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Erinnerungen

Giacomo Casanova: Erinnerungen - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorCasanova
titleErinnerungen
volume6
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20050616
projectid3af5d606
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Zwanzigstes und einundzwanzigstes KapitelDiese beiden Kapitel waren bisher ganz unbekannt, da sie in der edition originale fehlten; sie sind inzwischen aufgefunden und im August und September 1906 von Octave Uzanne in der Pariser Monatsschrift veröffentlicht worden. Näheres darüber im Anhang zu diesem Bande.

Am Faschingssonntag nach der Oper ergab Armellina, von Scolasticas Beispiel fortgerissen, sich meiner Zärtlichkeit; am letzten Tage des Karnevals erfreute ich mich ihrer Gesellschaft noch einmal, und zwar zum letzten Male, nachdem ich als Pierrot verkleidet, zu Pferde auf dem Korso herumgeritten war, wo ich von keinem Menschen erkannt zu werden glaubte. Aber ich hatte mich geirrt. Ich hielt vor einem Triumphwagen an und war höchst überrascht, als ein als alter römischer Krieger verkleideter Herr die Zügel meines Pferdes mit der Linken festhielt und mit der Rechten einer neben ihm sitzenden weiblichen Maske, die als Königin gekleidet war, eine Feder und ein Stück Papier gab. Die Königin schrieb und reichte das Papier dem Krieger, der es mir gab, indem er zu gleicher Zeit den Zügel meines Pferdes losließ. In demselben Augenblick spielte die Musik einen Marsch, und alle Masken des Wagens warfen Hände voll Zuckerkonfetti auf mich. Hierauf folgte der Wagen der voranmarschierenden Musik. – Ich glaubte, der Zettel enthielte einen Scherz der gewöhnlichen Art; als ich ihn jedoch las, fand ich zu meiner Überraschung folgende Verse:

Pierrot audacieux, tremble! voici ton sort:
Je t'ai sauvé de Muran à Venise;
Mais cette nuit, je de condamme à mort,
Tu rendras l'âme en changeant de chemise.

Ich erriet sofort, daß der Krieger nur der Kardinal Bernis sein konnte, und daß die Königin seine schöne Fürstin sein mußte. Nur er konnte mich an Vorfälle erinnern, die sich vor siebzehn Jahren abgespielt hatten. Die Improvisation mußte daher von ihm herrühren. Ich verließ den Korso, ritt vor die Tür eines Kaffeehauses und schrieb dort vier Verse, mit denen ich auf den Korso zurückkehrte, um sie der Königin zu übergeben. Sie lauteten:

Je signe à ta sentence, adorable déesse;
Mais de ma sort laisse-moi donc le choix.
Mon crime en bon chrétien au guerrier je confesse:
J'expirerai content, mais sur la sainte croix.

Am zweiten Tage der Fasten erhielt ich von der Oberin alle notwendigen Papiere, um Scolasticas Heirat in Ordnung zu bringen. Die Fürstin und der Kardinal verwendeten sich so nachdrücklich für sie, daß sie kurz nach Ostern das Kloster verließ und sich verheiratete.

Am ersten Sonntag der Fastenzeit gab die Marquise d'Août mir und dem Florentiner ein Diner. Dieser erklärte mir, daß er ernstliche Absichten auf Armellina habe, und es kostete ihm keine große Mühe, mich zu überreden, beim Abschluß dieser Angelegenheit Vaterstelle an dem jungen Mädchen zu vertreten. In acht Tagen brachte ich alles in Ordnung. Er setzte ihr eine Mitgift von zehntausend Scudi aus, die er auf der Bank des Heiligen Geistes hinterlegte. Nach Ostern heiratete er sie und reiste mit ihr nach Florenz und von dort nach England, wo sie noch jetzt glücklich lebt.

Bei dieser Gelegenheit stellte ich mich dem Kardinal Orsini vor. Er war Princeps der Akademie der Unfruchtbaren und verschaffte mir die Ehre, Mitglied derselben zu werden. Er forderte mich auf, für die erste Versammlung, die am Karfreitag stattfinden sollte, eine Ode auf das Leiden Jesu Christi zu verfassen. Um diese Ode zu dichten, entschloß ich mich einige Tage auf dem Lande zu verbringen und wählte Frascati, wo ich als Einsiedler leben zu können glaubte. Ich hatte Mariuccia mein Wort gegeben, ihr einen Besuch zu machen. Sie hatte mir versichert, daß ich mich freuen würde, ihre Familie kennen zu lernen, und ihre Worte hatten mich neugierig gemacht. Drei Wochen vor Ostern reiste ich ab; ich kam in der Dämmerung in Frascati an, und als ich am nächsten Morgen einen Perückenmacher holen ließ, sah ich Mariuccias Mann vor mir, der mich sofort erkannte. Er sagte mir, er habe einen Kornhandel, mache sehr gute Geschäfte und betreibe sein Gewerbe als Friseur nur zu seinem Vergnügen. Hierauf bot er mir ein Zimmer an und lud mich ehrerbietig zum Essen ein. Ich war sehr überrascht, als er mir sagte, er werde mir meine Tochter vorstellen, die er in der Taufe Giacomina genannt habe. Ich hielt es nicht für angebracht, eine solche Möglichkeit zuzugeben, sondern lachte und sagte ihm, es sei nicht möglich; er antwortete mir aber kaltblütig, ich würde selber die Nichtigkeit seiner Behauptung zugeben, wenn ich das Mädchen sähe. Natürlich wurde ich nun sehr neugierig: schon wieder eine Geschichte, die recht eigentümliche Folgen haben konnte. Jedenfalls konnte aber das Mädchen nur ein Kind von neun oder zehn Jahren sein, und meine Vaterschaft mußte sehr zweifelhaft sein, denn der Friseur hatte Mariuccia vier Wochen nach meiner ersten zärtlichen Unterhaltung mit ihr geheiratet.

Als ich dann aber beim Mittagessen das Gesicht des Mädchens sah, war ich betroffen. Sie hatte alle meine Züge, nur zur Schönheit verfeinert, und war viel schöner als meine Sophie, die ich bei ihrer Mutter, Teresa Pompeati, in London zurückgelassen hatte.

Giacomina war sehr groß für ihr Alter und sehr gut gewachsen. Ich beachtete sie nur wenig, aber ich bemerkte, daß sie mich schweigend sehr aufmerksam musterte. Ich benutzte den ersten günstigen Augenblick, um Mariuccia zu fragen, mit welchem Grunde ihr Mann mir habe sagen können, daß Giacomma meine Tochter sei, und sie antwortete mir in einem Ton, wie wenn das etwas ganz Selbstverständliches wäre: er sei dessen ebenso sicher wie sie selber. Dies hindere ihn aber nicht, Giacomina mehr zu lieben als alle ihre anderen Kinder.

