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Erinnerungen

Giacomo Casanova: Erinnerungen - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorCasanova
titleErinnerungen
volume6
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20050616
projectid3af5d606
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Erstes Kapitel

Ich sehe die Zarin. – Meine Unterhaltungen mit der großen Herrscherin. – Die Valville. – Ich trenne mich von Zaïra. – Meine Abreise von Petersburg und Ankunft in Warschau. – Die Fürsten Adam Czartoryski und Sulkowski. – Der König von Polen Stanislaus Poniatowski, genannt Stanislaus August der Erste. – Theaterintrigen. – Branicki.

Ich gedachte zu Anfang des Herbstes abzureisen, aber die Herren Panin und Alsuwieff sagten mir fortwährend, ich dürfte nicht gehen, wenn ich nicht sagen könnte, daß ich mit der Kaiserin gesprochen hätte.

»Auch mir würde es leid tun«, antwortete ich ihnen; »da ich aber niemanden gefunden habe, um mich vorzustellen, so bleibt mir nichts anderes übrig, als mich in mein Schicksal zu ergeben.«

Endlich sagte Panin mir eines Tages, ich möchte doch in der Morgenfrühe im Sommergarten spazieren gehen, wo Ihre Kaiserliche Majestät häufig lustwandelte; wenn sie mir scheinbar zufällig begegnete, wäre es sehr wahrscheinlich, daß sie mich anreden würde. Ich sagte ihm, es wäre mir sehr angenehm, wenn ich Ihrer Majestät an einem Tage begegnen könnte, wo er bei ihr wäre. Er bezeichnete mir den Tag, und ich ging hin.

Während ich ganz allein spazieren ging, besah ich mir die Statuen, die am Rande der Allee aufgestellt waren – Statuen aus schlechtem Sandstein und von noch schlechterem Geschmack, die aber durch die auf ihrem Sockel eingemeißelten Namen eine komische Wirkung erzielten. Ein Kopf mit strömenden Tränen sollte Demokrit vorstellen, ein anderer, der den Mund von einem Ohr zum anderen aufriß, trug den Namen Heraklit, ein Greis mit langem Bart hieß Sappho und ein altes Weib mit schlotterndem Busen wurde Avicenna genannt. In demselben Geschmack war alles übrige.

Während ich über die Geschmacksverirrung lächelte, die diesen Unsinn eingegeben hatte, sah ich die Zarin erscheinen. Graf Gregor Orloff ging vor ihr her, und zwei Hofdamen folgten ihr. Graf Panin ging zu ihrer Linken. Ich trat beiseite, um sie vorüber zu lassen, aber sobald sie in Sprechweite war, fragte sie mich lachenden Mundes, ob die Schönheit der Statuen mich nicht sehr interessiert hätte. Ich schloß mich ihr an und antwortete: »Ich denke mir, man hat die Bilder hier aufgestellt, um die Dummköpfe zu foppen, oder um solche, die ein bißchen von Weltgeschichte wissen, zu erheitern.«

Die Kaiserin antwortete mir: »Ich weiß nur soviel, daß man meine gute Tante angeführt hat, die freilich wenig Wert darauf legte, solchen kleinen Scherzen auf den Grund zu gehen, übrigens hoffe ich, daß das, was Sie sonst bei uns gesehen haben. Ihnen nicht ebenso lächerlich vorgekommen ist wie diese Statuen.«

Ich würde einen Verstoß gegen Wahrhaftigkeit und Höflichkeit begangen haben, wenn ich diese Anregung nicht verstanden hätte. Ich antwortete daher: das Lächerliche, das man in Rußland sehe, sei nur der Schatten in dem großartigen Gemälde, das es hier zu bewundern gebe. Hierauf unterhielt ich die große Herrscherin länger als eine Stunde von allem, was ich in Petersburg bemerkenswert gefunden hatte.

Eine Abschweifung führte mich auf den König von Preußen, und ich pries den großen Mann, tadelte jedoch seine unerträgliche Gewohnheit, den Leuten, mit denen er sprach, niemals Zeit zu einer vollständigen Antwort zu lassen. Hierauf fragte Katharina mich mit dem anmutigsten Lächeln nach den Gesprächen, die ich mit dem Herrscher gehabt hätte, und ich schilderte ihr alles in einer Weise, die sie offenbar interessierte. Sodann hatte sie die Güte, mir zu sagen, sie habe mich niemals auf dem »Courtag« gesehen. Der Courtag war ein Instrumental- und Vokalkonzert, das sie jeden Sonntag nach dem Essen in ihrem Palais gab und wozu jedermann Zutritt hatte. Sie ging unter den Anwesenden auf und ab und sprach hier und da ein Wort mit solchen, die sie auszeichnen wollte. Ich sagte ihr, ich sei nur ein einziges Mal dagewesen, da ich das Unglück habe, die Musik nicht zu lieben. Sie wandte sich zu ihrem lieben Panin und sagte lächelnd, sie kenne jemanden, der dasselbe Unglück habe. Wenn der Leser sich der Worte erinnert, die ich die Kaiserin beim Verlassen der Oper hatte sagen hören, so wird er finden, daß ich als verschlagener Höfling sprach. Ich gebe es zu; aber ach, es ist zu schwer, es regierenden Herrschaften gegenüber nicht zu sein, besonders wenn es Herrschaften im Unterrock sind.

Die Zarin unterbrach unsere Unterhaltung, um etwas mit Herrn Betzkoy zu sprechen, der an sie herangetreten war. Da Herr von Panin sich von ihr verabschiedete, so verließ auch ich den Park, ganz bezaubert von der Ehre, die mir zuteil geworden war.

Die Kaiserin war von mittlerer Größe, gut gewachsen und von majestätischer Haltung. Sie besaß die Kunst, allen Liebe einzuflößen, von denen sie glaubte, daß sie neugierig seien, sie kennen zu lernen. Ohne schön zu sein, war sie doch sicher, durch ihre Sanftmut und Liebenswürdigkeit zu gefallen, besonders aber durch ihren Geist, dessen sie sich mit feinstem Takt bediente, um den geringsten Anschein von Anmaßlichkeit zu vermeiden, und dies war um so bewunderungswürdiger, da sie mit bestem Recht eine sehr gute Meinung von sich selber haben durfte.

Einige Tage darauf sagte Graf Panin mir, die Kaiserin habe sich zweimal nach mir erkundigt, und das sei ein sicheres Zeichen, daß ich ihr gefallen habe. Er riet mir, Gelegenheiten auszuspähen, um ihr zu begegnen, und versicherte mir, da sie bereits Geschmack an mir gefunden habe, so werde sie mich jedesmal zu sich heranrufen, wenn sie mich sehe, und wenn ich Lust hätte, eine Anstellung zu erhalten, so wäre es wohl möglich, daß sie an mich dachte.

Obwohl ich selber nicht wußte, zu welchem Amt ich in einem Lande, das ich zudem nicht liebte, wohl tauglich sein könnte, so war es mir doch angenehm, zu erfahren, daß ich mir mit leichter Mühe Zutritt bei Hof verschaffen könnte. Infolgedessen ging ich jeden Tag im Parke spazieren, und bald hatte ich ein zweites Gespräch mit der hohen Frau, das ich ganz genau mitteilen will.

Die Kaiserin bemerkte mich von ferne und schickte mir einen Offizier zu, der mich einlud, näher zu kommen. Das Tagesgespräch war damals das große Reiterfest, dessen Abhaltung durch das schlechte Wetter verhindert worden war. Sie fragte mich, ob man auch in Venedig Schauspiele dieser Art geben könnte. In meiner Antwort machte ich eine Menge Bemerkungen über die Schauspiele, die man an keinem anderen Ort als Venedig geben könnte. Meine Ausführungen machten ihr viel Vergnügen. Bei dieser Gelegenheit sagte ich auch, das Klima meiner Heimat sei glücklicher als das russische, insofern, als die schönen Tage dort die Regel seien, während sie in Petersburg eine seltene Ausnahme seien, obwohl die Fremden das Jahr hier jünger fänden als sonstwo auf der Welt.

»Sie haben recht,« sagte sie, »bei Ihnen ist das Jahr elf Tage älter.«

»Wäre es nicht eine Eurer Majestät würdige Handlung, das russische Jahr ebenso alt zu machen, wie das unsrige, indem Sie den Gregorianischen Kalender annähmen? Alle Protestanten haben das mit Vorteil getan, und England, das ihn vor vierzehn Jahren annahm, hat bereits mehrere Millionen gewonnen. Europa ist erstaunt, Madame, daß der alte Stil sich noch in einem Staate erhält, dessen Herrscherin das sichtbare Oberhaupt der Kirche ist, und dessen Hauptstadt eine Akademie der Wissenschaften besitzt. Man glaubt, Madame, Peter der Große, der den Befehl gab, das Jahr mit dem ersten Januar zu beginnen, würde ebenfalls den alten Stil abgeschafft haben, wenn er es nicht für notwendig und vorteilhaft gehalten hätte, sich nach England zu richten, das damals für den Handel Ihres ungeheuren Reiches die größte Bedeutung hatte.«

»Sie wissen doch,« sagte sie mit liebenswürdiger Miene und einem sehr feinen Lächeln, »daß Peter der Große kein Gelehrter war.«

»Madame, er war mehr als ein Gelehrter: der unsterbliche Peter war ein Genius ersten Ranges. Wenn er keine wissenschaftliche Bildung besaß, so hatte er statt dessen ein sehr feines Gefühl, und das ließ ihn ein sehr richtiges Urteil fällen über alles, was er sah oder was nach seiner Meinung geeignet war, die Wohlfahrt seiner Untertanen zu erhöhen. Sein großes Genie, verbunden mit einem festen und entschlossenen Charakter, bewahrte ihn vor Irrtümern und setzte ihn instand, die Mißbräuche abzustellen, die die Erreichung seiner großen Absichten hätten hindern können.«

Ihre Majestät, die mir mit Vergnügen zugehört zu haben schien, wollte mir antworten, als sie im selben Augenblick zwei Damen bemerkte, die sie heranrufen ließ. Sie sagte mir: »Ich werde Ihnen mit Vergnügen ein anderes Mal antworten.« Hierauf wandte sie sich zu den Damen.

Dieses andere Mal trat acht oder zehn Tage später ein, als ich bereits zu glauben begann, sie wolle nicht mehr mit mir sprechen. Denn sie hatte mich gesehen, aber nicht rufen lassen.

