts anfangen könnte, so würde ich mir den Arm abschneiden lassen, sobald der kalte Brand wirklich sichtbar wäre.

Mein Brief wurde bei Hofe gelesen, und man fand ihn eigentümlich für einen Menschen, der den Brand in der Hand haben sollte; denn er war vier Seiten lang. Fürst Lubomirski sagte mir gütig, ich hätte unrecht getan, mich über die Menschen lustig zu machen, die Anteil an mir nähmen; denn es wäre doch wirklich unmöglich, daß die drei ersten Chirurgen Warschaus bei einem so einfachen Fall sich täuschten.

»Gnädiger Herr, sie täuschen sich nicht, aber sie wollen mich täuschen.«

»Aber welches Interesse haben sie denn daran?«

»Sie wollen Branicki einen Gefallen tun: es steht mit ihm sehr schlecht, und er braucht vielleicht diesen Trost, um zu genesen.«

»O, das ist ja aber unglaublich!«

»Was werden Eure Hoheit aber sagen, wenn Sie sehen, daß ich recht habe?«

»Wenn das der Fall ist, werde ich Sie bewundern, und Ihre Festigkeit wird des höchsten Lobes würdig sein; aber der Fall muß auch wirklich eintreten.«

»Das werden wir heute Abend sehen, gnädiger Herr. Wenn der kalte Brand den Arm ergreift, werde ich ihn mir morgen abschneiden lassen. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort.«

Die Ärzte kamen, vier an der Zahl! Man fand meinen Arm zweimal so dick wie gewöhnlich, und er war bis zum Ellenbogen bläulich; als aber der Verband abgehoben wurde, sah ich rosenrotes Fleisch und löblichen Eiter. Ich sagte indessen nichts, obgleich mein Herz voller Freude war. Fürst August Sulkowski und der Abbé Gouvel waren anwesend, dieser letztere gehörte zum Hause des Wojwoden von Rußland. Die Ärzte erklärten: der Arm sei angegriffen; es genüge nicht mehr, die Hand abzunehmen: die Amputation des Armes sei unvermeidlich und müsse spätestens am nächsten Morgen stattfinden.

Ich war es müde, mich mit Leuten zu streiten, die eine vorgefaßte Meinung hatten, und sagte ihnen daher, sie möchten nur am nächsten Morgen mit ihren Instrumenten kommen; ich würde mich der Operation unterwerfen. Fröhlich über diesen Sieg entfernten sie sich schleunigst, um die Nachricht bei Hofe zu verbreiten und dem Grafen Branicki, dem Paladin von Rußland usw. mitzuteilen. Kaum waren sie hinaus, so befahl ich meinen Bedienten, sie an der Tür abzuweisen.

Ich will auf die Einzelheiten nicht näher eingehen, obgleich auch der übrige Verlauf nicht uninteressant ist. Doch wird der Leser mir Dank wissen, wenn ich ihm weiter nichts sage, als daß ein französischer Chirurg, der zum Hause des Fürsten Sulkowski gehörte, der Feindschaft aller seiner gelehrten Kollegen zum Trotz, mich nach meinem Wunsch behandelte und mich gesund machte, und daß ich nicht nur meinen Arm, sondern auch meine Hand behielt.

Am Ostertage ging ich, den Arm in der Binde, in die Messe. Meine Heilung hatte nur fünfundzwanzig Tage gedauert, aber ich habe mich des linken Armes erst nach achtzehn Monaten wieder richtig bedienen können. Alle jene, die mein Verhalten verdammt hatten, sahen sich nun gezwungen, mir Komplimente wegen meiner Standhaftigkeit zu machen, die mir zur größten Ehre gereiche, und ein jeder erklärte mit Recht, die großen Chirurgen müßten entweder sehr unwissend oder sehr unvorsichtig sein; ich persönlich hatte große Lust, sie für Schelme zu halten.

An dieser Stelle glaube ich, ein Erlebnis mitteilen zu müssen, das ich drei Tage nach meinem Zweikampf hatte.

Ein Jesuitenpater ließ sich im Auftrage des Bischofs von Posen, zu dessen Sprengel Warschau gehört, bei mir melden und bat um eine Unterredung unter vier Augen. Ich ließ alle Anwesenden hinausgehen und den Geistlichen eintreten. Sobald er erschien, fragte ich ihn, was er von mir wünsche.

Er antwortete: »Ich komme im Auftrage Seiner Gnaden – (das war ein Fürst Czartoryski, ein Bruder des Wojwoden von Rußland) – um Sie von der Verletzung der kirchlichen Gebote zu absolvieren, die Sie durch den Zweikampf übertreten haben.«

»Es ist mir stets lieb, wenn ich absolviert werde, hochwürdiger Vater, aber nur dann, wenn ich mich für schuldig erkläre. Im gegenwärtigen Fall bedarf ich keiner Absolution, denn ich gebe nicht zu, mich einer Verfehlung schuldig gemacht zu haben. Ich bin angegriffen worden, ich habe mich verteidigt. Danken Sie Seiner Gnaden für seine Huld. Wenn Sie mich jedoch ohne Schuldbekenntnis absolvieren wollen, so widersetze ich mich nicht.«

»Wenn Sie die Verfehlung nicht eingestehen, so kann ich Sie nicht freisprechen, aber, lieber Bruder, tun Sie eines: verlangen Sie von mir die Absolution für den Fall, daß Sie sich im Zweikampf geschlagen haben.«

»Mit Vergnügen: wenn es ein Zweikampf ist, bitte ich Sie, mich freizusprechen.«

Der gute Jesuit erteilte mir die Absolution mit denselben Ausdrücken. Er verleugnete damit seine Schule nicht; die Jesuiten sind bewundernswerte Meister, um geschickte Winkelzüge zu machen und überall einen Ausweg zu finden.

Drei Tage vor meinem Ausgang, das heißt am Gründonnerstag, zog der Großmarschall seine Dragoner zurück. Am Ostertag ging ich nach der Messe zu Hofe. Der König reichte mir die Hand zum Kuß und ließ mich auf den Parkettboden niederknien. Er fragte mich, warum ich den Arm in der Binde trüge – (dies war vorher vereinbart worden) – und ich antwortete ihm, ich hätte Rheumatismus.

»Hüten Sie sich nur, noch mehr solchen Rheumatismus zu bekommen!« sagte der König zu mir mit einem leichten Lächeln.