»Aber die Kleine weiß doch nicht, daß sie nicht die Tochter deines Mannes ist?«

»Selbstverständlich nicht. Solche Geheimnisse vertraut man doch keinem Kinde an.«

Ich fand Mariuccias Haus sehr sauber, und da das Zimmer, das ihr Gatte mir anbot, mir gefiel, so erklärte ich mich damit einverstanden, daß er meine Koffer aus dem Gasthof hinüberschaffen ließ.

Als wir miteinander allein waren, sagte Mariuccia mir, ich würde mit einer Frau speisen, die noch Jungfer wäre. Man nenne sie Signora Veronica, und sie leite eine Zeichenschule, die von Giacomina besucht werde. »Giacomina macht ganz erstaunliche Fortschritte«, sagte sie. »Veronica wird mit ihrer angeblichen Nichte kommen; das Mädchen ist hübsch und sehr geschickt und Giacominas beste Freundin; sie ist dreizehn Jahre alt. Ihre Tante kennt dich noch viel besser als deinen Bruder Zanetto. Wir haben viel von dir gesprochen, und sie wird angenehm überrascht sein, wenn sie dich sieht.«

Sie war allerdings überrascht, als sie mich erblickte, aber nicht so sehr wie ich, als ich ihre Nichte sah, die meinem Bruder auf eine höchst indiskrete Art ähnelte. Ich erriet alles. Signora Veronica, die bei Tisch neben mir saß, erzählte mir, das junge Mädchen sei die Tochter ihrer verstorbenen Schwester; nach Tisch aber sagte sie mir, ich würde ihr Schwager sein, wenn mein Bruder ein Ehrenmann gewesen wäre. Sie konnte nicht deutlicher sprechen, um mich sofort auf den Gedanken zu bringen, daß ihre angebliche Nichte ihre Tochter und daß ich selber deren Oheim war. Als ich diese Nachricht hörte, fühlte ich mich sofort entschlossen, diese Nichte zu lieben, und ich fand es spaßhaft und außerordentlich, daß eine gewisse Rachsucht mich zu dieser Liebelei trieb. Kennern der Natur, die gelehrter sind als ich, überlasse ich es, derartige Erscheinungen zu erklären. Meine hübsche Nichte hieß Guglielmina, und während des Essens fand ich immer mehr, daß sie reizend war. Giacomina sprach nur sehr wenig, aber sie schien mir viel zu denken. Nach Tisch ging ich allein in den Park der Villa Ludovisi, um einen Spaziergang zu machen.

Welche Gedanken strömten auf mich ein, als ich mich wieder an dem Ort sah, den ich vor siebenundzwanzig Jahren mit Donna Lucrezia besucht hatte! Der Ort war noch da, und ich fand ihn noch schöner als früher; ich selber war aber nicht nur nicht mehr der gleiche, sondern ich fand auch meine Kräfte in jeder Beziehung herabgemindert, ausgenommen allein meine Erfahrung, die mir aber keinen Ersatz bieten konnte. Daß ich meine Vernunft besser zu brauchen wußte als früher, war ein erbärmlicher Gewinn, denn die Anwendung dieser Gabe führte mich nur zur Traurigkeit, der unbarmherzigen Mutter der Gedanken an den Tod, dem wie ein Stoiker ins Auge zu sehen ich nicht die Kraft hatte. Zu dieser Selbstüberwindung bin ich niemals imstande gewesen und werde ich nie imstande sein. Diese Schwachheit hat mich niemals feige gemacht, trotzdem aber habe ich ihre Ursache verabscheut und habe niemals begreifen können, wie ein denkender Mensch gleichgültig gegen den Tod sein kann.

Wie immer scheuchte ich diese düsteren Gedanken von mir, indem ich mir sagte, daß ich mit Ausnahme der Corticelli alle von mir geliebten Mädchen glücklich gemacht hatte. Lucia von Paseano hatte nur darum ein Ende in Schmach und Schande gefunden, weil ich sie aus einem von meiner Erziehung herrührenden Vorurteil geschont hatte. Sie fiel einem erbärmlichen Lakaien zur Beute, der sie in den Abgrund stürzen mußte.

Als es dämmerig wurde, ging ich nach Hause, wo ich bis zum Abendessen auf meinem Zimmer blieb. Vergebens arbeitete ich vier Stunden lang an meiner Ode über die Erlösung, die ich dem Kardinal Orsini versprochen hatte. Eine Ode zu dichten, ist ein Unternehmen, das nicht vom Willen des Dichters abhängt. Sie kann weder seinem Kopf noch seiner Feder entspringen, wenn Apollo ihm keine Gedanken schickt. An diesem Tage aber spottete Apollo meiner; denn indem ich ihn anrief, dachte ich an Guglielmina, an der dem Gott nichts lag. Zu Abend aß ich mit Clemente und seiner Frau, die in anderen Umständen war. Er hoffte auf einen Jungen, und ich konnte nichts Besseres tun, als ihm die Erfüllung seiner Hoffnung wünschen.

Er ließ mich mit seiner Frau allein. Dies war von seiner Seite eine große Höflichkeit; ich fand sie jedoch in diesem Augenblick zu bürgerlich. Ich verbrachte eine sehr angenehme Stunde mit ihr, aber wir taten während der gangen Zeit nichts als plaudern. Mariuccia war ganz durchdrungen von ihrem Glück, und da sie dieses mir zu verdanken glaubte, so mußte sie mich anbeten; deshalb brauchte sie mich aber nicht mehr zu lieben. Das sind Naturgefühle, die nichts kosten; aber je mehr man hat, desto weniger ist es. Ich sah, daß Manuccia mir zur Verfügung stand, aber mich verlangte nur nach Guglielmina. Meine Freundin sagte mir: »Ihre Tante hat sie bei Giacomina gelassen. Sie sind da oben und liegen im selben Bett. Ich bin überzeugt, sie liegen im tiefsten Schlaf; wollen wir sie uns ansehen?«

