Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Giacomo Casanova >

Erinnerungen

Giacomo Casanova: Erinnerungen - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorCasanova
titleErinnerungen
volume6
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20050616
projectid3af5d606
Schließen

Navigation:

Vierundzwanzigstes Kapitel

Ich nehme als Reisegefährten einen Juden von Ancona, namens Mardochai, der mich überredet, in seinem Hause Wohnung zu nehmen. – Ich verliebe mich in seine Tochter Lia. – Nach einem sechswöchentlichen Aufenthalt fahre ich nach Triest.

Erst in meinen Mußestunden während meines Aufenthalts in Ancona untersuchte ich Moscas Sammlung lateinischer Dichter; ich fand in ihnen weder die Priapeen, noch die Fescenninen, noch verschiedene andere Fragmente, die in mehreren Bibliotheken handschriftlich vorhanden sind.

Die Sammlung des Marchese war ohne Zweifel ein Zeugnis seiner Liebe zur Literatur; aber sie sprach nicht für seine Gelehrsamkeit, denn er selber hatte keine einzige Zeile dazu geschrieben, sondern sich darauf beschränkt, jedes Stück in strenger chronologischer Reihenfolge mitzuteilen. Ich hätte gerne kritische Anmerkungen, Glossen, erklärende Bemerkungen gehabt, denn dies sind eben die Dinge, die einer derartigen Sammlung Wert verleihen, aber von alledem fand ich nichts. Außerdem zeichnete die Ausgabe sich weder durch schöne Typen noch durch einen breiten Rand aus; das Papier war sehr gewöhnlich und der Druck unkorrekt. Dies sind Fehler, die man mit Recht durchaus nicht entschuldigt; besonders nicht in einem großen Werke, das sonst seiner Anlage nach klassisch gewesen wäre. Das Werk oder die Kompilation des Marchese Mosca fand daher denn auch keinen Beifall, und da er nicht reich war, so veranlaßten seine Ausgaben für dieses Unternehmen oftmals Mißhelligkeiten in seiner Ehe.

Ich las seine Abhandlung über das Almosen, und diese, sowie noch mehr seine Verteidigungsschrift zu derselben, gaben mir einen richtigen Begriff von der Literaturkenntnis, der Geistesrichtung und der Urteilsweise des Marchese. Es war leicht zu erkennen, daß alles von ihm Geschriebene in Rom mißfallen haben mußte, und daß er diese Klippe hätte vermeiden können, wenn er ein gesundes Urteil gehabt hätte. Der Marchese hatte allerdings recht; aber auf dem Gebiet der Theologie hat man nur recht, wenn Rom ja sagt; dieses Ja wird aber nur zugunsten derer ausgesprochen, die sich im Sinne der im Laufe der Zeit eingerissenen Mißbräuche erklären. Marchese Mosca war buchstabengläubig und sprach sich oft gegen den heiligen Augustinus aus, obwohl er stark jansenistisch angehaucht war.

Er leugnete zum Beispiel, daß man durch das Almosen die Strafe seiner Sünden abwenden könnte, und erkannte als verdienstlich nur ein solches Almosen an, wobei man buchstäblich die Vorschrift des Evangeliums befolgte: Laß deine Rechte nicht wissen, was deine Linke tut.

Er behauptete mit einem Wort: es sei eine Sünde, Almosen zu geben, wenn man es nicht ganz im stillen tue; denn sonst sei es unmöglich, daß sich keine Eitelkeit einmische.

Man hätte ihm einwenden können, daß das Almosen, abgesehen von dem positiven Vorteil für den Empfänger, sein moralisches Verdienst durch die Absicht des Gebers erhält; denn es kann sehr wohl vorkommen, daß ein ehrenwerter Mensch an öffentlichem Orte einem Unglücklichen ein Geldstück in die Hand drückt, ohne sich darum zu bekümmern, ob seine Handlung Zeugen hat oder nicht, sondern nur in der Absicht, Elend zu lindern, oder sogar in dem Wunsche, sich ein Verdienst vor Gott zu erwerben.

Da ich nach Triest wollte, so hätte ich die Adria überqueren sollen, indem ich mich in Pesaro auf einer Tartane einschiffte, die am selben Tage absegelte und die mich bei dem herrschenden günstigen Winde in zwölf Stunden ans Ziel gebracht haben würde. Natürlich hätte ich diesen Weg einschlagen sollen; denn, abgesehen davon, daß ich in Ancona nichts zu tun hatte, machte ich einen Umweg von hundert Miglien; aber ich hatte gesagt, ich würde nach Ancona gehen, und schon aus diesem Grunde hielt ich mich für verpflichtet, wirklich hinzugehen. Ich habe stets eine gute Beimischung von Aberglauben gehabt, und es ist mir heute klar, daß dieser einen ganz bedeutenden Einfluß auf die Wechselfälle meines seltsamen Lebenslaufes gehabt hat.

Ich begreife vollkommen, was der sogenannte Dämon des Sokrates war, der ihn selten antrieb, etwas Bestimmtes zu tun, ihn aber oft davon zurückhielt, einen Entschluß zu fassen. Ich habe mir daher wohl einbilden können, daß ich einen ähnlichen Genius hätte; aber ich war überzeugt, daß dieser Genius oder Dämon nur gut sein und nur mein Bestes wünschen könnte; darum nahm ich jedesmal meine Zuflucht zu ihm, wenn ich nicht wußte, wie ich mich entscheiden sollte. So oft eine geheime Stimme mir sagte, ich sollte mich eines Schrittes enthalten, wozu ich mich geneigt fühlte, tat ich, was mein Genius wollte, ohne ihn nach dem Grunde zu fragen.

Diese innere Stimme konnte nur eine Eingebung meines Dämons sein. Hundertmal in meinem Leben habe ich dies mit Dank angenommen, und oft habe ich mich innerlich darüber beklagt, daß er mich nur selten antrieb, etwas zu tun, wogegen meine Vernunft sprach. Meinem Dämon folgend, sah ich mich oft in der Lage, mir Glück zu wünschen, daß ich mich über meine Vernunft hinweggesetzt hatte. Diese Erkenntnis war jedoch für mich nicht demütigend, und sie hat mich niemals davon abgehalten, von meiner Vernunft nach besten Kräften Gebrauch zu machen.

In Sinigaglia, drei Poststationen vor Ancona, kam mein Fuhrmann zu mir, als ich mich gerade zu Bett legen wollte, und fragte mich, ob ich ihm gestatten wolle, einen Juden, der ebenfalls nach Ancona reise, in der Kalesche mitzunehmen.

In der ersten Aufwallung sagte ich ihm ärgerlich, ich wolle keinen Reisegefährten, und am allerwenigsten einen Juden.

Der Fuhrmann ging hinaus, aber ein unerklärliches Etwas rief mir zu: Du mußt diesen armen Israeliten mitnehmen! Trotz meinem Widerwillen, der mich veranlaßt hatte, zuerst nein zu sagen, rief ich den Fuhrmann zurück und sagte ihm, ich wolle den Mann mitnehmen.

»In diesem Falle, Signore, müssen Sie sich aber entschließen, früher abzufahren; denn morgen ist Freitag, und wie Sie wissen, darf ein Jude Freitags nur bis Sonnenuntergang reisen.«

»Ich werde nicht eine Minute früher abfahren als sonst, denn ich will mir um einen Menschen von dieser Rasse keine Unbequemlichkeiten machen; aber es steht Ihnen frei, Ihre Pferde schneller laufen zu lassen, denn Sie haben ja den Nutzen davon.«

Der Fuhrmann antwortete nicht und ging hinaus. Als wir am anderen Morgen im Wagen saßen, fragte mich mein Jude, der recht gut aussah, warum ich die Juden nicht liebte?

»Weil ihr auf Befehl eurer Religion die Feinde aller anderen Völker, besonders aber der Christen seid, und weil ihr ein verdienstliches Werk zu vollbringen glaubt, wenn ihr uns betrügen könnt. Ihr seht uns nicht als Brüder an. Ihr treibt den Wucher bis zum äußersten, wenn wir uns in der Zwangslage befinden, von euch Geld leihen zu müssen. Mit einem Wort: Ihr haßt uns, und darum liebe ich euch nicht.«

»Mein Herr, Sie befinden sich im Irrtum. Kommen Sie heute Abend mit mir in unsere Synagoge, und Sie werden uns alle im Chor für alle Christen beten hören, und zu allererst für unseren Landesherrn, den Papst.«

Ich mußte unwillkürlich laut auflachen und sagte: »Das ist wahr, aber das Gebet besteht durchaus nicht in einfachen Worten: das Herz muß beten, nicht der Mund. Wenn Sie mir nicht zugeben, daß die Juden in einem Lande, wo sie die Herren wären, nicht für die Christen beten würden, so werfe ich Sie aus dem Wagen!«

Natürlich erließ ich ihm die Antwort, aber um ihn vollends stumm zu machen, zitierte ich auf Hebräisch Stellen aus dem Alten Testament, worin den Juden befohlen wird, bei jeder sich bietenden Gelegenheit allen Nichtjuden, die sie jeden Tag in ihren Gebeten verfluchen, soviel wie möglich zu schaden.

Der arme Mann saß da mit geschlossenem Munde und sagte kein Wort mehr. Als wir an der Haltestelle angekommen waren, wo zu Mittag gegessen werden sollte, lud ich ihn ein, sich mit mir zu Tisch zu setzen; er antwortete mir jedoch, seine Religion verbiete es ihm, und er werde daher nichts anderes essen als Eier, Obst und Gänseleberwurst; letztere habe er bei sich. Er war so abergläubisch, daß er nur Wasser trank, weil er nicht sicher war, daß der Wein rein war.

»Sie dummer Mensch,« sagte ich zu ihm; »können Sie denn jemals sicher sein, daß der Wein rein ist, wenn Sie ihn nicht selber machen? Sie bauen ja doch aber keinen Wein!«

Als wir weiterfuhren, sagte er mir: wenn ich bei ihm wohnen und mich mit den Speisen begnügen wolle, die Gott nicht verboten habe, so werde er mir besseres und reicheres Essen geben, als ich es im Gasthof finden könne; ich werde bei ihm billiger aufgehoben sein und ein schönes Zimmer mit Aussicht auf das Meer ganz für mich allein haben.

»Sie vermieten also an Christen?«

»Ich vermiete an keinen Menschen; aber ich werde eine Ausnahme machen, um Sie von Ihrem Irrtum zu überzeugen. Sie zahlen mir nur sechs Paoli täglich und erhalten dafür gutes Mittag- und Abendessen, ohne den Wein.«

»Aber Sie müssen mir alle Fische zubereiten lassen, die ich gerne habe, und auf die ich vielleicht Lust bekomme. Selbstverständlich werde ich diese besonders bezahlen, wie auch den Wein.«

»Gern. Ich habe eine christliche Köchin, übrigens bekümmert auch meine Frau sich stets um die Küche.«

»Sie werden mir jeden Tag Gänseleber vorsetzen, aber unter der Bedingung, daß Sie in meiner Gegenwart mit davon essen.«

»Ich weiß, was Sie sich denken; indessen Ihre Wünsche sollen erfüllt werden.«

Ich stieg also wirklich bei diesem Juden ab. Ich fand die Sache höchst sonderbar, aber ich sagte mir, daß ich ja am nächsten Tage ausziehen könnte, wenn ich mich bei ihm nicht wohl fühlte.