Nachdem ich den König gesehen hatte, ließ ich mich zu Branicki führen, denn ich glaubte, ihm einen Besuch schuldig zu sein. Er hatte sich während meiner Krankheit regelmäßig jeden Tag nach meiner Gesundheit erkundigen lassen und mir meinen Degen zurückgeschickt. Er mußte mindestens noch sechs Wochen zu Bette liegen; denn der Wergpfropfen meiner Pistole war zum Teil mit in die Wunde eingedrungen, und man hatte diese beträchtlich vergrößern müssen, um das Werg zu entfernen, das im Anfang die Heilung verzögert hatte. Der König hatte ihn kürzlich zum Oberjägermeister der Krone ernannt. Dieses Amt oder diese Würde stand im Range unter der des Oberzeremonienmeisters, aber sie war bedeutend einträglicher. Man sagte, der König habe ihm diese Gnade erst gewährt, als er erfahren habe, daß Branicki ein guter Schütze sei; wenn er aber keinen triftigeren Grund gehabt hätte, so hätte er mir die Stelle geben müssen; denn an jenem Tage hatte ich besser geschossen als Branicki.

Ich trat in ein großes Vorzimmer ein; mein Erscheinen rief unter allen Anwesenden, Offizieren, Jägern, Pagen, Lakaien die größte Überraschung hervor. Ich fragte einen Adjutanten, ob der gnädige Herr sichtbar sei, und bat ihn, mich anzumelden. Ohne mir zu antworten, stieß er einen Seufzer aus und ging hinein. Unmittelbar darauf öffneten sich die beiden Flügeltüren, und derselbe Offizier machte mir eine tiefe Verbeugung und forderte mich auf, einzutreten.

Branicki lag, in einen prachtvollen Schlafrock gehüllt, auf seinem Bett und stützte sich auf Kissen, die mit roten Bändern geschmückt waren. Er war bleich wie der Tod. Er grüßte mich, indem er seine Mütze abnahm, und ich sagte zu ihm: »Ich bin gekommen, gnädiger Herr, um Ihnen meine Aufwartung zu machen und Ihnen zu sagen, daß ich in Verzweiflung bin, mich nicht über eine Kleinigkeit hinweggesetzt zu haben, auf die ich gar nicht hätte achten sollen, wenn ich vernünftiger gewesen wäre.«

»Sie haben sich keinen Vorwurf zu machen, Herr Casanova.«

»Eure Exzellenz sind außerordentlich gütig. Ferner bin ich gekommen, um Ihnen zu sagen, daß Sie mir eine Ehre erwiesen haben, die viel größer ist als die Beleidigung, und um Sie für die Zukunft um Ihren edlen Schutz gegen Ihre Freunde zu bitten, die Ihre Seele nicht kennen und darum glauben, meine Feinde sein zu müssen.«

»Ich gebe zu, Sie beleidigt zu haben; aber geben auch Sie zu, daß ich wacker mit meiner Person dafür eingestanden bin! Was meine Freunde anbetrifft, so erkläre ich mich als Feind eines jeden, der Ihnen nicht die gebührende Achtung erweist. Bininski ist degradiert und aus dem Adelsstande ausgestoßen worden; ihm ist recht geschehen. Meines Schutzes bedürfen Sie nicht: der König achtet Sie wie mich, wie einen jeden, der die Gesetze der Ehre kennt. Setzen Sie sich und lassen Sie uns Freunde sein. Man bringe dem Herrn eine Tasse Schokolade! Sie sind also geheilt?«

»Vollkommen, gnädiger Herr, abgesehen von der Beweglichkeit der Hand; bis ich diese wiedererlange, wird noch eine lange Zeit vergehen.«

»Sie haben sich wacker gegen diese Henkersknechte von Ärzten geschlagen; das macht Ihrer gesunden Vernunft ebensoviel Ehre wie Ihrem Mut. Sie hatten vollkommen recht, wenn Sie sagten, daß die Dummköpfe mir zu schmeicheln glaubten, indem sie Sie zum Krüppel machten. Jene beurteilen die Herzen anderer nach ihren eigenen Herzen. Ich wünsche Ihnen Glück, daß Sie die Leute widerlegt haben, indem Sie Ihre Hand behielten. Aber ich begreife noch immer nicht, wie meine Kugel in Ihre Hand eindringen konnte, nachdem sie Sie am Bauch verletzt hatte.«

In diesem Augenblick brachte man mir die Schokolade, und der Oberzeremonienmeister trat ein und sah mich lachend an. Binnen fünf Minuten war das ganze Zimmer voll von Damen und Kavalieren, die erfahren hatten, daß ich bei dem Podstoli war, und in ihrer Neugier gern sehen wollten, wie wir uns benähmen. Ich sah klar und deutlich, daß sie nicht erwarteten, uns so einig zu finden, und daß sie angenehm überrascht waren. Branicki nahm das Gespräch wieder auf, das durch die Schokolade und den Eintritt der Besucher unterbrochen war, und bat mich, ihm zu erklären, wie es möglich wäre, daß seine Kugel mich an der Hand verletzt hätte.

»Eure Exzellenz wird mir gestatten, die Stellung anzunehmen, in der ich mich in jenem Augenblick befand.«

»Ich bitte Sie darum.«

Ich stand auf und stellte mich genau so hin, wie ich im Augenblick des Schusses gestanden hatte, worauf er mir sagte: »Jetzt begreife ich.«

Eine Dame ergriff das Wort und sagte: »Sie hätten die Hand hinter dem Leib halten sollen.«

»Verzeihung, meine Gnädige, ich dachte vielmehr daran, meinen Leib hinter meiner Hand zu halten.«

Über diesen Scherz lächelte Branicki, seine Schwester aber sagte zu mir: »Sie wollten meinen Bruder töten, denn Sie haben nach seinem Kopf geschossen.«

»Davor soll mich Gott bewahren, Madame! In meinem Interesse lag es vielmehr, daß er am Leben blieb, um mich vor seinen Begleitern zu beschützen, wie er es ja auch getan hat.«

»Aber Sie haben zu ihm gesagt, Sie würden nach seinem Kopf schießen.«

»Das ist so eine übliche Redensart, wie man ja auch sagt: einem das Gehirn ausblasen; aber ein vernünftiger Mensch zielt mitten auf den Leib; der Kopf ist am äußersten Ende und bietet keine genügend große Oberfläche; außerdem kann er zu leicht bewegt werden. Ich habe die Pistole erhoben und abgedrückt, als sie ungefähr in Höhe der Mitte des Körpers war.«

»Das ist wahr«, sagte Branicki. »Ihre Taktik ist besser als die meinige, und Sie haben mir eine Lehre gegeben.«

»Eure Exzellenz haben mir ein Beispiel von Heroismus gegeben, das viel würdiger ist, befolgt zu werden.«

»Man sieht,« begann seine Schwester Sapieha, »daß Sie sich sehr oft im Pistolenschießen geübt haben müssen.«