»Gern; aber wir dürfen sie nicht aufwecken.«

Auf den Fußspitzen betraten wir das Zimmer. Ich sah zwei Betten; in dem einen schliefen ihre beide jungen Töchter; in dem anderen sah ich Guglielmina und meine Tochter. Beide lagen auf dem Rücken und schliefen; beide waren hübsch und hatten rosige Wangen, wie man sie bei Knaben und Mädchen oft nur im Schlafe sieht. Die Decke lieh die Brüste der beiden Kinder frei; die meiner Tochter war glatt, aber auf dem Busen der anderen sah ich zwei Erhebungen, gleich jenen auf der Stirne eines Kalbes, dem die Hörner sprießen wollen. Von ihren Händen und Unterarmen war nichts zu sehen. Welch wundervoller Anblick! Manuccia lachte über meine Bewunderung. Aber sie wollte diese noch vermehren und zog langsam die Decke herunter. Da sah denn meine begehrliche Seele ein Gemälde, das ich leicht hatte erraten können und das mir daher nicht neu zu sein brauchte. Die beiden unschuldigen Kinder ließen ihre rechte Hand auf dem Unterleib ruhen; die etwas gekrümmten Finger bedeckten die Zeichen ihrer eben erwachenden Mannbarkeit. Der Mittelfinger war noch etwas mehr gekrümmt als die anderen und ruhte unbeweglich auf einer kaum wahrnehmbaren Rundung rosigen Fleisches. Dies war der einzige Augenblick in meinem Leben, wo ich ganz deutlich die wirkliche Denkweise meiner Seele erkannte. Ich empfand ein köstliches Grauen, und dies freute mich. Dieses neue Gefühl zwang mich mit meinen eigenen zitternden Händen die beiden nackten Leiber wieder zuzudecken. Mariuccia war nicht imstande, die Größe des Verrates zu begreifen, den wir begangen hatten. Sie hatte, ohne sich etwas Böses dabei zu denken, das größte Geheimnis zweier unschuldiger Seelen gerade in dem Augenblick verraten, wo sie sich vollkommen sicher glaubten. Wären sie in dem Augenblick aufgewacht, wo ich mich an ihrer schönen Stellung weidete, sie hätten vor Schmerz sterben können. Nur eine vollständige Unwissenheit hätte sie unbedingt vor solchem Schicksal beschützt, aber diese konnte ich ihnen nicht zutrauen.

Ich verließ zuerst das Zimmer, und Mariuccia geleitete mich nach dem meinigen, wo es zu etwas kam, was sicherlich nicht eingetreten wäre, wenn ich nicht jenes köstliche Gemälde gesehen hätte. Mariuccia faßte es jedoch nicht als Strafe auf, sondern vielmehr als eine Belohnung für das Vergnügen, das sie mir verschafft zu haben glaubte. Ich beließ sie bei ihrem Glauben, und sie ging auf ihr Zimmer, um sich zu ihrem Mann ins Bett zu legen. Ich hatte nicht beabsichtigt, sie wieder zu lieben; aber wenn sie mich nicht beruhigt hätte, würde ich nicht haben einschlafen können.

Ich erwachte, als der Morgen graute, und als ich an meine Ode dachte, mußte ich lachen. Ich fand, daß ich Guglielminas Sklave geworden war: ich hätte nur auf sie Verse machen können. Cupido bekämpfte mit seinen Pfeilen einen traurigen Apoll, der nur an den schmerzensreichen Tod unseres Heilands denken wollte. Als Clemente gerade dabei war, mir meine Haare zu machen, traten die beiden reizenden Freundinnen ein. Giacomina brachte mir auf einem Untersatz meine Schokolade. Die andere hielt eine Papierrolle in der Hand. Auf ihren schonen Zügen malten sich Fröhlichkeit, Unschuld und Vertrauen. Wenn sie gewußt hätten, was in der Nacht vorgefallen war, so hätten sie nicht gewagt, sich vor mir sehen zu lassen. Guglielmina würde es selbst dann nicht gewagt haben, wenn man ihr gesagt hätte, daß ich infolge des gehabten Anblicks mich bis zur Raserei in sie verliebt hätte. Das erste Gefühl eines Mädchens, das wirklich von Natur Geist hat, ist Koketterie, denn dieses ist das einzige, das ihr die Sicherheit gibt, einen Liebhaber beständig zu machen. Guglielmina mit ihren dreizehn Jahren würde mich gehaßt haben, wenn sie erfahren hätte, daß meine Augen sich bereits ohne ihren Willen in ihren Besitz gesetzt hatten. Meine Tochter, die erst neun Jahre alt war, konnte noch nicht so reife Ideen haben.

Ich bat sie, mir die Erzeugnisse ihres Bleistiftes zu zeigen, und nach einigem Sträuben überließ sie mir das Heft. Es waren fast lauter nackte Gestalten von Männern und Weibern, Statuen und Kindergruppen. Alles war hübsch, alles war nach ausgezeichneten Vorbildern kopiert: Der Apoll von Belvedere, Antinous, Herkules und Tizians liegende Venus, die ihre Hand auf derselben Stelle hält, wo ich die der guten Mädchen gesehen hatte. Hierüber erhob sich zwischen Guglielmina und meiner Tochter ein Streit, der mir das größte Vergnügen machte, weil er mich in ihrer Seele lesen ließ.

Meine Tochter wollte mir nicht erlauben, bei der Betrachtung dieser Venus länger zu verweilen, und Guglielmina lachte sie deswegen aus und behauptete, ich dürfte im Gegenteil den Antinous und Apollo nicht näher betrachten, denn da ich ein Mann wäre, könnte ich an diesen Zeichnungen nichts Neues finden: sie dagegen dürfte nicht wissen lassen, daß sie es gewagt hätte, diese Zeichnungen zu machen. Dieser Wortwechsel erfüllte meine ganze Seele mit Wonne; als sie mich jedoch als Schiedsrichter anriefen, da geriet ich in Verlegenheit. Endlich sagte ich ihnen: »Ich weiß nicht, wer von euch beiden recht hat; aber wenn ich nach dem Vergnügen urteile, das eure Zeichnungen mir machen, so muß ich euch sagen, daß die Venus mich mehr interessiert als der Antinous.«

Scherzhafterweise glaubten beide den Sieg davongetragen zu haben, und Guglielmina wollte von einer ausführlichen Erläuterung nichts hören. Mein ganzes Leben legte ich auf solche Kleinigkeiten den höchsten Wert, denn sie bahnten mir oft den Weg zu den Herzen, die ich erobern wollte.