Sie redete mich mit den Worten an: »Was Sie zum Ruhme Rußlands gerne geschehen sähen, ist bereits gemacht. Alle Briefe, die wir nach fremden Ländern schreiben, alle öffentlichen Urkunden, die von irgendeiner geschichtlichen Bedeutung sein können, sind von jetzt an mit zwei Daten versehen, von denen das eine oben, das andere unten steht. Daß das Datum, das dem anderen um elf Tage voraus ist, das neuere ist, weiß jedermann.«

»Darf ich es jedoch wagen, Eure Majestät darauf aufmerksam zu machen, daß am Ende dieses Jahrhunderts der Unterschied der Tage zwölf betragen wird?«

»Durchaus nicht, auch dafür ist bereits gesorgt. Das letzte Jahr des Jahrhunderts, das bei Ihnen kein Schaltjahr ist, wird es auch bei uns nicht sein. Es bleibt also kein wirklicher Unterschied zwischen uns. Nicht wahr, diese Einschränkung genügt doch, da sie ein weiteres Umsichgreifen des Irrtums verhindert. Es ist sogar ein Glück, daß der Fehler elf Tage beträgt, denn da dies die Zahl ist, um welche jedes Jahr die Epakten vermehrt werden, so können wir sagen, daß Ihre Epakten auch die unsrigen sind, nur mit dem Unterschied eines Jahres. Wir haben sogar die gleiche Zahl in den elf letzten Tagen des tropischen Jahres. Was die Feier des Osterfestes anbetrifft, so muß man die Leute reden lassen. Ihre Tag- und Nachtgleiche ist auf den einundzwanzigsten März festgesetzt, die unsrige auf den zehnten, und die Vorwürfe, die die Astronomen gegen uns erheben, gelten auch Ihnen; bald haben wir unrecht, bald Sie. Denn die Tag- und Nachtgleiche tritt oftmals einen, zwei und sogar drei Tage früher oder später ein, und sobald wir der Tag- und Nachtgleiche gewiß sind, hat das Gesetz des Märzmondes recht geringe Bedeutung. Sie wissen doch, daß Sie oft nicht einmal mit den Juden übereinstimmen, deren Embolismus, wie man behauptet, ganz vollkommen sein soll. Kurz und gut, der Unterschied der Osterfeier stört nicht im geringsten die öffentliche Ordnung.«

»Was Eure Majestät mir soeben gesagt haben, ist voller Weisheit und Gelehrsamkeit. Sie haben mich mit höchster Bewunderung erfüllt; indessen, das Weihnachtsfest –«

»Nur in diesem Punkt hat Rom allerdings recht; denn Sie wollten mir vermutlich sagen, daß wir Weihnacht nicht in den Tagen der Wintersonnenwende feiern, wie es eigentlich sein sollte. Wir wissen es, aber ich glaube, man darf es auch nicht so genau nehmen. Ich ziehe es vor, lieber diesen geringen Fehler zu dulden, als allen meinen Untertanen eine große Betrübnis zu verursachen, indem ich elf Tage aus dem Kalender ausmerze und dadurch zwei oder drei Millionen wackere Russen um ihren Geburts- oder Namenstag bringe – ja sogar allen Russen: denn man würde sagen, ich hätte durch einen unerhört despotischen Befehl das Leben aller Menschen um elf Tage abgekürzt. Freilich würde man sich nicht laut beklagen, denn das ist hier nicht der Brauch; aber man würde sich ins Ohr flüstern, ich sei eine Atheistin und greife offenbar die Unfehlbarkeit des Konzils von Nicäa an. Diese einfältige Kritik wäre zwar im Grunde lächerlich, aber ich würde durchaus nicht darüber lachen: denn um mich zu erheitern, habe ich andere und viel angenehmere Gegenstände.«

Die Zarin hatte das Vergnügen, mich überrascht zu sehen, und entfernte sich sehr befriedigt. Ich habe nicht einen Augenblick daran gezweifelt, daß sie das Thema eigens studiert hatte, um mich zu verblüffen. Einige Tage darauf sagte Herr Alsuwieff mir, es sei sehr wohl möglich, daß die Kaiserin eine kleine Abhandlung über diesen Gegenstand gelesen habe, ein Werkchen, das er kenne, und worin alles, was sie mir gesagt habe, ganz genau enthalten sei. Übrigens sei es sehr wohl möglich, daß Ihre Majestät tiefe Kenntnisse auf diesem Gebiete besitze. Das war natürlich eine bloße Redensart, wie man sie eben im Munde eines jeden Höflings findet, besonders in Rußland.

Die Zarin sagte in sehr bescheidenem Ton und in einer sehr einfachen Redeweise ihre Meinung klar und deutlich, und ihr Geist schien ebenso unerschütterlich zu sein wie ihre gute Laune, deren immer gleiche Beständigkeit ihr lachendes Antlitz verkündete. Da diese lachende Miene ihr zur Gewohnheit geworden war, so kostete sie ihr wahrscheinlich keine Mühe; trotzdem ist sie dieserhalb zu bewundern, denn es gehört dazu eine Selbstbeherrschung, die die gewöhnlichen Regungen der menschlichen Natur im Zaume zu halten weiß. Die äußere Haltung der großen Katharina war das gerade Gegenteil der des Königs von Preußen, aber sie war Zeugnis, daß ihr Genie größer war als das dieses Herrschers. Sie ermutigte durch einen äußeren Anschein von Güte und hatte dadurch stets einen Vorteil, während die ausgeklügelte Schroffheit des Potsdamer Soldaten nicht selten dazu benutzt wurde, ihn zu täuschen. Prüft man Friedrichs Leben, so bewundert man seinen Mut, aber man sieht zugleich, daß er unterlegen wäre, wenn er nicht viel Glück gehabt hätte. Untersucht man dagegen das Leben Katharinas, so findet man, daß sie offenbar auf den Beistand der blinden Göttin sehr wenig gerechnet hat. Sie führte Unternehmungen durch, die vor ihrer Thronbesteigung in ganz Europa für groß gegolten hatten, die sie aber absichtlich als klein ansah.

Ich las kürzlich einen jener modernen Zeitschriftenaufsätze, deren Schreiber sich absichtlich von ihrem Thema zu entfernen scheinen, um die Aufmerksamkeit der Leser auf ihre eigene Person zu lenken. Der Verfasser behauptet, Katharina die Zweite sei glücklich gestorben wie sie gelebt habe. Alle Welt weiß, daß die große Herrscherin, auf ihrem Nachtstuhl sitzend, von einem plötzlichen Tod ereilt wurde. Wenn nun der Artikelschreiber diesen Tod einen glücklichen nennt, so liegt darin, daß dies die Todesart ist, die er für sich selber wünscht. Natürlich hat jeder seinen eigenen Geschmack, und wir können einem jeden wünschen, daß er einen solchen Tod findet, wie er ihm gefällt. Wenn aber für die Behauptung, daß dieser Tod ein glücklicher sei, die Voraussetzung gilt, daß der von ihm Betroffene ihn so gewünscht haben müsse – wer hat denn dem sonderbaren Schwärmer gesagt, daß Katharina sich gerade diesen Tod gewünscht habe? Wenn er etwa glaubt, daß dieser Wunsch dem tiefen Geist entspreche, den alle Welt der Kaiserin zuschrieb, so kann man ihn fragen, mit welchem Recht er die Behauptung aufstellt, daß ein tiefer Geist einen plötzlichen Tod als den glücklichsten ansehen müsse. Etwa, weil er selber ihn dafür hält? Aber, wenn er kein Dummkopf ist, so muß er doch befürchten, daß er sich irren kann, und wenn er sich irrt, so ist er ja ein Dummkopf. Der Artikelschreiber hat also auf alle Fälle eine Dummheit gesagt, einerlei, ob er sich irrt oder nicht. Um die Wahrheit zu erfahren, müßten wir die verstorbene Zarin selber befragen können. Wir würden etwa zu ihr sagen: »Sind Sie wirklich froh, Madame, daß Sie eines plötzlichen Todes gestorben sind?« Es wäre nicht unmöglich, daß sie uns antwortete:

»Welche Dummheit! Eine solche Frage dürfte nur an einen verzweifelten Menschen gerichtet werden, oder an eine Frau, deren schlechte Gesundheit sie befürchten ließe, daß sie nach langer und grausamer Krankheit einen schmerzhaften Tod erleiden würde. Ich befand mich weder in dem einen noch in dem anderen Fall; denn ich war glücklich und befand mich körperlich wohl. Ein größeres Unglück konnte mir gar nicht zustoßen, und gerade dieses Unglück kam mir völlig unerwartet. Dieses Unglück hat mich verhindert, eine Menge Sachen durchzuführen, die ich leicht hätte zu Ende bringen können, wenn Gott mir eine kleine Krankheit vergönnt hätte, deren Symptome mich auf die Möglichkeit meines Todes aufmerksam gemacht hätten. Es wäre nicht nötig gewesen, daß mein Äskulap mich darauf vorbereitete. Aber so ist es nicht gewesen. Ein unwiderruflicher Befehl hat mich gezwungen, die längste aller Reisen anzutreten, ohne mir Zeit zu lassen, mein Bündel zu schnüren, und in einem Augenblick, wo ich nicht bereit war. Soll man mich etwa wegen dieses Todes glücklich nennen, weil ich nicht die Qual gehabt habe, ihn kommen zu sehen? Wenn man annimmt, ich würde nicht den Mut gehabt haben, mich willig einem Naturgesetz zu fügen, das für mich wie für alle Sterblichen gilt, so traut man mir offenbar eine Feigheit zu, die ich bei Lebzeiten niemals gezeigt zu haben glaube. Heute, da Sie mich als Geist vor sich sehen, kann ich Ihnen versichern, daß ich mich glücklich schätzen würde, wenn der gar zu strenge Befehl, der mich plötzlich wie ein Blitz traf, mir vor meinem Ende einen Aufschub von zwanzig Stunden ruhiger Überlegung gelassen hätte. Dann würde ich mich nicht über die göttliche Ungerechtigkeit beklagen.«

»Wie, Madame, Sie klagen Gott der Ungerechtigkeit an?«

»Das ist ganz natürlich; denn ich bin ja verdammt. Glauben Sie, ein Verdammter, so schwer er auch bei Lebzeiten gefehlt haben möge, könne das Urteil gerecht finden, das ihn dazu verdammt, für die Ewigkeit unglücklich zu sein?«

»Das halte ich allerdings für schwierig, aber ich denke, es hätte Ihnen ein gewisser Trost sein können, wenn Sie die Verurteilung als gerecht anerkennen müßten.«

»Der Gedankengang ist richtig, aber ein Verdammter muß stets untröstlich sein.«

»Trotzdem gibt es Philosophen, die gerade wegen dieses Trostes, der Sie empört, Sie glücklich schätzen.«

»Das sind keine Philosophen, sondern Dummköpfe; denn was ich Ihnen gesagt habe, beweist, daß mein plötzlicher Tod mich offenbar unglücklich macht, selbst wenn ich mich heute glücklich fühlen sollte.«

»Ein starker Gedanke! Aber dürfte ich mir die Frage erlauben, ob Sie zugeben, daß auf einen unglücklichen Tod ein ewiges Glück folgen kann, oder umgekehrt: ein ewiges Unglück auf einen glücklichen Tod?«

»Das sind zwei Dinge, die außerhalb des Bereiches der Möglichkeit liegen. Das ewige Glück ergibt sich aus dem seligen Zustande, worin die Seele sich in dem Augenblick befindet, da sie ihre Stoffhülle abwirft; gerade so wird die ewige Verdammnis einer Seele zuteil, die den Leib in einem Augenblick verläßt, wo sie von Gewissensbissen gepeinigt und von brennender Reue verzehrt wird. Doch genug davon: die Strafe, zu der ich verdammt bin, erlaubt mir nicht, noch länger mit Ihnen zu sprechen.«

»Aber sagen Sie mir wenigstens: was ist das für eine Strafe?«

»Mich zu langweilen. Leben Sie wohl!«

Nach dieser langen poetischen Abschweifung, woran vielleicht nichts Wahres ist als meine augenblicklichen Ideen, wird der Leser mir Dank wissen, wenn ich wieder zu meiner Erzählung zurückkehre.