»Ganz und gar nicht, Madame; denn ich verabscheue diese Waffe. Dieser unglückselige Schuß war mein erster; aber ich hatte stets einen richtigen Begriff von der geraden Linie, einen scharfen Blick und eine sichere Hand.«

»Weiter braucht man auch nichts«, sagte Branicki. »Ich besitze dies alles und ich freue mich, daß ich nicht so gut geschossen habe wie für gewöhnlich.«

»Ihre Kugel, gnädiger Herr, hat mir die Fingerwurzel zerschmettert. Hier sehen Sie sie; sie hat sich auf meinem Knochen abgeplattet. Gestatten Sie mir, daß ich sie Ihnen zurückgebe.«

»Es tut mir leid, daß ich Ihnen nicht auch die Ihrige wieder geben kann, denn die ist auf dem Kampfplatz geblieben.«

»Mit Ihrer Wunde geht es ja, Gott sei Dank, besser.«

»Sie will sich nicht recht vernarben. Hätte ich es am Tage unseres Zweikampfes wie Sie gemacht, so wäre ich nicht mehr am Leben; denn, wie man mir gesagt hat, haben Sie sehr gut gespeist.«

»Das habe ich allerdings getan, gnädiger Herr, weil ich fürchtete, diese Mahlzeit würde meine letzte sein.«

»Wenn ich gespeist hätte, würde Ihre Kugel meinen Dickdarm durchschlagen haben; da dieser jedoch leer war, so gab er der Kugel nach, und sie glitt über ihn hinweg, ohne ihn zu beschädigen.«

Es steht fest, daß Branicki, sobald er sicher war, daß er sich um drei Uhr schlagen würde, in die Messe ging, beichtete und das Abendmahl nahm. Der Priester wird ihm die Absolution nicht haben verweigern können, da Branicki ihm gesagt haben wird, die Ehre zwinge ihn, sich zu schlagen. So entsprach es dem alten Rittertum. Ich weiß nicht, ob ich mehr oder weniger rechtgläubig war als Branicki; jedenfalls richtete ich an Gott nur die Worte: »Mein Gott und Herr! Wenn mein Feind mich tötet, so bin ich verdammt. Bewahre mich also in Gnaden vor dem Tode! Amen!«

Nachdem wir noch mehrere heitere und interessante Bemerkungen ausgetauscht hatten, verabschiedete ich mich von dem Helden und begab mich zum Großmarschall der Krone, dem Grafen Bielinski, Bruder der Gräfin Salmor. Dieser Greis, der schon das neunzigste Lebensjahr vollendet hatte, war kraft seines Amtes die höchste Justizperson in Polen. Ich hatte niemals mit ihm gesprochen; aber er hatte mich gegen Branickis Ulanen beschützt und hatte nur die verwirkte Todesstrafe erlassen. Ich mußte ihm daher die Hand küssen.

Ich ließ mich melden und trat ein. Der würdige Neunzigjährige empfing mich mit den Worten: »Was wünschen Sie von mir?«

»Ich möchte meinem Wohltäter, der geruht hat, meine Begnadigung zu unterzeichnen, die Hand küssen, und ich möchte Eurer Exzellenz versprechen, daß ich in Zukunft vernünftiger sein werde.«

»Das rate ich Ihnen. Für Ihre Begnadigung müssen Sie dem König danken; denn wenn er mir nicht ausdrücklich befohlen hätte, diese Begnadigung auszufertigen, so hätte ich Sie enthaupten lassen.«

»Trotz den mildernden Umständen, gnädiger Herr?«

»Was für Umstände? Ist es wahr oder nicht, daß Sie sich im Duell geschlagen haben?«

»Es ist nicht wahr; denn ich bin gezwungen worden, mich zu verteidigen. Man könnte mich der Teilnahme an einem Zweikampf beschuldigen, gnädiger Herr, wenn Graf Branicki, unserer Verabredung gemäß, mich nach einem Ort außerhalb der Starostei gebracht hätte; aber er hat mich gezwungen, mich an dem Ort zu schlagen, an den er mich willkürlich geführt hat. Wären Eure Exzellenz genau unterrichtet gewesen, so hätten Sie mir nicht mehr den Kopf abschlagen lassen.«

»Ich weiß nicht, was ich getan hätte. Der König hat verlangt, daß ich Sie begnadige; das ist ein Beweis, daß Sie nach seiner Meinung die Gnade verdienen, und ich wünsche Ihnen Glück dazu. Wenn Sie morgen bei mir speisen wollen, machen Sie mir ein Vergnügen.«

»Gnädiger Herr, ich gehorche Ihnen mit Freuden.«

Dieser erlauchte Greis hatte viel Geist. Er war ein sehr guter Freund des berühmten Poniatowski gewesen, des Vaters des regierenden Herrn. Am nächsten Tage erzählte er mir bei Tisch viel von diesem.

»Welcher Trost«, bemerkte ich, »wäre es für den würdigen Freund Eurer Exzellenz gewesen, wenn er lange genug gelebt hätte, um noch die Krone auf dem Haupte seines Sohnes zu sehen!«

»Er würde seine Einwilligung nicht gegeben haben!«

Die Energie, mit der er diese Worte sprach, ließ mich auf dem Grund seiner Seele lesen; er gehörte zur sächsischen Partei.

Am Ostersonntag speiste ich zu Mittag beim Fürsten Wojwoden von Rußland. »Politische Gründe«, sagte er zu mir, »haben mich verhindert, Sie im Kloster zu besuchen; aber Sie dürfen deswegen nicht an meiner Freundschaft zweifeln, denn ich habe viel an Sie gedacht. Ich habe Ihnen eine Wohnung in meinem Palast herrichten lassen, denn meine Frau liebt Ihre Gesellschaft; aber die Wohnung wird erst in sechs Wochen fertig sein.«

»So werde ich denn, gnädiger Herr, diese Zeit benutzen, um dem Wojwoden von Kiew einen Besuch zu machen; er hat mir die Ehre erwiesen, mich einladen zu lassen.«

»Wer hat Sie in seinem Auftrage eingeladen?«

»Der Schwiegersohn des Wojwoden, Herr Graf von Brühl in Dresden.«

»Sie werden gut tun, diese kleine Reise zu machen; denn durch dieses Duell haben Sie eine Menge Feinde bekommen, die jede Gelegenheit suchen werden, Händel mit Ihnen anzufangen, und der Himmel möge Sie davor bewahren, sich noch einmal zu schlagen! Ich warne Sie davor. Seien Sie auf Ihrer Hut und gehen Sie niemals zu Fuß aus, besonders nicht bei Nacht.«

Etwa vierzehn Tage lang war ich fortwährend zu Diners und Soupers eingeladen. Ich war das Modetier geworden. Man konnte gar nicht genug davon bekommen, mich meinen Zweikampf mit allen Einzelheiten erzählen zu hören. Die Geschichte hing mir zum Halse heraus, aber aus Gefälligkeit und auch aus Eitelkeit konnte ich solchen Wünschen nicht widerstehen. Oft war der König bei meinen Erzählungen anwesend; aber er tat so, wie wenn er nichts hörte. Einmal fragte er mich jedoch, ob ich in meiner Vaterstadt Venedig einen Patrizier, der mich beleidigt hätte, sofort zum Zweikampf gefordert haben würde.