Sie gingen in die Schule. Ich zog mich an und machte dann der Signora Veronica einen Besuch. Ich sah bei ihr sieben oder acht ganz junge Mädchen, von denen aber keine meine Gedanken von Guglielmina abwendig machen konnte. Um einen Grund zu haben, bat ich die Lehrerin, mein Miniaturbildnis zu machen. Da sie nicht reich war, so war sie natürlich hoch erfreut, sechs Zechinen verdienen zu können. Am nächsten Tage versprach ich Guglielmina ebenfalls sechs Zechinen, wenn sie eine Bleistiftzeichnung machen wollte, die mich in Schlafrock und Nachtmütze darstellte. Um diese Zeichnung zu machen, mußte sie sehr früh zu mir kommen. Da sie am nächsten Tage zu lange auf sich warten ließ, sagte Giacomina zu ihr, sie müsse bei ihr über Nacht bleiben; ihre Mutter Mariuccia stimmte ein, und es kostete keine Mühe, die Tante zur Einwilligung zu bewegen. Von diesem Augenblick an hoffte ich auf alles. Am vierten Tag meines Aufenthaltes in Frascati kam Guglielmina allein zu uns zum Abendessen, und um meiner lieben Giacomina H77 jeden eifersüchtigen Gedanken zu benehmen, kaufte ich von ihrem Vater eine goldene Uhr mit Agraffe und schenkte sie ihr. Die Kleine war ganz außer sich vor Freude und überschüttete mich, um mir ihre Dankbarkeit zu bezeugen, mit solchen Liebkosungen, daß es mir große Mühe kostete, diese mit der Miene eines Vaters hinzunehmen. Im ganzen Städtchen flüsterte man sich ins Ohr, ich sei ganz gewiß ihr Vater, und Mariuccia und ihr Mann hatten durchaus nichts dagegen, daß man dies glaubte. Auch Giacomina selber ahnte es, aber sie wußte nicht, wie sie die Gedanken deuten sollte, die ihr durch den jungen Kopf schossen. Als ich mich niedergelegt hatte, forderte ich sie auf, in mein Bett zu kommen. Sie tat dies tapfer und lachte die weiterblickende Guglielmina aus, die es nicht wagte, dasselbe zu tun. Ich begnügte mich damit, meiner Tochter zärtliche Küsse auf ihre schönen Augen und ihren Mund zu drücken. Guglielmina stand dabei und lachte über dieses Getändel. Ich sagte nachlässig zu ihr, vier Jahre machten keinen Unterschied, und wenn sie an Giacominas Platz wäre, würde ich sie ebenfalls nur wie ein Kind behandeln. Diese Art von Verachtung übte nach drei oder vier Tagen endlich die unvermeidliche Wirkung aus. Ich gab ihr sechs Zechinen für ihre Zeichnung, die von ihrer Tante durchgearbeitet wurde, und an demselben Abend legte sie sich neben mich, während meine Tochter an meiner anderen Seite lag. Diese war entzückt, als sie sah, daß ich ihre Freundin genau so behandelte wie sie selber: ich gab ihr harmlose Küsse, und dabei blieb es. Als sie müde waren, gingen sie in ihr Zimmer, um sich zu Bett zu legen; ich war jedoch überzeugt, daß Guglielmina meinen Küssen ernstliche Absichten angemerkt hatte, die ich nur unterdrückte. Am nächsten Morgen erzählten sie, bevor sie zur Schule gingen, in meiner Gegenwart Mariuccia, wie sie mich vor dem Schlafengehen in meinem Bett zur Verzweiflung brächten. Die gute Frau lachte; sie wußte schon wie die Sache endigen würde.

Drei oder vier Tage darauf schlief Giacomina ein oder tat wenigstens so; nach einigen Minuten folgte Guglielmina ihrem Beispiel und ließ mich alles machen, was ich wollte, allerdings nur bis zu einem gewissen Grade, denn plötzlich glaubte sie aufwachen zu müssen. Sie erblickte mich jedoch in einer so ruhigen Haltung, daß sie es für angebracht hielt, sich nicht zu beklagen. Sie wollte in mir den Glauben erwecken, daß sie eingeschlafen sei und ganz und gar nichts bemerkt habe. Nachdem sie Giacomina geweckt hatte, entfernten sich die beiden Mädchen. Am nächsten Morgen schenkte ich ihr einen Ring, der wenigstens fünfzig Taler wert war. Beim Abendessen dankte die Tante mir vielmals dafür. Da die Zeichnung fertig war, machte sie den Vorschlag, ihre angebliche Nichte mit nach Hause zu nehmen, und ich hatte große Furcht, daß sie es wirklich täte. Meine Tochter widersetzte sich aber dieser Absicht mit heißen Tränen, und Signora Veronica gab lachend nach. Sie sagte mir, ich hätte recht, daß ich ihre Nichte liebte, und ebenso recht hätte Giacomina, daß sie ihre Freundin liebte. Sie glaubte ein unlösbares Rätsel gelöst zu haben.

Als sie fort war, blieben die jungen Mädchen mit mir allein und ließen sich zu einem warmen Punsch einladen. Als sie mich in meinem Bette sahen, kamen sie zu mir, um mich zur Verzweiflung zu bringen, wie sie sagten. Meine Tochter schlief sofort fest ein, ich aber brachte es nicht übers Herz, meine liebe Guglielmina zum zweiten Male zu nötigen, zu solcher Kriegslist ihre Zuflucht zu nehmen. Ich sah klar und deutlich, daß ich auf ihre Zärtlichkeit rechnen konnte, und ich hatte mich nicht getäuscht. Ich erklärte ihr meine Liebe in den innigsten Ausdrücken und wartete ihre Antwort nicht ab, aber an das große Werk machte ich mich erst, als ich ihre Seufzer hörte. Sie gab sich mir hin, ohne sich darum zu bekümmern, daß Giacomina sich aufgerichtet hatte und aufmerksam und erstaunt dem zusah, was wir machten. Nach dem Ende des süßen Liebeskampfes überschütteten wir Giacomina mit unseren Zärtlichkeiten, und es kostete uns keine Mühe, sie Verschwiegenheit schwören zu lassen; aber sie verlangte alles zu wissen und ganz aus der Nähe zu sehen, wie es dabei herginge. Während der nächsten Nacht mußten wir ihre ganze Neugier befriedigen. Vergebens versuchte ich sie zu überzeugen, daß ich sie wegen ihrer Jugend unmöglich ebenso behandeln könnte wie ihre Freundin: sie verlangte von mir den Beweis. Ich empfand inniges Mitleid mit ihr, und Guglielmina hielt sich schließlich für verpflichtet, ihr zu sagen, sie sei wahrscheinlich meine Tochter, und ich dürfe mich nicht in die Gefahr begeben, möglicherweise eine Schändlichkeit zu begehen, die uns beide für unser Leben lang unglücklich machen würde. Dieser Gedanke erfüllte sie mit Entsetzen; sie wurde vernünftig und löschte ihr Feuer so gut sie konnte. Was sie, von der Natur getrieben, mit sich vornahm, mußte meine Wollust noch erhöhen, und Guglielmina konnte an diesen Tändeleien keinen Anstoß nehmen, denn sie selber hatte am meisten Vorteil davon.

Am nächsten Tage trat ein sehr glückliches Ereignis ein, wie ich bereits mehrere erlebt hatte, die mich in einem gewissen Aberglauben bestärkt hatten: bei Tisch erinnerte Mariuccia mich daran, daß sie in Rom das Glück gehabt hatte, mir eine Nummer zu geben, die im Lotto herausgekommen wäre, und der ganzen Gesellschaft einen Gewinn verschafft hätte. Giacomina sagte, sie hätte eine ganz sichere Nummer, und nannte, bevor wir sie noch darnach gefragt hatten, die Zahl siebenundzwanzig. Mariuccia stieß einen Schrei aus; sie erinnerte sich ebensogut wie ich selber, daß die Nummer, die sie mir vor zehn Jahren gegeben hatte, ebenfalls die siebenundzwanzig war.

Mehr war nicht nötig; ich erklärte, ich würde sie sofort spielen, aber Clemente sagte, in Frascati könne man nicht mehr spielen, sondern müsse die Nummern in Rom setzen. Die Ziehung fand am übernächsten Tage statt. Ich befahl sofort, einen sicheren Mann nach Rom zu schicken, und Clemente sagte, er werde selber gehen. Ich bestärkte ihn in dieser Absicht, und er bestellte sofort ein Pferd und zog sich Reitkleider an.