Seine Frau und seine Kinder erwarteten ihn bereits und empfingen ihn mit großer Freude, um den Sabbat zu feiern. An diesem, dem Herrn gewidmeten Tage, ist jede Arbeit untersagt, und ich bemerkte mit Vergnügen etwas Festliches in ihren Gesichtern und in ihren Kleidern und eine gewisse fröhliche Sauberkeit im ganzen Hause.

Man empfing mich wie einen Bruder, und ich ging auf ihren Ton ein, so gut ich konnte.

Mardochai zeigte mir zwei Zimmer und bat mich, von diesen dasjenige auszuwählen, das mir am besten gefiele. Da ich beide nach meinem Geschmack fand, so sagte ich ihm, ich würde alle beide nehmen und dafür einen Paolo täglich mehr bezahlen. Er war damit sehr zufrieden. Nachdem Mardochai seiner Frau in kurzen Worten alles erklärt hatte, befahl sie ihrer christlichen Magd, mich zu bedienen und mir ein Abendessen zurecht zu machen.

Nachdem ich mein Gepäck in mein Schlafzimmer hatte bringen lassen, machte ich mir ein Vergnügen daraus, mit Mardochai in die Synagoge zu gehen. Seitdem er mein Wirt geworden war, schien er mir ein ganz anderer Mann geworden zu sein.

Während ihres kurzen Gottesdienstes kümmerten die Israeliten sich um mich so wenig wie um mehrere andere Christen, die sich in ihrem Tempel befanden. Die Juden gehen in die Synagoge, um zu beten, und dies finde ich sehr lobenswert von ihnen; es wäre zu wünschen, wenn die Christen es ebenso machten, und wenn die Kirche nicht für mehr als einen ein Ort wäre, wo man Zerstreuung sucht, ja manchmal sogar Liebeshändel anknüpft.

Von der Synagoge ging ich allein nach der Börse; ich überließ mich meinen Gedanken, die immer traurig sind, wenn sie sich auf eine vergangene glückliche Zeit beziehen, auf deren Wiederkehr ich nicht hoffen darf.

In dieser Stadt Ancona hatte ich zum ersten Male begonnen, im großen Stil mein Leben zu genießen, und wenn ich bedachte, daß seitdem fast dreißig Jahre vergangen waren, so fühlte ich mich wie betäubt. Im Leben eines Menschen sind dreißig Jahre ein ungeheurer Zeitraum; trotzdem fühlte ich mich noch jung, obgleich mein fünfzigstes Lebensjahr bereits vor der Tür stand.

Welcher Unterschied, wenn ich meinen körperlichen und seelischen Zustand jener ersten Jugend mit meinem gegenwärtigen Dasein verglich! Es wurde mir schwer, in mir denselben Menschen zu erkennen. So glücklich ich mich damals gefühlt hatte, so unglücklich kam ich mir jetzt vor: vor meinen Blicken schimmerte nicht mehr die schöne Aussicht auf eine glückliche Zukunft; meine Phantasie zeigte mir nicht mehr das Leben in den glänzendsten Farben.

Ich mußte mir gegen meinen eigenen Willen eingestehen, daß ich meine Zeit verloren und mein Leben vergeudet hatte. Die zwanzig Jahre, die ich vielleicht noch vor mir hatte und auf die ich rechnen zu können glaubte, boten mir nur noch eine nebelhafte Aussicht, in der selbst meine Hoffnung kein erquickendes Grün entdecken konnte: alles erschien mir traurig und öde.

Ich war volle siebenundvierzig Jahre alt, und ich sah, wie das Glück vor dieser hohen Zahl sich davon machte. Dies war genug, um mich traurig zu machen; denn ohne die Gunst der blinden Göttin kann kein Mensch hienieden glücklich sein, wenigstens konnte ich es nicht, denn mir waren meine lebenslangen Gewohnheiten zur zweiten Natur geworden.

Alle meine Anstrengungen galten damals der Rückkehr in mein Vaterland, von dem ich so lange verbannt gewesen war. Mir war, wie wenn ich keine anderen Wünsche hätte, als umzukehren und alles, was ich bis dahin an Gutem und Bösem gemacht hatte, wieder von mir abzutun. Alles brachte mir zum Bewußtsein, daß es sich für mich nur noch darum handelte, einen unvermeidlichen Abstieg, dessen unverrückbares Ziel der Tod ist, so wenig unangenehm wie möglich zu machen.

Ein Mensch, der sein Leben in den Freuden und Genüssen dieser Welt verbracht hat, macht solche Betrachtungen nur auf dem Abstieg. Unmöglich können sie in der Blüte ihrer Jugend entstehen, denn diese braucht nichts vorauszusehen, sie beschäftigt sich nur mit der Gegenwart, deren immer rosenroter Horizont das Leben glücklich macht, jedenfalls die Vorstellung eines Glückes unterhält. Der Jüngling lacht den Philosophen aus, der ihm sagt, daß hinter diesem entzückenden Horizont Alter, Armut und Reue seiner warten – Reue, die immer zu spät kommt, und endlich der Tod, dessen Name allein genügen würde, um Abscheu und Furcht einzuflößen.

Solche Betrachtungen stellte ich vor sechsundzwanzig Jahren an; und nun, mein lieber Leser, male dir die Gedanken aus, die mich heute quälen, wo ich einsam, verachtet, impotent und arm bin. Diese Gedanken würden mich ins Grab bringen, wenn ich nicht alle meine Kraft aufböte, die grausame Zeit zu töten, die sie in meinem Geiste ausheckt – in meinem Geiste, der noch jung ist wie mein Herz; ich weiß nicht, ob ich sagen soll, daß sie glücklicherweise oder unglücklicherweise jung sind, denn sie stehen nicht mehr im Einklang mit meinen körperlichen Kräften. Was nützen Wünsche, wenn man nicht mehr die Mittel hat, sie zu befriedigen? Ich schreibe, um die Langweile zu töten, und ich freue mich, daß ich an dieser Beschäftigung Gefallen finde. Was macht es mir aus, wenn mein Urteil falsch ist? Mir genügt es, überzeugt zu sein, daß ich mich damit unterhalte:

Malo scriptor delirans inersque videri,
Dum mea delectent mala me vel denique fallunt,
Quam sapere....

Als ich nach Hause kam, fand ich Mardochai im Kreise seiner zahlreichen Familie bei Tisch sitzen. Diese bestand aus elf oder zwölf Personen, unter denen sich auch seine neunzigjährige und noch sehr rüstige Mutter befand. Ich bemerkte noch einen anderen Juden von mittlerem Alter; er war der Gatte der älteren Tochter, die mir nicht hübsch vorkam. Die jüngere dagegen, die mit einem Juden von Pesaro verlobt war, den sie niemals gesehen hatte, fesselte meine ganze Aufmerksamkeit. Ich sagte ihr: wenn sie ihren künftigen Gatten niemals gesehen hätte, könnte sie nicht in ihn verliebt sein. Sie antwortete mir darauf in sehr ernstem Tone, man brauche durchaus nicht verliebt zu sein, um sich zu verheiraten. Die Alte lobte höchlichst den klugen Sinn ihrer Enkelin, und die Mutter bemerkte, sie sei erst nach ihrem ersten Kindbett in ihren Gatten verliebt geworden.

Ich will die hübsche Jüdin Lia nennen, da ich meine Gründe habe, um sie nicht mit ihrem wirklichen Namen zu bezeichnen.

Während die Familie aß, setzte ich mich neben Lia und gab mir die größte Mühe, ihr allerlei Angenehmes zu sagen, um sie zum Lachen zu bringen; aber es war verlorene Mühe, denn sie würdigte mich nicht einmal eines Blickes.

Ich fand für mich selber ein auserlesenes Abendessen, dem ich alle Ehre antat, und nachher ein vorzügliches Bett.

Am anderen Morgen kam mein Wirt zu mir herein und sagte mir, ich könne der Magd meine Wäsche geben; Lia werde sie mir besorgen.

Ich sagte ihm, ich hätte das Abendessen von Fastenspeisen sehr gut gefunden; da ich jedoch vom Papst die Erlaubnis erhalten hätte, alle Tage Fleisch oder Fisch zu essen, so bäte ich ihn, die Gänseleber nicht zu vergessen.

»Sie werden morgen welche erhalten; aber in meiner Familie ißt nur Lia sie.«

»Dann wird also Lia mit mir essen. Sagen Sie ihr, bitte, daß ich sie mit sehr reinem Zypernwein bewirten werde.«

Ich hatte keinen solchen Wein, aber ich bestellte ihn noch am selben Morgen beim venetianischen Konsul, dem ich den Brief des Herrn Dandolo überbrachte.

Der Konsul war ein Venetianer von altem Schrot und Korn. Er hatte von mir sprechen hören und zeigte sich sehr erfreut, meine Bekanntschaft zu machen. Er sah aus wie ein richtiger Pantalon der Komödie und war lustig und welterfahren, ein Leckermaul und großer Esser. Er gab mir für mein Geld reinen Scopolowein und alten Muskateller von Zypern; aber er erhob ein lautes Geschrei, als ich ihm sagte, daß ich bei Mardochai wohnte und durch welchen Zufall dies gekommen wäre.

»Er ist reich,« sagte der Konsul, »aber ein großer Wucherer, und wenn Sie Geld nötig haben, wird er Ihnen übel mitspielen.«

»Ich sehe nicht, wie ich in den Fall kommen könnte, von ihm Geld nötig zu haben.«

Nachdem ich ihm noch gesagt hatte, daß ich noch am Ende des Monats und nur mit einem guten Schiff absegeln würde, ging ich zum Mittagessen, mit dem ich sehr zufrieden war.

Ich hatte meine Wäsche der Magd gegeben. Am nächsten Morgen sah ich Lia eintreten, die sich erkundigte, wie ich meine Spitzen von ihr gewaschen zu haben wünschte.

Als Lia mit ihren achtzehn Jahren so plötzlich vor mir erschien, ohne Busentuch, in einem einfachen, sehr niedrigen Mieder, das ihre herrlichen Brüste sehen ließ, geriet ich in eine lebhafte Erregung, die sie bemerkt haben würde, wenn sie mich angesehen hätte.

Nachdem ich mich etwas beruhigt hatte, sagte ich ihr, ich überließe alles ihr; sie möchte meine ganze Wäsche besorgen und überzeugt sein, daß es mir auf billige Preise nicht ankäme.