»Nein, Sire, denn sein Adelsstolz würde ihm nicht erlaubt haben, sich mir zu stellen, und meine Herausforderung wäre daher lächerlich gewesen.«

»Was hätten Sie also dann gemacht?«

»Sire, ich hätte die Faust in der Tasche geballt; aber wenn der edle Venetianer mich in fremdem Lande zu beleidigen wagte, dann müßte er mir Rechenschaft geben.«

Als ich dem Grafen Moszczynski einen Besuch machte, traf ich bei ihm die Binetti, die bei meinem Erscheinen sofort hinauslief.

»Was hat sie denn gegen mich?« fragte ich den Grafen.

»Sie hat Angst vor Ihnen. Sie ist schuld an Ihrem Duell, und Branicki, der ihr Liebhaber war, will nichts mehr von ihr hören. Sie hoffte, er würde Sie behandeln, wie er Tomatis behandelt hatte; Sie haben aber Ihren Kämpen beinahe getötet. Sie machte ihm einen Vorwurf daraus, daß er Ihre Herausforderung angenommen habe; er aber hat erklärt, er wolle sie nicht wiedersehen.«

Dieser Graf Moszczynski war nicht nur sehr geistreich, sondern auch außerordentlich liebenswürdig und so freigebig, daß er durch die Geschenke, die er bei Hof machte, sich zugrunde richtete. Seine Wunde begann zu vernarben. Obgleich ich die mittelbare, wenn auch unschuldige Ursache seiner Schmerzen war, so trug er mir das doch nicht nach, sondern war im Gegenteil mein Freund.

Am meisten Sympathie für den Ausgang meines Duells hätte doch gewiß Tomatis fühlen müssen. Er sah mich im Gegenteil nur noch mit schlecht verhehltem Verdruß. Ich war für ihn gewissermaßen ein leibhaftiger Vorwurf seiner Feigheit, der Arm, den ich in der Binde trug, schien ihn darauf aufmerksam zu machen, daß er sein Geld der Ehre vorgezogen hatte. Ich bin überzeugt, es wäre ihm lieber gewesen, wenn Branicki mich getötet hätte; denn durch seinen Sieg wäre dieser für viele Leute ein Gegenstand des Abscheus geworden. Dann wäre Tomatis vielleicht weniger verächtlich erschienen, indem er sich nach wie vor in den großen Häusern zeigte, obgleich die Hand eines Bedienten seine Wange gezeichnet hatte. Er wurde in diesen Häusern auch nur deshalb noch empfangen, weil die Catai, mehr durch ihre Schönheit als durch ihre Talente, vielen eine Art von Fanatismus eingeflößt hatte.

Ich hatte beschlossen, die Unzufriedenen zu besuchen, die den neuen König nur gezwungenermaßen anerkannt, sowie mehrere, die ihn überhaupt nicht anerkannt hatten. Ich reiste mit einem einzigen Bedienten und mit Campioni, der ein aufrichtiger und treuer Freund und zugleich in Fällen der Not ein Mann von mutigem Herzen und fester Hand war.

Prinz Karl von Kurland war nach Venedig gereist; ich hatte ihn an meine mächtigen Freunde empfohlen, und er hatte allen Anlaß, mit meiner Empfehlung zufrieden zu sein. Der anglikanische Geistliche, der mich von Petersburg aus an den Fürsten Adam empfohlen hatte, war in Warschau angekommen. Ich speiste mit ihm bei dem Fürsten, und der König, welcher ihn gern hatte, nahm an dem Diner teil. Bei Tisch wurde von Madame de Geoffrin, der früheren Freundin des Königs gesprochen; sie sollte demnächst in Warschau eintreffen, wohin sie auf Einladung und Kosten Seiner Majestät reiste. Der König war trotz den Sorgen, die seine Freunde ihm jeden Tag machten, stets die Seele aller Gesellschaften, die er mit seiner Gegenwart beehrte. Der Monarch, dem ich volle Gerechtigkeit widerfahren lasse, hatte leider die Schwäche, der Verleumdung sein Ohr zu leihen und sich dadurch abhalten lassen, mein Glück zu machen. Ich habe jedoch die Freude gehabt, ihn später von seinem Unrecht zu überzeugen.

Sechs Tage nach meiner Abreise von Warschau kam ich in Lemberg an, nachdem ich mich zwei Tage bei dem jungen Grafen Zamoiski aufgehalten hatte, der vierzigtausend Dukaten Rente besaß, aber an der Fallsucht litt. »Ich würde«, sagte er zu mir, »mein ganzes Vermögen demjenigen geben, der mich wieder gesund machen könnte.«

Seine junge Frau tat mir leid. Sie liebte ihn sehr, wagte ihm aber nichts zu gewähren, weil seine Krankheit ihn stets in der Erregung der Liebe befiel. Sie war in Verzweiflung, seinem verliebten Werben Widerstand leisten und sogar vor ihm fliehen zu müssen, wenn er hartnäckig wurde. Bald darauf starb er. Der Magnat brachte mich in prachtvollen Zimmern unter, worin es an allem Notwendigsten fehlte. Das ist polnische Gewohnheit: man nimmt an, daß ein vornehmer Mann auf Reisen alles Notwendige bei sich hat.

In Lemberg wollte ich in einem Gasthof wohnen; aber ich mußte diesen verlassen, um zu der berühmten Kasztellana Kaminska zu ziehen, einer großen Feindin Branickis, des Königs und seiner ganzen Partei. Sie war sehr reich, aber die Konföderationen haben sie zugrunde gerichtet. Sie bewirtete mich acht Tage lang sehr prachtvoll, aber wir hatten beide kein Vergnügen davon, weil sie nur polnisch und deutsch sprach. Von Lemberg reiste ich nach einem Städtchen, dessen Namen ich vergessen habe; die polnischen Namen sind entsetzlich schwer zu behalten. Ich überbrachte einen Brief vom Fürsten Lubomirski an den kleinen General Josef Rzewuski, einen kräftigen, alten, kleinen Herrn, der als Zeichen der Trauer über die unheilkündenden Neuerungen in seinem Vaterlande einen langen Bart trug. Er war reich, gelehrt, abergläubischer Christ und über alle Maßen höflich. Er behielt mich drei Tage bei sich.