Ich bestimmte fünfundzwanzig Scudi auf Auszug zu gemeinsamem Spiel für fünf Personen, nämlich Mariuccia, Clemente, Giacomina, Guglielmina und die Signora Veronica. Weitere fünfundzwanzig Scudi gab ich für mich selber und bestimmte, daß sie auf den Auszug an zweiter Stelle gesetzt werden sollten. Ich gab Clemente die fünfzig Taler, und dieser ritt unverzüglich ab, indem er versprach, zum Abendessen wieder zurück zu sein.

Mariuccia sagte, sie sei sicher, daß sie gewinnen werde, aber ihre Tochter zeigte sich traurig. Sie sagte: »Wir werden gewinnen und Sie nicht! Warum soll denn diese Nummer nach Ihrer Meinung als zweite und nicht als erste, dritte, vierte oder fünfte herauskommen?«

»Weil es mir Spaß macht, dem Glück ganz und gar zu vertrauen; weil man mir zum zweitenmal die Zahl siebenundzwanzig und weil ich fünfmal mehr gewinnen will als die anderen.«

»Aber die Schwierigkeit ist auch fünfmal so groß, ich glaube, Ihre Berechnung ist nicht richtig!«

»Wenn die 27 als zweiter Auszug herauskommt, nehme ich euch alle mit mir nach Rom und behalte euch die ganze Osterwoche da.«

»Gott gebe, daß sie herauskommt!«

Clemente war um elf Uhr zurück und gab mir meinen Zettel, während er den anderen behielt. Nach dem Essen flüsterte Mariuccia mir ins Ohr, sie habe nicht versäumt, mir neue Bettücher zu geben. Ich dankte ihr, indem ich sie zärtlich umarmte und ihr versicherte, daß wir nach Rom gehen würden.

Guglielmina war mein Engel geworden. In dieser zweiten Nacht fand ich sie so verliebt, daß ich meinem Bruder alle seine Dummheiten verzieh; ich wünschte ihn noch in Rom zu treffen, um ihm meine Erkenntlichkeit zu bezeigen und ihm dafür zu danken, daß er zum Troste für meine Seele dieses Kleinod geschaffen hatte. Guglielmina seufzte in meinen Armen, indem sie an den grausamen Augenblick dachte, wo ich sie verlassen würde. Ich glaubte ihr versprechen zu können, daß ich sie heiraten würde, wenn ihre Tante damit einverstanden wäre. Sie antwortete mir, sie sei gewiß, daß ihre Tante ihre Zustimmung geben würde, aber ich war vom Gegenteil überzeugt. Die arme Kleine wußte nicht, daß sie die Tochter meines Bruders war.

Aber oh, welche Wonne, als man am zweiten Tage darauf die fünf Nummern der römischen Lotterie angeschlagen sah! Der zweite Auszug war die 27. Giacomina fiel mir um den Hals und nach ihr die ganze Familie. Signora Vcronica wußte gar nicht, wie sie ihre Dankbarkeit aussprechen sollte. Dank meinem Einfall sah sie sich im Besitz von hundertundfünfzig Scudi, während auf Clemente und seine Familie zweihundertfünfundzwanzig entfielen. Ich selber hatte achtzehnhundertfünfundsiebzig Scudi gewonnen, und diese Summe konnte mir nicht gleichgültig sein: denn nach den Ausgaben des Karnevals näherte sich mein Schatz seinem Ende.

Der römische Scudo ist soviel wie eine halbe Zechine, Meine Tochter brachte die ganze Gesellschaft zum Lachen, als sie mich fragte, warum ich denn nicht die Nummer für alle Beteiligten auf zweiten Auszug gespielt hätte. Clemente umarmte mich und gestand mir, er habe ebenfalls zehn Taler auf den zweiten Auszug gesetzt. Er gewann dadurch siebenhundertundfünfzig Scudi, wozu ich ihm von ganzem Herzen Glück wünschte.

Ich hielt mein Wort, sie die ganze Osterwoche auf meine Kosten in Rom verbringen zu lassen, doch entschuldigten Veronica und Clemente sich; sie, weil sie nicht von ihrer Schule, und er, weil er nicht von seinem Laden fort konnte. Die Gesellschaft bestand also aus Mariuccia, Giacomina, Guglielmina und mir, und wir machten uns am Sonntag Morgen bei der ersten Dämmerung auf den Weg.

Welche Wonne war es für mich, mich von diesen drei lieben Geschöpfen angebetet zu sehen! Diese schönen Augenblicke in meinem Leben machten mich hundertmal glücklicher, als die bösen Augenblicke mich unglücklich machten.

Ich nahm die drei mit in meine Wohnung, ohne mich darum zu kümmern, daß Margherita ein schiefes Gesicht zog, als ich ihrer Mutter befahl, in dem Nebenzimmer, wo Zerutti gewohnt hatte, zwei Betten aufzuschlagen. Nachdem ich Margheritas Mutter befohlen hatte, bis zum zweiten Ostertage jeden Mittag und Abend für fünf Personen anzurichten, nahm ich einen Wagen von Roland und fuhr mit ihnen nach dem Petersdom sowie im Laufe der Osterwoche nach allen Sehenswürdigkeiten Roms. Margherita beruhigte sich, weil ich ihr das Vergnügen machte, sie mit uns speisen zu lassen, und sie konnte nichts dagegen einwenden, als ich ihr sagte, während der nächsten acht Tage könnte ich sie nach dem Abendessen nicht mein Zimmer betreten lassen. Ich ließ sie bei ihrem Glauben, daß Signora Mariuccia meine Bettgenossin sein würde. Als sie Giacomina sah, konnte sie ohne Schwierigkeiten erraten, daß sie meine Tochter war und daß ich zehn Jahre vorher ihre Mutter geliebt haben mußte. Was sie über Guglielmina dachte, war mir einerlei. Nach dem Abendessen ging Mariuccia zu Bett, und die beiden jungen Mädchen kamen in mein Zimmer, wie sie es in Frascati getan hatten. Ich verbrachte acht sehr glückliche, aber auch sehr kostspielige Tage, denn ich gab für Kleiderstoffe, Wäsche und Schmucksachen aller Art mehr als vierhundert Zechinen aus. Ich vergaß auch die Signora Veronica nicht; die Geschenke, die ich für diese gekauft hatte, nahm Guglielmina mit.

In der Nacht des Gründonnerstags verfaßte ich die Ode, die ich am nächsten Tage in der Versammlung der Unfruchtbaren vortrug. Ich sah dort den Kardinal Bernis und den Kardinal Giambattista Rezzonico, der mich um eine Abschrift meiner Ode bat. Ich trug diese aus dem Gedächtnis vor und vergoß dabei einen Strom von Tränen. Alle Akademiker weinten. Das richtige Mittel, um andere zum Weinen zu bringen, ist, selber zu weinen; aber dann muß das eigene Antlitz den Ausdruck tiefen Schmerzes tragen, ohne zur Grimasse zu werden. Mein Gesicht hatte diesen Ausdruck, und wenn ich Verse sprach, nahm es den Charakter an, der dem behandelten Gegenstande angemessen war. Dies ist noch jetzt so. Kardinal Bernis, der meine Denkweise kannte, sagte mir vier Tage später, er habe mich niemals für einen so großen Schauspieler gehalten. Ich schwor ihm, daß ich in jenem Augenblick wirklich so gefühlt hätte; nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, gab er zu, daß dies wohl möglich sein könnte.