Graf Panin sagte mir, die Zarin werde in zwei oder drei Tagen nach ihrem Sommerpalast abreisen. Ich fand mich daher wieder im Park ein, in der Voraussicht, daß es zum letzten Male sein werde.

Ich befand mich seit einigen Augenblicken im Garten, als ein ziemlich starker Regen zu fallen begann. Ich wollte mich daher entfernen, aber in diesem Augenblick ließ die Kaiserin mich rufen und in einen zu ebener Erde gelegenen Saal eintreten, worin sie mit Gregorewitsch und einer Hofdame auf und ab ging.

»Ich vergaß«, sagte sie mit einem Gemisch von Würde und liebenswürdigstem Wohlwollen, »ich vergaß, Sie zu fragen, ob Sie die Verbesserung des Kalenders für völlig fehlerfrei halten.«

»Gewiß nicht, Madame; der verbesserte Kalender gibt ja diesen Fehler selber zu; aber der Fehler ist so klein, daß er sich erst nach Ablauf von neun- oder zehntausend Jahren bemerkbar machen kann.«

»Das habe ich ebenfalls gefunden, und mir scheint daher, daß unter diesen Umstünden Papst Gregor den Irrtum nicht hätte zugeben dürfen. Ein Gesetzgeber darf sich niemals so schwach und so übertrieben genau zeigen. Ich mußte lachen, als ich vor einigen Tagen sah, daß, ohne die Ausmerzung des Grundirrtums durch Unterdrückung des Schaltjahres am Ende jeden Jahrhunderts, die Welt nach Ablauf von fünfzigtausend Jahren ein ganzes Jahr zuviel gehabt hätte, und daß während dieses Zeitraums die Tag- und Nachtgleiche einhundertunddreißig Mal auf alle Tage des Jahres gefallen sein würde. Man hätte infolgedessen Weihnachten zehn- bis zwölftausendmal im Sommer gefeiert. Der Hohe Priester der lateinischen Kirche fand bei der Durchführung seiner weisen Maßregel einen willigen Gehorsam, den er in meiner Kirche nicht gefunden haben würde; denn diese hält überaus peinlich an ihren alten Gebräuchen fest.«

»Ich habe mir stets eingebildet, Eure Majestät würde sie gehorsam gefunden haben.«

»Daran zweifle ich nicht; aber wie tief würde es meine Geistlichkeit betrübt haben, wenn sie mehr als hundert männliche und weibliche Heilige ihres Festtages hatte berauben müssen! Sie haben für jeden Tag nur einen Heiligen, wir aber haben ein Dutzend. Ich möchte außerdem noch bemerken, daß alle alten Staaten an ihren alten Gesetzen hängen. Man hat mir gesagt, Ihre Republik beginne ihr Jahr mit dem ersten März, und ich finde diesen Brauch nicht etwa barbarisch, sondern im Gegenteil groß: er ist ein ehrenvolles Denkmal, das für das Alter des Staates zeugt. Übrigens ist es richtiger, das Jahr am ersten März, als am ersten Januar zu beginnen. Aber verursacht dieser Brauch nicht mancherlei Verwirrung?«

»Durchaus nicht, Madame. Die beiden Buchstaben M. V., die wir in den Monaten Januar und Februar dem Datum hinzufügen, machen ein Mißverständnis unmöglich.«

»Venedig zeichnet sich auch durch sein Wappen aus, das von allen Regeln der Heraldik abweicht; denn man kann es eigentlich kein Wappenschild nennen. Eigentümlich ist auch die scherzhafte Art, wie Ihr Schutzpatron dargestellt ist, und seltsam sind die fünf lateinischen Worte, die sich an den Heiligen Markus richten, und worin, wie man mir gesagt hat, ein grammatikalischer Fehler vorkommt – ein Fehler, der durch sein Alter ehrwürdig geworden ist. Aber ist es wahr, daß Sie die vierundzwanzig Stunden des Tages nicht in zweimal zwölf Stunden einteilen?«

»Ganz recht, Madame, und wir beginnen die Stundenzählung mit dem Einbruch der Nacht.«

»Da sehen Sie die Macht der Gewohnheit! Ihnen erscheint dies bequemer, und Sie kümmern sich nicht darum, daß es der ganzen übrigen Welt lächerlich vorkommt. Ich wenigstens würde es, glaube ich, sehr unbequem finden.«

»Eure Majestät würde durch einen Blick auf die Uhr sofort erfahren, wie viele Stunden der Tag noch dauern wird, und brauchte nicht auf den Kanonenschuß der Zitadelle zu hören, die die Einwohner benachrichtigt, daß die Sonne unter den Horizont verschwunden ist.«

»Das ist richtig, aber wenn Sie den Vorteil haben, zu wissen, wieviel Uhr es am Ende des Tages ist, so haben wir dafür zwei Vorteile: wir wissen, daß es um zwölf Uhr stets entweder Mittag oder Mitternacht ist.«

Hierauf sprach die Zarin mit mir über die Sitten der Venetianer, besonders über ihre Neigung zum Glücksspiel. Sie fragte mich bei dieser Gelegenheit, ob die Genueser Lotterie bereits in Venedig eingerichtet sei, und bemerkte: »Man hat mich überreden wollen, sie in meinem Staate zu erlauben. Ich wäre einverstanden gewesen, aber nur unter der Bedingung, daß der Einsatz nicht weniger als einen Rubel betragen dürfte, damit die Armen nicht zum Spiel verlockt würden.«

Ich antwortete auf diese weise Bemerkung durch eine tiefe Verbeugung, und dies war das Ende der letzten Unterhaltung, die ich mit der berühmten Frau hatte. Sie hat es verstanden, fünfunddreißig Jahre lang zu regieren, ohne auch nur einen einzigen bedeutungsvollen Fehler zu begehen. Der Geschichtschreiber wird ihr stets einen der schönsten Plätze unter den großen Herrschern zuerkennen, wenngleich strenge Moralisten sie zu den übermüßig sinnlichen Frauen rechnen werden, und mit Recht.

Wenige Tage vor meiner Abreise gab ich allen meinen Freunden ein Festmahl in Katharinenhof mit einem schönen Feuerwerk, das mir nichts kostete, denn es war ein Geschenk meines Freundes Melissino. Mein Abendessen zu dreißig Gedecken war auserlesen und mein Ball glänzend. Trotz der Schmalheit meiner Börse hielt ich mich für verpflichtet, meinen Freunden für die viele Aufmerksamkeit, die sie mir erwiesen hatten, dieses Zeichen meiner Dankbarkeit zu geben.

Da ich mit der Schauspielerin Valville abreiste, so muß ich jetzt dem Leser mitteilen, auf welche Weise ich ihre Bekanntschaft machte.

Eines Abends ging ich allein in die Französische Komödie und setzte mich in einer Loge neben eine sehr hübsche Dame, die ohne Begleitung dort war und die ich nicht kannte. Ich kam mit ihr in ein Gespräch, indem ich bald lobende, bald tadelnde Bemerkungen über das Spiel der Künstler und Künstlerinnen machte. Ich fand ihre Antworten stets richtig und geistreich und ihren Ton ebenso verführerisch wie ihre Reize. Ganz entzückt von ihr, nahm ich mir gegen Ende der Vorstellung die Freiheit, sie zu fragen, ob sie Russin sei.

»Um Gottes willen, nein!« sagte sie lächelnd; ich bin Pariserin, und zwar Schauspielerin von Beruf. Ich heiße Valville und bin durchaus nicht überrascht, daß Sie mich nicht kennen, denn ich bin erst seit einem Monat hier und habe nur ein einziges Mal die Zofenrolle in den Folies amoureuses gespielt.«

»Warum haben Sie nur ein einziges Mal gespielt?«

»Weil ich nicht das Glück hatte, der Kaiserin zu gefallen. Da ich jedoch für ein Jahr engagiert bin, hat sie gnädigst befohlen, mir bis zum Ablauf des Jahres jeden Monat hundert Rubel auszuzahlen. Alsdann wird man mir einen Paß geben, mir die Reisekosten bezahlen, und ich werde abreisen.«

»Ich bin überzeugt, die Zarin glaubt, Ihnen eine Gnade zu erweisen, indem sie Ihnen Ihr Gehalt auszahlen läßt, ohne daß Sie zu spielen brauchen.«

»Wahrscheinlich glaubt sie das, aber sie ist keine Schauspielerin und weiß nicht, daß ich mehr, als sie mir gibt, verliere, indem ich nicht spiele; denn ich verlerne meinen Beruf, worin ich noch nicht einmal ausgelernt hatte.«

»Sie müssen Sie darauf aufmerksam machen.«

»Es wäre mein Wunsch, daß sie mir eine Audienz bewilligte.«

»Das ist nicht nötig. Sie haben doch ganz gewiß einen Liebhaber?«

»Nein.«

»Das ist unglaublich.«

»Das Wahre ist zuweilen nicht wahrscheinlich, aber es ist die Wahrheit.«

»Ich will es Ihnen gern glauben.«

Ich ließ mir ihre Adresse geben und schrieb ihr gleich am nächsten Tage folgendes Briefchen:

»Ich möchte, Madame, eine Intrige mit Ihnen anknüpfen. Sie haben mir Gefühle eingeflößt, die mich unglücklich machen würden, wenn Sie sie nicht erwidern würden. Ich nehme mir die Freiheit, mich bei Ihnen zum Abendessen einzuladen, aber ich wünsche vorher zu wissen, was es mir kosten wird; ich muß in einem Monat nach Warschau reisen und biete Ihnen einen Platz in meinem Schlafwagen an. Ich kenne die Mittel, Ihnen einen Paß zu verschaffen. Der Bote hat Befehl, auf Antwort zu warten, und ich hoffe, Sie werden diese eben so klar und deutlich abfassen, wie mein Brief es ist.«

Zwei Stunden später erhielt ich folgende Antwort:

»Mein Herr! Da ich das Talent besitze, eine Intrige, deren Fäden mir nicht gefallen, mit Leichtigkeit wieder zu lösen, so nehme ich durchaus keinen Anstand, Ihrem Vorschlage zuzustimmen. Ich verlange nichts Besseres, als die Gefühle zu teilen, die Sie mir eingeflößt haben, und ich werde mein Möglichstes tun, Sie glücklich zu machen. Sie werden das Abendessen bereit finden; über den Preis dessen, was darauf folgen soll, werden wir uns später einigen. Es wird mir eine große Freude sein, den Platz in Ihrem Schlafwagen anzunehmen, wenn Sie soviel Einfluß besitzen, um mir außer meinem Paß auch die Reisekosten bis Paris zu verschaffen. Ich hoffe, Sie werden meine Ausdrücke nicht weniger deutlich finden als die Ihrigen. Leben Sie wohl bis heute Abend!«

Ich fand meine neue Bekannte allein in einer sehr gut eingerichteten Wohnung, und wir begrüßten uns wie zwei alte vertraute Freunde.

»Ich würde glücklich sein,« sagte sie, »mit Ihnen abreisen zu können, aber ich bezweifle, daß Sie mir die Erlaubnis verschaffen können.«

»Ich zweifle gar nicht daran, wenn Sie der Kaiserin eine Eingabe überreichen wollen, wie ich sie Ihnen machen werde.«

»Ich werde sie genau so einreichen wie sie ist; darauf können Sie sich verlassen!«

Sie reichte mir sofort Schreibzeug, und ich schrieb die Eingabe nieder. Sie lautete ungefähr folgendermaßen:

»Madame, ich bitte Eure Majestät allergnädigst bedenken zu wollen, daß ich meinen Beruf, den ich noch nicht einmal völlig erlernt habe, ganz sicherlich verlernen werde, wenn ich ein volles Jahr hier bleibe, ohne etwas zu tun. Ihre Großmut gereicht mir daher nicht zum Nutzen, sondern im Gegenteil zu großem Schaden, und ich würde Eurer Majestät zu tiefster Dankbarkeit verpflichtet sein, wenn Sie mir gütigst gestatten würden, abzureisen.«

»Wie? Weiter nichts?«

»Kein Wort mehr.«

»Du sagst nichts vom Paß, nichts vom Reisegeld. Ich bin nicht reich.«

»Überreiche diese Eingabe, und ich müßte der allerdümmste Mensch sein, wenn du nicht nur das Reisegeld, sondern auch dein Gehalt für das ganze Jahr erhieltest.«

»Das wäre zuviel.«

»Nein, und du wirst es bekommen. Du kennst Katharina nicht, ich aber kenne sie. Laß diese Eingabe abschreiben und überreiche sie persönlich.«

»Ich werde sie selber abschreiben, denn ich habe eine ziemlich schöne Schrift. Übrigens kommt es mir vor, wie wenn ich selber diese Eingabe verfaßt hätte, denn es ist ganz und gar mein Stil. Ich glaube, mein lieber Freund, du bist ein besserer Schauspieler als ich, und ich will von heute Abend an deine Schülerin werden. Laß uns zu Tisch gehen, damit du mir meine erste Unterrichtsstunde um so früher geben kannst!«

Nach einem recht delikaten Abendessen, das die schöne Valville mit hundert angenehmen Bemerkungen würzte, bewilligte sie mir alles, was ich wünschte. Ich ging einen Augenblick hinunter, um meinen Kutscher fortzuschicken und ihm zu sagen, was er meiner Zaira mitteilen sollte. Ich hatte dieser vorher gesagt, ich würde vielleicht nach Kronstadt fahren und dann erst am nächsten Tage zurückkehren. Mein Kutscher war ein Ukrainer, dessen Treue ich oft erprobt hatte. Aber ich begriff sofort, daß ich mich von meiner schönen Russin trennen mußte, wenn ich der Freund meiner neuen Eroberung wurde.

Ich fand an der Valville den Charakter und die Eigenschaften aller jungen Französinnen ihrer Art, die ihre Reize auszunützen gedenken, eine gewisse Erziehung genossen haben, die sie über den großen Haufen hinaushebt, und daraus das Recht ableiten, nur einem einzigen anzugehören: sie wollen unterhalten werden, und es schmeichelt ihnen mehr, eine Geliebte zu sein als eine Gattin.

In unserem Zwischenakte erzählte sie mir einige von ihren Abenteuern, und ich erriet daraus ihre ganze Geschichte, die nicht lang war. Der Schauspieler Clerval war nach Paris gegangen, um für den Petersburger Hof eine Schauspielertruppe zu werben. Er hatte sie zufällig kennen gelernt, und da er in ihr ein geistreiches Mädchen fand, so hatte er ihr eingeredet, sie sei zur Schauspielerin geboren, obwohl sie nie in ihrem Leben daran gedacht hatte. Der Gedanke hatte sie geblendet, und sie hatte den Vertrag unterzeichnet. Sie war mit ihrem Werber und sechs anderen Schauspielern und Schauspielerinnen von Paris abgereist; unter diesen war sie die einzige, die noch niemals gespielt hatte.

»Ich glaubte,« so erzählte sie mir, »man könnte in eine Schauspielertruppe eintreten, wie in Paris ein junges Mädchen in den Opernchor oder ins Ballett eintritt, ohne jemals singen oder tanzen gelernt zu haben. Konnte ich anders denken, wenn ein Künstler wie Clerval mir sagte, ich sei dazu geschaffen, auf der Bühne zu glänzen, und wenn er es mir dadurch bewies, daß er mit mir einen vorteilhaften Vertrag abschloß und daß er mich mit sich nahm? Er verlangte von mir weiter nichts, als daß ich ihm etwas vorlas und daß ich einige Szenen auswendig lernte, die er mich in meinem Zimmer mit ihm spielen ließ. Er fand, ich sei eine ausgezeichnete Soubrette, und er hat mich ganz gewiß nicht täuschen wollen; aber er hat sich selber getäuscht. Vierzehn Tage nach unserer Ankunft in Petersburg trat ich zum ersten Mal auf und erlitt einen sogenannten Durchfall, aus dem ich mir in Wahrheit recht wenig machte, da ich die angebliche Schande nicht fühlte.«

»Vielleicht hast du Angst gehabt.«

»Angst! Im Gegenteil. Clerval hat mir geschworen: wenn ich nur ein wenig Angst hätte heucheln können, so würde die Kaiserin, die die Güte selber ist, es als ihre Pflicht angesehen haben, mich zu ermutigen.«

Ich verließ sie am Morgen, nachdem sie noch in meiner Gegenwart die Eingabe abgeschrieben hatte. Sie hatte eine sehr schöne Handschrift.

»Ich werde«, sagte sie mir, »die Bittschrift morgen überreichen.«

Ich bestärkte sie in diesem Beschluß und nahm ihre Einladung zu einem zweiten Abendessen an, das an dem Abend stattfinden sollte, wo ich mich von Zaïra getrennt haben würde.

Die jungen Pariserinnen, die sich dem Dienst der Venus gewidmet haben und dabei Geist besitzen, gleichen alle der Valville: sie haben weder Leidenschaft noch Temperament und kennen infolgedessen die Liebe nicht; aber sie sind gefällig, einschmeichelnd und liebenswürdig. Sie kennen nur ein einziges Ziel, dem sie unaufhörlich zustreben: angenehmes Leben und pekuniären Vorteil. Lachend und stets mit der größten Leichtigkeit lösen und knüpfen sie eine Intrige. Das ist keine Leichtfertigkeit, sondern System, und wenn es nicht das beste ist, so ist es sicherlich das bequemste.

Als ich nach Hause kam, fand ich Zaïra ruhig, traurig, und dies gefiel mir noch weniger, als wenn sie zornig gewesen wäre, denn ich liebte sie. Aber ich mußte ein Ende mit ihr machen und mich auf alle Pein unserer bevorstehenden Trennung vorbereiten.

Der Baumeister Rinaldi, ein alter Herr von siebzig Jahren, aber noch frisch und sinnlich, war in sie verliebt. Er hatte mir mehrere Male gesagt, ich würde ihm ein großes Vergnügen machen, wenn ich bei meiner Abreise sie ihm überließe, und hatte sich erboten, mir das Doppelte von dem zu geben, was sie mir gekostet hätte. Ich hatte ihm bisher immer geantwortet, ich würde sie niemals einem anderen überlassen, dem sie nicht freiwillig folgte, denn ich hatte die Absicht, ihr die Summe zu überlassen, die ich für sie erhalten würde. Diese Erklärung gefiel Herrn Rinaldi nicht, denn er schmeichelte sich nicht mit der Einbildung, ihr zu gefallen. Trotzdem hoffte er.

Der Zufall führte ihn gerade an diesem Morgen zu mir, als ich beschlossen hatte, der Sache ein Ende zu machen. Da er sehr gut russisch sprach, so erklärte er der Kleinen, wie innig und zärtlich er sie liebe. Sie antwortete ihm italienisch, sie könne nur demjenigen gehören, dem ich ihren Paß überlassen werde, und er müsse sich daher an mich wenden; denn sie könne keinen anderen Willen haben als den meinigen; sie hege jedoch für keinen Menschen Gefühle des Abscheus oder der Zuneigung.

Der ehrenwerte Greis konnte eine bestimmtere Antwort nicht von ihr erlangen und verließ uns daher, nachdem er mit uns gespeist hatte. Seine Hoffnung war gering, trotzdem empfahl er sich angelegentlich meiner Fürsprache.

Als Rinaldi fortgegangen war, bat ich Zaïra, mir aufrichtig zu sagen, ob sie es mir übelnehmen würde, wenn ich sie diesem trefflichen Manne überließe, der sie wie seine eigene Tochter behandeln würde.

In dem Augenblick, wo sie mir antworten wollte, übergab man mir ein Briefchen von der Valville. Sie bat mich, einen Augenblick bei ihr vorzusprechen, um eine gute Nachricht zu hören. Ich befahl sofort meinen Wagen, indem ich Zaiïra sagte, ich würde sehr bald zurückkommen.