Natürlich war er der Höchstkommandierende in der kleinen Festung, worin er mit einer Garnison von fünfhundert Mann lag. Am ersten Tage befand ich mich mit mehreren Offizieren gegen elf Uhr in seinem Zimmer und erzählte mein Duell mit Branicki. Während ich sprach, trat ein anderer Offizier ein und flüsterte dem General etwas ins Ohr. Hierauf trat er an mich heran und sagte leise: »Venedig und St. Markus.«

»St. Markus«, sagte ich laut, »ist der Schutzheilige von Venedig.« Alle lachten. Da merkte ich, daß es die Parole war, die Seine Exzellenz ausgegeben, und die man aus Höflichkeit mir mitgeteilt hatte. Ich entschuldigte mich bestens, und das Losungswort wurde sofort geändert.

Der alte Magnat unterhielt sich mit mir viel über Politik. Er war niemals bei Hofe gewesen, hatte sich aber vorgenommen, den Reichstag zu besuchen und mit allen Kräften die Gesetze zu bekämpfen, die Rußland zugunsten der Nichtkatholiken durchzusetzen beabsichtigte. Der arme General, ein wahrer Pole von echtem Schrot und Korn, war einer von den vier Magnaten, die Repnin aufheben und nach Sibirien bringen ließ.

Nachdem ich von dem tapferen Patrioten Abschied genommen hatte, begab ich mich nach Christianpol, wo der berühmte Wojwode von Kiew, Potocki, wohnte. Er war einer der Liebhaber der russischen Kaiserin Anna Iwanowna gewesen. Er war Begründer der Stadt, die er bewohnte, und hatte sie nach seinem eigenen Namen genannt. Er war noch schön und hielt mit großer Pracht Haus. Der Brief des Grafen verschaffte mir einen freundlichen Empfang: Potocki behielt mich vierzehn Tage bei sich und ließ mich jeden Tag mit seinem Leibarzt ausfahren. Dies war der berühmte Styrneus, ein geschworener Feind des noch berühmteren van Swieten. Dieser Styrneus war zwar sehr gelehrt, aber etwas verrückt und ein Anhänger der empirischen Methode. Er befolgte das asklepiadische System, obgleich dieses seit dem großen Boerhave unhaltbar geworden war; trotzdem machte er erstaunliche Kuren.

Jeden Abend kehrte ich nach Christianpol zurück und spielte mit dem Wojwoden und seiner Gesellschaft. Es wurde nicht hoch gespielt, und ich hatte beständig Glück, was für mich sehr notwendig war. Nach einem recht angenehmen Aufenthalt bei dem Paladin kehrte ich nach Lemberg zurück, wo ich mich acht Tage lang mit einem sehr hübschen Mädchen amüsierte. Kurze Zeit darauf wußte sie den Grafen Potocki, Starost von Sniatin, dermaßen zu fesseln, daß er sie zu seiner Frau machte. So wird in den adeligen Familien das Blut rein erhalten!

Von Lemberg, wo mein Freund Campioni und ich sehr angenehm gelebt hatten, reiste ich nach Pulavy, achtzehn Meilen von Warschau. Dies ist ein herrliches Schloß, das an der Weichsel liegt und dem Fürsten Wojwoden von Rußland gehört, der es selber erbaut hat. Hier trennte Campioni sich von mir und reiste nach Warschau, wohin ihn seine Geschäfte riefen.

Ein Ort mag noch so prachtvoll und zauberisch schön sein, er wird stets langweilig sein für einen Menschen, der dort allein leben muß, wenn er nicht etwa mit einer literarischen Arbeit beschäftigt ist, die ihn ablenkt, oder mit einer wichtigen Idee, die ihn beschäftigt. Bei mir war weder das eine noch das andere der Fall, und so machte sich die Langeweile bemerkbar.

Eines Tages kam ein hübsches Bauernmädchcn in mein Zimmer. Ich fand sie nach meinem Geschmack und da ich nicht polnisch sprechen konnte, so suchte ich ihr handgreiflich klar zu machen, was ich ihr nicht sagen konnte.

Sie setzte sich zur Wehr und machte dabei einen solchen Lärm, daß der Schloßverwalter heraufkam. Dieser sagte mir ganz ruhig: »Warum gehen Sie nicht den geraden Weg, wenn das Mädchen Ihnen gefällt?«

»Was ist das für ein Weg?«

»Ihr Vater ist hier. Sprechen Sie mit ihm und einigen Sie sich mit ihm im Guten.«

»Ich spreche nicht polnisch. Wollen Sie es übernehmen?«

»Gern. Werden Sie ihm fünfzig Gulden geben?«

»Sie scherzen. Wenn sie noch unberührt ist, werde ich hundert Gulden geben, aber unter einer Bedingung: sie muß sanft wie ein Lamm sein.«

Ohne Zweifel war das Geschäft nicht schwierig, denn die Hochzeitsfeier fand an demselben Abend statt. Sobald aber die Operation vollzogen war, lief das arme Schäfchen davon, wie wenn sie mit dem Knüttel verfolgt würde. Ich schloß daraus, daß ihr Vater jedenfalls, um sie zu überreden, die Peitsche angewandt hatte. Hätte ich das ahnen können, so würde ich sie nicht gemocht haben.

Am nächsten Tage bot man mir mehrere an, ohne sie mir zu zeigen.

»Aber wo ist denn das Mädchen? Ich muß doch ihr Gesicht sehen.«

»Was macht Ihnen denn das Gesicht aus?« sagte der Schloßverwalter. »Wenn nur das übrige unversehrt ist!«

»Für mich, mein guter Freund, ist das Gesicht das Wesentliche und alles übrige nur ein Anhängsel.«

Diese Sprache verstand er nicht. Man ließ mich nun die Mädchen sehen, aber ich fand unter ihnen keine, deren Gesicht meine Begierden erregt hätte.

Im allgemeinen ist in jenen Gegenden das weibliche Gesicht häßlich. Die Hübschen sind seltene Ausnahmen, die Schönen aber sind wirklich wahre Wunder. Nach acht Tagen des Überflusses und der Langeweile kehrte ich nach Warschau zurück.

Auf diese Weise sah ich Podolien und Wolhynien, die wenige Jahre später Galizien und Lodomerien genannt wurden, denn sie konnten nicht österreichisches Gebiet werden, ohne den Namen zu ändern. Man sagt jedoch – und das ist wohl glaublich –, daß in materieller Beziehung diese fruchtbaren Provinzen heutzutage glücklicher sind als früher.