»Dann werde ich sie also ganz allein besorgen, wenn Sie keine Eile haben.«

»Es steht in Ihrer Macht, mich in Ihrem Hause so lange bleiben zu lassen, wie Sie wollen«, sagte ich zu ihr; sie schien jedoch diese Erklärung gar nicht zu beachten.

»Ich bin mit allem zufrieden,« fuhr ich fort, »ausgenommen mit der Schokolade; diese liebe ich gut geschlagen und recht schaumig.«

»Ich werde sie selber zubereiten, damit Sie zufrieden sind.«

»In diesem Fall, liebenswürdige Lia, werde ich Ihnen eine doppelte Portion geben, und wir werden sie zusammen trinken.«

»Ich liebe Schokolade nicht.«

»Das tut mir leid, aber Sie essen doch gerne Gänseleber?«

»Sehr! Heute werde ich welche mit Ihnen essen, wie mein Vater mir gesagt hat.«

»Das macht mir viel Vergnügen.«

»Sie fürchten ohne Zweifel, vergiftet zu werden.«

»Im Gegenteil! Ich fürchte es nicht nur nicht, sondern ich wünsche, daß wir zusammen sterben.«

Die Spitzbübin tat, wie wenn sie nichts verstände, entfernte sich und ließ mich voller Begierden zurück. Die schöne Jüdin hatte meine Sinne zu heller Glut entfacht, und ich fühlte, daß ich entweder mich schleunigst ihrer noch am selben Tage bemächtigen oder daß ich ihrem Vater sagen müßte, er möchte sie nicht mehr in mein Zimmer schicken.

Von meiner Turiner Jüdin wußte ich, wie die Angehörigen ihrer Religion in Liebessachen denken.

Nach meiner Meinung mußte Lia noch schöner und weniger schwierig zu erobern sein als die Turinerin; denn das galante Leben von Ancona konnte gewiß nicht mit dem von Turin verglichen werden.

So denkt ein Wüstling; aber seine Meinungen sind nicht unfehlbar.

Man setzte mir ein nach jüdischer Art, aber ausgezeichnet zubereitetes Mittagessen vor; Lia brachte mir selber eine herrliche Gänseleber herein und setzte sich mir gegenüber. Ihr schöner Busen war jetzt mit einem Musselintuch verhüllt.

Die Leber war vorzüglich; wir befeuchteten sie reichlich mit Scopolo, den Lia noch besser fand als die Leber.

Als die Leber verzehrt war, stand Lia auf, um sich zu entfernen. Dem widersetzte ich mich jedoch, denn wir hatten bisher nur das halbe Mittagessen gehabt.

»Ich werde bleiben,« sagte sie zu mir; »aber ich fürchte, mein Vater wird es übel nehmen.«

»Gut. Ruft Euren Herrn!« befahl ich der Magd, die in diesem Augenblick eintrat; »ich habe ihm ein Wörtchen zu sagen.«

»Mein lieber Mardochai, der Appetit Ihrer Tochter verdoppelt den meinen, und Sie tun mir einen Gefallen, wenn Sie ihr erlauben, mit mir zu speisen, so oft wir Gänseleber haben.«

»Ich finde nicht meine Rechnung dabei, wenn meine Tochter Ihren Appetit verdoppelt; aber wenn Sie doppelt bezahlen wollen, habe ich nichts dagegen, daß sie Ihnen Gesellschaft leistet.«

»Dies gefällt mir sehr. Ich nehme Ihren Vorschlag an: Sie erhalten also täglich einen Testone mehr.«

Um ihm meine Zufriedenheit zu erkennen zu geben, schenkte ich ihm einen Fiasco Scopolo, von dem Lia ihm versicherte, daß er sehr rein wäre.

Wir speisten also zusammen. Bald versetzte der Wein sie in Heiterkeit. Der Scopolo ist wegen seines Teergeschmackes sehr harntreibend und zur Liebe reizend. Ich sagte ihr, ihre Augen entflammten mich und sie müßte mir erlauben, sie ihr zu küssen.

»Meine Pflicht verbietet mir. Ihnen dies zu erlauben. Keinen Kuß, keine Berührung! Lassen Sie uns zusammen essen und trinken. Mein Vergnügen wird dem Ihrigen gleich kommen.«

»Sie sind grausam.«

»Ich hänge von meinem Vater ab und habe selber gar nichts zu sagen.«

»Muß ich Ihren Vater bitten, Ihnen zu erlauben, daß Sie gefällig sein dürfen?«

»Das wäre, wie mir scheint, nicht anständig. Es könnte wohl sein, daß mein Vater sich beleidigt fände und mir nicht mehr erlaubte, zu Ihnen zu gehen.«

»Und wenn er Ihnen nun sagte, daß Sie in diesen Kleinigkeiten es nicht so genau nehmen dürften?«

»Dann würde ich nicht auf ihn hören, sondern fortfahren, meine Pflicht zu tun.«

Diese deutliche Erklärung machte mir begreiflich, daß Lia nicht leicht zu haben sein würde. Wenn ich auf meiner Absicht verharrte, konnte ich in einen Liebeshandel hineingeraten, den ich vielleicht nicht zu Ende geführt haben würde; dies würde mich dann vielleicht geärgert haben. Ferner bedachte ich, daß ich in Gefahr geriet, meine Hauptangelegenheit zu vernachlässigen; diese erlaubte mir durchaus nicht einen langen Aufenthalt in Ancona.

Alle diese Gedanken schossen mir in einer Sekunde durch den Kopf. Ich sagte Lia kein Wort mehr von Liebe. Als der Nachtisch aufgetragen war, schenkte ich der schönen Jüdin Zyper-Muskateller ein, den sie für den köstlichsten Nektar erklärte, welchen sie in ihrem Leben getrunken hätte.

Da ich sie von dem Getränk erhitzt sah, so schien es mir unmöglich zu sein, daß Venus nicht ebenso viele Macht über ihre Sinne ausübte wie Bacchus; aber ihr Kopf war stark: ihr Blut geriet in Flammen, doch ihre Vernunft blieb kalt.

Trotzdem veranlaßte nach dem Kaffee ihre Lustigkeit mich, ihre Hand zu ergreifen, um sie ihr zu küssen. Unmöglich! Ihre Weigerung war jedoch derart, daß sie mir nicht mißfallen konnte; denn sie sagte zu mir: »Für die Ehre ist das zu viel und für die Liebe zu wenig.«

Diese witzige Bemerkung machte mir um so mehr Vergnügen, da sie mir zeigte, daß Lia nicht mehr unerfahren war.

Ich verschob die Ausführung meines Planes auf den nächsten Tag und sagte ihr, ich würde beim venetianischen Konsul zu Abend essen; man möchte also nichts für mich zurecht machen.

Der Konsul hatte mir gesagt, er äße nicht zu Mittag, ich würde ihm jedoch ein großes Vergnügen machen, so oft ich zu ihm käme, um mit ihm zu Abend zu essen.

Es war Mitternacht, als ich nach Hause kam. Alles im Hause schlief schon, mit Ausnahme der Magd, die auf mich wartete. Ich gab ihr eine solche Belohnung, daß sie jedenfalls wünschte, ich möchte alle Abende so spät nach Hause kommen.

Da ich etwas über Lias Lebenswandel zu hören wünschte, so brachte ich die Magd darauf zu sprechen; sie sagte jedoch nur Gutes von ihr. Nach ihrer Schilderung war Lia ein gutes Mädchen, das immer fleißig arbeitete, von der ganzen Familie geliebt wurde und niemals einen Liebhaber erhört hatte. Wenn Lia sie bezahlt hätte, hätte die Magd nicht mehr zu ihrem Lobe sagen können.

Am Morgen brachte Lia mir meine Schokolade und setzte sich auf mein Bett; sie sagte mir, wir hätten eine ausgezeichnete Leber; und da sie nicht zu Abend gegessen hätte, so würde sie mit großem Appetit zu Mittag speisen.

»Und warum, meine Liebe, haben Sie nicht zu Abend gegessen?«

»Daran ist ohne Zweifel Ihr ausgezeichneter Zyperwein schuld; mein Vater ist ganz verrückt darnach.«

»Er hat ihn also gut gefunden? Das freut mich sehr; wir werden ihm einschenken!«

Lia saß vor mir in demselben Anzug wie am Tage vorher, und die beiden halbnackten Halbkugeln ihres Busens brachten mich zur Verzweiflung.

»Sie wissen wohl nicht,« sagte ich zu ihr, »daß Sie einen herrlichen Busen haben?«

»Aber alle jungen Mädchen haben doch ebensolchen Busen wie ich!«

»Können Sie sich nicht vorstellen, daß ich beim Anblick desselben ein außerordentliches Vergnügen empfinde?«

»Wenn dies der Fall ist, freue ich mich sehr; denn ich habe mir keinen Vorwurf zu machen, wenn ich Sie dieses Vergnügen genießen lasse, übrigens verhüllt ein Mädchen ihren Busen so wenig wie ihr Gesicht, außer wenn sie in großer Gesellschaft ist.«

Während sie so mit mir sprach, betrachtete die Spitzbübin ein von einem Pfeil durchbohrtes und mit kleinen Brillanten besetztes goldenes Herz, das den Busenstreifen meines Hemdes zusammenhielt.

»Finden Sie das Herzchen hübsch?« fragte ich sie.

»Reizend! Ist es echt?«

»Gewiß, und dies ermutigt mich, es Ihnen anzubieten.«

Mit diesen Worten löste ich die Nadel, aber sie sagte mir freundlich, sie danke mir; ein Mädchen, das nichts geben wolle, dürfe auch nichts annehmen.

»Nehmen Sie es an! Ich schwöre Ihnen, niemals auch nur den kleinsten Gunstbeweis von Ihnen zu verlangen.«

»Aber ich würde mich als Ihre Schuldnerin fühlen; ich werde daher niemals etwas annehmen.«

Ich sah, daß nichts zu machen war, oder daß ich zuviel hätte aufstellen müssen, um etwas zu erreichen; im einen wie im anderen Fall war es das beste, mich mit der Tatsache abzufinden.

Ich dachte nicht an einen tätlichen Angriff, der sie hätte erzürnen oder veranlassen können, mich auszulachen. Dies hätte mich erniedrigt, oder ohne jeden Zweck noch mehr verliebt gemacht. Hätte sie sich beleidigt gefühlt, so wäre sie nicht mehr gekommen, und ich hätte mich darüber nicht beklagen können.

Ich entschloß mich also, meine gierigen Blicke zu meistern und sie nicht mehr mit verliebten Bemerkungen zu unterhalten.

Wir speisten sehr fröhlich zu Mittag. Man setzte mir Muscheln vor, die nach der mosaischen Glaubensvorschrift verboten sind. In Gegenwart der Magd forderte ich sie auf, mit mir davon zu essen, sie wies jedoch meine Einladung mit Abscheu zurück; sobald das Madchen hinausgegangen war, nahm sie aus eigenem Antrieb von den Muscheln und aß dieselben mit einer überraschenden Begierde, indem sie mir versicherte, es wäre das erste Mal in ihrem Leben, daß sie diesen Genuß kostete.