»Schön,« antwortete sie mir; »besorge deine Geschäfte. Wenn du wiederkommst, werde ich dir eine bestimmte Antwort geben.«

Ich fand die Valville in einem Freudentaumel.

»Hurra die Bittschrift!« rief sie mir sofort bei meinem Anblick entgegen. »Ich erwartete die Kaiserin vor ihren Gemächern, als sie aus der Kapelle kam. Sobald sie mich bemerkte, fragte sie mich huldvoll, was ich da machte. Ich überreichte ihr mit ehrfurchtsvoller Miene meine Bittschrift; sie las dieselbe im Gehen und sagte mir mit einem wohlwollenden Lächeln, ich möchte einen Augenblick warten. Zwei Minuten darauf schickte Ihre Majestät mir die Eingabe mit einer eigenhändigen Randbemerkung zurück und ließ mir sagen, ich möchte damit zu Herrn Ghelagin gehen. Der Herr empfing mich sehr freundlich und sagte mir, die Fürstin befehle ihm, mir einen Paß auszuhändigen und dazu mein Gehalt für ein Jahr und hundert Dukaten für die Reisekosten. Paß und Geld werde ich in vierzehn Tagen erhalten, weil soviel Zeit erforderlich ist, um die polizeilichen Veröffentlichungen zu erlassen.

Die Valville war voll von Dankbarkeit und versicherte mich ihrer innigsten Freundschaft. Wir verabredeten den Zeitpunkt unserer Abfahrt, und drei oder vier Tage darauf ließ ich bekannt machen, daß ich reisen würde.

Da ich Zaiïra versprochen hatte, gleich wieder nach Hause zu kommen, außerdem auch neugierig war, welchen Entschluß sie gefaßt hätte, so verabschiedete ich mich von meiner neuen Freundin, indem ich ihr die Versicherung gab, daß ich mit ihr zusammenleben würde, sobald ich die junge Russin, die ich in Petersburg lassen müßte, guten Händen übergeben hätte.

Zaiïra aß in sehr guter Laune mit mir zu Abend und fragte mich dann, ob Herr Rinaldi, wenn er sie erhielt, mir die hundert Rubel zurückzahlen würde, die ich ihrem Vater gegeben hätte. Als ich diese Frage bejahte, fuhr sie fort: »Aber mir scheint, jetzt bin ich doch viel mehr wert; denn du lässest mir alle Sachen, die du mir geschenkt hast, und außerdem spreche ich italienisch.«

»Du hast vollkommen recht, mein Kind, aber ich will nicht, daß man mir soll nachsagen können, ich hätte Geld an dir verdient, zumal da ich die Absicht habe, dir die hundert Rubel zu schenken, die er mir auszahlen wird, wenn ich ihm deinen Paß gebe.«

»Da du mir dieses schöne Geschenk machen willst, warum gibst du mich nicht mit meinem Paß meinem Vater zurück? Wenn Herr Rinaldi mich liebt, brauchst du ihm nur zu sagen, er solle mich bei meinem Vater aufsuchen. Er spricht ebensogut russisch wie dieser, sie werden sich über den Preis einigen, und ich werde mich nicht widersetzen. Wird es dir unangenehm sein, wenn er für mich bezahlt, was ich wert bin?«

»Nein, gewiß nicht; es wird mir im Gegenteil sehr angenehm sein, wenn ich deiner Familie nützlich sein kann, um so mehr, da Rinaldi reich ist.«

»Das genügt. Du wirst meinem Gedächtnis stets teuer sein. Bringe mich morgen nach Katharinenhof und jetzt laß uns zu Bett gehen!«

So trennte ich mich also von diesem reizenden Mädchen, dem ich es verdankte, daß ich in Petersburg recht vernünftig lebte. Zinowieff sagte mir, ich hätte mit ihr abreisen können, wenn ich eine bescheidene Summe als Bürgschaft hinterlegte. Er würde mir die Erlaubnis leicht verschaffen. Ich dachte jedoch an die Folgen und war so vernünftig, das Anerbieten abzulehnen; denn ich liebte Zaiïra. Sie entwickelte sich immer herrlicher,und bei ihrer Schönheit und ihrem Geist wäre ich ihr Sklave geworden. Immerhin ist es möglich, daß ich es nicht so genau genommen hätte, wenn ich nicht bereits die Valville besessen hätte.

Zaiïra verbrachte den Vormittag damit, unter Lachen und Weinen ihre Sachen zu packen. Sie sah meine Tränen fließen, so oft sie ihren Koffer verließ, um mir einen Kuß zu geben. Als ich sie bei ihrem Vater ließ und diesem ihren Paß gab, sah ich um mich herum ihre ganze Familie auf den Knien liegen. Ich schämte mich der menschlichen Natur, die durch die Sklaverei so tief erniedrigt wird.

Zaiïra paßte nicht gut in die armselige elterliche Hütte hinein, wo ein riesiger Strohsack das gemeinsame Bett der ganzen Familie war.

Rinaldi war mit den getroffenen Anordnungen nicht unzufrieden; er sagte mir, die Einwilligung des Vaters werde er bald haben, da er auf die Zustimmung der Tochter rechnen dürfte. Er besuchte sie gleich am nächsten Tage, doch erhielt er sie erst nach meiner Abreise. Er hat sie bis zu seinem Tode bei sich behalten und ihr viel Gutes getan.

Nach dieser traurigen Trennung wurde die Valville meine einzige Freundin. Einige Wochen darauf reisten wir ab. Ich nahm als Diener einen armenischen Kaufmann, der mir hundert Dukaten lieh und recht gut auf orientalische Art kochte. Er hatte einen Empfehlungsbrief des polnischen Gesandten für den Fürsten August Sulkowski und einen anderen von einem anglikanischen Geistlichen für den Fürsten Adam Czartoryski.

Am Tage nach unserer Abfahrt von Petersburg machten wir in Koporie Halt, um dort zu Mittag zu essen; wir hatten in unserem Schlafwagen gute Eßwaren und ausgezeichnete Weine. Zwei Tage darauf begegneten wir dem berühmten Kapellmeister Galuppi, genannt Buranelli, der sich mit zwei Freunden und einer Virtuosa nach Petersburg begab. Er kannte mich nicht und war sehr überrascht, in dem Gasthof, wo er Halt machte, ein gutes Mittagessen nach venetianischer Art zu finden und von einem Kavalier mit einem Kompliment in seiner Muttersprache empfangen zu werden. Sobald ich ihm meinen Namen genannt hatte, umarmte er mich mit Ausrufen der Überraschung und Befriedigung.

Da der Regen die Straßen verdorben hatte, brauchten wir acht Tage, um nach Riga zu gelangen, wo ich zu meinem großen Schmerz meinen liebenswürdigen Prinzen Karl nicht mehr fand. Von Riga brauchten wir noch vier Tage bis Königsberg, wo die Valville, die in Berlin erwartet wurde, mich verlassen mußte. Ich überließ ihr meinen Armenier, dem sie gerne die hundert Dukaten bezahlte, die ich ihm schuldete. Zwei Jahre später traf ich sie in Paris wieder, wie ich am geeigneten Orte erzählen werde. Wir trennten uns als gute Freunde und ohne jene traurigen Gedanken, die uns stets einige Augenblicke des Glücks rauben. Wir waren nur deshalb ein Liebespaar gewesen, weil wir uns aus der Liebe selbst nichts gemacht hatten, aber unsere Genüsse hatten zwischen uns eine aufrichtige und opferwillige Freundschaft begründet. In Klein-Roop, einem Örtchen nicht weit von Riga, wo wir die Nacht verbrachten, bot sie mir ihre Diamanten und all ihr Geld an. Wir wohnten bei der Gräfin von Löwenwald, der ich einen Brief von der Fürstin Dolgorucki überbracht hatte. Die Dame hatte bei ihren Kindern als Erzieherin Campionis Frau, die hübsche Engländerin, die ich bei meiner ersten Durchreise in Riga kennen gelernt hatte. Sie sagte mir, ihr Mann sei in Warschau und wohne bei Villiers. Sie gab mir einen Brief für ihn, und ich versprach ihr, ihn zu veranlassen, daß er ihr Geld schickte; ich habe Wort gehalten. Ich sah auch die kleine Betty wieder; sie war immer noch reizend und wurde immer noch von ihrer Mutter, die auf sie eifersüchtig zu sein schien, schlecht behandelt.

Da ich nun in Königsberg allein war, so verkaufte ich meinen ausgezeichneten Schlafwagen und nahm einen Platz in einem Mietswagen, um die Reise nach Warschau zu machen. Wir waren zu vieren, und meine Begleiter waren Polen, die nur polnisch und deutsch sprachen; so lernte ich denn in den sechs Tagen, die diese unangenehme Reise dauerte, die Langeweile in ihrer ganzen Häßlichkeit kennen. In Warschau stieg ich bei Villiers ab, in dessen Gasthof ich sicher war, meinen Freund Campioni zu treffen.

Bald hatte ich das Vergnügen, ihn zu sehen. Ich fand ihn in guten Verhältnissen und in einer schönen Wohnung. Er hielt eine Tanzschule, die sich guten Zuspruchs erfreute. Er war hocherfreut, Nachrichten von Fanny und seinen Kindern zu erhalten, und schickte ihnen Geld, dachte aber nicht daran, sie nach Warschau kommen zu lassen, wie sie es wünschte. Er versicherte mir, Fanny sei nicht seine Frau.

Er erzählte mir, Tomatis, der Direktor der Komischen Oper, habe in Warschau sein Glück gemacht; er habe eine Mailänder Tänzerin, eine gewisse Catai, die mehr durch ihre Reize als durch ihr Talent Stadt und Hof entzücke. Das Glücksspiel war erlaubt; er nannte mir die Spieler, die offenes Haus hielten, machte mich aber zugleich darauf aufmerksam, daß Warschau voll von Griechen sei, oder mit einem anderen Wort: von Betrügern. Eine Veroneserin, namens Giropoldi, die mit einem lothringischen Offizier, Bachelier, zusammenlebte, hielt eine Pharaobank; eine Tänzerin, die früher die Geliebte des berüchtigten Afflisio in Wien gewesen war, lockte die Kunden an.

Ein anderer Grieche, der mit einer hübschen Sächsin zusammenlebte, war der Major Salvi, von dem ich gelegentlich meines zweiten Aufenthaltes in Amsterdam zur Genüge gesprochen habe. Der Baron von Ste.-Héleine war ebenfalls in Warschau, aber sein Haupttalent bestand nur darin, Schulden zu machen und nicht zu bezahlen. Er wohnte ebenfalls bei Villiers mit seiner hübschen und anständigen Frau, die von seinen Geschäften nichts wissen wollte. Campioni erzählte mir außerdem von verschiedenen anderen Abenteurern, die ich in meinem eigenen Interesse sorgfältig vermeiden müßte. Es war mir sehr lieb, von ihm diese Warnung zu erhalten.