Ich fand in Warschau Madame Geoffrin, die man überall feierte, und die man wegen der Einfachheit ihres Anzuges sehr erstaunt ansah. Ich jedoch empfing nicht solche freundlichen Blicke; ich kann nicht sagen, daß ich kalt empfangen wurde, sondern ich wurde geradezu schlecht empfangen. Ohne alle Umstände sagte man zu mir: »Wir glaubten nicht, daß wir Sie hier wiedersehen würden. Was wollen Sie denn hier?«

»Meine Schulden bezahlen!«

Ich fand solches Benehmen empörend. Sogar der Wojwode von Rußland schien ganz anders zu sein. Man empfing mich in den Häusern, wo ich ein für allemal zu Tisch geladen war, aber man sprach nicht mit mir. Nur die Fürstin Lubomirski, die Schwester des Fürsten Adam, lud mich in gütigem Ton ein, bei ihr zu Abend zu speisen. Voller Freuden begab ich mich hin und sah mich an einem runden Tische dem König gegenüber, der nicht ein einziges Mal das Wort an mich richtete. Das war mir noch nicht widerfahren.

Am nächsten Tage aß ich mittags bei der Gräfin Oginska, der Tochter des Fürsten Czartoryski, Großkanzlers von Littauen, und einer Gräfin Waldstein, einer sehr ehrwürdigen Dame, die neunzig Jahre alt wurde. Diese alte Dame fragte während des Essens, wo der König am Abend vorher gespeist habe; niemand wußte es, und ich schwieg. Im Augenblick, wo man von Tisch aufstand, trat der General Roniker ein, und die Wojwodin fragte ihn, wo der König soupiert habe.

»Bei der Fürstin Straznikowa«, antwortete der General; »Herr Casanova war ja auch da.«

»Warum haben Sie es mir nicht gesagt, als ich bei Tisch danach fragte?« sagte die Gräfin zu mir.

»Gnädige Frau, ich sagte es nicht, weil ich tief betrübt bin, dort gewesen zu sein. Seine Majestät hat nicht nur kein einziges Wort an mich gerichtet, sondern mich nicht einmal angesehen. Ich sehe, daß ich in Ungnade gefallen bin, und ich kann den Grund nicht erraten.«

Von Oginski begab ich mich zum Fürsten August Sulkowski, dem scharfsinnigen Denker, um ihm meine Ehrerbietung zu bezeigen.

Nachdem er mich, wie gewöhnlich, sehr gut empfangen hatte, sagte er mir, ich habe nicht gut daran getan, nach Warschau zurückzukommen, weil alle Welt die Meinung über mich geändert habe.

»Was habe ich denn getan?«

»Nichts. Aber so ist nun einmal im allgemeinen der polnische Charakter: unbeständig, launenhaft, unselbständig und oberflächlich – sarmatarum virtus veluti extra ipsos. Diese Wankelmütigkeit wird uns früher oder später teuer zu stehen kommen. Ihr Glück war gemacht: Sie haben den richtigen Augenblick versäumt. Ich rate Ihnen abzureisen.«

»Gewiß werde ich gehen, aber es ist grausam.«

Als ich nach Hause kam, brachte mein Bedienter mir einen Brief, den ein Unbekannter an der Tür abgegeben hatte. Ich öffnete ihn; er trug keine Unterschrift, war aber offenbar in wohlwollender Absicht geschrieben, und ich konnte erraten, daß er von einer Person kam, die mir gut gesinnt war. In dem Brief stand zu lesen, man wisse aus dem Munde des Königs selber, daß seine Majestät mich nicht gerne mehr bei Hofe sehe, weil man ihm versichert habe, man habe mich in Paris in effigie gehangen. Ich sei von dort entflohen und habe eine große Summe aus der Lotteriekasse der Kriegsschule mitgenommen; außerdem habe ich in Italien das entwürdigende Gewerbe eines umherziehenden Komödianten ausgeübt.

Das sind Verleumdungen, die sehr leicht zu verbreiten, aber in einem fremden Lande sehr schwer zu widerlegen sind. An Fürstenhöfen ist der Haß in beständiger Arbeit und wird beständig vom Neid angestachelt. Gerne hätte ich diese niederen Ränke verachtet und wäre auf der Stelle abgereist; aber ich hatte Schulden und besaß nicht genug Geld, um diese zu bezahlen und mich nach Portugal zu begeben, wo ich neue Hilfsquellen zu finden glaubte.

Ich ging nicht mehr aus und sah nur noch Campioni, der über mein Schicksal noch trauriger war als ich selber. Ich schrieb nach Venedig und allen anderen Orten, von wo ich Mittel beschaffen zu können glaubte. Bevor ich aber die Antwort erhalten hatte, erschien eines Tages bei mir der General, der bei meinem Zweikampf zugegen gewesen war, und sagte mir mit betrübter Miene, der König lasse mir befehlen, die Starostei Warschau binnen acht Tagen zu verlassen.

Außer mir über solche ungerechte Behandlung, sagte ich ihm, er möchte dem König antworten, daß ich mich durchaus nicht geneigt fühlte, einen derartigen Befehl zu befolgen. Wenn ich aber abreisen müßte, so sollte alle Welt wissen, daß ich nur der Gewalt gewichen wäre.

»Ich kann eine solche Antwort nicht ausrichten«, erwiderte der General in ebenso wohlwollendem wie edlem Tone. »Ich werde dem König sagen, daß ich den empfangenen Befehl ausgeführt habe; weiter nichts. Sie werden tun, was Sie für angebracht halten.«

Kochend vor Zorn, ohne alle Rücksicht auf die etwaigen Folgen, schrieb ich an den König, meine Ehre erheische, daß ich seinem Befehl nicht gehorche. Ich schrieb: »Meine Gläubiger, Sire, werden nur verzeihen, daß ich Polen nur darum verlassen habe, ohne sie zu bezahlen, weil Eure Majestät mich mit Gewalt ausgetrieben haben.«

Während ich darüber nachdachte, wie ich meinen Brief dem Herrscher zustellen könnte, sah ich den Grafen Moszczynski eintreten. Ich beeilte mich, ihm alles zu erzählen, was mir begegnet war, und nachdem ich ihm meinen Brief vorgelesen hatte, fragte ich ihn, auf welche Weise ich diesen an Seine Majestät gelangen lassen könnte.

»Geben Sie ihn mir!« antwortete der edle Graf; »ich werde ihn persönlich übergeben.«

Als er fort war, empfand ich das Bedürfnis, meine Lungen in der freien Luft zu erfrischen. Ich ging aus und begab mich zum Fürsten Sulkowski, den ich zu Hause fand. Er war durchaus nicht erstaunt über den mir zugegangenen Befehl. Gewissermaßen um die Pille zu versüßen, die der Despotismus mich hinunterschlucken ließ, erzählte der Fürst mir bei dieser Gelegenheit, was ihm selber in Wien widerfahren war: die Kaiserin Maria Theresia hatte ihm den Befehl zugehen lassen, binnen vierundzwanzig Stunden abzureisen, und zwar aus dem einzigen Grunde, daß er der Erzherzogin Christine ein Kompliment vom Prinzen Ludwig von Württemberg ausgerichtet hatte.