Am zweiten Ostertag führte ich Mariuccia und die beiden Mädchen nach Frascati zurück. Guglielminas Verzweiflung schnitt mir in die Seele.

Ich aß in Mariuccias Hause zu Mittag und zu Abend und schlief dort zum letzten Male. Signora Veronica war sehr gerührt von meiner Freigebigkeit, als Guglielmina alle für sie bestimmten Sachen vor ihr ausbreitete; aber sie betrübte mich tief, als ich am nächsten Tage eine Stunde vor meiner Abreise zu ihr ging, um mich zu verabschieden. Sie nahm mich beiseite und sagte mir: Bei dem Anblick von Guglielminas Tränen könne sie sich des Gedankens nicht erwehren, daß ich sie verliebt gemacht hätte. Nachdem sie sich in allerhand traurigen Gedanken ergangen hatte, forderte sie mich auf, ihr auf mein Ehrenwort zu sagen, ob zwischen uns beiden etwas Ernstliches vorgefallen wäre. Ich versicherte ihr auf mein Ehrenwort, daß Guglielminas Tränen nur von einer Liebe herrühren könnten, die aus der Dankbarkeit entsprungen wäre, und Veronica schien damit zufrieden zu sein.

Kann man einen Ehrenmann unter Berufung auf seine Ehre auffordern, ein Geheimnis preiszugeben, das zu enthüllen die Ehre ihm verbietet? Gott weiß, was ich bei dieser grausamen Trennung litt! Alle Trennungen sind furchtbar, und die letzte scheint stets noch schlimmer zu sein als alle vorhergehenden. Ich wäre hundertmal gestorben, wenn Gott mir nicht eine gute Seele gegeben hätte, die sich leicht mit den Tatsachen abfand und sich in wenigen Tagen beruhigte. Man hat unrecht, wenn man das Vergessen nennt. Vergessen rührt von Schwachheit her; um sich zu beruhigen, indem man einen Ersatz unterschiebt, ist eine Kraft nötig, die man zu den Tugenden rechnen kann. Übrigens ist Guglielmina glücklich geworden. Sie wurde ein Jahr darauf die Frau eines Malers, der sich noch heute durch seine Leistungen auszeichnet. Clemente berichtete mir über sie, so oft ich neugierig war und an ihn schrieb. Er wurde reich und kehrte sieben oder acht Jahre später nach Rom zurück, wo er sich mit einem Kornhändler zusammen tat, der Giacomina heiratete. Diese Ehe war jedoch nicht glücklich. Sie wurde schon mit zwanzig Jahren Witwe und verließ Rom mit einem Grafen aus Palermo, der sie nach dem Tode seiner Frau heiratete.

Als ich im Jahre 1783 Venedig verließ, hätte Gott mich nach Rom, Neapel, Sizilien oder Parma führen sollen, und ich würde allem Anschein nach ein glückliches Alter gehabt haben. Mein Genius aber, der immer recht hat, führte mich nach Paris, um meinen Bruder Francesco zu retten, der, von Schulden überladen, in Gefahr war, in das Gefängnis des Temple gesetzt zu werden. Ich rühme mich nicht damit, daß er mir seine neue Existenz verdankt, aber ich bin glücklich, ihm dazu verholfen zu haben. Wenn er mir dankbar wäre, würde ich mich für belohnt halten; mir ist es recht, daß er eine Verpflichtung gegen mich trägt, die er von Zeit zu Zeit gewiß sehr schwer findet. Eine größere Strafe verdient er nicht. Heute, im dreiundsiebzigsten Jahre meines Lebens, habe ich weiter nichts nötig, als daß ich in Frieden lebe, und daß kein Mensch sich einbilden kann, Ansprüche auf meine moralische Freiheit machen zu können; denn eine solche Einbildung müßte unbedingt von einer Tyrannei begleitet sein.

Nach dem etwas gar zu ausgelassenen Ausflug nach Frascati verbrachte ich sechs Wochen in Rom ohne jede neue Liebschaft. Ich verkehrte im Hause Santa-Croce und in meiner Akademie der Arkadier. Margherita, die mich stets zu erheitern wußte, genügte mir.

Zu jener Zeit kam Pater Stratico, der jetzige Bischof von Lesina, dem ich die Bekanntschaft der schönen Marchesa Chigi in Siena verdankte, nach Rom, um die Würde eines Magisters zu erwerben; dies ist das Doktorat der Dominikaner-Mönche. Ich hatte das Vergnügen, bei der Prüfung zugegen zu sein, die er ablegen mußte, um die Würde eines vollgültigen Theologen zu erhalten. Die Theologen, die ihn prüften, waren vier an der Zahl; außerdem war der Ordensgeneral anwesend. Die Mönche sind sehr streng: sie legen dem Kandidaten die schwierigsten Fragen der ganzen Theologie zur Lösung vor; anscheinend glaubten sie, ihrem General nur dann sehr gelehrt zu erscheinen, wenn sie den Prüfling in Verlegenheit setzen. Sollte dieser zufällig gelehrter sein als sie, so muß er sich wohl in acht nehmen, dies merken zu lassen; denn sie lassen ihn ohne Gnade durchfallen, und gegen ihr Urteil gibt es keine Berufung. Was aber theologische Wissenschaft bedeutet, wird mein Leser ohne Zweifel wissen. Ich war sehr neugierig auf diese lächerliche Doktorprüfung, über welche Stratico selber sich im geheimen lustig machte, und ging am Morgen zu ihm. Ich glaubte ihn mit dem heiligen Thomas in der Hand und mit dem Studium der Kirchenväter beschäftigt zu finden; statt dessen galt seine ganze Aufmerksamkeit einer Partie Pikett, die er mit einem anderen Mönch spielte, der auf das Glück fluchte.

»Ich glaubte,« sagte ich zu ihm, »Sie in das Studium vertieft zu finden.«

Er antwortete mir: »Oportet studuisse.«

Ich verließ ihn, indem ich ihm sagte, ich würde Augenzeuge seines Kampfes sein, wo ich mit besonderer Freude den berühmten Mamocchi zu hören gedächte. Ach, welche Leiden mußte ich ausstehen! Der Prüfling saß nicht auf seinem Schemel, sondern geradezu auf einer Folterbank wie ein Verbrecher. Er mußte die Beweisgründe seiner vier Henker in aller Form widerlegen, und diese machten sich ein ganz besonderes Vergnügen daraus, ihren Schlußfolgerungen Voraussetzungen vorauszuschicken, die gar kein Ende nahmen. Ich fand, daß sie alle unrecht hatten, denn einer war noch abgeschmackter als der andere; aber ich wünschte ihnen Glück dazu, daß es mir nicht erlaubt war, zu sprechen. Ohne Theologe zu sein, schmeichelte ich mir, daß ich sie alle mit Gründen der gesunden Vernunft zerschmettert haben würde. Aber ich täuschte mich: Die gesunde Vernunft hat mit der ganzen Theologie nichts zu tun, am allerwenigsten mit der spekulativen. Stratico bewies mir dies mit philosophischen Gründen noch an demselben Tage in einem Hause, in das er mich mitnahm, um zu Abend zu speisen.