Dieses Mädchen, sagte ich zu mir selber, dieses Mädchen, diese Lia, die die Vorschriften ihrer Religion so unbedenklich übertritt, die über alles das Vergnügen liebt und mir gar nicht zu verhehlen sucht, mit welcher Wonne sie sich demselben hingibt – diese Lia will mich glauben machen, sie sei unempfindlich gegen die Wonne der Liebe oder könne sich darüber hinwegsetzen, wie über eine Bagatelle? Das ist nicht möglich. Sie liebt mich nicht oder sie liebt mich nur, um sich einen Spaß zu machen, indem sie meine Liebe entflammt. Sie muß Hilfsmiittel haben, um ihr Temperament zu beschwichtigen, das ich für sehr wollüstig halte. Ich will einmal sehen, ob ich nicht heute Abend mit Hilfe meines ausgezeichneten Muskatellers zum Ziele kommen kann.

Am Abend entschuldigte sie sich jedoch und lehnte sowohl Essen wie Trinken ab, indem sie sagte, dies verhindere sie, zu schlafen.

Am anderen Morgen brachte sie mir meine Schokolade, aber sie hatte ihre schöne Brust mit einem weißen Halstuch bedeckt. Wie gewöhnlich setzte sie sich auf mein Bett. Es fiel mir nicht ein, zu dem abgedroschenen Mittel zu greifen und mich zu stellen, wie wenn ich nichts bemerkte; ich sagte ihr vielmehr, sie sei nur darum mit bedeckter Brust gekommen, weil ich ihr gesagt habe, ich sähe sie mit Vergnügen.

Sie antwortete mir mit liebenswürdiger Nachlässigkeit, daran habe sie nicht gedacht; sie habe nur deshalb ein Tuch umgebunden, weil sie keine Zeit gehabt habe, ihr Mieder anzuziehen.

»Darin haben Sie recht getan,« sagte ich lachend, »denn vielleicht hätte ich Ihren Busen nicht so schön gefunden, wenn ich ihn ganz gesehen hätte.«

Sie antwortete nicht, und ich trank meine Schokolade aus.

Mir fielen die galanten Bilder und Zeichnungen ein, die ich in meiner Kassette hatte. Ich bat Lia, mir diese zu geben, und sagte ihr, ich wollte ihr Abbildungen von den schönsten Busen der Welt zeigen.

»Das wird mich nicht interessieren,« sagte sie; trotzdem gab sie mir meine Kassette und setzte sich wieder auf mein Bett.

Ich nahm eine Abbildung von einem nackten Weibe, das auf dem Rücken liegend, sich selber eine Illusion erregte, bedeckte sie mit meinem Taschentuch bis zum Unterleib und zeigte ihr das Bild, ohne es aus der Hand zu geben.

»Aber das ist ja ein Busen wie alle anderen; Sie können ruhig Ihr Schnupftuch wegnehmen.«

»Meinetwegen, nehmen Sie es, mir ist so etwas ekelhaft!«

»Es ist gut gemalt,« sagte sie laut auflachend; »aber das ist nichts Neues für mich.«

»Wie? Das ist nichts Neues für Sie?«

»Nein, natürlich nicht; das machen ja alle jungen Mädchen, bevor sie heiraten.«

»Sie also auch?«

»So oft ich Lust dazu bekomme.«

»Machen Sie es doch jetzt!«

»Ein wohlerzogenes Mädchen tut das nur im verborgenen.«

»Und was machen Sie nachher?«

»Wenn es im Bett geschieht, schlafe ich ein.«

»Meine liebe Lia, Ihre Aufrichtigkeit entzückt mich und bringt mich zugleich außer mir. Sie sind zu klug, als daß Sie dies nicht wissen sollten. Seien Sie also gut und gefällig, oder kommen Sie nicht mehr zu mir.«

»Sie sind also sehr schwach?«

»Ja, weil ich stark bin.«

»In Zukunft werden wir uns also nur noch beim Mittagessen sehen. Aber zeigen Sie mir doch noch einige andere Zeichnungen.«

»Ich habe Kupferstiche, die Ihnen nicht gefallen werden.«

»Zeigen Sie sie nur her.«

Ich gab ihr die Sammlung der Figuren zum Aretin und bewunderte, mit welcher ruhigen aber aufmerksamen Miene sie sie prüfte, von einer zur anderen ging und solche, die sie bereits angesehen hatte, noch einmal betrachtete.

»Finden Sie das interessant?« fragte ich sie.

»Sehr! Die Zeichnungen sind sehr natürlich. Aber ein anständiges Mädchen darf diese Bilder nicht zu lange ansehen; denn Sie begreifen wohl, daß diese wollüstigen Stellungen sie in große Aufregung versetzen.«

»Ich glaube es, schöne Lia, und empfinde es wie Sie. Sehen Sie!«

Sie lächelte, stand auf und ging mit dem Buch nach dem Fenster, um es dort weiter zu betrachten. Sie drehte mir den Rücken zu und kümmerte sich nicht um mein Rufen.

Nachdem ich mich wie ein armer Schüler beruhigt hatte, kleidete ich mich an. Ich schämte mich beinahe. Da der Friseur kam, ging Lia hinaus, indem sie mir sagte, sie würde mir mein Buch beim Mittagessen wiedergeben.

Ich zitterte vor Freude, denn ich glaubte, nun würde ich sie, wenn nicht am gleichen Tage, spätestens am anderen Morgen besitzen. Der erste Schritt war getan; aber ich war noch weit vom Ziel.

Wir aßen gut und tranken noch besser. Nach dem Essen zog Lia das Buch aus der Tasche und brachte mich ganz in Feuer, indem sie Erklärungen von mir verlangte; leider verhinderte sie aber durch die Drohung, daß sie sonst gehen würde, die praktische Vorführung, die meine Glossen belebt haben würde, und die ich wahrscheinlich noch nötiger hatte als sie.

Ärgerlich nahm ich ihr schließlich das Buch weg und ging spazieren.

Ich rechnete auf die Stunde des Schokoladenfrühstücks; als aber die grausame Jüdin am Morgen kam, sagte sie mir, sie bedürfe einiger Erklärungen; wenn ich ihr jedoch ein Vergnügen machen wollte, so sollte ich ihr diese nur an Hand der Abbildungen geben und alles Lebendige aus dem Spiel lassen.

»Gern; aber nur unter der Bedingung, daß Sie mir alle Fragen beantworten, die Ihr Geschlecht betreffen.«

»Ich verspreche es Ihnen, aber ebenfalls nur unter einer Bedingung: daß unsere Bemerkungen sich nur auf das beziehen, was wir auf den Bildern sehen werden.«

Unser Anschauungsunterricht dauerte zwei Stunden. Während desselben verfluchte ich hundertmal den Aretino und meinen verrückten Gedanken, sie neugierig darauf zu machen; denn das unbarmherzige Frauenzimmer drohte mir, sie würde fortgehen, so oft ich auch nur den bescheidensten Versuch machte. Wahre Folterqualen aber bereitete sie mir mit dem, was sie mir über ihr Geschlecht sagte. Ich stellte mich unwissend und veranlaßte sie dadurch zu den schlüpfrigsten Schilderungen. Die äußeren und inneren Bewegungen, die sich bei der Ausübung der Begattungsakte, die wir im Bilde vor Augen hatten, vollziehen mußten, beschrieb sie mir so lebhaft, daß es mir unmöglich schien, die Theorie allein könnte ihr so richtige Begriffe beigebracht haben. Was mich vollends verführte, war, daß kein Schleier von Scham das helle Licht ihrer Wissenschaft umhüllte. Sie philosophierte über diese Gegenstände viel natürlicher und viel gelehrter als die Genfer Hedwig. Ihr Geist befand sich mit ihrem Körper so wohl im Einklang, daß sich eine vollkommene Harmonie hieraus ergab. Ich hätte ihr gern alles gegeben, was ich besaß, um ihren wunderbaren Talenten Gelegenheit zu geben, sich beim großen Werk zu entfalten. Sie schwor mir, sie wisse nichts aus der Praxis, und ich fand sie glaubwürdig, als sie mir anvertraute, daß sie sich nach der Heirat sehnte, um endlich zu erfahren, was an ihren Ahnungen richtig wäre. Sie wurde traurig oder tat wenigstens so, als ich mich erkühnte, ihr zu sagen: der Gatte, den ihr Vater für sie ausgesucht hätte, wäre vielleicht von der Natur so schlecht ausgestattet, daß er ihr die Gattenpflicht nicht mehr als einmal in der Woche erweisen könnte.

»Wie?« sagte sie mit beunruhigter Miene; »die Männer sind also nicht alle untereinander gleich, wie die Frauen es sind?«

»Was verstehen Sie unter ›gleich‹?«

»Können Sie denn nicht jeden Tag und in jedem Augenblick verliebt sein, wie sie jeden Tag essen, trinken und schlafen müssen?«

»Nein, meine liebe Lia; die Männer, die jeden Tag verliebt sein können, sind selten.«

Da ich jeden Tag so fürchterlich erregt wurde, so ärgerte ich mich, daß es in ganz Ancona kein anständiges Haus gab, wo ein anständiger Mann sich für sein Geld sicheren Genuß verschaffen konnte. Ich zitterte, denn ich sah, daß ich mich allen Ernstes in Lia verliebte; trotzdem sagte ich dem Konsul jeden Tag, ich hätte es mit der Abreise nicht eilig. Ich erging mich in Betrachtungen wie ein Seladon von zwanzig Jahren. Ich sah in Lia das tugendhafteste aller Mädchen, weil sie mit ihrer glühenden Leidenschaft und mit ihrer theoretischen Kenntnis vom Verkehr der beiden Geschlechter trotzdem ihre Kenntnisse nicht vervollständigen wollte.

Ich sah in ihr ein Musterbild der Tugend: Alles an ihr war Wahrheit, sie wußte nichts von Heuchelei und Betrug. Sie befriedigte ihre Begierden nur an sich selber und versagte sich die Genüsse, die durch ihr Gesetz verboten waren; trotz dem Feuer, das sie verzehrte, blieb sie diesem Gesetz treu. Es stand in ihrer Macht, sofort glücklich zu werden; sie aber leistete stundenlang Widerstand, obwohl sie mit einem von Liebe glühenden Manne unter vier Augen war. Sie führte dem Feuer, das in ihr loderte, neuen Brennstoff zu und war stark genug, um nichts zu erlauben, was sie hätte erleichtern können. O, die tugendhafte Lia! Jeden Tag setzte sie sich der Niederlage aus und verhinderte diese durch das einfache Mittel, daß sie niemals den ersten Schritt tat.

Nichts sehen lassen, nichts anrühren lassen! Das war ihr Schild und Schirm.