Am nächsten Morgen brachte Graf Moszczynski mir tausend Dukaten. Er sagte mir, der König hätte nicht gewußt, daß ich Geld brauchte, und es wäre viel wichtiger, daß ich mein Leben behielte; aus diesem Grunde hätte Seine Majestät mir den Befehl gesandt, Warschau zu verlassen; denn wenn ich in Warschau bliebe und nachts ausführe, oder am Tage zu Fuß ginge, so wäre ich Gefahren ausgesetzt, denen ich auf die Dauer unmöglich entgehen könnte.

Diese Gefahr bestand darin, daß ich fünf oder sechs Herausforderungen empfangen hatte. Ich hatte mir nicht einmal die Mühe genommen, darauf zu antworten. Diese Leute konnten allerdings, um sich für meine Verachtung zu rächen, mir nachts einen bösen Streich spielen, und der König wollte nicht mehr meinetwegen fortwährend in Unruhe sein. Graf Moszczynski sagte mir außerdem, der von Seiner Majestät mir übersandte Befehl gereiche mir durchaus nicht zur Unehre; denn er sei nur von einer Person hohen Ranges überbracht worden, und man habe den Termin so gesetzt, daß ich in aller Bequemlichkeit abreisen könne.

Die Folge unserer Unterredung war, daß ich nicht nur mein Wort gab, abzureisen, sondern auch den Grafen bat, Seiner Majestät für alles Gute und für die bezeigte Teilnahme meinen Dank zu sagen.

Als ich sagte, daß ich den Befehlen des Königs nachkommen werde, umarmte der edle Moszczynski mich und bat mich zugleich, ihm zu schreiben und als freundschaftliches Andenken einen Reisewagen von ihm anzunehmen, da ich keinen solchen besitze. Hierauf erzählte er mir: »Der Gatte der Binetti ist mit der Kammerzofe seiner Frau durchgegangen und hat Diamanten, Schmuck, Wäsche und sogar das Tafelsilber mitgenommen. Er hat sie seinem Mignon, dem Tänzer Pic, zurückgelassen.«

Die Gönner der Binetti, unter ihnen vornehmlich der Bruder des Königs, der Krongeneral, hatten sich zusammengetan, um sie durch ein Geschenk den Diebstahl ihres Mannes vergessen zu machen. Moszczynski erzählte mir ferner, die Krongeneralin, die Schwester des Königs, sei von Bialystock angekommen, und man hoffe, daß ihr Gemahl sich endlich entschließen werde, nach Warschau zu kommen. Dieser Gemahl war der wirkliche Graf Branicki, wie ich bereits sagte, und der Branicki, oder vielmehr Branecki, der mich durch den Zweikampf geehrt hatte, gehörte gar nicht zur Familie.

Gleich am nächsten Tage bezahlte ich meine Schulden, ungefähr zweihundert Dukaten, und traf alle Vorbereitungen, um den Tag darauf mit dem Grafen Clary nach Breslau zu reisen. Jeder fuhr in seinem eigenen Wagen. Dieser Clary reiste von Warschau ab, ohne den Hof gesehen zu haben. Daraus machte er sich nichts, denn er liebte weder gute Gesellschaft noch anständige Frauen: er brauchte nur Spieler und Dirnen. Clary war einer von den Menschen, denen das Lügen zur Natur geworden ist. So oft sie den Mund auftun, kann man ihnen sagen: sie haben gelogen oder sie werden lügen. Wenn sie ein Gefühl für ihre Verworfenheit hätten, wären sie sehr zu beklagen; denn sie befinden sich in der schimpflichen Lage, daß kein Mensch ihnen glaubt, selbst wenn sie einmal die Wahrheit sagen, und wenn es für sie von Bedeutung wäre, daß man ihnen glaubte. Dieser Graf Clary, der mit der edlen Familie der Teplitzer Clarys nicht verwandt war, durfte sich in Wien und überhaupt in seinem Vaterlande nicht sehen lassen, weil er unmittelbar vor einer Schlacht desertiert war. Er war lahm; aber wenn er ging, merkte man es nicht, so geschickt wußte er seinen Fehler zu verbergen. Wenn er weiter nichts verborgen hätte, als diese Wahrheit, hätte kein Mensch ihn des Lügens beschuldigt, denn damit trat er niemandem zu nahe. Er ist in Venedig in tiefstem Elend gestorben.

Ohne Aufenthalt und ohne Unfall kamen wir in Breslau an. Campioni hatte mich bis Wartemberg, sechzig Meilen von Warschau, begleitet. Er kehrte dorthin zurück, weil ein zärtliches Verhältnis ihn rief. Erst sieben Monate später traf er in Wien wieder mit mir zusammen. Graf Clary reiste schon am anderen Morgen in aller Frühe von Breslau ab; ich blieb jedoch noch, weil ich gerne die Bekanntschaft des Abbés Bastiani machen wollte. Dieser berühmte Venetianer hatte durch den König von Preußen sein Glück gemacht und war Domherr in Breslau. Er empfing mich herzlich und ohne alle Umstände; wir verstanden uns sehr gut und hatten gegenseitig bereits den Wunsch gehabt, uns kennen zu lernen. Er war blond, schön von Gesicht, gut gewachsen und sechs Fuß hoch; ich habe niemals einen schöneren Mann gesehen. Außerdem war er sehr geistreich, besaß ausgezeichnete Kenntnisse der Literatur, große Beredsamkeit, eine verführerische Stimme, ein sehr heiteres Gemüt, eine zahlreiche und gutgewählte Büchersammlung, einen guten Koch und einen ausgezeichneten Keller.

Er hatte eine sehr schöne Wohnung zu ebener Erde, und im elften Stock seines Hauses wohnte eine Dame, deren Kinder er sehr liebte, weil er vielleicht ihr Vater war. Er war Verehrer des schönen Geschlechtes, aber dabei nicht exklusiv, sondern auch ein Freund der griechischen Liebe. Seine Leidenschaft für einen jungen Abbé entging mir nicht während der paar Tage, die ich in Breslau zubrachte. Ich nahm alle meine Mahlzeiten, mittags und abends, bei Bastiani ein und hatte also Gelegenheit, ihn zu beobachten. Dieser junge Abbé war ein Graf Cavalcano; er schien ihn geradezu anzubeten, denn er wandte die Augen nicht von ihm ab, und seine Blicke sprühten Feuer. Der unschuldige junge Mensch schien jedoch den Domherrn nicht zu verstehen, und dieser fürchtete wahrscheinlich, seine Würde bloßzustellen, wenn er ihm seine Liebe erklärte.