Am nächsten Tage nahm ich einen Lohndiener und einen Mietswagen; ein solcher ist in Warschau unentbehrlich, denn es war dort, zu meiner Zeit wenigstens, völlig unmöglich, zu Fuß zu gehen. Es war Ende Oktober 1765.

Mein erster Ausgang galt dem Fürsten Adam Czartoryski, General von Podolien, für den ich einen Brief hatte. Ich fand den Fürsten vor einem großen, mit Aktenheften bedeckten Tisch, von etwa fünfzig Menschen umringt, in einer sehr großen Bibliothek, die er sich als Schlafzimmer eingerichtet hatte. Er war indessen mit einer sehr hübschen Gräfin von Flemming verheiratet, hatte ihr aber noch kein Kind machen können, weil er sie zu mager fand.

Nachdem er den langen Brief gelesen hatte, den ich ihm überbrachte, sagte er mir in parfümiertem Französisch, er halte große Stücke auf die Person, die mich empfehle; da er aber für den Augenblick sehr beschäftigt sei, so bitte er mich, mit ihm zu Abend zu speisen, ›wenn ich nichts Besseres zu tun habe‹.

Ich stieg wieder in meinen Wagen und ließ mich zum Fürsten Sulkowski fahren, der soeben zum Gesandten am Hofe Ludwigs des Fünfzehnten ernannt worden war. Der Fürst war der älteste von vier Brüdern; er hatte einen tiefen Geist und war voll von Plänen; aber diese waren alle im Geschmack des Abbé von St.- Pierre.

Er las meinen Brief und sagte mir, er habe viel mit mir zu sprechen; da er aber ausgehen müsse, so werde ich ihm ein großes Vergnügen machen, wenn ich um vier Uhr allein mit ihm zu Mittag speisen werde. Ich versprach es ihm. Von dort fuhr ich zu einem Kaufmann, namens Szempinski, der mir im Auftrage Papanelopulos jeden Monat fünfzig Dukaten auszahlen sollte. Mein Lakai sagte mir, im Theater finde die Generalprobe einer neuen Oper statt, wozu jedermann Zutritt habe. Ich ließ mich hinfahren und verbrachte dort drei Stunden; ich kannte unter den Anwesenden keinen Menschen, und niemand kannte mich. Ich fand die Künstlerinnen hübsch, besonders aber die Catai, obwohl diese keinen Schritt tanzen konnte. Trotzdem fand sie allgemeinen Beifall, besonders auch vonseiten des russischen Gesandten, Fürsten Repnin, der in einem Ton sprach, wie wenn er der Herrscher von Polen wäre.

Fürst Sulkowski behielt mich vier lange Stunden bei Tisch und prüfte mich auf allen Gebieten, nur nicht auf denen, wo ich etwas wissen konnte. Seine Stärke waren Politik und Handelswissenschaft, und da er fand, daß ich davon gar nichts verstand, so glänzte er und faßte eine große Zuneigung zu mir; wie ich glaube, gerade darum, weil er in mir nur einen Bewunderer sah.

'Da ich nichts Besseres zu tun hatte' – eine Redensart, die alle polnischen großen Herren unaufhörlich im Munde führten, – so ging ich gegen neun Uhr zum Fürsten Adam, der der Gesellschaft meinen Namen nannte und mir hierauf alle anwesenden Personen vorstellte. Es waren Seine Gnaden der Fürstbischof von Ermland, Krasinski; der Großnotar der Krone, Rzewuski, den ich in Petersburg gesehen hatte, der Freund der kurz vorher an den Pocken gestorbenen Langlade; der Wojwode von Wilna, Oginski, und der General Roniker nebst zwei anderen Herren, deren allzu schwierige Namen ich nicht habe behalten können. Die letzte, die er mir nannte, war seine Frau, die ich sehr hübsch fand. Einige Augenblicke darauf sah ich einen schönen Kavalier eintreten, bei dessen Anblick alle Anwesenden sich erhoben. Fürst Adam nannte meinen Namen, wandte sich hierauf zu mir und sagte in kaltem Tone: »Es ist der König.«

Diese Art, einen bedeutungslosen Fremden mit einem Herrscher zusammenzubringen, hatte sicherlich nichts Entmutigendes, denn die souveräne Majestät trat nicht in einer blendenden Form auf; nichtsdestoweniger war es für mich eine Überraschung, und ich sah, daß allzu große Einfachheit einen Menschen ebensowohl aus dem Gleichgewicht bringen kann wie allzugroße Pomphaftigkeit. Den Gedanken, daß der Fürst sich über mich lustig machen könnte, wies ich sofort von mir. Ich trat zwei Schritt vor, und in dem Augenblick, wo ich das Knie beugen wollte, gab Seine Majestät mir mit der größten Anmut die Hand zum Kuß. Als er mich anreden wollte, gab Fürst Adam ihm den Brief des anglikanischen Geistlichen, der ihm ebenfalls sehr gut bekannt war. Der König begann diesen Brief zu lesen, ohne sich zu setzen; hierauf stellte er mir allerlei Fragen über die Zarin und über die hervorragendsten Persönlichkeiten der Hofgesellschaft; er schien sich sehr für die Einzelheiten zu interessieren, die ich ihm erzählen konnte und mit denen ich nicht geizig war.

Als zu Tisch gerufen wurde, ging der König in fortwährendem Gespräch mit mir in den Speisesaal und ließ mich zu seiner Rechten Platz nehmen. Alle aßen, außer dem König, der wahrscheinlich keinen Appetit hatte, und mir, der sich wahrscheinlich nicht hätte einfallen lassen, Appetit zu haben, selbst wenn ich nicht vier Stunden am Tische des Fürsten Sulkowski verbracht hätte – so sehr schmeichelte mir die Ehre, daß die ganze Gesellschaft aufmerksam meinen Bemerkungen lauschte. Nach Tisch machte der König Anmerkungen zu allem von mir Gesagten, und zwar legte er in alle seine Worte eine ganz besondere Anmut. Seine Majestät sprach übrigens im elegantesten Stil, aber ganz ungesucht. Als er sich entfernte, sagte er mir, er werde mich stets mit großem Vergnügen an seinem Hofe sehen, und Fürst Adam sagte mir seinerseits, wenn ich von ihm seinem Vater vorgestellt zu werden wünschte, möchte ich ihn nur am nächsten Morgen um elf Uhr aufsuchen.

Der König von Polen war von mittlerer Größe, aber sehr gut gewachsen. Sein Gesicht war nicht schön, aber anmutig,geistreich und ausdrucksvoll. Er war ein wenig kurzsichtig, und wenn er nicht sprach, lag auf seinen Zügen ein Anflug von Melancholie; wenn er dagegen sprach, belebte er sich und glänzte durch seine Beredsamkeit. Er besaß auch das Talent, alle Bemerkungen, die es erlaubten, mit feinem Witz zu würzen.

Mit diesem ersten Anfang recht zufrieden, kehrte ich nach meinem Gasthof zurück, wo ich Campioni mit mehreren Gästen beiderlei Geschlechts bei Tisch fand. Nachdem ich mich eine halbe Stunde lang aus Neugier bei ihnen aufgehalten hatte, ging ich zu Bett.

Am nächsten Tage um elf Uhr machte ich die Bekanntschaft des seltenen Mannes, des prachtliebenden Wojwoden von Rußland, Fürsten August Czartoryski. Der hohe Herr stand im Schlafrock in einem Kreise von Edelleuten, die die polnische Nationalkleidung mit den hohen Stiefeln trugen; sie hatten lange Schnurrbärte, und ihre Köpfe waren unbedeckt und glattrasiert. Der Fürst sprach mit einem jeden von ihnen in freundlichem, aber ernstem Ton. Sobald sein Sohn Adam meinen Namen genannt hatte, erheiterte sich sein Gesicht, und er empfing mich voller Würde und Wohlwollen. Er schüchterte nicht ein, aber er flößte auch keine Vertraulichkeit ein; dies setzte ihn in den Stand, einen Menschen, den er kennen lernen wollte, genau zu beobachten. Als er erfuhr, daß ich in Rußland mich nur unterhalten und mit der Hofgesellschaft verkehrt hatte, zog er den Schluß, daß ich in Polen mich in derselben Absicht aufhielte, und sagte mir, er werde mir Gelegenheit verschaffen, die ganze vornehme Gesellschaft kennen zu lernen. Er fügte hinzu: da er wie ein Junggeselle für sich allein lebte, so würde ich ihm ein Vergnügen machen, wenn ich morgens und abends an seinem Tisch äße, falls ich nicht anderweitig eingeladen wäre. Nachdem er sich hinter einen Wandschirm zurückgezogen hatte, ließ er sich ankleiden; hierauf erschien er in der Uniform seines Regiments nach französischem Schnitt in einer langen blonden Zopfperrücke mit großen Seitenlocken, im Kostüm des verstorbenen Königs August des Dritten. Er machte allen Anwesenden eine Verbeugung und begab sich dann in das Innere seiner Gemächer, wo seine Gemahlin, die Wojwodin, wohnte.

Sie litt noch an den Nachwehen einer Krankheit, der sie ohne die Geschicklichkeit des Doktor Reimann, eines Schülers des großen Boerhave, erlegen sein würde. Die Dame entstammte der inzwischen erloschenen Familie d'Enoff, als deren letzte Erbin sie dem Wojwoden ein unermeßliches Vermögen zugebracht hatte. Er trat aus dem Malteserorden aus, als er sie heiratete, und hatte sie durch einen Zweikampf zu Pferde mit Pistolen gewonnen. Die Dame hatte ihr Wort gegeben, den Sieger zu heiraten, und der Fürst hatte das Glück, seinen Nebenbuhler zu töten. Die Kinder aus dieser Ehe waren Fürst Adam und eine Prinzessin, die jetzt verwitwet und unter dein Namen Lubomirska bekannt ist; während ihrer Ehe nannte man sie Stražnikowa nach dem Range, den ihr Gatte im königlichen Heere einnahm.

Dieser Fürst-Wojwode von Rußland und sein Bruder, der Großkanzler von Littauen, führten die ersten polnischen Unruhen herbei. Die beiden Brüder waren unzufrieden mit der geringen Beachtung, die ihnen bei Hofe zuteil wurde; denn der König tat nur, was sein Günstling und Premierminister Graf Brühl wollte. Sie stellten sich daher an die Spitze der Verschwörung, die den regierenden König beseitigen wollte, um unter dem Schutze Rußlands ihren Neffen auf den Thron zu setzen – einen jungen Mann, der in Petersburg bei der polnischen Gesandtschaft gewesen war und die Huld der Großfürstin Katharina, die bald darauf Kaiserin wurde, zu gewinnen verstanden hatte.