Man wird sehen, worauf alle diese Tugend hinauslief, die mein aufgeregter Geist ihr beilegte.

Nach neun oder zehn Tagen begann ich gegen Lia heftig zu werden, allerdings nicht in Tätlichkeiten, sondern nur in Worten. Sie war traurig, gab zu, daß ich recht hätte, sagte mir, sie wüßte nicht, was sie antworten sollte, und schloß mit der Bemerkung, daß ich wohl daran tun würde, wenn ich ihr verböte, am Morgen zu mir zu kommen. Beim Mittagessen liefen wir nach ihrer Meinung keine Gefahr.

Ich entschloß mich, sie zu bitten, zwar nach wie vor zu kommen, aber mit verhüllter Brust und ohne über Liebe und dergleichen zu sprechen.

»Recht gern!« rief die Spitzbübin; »aber,« setzte sie lachend hinzu, »ich werde nicht die erste sein, die die Bedingungen bricht.«

Ich wollte dies ebensowenig; denn drei Tage darauf sagte ich, des Leidens müde, dem Konsul, ich würde mit der ersten Gelegenheit absegeln; mein Entschluß war vollkommen aufrichtig; ich glaubte Lia zu kennen, und ihre Lustigkeit raubte mir den Appetit. So sollte ich also auch auf mein zweites Glück verzichten, nämlich das Essen, ohne Aussicht zu haben, das erste Glück, die Liebe, zu genießen.

Da meine dem Konsul gegenüber abgegebene Willensäußerung mich gewissermaßen band, ging ich ruhig zu Bett. Gegen meine sonstige Gewohnheit verspürte ich gegen zwei Uhr morgens das Bedürfnis, der Göttin Cloacina ein Opfer zu bringen, und verließ ohne Licht mein Zimmer, da ich mich im Hause auch so zurecht finden konnte. Der Tempel befand sich im Erdgeschoß. Da ich niemand stören wollte, ging ich in sehr leichten Pantoffeln hinunter und machte nicht das geringste Geräusch.

Als ich wieder hinaufging, sah ich auf dem ersten Treppenabsatz durch eine schmale Ritze einen Lichtschimmer aus einer kleinen Kammer dringen, die, wie ich wußte, nicht bewohnt war.

Ich legte mein Auge an die Türspalte, ohne im geringsten daran zu denken, daß Lia zu solcher Stunde in der Kammer sein könnte. Man denke sich meine Überraschung, als mein Auge auf ein Bett fiel und Lia, völlig nackt, in Gesellschaft eines ebenfalls nackten jungen Mannes bemerkte, mit welchem sie eifrig beschäftigt war, die Stellungen des Aretino auszuführen. Sie sprachen dabei im Flüsterton und gaben mir alle vier oder fünf Minuten das Schauspiel einer neuen Gruppe.

Bei diesen verschiedenen Stellungen konnte ich alle Schönheiten Lias sehen, und dieses Vergnügen milderte die Wut, die mir der Gedanke verursachte, daß ich eine abgefeimte Dirne für ein tugendhaftes Mädchen hatte halten können.

Es war nicht schwer, zu bemerken, daß sie jedesmal, wenn sie sich der Krisis näherten, innehielten und das Werk mit Hilfe ihrer Hände vollendeten.

Bei der Gruppe des arbre droit, die nach meiner Meinung die wollüstigste aller Stellungen ist, die das unzüchtige Genie Aretinos hat ersinnen können, betrug Lia sich wie eine richtige Lesbierin; denn während der Jüngling ihre geile Wut entflammte, bemächtigte sie sich seines Gliedes, nahm es ganz in den Mund und magnetisierte es, bis die Opfergabe dargebracht war. Da ich sie nicht ausspucken sah, so konnte ich nicht daran zweifeln, daß sie sich mit dem Nektar meines glücklichen Nebenbuhlers genährt hatte. Der Adonis zeigte ihr hierauf sein geschwächtes Werkzeug; sie aber machte ein halb glückliches, halb trauriges Gesicht und schien den Tod ihrer Hoffnungen zu beklagen. Bald darauf bemühte sie sich von neuem, ihn ins Leben zurückzurufen; aber der Kerl sah auf seine Uhr, stieß Lia von sich und zog sein Hemd an.

Lia war offenbar außer sich. Sie suchte ihn durch die wollüstige Stellung einer schönen Venus zu verführen, deckte sich aber endlich wieder zu, nachdem sie ihm einige Worte gesagt hatte, die mir Vorwürfe zu sein schienen.

Als ich sah, daß die beiden beinahe angekleidet waren, ging ich leise auf mein Zimmer und sah aus einem Fenster heraus, von wo aus ich die Haustüre erblicken konnte.

Ich stand kaum einige Minuten auf der Lauer, als ich den glücklichen Liebhaber das Haus verlassen sah.

Ich ging wieder zu Bett. Ich hätte mich freuen sollen, daß mir meine Täuschung benommen war; dies war jedoch nicht der Fall, sondern ich war entrüstet und fühlte mich gedemütigt.

Mit dem Glauben an Lias Tugend war es nun natürlich vorbei; ich sah in ihr nur noch eine schamlose Prostituierte, die ich haßte.

Ich schlief endlich mit der Absicht ein, ihr am nächsten Morgen die schlüpfrige Szene zu beschreiben, die ich zufällig mit angesehen hatte, und sie dann aus dem Zimmer zu jagen.

Aber die Entschlüsse, die man im Zorn oder auch nur in einem Augenblick des Verdrusses faßt, halten meistens einem Schlaf von einigen Stunden nicht stand.

Als ich Lia lustig und liebenswürdig mit meiner Schokolade eintreten sah, gab ich meinem Gesicht ebenfalls einen freundlichen Ausdruck und beschrieb ihr mit großer Ruhe ihre nächtlichen Arbeiten oder vielmehr die letzte Stunde ihrer Orgie, im besonderen die Gruppe des arbre droit und das Verschlucken des Saftes. Zum Schluß sprach ich meine Hoffnung aus, daß sie mir in der nächsten Nacht dasselbe bewilligen werde, nicht nur um meine Liebe zu belohnen, sondern auch um sich meine Verschwiegenheit zu sichern.

Sie antwortete mir mit furchtloser Miene: »Hoffen Sie von mir keine Gefälligkeit! Ich liebe Sie nicht. Wenn Sie aus Rachsucht mein Geheimnis verraten wollen, so mögen Sie es tun. Ich bin überzeugt, Sie sind einer solchen schlechten Handlung nicht fähig.«

Mit diesen Worten drehte sie mir den Rücken zu und ging hinaus. über den eigentümlichen Charakter des Mädchens nachdenkend, mußte ich mir selber gestehen, daß sie recht hatte. Ich fühlte, daß ich wirklich einen häßlichen Streich begehen würde, wenn ich sie verriete; aber ich war weit entfernt davon, einen solchen zu begehen, und dachte bereits nicht mehr daran.

Sie hatte mich mit den vier Worten »Ich liebe Sie nicht« zur Vernunft gebracht. Hierauf ließ sich nichts erwidern. Wenn sie mich nicht liebte, hatte sie keine Verpflichtungen gegen mich, und ich konnte keine Ansprüche machen.

Im Gegenteil, mir schien, daß sie Grund hatte, sich über mich zu beklagen; denn welches Recht hatte ich, hinter ihr her zu spionieren? Noch weniger Recht hatte ich, sie zu beleidigen, indem ich Dinge enthüllte, die ich nur durch eine indiskrete und gar nicht zu entschuldigende Neugier hatte erfahren können. Ich konnte sie nicht beschuldigen, daß sie mich betrogen hätte. Worüber konnte ich mich also beklagen? Sie hatte über ihren Leib verfügt; aber gehörte ihr Leib nicht ihr? Und würde ich sie tadelnswert gefunden haben, wenn ich mich an der Stelle des vorgezogenen Liebhabers befunden hätte? Wenn ich alles mit gerechtem Urteil erwog, mußte ich schweigen.

Ich zog mich in aller Eile an und ging nach der Börse, wo ich erfuhr, daß am selben Tage eine Peote nach Fiume abging.

Fiume liegt am anderen Ufer des Meerbusens Ancona gegenüber. Von Fiume nach Triest sind zu Lande nur vierzig Miglien, ungefähr dreizehn französische Wegstunden; ich beschloß, auf diesem Wege nach meinem Bestimmungsort zu reisen.

Ich ging nach dem Hafen hinunter; besah mir die Peote und sprach mit dem Schiffer. Er sagte mir, wir würden mit dem Winde segeln und am anderen Morgen bereits im Angesicht der jenseitigen Küste sein.

Ich belegte für mich den besten Platz, machte dem Konsul einen Abschiedsbesuch, bezahlte Mardochai seine Rechnung und packte meine Koffer.

Als Lia von ihrem Vater hörte, daß ich am selben Tage absegelte, sagte sie mir, es sei ihr unmöglich, mir meine Wäsche, Spitzen und seidenen Strümpfe noch im Laufe des Tages abzuliefern; sie könnte jedoch am nächsten Tage alles fertig haben.

»Ihr Vater«, sagte ich mit der ruhigsten Miene, »kann alle diese Sachen dem venetianischen Konsul geben, der so freundlich sein wird, sie mir nach Triest zu schicken.«

Im Augenblick, wo ich mich zu Tisch setzte, kam der Schiffer mit einem Matrosen, um meine Sachen abzuholen. Ich gab ihm meinen Koffer, der bereits fertig war, und sagte ihm, das übrige würde ich mit an Bord bringen, sobald er absegeln wollte.

»Signore, ich denke eine Stunde vor Dunkelwerden in See zu stechen.«

»Ich werde bereit sein.«

Als Mardochai erfuhr, daß ich nach Fiume führe, bat er mich, eine kleine Kiste und einen Brief, den er noch schreiben würde, an einen Freund zu bestellen.

»Ich bin sehr erfreut, Ihnen diesen kleinen Dienst leisten zu können.«

Bei Tische setzte Lia sich zu mir, wie wenn gar nichts los wäre. Sie unterhielt sich mit mir wie sonst und fragte mich, ob ich dies gut fände oder ob jenes nach meinem Geschmack sei; meine einsilbigen Antworten brachten sie nicht im geringsten aus der Fassung, aber ihre Blicke wichen beständig meinen Augen aus.

Ich bildete mir ein, sie wünschte, daß ich ihr freies Benehmen für Geisteskraft, für philosophische Festigkeit, für ein edles Vertrauen halten sollte; ich sah jedoch in diesem allem weiter nichts als eine unerschütterliche Frechheit.

In diesem Augenblick empfand ich nur Haß gegen sie; denn sie hatte mich betrogen, indem sie mich entflammte, und sie hatte mich beleidigt, indem sie mir mit dürren Worten sagte, daß sie mich nicht liebte; ich verachtete sie, weil sie mir allem Anschein nach zu verstehen geben wollte, daß ich sie darum achten müsse, weil sie nicht errötete.