Sein Bruder, der Professor der Mathematik an der Universität Padua, traf zu derselben Zeit in Rom ein; er kam mit dem jungen Cavaliere Morosini, dessen Hofmeister er war, von Neapel. Er hatte bei einem der unvernünftigen Spazierritte, an denen sein zügelloser Zögling ihn teilzunehmen zwang, ein Bein gebrochen und kam nach Rom, um sich dort völlig heilen zu lassen. Die Gesellschaft dieser Brüder Stratico, die beide ehrenhaft, gelehrt und vorurteilsfrei waren, machte mir die größte Freude. Als sie abgereist waren, verließ ich ebenfalls Rom, wo ich, mein Leben genossen, aber zuviel Geld ausgegeben hatte. Ich ging nach Florenz, nachdem ich mich von allen meinen Bekannten verabschiedet hatte, besonders von dem Kardinal, der immer noch hoffte, daß Ludwig der Fünfzehnte ihn nach Versailles zurückrufen würde.

Dies ist das tragische Geschick aller derjenigen, die an einem großen Hofe Minister gewesen sind und sich dann genötigt sehen, anderswo zu leben, wo sie keine amtliche Stellung einnehmen oder nur eine solche, die sie von den Ministern abhängig macht, deren Vorgänger sie waren. Weder Reichtum noch Philosophie, weder Ruhe noch ein anderes Glück kann sie trösten; sie schmachten und seufzen und leben nur in der Hoffnung, daß man sie doch noch wieder rufen werde. Wir finden daher in der Weltgeschichte mehr Herrscher, die dem Thron entsagt haben, als Minister, die freiwillig auf ihr Amt verzichteten. Diese Beobachtung hat mir oft den Wunsch erweckt, Minister zu sein; viel weniger oft habe ich gewünscht, König zu sein: man muß annehmen, daß es einen unbegreiflichen Reiz hat, Minister zu sein; ich möchte gern wissen, was daran ist, denn ich kann mir von diesen Reizen keine recht deutliche Vorstellung machen.

Zu Anfang des Monats Juni 1771 reiste ich allein in meinem Wagen mit vier Postpferden von Rom ab. Ich besaß eine schöne Ausrüstung, befand mich sehr wohl und war fest entschlossen, von nun an einen ganz anderen Lebenswandel zu führen, als ich es bis jetzt getan hatte. Ich war der Genüsse, die ich dreißig Jahre lang gekostet hatte, jetzt müde; ich beabsichtigte zwar nicht ganz auf sie zu verzichten, aber ich wollte für die nächste Zeit nur ab und zu daran nippen und mich vor jeder Verpflichtung in acht nehmen, welche Folgen nach sich ziehen könnte. Ich war entschlossen, mit keinem Menschen zu verkehren, sondern mich gänzlich dem Studium zu widmen, und reiste daher ohne alle Empfehlungsbriefe nach Florenz. Homers Ilias, die ich seit meiner Abreise von London mit dem größten Entzücken täglich ein oder zwei Stunden in der Ursprache las, hatte mir Lust gemacht, sie in italienische Stanzen zu übertragen. Mir schien, daß alle italienischen Übersetzer den Homer verfälscht hätten, mit Ausnahme des Salvini, den wegen allzu großer Trockenheit kein Mensch lesen konnte. Ich besaß Scholiasten und legte besonderen Wert auf Popes Anmerkungen; aber ich fand, daß dieser in seinen Bemerkungen sehr viel mehr hätte sagen müssen. Florenz war die Stadt, wo ich mich damit zu beschäftigen gedachte, ohne mit irgendeinem Menschen zu verkehren. Noch andere Umstände bestimmten mich zu diesem Entschluß. Es kam mir vor, wie wenn ich gealtert wäre. Sechsundvierzig Jahre erschienen mir als ein hohes Alter. Es begegnete mir bereits, daß ich den Liebesgenuß weniger lebhaft, weniger verführerisch fand, als ich ihn mir vorgestellt hatte; seit acht Jahren hatte meine Potenz ganz allmählich abgenommen. Ich fand, daß einem langen Liebeskampf nicht mehr der ruhige Schlaf folgte wie früher; mein Appetit, der einstmals von der Liebe geschärft worden war, war jetzt geringer als in den alten Zeiten des Genießens. Außerdem fand ich, daß ich das schöne Geschlecht nicht mehr auf den ersten Blick interessierte: ich mußte erst sprechen, man zog mir Nebenbuhler vor und tat so, wie wenn man mir eine Gnade erwiese, indem man mich im geheimen einem anderen beigesellte; daß man für mich Opfer brächte, konnte ich nicht mehr erwarten. Ich ärgerte mich, wenn so ein junger Brausekopf sich offenbar gar nichts daraus machte, daß die Schöne, die er liebte, mir ebenfalls gefiel, und wenn diese Schöne, um mir einen Gefallen zu tun, mich als einen Nebenbuhler ohne Bedeutung hinstellte; wenn man von mir sagte, ich sei ein älterer Herr, so gab ich die Richtigkeit dieser Bemerkung zu; aber sie verdroß mich. Wenn ich mit mir allein war und mit mir selber zu Rate ging, so sah ich dies alles ein, und so kam ich denn zu der Überzeugung, daß ich an einen anständigen Rückzug denken müßte. Ich sah mich sogar dazu gezwungen, denn ich konnte mir nicht verhehlen, daß ich keinen Lebensunterhalt mehr hatte, sobald ich meinen kleinen Schatz aufgezehrt hatte. Alle meine Freunde, deren Börsen mir offen gestanden hatten, waren gestorben. Herr Barbaro, der in diesem Jahre gestorben war, hatte mir weiter nichts vermachen können, als eine lebenslängliche Rente von jämmerlichen sechs Zechinen im Monat, und Dandolo, der einzige Freund, der mir noch blieb, konnte mir auch nichts weiter geben, als noch sechs Zechinen im Monat, und dabei war er zwanzig Jahre älter als ich. Als ich von Rom abreiste, besaß ich sieben- oder achthundert römische Taler und dazu meine Schmucksachen: Uhren, Tabaksdosen, hübsche Ringe von kleinem Wert. Diese Sachen waren mir mehr von Schaden als von Nutzen, denn sie erweckten den Anschein, als ob ich ein reicher Mann wäre, und der Ehrgeiz veranlaßte mich, entsprechende Ausgaben zu machen, um zu zeigen, daß man sich nicht täuschte. Da ich diese Wahrheit erkannte, so faßte ich den weisen Entschluß, in Florenz nur in einfacher Kleidung und ohne jeden Luxus aufzutreten. Sollte ich dann, aus Geldnot, meine Sachen verkaufen müssen, so würde jedenfalls kein Mensch etwas davon wissen.