Dieser junge Mann war Stanislaus Poniatowski, der Sohn von Constanze Czartoryska und dem berühmten Poniatowski, dem Freund Karls des Zwölften. Das Glück wollte, daß es nicht einer Verschwörung bedurfte, um einen Thron zu besteigen, dessen er dignus fuisset, si non regnasset: denn König August der Dritte, der Sohn Augusts des Starken, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, starb am fünften Oktober 1763 und räumte den Platz dem Fürsten Poniatowski, der am sechsten September 1764 als Stanislaus August der Erste zum König erwählt wurde. Als ich in Warschau ankam, regierte er seit zwei Jahren. Ich fand seine Hauptstadt glänzend, denn man traf eben die Vorbereitungen, den Reichstag dort abzuhalten, und jeder war ungeduldig zu sehen, welche Ansprüche Katharina dafür erheben würde, daß sie den Polen einen König aus dem Geschlechte der Piasten gegeben hatte.

Als ich zum Mittagessen kam, fand ich beim Paladin von Rußland drei Tafeln zu je dreißig Gedecken, und man sagte mir, für eine solche Anzahl von Gästen werde jeden Tag gedeckt. Der Glanz des Hofes erblich vor dem Luxus des Paladins. Fürst Adam sagte zu mir: »Herr Chevalier, an der Tafel meines Vaters wird stets ein Gedeck für Sie aufgelegt sein.«

Ich fühlte mich von dieser Auszeichnung geschmeichelt. Der Fürst stellte mich an demselben Tag seiner Schwester, der schönen Prinzessin, vor, sowie auch mehreren Wojwoden und Starosten. Da ich nicht verfehlte, allen diesen hohen Herrschaften meinen Besuch zu machen, so war ich in weniger als vierzehn Tagen in allen großen Häusern bekannt und wurde überall sehr gut aufgenommen.

Da meine Börse nicht gut genug versehen war, um mich mit den polnischen Spielern einzulassen oder mir eine zärtliche Bekanntschaft mit einer der Theaterschönen zu verschaffen, so nahm ich meine Zuflucht zu der Bücherei des Bischofs von Kiew, Zaluski, der mir eine ganz besondere Zuneigung zu seiner Person eingeflößt hatte. Ich verbrachte bei ihm fast alle meine Vormittage, und von diesem Prälaten erhielt ich die authentischen Dokumente über alle Ränke, die zum Umsturz der alten polnischen Verfassung angesponnen wurden. Zaluski war eine der stärksten Stützen dieser Verfassung; leider war seine Standhaftigkeit erfolglos. Er war einer von den Polen, die die russische Tyrannei unter den Augen des Königs aufheben ließ, der zum Widerstande zu schwach war. Die Zarin ließ sie nach Sibirien schaffen. Dieses schmachvolle Ereignis fand wenige Monate nach meiner Abreise statt.

Das Leben, das ich führte, war also sehr eintönig, aber es war das Leben eines Ehrenmannes, und ich erinnere mich dieser Zeit stets mit Vergnügen. Die Nachmittage verbrachte ich beim Wojwoden von Rußland, um mit ihm tre sette zu spielen, ein italienisches Kartenspiel, das er sehr liebte und das ich ziemlich gut spielte, so daß er immer sehr zufrieden war, wenn er seine Partie mit mir machen konnte.

Trotz meiner vernünftigen Lebensweise und Sparsamkeit befand ich mich drei Monate nach meiner Ankunft in Schulden, und leider hatte ich keine Hilfsmittel. Ich erhielt aus Venedig monatlich fünfzig Dukaten; aber diese genügten mir nicht, denn die Ausgaben für Wagen, Wohnung, Bediente und die unerläßliche gute Kleidung waren zu hoch. So befand ich mich denn in Not, aber ich wollte mich niemandem offenbaren. Ich hatte recht; denn ein Mensch, der sich in Not befindet und einen Reichen um Hilfe bittet, verliert dessen Achtung, wenn er Unterstützung erlangt, und erwirbt sich dessen Verachtung, wenn sie ihm versagt wird. Aber das Glück sorgte für mich, es hatte mich noch niemals verlassen.

Madame Schmidt, die der König aus gewissen Gründen in seinem Palaste wohnen ließ, lud mich zum Abendessen ein, indem sie mir sagen ließ, daß der König anwesend sein werde. Ich ging hin und sah mit Vergnügen den liebenswürdigen Bischof Krasinski, den Abbate Guigiotti und zwei oder drei andere Herren, die sich für die italienische Literatur interessierten. Der König, den ich in Gesellschaft niemals bei schlechter Laune sah, und der große Kenntnisse in allen Literaturen besaß, brachte das Gespräch auf Anekdoten über alte römische Schriftsteller und zitierte dabei Handschriften von Scholiasten, die Seine Majestät vielleicht nur erfand, und mit denen er mir jedenfalls den Mund verschloß. Alle beteiligten sich an der Unterhaltung. Ich war der einzige, der schlechter Laune war. Da ich nicht zu Mittag gespeist hatte, so aß ich wie ein Tiger und gab nur einsilbige Antworten, wenn die Höflichkeit es durchaus verlangte. Die Rede kam auf Horaz; ein jeder zitierte einen oder zwei Aussprüche und sagte seine Meinung über die tiefe Philosophie des großen Dichters der Vernunft. Schließlich zwang Abbate Guigiotti mich zum Sprechen, indem er sagte, ich dürfte nicht schweigen, wenn ich nicht etwa seiner Meinung wäre.

»Wenn Sie mein Schweigen«, antwortete ich ihm, »als eine Bestätigung ansehen, daß Sie mit Recht die von Ihnen zitierte Stelle des Horaz mehreren anderen vorziehen, so gestatte ich mir, Ihnen zu sagen, daß ich inbezug auf Hofpolitik bedeutendere von ihm kenne, denn das nec cum venari volet poemata panges, das Ihnen so sehr gefällt, ist im Grunde nur eine keineswegs zartfühlende Satire.«

»Es ist schwierig, Zartgefühl und Satire zu vereinigen.«

»Nicht für Horaz, der hauptsächlich deshalb Augustus gefiel. Das spricht zum Lobe dieses Herrschers, der als Beschützer von Dichtern und Gelehrten seinen Namen unsterblich machte und dadurch manche gekrönten Häupter dazu veranlaßte, sich als seine Nacheiferer zu erklären, indem sie seinen Namen, zuweilen sogar in einer Verkleidung, annahmen.«

Der König, der bei seiner Thronbesteigung den Namen August angenommen hatte, wurde ernst und konnte sich nicht enthalten, mich zu unterbrechen.

»Wer sind denn«, fragte er, »die Herrscher, die den Namen August in einer Verkleidung angenommen haben?«

»Der erste König von Schweden; er nannte sich Gustav und das ist ein Anagramm von August.«

»Das ist amüsant. Diese Anekdote wiegt alle unsrigen auf. Woher haben Sie sie?«

»Ich fand sie in Wolfenbüttel in dem Manuskript eines Professors von Upsala.«

Der König lachte herzlich; er erinnerte sich, daß er beim Beginn des Essens ebenfalls ein Manuskript zitiert hatte. Er wurde jedoch bald wieder ernst und fragte mich: »In welcher Stelle des Horaz, und zwar einer nicht etwa nur im Manuskripte vorhandenen, sondern allgemein bekannten, finden Sie ein bemerkenswertes Zartgefühl, das geeignet ist, seine Satire besonders angenehm zu machen?«

»Sire, ich könnte mehrere anführen, begnüge mich aber mit einem einzigen, das ich sehr schön und vor allen Dingen sehr bescheiden finde. Horaz sagt:

Coram rege sua de paupertate tacentes
plus quam poscentes ferent. «

»Das ist wahr,« sagte der König lächelnd.

Madame Schmidt, die kein Latein verstand und von ihrer Mutter her die von der Urmutter Eva ererbte Neugier besaß, bat den Bischof, die Stelle zu übersetzen. Er sagte:

»Wer vor dem König nicht von seinen Bedürfnissen spricht, wird mehr erlangen, als andere, die davon sprechen.«

Die Dame sagte, die Bemerkung scheine ihr nicht satirisch zu sein.

Nachdem ich so viel gesagt hatte, mußte ich schweigen; der König aber brachte die Rede auf Ariost und sagte zu mir, er wünschte, daß wir ihn zusammen läsen. Ich neigte das Haupt und antwortete mit Horaz: »tempora quaeram.«

Als am nächsten Tage der edle und unglückliche Stanislaus August zur Messe kam, reichte er mir seine Hand zum Kuß und gab mir eine Rolle mit den Worten: »Danken Sie nur Horaz und sagen Sie keinem Menschen etwas davon.«

Die Rolle enthielt zweihundert polnische Dukaten, und ich beeilte mich, meine Schulden zu bezahlen. Seit diesem Tage ging ich fast jeden Morgen in das Ankleidezimmer des Königs, wo er sich das Haar machen ließ und gerne mit den Herren sprach, die sich dort nur einfanden, um ihn zu unterhalten. Es war jedoch niemals die Rede davon, den Ariost zu lesen. Er verstand Italienisch, aber zu wenig, um es zu sprechen oder gar an dem großen Dichter Geschmack finden zu können.

Wenn ich an diesen guten Fürsten denke, an die großen Eigenschaften, womit er begabt war, so erscheint es mir unmöglich, daß er als König so viele Fehler begangen hat. Daß er das Ende seines Vaterlandes überlebt hat, war vielleicht der geringste von diesen Fehlern. Wenn er keinen Freund fand, um ihn zu töten, so meine ich, er hätte sich selber töten sollen. Aber er hatte nicht nötig, einen Freund zu suchen, um ihm diesen verhängnisvollen Dienst zu erweisen; denn er brauchte nur den unsterblichen Koscinszko nachzuahmen, und ein Russe würde genügt haben, um ihn in die Unsterblichkeit zu befördern.