Vielleicht rechnete sie auf meine Dankbarkeit dafür, daß sie mir gesagt hatte, sie hielte mich nicht für fähig, ihrem Vater zu verraten, was ich gesehen hätte.

Sie begriff nicht, daß ich ihr für dieses Vertrauen zu keinem Dank verpflichtet war.

Nachdem sie ein Glas Scopolo geschlürft hatte, sagte sie mir, es seien von diesem Wein und von dem Muskateller noch etliche Flaschen vorhanden.

»Ich schenke sie Ihnen; Sie können sie benützen, um sich auf Ihre nächtlichen Arbeiten vorzubereiten.«

Sie erwiderte lächelnd, ich hätte umsonst einen Anblick gehabt, für den ich gewiß gerne mehrere Goldstücke bezahlt hätte, und ihr selber hätte die Sache so viel Vergnügen gemacht, daß sie mir diesen Anblick gern noch einmal verschafft hätte, wenn ich nicht so schnell abreiste.

Diese Frechheit ärgerte mich so, daß ich Lust bekam, ihr die vor mir stehende Karaffe an den Kopf zu werfen. Offenbar merkte sie meine Absicht, als ich nach der Flasche griff. Aber sie sah mir so ruhig und mutig ins Gesicht, daß ich nicht imstande war, diese schändliche Handlung zu begehen. Ich sagte ihr daher nur, sie sei die schamloseste Spitzbübin, die mir jemals begegnet sei, und goß mir hierauf mein Glas voll, wie wenn ich die Flasche nur zu diesem Zwecke ergriffen hätte.

Ich stand auf und ging in mein anderes Zimmer, denn ich konnte es nicht mehr aushalten; trotzdem kam sie eine halbe Stunde darauf mir nach, um mit mir Kaffee zu trinken.

Diese Beharrlichkeit schien mir im höchsten Grade beleidigend; ich beruhigte mich jedoch bei dem Gedanken, daß sie sich durch dieses Benehmen wahrscheinlich rächen wolle. Allerdings hatte sie sich ja eigentlich bereits genug gerächt, indem sie mir sagte, daß sie mich nicht liebte und indem sie mir dies bewies.

»Ich will Ihnen packen helfen,« sagte sie zu mir.

»Und ich,« antwortete ich ihr kalt, »ich bitte Sie, mich in Ruhe zu zu lassen.« Zugleich nahm ich ihren Arm, führte sie hinaus und machte die Tür hinter ihr zu.

Wir hatten beide recht. Lia hatte mich betrogen und gedemütigt, und darum hatte ich ein Recht, sie zu verabscheuen, denn ich hatte sie als falsch, heuchlerisch, lügenhaft und höchst unzüchtig erfunden; sie hatte ein Recht, mich zu hassen, und ich glaube, es wäre ihr nicht unangenehm gewesen, wenn ich irgendein Verbrechen an ihr begangen hätte; denn dann hätte ich sicherlich meine Entdeckungen bereuen müssen.

Niemals habe ich mich in größerer Aufregung befunden.

Gegen Abend holten zwei Matrosen meine übrigen Sachen ab; ich dankte meinem Wirte und sagte Lia mit gleichgültiger Miene, sie möchte meine Wäsche in Wachsleinwand packen und ihrem Vater übergeben. Dieser hatte sich mit der Kiste, die ich für ihn bestellen sollte, bereits nach der Peote begeben.

Wir segelten mit gutem Winde ab, und ich glaubte, ich würde Lia niemals wiedersehen. Wie man sehen wird, hat das Schicksal anders bestimmt.

Wir hatten einen kräftigen Wind im Rücken und machten zwanzig Miglien, ohne eine andere Bewegung des Schiffes, als ein Schaukeln von vorn nach hinten, was durchaus nicht unangenehm ist. Plötzlich trat eine völlige Windstille ein, und wir blieben auf dem Fleck, wo wir waren.

Solche plötzlichen Veränderungen des Windes sind auf dem Adriatischen Meere nichts Seltenes, besonders in jener Gegend, wo wir uns befanden.

Diese Windstille dauerte nur kurze Zeit, ein starker West-Nord- West wühlte hohe Wogen auf, und das Meer wurde so unruhig, daß unsere kleine, fast unbeladene Peote auf eine fürchterliche Art und Weise, die mich sehr krank machte, auf den Wellen zu tanzen begann.

Gegen Mitternacht war der Wind völlig umgeschlagen und blies uns so stark entgegen, daß wir uns in der größten Gefahr befanden. Der Schiffer sagte mir: wenn wir nicht kentern wollten, könnte er nichts anderes tun, als mit dem Winde nach Ancona zurücksegeln, denn wir könnten es nicht wagen, auf einen der istrischen Häfen zuzuhalten.

In weniger als drei Stunden waren wir glücklich wieder im Hafen von Ancona. Der wachthabende Hafenbeamte erkannte uns und war so gefällig, mich an Land gehen zu lassen.

Während ich dem Beamten meinen Dank aussprach, daß er mir erlaubte, mich in einem guten Bett auszuruhen, bemächtigten sich die Matrosen meines Gepäcks und brachten es, ohne mich zu fragen, zu Mardochai.

Dies war mir unangenehm, denn ich wollte ein Wiedersehen mit Lia vermeiden und hatte die Absicht gehabt, im nächsten besten Gasthof abzusteigen.

Indessen, es war nun einmal geschehen.

Mein Jude stand auf und sprach mir seine große Freude aus, daß er das Glück hätte, mich wiederzusehen. Es war drei Uhr vorbei: ich war sehr krank und wünschte mich unverzüglich zu Bett zu legen. Ich sagte ihm, ich würde spät aufstehen und wünschte allein und im Bett zu essen, sobald ich rufen würde; ich bäte um ein gewöhnliches Mittagessen ohne Gänseleber.

Obgleich ich mich wie gerädert fühlte, schlief ich zehn Stunden in einem Zuge; aber als ich aufwachte, verspürte ich einen gesunden Appetit und klingelte.

Die Magd kam herein und sagte mir, sie werde die Ehre haben und mich bedienen, weil Lia seit dem vorigen Tage mit heftigem Kopfweh zu Bett liege.

Ich antwortete ihr nicht, aber dankte in meinem Herzen der Vorsehung, daß mir der Anblick der gefährlichen Dirne erspart blieb. Ich fand das Mittagessen zu wenig reichlich, und da ich mich nach dem Essen viel besser fühlte, so sagte ich der Köchin, sie sollte mir ein gutes Abendessen zurecht machen.

Das Wetter war fürchterlich.

Der venetianische Konsul hörte, daß ich wieder zurückgekehrt wäre, und als er mich nicht in seinem Hause sah, vermutete er, daß der Sturm mich krank gemacht hätte, und brachte zwei Stunden bei mir zu. Er versicherte mir, das schlechte Wetter werde mindestens acht Tage dauern. Diese Mitteilung war mir im höchsten Grade unangenehm, teils Lias wegen, die ich unmöglich während eines so langen Zeitraumes vermeiden konnte, teils aber auch, weil ich kein Geld mehr hatte. Glücklicherweise besaß ich Wertgegenstände, und dieser zweite Punkt beunruhigte mich daher weniger.

Ich fürchtete, Lia würde zum Abendessen kommen. Da sie jedoch nicht erschien, so glaubte ich, sie würde überhaupt nicht mehr kommen. Dafür war ich ihr dankbar, denn ich hielt ihre Krankheit nur für vorgeschützt, um ein Wiedersehen mit mir zu vermeiden. Ich fühlte mich infolgedessen viel weniger zornig auf sie; meine Vermutungen hatten jedoch keine innere Berechtigung.

Am anderen Morgen kam sie, wie gewöhnlich, und verlangte von mir Schokolade, um mein Frühstück zurecht zu machen; ihr Gesicht trug jedoch nicht mehr den Ausdruck von Zufriedenheit und Ruhe, der ihr so natürlich stand, oder den sie so gut zu heucheln wußte.

»Ich werde Kaffee trinken, mein Fräulein, und da ich keine Gänseleber mehr zu essen wünsche, so werde ich allein speisen. Sie können daher Ihrem Vater sagen, daß ich ihm nur sieben Paoli für den Tag bezahlen werde. Außerdem werde ich von jetzt an nur noch Orvietowein trinken.«

»Sie haben noch vier Flaschen Scopolo- und Zypernwein.«

»Ich nehme niemals wieder, was ich einmal gegeben habe; diese Flaschen gehören Ihnen. Sie tun mir einen Gefallen, wenn Sie sich entfernen und wenn Sie so wenig wie möglich in mein Zimmer kommen. Denn Ihre Gefühle und Ihre Bemerkungen sind darnach angetan, die Geduld eines Sokrates zu erschöpfen, und ich bin kein Sokrates. Außerdem empört Ihr Anblick mich. Ihr Äußeres hat nicht mehr die Macht, meine Augen zu blenden, und Ihr schöner Leib vermag nicht, mir den Gedanken fern zu halten, daß er die Seele eines Ungeheuers umschließt. Seien Sie überzeugt, daß die Matrosen mein Gepäck ohne meine Einwilligung hierher gebracht haben; sonst hätten Sie mich niemals wieder in Ihrem Hause gesehen, wo ich eine Todesangst ausstehe, daß man mich vergiften wird.«

Lia ging hinaus, ohne mir zu antworten, und ich fühlte mich überzeugt, daß sie nach meiner wenig schmeichelhaften Ansprache sich hüten würde, wieder vor mir zu erscheinen.

Die Erfahrung hatte mich gelehrt, daß Mädchen von Lias Charakter nicht selten sind. Ich hatte solche in Spaa, in Genua, in London und sogar in Venedig gekannt; aber diese Israelitin übertraf alles, was ich bis dahin in dieser Art kennen gelernt hatte.

Es war Samstag. Mardochai fragte mich nach seiner Rückkehr von der Synagoge mit lachendem Gesicht, warum ich denn seine Tochter gekränkt hätte; sie hätte ihm geschworen, sie hätte mir durchaus keinen Anlaß gegeben, mich über sie zu beklagen.