Bastiani zeigte mir alle Briefe, die er vor seiner Beförderung zum Domherrn vom König von Preußen empfangen hatte. Er war der Sohn eines venetianischen Schneiders. Er war Franziskanermönch und hatte als solcher wegen eines leichtsinnigen Streiches harte Strafe zu befürchten; zum Glück gelang es ihm aber, aus dem Kloster zu entfliehen. Er ging nach dem Haag und suchte dort den venetianischen Gesandten, Tron, auf, der ihm hundert Dukaten lieh. Mit diesen begab er sich nach Berlin, wo der König ihn seiner Aufmerksamkeit würdig fand. Auf solchem Wege machen Menschen ihr Glück. Sequere deum!

Am Tage vor meiner Abreise von Breslau ging ich gegen elf Uhr zu einer Baronin, um ihr einen Brief zu überbringen, den mir ihr Sohn, ein Offizier des Königs in Warschau, mitgegeben hatte. Ich ließ mich anmelden und man bat mich, einige Augenblicke zu warten, um der Dame Zeit zum Ankleiden zu lassen. Ich setzte mich neben ein hübsches, gut gekleidetes junges Mädchen, das ein Mäntelchen trug und einen Arbeitsbeutel in der Hand hielt.

Ich fragte sie, ob sie wie ich auf die Baronin warte.

»Ja, mein Herr,« antwortete sie mir, »ich will mich als Gouvernante für die drei kleinen Töchter der gnädigen Frau anbieten.«

»Gouvernante? In Ihrem Alter?«

»Ach! Auf das Alter kommt es nicht an, wenn man in Not ist. Ich habe weder Vater noch Mutter. Mein Bruder ist ein armer Leutnant, der mir keine Hilfe gewähren kann; was soll ich also tun? Ich kann nur dadurch meinen Lebensunterhalt verdienen, daß ich mir meine gute Erziehung zunutze mache.«

»Und wieviel werden Sie verdienen?«

»Leider nur fünfzig armselige Taler für meine Kleidung.«

»Das ist recht wenig.«

»Mehr gibt man nicht.«

»Und wo wohnen Sie jetzt?«

»Bei einer armen Tante, wo ich kaum mein tägliches Brot verdiene, indem ich vom Morgen bis zum Abend nähe.«

»Wenn Sie, statt bei den Kindern hier, bei mir Gouvernante werden wollten, würde ich Ihnen ebenfalls fünfzig Taler geben, aber nicht jährlich, sondern monatlich.«

»Ihre Gouvernante? Ich? Sie meinen doch in Ihrer Familie?«

»Ich habe keine Familie; ich bin allein und reise. Morgen früh um fünf Uhr fahre ich nach Dresden ab; und zwar allein in meinem Reisewagen, worin auch für Sie Platz ist, wenn Sie wollen. Ich wohne in dem und dem Gasthof. Kommen Sie vor Ihrer Abreise mit Ihrem Koffer, und wir reisen zusammen.«

»Sie scherzen. Außerdem kenne ich Sie ja nicht.«

»Ich scherze durchaus nicht; und was das Kennen anbetrifft, so sagen Sie mir, wer von uns mehr Ursache hat, den anderen kennen zu lernen. Binnen vierundzwanzig Stunden werden wir uns ausgezeichnet kennen; mehr ist nicht nötig.«

Mein Ernst und meine offenbare Aufrichtigkeit überzeugten das Mädchen, daß ich keinen Spaß machte; aber sie war sehr erstaunt. Ich meinerseits war selber überrascht, daß ich so weit gegangen war, denn ich hatte anfangs natürlich nur einen Scherz beabsichtigt. Indem ich meine kleine Abenteurerin überreden wollte, hatte ich mich selber überredet. Dieses Abenteuer schien mir nach allen Regeln eines sehr weisen dummen Streiches angelegt zu sein, und ich sah mit Vergnügen, daß sie darüber nachdachte, indem sie von Zeit zu Zeit einen Blick auf mich warf, wie wenn sie herausbringen wollte, ob ich mich über sie lustig machte. Ich glaubte ihre Gedanken zu erraten und legte sie ganz zu meinen Gunsten aus. Ich bildete mir ein, der Zufall hätte uns nur deshalb zusammengebracht, weil das Schicksal wollte, daß sie durch mich ihr Glück machen sollte. Ich zweifelte weder an ihrer Tugend noch an ihren Gefühlen, denn ich begann mich bereits ernstlich in sie zu verlieben. Um der Sache ein Ende zu machen, zog ich zwei Dukaten aus der Tasche und reichte sie ihr als Angeld auf ihren ersten Monat. Sie nahm sie schüchtern und schien überzeugt zu sein, daß ich sie nicht täuschen wollte.

Da inzwischen die Baronin sich angezogen hatte, so trat ich ein und wurde von ihr außerordentlich freundlich aufgenommen und für den nächsten Tag zum Mittagessen eingeladen, was ich aber nicht annehmen konnte, weil ich meine Abreise bereits auf Tagesanbruch angesetzt hatte. Nachdem ich die tausend Fragen einer guten Mutter beantwortet hatte, die von einem Lieblingskinde spricht, verabschiedete ich mich von der prächtigen Dame. Als ich hinausging, achtete ich nicht weiter darauf, daß das Mädchen nicht mehr im Vorzimmer war, wo ich sie kurz vorher verlassen hatte.

Ich verbrachte den ganzen Tag beim Domherrn: wir aßen gut, tranken tüchtig, spielten L'hombre und schwatzten von Mädchen oder Literatur. Am nächsten Morgen ist alles zur festgesetzten Stunde bereit: ich steige in meinen Wagen und fahre ab, ohne auch nur im geringsten an mein gestriges Abenteuer zu denken. Wir sind noch keine zweihundert Schritte gefahren, da hält der Postillon und ein Kleiderbündel fliegt in meinen Wagen: die Gouvernante ist da. Ich fand das Abenteuer köstlich, und so begrüßte ich das Mädchen herzlich, umarmte sie und ließ sie sich setzen. Dann fuhren wir weiter.

Im folgenden Kapitel wird der Leser die nähere Bekanntschaft meiner neuen Eroberung machen; für jetzt wolle er gemächlich mit mir die Dresdener Straße entlang rollen, während ich ohne Klage die Stöße des Wagens ertrage und neben mir ein Gewächs habe, dessen Früchte vielleicht ein wenig bitter für mich sein werden.

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