Der Karneval war sehr glänzend. Die Fremden schienen sich von allen Ecken und Enden Europas hier zusammengefunden zu haben, nur um den glücklichen Sterblichen zu sehen, der so ganz wider Erwarten durch eine Laune des Glücks König geworden war. Aber wer ihn gesehen und mit ihm gesprochen hatte, der gab ohne weiteres zu, daß er die Behauptung Lügen strafte, das Glück sei stets blind und taub. Vielleicht ging er jedoch zu weit in seinem Eifer, sich vor Fremden sehen zu lassen. Ich habe bemerkt, daß er unruhig wurde, wenn er wußte, daß in Warschau irgendein Fremder war, den er noch nicht gesehen hatte, übrigens hatte niemand nötig, sich ihm vorstellen zu lassen; denn sein Hof war, wie alle Höfe es sein sollten, für alle Welt geöffnet, und wenn er Gäste mit fremden Gesichtern sah, so war er der erste, das Wort an sie zu richten.

Gegen Ende Januar hatte ich ein Erlebnis, das ich hier berichte, mag man über meine Denkweise urteilen, wie man will. Es handelte sich um einen Traum, und ich habe bereits an anderer Stelle das Bekenntnis abgelegt, daß ich eines gewissen Aberglaubens mich niemals habe erwehren können.

Mir träumte, ich speiste in guter Gesellschaft; einer der Gäste warf mir eine Flasche an den Kopf; das Blut strömte reichlich hervor; ich stieß dem Angreifer meinen Degen durch den Leib und stieg in meinen Wagen, um zu fliehen.

Prinz Karl von Kurland kam nach Warschau und veranlaßte mich, ein Diner bei dem Grafen Poninski, dem damaligen Haushofmeister der Krone, mitzumachen. Es ist derselbe Poninski, der später so viel von sich reden machte, der zum Fürsten erhoben, später aber geächtet und mit Schimpf und Schande bedeckt wurde. Er machte ein stattliches Haus und hatte eine liebenswürdige Familie. Ich hatte ihm niemals meine Aufwartung gemacht, weil er beim König und dessen Verwandten nicht beliebt war.

Während des Essens zersprang eine Flasche Champagner, ein Splitter traf mich über dem Auge und zerschnitt eine Ader. Das Blut rieselte über mein Gesicht und über meine Kleider, sogar bis auf das Tischtuch. Alle Gäste sprangen auf; schnell wird mir die Stirn verbunden, man wechselt das Tischtuch, und das Essen geht weiter. Ich war der erste, der über den Unfall lachte. Freilich war ich erstaunt über das Eintreffen meines Traumes, doch wünschte ich mir Glück, daß die Wirklichkeit in den hauptsächlichsten Umständen davon abwich. Der Leser wird sehen, daß einige Monate später diese Umstände doch noch wirklich eintrafen.

Die Binetti, die ich zuletzt in London gesehen hatte, traf mit ihrem Gatten und dem Tänzer Pic in Warschau ein. Sie kamen von Wien und gingen nach Petersburg. Sie hatten einen Empfehlungsbrief an den Bruder des Königs, den Prinzen Poniatowski, der als General im österreichischen Dienst stand, damals aber sich in Warschau aufhielt. Ich erfuhr dies alles am Tage ihrer Ankunft, als ich mit dem König beim Fürsten Wojwoden speiste. Der König sagte, er wolle sie tanzen sehen und werde sie veranlassen, für ein Honorar von tausend Dukaten acht Tage in Warschau zu bleiben.

Ich war ungeduldig, die Binetti zu sehen und ihr als erster diese gute Nachricht zu überbringen; daher ging ich am anderen Morgen schon in aller Frühe zu ihr. Sie war sehr überrascht, mich in Warschau zu sehen, und noch mehr über meine Nachricht von den tausend Dukaten, die das Glück ihr in den Schoß warf. Sie rief Pic, der an der Wahrheit zu zweifeln schien; während wir uns aber darüber unterhielten, kam Prinz Poniatowski in eigener Person, um ihnen den Wunsch Seiner Majestät mitzuteilen, und das Anerbieten wurde angenommen. In drei Tagen arrangierte Pic ein Ballett; Kostüme, Dekorationen, Orchester und Ballettpersonal – alles war zur rechten Zeit in Ordnung, weil Tomatis die Sache in großem Stil betrieb, um seinem freigebigen Herrn gefällig zu sein. Die Binetti und ihr Freund gefielen so sehr, daß unter glänzenden Bedingungen mit ihnen ein Vertrag auf ein Jahr geschlossen wurde. Dies war aber der Catai sehr ärgerlich; denn die Binetti verdunkelte sie nicht nur durch ihre Talente, sondern beging noch das viel größere Unrecht, daß sie ihr ihre Anbeter wegnahm. Von ihr beeinflußt, bereitete Tomatis der Binetti solche Unannehmlichkeiten, daß die beiden Tänzerinnen unversöhnliche Feindinnen wurden.

Kaum waren zehn oder zwölf Tage vergangen, so hatte die Binetti ein elegant eingerichtetes Haus, einfaches, aber gutes Silbergeschirr, einen Keller mit auserlesenen Weinen, einen ausgezeichneten Koch und zahlreiche Anbeter, darunter den Stolnik Moszcynski und den Freund des Königs, den Kronpodstoli Branicki, der im Schloß seine Gemächer unmittelbar neben denen des Monarchen hatte.

Das Parkett war in zwei Parteien geteilt, denn die Catai dachte nicht daran, der Binetti das Feld zu räumen, obgleich ihr Talent sich nicht annähernd mit dem ihrer Feindin vergleichen ließ. Sie tanzte im ersten Ballett, und die Binetti im zweiten. Diejenigen, die der ersten Beifall gezollt hatten, schwiegen, sobald die zweite erschien, und umgekehrt. Die Verpflichtungen, die ich gegen die Binetti hatte, sind bekannt; aber ich hatte Verpflichtungen auch gegen die Catai, auf deren Seite die ganze Familie Czartoryski mit ihrem Anhang stand; unter anderen der Kronstražnik, Fürst Lubomirski, der mich bei jeder Gelegenheit mit seinem Vertrauen beehrte; dieser war ihr vornehmster Anbeter. Es ist klar, daß ich nicht um der Binetti willen die Partei meiner Freunde verlassen konnte, ohne mir deren Verachtung zuzuziehen. Die Binetti machte mir bittere Vorwürfe deswegen; ich sagte ihr offen meine Gründe und sie gab mir recht. Zugleich aber verlangte sie von mir, ich solle nicht mehr ins Theater gehen. Eine nähere Erklärung verweigerte sie mir und sagte nur soviel, daß sie gegen Tomatis eine Rache vorbereite, um ihn für seine Unverschämtheit zu bestrafen. Sie nannte mich den Doyen aller ihrer Bekannten; übrigens liebte ich sie noch und machte mir gar nichts aus der Catai, die zwar hübscher als die Binetti war, aber an Fallsucht litt.

Die erste Rache, die die Binetti an Tomatis nahm, bestand in folgendem:

Der Vorstand der Anbeter der Binetti war Xaver Branicki, Kronpodstoli, Ritter des weißen Adlers, Ulanenoberst. Er hatte sechs Jahre in Frankreich gedient, war noch jung, hatte ein hübsches Gesicht und war der Freund des Königs. Ohne Zweifel vertraute die Tänzerin ihm ihren Kummer an und wahrscheinlich verlangte sie von ihm, sie an einem Manne zu rächen, der als Theaterdirektor keine Gelegenheit versäumte, um sie zu kränken und zu ärgern. Graf Branicki muß ihr versprochen haben, diese Rache zu vollziehen und eine Gelegenheit dazu zu schaffen, falls eine solche sich nicht binnen kurzer Zeit von selber zeigen sollte. Dies ist der Verlauf, den alle Händel dieser Art nehmen, und ich glaube daher, daß meine Vermutung richtig ist. Eigentümlich aber und wirklich ganz außerordentlich war die Art und Weise, wie der Pole es anfing. Am zwanzigsten Februar war Branicki in der Oper. Gegen seine Gewohnheit ging er nach dem zweiten Akt in das Zimmer, worin die Catai sich auskleidete, und begann der Tänzerin den Hof zu machen. Tomatis war dabei; er war bisher mit der Catai allein gewesen und hielt es nicht für nötig, hinauszugehen. Die Catai und Tomatis glaubten, der Oberst habe sich mit ihrer Nebenbuhlerin überworfen und sei nur gekommen, ihren Triumph vollständig zu machen. Obwohl sie sich sehr wenig daraus machte, ihn unter ihren Anbetern zu sehen, behandelte sie ihn doch mit Auszeichnung, denn sie wußte, daß sie seine Huldigungen nicht verschmähen durfte, ohne sich großen Gefahren auszusetzen.

Als die Catai mit dem Umkleiden fertig war, war auch die Vorstellung zu Ende. Der galante Podstoli bot ihr seinen Arm, um sie zu ihrem Wagen zu führen, der vor der Türe hielt, und Tomatis folgte ihnen. Ich befand mich ebenfalls an der Türe, da ich auf meinen Wagen wartete. Die Catai kam, der Wagenschlag ihres Vis-à-Vis wurde geöffnet, sie stieg ein, Branicki folgte ihr und sagte zu dem sehr erstaunten Tomatis, er solle sich in seine Berline setzen und ihnen nachfahren. Aufgebracht erwiderte Tomatis ihm, er wolle nur in seinem eigenen Wagen fahren und bitte den Herrn Oberst, gefälligst auszusteigen. Branicki kümmerte sich nicht um ihn und rief dem Kutscher zu, er solle abfahren. Tomatis dagegen verbot diesem, sich von der Stelle zu rühren, und da der Kutscher natürlich seinem Herrn gehorchte, so sah der schöne Podstoli sich gezwungen, auszusteigen; aber er befahl seinem Husaren, dem Direktor eine Ohrfeige zu geben, und dieser Befehl wurde mit solcher Schnelligkeit und Kraft ausgeführt, daß der arme Tomatis keine Zeit hatte, sich zu erinnern, daß er einen Degen trug, den er seinem Beleidiger für die schnöde Beschimpfung hätte durch den Leib rennen können. Er stieg in seinen Wagen und fuhr ab. Aber er konnte nicht zu Abend essen, wahrscheinlich, weil er erst seine Ohrfeige verdauen mußte. Ich hätte eigentlich bei ihm speisen sollen; nachdem ich jedoch Zeuge dieses schrecklichen Auftritts gewesen war, besaß ich nicht den Mut, hinzugehen. Traurig und gedankenvoll fuhr ich nach Hause; mir war beinahe zu Mute, wie wenn ich die Hälfte dieser schimpflichen Ohrfeige empfangen hätte. Ich zerbrach mir den Kopf, ob der Streich wohl mit der Binetti vereinbart gewesen wäre; dies schien mir jedoch nicht möglich zu sein, denn weder sie noch Branicki hatten ahnen können, daß Tomatis so unhöflich und so feige sein würde. Im nächsten Kapitel wird der Leser sehen, was für ein tragisches Erlebnis die Folge dieses Auftritts war.

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