»Ich habe sie durchaus nicht gekränkt, mein lieber Mardochai; wenigstens ist dies durchaus nicht meine Absicht gewesen. Aber ich muß Diät halten und habe ihr daher gesagt, daß ich keine Gänseleber mehr wünsche; die Folge davon ist, daß ich allein essen und täglich drei Paoli sparen kann.«

»Lia ist bereit, mir diese drei Paoli aus ihrer Tasche zu bezahlen; sie will mit Ihnen speisen, um Ihnen zu beweisen, daß Sie keine Furcht zu haben brauchen, bei uns vergiftet zu werden. Sie hat mir nämlich gesagt, daß Sie dies befürchten.«

»Das war ein Scherz, den Sie natürlich nicht ernst nehmen dürfen; ich weiß sehr wohl, daß ich im Hause eines ehrlichen Mannes bin. Aber Ihre Tochter ist dumm, weil sie zu klug ist. Sie braucht keine drei Paoli zu bezahlen, denn ich habe es nicht nötig, dieses Geld zu sparen. Um Ihnen dies zu beweisen, werde ich sechs bezahlen, aber unter der Bedingung, daß Sie ebenfalls mit mir essen. Lias Anerbieten, drei Paoli für mich zu bezahlen, ist eine Unverschämtheit. Mit einem Wort, mein Lieber: entweder esse ich allein und bezahle Ihnen täglich sieben Paoli, oder ich bezahle dreizehn und esse mit Vater und Tochter. Das ist mein letztes Wort.«

Der gute Mardochai entfernte sich mit der Bemerkung, er habe nicht den Mut, mich allein essen zu lassen.

Zum Mittagessen stand ich auf. Ich sprach bei Tisch nur mit Mardochai, sah Lia nicht an und lachte nicht ein einziges Mal über die witzigen Bemerkungen, die sie von Zeit zu Zeit losließ, um meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ich trank nur Orvietowein.

Beim Nachtisch füllte Lia mein Glas mit Scopolowein und sagte mir, wenn ich diesen nicht tränke, würde sie ihn auch nicht mehr trinken.

Ohne sie anzusehen, antwortete ich ihr: wenn sie vernünftig wäre, würde sie stets nur Wasser trinken, und ich wolle nichts aus ihrer Hand empfangen.

Mardochai, der den Wein liebte, lachte, sagte, ich hätte recht, und trank für drei.

Da das Wetter schlecht war, brachte ich den Rest des Tages mit Schreiben zu; nachdem ich zu Abend gegessen hatte, wobei mich die Magd bediente, legte ich mich zu Bett und schlief ein.

Ich lag im ersten Schlummer, als ich von einem kleinen Geräusch geweckt wurde.

»Wer ist da?« rief ich.

»Ich«, sagte Lia leise; »ich will Sie nicht beunruhigen, sondern möchte mich nur eine halbe Stunde mit Ihnen unterhalten, um mich zu rechtfertigen.«

Mit diesen Worten legte sie sich neben mich, aber auf die Bettdecke.

Dieser unerwartete Besuch, der so wenig zu dem Charakter des eigentümlichen Mädchens zu passen schien, freute mich; denn da ich nur Gefühle der Rache gegen sie hegte, fühlte ich mich sicher, daß ich nicht den Listen erliegen würde, die sie vielleicht aufbieten würde, um einen Sieg davon zu tragen, den sie gewiß nur erstrebte, um sich für meine Kälte zu rächen. Weit entfernt, sie schroff zurückzuweisen, sagte ich ihr ziemlich freundlich, ich hielte sie für gerechtfertigt und bäte sie, sich zu entfernen, da ich der Ruhe bedürftig wäre.

»Ich werde mich erst entfernen, wenn Sie mich angehört haben.«

»So sprechen Sie denn; ich höre.«

Hierauf begann sie eine Rede, die eine gute Stunde dauerte, und die ich nicht ein einziges Mal unterbrach.

War es nun die Kunst ihrer Beredsamkeit oder war es Macht des Gefühls, das sie mit einer herrlichen Stimme zum Ausdruck brachte – genug, ihre Rede machte Eindruck auf mich. Zunächst gestand sie all ihr Unrecht ein; dann aber sagte sie, in meinem Alter und mit meiner Erfahrung müßte ich einem achtzehnjährigen jungen Mädchen verzeihen, daß es, von einem glühenden Temperament und von einer unwiderstehlichen Neigung zu den Freuden der Liebe fortgerissen, nicht imstande gewesen wäre, auf die Stimme der Vernunft zu hören. Dieser verhängnisvollen Schwäche müßte ich alles verzeihen, sogar ein Verbrechen; denn selbst wenn sie sich eines solchen schuldig machen sollte, so geschähe es nur, weil sie sich selber nicht in der Gewalt hätte.

»Ich schwöre Ihnen, daß ich Sie liebe!« rief sie. »Ich würde Ihnen dieses auf die unzweideutigste Weise bewiesen haben, wenn ich nicht unglücklicherweise in einen jungen Christen verliebt wäre, eben jenen, den Sie bei mir gesehen haben; er ist ein armer Schlucker, ein Wüstling, liebt mich nicht und läßt sich von mir bezahlen. Trotz meiner Liebe und meiner glühenden Leidenschaft habe ich ihm niemals bewilligt, was ein Mädchen nur einmal verlieren kann. Seit sechs Monaten hatte ich ihn nicht gesehen, und Sie sind schuld daran, daß ich ihn in jener Nacht kommen ließ; denn Sie hatten mit Ihren Bildern und Ihren Likörweinen meinen Leib in Flammen gesetzt.«

Der Schluß dieser ganzen Verteidigungsrede lief darauf hinaus, daß ich ihr ihren Seelenfrieden wiedergeben müßte, indem ich ihr während der leider nur zu wenigen Tage, die ich noch bei ihr bleiben würde, meine ganze Neigung wieder schenkte.

Als sie ausgeredet hatte, gestattete ich mir nicht den geringsten Einwurf. Ich tat, wie wenn ich überzeugt wäre, versicherte ihr, daß ich anerkennen müßte, unrecht getan zu haben, indem ich ihr die geilen Bilder zum Aretino gezeigt hätte, und sagte, es täte mir sehr leid, daß sie das Unglück hätte, ihrem Temperament nicht widerstehen zu können. Ich schloß mit dem Versprechen, daß sie in meiner Haltung keine Spur von Groll mehr bemerken würde.

Da diese meine Erklärung nicht auf das hinauslief, was die Spitzbübin wünschte, fuhr sie fort, von der Schwäche des Fleisches zu sprechen oder von der Macht des Selbstgefühls, das gar oft der zärtlichsten Neigung Hindernisse in den Weg lege und ein Herz zwinge, gegen seine eigenen teuersten Interessen zu handeln usw. Sie wollte mich überzeugen, daß sie mich liebte und daß sie sich mir nur deshalb vorenthalten hätte, um meine Liebe stärker zu machen und meine Achtung zu gewinnen. Ich sollte überzeugt sein, daß ihre Natur sie gezwungen hätte, so zu handeln, und daß es nicht ihre Schuld wäre, wenn sie mir nicht alles bewilligt hätte.

Wie viel hätte ich ihr antworten können! Wie leicht hätte ich ihre Gründe widerlegen können! Ich hätte ihr sagen können, daß ich sie gerade wegen ihrer abscheulichen Naturanlage hassen müsse; aber ich hütete mich wohl, dies zu tun. Ich wollte sie nicht zur Verzweiflung bringen. Ich sah wohl, worauf sie hinaus wollte, und es galt nun, ihren vorauszusehenden Angriff abzuwarten, um sie durch dessen Zurückweisung auf das tiefste zu demütigen. Dieser Angriff, den ich so nahe geglaubt hatte, kam jedoch nicht. Sie machte nicht die geringste Bewegung mit ihren Händen und kam mir nicht ein einziges Mal mit ihrem Gesicht zu nahe.

Ohne Zweifel wurde sie endlich des Kampfes müde, den sie seit zwei Stunden mit sich selber zu führen hatte. Wider mein Erwarten ging sie plötzlich hinaus, indem sie mir gute Nacht wünschte.

Als sie fort war, wünschte ich mir Glück, daß ihre Verführungsversuche nicht über Worte hinausgegangen waren; denn sie hatte mich in einen solchen Zustand versetzt, daß ein körperlicher Angriff ihr vielleicht einen vollständigen Sieg verschafft hätte, obwohl wir im Dunkeln waren. Gerade ein sehr starker Mann ist in solchen Fällen außerordentlich schwach.

Ich darf nicht vergessen, zu erwähnen, daß ich ihr, bevor sie ging, versprechen mußte, mir von ihr wie früher meine Schokolade machen zu lassen.

Am anderen Morgen kam sie in aller Frühe, um eine Tafel Schokolade zu holen. Sie war äußerst mangelhaft bekleidet und ging auf den Fußspitzen, wie wenn sie mich aufzuwecken befürchtete. Sie hätte aber bloß einen Blick nach meinem Bett zu werfen brauchen, um zu sehen, daß ich nicht schlief.

Ich sah also, daß sie immer noch ebenso falsch und listig war, und nahm mir von neuem ganz fest vor, ihr in keiner Weise entgegenzukommen.

Als sie mir meine Schokolade brachte, sah ich zwei Tassen auf dem Anrichtebrett und sagte: »Es ist also nicht wahr, daß Sie die Schokolade nicht lieben?«

»Ich halte mich für verpflichtet, Ihnen jede Furcht der Vergiftung zu benehmen.«

Sehr bezeichnend fand ich es auch, daß sie ein Kleid angezogen hatte und den Busen bedeckt trug, während sie eine halbe Stunde vorher in Hemd und Unterrock mit völlig nackter Brust gekommen war.

Je mehr ich aber sah, daß sie mich durch ihre Reize ködern wollte, desto fester wurde mein Entschluß, sie durch Gleichgültigkeit zu demütigen.

Wenn ich nicht siegte, so war dies für mich eine große Schande, und bei dem Gedanken daran verspürte ich einen eisig kalten Schauder.

Trotz meinen festen Vorsätzen begann Lia mich beim Mittagessen von neuem zu verführen; denn sie ließ gegen meinen Befehl eine schöne Gänseleber auftragen und sagte, diese sei für sie allein, und wenn sie dadurch vergiftet würde, so wollte sie mit Vergnügen sterben. Mardochai konnte der Versuchung des leckeren Gerichtes nicht widerstehen und sagte, er wolle ebenfalls sterben, hierauf langte er ganz gehörig zu.

Ich mußte gegen meinen Willen lachen und rief: »Dann wollen wir alle drei sterben!«

»Ihre Entschlüsse«, sagte Lia, »sind nicht stark genug, um der Verführung standzuhalten.«

Diese Bemerkung ärgerte mich, und ich antwortete ihr: wenn sie sich zu viele Blößen gäbe, so wäre das sehr geistreich, aber weniger klug; sie würde sehen, daß ich stark genug sein würde, um standhaft zu bleiben.

Ein feines Lächeln kräuselte ihre Lippen.

»Versuchen Sie es nur,« rief ich, »mich dazu zu bringen, daß ich Scopolo oder Muskateller trinke. Ich hätte allerdings diese Weine getrunken, wenn Sie mir nicht die Schwäche meiner Entschlüsse vorgeworfen hätten. Ich werde Sie überzeugen, daß diese unerschütterlich sind.«

»Wer immer standhaft bleibt, ist allerdings stark,« sagte Lia; »liebenswürdig aber ist der Mensch, der sich oft besiegen zu lassen weiß.«

»Das will ich zugeben, aber Sie werden begreifen, daß ein liebenswürdiges Mädchen einem Manne niemals die Schwächen vorhält, zu denen sie selber ihn veranlaßt.«

Ich rief die Magd und schickte sie zum venetianischen Konsul, um mir Scopolo und Muskateller zu holen. Lia war außer sich vor Freude, aber sie ärgerte mich abermals, indem sie vor Begeisterung ausrief: »Ich gebe mit Freuden zu, daß Sie der liebenswürdigste aller Männer sind.«

Mardochai, der nichts von dem Sinn unserer Worte begriff, aß und trank lachend und war sehr zufrieden.