Mit diesem Plan im Kopfe reiste ich in weniger als zwei Tagen nach Florenz, ohne mich unterwegs aufzuhalten. Ich stieg in einem Gasthof ab, den kein Mensch kannte, und schickte meinen Wagen auf die Post, da der Wirt, ein gewisser J. B. Allegranti, keine Gelegenheit hatte, ihn unterzubringen. Am nächsten Tage ließ ich ihn in eine Remise schaffen. ,

Ich fand in einem kleinen Zimmer eine recht nette Wohnung, der Wirt war freundlich und vernünftig in seinen Preisen, und da ich nur häßliche und alte Frauen sah, so glaubte ich, sehr ruhig in Florenz leben zu können und vor der Gefahr, verführerische Bekanntschaften zu machen, vollkommen sicher zu sein.

Am nächsten Morgen begab ich mich in schwarzer Kleidung und mit dem Degen an der Seite in den Palazzo Pitti, um mich dem Großherzog vorzustellen. Es war jener Leopold, der vor sieben Jahren als Kaiser starb. Er gewährte jedem, der sich einfand, Audienz, und ich glaubte daher unmittelbar zu ihm gehen zu können, ohne vorher den Grafen Rosenberg aufzusuchen. Da ich in Toskana in Ruhe zu leben wünschte, so glaubte ich mich dem Landesherrn selber vorstellen zu müssen, um vor den Unannehmlichkeiten der Spionage und vor dem natürlichen Argwohn der Polizei gesichert zu sein. Ich ging also in das Vorzimmer und schrieb meinen Namen an das Ende der Liste derjenigen, die bereits da waren und auf ihre Audienz warteten. Unter diesen war auch ein Marchese Pucci, der mich in Rom bei einer Marchesa Frescobaldi aus Florenz kennen gelernt hatte. Er trat auf mich zu und sagte mir, wie sehr er sich freue, mich in seiner Vaterstadt wiederzusehen. Er sägte mir, er habe Herrn * * * bis Bologna begleitet. Dieser sei auf dem Rückweg nach England mit einer jungen Gattin, einer Römerin, die alle Londoner Schönheiten in den Schatten stellen werde. Er erzählte mir dies, weil Herr * * * während seines Aufenthaltes in Florenz viel von mir gesprochen und stets gehofft habe, mich nach meiner Rückkehr von Rom noch zu sehen. Ich dankte ihm bestens für die gute Nachricht, die er mir gab, und sagte ihm, daß ich an dem Glück des schönen Paares warmen Anteil nehme.

Es wäre mir unangenehm gewesen, Armellina noch in Florenz zu finden; denn da ich sie noch liebte, so würde es mein Herz mit Bitterkeit erfüllt haben, wenn ich sie im Besitze eines anderen gesehen hätte.

Der Leser wird bemerkt haben, daß ich keinerlei Nebenumstände berichtete, als ich von ihrer Heirat mit dem großmütigen und liebenswürdigen Herrn * * * erzählte. Der Grund ist der, daß ich niemals imstande war, ein Ereignis, dessen Erinnerung mir schmerzlich ist, mit lebhaften Farben zu schildern. Die Ränke der Marquise d'Août und Armellinas Tränen waren mächtige Beweggründe, die mich nötigten, gegen die Wünsche meines Herzens zu handeln. Ich wußte, daß sie in den Florentiner verliebt war, und hatte ihr, als ich die letzten Genüsse von ihr verlangte, mein Ehrenwort gegeben, sie zu seiner Frau zu machen. Sie hatte sie mir unter dieser für sie selber und für mich demütigenden Bedingung gewährt. Nachher tat mein Versprechen mir leid, und ich sah mich in die Notwendigkeit versetzt, in Gegenwart der Oberin Armellina meine Hand anzubieten, nachdem ich sie überzeugt hatte, daß ich nicht verheiratet war. Armellina schlug meinen Antrag nicht mit Worten aber mit Tränen aus, und ein paar Worte der Madame d'Août demütigten mich vollends auf das tiefste: sie fragte mich, ob ich imstande wäre, dem trefflichen Mädchen ein Witwengut von zehntausend Scudi auszusetzen. Diese anmaßende Frage brachte mich zur Vernunft, aber meine Seele war darüber tief bekümmert. Infolgedessen schrieb ich an die Oberin und an Armellina selber: »Ich erkenne mein ganzes Unrecht an und hoffe, Sie werden die von mir begangenen Fehler mit der Leidenschaft entschuldigen, die ich empfand. Ich wünsche ihr von Herzen alles Glück mit Herrn * * *, der ihrer viel würdiger ist als ich.«

Ich bat sie nur, nicht an ihrer Hochzeit teilnehmen zu müssen, und diese Bitte wurde mir gewährt, obgleich die Marquise d'Août, in deren Augen alle Liebesgefühle nur Bagatelle waren, mit allem Nachdruck behauptete, kluge Leute müßten sich über dergleichen hinwegsetzen. Die Fürstin Santa-Croce dachte wie die Marquise, aber der Kardinal Bernis nahm meine Partei, denn er war mehr Philosoph als Franzose. Die Hochzeit fand bei der Marquise statt; Maricuccio und seine Frau nahmen daran teil, weil Armellina in Rom keine anderen Verwandten hatte.

Mit diesem Kummer im Herzen ging ich nach Frascati. Ich glaubte, dieser Kummer werde meine Begeisterung für die Ode auf die Leidensgeschichte Jesu Christi vermehren; mein wohltätiger Genius hatte mir jedoch einen Trost ganz anderer Art zugedacht.

Laster ist nicht gleichbedeutend mit Verbrechen; denn man kann lasterhaft sein, ohne deshalb ein Verbrecher zu sein. Lasterhaft war ich mein Leben lang, aber ich wage zu behaupten, daß ich oftmals neben dem Laster tugendhaft war; denn wenn auch jedes Laster im Gegensatz zur Tugend stehen muß, so braucht es doch nicht die allgemeine Harmonie zn stören. Meine Laster haben stets nur mich selber betroffen, ausgenommen allerdings die Fälle, wo ich Unschuldige verführt habe, aber ich war niemals ein Verführer von Beruf, denn wenn ich verführte, wußte ich gar nichts davon, sondern war selber verführt.

Der berufsmäßige, absichtliche Verführer ist ein verabscheuenswürdiger Mensch, er ist seinem Wesen nach der Feind der Person, auf die er Absicht hat. Er ist ein wahrer Verbrecher, und wenn er die zum Verführer erforderlichen Eigenschaften besitzt, so zeigt er sich derselben unwürdig; denn er mißbraucht sie, um ein Weib unglücklich zu machen.

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