Am Nachmittag ging ich trotz dem scheußlichen Wetter in ein Kaffeehaus. Indem ich an Lia dachte, hielt ich es für sicher, daß sie gleich in der nächsten Nacht den Angriff erneuern würde und daß dieser, ihrem Charakter entsprechend, noch stärker sein würde als in der vorhergehenden Nacht. Ich wollte nicht unterliegen, aber ich fürchtete, daß meine Manneskraft mich schwach machen würde, und beschloß, diese zu schwächen, wenn ich ein einigermaßen erträgliches Frauenzimmer finden könnte, um bei dieser den Überschuß meiner Kraft los zu werden.

Zu diesem Zwecke ließ ich mich von einem Griechen, der mir einige Tage vorher ein Haus gezeigt hatte, das mir nur Ekel verursacht hatte, nach einem anderen Hause führen, wo eine geschmacklos herausgeputzte, über und über geschminkte Griechin mir einen solchen Widerwillen einflößte, daß ich beim ersten Anblick davonlief.

Ich ärgerte mich, daß in einer Stadt wie Ancona ein einigermaßen zartfühlender Mensch nicht für sein gutes Geld ein so gebieterisches Bedürfnis befriedigen konnte, aber es blieb mir nichts anderes übrig, als nach Hause zu gehen. Nachdem ich allein, wie immer, zu Abend gegessen hatte, schloß ich meine Tür zu, was ich bis dahin nur zweimal getan hatte, und begann mich auszuziehen.

Diese Vorsicht war jedoch zwecklos.

Wenige Augenblicke später klopfte Lia an meine Tür unter dem Verwande, daß ich vergessen hätte, ihr die Schokolade zu geben.

Ich öffnete und gab ihr die Schokolade; hierauf bat sie mich, meine Türe offen zu lassen: »Ich habe Ihnen Wichtiges zu sagen, und es wird das letzte Mal sein.«

»Sie können mir jetzt sagen, was Sie von mir wünschen.«

»Nein, es ist ein bißchen lang, was ich Ihnen zu sagen habe und, ich kann erst kommen, wenn alle Leute im Hause eingeschlafen sind. Aber sie haben nichts zu befürchten, denn Sie wissen sich ja zu beherrschen. Sie können sich ruhig zu Bett legen, da ich Ihnen ja nicht mehr gefährlich bin.«

»Nein, gefährlich sind Sie ganz gewiß nicht, und um Ihnen dies zu beweisen, werde ich meine Türe offen lassen.«

Ich war fester denn je entschlossen, alle ihre Listen zuschanden zu machen; deshalb ließ ich meine Kerzen brennen, denn wenn ich sie ausgelöscht hätte, so hätte sie vielleicht glauben können, daß ich mich vor ihr fürchtete, und das wollte ich nicht, übrigens mußte bei Licht mein Triumph und ihre Niederlage um so vollkommener sein. Ich legte mich zu Bett.

Um elf Uhr kündigte ein leises Geräusch mir an, daß der Augenblick des Kampfes da war. Ich sah Lia eintreten. Sie war nur mit ihrem Hemd und einem dünnen Unterröckchen bekleidet. Leise schob sie den Riegel vor die Tür, und als ich sie fragte: »Nun? Was wollen Sie mir denn sagen?« kam sie in das Bettgäßchen, ließ Unterrock und Hemd fallen, hob meine Decke auf und legte sich, wie eine Venus, die eben aus dem Bade kommt, an meine Seite.

Ich war zu überrascht und zu aufgeregt, um sie zurückstoßen zu können.

Lia, ihrer Sache sicher, sprach keinen Ton, warf sich auf mich, drückte mich gegen ihren Busen und preßte ihren Mund auf meine Lippen. Augenblicklich waren alle meine Kräfte gelähmt mit Ausnahme gerade jener, die ich hatte schlummern lassen wollen.

In einem kurzen Augenblick, den ihre heißen Liebkosungen mir zum Nachdenken frei ließen, erkannte ich, daß ich ein anmaßender Tor war, daß Lia sehr klug war und daß sie die menschliche Natur unendlich besser kannte als ich.

Sofort wurden meine Liebkosungen ebenso stürmisch wie die ihrigen; ich verschlang mit meinen Küssen ihre beiden Halbkugeln von Alabaster und Rosen und verhauchte mein Leben am Eingang zum Heiligtum der Liebe, das ich zu meiner großen Überraschung unverletzt fand. Ich war überzeugt, daß ich das Schloß nur mit Gewalt sprengen konnte.

Nach einem kurzen Schweigen sagte ich zu ihr: »Teure Lia, du zwingst mich, dich anzubeten; aber wie hast du nur verlangen können, daß ich dich hassen sollte? Wäre es möglich, daß du dich nur in meine Arme geworfen hättest, um mich zu demütigen, um einen nichtigen und flüchtigen Sieg zu erlangen? Wenn du dies gedacht hast, so verzeihe ich dir, aber du hast unrecht; der Genuß, glaube mir, ist tausendmal köstlicher als das Vergnügen, das deine Rache dir vielleicht machen kann.«

»Nein, mein Freund, ich bin hier nicht, um zu triumphieren, um mich zu rächen, um einen Sieg zu erringen, dessen ich mich schämen müßte; ich bin hier nur, um mich dir ganz und gar hinzugeben, um dich zu meinem Sieger und zu meinem unumschränkten Gebieter zu machen. Um mir dies zu beweisen, mache mich, bitte, ganz glücklich!! Sprenge die Schranke, die ich bis zu diesem Augenblick trotz ihrer Schwäche und meiner Glut unversehrt erhalten habe; und wenn du trotz dem Opfer, das ich dir bringe, noch an der Aufrichtigkeit meiner Zärtlichkeit zweifelst, so muß ich in dir den boshaftesten aller Menschen sehen.«

Niemals hatte ich eine so kräftige und zugleich so wollüstige Sprache gehört. Ich ging ans Werk. Sanft wie ein Lamm half sie mir nach besten Kräften. Ich sprengte das Schloß und konnte auf Lias schönem Gesicht eine seltsame Mischung von heftigem Schmerz und vollständiger Wollust beobachten. Ich fühlte, wie in der ersten Ekstase ihr ganzer Leib von Lust und Wonne zitterte.

Der Genuß, der mir zuteil wurde, erschien mir völlig neu. Ich fühlte mich wieder kräftig wie vor zwanzig Jahren, aber ich besaß das verständige Zartgefühl meines Alters und beschloß daher, meinem Genuß erst dann den Höhepunkt erreichen zu lassen, wenn ich es durchaus nicht länger zurückhalten könnte. So sparte ich meine Kräfte, indem ich Lia schonte, die ich bis morgens drei Uhr an mich gepreßt hielt. Als ich sie losließ, war sie von Wollust überströmt und völlig erschöpft, und auch ich konnte nicht mehr.

Sie verließ mich voller Dankbarkeit und nahm die vom Opferblut besprengten Bettücher mit. Ich aber schlief in einem Zuge bis zu Mittag.

Als ich sie bei meinem Erwachen mit dem süßen Ausdruck befriedigter Liebe auf dem Gesicht vor mir erscheinen sah, betrübte mich der Gedanke an meine baldige Abreise; ich sprach ihr meine Gefühle aus, und sie bat mich, meine Abreise so lange wie möglich hinauszuschieben. Ich sagte ihr, wir würden das während der nächsten Nacht in Ordnung bringen.

Hierauf hatten wir ein köstliches Mittagessen. Seitdem Mardochai mein Tischgenosse geworden war, setzte er seinen Stolz darein, mir zu zeigen, daß er nicht geizig war.

Ich verbrachte den Nachmittag beim Konsul und verabredete mit ihm, daß ich auf einem neapolitanischen Kriegsschiff segeln sollte, das nach Beendigung der Quarantäne nach Triest fahren mußte.

Diese Abmachung nötigte mich, noch einen vollen Monat in Ancona zu bleiben, und ich segnete den Sturm, der mich wider meinen Willen in den Hafen zurückgeführt hatte.

Ich gab dem Konsul die goldene Tabaksdose, die ich vom Kurfürsten von Köln erhalten hatte, jedoch ohne das Porträt, denn dieses wollte ich behalten. Drei Tage darauf gab er mir ungefähr vierzig goldene Zechinen dafür. Das war alles, was ich brauchte.

Mein Aufenthalt in dieser Stadt kostete mir sehr viel Geld in Anbetracht meiner damaligen Mittel. Als ich jedoch Mardochai sagte, daß ich noch einen Monat bei ihm bleiben werde, erklärte er mir mit aller Bestimmtheit, er wolle mir nicht mehr zur Last fallen. Wie man sich denken kann, bestand ich nicht darauf. So blieb mir also nur noch Lia.

Ich habe immer geglaubt – vielleicht allerdings mit Unrecht – daß es dem Juden nicht unbekannt war, daß seine Tochter mir ihre Huld schenkte.

In dieser Hinsicht find die Juden im allgemeinen nicht heikel; denn da die Frucht, die ein solches Verhältnis vielleicht trägt, unter allen Umständen israelitisch bleibt, so sind sie der Meinung, daß sie einen Christen betrügen, wenn sie ihn gewähren lassen.

Ich wollte meine teure Lia nicht in die Lage bringen, daß sie unsere Vereinigung bereuen müßte.

Wie dankbar, wie zärtlich war sie, als ich ihr sagte, daß ich noch einen ganzen Monat bei ihr bleiben würde! Wie segnete sie das schlechte Wetter, das mich verhindert hatte, nach Fiume zu kommen!

Wir schliefen alle Nächte beieinander, sogar in jenen Nächten, während welcher Moses bei Strafe des Fluches den Frauen verboten hat, sich der Liebe hinzugeben.

Ich schenkte dem reizenden Mädchen das kleine goldene Herz, das unsere ersten Gespräche über Liebe veranlaßt hatte; es mochte etwa zehn Zechinen wert sein; sie weigerte sich jedoch, irgendeine Belohnung dafür anzunehmen, daß sie mir sechs Wochen lang meine Wäsche besorgt hatte. Außerdem nötigte sie mich, herrliche indische Taschentücher von ihr zum Geschenk anzunehmen. Sechs Jahre später habe ich diese reizende Frau in Pesaro wiedergesehen; ich werde davon sprechen, wenn wir so weit sind.

Am 14. November fuhr ich von Ancona ab und am 15. befand ich mich in Triest im Albergo Grande.

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.